Andres – Almanach SBK https://almanach-sbk.de Thu, 26 Mar 2026 17:55:14 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=6.9.4 Almanach 2022 https://almanach-sbk.de/almanach-2022/ https://almanach-sbk.de/almanach-2022/#respond Thu, 15 Dec 2022 14:23:32 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2022/  

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis in Zusammenarbeit mit dem dold.verlag www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de Informationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de Redaktion: Sven Hinterseh, Landrat Wilfried Dold, Redakteur (wd) Kristina Diffring, Referentin des Landrates Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Für den In halt der Beiträge sind die je weiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Ver vielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung und Vertrieb: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2021 www.doldverlag.de Druck: PASSAVIA Druckservice GmbH & Co. KG D-94036 Passau ISBN: 978-3-948461-07-2 2

 

 

 

Wolkenfliegereien – Blick vom Brend bei Furtwangen nach Gütenbach.

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen Da leben wir SABA Das Impfzentrum des SchwarzwaldBaar-Kreises in VillingenSchwenningen Bernhard Bolkart: Von Weihnachten und Gewiss heiten Farbund ausdrucksstarker Abschied von einer grandiosen Villinger Erfolgsgeschichte Bereits im November 2020 stand fest: Die Schwenninger Tennishalle wird nach dem erfolgreichen Betrieb von Fieberambulanz und Abstrichzentrum auch Standort des Kreisimpfzentrums werden. Mit dem Impf zentrum war man im Schwarzwald-BaarKreis bestens für die Anforderungen der Ministerien gewappnet. Bei den Bolkarts in Schonach ist das ganze Jahr über Weihnachten. Und das nicht nur, weil die Familie auf einem Hektar ihrer landwirtschaftlichen Fläche Christbäume anpflanzt. Rita und Bernhard Bolkart fühlen sich auch reich beschenkt: durch die idyllische Lage ihres Betriebs im abgelegenen Kolbenloch. Der Verkauf des SABAGeländes Ende 2020 war für den Graffiti-Künstler Jonas Fehlinger der Anlass, beim Investor seine Idee einer GraffitiKunst-Aktion vorzustellen. Zusammen mit seinem Freund Steffen Schulz setzte er die geschichtsträchtigen SABAGebäude vor ihrem Abriss mit moderner SprayKunst in Szene.

 

 

 

Geschichte Seit 100 Jahren Strom aus dem Brändbach … Der Bau der Brändbachtalsperre zur Versorgung der Stadt Bräunlingen mit elektrischer Energie darf als gelungenes Beispiel gelten für die konfliktarme Erschließung einer neuen Energiequelle. Vom Bau der Brändbachtalsperre sollten nicht nur die Bürger profitieren, sondern auch Flora und Fauna dank des Kirnbergsees. Inhaltsverzeichnis Impressum Sehnsucht nach „normalem“ Leben / Sven Hinterseh 9 Impressionen aus Schwarzwald und Baar / Wilfried Dold 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen Und die Welt dreht sich weiter – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis / Sven Hinterseh Die DreiWelten Card für Schwarzwald, Rheinfall und Bodensee Das Impfzentrum des Schwarzwald-Baar-Kreises in Villingen-Schwenningen / Marc Eich Der neue Ursprung der Donau entsteht – ein kurzer Baustellenbericht / Michael Koch 2. Kapitel / Da leben wir Bernhard Bolkart – Von Weihnachten und Gewissheiten / Tanja Bury Wilfried Straub – Ein Imker und seine 24 Bienenvölker / Barbara Dickmann Alaa (Ali) Hamo – Vollumfänglich in Deutschland angekommen / Hans-Jürgen Kommert Hannah Eckstein – Einzig wegen dieses Jobs / Barbara Dickmann 3. Kapitel / Wirtschaft WAHL – Führender Global Player der Haarschneide technik / Elke Reinauer und Wilfried Dold 94 Energieversorgung Südbaar (esb) – Ein Energieversorger schreibt seit 35 Jahren Erfolgsgeschichte / Bernhard Lutz 102 Gebr. Faller GmbH – Die ganze Welt im Modellbaumaßstab / Roland Sprich 4. Kapitel / Villingen-Schwenningen 110 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs – Eine (kritische) Bestandsaufnahme einer nicht immer einfachen Städteehe / Dieter Wacker 120 SABA – Farbund ausdrucksstarker Abschied von einer grandiosen Villinger Erfolgsgeschichte / Hans-Jürgen Götz 132 SABA Spuren / Birgit Heinig 5. Kapitel / Konversionsareal in Donaueschingen † „Am Buchberg“ – Ein neues Stadtviertel entsteht / Heinz Bunse

 

 

 

Gastlichkeit Kunstgeschichte / Fotografie Sport Zweites Jahr, zweiter Stern – eine Erfolgsgeschichte von der Baar Der „Fleigle“ – der Buchenberger Fotograf Johann Georg Fleig Aline Rotter-Focken gewinnt Olympia-Gold im Frauenringen † † … Manuel Ulrich ist der Maître de Cuisine des „Ösch Noir“, eines Spitzenrestaurants, in dem mitten im Schwarzwald auf anerkannt höchstem Niveau gekocht wird. Er selbst – angesprochen darauf, wie denn nun seine korrekte Berufsbezeichnung lautet – winkt lächelnd ab und sagt einfach nur: „Ich bin der Küchenchef und fertig.“ Alltagsszenen, Brauchtum, oder Portraits: Der gerade 1,30 Meter große Johann Georg Fleig war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Pionier der Fotografie im Schwarzwald. Ihn und seinen von einem Hund gezogenen Karren mit der Fotoausrüstung darin kannte in Königsfeld/St. Georgen und im Gutachtal so gut wie jedes Kind. Aline Rotter-Focken schreibt Sportgeschichte, siegt bei Olympia in der Klasse bis 76 Kilogramm. Sie macht damit zugleich ganz Triberg und Schonach stolz, wo die Gesundheitsmanagerin lebt und arbeitet. Und: Aline RotterFocken wird „Die Beste 2021″, setzt sich bei der Wahl des deutschen Spitzensportlers durch.

 

 

 

6. Kapitel / Geschichte † „Glück Auf“ – Salz für Baden. 200 Jahre Saline Bad Dürrheim / Wilfried Strohmeier † Seit 100 Jahren Strom aus dem Brändbach / Wolf Hockenjos † GeheimnisGräberei. Augmented-Reality erweckt die Welt der Kelten zum Leben / Peter Graßmann † Hofgut Ankenbuck – Arbeiterkolonie und Konzentrationslager / Marc Ryszkowski 7. Kapitel / Gastlichkeit Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ / Daniela Schneider 220 Löwen Patisserie in Schönwald / Hans-Jürgen Kommert 230 „Klimperkasten“ – Kultkneipe in St. Georgen / Roland Sprich 8. Kapitel / Kunstgeschichte / Fotografie Der „Fleigle“ – der Buchenberger Fotograf Johann Georg Fleig / Bernd Möller Jessica Bisceglia – Seit über 10 Jahren als Fotomodell erfolgreich / Elke Reinauer und Wilfried Dold 9. Kapitel / Sport Aline Rotter-Focken gewinnt Olympia-Gold im Frauenringen / Hans-Jürgen Kommert und Wilfried Dold Triberg im Jubel – Empfang einer Olympiasiegerin / Roland Sprich 10. Kapitel / Natur und Umwelt 282 Über die Rolle der Jagd im Klimawandel / Wolf Hockenjos 289 Klima und Waldumbau – Im Gespräch mit Dunja Zimmermann und Dr. Frieder Dinkelaker 294 Durchs romantische Obere Glasbachtal / Birgit Heinig Anhang 299 Almanach-Magazin und Wahlergebnisse 302 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 303 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 304 Ehrenliste der Freunde und Förderer Ergänzende digitale Inhalte zum Almanach 2022 finden unsere Leser unter: almanach-sbk.de/almanach2022-digital Natur und Umwelt Über die Rolle der Jagd im Klimawandel ” Drei aufeinander folgende Trockensommer haben die Waldwirtschaft auch im Quellenlandkreis in akute Bedrängnis gebracht. Kaum jemand hegt noch Zweifel daran, dass der von uns Menschen verursachte Klimawandel bereits in vollem Gange ist. Eher zu den Gewinnern der Klimakrise zählt das Wild.

 

 

 

Sehnsucht nach „normalem“ Leben Liebe Leserinnen und Leser, ein weiteres Jahr, in dem uns die Corona-Pandemie stark beeinträchtigt hat, liegt beinahe schon wieder hinter uns. Viele Erleichterungen können wir bereits wieder erfahren, soziale Kontakte finden wieder häufiger und intensiver statt und auch Veranstaltungen, Festivitäten o.ä. sind in entsprechend reduziertem Umfang möglich. Diese Freiheiten gilt es nun möglichst zu genießen sowie zu schätzen und darüber hinaus sollten wir stets versuchen, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Weiterhin erfahren wir aber auch immer noch gewisse Einschränkungen, insbesondere bei unseren persönlichen Kontakten, bei Veranstaltungen und in täglichen Abläufen, wie beispielsweise beim Einkaufen, Arzt oder Museumsbesuch. Nach wie vor sind die Menschen, ist unsere Gesellschaft, noch in vielen Bereichen auf „Abstand“. Für viele von uns ist es schon fast nicht mehr vorstellbar, dass wir einmal wieder unser altes, „normales“ Leben, wie wir es vor Corona gelebt haben, werden führen können. Umso wichtiger war es für uns, mit unserem Almanach 2022 aufzuzeigen, dass es trotz allem auch noch Verlässlichkeit und Beständigkeit in solch herausfordernden und zeitweise auch anstrengenden Zeiten gibt. Die Beiträge unseres Schwarzwald-Baar Jahrbuchs sind in diesem Jahr abwechslungsreich wie eh und je, zeigen neue Entwicklungen bzw. bislang oftmals Vielen „verborgene“ Themen auf, bilden jedoch auch wieder ein gutes Stück Heimat, Historik oder beispielsweise Kulturelles ab. Eine ganz augenscheinliche Veränderung gibt es in diesem Jahr aber bei unserem Almanach: ein neues, vergrößertes Format, verbunden mit einem matten „Äußeren“, hebt die Wertigkeit dieser Publikation noch besser hervor und lässt die Lektüre der Beiträge für die Leserinnen und Leser großflächiger und somit komfortabler werden. Auch gerät so die Bildsprache und Bebilderung noch weiter in den Mittelpunkt. Ein herzliches Dankeschön sage ich in dieser, der 46. Ausgabe unseres Almanach, wieder den zahlreichen Förderern und treuen Freunden des Schwarzwald-Baar Jahrbuchs sowie allen Autoren und Fotografen, die einmal mehr dazu beigetragen haben, dass eine ansprechende und sehr informative Publikation mit großer Themenvielfalt entstehen konnte. Mein ganz besonderer Dank gilt in diesem Jahr jedoch dem dold.verlag aus Vöhrenbach, der nicht nur durch die Formatumstellung mit überragendem Engagement und viel Herzblut ein weiteres Mal dafür gesorgt hat, dass mit dem Almanach 2022 ein ganz besonderes Werk entstanden ist. Ich freue mich daher auch auf eine weiterhin vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation in den kommenden Jahren für unser Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar Jahrbuch, unserem Almanach. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser des Almanach 2022 möchte ich ebenfalls für Ihre, teilweise über Jahrzehnte gewachsene, Verbundenheit danken und wünsche Ihnen mit unserem Schwarzwald-Baar Jahrbuch einmal mehr eine interessante sowie unterhaltsame Lektüre sowie viel Freude dabei. Bleiben Sie uns auch weiterhin treu! Ihr Sven Hinterseh, Landrat

 

 

 

Sehnsucht nach Normalität – nach einem gemütlichen Bummel über den Villinger Weihnachtsmarkt.

 

 

 

 

 

 

Alpenpanorama – im Frühjahr bei Hondingen. 11

 

 

 

 

 

 

Trachtenfotografie gestern und heute – zweimal St. Georgener Brautkrone: Der in Buchenberg und Hornberg arbeitende Fotograf Johann Georg Fleig, der „Fleigle“, fotografierte in den 1880er/1890er-Jahren als einer der Pioniere Schwarzwälder Trachten und Brauchtum – kolorierte die Fotos dann von Hand. Mehr von ihm erfahren die Leser ab Seite 236. Und mehr von Fotomodell Jessica Bisceglia (links im Bild) ab Seite 264.

 

 

 

 

 

 

Nachhaltigkeit im Wald bei Gremmelsbach: Brennholz-Biegen warten am Wegrand auf ihren Abtransport – Tännchen und neuer Jungwald wachsen bereits wieder empor. Dahinter ragt erntefähiger Fichtenwald auf. Mehr zu diesem Thema finden die Leser ab Seite 288.

 

 

 

 

 

 

Herbstliche Allee bei Wolterdingen – auf dem Rad die Herbstsonne genießen.

 

 

 

 

 

 

Wo im Winter über Monate hinweg keine Sonne scheint – beim Zimberhäusle im Hexenloch bei Furtwangen-Neukirch.

 

 

 

Und die Welt dreht sich weiter – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis von Sven Hinterseh Uns alle hat die Corona-Pandemie immer wieder ausgebremst. Ob bei der privaten Urlaubsplanung, bei geschäftlichen Investitionen, im kulturellen Leben, in der Schule oder beim Pflegen der persönlichen Kontakte und dem gesellschaftlichen Leben. Die Landkreisverwaltung war in den vergangenen zwei Jahren vorrangig damit beschäftigt, die Pandemie zu bewältigen und die damit verbundenen Aufgaben rechtlicher und organisatorischer Art zu erfüllen. Vor allem unser Gesundheitsamt und unser Ordnungsamt standen im Brennpunkt: Angefangen von der Kontaktpersonennachverfolgung bis zu Hygienekonzepten über das Einrichten eines Testzentrums und später eines Kreisimpfzentrums. Und stets war es uns wichtig, trotz der Pandemie unseren Schwarzwald-BaarKreis weiterzuentwickeln und unsere wichtigen Themen weiter voranzubringen. So gibt es neben der prägenden Corona -Pandemie bedeutende Projekte, die wir weiter verfolgt haben. Neue Sensibilität für den digitalen Schwarzwald-Baar-Kreis Der Ruf nach schnellem Internet war gerade im ländlichen Raum schon immer laut. Aber seit Beginn der Corona-Krise mit all ihren persönlichen Herausforderungen ist der Anspruch an die Technik für Datenübertragungsmöglichkeiten in neue Sphären gehoben worden. Homeoffice, Homeschooling, Video-Konferenzen, Streaming-Dienste und Internet-Videospiele brachten die alten Kupferleitungen an ihre Grenzen und viele Nutzer mussten die Erfahrung machen, dass ein schneller Internetzugang kein „nice to have“ ist, sondern vielmehr eine wichtige Infrastruktur, die eine Grundvoraussetzung ist. Seit dem Jahr 2014 baut der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar ein kommunales Glasfasernetz auf. Alle 20 Kommunen und der Landkreis selbst sind Mitglieder des Zweckverbands und haben schon früh auf den eigenständigen Ausbau gesetzt. Durch den zurückliegenden langen Winter 2021, der viel Schnee mit sich brachte, mussten die Tiefbauarbeiten in diesem Jahr lange pausieren, bis es Ende März endlich wieder losgehen konnte. Seitdem läuft der Ausbau für die Projekte Gütenbach 2. Bauabschnitt, Blumberg-Fützen, Furtwangen-Neukirch Außenbereich, VS-Obereschach 1. Bauabschnitt, Schonach 3. Bauabschnitt (innerorts und Außenbereich), Schönwald mit den Abschnitten 1 und 2, St. Georgen-Galetsch und Niedereschach-Schabenhausen, Königsfeld-Glasbachtal. Aktuell wurden bereits 100 Millionen Euro in den Glasfaserausbau investiert. In den kommenden fünf bis sieben Jahren sind nochmals 150 Millionen Euro eingeplant. Diese immensen Summen sind für die Kommunen allein nicht finanzierbar. Möglich ist der Ausbau nur durch die Förderung des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur und des Ministeriums des Inneren, für Digitalisierung und Kommunen Baden-Württemberg. Seit 2014 hat der 20 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die Netzentwicklung des Backbone Schonach Triberg Schönwald Rottweil Fischbach St. Georgen Königsfeld Schabenhausen Peterzell Neuhausen Niedereschach Niedereschach Gütenbach Furtwangen Vöhrenbach Neukirch Oberkirnach Unterkirnach Mönchweiler Dauchingen Dauchingen VillingenSchwenningen Pfaffenweiler Rietheim Herzogenweiler Brigachtal Bad Dürrheim Hochemmingen Tuningen BreisgauHochschwarzwald HammereisenbachBregenbach Mistelbrunn Tannheim Grüningen Wolterdingen Sunthausen Biesingen Öfingen Aasen Oberbaldingen dingen Unterbaldingen Unterbaldingen Donaueschingen Donaueschingen Bräunlingen Bräunlingen Pfohren Tuttlingen vorhanden / 2015-2020 gebaut vorübergehende Anmietung Fremdnetze (Netcom) in Bau / in Vorbereitung Bau geplant Bau offen BreisgauHochschwarzwald Hüfingen Sumpfohren Döggingen Hausen vor Wald Neudingen Fürstenberg Mundelfingen Riedböhringen Hondingen Achdorf Blumberg Waldshut Konstanz Schweiz Zweckverband durch das Land Baden-Württemberg insgesamt rund 34 Millionen Euro Fördermittel nach eigener Landesrichtlinie bewilligt bekommen. Im Herbst 2019 gab es entscheidende Änderungen bei der Bundesförderung. Daher nutzt der Zweckverband größtenteils diese neue Möglichkeit, die die Finanzierung zur Hälfte durch den Bund und bis zu 40 Prozent durch die sogenannte Ko-Finanzierung des Landes Baden-Württemberg vorsieht. Die Kommunen müssen somit „nur“ die restlichen Summen tragen, was eine erhebliche Erleichterung darstellt, aber trotzdem immer noch in den Haushalten der Kommunen ein Großteil der jährlichen Ausgaben entspricht. Bisher hat der Zweckverband durch den Bund Fördermittel in Höhe von 65 Millionen Euro zugesagt bekommen. Hinzu kommt die Ko-Finanzierungszusage des Landes mit 51 Millionen Euro. Als förderfähig gilt eine Region, in der höchstens ein Telekommunikationsunternehmen versorgen kann und, in der die Download-Geschwindigkeit nicht höher als 30 Megabit pro Sekunde liegt. Und die Welt dreht sich weiter 21

 

 

 

Nachdem 2016 in Schonach die ersten GlasfaserHausanschlüsse in Betrieb genommen wurden, sind mit Stand zum August 2021 rund 6.500 Anschlüsse fertig gebaut. Das entspricht zirka 16.000 Wohneinheiten von Privatpersonen und Gewerbetreibenden, die jetzt über die Glasfaser einen sicheren und schnellen Zugang ins World Wide Web haben. Bis zur Fertigstellung eines flächendeckenden GlasfaserNetzes im Schwarzwald-Baar-Kreis sind noch weitere fünf bis sieben Jahre vorgesehen. Neue Anforderungen für den Öffentlichen Personennahverkehr Wichtige Weichenstellungen zur Weiterentwicklung und Verbesserungen des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) konnten im Jahr 2021 angegangen werden. So wurde der Nahverkehrsplan weiter umgesetzt, der Ringzug zum Ringzug 2.0 weiterentwickelt, ein ÖPNV-Pakt mit dem Land Baden-Württemberg neu geschlossen und die Ringzugfinanzierung neu geregelt. Nahverkehrsplan Die Umsetzung des Nahverkehrsplans, der Ende 2017 durch den Kreistag beschlossen wurde, ist in drei Schritten vorgesehen. Den größten Teil davon nehmen die Neukonzepte der Busverkehre ein, die zum Fahrplanwechsel im Dezember 2021 in Betrieb gegangen sind. Um die Verkehrsgebiete flächenhaft zu erschließen, werden eine Vielzahl von Nebenachsen eingerichtet. Der Linienverkehr fährt dann ebenfalls im Stundentakt, der allerdings in den Nebenzeiten auch kleinere Taktlücken enthalten kann. nach St. Georgen oder von Schwenningen über Bad Dürrheim nach Donaueschingen. Um die Verkehrsgebiete flächenhaft zu erschließen, werden eine Vielzahl von Nebenachsen eingerichtet. Der Linienverkehr fährt dann ebenfalls im Stundentakt, der allerdings in den Nebenzeiten auch kleinere Taktlücken enthalten kann. Abends und an den Wochenenden sind grundsätzlich Rufbusse im Einsatz. Ergänzt werden die Hauptund Nebenachsen schließlich durch Erschließungslinien, die insbesondere auf Anforderungen von Schülerverkehren ausgerichtet sind. Im Frühjahr 2021 wurde die Vergabe der VerMit den Neukonzepten erhöhen sich die Verkehrsleistungen im Bereich Ostbaar (Bad Dürrheim, Tuningen), Nordöstliches Kreisgebiet (VillingenSchwenningen, Dauchingen, Mönchweiler, Königsfeld) und Nord-West (St. Georgen, Triberg) ausgeschrieben. Ergebnis ist, dass die Verkehrsleistungen in den nächsten acht Jahren von der Südbadenbus GmbH, der Verkehrsgemeinschaft Villingen-Schwenningen GmbH und der Firma Rapp sowie weiteren Subunternehmern erbracht werden. Alle Unternehmen sind seit vielen Jahren im Linienverkehr im SchwarzwaldBaar-Kreis tätig. Ein weiterer Fortschritt ist die Einführung eines verlässlichen Stundentakts auf den Hauptachsen, wie zum Beispiel zwischen Villingen und Bad Dürrheim, Villingen über Mönchweiler und Königsfeld kehrsleistungen in diesen Bereichen. Aktuell werden durch den ÖPNV 2,7 Millionen Fahrplankilometer geleistet. Künftig werden dies 3,9 Millionen Fahrplankilometer pro Jahr sein. Damit wird das Angebot für die Nutzer des ÖPNV deutlich verbessert und zudem ein wichtiger Beitrag zur Verkehrswende geleistet. Verbessert wird aber nicht nur das Angebot. Auch die Qualität der neuen Verkehre wird besser. So gibt es moderne neue Niederflurbusse, die neben WLAN auch eine Mehrzweckfläche für Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder bieten. Ringzug 2.0 Im Jahr 2003 ging der Ringzug in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg in Betrieb. Der Ringzug war von 22 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Bei der Förderübergabe in St. Blasien: v.l. Michael Rieger, Bürgermeister St. Georgen, Prof. Manfred Kühne, Bürgermeisterstellvertreter Furtwangen, Sven Hinterseh, Landrat, Detlef Schuler, Bürgermeisterstellvertreter Vöhrenbach, Peter Engesser, Ortsvorsteher Fischbach, Andreas Braun, Bürgermeister Unterkirnach, Detlev Bührer, Bürgermeister VillingenSchwenningen, Thomas Strobl, Innenminister, Niko Reith, MdL (FDP), Erik Pauly, Oberbürgermeister Donaueschingen, Fritz Link, Bürgermeister Königsfeld und Hansjörg Staiger, Bürgermeisterstellvertreter St. Georgen. Unterwegs mit dem Quellenland-Bus. Die modernen neuen Niederflurbusse, bieten neben WLAN auch eine Mehrzweckfläche für Rollstühle, Kinderwagen oder Fahrräder. Und die Welt dreht sich weiter 23

 

 

 

Beginn an mehr als nur ein Schienensystem. „Zug und Bus aus einem Guss“ war und ist die Grundidee und der wesentliche Erfolgsfaktor dieses als S-Bahn im ländlichen Raum konzipierten Verkehrskonzeptes. Die Landkreise Rottweil, Schwarzwald-Baar-Kreis und Tuttlingen haben zusammen mit dem Land die Verantwortung für Schienenverkehre übernommen. Zudem haben die drei Landkreise konsequent ihre Busverkehre auf den Ringzug ausgerichtet. Allerdings haben die Regio-Shuttles, die auf der Schiene im Einsatz sind, in absehbarer Zeit das Ende ihrer wirtschaftlichen Betriebszeit erreicht. Deshalb haben die drei Landkreise schon vor längerer Zeit die Beratungsfirma SMA aus Zürich damit beauftragt, ein Konzept für die künftige Ausrichtung des Ringzugs zu erarbeiten. Wesentliche Elemente waren dabei die vollständige Elektrifizierung der Ringzugstrecken sowie die Verlängerung des Ringzugs nach St. Georgen. Neben der Schwarzwaldbahn und Donautalbahn waren bei der Weiterentwicklung auch die BreisgauS-Bahn, die seit Dezember 2019 als umsteigefreie Verbindung zwischen Freiburg und Villingen fährt sowie der Metropolexpress (MEX), der ab 2027 vom Land geplant ist, zu berücksichtigen. Beim MEX handelt es sich um eine umstiegsfreie Verbindung von Villingen über Rottweil nach Stuttgart und zurück, der stündlich verkehren wird. Nach zahlreichen Gesprächen mit allen Beteiligten konnte im Frühsommer 2021 eine VerstänIm Schwarzwald-BaarKreis ist für die Erweiterung des Ringzugs nach St. Georgen der Bau von bis zu vier neuen Haltepunkten vorgesehen. digung über das künftige Fahrplankonzept erzielt werden. Dieses Konzept erfordert über die geplante Elektrifizierung hinaus weitere infrastrukturelle Maßnahmen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis ist für die Erweiterung des Ringzugs nach St. Georgen der Bau von bis zu vier neuen Haltepunkten (Villingen-West, Peterzell-Königsfeld, Peterzell und St. Georgen Industriegebiet) vorgesehen. Die Bahnsteige in Schwenningen müssen für den MEX auf eine Nutzlänge von 212 Meter verlängert werden. Im nächsten Schritt wird eine Betriebsprogrammstudie durch die DB AG sowie eine Wirtschaftlichkeitsanalyse für die Maßnahmen erstellt. Ziel ist eine Umsetzung möglichst zum Fahrplanwechsel im Dezember 2027. ÖPNV-Pakt Im Zuge der Gespräche zur Weiterentwicklung des Ringzugs wurde auf Initiative des Schwarzwald-Baar-Kreises die Idee geboren, im Anschluss an die „Trossinger Erklärung“ aus dem Jahr 1996 mit dem Land einen Letter of Intend (LOI) als gemeinsame Absichtserklärung zur Umsetzung des Vorhabens zu erstellen. In den sich daran anschließenden Gesprächen mit dem Land wurde daraus der ÖPNV-Pakt für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg entwickelt. Darin wurde die Umsetzung des Konzepts Ringzug 2.0 vereinbart. Zudem wurden weitere wichtige Themen in diese Absichtserklärung mit aufgenommen, um den öffentlichen Personennahverkehrs in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg zu verbessern. Wichtige Punkte sind die beabsichtigte Reform der ÖPNV-Tarife und die Gründung eines gemeinsamen Tarifverbundes für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Hier haben sich die drei Landkreise zwischenzeitlich bereits auf die Grundzüge einer großen Tarifreform verständigt. Danach sollen die bisher vorhandenen relativ kleinteiligen Tarifzonen deutlich vergrößert und von derzeit 27 auf künftig nur noch 8 Zonen reduziert werden. Darüber hinaus ist geplant, die Tarife deutlich zu reduzieren, insbesondere im Bereich der Abonnements und Zeitfahrscheine. Derzeit finden zwischen den Landkreisen und den bestehenden Verkehrsverbünden intensive Abstimmungsgespräche zum geplanten künftigen gemeinsamen Tarifverbund statt. Hierzu sollen bis Ende 2021 die notwendigen Grundsatzbeschlüsse 24 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Bei der Unterzeichnung des ÖPNV-Pakts. Von links: Rüdiger Klos, MdL, Niko Reith, MdL, Dr. Rüdiger Michel, Landrat Kreis Rottweil, Sven Hinterseh, Landrat Schwarzwald-Baar-Kreis, Martina Braun, MdL, Winfried Hermann, Verkehrsminister MdL, Susanne Irion, Bürgermeisterin Trossingen, Stefan Bär, Landrat Kreis Tuttlingen und Daniel Karrais, MdL. Und die Welt dreht sich weiter 25

 

 

 

getroffen werden. Die Reformen könnten dann frühestens zum 1. Januar 2023 in Kraft treten. Im ÖPNV-Pakt ist auch ein weiterer Ausbau des ÖPNV-Angebots bei den Busverkehren hinterlegt. Ziel ist es, mittelfristig ein Angebot auf der Schiene und der Straße zwischen 5 und 24 Uhr zu stellen. Dieser Standard soll bis 2027 mindestens für alle Gemeindehauptorte realisiert sein. Daneben sollen auch weitere Schnellbuslinien (Regiobuslinien) realisiert werden. Regiobuslinien sind Busverbindungen, die in der Regel einen direkten Linienweg haben und in jedem Fall den Anschluss an den Schienenverkehr herstellen sollen. Neben der bereits seit Dezember 2019 bestehenden Schnellbuslinie Donaueschingen – Hüfingen – Blumberg soll im Dezember 2022 die Schnellbuslinie Villingen – Furtwangen in Betrieb gehen. Schließlich sind im ÖPNV-Pakt weitere Maßnahmen hinterlegt, die erweiterte öffentliche Mobilitätsangebote ausbauen sollen. Beispielsweise sollen Haltestellen attraktiv gestaltet und nutzergerecht ausgebaut werden. Es ist geplant, dass Multimodale Mobilitätsstationen, an denen verschiedene Verkehrsträger (ÖPNV, Car-Sharing, Bike-Sharing) umsteigen können, realisiert werden. Vorgesehen ist auch, in den Oberund Mittelzentren sogenannte Mobilitätszentralen einzurichten. Sowohl der ÖPNV-Pakt als auch die Vereinbarung zur Neuregelung des Ringzug-Finanzierungsvertrages wurden am 7. September 2021 im Eisenbahnmuseum in Trossingen von Minister Winfried Hermann und den Landräten Dr. Wolf-Rüdiger Michel, Stefan Bär und Sven Hinterseh unterzeichnet. Bei der Unterzeichnung waren auch zahlreiche Landtagsabgeordnete und Kreisrätinnen und Kreisräte der drei Landkreise anwesend. Kinderschutz während der Corona-Pandemie Die Corona-Pandemie stellt die gesamte Gesellschaft vor große Herausforderungen. Auch für das Kreisjugendamt hat die Pandemie teilweise elementare Veränderungen mit sich gebracht. Wie sich die Pandemie auf die Familien mit ihren Kindern vollumfänglich auswirkt, ist derzeit noch nicht umfassend abzuschätzen. Alle Experten gehen jedoch davon aus, dass die zwischenzeitlich nicht nur kurzfristigen erforderlichen Einschränkungen auch für Kinder und Jugendliche langfristige negative Folgen nach sich ziehen können. Nachwirkungen werden auch noch weit nach Ende der Pandemie spürbar sein. Die gemeinsamen Anstrengungen aller Akteure haben sich in der aktuellen Krisenzeit bewährt. Diese müssen erhalten und vermutlich noch ausgebaut werden. Nur so kann längerfristigen negativen Folgen bei Kindern und Jugendlichen entgegengewirkt werden. Mehr denn je ist es erforderlich, dass die verschiedenen Systeme, wie zum Beispiel Schule, Kindergarten, freie und öffentliche Jugendhilfeträger, eng zusammenarbeiten und die Politik die erforderlichen Rahmenbedingungen hierfür bietet. Die bundesweiten Verordnungen zur Eindämmung der Infektion mit dem Coronavirus haben unser Jugendamt von Beginn an vor die Frage gestellt, wie sich diese Verordnungen wohl innerhalb der Familien auswirken. Die Schließung der Kindertagesstätten, der Schulen, das Verbot von Kontakten mit Gleichaltrigen, die Schließung oder zumindest Reduzierung von Arztpraxen, ambulanten Diensten, Fördereinrichtungen und so weiter hatte gerade auch für die Jugendämter eine besondere Bedeutung. Von einem Tag auf den anderen gab es keine „soziale Kontrolle“ von außen mehr und die Sorge, dass bedrohliche Situationen für Kinder und Jugendliche zunehmen, wurde größer. In den ersten drei Wochen nach Inkraftsetzung der Verordnungen, wurden bei unserem Jugendamt keine kindeswohlgefährdeten Situationen mehr gemeldet. Allein diese Tatsache erhöhte die Sorge. Die Mitarbeiterinnen des Jugendamtes hatten von Beginn an regelmäßige telefonische Kontakte zu den bekannten „belasteten“ Familien. Mit entsprechender Schutzausrüstung wurden im Bedarfsfall weiterhin vor Ort Termine wahrgenommen. Dadurch, dass die pädagogische und medizinische Infrastruktur fehlte, gelang es dem Jugendamt nur schwer, meist mögliche häusliche Gewalt, psychische und physische Misshandlung von Kindern und Jugendlichen zu erfahren. Aus diesem Grund wurde die bisherige Rufbereitschaft des Jugendamtes erweitert und ein 24-Stunden-Hilfe-Telefon eingerichtet. Zudem wurde eine Hot-Mail geschalten, so dass Kinder und Jugendliche über WhatsApp-Nachrichten selbst das Kreisjugendamt benachrichtigen konnten. 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Zwischenzeitlich haben sich die Rahmenbedingungen deutlich verändert. Wie zu erwarten war, zeigt sich fortlaufend, dass die Meldungen an Kindeswohlgefährdungen drastisch ansteigen. In sehr vielen Fällen handelt es sich um häusliche Gewalt, bei der die Kinder selbst Opfer von Gewalt wurden, oder aber indirekt durch die Streitigkeiten ihrer Eltern betroffen sind. Bewältigung der Pandemiefolgen in der Bildungsregion Eine Antwort darauf, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, die Folgen der Pandemie bei Kindern und Jugendlichen etwas abzufedern, ist die Bildungsregion. Mit dem Ziel Bildungsgerechtigkeit und Teilhabechancen zu ermöglichen, trägt die Bildungsregion dazu bei, Kinder und Jugendliche zu unterstützen. Die Aktivitäten das Bildungsbüros richten sich auch an jene, die im Verlauf der Pandemie in Benachteiligungssituationen geraten sind. Als wichtiges Projekt im Netzwerk unserer Bildungspartner sind in diesem Mehr denn je ist es erforderlich, dass die verschiedenen Systeme, wie zum Beispiel Schule, Kindergarten, freie und öffentliche Jugendhilfeträger, eng zusammenarbeiten und die Politik die erforderlichen Rahmenbedingungen hierfür bietet. Zusammenhang beispielsweise die Sommerschulen, die neben dem schulischen Lernen das soziale Lernen fördern. Das 24-Stunden-Hilfetelefon und eine Hotmail für Kinder und Jugendliche wurde durch das Kreisjugendamt eingerichtet. Silke Zube, Leiterin des Jugendamtes und Mitarbeiterinnen aus dem Kriseninterventionsdienst (KID): Franziska Eigeldinger, Lena Herberholz und Jessica Schon bieten ihre Beratung am Hilfetelefon an. Und die Welt dreht sich weiter 27

 

 

 

Einen besonderen Blick haben wir im Schwarzwald-Baar-Kreis dabei aber auch auf Jugendliche am Übergang von der Schule in den Beruf. Im Zentrum stehen hier die beruflichen Schulen, die mit der Unterstützung des Landes spezielle Bildungsgänge zur Ausbildungsvorbereitung entwickelt haben. Dabei wird das Ziel verfolgt, mehr Jugendliche in Ausbildung zu bringen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist mit einem starken Zusammenhalt durch die Krisenzeit gegangen. Zahlreiche Akteure, ehrenamtliche Helfer, Verantwortungsträger in unterschiedlichsten Positionen haImpressionen aus den erlebnisreichen Sommerschulen, die neben dem schulischen Lernen das soziale Lernen fördern. ben dazu beigetragen, dass unser Landkreis die Pandemie gut gemeistert hat. Die Folgen, mit denen wir uns in Zukunft weiter auseinandersetzen müssen, sind vollumfänglich noch nicht abzuschätzen. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir auch diese Herausforderung gut meistern werden. 28 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die DreiWelten Card für Schwarzwald, Rheinfall und Bodensee Im Juli 2021 ist die DreiWelten Card erfolgreich gestartet und bietet nicht nur den Touristen, sondern auch den Bürgern der Region ein echtes Urlaubserlebnis: Im Schwarzwald, am Rheinfall und am Bodensee gibt es mit der DreiWelten Card freie Erlebnisfahrten und freien Eintritt bei rund 100 Attraktionen. Familien, Kulturbegeisterte, Sportler und Naturliebhaber können eine lange Liste an Attraktionen gratis und flexibel nutzen. Voraussetzung: Der Gast bucht sich mindestens zwei Nächte bei einem Partnergastgeber ein. Bei der Anreise bekommt er für die Dauer seines Aufenthaltes die „DreiWelten Card“ kostenfrei überreicht. An den Kassen der Ausflugsziele wird die personalisierte Karte digital eingelesen. Der Eintritt wird per Umlage vom Gastgeber finanziert. Tolle Angebote nicht nur für Touristen Doch die DreiWelten Card bietet nicht nur für Touristen tolle Erlebnisse. Auch Einheimische der DreiWelten Region kommen mit der DreiWelten BürgerCard in den Genuss der über 100 Freizeitangebote. Zwischen Villingen-Schwenningen, Schaffhausen in der Schweiz und Bad Säckingen können Einheimische ihre Heimat ganz entspannt entdecken. Die DreiWelten BürgerCard hat echte Highlights im ProDie DreiWelten BürgerCard ist die persönliche Eintrittskarte für Einheimische zu mehr als 100 Attraktionen im Schwarzwald, am Rheinfall und Bodensee. DreiWelten BürgerCard 29

 

 

 

Links: Greifvögel unterschiedlichster Art können im Triberger Eulenpark aus nächster Nähe bestaunt werden. Rechts: Die Miniaturwelt „Smilestones“ in Neuhausen am Rheinfall zeigt die schönsten und bekanntesten Schweizer Destinationen. gramm: zum Beispiel die Rheinfall-Schifffahrt, die Solemar Therme in Bad Dürrheim, das Gloria-Theater in Bad Säckingen und die neue Genusswelt der Rothaus Brauerei. Aber auch die kleineren Ziele wie Freibäder, Stadtführungen und E-Bike-Verleih sind absolut lohnenswert. Darüber hinaus warten Naturspektakel wie die Triberger Wasserfälle, Kunstausstellungen, Golfplätze und vieles mehr auf die BürgerCard-Besitzer. Radfahrer und Wanderer schätzen den Schwarzwald und die hügelige Weinund Obstbauregion entlang des Rheins seit Langem. Die neu gebündelten Attraktionen sind ein lange ersehntes Angebot – vor allem, weil sie eine Grenze überschreiten. Der Schweizer Kanton Schaffhausen ist mit charmanten und imposanten Highlights die dritte Region im Bunde neben den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Waldshut.

 

 

 

Ein Naturschauspiel der besonderen Art sind Deutschlands höchste Wasserfälle in Triberg. Rechts: Entspannung und Wohlbefinden bietet die Sole-Therme Solemar mit angegliederter Schwarzwald-Sauna, Salzgrotte und WellnessCenter. Heimat ganz neu entdecken – mit der DreiWelten BürgerCard Bei so viel Fülle braucht es einen guten Plan: Deshalb kommt die Karte mit einem Reiseführer zum Auffalten, der alle Attraktionen auf einen Blick präsentiert. Meist lohnen sich die Kosten schon nach einem Wochenende So macht die DreiWelten BürgerCard das Entdecken der Stationen auf rund 2.500 Quadratkilometern ganz leicht – und noch dazu zu einem kalkulierbaren Vergnügen. Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahre zahlen 89,00 Euro, Kinder ab sechs Jahre 49,00 Euro für die Karte. Kinder unter sechs dürfen die DreiWelten Bürgercard ihrer Eltern kostenfrei mitbenutzen. Das kann sich schon nach nur einem Wochenende lohnen: Denn wer einmal mit der Sauschwänzlebahn fährt, in ein Hochrhein Kanu steigt, die Smilestones Erlebniswelt besucht und einen Wellnesstag im Solemar verbringt hat den Wert der Karte wieder drin. Egal ob sportlicher Abenteurer, Kultur-Genießer oder Natur-Liebhaber: Mit der Karte lässt sich alles einfach ausprobieren – auf gut Glück, noch kurz am Abend oder einfach mal dazwischen. Genau zur rechten Zeit Darum sind sich alle Beteiligten einig: Die Karte kommt genau richtig. Über zwei Jahre hat ein ganzes Team mit Vertretern aus den Landkreisen Schwarzwald-Baar-Kreis, Landkreis Waldshut und dem Kanton Schaffhausen an der Einführung der DreiWelten Card gearbeitet. Das Projekt wurde durch das Interreg-Programm Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein der Europäischen Union und der Schweizerischen Eidgenossenschaft gefördert. Zum operativen Start im Juli 2021 hat die DreiWelten Tourismus GmbH mit Sitz in Bad Dürrheim die Verwaltung und Weiterentwicklung der DreiWelten Card als Tochter der dortigen Kurund Bäder GmbH übernommen. Erhältlich ist die DreiWelten BürgerCard im Online-Shop unter www.dreiwelten.com sowie in einigen Tourist-Informationen und Bürgerämtern der DreiWelten Region. Sie ist ein Jahr lang gültig und bietet in dieser Zeit jeweils einen Eintritt/eine Nutzung bei allen Attraktionen. Weitere Informationen unter www.dreiwelten.com DreiWelten BürgerCard

 

 

 

Das Impfzentrum des Schwarzwald-Baar-Kreises in Villingen-Schwenningen von Marc Eich

 

 

 

Als „Königsweg aus der Pandemie“ bezeichnet die Landesregierung von BadenWürttemberg die Impfungen. Und genau für jenen Königsweg zeigte man sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis bestens gewappnet. Als die Anforderungen für die Impfzentren bekannt wurden, hatte das Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises bereits seinen Wunsch-Standort bestimmt: Die Tennishalle in VS-Schwenningen, die sich bereits in den Wochen zuvor bewährt hatte. Die Vorbereitung Bereits im November 2020 stand fest: Die Schwenninger Tennishalle wird nach dem erfolgreichen Betrieb von Fieberambulanz und Abstrichzentrum auch Standort des Kreisimpfzentrums werden. „Dieser Standort hat sich bereits bei der ersten Welle der Corona-Pandemie bewährt, als wir dort die zentrale Fieberambulanz mit Abstrichstelle zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung betrieben haben. Hier sehen wir die Rahmenbedingungen als optimal gegeben, um die Abläufe für mehrere hundert Impfungen pro Tag durchzuführen“, äußerte sich Landrat Sven Hinterseh in den Medien zu der geplanten Einrichtung. Gefragt war dann insbesondere eine zügige Vorbereitung. Zum Leiter des Kreisimpfzentrums wurde Daniel Springmann ernannt, der innerhalb kürzester Zeit – die Öffnung war für den 15. Januar 2021 geplant – einige Herausforderungen zu bewältigen hatte. Viele organisatorische Fragen waren noch offen und mussten mit den zuständigen Ministerien in Stuttgart abgestimmt werden, die entsprechenden Erlasse galt es schließlich vor Ort umzusetzen. Unter anderem mithilfe eines Presseaufrufs Mitte Dezember war Personal gesucht worden, um einen Zwei-Schicht-Betrieb umsetzen zu können. Mehr als 100 Mitarbeiter konnten zum Start, der aufgrund des Impfstoffmangels um eine Woche nach hinten verschoben werden musste, rekrutiert werden. Aus dem Kreisgeschehen 33

 

 

 

In enger Abstimmung waren Strukturabläufe, für die es vom zuständigen Ministerium Rahmenmasterpläne gab, erstellt und umgesetzt worden. In die Vorbereitung waren darüber hinaus weitere Stellen des Landratsamtes eingebunden worden. Das Ordnungsamt unter der Leitung von Arnold Schuhmacher hatte die Verantwortung für den Aufbau übernommen. In enger Abstimmung waren Strukturabläufe, für die es vom zuständigen Ministerium Rahmenmasterpläne gab, erstellt und umgesetzt worden. Ein entscheidender Punkt hierbei war auch die Vorbereitung für die Mitarbeiter, die mit dem empfindlichen Impfstoff arbeiten mussten. Dafür hatte das Landratsamt mit dem Klinik-Apotheker Matthias Fellhauer einen versierten Experten als Pharmazeutische Leitung gewinnen können. Dieser hatte eine Verfahrensanleitung entwickelt, um das korrekte Lagern, die Aufbereitung sowie das Handling zu regeln. Fellhauer: „Das war quasi das Gesetzbuch für die Mitarbeiter.“ Die Impfstraße Zum 22. Januar standen für die ersten Patienten sechs Impfstraßen zur Verfügung, mit denen am Tag rund 1.000 PerDer sechsminütige Film informiert über das Coronavirus und die Impfung. sonen geimpft werden konnten. Pro Schicht arbeitete ein Personalstamm von 21 Personen, darunter fünf Ärzte. Auch Security und Reinigungspersonal kam zum Einsatz. Die „Impflinge“ mussten derweil insgesamt sechs Stationen durchlaufen. Im Eingangsbereich fand dabei zunächst die Kontrolle statt, ob der Besucher einen Termin und eine Impfberechtigung hat, bevor Fieber gemessen wurde. Bei der darauffolgenden Registrierung waren alle notwendigen Daten erfasst worden, ehe der Patient einen sechsminütigen Film über das Coronavirus und die Impfung anschauen konnte. Anschließend klärten Ärzte den Besucher auf und standen für Rückfragen zur Verfügung. Währenddessen wurden im Labor die Impfstoffe vorbereitet und die Spritzen unter den Die Verfahrensanleitung war quasi das Gesetzbuch für die Mitarbeiter. Matthias Fellhauer, Pharmazeutische Leitung KIZ 34 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Im Rahmen des Aufklärungsgesprächs standen Ärzte den „Impflingen“ für Rückfragen zur Verfügung. Medizinische Fachangestellte verabreichen die Spritze in den Oberarmmuskel. 35

 

 

 

Innerhalb des Landes verzichtete das zuständige Sozialministerium auf die vorgenommene Verteilung auf die Stadtund Landkreise nach einem Einwohnerschlüssel. Die Folge war derweil, dass im ländlichen Raum hunderte Bürger der Prioritätsstufe 1, dabei handelte es sich um die über 80-Jährigen, einige Zeit noch kein Impfangebot erhalten hatten. notwendigen Bedingungen aufgezogen – hier hatten aufgrund vieler Besonderheiten nur Mitarbeiter mit entsprechenden Einweisungen Zutritt. Für den Patienten ging es derweil zur Impfung weiter – nun erfolgte von Medizinischen Fachangestellten die Injektion in den Oberarmmuskel. Im abschließenden Wartebereich wurden die frisch Geimpften 20 Minuten auf mögliche Beschwerden beobachtet. Die Herausforderungen Der Impfstoffmangel sorgte von Anfang an für einigen Unmut bei den Verantwortlichen – hinzu kam eine Verteilung des Impfstoffs, die vielerorts auf Kritik stieß. Auch Landrat Sven Hinterseh sah sich gezwungen, auf entsprechende Ungerechtigkeiten und Missstände aufmerksam zu machen. Im Mittelpunkt der Kritik: Innerhalb des Landes verzichtete Im abschließenden Wartebereich wurden die frisch Geimpften 20 Minuten auf mögliche Beschwerden beobachtet. 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

das zuständige Sozialministerium auf die – wie vom Bund – vorgenommene Verteilung auf die Stadtund Landkreise nach einem Einwohnerschlüssel. Die Folge war derweil, dass im ländlichen Raum hunderte Bürger der Prioritätsstufe 1, dabei handelte es sich um die über 80-Jährigen, einige Zeit noch kein Impfangebot erhalten hatten. Auch der vorübergehende Impfstopp mit dem Vakzin von AstraZeneca brachte die Impfkampagne ins Stocken. Nach Ostern waren schließlich nur noch Zweittermine mit dem (von AstraZeneca umbenannten) Impfstoff Vaxzevria durchgeführt worden. Gleich zu Beginn der Impfkampagne sorgte zudem die vom Land organisierte Terminvergabe für Unmut, bei der insbesondere die ältere Bevölkerung einige Schwierigkeiten hatte. Schließlich stand ein Online-Portal im Mittelpunkt. Erst nach einiger Zeit – und einigem Missmut seitens der Bevölkerung – kam es hier zur Verbesserungen und damit zu einer Entspannung der Lage. Das Ende Wie im ganzen Land stellte das das Kreisimpfzentrums des SchwarzwaldBaar-Kreises zum 30. September seinen Betrieb ein. Nach exakt 252 Tagen ist die Einrichtung in der Schwenninger Tennishalle Geschichte. Unter der Leitung von Anne Derday, die die Aufgabe Mitte August von Daniel Springmann übernommen hatte, wird das gewonnene Knowhow an das Schwarzwald-Baar Klinikum weitergegeben, das ab Oktober gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten die Impfungen übernommen hat. Nur zwei Wochen, nachdem das KIZ seine Tore geschlossen hatte, wird in der Halle wieder den Tennisbällen nachgejagt. MEILENSTEINE Im Beisein von Sven Hinterseh wurde Tanja Schreiber aus VSVillingen als eine der ersten Personen geimpft. Sie ist im Schwarzwald-Baar Klinikum als Medizinische Fachangestellte tätig. 11. April: Vollbetrieb! Das hieß es erstmals am 11. April. An jenem Sonntag konnten dank des reibungslosen Betriebs im KIZ des Schwarzwald-Baar-Kreises 1.100 Impfungen durchgeführt werden. Von 7 bis 21 Uhr waren durchgehend Patienten durch die insgesamt sechs Impfstraßen geführt worden. 7. Juni: Rund zwei Monate später wird ein weiterer, wichtiger Meilenstein erreicht: Auch dank des KIZ hatte man die Schwelle von 100.000 Impfungen im Schwarzwald-Baar-Kreis überschritten. Im Impfzentrum, durch die mobilen Impfteams sowie durch die niedergelassenen Ärzte waren mehr als 114.000 Impfungen durchgeführt worden. 20. Juni: Sonderimpfaktionen in Zusammenarbeit mit den Städten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen sowie mit tatkräftiger Unterstützung der DRK-Kreisverbände VS und Donaueschingen sorgten für rund 1.000 weitere Impfungen an zwei Tagen. Die Zahl der Erstund Zweitimpfungen beträgt zu diesem Zeitpunkt rund 142.000. 26. Juli: Erstmals können Impfungen ohne Termine angeboten werden. Das liegt insbesondere daran, dass es keinen Impfstoffmangel mehr gibt. Die Impfstoffe Biontech und Johnson & Johnson stehen im KIZ zur Verfügung. Rund 700 bis 900 Impfungen wurden in den Wochen zuvor täglich in der Schwenninger Messehalle vorgenommen. 28. Juli: Der Impfbus, eine Art Arztzimmer auf Rädern, wird zum ersten Mal eingesetzt. Er fährt verschiedene Stationen im gesamten Landkreis an und erhält dort teilweise regen Zuspruch. Der Impfbus wurde bis zum 25. September eingesetzt. Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 37

 

 

 

Daniel Springmann 41 Jahre | Leiter Kreisimpfzentrum „Ich bin stolz darauf, dass ich die Aufgabe übernehmen durfte.“ Acht Monate zeichnete sich Daniel Springmann verantwortlich für die Leitung des Kreisimpfzentrums. Doch sich in den Mittelpunkt stellen wäre das Letzte, was dem 41-jährigen Diplom-Verwaltungswirt in den Sinn kommen würde. „Es waren so viele Menschen beteiligt“, betont Springmann. Denn nur als Team habe man die Einrichtung und den Betrieb des KIZ stemmen können. Verschiedene Stellen des Landratsamtes, Hilfsorganisationen und nicht zuletzt die Medizinischen Fachangestellten, die Ärzteschaft, der Verwaltungsapparat und weiteren Helfer waren über Monate an dem auf Zeit angelegten Projekt beteiligt. Die Federführung aber, die hatte Springmann inne. Wie kam es dazu? „Man ist an mich herangetreten, ob ich das machen möchte – ich habe gleich ‚ja‘ gesagt“, blickt Springmann auf den Winter 2020 zurück. Unzählige Überstunden werden notwendig Zu diesem Zeitpunkt war der gebürtige Ortenauer seit fünf Jahren im Landratsamt beschäftigt und Sachgebietsleiter des Versorgungsamtes. In der neuen Aufgabe habe er schließlich die Möglichkeit gesehen, andere Einblicke zu erhalten. Und dann auch noch gleich in einer Krise. Springmann: „Das ist ein so wichtiges Thema für die Bevölkerung.“ Nicht nur wichtig, sondern auch herausfordernd, wie der KIZ-Leiter bald erfahren muss: „Anfangs wussten wir aber natürlich noch nicht, wie alles läuft.“ Unzählige Überstunden, teilweise Arbeiten bis in die Nacht hinein, waren notwendig, um die Strukturen für den Betriebsablauf nach vorgegebenen Rahmenbedingungen zu schaffen. Eine der Prioritäten dabei: einen Mitarbeiterstamm zu gewinnen. Insbesondere das medizinische Fachpersonal sei nicht einfach zu rekrutieren gewesen – diejenigen, die sich gemeldet hatten, „hatten „Ich musste auf die aktuellen Entwicklungen immer schnellstmöglich reagieren und gleichzeitig Bürger, Besucher und Mitarbeiter zufriedenstellen.“ viel Lust und waren motiviert“. Für Springmann galt es schließlich, Handlungsanweisungen zu erarbeiten und dabei Menschen aus unterschiedlichsten Bereichen zusammenzubringen – angefangen von Pensionären über Selbstständige bis hin zu gestandenen Ärzten. Es sei nicht immer einfach gewesen, den Mitarbeitern die teils eigenwilligen Erlasse aus den Ministerien plausibel zu erklären. „Aber ich habe, soweit es rechtlich möglich war, auch Pragmatismus walten lassen“, so Daniel Springmann „Es war anstrengend, aber schön!“ Dies sei ohnehin eine der größten Herausforderungen gewesen, wie er erklärt: „Ich musste auf die aktuellen Entwicklungen immer schnellstmöglich reagieren und gleichzeitig Bürger, Besucher und Mitarbeiter zufriedenstellen.“ Dennoch galt als oberstes Gebot: Der gesamte Prozess muss im Fluss bleiben. Hemmnisse wie der anfangs nicht zufriedenstellende Terminservice oder der Stopp der Impfung mit AstraZeneca hätten zwar zwischenzeitlich für Sand im Getriebe und teilweise Konflikte mit Besuchern geführt, „bei aller Unzufriedenheit wird man aber 38 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Daniel Springmann irgendwann etwas gelassener“, sagt Springmann lachend. Die Last der Verantwortung und der Druck seien zu spüren gewesen, er habe jedoch nie hinterfragt, warum er die Aufgabe übernommen hat. Sein Fazit lautet deshalb: „Es war anstrengend, aber schön!“ Im August, als es im KIZ nur noch die reine Abwicklung im Vordergrund stand, trat der 41-Jährige aufgrund einer Vakanz schließlich vor Ende des Kreisimpfzentrums am 30. September seine neue Stelle im Amt für Umwelt, Wasserund Bodenschutz an. Aber nicht ohne mit dem Team eine Wanderung mit geselligem Abschluss zu unternehmen und der gesamten Mannschaft für das Engagement zu danken – denn nur gemeinsam habe man die herausfordernde Zeit bewältigen können. Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 39

 

 

 

Matthias Fellhauer 64 Jahre | Pharmazeutische Leitung KIZ Es ist diese Ruhe und Gelassenheit, die Matthias Fellhauer ausstrahlt – sie beeindruckt, lässt erahnen, welchen Einfluss der 64-Jährige auf den Erfolg des KIZ und die Impfaktionen im Schwarzwald-Baar-Kreis hatte. Denn diese beiden Eigenschaften gepaart mit dem Fachwissen auf pharmazeutischem Gebiet erwiesen sich als Fels in der Brandung in einer Pandemie, die für alle Beteiligten Neuland war. Auch für Landrat Sven Hinterseh. Dieser hatte den Direktor der Apotheke des Schwarzwald-Baar Klinikums im Rahmen der Vorbereitungen für das Kreisimpfzentrum (KIZ) im Dezember 2020 um Hilfe gebeten. Die daraus resultierende Videokonferenz machte aber deutlich, „dass es viele pharmazeutische Fragestellungen“ gab, wie Fellhauer erklärt. Vor allem aus zwei Gründen sagte er zu, als pharmazeutischer Leiter des KIZ an der Seite des Landratsamtes zu stehen. Neben der „sinnstiftenden Tätigkeit“, die ihn erfüllte, sei auch die fachliche Komponente „äußerst interessant“. Denn in seiner 30-jährigen Tätigkeit beim heimischen Klinikum habe es eine solche Situation noch nie gegeben. Fellhauer: „In weniger als zwölf Monaten nach dem ersten Kennenlernen der Krankheit wurde bereits ein Impfstoff auf den Markt gebracht.“ „Die Prozesse mussten standardisiert sein, was den Umgang mit den Impfstoffen betrifft, schließlich muss die Qualität der Leistung von den Personen unabhängig sein.“ Das A und O in diesem Fall: die Schulung des Personals. „Die Prozesse mussten standardisiert sein, was den Umgang mit den Impfstoffen betrifft“, erklärt er und nennt auch gleich den Grund: „Schließlich muss die Qualität der Leistung von den Personen unabhängig sein.“ Gemeinsam mit dem KIZ-Leiter Daniel Springmann hat man deshalb Handlungsempfehlungen erarbeitet – die aber regelmäßig aktualisiert werden mussten. Der Grund: Die Erkenntnislage zu den Impfstoffen hatte sich aufgrund der Erfahrungen immer wieder geändert, was aber jedoch auch zu Erleichterungen im Umgang führte. „Ich bin noch nie einem so empfindlichen Arzneimittel begegnet“ Das brachte besondere Herausforderungen mit sich. „Ich bin noch nie einem so empfindlichen Arzneimittel begegnet“, sagt der Fachapotheker für Klinische Pharmazie sowie Arzneimittelinformation und erläutert die Besonderheiten, mit denen der Experte in der Anfangsphase zu tun hatte: Lagerung bei -70 Grad, lichtempfindlich, erschütterungsempfindlich. Entsprechend sei auch der Umgang mit dem Impfstoff äußerst anspruchsvoll gewesen, denn es müsse sichergestellt sein, dass sich die Wirkung entfalten kann. Täglich neue Herausforderungen Dennoch hatte selbst die Gelassenheit von Fellhauer seine Grenzen, wie er zugeben muss. Insbesondere dann, wenn aus Reihen Außenstehender im Nachgang Entscheidungen kritisiert wurden. „Ich habe allergisch auf die Besserwisser reagiert“, so der Klinik-Apotheker. Schließlich mussten täglich Entscheidungen proaktiv getroffen werden „und oft ohne ausreichende Kenntnislage“. Dies sei überaus anspruchsvoll und auch im Klinikalltag abseits des KIZ „sehr belastend“ gewesen. Fellhauer: „Wir hatten keine Zeit, uns über Wochen Gedanken zu machen.“ 40 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Matthias Fellhauer Unbefriedigend sei für ihn darüber hinaus gewesen, dass zudem manche nur wenig zugänglich für sachliche Argumente gewesen seien. Er habe, auch jenen aus seinem Umfeld, nicht konkret zur Impfung geraten und lehne darüber hinaus eine Impflicht aus prinzipiellen Erwägungen ab. Aber: „Ich habe jedem gesagt: ‚Informiere dich umfassend und aus kompetenten, fachlich neutralen Quellen.‘“ Kein Thema war dies innerhalb des KIZ-Teams. „Der Teamgeist und die Zusammenarbeit mit der Leitung, der Ärzteschaft und den Medizinischen Fachangestellten hat mir gefallen“, zeigt sich der Fachapotheker vom Zusammenhalt beeindruckt. „Als wir uns zum Gruppenfoto aufgestellt haben, hatten wir alle das Gefühl, dass wir hier im KIZ etwas Sinnvolles machen.“ Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 41

 

 

 

Bianca Fattler 43 Jahre | Medizinische Fachangestellte Über Langeweile dürfte sich Bianca Fattler grundsätzlich nicht beklagen: Der heimische Schlossereiund Kunstschmiedebetrieb brummt, es gibt ein Haus mit Tieren zu versorgen, und auch ihr Mann Johannes sowie ihre Söhne Paul und Pius fordern die Aufmerksamkeit der 43-Jährigen aus Schönwald. Trotz allem musste Fattler nicht lange überlegen, als das Landratsamt nach medizinischem Fachpersonal gesucht hat, um für die Corona-Pandemie gewappnet zu sein. Zu groß war die Sorge vor einem dramatischen Pflegenotstand und einem Massensterben wie in den italienischen Hotspots. Die Kunstschmiedemeisterin erklärt mit Blick auf ihren alltäglichen Metallbauarbeiten: „Wenn es bei uns so weit kommt, braucht doch in erster Linie niemand mehr ein Geländer!“ Für Impfstoffzubereitung, das Impfen sowie die Dokumentation zuständig Dass die Schönwälderin zum gefragten medizinischen Personal gehört, hängt mit ihrer Ausbildung zusammen. Denn bevor sie die Leidenschaft für glühendes Metall packte und sie den elterlichen Betrieb übernahm, arbeitete sie als Krankenschwester im Kreisklinikum Schwarzwald-Baar Donaueschingen. Dass sie dem Beruf damals den Rücken zugekehrt hatte, hinderte sie nicht daran, jetzt wieder parat zu stehen. Ab Herbst 2020 ging es dann Schlag auf Schlag: Tageweise war sie in der Fieberambulanz des Landkreises gefordert, während des firmeneigenen Betriebsurlaubs im Dezember und Januar stieg sie als Vollzeitkraft in die geschlossene Covid-Kurzzeitpflege in einem Haus der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn ein („so ein Weihnachten braucht niemand“), ehe Anfang Januar die Anfrage für das Kreisimpfzentrum (KIZ) ins Haus flatterte. Fattler sagte zu, war als Medizinische Fachangestellte für die Impfstoffzubereitung, das Impfen sowie die Dokumentation zuständig. Auch als Teil des mobilen Impfteams. „Durch die Arbeit im KIZ konnten wir etwas bewegen und es war schön, ein Teil davon zu sein.“ „Im Winter ist die Zeit bei uns eher etwas ruhiger, da geht es etwas leichter, dass die Chefin aufgrund gewichtiger Gründe zu 100 Prozent woanders arbeitet“, erklärt sie. Gleichzeitig war aber klar: „Daheim muss jeder etwas mehr machen.“ Denn keineswegs war es so, dass sich die Metallgestalterin auf ihren zwischenzeitlichen Job konzentrierte, viel mehr fielen die Freizeit und die freien Tage der Doppelbelastung zum Opfer. Mitarbeit bei mobilen Impfteams über den 30. September hinaus Und auch nachdem die Arbeit im Handwerksbetrieb wieder zunahm, stand Fattler für das KIZ zur Verfügung – was die Kunden der Kunstschmiede mit Verständnis honorierten. „Die meinten dann: ‚Was, Sie impfen noch? Dann ist es kein Problem wenn’s ein bisschen länger dauert‘“, erzählt die gebürtige Schönwälderin. Das Verständnis und die Dankbarkeit der Impfwilligen waren es – neben der Unterstützung von daheim –, die ihr für die herausfordernde Zeit Kraft gaben. Aber da gab es auch noch etwas anderes: „Wir konnten etwas bewegen und es war 42 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Bianca Fattler schön, ein Teil davon zu sein.“ Denn das KIZ-Team habe sich gegenseitig motiviert, man habe trotz der Pandemie eine schöne Zeit erlebt, wie Fattler mit einer gewissen Zufriedenheit erzählt. Und deshalb bereut sie die Entscheidung, sich als Freiwillige für die Bekämpfung der Pandemie gemeldet zu haben, keineswegs. Ganz im Gegenteil. Denn trotz der Schließung des KIZ würde sie weiterhin zur Verfügung stehen. „Es muss ja auch nach dem 30. September mobile Impfteams geben – da könnte ich mir vorstellen, einmal die Woche zu helfen“, so die examinierte Krankenschwester. Doch zuerst steht wieder die Familie und der heimische Betrieb im Vordergrund. „Darauf freue ich mich jetzt wieder“, sagt die 43-Jährige. Schließlich ist ihre Leidenschaft für glühende Metalle noch lange nicht erloschen. Das Kreisimpfzentrum in Villingen-Schwenningen 43

 

 

 

Der neue Ursprung der Donau entsteht, ein kurzer Baustellenbericht von Michael Koch 44 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Blick zum neuen Donaubeginn (oben links), September 2021. Noch gibt es auch das alte Flussbett der Breg (rechts). 45

 

 

 

Seit dem Spatenstich zur Renaturierung des Zusammenflusses von Brigach und Breg – dem Ursprung der Donau – im Juli 2020 hat sich die Flusslandschaft in diesem Bereich gewaltig verändert. Durch zwei Bauabschnitte in den Jahren 2020/21 ist ein völlig neuer Beginn des europäischen Flusses Donau entstanden, der jetzt schon für Mensch und Natur einen großen Gewinn und Anziehungspunkt darstellt. Heute schon fast nicht mehr vorstellbar wurde der Beginn der Donau über Jahrzehnte durch den Zusammenfl uss der zwei stark begradigten und befestigen Unterläufe von Brigach und Breg gebildet und der Ursprung der Donau lag eher nüchtern fast unter der Brücke der Bundesstraße B 27. Die ökologische Qualität der Mündungsbereiche von Brigach und Breg und des Beginns der Donau war sehr eingeschränkt. Für Flora und Fauna war die Aufenthaltsqualität in diesem Bereich vergleichbar mit der Atmosphäre in einer Tiefgarage. Die Maßnahmenpläne nach der europäischen Wasserrahmenrichtlinie mit dem Ziel, einen guten ökologischen Zustand der Gewässer zu entwickeln, sahen deshalb für diesen Bereich eine notwendige Aufwertung der gewässerökologischen Strukturen vor. Neue Lebensräume schaffen Mit großen Erdbewegungen ist im Jahr 2020 zunächst der Bereich des neuen Zusammenfl usses durch großfl ächige Abgrabungen im Bereich des ehemaligen Kreistierheimes und dem ehemaligen Standort des Vereins der Hundefreunde Donaueschingen entstanden. Hier können Brigach und Breg in Zukunft in einem Mündungsdelta durch das Zusammenspiel von Erosion und Anlandung bei Hochwasser dynamisch immer wieder neue Lebensräume und ökologisch wertvolle Strukturen schaff en. Nach der Abgrabung des künftigen Mündungsdelta wurde die Brigach in einem ersten Meilenstein rund 300 Meter oberhalb der ehemaligen Mündung in den neuen Zusammenfl uss verschwenkt und der ehemalige Brigachunterlauf als Altarm ausgebildet. Über den Winter 2020/21 mit einigen Hochwasser abflüssen hat sich das Bild bereits verändert – Uferanbrüche und verschiedene Kiesablagerungen haben neue Strukturen im Mündungsdelta als potenzielle Lebensund Aufenthaltsräume u.a. für Fische und Wasservögel geschaffen. Um die Breg in den neuen Zusammenfluss zu führen musste zunächst über die Wintersaison 2020/21 eine neue Brücke gebaut werden, die den neuen Verlauf der Breg überspannt. Nach Ende der Fischschonzeit im Mai 2021 konnte dann der zweite Bauabschnitt der Erdarbeiten beginnen. Zunächst stand dies allerdings unter keinem guten Stern, da die für den Sommer über Wochen ungewöhnlichen Starkniederschläge und damit ablaufende Hochwasser den Bauablauf erheblich behinderten. Dennoch konnte Anfang Oktober 21, zum Ende der „Wasserbausaison“ und der wieder beginnenden Fischschonzeit, der zweite Bauabschnitt und damit die wesentlichen Erdarbeiten des Projektes abgeschlossen werden. In diesem zweiten Bauabschnitt bekam zunächst der letzte Kilometer der Breg ein völlig neues Gesicht. Aus dem gestreckten Kanal, in der Fachsprache einem ausgebauten Doppeltrapezprofil, wurde ein in den Grenzen der Hochwasserdämme mäandrierender Flusslauf mit unterschiedlichen Gewässerstrukturen erstellt. Hierzu wurde die mit Steinverbau befestigte Uferstruktur aufgebrochen und das ehemalige Hochwasservorland großflächig abgegraben, sowie Strukturelemente wie Wurzelstöcke, Stammund Steinbuhnen eingebracht und ein erster neuer Verlauf der Breg ausgebildet. Diesen neuen Verlauf kann die Breg in Zukunft allerdings innerhalb der gesicherten Hochwasserdämme mit künftigen Hochwassern immer wieder neu bilden. Durch diesen dynamischen Prozess werden stets neue Strukturen wie Kiesinseln, tiefe Kolke, flache Fließschnellen, Bereiche mit feinkörniger oder grobkörniger Sohlstruktur usw. entstehen und so unterschiedliche Lebensraumangebote für Flora und Geburt des neuen Donauzusammenflusses – der Bagger hat der Breg den Weg in ihr neues Flussbett freigeräumt. 46 Verlegung des Donaubeginns

 

 

 

 

 

 

Fauna ausbilden. Die letzten ca. 400 Meter des Bregverlaufes wurden in einem neuen Flussbett, unter der neuen Brücke hindurch zum neuen Ursprung der Donau verschwenkt. Der ehemalige Unterlauf der Breg wurde als Altarm mit geringem Restwasserdurchfluss und als Hochwasserflutmulde ausgebildet. Schon jetzt Begeisterung über den neu entstandenen Ort spürbar Am ersten September 2021 war dann der zweite große Meilenstein und die Breg konnte von ihrem neuen Bett Besitz ergreifen und in Richtung des Zusammenflusses, dem Beginn der Donau fließen. Mit Umschluss der Breg und dem Zusammenfluss von Brigach und Breg im neuen Mündungsdelta bekam die Donau nun ihren neuen Beginn. Seit diesem Tag ist der Verlauf der Donau um ca. 300 Meter länger. All die genannten Maßnahmen sind unter Berücksichtigung des Hochwasserschutzes ausgeführt worden, d.h. der Hochwasserabfluss hat sich durch die Maßnahmen nicht verschlechtert, der Hochwasserrückhalt sogar verbessert. Aufgrund der Berücksichtigung des Hochwasserschutzes konnte der Unterlauf der Brigach nicht so großzügig renaturiert werden. Hier wurde die ökologische Struktur dennoch durch Einbauten wie Stammund Steinbuhnen aufgewertet, um verbesserte Fließund Sohlstrukturen zu schaffen. Mit den Erdarbeiten ist aus dem Aushubmaterial ein Lärmund Sichtschutzwall zur Abgrenzung zur B 27 auf der ehemaligen Hausmülldeponie von Do48

 

 

 

naueschingen entstanden. Der neue Ursprung hat so durch Sichtund Lärmschutz eine zusätzliche Aufenthaltsqualität erhalten. Bei vielen Besuchern spürt man heute schon die Begeisterung über diesen neu entstandenen Ort. Neben der ökologischen Aufwertung ist hier in Stadtnähe ein Erholungsort mit besonderer Atmosphäre entstanden. Zugleich wird sich dies als touristischer Anziehungspunkt – dem Beginn der Donau, einem für Europa bedeutenden Ort entwickeln. So ist es nun zum Abschluss der Maßnahme die Aufgabe durch ein Besucherlenkungskonzept über Stege und Aussichtsplattformen sowie attraktive Informationsangebote über die Umgestaltungsmaßnahme, die Ökologie der Flusslandschaft, aber auch über den Beginn der Donau und seine Geschichte einen Ausgleich zwischen den Bedürfnissen des Menschen und der Natur zu schaffen. Weitere Fotos und Videos finden Sie unter www.almanach-sbk.de/donauverlegung Der Brigach-Durchbruch ist geschafft, der eine Quellfluss der Donau fließt in seinem neuen Bett. Zuvor wurde untersucht, ob ein Biberbau noch bewohnt ist (oben rechts) und Angler retten den Fischbestand im AltBett der Brigach (unten rechts). Verlegung des Donaubeginns 49

 

 

 

Bernhard Bolkart Von Weihnachten und Gewissheiten Wie Familie Bolkart im abgelegenen Schonacher Kolbenhof lebt und arbeitet von Tanja Bury 50 2. Kapitel – Da leben wir

 

 

 

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Bei den Bolkarts in Schonach ist das ganze Jahr über Weihnachten. Und das nicht nur, weil die Familie auf einem Hektar ihrer landwirtschaftlichen Fläche Christbäume anpflanzt. Rita und Bernhard Bolkart fühlen sich auch reich beschenkt: durch die idyllische Lage ihres Betriebs im abgelegenen Kolbenloch. „Die erste Zeit hier habe ich schlecht geschlafen – es war mir zu dunkel und zu ruhig“, sagt der 59-jährige Bernhard Bolkart und lacht. Weihnachtlicher Duft selbst im Hochsommer Man kann sie hören, die Stille. Kein Motorenlärm durchdringt die Schwarzwaldruhe rund um den Kolbenhof. Da sind nur das Rauschen der Bäume, das Plätschern des Bachs und das Singen der Vögel. „Die erste Zeit hier habe ich schlecht geschlafen – es war mir zu dunkel und zu ruhig“, sagt der 59-jährige Bolkart und lacht. Der gelernte Landwirt, Großund Einzelhandelskaufmann, Lohnunternehmer und BLHV-Funktionär ist mitten in Donaueschingen aufgewachsen, wo seine Eltern den letzten Bauernhof im Stadtgebiet bewirtschafteten. Seine Frau Rita ist im Kolbenloch groß geworden. 1998 hat das Ehepaar den Kolbenhof von ihren Eltern übernommen – und mit ihm ein Stück Familiengeschichte. Der Hof wurde 1605 gebaut und war immer im Besitz der Familie Dold, wie Rita Bolkart mit Mädchennamen hieß. Jede Generation, die auf dem Hof gelebt und gearbeitet hat, hatte mit Herausforderungen zu kämpfen, musste schwierige Aufgaben meistern. So auch die Bolkarts. Ein Jahr nach der Hofübernahme fegte Orkan Lothar übers Land, die BSE-Krise kam. „Die Einnahmequellen des Hofs sind zusammengebrochen“, erinnert sich der Landwirt. Doch statt aufgeben war anpacken angesagt. Die Eheleute stellten Rechts: Der Kolbenhof liegt nördlich von Schonach in einem schmalen Seitental des Gutachtales, direkt an der Gemarkungsgrenze zu Hornberg. Auf dem Schwarzwaldhof finden sich bis zu neun verschiedene Tannenarten. Familienaufnahme aus dem Jahr 1946, dem ersten Friedensjahr nach dem Zweiten Weltkrieg. 52 Da leben wir

 

 

 

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Sorgfalt und ein gutes Auge sind gefragt, um die kleinen Pflanzen im dichten Gras nicht zu übersehen und gar abzumähen. ausgemäht, weil die Steillage im Kolbenloch keinen Einsatz von Traktoren zulässt. „Außerdem sind Sorgfalt und ein gutes Auge gefragt, um die kleinen Pflanzen im dichten Gras nicht zu übersehen und gar abzumähen“, sagt Bolkart und zeigt auf einen der zierlichen Setzlinge. Er ist tatsächlich kaum zu sehen. Auch geschnitten werden müssen die Tannen – sonst wird nur aus jedem zweiten Baum ein ordentlicher Christbaum. Bolkarts Tannen sind biozertifiziert. Das heißt, der Landwirt verwendet keinerlei Pestizide. Die aufwändigen Pflegearbeiten und der geringere Ertrag lassen Bernhard Bolkart mit den Preisen der Verkaufsstände auf Superund Baumarktparkplätzen nicht mithalten. Doch das will er auch gar nicht. Ein nachhaltiges, regionales Naturprodukt ist sein Ziel – und die Freude, die er mit einem Bio-Christbaum aus dem Schwarzwald bei seinen Kunden auslöst. „Die ersten kommen schon in den Sommerferien und suchen sich ihre Tanne aus“, sagt Bolkart. Ab November herrscht Hochsaison auf dem Kolbenhof: Die Leute kommen direkt zum Betrieb, um ihren Baum abzuholen, außerdem wollen die zwei Verkaufsstellen in Schonach und Donaueschingen bestückt sein. Die Töchter Maria (links) und Christina bei der Arbeit in der Christbaumplantage. den Hof auf Biobetrieb und Mutterkuhhaltung um, bauten einen offenen Stall, entschieden sich, Christbäume anzupflanzen und den Wald klimastabil umzugestalten. Von den insgesamt 80 Hektar Land des Kolbenhofs sind heute 67 Hektar Wald, auf einem Hektar wachsen die Weihnachtstannen und der Rest ist offenes Gelände. Im Sommer wird der Baum für den Winter gemacht Bis zu neun verschiedene Tannenarten finden sich auf dem Schwarzwaldhof und warten darauf, an Weihnachten die Wohnzimmer zu schmücken. Neben der beliebten Nordmanntanne kann man sich bei Bolkarts beispielsweise eine Koreatanne oder eine amerikanische Riesentanne aussuchen. Ihr Harz strömt einen besonders intensiven Duft aus. So riecht es auch im Hochsommer nach Weihnachten. Überhaupt: Im Sommer wird der Baum für den Winter gemacht. Dazu ist viel Arbeit notwendig. Die Kulturen werden bis zu vier Mal mit der Motorsense Nach dem Fest ist vor dem Fest Gerade im vergangenen Corona-Winter sei das Abholen der Christbäume im Kolbenloch eine willkommene Abwechslung für viele Familien gewesen. „Die Kinder hatten ihren Spaß daran, durch die Kultur zu streifen, in der Natur zu sein, etwas zu erleben“, freut sich Bernhard Bolkart. Und während draußen die Christbäume von heute umgesägt wurden, dachte Rita Bolkhart drinnen vor ihrem PC über die Tannen von morgen nach: „Ich mach‘ rund um Weihnachten immer die Pflanzenbestellung fürs nächste Jahr fertig.“ Nach dem Fest ist vor dem Fest. 54 Da leben wir

 

 

 

Auch im Winter und bei Minusgraden muss der Wald bewirtschaftet werden. Weit in die Zukunft blicken, das ist als Waldbauer Dazu kommen die schwankenden Holzpreise. unerlässlich. Wer vom Forst lebt und ihn erhalten will, muss in Zeiträumen von bis 100 Jahren denken. „Das ist in unserer schnelllebigen Zeit für viele Menschen nicht vorstellbar“, sagt Bolkart. Im Ackerbau habe man jedes Jahr einen neuen Versuch, im Wald zeige sich erst nach vielen Jahrzehnten, ob man den richtigen Weg eingeschlagen habe. So habe etwa die Weißtanne in den 80er-Jahren als Todesbaum gegolten, danach war sie ein großer Hoffnungsträger. Jetzt zeige sich, dass sie durch die Erderwärmung massive Probleme bekommt. Die Herausforderung sei deshalb: Wie muss der Wald umgestaltet werden, um dem Klimawandel zu trotzen? „Es braucht wiederstandfähige Mischwälder“, gibt Bolkart die Antwort und zeigt auf den Hang gegenüber. Dort wachsen Esskastanien und Schwarznuss. Auch Winterlinden und Douglasien hat der Waldbauer gepflanzt. „Zusammen mit Buchen, Ahorn und Eschen als Gegensatz zu Fichte und Tanne haben wir eine gute Mischung auf dem Betrieb“, erklärt er. Die Esche sei jedoch gerade das Sorgenkind, sie sterbe ihm und seinen Kollegen weg. „Das sorgt für Unsicherheit.“ 2021 auf einem Hoch, waren sie in den vergangenen Jahren im Keller. Der Grund: Sturm und Schädling. 2018 sind in Baden-Württemberg nach Aussagen von Forstexperten 1,1 Millionen Festmeter Schadholz angefallen, in der ganzen Bundesrepublik 50 Millionen. Weit in die Zukunft blicken, das ist als Waldbauer unerlässlich. Wer vom Forst lebt und ihn erhalten will, muss in Zeiträumen von bis 100 Jahren denken. Erst nach vielen Jahrzehnten zeigt sich, ob man den richtigen Weg eingeschlagen hat. Bernhard Bolkart 55

 

 

 

Hochsaison auf dem Kolbenhof: Die Leute kommen direkt zum Betrieb, um ihren Baum bei Sohn Sebastian Bolkart abzuholen, außerdem wollen die zwei Verkaufsstellen in Schonach und Donaueschingen bestückt sein. Dazu kam Holz aus anderen Ländern, die ebenfalls von Stürmen, Trockenheit und Käferbefall betroffen waren – beispielsweise 20 Millionen Festmeter aus Tschechien. Der Markt wurde überschwemmt, die Preise stürzten ab. Außerdem macht massive Trockenheit dem Wald zu schaffen. Die Bäume sind angeschlagen und damit anfällig für den Borkenkäfer. Er sorgt dafür, dass der Nährstofftransport unter der Rinde unterbrochen wird, was den Baum nach und nach absterben lässt. Außerdem hat das Tierchen einen Pilzerreger im Gepäck, der das Holz blauschwarz verfärbt, was einen massiven Qualitätsverlust und weniger Einnahmen bedeutet. Auch wenn Bolkart in seinem eigenen Wald in den vergangenen Jahren kaum mit Sturm und Käfer zu kämpfen hat, die Auswirkungen spürt er dennoch. „Drei Jahre fehlten die Einnahmen fast ganz. Wir hauen ja kein gutes Holz in einen schlechten, übervollen Markt“, erklärt er. Der Regen, der diesen Sommer so reichlich gefallen ist, hat das Herz des Waldbauern höher schlagen lassen – weil er weiß, wie gut die Nässe dem Forst tut. Der Sommermensch Bernhard Bolkart aber hat wie viele andere gelitten: „Ich gebe zu, ich mag es gerne trocken und warm.“ „Zusammen mit Buchen, Ahorn und Eschen als Gegensatz zu Fichte und Tanne haben wir eine gute Mischung auf dem Betrieb.“ „Nur Zusammenarbeit bringt uns weiter“ Bequem macht es sich Bernhard Bolkart selten. Neben der Arbeit auf seinem eigenen Betrieb hilft er seinem Bruder, der den Weiherhof bei Donaueschingen betreibt. Und Bolkart ist vielfach ehrenamtlich engagiert: beim Landschaftserhaltungsverband Schwarzwald-Baar, als Vorsitzender des Kreisverbands Villingen des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) und erster 56 Da leben wir

 

 

 

BLHV-Vizepräsident auf Landesebene. In diesen Funktionen hat Bernhard Bolkart mit allen Facetten der Landwirtschaft zu tun, kennt die Probleme, steht mit Behörden in Kontakt, sucht den Austausch. Vor allem dieser ist dem Landwirt bei seiner Verbandsarbeit wichtig. Zu lange, sagt Bolkart, habe man sich mit Naturschützern Grabenkämpfe geliefert und sich statt aufeinander zu mehr und mehr voneinander weg bewegt. Dabei könnten die Herausforderungen nur gemeinsam und im Dialog gemeistert werden. Das habe sich immer wieder gezeigt. „Zusammenzuarbeiten – das kann uns alle nur weiterbringen“. Beispielsweise beim Thema Wolf. Die Rückkehr des Raubtiers ist ein großes und emotional aufgeladenes Thema bei Landwirten und Umweltschützern. Auch hier geht es Bolkart darum, gemeinsam Lösungen zu finden. „Wir Landwirte müssen das Gespräch annehmen und uns in den Prozess einbringen“, sagt der BLHV-Funktionär. So sei in Sachen Herdenschutz schon einiges erreicht worden. Doch er muss weiter im Auge behalten, dass die Sorgen und Ängste der Landwirt ernst genommen werden. Dafür setzt Bolkart sich ein. Für ihn und seine Frau steht fest: Ein Wolfriss in ihrer Mutterkuhherde und die Tierhaltung wird aufgegeben. Die Gewissheit, am richtigen Platz zu sein Die Kühe liegen im Gras und genießen die Sonne. Im Bauerngarten wiegen sich Rita Bolkarts Lieblingsblumen, die Dahlien, im leichten Wind. Kein Zweifel – es ist ein besonderes Fleckchen Erde, auf dem die Familie lebt. Doch ist es nicht auch schwierig, so weit draußen, so einsam zu wohnen? Das Ehepaar schaut sich an, beide schütteln den Kopf. Nein, Nachteile können sie keine daran finden, im Kolbenloch zu Hause zu sein. Ganz im Gegenteil. „Hier hat mein seine Ruhe, seine Freiheit. Das ist Lebensqualität“, sagen die Bolkarts. Wie privilegiert es sei, im Außenbereich zu leben – die Corona-Pandemie habe es gezeigt. „Und wir sind ja nicht ganz ab vom Schuss – auch wenn Schnee und Eis uns manchmal nicht vom Hof wegkommen lassen“, sagt Bernhard Bolkart und schmunzelt. Dann wird eben gestrichen, gewerkelt und geräumt. Und durch den Glasfaseranschluss, den der Hof seit einiger Zeit hat, können sich die Bolkarts die weite Welt in den Wald holen. „Wir haben hier alles, was wir brauchen – und noch mehr.“ Wen „Wir haben hier alles, was wir brauchen – und noch mehr.“ Wen wundert es also, dass Urlaub für die Bolkarts bedeutet, die Arbeit früher zu beenden, ein Eis aus der Gefriertruhe zu holen, sich mit einem guten Buch auf die Terrasse zu setzen und der Stille zu lauschen. wundert es also, dass Urlaub für die Bolkarts bedeutet, die Arbeit früher zu beenden, ein Eis aus der Gefriertruhe zu holen, sich mit einem guten Buch auf die Terrasse zu setzen und der Stille zu lauschen. Auch die drei Kinder haben es genossen, hier groß geworden zu sein. Der Sohn wohnt weiter auf dem Hof, er möchte ihn gerne übernehmen und das nächste Kapitel in der Tradition des Kolbenhofs zu schreiben. Es ist eine Geschichte von Weihnachten das ganze Jahr über und einem großen Geschenk: der Gewissheit, am richtigen Platz zu sein. Bernhard Bolkart 57

 

 

 

Wilfried Straub Ein Imker und seine 24 Bienenvölker Eine besondere Beziehung zu einem besonderen Tier und eine große Bedeutung für Mensch und Natur von Barbara Dickmann Honig ist gesund, Honig auf frischem Brot ein Genuss, Propolis etwas ganz hochwertiges und zu besonderen Anlässen gibt es immer Kerzen aus Bienenwachs. Das ist ja bekannt. Und das Thema ist klar: die Biene. Doch Wilfried Straub liegt noch viel mehr am Herzen – etwas, was uns alle angeht. Denn „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben“. Mit diesem Zitat, das dem Physiker Albert Einstein zugeschrieben wird, beginnt er unser Gespräch. Wie spannend und wichtig die brummenden Insekten sind, wie lehrreich und interessant die folgenden Stunden werden würden, ahnte ich in keiner Weise. 58 Da leben wir

 

 

 

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Schönenbach/Furtwangen Ende Juli. Wilfried Straub, 67 Jahre jung, schlank, sportlich und topfit ist Imker – und das mit Leib und Seele, mit Begeisterung und großer Hochachtung! Denn was diese auch manchmal stechenden Tierchen in ihrem kurzen Leben leisten, ist einfach unglaublich. Unermüdlich fliegen sie von Blüte zu Blüte, von Löwenzahn zu Löwenzahn, von Kirschblüte zu Kirschblüte … ganz gezielt und nicht wild umher. „Das nennt man sortentreu,“ erklärt Wilfried Straub und hat damit schon eine der wichtigsten Aufgaben umrissen. Denn nur so klappt die Bestäubung und damit auch die große Chance auf Äpfel, Birnen, Kirschen, Beeren… und natürlich auch auf Blütenhonig, Tannenhonig, Löwenzahnhonig. „Rund 80 Prozent der 2.000 bis 3.000 heimischen Nutzund Wildpflanzen sind auf die Honigbienen als Bestäuber angewiesen!“ Es geht also nicht nur um den Honig, obwohl der schon Grund genug wäre. Wie aus Wilfried Straub ein Imker wurde Die Abläufe in der Natur, die Funktion der Insekten und ihre Wichtigkeit als Bestäuber interessierten Wilfried Straub schon immer. „doch die Gesundheit der Bienenprodukte hat mich so fasziniert, dass ich zu einem stetigen Kunden eines Imkers wurde,“ erinnert sich Wilfried Straub. Sein Honigverbrauch wurde immer mehr und irgendwann meinte sein Imker, bei seinem Bedarf könne er sich auch eigene Bienen halten. „Dann bring mir ein Bienenvolk“, sagte er spontan. Der Imker schüttelte nur den Kopf und brachte ihm Wilfried Straub beim Abfüllen des Honigs. Wilfried Straub 61

 

 

 

Wilfried Straub bei seinen 24 Bienenvölkern. drei, denn das sei das Minimum. Und damit begann alles. Die ersten drei Jahre werden seine Lehrjahre. Wilfried Straub holt sich Infos aus dem Internet, besucht Kurse und studiert seine Völker. Er will genau wissen, wie man am besten mit diesen fleißigen Tierchen umgeht. Schnell wird ihm bewusst, dass er jetzt Massentierhalter ist, denn jedes Bienenvolk besteht aus ca. 50.000 Bienen! … Wussten Sie, dass die Bienen allein durch ihre Bestäubungsarbeit rund 1,6 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaften? Dass Äpfel, Birnen, Kirschen oder Pflaumen durchschnittlich 65 Prozent mehr Ertrag haben, wenn sie durch Bienen bestäubt werden? Honig kristallisiert immer: Imker setzen ihrem Honig keinen Zucker zu und das erkennt man an der Kristallisation. Denn genau die ist ein Zeichen dafür, dass es sich um echten, reinen, puren und naturbelassenen Honig handelt. Wilfried Straubs Honigsorten: Tannenhonig, Rapshonig, Lindenblütenhonig, Waldund Blütenhonig, Blütenhonig, Löwenzahnhonig. Und manchmal: Kastanienund Akazienhonig. Dazu noch „Wälderpower“, ein Brotaufstrich aus 80 Prozent Tannenhönig und 20 Prozent Schösslesirup. 62 Da leben wir

 

 

 

(Quelle: Analyse Universität Hohenstein, 2018) „Und das nur in Deutschland,“ ergänzt Wilfried Straub. Und selbst bei Gemüse variiert dieser Wert zwischen fünf Prozent (Bohnen, Paprika und Tomaten) und 95 Prozent bei Kürbis und Zucchini (Quelle: Analyse Universität Hohenstein). „Da gibt es noch viel mehr Unterschiede, denn Gewicht, Zucker-Säure-Gehalt, Keimkraft, Fruchtbarkeit und Lagerfähigkeit werden deutlich gesteigert“. Die Biene – ein Nutztier ? Nächste Frage: Wussten Sie, dass 175 Bienen ein Leben lang schuften müssen, um ein Glas Honig zu füllen? Dass sie neben Rind und Schwein die wichtigsten Nutztiere sind? Dass es ohne Bienen keine Schweine und Rinder gäbe? Dass jeder dritte Löffel Essen von den Bienen abhängig ist? (Quelle: Umweltbundesamt) Nicht nur Honigbienen haben es schwer, laut „Roter Liste“ ist die Hälfte der 560 Wildbienen-Arten vom Aussterben bedroht (Quelle: WWF Deutschland). „Mehr als 75 Prozent aller Insekten haben wir in den letzten 27 Jahren ausgerottet, rein rechnerisch schaffen wir die restlichen Insekten in den nächsten vier bis acht Jahren (Quelle: Radboud-Universität). Weit vorher wird es einen Kampf um Nahrung geben“. Wilfried Straub ist tief betroffen über diese Prognose, denn seine Arbeit in der Natur und mit seinen Bienen, diesen so wichtigen, fleißigen Nutztieren, hat ihn so begeistert, dass er inzwischen 24 Völker betreut, also insgesamt ca. 1,5 Millionen Bienen. Aus dem Hobby-Imker von 2008 ist ein Profi geworden. In guten Jahren kann er ein bis zwei Tonnen Honig erzeugen. Seine Devise war von Anfang an: so viel wie möglich Honig produzieren, mit null Prozent Bienenverlust! Das zieht er nun schon viele Jahre mit Erfolg durch. Ungefähr 300 bis 500 Stunden Arbeit an den Völkern investiert er ohne DAS BIENENJAHR Januar: Die Bienen sind in einer Wintertraube und wärmen sich gegenseitig. Die Königin wird gehegt, gepflegt und gefüttert. Ende Januar/Februar: Die Nussbäume blühen, die (Bienen-) Sammlerinnen holen die Blütenpollen für die jungen Bienen und die Königin beginnt Eier in leere Waben zu legen. Der Imker ersetzt alte, dunkle Waben durch neue, befreit die Bienen von eventuellem Milbenbefall, „mit biologischen Mitteln,“ erläutert Wilfried Straub und beobachtet, ob die Völker mit Zuckersirup oder Frühtracht-Honig nachgefüttert werden müssen. Die alten Waben werden eingeschmolzen und zu Wachsblöcken und Wachskerzen verarbeitet. Ab April: Die Obstbäume blühen und es gibt den ersten Frühtrachthonig. Die Bienen brauchen Platz, sonst ziehen sie eine neue Königin. Eine von beiden geht dann und nimmt einen bedeutenden Hofstaat mit. „Das ist ein großer Verlust für den Imker von 20 bis 50 Prozent, den man aber durch verschiedene Maßnahmen verhindern kann“. Der Löwenzahn blüht: Der erste Höhepunkt der Honigernte. Frühsommerzeit: In dieser Zeit entsteht oft eine Trachtlücke und der Imker tut gut daran zu kontrollieren, ob die Bienen genügend zu knabbern haben, ansonsten muss er wieder nachfüttern. Mit sanften Mitteln behandelt er die Varroa-Milben, die ihre Eier gerne in der Drohnenbrut (männliche Bienen) ablegen. Juli/August: Der Wald honigt! Das heißt, dass Baumläuse die Bäume anstechen und Baumsaft zu Honigtau verarbeiten. Diese klebrigen Tropfen holen sich die Bienen und verarbeiten sie zu Waldhonig. Füttern und Endbehandlung: Da Waldhonig schwer verdaulich ist für die Bienen, muss er komplett geerntet werden, dann wird in drei Etappen gefüttert und zusätzlich Topinambur-Saft beigemischt. „Das stärkt die Abwehrkräfte“. Bei guten Wetter steht die Endbehandlung mit Ameisensäure an und im frühen Winter noch einmal mit Oxalsäure. Winterruhe: Zur Sicherheit kommt ein Mäusegitter zum Schutz vor das Flugloch. Über den Winter werden dann die Waben gegen Wachsmotten behandelt und in Essigsäure getränkt. Das sind bei 20 Völkern ca. 300 Stunden Arbeit. Wilfried Straub 63

 

 

 

Vor dem Schlupf der neuen Königin setzen sich Tausende von Arbeitsbienen meistens an einem Ast ab, bevor das neue Quartier bezogen wird. Vermarktung! „Was für ein schönes Hobby, höre ich oft,“ lacht Wilfried Straub. Ja, das stimme wohl, aber auch zu 50 Prozent ein knochenharter Job mit einem Stundenlohn von vielleicht zwei Euro! Das macht schon nachdenklich. Denn welcher Jungimker wird sich so viel Arbeit für so wenig Geld antun. Was tun? Wilfried Straub hat Lösungsvorschläge parat, die man leicht umsetzen kann. Hier einige davon: • Imker bestäuben mit ihren Bienen unentgeltlich die Agrarlandschaft, das muss geändert werden. • Regional einkaufen, regionale Produkte verwenden (nicht nur Honig) • Auf biologischen/regionalen Anbau achten. • Wo es geht, Blühflächen ansetzen. • „Geiz ist nicht geil“, denn das bewirkt, dass Billigprodukte durch die halbe Welt gefahren, Menschen ausgebeutet und Kinder ausgenützt werden. • Auf die Natur achten und sich um sie kümmern….. Sich kümmern um Menschen Sich kümmern hat für Wilfried Straub noch eine besondere Bedeutung. Er war Mitinitiator als 1996 der Schwarzwald-Bike-Marathon ins Leben gerufen wurde, der nicht nur ein sportlicher Wettkampf, sondern auch ein Wettbewerb für den guten Zweck ist. Von Anfang an erhält die familienorientierte Krebsnachsorgeklinik Katharinenhöhe in Schönwald jedes Jahr eine große Spende, die dringend benötigt wird. Ein absolutes Highlight für die kleinen, leidgeprüften Patienten ist jedoch die Streckenfüh64 Da leben wir

 

 

 

Wilfried Straub ist Mitinitiator als 1996 der SchwarzwaldBike-Marathon ins Leben gerufen wird. Dieser ist nicht nur ein sportlicher Wettkampf, sondern auch ein Wettbewerb für den guten Zweck. rung, die genau durch die Katharinenhöhe führt. Ein ganz besonderer Tag, der Mut macht und Sorgen, Ängste und Nöte für eine Weile vergessen lässt. Sportliche Erfolge „Sport habe ich schon immer gemacht,“ berichtet Wilfried Straub. Und was er anpackt macht er gründlich. Er ist ein Perfektionist, ein Sportler, ja eigentlich ein Extremsportler. Er sucht immer seine Grenzen. Langlauf und Radfahren mit dem Rennrad sind sein Ding – bis er in den 80er-Jahren das erste Mountain Bike in einem Schaufenster sieht. Damit durch den Wald fahren, Pilze sammeln und noch mehr die Natur entdecken! 1985 steht es in seiner Garage und 1989 nimmt er am MountainbikeWeltcuprennen in Österreich teil, 1990 im US-Bundesstaat Colorado als Mitglied der Deutschen National-Mannschaft… es folgen noch viele Rennen. Gemeinsam mit Ulli Rottler aus Villingen, dem dreifachen Weltmeister, tingelt er durch die Welt – von Weltmeisterschaft zu Weltmeisterschaft. „Wir fahren heute noch zusammen,“ freut sich der leidenschaftliche Sportler und Vizeweltmeister. Letzter Sieg: 2020 bei den offiziellen Europameisterschaften im Skimarathon in Leutasch (Österreich) geht er als Erster durch‘s Ziel! Keine Frage, Honig ist gesund und lecker. Doch irgendwie ist dieses Glas mit dem goldgelben Inhalt nach diesem Nachmittag mit Wilfried Straub etwas Besonderes geworden. Und die Biene betrachtet man mit ganz anderen Augen. „Noch können wir die Wende mit viel Aufwand herbeiführen,“ sagt Wilfried Straub, „packen wir es an!“ Ob im Sommer auf dem Mountainbike oder im Winter beim Skimarathon: Beim Sport ist Wilfried Straub auf der Suche nach seinen Grenzen. Wilfried Straub 65

 

 

 

Alaa (Ali) Hamo Vollumfänglich in Deutschland angekommen Von Hans-Jürgen Kommert Der einstige unbegleitete Jugendliche hatte sich als Flüchtling aus dem kurdischen Syrien über die Türkei, Griechenland, Mazedonien und Österreich nach Deutschland durchgeschlagen, das er eigentlich zunächst ebenfalls nur als „Durchgangsland“ betrachtet hatte. Denn sein eigentliches Ziel war damals Skandinavien. Ali, wie er sich mittlerweile deshalb nennt, weil sich Europäer sehr schwertun, seinen Namen richtig auszusprechen, wurde im März 1997 in Kobanê im Norden Syriens geboren. Sein Vater, der wie die Mutter keinen Beruf hatte, führte neben der Landwirtschaft ein kleines Ladengeschäft, wo er schon während seiner Schulzeit gerne mitarbeitete. „Hier verkauften wir das, was unser Land hergab: Wir hatten ein paar Olivenbäume, pflanzten Getreide und Kreuzkümmel an“, zeigte er auf, was der Familie Einkommen brachte. Er habe als Kind liebend gerne draußen gespielt, eine weitere Leidenschaft aber war der Blick hinter die Fassaden: „Ich glaube, ich habe sehr regelmäßig dafür gesorgt, dass wir einen neuen Fernseher gebraucht haben, weil ich alles zerlegen musste, um die Technik hinter den Dingen zu erkunden. Und nicht alles, was ich zerlegt habe, habe ich auch wieder zusammenbauen können“, erzählt er aus seiner Kindheit. Glückliche Kindheit in Syrien Er war das fünfte von insgesamt zehn Kindern, die Vater und Mutter geschenkt wurden. „Einen Kindergarten gab es zwar, der war aber für einfache Leute einfach zu teuer, so etwas konnte sich nur die Elite „Ich habe regelmäßig dafür gesorgt, dass wir einen neuen Fernseher gebraucht haben, weil ich alles zerlegen musste, um die Technik hinter den Dingen zu erkunden. Und nicht alles, was ich zerlegt habe, habe ich auch wieder zusammenbauen können“, erzählt Alaa aus seiner Kindheit. erlauben“, räumt Ali ein. Immerhin neun Jahre Schule für die Kinder leistete sich das Ehepaar. Daher hatte der Vater zur Ernährung der großen Familie neben dem Ladengeschäft einen Handwerksbetrieb, wo er als Elektriker die Stromversorgung von Häusern sicherte. Auch dabei half ihm sein Sohn – schon als Jugendlicher habe er, so erzählt Ali, die ersten Neubauten komplett selbst installiert. 66 Da leben wir

 

 

 

Alaa oder auch Ali Hamo fühlt sich wohl in Deutschland, hier bei einem Ausflug nach Waldkirch. 67

 

 

 

„Mein Vater wollte damals unbedingt, dass ich einmal Medizin studiere. Deshalb auch mein Name – nach Ansicht meines Vaters würde sich der Name Alaa auf dem Praxisschild wirklich gut machen.“ „Wir waren nicht wirklich arm, aber auch alles andere als reich – dabei habe es durchaus Menschen in seiner Verwandtschaft gegeben, die mit irdischen Gütern reichlicher gesegnet waren: So sei einer seiner Onkels Agraringenieur, ein weiterer Jurist und zwei hätten Autohäuser geführt, allerdings habe sein Vater nur Halbgeschwister gehabt. Eine glückliche Kindheit habe er zunächst erlebt, immer aber durchsetzt mit selbst gewählter Arbeit. „Wenn ich nichts zu tun gehabt hätte, wäre mir sicher schnell langweilig geworden“, ist er sich im Nachhinein sicher. Ein Jahr lang besuchte Ali die Vorschule, danach die Grundschule und dann die siebte bis neunte Klasse, was in seiner Heimat einem Zwischending zwischen Realschule und Gymnasium entsprach – dann aber kam die Prüfungszeit. „Um die Prüfungen ganz sicher zu bestehen, braucht man in Syrien auch privaten Unterricht, was allerdings richtig teuer ist. Und weil das so ist und meine Eltern sich das nicht leisten konnten, musste ich mir viele Dinge selbst beibringen“, erinnert er sich an die Schulzeit zurück. Flucht vor dem „Islamischen Staat“ 2010 begann es dann in Syrien zu gären – der so genannte „arabische Frühling“, der bereits zuvor viele andere Staaten erfasst und verändert hatte, war jetzt auch hier angekommen. Früher hätten, wie im ganzen Land, auch in Kobanê Kirchen und Moscheen friedlich nebeneinander existiert, die Menschen beider Glaubensrichtungen lebten miteinander. Man habe dann zunächst etwas erlebt, was bis dahin nicht vorstellbar gewesen sei – eine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen und der Regierung des Machthabers Assad, in der Korruption Arbeit in der Türkei auf der Baustelle, Ali ist hier 17 Jahre alt. Im Schuljahr 2012/2013 stand er nach eigenen Aussagen kurz vor dem Abschluss, der in Deutschland dem Abitur entspräche. „Mein Vater wollte damals unbedingt, dass ich einmal Medizin studiere“, erzählt der junge Kurde. Das sei auch der Grund für seinen Namen gewesen – „nach Ansicht meines Vaters würde sich der Name Alaa auf dem Praxisschild wirklich gut machen“, weiß er. Der Vater selbst hatte nach der schulischen Grundausbildung am Ende der sechsten Klasse die Schule verlassen müssen, weil sie für die Eltern einfach zu teuer war. Alis Mutter durfte dagegen überhaupt nicht zur Schule gehen. „Meine Mutter hat sich aber vollkommen autodidaktisch die Grundzüge der arabischen Schrift angeeignet, sodass sie ein wenig lesen kann“, erklärt der junge syrische Kurde nicht ohne Stolz. Zuhause wurde selbstverständlich kurdisch gesprochen, obwohl das offiziell verboten war, denn arabisch sei nicht nur Amtssprache, sondern auch die offizielle Sprache in Syrien gewesen. 68 Da leben wir

 

 

 

und die Unterdrückung anderer Ethnien an der Tagesordnung waren. Was aber am Anfang erst einmal so ausgesehen habe, dass Reformen kommen könnten, sei schnell zu einer Art Revolution geworden, die aber in ihren Ursprüngen eher linksgerichtet gewesen sei. Was zunächst friedlich begonnen habe, sei dann recht bald schon in Gewalt umgeschlagen, da sich Baschar Hafiz al-Assad nicht einfach geschlagen geben wollte. „Wir, die wir im kurdischen Gebiet Syriens lebten, hatten am Anfang sogar Hoffnungen, dass dabei durch Abspaltungen ein echter Kurdenstaat entstehen könnte, zusammen mit den iranischen und türkischen und vielleicht sogar irakischen Kurden“, gibt Ali zu. Dann aber überzog im Jahr 2014 der sogenannte „Islamische Staat“, eine sehr rechts gerichtete, erzkonservative Terrororganisation, die Provinz und somit auch die Stadt Kobanê mit mörderischen Angriffen. Ein großer Teil der Bevölkerung wurde damals in die Türkei evakuiert oder flüchtete dorthin. „Auch meine Familie flüchtete in dieser Zeit der Kriegswirren – die zum Teil immer noch existieren und derzeit erneut aufflammen“, berichtet Ali. Links: An der türkischen Küste am Tag der Flucht mit dem Boot stehen hunderte am Strand und warten auf Fluchtgelegenheit. Rechts: Während der Flucht auf der griechischen Insel Mytilini, viele junge Männer stehen dort an, um zu duschen. sei, zu erkennen, wenn Verhandlungen für ihn schlecht gelaufen seien. Im Sommer 2015 war er dann schließlich der Meinung, er habe nun genug gespart, um aus diesen miserablen Verhältnissen weiter zu flüchten. Und so kam er über Izmir, Griechenland, Mazedonien und Österreich in die Europäische Union. Unterwegs habe er viele weitere Demütigungen erleben müssen, betont er. Immer wieder habe man auch versucht, ihn und andere Flüchtlinge zu bestehlen und zu betrügen. „Eigentlich wollte ich damals nur nach dem Westen, Deutschland war niemals als Endziel angedacht, dieses Land hatte ich nie wirklich im Sinn“, erzählt er im Gespräch. Dennoch stand er dann irgendwie am 25. August 2015 plötzlich am Hauptbahnhof München, dort wurde er erstmals als unbegleiteter Flüchtling Als Hilfsarbeiter auf dem Bau in der Türkei Im Nachbarstaat Türkei habe er dann, um Geld zu verdienen, auf dem Bau gearbeitet, unter widrigsten Bedingungen. „Sechs Tage in der Woche und bis zu 15 Stunden am Tag, mit dem niedrigsten Lohn – und manchmal gab es für gute, harte Arbeit auch gar nichts.“ Zunächst als Schmied und später dann als Bauhilfsarbeiter musste er viele Demütigungen erleben. Er lernte aber so ganz nebenbei die türkische Sprache, sodass er schnell in der Lage gewesen „Eigentlich wollte ich damals nur nach dem Westen, Deutschland war niemals als Endziel angedacht, dieses Land hatte ich nie wirklich im Sinn.“ Alaa (Ali) Hamo 69

 

 

 

„Ich habe rasend schnell Deutsch gelernt, auch deshalb, weil ich festgestellt habe, dass Sprachkenntnisse überall eine Schlüsselstellung einnehmen. Dabei habe ich meiner Lehrerin Ranka Pretzer-Korac sehr viel zu verdanken.“ Ali durfte bei seiner Ausbildungsfirma Siedle einen Anwendungsfilm für Siedle Anlagen drehen. registriert. Über Ellwangen, Karlsruhe und Neustadt kam er dann schlussendlich in Donaueschingen im dortigen Aufnahmelager an, wo er sich mit vier weiteren Flüchtlingen ein Zimmer teilen musste. „Ich habe in Deutschland auch Anhänger des IS gesehen, die mich auch bedroht haben. Da ich aber zu der Zeit noch kein Wort Deutsch konnte, war es mir nicht möglich, jemanden auf diese Männer aufmerksam zu machen“, gibt er unumwunden zu. Nachdem ihm auf den letzten Kilometern sein gesamtes Hab und Gut gestohlen wurde, was er nicht direkt am Leibe trug, musste er 40 Tage lang mit nur einem einzigen T-Shirt auskommen, das er in dieser Zeit dann abends immer gewaschen habe, damit es über Nacht trocknen konnte. Bei seiner Ankunft war er sich sicher, dass er bald wieder weiter ziehen könne – doch es sollte völlig anders kommen. Akzentfreie Aussprache bereits nach fünfeinhalb Jahren in Deutschland Bereits am 1. November 2015 habe er in Deutschland seinen ersten Schultag gehabt, in der Robert-GerwigSchule in Furtwangen, wo es die erste VABO-Klasse (Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf mit dem Schwerpunkt Erwerb von Deutschkenntnissen) gab. „Ich habe rasend schnell Deutsch gelernt, auch deshalb, weil ich festgestellt habe, dass Sprachkenntnisse überall eine Schlüsselstellung einnehmen. Dabei habe ich meiner Lehrerin Ranka PretzerKorac sehr viel zu verdanken“, erinnert er sich dankbar. Schnell habe er aber auch in Mathematik, Physik und Kunst Fuß gefasst. Schon nach drei Monaten Deutschunterricht habe er als Übersetzer aushelfen können. Nach rund sieben Monaten hatte er die Sprache dann weitgehend verinnerlicht. Um noch besser sprechen zu lernen, habe er in Donaueschingen in einem Mehrgenerationenhaus ehrenamtlich mitgearbeitet, wo er auch seine „ErsatzMama“ kennengelernt habe, mit der er bis heute einen sehr liebevollen Kontakt habe. Papiere habe er bei seiner Flucht nicht mitnehmen können, dafür seine Schulzeugnisse. „Ich habe die übersetzen lassen, sodass man feststellen konnte, dass ich schon immer ein guter Schüler war“ erklärt er. Im Berufsbildenden Schuljahr BFW 1 erwarb er auch in Deutschland die Mittlere Reife, mit einem Durchschnitt von 1,4. Danach besuchte er die Klasse „Gestaltungsund Medientechnik“ (GMT) an der RobertGerwig-Schule, wo er im Frühjahr 2020 sein Abitur mit der Note 2,1 bestand. Hier lernte er seine Lebensgefährtin Alexandra Kern aus Vöhrenbach kennen und lieben. Seine Deutschkenntnisse hatte er bis dahin nahezu perfektioniert, es ließe sich niemals vermuten, dass Alaa Hamo erst seit fünfeinhalb Jahren hier ist, denn seine Aussprache ist praktisch akzentfrei. „Ali besteht darauf, dass ich ihn sofort korrigiere, wenn er etwas falsch ausspricht“, räumt die junge Frau ein. Er sei in dieser Hinsicht ein absoluter Perfektionist. „Alles ist heutzutage möglich, wenn man es wirklich will“ Nebenbei lernte er bei Stephan Weisser an der Jugendmusikschule St. Georgen-Furtwangen das Gitarrenspiel, gab an verschiedenen Orten kleine 70 Da leben wir

 

 

 

Konzerte und erzählte über Syrien, den Islamischen Staat und seine Flucht in den Westen Europas. Während der Schulzeit nahm Hamo unter anderem an der „Schüler-Ingenieur-Akademie“ teil, die von der Furtwanger Firma S. Siedle & Söhne gesponsert wird. Die wurde dadurch auf den jungen Syrer aufmerksam und bot ihm ein sogenanntes „Studium Plus, Fachrichtung Informatik“ an, das neben dem Abschluss als Bachelor auch einen beruflichen Abschluss bietet. Da er aber zu wenig Geld dafür hatte, war es Alexandra Kern, die selbst ein Duales Studium „Sozialwirtschaft“ durchführt, die ihm hier weiterhalf. Sie suchte nach einen Weg, ihren Freund finanziell zu fördern – und fand dazu eine passende Möglichkeit: Unter über 1.700 Bewerbern wurde der junge Kurde ausgewählt für ein Stipendium der „Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit“. Diese der FDP nahestehende Stiftung ist eine der größten Begabtenförderungswerke in ganz Deutschland. „Es ist schon eine Auszeichnung, wenn man hier genommen wird“, sind sich Alexandra Kern und Ali sicher. In seiner Freizeit setzt er sich noch immer intensiv für die Integration ein, seiner einstigen Religion aber hat er den Rücken gekehrt – zu groß waren für ihn die Diskrepanzen zwischen dem geschriebenen Wort im Koran, den Beteuerungen seiner einstigen GlaubensAlexandra Kern und ihr syrisch-kurdischer Freund Alaa Hamo gehen miteinander durch Dick und Dünn – irgendwann wollen sie gemeinsam ein eigenes Geschäft eröffnen. brüder über eine friedliche Religion auf der einen Seite und den reellen Erlebnissen auf der anderen. Ebenso das Frauenbild des Islam machte ihm dabei sehr zu schaffen. Durch das Stipendium wird Alaa Hamo nun nicht nur finanziell, sondern auch ideell stark gefördert. In der herrschenden Pandemie habe er sehr viel Zeit mit seiner Freundin gehabt für gemeinsame Gespräche und Sport, das habe ihn vielleicht noch mehr geprägt als vieles andere. Irgendwann, wenn er sein Studium erfolgreich beendet und ein wenig berufliche Erfahrung gesammelt hat, träumt er davon, sich selbständig zu machen im Software-Bereich. „Alles ist heutzutage möglich, wenn man es wirklich will – und träumen darf man, das kostet nichts“, schmunzelte er dazu. Denn die Realität sei oft hart genug. Auch Alexandra Kern hat noch Wünsche für ihren Freund: „Ich hoffe, dass er bald seine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhält – und ich wünsche ihm, dass er irgendwann seine Familie wieder sehen kann.“ Alaa (Ali) Hamo 71

 

 

 

Hannah Eckstein EINZIG WEGEN DIESES JOBS „Ich habe im Schwarzwald gelernt, dass man überall glücklich sein kann, wenn man das macht, was man liebt und tolle Menschen um sich hat.“ von Barbara Dickmann 72 Da leben wir

 

 

 

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Januar 2017 in Düsseldorf. Gut 619.000 Einwohner, Kunst und Kultur, Museen und Galerien an jeder Ecke. Urige Brauhäuser, allein zehn Sterne-Restaurants, jede Menge Lokale, Geschäfte von edel bis bezahlbar, von brav bis hipp, Disco, Theater, Kabarett, Musicals… Und feiern die ganze Nacht, wenn man es nur will. Hier hat Hannah Eckstein, knapp 30 Jahre jung, studiert und viel freie Zeit verbracht. Sie genießt das bunte Leben, die Offenheit und Geselligkeit der Menschen, die Leichtigkeit des Seins. Keine Frage: Hannah Eckstein ist ein Stadtmensch! Doch dann kommt alles ganz anders – ihr Weg führt nach St. Georgen im Schwarzwald. Geboren 1987, wächst Hannah Eckstein in Mönchengladbach (Nordrhein-Westfalen) auf. Einer Stadt mit gut 260.000 Einwohnern, ziemlich provinziell und ohne besondere Highlights. „Für einen jungen Menschen nicht gerade die Traumstadt und ich wollte weg“, erinnert sie sich. Hannah ist begeistert von anderen Kulturen und gemeinsam mit ihrer Schwester beschließt sie, in Istanbul zu studieren. „Mein Stiefopa ist Türke und ich mochte diese lebendige Stadt.“ Mein Studium war beendet, was wohl der gravierendere Grund für mich und meine Schwester war, nach Deutschland zurückzukehren. Sie bewirbt sich um einen Studienplatz für Political Science and International Relations auf Englisch (Politikwissenschaften und internationale Beziehungen). Das sei ziemlich naiv gewesen, meint sie im Nachhinein. Der deutsche Studiengang in BWL wird ihr angeboten. Nicht gerade ihr Traum, doch sie steigt ein. Hannah Eckstein hält drei Monate durch bis zur ersten Zwischenprüfung. Dann gibt sie auf, recherchiert und hat Glück: Sie kann sich für den Studiengang Kulturmanagement in Englisch und Türkisch einschreiben. Ihre Wahlfächer absolviert sie alle in Art Management. Sie macht Praktika in Galerien und Kunstinstitutionen, erhält im Studium Einblicke in die Kunstgeschichte, die Soziologie, Philosophie, Sponsoring, Fundraising, Rechnungswesen – einfach alles, um eine Kunstoder Kultureinrichtung zu leiten. Im Sommer 2012 hat sie den Bachelor in Kulturmanagement in der Tasche. Doch das reicht ihr nicht, denn Hannah Eckstein will Kuratorin werden – und nichts anderes. Istanbul hat sich verändert. Ein autoritärer Regierungsstil macht sich mehr und mehr bemerkbar. Die beiden Schwestern kehren nach fünf Jahren zurück nach Deutschland und landen in Essen. „Mein Studium war beendet, was wohl der gravierendere Grund für mich und meine Schwester war, nach Deutschland zurückzukehren“, erinnert sie sich. Ihre Schwester studiert weiter Medizin und Hannah recherchiert mal wieder. Um Kuratorin zu werden, muss sie sich in Kunstgeschichte auskennen. „Das ist eine handfeste Wissenschaft,“ erklärt sie und beschließt, ihren Master in Kunstgeschichte abzulegen. Doch für Menschen, die ihren Bachelor in einem anderen Studiengang erworben haben, ist das nicht so einfach. Lediglich die Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf bietet die Möglichkeit einer Aufnahmeprüfung an. Hannah Eckstein bereitet sich ein halbes Jahr intensiv auf diese Prüfung vor. Sie liest und lernt – Tag für Tag, fängt in der Antike an und hört in der Gegenwart auf. Der Lohn der Mühe: Hannah besteht. Im vierten Semester beginnt sie ihre Masterarbeit über den Künstler Richard Serra zu schreiben. Parallel dazu arbeitet sie im Museum Kurhaus Kleve als kuratorische Assistentin, inventarisiert und digitalisiert im Rahmen dieser Tätigkeit eine private Sammlung. Zur selben Zeit – also parallel zur Masterarbeit und der Tätigkeit im Museum Kurhaus Kleve, kuratiert sie ein Ausstellungsprojekt im Kunstverein Mönchengladbach. 74 Da leben wir

 

 

 

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Blick in den KUNSTRAUM GRÄSSLIN. Auch im St. Georgener Rathaus werden Kunstwerke der SAMMLUNG GRÄSSLIN präsentiert. 76 Da leben wir

 

 

 

Mein Beruf füllt einen großen Teil meines Lebens aus. Durch ihn bin ich viel unterwegs – auch in Großstädten. Eine umwerfende Sammlung 2017 hat sie es geschafft. Sie ist jetzt kuratorische Assistentin im Museum Kurhaus Kleve und baut gerade eine Ausstellung auf, als sie auf eine Ausschreibung stößt. Die Familie Grässlin in St. Georgen sucht für ihre Sammlung eine Leiterin. Whow! So eine renommierte und bekannte Sammlung! Hannah Eckstein versucht es einfach mal, bewirbt sich und wird zu einem Vorstellungsgespräch nach Frankfurt in die Galerie von Bärbel Grässlin eingeladen. Das Resultat: Hannah wird nach St. Georgen eingeladen. Sie solle sich den Ort und die Sammlung anschauen und überlegen, ob sie sich vorstellen könne, diese Sammlung zu leiten. Dialoge in Sachen Kunst. Einzige und umso wertvollere Entschädigung: Die Faszination der Sammlung Grässlin, die RÄUME FÜR KUNST, die Künstler, diese erfüllende Aufgabe, der Kontakt zu einer Familie, denen die Liebe zur Kunst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dafür nimmt Hannah einiges in Kauf. „Wenn man was will und es mit Leidenschaft macht, dann ist alles möglich,“ ist ihr Leitsatz. In St. Georgen empfängt die damalige SammDie Zeit vergeht, Monate ziehen ins Land und sie lungsleiterin die frisch gebackene Kunsthistorikerin – und die ist erst mal erschlagen und ziemlich beeindruckt. Diese Sammlung ist einfach umwerfend. Ein Traumjob, diese Chance kann man sich nicht entgehen lassen. Als sie die Zusage bekommt, fühlt sie sich als Glückspilz. Doch das Städtchen St. Georgen reißt sie nicht vom Hocker. Sie tauscht das dicht besiedelte Rheinland mit seinen zahlreichen Städten gegen ein 13.000-Seelen-Dorf im Schwarzwald. Das ist eine Riesensache für einen Stadtmenschen. „Mein soziales Leben ist vorbei“, denkt sie, „das mach ich ein paar Jahre und dann sehe ich weiter!“ Im Februar 2017, mitten im tiefsten Winter, zieht sie um und wohnt während der Probezeit in einer schönen alten Mühle, die ihr die Familie Grässlin zur Verfügung stellt. Mit Leidenschaft und Elan kniet sie sich in ihren neuen Job. Doch die Umstellung trifft sie hart. Sie vermisst die Familie, die Freunde, die Geschäfte, die unendlichen Möglichkeiten, die eine Großstadt einfach zu bieten hat. merkt immer mehr, wie sich ihre Sichtweise verändert … Base Camp in St. Georgen St. Georgen, im September 2021! Fünf Jahre sind vergangen. Hannah Eckstein ist angekommen. Sie mag den Schwarzwald, die Gemütlichkeit, genießt die Ruhe und die Natur. St. Georgen ist ihr Base Camp. Die Nähe zu Frankreich oder Österreich, mal eben zu den Bregenzer Festspielen fahren, sind ihre neuen Highlights. „Meine Lebensweise hat sich verändert“, sagt sie. „Mein Beruf füllt einen großen Teil meines Lebens aus. Durch ihn bin ich viel unterwegs – auch in Großstädten.“ Sie muss nicht mehr jede Woche feiern, hat sich daran gewöhnt, dass nicht alle möglichen Geschäfte direkt vor der Nase sind. Hannah Eckstein fühlt sich wohl im Schwarzwald, ihr soziales Umfeld, ihre Freunde und Bekanntschaften sind ihr wichtig. Hannah Eckstein 77

 

 

 

Das ist manchmal stressig, doch eine Win-Win-Situation für alle. „Ich habe im Schwarzwald gelernt, dass man überall glücklich sein kann, wenn man das macht, was man liebt und tolle Menschen um sich hat,“ sagt sie. Auf alte Freundschaften verzichtet sie nicht, sie pflegt sie, auch wenn sie in Deutschland oder der Welt verteilt sind. „Dann muss man halt mal nach München, Frankfurt oder London fahren oder fliegen“, sagt sie. Gerne besucht sie ihre Familie in Mönchengladbach, doch nach ein paar Tagen will sie wieder „nach Hause“. Ein starkes Wort, und das sagt sie wirklich, wenn sie nach St. Georgen fährt. Auch beruflich lebt sie auf der Sonnenseite. Seit Ende 2019 arbeitet sie nur noch zu 50 Prozent in St. Georgen, zusätzlich hat sie im Kunstverein Friedrichshafen die künstlerische Leitung übernommen. Hier gestaltet sie das Programm und sucht die jungen Künstlerinnen und Künstler aus, die im Kunstverein ausstellen, während sie in St. Georgen eine schon perfekte Sammlung betreut. „Das ist manchmal stressig, doch eine Win-Win-Situation für alle“. Die Kunsthistorikerin lacht, ja sie strahlt förmlich. Wer kann schon den Bodensee und den Schwarzwald so perfekt vereinen? Keine Frage Hannah ist ein Glückspilz, ein Naturmensch, doch weiß Gott keine Einsiedlerin. Sie mag die Stille, braucht aber auch den Trubel, braucht Kunst und Kultur, denn das ist ihre Leidenschaft. In 2017 war sie „nur“ ein Stadtmensch – heute sucht sie einen Bauernhof. Was eine Kunsthistoriker*in macht In der Regel gestalten Kunsthistoriker*innen Ausstellungen und Kulturveranstaltungen. Sie pfl egen die Sammlung, sorgen für die richtige Präsentation der Werke, schreiben die Ausstellungsund Werktexte, konzipieren Kataloge und Führungen. Es gibt Spezialisierungen: Entweder auf eine Epoche, wie das Mittelalter, die Renaissance oder die Moderne. Oder auf ein Medium wie Ma le rei, Bildhauerei – die Fotografi e. Außer sicherem Auftreten, Sorgsamkeit, Organisationsfähigkeit und Finanzmanagement ist das Interesse an Kulturund Kunstgeschichte die wichtigste Voraussetzung für diesen Beruf. Bei Hannah Eckstein ist es viel mehr. Es ist Liebe und Leidenschaft und das große Bedürfnis, durch ihre Führungen den kleinen und großen Menschen auch andere Perspektiven auf die Welt zu eröffnen. „Vielleicht sogar bessere“, sagt sie. Das oft ungeüb78 78 Da leben wir

 

 

 

te Auge des Betrachters auf Dinge zu lenken, die erst auf den zweiten Blick ersichtlich sind. So sind zum Beispiel Objekte wie Stühle, Tische, Lampen, die von Franz West (bedeutender, zeitgenössischer Künstler Österreichs, verstorben am 26.7.2012) im KUNSTRAUM GRÄSSLIN gezeigt werden, nicht nur ungewöhnliche Gebrauchsobjekte, sondern sollen die Sinne schärfen und unser Unterbewusstsein stimulieren. Oder anders gesagt: Den Betrachter und Benutzer auf neue Gedanken und Empfindungen bringen. Die Menschen sind fasziniert, es reißt sie förmlich vom Hocker. Ihre Führungen sind immer ein Erfolgserlebnis. „Die Menschen sind fasziniert, es reißt sie förmlich vom Hocker, genauso ist es mir damals ergangen.“ Es ist etwas Großes, was die Kunst erreichen kann, daran glaubt sie fest. „Und gerade in der heutigen Zeit und nach dem Lockdown kann das physische Erlebnis, die körperliche Präsenz in Ausstellungen niemals durch digitale Räume ersetzt werden“. Kunst muss berühren – im wahrsten Sinne des Wortes. Kunst verständlich machen, ist eine faszinierende Aufgabe. Es eröffnen sich dabei Perspektiven auf eine „vielleicht sogar bessere Welt“, wie Hannah Eckstein sagt. DIE SAMMLUNG GRÄSSLIN Bereits seit 2006 präsentiert die Familie Grässlin im KUNSTRAUM GRÄSSLIN und den über das Stadtgebiet von St. Georgen verteilten RÄUMEN FÜR KUNST ihre Sammlung nationaler und internationaler Kunst der 1980er-, 1990erund 2000er-Jahre. Interessierte Besucherinnen und Besucher haben seither die Möglichkeit, bei den geführten Stadtrundgängen Einblicke in die private Sammlung zu bekommen. Die Anfänge der SAMMLUNG GRÄSSLIN liegen in den 1970er-Jahren, als die Eltern Anna und Dieter Grässlin begannen, Grafiken des süddeutschen Konstruktivismus und zahlreiche Werke des deutschen Informel zusammenzutragen. Ihre vier Kinder Bärbel, Thomas, Sabine und Karola, von der Sammelleidenschaft ihrer Eltern angesteckt, wandten sich Anfang der 1980er-Jahre ihrer eigenen Generation zu und erwarben Werke von u.a. Werner Büttner, Günther Förg, Isa Genzken, Georg Herold, Martin Kippenberger, Meuser, Albert Oehlen und Franz West. Später wurde die Sammlung um Positionen der 1990erund 2000erJahre erweitert. Künstler wie Kai Althoff, Michael Beutler, Cosima von Borin, Clegg & Guttmann, Mark Dion, Michael Krebber oder Heimo Zobernig, die einen konzeptuellen oder vom Kontext abhängigen Ansatz verfolgten, fanden so ihren Weg in die Sammlung. Der KUNSTRAUM GRÄSSLIN und die ca. zwanzig externen RÄUME FÜR KUNST können nach Vereinbarung im Rahmen eines geführten Rundgangs besichtigt werden. Weitere Informationen finden Sie unter: www.sammlung-graesslin.eu. Terminvereinbarung unter Tel.: 07724/9161805 oder per e-Mail an: info@sammlung-graesslin.eu. 79

 

 

 

Energieversorgung Südbaar (esb) Ein Energieversorger schreibt seit 35 Jahren Erfolgsgeschichte von Bernhard Lutz Die Energiewende war noch nicht in Sicht, als auf der Südbaar 1986 ein neuer Energieversorger seinen Betrieb aufnahm, der eine Erfolgsgeschichte schrieb, die vor allem drei Kommunen eine Perspektive bis weit in das 21. Jahrhundert ermöglicht. Die Rede ist von der Energieversorgung Südbaar (esb). Mit der Stadt Blumberg und dem damaligen Kraftwerk Laufenburg gingen 1986 zunächst zwei Gesellschafter eine gleichberechtigte Partnerschaft ein, von denen der eine, die Stadt Blumberg, aus dem öffentlichen Bereich stammte und der andere aus der Privatwirtschaft. Ein Modell, das später noch häufig Schule machte. 94 Wirtschaft

 

 

 

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Mit der „Stromfusion der Südbaar“ wurde die Energieversorgung Südbaar im Jahr 2016 von der ursprünglichen GmbH zu einer GmbH & Co.KG erweitert. Die Zahl der Gesellschafter wuchs von zwei auf vier, neue Gesellschafter waren die Städte Hüfingen und Bräunlingen, die jeweils 20 Prozent des Stammkapitals halten. Blumberg und die Energiedienst AG hielten zunächst jeweils 30 Prozent, später verkaufte die Stadt Blumberg zehn Prozent ihrer Anteile an die Energiedienst AG. Seither haben die drei Kommunen jeweils 20 Prozent und die Energiedienst AG 40 Prozent. Damit ist die Energieversorgung Südbaar in ihrer heutigen Ausprägung ein kommunal dominierter Stromversorger. Dies war auch das erklärte Ziel der Bürgermeister für die Stromfusion. Ursache für die Gründung war die Weberei Lauffenmühle Die Ursachen für die Gründung einer Energieversorgung reichen weit zurück. Im Dezember 1950 eröffnete der aus Schlesien stammende Fabrikant Gustav Winkler auf der Südbaar mit der Lauffenmühle in Blumberg Europas modernste Taschentuchweberei. Um den benötigten Dampf für die Weberei, in der bis zu 800 Menschen arbeiteten, zu erzeugen, wurde im Kesselhaus der Lauffenmühle Kohle verfeuert. Wenn in Blumberg damals Ostwind herrschte, wurde die Wäsche auf der Leine schwarz, ein Ärgernis. Blumbergs damaliger Bürgermeister Werner Gerber wollte dies ändern, ihm schwebte vor, Blumberg mit Erdgas zu versorgen. Als er für seine Idee um Unterstützung warb, wurde er vielfach belächelt, ein derartiges Vorgehen auf dem „flachen Land“ hielten viele für undenkbar. Doch Werner Gerber war keiner, der so schnell aufgab. 1976 hatte er schon der städtischen Museumsbahn Wutachtal allen Unkenrufen zum Trotz zur Taufe verholfen, zehn Jahre später gründete er mit dem Kraftwerk Laufenburg die Energieversorgung Südbaar. Den Durchbruch erzielte Gerber bei seinen Verhandlungen mit der Gasversorgung Süddeutschland (GVS). Er erreichte, dass für den Bau der Gasleitung Zuschüsse nach Blumberg flossen. Die Gasversorgung Süddeutschland machte allerdings zur Bedingung, dass Das Firmengebäude der Energieversorgung Südbaar in der ehemaligen Weberei Lauffenmühle in Blumberg. 96 Wirtschaft

 

 

 

Mit seinen drei Sparten Strom, Gas und Nahwärme ist die esb nach wie vor gut unterwegs und rüstet sich für die Zukunft. Edmund Martin die Gasleitung bis zu Bräunlingens Stadtteil Döggingen verlegt werde, damit dort der Ringschluss mit der Gasleitung der Freiburger Elektrizitätswerke (FEW, heute Badenova) erfolgen könne. Die Entwicklung gibt den Gründern bis heute Recht. Bereits 1987 wird das Erdgasnetz für die Ortsnetze Blumberg und Hüfingen angeschlossen, im August wird an der Druckregelstation Blumberg-Nordwerk die erste Gasflamme entzündet. Bis Ende 1989 verwirklicht die esb auch den Abzweig der Gashochdruckleitung nach Döggingen. 1993 begannen die Planungen zur Nahwärmeversorgung im Neubaugebiet Kehr ob der Kehr. 1998 zieht die esb von ihren ersten Räumen in der Vogtgasse in die ehemalige Heizzentrale der Lauffenmühle, die zum Bürogebäude umgestaltet wurde mit dem 21 Meter hohen Kamin als Blickfang. Edmund Martin, der die Geschäfte führt, zeigt sich optimistisch. Mit seinen drei Sparten Strom, Gas und Nahwärme ist der Versorger nach wie vor gut unterwegs und rüstet sich für die Zukunft. Wie die esb trotz ihres eng begrenzten Versorgungsgebiets wirtschaftet, zeigen die Zahlen. In den letzten Jahren konnte der Gewinn gesteigert werden, berichtet Geschäftsführer Edmund Martin. Für dieses Jahr werde ein Gewinn im mindestens höheren sechsstelligen Bereich erwartet, so Martin. Den größten Anteil am Gewinn liefert die Sparte Strom mit 60 Prozent des Gesamtgewinns, gefolgt vom Gas. Größere Investitionen Für das Jahr 2021 stehen im Strombereich größere Investitionen für den Netzausbau und das Erneuern von Bestandsleitungen an. Der größte Brocken ist mit Edmund Martin, Geschäftsführer der esb. über 600.000 Euro für die Erdverkabelung der bisherigen Freileitung von Döggingen nach Mundelfingen vorgesehen. Das Vorhaben werde schon seit Längerem diskutiert und würde die Versorgungssicherheit von Mundelfingen deutlich verbessern. Ein weiterer sechsstelliger Betrag ist für Trafo-Stationen angesetzt. Für den Ausbau und die Erschließung von Neubaugebieten sind weitere 200.000 Euro im Plan. Etwa 155.000 Euro sollen im Gasbereich für den Netzausbau im gesamten Netzgebiet investiert werden. Davon erfolgten und erfolgen in Hüfingen gewisse Netzausbaumaßnahmen im Zuge der Sanierung der Schaffhauser Straße. Ein weiterer Investitionsanteil in einem mittleren fünfstelligen Betrag fließt noch in das Messwesen sowie in den Erhalt und die technische Optimierung von Regelund Verteilstationen. Energieversorgung Südbaar 97

 

 

 

„Als Energieversorger haben wir den Vorteil, dass wir ausschließlich Strom aus Wasserkraft beziehen. Und: Das Unternehmen investiert Geld in Maßnahmen um die CO2-Emissionen zu reduzieren.“ Edmund Martin Für den Geschäftsbereich der Wärmeversorgung sind über 500.000 Euro für die Sanierung der Heizzentralen eingeplant. Für den Schulcampus in Blumberg soll die Heizzentrale bei der Realschule auf den neuesten Stand gebracht werden, und die Wohnbebauung des Lauffenmühle-Areals wird an die Heizzentrale in der Leo-Wohleb-Straße angeschlossen. Bekenntnis zur Region Wichtig ist Beschäftigten wie Gesellschaftern das Bekenntnis zur Region, betont Edmund Martin. „Wir bemühen uns, so gut wie möglich in der Region einzukaufen.“ Thema Energiewende: Wo sieht der Geschäftsführer den Beitrag zum Umweltschutz? „Als Energieversorger haben wir den Vorteil, dass wir ausschließlich Strom aus Wasserkraft beziehen.“ Und: Das Unternehmen investiere Geld in Maßnahmen um die CO2-Emissionen zu reduzieren. Der Fuhrpark werde auf dem aktuellsten Stand mit kleinem Schadstoffausstoß gehalten und wo möglich auf Elektro-Autos umgestellt, so Edmund Martin, er selbst fahre auch ein Elektroauto. „Wir schauen, dass wir unnötige Fahrten vermeiden und Einsätze so koordinieren, dass sie benzinsparend sind.“ Im Büro seien sie auf Öko-Papier umgestiegen, achteten auf die Reduktion von Papier, Ziel sei das papierlose Büro. Durch gezielte Maßnahmen und Unterstützung verschiedenster Institutionen dieser Region soll zukünftig die Bindung zum örtlichen/regionalen Versorger wieder mehr in den Vordergrund gestellt werden und somit auch der Stellenwert und die Verantwortung des Energieversorgers. So erlebten Hüfingen und Bräunlingen die Entwicklung Die Nachbarstädte Hüfingen und Bräunlingen waren in die Entwicklung der Energieversorgung Südbaar mit einbezogen. Bräunlingens damaliger Bürgermeister Jürgen Guse, der ab 1. Januar 1986 insgesamt 32 Jahre im Amt war, war als Bürgermeister zugleich kaufmännischer Werkleiter der Stadtwerke Bräunlingen mit der Stromversorgung und der Wasserversorgung. Die esb lieferte Bräunlingen zwar Gas, im Strombereich gingen Bräunlingen und Hüfingen zunächst einen eigenen Weg und gründeten zusammen mit der EGT Triberg den Energiezweckverband Baar (EV Baar). Wegen der wirtschaftlich schwieriger werdenden Situation auf dem Strommarkt wurden letztlich Gespräche mit neuen vorstellbaren Partnern geführt, die dann mit der Energieversorgung Südbaar in Blumberg zum Erfolg führten. Diese neu formierte esb sei schlagkräftig genug im derzeitigen Wettbewerb, und ihr Versorgungsgebiet umfasst 25.000 Einwohner und damit eine ausreichende Anzahl an potenziellen Kunden, erklärt Jürgen Guse. Durch das Zusammengehen auf der Südbaar seien Synergieeffekte entstanden, die sich positiv auf die Wirtschaftlichkeit auswirkten. Jedoch gibt es immer mehr Eigenstromerzeugung durch Solaranlagen, und auch wegen der Windkraft verändert sich stetig der Strommarkt. Durch Eigenverbrauch der Solaranlagen werden weniger Strommengen durch die Netze geleitet und dadurch weniger Netznutzungsentgelte erzielt. Deshalb gehe man in der Strombranche davon aus, dass neue Geschäftsfelder Oben rechts: Alexander Wojda und Mike Baier (esb) bei Freileitungsarbeiten in Uttenhofen. Unten rechts: René Wurzer (esb) bei einer Leitungsinbetriebnahme im Neubaugebiet „Bregenberg“ in Bräunlingen. 98 Wirtschaft

 

 

 

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„Die esb ist das Gegenteil eines anonymen Großkonzerns. Bei der esb weiß ich, wer sich um mein Anliegen kümmert.“ Michael Kollmeier Bürgermeister Hüfi ngen „Gerade im stark regulierten Strommarkt, ist es wichtig, einen gut aufgestellten Regionalversorger zu haben.“ Markus Keller Bürgermeister Blumberg „Der Zusammenschluss der EV Baar mit der esb war ein richtiger Schritt, um am Markt weiterhin erfolgreich unterwegs zu sein.“ Micha Bächle Bürgermeister Bräunlingen „Auf der Südbaar gehen wir gemeinsam die Herausforderungen der Energiewende im Einklang mit dem Klimaschutz an.“ Dr. Jörg Reichert Vorsitzender der Geschäftsleitung der Energiedienst Holding AG kreiert werden müssen als Kompensation für andere wegfallende Einnahmen. Ähnliches erlebte Hüfingens damaliger Bürgermeister Anton Knapp, der ab 1989 im Amt war, die Entwicklung. Der Kontakt zur esb bestand bereits durch den Konzessionsvertrag seines Vorgängers Max Gilly für die Gasversorgung in Hüfingen. Die ersten Überlegungen, den zwischenzeitlich gegründeten Zweckverband der Stadtwerke Hüfingen und Bräunlingen mit der EGT Triberg aufzulösen und die beiden Stadtwerke für die Stromversorgung mit der esb zu fusionieren entstand wenige Jahre vor Ende seiner Amtszeit und der seines Kollegen Jürgen Guse. Um wirtschaftlich weiterhin erfolgreich zu sein, hätten sie sich mehrere Varianten überlegt und umgeschaut. Am Ende war für sie klar, dass die Fusion mit der esb die richtige Lösung ist. „Denn so war der Sachverstand und das Knowhow für diesen durchaus schwierigen Markt im völlig liberalisierten Umfeld gesichert.“ Und die kommunale Seite besaß die Mehrheit. Gesellschafter schätzen die Vorteile ihres gemeinsamen Unternehmens Für Blumbergs Bürgermeister Markus Keller ist die esb ein wichtiger Versorgungsbaustein: „Gerade im stark regulierten Strommarkt, ist es wichtig einen gut aufgestellten Regionalversorger zu haben. Gemeinsam mit Hüfi ngen, Bräunlingen und dem Energiedienst sind wir hervorragend für die Zukunft gerüstet. Kurze Wege für die Bürger und eine verlässliche Versorgung sind ein Segen für die Südbaar.“ Hüfingens Bürgermeister Michael Kollmeier betont: „Die esb ist das Gegenteil eines anonymen Großkonzerns. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mindestens ein Fahrzeug der esb in Hüfingen und Umgebung sehe. Arbeiten am Stromnetz oder vor Ort beim Kunden nehme ich 100 100 Wirtschaft

 

 

 

Thomas Fuhrer (esb) bei Kontrollarbeiten in der Gasstation in Döggingen. oft wahr. Dann merke ich: Bei der esb weiß ich, wer sich um mein Anliegen kümmert. Die esb hat die letzten fünf Jahre genutzt, um zusammenzuwachsen. Besonders gefreut habe ich mich über den 3-Städte-Tarif der esb. Hier wird deutlich, dass die Bürgerinnen und Bürger in Hüfingen und der Südbaar bei der esb den richtigen Ansprechpartner finden.“ Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle bewertet die esb so: „Der Zusammenschluss der EV Baar mit Bräunlingen und Hüfingen mit der esb in Blumberg war ein richtiger Schritt, um am Markt weiterhin erfolgreich unterwegs zu sein. Die esb ist ein regionaler und lokal verankerter Energieversorger, dessen Wertschöpfung am Ende allen Bürgerinnen und Bürgern zu Gute kommt. Kurze Wege zum Kunden sind unser Vorteil. Auch das Thema Nachhaltigkeit ist uns wichtig. Gemeinsam können wir mehr erreichen als alleine.“ Jörg Reichert, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Energiedienst Holding AG, würdigt das gemeinsame Unternehmen so: „Wir schätzen die esb und die Zusammenarbeit mit den Kommunen sehr. Die Bürgerinnen und Bürger haben ihre bekannten Ansprechpartner vor Ort und mit der Energiedienst Holding AG einen starken Energieversorger im Rücken. So gehen wir gemeinsam auf der Südbaar die Herausforderungen der Energiewende im Einklang mit dem Klimaschutz an.“ Energieversorgung Südbaar 101

 

 

 

GEBR. FALLER GMBH Die ganze Welt im Modellbaumaßstab Die Brüder Hermann und Edwin Faller aus Gütenbach haben vor 75 Jahren mit Baukästen den Grundstein dafür gelegt, dass sich heute jeder Modellbauer seine Welt zuhause nachbauen kann. von Roland Sprich 102 Wirtschaft

 

 

 

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rem. Hermann, gelernter Mechaniker und technisch versiert, Edwin der eher kreative Typ, ergänzen sich in hervorragender Weise. Sie erinnern sich an ihre eigene Kindheit, in der sie von Baukästen fasziniert waren und sich stundenlang damit beschäftigen konnten. Sie entwickeln den Modellbaukasten „Marathon“, mit der Idee, aus vielfältig nutzbaren, einzelnen Bauteilen eine kleine Stadt aufzubauen. Aus Holz, das im Schwarzwald ja ausreichend vorhanden war und bedruckter Pappe wurden erste Häuser als Baukasten entwickelt. Die bereits detailreich bedruckten Wände konnten dank Rastersystem auch von kleinen Kinderhänden mühelos zusammengesteckt werden. Zu den ersten Modellen, verschiedenen Siedlungshäuschen, gesellten sich schnell weitere Häusermodelle. Bald gab es sogar eine Mühle mit angetriebenem Mühlrad und eine Kirche mit funktionierendem Geläut, dank der technischen Innovationskraft von Hermann, dem Tüftler, der zeitweise bei Bosch in Stuttgart arbeitete. In der kleinsten Gemeinde im Schwarzwald-Baar-Kreis, in Gütenbach, ist die Welt im Modellbaumaßstab zuhause. Hier ist der Stammsitz der Gebr. Faller GmbH. Und hier entstehen seit 75 Jahren Miniaturwelten, die die Herzen von Modelleisenbahnfans höher schlagen lassen. Die Produkte der Firma Faller lassen eine Modellbahnlandschaft erst richtig lebendig werden. Häuser und Landschaften, Figuren und seit 1988 auch selbst fahrende Fahrzeuge hauchen jeder Modellbahn Leben ein. Der eigenen Fantasie und den Wünschen der Gestalter setzen dabei höchstens der zur Verfügung stehende Platz und das Budget Grenzen. Die Brüder Edwin (oben) und Hermann Faller. Von Topfuntersetzern zum Modellbaukasten „Marathon“ Begonnen hat alles 1946. Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, von aufstrebender Wirtschaft, geschweige denn einem Wirtschaftswunder ist noch lange nichts zu spüren. Edwin Faller, 32, und sein ein Jahr jüngerer Bruder Hermann, kehren wieder in ihren Heimatort Gütenbach zurück. Sie wollen gestalten, kreieren, mithelfen, die Wirtschaft anzukurbeln. Doch welche Produkte brauchen die Menschen jetzt am dringendsten? In der kleinen, in ihrem Elternhaus in der Gütenbacher Kreuzstraße eingerichteten, Werkstatt starten sie mit der Produktion von Kämmen und Topfuntersetzern, Alltagsgegenständen, die in jedem Haushalt gebraucht werden. Doch die beiden tüfteln an GrößeDie Währungsreform 1948 brachte für die junge Firma einen kurzen Knick in den Bilanzen. Das Unternehmen berappelte sich schnell und die Modellpalette wuchs. Ab der Präsentation auf der ersten Spielwarenmesse in Nürnberg spielte der maßstabsgetreue Modellbau eine Rolle. Die Gebäude wurden immer detailreicher und filigraner gefertigt. Erst durch die Gebäude und weiteres Zubehör erwachen die Modelleisenbahnanlagen der namhaften Hersteller, Märklin und Fleischmann, zum Leben. Zu Bahnhöfen und Stellwerken gesellten sich Häuschen und Kirchen, die der Mittelpunkt jeder Anlage wurden. Dazu Bäume und Streumaterial. 1953 bestand das Sortiment aus 90 Artikeln, darunter zehn Bahnhöfe. Als Mitte der 1950er-Jahre die ersten Kunststoffspritzgussmaschinen auf den Markt kommen, nutzen die Fallers diese neue Technik sofort für sich. Der erste Modellbaukasten „Marathon“ beeindruckte mit seinen vielfältig nutzbaren, einzelnen Bauteilen. 104 Wirtschaft

 

 

 

Es geht uns heute richtig gut. Die Entwicklung hat sich aber schon in den letzten Jahren abgezeichnet, weil es uns durch gute Kommunikation und spannende Produkte gelungen ist, verstärkt neue Kunden, besonders jüngere Familien und Wiedereinsteiger, zu gewinnen. Die Corona-Pandemie hat dieser Entwicklung zusätzliche Impulse gegeben. Horst Neidhard, Geschäftsführender Gesellschafter Von nun an konnten die Bauteile, die bisher in mühevoller Handarbeit gefertigt wurden, maschinell und somit zeitund kostensparender und in höherer Stückzahl produziert werden. Innerhalb weniger Jahre wurden die Modellbauhäuschen nunmehr komplett als Fertigbausatz hergestellt. Für den Konsumenten bedeutet dies einerseits Kostenersparnis. Andererseits kommt nun ein weiterer Spaßfaktor, nämlich der des Selbst-Zusammenbauens dazu. Daran hat sich bis heute nichts mehr verändert. Wer die Verpackung eines Faller-Bausatzes öffnet, bekommt alle Teile konfektioniert. Das können, je nach Modell mal ein paar Dutzend oder aber, wie beispielsweise bei dem des Klosters Bebenhausen, bis zu 1.500 EinzelHier, mitten in Gütenbach, steht das Werk der Firma Gebr. Faller GmbH, die seit 75 Jahren die ganze Welt im Modellbaumaßstab entstehen lässt. Gebr. Faller GmbH 105

 

 

 

teile sein, die der Modellbauer zunächst fein säuberlich von dem Kunststoffspritzling abtrennen muss. Modellbau – ein Hobby für Erwachsene Die Gemeinschaft der Modellbauer wächst seit einigen Jahren wieder stetig. Und ausgerechnet die CoronaPandemie hat den Effekt verstärkt. „Die Menschen hatten plötzlich wieder mehr Zeit, um sich entweder ihrem Hobby, das in den vergangenen Jahren vernachlässigt wurde, wieder mehr zu widmen. Oder sich die Modellbahn als neues Hobby zuzulegen“, erklärt Francisco Hoyo von der Marketingabteilung des Unternehmens, der sich über die neue Klientel natürlich freut. Der typische Modellbaukunde von Faller ist 40 plus. Ein Alter, in dem die eigenen Kinder groß sind, und man beruflich gefestigt ist und einen Ausgleich zum Arbeitsalltag sucht. Modellbauer befinden sich übrigens in prominenter Gesellschaft. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat eine, der Sänger Rod Stewart ebenfalls. Beide sind bekennende Modelleisenbahnfans. Damit die Modelloberflächen heute so detailgetreu wie möglich hergestellt werden können, gibt es bei Faller fünf Mitarbeiter im Werkzeugbau, die die filigranen Werkzeuge herstellen. Das Kunststoffgranulat, das sich mit den Grundfarben zu bis zu tausend möglichen Farbvariationen mischen lässt, wird in der Spritzgussmaschine erwärmt und mit Druck in die Werkzeuge gepresst, am Ende kommen Seitenwände, Dächer, Fenster und alle anderen Komponenten heraus. „Wir haben etwa 15.000 Spritzwerkzeuge und Vorrichtungen“, verrät Christoph Spitz, Meister des Werkzeugbaus. „Wir haben etwa 15.000 Spritzwerkzeuge und Vorrichtungen“, verrät Christoph Spitz, Meister des Werkzeugbaus. „Neben unseren eigenen Ideen und Vorstellungen bekommen wir unglaublich viele Vorschläge und Anregungen von unseren Kunden“, so Manfred Danner, CAD-Konstrukteur und Modellbauermeister. Seit jeher gleicht es einem Ritterschlag, wenn Faller ein Objekt im Modellmaßstab nachbaut Heute besteht das Sortiment aus weit über 2.000 Produkten. Abgedeckt werden dabei jedwede vorstellbare Themenfelder. Modellbaufans können heute auf ihren Anlagen praktisch das gesamte gesellschaftliche Leben abbilden. Regionalund länderspezifisch ist dabei der Schwarzwaldhof mit Strohdach ebenso vertreten wie das hanseatische Speicherhaus, die holländische Mühle und der nordfriesische Leuchtturm. Und wer will, kann seine Modelleisenbahn durch verschiedene Epochen fahren lassen. Zudem lassen sich auch ganze Szenarien nachbauen, so gibt es das brennende Finanzamt ebenso wie eine komplette Kirmes. Die Detailverliebtheit der Konstrukteure lässt einen den Duft von gebrannten Mandeln und Zuckerwatte direkt erahnen. Woher kommen die Ideen für die Modelle und welche Arbeitsprozesse müssen durchlaufen werden, ehe ein neues Produkt überhaupt auf den Markt kommt? Das verrät Manfred Danner CAD-Konstrukteur und Modellbauermeister. „Neben unseren eigenen Ideen und Vorstellungen bekommen wir unglaublich viele Vorschläge und Anregungen von unseren Kunden“, sagt er. Aus diesem Ideenpool werde geschaut, in welches Themenfeld das passen könnte und ob es sich realisieren lässt. Dann geht es an die eigentliche Arbeit. Wo es möglich ist, werden bei öffentlichen und historischen Gebäuden 106 Wirtschaft

 

 

 

Originalzeichnungen und Grundrisspläne organisiert. Das funktioniert meist problemlos. „Wir werden in den allermeisten Fällen sehr gut unterstützt. Schließlich ist jede Behörde und jedes Unternehmen stolz, wenn wir ihr Gebäude als Modell nachbauen wollen“, sagt Danner. Seit jeher gleicht es einem Ritterschlag, wenn Faller ein Objekt für geeignet erachtet, im Modellmaßstab nachgebaut zu werden. Aus den zur Verfügung stehenden Skizzen und Plänen und jeder Menge Fotomaterial und Internetrecherchen fertigen die Konstrukteure dann Oben: Manfred Danner ist CAD-Konstrukteur und Modellbauermeister bei der Firma Faller. Aus den vielen Vorschlägen von Kunden und den Ideen aus eigenen Reihen werden neue Modelle mit Hilfe von Originalzeichnungen und Fotos zunächst am Rechner entworfen. Unten links: Aus Granulat, das in schier unendlich viele Farben eingefärbt werden kann, werden die Spritzgussteile hergestellt. Unten rechts: Ein Mitarbeiter der Kunststoffspritzerei begutachtet ein fertiges Teil, das aus der Spritzgussmaschine kommt. Gebr. Faller GmbH 107

 

 

 

eine CAD-Zeichnung an, die auf den jeweiligen Modellbaumaßstab, beispielsweise für H0 in den Maßstab 1:87 umgerechnet wird. Danach werden die Werkzeuge angefertigt und dann laufen die Spritzgussdruckmaschinen auf Hochtouren. Schon bald ist das fertige Modell tausendfach erhältlich. Dieser Vorgang dauert, je nach Größe und Aufwand, zwischen einigen Tagen und mehreren Monaten. So wie beim Schloss Bran, dem Jubiläumsmodell, das Faller anlässlich seines 75-jährigen Bestehens als exklusive Sonderedition aufgelegt hat und das erst seit Herbst 2021 erhältlich ist. Das „Dracula-Schloss“ steht im Original in Siebenbürgen und besteht aus 1.100 Einzelteilen. „Früher hätte jemand extra eine Reise dorthin unternehmen müssen und das Schloss und alle Details aus allen Blickwinkeln fotografieren müssen. Heute reicht ein Blick ins Internet“, erzählt Danner, Andreas Reinbold ist Schauanlagengestalter. Er erzeugt mit Landschaften, Vegetation, Menschund Tierfiguren und viel Zubehör den Effekt, der beim Betrachter die Vorstellung auslöst, wie das Modell auf der Anlage wirkt. wie die Arbeit für den detailgenauen Modellbau um einiges einfacher geworden ist. Auch das eigene Haus kann mittels 3D-Druck im Modell eingebettet werden Überhaupt nutzt Faller die modernen Technologien für den Bau seiner Modelle. Wer auf seiner Modellbahnanlage als Gag sein eigenes Wohnhaus platzieren möchte, kann dies tun, dem modernen 3D-Druck sei Dank. Er muss seine Daten nur übermitteln und erhält sein Haus kurze Zeit später als 3D-Druck. Die Züge sind heute längst nicht das einzige, das auf Modellbahnanlagen fährt. Mit dem Car System hat Faller schon vor Jahren ein System entwickelt, mit dem auch Fahrzeuge auf den Straßen selbständig unterwegs sind. Heute bewegen sich Lastwagen, Omnibusse, Feuerwehrfahrzeuge und Vieles mehr digital gesteuert. Inklusive Lichtund Soundfunktionen wie Fahrund Bremslichter, Blinker, Hupe. Bei Einsatzfahrzeugen ertönt sogar das Martinshorn. Damit ein neues Modell im Gesamtkatalog, der inzwischen mehr als 500 Seiten umfasst, nicht nur 108 Wirtschaft

 

 

 

Oben: Auf den Modellbahnanlagen werden die unterschiedlichsten Themenbereiche abgedeckt. Hier ein Containerterminal für eine Hafenlandschaft. Mitte und unten: Mit dem Car System hat Faller schon vor Jahren ein System entwickelt, mit dem Fahrzeuge selbstständig auf den Straßen unterwegs sind. als nüchterner Gegenstand dargestellt wird, betten Landschaftsbauer das Modell in die jeweilige Umgebung ein. Dafür ist unter anderem Andreas Reinbold verantwortlich. Der Schauanlagengestalter erzeugt mit Landschaften, Vegetation, Menschund Tierfiguren und viel Zubehör den Effekt, der beim Betrachter die Vorstellung auslöst, wie das Modell auf der Anlage wirkt. Nach einem dunklen Kapitel der Firmengeschichte 2009, als das Unternehmen Insolvenz anmelden musste, sich aber schnell erholte, ist Faller im Jubiläumsjahr zu seinem 75-jährigen Bestehen sehr erfolgreich. Gefeiert werden konnte das 75-jährige Firmenjubiläum bisher noch nicht. Über Besuch freuen sich die Mitarbeiter dennoch. In der Ausstellung von Faller Miniaturwelten können Besucher die Neuheiten bestaunen und sehen, was ihnen zur Optimierung ihrer eigenen Anlage noch fehlt. Und mit Hilfe der Modellbauprofis ihre Wunschwelt im Maßstab 1:87, N, Z oder im Gartenbahnmaßstab verwirklichen. Gebr. Faller GmbH 109

 

 

 

WAHL Führender Global Player der Haarschneide technik von Wilfried Dold und Elke Reinauer 80 3. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

Die WAHL GmbH ist als weltweit führender Spezialist für Haarschneidemaschinen mit ihren Produkten in 70 Ländern der Welt vertreten. Das Unternehmen beschäftigt am Standort Unterkirnach über 270 Mitarbeiter, macht mehr als 80 Mio Euro Umsatz und steht im 75. Jubiläumsjahr der früheren MOSER GmbH vor grundlegenden Veränderungen: WAHL siedelt von Unterkirnach nach Peterzell über, wo unmittelbar an der B 33 für einen zweistelligen Millionenbetrag ein großzügig dimensionierter, architektonisch gelungener Neubau mit einem Produktions-, Büround Logistikgebäude entsteht. „Der Umzug ist ein klares Bekenntnis von WAHL zum Standort Schwarzwald und zur Schwarzwälder Handwerkskunst“, unterstreichen die Geschäftsführer Jörg Burger und Gökhan Yilmaz. Kuno Moser gründete seine Firma 1946 in Unterkirnach und stieg mit seinen innovativen Haarschneidemaschinen zum Marktführer in Europa auf. 1996 wird MOSER im Zuge einer Nachfolgeregelung von der amerikanischen WAHL Clipper Corporation, mit Sitz in Sterling/Illinois übernommen. Die Produkte der Marke MOSER werden bis heute weltweit erfolgreich vertrieben. Ebenso die Tierhaarschneidemaschinen für Haus und Großtiere. 81

 

 

 

Kernkompetenz: Innovative Schneidsatz-Technologie Ein leises Klicken, ein sonores Surren, und schon kann es losgehen: Die Haarschneidemaschine läuft und summt leise in der Hand des Friseurs. Der Kunde sitzt entspannt im Salon, der Apparat wird angesetzt zum perfekten Schnitt, exakten Trimm oder zur kunstvollen Frisur. Welch intensive Entwicklungs arbeit, hochwertige Technologie und Präzision in diesen kleinen Maschinen steckt, sieht man ihnen auf den ersten Blick nicht an. Die MOSER-Maschinen sind Hightech-Produkte der Fein mechanik und Mikroelek tronik, vereinen als klassische mechatronische Pro dukte zwei Welten in sich. Hergestellt werden sie teils voll-, teils halbautomatisch – es wird in Unter kirnach gestanzt, geschliffen, geschärft und montiert. Die technologische Kompetenz von WAHL ist herausragend. Wer an der Weltspitze der Haar schneide technik steht und sich diese Position dauerhaft Die Produkte von MOSER zeichnen sich besonders durch den Schneidsatz aus, in dem die geballte Kompetenz des Unternehmens steckt. Die Präzisionsschneidsätze „Made in Germany“ sind für sämtliche Anforderungen des Friseur alltages entwickelt. Ob kurzes Haar, sanfte Übergänge und Übergänge ins längere Haar über Kamm, den Anforderungen der Profis wird in vollem Umfang Rechnung getragen. Der Schneidsatz ist die Kernkompetenz des Unternehmens – das ist echte Schwarzwälder Handwerkskunst, betonen die Geschäftsführer Gökhan Yilmaz und Jörg Burger. Die Schneidsätze fertigt die WAHL GmbH ausschließlich in Unterkirnach. sichern will, der muss stetig forschen und entwickeln. Das fängt bei der Lautstärke und dem Klang des Rasiergeräusches an. Aber auch wie die Maschine in der Hand liegt, wie oft sie anund ausgeschaltet wird oder wie lange ihr Akku durchhält, sind Aspekte, die wie selbstverständlich in die Entwicklungsarbeit einfl ießen. Im Mittelpunkt von Entwicklung und Fertigung steht der Schneidsatz. „Er ist die Kernkompetenz des Unternehmens. Unsere Schneidsätze sind kleine technologische Meisterwerke und echte Schwarzwälder Handwerkskunst“, betonen die Geschäftsführer Gökhan Yilmaz und Jörg Burger. Die Schneidsätze fertigt die WAHL GmbH ausschließlich in Unterkirnach. Bei deren Herstellung triff t vollautomatische Hightech-Produktion auf präzise Handarbeit und am Ende stehen strenge Qualitätskontrollen. Das WAHL-Portfolio umfasst über 30 Produktgruppen an Haarschneidesowie mehr als zehn an Tierhaarschneidemaschinen – und es gibt zudem zahlreiche Varianten. Diese Vielfalt wird weltweit nachgefragt, die Haarschneidemaschinen aus Unterkirnach haben einen Siegeszug in 70 Ländern angetreten. Den größten Umsatzanteil macht dabei der Mittlere Osten aus, gefolgt von Russland, Deutschland sowie Spanien, Italien und Frankreich. Neben Produkten der Marke MOSER, die in Unterkirnach produziert werden, vertreibt das Unternehmen auch die in den USA gefertigten Haarschneidemaschinen der Marke WAHL. 82 Wirtschaft

 

 

 

Die Geschäftsführer Jörg Burger und Gökhan Yilmaz (rechts). 1946 gegründet – Mit innovativen Haarschneidemaschinen zum Erfolg Ingenieur Kuno Moser trägt sein Unternehmen zum Jahresende 1946 ins Villinger Handelsregister ein, vorher war es als Wolfgang Blessing KG 1938 gegründet worden. Der gebürtige Unterkirnacher war gelernter Feinmechaniker und Absolvent der Technischen Hochschule Berlin. Im Nachkriegswinter 1946/47 setzt er unter schwierigsten Bedingungen die Produktionsbaracken in Unterkirnach instand. Bald kann Kuno Moser wieder Drehteile, Mikrometer, Zerstäuber, Feuerzeuge oder andere im Nachkriegsdeutschland dringend benötigte Produkte herstellen. Die Belegschaft wächst rasch auf 20 Mitarbeiter. Mit der Ausrichtung auf elektrische Rasierapparate und Haarschneidegeräte findet MOSER jetzt seine Erfolgslinie: Ab 1956 produziert der Ingenieur erste Rasierapparate und ab 1959 startet bei MOSER die Entwicklung und Herstellung professioneller WAHL GmbH 83

 

 

 

Wegweisend ist die 1972 begonnene Zusammenarbeit mit dem Versandhaus Quelle. MOSER wird zum Synonym für Haarschneidemaschinen. Haarschneidemaschinen. Das erste Modell trägt die Bezeichnung „Famos“ als Abkürzung für „Firma Moser“. Zugleich erweitert Moser sein Produktsortiment in den 1960er-Jahren durch die Herstellung von elektrischen Zahnbürsten und Massagegeräten. Produziert werden diese Produkte in einem Neubau am Unterkirnacher Roggenbachweg, in den das Unternehmen 1957 umzieht. Ab Mitte der 1960er-Jahre sind 150 Menschen bei MOSER beschäftigt. In diese Expansionsphase fällt der Rückzug des Unternehmensgründers: 1966 erwirbt die Familie Ebner aus St. Georgen die MOSER GmbH. Der unternehmerische Erfolg hat auch vielfache bauliche Auswirkungen auf den Produktionsstandort in Unterkirnach. Während des Booms der 1970er-Jahre erfolgen mehrere Erweiterungsbauten, 1981 dann entsteht der Fabrikneubau am Unterkirnacher Ortseingang. Von 1966 1994 liegt die Geschäftsführung in den Händen von Dipl. Ingenieur Albert Ebner. Zahlreiche Patente sichern dem Unternehmen eine hervorragende Marktposition. Unter der Regie von Albert Ebner beginnt u.a. die kabellose Arbeit im Friseursalon, der Akku-Betrieb der Geräte stellt ab 1970 eine grundlegende Erleichterung im Alltag der Friseure dar. Wegweisend auch die 1972 begonnene Zusammenarbeit mit dem Versandhaus Quelle. MOSER wird zum Synonym für Haarschneidemaschinen. Weitere Innovationen folgen – bis hin zum Lockenstab ZeeCurl. Mit Einführung der MOSER Animallinie erweitert die Unterkirnacher Firma 1975 ihr Sortiment um Schneidemaschinen für die Fellpflege von Tieren. 1985 beschäftigte MOSER bereits 280 Mitarbeiter – der Erfolg der professionellen Haarschneidegeräte und der Tierhaarschneidemaschinen hält an. Die Firmengründer Kuno Moser (1910 1975). Produktion bei MOSER in den 1970er-Jahren. stetige Aufwärtsentwicklung führte 1993 weiter zum Aufbau einer zweiten Produktionsstätte in Mosonmagyarovar/Ungarn. Die Geschichte der Kuno Moser GmbH ist aber auch eine tragische: Der Gründer Kuno Moser stirbt im Juni 1975 bei einem Flugzeugunfall. Ein halbes Jahr zuvor hatte ihm die Gemeinde Unterkirnach aufgrund seiner großen Verdienste um die Entwicklung des Ortes die Ehrenbürgerschaft verliehen. Eine Konsequenz der Internationalisierungsstrategie und der Nachfolgeregelung im Unterneh84 Wirtschaft

 

 

 

men ist 1996 schließlich der Zusammenschluss mit der amerikanischen WAHL Clipper Corporation, dem weltweit führenden Hersteller von Haarschneidemaschinen mit Sitz in Sterling, USA. 1996 übernimmt Greg Wahl aus der dritten Generation die Unternehmensleitung der Corporation, ihm folgt im Sommer 2019 Brian Wahl nach. Im Jahr 2002 firmierte das Unternehmen schließlich in WAHL GmbH um. MOSER 1400 – eine ganz besondere Erfolgsgeschichte Die Erfolgsgeschichte der WAHL GmbH hängt mit einem Produkt ganz besonders zusammen: der MOSER 1400 Haarschneidemaschine. Seit 1962 wurden von ihr in mehr als 100 Ländern der Erde insgesamt über 50 Millionen Stück verkauft! Pro Woche fertigt WAHL am Standort Unterkirnach etwa 40.000 Haarschneidemaschinen dieses Typs. Die Schneidsätze ermöglichen bis zu acht verschiedene Schnitttechniken. Den Klassiker schlechthin gibt es auch als 1400 Mini, als perfekten Trimmer. Die Geschäftsführer Gökhan Yilmaz und Jörg Burger: „Seit bald 60 Jahren steht dieses Erfolgsprodukt für unsere außergewöhnliche Qualität, für „Made in Germany“. Wir sind eine der wenigen Firmen, die solche Geräte noch in Deutschland herstellen.“ Auch darauf ist man bei WAHL besonders stolz, so die Geschäftsführer weiter. Das markante Design der MOSER 1400 betone die Langlebigkeit der Maschine. Ihre klassische, charakteristische Form sei seit 1962 unverändert. „Technisch allerdings bringen wir unseren Bestseller permanent auf den neuesten Stand“, so Jörg Burger. 75-jähriges Bestehen der Marke MOSER 2021 feierte WAHL das 75-jährige Bestehen der Marke MOSER. Dazu gab es – neben einem eigens kreierten Jubiläumslogo, diversen Werbematerialien und einer Social-Media-Kampagne – einen neuen Imagefilm, der die Entwicklung von der Gründung bis hin zur Positionierung als Innovationsführer aufzeigt. Das Jubiläum war mit viel Innovation verbunden – für die Friseurbranche entwickelte das Unternehmen eine neue Haarschneidemaschine. Ihr Name KUNO ist eine Hommage an den Firmengründer Kuno Moser. Zudem präsentierte MOSER die Die Schneidemaschine MOSER 1400. Von der Haarschneidemaschine wurden weltweit bereits über 50 Millionen Stück verkauft. WAHL GmbH 85

 

 

 

Modernes Hairstyling als Inspiration für Friseure – präsentiert von MOSER zum 75-jährigen Bestehen. Trendkollektion „ROOTS“, die auf noch nie da gewesene Weise kreative Haarstylings mit High Fashion, zeitgenössischer Kunst und traditionellen Elementen des Schwarzwaldes verbindet. Als Inspiration für Friseure wurden insgesamt neun kreative Looks gezeigt. Mehr als nur Haareschneiden Für Frauen ist der Friseurbesuch schon lange ein Wohlfühlerlebnis. Doch auch immer mehr Männer genießen eine Auszeit im Barbershop. „Da kann man schon mal eineinhalb Stunden verbringen“, weiß Geschäftsführer Gökhan Yilmaz. Jörg Burger fügt hinzu: „Dort sind Männer unter sich und lassen sich nicht nur einfach die Haare schneiden, sondern genießen nebenbei vielleicht noch ein Glas Whiskey und gute Gespräche.“ Die beiden Geschäftsführer besuchen selbst regelmäßig den Barbier. Aus den Social-Media Kanälen erfuhr Gökhan Yilmaz, dass sich einige Barbiere den Schriftzug WAHL als Tattoo stechen lassen. „Dass unsere Maschinen eine solche Begeisterung auslösen, freut uns“, so Yilmaz. Nicht nur das Handwerk wird von den Friseuren und Barbieren in Ehren gehalten, sondern ebenso das perfekte Handwerkszeug, das WAHL liefert. Eine ganze Szene samt Lifestyle entwickelte sich inzwischen um die Barbershops. Nicht nur das Handwerk wird von den Friseuren und Barbieren in Ehren gehalten, sondern ebenso das perfekte Handwerkszeug, das WAHL liefert. Jahrzehntelanges Wissen und Handwerkskunst stecken in den Produkten. Präzision, Liebe zum Detail und stetige Forschung sowie Austausch mit den Kunden machen die Haarschneidemaschinen einzigartig und begehrt bei Barbieren und Friseuren. 86 Wirtschaft

 

 

 

Leo J. Wahl: Erfinder der Haarschneidemaschine 1996 wurde die Kuno Moser GmbH im Rahmen einer Nachfolgeregelung von der WAHL Clipper Cooperation übernommen und ist seitdem eine Marke der Firma WAHL. Damit fanden zwei Pioniere der Fertigung von Haarschneidemaschinen zusammen: Leo J. Wahl erfand im Jahr 1919 die erste elektrische Leo J. Wahl Haarschneidemaschine in den USA. Diese entstand aus einem Massagegerät mit Elektromotor heraus, das der Erfi nder für seinen Onkel J. Frank Wahl entwickelt hatte. Die Geräte verkaufte Leo an Friseurläden und stellte dabei fest, dass man mit solch einem Motor auch Friseurwerkzeuge verbessern könnte – und erfand die elektrische Haarschneidemaschine. WAHL gründete in Sterling in den USA die Wahl Clipper Corporation. Sofort brachte die begehrte Haarschneidemaschine dem noch jungen Unternehmen viel Anerkennung und große Erfolge ein. Im Jahr 1925 folgte eine Weiterentwicklung: das Modell 89. Sie war das Vorgängermodell einer der später am besten verkauften Haarschneidemaschinen weltweit – des WAHL SUPER TAPER. Sogar bis ins All schafften es die Modelle der Firma WAHL: Die Haarschneidemaschinen von WAHL sind weltweit in den Friseursalons und Barbershops zu finden. Unten: Imposante Serie an WAHL-Haarschneidemaschinen. 2005 wurde eine von der NASA zertifi zierte Haarschneidemaschine für Raumfl üge hergestellt. Die Produkte der Firma WAHL werden hauptsächlich in den USA produziert, die der Marke MOSER im Schwarzwald. Pro Jahr kommen neue Maschinen und Produkte in verschiedenen Designs dazu. WAHL Clipper Corporation beschäftigt über 3.500 Mitarbeiter. Die Firmengruppe befi ndet sich bereits in der vierten Generation in Privatbesitz. 87

 

 

 

Fellpflege wird zum Kinderspiel mit den Tierschermaschinen von MOSER Animal. Kundennähe im Fokus – MOSER Animal Kontinuierliche Verbesserung ist seit der Gründung von MOSER ein Schwerpunkt der Firmenphilosophie. „Früher waren wir ein klassischer Hersteller: Wir haben produziert, verpackt, und unser Produkt auf den Markt gebracht“, blicken die Geschäftsführer zurück. Jetzt beschäftige man sich noch unmittelbarer mit den Bedürfnissen der Anwender. Was benötigen sie, was ist ihnen wichtig? Fellpflege wird zum Kinderspiel mit den Tierschermaschinen von MOSER Dreimal schon wurden MOSER Animal-Produkte von den Verbrauchern aus über 1.000 Marken zur „Nr. 1“ gewählt. Die ganze Vielfalt an Möglichkeiten der Tierpflege bietet MOSER seit nahezu einem halben Jahrhundert – egal ob es um Hundepfoten oder Pferde geht. 88 Wirtschaft

 

 

 

Animal. Die ganze Vielfalt an Möglichkeiten der Fellpflege bietet MOSER seit nahezu einem halben Jahrhundert. Die fachmännische Begleitung bzw. Anleitung der Fellpflege zu Hause ist heutzutage ein wichtiger Bestandteil für die Kunden und macht MOSER Animal zum vertrauensvollen Partner bei der Fellpflege zu Hause. Dreimal schon wurden MOSER Animal-Produkte von den 100.000 Verbrauchern aus über 1.000 Marken zur „Nr. 1“ gewählt. Bei der Erörterung dieser Fragestellungen entdeckte die MOSER GmbH weitere Wachstumschancen für die in den 1970er-Jahren begründete MOSER Animalline. In diesem Segment geht es in erster Linie um die Gesundheit von Haut und Fell der Tiere. MOSER entwickelte sich aufgrund der hohen Produktqualität zum Marktführer in Europa, so Jörg Burger. Durch die Coronapandemie sei die Nachfrage noch gestiegen, unterstreicht Gökhan Yilmaz, da sich viele Menschen ein Haustier zulegten. Die Corona-Situation zwang das Unterkirnacher Unternehmen zu einer noch intensiveren Onlinepräsenz – auch was die Produkte für die Tierpflege anbelangt. Die Online-Kurse zur richtigen Handhabung der Tierschermaschinen fanden einen enormen Zuspruch, der Informationsbedarf erwies sich als groß. Worauf man achten muss, wenn man das Fell seines Lieblings schert und wie man es richtig pflegt, zeigen zahlreiche Videos des firmeneigenen Youtube-Kanals. Gökhan Yilmaz: „Weltweit vertrauen Haustierbesitzer auf die Marke MOSER Animal, denn sie wissen: Hier ziept nichts, die Schur ist sicher in der Handhabung und MOSER hat für jede Anwendung sowie Felltyp eine sanfte Lösung.“ Produkte wie die MOSER Schermaschine Rex sind dabei der Klassiker schlechthin. Den hohen Stellenwert der Produkte dokumentiert die Auszeichnung „Brand of the Year“ beim Wettbewerb des World Branding Forum (WBF), einer globalen Non-Profit Organisation. Das Engagement für mehr Tierschutz gehört wie selbstverständlich gleichfalls dazu. Sei es zur Unterstützung des Rottweiler Tierheims bei der Auflösung einer illegalen Zuchtstation oder einer großzügigen Spende an den Nothilfefond des deutschen Tierschutzbundes in Höhe von 7.500 Euro anlässlich des 75-jährigen Bestehens von MOSER. Neben den Produkten für die Fellpflege zu Hause, liefert WAHL unter der Marke WAHL Professional Pet auch Lösungen für den professionellen Gebrauch, Präzise und elegant Vorbei sind die Zeiten, in denen Maschinen nur als ergänzende Rasiertools zum Einsatz kamen. Die neuen Modelle von MOSER wie die LIPRO2, CHROM2STYLE BLENDING EDITION und GENIOPRO spielen in einer höheren Liga. Sie verfügen über Präzisionsund Variationsmerkmale, die sie zu einem schönen und eleganten Werkzeug im Friseursalon werden lassen. Denn sie sind extrem genau in ihren Schnitttechniken. Der CORDLESS DETAILER Ins Portfolio der Five Star Serie von WAHL gehört außerdem der Trimmer CORDLESS DETAILER LI. Dank der sehr starken Lithium-Ionen-Batterie ist der neue CORDLESS DETAILER noch stärker als die klassische Version und rasiert mit einer sehr hohen Drehzahl. Die Haarschneidemaschine ist ideal für hautnahe Konturen und Detailarbeiten wie exakte, klare Linien. Haartrockner, Lockenstäbe und Glätteisen Auch Styling-Tools wie z. B. Haartrockner, Lockenstäbe und Glätteisen werden von MOSER produziert und vertrieben und finden immer mehr Absatz. Zum Beispiel der Haartrockner VENTUS PRO. WAHL GmbH 89

 

 

 

z. B. im Hundesalon oder in der Tierarztpraxis. Nicht nur Hunde und andere Heimtiere können mit Maschinen der WAHL GmbH gepflegt werden. Unter der Marke WAHL Professional werden – gemeinsam mit der Schwesterfirma Lister Shearing Equipment Ltd. aus Großbritannien – auch Fellpflegeprodukte für Großtiere, also Pferde, Ponys und Rinder, angeboten. Dabei ist der Anspruch, für möglichst viele Einsatzbereiche die optimale Lösung zu bieten: Für Hobbyund Profi-Anwender, für Detailbis zur Vollschur, für Pferd oder Rind. Abgerundet wird die Produktpalette mit Bürsten und Shampoos, um das gesamte Spektrum der Fellpflege abzudecken. Der Umzug nach Peterzell ist ein klares Bekenntnis von WAHL zum Standort Deutschland – und somit auch zum Schwarzwald. Jörg Burger und Gökhan Yilmaz „Wir bieten einen 360-Grad-Ansatz“ Man verkaufe mehr als eine Maschine, nämlich Emotion, ein Lebensgefühl. Kundennähe hat für die beiden Geschäftsführer deshalb in jeder Hinsicht eine hohe Priorität. „Sie war ein entscheidender Schritt, um die Marke voranzutreiben“, so Gökhan Yilmaz. „Wir bieten einen 360-Grad-Ansatz“, ergänzt Jörg Burger. Vom Kunden zur Entwicklung bis zum Service. „Bei uns bekommt man auch jemanden ans Telefon, wenn man Beratung oder Hilfe braucht.“ Der 360-Grad-Ansatz eröffne viele Möglichkeiten, sowie einen Reparaturservice für die Haarschneidemaschinen. Nachhaltigkeit: Wo immer möglich, die Verschwendung von Ressourcen vermeiden Ein wichtiges Thema ist Nachhaltigkeit. Wie kann man die Produkte umweltschonend verpacken? an der B ²² in Peterzell ca. ³´ Monate Standort: Bauzeit: Nutzfläche: ³².µ¶¶ m² davon: ³¶.¶¶¶ m² Produktion ².µ¶¶ m² Verwaltung 90 Wirtschaft

 

 

 

Jedes Detail ist bedacht – die Geschäftsführer Jörg Burger und Gökhan Yilmaz auf der Baustelle. Unten: Der WAHL-Standort in Peterzell, vorne die Produktion, hinten das Verwaltungsgebäude. 91

 

 

 

Blick in die hochmoderne Produktion. Umweltaspekte und Produktsicherheit sind bereits ein Bestandteil des Produktentwicklungsund Herstellungsprozesses. Deshalb wird für den gesamten Produktlebenszyklus, von der Herstellung bis zur Entsorgung, eine bediensichere und umweltverträgliche Lösung angestrebt. Das große Ziel dabei ist, die Verschwendung von Ressourcen zu vermeiden und wo immer möglich der Umweltverträglichkeit die höchste Priorität einzuräumen. „Bekenntnis zum Standort Schwarzwald“ Seit 1946 wird in Unterkirnach produziert, nun steht der Umzug nach Peterzell an – ein Meilenstein der Firmengeschichte. In Unterkirnach, wo sowohl Entwicklung und Produktion als auch Vertrieb und Service ihren Sitz haben, platzt das Raumangebot seit Jahren aus allen Nähten. Da an diesem Standort nicht erweitert werden kann, entschied sich WAHL für den Neubau in Peterzell. Jörg Burger: „Der Umzug nach Peterzell ist ein klares Bekenntnis von WAHL zum Standort Deutschland – und somit auch zum Schwarzwald.“ Gökhan Yilmaz: „Es war ein riesiger Erfolg, den Mutterkonzern vom neuen Standort zu überzeugen. Wir werten diese Entscheidung als großen Vertrauensbeweis.“ Inzwischen verfügt der Mutterkonzern auf jedem Kontinent über einen Standort. Es wird international produziert, von China über Vietnam bis in die USA – und nun auch ab April 2022 in Peterzell. Das bisherige Gebäudegeflecht wird in Peterzell auf einen Standort konzentriert. Die Produktionsund Logistikbereiche umfassen rund 10.000 m¸, der Verwaltung bietet das neue Gebäude 3.700 m¸. Es entsteht eine moderne Arbeitswelt, die den Anforderungen von Produktion und Verwaltung ideal entspricht. Gökhan Yilmaz und Jörg Burger: „Eines der obersten Ziele ist es, die Prozesse so schlank und optimal wie nur möglich zu gestalten. Dies gilt vor allem für unseren Materialfluss.“ Weiter werden zeitgemäße Seminarund Aufenthaltsräume realisiert. Eine moderne, funktionale Architektur krönt das Ganze. Und selbstverständlich: Bei WAHL wurde auf eine energieeffiziente Bauweise geachtet, die den allermodernsten Standards entspricht. 92 Wirtschaft

 

 

 

ROOTS Collection 2021 zum Jubiläum: 75 Jahre MOSER – Black Forest trifft auf High Fashion und Gegenwartskunst. „The WAHL Way“ Der Umzug nach Peterzell verbessert nicht nur die Arbeitsabläufe – er optimiert auch das tägliche Miteinander. Den 270 Mitarbeitern und vier Auszubildenden etwas zu bieten, ist Teil der Firmenphilosophie. Diese ist mit „The WAHL Way“ überschrieben. Jörg Burger: „Werte wie Respekt und Familie sind sehr wichtig. Wir kümmern uns um die Mitarbeiter und deren individuelle Situation“. Auch das Essen in der Kantine sei den Mitarbeitern wichtig und habe gerade auf dem Land einen hohen Stellenwert. „Wir waren überrascht, wie wichtig den Beschäftigten die Kantine ist“, so die Geschäftsführer. Das Essen fördert das Gemeinschaftsgefühl, ebenso wie Sommerfeste oder Weihnachtsfeiern. Umzug im Frühjahr 2022 Nach einer Bauzeit von wahrscheinlich 18 Monaten ist es voraussichtlich im 1. Quartal 2022 geschafft: Die Firma WAHL zieht um! „Wir freuen uns“, so Jörg Burger und Gökhan Yilmaz, „über die neue wunderbare Lage, die optimierten Fertigungs-, Logistikund administrativen Abläufe und die damit verbundene Zukunftssicherheit“. Die Geschäftsführer zeigen sich überzeugt, mit dieser Investition für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet zu sein und die Attraktivität des Unternehmens als Arbeitgeber und Ausbildungsbetrieb nochmals zu erhöhen. Ein positives und gesundes Arbeitsumfeld, das gleichzeitig wettbewerbsfähig ist, sei der WAHL GmbH schon immer besonders wichtig gewesen, unterstreichen sie mit Nachdruck. WAHL will die Gemeinde Unterkirnach dabei unterstützen, die verlassenen Gebäude einer neuen Nutzung zuzuführen. Für Unterkirnach selbst ist der Weggang von WAHL ein herber Verlust. Die Geschäftsführer betonen, Lösungsansätze hierzu würden in enger Abstimmung gemeinsam erarbeitet. Jörg Burger: „Wir haben uns in all den Jahren dort sehr wohl gefühlt und fühlen uns mit Unterkirnach weiterhin eng verbunden“. Jetzt aber bricht WAHL zu neuen Ufern auf: Die Möglichkeiten in Peterzell werden die Unternehmensentwicklung förmlich beflügeln, blicken die Verantwortlichen voller Optimismus in die Zukunft. WAHL GmbH 93

 

 

 

110 4. Kapitel – Villingen-Schwenningen

 

 

 

VILLINGENSCHWENNINGEN: JAHRE IM ZEICHEN DES BINDESTRICHS Eine (kritische) Bestandsaufnahme einer nicht immer einfachen Städteehe 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs von Dieter Wacker 111

 

 

 

Weder wurden Ringe getauscht, noch küssten sich Braut und Bräutigam, wobei auch gar nicht klar war, wer für welchen Part eigentlich stand. Nein, es war keine Liebesheirat, die da an einem eiskalten 1. Januar 1972 vollzogen wurde. Die Ringe wurden durch einen gewöhnlichen Bindestrich ersetzt und eine Frage ist bis zum heutigen Tag nicht so richtig beantwortet: Kam es damals zu einer Zwangsehe oder eher zu einer Zweckehe? Vermutlich von beidem etwas. Die Gründe waren vielfältig, weshalb in den 1970er-Jahren Landesund Kommunalpolitiker und dann in letzter Instanz die Bürgerinnen und Bürger an der Wahlurne, für eine Fusion der bis dahin eigenständigen Städte Villingen und Schwenningen gestimmt haben. Tatsache ist jedenfalls, die Ehe hält bis zum heutigen Tag und kein Mensch käme auf die Idee, an dem Status quo zu rütteln. Dennoch war der Weg in den zurückliegenden 50 Jahren ein durchaus steiniger. Aber vielleicht gerade deshalb kann VS, das mit diesem Kürzel auf den Autokennzeichen einen ganzen Landkreis repräsentiert, nicht unbedingt mit großem Stolz, aber zumindest mit einer gehörigen Portion Respekt auf das zurückschauen, was sich in fünf Jahrzehnten so getan hat im Zeichen des Bindestrichs. Zwei Königskinder waren es gewiss nicht, sonst wären sie damals nicht zusammengekommen. Die Fusion von Villingen und Schwenningen stand als eine Art Synonym für eine tiefgreifende Gebietsund Kommunalreform in den 1970er-Jahren in Baden-Württemberg. Ziel war es, ein neues, starkes Oberzentrum zu schaffen, das der ganzen Region wirtschaftlich, politisch und kulturell ein deutlich stärkeres Gewicht innerhalb des Landes geben sollte. Entsprechend optimistisch, ehrgeizig und kühn waren die Planungen ausgelegt. VS wurde mittelfristig eine Einwohnerzahl von über 100.000 prognostiziert. Viele der Protagonisten von damals – vor Ort müssen hier in erster Linie die beiden damaligen Oberbürgermeister Gerhard Gebauer (Schwenningen) und Severin Kern (Villingen) genannt werden – leben nicht mehr. Ihre einstigen Ideale und Vorstellungen wurden schon bald zu den Akten gelegt. Zu weit klafften letztendlich Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Villingen-Schwenningen verzeichnet zwar gerade in den vergangenen Jahren eine resBild oben: Die damaligen Oberbürgermeister Gerhard Gebauer (Schwenningen) und Severin Kern (Villingen, rechts) enthüllen am 1. Januar 1972 das gemeinsame Ortsschild. Unten: VS-Fahne mit neuem Stadtwappen. 112 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Der neu gestaltete Rathausplatz in VS-Schwenningen. pektable Einwohnerentwicklung, aktuell leben gut 86.000 Menschen in der Stadt, doch die großstadtfähige 100.000er-Grenze ist längst kein Thema mehr. Dafür, das sollte an dieser Stelle aber nicht verschwiegen werden, ist VS mit einem Durchschnittsalter seiner Bewohner von 43,7 Jahren eine recht junge Stadt, was wiederum für eine gewisse Attraktivität spricht. „Reiches“ Villingen – „Arbeiterstadt“ Schwenningen „Villingen-Schwenningen ist Baden-Württemberg im Kleinen“, liest und hört man immer wieder mal. Wenn es nur so einfach wäre. Solch ein Satz ist genauso klischeebehaftet wie Hinweise auf das bürgerlich reiche badische Villingen und auf die rot eingefärbte ehemalige württembergische Arbeiterstadt Schwenningen. Wie gerne wurden solche Vergleiche in den Jahren rund um die Fusion be müht. Natürlich be inhaltet jedes Klischee auch ein Stückchen Wahrheit. Aber eben nur ein kleines Stück. Beide Städte konnten ab Ende der 1960er-Jahre kaum mehr auf Vergangenes bauen. Dafür hatten sie mit einer ins Trudeln geratenen Wirtschaft zu kämpfen, da schenkten sich das angeblich „reiche“ Villingen und die „Arbeiterstadt“ Schwenningen nicht viel. In beiden Städten gingen in den FolgeBeide Städte hatten mit einer ins Trudeln geratenen Wirtschaft zu kämpfen, da schenkten sich das angeblich „reiche“ Villingen und die „Arbeiterstadt“ Schwenningen nicht viel. jahren dominante In dustriebereiche (z.B. Uhren, Unterhaltungselektronik) langsam, aber sicher den Bach hinunter. Tausende von Arbeitsplätzen im produzierenden Gewerbe, auch in den Städten und Gemeinden im Umland, verschwanden, die Steuereinnahmen schrumpften gewaltig. Die Region und Villingen-Schwenningen, galten als strukturschwach. Das war die bittere Realität. Zentralisierung der städtischen Verwaltung und Vernetzung scheint unmöglich So sehr sich die Politik im fernen Stuttgart durch die Fusion eine Initialzündung für die Region gewünscht hatte, so wenig konnten die Erwartungen 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 113

 

 

 

anfangs erfüllt werden. Irgendwie war die Zeit nicht geschaffen dafür und vor Ort mangelte es vielmals an Ideen und Durchsetzungswillen. In VS beschäftigten sich die Kommunalpolitiker lieber mit sich selbst. Wankelmütigkeit und Ängste, ein Stadtbezirk könne bevorzugt bzw. benachteiligt werden, bestimmten einen gewichtigen Teil dessen, was sich in Verwaltung und Gemeinderat abspielte. Zwar ist mittlerweile viel Wasser die Brigach und den Neckar hinunter geflossen, im Rat sitzt eine völlig andere Generation von Mandatsträgern, doch auch 50 Jahre nach dem Zusammenschluss von V und S ist das Proporzdenken immer noch in manchen Köpfen präsent und damit ein Teil der kommunalpolitischen Kultur in der Gesamtstadt. Jüngstes Beispiel: Die geplante Bündelung der, auf eine Vielzahl von Standorten verteilten, städtischen Verwaltung auf dem Mangin-Areal (ehemaliges Kasernengelände) in Villingen. 41 Millionen Euro machte der Gemeinderat 2017 dafür locker. Der Gegenwind aus Schwenningen ließ nicht lange auf sich warten, obwohl unstrittig war, dass Schwenningen natürlich weiterhin sein eigenes Rathaus behalten sollte. Um es kurz zu machen: Am Ende kam es, wie es in VS schon so oft kam: Der Gemeinderat kippte drei Jahre später (beflügelt auch von einem Wahlversprechen des heutigen OBs an die Schwenninger Stimmbürger) seinen eigenen Beschluss und speckte das Projekt großzügig ab. Der noch drei Jahre zuvor als „großer Wurf“ beklatschte Plan verlor gegen das bekannte Kirchturmdenken. Was nun auf dem einstigen Kasernengelände an Verwaltung Den Neubau eines gemeinsamen Rathauses im Zentralbereich zwischen den beiden Stadtbezirken schmetterten die Bürger mit überwältigender Mehrheit ab. konzentriert werden soll, entspricht nicht annähernd der Ursprungsplanung. Bereits schon einmal, nämlich 2012, war eine angedachte Zentralisierung der Verwaltung krachend gescheitert. Den geplanten Neubau eines gemeinsamen Rathauses im Zentralbereich zwischen den beiden großen Stadtbezirken schmetterten Villinger(innen) und Schwenninger(innen) in selten gekannter Eintracht mit überwältigender Mehrheit bei einem Bürgerentscheid ab. Damit war 2012 eine weitere Chance vertan, V und S über den Zentralbereich zusammenzuführen. Über Jahrzehnte hinweg blieb der zentrale Entwicklungsbereich ungenutzt. Neubaugebiete entstanden an den Rändern der beiden Städte oder in den kleineren Stadtbezirken. Die für den zentralen Standort prädestinierten Einrichtungen wie Stadthallen, Eisstadion oder Messegelände wurden entweder in einem der beiden großen Stadtbezirke neu gebaut oder an bestehenden Standorten ausgebaut. 114 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Vor allem aus dem bereits erwähnten Proporzdenken heraus wurde eine entscheidende städtebauliche Weiterentwicklung und eine deutliche Vernetzung Villingens und Schwenningens verspielt. Aufschwung durch Schwarzwald-Baar Klinikum Dass sich in den vergangenen Jahren dennoch etwas im Bereich der alten Landesgrenze zwischen Baden und Württemberg getan hat und immer noch tut, ist sicher der glücklichen Fügung zu verdanken, dass Anfang des neuen Jahrtausends die Zeit für ein neues regional-zentrales Klinikum reif war. Und dafür boten sich Grundstücke zwischen den beiden großen Stadtbezirken geradezu an. Nach längerer Planungsund einer dann vierjährigen Bauzeit ging 2013 das modernste Krankenhaus im Land in Betrieb. 263 Millionen Euro investierten Stadt, Kreis und Land in das Zentralklinikum, das die bis dahin bestehenden Krankenhäuser in Villingen, Schwenningen und in einigen Umlandgemeinden ersetzte. Ein Meilenstein in der lokalen, wie regionalen Patientenversorgung war damit gesetzt. Für VS bedeutete das neue Klinikum eine deutliche Stärkung seiner oberzentralen Funktion. Das Klinikum sorgte für einen regelrechten Bauboom in einem Teil des doppelstädtischen Zentralbereichs: Geschäftshäuser mit Büros, Arztpraxen, Apotheken und einer Tagesklinik reihen sich nebeneinander, ein neues Hotel wurde errichtet und aktuell erstellt die Industrieund Handelskammer Schwarzwald-BaarHeuberg für 18,5 Millionen Euro ein repräsentatives Verwaltungsgebäude. Dafür verlässt die IHK ihr Als Bindeglied zwischen V und S fungiert das 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum, in dessen Umfeld sich ein neuer Zentralbereich entwickelt hat und noch immer entwickelt. Aktuell erstellt die Industrieund Handelskammer Schwarzwald-Baar-Heuberg für 18,5 Millionen Euro ein repräsentatives Verwaltungsgebäude. angestammtes Domizil in der Villinger Innenstadt. Man sieht: Es tut sich immerhin endlich einiges im VS-Zentralbereich, wenn auch Einrichtungen, die Bürgerinnen und Bürger aus V und S direkt zusammenbringen könnten, für dieses weitläufige Areal wohl ein Wunschtraum bleiben. Ernst zu nehmender Hochschulstandort dank Erwin Teufel Bevor Ende der 1970er/Anfang der 1980er-Jahre die Stadt aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten in eine Depression verfallen konnte und die oberzentrale Funktion nicht mehr als ein Papiertiger hätte wert sein können, trat ein Mann ganz entscheidend ins Rampenlicht, der bei der Bevölkerung schon länger große Sympathien genoss: Erwin Teufel, der spätere Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg. Seit 1972 saß der CDU-Politiker für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen im Landtag, war Staatssekretär und ab 1978 Fraktionschef der mächtigen CDU im Landesparlament. Erwin Teufels Wort hatte Gewicht, vor Ort und in Stuttgart. Er war es, der nicht tatenlos zusehen wollte, wie ein ehrgeiziges Landesprojekt mit 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 115

 

 

 

dem Namen Villingen-Schwenningen, das auch noch in seinem Wahlkreis lag, vor sich hindümpelte und meilenweit von den ehrgeizigen Entwicklungszielen entfernt war. Vor allem von Teufel stammte die Idee, VS zu einem ernst zu nehmenden Hochschulstandort auszubauen. Mit dieser Maßnahme sollte die verflossene Industriemacht in der Doppelstadt zumindest ein Stück weit kompensiert werden, wenn sie auch erst einmal vordergründig die verloren gegangenen Arbeitsplätze nicht ersetzen konnte. Es ist Erwin Teufels Visionen, seinen exzellenten Kontakten und seiner Beharrlichkeit zu verdanken, dass VS heute eine nicht unerhebliche Rolle in der Hochschullandschaft Baden-Württembergs spielt. Gleich drei Bildungsstätten sitzen in VillingenSchwenningen: die DHBW Duale Hochschule Baden-Württemberg, die HFU Hochschule Furtwangen University sowie die Hochschule für Polizei Baden-Württemberg. Alle haben übrigens ihren Standort in Schwenningen, was nie in Frage gestellt wurde. Knapp 7.000 Studierende sorgen für entsprechendes Flair und tragen den Namen Villingen-Schwenningen in alle Welt. Darüber hinaus bietet die Staatliche Hochschule für Musik in Trossingen mit ihrer Tochter Musikakademie VS gGmbH anspruchsvollen Musikunterricht für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in VS an. VS – Standort renommierter Forschungsstätten Hochschule und Hightech stehen im perfekten Kontext – und so wundert es nicht, dass sich im Umfeld der Hochschulen renommierte Forschungsstätten ansiedelten. Zu nennen sind die Hahn-SchickardGesellschaft für angewandte Forschung e.V., das Kompetenzzentrum für Spanende Fertigung (KSF), das Zerspanungs-Institut Südwest oder das Steinbeis-Transferzentrum Infothek. Diese durchgängige Bildungsund Forschungsstruktur ist wiederum Garant dafür, dass die Wirtschaft auf qualifizierte Nachwuchskräfte zurückgreifen kann. Damit ist die Basis für einen zukunftsfähigen Wirtschaftsstandort Villingen-Schwenningen vorhanden. Ein Großunternehmen (Continental) und eine Vielzahl mittlerer und kleinerer Betriebe, von denen viele ganz vorne in der obersten Innovationsund Hochtechnologieliga mitspielen, bilden 50 Jahre nach der Fusion das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt. Arbeitsplätze Die beiden großen Stadtbezirke verfügen in ihren fußgängerfreundlichen Innenstädten über einen durchaus attraktiven Einzelhandelsmix, ergänzt durch ein Einkaufszentrum auf der „grünen Wiese“. sind wieder vorhanden, die düstere Stimmung der 1970er/1980er-Jahren längst überwunden. Viele Menschen pendeln aus dem Umland zum Arbeiten nach VS und stärken so den oberzentralen Gedanken. Symbolhaft für diese neue Stimmung steht das südlich von Weilersbach gelegene Gewerbegebiet „Herdenen“, das aufgrund seiner Größe und seiner Autobahnnähe in den zurückliegenden Jahren einen enormen Aufschwung erlebte. Neben Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen und Handwerk ist der Handel in Villingen-Schwenningen ein stabiler Faktor. Die beiden großen Stadtbezirke verfügen in ihren fußgängerfreundlichen Innenstädten über einen durchaus attraktiven Einzelhandelsmix, ergänzt durch ein Einkaufszentrum auf der „grünen Wiese“. Nicht vergessen werden darf ein buntes und qualitativ hochstehendes kulturelles Angebot, das sich durchaus mit dem einer Großstadt messen kann. Städtebauliche Weiterentwicklung Wenn sich Villingen und Schwenningen auch nicht über ihre Wohngebiete als gemeinsame Stadt definieren, getan hat sich allerdings in allen Stadtbezirken ganz schön viel. Mit der anfänglich gerade in Villingen misstrauisch beäugten Landesgartenschau (LGS) im Jahre 2010 nutzte die Kommune die Chance, vor allem Schwenningen ein gutes Stück städtebaulich weiterzuentwickeln und Wohnwie Lebensqualität nachhaltig zu verbessern. Villingen profitierte durch Umgestaltung des Brigachufers oder durch die Sanierung der Ringanlage von der LGS. Neue städtebauliche Möglichkeiten in großem 116 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Umfang taten sich in V und S auf den verwaisten Grundstücken der beiden Krankenhäuser auf. Mit den Megabauprojekten auf dem ehemaligen Kasernenareal und dem SABA-Gelände verändert Villingen seit einigen Jahren und aktuell in Teilen sein Gesicht und bietet dem knappen Wohnraumangebot ordentlich Paroli (siehe Fotos auf der nachfolgenden Doppelseite). Eine vergleichbare Entwicklung erlebte und erlebt Schwenningen auf dem früheren Bauhofgelände und demnächst mit einem bereits gefundenen Investor im Bereich des alten Schlachthofs. Herzogenweiler, Pfaffenweiler, Rietheim, Tannheim, Marbach, Mühlhausen, Obereschach, Weilersbach und Weigheim sind die kleineren Stadtbezirke, die zusammen mit Villingen und Schwenningen eine kommunale Einheit bilden. Die ehemals eigenständigen Gemeinden entwickelten sich im Schatten der beiden großen Städte gut, wenn auch nicht alle Erwartungen und Versprechungen aus den Anfangsjahren der Fusionen erfüllt wurden. Die ländlichen Stadtbezirke gelten heute als attraktive Wohngemeinden, die durch die Bank auch über vernünftige Infrastrukturen verfügen. Die Weichen sind auf Erfolg gestellt Was aber bleibt als Fazit nach 50 Jahren Bindestrichstadt? Villingen-Schwenningen hat seine Rolle als wichtiges und selbstbewusstes Oberzentrum für die Unterwegs in VS-Villingen – bummeln in einer der schönsten Fußgängerzonen in Baden-Württemberg. Region Schwarzwald-Baar-Heuberg gefunden. Das ist unstrittig. Eine perfekte Einheit bildet VillingenSchwenningen allerdings nicht. Da bedarf es sicher noch einiger Generationen. Eine gemeinsame Identität über Vereine wie den Eishockeyclub Schwenninger Wild Wings zu definieren, das reicht halt nicht. Solange es unterschiedliche Telefonvorwahlnummern gibt, solange Vereine und Kirchen immer noch in badischen und württembergischen Landesverbänden und Landeskirchen daheim sind und solange bei der Kommunalpolitik das Proporzdenken nicht gänzlich aus den Köpfen verschwunden ist – solange hat Villingen-Schwenningen ein ganz spezielles und eigenes Problem. Dass jeder Stadtbezirk auch auf Dauer ein Stück Eigenheit und vor allem kulturelle Identität bewahren sollte, daran gibt es mit Blick auf die historischen Entwicklungen absolut nichts auszusetzen. Allerdings darf diese Erkenntnis nicht die gemeinsame Zukunft hemmen. Villingen-Schwenningen hat, wie eingangs erwähnt, einen steinigen Weg hinter sich und gerade deshalb für das, was erreicht wurde, Respekt verdient. Zugleich sind die Weichen für eine weitere erfolgreiche Zukunft gestellt. Der Zug mit Namen VS muss nur mächtig unter Strom bleiben. 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 117

 

 

 

Die städtebauliche Weiterentwicklung von Villingen-Schwenningen schreitet im 50. Jahr der Städteehe enorm voran: Das internationale Immobilienunternehmen Ten Brinke und die Richter-Gruppe wollen auf dem SABA-Areal sowie dem ehemaligen Villinger Kasernenareal Lyautey – rund 64.000 Quadratmeter groß – einen neuen Gewerbepark und insgesamt 400 Wohnungen realisieren. Investiert werden ca. 100 Millionen Euro. Das gesamte Gebiet zwischen der Peterzeller Straße und der Richthofenstraße wird sich somit in den kommenden Jahren vollständig verändern. Der Großteil des Lyautey-Areals inklusiver zahlreicher denkmalgeschützter Gebäude ist vor zwei Jahren an die DBA Deutsche Bauwert verkauft worden. Der nördliche Teil des Lyautey-Areals (knapp 13.700 Quadratmeter) ist, ebenso wie das ehemalige Saba-Areal, das als Innovationspark geführt wird, im Besitz der Richter-Gruppe aus Mainz und von Ten Brinke. Das Immobilienunternehmen Ten Brinke fungiert als Investor und Entwickler. Die Bildfolge rechts zeigt einen Teil des SABA-Areals vor und nach dem Abbruch der Gebäude, aufgenommen im Frühjahr 2021 (oben) und dann im August 2021 (unten). 118 Villingen-Schwenningen

 

 

 

50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 119

 

 

 

120 120 120 120 Villingen-Schwenningen 6. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Farbund ausdrucksstarker Abschied von einer grandiosen Villinger Erfolgsgeschichte 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs Text und Fotografie von H.J. Götz 121 121 121 121

 

 

 

Im „Sprayer-Paradies“ – Jonas Fehlinger und Steffen Schulz. Ende letzten Jahres war der Verkauf des SABAGeländes für den Brigachtaler Graffiti-Künstler Jonas Fehlinger der Anlass, bei Kai Engesser, dem verantwortlichen Projektleiter des Investors Ten Brinke, seine Idee einer Graffiti-Kunst-Aktion vorzustellen. Zusammen mit seinem Freund Steffen Schulz plante er, die geschichtsträchtigen SABA-Gebäude vor ihrem Abriss mit moderner Spray-Kunst in Szene zu setzen. Dass die Arbeiten nur wenige Monate überdauern würden, reizte die Künstler besonders. Endlich Platz und freie Hand Mitte Dezember 2020 konnte die einmalige Kunstaktion beginnen: Zunächst waren Jonas Fehlinger und sein Freund Steffen Schulz alleine. Jeder begann eine Wand mit einem eigenen Motiv zu besprühen. Zu dieser Zeit war es recht ungemütlich, schließlich herrschte Winter. Doch selbst wenn man es schafft, sich selbst warm und trocken zu halten, so sind die Spraydosen nicht wirklich für ein Arbeiten bei derart rauen Bedingungen ausgelegt. So kamen auch Campingkocher zum Einsatz, die es ermöglichten, die Spraydosen vor ihrer Verwendung auf „Betriebstemperatur“ zu bringen. Und es gab ein weiteres Problem: Zu Beginn ihrer Arbeit wurden die beiden mehrfach von kritischen Zeitgenossen angesprochen, die diese Aktion für illegale Verschandelung hielten. „Daran haben wir uns gewöhnt, das muss man ertragen können, wenn man mit einer Spraydose arbeitet“, erklärt Steffen Schulz und weiter: „Wenn wir mit einem feinen Pinsel und normaler Farbe arbeiten würden, gäbe es solche Gespräche nicht, dann wären wir einfach nur Künstler“. Beiden Künstlern war bewusst, dass sie es als Zweier-Team niemals schaffen würden, derart viele Flächen zu bewältigen. Die Hoffnung war, dass weitere Graffiti-Künstler dazustoßen würden. So kam es auch: Durch die Berichterstattung in der Presse und im SWR-Fernsehen erweiterte sich der Kreis der Graffiti-Künstler beträchtlich. Am Ende umfasste das Kern-Team über 20 Sprayer. Auch Jugendliche kamen mehrfach zu Besuch – so entstand früh die Idee, Graffiti-Workshops für Kinder und Jugendliche anzubieten, bei denen sie sich unter Anleitung als Sprayer versuchen durften. SABA: Radio, Tonband, Fernseher – eine Weltmarke ermöglicht Motiv über Motiv An diesem geschichtsträchtigen Ort war klar, dass das Thema „SABA“ ein Schwerpunkt der Arbeiten darstellen musste: Vom Radio über das Tonband – vom Plattenspieler bis zum Fernseher wurden die verschiedensten Motive kunstvoll umgesetzt. Auch die Porträts der ehemaligen Firmenchefs, einige der alten Marketing-Motive und Logos wurden auf die SABA-Fassaden gesprüht. Und auch das legendäre 122 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Oscar Peterson meets Hans Georg Brunner-Schwer – ein Weltklasse-Jazzer trifft auf ein Weltklasse-Tonstudio und einen Weltklasse-Tonexperten. Werk von Jonas Fehlinger. Tanzen zur Musik aus SABA-Geräten – Momentaufnahme mit Bilderzyklus von Jonas Fehlinger. SABA – Farbund ausdrucksstarker Abschied 123

 

 

 

Into the Jungle – Graffiti von „Sakon“. Villinger Label MPS-Records kam zu Ehren: Der weltberühmte Jazzmusiker Oscar Peterson wurde zusammen mit Hans Georg Brunner-Schwer verewigt, der den Weltstar des Jazz mit seiner sensationellen Aufnahmetechnik zu begeistern vermochte. Für Jonas Fehlinger die perfekte Verbindung zu seiner Kunst: „Graffiti ist Jazz mit Buchstaben“, sagt er. Tausende von Besuchern Die bemerkenswerte Kunstaktion zog die Menschen alsbald in ihren Bann: An manchen Wochenendtagen waren es bei schönem Wetter und zu CoronaZeiten über 1.000 Besucher, die den Weg zur SABA fanden, wo der Kunstgenuss zu einem völlig ungestörten, befreienden Erlebnis geriet. Etliche der Besucher hatten selbst bei der SABA gearbeitet – es war zugleich ihr Abschiedsbesuch von einem lang vertrauten Ort. Über einige dieser Kontakte entstanden auch Ideen für weitere Motive. Der Name SABA stand stets ebenso für soziales Engagement und die Firmenleitung – allen voran der Firmeninhaber Hermann Brunner-Schwer – hatte stets ein Herz für Vereine und den Sport. So trat die SABA mit eigenen Sportstaffeln an. Weit über die Region hinaus bekannt waren die Boxer-Staffel und die Fußballelf mit ihren zahlreichen Stars, darunter einige Helden von Bern, allen voran Fritz Walter und Helmut Rahn. Und: Auch die Anfänge des Profi-Eishockeys in Schwenningen gehen auf ein Sponsoring der SABA zurück. Ein besonderes Erlebnis war es für die GraffitiKünstler, wenn Menschen vorbeischauten, die sie auf den SABA-Wänden porträtiert hatten. Prominentestes Beispiel ist der bekannte SABA-Boxer und ehemalige Box-Europameister im Bantamgewicht Horst Rascher. Er besuchte die SABA-Sprayer zusammen mit Sohn Dieter – beide hatte Jonas Fehlinger auf Die Augen der SABA – im Bann der Musik. Ein Werk von Jochen Laufer. 124 124 Villingen-Schwenningen

 

 

 

einem Graffiti am Boxring dargestellt (siehe folgende Doppelseite). So ein Event ist noch nie da gewesen Wie viele Fotos und Videos in diesen Wochen aufgenommen wurden, kann man kaum schätzen, aber allein in den Sozialen Medien finden sich Tausende davon. Die Künstler selbst wollen nun unter anderem einen Bildband und eine Videodokumentation über ihr Werk realisieren. Und getreu dem Motto: „Nach dem Projekt ist vor dem Projekt“, haben sich für gleich einige der Künstler durch die SABA-Arbeiten neue Aufträge ergeben. So bemalten Jonas Fehlinger und einige seiner Weggefährten inzwischen Wände im Unterkirnacher Hallenbad Aqualino und ebenso weitere Hausfassaden in VS-Villingen. Auch Gespräche mit der Stadt Villingen-Schwenningen laufen. Denn im Rathaus ist sehr wohl aufgefallen, welch zusätzliche kostenlose Publicity die Doppelstadt durch diese Aktion erfahren hat. Aber die allerschönste Belohnung war für Jonas Fehlinger etwas, was er so gar nicht geplant und erwartet hatte, denn oft kommt es auch im Leben eines GraffitiKünstlers anders als man denkt. „Die Arbeit an diesem Projekt werde ich nie vergessen, weil ich hier auch meine neue Liebe gefunden habe“, freut er sich, während er mit seiner Freundin einen letzten Blick auf die Arbeit der vergangenen drei Monate wirft. Weitere Bildmotive finden Sie auf: www.almanach-sbk.de/graffiti 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 125

 

 

 

xyz SABAnesin von Jochen Laufer und SABA-Bollenhutgirl von Jasmin Nestmann. 126 Villingen-Schwenningen

 

 

 

SABA-Boxer-Staffel: Horst Rascher coacht seinen Sohn Dieter – SABA-Fußballelf, hier Dirk Brüsker. © Jonas Fehlinger 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 127

 

 

 

Im Schwarzwald: Kuckucksuhr und Kuh mit SABA-Fernsehbrille von Jasmin Nestmann. 128 Villingen-Schwenningen

 

 

 

Tunneleingang mit Spinnen von Steffen Schulz. Der Abriss ist in vollem Gang. SABA – Farbund ausdrucksstarker Abschied 129

 

 

 

Jonas Fehlinger ist in der regionalen Künstler-Szene kein Unbekannter, seine GraffitiWerke bereichern bereits seit über zehn Jahren ganz offiziell verschiedenste Objekte im Umland. Angefangen hatte es mit Graffiti-Werken auf Gebäuden in seiner Heimatgemeinde Brigachtal. Kurz nach Beginn seines Kunststudiums an der Akademie in Karlsruhe bekam er von der Gemeinde Brigachtal auch seinen ersten offiziellen Auftrag: Einer der hässlichen Beton-Brückenpfeiler beim Festplatz sollte schöner werden. IM PORTRAIT Der Sprayer Jonas Fehlinger Danach folgten weitere offizielle Graffiti-Kunst-Aufträge, wie z. B. die Neugestaltung des „Speedy“, eines umgebauten Eisenbahnwagons, der ebenfalls auf dem Dorfplatz steht und nach seiner Karriere als Jugendtreffpunkt zu einem Bistro umgebaut wurde. Auch die Verschönerung eines unansehnlichen Trafohäuschens in der Dorfmitte sollte eine weitere Auftragsarbeit von Fehlinger werden. Ganz bewusst tummelt er sich auch nicht in der UndergroundSzene, die unerlaubt alle möglichen Objekte mit ihren Graffitis Villingen-Schwenningen

 

 

 

verschandelt, von Brücken bis zu ganzen Eisenbahnzügen. Vielmehr ging es ihm schon immer darum, auch das Thema Graffiti in eine geschätzte und öffentliche Kunstform zu heben. Sein Vorbild sind große Städte wie Basel, Mannheim, San Francisco und viele weitere, die lokalen Grafitti-Künstlern schon seit langem die Gelegenheit bieten, sich offiziell auf speziell dafür reservierten Flächen verewigen zu können. Im Gegenzug profitieren diese Städte dadurch, dass die Arbeiten vermehrt kunstinteressierte Touristen anlocken. Allerdings sei ihm in unserer Region diesbezüglich der Durchbruch noch nicht geglückt, wie er betont. Dafür sind Hauseigentümer auf ihn aufmerksam geworden. So hat er unter anderem auch eine Wand in der Schlösslegasse, im sogenannten Gerber-Eck, mit Fastnachtsmotiven bemalt. Auch im Goldenen Bühl und anderen Stadtteilen zieren Fehlingers Graffitis inzwischen ganze Hausfassaden. Allesamt ganz legal und im Auftrag, denn auch ein Künstler wie Fehlinger lebt nicht von Luft und Liebe allein. Graffiti vom Feinsten: Jonas Fehlinger hat sich bei den Villingern zusammen mit seinem Freund Steffen Schulz vor allem auch wegen seiner FastnachtsGraffitis in der Goldgrubengasse hohe Anerkennung erworben. Unten v. links: Das Trafohäuschen, Garagengestaltung mit Eisenbahn, Wirtin Mirella Fanelli (links) und Graffiti-Künstler Jonas Fehlinger vor dem „Speedy“. 50 Jahre im Zeichen des Bindestrichs 131

 

 

 

Diese Geschichte erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Zu vielfältig und überregional verstreut sind die Spuren der legendären SABA, der „Schwarzwälder Apparate Bau-Anstalt“. Noch immer finden sich SABA-Radiound Fernsehapparate in so manchem Haushalt und es existiert das firmeneigene, wiederbelebte MPSTonstudio. Im Villinger Stadtarchiv, aber auch im Privatbesitz, schlummern Promi-Fotografien und Schriftstücke – im Museum stehen u. a. ein SABA-Kühlschrank, ein Volksempfänger und ein Telefon. Dort hängen Boxhandschuhe der SABA-Box staffel und Gemälde der SABA-Malgruppe. Spuren wie diese machen die SABA unvergessen – weit über Villingen hinaus. Und nicht nur ehemalige „Sabanesen“ bedauern, dass die Gebäude des einstigen Weltmarktführers nach ihrem Geschmack zu sangund klanglos der Abrissbirne zum Opfer fielen. von Birgit Heinig

 

 

 

Der blaue Schriftzug „SABA“ wird vor dem Abriss geborgen und soll 2023 bei einer Sonderausstellung im Franziskanermuseum wieder zu sehen sein. 133

 

 

 

Manchmal kommen SABA-Spuren auch unverhofft wieder zum Vorschein. So wie das kleine tragbare TV-Gerät in knalligem Orange, das SABA pro FP 31 electronic aus dem Jahre 1972, das unter dem Motto „echt süß“ aktuell Teil einer plakativen Imagekampagne des Franziskanermuseums ist. Auf der Suche nach SABA-Spuren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man erkennt, was aus dem 1835 in Triberg von Joseph Benedikt Schwer gegründeten Produktionsbetrieb für Uhrenteile und Fahrradglocken entstand. Erinnerungen an eine Vielfalt von Produkten der Unterhaltungselektronik, aber auch an das großartige soziale Engagement dieser Villinger Unternehmerdynastie, hüten viele Menschen – und das jeder auf seine Weise. SABA-Spuren im Franziskanermuseum Der erste Weg führt ins Franziskanermuseum in VS-Villingen. Hier plant man für das Jahr 2023 eine Das tragbare Fernsehgerät SABA pro FP 31 electronic aus dem Jahre 1972 ist aktuell Teil einer Imagekampagne des Franziskanermuseums. Auf der Suche nach SABASpuren kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn man erkennt, was aus dem 1835 in Triberg gegründeten Produktionsbetrieb für Uhrenteile und Fahrradglocken entstand. SABA-Sonderausstellung. Dann ist es nämlich genau 100 Jahre her, dass die von Hermann Schwer 1923 in Villingen kreierten vier Buchstaben mit ihrem spektakulären Zug um die Welt begannen. Der meterhohe Schriftzug, der zuletzt auf dem Verwaltungsgebäude an der Peterzeller Straße prangte, wurde vor dem Abriss von der Stadt in Sicherheit gebracht. Er soll laut Museumsleiterin Dr. Anita Auer spätestens zur Ausstellung wieder ans Tageslicht kommen. Beim Gang durch die Dauerausstellung „Industriegeschichte in Villingen“ des Franziskanermuseums finden sich die Meilensteine der SABA-Produktionsgeschichte. Für die SABA – neben Kienzle seinerzeit größter Arbeitgeber mit zeitweise über 6.000 Beschäftigten – sind gleich mehrere Räume eingerichtet. Wer hier allerdings ausschließlich Radiound Fernsehapparate erwartet, darf sich wundern: Neben dem Volksempfänger S 35 von 1930 stehen auch ein Kühlschrank, ein Telefon und eine Rechenmaschine. Sie zeugen von den „Sonderproduktionen“ nach dem Zweiten Weltkrieg. Dazu gehören ebenso ein erfolgloses „Schlaftherapiegerät“, ein Ausflug in die Medizintechnik, eine „akustische Vogelscheuche“ und MPS-Records, das Villinger Tonstudio mit Weltruhm. Geschaffen hat es Hans Georg Brunner-Schwer, seine Tontechnik hat weltberühmte Musiker wie Oscar Peterson oder George Duke begeistert, wovon noch die Rede sein wird. Viele SABA-Erinnerungen schlummern laut Anita Auer noch im Museumsdepot. Die meisten stammen aus der Sammlung des Villinger „Sabanesen“ Herbert Schroff (1925-2011). Der Fotograf, Journalist und Tausendsassa seiner Zeit, hinterließ unter anderem unzählige Fotografien, die über die Homepage des 134 Villingen-Schwenningen

 

 

 

In der Museumsabteilung „Industriegeschichte in Villingen“ sind zahlreiche SABA-Spuren erhalten. nutzte nach dem Sieg der Deutschen seine Kontakte und gewann fast alle Nationalspieler als Werbeträger. Dazu muss man wissen: Hans Georg Bruner-Schwer war ab 1961 Technischer Geschäftsführer der SABAWerke und sein Bruder Hermann Kaufmännischer Geschäftsführer. 1960 wurde die SABA-Prominentenelf aus der Taufe gehoben, 15 Jahre lang gemanagt von Herbert Schroff. Fritz Walter und Horst Eckel, Trainer Sepp Herberger und Sportreporter Rudi Michel, zeitweise auch Schauspieler wie Mario Adorf und Jacky Stadtarchivs einzusehen sind. Ein großer Teil des bildlichen Schroff-Nachlasses wurde dank Sponsoren bereits digitalisiert. Weitere Sammlerstücke sollen nach der SABA-Sonderausstellung in einer sowohl räumlich als auch inhaltlich überarbeiteten Museumsabteilung Platz finden, verspricht Museumsleiterin Dr. Auer. Die SABA und das „Wunder von Bern“ Die Fernsehtruhe „Schauinsland“ von 1953 kostete stolze 1.448 D-Mark. Nur finanziell gut gestellte Kunden konnten sich das Nobelgerät leisten und die Fußballweltmeisterschaft 1954 im eigenen Wohnzimmer miterleben. Museumsbesuchern werden per Projektion Ausschnitte des „Wunders von Bern“ präsentiert. Der sportbegeisterte Hermann Brunner-Schwer Zahlreiche Erinnerungen an die SABA-Prominentenelf der beiden Villinger Rudolf Natschke und Hannes Frey sind geprägt von Begegnungen mit Stars aus Film, Funk und Fernsehen. SABA-Spuren 135

 

 

 

Nicht nur im Museum, auch im digitalen Schroff-Archiv und in Privatalben einstiger Mitspieler wie Hannes Frey (links) und Rudolf Natschke sind Fotos der legendären Prominentenelf zu finden. Auf den Fotos befinden sich auch Helden von Bern, so Fritz Walter (stehend, Dritter v. links). Fuchsberger oder der Sänger Tony Marschall, traten für den guten Zweck gerne gegen das runde Leder. So war der 1. Mai über viele Jahre Fixtermin für einen Kick zu Gunsten der „Aktion Sorgenkind“. Auch die beiden Villinger Rudolf Natschke (81) und Hannes Frey (83) waren dabei. Natschke war Aktiver der ersten FC ®8-Mannschaft, Frey unter anderem Jugendtrainer. Ihre Erinnerungen an rund 30 Jahre SABAProminentenelf sind geprägt von Begegnungen mit Stars aus Film, Funk und Fernsehen. Sie kickten nicht nur an der Seite von Günther Netzer und Uli Hoeneß: „Wir haben nach dem Spiel auch das ein oder andere Bier zusammen getrunken“, so die beiden. Zahlreiche SABA-Dokumente im Villinger Stadtarchiv Der Weg führt ins Stadtarchiv. Hier schlummern, von Amtsleiterin Ute Schulze und ihrem Team fein säuberlich katalogisiert und nach Anmeldung für jedermann einsehbar, zahlreiche Schriftstücke. Zum einen belegen sie den Aufstieg und das Sterben der SABA, zum anderen gewähren sie persönliche Einblicke in das Familienleben der Inhaber. Werbeplakate, Nachlassregelungen, Bilanzen und Geschäftskorrespondenz zeugen von den unternehmerischen Leistungen. Dazu gehören Feldpostbriefe aus dem Jahr 1915 von Hermann Schwer an seine Frau Johanna, aber auch Impf-, Geburtsund Taufscheine ihrer Tochter Margarete, ausgestellt 1906. Weiter berührt das durch eingeklebte Fotografien, getrocknete Blüten, Ausgeschnittenes und Gebasteltes mehrere Zentimeter dick gewordene „Merkbuch des Lebens, von Mutterhand begonnen zur späteren eigenen Fortsetzung“ den Betrachter. Es stammt von Margarete Schwer verheiratete Scherb, der späteren SABA-Mutter. Erinnerungen an die SABA-Mutter Margarete Scherb „Margarete-Scherb-Straße“ – das Straßenschild, weiße Schrift auf blauem Grund, steht im Gewerbegebiet „Vorderer-Eckweg“ auf Villinger Gemarkung und erinnert an eine Frau und Ehrenbürgerin der Stadt, die aufgrund ihrer sozialen Gesinnung und Bodenständigkeit als „SABA-Mutter“ bezeichnet wurde. Sie setzte damit die Tradition ihrer Mutter Johanna Schwer fort. Die Firma honorierte den Einsatz der Mitarbeiter, für die Überstunden und Sonderschichten selbstverständlich zu sein hatten, mit sozialen Angeboten für die ganze Familie: Es gab ein Ferienheim in Meersburg, einen Fonds für „hilfsbedürftige und würdige Mitarbeiter“, eine Werksbibliothek, Sportgruppen, Unterhaltungsabende und Ausflüge. Auch eine SABA-Big-Band spielte auf. Die Spuren von „Gretel“ Scherb (19051983) dürften heute vor allem in den Köpfen derer fortbestehen, die den SABA-Betriebskindergarten besuchten oder die legendären Weihnachtsfeiern in der Alten Tonhalle mit Besuch des Hohnsteiner Kaspers miterlebten. Übrigens: Margarete Scherbs erster, 1934 wieder 136 Villingen-Schwenningen

 

 

 

geschiedenen Ehe mit Hugo Friedrich Brunner, aus der die Söhne Hermann und Hans Georg hervorgingen, ist der heute mit der SABA verbundene Doppelname Brunner-Schwer zu verdanken. „Fritz“ Brunner war Musiker und Künstler und vererbte Sohn Hans Georg seine musische Leidenschaft. In seinem Privathaus richtete Hans Georg BrunnerSchwer – oder „HGBS“, wie ihn Freunde nannten, das weltberühmte MPS-Tonstudio ein, das bis heute unverändert existiert. Stadtführer Rudolf Reim bekam die Gelegenheit, diese SABA-Spur in Augenschein zu nehmen. Er besuchte die Witwe von HGBS, Marlies Brunner-Schwer, inzwischen 95 Jahre alt, und bereitete sich damit auf seine Blickpunktführung im Franziskanermuseum zum Thema „Lieblingsobjekte“ vor. Seines war das SABA-Mobil, das erste tragbare Tonbandgerät von 1961. HGBS veranstaltete in den 1960er-Jahren Hauskonzerte mit berühmten Musikern. Ihre Musik zeichnete er in einer nie zuvor gehörten Qualität auf Band auf. Als sich der kanadische Starpianist Oscar Peterson 1963 bei seinem ersten Besuch im Haus Schwer die Bänder seines Hauskonzertes anhörte, war er überwältigt. Es folgten Schallplattenaufnahmen über Schallplattenaufnahmen. In seinem Privathaus richtete Hans Georg BrunnerSchwer, das weltberühmte MPSTonstudio ein. Er veranstaltete in den 1960er-Jahren Hauskonzerte mit berühmten Musikern. Ihre Musik zeichnete er in einer nie zuvor gehörten Qualität auf Band auf. MPS: Most perfect sound – Im Studio von Hans-Georg Brunner-Schwer Das MPS-Studio, das es durch Hans-Georg BrunnerSchwers Engagement in den 60erund 70er-Jahre zu Weltruhm brachte, und in der internationalen Musikszene einen großen Namen hat, liegt auf Marlies Brunner-Schwer im privatem Tonstudio von HGBS – ihres verstorbenen Ehemannes Hans Georg Brunner-Schwer. Links Stadtführer Rudolf Reim, der die Erinnerungen von Marlies Brunner-Schwer in seine Führungen einbaut. SABA-Spuren 137

 

 

 

Friedhelm Schulz, Mitglied im Vorstand des MPS-Fördervereins, an einer der Bandmaschinen aus den 1960er-Jahren. dem SABA-Areal etwas versteckt. Das Kürzel „MPS“, „Musik Produktion Schwarzwald“, wird von Kennern mit „most perfect sound“ übersetzt. Hier sieht alles noch genauso aus wie vor 50 Jahren. Die Räume im ersten Stock eines unscheinbaren Hauses in zweiter Reihe der Villinger Richthofenstraße sind längst zum „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ erklärt. Hier, wo während des Zweiten Weltkrieges die Familien Brunner-Schwer lebten, während ihre beiden Villen in unmittelbarer Nachbarschaft – eine davon beherbergt heute einen Kindergarten – von den Franzosen besetzt waren, ist nicht nur ein großer Teil der deutschen Jazzund Klassik-Szene groß geworden. Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden zeugen von Besuchen internationaler Stars wie Oscar Peterson oder Duke Ellington. Aber auch George Duke, Friedrich Gulda, Wolfgang Dauner und viele andere musikalische Größen nahmen hier ihre Musik auf. Friedhelm Schulz ist einer der Verantwortlichen des seit 2017 bestehenden Fördervereins mit rund 70 Mitgliedern, die das Studio vor dem Untergang retteten und dafür sorgten, dass hier nach einer Zwangspause zur Klärung von Zuständigkeitsfragen wieder handgemachte Musik aller Art Einzug hielt. Die Erinnerung an die SABA wird damit auch musikalisch wachgehalten. Das Studio wird heute von Musikern für Tonaufnahmen gemietet, von Interessierten besichtigt und von Kulturfreunden bei Veranstaltungen besucht. Nachdem die „Schwarzwälder Apparate BauAnstalt“ in den 1950er-Jahren mit der Produktion von Tonbandgeräten begonnen hatte, ging man dazu über, bespielte Bänder und später Singles und LPs im eigenen Tonstudio einzuspielen. Nachdem die „Schwarzwälder Apparate BauAnstalt“ in den 1950er-Jahren mit der Produktion von Tonbandgeräten begonnen hatte, ging man dazu über, bespielte Bänder und später Singles und LPs im eigenen Tonstudio einzuspielen. Friedhelm Schulz zeigt die Zeugen aus dieser Zeit, Musikträger mit Titeln wie „Das alte Lied“ oder „Musikalisches Schatzkästlein“. Im Archiv lagern weitere hochwertige Konserven akustischer Musik und es werden auch neue Vinylplatten aus Archivbeständen veröffentlicht. Als SABA 1968 mit Beginn des Farbfernsehens die Amerikaner mit ins Boot nahm, wollten die von diesem Geschäftszweig indes 138 Villingen-Schwenningen

 

 

 

nichts wissen. Hans Georg Brunner-Schwer gründete MPS, das Tonstudio, das fortan auch mit Hauskonzerten weltbekannter Jazzer, mit „Jazz in the Black Forest“, Musikgeschichte schreiben sollte. Im Aufnahmeund Regieraum arbeiten die Tonmeister bis heute mit jahrzehntealter Technik, mit der es gelingt, von jedweder Digitalisierung unerreicht, Musik in einmaliger Authentizität wiederzugeben. Technikbegeisterte gründen die „Historische Radiowerkstatt“ 1993 jährte sich die Ausstrahlung der ersten Radiosendung zum 70. Mal. Für Ernst Schamburek, ehemaliger Sabanese und damaliger Mitarbeiter der Volkshochschule, der Anlass, um gemeinsam mit technikbegeisterten Freunden, SABA-Ingenieuren, Rundfunktechnikern und Physiklehrern, 1994 die „Historische Radiowerkstatt“ zu gründen. Seither traf man sich an jedem Montagabend, um Röhrenradios, „technische Kulturgüter“, die einst zum Alltagsgebrauch gehörten, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Im März 2020 war der letzte „Bastelabend“, dann kam Corona. Noch wartet die kleine Werkstatt im VHS-Gebäude am Münsterplatz auf ihre Wiedergeburt nach der Pandemie, noch stehen in ihren Regalen nicht nur SABAGeräte, Kellerfunde oder Familienerbstücke, die zum Leben erweckt werden wollen. Doch ihre Zukunft war zum Redaktionsschluss ungewiss. Die Zahl der Tüftler ist durch Alter, Wegzug und die lange Zwangspause sehr geschrumpft. „Von den Gründervätern ist niemand mehr dabei“, bedauert der Wirtschaftsingenieur Klaus Gerhardt. Er stieß 1998 zur Radiowerkstatt. Das SABA-Radio „Freiburg 9“, bis heute bei Kennern gefragtes Spitzenmodell von 1958, hatte er sich von seinem ersten Lehrlingsgehalt geleistet. Mit Engelsgeduld die genial einfache, aber nur schwer zu restaurierende Mechanik der 1930erbis 1960er-Jahre wieder gangbar zu machen, dieser Wunsch eint das Team der Historischen Radiowerkstatt. Dazu braucht es Ersatzteile wie Röhren, Widerstände und Kondensatoren, die oft erst nach langem Stöbern auf Märkten, Messen und im Internet aufgespürt werden. Auch auf „Schrottgeräte“ zum Ausschlachten wird gerne zurückgegriffen. „Es gibt nichts Schöneres, als nach Wochen und Monaten zum ersten Mal den satten Sound eines SABA-Freudenstadt 14 von 1963 zu höErarbeiten in der Radiowerkstatt die Lösungen technischer Probleme gerne generationenübergreifend und interdisziplinär: Harald Greilich, Klaus Esslinger, Marcus Hetzinger und John, ein Gast aus Kanada (von links). ren“, schwärmte einst Harald Greilich, der inzwischen in Frankreich lebt. Das SABA-Radio, das auch Bundeskanzler Adenauer gern verschenkt haben soll, war weltweit bekannt für seine außerordentlichen Lautsprecher. Ein Box-Champion trägt den Namen SABA in die ganze Welt hinaus Auf eine lebendige SABA-Spur trifft man in Bad Dürrheim. Hier lebt Horst Rascher. Er trug in den 1960er-Jahren als Box-Champion den Namen SABA in die ganze Welt hinaus. Doch der Reihe nach. Hermann Brunner-Schwer war nicht nur Fußball-, sondern auch Boxfan. 1959 finanzierte er die Ausrichtung der Europameisterschaft in Luzern unter dem raffinierten Namen „Schweizer Amateur Box Association“, kurz SABA genannt. Der damals 19-jährige Rascher wurde in Luzern im Bantamgewicht Europameister und zog Schwers Interesse auf sich. Der Brief an dessen Heimverein in Ulm, in dem Brunner-Schwer dem jungen Talent das Angebot unterbreitete, nach Villingen zu kommen, erreichte den Boxer nie. Der Ulmer Verein unterschlug ihn wohl bewusst, wie Rascher heute weiß. Erst 1966 fanden er und die Schwarzwälder Apparate Bau-Anstalt zusammen. Da lagen die Olympischen Spiele in Rom 1960 schon hinter ihm, wo er einen Medaillenrang nur knapp verpasste. 1964 konnte er kein Olympiaticket lösen. Umso mehr SABA-Spuren 139

 

 

 

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Der heute 81-jährige Horst Rascher steigt noch so manches Mal in seinen Kellerraum hinab zu den Erinnerungsstücken seiner Zeit als erfolgreicher Boxer. Dort streift er seine Boxhandschuhe über, auf deren Rand „SABA“ steht. wurde der gelernte Elektroinstallateur von BrunnerSchwer gefördert und auf die Olympiade 1968 in Mexiko vorbereitet: beruflich mit einer Weiterbildung zum Technischen Zeichner und Einstellung in der Designabteilung, später der Modellbauwerkstatt und sportlich in der SABA-Boxstaffel. „Ihm verdanke ich alles“, sagt Horst Rascher über Hermann Brunner-Schwer, der seinerzeit auch Kontakt hielt zu den Profis Max Schmeling und Bubi Scholz, die der Amateur Horst Rascher kennenlernen durfte. Gerne war er dafür weltweit als SABA-Werbeträger unterwegs. Und er war erfolgreich: 1968 wurde er zum neunten Mal Deutscher Meister und qualifizierte sich für seine zweite Olympiade. Der Traum, seinem Mäzen eine Medaille zu präsentieren, blieb indes unerfüllt – der bitter enttäuschte Rascher wurde Fünfter. 1969 gab er seine sportliche Karriere nach rund 300 Kämpfen auf. Auch danach kümmerte sich die SABA um ihren Angestellten. Er wurde zum Industriedesigner weitergebildet. Anfang der 1990er-Jahre, mit der Geschäftsübernahme durch die Franzosen, endete Raschers Beziehung zu seinem „ganz besonderen“ Arbeitgeber. Er ging in den Vorruhestand. Der heute 81-Jährige steigt noch so manches Mal in seinen Kellerraum hinab zu den Erinnerungsstücken seiner Zeit als erfolgreicher Boxer. Und dort streift er seine Boxhandschuhe von früher über, auf deren Rand „SABA“ steht. Der frühere Europameister Horst Rascher mit seinen SABA-Boxhandschuhen. Gunnar Frey ist leidenschaftlicher Sammler von SABAGimmicks und hält hier das seltene Plakat der einstigen SABA-Big-Band in Händen. Begeisterte private Sammler bewahren unzählige SABA-Schätze Und dann gibt es da noch die vielen privaten Sammler, die ihre SABA-Schätze in den eigenen vier Wänden, in Schubläden, Schränken und Vitrinen verwahren. Stellvertretend für sie alle sei hier Gunnar Frey aus VS-Villingen vorgestellt. Mit 41 Jahren zu jung, um selbst ein Sabanese gewesen zu sein, nennt er je ein mit sattem Sound funktionierendes SABA-Röhrenradio der Marken „Villingen“ und „Freiburg“ sein eigen, ansonsten hat sich der Besitzer eines urigen Schallplattenladens auf SABA-Werbeartikel verlegt. Die „Gimmicks“ füllen zwei Vitrinen und reichen vom Kartenspiel und Schwarzwaldpüppchen mit dem SABA-Schriftzug auf der Schürze, über Kugelschreiber, Manschettenknöpfe, Aschenbecher und Nussknacker bis hin zu Zollstock, Spielzeugautos, Werbeplakate, Ausgaben der „SABA-Post“ und Kopfhörer in Originalverpackung. Gunnar Frey plant sogar eine kleine Ausstellung seiner Raritäten. Im Villinger „Café am Riettor“ will er dann einen SABA-Video-Player mit Joy-Sticks, der Ende der 1970er-Jahre noch vor dem ersten Commodore auf den Markt kam und vor allem die Jugend begeisterte, nicht nur zeigen, sondern die Besucher auch damit spielen lassen. SABA-Spuren 141

 

 

 

In Donaueschingen entsteht das neue Stadtviertel „AM BUCHBERG“ Die Konversion der ehemaligen französischen Kaserne als kommunalpolitische Herausforderung von Heinz Bunse 142 5. Kapitel – Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

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Auf einem 14 Hektar großen innerstädtischen Areal entsteht das neue Quartier „Am Buchberg“. Der Entwicklungsprozess dieses Stadtviertels ist spannend zu beobachten, zeigt er doch die komplexen Aufgaben, mit der sich die Kommunalpolitiker heute auseinandersetzen müssen. Der Gemeinderat hat das Ziel vorgegeben „eine attraktive Wohnbebauung im Norden in Verbindung mit einer lebendigen Nutzungsdurchmischung im Süden mit viel öffentlichem Freiraum in hoher städtebaulicher Qualität zu schaffen“. Die Latte ist also hochgelegt. Im Folgenden soll der Konversionsprozess beschrieben und eine Zwischenbilanz dieses anspruchsvollen Projektes gezogen werden. Exerzierplatz um 1930. Folgen des Abzugs der Deutsch-Franzözischen Brigade Will man verstehen, warum der Abzug der Deutsch-Französischen Brigade die Donaustadt hart getroffen hat, muss man einige Jahre zurückschauen. Donaueschingen ist stolz auf seine Tradition als Garnisonsstandort. Diese Tradition wurde hart erstritten. Im März 1913 beschloss der Reichstag vor dem Hintergrund der Balkankrise eine „Heeresvermehrung“. Neue und moderne Kasernen mussten geplant werden. Mehr als 298 Gemeinden bewarben sich als Garnisonsstandort. Mit Unterstützung des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg konnte sich Donaueschingen in dieser übergroßen Konkurrenz behaupten. Die Pläne für die Kasernenbauten in Donaueschingen stammen aus der Feder des Karlsruher Professors Eugen Beck. Beck hatte wenige Jahre zuvor nach dem großen Stadtbrand im Jahr 1908 den reichsweiten Architektenwettbewerb für den Bau des Rathauses und der Sparkasse gewonnen. Wohl in Anlehnung an die Villinger Kasernenplanung wurden die beiden Mannschaftsund das heute nicht mehr erhaltene Wirtschaftsgebäude am Hindenburgring aufgereiht. Dahinter liegt der rechteckige Exerzierplatz, dessen Schmalseiten u. a. vom Familienwohnhaus zur Villinger Straße und dem Kammergebäude Richtung Friedhofstraße eingefasst sind. Französische Kultur und Lebensart in Donaueschingen Auch das ist ein Wesenszug der Stadt, auf den ihre Bewohner zu Recht stolz sind. Bereits 1964 zog das 110. französische Infanterie-Regiment in Donaueschingen ein, die französische Garnison war geboren. Im selben Jahr wurde mit dem elsässischen Saverne eine der ersten deutsch-französischen Städtepartnerschaften begründet. 1965 folgte die Gründung einer Deutsch-Französischen Gesellschaft. In der Folge fand auf der Ebene von etwa 40 Vereinen regelmäßig ein intensiver Kulturaustausch statt. Mit großem Interesse wurden in den 80er-Jahren die Überlegungen zur Bildung einer Deutsch-Französischen Brigade beobachtet. Während einer Ausschusssitzung des Deutschen Städtetags überreichte der amtieren144 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

Die denkmalgeschützten Mannschaftsgebäude, die eine markante Raumkante zum Hindenburgring (links) bilden und das Familienwohnhaus (rechts) stammen noch aus den ersten Jahren der Donaueschinger Garnison. de Bürgermeister Dr. Bernhard Everke dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl eine Bittschrift und führte Gespräche mit ihm. „Welchen Einfluss das hatte, weiß ich nicht, aber es hat geklappt“, erinnert sich Dr. Bernhard Everke. In der Folge der erfolgreichen Ansiedlungsbemühung lebten rund 2.000 Franzosen in Donaueschingen. Das deutsche und das französische Militär wurden ein wichtiger Arbeitgeber. Umso härter schlug im Oktober 2013 eine Nachricht ein, die letztlich die Auflösung des Standortes der Deutsch-Französischen Brigade zur Folge hatte. Bürgermeister Bernhard Kaiser leitete in dieser Zeit die Stadtgeschäfte. Er erinnert sich: „An einem Nachmittag Ende Oktober erreichte mich der Anruf eines mir gut bekannten französischen Generals. Er informierte mich, dass er mir zur Mittagszeit des darauffolgenden Tages, eine wichtige Nachricht zu überbringen habe. Der Brigadegeneral hatte noch zwei ranghöhere Generäle bei sich. Dem 110. Infanterieregiment hatte man zuvor mitgeteilt, was auch ich jetzt zu wissen bekam: Der traditionsreiche Verband wird zum 30. Juni 2014 aufgelöst. Binnen acht Monaten verließen 2.000 Franzosen, die wir immer als Mitbürger auf Zeit bezeichnet haben, unsere Stadt. Viele Projekte, auf die wir stolz waren, fanden so ein schnelles Ende: der deutsch französische Kindergarten, die vielen Partnerschaften zwischen den französischen und deutschen Schulen in Donaueschingen.“ Am 23. Juni 2014, wenige Tage vor dem 50-jährigen Jubiläum der Stationierung französischer Soldaten in Donaueschingen wurde die Regimentsfahne eingerollt. Mit einer Abschiedsparade verabschiedete sich Ein neues Stadtviertel entsteht 145

 

 

 

Abschiedsparade des 110. Infanterieregiments am 23. Juni 2014. das 110. Infanterieregiment von „seiner“ Stadt. Die Gebäude der Deutsch-Französischen Brigade standen leer. Ein Quartier für bis zu 2.000 Flüchtlinge Im August 2015 wurden die Tore der Kaserne an der Friedhofstraße wieder weit geöffnet. Rote Reisebusse fuhren auf das Kasernengelände. Die ersten Flüchtlinge kamen in Donaueschingen an. Im Juli 2015 hatte die Landesregierung wegen der Einrichtung einer Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung (BEA) Kontakt mit der Stadt Donaueschingen aufgenommen. Eine BEA hat im Gegensatz zu einer Landeserstaufnahmeeinrichtung (LEA) lediglich einen zeitlich befristeten Charakter, teilte die Landesregierung der Stadt mit. Und es kam der Hinweis, dass die Nutzungsdauer auch abhängig von sich möglicherweise konkretisierenden Konversionsmaßnahmen der Stadt sei. Waren es anfänglich 500 Flüchtlinge, stieg deren Zahl binnen kürzester Zeit auf über 2.000. Die Schlagzeilen der Lokalpresse beherrschten in der Folgezeit Polizeieinsätze, kleinere Straftaten aber auch Demonstrationen für ein „bunLinks: Die Kontrollstelle an der Villinger Straße, eine wichtige Einrichtung der Bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtung (BEA). Rechts: Am 20. März 2017 übergibt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben einen symbolischen Schlüssel an Oberbürgermeister Erik Pauly (Mitte). 146 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

tes Donaueschingen“ und Märsche von dankbaren Flüchtlingen durch die Innenstadt. Im Rathaus wurde zu dieser Zeit die Konversion bereits „mit Volldampf“ vorangetrieben. gart ein Mitspracherecht über den Verkauf. Ohne konkreten Zeitpunkt, an dem das Land die Bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge wieder aufgegeben würde, wäre der Vertrag zwischen BIMA und Stadt nicht zustande gekommen. Kauf des Gesamtareals sichert neues Stadtquartier Blicken wir zurück in das Jahr 2013. Bereits im November, nur wenige Tage nach der Hiobsbotschaft über den Abzug der Deutsch-Französischen Brigade, befasste sich der Gemeinderat erstmals mit dem Thema Konversion. Bürgermeister Bernhard Kaiser, der in dieser so schwierigen Zeit die Stadtgeschäfte leitete, war es ein großes Anliegen, dass die Stadt nicht in Agonie verfiel. Bereits im Januar 2014 fasste der Gemeinderat den Beschluss, die frei werdende innenstadtnahe 140.000 Quadratmeter große Grundstücksfläche von der Stadt oder von einer noch zu gründenden Entwicklungsgesellschaft erwerben zu lassen. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. Nur als Grundstückseigentümerin besitzt die Stadt alle Möglichkeiten für eine optimale Innenstadtentwicklung. Im Dezember 2013 fand das erste Orientierungsgespräch mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) statt. Drei Jahre, 18 Verhandlungstreffen und 24 Vertragsentwürfe später wurde am 20.3.2017 der Kaufvertrag für die gesamte Fläche unterzeichnet. Dieser umfasst 46 Seiten. Bei den Verhandlungen saßen nicht nur zwei Verhandlungspartner am Tisch. Nachdem das Land im Sommer 2015 die Kaserne zur Notunterkunft für Flüchtlinge umgewandelt hatte, besaß auch StuttBürgerbeteiligung als Garant erfolgreiche Entwicklung Parallel zu den Grunderwerbsverhandlungen wurden im Sommer 2014 Vorstellungen entwickelt, wie der neue Stadtteil einmal aussehen solle. Der Gemeinderat hatte vorgegeben, die Planung für den neuen Stadtteil Schritt für Schritt mit der Bürgerschaft zu entwickeln. In einem Rahmenplan sollten dann die von Bürgern und Gemeinderat formulierten Ziele räumlich konkretisiert werden. Dieser Plan wurde auch für die Grunderwerbsverhandlungen dringend benötigt, da die zukünftige Nutzung den Wert des Grundstücks maßgeblich beeinflusst. Startschuss war eine erste Zukunftswerkstatt am 12. Juli 2014 in den Donauhallen. Alle interessierten Bürger wurden über den aktuellen Sachstand informiert. Gemeinsam mit den ebenfalls anwesenden Kommunalpolitikern wurden Ideen für die Entwicklung des neuen Stadtteils ausgetauscht. In vier Gruppen wurde diskutiert. Die Themen waren „Verkehr und Grün“, „Freizeit und soziale Infrastruktur“, „Arbeiten“ sowie „Wohnen und Leben“. Darauf aufbauend hat die Verwaltung im zweiten Schritt ein städtebauliches Entwicklungskonzept für den neuen Stadtteil und dessen Umfeld erstellen lassen. Am 9. Mai 2015 waren dann in einem dritten Ein neues Stadtviertel entsteht 147

 

 

 

Links: Bürger und Gemeinderäte entwickeln Ideen für den neuen Stadtteil im Rahmen der zweiten Zukunftswerkstatt am 9. Mai 2015. Rechts: Der von Baldauf Architekten Stuttgart aufgestellte Rahmenplan für die Entwicklung des neuen Stadtteils. Besonders überzeugt hatte das zentrale Element des neuen Planes, ein öff entlicher Grünzug, der autofrei eine Ost-West-Fuß wegverbindung von der Breslauer Straße zur Brigach und eine Nord-SüdFußweg verbindung Richtung Innenstadt über den Hindenburgring schaff t. historischer und neuer Bausubstanz ergeben. Für die Gebäude rund um den Exerzierplatz sind Nutzungen wie „Betreutes Wohnen“, Jugendherberge, Verwaltung und Dienstleistung, Kreativwerkstatt, Kino und Kinder-Jugendbüro geplant. Diese versprechen in der Zukunft einen belebten städtischen Platz. Die neuen Wohngebäude werden von der Villingerbzw. der Friedhofstraße erschlossen. Die im Norden aufgelockerte Baustruktur verdichtet sich nach Süden zum historischen Exerzierplatz zu kompakteren Bauformen. Der Standort der neuen Realschule fügt sich harmonisch in die Gesamtplanung ein. Zur Namensfindung für das neue Quartier fand im Frühjahr 2017 ein Wettbewerb statt. Unter Planungsschritt erneut die Bürgerinnen und Bürger gefragt: Das städtebauliche Entwicklungskonzept wurde vorgestellt. Jeder konnte überprüfen, welche Ideen und Überlegungen Eingang in das Konzept gefunden hatten und was vergessen worden war. Schritt für Schritt entstanden so detaillierte Zielvorstellungen für die Entwicklung des neuen Stadtteils. Auf Grundlage dieser verbalen Beschreibung wurde im letzten Planungsschritt die Erarbeitung eines Rahmenplanes parallel an vier renommierte Stadtplanungsbüros aus Baden-Württemberg vergeben. Mit diesen vier Entwürfen hat sich ein Gremium aus Stadträten und Baufachleuten am 14. September 2015 einen Tag lang befasst. Am Abend stand fest: Der neue Stadtteil „Am Buchberg“ wird gestaltet nach den Plänen des Büros Baldauf Architekten aus Stuttgart. Besonders überzeugt hatte das zentrale Element des neuen Planes, ein öffentlicher Grünzug, der autofrei eine Ost-West-Fußwegverbindung von der Breslauer Straße zur Brigach und eine Nord-Süd-Fußwegverbindung Richtung Innenstadt über den Hindenburgring schafft. Auch das 8.000 Quadratmeter große Parkgrundstück des ehemaligen Offizierscasinos wird in diesen Grünzug einbezogen. Am nördlichen Ende sind kleinere Grünflächen und eine Kindertagesstätte geplant. Im Süden soll durch die Neugestaltung des denkmalgeschützten Exerzierplatzes eine attraktive öffentliche Grünfläche entstehen, über die auch die Anbindung an die Innenstadt erfolgt. Ein Neubau am Hindenburgring zwischen den charakteristischen denkmalgeschützten Kasernengebäuden soll ein spannungsvolles Zusammenspiel zwischen 148 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

 

 

 

Der Abbruch einzelner Gebäude schreitet voran. Luftbild des Konversionsgeländes vom 23. April 2021. 46 Einsendungen machte schließlich der Name „Am Buchberg“ das Rennen. Die neuen Straßen sollen laut Gemeinderatsbeschluss an jüdische Mitbürger und an die Judenverfolgung in Donaueschingen erinnern. Alle interessierten Bürger werden regelmäßig über die per Email versandten Bürgerinformationen auf dem neuesten Stand gehalten. Etwa 650 Personen beziehen diesen Newsletter. Seit dem Frühjahr 2015 hat Oberbürgermeister Erik Pauly bereits 19 Bürgerinformationen versandt. Wo steht der neue Stadtteil „Am Buchberg“ heute? Mit den ersten Wohnhäusern wollte der Gemeinderat auch die Kinderbetreuung im neuen Stadtteil sichergestellt wissen, ein ehrgeiziges Ziel. Um einen optimalen Entwurf für diese wichtige Einrichtung zu erhalten, wurde erneut das in Donaueschingen bewährte Instrument des Architektenwettbewerbs gewählt. Im Dezember 2017 konnte ein Preisgericht, das aus pädagogischen Fachkräften, Stadträten und 150 Konversionsareal in Donaueschingen In der Prinz-KarlEgon-Straße wurden bereits mehrere Mehrfamilienhäuser saniert.

 

 

 

Als Erstes ging am 30. Juni 2020 die neue Kindertagesstätte „Am Buchberg“ in Betrieb. Dreißig neue Einzelund Doppelhäuser an der Villinger Straße sind im Bau. Links zu sehen ist das historische Offizierscasino. Ein neues Stadtviertel entsteht 151

 

 

 

renommierten Architekten bestand, die eingereichten Entwürfe beraten. Realisiert wurde ein Entwurf, den das Büro Ackermann & Renner aus Berlin eingereicht hatte. Unter der Leitung des Donaueschinger Architekten Alexander Schmid konnte am 30. Juni 2020 nach nur 15 Monaten Bauzeit die neue Kindertagesstätte in Betrieb gehen. Im Frühjahr 2021 sind von den 90 Betreuungsplätzen bereits 65 Plätze belegt. Wohnbebauung ist bereits weit fortgeschritten Im neuen Stadtviertel soll eine Durchmischung verschiedener Wohnformen entstehen. So werden im Norden am Ortsausgang Richtung Grüningen westlich und östlich der Villinger Straße auf 30 Grundstücken Einzel-, Doppelund auch Reihenhäuser gebaut. Der Verkauf gestaltete sich einfach, da die Nachfrage nach diesen Bauplätzen groß ist. Alle Grundstücke sind veräußert, die neuen Wohnhäuser sind im Bau. Mehrgeschossige Wohngebäude sind punktuell entlang der Villinger Straße geplant. Den nordwestlichen ca. 1,4 Hektar großen Bereich entlang der Alemannenstraße sollen zwei Investoren bebauen. Der geplante fließende Übergang von der Kindertagesstätte über zwei neue Mehrfamilienhäuser zu diesem neuen Areal mit 35 Gebäuden, überwiegend Doppelund Reihenhäusern, hatte den Gemeinderat überzeugt. Diese Häuser sollen noch Ende 2021 verkauft werden. Im Verlauf Richtung Süden, zum Hindenburgring nimmt der Anteil an mehrgeschossigen Wohngebäuden zu. Aktuell steht der Verkauf der neu zu bauenden und der denkmalgeschützten Gebäude im südlichen Bereich des neuen Stadtteils an. Insgesamt kommen dort ca. 40 weitere Gebäude bzw. Bauplätze zur Veräußerung. Der Verkauf der denkmalgeschützten Gebäude ist eine anspruchsvolle Aufgabe und nicht so einfach, wie von Bauplätzen für Einfamilienhäuser. Die zukünftige Nutzung dieser Gebäude wird ausschlaggebend sein für die Qualität des neuen Stadtviertels: Nur die vom Gemeinderat und von der Bürgerschaft angestrebte Nutzungsvielfalt wird einen belebten, urbanen Platz, den ehemaligen Exerzierplatz, als Tor zum neuen Stadtviertel ermöglichen. Rechte Seite: Das Konversionsgelände von Süden gesehen, vor und nach den Abbrucharbeiten. Unten: Die Südfassade des denkmalgeschützten Offizierscasinos in der Villinger Straße. 152 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

Ein neues Stadtviertel entsteht 153

 

 

 

Das ehemalige französische Cinéma wird wieder als Kino genutzt. Ehemaliges Offizierscasino spielt besondere Rolle 1937 wurde der beeindruckende, an der Villinger Straße gelegene, Flügelbau von der damaligen deutschen Wehrmacht errichtet. Zu dem unter Denkmalschutz stehenden Objekt gehört ein rund 8.000 Quadratmeter großes Grundstück. Herzstück des rund 60 Meter langen Gebäudes ist der große Ballsaal. Im Jahr 2019 hat die auf die Sanierung von Baudenkmalen spezialisierte Firma Gnädinger & Mayer aus Radolfzell das Offizierscasino gekauft. Andreas Schmid, Geschäftsführer der Firma erläuterte am 20.5.2019 im Schwarzwälder Boten: „Wir sind auf Denkmalschutz spezialisiert, und wir werden das Offizierscasino denkmalgerecht umbauen.“ In dem Gebäude, in dem einst rauschende Feste gefeiert wurden, sollen 14 Wohnungen entstehen. „Den Ballsaal wollen wir für die Allgemeinheit geöffnet halten und dort eine Begegnungsstätte schaffen“, erklärt Schmid. Auch ein Restaurant sei dort denkbar. Architekt Hilmar Lutz erläutert, dass das Konzept für die Sanierung des Offizierscasinos so gestaltet sei, dass der Charakter des Gebäudes erhalten bleibe. Dazu gehört auch die Südansicht. Auch das parkähnliche Grundstück soll erhalten bleiben und größtenteils der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Damit können wichtige Anregungen, die im Rahmen des Bürgerworkshops gegeben wurden, umgesetzt werden. Kino ist erste kulturelle Einrichtung „Am Buchberg“ In den Räumen des ehemaligen französischen Cinéma in der Friedhofstraße konnte im Oktober 2019 das Kommunale Kino guckloch e.V. sein 15-jähriges Jubiläum feiern. Im Herbst 2017 wurde das Angebot in den Räumen des Cinéma erweitert. Der Kinobetreiber Leopold Winterhalder zeigt dort seither am Wochenende aktuelle Kinofilme. Das Kino stellt eine Bereicherung nicht nur für den neuen Stadtteil dar. Es erinnert an die französische Vergangenheit des Viertels und sollte dort unbedingt erhalten werden. Der Neubau der Realschule – wichtiger Baustein im Quartier Einen gewaltigen finanziellen Kraftakt stellt der Neubau der Realschule mit der zugehörigen Dreifeldsporthalle dar. Rund 45 Millionen Euro 154 Konversionsareal in Donaueschingen

 

 

 

werden für dieses Projekt veranschlagt. Laut Planung soll die neue Realschule etwa 2025 fertig sein. Auch für dieses Projekt wurde im Frühjahr 2019 ein Architektenwettbewerb durchgeführt. Nach Tagung des interdisziplinären Jurygremiums bestehend aus Politik, Verwaltung, Architektur und Pädagogik erhielten Sander-Hofrichter-Architekten aus Ludwigshafen einstimmig den ersten Preis. Besonders beeindruckt war das Gremium vom schlanken Baukörper des Schulgebäudes, der gemeinsam mit der Sporthalle markante Raumkanten im neuen Quartier bildet. Die Sporthalle begrenzt den Pausenhof und bildet eine wichtige Fassade zum Bürgerpark. Geschickt werden die halböffentlichen Schulhofflächen mit dem nach Norden weiterführenden öffentlichen Grünzug verknüpft. Ausblick Im Sommer 2014 hat die DeutschFranzösische Brigade Donaueschingen verlassen. Sieben Jahre später, im Frühsommer 2021 wird dieser Aufsatz verfasst. Es hat sich viel getan in dieser kurzen Zeit. Donaueschingen ist auf gutem Weg, die Konversion erfolgreich zu meistern. Mit der architektonisch gelungenen Kindertagesstätte und den Plänen für die neue Realschule existieren bereits wichtige Mosaiksteine für ein interessantes Stadtviertel. Die zukunftsfähige Gestaltung des ehemaligen Exerzierplatzes stellt die nächste Herausforderung dar: Die Bürger haben zahlreiche Anregungen für die Nutzungen gegeben, die in die Planung einfließen sollten. Nur die von Gemeinderat und Bürgerschaft gewünschte Mischung aus kulturellen und gewerblichen Elementen kann den ehemaligen Exerzierplatz wieder mit Leben füllen. Wenn es zusätzlich gelingt, die geplanten Grünzüge als attraktive Fußwegverbindungen zur Brigach und zur Innenstadt zu gestalten, steht einem Erfolg dieses Jahrhundertprojektes nichts mehr im Weg. Oben: Der beeindruckende Ballsaal des Offizierscasinos vor der Sanierung. Unten: Ansichtszeichnung der im neuen Stadtteil am historischen Exerzierplatz geplanten Realschule. Ein neues Stadtviertel entsteht 155

 

 

 

„GLÜCK AUF“ SALZ FÜR BADEN Vor 200 Jahren erste Bohrung nach Salz – Bad Dürrheim profitiert vom Salzfund bis heute. von Wilfried Strohmeier 156 6. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Arbeiter beim Abwiegen und Verpacken des Salzes. 157

 

 

 

„Glück auf! Vom 25. auf den 26. wurde in der Tiefe von 375 Fuß auf ein ziemlich starkes Salzlager gebohrt, welches nach sogleich angestellter Probe ein vortreffliches Kochsalz resultierte.“ Diese Zeilen schrieb Johann Baptist Willmann, sie kamen vor 200 Jahren, am 28. Februar 1822, in der Hauptstadt Karlsruhe bei Großherzog Ludwig I. von Baden an. Willmanns Hartnäckigkeit und das Wissen von Christian von Langsdorf, einem der führenden Salinisten seiner Zeit, verhalfen dem jungen Großherzogtum Baden in Bad Dürrheim zu einem wertvollen Fund: Salz. Von diesem Fund profitiert die Kurund Bäderstadt mitten auf der rauen Baar bis heute. 150 Jahre, bis 1972, bestand die Saline. Der Erfolg der Salzsuche hatte viele Väter: Dies waren Konrad Heby, Johann Baptist Willmann, Christian und Gustav von Langsdorf sowie Großherzog Ludwig I., der die Suche genehmigen musste. Und es gab eine Frau, welche Kinderkuren maßgeblich förderte und somit einen wichtigen Grundstein für das Kurwesen legte: Großherzogin Luise von Baden. Die Geschichte um die Salzsuche in Bad Dürrheim begann aber schon Jahrzehnte vor dem Fund. Es gab einige Hürden zu überwinden und manch Zufall und Hartnäckigkeit der Beteiligten war ebenso notwendig wie das gewisse Quäntchen Glück. Anfänge der Salzsuche Bad Dürrheim, im zu Ende gehenden 18. Jahrhundert Dierheim oder Thierheim genannt, gehörte dem Johanniterorden. In Deutschland herrschte noch die Kleinstaaterei, in Villingen gab es mehrere Klöster und eine Verwaltung des Ordens. Johann Baptist Willmann war der Amtmann, der Stellvertreter des letzten Johanniterkomturs Johann Baptist von Flachslanden. Ein anderer Mann, hauptberuflich Schreiner, lebte zu dieser Zeit ebenfalls in Villingen, dies war Konrad Heby. Er war in der Zähringerstadt als „Tausendkünstler“ bekannt und ihn interessierte die Geologie. Zugang zu diesem Wissen fand er in der Bibliothek des Klosters des Heiligen Georgs. Johann Baptist Willmann Heby äußerte sich gegenüber Willmann zu Beginn des 19. Jahrhunderts, dass er Salz unter Bad Dürrheim vermutet. Indiz dafür waren für ihn Gipssteine. Die Gipsschicht muss in jener Zeit relativ weit oben gelegen haben, denn es gibt einen Bericht im Landesarchiv Freiburg, dass die Bauern beim Pflügen solche Steine immer wieder freilegten. Heby überzeugte Willmann, eine Gipsmühle in Bad Dürrheim zu bauen. Grundlage dafür war das Ansinnen des Johanniterordens aus dem August 1784. In einer Zeitungsannonce suchten sie Interessierte, die eine Getreidemühle in Bad Dürrheim betreiben wollen. Es meldete sich aber niemand. Heby wollte diese Chance nutzen, bis 1806 hatte Willmann die Planungen und den Bau der Mühle unter der Johanniterherrschaft in Bad Dürrheim weit vorangetrieben. Doch die großpolitische Gesamtlage warf ihren Schatten auch auf Südwestdeutschland. Der Beginn des 19. Jahrhunderts war die Zeit großer politischer Umbrüche. 1806 überrannte Napoleon Bonaparte das Heilige Römische Reich deutscher Nation mit seiner Armee und setzte der Kleinstaaterei ein Ende. Im Südwesten entstanden das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg. Bad Dürrheim lag dicht an der Grenze und ob die Dürrheimer nun badisch oder württembergisch wurden – es war den Bauern wohl relativ egal, denn ihren Zehnten mussten sie hüben 158 Geschichte

 

 

 

wie drüben bezahlen. Aber man einigte sich, und ab 1806 wehte die badische Flagge von Napoleons Gnaden über dem Dorf. Willmann wurde Gefällverwalter für die Badener, betrieb die Getreideund Gipsmühle und sicherte sich gleichzeitig den Betrieb einer Schankwirtschaft, diese war zum wirtschaftlichen Überleben der Mühle notwendig. Das Gebäude stand wenige Meter nördlich an der Stelle, wo die Huberstraße auf die Luisenstraße trifft und sich heute die Erlöserkapelle des ehemaligen Kurheim Sanatorium, jetzt Sure Best Western, befindet. In der Ortsgeschichte war die Mühle wie auch das Wirtshaus bekannt. Zunächst trug es den Namen „Goldener Löwe“, nachdem die Saline Eigentümer war und das Gebäude ausgebaut wurde, war es bekannt als Gaststätte und Hotel Saline. Angetrieben wurde die Mühle durch die Stille Musel, Willmann baute dazu ein Wehr und staute den Bach auf. Der Gefällverwalter hatte drei Compagnons, dies waren der bereits genannte Konrad Heby, ein Joseph Neugart und ein Karl Magon. 1806 wurden weitere Investitionen notwendig, die keiner seiner Anteilseigner aufbringen wollte oder konnte, so wurde Willmann alleiniger Eigentümer und konnte die Geschicke in die Hand nehmen. Unruhige Zeiten verzögern die Suche nach Salz Baden als Mitglied des Rheinbundes und somit ein Verbündeter Napoleons musste für den Russlandfeldzug 1812 über 7.000 Mann stellen, was dem jungen badischen Staat zusetzte, es kamen keine 800 zurück. Ab 1813 war die Zeit der Befreiungskriege, in denen man Napoleon besiegte und des Wiener Kongress 1814/15 – diese unruhigen Zeiten waren wahrscheinlich einer von mehreren Gründen, warum sich die Suche nach Salz in Dürrheim immer wieder verzögerte. Johann Baptist Willmann zeigte Hartnäckigkeit und Patriotismus. Er nahm 1811 erstmalig mit der badischen Regierung in Karlsruhe Kontakt auf, Adressat war ein gewisser Referendar Volz, dieser bekam Wasserund Gesteinsproben. Volz versprach, sich persönlich darum zu kümmern. Die Sache verlief zunächst im Sand, wohl auch da Volz verstarb. In Karlsruhe war man sich des Problems, dass das Großherzogtum Salz Eine Postkartenansicht, links das Kassengebäude mit Glockenturm, heute Rathaus II und das Haus des Gastes. Saline Bad Dürrheim 159

 

 

 

einführen muss, bewusst. Die Regierung hatte damals auch eine Kommission eingesetzt, um in Baden Salz zu finden. Am 17. April 1818 unternahm Willmann den nächsten Anlauf, sich in Karlsruhe Gehör zu verschaffen. Ansprechpartner dieses Mal: Carl Christian von Langsdorf, der unter seinem zweiten Vornamen bekannt ist. Der Geologe kam aus einer Salinistenfamilie. Willmann hatte zur richtigen Zeit den richtigen Mann kontaktiert, denn dessen Neugierde war geweckt. Heby bekam von alldem nichts mehr mit, er saß wegen Falschmünzerei im Villinger Gefängnis und hatte sich – der Überlieferung zufolge, 1816 mit einem angeschärften Löffel die Kehle durchgeschnitten. Langsdorf wurde von der Landesregierung auf Erkundungstour geschickt. Er bereiste zusammen mit dem ehemals in Fürstlich Fürstenbergischen Diensten stehenden Bergrat Carl Josef von Selb das sogenannte Oberland. Die beiden Herren waren unter anderem in Bad Dürrheim und in Niedereschach. In seinem Bericht über Bad Dürrheim schreibt Langsdorf davon, dass der Gips auf den Fuhrwegen hervortrat und unstreitig zu jenem Gips gehöre, der bei Rottweil zu finden sei. „Ganz nahe bey Schwenningen liegt derselbe Gyps nur wenige Fuße tief unter dem Ackerfeld. In Dirrheim geht hin und wieder auf dem Ackerfeld sogar der Pflug durch Gyps, der daher auch schon gleich hinter dem Dorfe in großen Massen gebrochen wird und theils körniger, theils dichter Gyps von großer Festigkeit oder Alabaster ist.“ Langsdorf musste Willmann getroffen haben. Denn der Domänenverwalter versicherte dem Salinisten später in einem Schreiben, dass genügend Bauholz für die Erbauung eines Salzwerks vorhanden sei – dies war wohl eine Sorge bei dem Treffen. Erste Bohrungen erfolgen im Jahr 1821 Langsdorf wäre eine Bohrung in Niedereschach lieber gewesen, da man sich dort bereits im Tal befand. Carl Christian von Langsdorf Willmann ließ aber nicht locker: Am 30. März 1821 schrieb Willmann erneut an Langsdorf und erkundigte sich, wann mit der Bohrung zu rechnen sei. Dieser verwies auf die hohen Kosten von 10.000 Gulden, aber wenn „Sie ein Gebäude im Dorfe oder aber auch auf Ihrem Gute anweisen könnten, das zur Anlage der Bohrmaschine und einer Schmiede Raum darböthe. Hiermit erhielten wir einen bedeutenden Gewinn an Zeit und Kosten gegen jeden anderen Versuch.“ Willmann konnte. Dort, wo heute die Stele des Fundbohrlochs steht, gab es einen Schuppen und in diesem wurde noch im gleichen Jahr der Bohrer angesetzt und die notwendige Schmiede eingerichtet. Auf der sogenannten Schmiedwiese, in den 1920er-Jahren der erste Kurpark und heute der Hindenburgpark, standen mehrere einfache Schuppen, die während der Aufbauzeit der Saline als Werkstätten und Materiallager dienten. Christian von Langsdorf schickte seinen Sohn Gustav, der ab dem 9. April 1821 alle notwendigen Vorbereitungen erledigte. Am 21. Juli 1821 war der Bohrer bereit und konnte angesetzt werden. Angetrieben wurde dieser – vereinfacht dargestellt – durch ein Laufrad, das man sich wie ein Hamsterrad vorstellen muss, das Menschen in Bewegung setzten. Über die Umlenkung mithilfe von Zahnrädern erzeugte es eine Aufund Abbewegung des Schlagbohrers. Später wurden im 19. Jahrhundert andere Räder mit Pferden verwendet, die den ganzen Tag im Kreis liefen und auch die Bohrtechnik änderte sich. Es gab Ösen in den Aufhängungen, durch die ein Holzbalken geführt wurde. Mit diesem wurde der Bohrer, wenn er niederging, um eine Viertel Umdrehung bewegt und so schürfte man den Boden auf. Das Fundbohrloch lag damals am südlichen Dorfrand. Und nicht zu vergessen: Bad Dürrheim hatte keine 100 Einwohner und war ein weltvergessenes Bauerndorf in einer badischen Grenzprovinz. Man kann annehmen, dass die Bauern und Tagelöhner mit einer Mischung aus Skepsis und Neugierde dem Treiben zusahen, das die Bergleute auf der Wiese veran160 Geschichte

 

 

 

stalteten. Fuß um Fuß trieben sie die Bohrung voran, Runde um Runde mussten Männer und Pferde das Göpelwerk drehen, das den Bohrer antrieb. Tage-, wochenund monatelang. Der Sommer ging dahin, es wurde Herbst und Winter auf der kalten Baar. Weihnachten ging vorüber, ebenso der Jahreswechsel 1821/22 – sie bohrten noch immer in der Scheune am Dorfrand. Doch es gab keinen Erfolg zu vermelden. Wurde der Missmut der Bergleute größer oder die Anspannung? Vielleicht beides? Man weiß es nicht, aber eines ist gewiss: Die Bohrung und alles, was danach kam, stellte das Bauerndorf auf den Kopf. Der Bad Dürrheimer Salzstock wird entdeckt Man schrieb den 22. Februar 1822 als man im Bohrmaterial, das aus der Tiefe geholt wurde, erste Spuren von Salz entdeckte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde auch nachts gebohrt. Und in der Tiefe von 375 Fuß (etwa 112,50 Meter), am 26. Februar, morgens um 10 Uhr, waren sich die Bergleute ihres Erfolges gewiss: Man hatte ein ziemlich ergiebiges Salzlager angebohrt – dies geht aus einem Bericht hervor, den Willmann später an das Großherzogliche Direktorium in Konstanz schrieb. Zunächst informierte Willmann unverzüglich Langsdorf und die badische Regierung. Die Nachricht vom Erfolg verbreitete sich im Nu. Die Karlsruher Zeitung berichtete in der Ausgabe vom 3. März 1822 das freudige Ereignis in einer – damals üblichen – sehr blumigen Sprache. Großherzog Ludwig beorderte Christian von Langsdorf nach Bad Dürrheim, wo er am 26. April 1822 auch eintraf. Der Salinist war damals bereits 65 Jahre alt. Wie Joseph Alfons Steiger in seinem Buch „Dürrheim und seine Saline“ berichtet, sollte Langsdorf den Bau des ersten Bohrturms in die Wege leiten. Erforderlich waren die Rohre, eine Pumpe sowie ein Windrad und ein Laufrad für den Antrieb. Auch die Siedehäuser mussten gebaut werden, denn der badische Staat hatte viel vor: Zum 1. Januar 1824 Die Bohrtürme Fuß um Fuß trieben die Bergleute die Bohrung voran, Runde um Runde mussten Männer und Pferde das Göpelwerk drehen, das den Bohrer antrieb. Tage-, wochenund monatelang. Historische Zeichnung eines Göpelwerkes. Saline Bad Dürrheim 161

 

 

 

sollte das staatliche Salzmonopol in Kraft treten, das Salz dazu soll aus den Salinen Bad Dürrheim und Bad Rappenau kommen, dort stieß man etwa zur gleichen Zeit auf einen Salzstock. Eile war somit geboten. Langsdorf benötigte Baumaterial und ließ einen Steinbruch einrichten, dieser lag rund 200 Meter vor dem heutigen Ortsschild Marbach, auf der rechten Seite, von Bad Dürrheim her kommend. Des Weiteren musste er Felder ankaufen für das Salinenareal, hier führte er einige Verhandlungen, die Verträge wurden dann zum Großteil von August von Althaus, dem ersten Salinenverwalter abgeschlossen. Es war ein weitläufiges Areal: Die nördliche Grenze dazu bildete die heutige Bahnhofstraße in östlicher Richtung verlängert bis an die Stille Musel, an dieser nach Süden bis etwa zur Ecke Luisen-/Huberstraße den Alleenweg entlang bis zum Jugendhaus Bohrturm und ein Teil des Sportplatzes gehörte ebenso dazu. Der größte Einzelkauf war das Gasthaus Saline mit der dazugehörenden Unten: Wenden und Walzen des Salzes auf dem Trockenherd. Mühle. Willmann war inzwischen bei der badischen Regierung in Ungnade gefallen – hier hatte mutmaßlich Bergrat Selb seinen Teil dazu beigetragen – er wurde nach St. Blasien versetzt, wo er wenige Jahre später starb, er hinterließ Frau und drei Kinder. Eine Witwenrente vom Staat in Anbetracht der Verdienste um den Salzfund wurde nicht gewährt. Bau von Siedehäusern und Verwaltungsgebäuden Während Althaus die Kaufverträge abschloss und somit das Gelände sicherte, wurde in Karlsruhe Friedrich Arnold damit betraut, die Gebäude des Salinenensembles zu planen und später dann den Bau zu leiten. In seiner Planung griff er den Karlsruher Fächer auf. Mittelpunkt bildete der Platz zwischen den Verwaltungsgebäuden, heute Rathaus I und II – aus diesem Grund gibt es auch die gebogenen Fassaden. In den ersten Obergeschossen waren jeweils Wohnungen, das heutige Büro des Bürgermeisters war beispielsweise das repräsentative Wohnzimmer des Salinenverwalters. Links und rechts des Gebäudes II mit dem kleinen Glockenturm, schlossen sich die vier geplanten Siedehäuser an. 162 Geschichte

 

 

 

Arnold Tschira listet in seiner Zusammenfassung „Die Werkbauten der Saline Dürrheim“ die Jahreszahlen auf: Das Siedehaus I wurde als Erstes gebaut, in einer Rekordzeit von etwa einem Jahr, Einweihung war am 16. Januar 1823. Es stand auf der Fläche, wo heute der kleine Park Ecke Bahnhof-/Luisenstraße ist und zog sich bis in den Wohnblock hinein, der Abriss erfolgte 1933. Das Siedehaus II (Haus des Gastes) wurde ebenfalls 1823 fertig und das Siedehaus III (Haus des Bürgers) 1824, mit ihnen die Salzmagazine und die Solereservoire zwischen den Siedehäusern. Auch das Gebäude IV, das etwa parallel zur Huberstraße stand, wurde gebaut, allerdings nicht als Siedehaus, sondern als Lagerhaus. Der Abriss erfolgte um 1900, als das heutige Hotel Sure Best Western, damals Hotel Saline entstand, welches Jahrzehnte als Kurheim Sanatorium durch einen Schwesternorden betrieben wurde. Bohrhaus I und II (Fundbohrloch) wurden erst 1827 fertig, wobei dieses Gebäude noch nicht die mächtigen Türme hatte wie die heute noch stehenden Bohrhäuser. Es waren eher kleine, rund vier Meter hohe Türmchen, ähnlich wie sie in der Rottweiler Saline zu sehen sind. Das Gebäude wurde 1922 abgerissen, als der erste Kurpark entstand, der auf dem Gelände des heutigen Hindenburgparks lag. Dies waren somit die ersten Gebäude der Saline Bad Dürrheim – oder Ludwigshall, wie sie eigentlich hieß. Der Großherzog hatte erlaubt, diesen Namen sowohl für die Saline als auch für das Dorf zu führen, einzig die Bad Dürrheimer wollten nicht. Der Name fand keinen Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch und in das kollektive Gedächtnis. Man sagt, dies könnte auch der Grund gewesen sein, warum Großherzog Ludwig das Dorf auf der Baar nie besuchte. Endlich genug Salz für Baden Das Großherzogtum Baden verfügte sozusagen von heute auf morgen über genügend Salz. Ziel war es, zum 1. Januar 1824 ein staatliches Salzmonopol einzuführen, dafür gab es die Order, dass 20.000 Zentner Salz verteilt werden müssen. Da Baden zum Rheinbund gehörte, ist davon auszuge164 Geschichte

 

 

 

hen, dass es die gleiche Maßeinheit war wie heute. Das Selbe trifft mutmaßlich auch auf Kilo und Gramm zu, auch wenn teilweise nach Aktenlage des Landesarchivs Freiburgs noch mit dem etwas leichteren Kölner Pfund gerechnet wurde. Der Erlass für das Salzmonopol wurde am 25. Oktober 1823 vom badischen Finanzministerium erteilt. Demnach durften nur noch Händler Salz verkaufen, den Hausierern war der Salzhandel verboten. Es war unverkennbar der Wille, den Badnern „gutes getrocknetes Salz, in vollständigem Gewicht und um billigen Preis“ zur Verfügung zu stellen. Baden hatte damals etwa eine Million Einwohner. Es galt für ganz Baden, vom Bodensee bis nach Wertheim und bis in den hintersten Winkel des Schwarzwaldes eine Logistik aufzubauen – dies ging nicht ganz reibungslos vonstatten. Ein Schriftwechsel aus dem Januar und Februar 1824 belegt, dass Karlsruhe ein Muster eines Viertel-Pfund-Gewichts Mitte Januar 1824 an das Großherzogliche Amt in Villingen verschickte. Der Zweck war ein einfacher: Es sollte das Muster sein, damit dort weitere gegossen Der Erlass für das Salzmonopol wurde am 25. Oktober 1823 vom badischen Finanzministerium erlassen. Demnach durften nur noch Händler Salz verkaufen, den Hausierern war der Salzhandel verboten. Die Saline zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Saline Bad Dürrheim 165

 

 

 

werden können, um diese dann an die Kaufleute zu verteilen. Das heißt nichts anderes, als dass es ein Salzmonopol nach Kilo und Gramm gab, aber in den ersten Monaten nicht die richtigen Gewichte dazu. Das Salzmonopol hatte mehrere Jahrzehnte Bestand, es wurde mit einem Erlass der Regierung, datiert vom 25. Oktober 1867 aufgehoben und eine Salzabgabe eingeführt. Während der 150 Jahre, welche die Saline in Bad Dürrheim in Betrieb war, wurden zehn Bohrlöcher niedergebracht, wobei nur eines eine Fehlbohrung war. Als das alte Bohrloch VII in Arbeit war, versiegten teilweise die Brunnen im Dorf. Es befand sich weit außerhalb des Salinenareals, hinter dem Gasthaus Schwert in Richtung Salinensee, heute Friedrichstraße 25. Erst nachdem die Bergleute das Bohrloch mit Lehm ausgekleidet und zugemacht hatten, gab es wieder kontinuierlich sprudelnde Brunnen. Die Salinenverwalter mussten natürlich Buch führen über die Fördermenge, Betriebsstunden und über den Verkauf der Sole und später dann auch an die einzelnen Erholungsheime. (S. Infokasten u.) Heute fördert die Kur und Bäder GmbH aus dem Bohrloch XI auf der Hirschhalde die Sole. Das Gebäude ist nicht größer als eine Garage. Die Solereservoirs sind im Boden eingelassen und weitgehend unsichtbar. Löste früher über das Bohrloch einlaufendes Grundwasser das Steinsalz, muss heute nach Bergbaurecht ein Brunnen dazu gebohrt werden. Im Notbetrieb könnte man die Sole auch aus den Bohrlöchern IX und X in der Luisenstraße, Ecke Hammerbühl straße, fördern. Die Siedehäuser waren jedoch nicht bis in die 1970er-Jahre in Betrieb. Ab 1931 wurde in einem zentralen, staatlichen Siedehaus auf dem heutigen Großraumparkplatz gesiedet, in den beiden noch stehenden Siedehäusern II und III wurden Werkstätten untergebracht. Der etwa 80 Meter hohe Kamin Unten: Salzsäcke aus Bad Dürrheim, die nach Afrika geliefert wurden. Für das Jahr 1910 meldete der damalige Salinenverwalter einen Solegehalt von 27 Prozent bei allen betriebenen Bohrlöchern und eine Soletemperatur von 11 Grad Celsius. Bei der Förderung sind folgende Zahlen belegt: Bohrl. III VII VIII IX X Betriebsdauer Stunden 2143 3418 3671 1776 3524 Fördermenge/ Stunde Liter 2101 3480 3480 1985 3235 Gesamtfördermenge Liter 5.034.931 12.058.640 12.840.280 6.191.085 12.025.423 Gesamtfördermenge: 48.150.359 Liter In der Auflistung ist in der Salzerzeugung Folgendes aufgeführt: 1910: 13.387.150 kg Salz, dazu wurden 44.176.527 l Sole benötigt, das sind rund 330 Liter Sole für 100 kg Salz. 166

 

 

 

Abtragen des Salzes von der Siede-Pfanne auf den Trockenherd. Saline Bad Dürrheim 167

 

 

 

Das Logo der Saline Bad Dürrheim. war über Jahrzehnte Wahrzeichen der Saline und des Orts. Im Dezember 1971 allerdings beschlossen die Betreiber, seit 1965 die Deutsche Salzwerke AG mit Sitz in Heilbronn, die Produktion im Jahr 1972 ganz einzustellen, da die Pfannensalinen nicht mehr wirtschaftlich arbeiteten. Zur Sprengung des Kamins kam es am 30. April 1974, das industrielle Zweckgebäude wurde ebenfalls abgerissen. Dies war eines der sichtbarsten Zeichen für den Niedergang der Saline und deren Schließung. Kurwesen zunächst ein „Nebengeschäft“ Die Saline brachte jedoch noch etwas anderes, es war in den ersten Jahren eigentlich ein „Nebengeschäft“: das Kurwesen. Bad Dürrheim war zum Zeitpunkt der Salinenschließung ein renommierter Kurort im Südwesten. Mit den Kuren begann es in der Mitte des 19. Jahrhunderts, damals noch in einem sehr geringen Umfang. Als ein wirtschaftlicher Wachstumsförderer kann das erste Kindersolbad betrachtet werden, das der badische Frauenverein einrichtete. Dieser war eine Gründung der Großherzogin Luise, er fusionierte später mit dem Badischen Roten Kreuz. Die ersten Solebäder für Kinder gab es ab 1905 im heutigen Gasthof Rössle. Die ersten Kurgäste saßen derweil in ihren hölzernen Badezubern im Badhaus I, welches gleichzeitig das ehemalige Gebäude des Bohrlochs IV war. Dieses stand auf dem Gelände der heutigen Luisenpassage und wurde 1971 abgerissen. Zur Sprengung des Kamins kam es am 30. April 1974, das industrielle Zweckgebäude wurde ebenfalls abgerissen. Dies war eines der sichtbarsten Zeichen für den Niedergang der Saline und deren Schließung. Ein zweites, größeres Badhaus, stand an der Ecke Huber-/Luisenstraße etwa vor dem jetzigen Haupteingang des Kurparks. Die Salinenverwalter mussten auch hier Buch führen, welche Einrichtung wie viel Sole bekam – und nicht immer stimmten die Zahlen im gesamten überein, was Karlsruhe mehr als ein Mal veranlasste, um Aufklärung zu bitten. Großherzogin Luise hatte Bad Dürrheim dazu auserkoren, die Gesundheit der jüngsten Landeskinder zu verbessern. Sie war auch mehrfach in Bad Dürrheim zu Besuch, um nach den Einrichtungen zu schauen und sich zu informieren. Nachdem das Rössle zu klein wurde, baute der Verein in den 168 Geschichte

 

 

 

Oben: In der Abfüllerei für Speisesalz arbeiteten Bad Dürrheimer Frauen. Links: Im Jahr 1931 ging das zentrale Siedehaus in Betrieb, die vier niedrigen Schornsteine waren jedoch nur Dampfabzüge. Gesiedet wurde darin bis 1972. Unten: Die Sprengung des 80 Meter hohen Kaminturms erfolgte am 30. April 1974. Saline Bad Dürrheim 169

 

 

 

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Seite links, oben: Das Badehaus II stand entlang der Huberstraße, Ecke Luisenstraße, vor dem heutigen Haupteingang des Kurparks. Schon 1916 gab es Erweiterungspläne, die jedoch nie umgesetzt wurden. Links unten: Werbung für „Europas höchstes Solbad“. Links das Kurhaus, daneben der 80 Meter hohe SalinenSchornstein und der frühe Kurpark. Saline Bad Dürrheim Bis zum Ende der 1960er, Anfang 1970er-Jahre gab es eine große Zahl von Kindererholungsheimen, die einen größer, die anderen kleiner. Die Kinder waren über Wochen, teilweise Monate, in Behandlung. In den 1970er-Jahren ebbte dieser Zweig des Kurwesens ab und viele der kleinen Sanatorien schlossen, weil sie nicht mehr rentabel zu führen waren. Einige große Kliniken blieben übrig, denen die Gesundheitsreformen in den 1980erund folgenden Jahren schwer zusetzten. Die Rehaaufenthalte wurden regulär von vier auf drei Wochen verkürzt und die Zeiten von „Morgens Fango, abends Tango“ gingen dem Ende zu. Es schlossen einige weitere der kleineren Rehakliniken. Ein Meilenstein in der Bad Dürrheimer Kurgeschichte bedeutete das Jahr 1987, als das Solemar eingeweiht wurde. Im Vorfeld wurde 1983 der sogenannte „Jahrhundertvertrag“ mit dem Land abgeschlossen. Es übergab die Kureinrichtungen in das Eigentum der Stadt Bad Dürrheim und legte nochmal 27 Millionen Mark dazu, damit das Solemar gebaut werden konnte. Es entwickelte sich in drei Jahrzehnten zu einem Zugpferd für Selbstzahler und Tagestouristen. Heute ist Bad Dürrheim ein dreifach prädikatisierter Kurort: „Soleheilbad“, „Heilklimatischer Kurort“ und „Kneipp-Kurort“. Nach einer neueren repräsentativen Erhebung der Kur und Bäder GmbH werden mit der Reha in Bad Dürrheim rund 100 Millionen Euro pro Jahr umgesetzt. Weitere Informationen zum Thema Saline Bad Dürrheim finden Sie hier: www.almanach-sbk.de/saline 171 Badesalz aus Bad Dürrheim. Für das Jahr 1910 ist folgender Verbrauch aufgelistet: Für den Siedebetrieb Für den Badbetrieb Für den Verkauf Für das Kindersolbad Für das Landessolbad Für das Salinenhotel 44.176.509 l 2.710.424 l 265.093 l 251.000 l 296.000 l 369.600 l 1910er-Jahren das Kindersolbad am Ende der heutigen Luisenstraße, in Bad Dürrheim als Haus Hohenbaden bekannt und seit 2004 leer stehend. Für die erwachsenen Gäste stand die Bäder beispielsweise schon um 1900 im ehemaligen Gasthaus Saline bereit, zu dem Zeitpunkt ein Hotel. Ebenso hatte das Hotel Kreuz eigene Solebadewannen, es entstand das Gasthaus zur Hirschhalde (Seniorenstift) oder das heute nicht mehr existierende Kohlermannsche Jugenderholungsheim, in dem Sophie Scholl einige Wochen ein Praktikum absolvierte, das FriedrichLuisen-Hospiz als jüdisches Kinderheim (die Luisenklinik) und einige mehr.

 

 

 

SEIT JAHREN STROM AUS DEM BRÄNDBACH 172 Geschichte

 

 

 

von Wolf Hockenjos Die Errichtung der Brändbachtalsperre zur Versorgung der Stadt Bräunlingen mit elektrischer Energie darf als gelungenes Beispiel gelten für die konfliktarme Erschließung einer neuen Energiequelle. Vom Bau der Brändbachtalsperre sollten nicht nur die Bürger profitieren, sondern auch Flora und Fauna dank des Kirnbergsees (Foto). 100 Jahre Brändbachtalsperre 173

 

 

 

Mit dem Kirnbergsee entstand ein viel besuchter touristischer Hotspot in der Region und zudem wurde der Hochwasserschutz verbessert. Andernorts ist es im Ringen um die so dringend benötigte Energie bekanntlich weitaus kontroverser zugegangen: Erinnert sei an den „Kampf um die Wutachschlucht“ in den 1950er-Jahren. Auf bunten Plakaten hatte die Schluchseewerk AG auch dort der Bevölkerung einen See – mit Badeund Segelmöglichkeit von Neustadt bis Lenzkirch – versprochen, um für die Ableitung des Wutachwassers in ihr Speichersystem zu werben. Doch um eben dies zu verhindern, sammelte die Arbeitsgemeinschaft Heimatschutz Schwarzwald, eine vom Schwarzwaldverein initiierte erste Bürgerinitiative in der noch jungen Bundesrepublik im Schwere Bauarbeiten mit Steinbrecher und Betonmischanlage. Im Steinbruch am Kirchweg wurde das Rohmaterial für die Betonmischung gewonnen. Mit dem Ausbau der Wasserkraftanlage im Brändbach ist die Stadtgemeinde Bräunlingen für fernste Zeiten von der allgemeinen Energienot und der damit eng verbundenen Preisbildung dieses wichtigen Wirtschaftsfaktors unabhängig geworden. Ingenieur Fritz Hofheinz 1923, zitiert aus Janzing, B.: Baden unter Strom. 174 Geschichte

 

 

 

Rahmen ihrer Aktion „Rettet die Wutachschlucht“ 185.000 Unterschriften. Womit man schließlich auch die Stuttgarter Regierung so beeindruckte, dass die Pläne eingefroren wurden. Proteste hatte es bereits gegen das allererste Flusskraftwerk Badens gegeben, das im Jahr 1895 auf Betreiben des innovationsfreudigen Fürsten Karl Egon III. zu Fürstenberg bei Stallegg in der Wutachschlucht erbaut worden war: Die Angler des noblen Bad Boll Fishing Clubs beschwerten sich, das Wasser werde oft tagelang zurückgehalten, sodass zwei Zentner tote Fische im Wert von 400 Mark zu beklagen seien. Und auch zuletzt noch, beim Bräunlinger Bürgerentscheid im Jahr 2018, hatte sich die Bevölkerung zutiefst gespalten gezeigt pro und kontra Windenergienutzung. Eine Staumauer aus Ruinenresten Nichts von alledem ist uns vom Brändbach überliefert – und dies, obwohl man sich beim Bau der Staumauer nicht gescheut hatte, sich auch des Steinmaterials aus den Ruinenresten der Burg Kirnberg zu bedienen. Der aus hartem Granit bestehende Felssporn, von welchem aus schon die Zähringer die uralte, womöglich bereits von Kelten und Römern benutzte Straßenverbindung vom Breisgau auf die Baar überwachten, sollte sich jetzt als ideale Engstelle zur Abriegelung und zum Aufstau des Brändbachtals erweisen. Nach der vorletzten Kaltzeit (Risseiszeit), in welcher das Tal vergletschert war, hatte der Moränenschutt führende Bach die quer liegende Granitbarriere durchnagt, die hier vor Urzeiten aufgrund einer tektonischen Verwerfung entstanden war. Wie denn die Geologie an diesem nördlichen Rand des „Bonndorfer Grabens“ überhaupt recht kompliziert ausfällt. Sie auch dem Laien zu erklären, bemühte sich in seinem Büchlein Baarwanderungen, Streifzüge durch Landschaft und Kultur mit Prominenten der Region (Baarverein, 2004), schon der wohl beste Kenner der Baar, Prof. Günther Reichelt. Beschrieben hat er sie im Rahmen einer dem vormaligen Bräunlinger Bürgermeister Jürgen Guse gewidmeten Rundtour von Bräunlingen zum Kirnbergsee und zurück. Festliche Grundsteinlegung Exakt vor einhundert Jahren, am 4. Dezember 1921, war Grundsteinlegung an der Talsperre. Den denkwürdigen Tag hat B. Janzing (s. o.) in Bild und Text aus Bräunlinger Quellen festgehalten: „Geschmückt mit Tannenreisig machten sich die Wagen am Mittag auf den Weg von Bräunlingen nach Unterbränd. Mit dabei: die Bräunlinger Räte, Bürgermeister Martin Müller und Stadtpfarrer Julius Meister – und natürlich viele Schaulustige. Es spielte die Stadtkapelle, es sang der ‚Liederkranz‘ und die Ingenieure priesen die Kraft des Wassers, der ‚weißen Kohle‘”. Zu den Hammerschlägen rief Bürgermeister Müller die hehren Worte aus: „Erstehe mit Hilfe Gottes, als ein Denkmal aus schwerer Zeit, als Zeichen deutscher Technik und Tatkraft. Zum Segen der Allgemeinheit und Wohle unserer lieben Vaterstadt.“ Nach der Schmach des Versailler Vertrags war offenbar Grundsteinlegung am 4. Dezember 1921 mit Stadtpfarrer Julius Meister (erste Reihe Zweiter von Links), Ingenieur Hofheinz (Vierter von Links) und Bürgermeister Martin Müller (Fünfter von Links mit Zylinder). 100 Jahre Brändbachtalsperre 175

 

 

 

Oben: Das Kraftwerk in Waldhausen – maschinentechnische Einrichtungen und Schaltraum. vaterländischer Zuspruch gefragt, und so setzte (ebenfalls zitiert nach B. Janzing) der Oberamtmann Weitzel noch eins obendrauf, als er in gereimter Form ausrief: „Ein Segen ruht auf schwerem Werke: Dir wächst, wie Du‘s beginnst, die Stärke. Bescheiden, zögernd fängst du‘s an, und steht‘s am Ziel ein ganzer Mann.“ Die Misslichkeiten heutiger Großbaustellen, ob Stuttgart 21 oder Berliner Großflughafen, waren da, wie man sieht, noch sehr weit weg. Litern Wasser aufstauen. Der Plan stieß auf allgemeine Zustimmung, denn die Wiesen dort waren stark versumpft und wenig ertragreich gewesen. Weil es in den Nachkriegsjahren noch an Arbeitskräften, insbesondere an Maurern, fehlte, wurde beschlossen, die Mauer aus Stampfbeton zu errichten, talseitig verblendet mit Bruchstein. Klar, dass sich hierzu auch die Steine der bereits 1416 von den Fürstenbergern im Zuge einer ihrer Fehden zerstörten Burg anboten. Der Bedarf an Energie wurde größer Um die öffentliche Stromversorgung mit 220 Volt aufzubauen, hatte die Stadt schon 1905 zwei 30-Kilowatt-Dampfmaschinen beschafft und im E-Werk in der Zähringerstraße in Betrieb genommen, doch deren Leistung reichte bald nicht mehr aus. Weshalb man genötigt war, sich nach weiteren Energiequellen umzusehen. Die Wasserführung des Brändbachs, der unterhalb der Stadt in die Brigach mündet, erscheint in Normalzeiten zwar nicht sonderlich ergiebig. Doch mit einer geschwungenen Staumauer von nur 125 Meter Länge und einer Höhe von maximal 15 Metern ließ sich am Kirnberg ein 32 Hektar großer See mit einem Fassungsvermögen von 1,7 Millionen Drei Turbinen und ein U-Boot-Dieselmotor Vom Staudamm aus war eine 2.865 Meter lange gusseiserne Druckrohrleitung mit einer lichten Weite von 70 cm längs des Brändbachs zu verlegen. Sie führt bis hinunter zum 65 Meter tiefer gelegenen, inzwischen denkmalgeschützten Turbinenhaus am Ortsausgang von Waldhausen. Die Baumaßnahmen erfolgten in staunenswert raschem Tempo, die Erdarbeiten ohne jegliche Baggerhilfe und Hydraulik, Rechte Seite: Die Bauarbeiten schreiten voran, im Hintergrund sieht man noch die Wiesenfläche vor der Stauung am 18. Juli 1922. 176 100 Jahre Brändbachtalsperre

 

 

 

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Francis-Spiralturbine mit 150 Kilowatt-Generator, war das Werk in der Lage, jährlich je nach Niederschlag 500.000 bis 1,1 Millionen Kilowattstunden zu produzieren, womit nicht nur die Kernstadt, sondern auch die Nachbarorte, die heutigen Ortsteile Waldhausen, Bruggen und Unterbränd, versorgt werden konnten. Sicherheitshalber, um Bedarfsspitzen abdecken zu können und um gegen „Wasserklemmen“, gegen Trockenzeiten mit allzu geringer Schüttung des Brändbachs, gewappnet zu sein, wurde 1924 zudem ein U-Boot-Dieselmotor installiert. Anschluss an das Laufenburger Kraftwerk Wassermangel zwang freilich in der Folge immer wieder einmal dazu, die alten Dampfkessel in der Zähringerstraße zu reaktivieren, wiewohl sie offiziell (gem. § 19 der Badischen Verordnung zur Dampfkesselaufsicht) gar nicht mehr hätten in Betrieb genommen werden dürfen. Erst 1941 war es damit endgültig vorbei; die Kessel konnten an eine Schwenninger Schuhfabrik verkauft werden. Bis 1949 deckten die Stadtwerke den gesamten Stormverbrauch Bräunlingens mit der Wasserkraft aus dem Kirnbergsee, doch dann war man – wie auch andernorts auf der Baar – wegen des zunehmenden Energieverbrauchs wie aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und der Verlässlichkeit gezwungen, sich dem so viel günstiger anbietenden Laufenburger Großkraftwerk anzuschließen. Damals wurden sogar Stilllegungspläne erörtert. Doch dann besann sich die Stadt: Im Gegensatz zu Vöhrenbach mit seiner Linachtalsperre beschloss man, auch weiterhin auf die eigene Wasserkraft zu setzen und weiter zu investieren. Ohnehin stand eine Sanierung des Staudammes an, für die Stadt ein Anlass, ihn im Sommer 1955 gleich noch um zwei Meter aufzustocken und ihn zusätzlich zu sichern mit einer Vorsatzschale aus Spannbeton. Ausgangs des Jahrtausends war eine erneute Sanierung fällig, weil sich die Festigkeit des Bauwerks vor allem im untersten Bereich des Stampfbetons als unzureichend erwiesen hatte. Weshalb der See erneut abgelassen wurde und eine fünf Millimeter dicke „Geomembran“ aus Polyethylen aufgetragen wurde, ein in Deutschland erstmals angewandtes Verfahren. Nachdem auch das Wasserrecht erneuert werden konnte, reicht die Konzession zur energetischen Nutzung Oben: Schaltanlage im Kraftwerk Waldhausen. Unten: Außenansicht des Kraftwerks Waldhausen Rechte Seite: Staumauer der Brändbachtalsperre. die Loren von Hand gezogen und geschoben, das Material mehrspännig per Pferdefuhrwerk transportiert. Kaum ein Jahr nach der Grundsteinlegung der Mauer, noch im Jahr 1922, konnten zwei Turbinen bereits in Betrieb genommen werden. Weil die Preise zu explodieren begannen, musste man sich vorerst auf eine Francis-Spiralturbine der Firma Voith mit 159-Kilowatt-Drehstromgenerator und eine Pelton-Turbine desselben Herstellers mit 28 Kilowatt beschränken. Nach Einbau der dritten Turbine, einer 178 100 Jahre Brändbachtalsperre

 

 

 

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des Brändbachs nun bis ins Jahr 2060. Wie sich im Zuge des Klimawandels die Niederschlagsmengen entwickeln werden und ob sich die Stromgewinnung aus dem Brändbach weiterhin noch einigermaßen wirtschaftlich betreiben lässt, steht einstweilen in den Sternen. Derzeit liefert die eigene Wasserkraft knapp sechs Prozent des Stromverbrauchs der Stadt. Was sich zum Leidwesen des Stadtrats leider bereits seit Jahren, streng betriebswirtschaftlich gerechnet, in roten Zahlen niederschlägt, sofern sämtliche Unterhaltungsund Abschreibungskosten penibel in Anrechnung gelangen. Wichtige Grundlage für den Tourismus Bürgermeister Micha Bächle ist in Sachen Brändbachtalsperre überaus positiv gestimmt, bezeichnet sie als ein technisches Meisterwerk und ein Zeichen des Fortschrittes. Wörtlich betont er: „Die Talsperre hat die Landschaft rund um Unterbränd verändert und den Kirnbergsee geschaffen, der gerne von Einheimischen und Touristen genutzt wird. Die Brändbachtalsperre war und ist damit zugleich eine wichtige Grundlage für den späteren Tourismus in Unterbränd.“ Dank der Talsperre könnten aktuell pro Jahr rund 500.000 kWh Strom erzeugt werden. Gleichwohl habe sich der Fokus in den letzten Jahren verändert. Aus Gründen des Hochwasserschutzes wurde die maximale Seehöhe um einen Meter abgesenkt. Damit wäre Bräunlingen bei Hochwasser besser geschützt. Der zweite Fokus sei das Thema Tourismus. Gerade im Sommer erfreue sich der See einer großen Beliebtheit. Ebenso für den Naturschutz sei er bedeutend, der Kirnbergsee biete Rückzugsorte und Laichplätze. Bürgermeister Bächle: „Die Stadt Bräunlingen hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder große Summen in die Standsicherheit der Talsperre und in die Tourismusinfrastruktur rund um den See investiert. Und dies wird eine Aufgabe für die Zukunft bleiben.“ Heute Gewinn für Natur und Erholung Erfreulich haben sich unterdessen die Bedingungen für den Naturschutz und für die touristische Nutzung rund um den Kirnbergsee entwickelt. Im Jahr 2000 erhielt ein 80 Hektar umfassendes Areal von Brüssel die Auszeichnung als FFH-Gebiet (FaunaFlora-Habitat) mit dem Schutzzweck: „Erhaltung, Pflege und Förderung von naturnaher Ufervegetation, Pfeifengras-Streuwiesen, sowie nasse und trockene Berg-Mähwiesen und der darin vorkommenden Tierarten“. Auf dem See tummelt sich unüberhörbar ein Graugans-Geschwader und allerlei Entenarten, Haubentaucher und Blässhühner sind auf ihm zu Hause. In der Durchzugsund Rastzeit nutzt ihn eine Vielzahl weiterer Arten. Auch der Biber hat sich eingefunden und lichtet da und dort das Ufergehölz aus Birken, Aspen, Erlen und Weidengesträuch. Hechte, Karpfen, Schleie und Zander können geangelt werden. Das einst von armen Harzern und Köhlern gegründete Dorf Unterbränd hat derweil mit seinen Gasthäusern, Fremdenzimmern und seinem Campingplatz mächtig hinzugewonnen. Am gegenüber liegenden, südöstlichen Ufer boomt der sommerliche Badebetrieb, genießt der Kirnbergsee mit seinem braunen Moorwasser den Ruf als wärmster aller Schwarzwaldseen. Sai sonunabhängig erfreut sich die Fußrunde um den See – tunlichst unter Einbezug der Unterbränder Gastronomie – wachsender Beliebtheit. Ermöglicht wird sie seit hundert Jahren dank der Stromerzeugung – ein Gewinn für Natur und Land schaft wie für die Erholung. Der Kirnbergsee ist auch ein 80 Hektar großes Naturschutzgebiet. 180 100 Jahre Brändbachtalsperre

 

 

 

Oben: Am Geländer der Brändbachtalsperre reiht sich ein Liebesschloss ans andere. Unten: Boote ruhen am Steg – ein sommerliches Bad.

 

 

 

GeheimnisGräberei. Wie ein Augmented-Reality-Projekt den keltischen Grabhügel Magdalenenberg neu denkt. von Peter Graßmann 182 Geschichte Geschichte

 

 

 

Die fiktive Archäologin Dr. Anna Wagner braucht die Hilfe der Besucherinnen und Besucher: Um die Geheimnisse des größten frühkeltischen Grabhügels zu lüften, werden sie auf eine Spurensuche durch die Ausstellung im Franziskanermuseum geführt. Es warten geheime Codes, verborgene Zeichen und wertvolle Gegenstände. Als Lohn winkt der Blick in eine andere Welt – oder es droht Unheil… Das Spiel GeheimnisGräberei nutzt die Augmented-Reality-Technologie, um die Welt der Kelten zum Leben zu erwecken. Auf Grundlage neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse werden die Ausstellungsstücke rekonstruiert, ihre Geschichte erklärt und ein Blick über das Bekannte hinaus gewagt. Augmented Reality ist die Überlagerung des realen Raums durch digitale Zusatzinformationen. Das Spiel kann kostenlos auf Tablets an der Museumskasse ausgeliehen werden. Das Projekt wurde gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. GeheimnisGräberei 183 183

 

 

 

Grabungsgeschichte im Rückblick Villingen im Herbst 1890: Anstrengende Wochen liegen hinter dem städtischen Oberförster Hubert Ganter und seinem Team. Sechs Tage waren sie damit beschäftigt, Wasser aus dem Großgrabhügel Magdalenenberg zu pumpen, um die Ausgrabung des geheimnisvollen Monuments fortsetzen zu können. Tonnen von Felsgestein mussten sie beiseite schaff en, tausende Kubikmeter Erde bewegen. Seither haben sich um den Grabungstrichter, der von der Spitze des Hügels senkrecht nach unten führt, jeden Tag Schaulustige versammelt, die gebannt den Fortgang der Untersuchungen verfolgen. „Hont er de Schatz bald?“, fragen sie den Leiter des Stadtarchivs Villingen Christian Roder und den Archäologen Karl Schumacher ungeduldig, die, im Anzug und mit Pfeife im Mundwinkel, etwas abseits stehen und das Geschehen mit wissenschaftlicher Neugier verfolgen. Vertreter der Presse, die mit Spekulationen über versunkene Burgen und üppige Schätze die Mutmaßungen befeuert haben, machen sich eifrig Notizen. Als die Arbeiter beginnen, die letzten Meter Erde über der Zentralgrabkammer abzutragen, ist die Spannung mit Händen zu greifen. Doch nachdem sie die eingestürzte Balkendecke freigelegt und sich bis zum Boden der Kammer vorgekämpft haben, bietet sich ihnen ein Bild der Zerstörung: Statt eines Goldschatzes warten nur Trümmer und Fragmente. Jemand war den Wissenschaftlern zuvorgekommen. Off enbar vor sehr, sehr langer Zeit. Das Digitalprojekt: Vergangenes und Verborgenes wird sichtbar gemacht 131 Jahre später: Die Archäologin Dr. Anna Wagner will neueste Forschungsmethoden anwenden, um herauszufi nden, wie die Ausstattung der Fürstengrabkammer einst aussah. Sie setzt dafür auf künstliche Intelligenz, die die damals gefundenen Fragmente mit Ausgrabungen anderer Stätten vergleicht und dreidimensionale Rekonstruktionen erstellt. Leider ist sie von ihrem Arbeitgeber, dem FranziskanerNachdem die Arbeiter die eingestürzte Balkendecke der Zentralgrabkammer freigelegt und sich bis zum Boden vorgekämpft haben, bietet sich ihnen ein Bild der Zerstörung: Statt eines Goldschatzes warten nur Trümmer und Fragmente. Jemand war den Wissenschaftlern zuvorgekommen. Off enbar vor sehr, sehr langer Zeit. Die Ausgräber von 1890 trieben einen Schacht senkrecht von der Hügelspitze direkt in die Zentralgrabkammer des Fürsten. Von links nach rechts: Christian Roder, Karl Schumacher und Hubert Ganter. 184 184 184 Geschichte

 

 

 

museum, entlassen worden, weshalb sie nun einen Mitstreiter braucht, um ihre Forschungen heimlich fortsetzen zu können: den nichtsahnenden Museumsbesucher. Er muss die künstliche Intelligenz mit Informationen füttern, bis sie nach und nach die Geheimnisse des Fürstengrabs preisgibt. Anna Wagner gibt es nicht wirklich und es gibt auch keine künstliche Intelligenz im Franziskanermuseum. Beide sind Teil der fiktiven Storyline des Spiels „GeheimnisGräberei“, das die Geschichte des Magdalenenbergs mit ungewöhnlichen Mitteln erzählen und zugleich einige wichtige Fragen beantworten will: Was ist wirklich vor 2.600 Jahren geschehen? Was ist den Ausgräbern von 1890 entgangen? Und: Wie können wir all das heute noch wissen? Mit dem Spiel läutet das Franziskanermuseum eine neue Phase seiner Vermittlungsarbeit ein, denn als erstes von zwei Digitalprojekten soll „GeheimnisGräberei“ die Augmented-RealityTechnik nutzen, um Vergangenes und Verborgenes sichtbar zu machen und aktuelle Forschungsergebnisse zu vermitteln. Auf einer tieferen Ebene wirft es zeitlose Fragen nach dem wissenschaftlichen Fortschritt, dem Verhältnis zwischen Fakt und Fiktion und dem schwierigen Begriff der Wahrheit auf. Eine verwundete Grabkammer Der Magdalenenberg ist ein frühkeltischer Großgrabhügel südwestlich der Innenstadt von VS-Villingen und mit 33.000 Kubikmeter einer der größten – vielleicht sogar der größte – eisenzeitliche Grab hügel in Mitteleuropa. Seine erste Ausgrabung im Jahr 1890 steht heute im Schatten der spektakulären Zweitgrabung in den 1970er-Jahren, die von Konrad Spindler, dem späteren Erforscher des „Ötzi“, unter reger bürgerschaftlicher Beteiligung durchgeführt wurde. Dabei wurden rings um das Zentralgrab 126 weitere Gräber entdeckt, aus denen die Forscher nicht nur Fundstücke wie Schmuck und Waff en bargen, sondern auch wichtige Informationen etwa zur Sozialstruktur oder den Handelsbeziehungen der frühen Kelten gewinnen konnten. Das umfangreiche Fundmaterial, das auch Holzobjekte in fast unvergleichlich gutem Zustand umfasste, diente seither immer neuen Forschergenerationen zur Untersuchung weiterer Fragestellungen. In den letzten Jahren setzten beispielsweise Julia Koch mit migrationsund gendertheoretischen Ansätzen oder Allard Mees mit einer sehr umstrittenen archäoastronomischen These weitbeachtete Akzente. Die schönsten und interessantesten Funde bilden heute das Herzstück der Ausstellung „Keltisches Fürstengrab Magdalenenberg“ im Franziskanermuseum in Villingen-Schwenningen, wo unter anderem ein aufwändiges Bernsteincollier (s. S. 186 oben), verzierte Dolche oder die mutmaßliche Totenbahre des Fürsten (mit sämtlichen Spuren einer 2.600 Jahre alten Holzbearbeitung!) zu bestaunen sind. Zentrales Ausstellungsstück ist jedoch die mächtige, 6,5 x 8 Meter große Grabkammer des hier bestatteten „Fürsten“, zu dessen Ehren das Grabmonument im Jahre 616 v. Chr. (naturwissenschaftliche Datierung der Grabkammer) errichtet wurde. In dem aus Eichenbalken gezimmerten Kammerboden klaff t ein rechteckiges Loch wie eine off ene Wunde – die Erstausgräber konnten ihr Pech nicht fassen, sägten ein Loch in den Kammerboden und gruben darunter weiter, in der Hoff nung, die ersehnten Schätze doch noch zu bergen, erzählt man sich. Wann und durch wen das Loch tatsächlich entstand, ist allerdings nicht gesichert, nur, dass es bei der Zweitausgrabung bereits vorhanden war. Von der damaligen Enttäuschung zeugen auch jene recht spärlichen Holz-, Lederund Metallfragmente, die entlang eines Steges präsentiert werden, der an der Kammer vorbeiführt und einen Blick ins Innere erlaubt. Diese 1890 in der Zentralgrabkammer entdeckten Funde legen eine Diskrepanz zwischen wissenschaftlichem Anspruch und öffentlicher Erwartung offen: Schon damals wies der bedeutende Archäologe Ernst Wagner, Direktor der Karlsruher Der Villinger Magdalenenberg wurde 1890 erstmals Ziel einer Grabung. GeheimnisGräberei 185

 

 

 

Zu den schönsten Fundstücken aus den Nachbestattungen zählt ein Bernsteincollier. Altertumshalle, der die Grabung wissenschaftlich begleitete und auswertete, darauf hin, dass diese unscheinbaren Reste durchaus wichtige Erkenntnisse bargen. So ließ sich anhand von Radfragmenten der Typus des beigegebenen Wagens bestimmen und das gesamte Grab somit in die Hallstattzeit (800 – 450 v. Chr.) datieren. Ein merkwürdiger, kleiner BronzevoDer wahre Schatz ist die Erkenntnis, nicht der materielle Wert der Gegenstände. Und Erkenntnisse über die Kelten konnten durch den Magdalenenberg mehr als genug gewonnen werden – auch aus der geplünderten Zentralgrabkammer. gel in abstrahierter Gestalt wies in die Ideenwelt der Bronzeund frühen Eisenzeit und unterstrich diese frühe Datierung. Besonders ansehnlich sind die Funde indes nicht. Beim Gedanken an eine Fürstengrabkammer kommen den Besuchern eher Bilder des Pharaonengrabs Tutanchamuns oder, kulturell etwas näher liegend, der Grabkammer von Hochdorf in den Sinn: Prall mit fantastischen Gegenständen gefüllte Wohnstätten für die Toten, die ihre Entdecker zu berühmten Figuren vom Schlage eines Heinrich Schliemann oder Howard Carter machen. Überhaupt: Was ist schon eine Schatzkammer ohne Gold? Jahrzehnte der kulturellen Rezeption von Archäologie, von der Entdeckung „Trojas“ bis zu den fiktiven Helden von „Indiana Jones“, „Tomb Raider“ oder „Uncharted“, haben die Altertumswissenschaft mit der Schatzsuche verknüpft, mit dem Hauch von Geheimnis und dem Lockruf des Abenteuers. Die schnöde Realität kann diesem Vergleich kaum standhalten – dabei kann ein prächtiges Goldobjekt unter Umständen wissenschaftlich weit weniger interessant sein als ein einziger Radnagel. Der wahre Schatz ist eben die Erkenntnis, nicht der materielle Wert der Gegenstände. Und Erkenntnisse über die Kelten konnten durch den Magdalenenberg mehr als genug gewonnen werden – auch aus der geplünderten Zentralgrabkammer. 186 Geschichte

 

 

 

Die Augmented-Reality-Technologie ermöglicht mittels Rekonstruktionen den Blick in die ungeplünderte, reich gefüllte Grabkammer des Magdalenenbergs. Im Franziskanermuseum: Entlang der ausgestellten Zentralgrabkammer führt ein Steg mit den darin im Jahre 1890 entdeckten Funden. GeheimnisGräberei 187

 

 

 

Die erneute Inventarisierung der 1890 geborgenen Fragmente ließ im Franziskanermuseum die Idee entstehen, dieses Wissen mit einer anschaulichen Darstellung zu verknüpfen, indem die ehemalige Grabkammerausstattung rekonstruiert wird: virtuell, dreidimensional, mittels Augmented-Reality (AR). In Workshops mit der Medienund Filmgesellschaft wurde die Ursprungsidee weiterentwickelt. Im Bild von links nach rechts: Museumsleiterin Dr. Anita Auer, Projektleiter Peter Graßmann und wissenschaftlicher Berater Thomas Hoppe. Ein Abbild der eigenen Vergangenheit Die erneute Inventarisierung der 1890 geborgenen Fragmente ließ im Franziskanermuseum die Idee entstehen, dieses Wissen mit einer anschaulichen Darstellung zu verknüpfen, indem die ehemalige Grabkammerausstattung rekonstruiert wird: virtuell, dreidimensional, mittels Augmented-Reality (AR). Bei dieser Visualisierungstechnik werden reale Raumeindrücke mit virtuellen Objekten überlagert. Der Benutzer blickt durch ein Gerät – zum Beispiel ein Smartphone, Tablet oder eine AR-Brille – und sieht nicht nur den echten Raum, in dem er sich befindet, sondern auch digital erstellte Zusatzinformationen. Für Museen hat das unter anderem den Vorteil, dass nicht (bzw. nur minimal) in den realen Ausstellungsraum eingegriffen werden muss, sodass z. B. Ergänzungen an Exponaten vorgenommen werden können, ohne das Objekt selbst zu verändern. Im Fall der Magdalenenberg-Grabkammer ist es gerade deren materielle Präsenz, die den Besucher beeindrucken und die nicht zur Bühne degradiert werden soll. Vielmehr ermöglicht es Augmented Reality, das reale archäologische Objekt um ein Abbild seiner eigenen Vergangenheit zu ergänzen. Die Rekonstruktion kann somit die Pracht des Fürstengrabes enthüllen und dessen damalige Bedeutung greifbar machen. Mit dieser Idee bewarb sich das Franziskanermuseum 2018 für die Förderlinie des Landes BadenWürttemberg „Digitaler Wandel an nichtstaatlichen Museen im ländlichen Raum“ und wurde als eines von vier Museen ausgewählt. Es folgte ein Jahr der intensiven Vorbereitung durch die Medienund Filmgesellschaft im Rahmen des Coachingprogramms „Museen im Wandel“, in dessen Verlauf die Idee mehr und mehr Gestalt annahm. Eine zentrale Erkenntnis war dabei, dass sich die Anwendung im ständigen Austausch mit den späteren Nutzern weiterentwickeln müsse. Statt ihnen ein fertiges Produkt vorzusetzen, sollten die Museumsbesucher aktiv in die Entwicklung einbezogen werden und in einem „Bürgerbeirat“ die Möglichkeit zu konstruktivem Feedback erhalten. Neues Licht auf alte Funde Mit der Aufgabe, den ehemaligen Grabkammerinhalt zu rekonstruieren, stellte sich zunächst die Frage nach der korrekten Interpretation und Zuordnung der noch vorhandenen Fragmente. Diese lassen sich hauptsäch188 Geschichte

 

 

 

Wagen von ComoCa‘Morta, GolaseccaKultur (Italien) um 700 v. Chr. Eine ähnliche Gitterung könnte auch der Wagen vom Magdalenenberg besessen haben. lich drei Objekten zuordnen, die sich somit sicher im Grab befunden haben müssen: ein vierrädriger Wagen, ein junges Schwein sowie die sterblichen Überreste des Fürsten. Außerdem könnte es sich bei drei weiteren Objekten um die Reste eines Bogens, eines Pfeilschaftes sowie einer Holzschale handeln. Über den Wagen wollten weder Konrad Spindler noch die Erstausgräber weitergehende Mutmaßungen anstellen und beschränkten sich stattdessen auf die Rekonstruktion der Räder, deren Bestandteile noch in ausreichendem Umfang erhalten waren. Die Deutung sämtlicher weiterer mutmaßlicher Wagenbestandteile, also des Wagenkastens, Unterbaues oder der Deichsel, ist umstritten, doch lassen sich bei genauerer Betrachtung einige Schlüsse ziehen. So gehören zu den interessantesten Holzfunden 13 etwa 15 cm hohe, sich elegant verjüngende Bolzen, die wohl mit ihren beiden rechteckigen Enden in Löcher eingesteckt waren. Nicht nur die große Zahl der Bolzen erstaunt, sondern auch deren einheitliche, gut gearbeitete Erscheinung, die keine rein konstruktiv-statische Nutzung, sondern vor allem eine Zierfunktion nahelegt. Ihre Höhe stimmt exakt mit der Durchschnittshöhe von hallstattzeitlichen Wagenkästen überein – naheliegend also, dass sie ebenfalls Teil des Wagens waren und man sich diesen mit einer seitlichen Gitterung vorstellen muss. Ähnliche Konstruktionen kennt man von den etwas später zu datierenden Fahrzeugen aus Diarville und Vix (Frankreich), aber auch aus dem, der Golasecca-Kultur zugeordneten, Grab von Como-Ca‘Morta (Italien) oder, in diesem Fall mit Zierblechen ausgekleidet, dem Wagen von Ohnenheim. Bei der Rekonstruktion des Wagens vom Magdalenenberg für die AugmentedReality-Anwendung entschieden sich die Entwickler für eine eher schlicht gehaltene Darstellung. GeheimnisGräberei 189

 

 

 

Könnte so das Joch im Magdalenenberg ausgesehen haben? Ebenfalls um Teile des Wagenaufbaus dürfte es sich bei diversen Holzleisten mit angenagelten Lederresten gehandelt haben, die in verschiedenen Größen und Formen vorliegen und an die seitliche Lederbespannung des Wagens von Mitterkirchen erinnern. Hier zeigt sich bereits, dass eine vollständige Rekonstruktion nicht gelingen kann: Hatte der Wagen eine seitliche Lederbespannung oder eine Gitterung? Die Fragmente sind zu stark beschädigt und in zu geringer Menge erhalten, als dass sich deren Positionen zueinander noch ermitteln ließen. Bei der Augmented-RealityAnwendung entschieden sich die Entwickler daher für eine Hybridlösung, die beide Möglichkeiten kombiniert (s. Abb. S. 189 unten). Ansonsten wurde der Wagen bewusst eher schlicht gehalten, jedoch basierend auf der Farbgebung von Stoffen und Keramiken mit farbigem Anstrich versehen, auch hier in Anlehnung an den Prunkwagen von Mitterkirchen. In einem Punkt musste Konrad Spindler korrigiert werden: Für seine Rekonstruktion der Wagenräder hatte er einen zu geringen Durchmesser gewählt. Es zeigte sich, dass ein solches Rad bei gleichzeitig dichter Benagelung den Belastungen nicht standgehalten hätte und schon auf der Jungfernfahrt zerbrochen wäre. Offenbar handelte es sich vielmehr um zweireihige Segmentfelgen mit einem inneren und einem äußeren Kranz, die zusammen demnach die doppelte Breite besaßen wie von Spindler berechnet. Zwar haben sich keine Felgenklammern erhalten, die beide Kränze zusammenhielten, doch sagt dies in Anbetracht der generell schlechten Fundlage wenig aus. Als Achsnagel fungierte ein Radvorstecker mit schleifenförmigem Kopf, eine typische Form für den südwestdeutschen Raum und die Voralpenzone, was eine regionale Produktion nahelegt. Nach dem Archäologen Christopher Pare lässt sich der Wagen somit dem „Typ 5“ zuordnen, dessen nächste „Verwandte“ in Erkenbrechtsweiler, Inzigkofen-Vilsingen, Kappel-Grafenhausen und Winterlingen zu finden sind. Bronzevogel als Verbindung ins Jenseits Wahrscheinlich gehörte auch der kleine Bronzevogel, eine 4,1 cm hohe abstrahierte Aufsteckfigur, zum Wagen oder seinen Zugtieren. In der Vorstellungswelt der Bronzeund Früheisenzeit sah man offenbar eine Verbindung zwischen Vögeln, Fahrzeugen und dem Jenseits; vielleicht als Teil einer alten, indoeuropäischen Mythologie, deren Rudimente sich in der Sage vom Schwanenwagen Apolls erhalten haben könnten. Ähnliche Tierappliken finden sich jedenfalls auch am Pferdejoch aus Hochdorf, im dortigen Fall in Form von Pferdefigürchen, die die Jochmitte zu beiden Seiten flankierten. Für das Vorhandensein eines Pferdegeschirrs im Grab sprechen auch ein halbkreisförmig gebogenes Bronzeblech mit Kreisaugenornament, das Julia Koch in ihrer Übersichtsarbeit zum Wagen von Hochdorf als Jochbeschlag interpretiert, sowie drei kreisrunde Bronzescheiben, die als Verteiler für Lederriemen fungierten. Aus diesen wenigen Spuren zeichnet sich die große Bedeutung von Wagen und Pferden ab, die typisch ist für die sogenannten „Fürstengräber“ der Hallstattzeit. Für Kopfzerbrechen sorgt hingegen seit jeher ein etwa 45 cm langes, sauber bearbeitetes Holzstück, das an den Enden rechteckige Löcher aufweist. Spindler schrieb zu dem länglichen Objekt: „[Es] könnte von einem thronartigen Sessel [stammen], der auf dem Wagen gestanden haben mag […]“. In Frage käme aber auch ein Teil einer GrabwagenRücklehne, wie sie vom Prunkwagen von Mitterkirchen oder aus der etruskischen Tomba Regolini-Galassi bekannt ist. Ein in den Maßen und der Gestaltung vergleichbares Stück ließ sich bislang jedenfalls nicht finden. Die größte Ähnlichkeit scheint das Stück mit griechischen Kantholzstühlen zu haben, die im 4. und 5. Jahrhundert häufig als Götterthrone dargestellt wurden. Die etwa vier Zentimeter große Aufsteckfigur aus dem Zentralgrab zeigt einen stilisierten Vogel. 190 Geschichte

 

 

 

„Sessellehne“ aus dem Magdalenenberg. Im Geschmack der Zeit Ernst Wagner hatte also Recht: Auch die kleinen Fragmente aus der Zentralgrabkammer bieten spannende Erkenntnisse über das Leben und Sterben vor 2.600 Jahren. Dem Fundort Magdalenenberg kommt dabei besonders zugute, dass Holzund Lederreste erhalten blieben, die nur selten im Boden überdauern. Was aber befand sich noch in der Grabkammer, außer den wenigen Fragmenten, deren Funktion sich mehr oder weniger plausibel erklären lässt? Ein Blick auf besser erhaltene Fundkomplexe aus derselben Zeit und Kultur, wie Kappel-Grafenhausen oder Hohmichele Grab VI, lässt eine gewisse „Standardisierung“ der Ausstattung erahnen, die sich durch zeittypische Vorlieben, die Verfügbarkeit bestimmter Objekte und Materialien sowie gemeinsame kulturelle Werte und Vorstellungen ergibt. So scheint neben den unabkömmlichen Wagen auch die Beigabe von Waffen, Keramikund Bronzegefäßen, Nahrungsmitteln sowie Stoffen üblich gewesen zu sein. Die Bronzegefäße dürften besonders prestigeträchtig gewesen sein, handelte es sich doch oft um wertvolle Importstücke aus dem italienischen und griechischen Mittelmeerraum wie Schalen, Kannen oder Eimer. Goldgegenstände waren hingegen – anders als eine Generation später – in der Zeit um 600 v. Chr. noch eher selten. Wenn in deren Auffindung die Hoffnung der Ausgräber von 1890 bestand, wären sie also selbst von einem ungeplünderten Grab enttäuscht worden! Durch die Vergleichbarkeit der Beigaben ergibt sich die Möglichkeit einer plausiblen Rekonstruktionshypothese: Auch der Fürst vom Magdalenenberg dürfte über Bronzegefäße verfügt haben, denn weitläufige Kontakte seiner Gemeinschaft in alle Himmelsrichtungen lassen sich aus den zahlreichen Importfunden aus den Nachbestattungen ablesen. Da die Grabkammern in der Regel recht dicht gefüllt waren, lässt das auf eine entsprechend große Zahl derartiger Güter schließen. Sicher haben auch Natürlich bleibt das genaue Aussehen der Grabkammer vom Magdalenenberg unbekannt. Eine Visualisierung kann nur einen grundsätzlichen Eindruck, ein begründetes „so ähnlich“ vermitteln. Waffen eine große Rolle gespielt: Auf das vermeintliche Bogenfragment und den Pfeilschaft wurde bereits eingegangen. Vermutlich gehörte zu dieser Ausstattung auch ein Köcher, wie er in Kappel gefunden wurde, und auch einen Dolch hat der Fürst wohl getragen, so wie einige seiner nachbestatteten Gefolgsleute. Insgesamt waren die Kammern sehr wohnlich und vornehm eingerichtet, ihre Böden mit Fellen oder Stoffen ausgelegt und an den Wänden mit bunten Stoffvorhängen geschmückt. Natürlich bleibt das genaue Aussehen der Grabkammer vom Magdalenenberg unbekannt. Es ist, als stünde man vor der Aufgabe, eine Berliner Wohnung der 80er-Jahre zu rekonstruieren: Mit den entsprechenden Informationen (Wie groß? Ost oder West? Arm oder Reich? Single oder Familie? Welcher Bildungsstand? etc.) lässt sich eine „zeittypische“ Einrichtung entwerfen, die aber den individuellen Geschmack nie völlig treffen kann. Insofern kann die Visualisierung nur einen grundsätzlichen Eindruck, ein begründetes „so ähnlich“ vermitteln. Diebstahl oder Denkmalsturz? Bleibt letztlich die Frage, was mit all diesen Gegenständen geschehen ist. Dass die Grabkammer geplündert wurde, beweisen zurückgelassene „Tatwerkzeuge“ in Form von Holzspaten sowie ein Schacht, durch den die Räuber ins Grab eingedrungen sein müssen. Die Räumung einer solch großen Grabkammer kann aber kaum in einer heimlichen Nachtund Nebelaktion geschehen sein, sondern erforderte den Einsatz GeheimnisGräberei 191

 

 

 

Im Museum weisen Marker auf 3D-Rekonstruktionen hin, die über ein Tablet angezeigt werden können. mehrerer Arbeiter über einen längeren Zeitraum. Weitere Merkmale lassen aufhorchen: Die Knochen des Fürsten lagen, wie andere Gegenstände auch, wild verstreut auf dem Kammerboden und waren teilweise zerbrochen. Eine Fraktur des rechten Schienbeins lässt darauf schließen, dass diese Gewalteinwirkung bereits wenige Jahre nach der Grablege stattfand. Diese zeitliche Nähe, das enorme Schadensbild sowie der Umfang des Unternehmens lassen vermuten, dass es den Grabräubern nicht nur um materielle Bereicherung ging, sondern um eine bewusste Entweihung des Grabes und damit eine Delegitimierung des sicher nach seinem Tod kultisch verehrten Fürsten. Hatten sich die Machtverhältnisse verändert? Nach der Plünderung wurde der Magdalenenberg nicht mehr als Begräbnisstätte genutzt, von den Kelten finden sich keine weiteren Spuren im näheren Umkreis. entwickelte sich die Idee weiter in Richtung eines Spiels, das die Besucher aktiv miteinbeziehen und sie selbst in die Forscherrolle versetzen sollte. Damit tauchten jedoch neue Probleme auf: Wie unterscheidet man in einem Spiel Fakten und Fiktionen? Wie macht man dem Besucher klar, dass es sich zum Teil um wilde Spekulationen handelt? Und wie schafft man es gleichzeitig, ihn nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu belehren, sondern sicherzustellen, dass das Spiel auch Spaß macht? Die Entwickler lösten das Problem, indem sie aus der Not eine Tugend machten. „GeheimnisGräberei“ gibt gar nicht vor, sichere Erkenntnisse zu vermitteln, sondern spielt bewusst mit verschiedenen Realitätsebenen. Leiht der Besucher das Tablet aus, meint er sich zunächst in Was sind Fakten, was ist Vision? Im Zuge der Projektarbeit wuchs die Erkenntnis, dass ein passiver Blick in die Grabkammer unter den Möglichkeiten blieb, die sich mit Augmented-Reality auftaten. Gemeinsam mit der Tuttlinger Firma NUMENA 192 Die Grabräuber hinterließen ihre „Tatwerkzeuge“ in Form von hölzernen Spaten. Geschichte

 

 

 

Unter Anleitung einer fiktiven Wissenschaftlerin muss der Spieler von „GeheimnisGräberei“ kleine Puzzles lösen. einem gewöhnlichen Multimedia-Guide wiederzufinden, der ihn durch die Ausstellung führen soll. Plötzlich taucht eine Fehlermeldung auf, ein Chatfenster öffnet sich, jemand scheint das Gerät gehackt zu haben. Dr. Anna Wagner, die fiktive Archäologin, meldet sich zu Wort und erklärt dem Nutzer seine Aufgabe: Er soll eine künstliche Intelligenz mit Informationen zu den Objekten im Ausstellungsraum füttern, damit diese einige wichtige Fragen zum Magdalenenberg beantworten kann. Hierzu wird er von Exponat zu Exponat geführt, muss kleine Rätsel und Puzzles lösen, die sich oft an reale archäologische Forschungsmethoden anlehnen. In einer Station geht es zum Beispiel darum, Bohrproben aus der Holzgrabkammer zu gewinnen und diese in einen dendrochronologischen Kalender einzufügen, mit dessen Hilfe die Proben datiert werden können. Hat der Spieler das Puzzle gelöst, wird ihm eine Visualisierung angezeigt, entweder vom Ausstellungsobjekt in der Vitrine oder dem gesamten Grabkammerraum. Indem diese Visualisierungen als Interpretationen der fiktiven künstlichen Intelligenz gedeutet werden und eben nicht als Forschungsergebnisse einer realen Autorität, soll die Unsicherheit des Dargestellten unterstrichen werden. Im Laufe der Handlung scheint die künstliche Intelligenz schließlich ein Bewusstsein zu entwickeln und nimmt die Rolle des Fürsten an, der nun seinerseits ein Ziel verfolgt, das über die reine Rekonstruktion hinausgeht. Hier bewegt sich das Spiel zwar vollständig ins Fiktive hinein, doch mit durchaus historischem Hintergrund: Die Vorstellungen des KI-Fürsten entspringen der keltischen Ideenwelt, soweit sie sich rekonstruieren und in die Hallstattzeit übertragen lässt. So spielt etwa die Totenfolge eine Rolle, ein Brauch, wonach ein Mensch einem Verstorbenen freiwillig oder unfreiwillig ins Grab folgen musste. Bis in die jüngere Vergangenheit Spieler von GeheimnisGräberei werden von Exponat zu Exponat geführt, müssen kleine Rätsel und Puzzles lösen, die sich oft an reale archäologische Forschungsmethoden anlehnen. GeheimnisGräberei 193

 

 

 

Der Magdalenenberg ist der größte frühkeltische Grabhügel in Mitteleuropa. überlebte dieses, uns heute barbarisch anmutende Ritual, als Sati (Witwenverbrennung) in Indien. Einige Gräber im Magdalenenberg, in denen zwei Tote mit unterschiedlichem sozialen Status gleichzeitig bestattet wurden, scheinen genau diesen Brauch zu belegen. Durch die Schichtung der Realitätsebenen, vom vermeintlichen Multimediaguide über den Chat mit der Wissenschaftlerin bis hin zum KI-Fürsten, wird der Anspruch aufgegeben, sichere Wahrheiten zu vermitteln. Stattdessen bleibt alles bewusst spekulativ, fiktiv, subjektiv – aber gut begründet. Erst am Schluss des Spiels werden Fakten und Fiktionen wieder getrennt, Im Verlauf des Spiels begegnet man auch dem Fürsten höchstpersönlich. Anthropologische Untersuchungen und Fundstücke beweisen, dass er ein Bogenschütze war. indem in einer Art Epilog die wichtigsten Fragen beantwortet werden. Zum Beispiel: Gibt es Anna Wagner wirklich? Das Spiel versteht sich somit nicht als Ersatz zu den vorhandenen Ausstellungstexten, sondern legt bewusst einen anderen Schwerpunkt, nämlich den einer fiktionalisierten, spannenden Erzählung mit seriösem Hintergrund, in bester Tradition der populären Vermittlung von Archäologie: Hier wartet das Abenteuer, an das Begriffe wie „Schatzsuche“, „Keltenfürst“ und „Grabraub“ denken lassen, und Erinnerungen werden wach an die keltische „Anderswelt“, die Sphäre der Geister und Götter, die wie eine zweite Schicht neben unserer Alltagsrealität liegen soll. Wie geht‘s weiter mit dem Magdalenenberg? Das Spiel „GeheimnisGräberei“ wird ab dem 1. September für alle Besucher des Franziskanermuseums kostenlos zur Ausleihe auf Tablets zur Verfügung stehen. Damit ist die Vermittlung neuerer Forschungsergeb194 Geschichte

 

 

 

nisse aber noch nicht ausgeschöpft. Entsprechend groß war die Freude über die Förderung eines Folgeprojektes mit dem Arbeitstitel „Machtzentrum Magdalenenberg“ im Rahmen der Landeskonzeption „Baden-Württemberg und seine Kelten“, in dem das Umfeld des Grabhügels und die Suche nach der verschollenen Siedlung thematisiert werden sollen. Die noch von Spindler vertretene These, dass sich diese auf dem bereits im Schwarzwald gelegenen Felssporn Kapf befunden habe, wurde in den letzten Jahrzehnten immer stärker hinterfragt. LIDAR-Scans schienen 2012 eher die Vermutung zu stützen, dass sich die Siedlung in unmittelbarer Nähe zum Grab befand, denn den Archäologen fielen bei der Analyse der Bilder auffällige Gräben und Wälle ins Auge, die vielleicht menschlichen Ursprungs sein könnten. Eine Probegrabung erbrachte jedoch keine eindeutigen Ergebnisse. Lässt sich das Rätsel lösen, indem weitere keltische Fundorte in der Umgebung einbezogen werden? Das Projekt „Machtzentrum Magdalenenberg“, dessen Ergebnis eine App fürs eigene Smartphone sein soll, die vor Ort am Hügel genutzt werden kann, will deutlich machen, dass der Magdalenenberg nicht isoliert in der keltischen Landschaft um 600 v. Chr. existierte, sondern weitere hallstattzeitliche Fundorte im näheren und weiteren Umfeld bekannt sind, die mit diesem wichtigen Grabhügel und seinen Erbauern in Verbindung gebracht werden könnten. Auffällig ist zum Beispiel die direkte Parallelisierung des Hügels auf der Westseite des Schwarzwalds durch den zeitlich identischen Grabhügel Bürgle bei March-Buchheim. Markierten die Großgrabhügel vielleicht die Einund Ausgänge einer prähistorischen Schwarzwaldstraße, gründete sich der Reichtum ihrer Fürsten auf die Einfuhr von „Zöllen“? Es bleibt spannend und im Rätsel um den größten frühkeltischen Grabhügel Mitteleuropas warten noch zahlreiche (Ge-)Schichten darauf, entdeckt zu werden. GeheimnisGräberei Ein Augmented-Reality-Spiel zum keltischen Fürstengrab Magdalenenberg Das Spiel kann kostenlos auf Tablets an der Museumskasse ausgeliehen werden. www.franziskanermuseum.de www.facebook.com/franziskanermuseum/ www.instagram.com/franziskanermuseum/ GeheimnisGräberei 195

 

 

 

Zur Architektur und Geschichte des Hofguts Ankenbuck: Arbeiterkolonie und Konzentrationslager von Marc Ryszkowski 196 196 Geschichte Geschichte

 

 

 

Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck 197 197

 

 

 

Im Frühjahr 2020 startete ein Forschungsprojekt des Landesamts für Denkmalpflege, das sich seitdem mit der historischen Bestandssituation der ersten nationalsozialistischen Konzentrationslager in den ehemaligen Ländern Baden und Württemberg beschäftigt. Zu den fünf landesweit zu untersuchenden Objekten zählt auch das Hofgut Ankenbuck bei Klengen im Schwarzwald-Baar-Kreis, auf dem zwischen 1933 und 1934 ein Konzentrationslager durch das badische Innenministerium betrieben wurde. Über die Phase der KZ-Nutzung als historischer Bezugspunkt hinaus erwies sich das Hofgut als architektonisch und kulturhistorisch sehr interessant – immerhin handelt es sich beim Ankenbuck um die einzige im Großherzogtum Baden realisierte Arbeiterkolonie, deren zentraler Gebäudebestand im frühen 20. Jahrhundert von den bekannten Karlsruher Architekten Adolf Williard und Emil Schweickhardt entworfen wurde. Das Hofgut Ankenbuck ist aufs Engste mit dem „Badischen Landesverein für Arbeiterkolonien“ als Teil der Inneren Mission verbunden, der das ursprünglich aus zwei benachbarten Höfen bestehende Gut 1884 kaufte und bis zum Ersten Weltkrieg zur einzigen Arbeiterkolonie im Großherzogtum Baden ausbauen sollte. 1918 verlor der Verein mit dem großherzoglichen Haus seine wichtigsten Förderer. Gleichzeitig führten neue Formen staatlicher Fürsorge in den 1920er-Jahren zum Verlust der Sinnhaftigkeit des Konzepts der Arbeiterkolonie, was die stark sinkende Zahl an Kolonisten in dieser Zeit belegen. Die ab dem späten 19. Jahrhundert überlieferten Jahresberichte des Landesvereins für Arbeiterkolonien belegt die Abhängigkeit von großherzoglichen Zuwendungen wie auch die Probleme, die bereits der Beginn des Ersten Weltkriegs und die damit einhergehenden rückläufigen Belegungszahlen mit sich brachte. Die finanzielle Schräglage sollte durch eine Reihe von „Nebennutzungen“ aufgefangen werden, zu der die Vermietung eines Teils der Gebäude als Gefängnis an die badische Justizverwaltung in den 1920er-Jahren, der Betrieb eines Konzentrationslagers durch das badische Innenministerium zwischen 1933 und 1934 und die Vermietung des Kolonistenhauses an die Organisation Todt noch kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs gehörten. Das Ende für den Verein und damit für die einzige badische Arbeiterkolonie kam schließlich mit Verspätung im Jahr 1946 – ab da wechselte das Hofgut regelmäßig den Besitzer, vom Kreis über einen Geschäftsmann aus dem Ruhrgebiet ohne landwirtschaftliche Vorkenntnisse, der Bundeswehr bis zu den Eltern des heutigen Besitzers. Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Arbeiterkolonien waren konzeptionell ein reichsweites Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das der sich veränderten wirtschaftlichen und sozialen Situation im Zusammenhang mit der Industrialisierung und insbesondere dem verstärkten Aufkommen der „Wanderarbeiter“ Rechnung trug. Sie waren in vielen Fällen konfessionell getragen und der zeitweise Aufenthalt mit der Verpflichtung zur Mitarbeit im angegliederten Betrieb verbunden. Dieser Grundgedanke wurde auf unterschiedliche Arten umgesetzt. 198 Geschichte

 

 

 

Die Arbeiterkolonie Ankenbuck als Ansichtskarte. Aufgelegt für die Kolonisten, damit sie Angehörigen von ihrem Aufenthaltsort berichten konnten, denn die meisten waren als Wanderarbeiter ohne festen Wohnsitz unterwegs. Annonce aus der Triberger Zeitung „Echo vom Wald“. Mehrfach bittet die Arbeiterkolonie 1884 dringend um Sachspenden und Kleidungsstücke. Die Arbeiterkolonie Ankenbuck war von Beginn an neben Wanderarbeitern auf ehemalige Häftlinge und „Vagabunden“ ausgerichtet. Sie war keinesfalls eine Kommune im Sinne der zeitgenössischen Lebensform, sondern eine autoritär geführte Erziehungseinrichtung für Randgruppen der kaiserzeitlichen Gesellschaft. Das Vorhaben, diese Personengruppen durch geregelte Arbeit zu resozialisieren scheiterte meist schon an der geringen Vergütung, der die Aufwendungen für Kost und Logis gegenüberstanden und die keine Rücklagen für einen Neuanfang erlaubte. In den Briefen der Kolonisten erscheint der Ankenbuck daher eher als soziale Falle und Endstation der Verelendung denn als erste Stufe eines sozialen Aufstiegs. Auch aus diesem Grund gaben vor dem Ersten Weltkrieg einzelne Strafgefangene, die ihre Reststrafe im Sinne der Resozialisierung in der Arbeiterkolonie verkürzen durften, auf eigenen Wunsch hin einer badischen Haftanstalt den Vorzug – bei voller Verbüßung ihrer Strafe. Ihre „Blütezeit“ in dieser Phase, aus der auch das bis heute noch erhaltene bemerkenswerte Gebäudeensemble des Ankenbucks stammt, verdankt die Arbeiterkolonie in erster Linie der Förderung durch Angehörige des Großherzoglichen Hauses u. a. Mitglieder der Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck 199

 

 

 

guten Gesellschaft Badens. Seit der Gründung der Arbeiterkolonie bis in die Zwischenkriegszeit wirbt der Verein außerdem in regelmäßigen Annoncen um Geldund Sachspenden (s. Abb. S. 199). Auch wenn bis zum Ersten Weltkrieg die Zahl der Kolonisten konstant hoch war, machten die Böden und das Klima der rauen Baar die Landwirtschaft von Anfang an zu einem schwierigen Unterfangen. In seiner autoritär-erzieherischen Ausrichtung auf gesellschaftliche Randgruppen präfigurierte der Ankenbuck schon sehr früh das, was nach 1933 zu einer Hauptaufgabe der noch existierenden Arbeiterkolonien im Deutschen Reich werden sollte. Und der Weg von der pietistisch inspirierten Arbeiterkolonie zum Standort eines frühen KZs war dementsprechend verhältnismäßig kurz. Das repräsentative Kolonistenhaus war zu diesem Zeitpunkt längst unterbelegt und ein KZ als Zwischennutzung eine willkommene Einnahmequelle. Es erlaubte die Unterbringung von bis zu 100 Häftlingen, die in der Mehrzahl aus „politischen Gründen“ inhaftiert wurden. Die notwendige Ausstattung, also Betten, Decken, Geschirr usw. wurde dem Konzentrationslager leihweise von der Heilund Pflegeanstalt in Emmendingen überlassen und 1934 nach Auflösung des Lagers wieder an diese zurückgegeben. Die verbliebenen Kolonisten mussten mit der Einrichtung des Konzentrationslagers im Frühjahr 1933 zunächst in den „Alten Hof“ und nach dessen Zerstörung durch ein Feuer im Dezember des gleichen Jahres in eine schlecht beheizbare Gefängnisbaracke aus den 1920er-Jahren umziehen. Kurt Hilbig das Opfer brutaler Willkür Neben zahlreichen Schikanen durch die Wachmannschaft ist für die Jahresmitte 1933 auch die schwere Misshandlung des aus Freiburg stammenden politischen Häftlings Kurt Hilbig überliefert, mit dessen Schicksal sich ein aktuelles Projekt des Vereins „Lernort für Zivilcourage und Widerstand“ aus Karlsruhe auseinandersetzt, das auf www.youtube.com zu finden ist. Die brutale Behandlung von Kurt Hilbig kann dabei stellvertretend für den Alltag in den ersten Konzentrationslagern in Baden und Württemberg stehen, in denen die Häftlinge jenseits der bestehenden und durchaus human formulierten Lagerordnung der Willkür von Lagerleitern und Angehörigen der Wachmannschaften schutzlos ausgeliefert waren. Im Frühjahr 1933 wird der Freiburger Kommunist Kurt Hilbig ins KZ Ankenbuck verschleppt. Als er dort im Juni aus der Zeitung erfährt, dass die KPD-Politikerin Clara Zetkin im Exil gestorben ist, organisiert er eine Gedenkminute – mit drastischen Folgen: Er wird verraten, mit verschärftem Arrest belegt und von sadistischen KZ-Wärtern halb tot geprügelt. Natürlich war der Landesverein für Arbeiterkolonien nicht der Träger des Konzentrationslagers. Sein Vorstand erkannte aber 1933 auch keinen Widerspruch zwischen dem Lager und der Lebenswirklichkeit seiner Arbeiterkolonie und befürwortete ausdrücklich die gewaltsame politische Umerziehung. Wie für weite konservative Kreise hatte der Nationalsozialismus auch für ihn ein sehr hohes integratives Potential – insbesondere dann, wenn die „neue“ Ordnung die Möglichkeit bot, sich persönlich oder institutionell zu bereichern. Neben den Einnahmen aus der UnterAnkunft von Kurt Hilbig im KZ Ankenbuck, wo er im Juni 1933 aus der Zeitung vom Tod der KPD-Politikerin Clara Zetkin erfährt. Die fünf Illustrationen stammen aus dem Projekt „Wortloses Widerstehen im KZ Ankenbuck“, 200 Lernort für Zivilcourage & Widerstand e. V. Zeichnungen & Storyboard: Katja Reichert. Geschichte

 

 

 

„Das badische Konzentrationslager Ankenbuck“ – Postkarte eines katholischen Geistlichen, Stadtarchiv Bad Dürrheim, der die Seelsorge im KZ übernahm. bringung und Versorgung der KZ-Häftlinge profitierte die Arbeiterkolonie vor allem von ihrem Einsatz in der Landwirtschaft und dem Wegebau. Im Jahresbericht für das Jahr 1933 betonte der Landesverein seine historische Verpflichtung, sich von Beginn an – d.h. mit Regierungsantritt der NSDAP – in den Dienst der NS-Bewegung zu stellen. Sein eigenständiges Fortbestehen konnte er auf diese Weise für die kommenden zwölf Jahre sichern, seine einzige Arbeiterkolonie blieb allerdings eine anachronistische Randerscheinung, wirtschaftlich unrentabel und für den Nationalsozialismus nicht systemrelevant. Jenseits der großen politischen Linien kam es im Verlauf der Jahre 1933 und 1934 immer wieder zu aktenkundigen Streitigkeiten zwischen dem Hausvater der Arbeiterkolonie und Als Reaktion auf die Organisation einer Gedenkminute wird Kurt Hilbig von KZ-Wärtern brutal misshandelt. Die hier gezeigten Illustrationen sind Bestandteil eines Filmes, der auf Youtube.com Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck unter dem Stichwort „Ankenbuck“ zu finden ist. 201 201

 

 

 

den wechselnden Leitern des Konzentrationslagers. Gegenseitige Beleidigungen bis hin zu überlieferten Tätlichkeiten kennzeichneten das Verhältnis von Hausvater Roos zu den Lagerleitern Polizeihauptmann Biniossek und SS-Standartenführer Helwig. Dabei waren die Differenzen weniger weltanschaulicher, als vielmehr zwischenmenschlicher Natur und gipfeln für Hausvater Roos in einer Geldstrafe wegen der Beleidigung Helwigs. Im Mai 1934 wird das KZ aus Kostengründen aufgelöst und die letzten Häftlinge in das Konzentrationslager Kislau verbracht. Danach läuft der Betrieb der Arbeiterkolonie wie zuvor weiter. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs deckte die Kolonie wie die allermeisten Betriebe ihren Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeitskräften durch den Einsatz von Zwangsarbeitern. Während das Kriegsende schon absehbar ist, streitet sich der mittlerweile in Bretten ansässige Landesverein noch vehement mit der Organisation Todt um den festzusetzenden Mietpreis für die Lagerräume im Kolonistenhaus, der – dem Beschwerdebrief eines Vertreters der OT zufolge – dem Niveau des Quadratmeterpreises in Berlin-Charlottenburg vor Kriegsausbruch entspräche. Dieser vielleicht letzte Versuch, die seit nunmehr Jahrzehnten unwirtschaftliche Kolonie wenigstens finanziell noch einmal kurzzeitig über einen historischen Umbruch in eine neue Zeit zu retten, konnte das Ende des Vereins und seiner einzigen Arbeiterkolonie ein Jahr nach Kriegsende nicht verhindern. Es waren die Grenzen der Besatzungszonen, die den badischen Landesverein von seiner einzigen realisierten Kolonie abgeschnitten hatten. Im Spiegel der Architektur Den nach der Jahrhundertwende geschaffenen Kernbestand an Gebäuden auf dem Ankenbuck bilden bis heute das große Kolonistenhaus, das Haus des Verwalters, eine Scheune und der große Rindviehstall. Das Kolonistenhaus – in dem 1933/34 auch das KZ untergebracht war – entstand in seiner bis heute weitgehend unverändert bestehenden Form in drei Bauphasen. Ausgehend von einem vor 1884 errichteten Wohnund Wirtschaftsgebäude wurde 1889 als eine erste Baumaßnahme des Vereins für Arbeiterkolonien der Wirtschaftstrakt zu einem Speiseund Aufenthaltsraum ausgebaut. 1909 erfolgte der grundlegende Umbau durch den Karlsruher Architekten Emil Schweickhardt (1846 1924), der das Gebäude aufstockte und mit einem Mansarddach, Treppenhäusern und modernen Toilettenanlagen versah. 1912 entwarf er auch den großen „Rindviehstall“ des Ankenbucks. Zu seiner Zeit war Schweickhardt einer der wichtigsten Architekten im Großherzogtum Baden. Neben einigen Projekten in der Landeshauptstadt Karlsruhe und dem Umbau des Gondelsheimer Schlosses in Formen Konstanzer Stolperstein im Gedenken an Paul Martin, Mitglied der KPD und im Widerstand aktiv. Er wurde mehrmals verhaftet, des Hochverrates angeklagt und dann 1934 aus Mangel an Beweisen wieder aus Ankenbuck entlassen. Freiburger Stolperstein zur Erinnerung an den SPD-Reichstagsabgeordneten Stefan Meier. Er wurde von März 1933 bis März 1934 in Ankenbuck als Schutzhäftling gefangen gehalten, kam dann frei. 1941 wurde er denunziert und ins Zuchthaus Bruchsal eingeliefert – 1944 im KZ Mauthausen ermordet. Stolperstein für Ludwig Moldrzyk. 1933 wurde er ins KZ Ankenbuck überstellt und 1934 entlassen. 1942 wurde er im Gefängnis in Stuttgart hingerichtet, weil er mit dem „Vorboten“ der LechleiterGruppe eine regimekritische Zeitung verteilt hatte. 202 Geschichte

 

 

 

teröffnungen der beiden älteren Bauphasen sind dabei sehr pragmatisch und ohne Rücksicht auf die Fensterachsen in den neuen Baukörper übernommen worden. Auch der alte Dachreiter samt Glockenstuhl wurde in die neue Dachkonstruktion übernommen, auch wenn der Plan zunächst einen neuen Dachreiter in den geschweiften Formen der Jahrhundertwende vorsah. Nicht zuletzt in diesen Details verbindet der repräsentative Bau die seitens der Auftraggeber gebotene pietistische Sparsamkeit mit einem ästhetischen Anspruch, der sich in der Formfindung zwischen schnörkelloser Reformarchitektur und dem breiten Spektrum des „Heimatstils“ bewegt. Diese architektonischen Qualitäten hat sich das Gebäude innen wie außen auch in zahlreichen Baudetails bis heute erhalten, auch wenn die Grundrisse der einzelnen Etagen im Zuge der Umnutzungen nach dem Zweiten Weltkrieg stark verändert worden sind. Es ist die Beschäftigung zweier bedeutender Architekten, die den Stellenwert der Arbeiterkolonie im Großherzogtum Baden vor dem Ersten Weltkrieg zum Ausdruck bringt und besonders mit Blick auf die spezielle Bauaufgabe das Hofgut auch heute noch zu einem architektonisch hochinteressanten Ensemble macht. In den vergangenen 120 Jahren bestimmte die Glocke im Dachreiter des Kolonistenhauses im Lauf der Jahrzehnte den Tagesablauf von Kolonisten, Strafgefangenen, KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern. Es lohnt sich daher nicht nur einen näheren Blick auf die besondere Architektur des Ankenbucks zu werfen, sondern auch auf seine wechselvolle Geschichte. Weitere Informationen zum Thema Ankenbuck finden Sie über den QR-Code oder auf www.almanach-sbk.de/ankenbuck des Jugendstils lieferte er auch die Entwürfe für die Heilanstalten Friedrichsheim und Luisenheim in Marzell im Schwarzwald. Das Haus des Verwalters (1903) und die ihm gegenüberliegende Scheune (1906) wurden von dem ebenfalls aus Karlsruhe stammenden und vor allem für seine Sakralbauten bekannten Architekten Adolf Williard (1832-1923), eines Schülers von Heinrich Hübsch, entworfen. Williard, vormals großherzoglicher Baurat und Vorstand des erzbischöflichen Bauamts in Karlsruhe, befand sich zum Zeitpunkt der für ihn eher ungewöhnlichen Bauaufgabe auf dem Ankenbuck bereits offiziell im Ruhestand. Zu den bekanntesten erhaltenen Bauwerken Williards zählen die Kirchen St. Johannes Nepomuk in Eberbach und St. Franziskus in Pforzheim. Der Ankenbuck: Ein kurioses Spätwerk, das bislang eher wenig beachtet wurde Das Haus des Verwalters erinnert noch stark an Williards‘ Entwürfe für die Eisenbahn-Hochbaukommission oder die großherzogliche Baukommission Mannheim aus den späten 1860er-Jahren und repräsentiert den Hauptbetätigungszeitraum des Architekten im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Im Vergleich zu den benachbarten, nur wenige Jahre jüngeren Bauten Schweickhardts wirkt es verhältnismäßig altmodisch. Für Adolf Williard und Emil Schweikhardt bilden die Gebäude auf dem Ankenbuck ein etwas kurioses Spätwerk, das bislang kaum Eingang in die Betrachtung der Werke beider Architekten gefunden hat. Landwirtschaftliche Zweckbauten waren für beide Architekten in ihrer praktischen Arbeit Neuland. Während der erste Scheunenentwurf von Adolf Williard hinsichtlich seiner Größe und funktionalen Gliederung überarbeitet werden musste, plante und realisierte Schweickhardt den großen Stall technisch nach allen Regeln der Kunst zeitgemäßer landwirtschaftlicher Nutzbauten und verband eine an regionalen Architekturmotiven orientierte Außengestaltung mit einer modernen Betonkonstruktion im Inneren. Die ausgewogene Asymmetrie von Schweickhardts Kolonistenhaus verschleiert auf den ersten Blick die Übernahme eines bestehenden, mehrfach veränderten Baukörpers. Die unterschiedlichen Fens204 Geschichte

 

 

 

Die Südfassade des Kolonistenhauses, im Plan von Emil Schweickhardt von 1908. Der zentrale Dachreiter mit Uhr wurde zugunsten der Übernahme des bestehenden Dachreiters nicht realisiert, rechts die aktuelle Ansicht. Der „Rindviehstall“ im Plan vom Emil Schweickhardt von 1911. Im Schnitt ist die in der Erbauungszeit moderne Zementhohlbalkendecke zu erkennen, rechts die aktuelle Ansicht. Die Scheune des Hofguts im überarbeiteten Plan von Adolf Williard, rechts die aktuelle Ansicht. Arbeiterkolonie und Konzentrationslager Ankenbuck 205

 

 

 

Zweites Jahr, zweiter Stern – eine Erfolgsgeschichte von der Baar Küchenchef im „Ösch Noir“: Manuel Ulrich einer der besten Köche Deutschlands von Daniela Schneider Er trägt Kochjacke und ein freundliches Lächeln: Wenn Manuel Ulrich durchs Hotel Öschberghof geht, tut er das mit leichtem Schritt und schweifendem Blick. Mal winkt er den Kollegen an der Rezeption zu, mal begrüßt er mit herzlicher, aber auch mit zurückhaltender Geste die Gäste, die an einem der Tischchen in der weitläufigen Lobby sitzen. Sie nicken, das lässt sich ohne jegliche Übertreibung sagen, freudestrahlend zurück. Offenbar kennen sie diesen Mann. Dass es sich bei ihm um den Küchenchef eines sternedekorierten Gourmetrestaurants handelt, würde man auf den ersten Blick vielleicht nicht direkt vermuten, wie er da so ruhig und dezent seines Weges geht. Es ist aber so: Manuel Ulrich ist der Maître de Cuisine des „Ösch Noir“, eines Spitzenrestaurants, in dem mitten im Schwarzwald auf anerkannt höchstem Niveau gekocht wird. Er selbst – angesprochen darauf, wie denn nun seine korrekte Berufsbezeichnung lautet – winkt lächelnd ab und sagt einfach nur: „Ich bin der Küchenchef und fertig.“ Wie der 34­Jährige so im Hotel unterwegs ist, zeigt sich unverkennbar: Er gehört genau an diesen Ort. Im Öschberghof am Rande Donaueschingens ist er nicht nur einer der Haupt akteure, sondern hier ist er beruflich und ja, auch privat, schlichtweg zuhause. Die Symbiose Ulrich – Öschberghof ist eine buchstäblich gewachsene. Beide passen perfekt zueinander: So dezent und stilvoll, wie das Hotel in die Landschaft gebettet wurde, genau so agiert auch der Küchenchef in seinem Metier. Der Öschberghof selbst hat mit der Runderneuerung, der er binnen sechs Jahren unterzogen wurde, ein klares Signal gesetzt: Hier wurde nicht nur renoviert, sondern eine komplett neue Konzeptionierung in Angriff genommen, die mit rund 60 Millionen Euro zu Buche schlug. Der Betrieb vergrößerte sich von 73 auf insgesamt 127 Einheiten, die Anzahl der Hotel­ mitarbeiter schoss von 190 auf 380 nach oben, das Spa umfasst jetzt stolze 5.000 Quadratmeter und der Golfplatz wurde um 27 auf nun 45 Löcher erweitert. 206 7. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

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Der im Jahr 2020 neu eröffnete Öschberghof. Hotelier Alexander Aisenbrey sagt: „Wir wollen ein Gesamtkunstwerk sein.“ Was dabei nicht fehlen durfte: ein Restaurant der Extraklasse. Und mit Manuel Ulrich wurde dieses herausfordernde Unterfangen in die Tat umgesetzt. „Kochen war für mich nur ein Hobby“ Wer also ist dieser Mann, der sich dieser Aufgabe stellte und sie so kompetent, aber auch so unprätentiös, ruhig, bodenständig und unaufgeregt meistert? Im Gespräch verrät er, wo er herkommt und wie sein bisheriger Berufsweg verlief: Manuel Ulrich stammt gebürtig aus dem Donaueschinger Ortsteil Heidenhofen. Zur Schule ging der 1986 geborene Baaremer erst in Aasen, später dann aufs Fürstenberg-Gymnasium in Donaueschingen. Dort machte er sein Abitur – und war dann erst einmal etwas ratlos. Während er seinen Zivildienst in einer Lungen-Rehaklinik absolvierte, grübelte er, wie es danach weitergehen sollte. „Ich stand vor der üblichen Berufswahl und alle dachten, ich würde studieren.“ Tatsächlich schrieb er sich wie etliche seiner Freunde für ein Studium ein. Chemie sollte es sein. Dann aber kam’s doch anders als erst gedacht: Weil es ihn einfach interessierte und reizte, arbeitete der junge Mann mal ein paar Tage in einem Hotel in Titisee in der Küche mit – und damit war die Sache geritzt. „Erstens war das ein toller Betrieb und zweitens habe ich gemerkt, dass Ich habe keinen gastronomischen Background und Kochen war für mich nur ein Hobby. Dass ich mit dem Öschberghof dafür den perfekten Betrieb fand, tat sein Übriges. das Arbeiten in der Küche das Richtige für mich ist“, so Manuel Ulrich und erklärt damit seine endgültige Motivation, sich für eine Kochlehre zu entscheiden. Er, der von sich selbst sagt: „Ich habe keinen gastronomischen Background und Kochen war für mich nur ein Hobby“, er entschied sich also für diesen Berufsweg und begann im Februar 2008 seine Ausbildung. Dass er mit dem Öschberghof nur einen buchstäblichen Steinwurf entfernt von seinem Wohnort dafür den perfekten Betrieb fand, tat sein Übriges: Manuel Ulrich selbst würde Vokabeln wie „schicksalhaft“ eher nicht in den Mund nehmen – aber wohl schon zustimmen, dass in dem Moment, als er und der Hotelchef den Ausbildungsvertrag unterschrieben, ein sehr besonderes Band geknüpft wurde. 208 Gastlichkeit

 

 

 

Damals vor 13 Jahren freilich konnte noch niemand ahnen, was daraus einmal entstehen sollte, nämlich die gemeinsame Entwicklung eines Sternerestaurants unter der Ägide des Heidenhofeners. Im Jahr 2008 war er schlichtweg ein Koch-Azubi, der vorher höchstens mal bei Jugendfreizeiten Eintöpfe gekocht hatte und gemeinsam mit seinem Bruder samstagabends dafür zuständig war, Pizza und Burger für die Familie zu machen oder sonntags hin und wieder leckere Kuchen zu backen. „Das hat mir alles Spaß gemacht“, blickt er zurück, aber mit dem, was danach kam, hatte es nicht wirklich viel zu tun. Handwerk als Grundlage Den Beruf erlernte er mit allen soliden Grundlagen, die es braucht. Auf diese Weise wurde ihm nicht nur das Handwerk vermittelt. Er entdeckte und entwickelte gleichermaßen auch die Liebe zum Öschberghof, in dessen Küche er nach Abschluss seiner Lehre einige Zeit als Geselle mitarbeitete. Gemeinsam mit seiner Partnerin Carolin Helmerich, die als Hotelfachfrau ebenfalls im Aasener Betrieb tätig war, reifte anschließend der Entschluss, auch noch in anderen Gegenden und Häusern weitere Berufserfahrung zu sammeln. Zunächst, so beschlossen sie gemeinsam, sollte es in Richtung Arlberg gehen. Im späten Herbst 2012 packten sie ihre Sachen und steuerten für eine Wintersaison lang ihre neue Station im „Burg Hotel Oberlech“ an. Manuel Ulrich über diese Zeit: „Es war gut und wichtig, mal aus der Komfortzone herauszukommen. Ich habe viel gelernt, einen anderen Blickwinkel erlebt und erfahren, wie zum Beispiel mit anderen Mengen gekocht wird. Es war ein cooles halbes Jahr.“ Von vornherein hatte aber schon festgestanden, dass es danach vom Sonnenplateau Oberlech wieder zurück mitten hinein in die sanfte Hügellandschaft der Baar gehen würde. Der Koch und seine Partnerin kamen wieder heim in den Öschberghof. Zurück in die Heimat Dabei zeigte sich: Hier hatte man mit ihm viel vor. Ganz offensichtlich hatte der damalige Küchenchef Peter Schmidt einen guten Riecher. Er war es, der das Talent von Manuel Ulrich erkannte und ihn für große Aufgaben geeignet hielt. Zu dem Zeitpunkt Manuel Ulrich zu seiner Ausbildungszeit. stand bereits fest, dass sich das Hotel in einem über mehrere Jahre angelegten Prozess einer kompletten Runderneuerung unterziehen würde und sich damit auf dem direkten Weg zu einem internationalen Vorzeigeprojekt befand. Dabei sollte auch die Küche eine entscheidende Rolle spielen: Geplant wurde, den Gästen nach der Wiedereröffnung ein umfassendes kulinarisches Angebot mit mehreren Restaurants zu bieten, darunter auch das neue Fine Dining Restaurant „Ösch Noir.“ Um dieses ehrgeizige Ziel eines anerkannten Gourmet-Restaurants zu verwirklichen, suchte Hotelchef Alexander Aisenbrey den richtigen Motor -und fand ihn im Eigengewächs Manuel Ulrich. Er fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, eine Einheit aufzubauen, die sich – so der Wunsch – zu einem Sternerestaurant entwickeln sollte. Der junge Mann, damals Ende 20, ein hervorragender Koch mit Ehrgeiz, Liebe zum Beruf und zum Betrieb, sagte sofort zu. Noch bevor das Restaurant also überhaupt gebaut war, war klar: Manuel Ulrich wird Küchenchef des „Ösch Noir“ und soll es zum Stern führen. „Allerdings hatte ich damals noch gar keine Gourmet-Erfahrung“, fasst er zusammen, wie mutig diese Entscheidung war. Offenbar hatte die Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 209

 

 

 

Ob in den Alpen, auf Island oder in der Türkei: Reisen bedeutet zugleich, neue Essenswelten zu entdecken. Hotelleitung aber volles Vertrauen in ihn und entschied gemeinsam mit ihm, dass es nun also an der Zeit war, bis zur Eröffnung des Restaurants eben diesen Gourmetbereich in anderen Häusern kennenzulernen. Ab an die Elbe – das „Haerlin“ lockt „Also habe ich reingeschnuppert in die SterneGastronomie“, beschreibt Manuel Ulrich die logische Konsequenz. Dieses Mal führte der Weg dafür nun aber nicht in den Süden, sondern in die entgegengesetzte Richtung, nämlich ins Restaurant „Haerlin“ im „Fairmont Vier Jahreszeiten“ in Hamburg. „Das Haus ist eine Instanz in der Hotelszene“, wusste der Koch von der Baar, der in der Luxusdestination an der Binnenalster staunend miterlebte, wie fein und filigran im „Haerlin“ zu Werke gegangen wurde. In die norddeutsche Großstadt kam er übrigens wieder gemeinsam mit seiner Partnerin Carolin, die dort ebenfalls eine Stelle annahm. „Wir freuten uns darauf, auch mal etwas weiter weg von daheim zu sein. Und wir wollten auch mal das Thema ‘In der Stadt wohnen’ abhaken“, muss Manuel Ulrich im Rückblick etwas schmunzeln. Von „Abhaken“ konnte nämlich dann keine Rede sein: Das Paar lernte das urbane Hamburg schnell schätzen, beide fühlten sich in der Elbmetropole richtig wohl. Beruflich gesehen war das „Haerlin“ ein wichtiger Lernort für den Koch: „Es war meine erste Station in der Sterneküche – und dann waren es auch gleich noch zwei Sterne“, berichtet er in der Rückschau von seinem Respekt davor, was nun auf ihn zukommen würde. Die Aufgabe ging er aber doch ganz ohne Berührungsängste an: „Ich hab mich wie ein Schüler gefühlt, aber das war total OK.“ Ein Jahr lang sog er alles auf, was ihm begegnete. Immer mit dem Hintergedanken, wie das im „Ösch Noir“ anzuwenden sein könnte. Der Kontakt in „sein“ Hotel bestand in all der Zeit so gut es ging weiter. Worin lagen die größten Unterschiede zu allem, was er bisher kannte? „Alles war ein bisschen filigraner“, fasst er zusammen, „gearbeitet wurde mit absoluten Top-Produkten“, von denen er selbst manche zuvor noch nie gesehen hatte. Hinzu kam der sehr geschmeidige Ablauf im Service. Ein Jahr lang sog er regelrecht alles auf, was ihm begegnete. Immer mit dem Hintergedanken, wie das im „Ösch Noir“ anzuwenden sein könnte. Der Kontakt in „sein“ Hotel bestand in all der Zeit so gut es ging weiter. So konnte es schon mal vorkommen, dass er an einem freien Tag nicht ausspannte, sondern gemeinsam mit Alexander Aisenbrey Tellermuster unter die Lupe nahm oder die Kücheneinrichtung plante. „Mit einem lachenden und einem weinenden Auge ging es dann wieder zurück“, berichtet Manuel Ulrich wie er und seine Partnerin nach zwölf Monaten die Zelte im Norden abbrachen und wieder die Heimat ansteuerten, denn im September 2017 war 210 Gastlichkeit

 

 

 

der nächste Termin schon gesetzt: der Abschluss zum Küchenmeister. Mit Bravour beendete er planmäßig auch noch diese Ausbildung bei der Industrieund Handelskammer. Einblicke in die „Schwarzwaldstube“ Bevor es endgültig im „Ösch Noir“ losgehen sollte, arbeitete er von Februar bis Juli 2018 noch ein halbes Jahr im renommierten Restaurant „Schwarzwaldstube“ unter Torsten Michel. Auch diese Erfahrung war etwas ganz Besonderes: „Der Betrieb war super. Gearbeitet wurde noch etwas klassischer. Der Fokus lag zum Beispiel auf Soßen und der sehr aufwändigen Fleischzubereitung“ – auch das wertvolle Einblicke, mit denen er wieder in den Öschberghof zurückkehrte. Im Sommer 2018 war’s schließlich soweit: Das Abenteuer „Ösch Noir“ ging in die finale Umsetzungsphase. Der künftige Küchenchef machte sich daran, ein Team zusammenzustellen. Sein Souschef Julian Lechner kam aus Baiersbronn aus dem „Bareiss“ nach Donaueschingen, ein Glücksfall, wie Manuel Ulrich findet, denn zwischen den beiden stimmt die Chemie. „Wir entwickeln hier alles zusammen“, freut sich der Küchenchef über diese gute Arbeitsgrundlage. Auch der Rest des Teams fand sich mit der Zeit. Dabei half unbestritten, dass der Öschberghof seit Jahren kontinuierlich auf Nachwuchsförderung setzt. Neben der eigentlichen Ausbildung wird der Fokus außerdem auf die Weiterbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesetzt. Dafür wurde eigens eine eigene Schulungsakademie gegründet. Und: „Bei uns ist für eine gute Bezahlung gesorgt“, benennt Manuel Ulrich einen wesentlichen Faktor im fairen Miteinander. Endspurt zur Eröffnung Zurück zum Sommer 2018, zurück zum Öschberghof: Hier gab’s noch schier unzählige weitere Entscheidungen zu treffen, von der Anschaffung der besten Töpfe bis hin zum Aussuchen der passenden Tischdecken fürs Restaurant. Übrigens war auch ein gerüttelt Maß Zuversicht und auch ein bisschen Phantasie gefragt: „Zu der Zeit war hier noch ein Rohbau“, lacht Manuel Ulrich mit Blick auf die heutige Küche, „da war grade mal der Estrich reingegossen.“ Am Ende wurde der Zeitplan aber tatsächlich eingehalten, sodass im späten Herbst 2018 zum ersten Mal probegekocht und die entwickelten Ideen endlich umgesetzt werden konnten. Am 5. Dezember 2018 wurde das Restaurant offiziell und feierlich eröffnet. Die Resonanz war sehr gut, viele Gäste waren tief beeindruckt. Dass das Angebot gut angenommen wurde, beruhigte alle Beteiligten, schließlich galt es, dem „Ösch Noir“ als Neuling im Gourmetbereich einen Namen zu verschaffen. „Natürlich hatten wir am Anfang auch leere Tische“, beschönigt Manuel Ulrich nichts – alle wussten, dass es schwer werden würde, sich durchzusetzen. Schon früh der erste Stern Mitentscheidend sind dafür zweifelsohne anerkannte Auszeichnungen. Die ersten folgten schon wenige Wochen nach der Eröffnung. Am 3. März 2020 dann gab’s für den Chefkoch und sein Team einen glänzenden Grund, richtig zu jubeln: Manuel Ulrich und das „Ösch Noir“ wurden mit einem der heiß begehrten Michelin-Sterne belohnt. „Ja, wir haben darauf hingearbeitet und darauf hingefiebert“, so der Küchenchef, „aber dass es schon in der ersten Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 211

 

 

 

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Für das Haus sind die zwei Sterne ein wichtiger Faktor, viele Gäste richten sich danach. Kein Restaurantverzeichnis und -rating ist so relevant wie der Guide Michelin. Allein aus Marketinggründen ist dieses Renommee mit entscheidend. Sterne-Restaurants spiegelt eine moderne, zeitgemäße Interpretation der Umgebung wider: Neben den gläsernen Tautropfen finden sich auch noch Elemente aus Holz: An den Wänden wird der Nadelwald zitiert. Wenn die Gäste an den kleinen, hohen Tischen am Eingang des Restaurants ihren Aperitif Saison klappen würde, das hat niemand erwartet.“ Umso größer war die Freude natürlich, als es so weit war. Für das Haus ist die Auszeichnung ein wichtiger Faktor, viele Gäste richten sich danach. Kein Restaurantverzeichnis und -rating ist so relevant wie der Guide Michelin. Allein aus Marketinggründen ist dieses Renommee mit entscheidend. Die gute Organisation wurde dann allerdings wie allerorten durch Corona nach so kurzer Zeit des Einspielens erst mal auf einen Schlag ausgebremst. Die Mannschaft war in Kurzarbeit, von einem normalen Arbeitsalltag konnte keine Rede mehr sein. Auf den ersten folgte der zweite Lockdown und die bange Frage, wie es danach mit dem immer noch jungen Projekt Sternerestaurant weitergehen würde. Mit einiger Nervosität wurde die Wiedereröffnung herbeigesehnt. Die Bedenken erwiesen sich letztlich zum Glück als weitgehend unbegründet: Erstaunlich geschmeidig ging es weiter wie zuvor. Die Gäste goutieren seither wieder, was ihnen im „Ösch Noir“ geboten wird. Glaskugeln erinnern an den Morgentau… Dazu gehört auch das luxuriöse Setting mit klaren Linien und glanzvollem Design. Im Restaurant gibt es 30 Plätze im A-la-carte-Betrieb. Im Raum befinden sich runde Sitzgruppen, die Platz für bis zu vier Personen bieten. Separiert durch Ketten mit Glaskugeln entstehen stilvolle Lichteffekte. „Sie sollen an den Morgentau im Schwarzwald erinnern“, sagt Manuel Ulrich. Die stilvolle Architektur des Hingebungsvolles Arbeiten – das Zwei-Sterne-Team des Ösch Noir schafft Köstlichkeiten besonderer Qualität wie die Fotos links und rechts aufzeigen. Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 213

 

 

 

einnehmen, können sie von hier nicht nur in die offene Küche hineinschauen und so miterleben, wie die Menüs gezaubert werden. Sie finden sich hier auch schon mittendrin in einem modernen, aber doch auch behaglichen Ambiente – ein Schwarzwaldbild, das gut in die Zeit passt. Es zeigt gleichzeitig die Handschrift und das Selbstverständnis, die auch die Küche und gleichsam den Küchenchef auszeichnen: Klare Linien, damit Raum für das Wesentliche bleibt, Liebe zum Detail, ein großes Maß an Offenheit und die Freundlichkeit, mit der den Gästen hier begegnet wird. Hingabe und Konzentration Wer Manuel Ulrich und sein Team in der Küche von hier aus beobachtet, wird spüren: Sie wissen, was sie tun, sie tun es mit Hingabe und großer Konzentration, selbstbewusst, aber so dezent und zurückhaltend, dass sich alles zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt. Verwurzelt zu sein, das erweist sich hier nicht als lautes, behauptetes Statement, sondern als logische und leichte Selbstverständlichkeit. Manuel Ulrich leitet ein sechsköpfiges Team. Und auch der Berufsnachwuchs ist in der Küche anzutreffen: Jeweils ein Auszubildender oder eine Auszubildende ist dabei und lernt hier die Grundlagen der Profession. Dass neben den sechs Männern auch zwei Frauen zum Koch-Team gehören, empfindet der Chef als Bereicherung: „Es tut dem Team gut, denn so ist auch noch jemand Vernünftiges dabei“, grinst er und freut sich über die gute Mischung, in der Robustheit neben filigranem Fingerspitzengefühl funktioniert. „Wir sind so ein tolles Team, haben alle zusammen angefangen und kennen uns gut“, beschreibt er das Miteinander. Die Bewertungen für den Küchenchef des „Ösch Noir“ und das dortige Ambiente fallen beachtlich aus. Der „Guide Michelin“ zur Küche von Manuel Ulrich: „Absolut gekonnt bringt er genau das richtige Maß an Moderne in die klassisch basierte Küche. Nichts ist übertrieben kreativ, alles ist ausgewogen und zugleich kraftvoll. Geschmackliche Tiefe und Aroma pur“. „Man muss den Gast bei Laune halten und überraschen“, heißt Manuel Ulrichs Devise, „deshalb suchen wir auch immer wieder neue Produkte und erarbeiten Kombinationen, um herauszufinden, wie man was am besten in Szene setzt.“ Heraus Der Guide Michelin: Absolut gekonnt bringt er genau das richtige Maß an Moderne in die klassisch basierte Küche. Nichts ist übertrieben kreativ, alles ist ausgewogen und zugleich kraftvoll. Geschmackliche Tiefe und Aroma pur. kommen dann Gerichte wie dieses: Kabeljau mit Blumenkohl an einer Nussbuttersoße. Dazu als Frischekick KalamansiFrüchte aus Asien, begleitet von Imperial-Kaviar. Die Liste der Beispiele ist schier unendlich: Exemplarisch könnte man ein Alb-Lamm mit Artischocke, Bärlauch und Paprika und Fregola-Sarda-Pasta nennen, oder auch eine Coquille Saint Jacques mit Mais, Ochsenschwanz und Frisée. Vier, fünf Produkte maximal, die optimal kombiniert werden, raffiniert, aber nicht zu verspielt – nach diesem Prinzip wird gearbeitet. Und wo die Rede schon einmal vom Alb-Lamm war: Wo immer es geht, wird versucht, hervorragende Produkte aus der Region zu verwenden, so wie zum Beispiel das ausgezeichnete Lammfleisch aus Münsingen. „Wir freuen uns immer, wenn es bei uns auf der Karte steht“, sagt der Küchenchef. Lammrücken müsse man absolut nicht im Limousin oder der Normandie ordern, wenn es eine so hohe Qualität auch in Baden-Württemberg gebe. Das gilt auch für das Gemüse, das man am liebsten vor der Haustür kauft. Forelle und Saibling kommen vom Buhlbachhof in Baiersbronn und die SchwarzwaldMiso-Paste aus Geisingen. Aber Steinbutt und Langusten wird man hier eben niemals finden, diese Spitzenprodukte werden aus der Bretagne und von den Färöern angeliefert. Diese beste Qualität ist für Restaurants wie das „Ösch Noir“ unverzichtbar, „da wollen wir uns auch nicht einschränken“, unterstreicht Manuel Ulrich. 214 Gastlichkeit

 

 

 

Oben: Manuel Ulrich und Hotelchef Alexander Aisenbrey im Videostream zum Anlass des erkochten zweiten Sterns. Unten: Das Zwei-Sterne-Team des Ösch Noir. Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 215

 

 

 

Vegetarische Angebote sind längst kein Trend mehr Eine Entwicklung hat er übrigens längst erkannt: Vegetarische Angebote sind kein Trend mehr, sondern selbstverständlicher Standard. Im „Ösch Noir“ gibt es das „Menü Noir“ und daneben ein vegetarisches „Menü Vert“, auch das mit sieben Gängen in vollem Umfang. Das Angebot wird „wahnsinnig gut angenommen“, so Ulrich. Auch vegane Küche wird auf Nachfrage offeriert – schließlich wird auch dieser Trend immer wichtiger. Der Küchenchef hat auch dafür ein offenes Herz: „Menschen, die sich mit veganem Essen befassen, beschäftigen sich auf jeden Fall mit Ernährung und das ist mir immer sympathisch.“ Freudige Nachricht über Facebook Womit wir uns dem Höhepunkt in der noch jungen Karriere des Küchenchefs nähern. Am 5. März 2021 folgte die nächste positive Überraschung: Es kam der zweite Michelin-Stern hinzu – und das fast schon auf heimlich leise Weise, denn schließlich war die Welt gerade mit einer Pandemie beschäftigt und arg viel Aufmerksamkeit blieb da für andere Dinge wie eben einen zweiten Stern fürs „Ösch Noir“ nicht übrig. „Ein bisschen haben wir die beiden Sterne quasi verschlafen“, nimmt Manuel Ulrich es mit ein wenig Galgenhumor, dass die Auszeichnungen im ganzen CoronaFieber fast unterzugehen drohten. Auf Vieles, was sonst angemessen und auch einigem Glamour gefeiert würde, musste einfach verzichtet werden. Keine Gala zur Verleihung, stattdessen ein Videostream via Facebook, über den die freudige Nachricht durchs Netz geschickt wurde. Dass der zweite Stern verliehen wurde, machte alle einfach nur noch glücklich. Dieses Mal wurde der Küchenchef von seinem Arbeitsplatz in Donaueschingen-Aasen direkt per Livestream in ein Interview zugeschaltet – und viele Zuschauer konnten sich auf diese Weise mitfreuen, wenn auch eben nur digital. Dass es mit dem zweiten Stern so schnell klappte, kam für alle überraschend und ist gleichsam ein großer Ansporn, weiter auf diesem hohen Niveau zu agieren. Manuel Ulrich beschreibt es so: „Jetzt werden wir noch direkter verglichen.“ Das Erreichte immer wieder zu untermauern und unter Beweis zu stellen, dass die Auszeichnungen gerechtfertigt sind, das ist jetzt die große Herausforderung. Letztes Jahr hat er den Golfsport für sich entdeckt. „Das ist ein ganz toller Ausgleich“, schwärmt er regelrecht, „man kann morgens schon eine Runde spielen und kriegt den Kopf frei. Ich habe jetzt gerade meine Platzreife gemacht.“ Golf, guter Sound und Genuss Auch wenn Manuel Ulrich sagt: „Ich arbeite gern. Und ich möchte immer in der Küche dabei sein“ – bleibt neben den vielfältigen Herausforderungen des Berufs denn eigentlich auch noch Zeit für Freizeit und Hobbys? Die überzeugte Antwort lautet „Ja“. Letztes Jahr hat er den Golfsport für sich entdeckt. „Das ist ein ganz toller Ausgleich“, schwärmt er regelrecht, „man kann morgens schon eine Runde spielen und kriegt den Kopf frei. Ich habe jetzt gerade meine Platzreife gemacht“, lächelt der Küchenchef ein bisschen stolz – auch er nutzt als Mitarbeiter des Hotels gerne die Möglichkeit, die hier alle haben: Selbst auf der großen Anlage Golf zu spielen und so einen Ausgleich zum anstrengenden Job finden zu können. Genau das gelingt ihm außerdem auch, wenn er Musik hört, „gerne alles von Folk über Alternative und Country bis zu Ambience und Neoclassic“, beschreibt er seinen vielseitigen Geschmack, der „je nach Stimmung“ variiert. Auch in der Gourmetküche läuft übrigens immer Musik: „Wir hatten schon Rammstein und Walgesänge, Charts-Hits oder Hip-Hop – und auch mal Musik aus den 80ern oder Klassik. Musik gehört einfach dazu.“ Dass er selbst unbestritten kreativ ist, zeigt sich vielfach: „Schwarzwald reloaded“ heißt das erste Kochbuch, an dem er mit eigenen Rezepten und Bei216 Gastlichkeit

 

 

 

Zwei-Sterne-Koch Manuel Ulrich im Ösch Noir – umgeben von gläsernen Tautropfen des Schwarzwaldes. trägen mitwirkt. Außerdem hat es ihm die Fotografie angetan. Motive entdeckt er überall, von Straßenszenen bis hin zu seinem täglich Brot. Denn auch die Food-Fotografie übt einen großen Reiz auf ihn aus. Zahlreiche bemerkenswerte Aufnahmen hat er schon im Kasten. Geschätzt wird durchaus auch das Einfache Der Koch selbst probiert und isst auch gerne. Was am liebsten? Italienisch sagt er, eine gute, handgemachte Pizza oder Pasta oder eine leckere Lasagne, damit macht man ihn glücklich und zufrieden. Wenn beruflich auf höchstem Gourmetniveau gekocht wird, schätzen viele Fachkräfte privat bekanntlich durchaus das Einfache und so ist es auch bei der ÖschberghofMannschaft: „Wir freuen uns oft auf ein Vesper oder ein Cordon bleu und samstagabends gibts fürs Team Currywurst – die muss gut, aber auch einfach sein.“ Diese Bodenständigkeit zeichnet Manuel Ulrich aus. Dazu passt auch sein Heimatort. Heidenhofen,dieser kleine, beschauliche Donaueschinger Ortsteil, zählt um die 250 Einwohner und liegt gerade den Buckel hoch, oberhalb des Öschberghofs. Wer dort wohnt, hat seine Ruhe und kann obendrein einen herrlichen Ausblick über die Baar genießen. Hier lebt er gemeinsam mit seiner Partnerin in seinem Elternhaus. Die beiden haben ein Stockwerk ausgebaut und fühlen sich pudelwohl. „Mir hat es auf der Baar immer gefallen“, betont er mit Blick auf seine Heimat. Sternekoch Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“ 217

 

 

 

STEINPILZSUPPE Pilze / Lauch DIE ZUTATEN Steinpilze Steinpilze, getrocknet Champignons, braun Portwein, weiß 350 g 30 g 50 g 50 ml 50 ml Weißwein 30 ml Madeira 750 ml 150 ml Sahne 40 g 40 g 30 g 3 g reduzierter Gemüsefond Schalotten Lauch Butter Knoblauch Thymian Salz, Pfeffer, Zucker, Chardonnay Essig LAUCH 200 g 30 g Lauch Butter Salz, Zucker Frühlingslauch Zitronenöl ZUM ANRICHTEN Steinpilze Champignons Frühlingslauch Die getrockneten Steinpilze für 15 Minuten in heißem Wasser einweichen. Die frischen Pilze salzen und im Ofen bei 200 Grad rösten. Zwiebel, Lauch und Knoblauch in der Butter hellbraun anschwitzen, dann die gerösteten sowie die eingeweichten Pilze zugeben und mit Weißwein, Portwein und Madeira ablöschen und reduzieren. Den reduzierten Gemüsefond und den aufgefangenen Fond der getrockneten Pilze hinzugeben und weiter köcheln lassen. Gegen Ende der Kochzeit die Sahne und den Thymian hinzugeben. Die Suppe anschließend mixen und durch ein feines Sieb passieren. Zum Finalisieren die Suppe mit Salz, Pfeffer, Zucker und etwas Chardonnay Essig abschmecken und schaumig aufmixen. Den Lauch waschen und in feine Julienne schneiden. Dann den Lauch in der Butter andünsten und unter Zugabe von etwas Wasser leicht bissfest garen und glasieren. Den Frühlinglauch längs halbieren, in Segmente schneiden. Diese mit einem Bunsenbrenner rösten und mit Salz, Zucker und etwas Zitronenöl würzen. Die Steinpilze längs halbieren und kreuzförmig einritzen. In einer Pfanne anbraten und glasieren. Die Champignons roh hobeln und das Grün des Frühlingslauches in feine Ringe schneiden. Als weitere mögliche Einlage sind Pilzbällchen und eingelegte Buchenpilze auf dem Foto rechts zu sehen. 218 Gastlichkeit

 

 

 

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Löwen Patisserie in Schönwald Dominik Kaltenbach und seine zukünftige Frau Lena Cerasola erfinden das Höhengasthaus Löwen auf der Escheck neu. von Hans-Jürgen Kommert Gastlichkeit 221

 

 

 

Eine Patisserie abseits von Großstadt-Trubel, mitten in der Einsamkeit der Provinz – das gibt es leider nicht – oder etwa doch? So ganz anders als man das gewohnt ist, in den eher mondän anmutenden Einkaufsmeilen der Großstadt, eher einsam gelegen auf rund 1.060 Metern Höhe? Kaum vorstellbar, dennoch findet man genau dies auf der Escheck. Denn ein einst beliebtes Ausflugsziel zwischen Schönwald und Furtwangen wandelt sich gerade: Auf der Escheck, dem höchsten Punkt zwischen den beiden benachbarten Orten, dem Industrieund Hochschulstädtchen Furtwangen und dem Höhenluftkurort Schönwald gelegen, haben sich in den letzten Monaten gewaltige Veränderungen ergeben. Zunächst verabschiedete sich Friedrich Scherzinger vom Gasthaus Kreuz – altershalber. Das Haus wurde an drei Ärzte verkauft, die hier eine Gemeinschaftspraxis eröffnen wollen, seither aber auch nach einem Nachfolger für den Gastwirt suchen. Fündig bei der Nachfolgersuche wurden dagegen Alexander und Brigitte Kaltenbach mit ihrem Höhengasthaus Löwen, das um das Jahr 1840 erbaut wurde und seit 1922 im Familienbesitz ist: Seit Januar 2021 ist ihr Sohn Dominik gemeinsam mit seiner zukünftigen Frau Lena Cerasola ganz offiziell in die Geschäftsführung des ehemaligen Gasthauses Löwen eingestiegen. Doch nicht nur ein neues Logo zeigt das, sondern auch der neue Name: „Löwen Patisserie“. Zudem wurden der Eingang und ein Teil des Restaurants sowie die Hotelzimmer von Dezember 2020 an komplett modernisiert und zu einer französischen Patisserie umgewandelt, sodass das junge Paar sein Meisterhandwerk auch fachgerecht präsentieren kann. Süße Leckereien „absolut sein Ding“ Koch hatte der heute 30 Jahre alte Konditormeister Dominik Kaltenbach ursprünglich nach der Mittleren Reife an der Realschule des Otto-Hahn-Gymnasiums Furtwangen gelernt. Von 2008 bis 2011 arbeitete er im erlernten Beruf im durchaus renommierten HotelRestaurant „Hirschen“ im Glottertal, ganz der Familientradition verbunden. Schon damals hatte er in der Ausbildung die größte Freude, wenn er Desserts und raffinierte Leckereien zubereiten durfte in der Patissierie des Restaurants. Folgerichtig kam daraufhin die Ausbildung zum Konditor, „absolut mein Ding“, wie er selbst sagt. Im Café Bockstaller in Todtmoos erlernte er daher anschließend in zweieinhalb Jahren das Handwerk des Konditors – und das offensichtlich sehr erfolgreich. Denn zunächst wurde er Innungssieger im Konditorenhandwerk, kurz darauf belegte er in der Landessiegerprüfung nur ganz knapp hinter dem Landessieger Platz zwei, dazu trat er auch bei diversen Wettbewerben an, wie dem „CarloWildt-Pokal“ für junge Konditoren. In diesem Beruf legte er dann auch im Jahr 2017 die Meisterprüfung ab. Gar nichts mit Gastronomie am Hut hat Alexander und Brigitte Kaltenbach (rechts) freuen sich, dass der Betrieb weiterläuft – mit Sohn Dominik Kaltenbach und der künftigen Schwiegertochter Lena Cerasola (links). 222 Gastlichkeit

 

 

 

Wir haben uns als Paar bei verschiedenen Patisserien in ganz Deutschland beworben. sein Zwillingsbruder Manuel – der arbeitet als Kfz-Mechatroniker, auch sein älterer Bruder Patrick hat dem Gastgewerbe als Einzelhandelskaufmann den Rücken gekehrt. Gemeinsam im „Törtchen Törtchen“ Seine sechsundzwanzigjährige Lebensgefährtin – bald seine Frau – Lena Cerasola ist selbst im gastgebenden Gewerbe aufgewachsen. Am Schwarzwaldgymnasium Triberg legte sie 2013 ihr Abitur ab. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen zu studieren – vielleicht Architektur, hatte sie überlegt. Auf jeden Fall sollte es ein kreativer Beruf werden. Dann aber ließ sie sich von der Begeisterung ihres Freundes für das Konditoren-Handwerks anstecken. „Dominik hat mich immer inspiriert und war mir bei der Ausbildung stets eine Stütze“, erinnert sie sich. Im September 2013 begann sie in der Confiserie Gmeiner in Appenweier ihre Ausbildung. Es seien drei harte, aber äußerst lehrreiche Jahre gewesen mit langen Arbeitstagen, sagt sie. Auch Lena wurde in ihrem Jahrgang Innungssiegerin und errang, wie Dominik, anschließend den zweiten Platz beim Landesentscheid. Nach der Ausbildung ging sie zunächst nach St. Georgen, wo sie bei Dagmar Holzer und Oliver Bittlingmaier arbeitete, um noch mehr Erfahrung mit dem Umgang mit Schokolade zu erhalten. Danach wollten die beiden jungen Konditoren weitere Erfahrung sammeln. „Wir haben uns als Paar bei verschiedenen Patisserien in ganz Deutschland Oben: In der Theke der Löwen Patisserie jagt eine Verlockung die nächste. Mitte: „Tortenkreation“ vom Feinsten zu jeder Gelegenheit. Unten: Dominik beim Aufdressieren der Eclairs. Einen mutigen Schritt in Richtung Zukunft des „Löwen“ auf der Escheck haben Dominik Kaltenbach und Lena Cerasola gewagt mit der Umgestaltung des Traditionshauses zur „Löwen Patisserie“ Löwen Patisserie in Schönwald 223

 

 

 

Oben und links: Einen mutigen Schritt in Richtung Zukunft des „Löwen“ auf der Escheck haben Dominik Kaltenbach und Lena Cerasola gewagt mit der Umgestaltung des Traditionshauses zur „Löwen Patisserie“ beworben – die erste Zusage kam tatsächlich recht schnell aus Köln, wo beide ihr Können in einer der renommiertesten Patisserien Deutschlands, dem „Törtchen Törtchen“ von Matthias Ludwigs und Elmar Schumacher-Wahls vervollständigen konnten. Zugleich absolvierte auch Lena die Meisterschule durch, da dies in Köln möglich war. Die Philosophie der beiden im eigenen Haus ähnelt der des „Törtchen Törtchen“: Beste Zutaten, innovative Ideen, Geschmack und Qualität. „Und manchmal ist weniger mehr, minimalistisch und auf den Punkt fokussiert“, verrät dazu Lena Cerasola. Mit der Gastronomie verbunden Lena kennt die Arbeit im gastgebenden Gewerbe – sie stammt aus dem renommierten Hotel Dorer in Schönwald. Auch dieses Haus ist ein Betrieb, der sich seit Generationen im Familienbesitz befindet. 1928 wurde das Haus von Josef und Albertine Dorer gegründet. Lenas Großeltern Rolf und Heidi Scherer haben das Hotel 1963 übernommen, da der Urgroß224 Gastlichkeit

 

 

 

Wir setzen auf Regionalität, frische Eier aus Schönwald oder frische, unbehandelte Milch aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die dann bei uns vor Ort homogenisiert und pasteurisiert wird. vater im Krieg gefallen war und seine Witwe nie mehr geheiratet hat. 2006 übernahm dann Tochter Manuela gemeinsam mit ihrem Mann Salvatore Cerasola das Hotel Dorer. In Zermatt hatte sie 1989 ihren Mann kennengelernt, wo dieser im Service tätig war. 1993 wurde geheiratet, nachdem das Paar 1991 nach Deutschland gekommen war. Im Restaurant Waldhorn in Tübingen-Bebenhausen – seinerzeit mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet – absolvierte er eine Kochlehre. Nach seiner Ausbildung arbeitete Salvatore zunächst im Hirschen in Sulzburg, danach im Engel in Vöhrenbach, damals ebenfalls Michelindekoriert. Bevor er dann die Küche des Dorer übernahm, war er noch eine Zeitlang im „Wehrle“ in Triberg. Auch Tochter Lena ist, wie Dominik, die Hälfte eines Zwillingspaares. Ihre Schwester Laura hat sich ebenfalls für die Arbeit in der Gastronomie entschieden. Sie hat Ihre Ausbildung als Restaurantfachfrau im Hotel Colombi in Freiburg absolviert, war dann im „Hirschen“ in Sulzburg tätig und arbeitet im Augenblick im Restaurant „Storstad“ in Regensburg. Auch herzhafte Speisen bietet die Löwen Patisserie, wie hier zum Frühstück ein vegetarisches „Egg Benedict“. in Coronazeiten auf Bestellung täglich ganze Kuchen oder Torten an, am Wochenende von 11 bis 17 Uhr auch Stücke zum Abholen, doch das ganz große Geschäft war das bisher nicht – sie hofften von Beginn an auf eine Öffnungsperspektive. Daher genießen sie die derzeitigen Lockerungen, in der Hoffnung, dass dies so bleibt. Von Freitag bis Dienstag ist zurzeit von 11-18 Uhr geöffnet, von Freitag bis Sonntag gibt es zusätzlich von 9 bis 11 Uhr ein ganz besonderes Frühstück. Dazu ist die Küche geöffnet, sodass ebenso herzhafte, traditionelle Schwarzwaldspeisen wie die leckere Schwarzwald-Forelle, Wurstsalat oder Schwarzwälder Vesper-Spezialitäten im Angebot sind. Modernisierung des Löwen Ein mutiger Schritt sei der Einstieg in dieser Zeit gewesen, sind sich die Seniorchefs des Höhengasthauses Löwen, Brigitte und Alexander Kaltenbach sicher. Viel Geld hat die Familie in die Hand genommen, um das Haus in neuem, modernen Schwarzwaldstil zu gestalten, sodass neue Gäste in die Region gelockt werden. Aber das muss sich irgendwann auch wieder auszahlen. Zwar bot die Patisserie Es locken regionale Produkte „Wir hoffen und vertrauen darauf, dass der ganze Corona-Spuk endlich vorbei ist. Daher können wir nun neben unseren süßen Leckereien auch Frühstück und kleine Gerichte für Einheimische wie für Laufkundschaft anbieten“, sind sich sowohl die Senioren als auch Lena und Dominik einig. „Es ist ein Frühstück, das man so nicht überall bekommt“, Löwen Patisserie in Schönwald 225

 

 

 

Höchste Konzentration und tolle Handwerkskunst für leckere Törtchen – Lena und Dominik bei der Arbeit während der Fernshshow „Das große Backen“. und etwas mehr als nur ein bisschen künstlerische Neigung schadet auch nicht“, wissen Konditormeisterin und Konditormeister. versprechen die Inhaber. „Wir setzen auf Regionalität, frische Eier aus Schönwald oder frische, unbehandelte Milch aus der unmittelbaren Nachbarschaft, die dann bei uns vor Ort homogenisiert und pasteurisiert wird – aus der machen wir dann beispielsweise unser Eis“, lockt Lena Cerasola. Und – sie haben auch ein Herz für diejenigen, die das Süße nicht ganz so sehr mögen – „es gibt eigentlich immer auch alternativ zum Kuchen eine Quiche und eben auch kleine regionale Speisen, warm oder als Vesper“, schmunzelt das Team. Und – sie wollen künftig auch Kurse anbieten. Ob Dominik Kaltenbach und Lena Cerasola irgendwann ausbilden werden, hängt sicherlich mit davon ab, ob sie es schaffen, Nachwuchs für den überaus kreativen und attraktiven Handwerksberuf zu begeistern – ihre Erzeugnisse sprechen jedenfalls für sich. „Unser Beruf ist sehr vielseitig, wir lieben ihn und würden nicht tauschen wollen. Allerdings wird sehr viel Kreativität und exaktes, sauberes Arbeiten verlangt Präsenz in Fernsehshow Großes Aufsehen hatten die beiden erregt durch ihre Teilnahme an der Fernsehshow „Das große Backen – die Profis“, bei dem sie aus der ersten Folge als Sieger herausgingen. Dabei setzten sie zum Thema Urlaub auf „Reisen mit der Schwarzwaldbahn – anno dazumal“. Der erste Teil der Aufgabe bestand darin, genau 50 absolut gleich aussehende Törtchen passend zum Motto „Unsere Besten“ zu präsentieren, die neben dem Aussehen natürlich auch – und vielleicht vor allem – ungemein harmonisch schmecken sollten. Hier überzeugten sie die Jury, bestehend aus Bettina „Betty“ Schliephake-Burchard, eine hoch angesehene Fachfrau, die als erste Europäerin die Prüfung zum „Certified Master Sugar Artist“ der amerikanischen Tortenvereinigung erringen konnte, dem Chef-Patissier im Fünf-Sterne-Hotel Dolder Grand in Zürich, Christian Hümbs sowie Günther Koerffer, dem Hofkonditor am schwedischen Königshof gleich so sehr, dass sie von jedem der drei Juroren die Höchstpunktzahl erhielten – ein Erfolg, 226 Gastlichkeit

 

 

 

Wir kennen uns seit zehn Jahren. Jeder kann sich unbedingt auf den anderen verlassen, das macht uns schon zu einem sehr starken Team. der absoluten Seltenheitswert besitzt. Zumal Betty schon beim Backen selbst verraten hatte, dass sie einen Hauptbestandteil des Törtchens überhaupt nicht mag, nämlich Bananen – nicht umsonst nannten Lena und Dominik das leckere Teilchen „Bananarama“. Teil zwei „Reisen mit der Schwarzwaldbahn“ Danach wurde für Teil zwei eine Schoko-Lok hereingeschoben. Dabei setzten sie zum Thema „Süßer Zug“ auf „Reisen mit der Schwarzwaldbahn – anno dazumal“. Jedes Team bekam nun die Aufgabe, einen Motto-Wagon dazu zu „bauen“, als Hauptzutaten dienten natürlich Schokolade und Zucker. Dazu sollten 20 perfekte „Gepäckstücke“ gebacken werden, passend zum Motto des Wagons und natürlich wieder möglichst exakt gleich aussehend. Mindestens 35 Zentimeter hoch und 60 Zentimeter lang sollten die Wagons werden. Lena und Dominik entschieden sich für einen „Wälder Wagon“ zur Schwarzwaldbahn anno dazumal. Als Gepäckstücke hatten sie sich für „Schwarzwälder Koffer“ entschieden, mit einer Füllung à la Schwarzwälder Kirschtorte. Dazu Oben: Das Gewinnertörtchen „Bananarama“ überzeugte die Jury beim „großen Backen“. Unten: Der süße Zug. „Reisen mit der Schwarzwaldbahn – anno dazumal“ mit Lena und Dominik. Löwen Patisserie in Schönwald 227

 

 

 

Die Leute kommen zu uns, um unsere köstlichen Produkte und unsere Handwerkskunst zu probieren. Hingucker und kassierte folgerichtig auch die Höchstpunktzahl. Dennoch schieden sie bei dieser Challenge aus, denn beim ersten Teil war ihnen leider – wohl mangelnder Gelatine geschuldet – die Torte davon gelaufen. Die beiden nahmen es sportlich: „Wir haben hier ungemein viel gelernt – und Backen ohne Rezept ist normalerweise in unserem Beruf nur dann machbar, wenn man neue Dinge ausprobieren will. Und dann dokumentiert man aber jeden Schritt, um Fehler da auszumerzen, wo sie entstehen. Das war hier leider nicht möglich“, betonen sie. Trotz allem war es für die beiden eine wertvolle Erfahrung, die sie auf keinen Fall missen wollen. „Besonders der Kontakt zu den anderen Teams ist immer noch sehr eng, wir freuen uns sehr, nicht nur neue Kollegen, sondern auch Freunde gefunden zu haben“, sagt Lena. Dem kann Dominik nur zustimmen: „Die Teilnahme an der Show hat uns in jeder Hinsicht weitergebracht, auch wenn wir nicht gewonnen haben. Dabei sein war echt klasse!“ Freude über den Wandel in der Region So arbeiten sie auch an ihrem jetzigen Arbeits platz – höchst effektiv und sauber, in jeder Hinsicht nachvollziehbar und absolut lecker, vom kleinen Törtchen bis hin zu bestellten großen Torten. Sie freuen sich sehr, dass es nun endlich in der Region einen Wandel gibt. „Die Leute kommen zu uns, um unsere köstlichen Produkte und unsere Handwerkskunst zu probieren“. Von den zahlreichen Kunden bekommen die beiden nur positives Feedback. „Das lässt uns wirklich hoffnungsvoll in die Zukunft blicken“, freuen sich beide und nippen an einer leckeren Tasse Kaffee, während sie strahlend ihr neues Café begutachten. Stilvoller und süßer Genuss in den neu gestalteten Räumlichkeiten mit Wohnzimmer-Flair. „baute“ Lena Miniatur-Figürchen als Fahrgäste. Ein kleines Malheur gab es beim Zusammenbau – beim Aufsetzen des Daches brach dies zunächst längs in zwei Teile. Doch Profis zucken bei so etwas nur kurz zusammen und „reparieren“ den Schaden mal eben professionell. Als Team zu arbeiten fällt dem Konditorenpaar, das sich nun seit fast zehn Jahren kennt, überhaupt nicht schwer. „Wir können uns blind auf einander verlassen, das macht uns schon zu einem sehr starken Team“, schmunzeln beide. Am Ende belegte der „Wälder Wagon“ mit 25 Punkten in dieser Kategorie den zweiten Platz, was zusammen mit den 30 Punkten aus dem ersten Teil den Tagessieg bedeutete. Eine wertvolle Erfahrung Der zweite Auftritt sollte dann aber schon der letzte gewesen sein. Zwar sorgte das Schaustück des Schönwälder Konditorenpaares erneut für Aufsehen – der Kölner Dom war nämlich ein echter 228 Gastlichkeit

 

 

 

SAUERKIRSCH TARTE FÜR EINE ¶·CM Ø KUCHENFORM Zutaten Mürbeteig: 250 g Butter 125 g Zucker 375 g Mehl 1 ganzes Ei 2 g Zitronenabrieb und etwas Vanille Salz Zutaten Belag: 750 g 83 g 3 Stk 22 g Sauerkirschen Zucker Eier Cremepulver oder Puddingpulver Quark 40 % Fett Creme Fraîche Sahne, flüssig Vanilleschote Salz 110 g 110 g 280 g 1/2 1 Prise Die kalte Butter mit Zucker und Gewürzen in einer Küchenmaschine glatt arbeiten. Das Ei hinzugeben und kurz einkneten lassen. Zuletzt das gesiebte Mehl hinzugeben und so kurz wie nötig kneten, damit ein glatter Teig entsteht. ACHTUNG: nicht zu lange kneten, da der Teig sonst „brandig“ wird und beim Ausrollen bricht. Gefettete Kuchenform mit Mürbeteig ca. 3 mm dick auslegen und mit den Sauerkirschen füllen. Jetzt Zucker mit dem Mark der Vanilleschote, einer Prise Salz und den Eiern in einer Schüssel verquirlen. Das Cremepulver dazu geben und alles glatt rühren, bis keine Klümpchen mehr zu sehen sind. Den Quark und die Creme Fraîche dazu geben. Zum Schluss die flüssige Sahne dazu und die Masse über die Sauerkirschen in die Kuchenform gießen. Bei 175°C ca. 40 Minuten goldbraun backen. Nach Belieben mit Tortenguss abglänzen oder mit Puderzucker bestäuben. *Leckerer Tipp: lauwarm mit einer Kugel Vanilleeis genießen! 229

 

 

 

Kultkneipe mit immer jungem Publikum Die Brüder Uwe und Andy Reich haben mit dem „Klimperkasten“ in St. Georgen Mitte der 1990er-Jahre einen beliebten Treffpunkt geschaffen. Von Roland Sprich Uwe (rechts) und Andy Reich in ihrem Klimperkasten, den sie seit 28 Jahren in St. Georgen betreiben. 230

 

 

 

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Das Klavier in der Ecke, das dem „Klimperkasten“ einst seinen originellen Namen gegeben hat, ist heute nur noch in Einzelteilen als Dekoration zu entdecken. Ansonsten hat sich im „Klimper“, wie er von den Gästen in Kurzform genannt wird, seit einem Vierteljahrhundert nahezu nichts verändert. Seit Mitte der 1990er-Jahre steht das Bistro und Pub in St. Georgen für urige Gemütlichkeit. Und ist untrennbar verbunden mit Wirt Uwe Reich, der selbst längst Kultstatus erreicht hat. Dass er sich in seinem Berufsleben einmal der Gastronomie widmen würde, hat Uwe Reich nicht geahnt. In Villingen geboren und aufgewachsen, machte er eine Ausbildung zum Funkelektroniker bei SABA. „Danach habe ich mir erst mal eine Auszeit genommen und bin ein Vierteljahr an die Algarve nach Portugal – mit dem Fahrrad“, erzählt Uwe Reich. Dann sollte er eine Stelle als Hausmeister im Ferienresort „Hapimag“ in Unterkirnach antreten. Dort arbeitete sein Bruder Andreas bereits als Koch. „Doch als ich anfing, haben sie mich wegen Personalnot in den Service gesteckt und ich habe die Gäste bedient“, so Uwe. Und Andreas „Andy“ ergänzt. Dort hat sich Uwe als hundertprozentiger Gästemagnet erwiesen. Er war ein guter Kommunikator und ein Verkaufstalent. Er konnte super mit den Gästen.“ 232 Der „Klimperkasten“ ist eine urige Kneipe. Am „Nähmaschinentisch“ sitzen die Gäste besonders gern. Gastlichkeit

 

 

 

Links: Das alte Klavier, das der Kultkneipe einst seinen Namen gab, ist heute nur noch in Fragmenten zu erkennen. Über dem Eingang hängt der Spieltisch. Rechts: Bei der Deko haben die Reichbrüder auch einiges aus ihrem eigenen Fundus verewigt. Hier begutachtet Andy Reich ein Tretauto aus seiner Kinderzeit. Wir kamen rein, haben uns angeschaut – ohne ein Wort zu wechseln haben wir beide gewusst: Genau das ist es, das wollen wir haben. Der Wunsch nach einem eigenen Lokal Als das Hapimag vor dem Verkauf stand und die Zukunft für die Mitarbeiter ungewiss war, entschlossen sich Uwe und Andy, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. „Wir hatten die Idee, unser eigenes Speiselokal aufzumachen. Uwe im Service, ich in der Küche“, sagt Andy, der sein Kochhandwerk im Kurhaus in Bad Dürrheim erlernt und in verschiedenen Hotels und Restaurantküchen, unter anderem in der Schweiz, verfeinert hat. Auf der Suche nach einer geeigneten Lokalität in Villingen-Schwenningen und Umgebung („örtlich waren wir gar nicht festgelegt“), entdeckten sie im Hinterhof eines ehemaligen Hotels in St. Georgen, dass ein Investor gerade Umbauarbeiten für ein Bistro-Pub macht. „Wir kamen rein, haben uns angeschaut und ohne ein Wort zu wechseln haben wir beide gewusst: Genau das ist es, das wollen wir haben“, erklären Andy und Uwe Reich diesen magischen Moment, der ihr Berufsleben von einem Tag auf den anderen nachhaltig verändern sollte. Dadurch, dass das Bistro erst im Entstehen war, konnten die Brüder noch eigene Ideen in die Gestaltung des bis dahin noch namenlosen neuen Gastronomiebetriebs einfließen lassen. So kommt es, dass bis heute unter anderem ein Tretauto aus der Kinderzeit der Reich-Brüder an der Decke hängt. Der Name für ihr Bistro ergab sich praktisch von alleine. „Anfangs stand in der Ecke ein Klavier, daher der Name ‚Klimperkasten‘, lüftet Uwe Reich die wenig spektakuläre Namensfindung. Mit dem Sich-Schock-Verlieben in ihr künftiges Bistro mussten Andy und Uwe allerdings den Plan von einer Speisegaststätte aufgeben. „Die Nummer war gestorben, denn in dem Bistro gab es nur eine Miniküche, es war unmöglich, hier vernünftig Speisen zu kochen“, sagt Andy Reich. Viel mehr als Wurstsalat und belegte Baguette waren nicht drin. Beide Gerichte plus ein eigens kreierter Klimperburger sind bis heute die Dauerbrenner. Klimperkasten in St. Georgen 233

 

 

 

Die Kneipe hängt voller Utensilien, die Andy und Uwe Reich größtenteils selbst gesammelt oder auch von Gästen bekommen haben. Der Klimperkasten lief vom ersten Tag an „wie die Hölle“ und war praktisch seit der Eröffnung vor allem eins: viel zu klein. Angesagte Adresse in St. Georgen Anfangs hegten die Neu-Gastronomen, die mit ihrem Bistro und Pub in St. Georgen Fuß fassen wollten, Zweifel, ob die Bürger das neue Angebot auch annehmen würden. „Immerhin gab es zu der Zeit, Mitte der 1990er-Jahre, zahlreiche Lokale mit ähnlichem Angebot. Beispielsweise die ‚Bärenklause‘, ‚Evas Bar‘, der ‚Schwarzwaldelch‘ und das ‚Nachtcafé‘“, wie Andy aufzählt. Um die finanzielle Belastung für einen möglichen schleppenden Start so gering wie möglich zu halten, haben Andy und Uwe zunächst ohne Personal gearbeitet. „Wir haben alles selbst gemacht. Bedient, gekocht und abends geputzt. Wir sind sieben Tage die Woche von morgens 11 bis nachts um 1 Uhr im Laden gestanden“, erinnert sich Uwe an die stressige und arbeitsintensive Anfangszeit. Die Rollen waren dabei von Anfang an klar verteilt. Andy kümmerte sich um die Küche und hielt sich ansonsten mit Buchhaltung im Hintergrund. Uwe stand allabendlich an der Theke und bediente. Und avancierte zum Liebling aller Gäste. Schnell bemerkten die beiden, dass ihre anfänglichen Sorgen völlig unbegründet waren. „Der Klimperkasten lief vom ersten Tag an „wie die Hölle“ und war praktisch seit der Eröffnung vor allem eins: viel zu klein“, resümieren sie heute. Um den Besucherandrang bewältigen zu können, brauchten sie Bedienungen. Die zu finden war zum damaligen Zeitpunkt kein Problem. „Jeden Tag kamen Leute an den Tresen und fragten ob sie hier bedienen könnten“, sagt Andy. Kein Vergleich zu heute, wo es schwierig ist, gute und zuverlässige Mitarbeiter zu finden. So etablierte sich der Klimperkasten schnell zu einer der angesagten Adressen in St. Georgen und ist von den aufgezählten Lokalen längst das einzige, das die vergangenen knapp 30 Jahre überdauert hat und übrig geblieben ist. Dabei ließen sich die Wirte auch immer wieder etwas Neues einfallen, um ihre Gäste zu überraschen. „Wir waren zum Beispiel die Ersten, die an Heiligabend geöffnet hatten“, erzählt Uwe. Es war ein Versuch, von dem sie nicht wussten, ob sich das lohnen würde. „Die Bude war brechend voll“, lacht er, was zeigt, dass die Gäste auch in der besinnlichen Zeit ihrem Klimperkasten die Treue halten. 234 Gastlichkeit

 

 

 

Vorhof wird zum Biergarten Allerdings nur zwischen Herbst und Frühjahr. Die Sommermonate waren dagegen flau, „weil wir keinen gescheiten Biergarten hatten.“ Bei hochsommerlichen Temperaturen suchten sich die Gäste Lokale, wo sie draußen sitzen und feiern konnten. Die wenigen Tische und Stühle vor dem Eingang reichten bei Weitem nicht. So wurde 1999, in Absprache und mit Erlaubnis des Eigentümers, der bis dahin als Parkplatz genutzte Vorhof zum Biergarten umgebaut. Dass sich das als „goldene Investition“ erwiesen hat, haben die Klimperkasten-Betreiber schnell gemerkt. Seit Anfang der 2000er-Jahre begonnen wurde, Fußballweltmeisterschaftsspiele als Massenveranstaltung auszurichten und die Spiele der deutschen Elf gemeinsam zu verfolgen, verwandelt sich der Biergarten mit seinen hundert Sitzplätzen alle zwei Jahre zur Fußballwelt-, beziehungsweise Europameisterschaft in eine regelrechte Fußballarena. Wo die Gäste, meist ausstaffiert mit Merchandising in den Nationalfarben, richtige Stadionstimmung in den Biergarten bringen. Ein Mysterium für Uwe und Andy Reich ist, dass die Gäste in den vergangenen 28 Jahren, in denen es den Klimperkasten bereits gibt, nicht mitgealtert sind. „Normalerweise altern die Besucher mit dem Wirt und der Kneipe mit. Im Klimperkasten haben Unten: Alle zwei Jahre verwandelt sich der große Biergarten zur Sportarena, wenn hier Fußball-WModer EM-Spiele im Freien übertragen werden. wir seit jeher junges Publikum.“ So gehen heute längst die Kinder der ersten Gästegeneration im Klimperkasten ein und aus. Eine weitere Attraktion: Im Keller richteten sie eine kleine Brauerei ein und veranstalteten Bierbrauseminare. Heute, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, in denen sich der Klimperkasten längst zu einer Kultkneipe entwickelt hat, können sich Andy und Uwe Reich mehr Freizeit gönnen und sich auf gute Mitarbeiter verlassen. Ganz ohne Gastronomie geht es dennoch nicht. Vor sechs Jahren entschloss sich Andy dazu, gegenüber dem Klimperkasten den „Hirsch-Imbiss“ einzurichten. Ursprünglich sollten damit Synergieeffekte genutzt werden, wenn die Biergartengäste Appetit auf Burger & Co. bekamen. Dass sich der Schnellimbiss eines Tages als Retter in der Not erweisen sollte, war Andy damals nicht bewusst. In der Coronazeit, als mit dem Bistro keine Einnahmen erzielt werden konnten, rettete der Imbiss ein stückweit die Existenz der beiden Brüder. Und da kommen auch ernste Seiten der ansonsten immer gut gelaunten Gastronomen zum Vorschein. „Wir haben keine Perspektive, wie es mit der getränkeorientierten Gastronomie weitergeht“, sagen sie im Herbst dieses Jahres und auf den vor ihnen liegenden Winter blickend, wenn die Außengastronomie witterungsbedingt eingestellt ist und drinnen möglicherweise nur Gäste mit Impfoder Genesenennachweis bedient werden dürfen. „Uns macht es keinen Spaß, Gäste wegschicken zu müssen. Und wenn der 2-G-Nachweis kommt, wird für uns die Luft dünn“, machen sie klar, dass auch ein Klimperkasten ohne Umsatz nicht unbegrenzt klimpern kann. 235

 

 

 

Der „Fleigle“ – der Buchenberger Fotograf Johann Georg Fleig von Bernd Möller Alltagsszenen, Brauchtum, oder Portraits: Der gerade 1,30 Meter große Johann Georg Fleig, gebürtig im Stockwald bei St. Georgen, war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Pionier der Fotografie im Schwarzwald. Ihn und seinen von einem Hund gezogenen Karren mit der Fotoausrüstung darin kannte im Großraum Königsfeld/St. Georgen sowie im Gutachtal so gut wie jedes Kind. Und der „Fleigle“ gilt zugleich als einer der Begründer der inszenierten Trachtenfotografie, wie sie ja seit wenigen Jahren eine Renaissance ohnegleichen erlebt. 236 8. Kapitel – Kunstgeschichte / Fotografie

 

 

 

Johann Georg Fleig bei der Arbeit im Atelier.

 

 

 

Blick zum Schlosshof im Buchenberger Zinken Martinsweiler, wo Johann Georg Fleig bis 1885 sein Fotoatelier betrieb, um dann nach Hornberg umzusiedeln. Als Fotograf blieb er dem Großraum Königsfeld/St. Georgen jedoch weiter treu. Er wäre mein Nachbar gewesen, hätten wir zur gleichen Zeit gelebt. Und ich glaube, er hätte mich auch damals schon fasziniert. Auf dem alten Schlosshof im Buchenberger Zinken Martinsweiler, direkt oberhalb der Ruine Waldau, heute Ortsteil von Königsfeld, verbrachte er seine Jugendzeit. Dort stand auch bis zum Umbau zur heutigen Tierarztpraxis in den 1990er-Jahren ein alter, halbverfallener Schuppen hinter dem Hof, wie üblich voller Spinnweben und Gerümpel. Dort wäre mal eine Werkstatt gewesen. Ein abenteuerlicher Platz, die Kinder erzählten von alten, ausgestopften Tieren und seltsamem Gerät. Vor dem anstehenden Abbruch und Umbau brachten meine Nachbarn, die damalige Besitzerfamilie Hubert Kunz, noch einiges aus diesem Schuppen ins Dorfmuseum nach Buchenberg, von dem sie meinten, dass es für den Geschichtsverein von Interesse sein könnte: Einen verstaubten und verschrammten Koffer mit Büchern und Zeitschriften, Fachliteratur zur Fotografie, zu Fotolithografie und Lichtdruck, aber auch naturkundliche Werke und Anleitungen zur Tierpräparation aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, Flaschen mit undefinierbaren Chemikalien und eine Vielzahl kleiner Glasplatten. Bei genauerem Hinsehen entpuppten sich diese als belichtete fotografische Platten. Und hier erst hörte ich auch zum ersten Mal den Namen „Fleigle“. Christa Kunz stellte sich als seine Urgroßnichte heraus. Sie erzählte mir mit Begeisterung von dem Buchenberger Original, diesem bemerkenswerten Fotografen und Fotokünstler Johann Georg Fleig. Ich wurde aufmerksam auf seine Arbeiten: Alte Postkarten von Königsfeld und Umgebung, die für den Geschichtsverein und seine Arbeit immer schon wichtig waren. Portraits, Hochzeitsbilder, alte Fotos aus dem Archiv, stellten sich als seine Arbeiten heraus. Und wie es oft so ist, wenn eine Beziehung entsteht, schaut man sich die Dinge genauer an, erkennt immer mehr Details und bemerkt die hohe Qualität dieser frühen fotografischen Arbeiten. 238 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Johann Georg Fleig hat die fünf Weiherhof-Kinder vor neutralem Hintergrund fotografiert, dann zur Schere gegriffen und seine Modelle vor der Kulisse eines Buchenberger Bauernhauses perfekt in Szene gesetzt. Ringel-Ringel-Reihn 239

 

 

 

Und ich entdeckte eine Spezialität dieses „Fleigle“: Seine zeichnerisch verbesserten, oft handkolorierten Ansichtskarten. Nicht nur unter Postkarten-Sammlern sind diese kleinen Kunstwerke schon lange ein Geheimtipp, sind sie doch aufwendig gefertigte, künstlerisch hochwertige zeitgenössische Dokumente. Eine liebevoll zusammengetragene Sammlung davon ist noch im Dorf bei Anni und Hansjörg Lauble vorhanden. Kleinwüchsig, aber geistig hell wach Hinter all dem steckt ein anrührendes menschliches Schicksal: Am 21.11.1859 wurde Johann Georg Fleig im Gsod, Gemarkung Stockwald, in einfachen Verhältnissen als viertes Kind seiner Eltern Andreas und Anna Fleig geboren. Die zwei ersten Kinder starben schon bei der Geburt, und auch er war nicht gesund: Er sollte Zeit seines Lebens nicht größer werden als knapp 1,30 m. Ein hartes Schicksal, gerade in dieser Zeit. Aber er war trotz seiner Behinderung lebhaft und geistig hellwach. Sein Vater Andreas Fleig ernährte die Familie mühsam als Landwirt und Uhrmacher. Er galt als fleißig, sparsam und hatte wohl auch Glück. Wichtig für die Familie war des „Fleigles“ erster Pate Mattäus Fleig. Dieser bereiste als Uhrenträger das ganze Rheinland bis an die Nordsee, aber auch große Teile Frankreichs und selbst Venedig. Er vertrieb die Schilderuhren des Vaters und hatte dabei offensichtlich vielfach Erfolg. So kam der fleißige und sparsame Vater über die Jahre zu einem kleinen Vermögen. Vermittelt von des „Fleigles“ zweiter Göttin Anna Fleig, der Ehefrau des Schlossmüllers Andreas Haas, konnte er schließlich den etwas heruntergekommenen Schlosshof in Waldau kaufen. Die Schlossmühle grenzte an den Schlosshof an. Anna Fleig war wohl auch in Zukunft für den kleinen Johann Georg wichtig, da sie sich als Göttin sehr um ihn kümmerte und ihn ihr Leben lang unterstützte. Zinzendorfschule öffnet den Weg ins Leben Da Johann Georg Fleig bei der Landwirtschaft wenig helfen konnte, sahen sich die Eltern für ihn nach einem anderen Broterwerb um. Es gelang ihnen, ihren Sohn bis 1877 auf die nahe Zinzendorfschule in Königsfeld zu geben. Das war für ihn in vielerlei HinAuf der Zinzendorfschule in Königsfeld wurde Johann Georg Fleig trotz oder gerade wegen seiner Behinderung sehr gefördert und er erwies sich als ein fleißiger, intelligenter Schüler. sicht ein Glücksfall. Die Einrichtung der Herrnhuter Brüdergemeine galt schon damals als angesehene Privatschule in kirchlicher Trägerschaft. Dort wurde Johann Georg Fleig trotz oder gerade wegen seiner Behinderung sehr gefördert, und er erwies sich als ein fleißiger, intelligenter Schüler. Das internationale Milieu der Lehrerund Schülerschaft weitete seinen Horizont. Er nutzte das breite Spektrum der an der fortschrittlichen Schule angebotenen Fächer. Besonderes Interesse fand er an der Biologie und dem Kunstunterricht. Zeichnen konnte er ja schon seit jungen Jahren, da er seinen Eltern bei der Bemalung der Uhren über die Schulter geschaut und schon früh mitgeholfen hatte. Besonders sein Lehrer Heinrich Barth hatte es ihm angetan. Er hatte nämlich ein zu dieser Zeit sehr ausgefallenes Hobby: die Daguerreotypie. Schon 1866 ließ sich Barth aus Frankreich einen der ersten der hölzernen Fotoapparate kommen, richtete an der Schule ein Fotolabor ein und unterrichtete die Fotografie als fakultatives Lehrfach. Ob die Experimente mit der benötigten Chemie, der Selbstbau hölzerner Kameragehäuse oder die Nachbearbeitung der belichteten Glasplatten: Es gab noch keine festen Regeln, alles war neu. Das faszinierte und prägte den jungen Fleig. Er schloss sich Barth eng an, viele Stunden verbrachten sie gemeinsam in ihrem Labor, bis Barth dem kleinen Fleig nichts Neues mehr beibringen konnte. Das Abitur konnte er am renommierten Gymnasium nicht machen, dafür fehlte den Eltern das Geld. Aber die Schule hatte ihn geprägt. Viele Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen, der ihn durchs Leben tragen konnte, hatte er bei seiner körperlichen 240 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Ein Uhrenträger auf Wanderschaft Sehr wahrscheinlich hat Johann Georg Fleig hier seinen Paten fotografiert, den Uhrenträger Mattäus Fleig, der u.a. die Uhren des Vaters erfolgreich an den Mann brachte. 241

 

 

 

Situation nicht. Folgerichtig ging er 1897 bei Fotograf Dahl in die Lehre, der sich zu dieser Zeit als Erster seines Fachs aus Berlin kommend in Königsfeld niederließ. Zu ihm entwickelte er ein enges Verhältnis, und als ihm dieser nichts mehr beibringen konnte, setzte er seine Ausbildung bei der Firma Kurz in Mönchweiler fort. Dabei handelte es sich um einen der allerersten Berufsfotografen im Schwarzwald, der auch mit der Entwicklung der Fototechnik Schritt hielt. Obwohl Kurz anfänglich Bedenken hatte, ob sich Johann Georg für diesen Beruf wirklich eignet, ließ er sich schließlich doch auf einen Versuch ein. Der Grund lag, wie zu erwarten, in Johann Georgs Behinderung. Man darf seine Körpergröße nicht vergessen: 1,30 m! Die Fotoapparate dieser Zeit waren schwere Hartholzkästen. Dazu kamen das Dreibeinstativ sowie die beschichteten Glasplatten. Da diese kurz nach ihrer Belichtung entwickelt werden mussten, brauchte es vor Ort ebenso all die dazu erforderlichen Chemikalien. Das waren selbst für einen gesunden Mann ordentliche Gewichte, vor allem, wenn man im Gelände oder bei der Kundschaft arbeitete und nicht im Atelier. Aber Johann Georg Fleig war zäh – hielt durch. Was ihm an Körperkraft mangelte, ersetzte er durch andere Begabungen. Fotografie damals bedeutete viel Handarbeit und erforderte Geschick: Im Labor wurden die Glasplatten von ca. 13 x 18 cm poliert und mit Kollodium beschichtet, in das lichtempfindliche Silberhalogenid-Kristalle eingebettet waren, Salze aus Silber und Halogene wie Brom, Jod, Chlor oder Fluor. Die Chemikalien mussten selbst angesetzt werden. Bei Lichtkontakt fällt dann das Silber aus und es entstehen winzige metallische Körnchen, aus denen sich die Abbildung zusammensetzt. Diese beschichteten Platten wurden in der Kamera durch gesteuerten Lichteinfall belichtet und dann im noch nassen Zustand unter einem schwarzen Tuch im Kamerakasten sofort weiter bearbeitet. Ein aufwendiges Verfahren. Es war noch nicht möglich, die Aufnahmen vor Ort zu belichten und zu einem späteren Zeitpunkt zu entwickeln. Zu Johann Georgs Lehrzeit kam die Beschichtung der Platten mit Gelatine auf und damit ein deutlich verbessertes Verfahren. Gelatine quillt auf, sodass für die weitere Entwicklung benötigte Chemikalien eindringen können. Sie schrumpft beim Trocknen wieder, ohne dass Lage und Form der so bearbeiteAls Meister galt er bei der Bearbeitung der nicht immer gleich perfekten Bilder. Retuschen, Bearbeitungen mit Bleistift, Pinsel und Tusche und Handkolorierungen beherrschte er in hohem Maß. ten Silbersalze verändert werden. Das war wichtig, da die Silberhalogenid-Kristalle nicht für alle Wellenlängen, sondern nur für blaues und ultraviolettes Licht empfindlich sind. Sie müssen durch Einfärbung für andere Wellenlängen und damit Farben erst sensibilisiert werden. Die hierfür erforderlichen orthochromatischen Emulsionen mussten die Fotografen selbst herstellen. Vieles war noch experimentell – hierbei bewies Johann Georg Fleig viel Geschick. Als Meister galt er bei der Bearbeitung der nicht immer gleich perfekten Bilder. Retuschen, Bearbeitungen mit Bleistift, Pinsel und Tusche und Handkolorierungen beherrschte er in hohem Maß. Das erste Atelier in Buchenberg Bald entstand ein enges Verhältnis zwischen dem Mönchweiler Lehrmeister und seinem Gesellen. Kurz lobte ihn in der Öffentlichkeit als in manchen Dingen ihm überlegen, sprach ihn frei und empfahl ihm, ein eigenes Atelier zu eröffnen. Sein Erfolg führte dazu, dass ihm sein Bruder Andreas, der inzwischen den Schlosshof an der Waldau in Buchenberg übernommen hatte, durch einen Anbau im hinteren Teil des Hofes ein Atelier einrichtete, eben den eingangs erwähnten „Schuppen“, was ihm die Selbstständigkeit ermöglichte. In Buchenberg perfektionierte Johann Georg die zeichnerische Verbesserung seiner Fotografien, von hier aus zog er mit einem Wägelchen übers Land, worauf er den schweren Fotoapparat, das sperrige Dreibeinstativ und den Chemikalienkasten geladen hatte. Gezogen wurde der Wagen von einem Hund. 242 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Die Schwarz-Weiß-Fotografie ist meisterhaft inszeniert. Im Hintergrund wurde sie lasierend retuschiert, um so den optischen Schwerpunkt auf die Menschen zu lenken. In den Heidelbeeren 243

 

 

 

Johann Georg Fleig achtete stets auf sein Äußeres: Mit schwarzer Melone auf dem Kopf und in seinem schwarzgrauen Anzug entwickelte er sich, gescheit und umtriebig, zu einer geachteten Persönlichkeit. Und er verdiente Geld. Sein Götte Mattäus Fleig aus Stockburg nahm auf seinen Touren als Uhrenträger auch Fotografien seines „Fleigle“ mit. So etwas hatte man auf vielen Höfen bisher noch nicht gesehen – diese Neuheiten verkauften sich gut. Die üblichen Portraits und Aufnahmen bei Familienfesten mit ihren rein technischen Problemen füllten den begabten Fotografen bald nicht mehr aus. Er strebte nach mehr – nach „malerischer Fotografie oder fotografischer Malerei“. So fertigte der „Fleigle“ thematische Fotoserien: Phasen des Lebens, Handwerker bei ihrer Arbeit, ländliche Sitten und Gebräuche, Höfe und Landschaften. Doch es hielt ihn nicht auf Dauer in Buchenberg. Das Amtsstädtchen Hornberg mit seiner Eisenbahn, der aufkommenden Industrie und dem immer stärkeren Tourismus reizte ihn. 1885 wagte er den entscheidenden Schritt: Der „Fleigle“ eröffnete in Hornberg ein Atelier. Der Anfang war beschwerlich. Es wird berichtet, dass Johann Georg Fleig mit Trippelschritten sein schweres Gepäck zu Fuß stundenlang ins Reichenbächle schleppte, um dort erste Hochzeitsbilder zu machen. Aber die Qualität seiner Aufnahmen überzeugte auch anspruchsvolle Kunden und sein Können sprach sich schnell herum. Ständig experimentierte er mit neuen Ideen. So kam der „Fleigle“ auf die Idee, seine Bilder in Kupferplatten zu stechen und sie in Serien drucken zu lassen, so zur Bebilderung von Büchern. Auch Lithografien wurden hergestellt. Er gründete einen eigenen Verlag, den „J. G. Fleig Photograph und photographischer Verlag Hornberg“. Weiter kam ihm die Idee, von seinen entwickelten Glasplatten durch ein Kontaktverfahren Diapositive herzustellen und diese zu kolorieren. Neuartige Projektoren erlaubten es, diese Kunstwerke vorzuführen. Kunstbücher, biologische und geografische Werke gaben zusätzliche Motive her. Bald schaffte die Stadt Hornberg zwei Projektoren und etliche Diapositiv-Serien für ihre Schulen an. Begabter Tier-Präparator Immer schon hatte er eine große Freude an der Natur, ein großes Interesse an Tieren, besonders an VöBeim Präparieren von Tieren auf dem Schlosshof in Buchenberg, fotografiert 1892. Zu sehen ist Andreas Fleig, der Bruder des Fotografen, mit seiner Ehefrau Anna Dorothea und Tochter Anna Maria (Mitte hinten). geln. Sein Bruder Andreas war Jäger und hatte sich die Präparation von Tieren beigebracht, vor allem von Auerhähnen, die im Schlosshof in der Stube hingen. Von ihm hatte sich das „Fleigle“ einiges abgeschaut. Aber auch im Biologie-Unterricht der Zinzendorfschulen wurden solche Techniken gelehrt und gelernt. Anhand von Fachbüchern perfektionierte er diese, vor allem die Gestaltung von lebensnahen Gipskörpern mit Holzgestellen, die nach dem Überzug des konservierten Felles oder Gefieders das Tier wieder in einer natürlichen Stellung zeigten. Die Jägerschaft um Hornberg herum nahm das Angebot gerne an. Durch Zufall kam er sogar an einen Auftrag des Fürsten von Fürstenberg, der auf seiner alljährlichen Auerhahnjagd in Hornberg eine ganze Reihe besonders prächtige Exemplare geschossen hatte und sie schnell präpariert haben wollte. Er wurde an Johann Georg verwiesen, der für den unverhofft großen Auftrag schnell ein paar Hilfskräfte einstellen musste. Das Ergebnis fiel zur vollen Zufriedenheit des Fürsten aus, führte zu Folgeaufträgen und bildete ein weiteres Standbein der immer mehr florierenden Firma des Johann Georg Fleig. 244 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

„Fischen und Krebsen“ bei der Schloßmühle Johann Georg Fleig strebt nach „fotografischer Malerei“, was ihm auch bei diesem Motiv eindrucksvoll gelingt: Im Bach waten die Haller-Kinder – die Buchenberger Kinder standen dem „Fleigle“ gerne Modell. 245

 

 

 

Fotografische Souvenirs für Touristen Generell kam zum Fotografieren bald das Geschäft mit den Touristen, die in dieser Zeit immer mehr den Schwarzwald entdeckten. Sein Fotografen-Geschäft wurde zum Andenkenladen. Seine auf Glasplatten entwickelten und fixierten Aufnahmen stach er in Stahl und Kupfer und stellte davon Kunstdrucke her, er verkaufte Uhren mit nach seinen Fotomotiven gestalteten Uhrenschildern und Schwarzwald-Mineralien, zum Beispiel aus Wolfach, fertigte Schnitzarbeiten und Intarsienbilder seiner Fotografien, bot seine Tierpräparate an und kam auch noch auf die Idee, seine Aufnahmen als Postkartenserien zu verlegen. Bis zu fünfzehn Angestellte arbeiteten zuletzt für ihn. Er wurde, trotz seiner Zwergwüchsigkeit, eine angesehene Persönlichkeit in der Amtsstadt Hornberg. Und er unterhielt einen honorigen Freundeskreis mit dem Bürgermeister und dem Gemeindearzt. Recht wohlhabend geworden, weitete er seinen Aktionsradius aus. Die Eisenbahn ermöglichte ihm Ausflüge nach Engen, Konstanz und dem Bodensee. Auch hier entstanden künstlerisch und dokumentarisch hochwertige Arbeiten. Aber die allgemeine Entwicklung holte ihn schließlich ein, überholte ihn. Immer neuere Fotoapparate, leichter und noch leichter zu bedienen, und schließlich der einfach zu entwickelnde Rollfilm sorgten dafür, dass die Fotografie von einer hohen Kunst immer mehr zu einem verbreiteten Hobby wurde. Mit seiner aufwendigen Glasplattentechnik und seinem künstlerisch-malerischen Anspruch wurde er immer mehr zu einem altmodischen Vertreter seiner Kunst. Sein Ansehen sank, er wurde belächelt und – nicht zuletzt auch wegen seiner Behinderung – immer mehr verspottet. Auch gesundheitlich ging es ihm immer schlechter. So verkaufte er nach ziemlich genau zwanzig Jahren 1905 sein Geschäft und verließ Hornberg. Er zog um nach Oberweiler im Amt Badenweiler, wo er seine Krankheit zu kurieren versuchte. Seine Ersparnisse ermöglichten es ihm, kürzer zu treten. Aber auch dort schuf er sich Ansehen durch seine Arbeit, die er nicht lassen konnte: Fotoarbeiten und Tier-Präparationen. Seinen von einem großen Hund gezogenen Karren kannte jedes Kind. Und jetzt nahm er sich die Zeit und gönnte sich größere Reisen, so nach Venedig im Jahre 1913 und nach Hessen und Thüringen 1918. Auch dort entstanden fotografische Kunstwerke. Mit 64 Jahren starb Johann Georg Fleig. Eine große Abordnung von Freunden und Bekannten aus dem Schwarzwald, darunter viele Trachtenträger aus Buchenberg, St. Georgen und Hornberg, begleiteten ihn auf seinem letzten Gang. Ihn, den kleinen Mann, den großen Fotografen des Schwarzwaldes seiner Zeit. Schwarzwälder Trachtenträger begleiten den „Fleigle“ auf seinem letzten Weg Doch sein überstrapazierter Körper ließ ihn langsam immer mehr im Stich. Mit 64 Jahren starb er schließlich am 16. Juni 1924 in Oberweiler. Eine große Abordnung von Freunden und Bekannten aus dem Schwarzwald, darunter viele Trachtenträger aus Buchenberg, St. Georgen, dem Gutachtal und Hornberg, begleiteten ihn auf seinem letzten Gang. Ihn, den kleinen Mann, den großen Fotografen des Schwarzwaldes seiner Zeit. Sein fotografischer Nachlass erlitt ein besonderes Schicksal: Noch in den letzten Kriegstagen wurde Hornberg durch Luftangriffe getroffen. Die Kirche war schwer beschädigt, Dach und Fenster fehlten. Das Dach konnte schnell notdürftig gerichtet werden, aber die Fenster? Glas fehlte überall. Da erinnerte man sich, dass im Keller des Rathauses noch so große alte Kisten mit irgendwelchen Glasplatten von wem auch immer abgestellt waren. Tagelang wurde das Silberbromid von den Glasplatten abgeschrubbt und notdürftig damit die fehlenden Scheiben ersetzt. Schon ein halbes Jahr später war Glas wieder erhältlich, die unansehnlichen Notfenster wurden wieder herausgeschlagen und ein unermesslicher Schatz 246 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Fotografiert vor einer schlichten Scheunenwand. Die Schäpel hat Johann Georg Fleig von Hand koloriert. Buchenberger Trachtenmädchen 247

 

 

 

In der Schule – beseeltes Spiel für den Fotografen Johann Georg Fleig. Er realisierte mit den Buchenberger Kindern eine ganze Serie solcher Genre-Aufnahmen, die er wie seine Trachtenaufnahmen und Brauchtumsbilder mit großem kommerziellem Erfolg absetzen konnte. In Szene gesetzt hat er hier erneut die Weiherhof-Kinder, die Farbgebung der Tracht aber teils verändert. Die Kinder wurden einzeln fotografiert und einmontiert. eine Ausstellung über das Leben und Wirken von Johann Georg Fleig präsentieren können. Der Vortrag von Prof. Dr. Andreas Beck war ein Höhepunkt. Aufgrund des nach wie vor großen Interesses am Werk von Johann Georg Fleig ist in Buchenberg für das Jahr 2022 erneut eine Ausstellung zum Schaffen des Foto-Künstlers geplant. Auch diesmal werden viele fotografische Kostbarkeiten sein technisches und künstlerisches Können aufzeigen, seine Bedeutung als Zeitzeuge dokumentieren und dazu beitragen, dass der „Fleigle“ nicht erneut in Vergessenheit gerät. Weitere Fotografien von Johann Georg Fleig finden Sie unter dem nachstehenden Link: www.almanach-sbk.de/fleig frühester Schwarzwald-Fotografie verschwand endgültig auf der Müllkippe… Würdigung eines Schwarzwälder Genius Lange Zeit war es nun still um das „Fleigle“, den Fotografen. Nur ein Kreis von Kennern und Liebhabern hielt sein Andenken aufrecht. Doch in Prof. Dr. Andreas Beck, emeritierter Chefarzt des Klinikums in Konstanz, fand er einen Menschen, den er ebenfalls zunehmend faszinierte, der aber einen entscheidenden Schritt weiterging: Mit Hilfe einiger leidenschaftlicher Sammler und viel Ausdauer trug er einen guten Teil der noch vorhandenen Arbeiten von Johann Georg Fleig zusammen und rekonstruierte auch mit Hilfe des Geschichtsvereins Buchenberg dessen Leben und Werdegang. All diese Ergebnisse veröffentlichte er schließlich 2006 in einer lesenswerten, kleinformatigen Biografie unter dem Titel: „Johann Georg Fleig – ein kleiner Schwarzwälder Genius.“ Der Geschichtsverein Buchenberg hat 2007 schon einmal anhand einer ansehnlichen Privatsammlung 248 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Altes Schwarzwaldhaus an der Glashalde bei Buchenberg Handkolorierte Fotografie aus den 1890er-Jahren. Wie so oft platziert der „Fleigle“ als Blickfang eine Gruppe von Kindern im Bild. 249

 

 

 

250 Schwarzwälder Bauernhochzeit – die Trachten stammen aus dem Kirchspiel St. Georgen, zu dem auch Buchenberg gehört. Es handelt sich bei der Aufnahme um eine groß angelegte Fotomontage. Zunächst fotografierte Johann Georg Fleig einen Bauernhof mit Kind auf der Treppe. Dann nahm er die Trachtengruppe St. Georgen

 

 

 

auf. Eine Meisterleistung für sich war es, all die Personen zusammen zu bekommen. Es folgten die Aufnahmen der Musiker. Dann griff der Fotograf zur Schere und fügte die einzelnen Bildelemente zu der abgebildeten Gesamtkomposition zusammen. Dank der Größe der Abbildung ist seine Arbeitsweise unschwer zu erkennen. 251

 

 

 

St. Georgener Brautkrone Mit das liebste Fotomotiv von Johann Georg Fleig war die Tracht von St. Georgen, die so auch in Buchenberg getragen wurde. 252

 

 

 

Fotografiert im eigens für den „Fleigle“ beim Schlosshof errrichteten „Schuppen“, der ihm in seinen Gründerjahren als Atelier dient. Die Tracht gehört zum Kirchspiel St. Georgen. Trachtenträgerin mit Rosenhut 253

 

 

 

254 Genre-Aufnahmen wie diese verkaufte der „Fleigle“ besonders gut. Begegnung am Brunnen

 

 

 

Die Tracht stammt aus der Raumschaft Vöhrenbach/Hammereisenbach/Eisenbach. 255 Schwarzwälderin

 

 

 

Schwarzwälderinnen vor dem Kirchgang Das Anziehen einer Tracht ist eine Wissenschaft für sich, zumal das Tragen des Schäpels von St. Georgen.Ihn allein aufzusetzen, ist der Trachtenträgerin nicht möglich. 256

 

 

 

Gastwirt Gottlieb Braun (links) serviert Bier. Schon früh wurde die Decke und Täfelung des Buchenberger „Rössle“ ins Badische Landesmuseum verbracht, dort aber 1945 bei einem Bombenangriff zerstört. In der „Alten Hübelen“ 257

 

 

 

Das Schlachtfest In Buchenberg, wo der Bruder lebt und er sein selbstständiges Schaffen begonnen hat, war Johann Georg Fleig auch nach der Eröffnung seines Hornberger Ateliers im Jahr 1895 oft zu Gast – etliche seiner Genre-Motive entstehen weiterhin in der alten Heimat. So die Aufnahme der Hausschlachtung oben, die zugleich Schweinsblasen für die nächste Fastnacht liefert. Ob Rind oder Schwein: Das Tier wird so weit wie nur möglich komplett verwertet. Routiniert zerlegen es die beiden Hausmetzger in Unterund Oberschale, Hüftstück, Schweinehals und -rücken, Bauchspeck und Filet, Rippchen, Koteletts und Schnitzel. Im Bottich am Bildrand links befindet sich das Schweineblut. Es muss baldmöglichst geschlagen werden, damit es nicht gerinnt. Ansonsten würde bei der Schlachtplatte am selben Abend die Blutwurst fehlen… Auf dieses Festmahl freuen sich nicht nur die Metzger und Besitzer der Sau, sondern ebenso die Säcklestrecker (siehe rechts). 258

 

 

 

Beim Säcklestrecken Das Säcklestrecken und die Hausschlachtungen stehen in unmittelbarem Zusammenhang. Am Schlachttag sitzen die Metzger und Bewohner abends traditionell in der guten Stube bei einer Schlachtplatte zusammen – und so mancher im Dorf wäre gerne dabei… Der Brauch des Säcklestreckens macht das (vielleicht) möglich: Mit einer Stange klopfen die Säcklestrecker abends ans Fenster, stellen sie dort ab und entschwinden in die Dunkelheit. Vorne an der Stange hängt ein Leinensack, in dem ein anonym verfasster Schandbrief über die „Missetaten“ des Hofbesitzers steckt. Wie der Bauer bald selbst lesen wird, droht ihm die Bekanntmachung all seiner Missetaten, wenn er von seiner heutigen „Metzgete“ nichts abgibt. Das (hoffentlich) gefüllte Säckle in derselben Nacht wieder abzuholen, ohne dabei ertappt zu werden, ist schlussendlich die eigentliche Kunst: Wird ein Säcklestrecker erwischt, färbt ihm der Bauer das Gesicht mit Ruß schwarz ein. Und seine Metzelsuppe schlürft der Säcklestrecker dann mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aus… Die obige Fotografie ist nachgestellt, denn nachts wäre sie zu dieser Zeit technisch nicht durchführbar gewesen. 259

 

 

 

Oben: Brechen des Flachses. Unten: Beim Spinnen in der Bauernstube des Mühllehenhofes. Beide Aufnahmen stammen aus Buchenberg, entstanden um 1900. Der Flachsbau 260

 

 

 

Gekonnt hat der „Fleigle“ die Spiegelungen der Ruine ins Roggenbächle hineingemalt. Da die Farbfotografie noch nicht erfunden war, verhalf ihm einzig die Handkolorierung zum Farberlebnis. An der Burgruine Waldau

 

 

 

262 Der „Fleigle“ – Fotograf Johann Georg Fleig

 

 

 

Alltägliches Arbeiten vor dem Bauernhaus im Oberen Stockwald bei St. Georgen, wo Johann Georg Fleig geboren wurde. Die handkolorierte Postkarte wurde ab 1885 vertrieben.

 

 

 

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Jessica Bisceglia New York – Paris – Schwarzwald Seit über 10 Jahren als Fotomodell erfolgreich Sie ist ein angesagtes Fotomodell und Ingenieurin der Medizintechnik. Im Dezember 2019 gewinnt Jessica Bisceglia die Wahl zur „Miss Baden-Württemberg“ und erreicht am 15. Februar 2020 beim Finale zur Wahl der „Miss Germany“ einen Platz unter den Top sechs. Die Laufbahn der gebürtigen Trossingerin hat zum Schwarzwald-Baar-Kreis viele Berührungspunkte – zumal, wenn es um Trachtenshootings geht. Ob hipp gedresst oder in Schwarzwälder oder Baaremer Tracht: Jessica Bisceglia ist wandelbar und facettenreich. New York und Paris sind nur zwei Stationen ihrer Karriere. Und doch: Ihr Herz schlägt für den Schwarzwald und den Schwarzwald-Baar-Kreis, dessen Internetseite sie schmückt. In Tracht. Dass sich Jessica Bisceglia im Schwarzwald und Schwarzwald-Baar-Kreis zuhause fühlt, hat auch mit ihrem Lebensgefährten zu tun: Profi-Ringer Peter Öhler, der aus dem Kinzigtal stammt und als derzeit für den Leistungssport freigestellter Polizeikommissar dort nebenbei eine Landwirtschaft betreibt. Peter Öhler war vier Mal Deutscher Meister im Einzel, drei Mal holt er sich diesen Titel mit der Mannschaft. 2012 gewann er bei der Weltmeisterschaft die Silbermedaille, erzählt Jessica stolz. Die Liebe zum Schwarzwald teilen sich die beiden. Jessica Bisceglia: „Ich mag einfach die Kultur und Traditionen. Der Anblick der außergewöhnlichen Landschaft ist für mich immer wieder neu atemberaubend schön“. Inzwischen hat das Paar auch eine Wohnung im Kinzigtal, wo „der nächste Nachbar 500 Kilometer entfernt wohnt“, so Jessica Bisceglia augenzwinkernd. Über die Trachtenfotografie drückt sie ihre Liebe zur Heimat auch im Bild aus. Das Fotomodell schmückte bereits etliche Titelseiten von Illustrierten und ist zusammen mit Kim Klausmann auch auf dem Umschlag des neuen Bildbandes über den Schwarzwald-Baar-Kreis zu sehen. Für diese Aufnahme schlüpfte Jessica Bisceglia in die Baaremer Tracht. Es sei jedes Mal aufs Neue ein besonderes Gefühl, eine Tracht zu tragen, freut sie sich. Jessica verbindet damit Tradition und Heimat. Und natürlich mache sie es stolz, auf dem Cover zu sein.

 

 

 

Jessica Bisceglia wird im Dezember 2019 zur „Miss Baden-Württemberg“ gewählt (links). Im Februar 2020 ist sie bei der Wahl zur „Miss Germany“ nominiert (Mitte rechts vorne mit rötlich schimmerndem Haar), bei der sie es unter die Top sechs schafft. Ein Familienmensch durch und durch Jessica Bisceglia stammt aus Schura (Kreis Tuttlingen). Dort wuchs sie auf, ihr Vater kommt aus Italien, die Mutter aus Trossingen. „Ich bin in zwei Kulturen verwurzelt“, erzählt sie und bezeichnet sich als Familienmensch. Das kommt nicht von ungefähr: Ihr Vater hat sechs Geschwister, ihre Mutter elf. Alle Familienmitglieder sind im Übrigen stolz auf ihre Jessica. Der Onkel rahmte sogar einen Zeitungsbericht über seine Nichte ein und hängte ihn auf. Ihre Verwandtschaft in Italien besucht die 29-Jährige regelmäßig. Als Fotomodell ist sie es gewöhnt, flexibel und wandelbar zu sein. „Entwicklung ist für mich wichtig“, merkt Jessica an. Sie wolle „die beste Version ihrer selbst sein“. Als sie 2020 Miss BadenWürttemberg wird, kann sie es kaum glauben. „Es war mein Mädchentraum, der wahr wurde.“ Schon als Kind wollte sie ein Fotomodell sein und verfolgte jede Staffel von „Germany‘s Next Topmodel“ und die Miss-Wahlen. Als Jessica im Jahr 2019 „Miss Baden-Württemberg“ wird und 2020 bei „Miss Germany“ dabei ist, erfüllt sich ein Mädchentraum. Eine Freundin erzählte ihr von einer Internetseite, auf der sich Models und Fotografen vernetzen können. „So bekam ich meine ersten Aufträge“. Mit 17 Jahren begann sie zu modeln und ihr Netzwerk erweiterte sich mit jedem Shooting. Den klassischen Weg über eine Agentur ging sie nicht. Denn: Die Agenturen hatten damals noch sehr strenge Vorgaben. So durfte man zum Beispiel nicht unter 1,74 Metern groß sein. Jessica misst 1,69 Meter. „Das hat sich aber alles etwas gewandelt. Die Branche ist lockerer geworden“, blickt sie zurück. Doch wie gelang ihr der Aufstieg in die große Die erfolgreiche Karriere ermöglichte es ihr, auf weite Mode-Welt? „Ich hab mich oft gelangweilt als Jugendliche und mich selbst fotografiert“, blickt sie zurück und lacht. Und so kam eins zum anderen: der Brooklyn Bridge in New York zu modeln – in 15.000 Euro teuren Abendkleidern im Schatten des Eiffelturms fotografiert zu werden – in Rom und an

 

 

 

Beim Modeshooting in Paris. Foto: Cara-Lee Echle – Designerin: Casey Jeanne

 

 

 

Jessica Bisceglia bei einem Shooting mit Fotografin Anna Grewlding und Desingerin Sabine Heisig (Aviatrix) in VS-Villingen. anderen glanzvollen Orten dieser Welt. Und für Fotos prachtvollen Schmuck im Wert von 200.000 Euro anzulegen. Die Trachtenfotografie ist eben nur eine von vielen Facetten im Leben eines Fotomodells – wenn auch eine besondere, da sie mit Heimat zu tun hat. Und dann kam das Jahr 2019 mit seinen wunderbaren Überraschungen: Zuerst wurde die damals 27-Jährige zur „Miss Schwarzwald“ gekrönt und dann im Dezember 2019 erfolgte die Wahl zur „Miss Baden-Württemberg“, die Jessica als bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere sieht. Überbracht hat ihr die freudige Nachricht die damals amtierende „Miss Germany“ Nadine Berneis, die ebenfalls aus Baden-Württemberg stammt. Die Wahl zur „Miss Baden-Württemberg“ bedeutete zugleich, dass Jessica eine von 16 Frauen sein würde, die im Februar 2020 an der Wahl zur „Miss Germany“ teilnehmen. Schüchternheit durch Modeln überwunden Überrascht ist man, wenn man von dieser bildhübschen Frau den Satz hört: „Ich war früher schüchtern.“ So hatte sie Angst davor, in der Öffentlichkeit zu sprechen. Jessica erinnert sich: „Vor der Wahl zur „Miss Schwarzwald“ war ich einen Monat lang durchgängig nervös, nur weil ich mich kurz vor Publikum vorstellen sollte.“ Doch sie überwand ihre Schüchternheit. Das neue Konzept des „Miss Germany“-Wettbewerbs trug ebenfalls dazu bei, denn es ist auf Persönlichkeit ausgerichtet. In Camps – unter anderem in Ägypten – wurden die Teilnehmerinnen rhetorisch geschult. Das habe ihr geholfen, so Jessica Bisceglia. Außerdem wurden die Frauen in Social Media fit gemacht, in der Selbstvermarktung somit. Gut vorbereitet trat Jessica Bisceglia dann vor 1.500 Zuschauern auf die Bühne im Europapark Rust. „Es fühlte sich für mich an wie ein Heimspiel.“ Lautstark angefeuert wurde sie während des Wettbewerbs von ihrer Familie und vielen Freunden. Das neue Konzept des Wettbewerbs sieht auch vor, dass ältere Models teilnehmen. „Weg vom Klischee“, sagt Jessica. Die Gewinnerin, die 35-jährige „Miss Germany“ Leonie von Hase, verkörpert für sie den Wandel in der Branche: „Sie ist Model, Mutter und Unternehmerin.“ Eine Mutter als „Miss Germany“ hatte es zuvor noch nie gegeben.

 

 

 

Wandelbar und facettenreich – Foto: Sebastian Klingk, VS-Villingen Modeaufnahmen mit Eule im Wald bei Trossingen. Foto: Cara-Lee Echle

 

 

 

Im Schatten der Pandemie Als amtierende „Miss Baden-Württemberg“ hatte sie für das Jahr 2020 eigentlich einen prall gefüllten Terminkalender – doch die Pandemie machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Geplante Events im Europapark, auf dem Cannstatter Wasen und mehrere Wohltätigkeitsveranstaltungen mussten abgesagt werden. Dennoch hatte sie Einsätze als Botschafterin in ganz Baden-Württemberg. Jessica Bisceglia war bewusst, dass sie in dieser Situation Eigeninitiative ergreifen muss, denn„ein Titel ist nicht alles“. Da sie auch als Fotomodell nur eingeschränkt arbeiten kann, startet sie online mit Social-Media-Kampagnen durch. Die 29-Jährige baute sich eine zweite Karriere als Marketing-Managerin auf und arbeitet auf ihrem eigenen InstagramAccount als Markenbotschafterin für regionale Firmen, Modelabels und andere Unternehmen. Social Media und Marketing mache ihr große Freude, sie sei auch dank des Coachings sehr kommunikativ. Wie erfolgreich Jessica Bisceglia dabei ist, beweisen ihre 14.000 Follower auf Instagram. Wer wie Jessica Bisceglia als Fotomodell in der ersten Liga der Branche mitspielt, der muss auf seine Fitness besonders achten. Sie liebt Sport, vor allem Laufen und Handball – spielt bei der HSG Baar. Und auch im Fitnessstudio ist das Modell ständig anzutreffen. Ob die junge Frau bald heiraten wird? Als Braut ist sie nach ihrer Teilnahme bei der Sendung „Die schönste Braut“ des Senders VOX jedenfalls bereits bestens bekannt: Sie erreichte den zweiten Platz. Das Motto lautete „schlichte Eleganz auf dem Land“. Auch bedingt durch Corona ist Jessica Bisceglia mittlerweile ins Berufsleben eingestiegen, bringt ihre medizinischen Kenntnisse bei einer Manufaktur ein, die sogenannte funktionelle Säfte produziert wie sie beispielsweise im Rahmen von Kuren eingesetzt werden. Die Karriere als Fotomodell ist dennoch längst nicht beendet: Im Herbst 2021 hat Jessica so viele Anfragen wie lange nicht – ihr Typ, ihre Eleganz, das Strahlen und ihr freundliches Wesen sowie das unkomplizierte Miteinander sind in Fotostudios in ganz Deutschland und darüber hinaus gefragt. Ob weitere Fernsehaktivitäten folgen, lässt sie offen. Wer Jessica kennt, der weiß, dass in ihrer Karriere so oder so weitere Höhepunkte folgen werden. Elke Reinauer/wd Auf Instagram hat Jessica Bisceglia 14.000 Follower, ihre Aktivitäten werden vielfach wahrgenommen. Foto: Sebastian Klingk. „Man muss immer 100 Prozent geben“ Jessica sieht ihren Erfolg in der Branche in ihrer Persönlichkeit und in Tugenden wie Ehrgeiz und Durchhaltevermögen. Letzteres benötigt ganz besonders, wer für Foto-Shootings gebucht wird: Sie dauern nicht selten bis zu zehn Stunden. „Ich kann dann nicht kurz vor Feierabend nachlassen. Man muss immer hundert Prozent geben“, sagt sie. Die Fotomodelle, die heutzutage Karriere machten, seien alles andere „als nur schön“ – sie sind vielmehr ehrgeizig und klug, blickt sie auf die Branche. Das trifft besonders auch auf Jessica zu: Die 29-Jährige machte nach dem Bachelor-Studium „Molekulare und technische Medizin“ ihren Master in „Technical Physician“, ist Ingenieurin der Medizintechnik von Beruf. Diesen Abschluss bezeichnet sie als Meilenstein in ihrem Leben.

 

 

 

Jessica Bisceglia mit Partner Peter Öhler. Foto: Cara-Lee Echle

 

 

 

Aline Rotter-Focken gewinnt Olympia-Gold im Frauenringen von Hans-Jürgen Kommert und Wilfried Dold Frauenringen ist eine Sportart, die seltener im Fernsehen übertragen wird – zumal live: Es ist Montagabend in Tokio, in der Makuhari Messe findet das Finale der Olympischen Spiele im Frauenringen bis 76 Kilogramm statt, es kämpft Aline RotterFocken. Die 30-Jährige schafft an diesem 2. August 2021 zu ihrem Karriereende etwas, was bisher keiner zweiten deutschen Ringerin vergönnt war: Sie wird mit dem allerletzten Kampf zugleich Olympiasiegerin. Mit einer Deutschlandfahne um die Schultern und ihrer Goldmedaille um den Hals sagt sie nach ihrem Kampf beim Interview mit der Weltpresse: „Es beweist einfach, dass harte Arbeit sich auszahlt und manchmal im richtigen Moment alles zusammenkommt.“ Die Wahl-Tribergerin besiegte eben die fünfmalige Weltmeisterin Adeline Gray aus den Vereinigten Staaten, die Nummer eins der Setzliste. Aline Rotter-Focken schreibt damit OlympiaGeschichte und macht neben ihrer Heimat Krefeld ganz Triberg und Schonach stolz, wo die Gesundheitsmanagerin lebt und arbeitet, man sie kennt und schätzt. Ein weiterer Sieg folgt: Aline Rotter-Focken wird „Die Beste 2021″, setzt sich bei der Wahl des deutschen Spitzensportlers des Jahres 2021 durch.

 

 

 

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Die Vorkämpfe auf dem Weg zum Olympiasieg sehen wahrscheinlich nur echte Fans dieses Sports, finden sie doch zu eher unglücklichen Zeiten statt – ab etwa fünf Uhr deutscher Zeit am Sonntagmorgen beispielsweise. In Tribergs EventKino, im „TEK“, harren allerdings bereits ab vier Uhr nachts rund 30 Fans, Freunde und Bekannte sowie etliche Triberger Ringer der Dinge. An ihrer Spitze Jan Rotter, Ehemann von Aline Rotter-Focken und ehemaliger Triberger Spitzenringer. Die Familie ihres Mannes hätte Aline gerne gemeinsam mit ihren Eltern nach Japan begleitet – dann aber kam die bittere Absage. Am Ende waren es ausschließlich Sportler und Betreuer, die zu Olympia durften – der Pandemie wegen, die man in Japan keineswegs im Griff hatte. Umso größer der Jubel im Triberger Kinosaal, als sich Aline Rotter-Focken nach ihrem ersten Kampf, dem Achtelfinale gegen Sieg um fünf Uhr morgens: Nächtliche Live-Übertragung in Tribergs Event-Kino „TEK“. Rechts im Bild Ehemann Jan Rotter. Wasilisa Marsaliuk (Belarus), über einen hart umkämpften Sieg freuen darf. Ihr Mann sorgte bei diesem und allen weiteren Kämpfen per mit dem Handy übermitteltem Video dafür, dass Aline den Triberger Jubel fern der Heimat mitbekommt. Als Kleinkind zum ersten Mal „Ringerluft“ geschnuppert Aline Rotter-Focken stammt aus Krefeld, wo sie in eine Familie hineingeboren wird, in der das Ringen seit Generationen eine wichtige Rolle spielt. So wird ihr Großvater Hans Focken 1964 deutscher Vizemeister im freien Stil gegen den als „Kran von Schifferstadt“ bekannten Wilfried Dietrich. Sie selbst beginnt 1996 beim KSV Germania Krefeld mit dem Ringen und trainiert ab 2001 mehrmals pro Woche beim AC Ückerath in Dormagen, der schon damals auf Frauenringen spezialisiert ist. Dort ist auch der Landesund Bundesstützpunkt für das Frauenringen angesiedelt. Nachdem ihr Talent erkannt ist, wird Aline Focken im Stützpunkt von Landestrainer Heinz Schmitz bis zu ihrem 24. Lebensjahr trainiert.

 

 

 

Zusätzlich trainiert sie mit ihrem Vater HansGeorg Focken und wird seitens der Nationalmannschaft zunächst von Jörg Helmdach und zuletzt von Patrick Loës betreut. Bei einer Körpergröße von 1,76 Metern ringt sie zuletzt in der Gewichtsklasse bis 76 kg Körpergewicht, nachdem sie vorher in der Gewichtsklasse bis 69 Kilogramm gerungen hatte. „Bereits als Kleinkind habe ich zum ersten Mal Ringerluft geschnuppert und regelmäßig auf der Matte herumgetobt, da ich meinen Vater, meinen Opa und meinen Bruder regelmäßig zu ihren Kämpfen begleitete. Mein Opa startete in den 1960er-Jahren die kleine Ringer-Ära der Familie Focken und infizierte seine Söhne, Enkel und mich ebenso mit der Freude und der Leidenschaft am Ringkampfsport“, schildert sie ihren beinahe schon vorgezeichneten sportlichen Werdegang. Mit vier Jahren habe sie dann zum ersten Mal am Ringertraining des KSV Germania Krefeld unter der Leitung ihres Vaters Hans-Georg teilgenommen, mit sieben seien die ersten Wettkämpfe gekommen, erinnert sie sich. Mit zwölf Jahren wurde sie in den „Landesleistungskader NRW“ berufen, mit 15 führte sie der Weg in die Nachwuchs-Nationalmannschaft. Dieser Erfolg war keineswegs vorgezeichnet. „Eigentlich bin ich zunächst nur mit zum Ringertraining gegangen, um mich mal richtig auszutoben und die überschüssige Energie loszuwerden, die ich als Kind fast schon im Übermaß besaß. Meine Erfolge kamen erst einige Jahre später, nach vielen harten Trainingstagen. Sie brachten mich dazu, mit immer größerer Motivation und viel Spaß diesen Weg weiter zu verfolgen“, zeichnet sie ihre sportlichen Lehrjahre nach. Links: Erste Wettkampferfahrungen in jungen Jahren. Rechts: 2009 wird Aline Focken Deutsche Meisterin. Einen ersten größeren Erfolg auf nationaler Ebene hat sie im Jahre 2004, als sie bei den Deutschen Jugendmeisterschaften einen dritten Platz belegt. Im Jahre 2005 folgt bei den gleichen Meisterschaften der zweite Platz, den sie auch 2006 erreicht. Im Jahr 2007 wird sie erstmals Deutsche Jugendmeisterin in der Gewichtsklasse bis 60 kg. Diesen Titel verteidigt Aline 2008. Es folgten internationale Erfolge, so mehrere Bronzeund Silbermedaillen bei Europaund Weltmeisterschaften. 2014 dann startet Aline Rotter-Focken bei den Weltmeisterschaften in Taschkent und siegt dort in der Gewichtsklasse bis 69 kg – ist damit die Weltmeisterin. In der Form ihres Lebens Der Weg zu den Olympischen Spielen des Jahres 2021 hat eine überaus erfolgreiche Vorgeschichte: Bereits im September 2019 finden sich Freunde, Sponsoren, die Familie ihres Mannes und FrauenBundestrainer Patrick Loës in Triberg ein, um die erneut erfolgreiche Sportlerin zu empfangen, nachdem sie bei den Weltmeisterschaften in Kasachstan die Bronzemedaille schaffte. Damit löste sie zugleich ihr Olympia-Ticket. Von jetzt an arbeitete Aline Rotter-Focken bei Ranglisten-Kämpfen an einer möglichst erfolgreichen Olympia-Teilnahme in Tokio. Tatkräftig unterstützt wurde sie dabei durch ihren Ehemann Jan Rotter.

 

 

 

Dass sie wohl in der Form ihres Lebens ist, deutet sich bereits beim Worldcup in Belgrad an, der Ende Dezember 2020 stattfindet und als inoffizielle Weltmeisterschaft gewertet wird. Das Finale bei den Frauen in der 76-Kilogramm-Klasse zwischen Aline RotterFocken und der amtierenden Europameisterin Yasemin Adar (Türkei) verlief zunächst ausgeglichen, ehe sich die deutsche Spitzenringerin eine 3:0-Punkteführung erarbeiten konnte. 36 Sekunden sind beide Athletinnen nach der kurzen Pause wieder auf der Matte, als die Türkin angreift, aber entscheidend von Aline Rotter-Focken ausgekontert wird. Ihr Schultersieg war für die kommende Olympiade geradezu perfekt – er brachte ihr die Goldmedaille ein. Hätten die Ringerinnen aus den USA und Japan aufgrund von Corona nicht auf die Reise nach Serbien verzichtet, dann wäre dieser Event sogar offiziell als Weltmeisterschaft gelaufen. So war es der World-Cup. Aline Rotter-Focken jedoch galt in der Ringer-Fachwelt seit diesem Abend als inoffizielle Weltmeisterin. „Für mich zählte vor allem, dass ich sehen konnte: Mein Weg in Richtung Tokio stimmt. Und dass ich in den vergangenen Monaten trotz fehlender Wettkämpfe einiges richtig gemacht habe.“ Akribisch hatte sie sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet, die eigentlich schon im Sommer 2020 hätten stattfinden sollen. Dann kam im April der erste Lockdown. Spezifisches Ringer-Training war lediglich daheim im Fitnessstudio ihrer Schwiegermutter gemeinsam mit ihrem Mann Jan möglich. Der frühere Klasseringer wurde der Trainingspartner. Das sei nicht ganz einfach gewesen – Jan kämpft griechisch-römisch, seine Frau im freien Stil. Und – „Männer kämpfen schon anders, es gab viele blaue Flecken“, lacht sie. Zwar liefen ab Juni dann für sie wieder nationale Lehrgänge, doch an Wettkämpfe war bis zum Sieg beim World-Cup in Belgrad im Dezember 2020 nicht zu denken. Für mich zählte nach dem World-Cup-Sieg vor allem, dass ich sehen konnte: Mein Weg in Richtung Tokio stimmt. Und dass ich in den vergangenen Monaten trotz fehlender Wettkämpfe einiges richtig gemacht habe. Aline Rotter-Focken im Corona-Jahr 2019 Tokio: „Go for Gold“ In Tokio folgte auf das harte Achtelfinale ein souveräner Sieg im Viertelfinale gegen die Chinesin Zhou Qian. Bei ihrem Kampf gegen die Japanerin Hiroe Minagawa im Halbfinale ging es bereits um Medaillen: Die 30 Jahre alte Wahl-Tribergerin siegt gegen die japanische Vize-Weltmeisterin und OlympiaMitfavoritin mit 3:1. Damit steht sie im Endkampf um die olympische Goldmedaille – und hat jetzt einen ganzen Tag zur Regeneration. „Ich denke, Aline hat heute wirklich einen richtig guten Tag erwischt“, ist sich an diesem 1. August ihr Mann Jan Rotter sicher. Historisches hatte sie bis bereits erreicht: Sie war die erste deutsche Ringerin, die sicher Edelmetall von einer Olympiade mit nach Hause bringen würde. Einzig die Farbe der Medaille, ob Silber oder Gold, stand noch nicht fest. Auf dem Weg zu den Olympischen Spielen Die Chance auf Gold hatte Aline Rotter-Focken 2021 machte sich die Gesundheitsmanagerin viele Gedanken über ihre Fähigkeiten. „Ich setzte mich noch mehr mit mentalem Training auseinander“. Sie arbeitete jetzt mit einem Mentalcoach und einem Sportpsychologen zugleich zusammen. Die Belohnung folgte in Belgrad: Aline Rotter-Focken trat sehr selbstbewusst auf, auch wenn sie vor dem Turnier nicht wusste, wo sie leistungsmäßig steht. gegen die an Nummer eins gesetzte fünfmalige Weltmeisterin Adeline Gray aus den USA. Eine Ringerin, mit der sie seit Jahren befreundet ist, die sie sogar zu ihrer Hochzeit eingeladen hatte. Die Amerikanerin stand in ihrem Halbfinalkampf gegen die Kirgisin Aiperi Medet Kysy tatsächlich bereits am Rande einer Niederlage. „Schade, dass sich Adeline Gray im letzten Moment doch noch durchgesetzt hat. Denn

 

 

 

Eine strahlende Olympiasiegerin: Aline Rotter-Focken. In Triberg und Schonach folgte ein begeisterter Empfang, so bei ihrem Schonacher Arbeitgeber, der SBS-Feintechnik. Foto: BURGER GROUP/© Tom Weller gegen die Kirgisin stand Aline schon mehrmals im Ring und hat jedes Mal gewonnen“, urteilte dazu ihr Mann Jan Rotter im Vorfeld des Finales. Deutlich bescheidener dagegen sieht ihre Bilanz gegen die Amerikanerin aus – sie war ihr jedes Mal unterlegen. Doch die Serie an Niederlagen sollte ein Ende nehmen: Mit Trainer Patrick Loës ist sich Aline Rotter-Focken einig: „Wir wollen hier Gold. Silber wollen wir nicht.“ Im olympischen Finale sieht es für die an Nummer zwei des Turniers gesetzte Aline Rotter-Focken tatsächlich früh nach Gold aus: Die Schiedsrichterin gibt ihr einen Punkt, da Gray zu passiv ringt. Danach pariert sie einen Angriff und drückt die Amerikanerin auf den Boden: 2:0. „Wenn Gray springt, sollte sie das ausnutzen zum Gegenkontern“, hofft der Trainer. So kommt es dann auch: Es steht 3:0 für RotterFocken. Und schließlich schmeißt sie Gray sogar um. Sie führt bereits 7:0! Einmal wird Aline aus dem Ring gedrückt. Dann packen die Arme von Gray zu: Sieben lange Sekunden wird es schwierig, doch Aline Rotter-Focken kann sich befreien. Sie liegt mit 7:3 vorne, der Olympiasieg ist Aline Rotter-Focken nicht mehr zu nehmen: Aline ist jetzt die „Gold-Aline“ – die Goldmedaille im Frauenringen in der Gewichtsklasse bis 76 Kilogramm ist die ihre! Beim Interview vor der Weltpresse erinnert sich die frisch gekürte Olympiasiegerin später: „Nachdem ich die Bodenlage abgewendet hatte, wusste ich, das darf ich mir nicht mehr nehmen lassen.“ Begeisterter Empfang bei der SBS-Feintechnik in Schonach Auf Aline Rotter-Focken wartet nach ihrer Rückkehr aus Japan in der Wasserfallstadt, in der Ringen schon seit Jahrzehnten eine herausragende Rolle spielt, ein geradezu triumphaler Empfang. Zuvor wird sie in ihrer früheren Heimatstadt Krefeld durch den Oberbürgermeister und rund 300 Vereinsmitglieder des KSV Germania, Freunde und Bekannte empfangen. Dann folgt das Willkommen bei ihrem Arbeitgeber, der SBS-Feintechnik in Schonach, wo ihr Begeisterungswellen entgegenschlagen. Mitarbeiter und die Firmenleitung begrüßen die Olympiasiegerin mit Aline Rotter-Focken

 

 

 

Großartiger Empfang bei der SBS-Feintechnik in Schonach, Olympiasieger „unter sich“: Aline Rotter-Focken beim Interview mit Hans-Peter Pohl, 1988 Goldmedaillengewinner in der Nordischen Kombination Es haut mich richtig um, wie ich bei der BURGER-GROUP empfangen werde, so die Goldmedaillengewinnerin im Frauenringen strahlend im Interview mit Hans-Peter Pohl. einem Meer aus Deutschland-Fahnen. „Erstmals in der 165-jährigen Geschichte unserer Firmengruppe haben wir aus den Reihen unserer aktiven Mitarbeitenden eine Olympiasiegerin“, freut sich Geschäftsführer Thomas Burger. Silke Burger, Abteilungsleiterin Human Resources der BURGER GROUP, erzählt lachend, man habe bereits überlegt, am Arbeitsplatz ein Bild von Aline aufzustellen – „damit man weiß, wie sie aussieht“. Denn der Weg zum Olympiagold war ein ungemein harter. Da brauchte es auch seitens des Arbeitgebers entsprechend Wohlwollen und Verständnis. Doch der Erfolg hat alle belohnt. Auf Facebook postet die SBS-Feintechnik: „Wir haben mitgefiebert und geweint vor Freude. Unsere wunderbare Kollegin Aline Rotter-Focken gewinnt nicht nur die Goldmedaille, sondern ist zudem die erste deutsche Ringerin, der dies bei den Olympischen Spielen gelingt.“ „Es haut mich richtig um, wie ich bei der BURGER-GROUP empfangen werde“, erwidert die Goldmedaillengewinnerin in Schonach strahlend im Interview mit Hans-Peter Pohl, 1988 Goldmedaillengewinner in der Nordischen Kombination und ehemaliger SBS-Mitarbeiter. Aline Rotter-Focken erzählt ihren Kollegen freudestrahlend von Olympia. Überrascht wird sie bei der Zeremonie mit einer OlympiaTorte und dem „Aline-Song“: Wolfgang Jachtmann aus Hüls komponierte für sie das Lied „Du hast Gold!“. Blick zurück: Silke Burger, Leiterin Human Resources der BURGER GROUP, beglückwünscht ihre Mitarbeiterin zur Bronze-Medaille bei der Weltmeisterschaft 2019. Großartige Unterstützung der EGT Einen Besuch stattet die Olympiasiegerin auch ihrem zweiten Hauptsponsor ab, der Elektrizitätsgesellschaft Triberg AG, kurz EGT. Vorstand Jens Buchholz

 

 

 

Links: Mit einem Elektroauto der EGT legte Olympiasiegerin Aline Rotter-Focken über Jahre hinweg wöchentlich rund 600 Kilometer auf ihrem Weg zum Training im Leistungszentrum in Freiburg zurück. EGT-Aufsichtsratsvorsitzender Rudolf Kastner und Vorstand Jens Buchholz freuen sich über den großartigen Erfolg. Rechts: Die Olympiasiegerin mit Vorstand Jens Buchholz bei einer Autogrammstunde im Rahmen der Ausstellung zum 125-jährigen Bestehen der EGT. überbringt ihr herzliche Glückwünsche, die Olympiasiegerin bedankt sich für die tolle Hilfe, die ihr eine optimale Vorbereitungszeit auf Olympia ermöglichte. Mit dem stets vollgeladenen Elektrofahrzeug der EGT konnte sie mehrmals pro Woche zum Training ins Leistungszentrum nach Freiburg fahren. Immerhin 600 Kilometer in der Woche waren zurückzulegen. Wie so ein Trainingsplan aussieht, verriet sie etliche Monate vor Olympia bei einem Interview mit der EGT-Kundenzeitschrift: „Es stehen zehn harte Monate bevor. Die ersten Wochen machen wir sehr viel Grundlagen-Training, also Kraft, Ausdauer und Technik. Auf der Matte sind es erst mal lange und wenig intensive Einheiten. So ge wöhnen wir den Körper langsam an die starken Belastungen. Ab Januar wird es intensiver, mit kürzeren Einheiten auf der Matte. Zum Schluss trainieren wir nur noch mit ausgesuchten Partnern unter strengen Wettkampfbedingungen, also sechs Minuten pro Kampf.“ Als „Die Beste 2021“ ausgezeichnet Wie außergewöhnlich der Olympiasieg ist, zeigt ein weiteres freudiges Ereignis: Aline Rotter-Focken erhält, wie sie selbst sagt, „die allertollste Ehrung meines Lebens“. Nicht Weitsprung-Queen Mihambo und auch nicht Tennis-Star Zverev: Ringerin Aline RotterFocken wird als „Die Beste 2021“ ausgezeichnet. Die Olympiasiegerin im Ringen setzte sich bei der Wahl unter den 4.000 von der Deutschen Sporthilfe geförderten Athletinnen und Athleten durch. Die 30-Jährige konnte ihren Preis bei der Abschluss-Gala des „Club der Besten 2021“ im Aldiana Club Costa del Sol in Spanien entgegennehmen. Neben der Auszeichnung erhält Aline Rotter-Focken ein Auto und einen einwöchigen Urlaub. Wie sehr sich das Leben von Aline Rotter-Focken durch ihren Olympiasieg verändert hat, dokumentiert eindrücklich eine Autogrammstunde bei der EGT-Ausstellung zum 125-jährigen Bestehen des Energieversorgers am Sonntag, den 3. Oktober: Gerade von der Abschluss-Gala zu „Die Beste 2021“ aus Spanien zurückgekehrt, geht es sofort nach der Autogrammstunde via Flughafen Zürich zu einer Veranstaltung des Ringer-Weltverbandes weiter. Ringen ist ein harter Sport, einen Olympiasieg bekommt man nicht geschenkt. Wie sagte Aline Rotter-Focken doch zur Süddeutschen Zeitung: „Nichts tut so weh wie ein Ringkampf. Beim Krafttraining brennen die Bizepse, beim Lauftraining die Lungenflügel, aber das ist kein Vergleich zum Vollkontakt: Da prallt Körper auf Körper, Knochen auf Knochen – es gibt Kopfnüsse und blaue Flecken.“ So bleibt am Ende, die Worte von Olympiasieger Hans-Peter Pohl zu wiederholen: „Weltmeister wird man, Olympiasieger aber bleibt man.“

 

 

 

Triberg im Jubel – Empfang einer Olympiasiegerin Mit einem Empfang, wie er einer Olympiasiegerin würdig ist, wurde Aline Rotter-Focken am 10. August nach ihrer Rückkehr von den Olympischen Spielen in Tokio in ihrer Wahlheimat Triberg im Schwarzwald willkommen geheißen. Umjubelt von rund 300 Menschen, die bei ihrem Einzug ins Kurhaus Schwarz-Rot-Goldene Fahnen schwenkend Spalier standen. Immer wieder musste sie ihre Goldmedaille zeigen, die sie voller Freude und Stolz um den Hals trug. Aline Rotter-Focken ist die erste deutsche Sportlerin, die eine Olympia-Medaille für den Ringersport der Frauen gewinnen konnte. Dass es eine Goldmedaille wurde, krönte den Abschluss der aktiven Ringerkarriere der 30-jährigen Krefelderin, die seit ihrer Voller Freude: Aline Rotter-Focken bei ihrem umjubelten Empfang in Triberg nach dem Gewinn der Goldmedaille im Frauenringen bei den Olympischen Spielen. Hochzeit mit Jan Rotter 2018, ebenfalls ehemaliger Spitzenringer, in dessen Heimat Triberg lebt. Vor 200 geladenen Gästen und rund 100 Fans gab Aline Rotter-Focken bei einem Empfang der Stadt Triberg einen Rückblick auf ihre Ringerkarriere, die im Alter von sechs Jahren begann, als sie ihrem Bruder nacheiferte. „Der ist aber irgendwann abgebogen“, kommentierte sie. Sie schilderte, wie hart der Weg war, den sie zum Abschluss ihrer Sportlerkarriere mit einer olympischen Goldmedaille krönen durfte: „Andere Kinder und Jugendliche waren im Schwimmbad oder Eis essen, ich war beim Training.“ Ihren Finalkampf gegen die Weltmeisterin Adeline Gray, der beim Empfang nochmals auf einer Groß-Leinwand gezeigt wurde, hatte die WahlTribergerin allerdings anders erlebt: „Ich dachte, ich hab voll die Super-Moves gemacht. Aber als ich den Kampf später im Fernsehen sah, war er nicht so toll. Mein letzter Kampf war nicht schön, aber wirkungsvoll“, bilanziert sie bescheiden. Neben zahlreichen Glückwünschen, die Aline Rotter-Focken auf der Bühne unter anderem von Tribergs Bürgermeister Gallus Strobel entgegennehmen durfte – und der jetzt „zu den Wasserfällen und zum Männerparkplatz eine weitere Attraktion dazu bekommen hat“, wie Moderator Jens Zimmermann scherzte – wurde Aline Rotter-Focken in den Kreis der lokalen Olympioniken aufgenommen. Hans-Peter Pohl, Olympiasieger 1988 in der Nordischen Kombination, Hansjörg „Jackson“ Jäkle, Olympiasieger 1994

 

 

 

Oben: Aline Rotter-Focken zusammen mit Ehemann Jan Rotter, der sie während der langen Trainingsmonate intensiv unterstützte. Rechts: Olympiasieger unter sich: Aline Rotter-Focken mit Georg Hettich, Hansjörg „Jackson“ Jäckle und Hans-Peter Pohl (rechts). Rechts unten: Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Triberg, links Bürgermeister Gallus Strobel. im Skispringen und Georg Hettich, Olympiasieger 2006 in der Nordischen Kombination und allesamt aus dem benachbarten Schonach, begrüßte die Wahl-Tribergerin symbolisch in ihrem „Olympischen Kreis“. Aus Erfahrung konnten die früheren Olympiasieger sagen, dass der Glanz der Olympischen Goldmedaille viele Jahre anhalten wird. Aline Rotter-Focken beendet ihre Sportkarriere nun und freut sich darauf, mit der Familienplanung zu beginnen. Sobald „der Rummel“ um ihr olympisches Gold abflacht. Wer bei Olympia siegt, ist begehrt! Roland Sprich

 

 

 

Über die Rolle der Jagd im Klimawandel von Wolf Hockenjos 282 10. Kapitel – Umwelt und Natur

 

 

 

Von Sturm „Sabine“ gerodetes Waldgebiet beim Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwangen. 283

 

 

 

Was ist das Jagen für eine Beschäftigung? Unsere Zeit – die eine recht dumme Zeit ist – betrachtet die Jagd nicht als eine ernsthafte Angelegenheit. José Ortega y Gasset Die Höhe der Wilddichte ist im übrigen völlig belanglos – solange das Rehwild seinen Lebensraum mit dem Äser nicht entmischt. B. Hespeler Eher zu den Gewinnern der Klimakrise zählt das Wild, zumal die mit Abstand häufigste jagdbare Art, das Reh. Drei aufeinander folgende Trockensommer, begleitet von heftigen Dürreund Borkenkäferschäden, haben die Waldwirtschaft auch im Quellenlandkreis in akute Bedrängnis gebracht. Und spätestens seit den katastrophalen Überflutungen im Juli 2021 hegt kaum jemand noch Zweifel daran, dass der von uns Menschen verursachte Klimawandel bereits in vollem Gange ist. Die Fichte, die mit Abstand häufigste Baumart der Baar und des Baarschwarzwalds, der „Brotbaum“ der Waldbesitzer, gilt mittlerweile als besonders bedroht. Mit seiner flachstreichenden Tellerwurzel ist er desto

 

 

 

gefährdeter, je trockener und wärmer die Sommer werden und je häufiger sich in der Treibhausküche des Atlantiks Orkantiefs zusammenbrauen. Derweil fahren die Holzpreise Achterbahn im hektischen Auf und Ab zwischen Holzverknappung und Schadholzschwemmen. Wild als Gewinner der Klimakrise Eher zu den Gewinnern der Klimakrise zählt indessen das Wild, zumal die mit Abstand häufigste jagdbare Art, das Reh. Mit den milder und schneeärmer werdenden Wintern verliert der wichtigste natürliche Regulator von großen Pflanzenfressern zusehends an Wirksamkeit. Zugleich verbessert sich das Äsungsangebot auf den Schadflächen, welche Borkenkäfer und Stürme hinterlassen; mit Himbeere, Weidenröschen und vielerlei krautigen Pflanzen gedeihen in der Schlagflora wahre Leckerbissen, begünstigt überdies durch den viel zu hohen Stickstoffeintrag aus Verkehr und Landwirtschaft. Und in den gepflanzten Kulturen und Dickungen entstehen fürs Wild neue „Einstände“ mit reichlich Deckungsschutz – Lebensraumverbesserungen, die zuverlässig zu erhöhter Reproduktion führen, wie sich schon nach den Orkanschäden ausgangs des vorigen Jahrhunderts gezeigt hatte. Oft wird in der Bevölkerung mitunter auch in der Jägerschaft geklagt, es lasse sich im Wald und an den Waldrändern ja kaum mehr ein Stück Rehwild blicken. Dennoch steigt das Niveau der erlegten Rehe in den Jagdstatistiken seit Jahrzehnten an. Einschließlich der Verluste im Straßenverkehr finden sich dort 2018/19 in Deutschland – sage und schreibe – 1,29 Millionen Rehe aufgelistet. Was keinen andern Schluss zulässt, als dass die Jagd über Jahrzehnte hinweg den Bambi-Zuwachs kaum mehr abzuschöpfen vermochte. Von Artenschwund, gar von Ausrottung kann beim Kulturfolger Reh auch in der Klimakrise keine Rede sein. Mischwälder kühlen auch besser ab in den sommerlichen Hitzewellen, und bei Starkniederschlägen speichern sie Wasser besser und verhindern die Bodenerosion zuverlässiger als Fichten-Monokulturen. Hilfsprogramme, wie sie freilich nicht erst in allerjüngster Zeit von Brüssel, Bund und Land aufgelegt worden sind. Schon vor der Jahrtausendwende konnten Orkangeschädigte Waldeigentümer Fördermittel für Waldumbaumaßnahmen in Anspruch nehmen, insbesondere für die Pflanzung von Weißtannen und Buchen unter dem zunehmend lichteren bis lückigeren Schirm labiler Fichtenbestände. Mischwälder kühlen auch besser ab in den sommerlichen Hitzewellen, und bei Starkniederschlägen speichern sie Wasser besser und verhindern die Bodenerosion zuverlässiger als Fichten-Monokulturen. Doch wer sonst unter den heimischen Nadelbaumarten sollte den Bauholz liefernden „Brotbaum“ ersetzen, wenn nicht die tief wurzelnde und klimahärtere Weißtanne? Nicht überall wurde die Chance eines beschleunigten, mit Steuermitteln geförderten Waldumbaus ergriffen, und so steht heute vielerorts die nächste Fichtengeneration bereits wieder in den Startlöchern. Wo sich junge Fichten doch als besonders robust und durchsetzungsfähig erweisen, werden sie doch auch vom Rehwild nicht verbissen. Klimawandel macht Waldumbau dringend erforderlich Der Klimawandel zwingt die Forstwirtschaft derweil zu handeln, zumal in fichtenreichen Betrieben: Waldumbau hin zu widerstandsfähigeren Mischungen ist das Gebot der Stunde, gefordert und gefördert durch Maßnahmen zum Schutz der jungen Weißtannen Junge Weißtannen hingegen, ob gepflanzt oder aus natürlichem Anflug stammend, erweisen sich als enorm verbissgefährdet, selbst die Keimlinge (die „Tannensternchen“) werden von den Rehen bereits selektiert. Weshalb der Jagd beim Waldumbau zwei

 

 

 

fellos eine Schlüsselrolle zukommt. Unterm Vorzeichen des Klimawandels sieht sich die Jägerschaft mehr denn je in die Pflicht genommen: Von ihr wird erwartet, dass sie für einen an die waldbaulichen Erfordernisse „angepassten“ Wildbestand sorgt. Gemäß Jagdgesetz hat die Jagd dazu beizutragen, Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen forstwirtschaftlichen Nutzung zu vermeiden. Alle drei Jahre wird seit 1983 jedes Jagdrevier per forstlichem Gutachten überprüft, inwieweit diese Vorgabe erfüllt wird. Nachdem für Rehwild die jagdbehördlichen Abschusspläne in Baden-Württemberg abgeschafft worden sind, kommt diesem Verfahren eine desto größere Bedeutung zu, um etwaige jagdliche Vollzugsdefizite aufzudecken. Die Ergebnisse des Gutachtens werden bei anschließenden Waldbegehungen der Förster mit den Waldeigentümern und Jägern veranschaulicht und erörtert, um so gemeinsam das weitere Vorgehen festzulegen. Tannenliebhaber unter den Waldbesitzern neigten freilich schon immer dazu, auf Nummer Sicher zu gehen: Vorsorglich schützen sie im Herbst ihren Tannennachwuchs, indem sie die Gipfelknospen im Herbst jeweils mit einer Flocke ungewaschener Schafwolle umwickeln. Andernorts verwendet man dazu Kunststoffklammern oder auch chemische Verbissschutzmittel, sofern man die Tännchen nicht sogar in Drahthosen steckte oder gleich hektarweise einzäunte. Anders als der Tannenjungwuchs werden Laubbaumkulturen neuerdings vielerorts in Polypropylen-Wuchsstoffhüllen verpackt, wo immer der Waldwirt glaubt, den Faktor Wildverbiss nicht anders mehr in den Griff zu bekommen. Eine Bildfolge, die zeigt wie Tannen heranwachsen: Links oben: Weißtannen-Keimlinge („Sternchen“) Mitte: Kontrollzaun im Wald der Gemeinde Brigachtal nach zehn Jahren Standzeit. Links unten: Derselbe Kontrollzaun nach 20 Jahren. Rechte Seite oben: Der Kontrollzaun im Wald von Brigachtal nach 30 Jahren und 37 Jahren. Recht Seite unten: Waldumbau gelungen – nach 37 Jahren!

 

 

 

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Das Wasser entscheidet über die Waldbeschaffenheit der Zukunft Doch wie eigentlich soll der Wald konkret beschaffen sein, der am ehesten gegen die Widrigkeiten des Klimawandels, gegen Trockenstress, Insektenund Sturmschäden gefeit ist, der auch am besten vor Waldbränden und Erosion geschützt ist? Die Fachwelt ist sich in der Einschätzung einig, dass es vor allem der Wasserhaushalt ist, der künftig auch in unseren gemäßigten Breiten über das Wohl und Wehe von Wäldern entscheiden wird. Wobei der Waldboden unter winterkahlen Baumarten im Jahresverlauf mehr Niederschlag abbekommt und mehr Wasser zu speichern vermag als unter reinen Nadelholzbeständen. Deren Kronen fangen deutlich mehr Regen und Schnee ab und verdunsten auch mehr. Alles muss daher darauf abzielen, möglichst stabile, unterschiedlich alte und strukturierte Mischwälder mit kühlendem Binnenklima nachzuziehen. Angesichts der klimatischen Unwägbarkeiten gilt dabei der Grundsatz der Risikostreuung: Je breiter die Palette der an den jeweiligen Waldstandort angepassten Baumarten, desto besser. Wo flächige Waldschäden („Blößen“) entstanden sind, kommen auch die Pionierbaumund Straucharten (Birken, Ebereschen, Salweiden) zum Tragen, denn sie wirken als Nährstoffpumpen und stärken damit die natürlichen Selbstheilungskräfte des Waldökosystems. Aus Gründen der künftigen Nährstoffund Wasserversorgung sollten Räumungen von Totholz möglichst unterblieben und Bodenverdichtungen durch Befahrung minimiert werden. Zumindest in den höheren Lagen besteht die Hoffnung auf Erhalt der Fichte Idealerweise wird es beim Waldumbau also auch darum gehen, Schatten ertragende Baumarten wie Weißtannen und Buchen, aber auch die noch klimahärteren Douglasien unterm Schirm der verbliebenen Fichtenbestände einzubringen. Zumindest in den höheren Lagen der Mittelgebirge besteht Hoffnung, auf eine Beimischung der Fichte auch in Zukunft nicht gänzlich verzichten zu müssen. Derlei strukturund vorratsreiche Mischwälder erfüllen auch am besten ihre Funktion als CO¬-Senken, zumal wenn Bauholz produziert wird, in welchem sich das Treibhausgas noch auf weitere Generationen hinaus Jeder Hektar eines Mischwaldes bindet im Jahr ca. 10 Tonnen CO€! Dass unterm Vorzeichen des Klimawandels im Wald nicht mehr gekleckert werden darf, sondern mit den Sanierungsund Umbaumaßnahmen geklotzt werden muss, liegt auf der Hand. speichern lässt. Jeder Hektar eines solchen Waldes bindet im Jahr ca. 10 Tonnen CO¬! Dass unterm Vorzeichen des Klimawandels im Wald nicht mehr gekleckert werden darf, sondern mit den Sanierungsund Umbaumaßnahmen geklotzt werden muss, liegt auf der Hand: Je ausgedehnter die Fläche, auf der umgebaut wird, desto eher lässt sich auch der Zeitpunkt erreichen, ab dem sich die Probleme mit dem Wildverbiss relativieren lassen: der Sättigungspunkt, ab dem das Angebot an Tannenäsung die Nachfrage übersteigt. Immer vorausgesetzt, die Jägerschaft ist bereit, nach den Regeln eines zeitgemäßen Wildtiermanagements mitzuspielen, wie es das seit 2014 in Baden-Württemberg geltende Jagdund Wildtiermanagementgesetz vorsieht. Mag sein, dass künftig ja auch die großen Beutegreifer, Luchs und Wolf, als Jagdkumpane noch mit von der Partie sein werden. Am guten Willen und an Bekenntnissen zur Mitverantwortung fehlt es den Jäger*innen ja zumeist nicht. In den Worten des Landesjägermeisters (geäußert im Organ des Landesjagdverbandes Jagd in Baden-Württemberg 04/2021) klingt es so: „Dieses Bekenntnis [zur Unterstützung des Waldumbaus] fällt uns gar nicht schwer, da der jagdliche Auftrag zugleich unsere Leidenschaft ist“.

 

 

 

Klima und Waldumbau Im Gespräch mit Kreisjägermeisterin Dunja Zimmermann und Dr. Frieder Dinkelaker, Leiter des Kreisforstamtes Frau Zimmermann und Herr Dinkelaker, wenn man den diesem Interview vorangestellten Beitrag über die Rolle der Jagd beim Waldumbau gelesen hat, ist damit alles gesagt – oder gibt es zu diesen Aussagen unterschiedliche Meinungen zwischen Förstern und Jägern? Abschusszahlen, um dieses Ziel zu erreichen. Wie im Artikel von Wolf Hockenjos dargestellt, steigt die Anzahl der erlegten Rehe in Baden-Württemberg seit Jahren. Trotzdem gibt es noch Jäger, die davon überzeugt sind, dass es weniger Rehe gibt als früher… Dunja Zimmermann: Einig sind sich Waldbesitzende, Förster und Jäger über das Ziel, durch Bejagung gesunde und artenreiche Wildbestände zu erhalten, die in einem angemessenen Verhältnis zur Funktionsund Leistungsfähigkeit des Naturhaushalts stehen. Über den Weg dorthin gibt es aber schon unterschiedliche Vorstellungen. Können Sie uns dazu Beispiele nennen? Frieder Dinkelaker: Es gibt zum Beispiel verschiedene Ansichten über die tatsächlich notwendigen Dunja Zimmermann: …was auch daran liegt, dass Wildtiere scheuer und vorsichtiger geworden und dadurch schwerer zu beobachten sind. Die ständig wachsenden Flächen für Siedlung und Verkehr und damit auch die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen spielen hier eine große Rolle. Vor allem die Nutzung der Natur als Erholungsort – so sehr wir alle uns gerne in der freien Landschaft bewegen – führt natürlich zu einer ständigen Beunruhigung in Wald und Feld, auch in den frühen Morgenstunden und bis in den Abend hinein. Und dadurch auch zu ständigem Stress für Wildtiere, die deshalb ihre Aktivitäten in die Nachtzeit verlegen müssen. Klima und Waldumbau

 

 

 

Frieder Dinkelaker: Ein weiterer Diskussionspunkt ist der tatsächliche wirtschaftliche und ökologische Schaden durch Wildverbiss. Für die Waldbesitzenden sind viele verschiedene Baumarten in bunter Mischung wichtig, um klimastabile Wälder aufzubauen. Zu hoher und vor allem selektiver Verbiss von Rehwild gerade an Tannen oder Laubhölzern kann dies erschweren oder gar verhindern. Der Jäger sieht ausreichend natürliche Verjüngung einer Baumart und versteht nicht, dass noch weitere jagdliche Anstrengungen notwendig sind um die Voraussetzungen für klimastabile Mischwälder zu schaffen. Dunja Zimmermann: Jäger bekennen sich zur Mitverantwortung für das Gelingen des Waldumbaus, schließlich nutzt dieser auch den Wildtieren. Sie sind aber keine Schädlingsbekämpfer. In manchen Revieren muss der Abschuss erhöht werden, aber irgendwann führt die ständige Erhöhung des Abschusses allein auch zu keinem Erfolg mehr. Verbiss entsteht schließlich nicht nur durch zu hohe Wildbestände. Wenn das Wild sich in Ruhezonen zurückziehen kann und dort auch ausreichend Nahrung findet, entstehen keine größeren Schäden an Forstkulturen. Die intensive Bewirtschaftung landund forstwirtschaftlicher Flächen trägt ebenso zu einer starken Beunruhigung des Wildes bei. Wie ist die Situation der Waldverjüngung im Schwarzwald-Baar-Kreis? Frieder Dinkelaker: Die Verbisssituation wird alle drei Jahre durch ein forstliches Gutachten ermittelt, ein aktuelles stammt aus dem Frühjahr 2021. Dabei wird nicht nur der Anteil tatsächlich verbissener Bäume, sondern es werden auch die waldbaulichen Auswirkungen dieses Verbisses für jedes einzelne Jagdrevier bewertet. Ein geringer Verbiss bis zu 20 Prozent der jungen Bäume wäre unproblematisch. Die vorläufigen Auswertung der Gutachten zeigt jedoch, dass der Verbiss von Laubholz und Tanne in einigen Revieren noch zu hoch ist, als dass diese Baumarten in ausreichender Anzahl vorkommen können. Wie der Wald unter dem Klimawandel leidet, dokumentiert die Aufnahme rechts. Sie zeigt einen Waldhang im Hexenloch bei Furtwangen-Neukirch. mern, den Jägern und Förstern besprochen werden. Diese Gespräche dienen dazu, allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, ihre Sichtweise und die jeweiligen Probleme darzustellen. Lösungsansätze könnten bei diesen Gesprächen gemeinsam entwickelt und besprochen werden. Wie lassen sich also die angestrebten waldbaulichen Ziele erreichen? Dunja Zimmermann: Wenn sich nach der endgültigen Auswertung der Gutachten der hohe Verbissdruck an Tanne und Laubhölzern bestätigt, bedeutet das für die Jäger in diesen Revieren, dass die jagdlichen Anstrengungen weiter verstärkt werden müssen. Das ist leichter gesagt als getan. Tatsächlich ist der Zeitund Arbeitsaufwand, der mit der Jagd ausübung verbunden ist, schon jetzt sehr hoch. Insbesondere in den letzten beiden Jahren haben die Freizeitaktivitäten in der Natur, auch in den frühen Morgen – und späten Abendstunden deutlich zugenommen. Wege werden verlassen, Gebote und Verbote nicht beachtet. Das erschwert die Jagdausübung zusätzlich! Es braucht weiterhin viel mehr Aufklärung und Information über die Zusammenhänge von Umwelt, Natur, Wildtieren aber auch den Anliegen von Landund Forstwirtschaft. Und auch die Überzeugung, dass die angestrebten Ziele nur gemeinsam erreicht werden können. Mit mehr Verständnis füreinander und Rücksichtnahme aufeinander wäre schon viel erreicht. Umweltbildung und Naturpädagogik unter dem Stichwort „Lernort Natur“ gibt es dabei nicht nur für Kinder, genauso bieten die Jägerorganisationen Informationen und Fortbildungen für Erwachsene an. Dunja Zimmermann: Wichtig ist, dass die Gutachten mit allen Beteiligten, also den GrundstückseigentüFrieder Dinkelaker: Ein weiterer Weg ist, junge Bäume gegen Wildverbiss zu schützen. Das kann zum

 

 

 

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Wer geht denn im Schwarzwald-Baar-Kreis auf die Jagd und was bewegt die Jäger? Dunja Zimmermann: Auf den meisten Feldund Waldflächen im Schwarzwald-Baar-Kreis ist das Recht auf Jagdausübung an Privatpersonen verpachtet. Große Waldbesitzer, einige Städte und Gemeinden sowie das Land bejagen ihre Flächen auch selber, zumeist durch Forstpersonal oder mithelfende Jäger. Frieder Dinkelaker: Natürlich wären die jagdund forstbetrieblichen Ziele leichter zu erreichen, wenn der Waldeigentümer selber jagt oder die Jagd durch eigenes Personal durchführen lässt. Das kann sich aber kaum ein Forstbetrieb leisten, es braucht die Unterstützung durch private Jäger. Somit findet für die meisten Jäger die Jagd in der Freizeit statt und muss sich mit Familie und Beruf vereinbaren lassen. Viele Jagdreviere sind auch sehr groß mit vielfältigen Aufgaben für Jagd und Hege. Kommen dann noch lange Anfahrtswege dazu, sind der zeitliche und finanzielle Aufwand für die Jagd sehr hoch. Dunja Zimmermann: Jagd besteht nicht nur aus der eigentlichen Jagdausübung, alleine auf dem Hochsitz oder gemeinsam mit anderen Jägern auf sogenannten Bewegungsjagden. Es müssen Reviereinrichtungen gebaut und unterhalten, Biotope gepflegt und Wildäcker als Futterquelle angelegt werden. Diese nutzen auch anderen Tier – und Pflanzenarten. Und auch die Verwertung und Vermarktung des Wildbrets erfordert Zeit und Aufwand. Auf diese Verwertung des Wildfleisches legen Jäger besonderen Wert und halten sich an die strengen Auflagen der Wildbrethygiene. Und nicht jeder, der sich in der Natur draußen aufhält, hat Verständnis für die Notwendigkeit einer wald – und wildgerechten Jagdausübung. Und was ist mit Wolf und Luchs – gelten diese Tiere als Konkurrenten für die Jäger? Frieder Dinkelaker: Wolf und Luchs sind zu uns zurückgekehrt, aber bisher nur als Gäste. Tatsächlich ernähren sie sich bisher fast ausschließlich Wildtieren, vor allem von Rehen. Schäden an Haustieren sind zum Glück noch die Ausnahme. Hier stimmt das Verhältnis von Wald und Wild! Der Wald der Zukunft braucht mehr Vielfalt, dazu muss dem Wildverbiss gerade bei jungen Tannen und Laubbäumen verstärkt Einhalt geboten werden, damit er auch heranwachsen kann. Beispiele durch die Einzäunung ganzer Flächen oder das Anbringen von Drahtgeflechten um einzelne junge Bäumchen geschehen. Oder aber man verdirbt dem Wild den Appetit auf Knospen und Triebe von Bäumen, in dem man diese mit einer sandhaltigen Paste anstreicht. Auch ein mechanischer Schutz mit Schafwolle oder Kunststoffklammern kann hilfreich sein. Das ist aber immer nur ein Notbehelf, der sinnvollste Weg zu einer Verbesserung führt über angepasste Wildbestände. 292 Umwelt und Natur

 

 

 

Dunja Zimmermann: Die Jäger fühlen sich mitverantwortlich für diese großen Raubtiere, genauso für andere Wildarten, die unter Schutz stehen. Sie übernehmen zentrale Aufgaben beim Monitoring dieser Arten vor Ort. Es ist allen bewusst, dass bei den nur vereinzelten Vorkommen von Luchs und Wolf die Auswirkungen auf die Wildtierpopulationen gering sind. Deshalb gibt es keine Konkurrenz – vielmehr ist für einen Jäger die Beobachtung eines Luchses oder Wolfes in der freien Wildbahn ein besonderes Erlebnis. Wie wird es Ihrer Meinung nach mit der Jagd weitergehen? Dunja Zimmermann: Noch gibt es genügend aktive Jäger und auch jagdlichen Nachwuchs. Die Anforderungen an die Jäger nehmen aber zu. Nicht zuletzt ist auch mit dem Umgang mit Jagdwaffen, der Ausbildung von Jagdhunden und ganz grundsätzlich dem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur eine hohe fachliche und persönliche Kompetenz gefragt. Wichtig ist vor allem, dass die Jagd in der Gesellschaft als notwendige Maßnahme zum Erhalt artenreicher und gesunder Wildbestände und zum Erhalt und zur Schaffung klimastabiler Wälder unverzichtbar ist. Schade ist, dass Vandalismus gegen jagdliche Einrichtungen oder auch offene Angriffe und Beleidigungen von Jägern immer noch vorkommen. Auch so etwas kann nur mit mehr Information, Kommunikation und gegenseitigem Verständnis vermieden werden. Frieder Dinkelaker: Bei der Jagd geht es nicht nur um die bisher besprochene Jagd auf Rehwild. Genauso wichtig ist die Bejagung von Wildschweinen und anderen Schalenwildarten, auch zur Abwehr von Schäden in der Landwirtschaft und – bei Wildschweinen – als Maßnahme gegen die Ausbreitung der afrikanischen Schweinepest. Dunja Zimmermann: Die Jäger folgen auch dem technischen Fortschritt. Gerade bei der Jagd auf Schwarzwild spielen Nachtsichtgeräte, Wildtierkameras und modernste Waffentechnik bereits jetzt eine entscheidende Rolle. Das Bild des Jägers wird sich wandeln. Die Aufgaben der Jäger neben der eigentlichen Jagdausübung werden zunehmen. Artenund Biotopschutz, Wildtiermonitoring und Öffentlichkeitsarbeit für Umwelt und Natur werden künftig eine immer größerer Rolle spielen. Kreisjägermeisterin Dunja Zimmermann unterwegs mit dem „Lernort Natur“. Die Initiative der Jäger möchte u. a. Kinder darüber aufklären, welche Tiere bei uns zu finden (zu Hause) sind.

 

 

 

Paradiestouren im Schwarzwald-Baar-Kreis: Durchs romantische Obere Glasbachtal Die Wanderschuhe sind geschnürt, der Rucksack gepackt und die Vorfreude auf rund vier Stunden Natur ist groß. Mit einer Freundin mache ich mich auf den Weg ins Obere Glasbachtal. von Birgit Heinig Auf einem schmalen Trampelpfad mit traumhaft weichem Boden geht es bergan.

 

 

 

Da wir in Villingen leben, wird die Anreise zu unserem Startpunkt mit dem Auto bestritten. Nach kurzer Fahrt nach Buchenberg findet sich dort neben dem Rathaus gleich ein Parkplatz. Bevor wir den Weg unter die Sohlen nehmen, treibt uns die Neugier auf das Innere des fast 900 Jahre alten St. Nikolauskirchleins. Im Eingangsraum des Rathauses, so steht es auf unübersehbaren Hinweisschildern, kann man sich den riesengroßen Kirchenschlüssel von einem frei zugänglichen Haken nehmen. Kein Mensch ist zu sehen, nicht im Rathaus, nicht auf den Dorfstraßen, noch herrscht Coronapandemie, allerdings darf das Café-Restaurant Rapp im Freien Gäste begrüßen. Nach unserer Wanderung wird es eine Freude sein, dort Kaffee und Erdbeerkuchen mit Sahne zu genießen. Zunächst aber betreten wir ehrfürchtig und aufgrund des Mini-Portals mit eingezogenem Kopf den winzigen und für Familienfeiern so beliebten Kirchenraum, bewundern das Lichterspiel der einfallenden Sonne und fragen uns, wie viele Menschen hier in fast 1.000 Jahren wohl schon mit Gott gesprochen haben. Königsfeld im Blick Der Rundweg durch das „Obere Glasbachtal“ ist auf Schautafeln mit 13,5 Kilometern ausgewiesen. Er kreuzt sich in Königsfeld mit der Runde durch das „Untere Glasbachtal“ mit weiteren 11,7 Kilometern. Die Entscheidung fällt zugunsten der längeren Strecke, wir lassen das Kirchlein hinter uns und wenden uns gen Königsfeld – weg vom Glasbachtal. Es ist schon sehr warm an diesem Vormittag und wir sind froh, dass wir viel durch den Wald gehen können. Wir „baden“ quasi darin, versuchen, Vögel an ihrem Gesang zu erkennen, saugen die trotz steigender Temperaturen kühle Luft ein und schreiten – noch frisch und munter – kräftig voran. Zur Sicherheit ist der Touristen-Wanderplan vom Qualitätsweg „Oberes Glasbachtal“ dabei, schließlich wollen wir uns nicht verlaufen. Doch schon ist es passiert: Der Weg gabelt sich, die „blaue Raute“ ist aber nirgends zu entdecken. Nach Gefühl geht es weiter, wir treten aus dem Wald und haben Königsfeld im Blick. Der Weg führt uns nach Obermartinsweiler am Jungbauernhof vorbei, einem typischen Schwarzwaldhaus, 1591 im Gutacher Stil erbaut. Oben: Ein wunderschönes Kleinod – das 900 Jahre alte St. Nikolauskirchlein in Buchenberg. Weiter gehts – jetzt in praller Sonne – am Bregnitzhof vorbei bis in den wieder Schatten spendenden Königsfelder Doniswald. Kaum jemand ist unterwegs, vielleicht liegt es an der Mittagshitze, am flächendeckenden Homeoffice oder dem Wochentag. Abstecher zum neu gestalteten Zinzendorfplatz und zum – leider wegen Corona noch geschlossenen – Albert Schweitzer-Haus müssen sein und auch ein kleines Picknick im Schatten. An der Ruine Waldau vorbei ins Muckenloch Wir verlassen den Kurort auf dem Gehweg entlang der Straße in Richtung Hardt, müssen aber nicht

 

 

 

Der Blick auf einer sanften Anhöhe geht zurück zur Ruine Waldau. lange Autos an uns vorbeirauschen lassen – allenfalls ein paar wenige Golfspieler, die mit ihren Caddys von Loch zu Loch ziehen. Es geht wieder in den Wald und die Holzschilder „Waldauweg“ lassen ahnen, welches Etappenziel unser nächstes sein wird. Beim Wanderparkplatz an der Ruine Waldau stellen wir fest, dass wir zwar nicht nach Plan gelaufen, aber dennoch richtig angekommen sind. Die WaldauSchänke, der einstige „Beck-Hof“, der um 1822 vor die Ruine gebaut wurde, hat nur am Wochenende geöffnet – ein frisches, kaltes Mineralwasser bleibt leider ein Wunschtraum. Wir müssen auf die längst warme Plörre aus unseren Rucksäcken zurückgreifen. Dafür faszinieren uns die Reste der Burg, die der Graf von Urach, ein Vorfahr der Fürstenberger, zwischen 1218 und 1236 gründete. Seit 1885 ist die Ruine im Besitz des Staates, der sie instand hält. Bergan geht es weiter. Fast auf der Höhe angelangt, werfen wir – auf einer Bank verschnaufend – den Blick zurück auf die Ruine Waldau, schauen links in Richtung Mühllehen-Mühle, beobachten einen mit Heu schwer beladenen Traktor und genießen den Anblick der sattgrünen Wälder und Hügel vor uns. Und wieder geht es in den Wald. Es wird uriger, geheimnisvoller, wildromantischer und unter Es wird uriger, geheimnisvoller, wildromantischer und unter uns hören wir – zum ersten Mal auf dieser Tour – den Glasbach plätschern. uns hören wir – zum ersten Mal auf dieser Tour – den Glasbach plätschern. Uns führt der Weg ins Muckenloch. Glücklicherweise scheint der Name an diesem schwülwarmen Tag nicht Programm zu sein – wir bleiben von Insektenstichen verschont. Inzwischen verläuft die Strecke auf einem Teil des „Höfeund Mühlenwanderweges“ wir passieren den Hof der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Muckenmühle. Bis in die 1950er-Jahre hinein wurde hier noch Getreide gemahlen. Inzwischen ist das Ensemble im Privatbesitz und bezaubert den Wanderer mit der liebevollen Gestaltung durch die Bewohner. Die sind zwar nicht zu sehen, dafür grüßen

 

 

 

Von Oben: Steinmännlein grüßen am Wegesrand. Liebevolle Gestaltung an der Muckenmühle. Verschnaufpause mit herrlicher Aussicht. Unten: Der Glasbach plätschert unter einer steinernen Brücke hindurch. Gänse, Katzen und Familie Truthahn mit Nachwuchs. Den Glasbach überquerend, geht es wieder bergauf und erneut in den Wald. Entlang einem alten Römerweg Das Glasbachtal lässt aber immer wieder Einblicke zu, die Augen ruhen zwischen Nadelgehölz auf grünen Gräsern, auf Klatschmohn, Margeriten und Glockenblumen. Seltene Tiere, wie im Wanderprospekt angekündigt, sind uns bisher zwar noch nicht begegnet – oder wir haben sie vielleicht auch nur nicht als solche erkannt. Eine seltene Pflanze aber könnte die „ährige Teufelskralle“ sein, die uns jetzt hin und wieder am Wegesrand auffällt. Laut Wikipedia, ist sie hierzulande allerdings doch verbreitet und ihre jungen Blätter kann man angeblich sogar essen, weshalb sie auch „ährige Rapunzel“ genannt wird. Trotzdem lassen wir sie stehen. Der blau-rote Wegweiser „Oberes Glasbachtal“ zeigt nach rechts – und steil nach oben. Es heißt den bequemen Waldweg verlassen und den steilen Pfad über Äste und Zapfen in die Höhe stiefeln. Oben angekommen stellen wir fest, dass es von hier nur noch wenige Schritte bis „Siedichfür“ sind, einem Weiler mit gerade einmal vier Häusern, auf einer Hochebene entlang einem alten Römerweg zwischen Königsfeld und St. Georgen gelegen. Zunächst führt der Weg uns weiter über die Höhe, fällt dann allmählich wieder ab in Richtung Glasbachtal. Es ist ein schmaler Trampelpfad mit traumhaft weichem Boden der perfekt mit der „gelben Raute“ ausgeschildert ist. Das Ende ist in Sicht Inzwischen spüren wir die Kilometer nämlich schon in den Beinen und freuen uns über das sanfte Wandern durch einen sich immer wieder anders zeigenden Wald. Ein Grillplatz ist in Sicht und wir Durchs romantische Obere Glasbachtal

 

 

 

Wir genießen das kalte Wasser, das sich hier in eine Kneipp‘sche Anlage zum Armund Fußbad ergießt. stellen belustigt fest, diesen hätten wir auch erreicht, wären wir nicht dem Wegweiser gefolgt, sondern einfach weitergegangen – das Wandererlebnis der letzten halben Stunde wäre uns dann aber entgangen. Grillade haben wir freilich nicht dabei, aber genießen das kalte Wasser, das sich hier in eine Kneipp‘sche Anlage zum Armund Fußbad ergießt. Von unserem Rastplatz aus sehen wir das Schild „Nikolausskirchlein – 0,6 Kilometer“. Das Ende unserer Wandertour ist nahe, der Kreis schließt sich. Das Kirchlein grüßt schon von Weitem, von ganz oben am gegenüberliegenden Hang. Noch einmal Oben: Der Kreis schließt sich – das Nikolauskirchlein eingebettet in sattes Grün ist wieder in Sicht. Unten: Blick ins Glasbachtal. 298 überqueren wir den Glasbach, nicht ohne uns allerdings an dieser idyllischen Stelle Schuhen und Strümpfen zu entledigen und bis zu den Knien ins sandige Flussbett zu steigen – herrlich! Ein paar Höhenmeter kommen jetzt noch und das nächste Mal trauen wir uns auch über die Kuhwiese, wie es der Wegweiser angibt, erreichen dann nämlich die Straße direkt neben dem Kirchlein. Unser Fahrzeug ist nicht weit, das unsere müden Glieder nach einer genussvollen Kaffeepause im Café Rapp wieder nach Villingen bringt. Und das nächste Mal steht die Wanderung durch das „Untere Glasbachtal“ auf der Agenda.

 

 

 

Almanach-Magazin Notizen aus dem Landkreis Großübung auf gesperrtem Schwarzwaldbahnabschnitt 100 Einsatzkräfte proben den Ernstfall im Bahntunnel Im September wurde die wegen Sanierung über Monate gesperrte Bahnstrecke zwischen Hornberg und St. Georgen von Rettungsorganisationen aus dem SchwarzwaldBaar-Kreis für eine große Übung im und am 912 Meter langen Gremmelsbacher Tunnel genutzt. Etwa 100 Einsatzkräfte der Feuerwehren aus St. Georgen, Triberg und Hornberg, Rotem Kreuz, Polizei und Bundespolizei sowie Mitarbeitern des Notfallmanagements der Deutschen Bahn und dem Führungsstab des Landratsamtes probten dabei, wie in einem Ernstfall die Rettung aus einem Tunnel bestmöglich gelingen kann. Das ausgesuchte, anspruchsvolle Übungsobjekt forderte die Feuerwehrkräfte heraus. Simuliert wurde der Brand eines selbstfahrenden Arbeitsgeräts inklusiver verletzter Personen im Gremmelsbacher Tunnel. Erfolgreiche Sportlerin gefeiert Top-Biathletin Janina Hettich in Schönwald empfangen Der Skiclub Schönwald und der Biathlon-Nachwuchs bereiteten ihrem Aushängeschild Janina Hettich einen triumphalen Empfang am Schießstand im Rothaus-Loipenzentrum. Unter anderem wurde sie Deutsche Das speziell für Bahneinsätze konzipierte Schienenfahrzeug der Feuerwehr St. Georgen bringt Material an die Einsatzstelle im Tunnel. Unten: Die Einsatzkräfte haben den simulierten Brand eines selbstfahrenden Arbeitsgeräts im Gremmelsbacher Tunnel unter Kontrolle. Meisterin im Einzel und Sprint, dazu kamen zahlreiche Spitzenplatzierungen im Weltcup, so der Sieg in der Staffel in Oberhof. Als Krö nung der Erfolgssaison folgte die Silbermedaille mit der Staffel bei den Weltmeisterschaften 2021 auf der Pokljuka in Slowenien. Janina Hettich erhält die Sportlermedaille in Gold der Gemeinde Schönwald. Magazin

 

 

 

Debüt bei Olympia Dominik Köpfer bei den Olympischen Spielen in Tokio Nach einem perfekten Auftaktspiel beim olympischen Tennisturnier ist der 27-jährige Furtwanger Dominik Koepfer als zweiter Olympiateilnehmer aus dem Schwarzwald-BaarKreis im Achtelfinale in Tokio ausgeschieden. Der im Herbst 2021 unter den „Top 70“ rangierende Weltranglisten-Spieler unterlag nach hartem Kampf dem Spanier Pablo Carreno Busta 6:7 (7:9), 3:6. Mit zwei Siegen und dem Achtelfinaleinzug bei seinen ersten olympischen Sommerspielen darf der Tennisprofi dennoch sehr zufrieden sein. Große Achtung erwarb er sich im Tennisjahr 2021 auch durch ein heiß umkämpftes Match gegen Dominik Köpfer Altmeister Roger Federer, der bei den French Open bis weit nach Mitternacht kämpfen musste, um den Furtwanger zu besiegen. Zentrum auf der Mögglingshöhe Der Umweltschutz hat hier seine Heimat Eine Erfolgsgeschichte schreibt das Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar, das einst anlässlich der Landesgartenschau 2010 auf der Möglingshöhe in Schwenningen aus dem Boden spross und 2021 sein 10-jähriges Bestehen feiern konnte. Landrat Sven Hinterseh betonte, die Zusammenarbeit sei äußerst wertvoll. Er lobte den großartigen Einsatz für den Neckar, der einen neuen Stellenwert erhalten habe. Als Geschenk brachte Landrat Sven Hinterseh zehn Obstbaumstämme alter Obstsorten mit. Wahlergebnisse der Bundestagswahl vom 26. September 2021 Ergebnisse der Bundestagswahl vom 26. September 2021 im Wahlkreis 286 Schwarzwald-Baar (Amtliches Endergebnis)

 

 

 

Christian Wörpel tritt zweite Amtszeit an Heiko Wehrle neuer Bürgermeister von Vöhrenbach Unterkirnach: Andreas Braun im Amt bestätigt Bei der Bürgermeisterwahl in Schönwald haben die Bürger am Sonntag, 15. November 2020, im ersten Wahlgang Christian Wörpel (parteilos) im Amt bestätigt. Bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent entfielen 94,26 Prozent der abgegebenen, gültigen Stimmen auf den 37-Jährigen. Heiko Wehrle ist am 26. September zum neuen Bürgermeister von Vöhrenbach gewählt worden. Die Wahlbeteiligung lag bei 67,1 Prozent. Der Hauptamtsleiter von Hinterzarten und gebürtige Vöhrenbacher erhielt 80,8 Prozent von insgesamt 2.963 möglichen Stimmen. Sein Mitbewerber kam auf 17 Prozent. Bürgermeister Andreas Braun bleibt Rathauschef in Unterkirnach. Am 26. September 2021 erreichte er mit 66,8 Prozent (949 Stimmen) die absolute Mehrheit und kann damit seine zweite Amtszeit in Unterkirnach starten. Der 57-Jährige setzte sich damit klar gegen vier weitere Bewerber durch. Wahlergebnisse der Landtagswahl vom 14. März 2021

 

 

 

Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Stand der Wohnbevölkerung

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Bunse, Heinz, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dinkelaker, Dr. Frieder, Landratsamt Schwarzwald-Baar Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal Graßmann, Peter, 78050 Villingen-Schwenningen Heinig, Birgit, 78052 Villingen-Schwenningen Hinterseh, Sven, Landratsamt Schwarzwald-Baar Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Kienzler, Michael, 78086 Villingen-Schwenningen Lutz, Bernhard, 78183 Hüfingen Koch, Michael, Regierungspräsidium Freiburg Kommert, Hans-Jürgen, 78098 Triberg Möller, Bernd, 78126 Buchenberg Reinauer, Elke, 78046 Villingen-Schwenningen Richter, Gabor, 78112 St. Georgen Ryszkowski, Marc, 73728 Esslingen Schneider, Daniela, 78098 Triberg Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim Wacker, Dieter, 78052 Villingen-Schwenningen Bildnachweis Almanach 2022 Titelseite: Baaremer Tracht, Modell: Jessica Bisceglia Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Rückseite: Monduntergang bei Wildgutach Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Soweit die Fotografen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bildautoren/Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2/3, 5, 9, 10-12, 14-19, 35 u., 44-49, 72/73, 76, 117, 172/173, 179-181, 194/195 ob., 264/265, 279 re., 291; Christa und Hubert Kunz, Villingen: 13, 243, 247, 248, 249, 256, 257, 261; Landratsamt Schwarzwald-Baar Kreis: 23-28, 37, 289; 292, 293; DreiWelten Card: 29-31; Michael Kienzler: 32/33, 34, 35 ob., 36; Marc Eich: 39, 41, 43; Tanja Bury, Bad Dürrheim: 50/51, 53, 57; Bernhard Bolkart, Schonach: 52, 54, 55, 56; Michael Stifter, Vöhrenbach: 58/59, 60/61, 62, 83 ob., 90, 91,113, 114/115, 224 ob. 282/283; Wilfried Straub, Schönenbach: 64, 65; Alaa Hamo, Furtwangen: 67, 68, 69, 70; Hans-Jürgen Kommert, Triberg: 71, 274, 278, 299 u.; Barbara Dickmann, Triberg: 75; Wolfgang Günzel, Offenburg: 77; Sammlung Grässlin, St. Georgen: 78; Maximilian Kamps, Stuttgart: 80/81, 86, 93; Jens Hagen, Villingen: 94/95, 97, 98 u., 101; Roland Sigwart: 100 1+2 ob.; Daniel Infanger, Zürich: 100 u.; Roland Sprich, St. Georgen: 102/103, 107, 108, 109 ob., 230/231, 232, 233, 234, 235, 280, 281, 299 ob.; Firma Faller, Gütenbach: 104/105, 109 m. u.; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 110/111, 118 131, 196/197, 203; Stadt Villingen Schwenningen: 132/133, Birgit Heinig: 134, 135, 139-141, 294-298; Archiv, Hannes Frey, Villingen: 136; Rudolf Reim, Villingen: 137; MPS-Studio, Villingen: 138; Rolf Wetzel, Donaueschingen: 142/143, 150 ob., 151 u., 153; Archiv Willi Hönle, Donaueschingen: 144; Heinz Bunse, Donaueschingen: 145, 146u., 148, 150 u., 151 ob., 152, 154, 155 ob.; Holger Jung, Donaueschingen: 146; Stadtarchiv Donaueschingen: 147, 149, 155 u.; Archiv Jürgen Kauth, Bad Dürrheim: 156/157, 159, 161 171; Archiv Bury, Bad Dürrheim: 158; Gemeinfreie, Wikipedia: 160; Archiv Doldverlag, Vöhrenbach: 174-177; Stadt Bräunlingen, Bernhard Hauser: 178; NUMENA, Tuttlingen: 182/183, 192 ob., 193 ob.; Stadtarchiv Villingen: 184/185; Regierungspräsidium Freiburg, Ref. Denkmalpflege: 186; Archäologische Illustrationen: 187 ob., 189 u., 190 ob., 194; Wirtschaft und Tourismus Villingen-Schwenningen: 187 u.; Carlo Dell‘Orto, Wikipedia: 189 o.; Franziskanermuseum: 190 u., 191, 192 u.; Stadtarchiv Bad Dürrheim: 199; Katja Reichert, Illustrationen: 200/201 u.; Archiv Manfred Hildebrand, Villingen: 201 ob.; Kreisarchiv VillingenSchwenningen: 205 li.; Marc Ryszkowski, Stuttgart: 205 re.; Öschberghof GmbH: 206/207, 208, 210 re., 211 m., 212,213, 215, 217, 219; Manuel Ulrich, Heidenhofen; 209, 210 li., m., 211 li., re.; maramoonshine photography, Schonach: 220/221, 222, 223, 224 u., 225, 227 ob., 228; Sat1: 226, 227 u.; Löwen Patisserie, Schönwald: 229; Bernd Möller, Martinsweiler: 236/237, 244, Anna Lauble, Martinsweiler: 238, 239, 241, 245, 250/251, 252, 253, 254, 255, 258, 259, 260, 262/263; Jessica Bisceglia, Trossingen: 266; Cara-Lee Echle, Niedereschach: 267, 269 u., 271; Anna Grewlding, Wittlich: 268; Sebastina Klingk, VS-Villingen: 269 ob., 270; Garbor Richter, Peterzell: 272/273; Aline Rotter-Focken: 275; Burger Group, Tom Weller: 277; EGT, Triberg: 279 li.; Erich Marek, Villingen: 284; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 286, 287; 303

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2022

 

 

 

Monduntergang – fotografiert von der B 500 beim Lachenhäusle aus mit Blick auf das Neukircher Hexenloch, Wildgutach und St. Märgen.

 

 

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Schwarzwald-Baar Jahrbuch Almanach 2021

 

 

 

Foto: Sunthausen mit Sunthausener See und Alpenpanorama. He raus ge ber: Land rats amt Schwarz wald-Baar-Kreis www.schwarz wald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de Informationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de Re dak ti on: Sven Hinterseh, Landrat Wil fried Dold, Redakteur (wd) Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informationsund Kulturamt Stadt Hüfingen Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Ver vielfältigungen je der Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und un ter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2020 www.dold ver lag.de Druck: BaurOffset Print e.K., VS-Schwenningen ISBN: 978-3-948461-05-8 2

 

 

 

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen Corona Schwerpunkt Rad Wiederwahl von Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten Stenogramm einer Pandemie Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 10 42 82 Es gab stehende Ovationen durch den Kreistag – die Freude stand Sven Hinterseh und seiner Familie ins Gesicht geschrieben. Seine Wiederwahl zum Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises am 16. März 2020 geriet zu einem großartigen Vertrauensbeweis: Sie erfolgte in geheimer Abstimmung und ohne Gegenstimme. Es gab stehende Ovationen für einen Landrat aus Berufung. Corona versetzt im Jahr 2020 die Menschen in einen so nie gekannten Ausnahmezustand. Mit der Situation im Schwarzwald-Baar Klinikum, der Arbeit des Gesundheitsamtes und des Landratsamtes in dieser so nie gekannten Situation, aber besonders auch mit den Sorgen der Bevölkerung im Landkreis, befasst sich der Almanach im Corona-Schwerpunkt. In Zeiten von Klimaschutz und eingeschränkter Reisemöglichkeiten bietet das E-Bike sprich Zweirad viele Möglichkeiten, die eigene Heimat zu erkunden. Der Almanach stellt das kreisweite Radwegenetz vor und beschreibt vier Radtouren im Schwarzwald und auf der Baar. 4 Inhalt

 

 

 

Inhaltsverzeichnis Impressum 2 8 Miteinander, füreinander – ein Jahr großer Herausforderungen / Sven Hinterseh 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 10 Ovationen zur Wiederwahl – Mutig unsere Zukunft 24 gestalten! / Wilfried Dold Joachim Gwinner – Sich stets als Anwalt der Bürger verstanden / Wilfried Dold 32 Professor Dr. Ulrich Fink – Medizinische Versorgung im Landkreis gebündelt / Hans-Jürgen Eisenmann 2. Kapitel / Corona – Stenogramm einer Pandemie 42 Corona-Situation spitzt sich zu 44 Tage weit weg von normaler Arbeit / Nathalie Göbel 52 Stenogramm eines Lockdowns / Wilfried Dold Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer / Nathalie Göbel 66 74 Wie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? / Roland Sprich und Wilfried Dold 3. Kapitel / Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 82 Die Entwicklung des Radwegenetzes im SchwarzwaldBaar-Kreis / Simone Neß 88 Brigach und Breg bringen die Donau zuweg: Vom Zusammenfluss an die Brigachquelle / Wilfried Dold 102 Der Schellenberg-Trail / Silvia Binninger 110 Der jungen Donau entlang / Rudolf Reim 122 Von Villingen zum Nikolauskirchle / Birgit Heinig 132 Den Neckar entlang ins Neckartäle / Michael Kienzler 4. Kapitel / Städte und Gemeinden 146 Der neu angelegte Kurpark – lebendige, vielgestaltige Mitte des Skidorfs Schonach / Claudius Eberl 5. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 154 Das Haus Eschle in Schönwald / Marc Eich 164 Andrea Pfrengle – In Stein meißeln, Geschichten erzählen / Marc Eich 172 Zappel-Philipp – das Kinderfachgeschäft mitten in der historischen Villinger Altstadt / Birgit Heinig 178 Simone Puchinger – International erfolgreiche ProfiTänzerin aus Furtwangen / Gerhard Dilger Städte und Gemeinden Neu angelegter Kurpark in Schonach 146 Am 13. Juli 2019 konnte der neue Schonacher Kurpark nach knapp drei Jahren Bauzeit in seiner Ganzheit eröffnet werden. Rund 5.433 Quadratmeter Pflastersteine wurden verlegt, 25.560 Kubikmeter Erde bewegt. Aus dem Kurpark ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ort für Spiel und Spaß geworden. Inhalt 5

 

 

 

Da leben wir Fastnacht Kunst und Kultur Andrea Pfrengle – In Stein meißeln, Geschichten erzählen Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste… Die Apparillos von Dr. Oliver Wolf alias Olsen 164 240 264 Sie lebt im „Eschle“, einem 200 Jahre alten Kaufhaus in Schönwald, und schon immer war Andrea Pfrengle kreativ. Lange Zeit hat sie gemalt und gezeichnet – dann brachte sie eine Freundin zur Bildhauerei. Mittlerweile sind acht Jahre vergangen, und es ist ein vielgestaltiges Werk entstanden, das bei Ausstellungen hohe Wertschätzung erfährt. Stroh in der Hose und ein Brett auf dem Rücken ‒ bei der historischen Villinger Fastnacht sorgt die WueschtGruppe seit langer Zeit für Furore, genießt Kultstatus. Wie es ist, an der Fastnacht über mehrere Tage hinweg mit Stroh ausgestopft herumzulaufen, beschreibt der Wuescht Dieter Wacker aus der Ich-Perspektive. Schwebende oder ans Kreuz genagelte Roboter, Haarbürsten, die sich der Morgensonne zuwenden oder das DiscokugelBraininterface: Der aus Niedereschach stammende Medienkünstler Olsen arbeitet im Atelier in St. Georgen an Objekten und Installationen aus dem Bereich der Maschinenkunst. 6 Inhalt

 

 

 

Natur und Umwelt Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum 302 Bei der erstmals hergestellten Streuobstschorle von Bad Dürrheimer handelt es sich um einen besonderen regionalen Genuss in limitierter Abfüllung. Das Beste: Mit jedem Schluck wird die Streuobstkultur auf der Baar gefördert und damit zugleich ein wichtiger Beitrag für den Erhalt der Artenvielfalt geleistet. 186 Bernhard Gail – Ein Hobby zwischen Raum und Zeit / Tanja Bury 194 Melanie Reischl – Tattoostudio Tintenfass / Mark Eich 200 Bianca Purath – Alles hat seine Zeit / Silvia Binninger 6. Kapitel / Wirtschaft 206 „Sicher. Sauber. ALPRO“ / Eric Zerm 214 Maschinenring – Mit einem Rübenernter fing alles an / Roland Sprich 222 Nastrovje Potsdam – Das Kultlabel aus dem Schwarzwald / Simone Neß 232 Brennerei Mack – „Wasser des Lebens“ aus den Gütenbacher Highlands / Roland Sprich 7. Kapitel / Schwäbisch-Alemannische Fastnacht 240 Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste… / Dieter Wacker 8. Kapitel / Kunst und Kultur 258 Global Forest St. Georgen – ein offenes Haus für Kunst / Barbara Dickmann 264 Die Apparillos von Dr. Oliver Wolf alias Olsen / Barbara Dickmann 9. Kapitel / Gastlichkeit 272 Orient trifft Okzident – Restaurant Felsen in VS-Schwenningen / Eric Zerm 10. Kapitel / Natur und Umwelt 278 Im Gespräch mit zwei Höhlenbrüter-Experten / Wolf Hockenjos 288 Wie sieht der Wald der Zukunft aus ? Waldzustand nach Sturm Sabine und Borkenkäfer / Dr. Frieder Dinkelaker 298 Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne / Wolf Hockenjos 302 Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut / Tanja Bury Anhang 316 Almanach-Magazin 318 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 320 Ehrenliste der Freunde und Förderer Inhalt 7

 

 

 

Miteinander, füreinander – ein Jahr großer Herausforderungen Liebe Leserinnen und Leser, ein Jahr, das seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland die größten Herausforderungen für unser Land, unsere Gesellschaft, die Wirtschaft und Politik sowie vor allen Dingen für uns Bürgerinnen und Bürger – für jede Einzelne und jeden Einzelnen von uns – mit sich gebracht hat, liegt nun beinahe hinter uns: 2020 stand die Bewältigung sowie der „richtige“ Um gang mit der weltweiten Corona-Pandemie über allem. Im Frühjahr 2020 wurde unser aller Leben, der gewohnte Alltag, für einige Wochen außer Kraft gesetzt. Eine Zeit, die viele von uns aber auch einmal zum Innehalten und zum Besinnen auf das Wesentliche nutzen konnten. Schien die Corona-Pandemie Mitte des Jahres für viele beinahe schon wieder überstanden, kam sie im Herbst mit voller Wucht zurück. Trotzdem hat das Jahr 2020 bei allen Schwierigkeiten und großen Herausforderungen aber einmal mehr sehr deutlich gezeigt, dass wir hier im SchwarzwaldBaar-Kreis grundsätzlich gut aufgestellt sind: Hier leben verantwortungsvolle und hilfsbereite Bürgerinnen und Bürger, die sich vorbildlich an Regeln und so manche Einschränkung zum Schutze ihrer Mitmenschen halten. Darüber hinaus sind wir aber auch ausgestattet mit qualifizierten und hochleistungsfähigen Fachleuten, insbesondere im Gesundheitsbereich, sowie im Bereich des Katastrophenschutzes, in der Nahversorgung, bei den Behörden und in vielen anderen Bereichen. Bisher haben wir im Schwarzwald-Baar-Kreis fest zusammengehalten – auch wenn wir weiter physisch Abstand zueinander halten müssen – und dies gilt es auch in den kommenden Monaten zu pflegen. Wir sollten insbesondere auch nicht diejenigen vergessen, die das Jahr 2020 sehr schwer getroffen hat. Umso wichtiger ist es, uns mit dem Almanach 2021 ein Stück „Normalität“ zurückzugeben und zu bewahren. Wir wollen dabei zum einen auf Bewährtes und feste Traditionen, wie beispielsweise die Villinger Fasnet, zurückblicken, zum anderen aber auch neue Entwicklungen aufzeigen sowie unsere Aufmerksamkeit auch den Menschen und Berufsgruppen widmen, die das vergangene Jahr ganz besonders geprägt und teilweise schwer gebeutelt hat. Künstlerinnen und Künstler, Wirtschaftsunternehmen, aber auch besondere Persönlichkeiten unserer Heimat finden im Almanach 2021 mit informativen Beiträgen wieder ihren Platz. Mein Dank gilt auch in diesem Jahr wieder allen, die dazu beigetragen haben, dass das Schwarzwald-Baar Jahrbuch auch 2021 in ansprechender und informativer Form entstehen konnte. Ebenso bedanke ich mich ganz herzlich bei all den treuen Freunden und Förderern unseres Almanachs und insbesondere auch bei den zahlreichen Autoren und Fotografen, ohne die dieses Werk nicht hätte erscheinen können. Auf ein ganz besonderes Ereignis können wir in diesem Jahr gemeinsam mit dem Vöhrenbacher dold.verlag blicken: auf unsere 25-jährige Almanach-Zusammenarbeit. Aus diesem Grund möchte ich dem dold.verlag ein ganz großes Dankeschön aussprechen für 25 Jahre erfolgreiche und vertrauensvolle Kooperation bei unserem gemeinsamen Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar Jahrbuch, unserem Almanach. Gleichzeitig danke ich aber auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der 45. Ausgabe und wünsche Ihnen nun, dass Sie auch in diesem Almanach, unserem Schwarzwald-Baar Jahrbuch 2021, jede Menge anregenden Lesestoff finden. Bei der Lektüre wünsche ich Ihnen viel Freude sowie gute Unterhaltung. Ihr Sven Hinterseh, Landrat 8 Zum Geleit

 

 

 

Ovationen zur Wiederwahl – Mutig unsere Zukunft gestalten! Sven Hinterseh für weitere acht Jahre einstimmig als Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises bestätigt 10 10 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Es gab stehende Ovationen durch den Kreistag – die Freude stand Sven Hinterseh und seiner Familie ins Gesicht geschrieben. Seine Wiederwahl zum Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises am 16. März 2020 geriet zu einem großartigen Vertrauensbeweis: Sie erfolgte in geheimer Abstimmung ohne Gegenstimme. Sven Hinterseh rief nach Ablauf der ersten achtjährigen Amtszeit im Rahmen der Bewerbungsrede für seine Wiederwahl dazu auf, mutig unsere Zukunft zu gestalten und nicht die Zuversicht zu verlieren. Es war eine Wahl im Schatten von Corona: ohne Händeschütteln, mit abgekürzter Bewerbungsrede und ohne nachfolgende Feier. Mit pandemiebedingtem Sicherheitsabstand übermittelten alle Fraktionen des Kreistages ihre Glückwünsche – herzlich und freudig. Sie galten einem Landrat aus Berufung, der den Schwarzwald-Baar-Kreis mit großer Tatkraft in seine Zukunft führt, in die Zeit nach Corona und ins Zeitalter der Digitalisierung. Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten!

 

 

 

Ob die Wiederwahl als Landrat überhaupt würde stattfinden können, war bis kurz vor Beginn der Kreistagssitzung ungewiss. Im Stundentakt brachen neue Corona-Hiobsbotschaften über die Bevölkerung und die Verantwortlichen im Gesundheitswesen, der Verwaltung und Politik herein. Zwei Tage später, am 18. März, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer Fernseh ansprache für Deutschland den Lockdown. Der eben in seine zweite Amtszeit wiedergewählte Landrat Sven Hinterseh schlüpfte endgültig in die Rolle des kreisweiten Krisenmanagers – an eine Rückkehr in den politischen Alltag ist bis heute nicht zu denken. Wie schon die Wahl, stand auch die Vereidigung für die zweite Amtszeit durch Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer im Zeichen von Corona. Der Kreistag versammelte sich dazu am 27. Juli in der Neuen Tonhalle in VS-Villingen, weil nur dort für ein so großes Gremium die Sicherheitsabstände eingehalten werden konnten. Offiziell hat die zweite Amtszeit am 1. Juni 2020 begonnen. Auch der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich als Folge massiver Einnahmeausfälle durch Corona für seinen Haushalt die Umsetzung von Einsparungen auferlegt. Zahlreiche Projekte werden zeitliche Verzögerungen erfahren, beziehungsweise der Kreistag diskutiert deren Machbarkeit in Zeiten von Corona neu. „Jetzt hoffen wir, dass die Rettungsschirme von Bund und Land greifen, nur wenige Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren und hoffentlich die sozialen Systeme nicht überlastet werden“, blickt Sven Hinterseh in einem am 28. September 2020 geführten Interview in die bis heute ungewisse Zukunft. Das nachstehend wiedergegebene Gespräch ist eine Bilanz der ersten acht Jahre im Amt des Landrates und der Versuch eines Ausblicks auf die Kreispolitik im Zeitalter nach Corona. Herr Hinterseh, Ihr Rückblick auf die Jahre 20122020, die erste Amtszeit als Landrat und Ihr Ausblick auf die zweite Amtszeit aus Anlass der Wiederwahl am 16. März des Jahres 2020 war überschattet von den Ereignissen der Pandemie. Wie haben Sie als frisch im Amt bestätigter Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises diese Zeit erlebt? In der Tat – Corona hat unser aller Leben vollständig verändert! Wir im Landratsamt betreiben seit Monaten überwiegend Krisenmanagement. Es galt und gilt ungeheuer viele Prozesse und Verwaltungsabläufe zu koordinieren und abzustimmen. Es gibt ja nirgendwo ein Gesetz, in dem steht: Wenn Corona ausbricht, dann hat das Landratsamt folgende Aufgaben zu erfüllen … und es besteht auch kein Pflichtenkatalog, der Beim Auszählen der Stimmen zur Landratswahl folgte ein „Ja“ auf das andere. Rechts: Walter Klumpp, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, gratuliert Landrat Sven Hinterseh zur einstimmigen Wiederwahl. 12 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Am 27. Juli 2020 vereidigte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer in einer Kreistagssitzung in der Neuen Ton halle in VS-Villingen Landrat Sven Hinterseh für seine zweite Amtszeit. Regierungspräsidentin vereidigt Landrat Sven Hinterseh für zweite Amtszeit „Fulminantes Ergebnis“ In der Kreistagssitzung am 27. Juli vereidigte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer den wiedergewählten Landrat Sven Hinterseh für seine zweite Amtszeit. Sie erinnerte in ihrer Ansprache an die erste Wahl Sven Hintersehs zum Landrat im Jahr 2012. Damals habe er mit viel Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen überzeugt. Nun konnte er mit 100 Prozent der Stimmen ein fulminantes Ergebnis bei der Wiederwahl am 16. März 2020 verzeichnen, so die Regierungspräsidentin, dies sei ein riesiger Vertrauensbeweis. Landrat Sven Hinterseh habe stets Weitblick, den Mut für innovative Entscheidungen und großes persönliches Engagement gezeigt. Er sei ein Landrat, der keine Parteipolitik, sondern Politik mit allen in den Mittelpunkt stelle. Dabei seien wegweisende Entscheidungen getroffen worden, wie beispielsweise die Gründung des Zweckverbands Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar. „Hier geht es um ein Jahrhundertprojekt“, hob Bärbel Schäfer die Tatkraft der politisch Verantwortlichen lobend hervor. Auch bei den Schulen habe der Landkreis viele Sanierungen und Erweiterungsmaßnahmen umgesetzt. Bei dem Thema Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) bestehe ein intensiver Kontakt mit dem Regierungspräsidium. Zudem erinnerte die Regierungspräsidentin an die Investitionen des Kreises beim Neubau des Zentralklinikums 2013. „Bei der Corona-Pandemie konnten wir nun erfahren, wie wichtig die Zentralkliniken sind“, betonte Bärbel Schäfer. Ein Blick zurück galt der Flüchtlingssituation des Jahres 2015. Damals habe sich Landrat Sven Hinterseh bei der Flüchtlingsaufnahme als Krisenmanager bewiesen: „Sie haben nicht „hier“ geschrien, aber sich auch nicht weggeduckt. Hierfür möchte ich mich persönlich bei Ihnen bedanken.“ Auch jetzt, in der Corona-Pandemie, hätten die Landkreise gezeigt, wie schnell sie ihre Krisenstäbe hochfahren können, der SchwarzwaldBaar-Kreis habe sehr früh reagiert. Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 13

 

 

 

auflistet, was zu tun wäre. Entscheidend scheint mir, das Gebot der Stunde zu erkennen. Auch wenn das Landratsamt für viele Aufgaben nicht zuständig ist, kann es dennoch vermitteln, sich um Lösungen bemühen. Der Kassenärztlichen Vereinigung haben wir geholfen, die Corona-Ambulanz in Betrieb zu nehmen. Dem Schwarzwald-Baar Klinikum konnten wir zur Seite stehen, als es darum ging, mit den Reha-Einrichtungen über eventuelle Not-Kapazitäten zu sprechen. Wir haben Seniorenund Pflegeeinrichtungen beraten, Schutzmasken und -kleidung beschafft und vieles mehr. Wie wir alle, war kein Landrat vor Ihnen mit so einer Situation konfrontiert … Corona ist weltweit eine einzigartige Herausforderung. Wir erlebten 2015/2016 einen ungewöhnlich großen Zustrom geflüchteter Menschen. Manche bezeichneten diese Situation als Krise, ich spreche von einer Herausforderung. Die Bewältigung der Corona-Pandemie hingegen ist bislang in der Tat einzigartig. Wir alle Es gibt ja nirgendwo ein Gesetz, in dem steht: Wenn Corona ausbricht, dann hat das Landratsamt folgende Aufgaben zu erfüllen… Und es gibt auch keinen Pflichtenkatalog, der auflistet, was zu tun wäre. haben uns nicht gewünscht, in so eine Situation zu geraten. Wir befinden uns nach wie vor mitten in der Pandemie – keinesfalls darf man die Lage auf die leichte Schulter nehmen. Dieser Tage war ich selbst kurze Zeit mit einem Corona-Infizierten im gleichen Auto unterwegs. Ich musste mich umgehend testen lassen – der Test fiel negativ aus. Was mich generell verwundert: Die Zahl meiner Auswärtstermine hat stark zugenommen. Nicht immer ist mir wohl dabei, Corona ist längst nicht überwunden. Wir müssen als Ge14 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

sellschaft das richtige Maß finden – das ist eine Aufgabe der nächsten Monate. Der Ausbruch der Corona-Pandemie im Schwarzwald-Baar-Kreis fällt ziemlich exakt mit dem Ende Ihrer ersten Amtszeit und der Wiederwahl zum Landrat zusammen. Sie wurden in geheimer Wahl ohne Gegenstimme im Amt bestätigt. Wie haben Sie diesen Tag erlebt? Diese Eindeutigkeit war von mir zu keiner Zeit so erwartet worden. Ich hatte mir natürlich ein starkes Ergebnis gewünscht, aber dass es in geheimer Wahl einstimmig wird, das hat mich doch überrascht und sehr gefreut. Blicken wir auf die Zeit vor Corona zurück. Die Grundlagen für die „Zukunftsregion Schwarzwald-Baar“ zu schaffen, war Ihnen ein wichtiger Ansatz. Welche Impulse konnten Sie geben? Ich bin schon lange in der Politikberatung aktiv. Als Berater und Begleiter von Politiker*innen, eigentlich mein ganzes Berufsleben lang. Es ist meine feste Überzeugung, dass man die mit der Politik verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten nutzen muss. Das bedeutet, Zukunftsthemen aktiv anzugehen und die Themenfelder klar und mit Kraft nach vorne zu entwickeln. Infrastrukturthemen sind für einen Landkreis von entscheidender Bedeutung – insbesondere die Sicherstellung der digitalen Infrastruktur. Eine zentrale Rolle spielt dabei die durch Sie initiierte Demografiestrategie? In der Tat. Sie gab und gibt mir noch immer die Legitimation, unsere Zukunftsaufgaben konkret anzupacken. Sie fungierte in den letzten Jahren als gute Richtschnur unseres Handelns. Die Demografiestrategie ist im Kreistag, mit den Städten und Gemeinden sowie in Bürgerworkshops gemeinsam erarbeitet und einstimmig verabschiedet worden. Breitbandausbau, ÖPNVWeiterentwicklung, ärztliche Versorgung und Es ist meine feste Überzeugung, dass man die mit der Politik verbundenen Gestaltungsmöglichkeiten nutzen muss. Das bedeutet, Zukunftsthemen aktiv anzugehen und die Themenfelder klar und mit Kraft nach vorne zu entwickeln. andere Themen sind in ihr angelegt. Sie sichert unsere Daseinsvorsorge. Und wie ich schon bei meiner Bewerbungsrede am 16. März ausführte: Es liegt mir besonders am Herzen, die Daseinsvorsorge nicht nur in unseren Städten und größeren Gemeinden zu erhalten und auszubauen, sondern gerade auch in den vielen Teilorten mit 300, 400 oder 500 Einwohnern sicherzustellen. Ihr sicherlich mit wichtigstes Projekt war der Einstieg in den Aufbau der Breitbandversorgung und die Gründung des Zweckverbands Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar. Wo stehen wir beim Aufbau des Glasfasernetzes am Beginn Ihrer zweiten Amtszeit? Wir haben in den letzten acht Jahren ganz Erhebliches geleistet, weit über 11.000 Haushalte sind bereits am Netz, und bis Ende 2019 wurden mehr als 130 Mio. Euro investiert. Der Glasfaserausbau hat die gleiche Bedeutung wie die Trinkwasseroder Stromversorgung. Wir haben dafür dank unserer klugen Politik viele Millionen Euro an Fördergeldern von Bund und Land erhalten. Und wir haben vor allen Dingen – das erscheint mir noch viel wichtiger – bei Land und Bund gezielt Einfluss nehmen können, wie die Förderkulissen ausgestaltet werden, sodass sie für uns auch passen. Das fällt alles nicht vom Himmel. Dafür muss man hart arbeiten, benötigt ebenso die Unterstützung seitens unserer Mandatsträger*innen. Ich wünsche mir, dass wir am Ende meiner zweiten Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 15

 

 

 

Amtszeit sagen können, dass der Breitbandausbau gemeistert ist. Und das ist im SchwarzwaldBaar-Kreis mit seinen über 1.000 km2 Fläche schon nicht ganz einfach. Eigentlich wollte ich keine Beispiele nennen, aber denken Sie, dass Sumpfohren, Nußbach, der Rensberg oder Unterbränd – und das sind jetzt nur ein paar wenige Orte – ohne unseren Zweckverband und ohne dieses solidarische Miteinander jemals schnelles Internet bekommen hätten? Wohl kaum, wie uns die Vergangenheit lehrt. Das Internet ist in der Corona-Zeit für viele über Nacht zur Existenzfrage geworden. Sind es jetzt überwiegend noch die eher ländlichen Regionen, die auf das Glasfaserkabel warten müssen? Nein. Zum Teil kommt es auch in größeren Städten zu einer Unterversorgung, von der einzelne Straßenzüge oder nur Teile einer Straße betroffen sind. Die Welt ist in dieser Hinsicht ziemlich kompliziert. Es gibt Orte im Landkreis, die sind zu 80 Prozent oder mehr gut ausgebaut. Und doch finden sich im gleichen Ort kleine Bereiche, die noch schlecht erschlossen sind. Da geht es teils um Grundstücksfragen, oft vor allem um die Wirtschaftlichkeit eines Teilausbaus. Über das schnelle Internet habe ich viele Gespräche mit Bürger*innen geführt. Es gibt den SAP-Berater, der deutschlandweit unterwegs ist, der vieles von zu Hause aus machen könnte, wenn er diese symmetrischen Glasfaseranschlüsse hätte. Es gibt die Wirtschaftsprüferin, die im Achdorfer Tal lebt, und gleichfalls das schnelle Internet braucht, damit sie von zu Hause aus arbeiten kann. Heute gilt: Auch das Achdorfer Tal ist am Netz! Es gibt genauso die Lehrer*innen, die gerade zu Corona-Zeiten die schnellen Anschlüsse benötigen, um ihren digitalen Unterricht bewerkstelligen zu können. Weiter den Studenten im Bregtal oder den Schüler im Glasbachtal bei Königsfeld, der auf schnelles Internet angewiesen ist. Spätestens mit Aufkommen von Corona haben alle erkannt, dass es das Glasfaserkabel einfach braucht, um technisch zukunftsfest aufgestellt zu sein. Denken Sie, dass Sumpfohren, Nußbach, der Rensberg oder Unterbränd ohne unseren Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar und ohne dieses solidarische Miteinander jemals schnelles Internet bekommen hätten? Ist der Schwarzwald-Baar-Kreis auch beratend tätig? Wir sind aktuell – auch im Auftrag der Städte und Gemeinden – mit dem Aufbau eines digitalen Netzwerkes für alle öffentlichen Einrichtungen im Landkreis als Grundlage für unsere interkommunale Zusammenarbeit beschäftigt. Das ist ein Angebot, das mit dem Voranschreiten des Glasfasernetzes korrespondiert: Nur mit den Möglichkeiten des schnellen Internets lässt sich so ein Zusammenschluss auch realisieren. Damit sind große Synergieeffekte verbunden, ebenso erhebliche Einsparungen für den Landkreis und die Kommunen. Sie haben die Schulen, die Bildung, angesprochen. Hat Corona den Schulen sozusagen über Nacht die Digitalisierung beigebracht? Das ist rhetorisch überhöht. Der SchwarzwaldBaar-Kreis bemüht sich als Schulträger seit Jahren intensiv um die Digitalisierung. Wir hatten gleichfalls schon vor Jahren ein Pilotprojekt mit der Hochschule Furtwangen initiiert und abgeschlossen. Das heißt, wir haben unseren Masterplan, wie wir die Digitalisierung in die Schulen und in den Unterricht bringen. Natürlich hat Corona dazu geführt, dass sich in ganz kurzer Zeit eben alle mit diesem Thema auseinandersetzen mussten. Insofern war und ist Corona mit Sicherheit ein Treiber dieser Entwicklung. 16 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Gibt es ein Gefälle? Wie schaut es mit Schulen aus, die sich in kommunaler Trägerschaft befinden? Schwarz-Weiß-Bilder sind immer schwierig. Was ich sagen kann, ist, dass die Kreisschulen relativ gut vorbereitet waren. Es gibt auch Schulen in kommunaler Trägerschaft, die sehr gut aufgestellt sind. Richtig ist vielleicht, dass sich ein großer Schulträger bei diesem Thema einen Ticken einfacher tut. Es gibt einige Städte und Gemeinden, die es schwerer haben. Ich würde nicht sagen, dass beim Landkreis alle Probleme gelöst und bei den anderen Schulträgern alle Probleme noch da sind, das wäre ein Zerrbild. Die Bildung war und ist für Sie ein zentrales Anliegen. Sie haben mehrfach betont, wie wichtig es ist, dass Jugendliche und Kinder tatsächliche Chancengleichheit antreffen. Fürchten Sie, dass Corona bei diesem Bemühen eine große Bremse sein könnte? Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir Bildungschancen für alle anbieten. Wir haben in der Demografiestrategie formuliert, dass kein Kind verloren gehen darf. Das heißt, wir wollen gleiche Chancen – egal ob ein Kind in ein bildungsbürgerliches Haus hineingeboren wird oder nicht. In der Tat wollen wir als Schulträger versuchen, den Kindern eine Chance zu geben, die kein optimales Umfeld für ihr Lernen vorfinden. Das ist besonders im Rahmen der Digitalisierung wichtig: Alle Kinder müssen die Möglichkeit haben, mit Tablets oder Laptops arbeiten zu können. Wenn wir auf dem Gebiet der Bildung Spitze sein wollen, brauchen wir die besten Schulen. Unsere Kinder verdienen die größtmöglichen Chancen für Aufstieg und berufliches Fortkommen, für Erfüllung und Zufriedenheit. Aufstieg durch Bildung muss für alle möglich sein – ungeachtet der Nationalität und der sozialen Herkunft. junge Familien halten bzw. in den Landkreis holen können, dann steht neben den Bildungschancen und der Breitbandversorgung ein attraktiver Nahverkehr ebenfalls ganz oben auf der Liste … Er ist ein weiteres großes Thema unserer Daseinsvorsorge und Zukunft. Wir müssen uns neben dem „Ringzug 2.0“ besonders um die „letzte Meile“ kümmern. Der Kreistag hat sich mit diesen Themen beschäftigt, die sehr komplex sind, die weit in die Zukunft hinausschauen und enorme Investitionen nach sich ziehen. Vor Corona war es beim Nahverkehr insofern einfacher, weil wir stetigen Zuwachs hatten. Corona hat hier einiges verändert, wir werden sehen, wie sich die Zahlen pandemiebedingt entwickeln. Glauben Sie, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis an Vorhaben wie „Ringzug 2.0“ mit Blick auf die finanziellen Folgen der Corona-Krise festhalten kann? Wenn wir über die Attraktivität von Lebensräumen sprechen, uns Gedanken machen, wie wir Derzeit weiß keiner, wie es mit den Kommunalfinanzen weitergeht. Die Wahrscheinlichkeit ist Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 17

 

 

 

Schauen wir in die Zeit vor Corona. Demografiestrategie, Bildung und Öffentlicher Nahverkehr sind bereits benannt. Was waren im Rückblick weitere Höhepunkte Ihrer ersten Amtszeit als Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises? Natürlich die Einweihung unseres neuen Klinikums in Villingen-Schwenningen im Sommer 2013. Mich hat es sehr gefreut, dass mein Amtsvorgänger Karl Heim an der feierlichen Eröffnung mit Ministerpräsident Kretschmann teilnehmen konnte. Er und viele weitere Helferinnen und Helfer waren es, die dieses Großprojekt auf den Weg gebracht haben. Es ist einem wahrscheinlich nur einmal im Leben vergönnt, ein derartiges Bauwerk einweihen zu dürfen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sechs Krankenhausstandorte auf zwei konzentriert. Über 280 Mio. Euro sind investiert worden. Gerade sehr groß, dass sie sich eintrüben. Mir scheint, dass der Kreistag nach wie vor den Ehrgeiz hat, den ÖPNV weiter zu stärken und auszubauen. Wenn wir über Infrastruktur und Zukunftsfähigkeit reden, ist es wichtig, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis ein gutes Grundangebot vorweisen kann. Nun lässt sich diskutieren, was heißt ein gutes Grundangebot? Ist das der verlässliche Stundentakt, ist das mehr – ist es weniger? Wie sieht es an Wochenenden und in den Nachtstunden aus? Da ist natürlich vieles denkbar. In unserem Nahverkehrsplan formulieren wir diesbezüglich ehrgeizige Ziele. Ich hoffe, dass wir sie weiterhin umsetzen können, am politischen Willen liegt es sicherlich nicht. Zumal ein gut ausgebauter Nahverkehr einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, der für uns im Schwarzwald-Baar-Kreis schon lange eine wichtige Rolle spielt. Ich freue mich auf die Arbeit unserer Klimaschutzmanagerin und dann auch auf den Zertifizierungsprozess hin zum European Energy Award. auch in Corona-Zeiten haben wir beweisen können, dass unser Klinikum mit zwei Standorten höchste medizinische Kompetenz vorhalten kann. Doch nicht nur die ganz großen Punkte zählen. Mich persönlich hat es sehr gefreut, dass wir den Landschaftserhaltungsverband Schwarzwald-Baar gründen konnten. Der eingetragene Verein bemüht sich um die Pflege unserer Kulturlandschaft. Und ebenso erfreulich ist die Umsetzung des Naturschutzgroßprojektes Baar. Hier sind wir aus der Planungsund Projektphase in die Umsetzungsphase eingetreten. Ungeklärt bleibt indes das Thema Flughafen Zürich, also unsere Belastungen durch das Anflugverfahren auf Zürich. Hier sind wir bis heute nicht wirklich vorangekommen. Zum Thema Infrastruktur will ich noch anmerken, dass wir jetzt endlich bei unseren Bundesstraßenprojekten sichtbare Fortschritte benötigen. Konkret also beim Lückenschluss der B 523. Und gleiches gilt für die Ortsum18 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Im Austausch mit den Bürger*innen und Kommunalpolitikern*innen erfahre ich, was die Menschen vor Ort bewegt. Ich verstehe mich als Anwalt des Schwarzwald-BaarKreises. Kontakt zu sein. Im Austausch mit den Bürger*innen und Kommunalpolitikern*innen erfahre ich, was die Menschen vor Ort bewegt. Ich verstehe mich als Anwalt des Schwarzwald-Baar-Kreises. Das erfüllt mich mit großer Zufriedenheit und gibt mir sehr viel. fahrungen in Blumberg-Zollhaus und Blumberg-Randen. All diese Vorhaben sind im Bundesverkehrs wegeplan enthalten – jetzt aber muss die Umsetzung kommen. Herr Hinterseh: Mit ganzem Herzen Landrat, was fasziniert Sie an diesem Beruf? Die Kombination: Landrat sein bedeutet, eine große Verwaltung mit über 1.000 Mitarbeiter*innen zu führen, Politik zu gestalten und gleichzeitig mit der Bürgerschaft in ständigem Wie begegnen Ihnen die Menschen, welche Wünsche werden an Sie herangetragen? Fast ausnahmslos sind die Begegnungen positiv. Diesen September beispielsweise fand das jährliche Almanach-Abendessen statt. Beim Almanach-Preisrätsel wird als 3. Preis stets ein Abendessen mit dem Landrat ausgelobt. Am Anfang habe ich gedacht, um Gottes willen, wer will mit dem Landrat essen gehen? Ist das ein Preis, der die Leute auch freut? Und in der Tat, diese Art Blind Date ist ausnahmslos angenehm. Sie begegnen völlig unterschiedlichen Menschen: Da gab es die ältere Dame, der im Leben Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 19

 

 

 

Das Spektrum reicht vom Rentenbescheid über den Nachbarschaftsstreit bis hin zu Problemen im Zusammenhang mit einem Bauantrag. Vielen Menschen ist es zu allererst wichtig, dass man ihnen zuhört. Sie fühlen sich oft nicht richtig verstanden. Wenn man ihnen persönlich darlegen kann, was hinter manchen Entscheidungen steht, können sie die Dinge besser nachvollziehen. Ab und zu gelingt es so auch, etwaige Einsprüche oder Auseinandersetzungen beizulegen und die Situation zu befrieden. Herr Hinterseh, acht Jahre Landrat im Schwarzwald-Baar-Kreis. Sind Ihnen die Baar und der Schwarzwald bereits zur Heimat geworden? Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist ganz klar Heimat für unsere Familie. Ich bin im Kaiserstuhl aufgewachsen und immer wieder gerne dort zu Besuch, aber Heimat und Lebensmittelpunkt ist für mich der Schwarzwald-Baar-Kreis geworden. Unsere Familie fühlt sich hier ausgesprochen wohl. Gibt es so etwas wie liebste Plätze? Lebensmittelpunkt unserer Familie ist unser Häusle in Pfaffenweiler – und das ist ein lieber Platz für uns. Aber natürlich, da gibt es auch andere Eindrücke. Was mich immer wieder neu begeistert ist der Blick von Fürstenberg aus auf die Baar. Oder wenn ich von Schönwald nach Unterkirnach unterwegs bin, der Augenblick, wenn sich der Blick nach Villingen und auf die Schwäbische Alb auftut. Das sind Momente, die mir das Gefühl vermitteln, dass ich nach Hause fahre. Aber ich bin ebenso gerne am Rohrhardsberg bei Schonach, im Glasbachtal bei Königsfeld, am Neckarursprung oder in Hüfingen. Es gibt im Schwarzwald-Baar-Kreis viele schöne Plätze. Auch das ist reizvoll an meinem Amt, dass man viel im Landkreis herumkommt, ihn auf diese Weise besonders schätzen und lieben lernt. nichts geschenkt wurde, die immer Aushilfstätigkeiten ausübte und die Sorge hatte, dass sie ihre Kinder nicht durchbekommt. Und ebenso den Unternehmer aus dem Nachbarlandkreis, ein auch soziologisch breites Spektrum somit. Immer war es nett, weil man leicht ins Gespräch kam und sich über die unterschiedlichsten Dinge unterhalten konnte. Ich bin einfach gespannt, was die Leute so erzählen, was sie umtreibt im Leben, wie ihre Lebenswirklichkeit ausschaut. Natürlich kommen immer auch Berührungspunkte zum Landratsamt zur Sprache, positive, negative, neutrale. Aber vor allem geht es den Leuten darum, zu erzählen, wie sie Heimat erleben, was sie so emotional umtreibt. Das ist für mich immer ein sehr schöner Abend. Und wie schaut es mit den Anliegen aus, die im Rahmen Ihrer Sprechstunde an Sie herangetragen werden? Sie sprechen damit zugleich den großen Themenkreis Naturund Kulturlandschaft an … 20 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Der Schwarzwald und die Baar sind einzigartig. Ich begrüße es, dass wir in Baden-Württemberg schon länger versuchen, die Felder Landwirtschaft, Naturschutz und Tourismus noch besser zu verzahnen. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis gilt: Über 42 Prozent der Fläche werden von 1.200 bäuerlichen Familienbetrieben bewirtschaftet. Hinzu kommen bedeutende Waldund Naturschutzflächen, sodass dieses verzahnte Miteinander zwingend geboten ist. Unsere Naturund Kulturlandschaft bildet zugleich die Grundlage für einen florierenden Tourismus. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung? Unser aller Aktivitäten im Tourismus wären wertlos, hätten wir nicht diese Naturund Kulturlandschaft. Die Naturvielfalt auf relativ engem Raum ist in ihrer Fülle herausragend und so anderswo im Land kaum vorhanden. Das Geschaffene im Tourismus ist von großer struktureller Bedeutung – alle Projekte dienen unserer Profilschärfung. Wir haben sehr viel gemacht, beispielsweise in meiner ersten Amtszeit die Tourismus-Konzeption erstellt, die wir jetzt umsetzen. Wir haben das Radund Wanderparadies weiterentwickelt, vor allem unseren neuen Premiumfernwanderweg WasserWeltenSteig von Triberg nach Schaffhausen grenzüberschreitend umsetzen können, der sehr gut angenommen wird. Und ein weiteres Highlight wird die DreiWeltenCard „Schwarzwald.Rheinfall.Bodensee“ sein. Gemeinsam mit dem Landkreis Waldshut und dem Kanton Schaffhausen bringen wir in Abstimmung mit dem Landkreis Konstanz eine Gästekarte auf den Markt, die Touristen über 100 Attraktionen kostenfrei zur Verfügung stellt. Kurz-Vita Sven Hinterseh wurde am 21. Januar 1972 in Freiburg im Breisgau geboren und wuchs in Oberrotweil, einem Ortsteil der Stadt Vogtsburg im Kaiserstuhl, in einem Weinund Obstbaubetrieb auf. Nach einer Berufsausbildung zum Industriekaufmann legte er das Abitur in Baden-Baden ab und leistete seinen Zivildienst in einem Altenund Pflegeheim in Freiburg im Breisgau. Auf das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Konstanz (Erstes Juristisches Staatsexamen) und Rechtsreferendariat am Landgericht Konstanz, das er mit dem Zweiten Juristischen Staatsexamen beendete, folgte ein Postgraduiertenstudium der Verwaltungswissenschaften an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer. Dort schloss Sven Hinterseh im Jahr 2001 mit dem Magister der Verwaltungswissenschaften (Mag.rer.publ.) ab. Seine beruflichen Stationen führten Sven Hinterseh vom Landgericht Konstanz, wo er als Referendar tätig war, über das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis, als Landesbeamter in der Funktion des Rechtsund Ordnungsdezernenten in den Jahren 2001 bis 2003, in die Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Berlin. In den Jahren 2003 bis 2005, unter anderem zuständig für die Föderalismusreform. In den Jahren 2005 bis 2010 war er als Persönlicher Referent des damaligen Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Volker Kauder MdB, tätig. Danach führte ihn sein Weg im Jahr 2010 wieder zurück nach Baden-Württemberg, als Leiter der Grundsatzabteilung im Staatsministerium, der Staatskanzlei des Ministerpräsidenten, in Stuttgart. Von Mai 2011 bis Mai 2012 war Sven Hinterseh als Ministerialdirigent Leiter der Abteilung Naturschutz und Tourismus unter dem damaligen Minister Alexander Bonde. Am 26. März 2012 wurde Sven Hinterseh zum Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises gewählt. Bei seiner Wiederwahl am 16. März 2020 erhielt er 52 von 52 Stimmen und wurde somit einstimmig gewählt. Sven Hinterseh ist römisch-katholisch, verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit seiner Familie in Pfaffenweiler, einem Ortsteil von Villingen-Schwenningen. Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 21 21

 

 

 

Ja, ein Landkreis kann konjunkturelle Impulse geben. Deswegen werbe ich bei der Haushaltsstrukturkommission des Kreistages dafür, dass wir unsere Ausgaben nicht auf Null herunterfahren, sondern ganz gezielt auch Investitionen in Zukunftsbereiche tätigen. Insoweit, ja, ein Landkreis kann Impulse geben. Deswegen werbe ich bei der Haushaltsstrukturkommission dafür, dass wir unsere Ausgaben nicht auf Null herunterfahren, sondern ganz gezielt auch Investitionen in Zukunftsbereiche tätigen. Und so einen Beitrag leisten, dass unsere Wirtschaft stark bleiben kann. In kleinem Maße gilt das natürlich auch für andere Bereiche. Etwa für Werbeagenturen oder Künstler, aber eben nur eingeschränkt. Die Pandemie und ihre finanziellen Folgen: Wie geht die Kreis politik mit der aktuellen Situation um? In diesen Krisenzeiten hat man die Aufgabe, einiges zu hinterfragen. Das bedeutet nicht, dass das eine nicht mehr so wichtig ist, aber man muss jetzt wirklich Prioritäten setzen. Da können selbst Dinge, die in der Vergangenheit gut waren, neu diskutiert werden. Das finde ich legitim und es kostet Kraft – aber dieser Situation müssen wir uns jetzt stellen. Kann ein Landkreis mit Blick auf die vielfach angeschlagene Wirtschaft auch Konjunkturimpulse setzen? Und wie kann man sich das vorstellen? In beschränktem Maße schon, aber keinesfalls im Stil des Bundes. Wir versuchen, wo immer möglich, mit regionalen Partnern zusammenzuarbeiten. Das tun wir bereits seit vielen Jahren. Ein gutes Beispiel sind unsere hohen Investitionen im Schulbereich, da kommen ausnahmslos regionale Partner zum Zug. Und nichts anderes gilt beim Aufbau des kommunalen Glasfasernetzes. Ich war diesbezüglich in der letzten Woche im Achdorfer Tal, sämtliche Arbeiten hat dort ein Tiefbauunternehmen aus dem Landkreis umgesetzt. Das führt dazu, dass hier in der Region Arbeitsplätze entstehen und dass sie auch gehalten werden können. Weiter sanieren wir gegenwärtig das frühere Postgebäude beim Bahnhof in VS-Villingen. Und dort ist es ebenfalls so, dass die Arbeit überwiegend von Firmen geleistet wird, die in der Region ansässig sind. Die Abhängigkeit unserer Industrie vom Automotive-Sektor ist groß. Die E-Mobilität und nun auch Corona trüben die Aussichten ein. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr? Meine Wahrnehmung ist die, dass sich viele mittelständische Unternehmen bereits seit Jahren zukunftsorientiert ausrichten. Richtig ist aber, dass viele Technologien nur im Verbrennungsmotor zu Hause sind und man nicht einfach einen Schalter umlegen und sagen kann: Bis jetzt habe ich Technologien für Verbrenner gemacht, nun stelle ich auf E-Autos um! Etliche Komponenten, die sich in einem Automobil mit Verbrennungsmotor befinden, werden auch in Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb benötigt. Aber dennoch: Dieser Transformationsprozess wird sicher schmerzhaft werden. Und unter Umständen könnte das eine oder andere Unternehmen sogar auf der Strecke bleiben. Würden Sie da einen Vergleich zum Niedergang der Uhrenindustrie ziehen? Ich wäre da etwas vorsichtig. Ich persönlich hoffe und wünsche natürlich, dass dieser Technologiewechsel nicht die Auswirkungen hat, wie sie beim Niedergang der Uhrenoder Unterhaltungsindustrie zu beobachten waren. Ich hoffe vielmehr und glaube daran, dass uns dieser Transformationsprozess besser gelingt. Corona gibt uns bereits jetzt einen Vorgeschmack darauf, was mehr Arbeitslosigkeit für unser 22 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Sozialwesen bedeutet. Wie entwickelt sich aktuell der Sozialbereich? Einerseits verringern sich unsere Steuereinnahmen, andererseits steigen die Sozialausgaben. Das ist ein klassisches Dilemma. Wir sehen jetzt schon, dass die Sozialausgaben steigen. Die Arbeitslosigkeit hat sich im Vergleich zum Sommer 2019 verdoppelt. Wir sind auf einem Niveau, das nicht vergleichbar ist – und hoffentlich kommen wir da nicht hin – wie es beim Niedergang der Uhrenindustrie war. Insoweit muss man die Dinge auch richtig einordnen. Aber wir sehen, dass die Zahlen ansteigen. Es gibt eben leider schon Bürgerinnen und Bürger, die aus der Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit gekommen sind. Zu den Schwerpunkten meiner zweiten Amtszeit zähle ich ebenso die Weiterentwicklung im ÖPNV inklusive Ringzug in Richtung St. Georgen. Ich bin dankbar, dass wir jetzt umsteigefrei nach Freiburg kommen. Das gleiche Angebot benötigen wir dringend in Richtung Stuttgart. Blicken wir in die kreispolitische Zukunft: Welche Schwerpunkte sehen Sie in Ihrer zweiten Amtszeit? Das Begonnene muss in allen Bereichen fortgesetzt werden. Die Verbesserung unserer digitalen Infrastruktur bleibt noch über Jahre hinweg ein Arbeitsschwerpunkt. Ich werde mich vor allen Dingen auch im Landratsamt um das Thema digitale Arbeitsprozesse intensiver kümmern. Es klingt jetzt nicht sonderlich spannend für unsere Leser*innen, für mich aber ist es ein wichtiges Feld, dass wir uns als Behörde mit über 1.000 Mitarbeiter*innen weiterentwickeln. Die digitale Transformation, die wir vorher im Zusammenhang mit den Schulen besprochen haben, wurde in der Kreisverwaltung bereits vielfach praktiziert. Wir haben allein während Corona über 160 weitere Homeoffice-Arbeitsplätze geschaffen. Das ist jedoch nicht in allen Bereichen möglich: Wir haben unsere Straßenwärter*innen, unsere Forstmitarbeiter*innen, die Vermesser*innen etc. Am Schluss unseres Gespräches – was würden Sie gerne unterstreichen? Landrat im Schwarzwald-Baar-Kreis zu sein, ist eine herausragende Gestaltungsaufgabe, der ich mich mit meiner Qualifikation, meiner beruflichen Erfahrung auf Bundes-, Landesund kommunaler Ebene, vor allem aber mit Herzblut, weiterhin stelle. Es ist mir Ehre und Verpflichtung, meinen Beitrag für einen starken, sozialen und lebenswerten sowie chancenreichen und innovativen Schwarzwald-Baar-Kreis zu leisten. Arbeiten wir gemeinsam daran, dass wir eine Zukunftsregion „Nummer 1“ werden. Lassen Sie uns zusammen das Beste geben, dass wir die große und krisenhafte Herausforderung Corona meistern. Wir müssen als Gesellschaft in dieser schweren Zeit zusammenstehen und uns miteinander solidarisieren. Das Gespräch führte Wilfried Dold Landrat Sven Hinterseh – Mutig unsere Zukunft gestalten! 23

 

 

 

Joachim Gwinner Sich stets als Anwalt der Bürger verstanden Der Erste Landesbeamte und Stellvertretende Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises in den Ruhestand verabschiedet Sein Beruf war ihm Berufung: Joachim Gwinner wirkte in der Position als Erster Landesbeamter und Stellvertretender Landrat des SchwarzwaldBaar-Kreises mit Leidenschaft. Ihn begeisterte die damit verbundene Gestaltungsfreiheit, die sämtliche Aufgabenbereiche einer Kreisverwaltung umfasst. Seine Lust am politischen Mitwirken drückte sich über 45 Berufsjahre hinweg in einer Vielzahl von Initiativen aus, die von der Beteiligung an einer Gesetzesnovelle zum Datenschutz sowie der Umsetzung komplexer Bauund Verwaltungsprojekte, über den Hochwasserschutz oder Sozialplanungen, bis hin zum Naturund Umweltschutz und Tourismus reichten. Landrat Sven Hinterseh bescheinigte seinem Stellvertreter am 27. Juli 2020 bei der Verabschiedung in den Ruhestand, eine in allen Belangen herausragende Bilanz. Joachim Gwinner unterstrich sein Bemühen, für die Bürgerinnen und Bürger im Schwarzwald-Baar-Kreis stets das Beste herauszuholen, er habe sich als ihr Anwalt verstanden. Ein Erster Landesbeamter fungiert in BadenWürttemberg als Stellvertreter des Land rates. In dieser Funktion vertritt er als staatlicher Beamter des Landes den kommunalen Landrat in dessen Doppelfunktion: als Leiter der kommunalen Kreisbehörde und als Chef der staatlichen unteren Verwaltungsbehörde. Eine in dieser Form einmalige Konstellation, die es so nur in Baden-Württemberg gibt. Die Verabschiedung von Joachim Gwinner fand unter anderen Bedingungen statt wie ursprünglich geplant. Landrat Sven Hinterseh bedauerte bei der Überreichung der Entlassungsurkunde: „Eigentlich wollten wir Sie mit einem großen Festakt im Beisein Ihrer langjährigen Wegbegleiter, der regionalen und überregionalen politischen Vertreter und der Kollegen aus dem Landratsamt gebührend verabschieden – doch Corona macht uns leider einen Strich durch die Rechnung und das bedauere ich zutiefst!“. 34 Jahre lang für den Landkreis tätig Für den Schwarzwald-Baar-Kreis war Joachim Gwinner 34 Jahre lang tätig, davon knapp 24 Jahre als Erster Landesbeamter. Seine beruf-

 

 

 

Joachim Gwinner, Erster Landesbeamter und Stellvertretender Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, wurde im Juli 2020 in den Ruhestand verabschiedet. 25

 

 

 

liche Laufbahn beginnt 1975: Auf den zweijährigen Wehrdienst folgt das Jura-Studium an der Universität Tübingen. 1980 legt er die Erste Juristische Staatsprüfung ab – 1983 folgte die Zweite. Bereits seine erste berufliche Station führt Joachim Gwinner in den Schwarzwald-BaarKreis: Am 1. März 1983 übernimmt er als junger Assessor die Leitung des Rechts amtes des Landratsamtes, später die Leitung des Ordnungsdezernats. Im Verlauf dieser ersten drei Jahre in der Kreisverwaltung erwächst eine enge Verbindung zu Landrat Dr. Rainer Gutknecht, von Haus aus gleichfalls Jurist. In der Rückschau bezeichnet ihn Joachim Gwinner als seinen Mentor. Bei ihm lernte er von der Pike auf, wie eine moderne Verwaltung funktioniert. Noch gut in Erinnerung sind ihm seine ersten Aufträge, die er von Dr. Gutknecht erhalten hat: Ein juristisches Gutachten zur Frage des Veröffentlichungsrechts der Kunstwerke von Klaus Ringwald im Almanach sowie zu den Haftungsund Handlungsmöglichkeiten beim damals noch „neuen“ Waldsterben. Es folgt 1986 der Wechsel an das Verwaltungsgericht Sigmaringen als Verwaltungsrichter. Und hier stellt sich für Joachim Gwinner nach knapp zweijähriger Tätigkeit als Richter – auch in Anbetracht der Antragsflut zur umstrittenen Volkszählung – die große Frage: Willst du das wirklich dein Leben lang machen? Er entschließt sich für eine Rückkehr in die Landesverwaltung und damit gegen eine weitere Tätigkeit als Richter. Der Jurist wechselt 1988 ins Innenministerium des Landes Baden-Württemberg. Dort wendet er sich dem damals in den Kinderschuhen steckenden und für ihn spannenden Aufgabenbereich des Datenschutzes zu. Es bietet sich ihm die Möglichkeit, die Grundzüge des Datenschutzes innerhalb der Landesverwaltung mitzugestalten und weiter an einer Novelle des Datenschutzgesetzes mitzuwirken. „Das Spektrum dieses Tätigkeitsfeldes war äußerst breit angelegt, denn gleich, welche Themen es in einer Landesverwaltung gibt, der Datenschutz spielt immer hinein“, unterstreicht Joachim Gwinner. Für Joachim Gwinner öffnet sich in seiner Funktion als Leiter des Sozialdezernates der Blick in eine andere Welt. Der Sozialbereich erfährt zu dieser Zeit einen großen Wandel. Neben der Altenhilfeplanung wird das Programm „Arbeit statt Sozialhilfe“ beschlossen. Rückkehr in den Schwarzwald-Baar-Kreis Ein Hilferuf von Landrat Dr. Rainer Gutknecht veranlasst Joachim Gwinner 1989 in den Schwarzwald-Baar-Kreis zurückzukehren. Dort ist seine Unterstützung bei der Neustrukturierung des Sozial amtes gefordert: Ihm wird im Mai 1989 die Leitung des Dezernats III, des Sozialdezernats übertragen. Ein für ihn vollständig neuer Bereich, den dazu erforderlichen „Unterbau“ erarbeitet er sich in kurzer Zeit. Allerdings mit „Startschwierigkeiten“: Zu den Aufgaben gehört – damals noch Neuland und für einen Juristen ohnehin – die Erarbeitung einer Altenhilfeplanung. Bei der Vorstellung der Konzeption im Kreistag hagelt es vonseiten der späteren SPD-Bundestagsabgeordneten und gelernten Altenpflegerin Christa Lörcher förmlich Kritik … Dennoch wird die Planung mit großer Mehrheit verabschiedet. Joachim Gwinner und Christa Lörcher verbindet in der Folge ein gutes und herzliches Miteinander. Auch das zeichnet den Ersten Landesbeamten und Stellvertretenden Landrat stets aus: Bei aller Zielstrebigkeit, wo immer möglich in der Sache mit anderen zusammenzuwirken und dabei das Miteinander zu pflegen, den Menschen zu sehen. Für Joachim Gwinner öffnet sich in seiner Funktion als Leiter des Sozialdezernates der Blick in eine andere Welt, wie er es formuliert. Der Sozialbereich erfährt zu dieser Zeit einen großen Wandel. Neben der Altenhilfeplanung wird das Programm „Arbeit statt Sozialhilfe“ beschlossen: 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Joachim Gwinner (rechts) zusammen mit den drei Landräten Dr. Rainer Gutknecht, Karl Heim und Sven Hinterseh (v. rechts). Das Foto entstand aus Anlass des 85. Geburtstages von Landrat Gutknecht. In der Amtszeit von Dr. Gutknecht hat Joachim Gwinner 1983 seine Tätigkeit im Landkreis begonnen. Acht Monate nach Amtsantritt von Karl Heim wurde er 1997 zum Ersten Landesbeamten und Stellvertretenden Landrat ernannt. Erster Landesbeamter Joachim Gwinner verabschiedet 27

 

 

 

Arbeitgeber können bei Einstellung eines Arbeitslosen staatliche Zuschüsse erhalten. Der Beginn der Jugendhilfeplanung fällt gleichfalls in seine acht Jahre dauernde Tätigkeit. Ernennung zum Ersten Landesbeamten Als 1996 der Erste Landesbeamte Friedemann Kühner in den Ruhestand wechselt, ist es der gemeinsame Wunsch des damals frisch gewählten Landrats Karl Heim und seines Vorgängers Dr. Rainer Gutknecht, dass ihm Joachim Gwinner nachfolgt. Doch braucht es ausgezeichnete Verbindungen ins Innenministerium, um diese Personalie zu realisieren: Die Ernennung eines Ersten Landesbeamten erfolgt nicht durch den Schwarzwald-Baar-Kreis, sondern durch das Land Baden-Württemberg. Und sie hat immer auch eine politische Komponente: Der gute Draht von Landrat Dr. Gutknecht ins Innenministerium und der massive Einsatz seines Nachfolgers Karl Heim bewirken dann dennoch zum 1. Februar 1997 die Ernennung des parteilosen Joachim Gwinner. Er wird Kraft seines Amtes zugleich der Stellvertreter des Landrates. „Herausfordernde und zugleich schöne Zeit“ „Es folgten 23 wunderbare Jahre, es war eine herausfordernde, an Aufgaben und Verpflichtungen reiche und zugleich schöne Zeit“, bilanziert der studierte Jurist am Beginn seines Ruhestandes. Landrat Sven Hinterseh benannte bei der Verabschiedung im Rahmen einer Kreistagssitzung am 27. Juli 2020 einige wesentliche Wegpunkte dieser Tätigkeit: Joachim Gwinner habe 2005 bei der großen Verwaltungsreform wichtige Impulse zur heutigen Organisationsstruktur des Landratsamtes gegeben. Ebenso in der Abfallwirtschaft vieles bewegt, beispielsweise wurde 1998 die Biotonne eingeführt. Richtungsweisend seien zudem die Vertragsverhandlungen im Rahmen der Restmüllverbrennung in den Jahren 1998 bis 2003 gewesen. Diese führten zur Schließung der Kreismülldeponien in Tuningen und Hüfingen. Der Eigenbetrieb „Abfallwirtschaft Schwarzwald-Baar“ löste sich in der Folge auf und wurde als Regiebetrieb Als 1996 der Erste Landesbeamter Friedemann Kühner in den Ruhestand wechselte, war es der gemeinsame Wunsch von Landrat Dr. Rainer Gutknecht und seines frisch gewählten Nachfolgers Karl Heim, dass ihm Joachim Gwinner nachfolgt. in der Struktur des Landratsamtes weitergeführt sowie die Untere Abfallbehörde in das Amt für Abfallwirtschaft eingegliedert (2000). Im Bereich des Wasserund Bodenschutzes und beim Umweltschutz standen neben der Nutzbarmachung des Kienzle-Areals in Schwenningen die Altlasten sanierung des Schwenninger Güterbahnhofs im Zuge der Vorarbeiten für die Landesgartenschau 2010 und die Reaktivierung und Sanierung des Baudenkmals Linachtalsperre im Mittelpunkt. Ebenso war der Bau des 2012 in Betrieb genommenen Hochwasserrückhaltebeckens in Wolterdingen ein Höhepunkt im Berufsleben von Joachim Gwinner. Wie wichtig ein zeitgemäßer Hochwasserschutz ist, erfährt er beim Jahrhundert-Hochwasser im Jahr 1990. Wegen der zufällig gleichzeitigen Abwesenheit von Landrat Dr. Gutknecht und des damaligen Ersten Landes beamten war es der Sozialdezernent und Reserveoffizier Joachim Gwinner, der im Februar 1990 im Schwarzwald-Baar-Kreis den Hoch wasser-Kata strophen fall auszurufen hatte. Im Rahmen seiner persönlichen Rückschau streift Joachim Gwinner zudem ein eigentlich „großes“ Thema, das einem in heutiger Zeit geradezu „profan“ erscheint: Die Genehmigung von Vesperstuben im Außenbereich als dringend benötigte Komponente der Tourismusentwicklung in der gesamten Region. Dank seines Einsatzes wurde es möglich, dass in Außenbereichen trotz baurechtlicher Restriktionen sowie Landschaftsund Denkmalschutz-Bedenken für Wanderer und Biker meist zugleich originelle Vesperstuben er

 

 

 

Joachim Gwinner (vierter v. links) bei der Dezernentenrunde mit Landrat Dr. Gutnecht (rechts) und weiteren Amtsleitern, 1985. Unten links: 10 Jahre Naturparkmarkt in Königsfeld, Joachim Gwinner (rechts) beim Tortenanschnitt mit Bürgermeister Fritz Link (zweiter v. links). Unten rechts: Besprechung im Landratsamt mit Bruno Mössner, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, und Landrat Karl Heim. Erster Landesbeamter Joachim Gwinner verabschiedet 29

 

 

 

öffnen konnten. Einkehrmöglichkeiten, auf die heute keiner mehr verzichten möchte. „Damit zwei, drei Generationen Atomstrom nützen können…“ Aber auch die Windkraft beschäftigt den Ersten Landesbeamten – zumal mit Blick auf die Welt, die wir zukünftigen Generationen hinterlassen. Beispielsweise seiner Enkeltochter Kimia, der Tochter seines Sohnes Michael mit Ehefrau Saghar, die in New York leben. Er Physiker, sie Chemikerin aus dem Iran stammend. Über 20 Jahre hinweg hatte sich Joachim Gwinner von Amts wegen mit der Atommüll-Endlagerstätte der Schweiz zu befassen. Eine bekanntlich bis heute nicht gelöste Aufgabe, da die Entscheidung der Schweizer weiter aussteht. Joachim Gwinner: „Diese Stätte soll die sichere Unterbringung des Atommülls für eine Million Jahre garantieren. Diesen Aufwand treiben wir, damit zwei oder drei Generationen der Menschheit den Atomstrom nutzen können.“ Und er fragt sich mit Blick auf die radioaktiven Abfälle: „Eine Million Jahre Lagersicherheit, wie will man die überhaupt garantieren?“ Folglich zeigt sich der Erste Landesbeamte für regenerative Strom erzeugung sehr offen – zumal mit Hilfe von Windkraft. In kürzester Zeit lagen dem Landratsamt über 60 Anträge zum Bau von Windkraftanlagen vor, denen Joachim Gwinner überwiegend positiv gegenüberstand, was ihm nicht wenige Anfeindungen einbrachte. Seither sind Widersprüche und Gerichtsverfahren in Sachen Windkraft beim Regierungspräsidium und den Verwaltungsgerichten keine Seltenheit. Seit vielen Jahren beschäftigten ihn ebenso die Fluglärmbelastungen durch die Anflüge auf den Züricher Flughafen. „Ganze zwei Jahrzehnte kämpften wir bislang vergebens darum, eine unverhältnismäßig große Flugverkehrsbelastung hier in unserer Region abzuwenden“, so der erfahrene Jurist und Verwaltungsexperte. Wenn ein Erster Landesbeamter sein Tagwerk mit derart großer Schaffenskraft bewältigt, bleiben Rufe von außen, sich in anderen Landkreisen als Landrat zu bewerben oder bei „Ihre Bilanz ist über stolze 45 Berufsjahre hinweg hervorragend“, bescheinigte Landrat Sven Hinterseh dem neuen Ruheständler. „Sie waren eine außerordentlich große und verlässliche Stütze.“ einer Bürgermeisterwahl anzutreten, nicht aus. Einmal hat Joachim Gwinner diesen Ruf gehört und sich als Landrat im Landkreis Rottweil beworben. Und dabei erlebt, wie wankelmütig es in der Politik zugehen kann, dass angesagte Unterstützung aus parteipolitischen Erwägungen heraus über Nacht verloren gehen kann. „Sie waren ein kompetenter Berater und eine verlässliche Stütze“ Im Rahmen der Verabschiedung von Joachim Gwinner in Juli 2020 betonte Landrat Sven Hinterseh vor dem Kreistag, er lasse den Ersten Landesbeamten nur ungern ziehen. Es sei enorm, was dieser gemeinsam mit Landrat a. D. Karl Heim bis 2012 und dann zusammen mit ihm – Landrat Sven Hinterseh – in den vergangenen acht Jahren umgesetzt habe. „Ihre Bilanz ist über stolze 45 Berufsjahre hinweg hervorragend“, bescheinigte Landrat Sven Hinterseh dem neuen Ruheständler. „Sie waren Landrat Karl Heim und mir stets eine außerordentlich große und verlässliche Stütze, ein kompetenter Berater und ein loyaler Verbündeter, den man bei schwierigen Entscheidungen gerne zu Rate zog, und auf dessen juristisches Fachwissen und Urteilsvermögen man sich immer zu einhundert Prozent verlassen konnte. Trotzdem ließen Sie aber auch nie das Menschliche vermissen. Und man ist bei Ihnen bei beinahe allen Themen immer auf viel Verständnis und offene Ohren gestoßen“, würdigte Landrat Sven Hinterseh die vertrauensvolle Zusammenarbeit. Joachim Gwinner sei stets eine starke Führungspersönlichkeit gewesen, die durch strate

 

 

 

Der frühere Landrat Karl Heim (von links) und Landrat Sven Hinterseh bei der Verabschiedung des langjährigen Ersten Landesbeamten Joachim Gwinner in den Ruhestand, rechts Ehefrau Jutta Gwinner. gisches Denken, klare Analyse und logisches, pragmatisches Handeln bestach – die Wertschätzung und der Respekt vor den Leistungen der einzelnen Mitarbeiter sei dabei nie zu kurz gekommen. Zudem habe er stets eine praxisnahe Vorgehensweise, Kompromissbereitschaft beim Verhandeln, Weitblick und eine ganz besondere Zielstrebigkeit aufgewiesen. Joachim Gwinner hinterlasse eine riesige Lücke, aber auch ein geordnetes und wohlbestelltes Haus. Im Anschluss an seine Rede händigte Sven Hinterseh Joachim Gwinner im Auftrag von Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Versetzungsurkunde in den Ruhestand aus. Als Abschiedsgeschenk überreichte der Landrat eine Tischuhr aus den Uhrmacher-Werkstätten der Robert-Gerwig-Schule Furtwangen, die ihn stets an seine Zeit im Landratsamt erinnern soll. Zudem erhielt Joachim Gwinner einige Erinnerungen persönlicher Art in Form eines Fotobuchs. „34 Jahre lang den Ball im Spiel gehalten“ Auf einmal war sie da, die gesetzliche Altersgrenze, die Zeit, in der die Dienstunfähigkeit eines Beamten erreicht ist“, scherzte Joachim Gwinner im Anschluss. Er habe für den Schwarzwald-Baar-Kreis 34 Jahre lang den Ball im Spiel gehalten, den einen oder anderen Treffer erzielt, aber sicher auch das eine oder andere Foul verursacht“, blickt er bescheiden zurück. Einmal Jurist – immer Jurist. An der Universität Tübingen wird Joachim Gwinner weiterhin als Prüfer bei der Ablegung der Juristischen Staatsprüfung fungieren. Wenn es die Verhältnisse wieder zulassen, kann er sich ebenso gut vorstellen, sich an der Uni als Gasthörer für Geschichte einzutragen. Und er wünscht sich für die Zeit nach Corona gemeinsam mit seiner Ehefrau Jutta die Möglichkeit zu reisen. Wie erwähnt lebt der Sohn mit Familie in New York. Eine seiner Reisen wird eine längere Tour mit dem E-Bike durch den Schwarzwald-Baar-Kreis sein. Die Kollegen schenkten ihm zum Abschied Gutscheine für verschiedene Gaststätten und Vesperstuben entlang der Tour. Auch wenn Joachim Gwinner sein gesamtes Berufsleben lang in Balingen wohnte, seine eigentliche Heimat war und bleibt der Schwarzwald-Baar-Kreis. Wilfried Dold Erster Landesbeamter Joachim Gwinner verabschiedet

 

 

 

32 Aus dem Kreisgeschehen Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Professor Dr. Ulrich Fink Medizinische Versorgung im Landkreis gebündelt Der ehemalige Ärztliche Direktor des Schwarzwald-Baar Klinikums blickt zurück von Hans-Jürgen Eisenmann Prof. Dr. Ulrich Fink führte am Schwarzwald-Baar Klinikum die Radiologie ins Zeitalter der Digitalisierung und beteiligte sich ebenso maßgeblich an der Planung des Zentralklinikums, das 2013 in Betrieb ging. 24 Jahre lang wirkte er am Klinikum als Radiologe in leitender Position, seit 2004 als Ärztlicher Direktor. Im März 2020 wechselte Prof. Dr. Ulrich Fink nach 41 Berufsjahren in den Ruhestand. „Eine Feier zur Verabschiedung wäre angemessen gewesen, kann aber wegen der CoronaAuflagen nicht stattfinden“, bedauert Geschäftsführer Dr. Matthias Geiser. Er hebt hervor: Prof. Dr. Fink habe aus den drei früheren Radiologie-Abteilungen Villingen, Schwenningen und Donaueschingen eine Einheit geformt, dem Klinikum bundesweit zu einer Ausnahmestellung verholfen. Kaum ein anderes Haus habe so früh damit begonnen, die Radiologie vollständig zu digitalisieren. Professor Dr. Ulrich Fink

 

 

 

Es soll Fachärzte geben, die zu Hause nicht einmal den blutenden Finger ihrer kleinen Tochter versorgen können. Zu denen darf man Professor Dr. Ulrich Fink sicher nicht zählen, stellt er klar. Wenngleich er gerne die Geschichte eines Fußballspiels in München erzählt, wo sein Radiologenteam gegen eine andere Ärztemannschaft spielte. Als sich einer der Kicker beim Sturz verletzte, rief ein Radiologe: „Holt mal einen Arzt!“. Die Radiologen haben, wie Professor Dr. Ulrich Fink meint, sogar einen Vorteil: Sie betreuen alle Fachgebiete. Das heißt: Sie haben einen Überblick über alle Fachgebiete der Medizin und müssen für alle Bereiche die Diagnose stellen, ob Unfallchirurgie, Onkologie oder Orthopädie. Der Radiologe sei also ein sehr breit ausgebildeter Arzt und könne sehr schnell auch Differentialdiagnosen entwickeln. „Hier kannst Du etwas entwickeln…“ 1953 in Speyer am Rhein geboren, studierte Ulrich Fink in München Humanmedizin. „Ich bin auch noch vom Herzen her Pfälzer, aber auch von Herzen Bayer und Badener“, sagt er heute. Schon als Siebenjähriger kam er mit seinen Eltern nach Nürnberg, mit zehn nach München. Dort besuchte er auch die Schule und studierte später an der Ludwig-Maximilians-Universität Humanmedizin. Dort, am Uniklinikum Großhadern, begann er seine medizinische Laufbahn. Er vertiefte ab 1979 als Assistenzarzt an der Radiologischen Klinik der Universität seine Kenntnisse in den Fachbereichen Strahlentherapie, Röntgendiagnostik und Nuklearmedizin. Nach sechs Jahren hatte er seine Facharztanerkennung zum Arzt für Radiologie und wurde gleich Oberarzt. Mit der Habilitation wurde 1989 die Lehrbefähigung festgestellt. 17 Jahre wirkte Dr. Ulrich Fink an der Universitätsklinik in München, als er eines Tages einen Anruf aus Schwenningen bekam. Dort suchte man einen neuen Chefarzt, nachdem zwei bereits ausgewählte Bewerber abgesprungen waren. Parallel hatte er damals an einer städtischen Klinik in Hamburg ein Bewerbungsverfahren laufen und an der Uniklinik in Greifswald. Mit seiner Frau Barbara, 34 In Schwenningen entwickelte Professor Dr. Ulrich Fink die Abteilung zu einer modernen Radiologie. Die Klinik besaß damals nur eine Röntgendiagnostik mit einem alten Computertomografen und eine kleine Nuklearmedizin. ebenfalls Radiologieärztin, fuhr Fink nach Villingen-Schwenningen: „In München regnete es, in Ulm war alles total vernebelt, in Schwenningen kam die Sonne heraus. Als wir das zweite Mal hierher gefahren sind, war es genau so, da sagte meine Frau: Du, der liebe Gott meint es gut mit Villingen-Schwenningen“. Warum er sich dann gegen Greifswald und Hamburg und für Villingen-Schwenningen entschied, begründet er heute so: „Hier hatte ich das Gefühl, hier kannst Du etwas entwickeln“. Klinik-Geschäftsführer Horst Schlenker zeigte mir die Kliniken in Schwenningen und Villingen und verriet mir auch seine Vision, dass nämlich zwischen beiden Stadtteilen mal eine neue Klinik gebaut werden könnte. Mit viel Glück habe die Familie dann ein Grundstück in Bad Dürrheim bekommen. Noch während der Probezeit begann der neue Chefarzt mit dem Bau des neuen Familiendomizils. In Schwenningen entwickelte Professor Dr. Ulrich Fink die Abteilung zu einer modernen Radiologie. Schwenningen besaß damals nur eine Röntgendiagnostik mit einem alten Computertomografen und eine kleine Nuklearmedizin, kein MRT, auch keine Geräte zur Gefäßdarstellung und für radiologische Interventionen. Es gab keinen einzigen Computer in der Abteilung, die Befunde wurden noch mit Schreibmaschine geschrieben. Neben neuen Untersuchungsmethoden wurde nun auch die Digitalisierung Prof. Dr. Ulrich Fink

 

 

 

 

 

 

früh in Angriff genommen. Zum 1. Januar 2000 führte Professor Fink an der Radiologie in Schwenningen die digitale Bildgebung und Bildverteilung ein. Ganzkörperuntersuchungen innerhalb einer einzigen Sekunde „Mein Herz hat immer für die Radiologie geschlagen“, sagt er, das Fachgebiet, das in den letzten 20 Jahren mit neuen Geräten und neuen Untersuchungstechniken mit die größte Weiterentwicklung in der Medizin genommen habe. Als er in der Radiologie begann, kamen die ersten Computertomografen auf den Markt – mit Untersuchungszeiten von oft über einer Stunde. Am Ende seiner beruflichen Tätigkeit schafften es die Radiologen, die Ganzkörperuntersuchung bei einem polytraumatisierten Patienten innerhalb von einer Sekunde durchzuführen. Zuletzt wurde die Neuroradiologie ausgebaut, die Eingriffe bei Schlaganfällen oder Aneurysmen im Gehirn ermöglicht. Die Eingriffe, etwa bei Schlaganfall, werden in einem kleinen OP in der Da haben wir tolle Erfolge, die Blutgerinsel werden innerhalb einer halben bis ganzen Stunde mit Kathetertechnik entfernt und damit die Durchblutung des Gehirns wieder hergestellt. interventionellen Radiologie vorgenommen. „Da haben wir tolle Erfolge, die Blutgerinsel werden innerhalb einer halben bis ganzen Stunde mit Kathetertechnik entfernt und damit die Durchblutung des Gehirns wieder hergestellt.“ Stolz auf die hochmoderne Radiologie Ärzte können in der Radiologie die komplette Weiterbildung zum Arzt für Radiologie erwerben, haben dann noch zusätzlich die Möglichkeit, auch die Schwerpunkte in Kinderradiologie, Neuroradiologie und Nuklearmedizin zu erlernen. „Wir sind eine der wenigen Kliniken, 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

wenn nicht gar die einzige in Deutschland, die unter einem Dach sämtliche Weiterbildungen in der Radiologie anbietet“, erläutert Professor Dr. Ulrich Fink. Dass er eine, mit allen wichtigen Untersuchungsgeräten ausgestattete hochmoderne Radiologie übergeben konnte, erfülle ihn mit Stolz, sagt Fink. Komplett digitalisiert inklusive Spracherkennung. „Das ist ein Riesenvorteil! Wir diktieren alle Befunde digital und haben keine einzige Schreibkraft mehr. Das führt dazu, dass die Befunde zeitnah im System abrufbar sind“, so der Arzt. Als Professor Dr. Ulrich Fink 2020 das Schwarzwald-Baar Klinikum verlässt, zählen 18 Ärzte zur Radiologie – weiter gibt es 45 Stellen im medizinisch-technischen Bereich. Gerade die Digitalisierung habe der Radiologie einen gigantischen Fortschritt beschert. Die zentrale Radiologie des im Jahr 2013 neu in Betrieb genommenen Schwarzwald-Baar Klinikums im Zentralbereich von Villingen-Schwenningen sei heute eine der modernsten Radiologieabteilungen in Deutschland. Daneben verfüge die kleinere Radiologie in Donaueschingen über die notwendigen Geräte, um bei Notfällen röntgen, ein CT oder aber auch ein MRT machen zu können. Den Standort in Donaueschingen beizubehalten, sei eine politische Entscheidung gewesen („Und das ist auch in Ordnung“). Diese Entscheidung sei, im Nachhinein betrachtet, auch nicht schlecht gewesen, weil man damit den kompletten südlichen Schwarzwald-Baar-Kreis versorgen könne. Das werde auch so bleiben, auch wenn die Diskussion, Donaueschingen zu schließen, immer wieder aufkomme. „Aber es wird sicher nie geschlossen, weil es sinnvoll ist, wie wir es gemacht haben. In Donaueschingen sind Fachrichtungen angesiedelt, die weitgehend autonom arbeiten können. Im Zentralbereich haben wir Fachrichtungen, die interdisziplinär arbeiten müssen“. Das habe bisher sehr gut geklappt. Das von Prof. Dr. Ulrich Fink wesentlich mitgeprägte und 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum.

 

 

 

Zusammenschluss der Kliniken Anfangs war für Prof. Dr. Ulrich Fink die Konkurrenz zwischen Schwenningen und Villingen ungewohnt. Im Nachhinein verrät er auch, dass es schwieriger war, als alle dachten, die beiden Kliniken Schwenningen und Villingen zusammenzuführen. „Weil sich in den Kliniken in Jahrzehnten eigene Abläufe entwickelt haben. Das hat wenig mit Konkurrenz zu tun, das war halt einfach so. Da sind in Villingen bestimmte Dinge anders gelaufen als in Schwenningen“. Die sanitären Verhältnisse in den alten Kliniken seien „überhaupt nicht mehr zeitgemäß gewesen“, in der Urologie und Gynäkologie habe es so z.B. nur Etagentoiletten gegeben. Dr. Fink erinnert sich, wie er 2001 in einer Aufsichtsratssitzung der Kliniken auftrat, als bekannt wurde, dass die damalige Kreisklinik in Donaueschingen für zehn Millionen Mark saniert werden sollte. Die Chefärzte der Kliniken in Villingen und Schwenningen fanden es nicht akzeptabel, dass der Landkreis, der von der Kreisumlage lebt, die zur Hälfte von der Stadt Villingen-Schwenningen gezahlt wird, sein eigenes Klinikum saniert „und wir in VS am Tropf hängen“. Ulrich Fink regte damals schon an, eine gemeinsame Krankenhausträgerschaft im SchwarzwaldBaar-Kreis zu diskutieren. Eine Privatisierung der städtischen Kliniken in VS zum damaligen Zeitpunkt lehnte er entschieden ab. Zuvor war noch über eine solche Privatisierung der städtischen Kliniken diskutiert worden. Aber an der Situation, dass VS mit der Kreisumlage die Donau eschinger Klinik finanziert, hätte sich damit nichts geändert. Der Rhön-Kliniken-Konzern hatte der Stadt Millionen geboten, um die VS-Kliniken zu übernehmen. Ulrich Fink und seine Chefarztkollegen sahen darin keinen gangbaren Weg und führten mit etlichen Stadträten informative Einzelgespräche, worauf dann der Gemeindeund Kreisrat Fahrten zu privaten und kommunalen Kliniken unternahm, um sich selbst ein Bild zu machen. „Gott sei Dank haben wir es geschafft, das Thema Privatklinik in VS zu verhindern“, sagt Fink. Bei Gemeinderat und Oberbürgermeister setzte sich die Überzeugung durch, dass eine kommunale Trägerschaft besser sei. „Das war, Leider sei in Deutschland noch „zu wenig bekannt, was wir hier bieten, nämlich die komplette medizinische Versorgung auf höchstem Niveau in einem Haus und mit modernsten Geräten. glaube ich, die wichtigste Entscheidung, die im Landkreis getroffen wurde, weil dadurch die medizinische Versorgung sehr effektiv gebündelt werden konnte“, so Dr. Ulrich Fink. „Das war ein schwieriger, aber sehr positiver Kampf“, erinnert sich der ehemalige ärztliche Direktor heute. Mit der geplanten Fusion der städtischen Klinik in VS und der Kreisklinik in DS wurde auch der Beschluss gefasst, neu zu bauen. 2004 fusionierten die beiden bis dahin selbstständigen Klinikgesellschaften Klinikum Villingen-Schwenningen und Kreisklinikum Donau eschingen zur Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwenningen GmbH. Im gleichen Jahr wurde Fink Ärztlicher Direktor des Klinikums, blieb aber Chefarzt der Radiologie in Villingen-Schwenningen. Ab 2005 war er dann nicht nur Ärztlicher Direktor des gesamten Klinikums, sondern auch Direktor des Instituts für Radiologie und Nuklearmedizin in Villingen-Schwenningen und Donaueschingen. Die Bündelung der medizinischen Versorgung im gesamten Kreis durch die gemeinsame Trägerschaft und der Bau des Schwarzwald-Baar Klinikums wurde inzwischen umgesetzt. Über einige Jahre hinweg sei dann in den beiden Altbauten nicht mehr modernisiert worden, erinnert sich Prof. Fink. Nach vier Jahren Bauzeit wurde der Neubau im Juli 2013 eröffnet. Keine Personaleinsparungen Professor Dr. Fink widerspricht der hier und da geäußerten Aussage, durch das Zentral klinikum sei Personal eingespart worden. Dies sei nicht der Fall gewesen, aber: „Es hat Synergien gegeben, es ist in manchen Bereichen weniger Per

 

 

 

Prof. Dr. Ulrich Fink mit Ehefrau Prof. Dr. Barbara Fink in der radiologischen Abteilung. sonal notwendig gewesen, weil man optimaler arbeiten konnte“. Die Radiologie beispielsweise habe kein Personal dazu bekommen, obwohl sie deutlich größer geworden sei und neue Geräte dazu kamen. Durch eine effektivere Arbeitsweise konnte das Personal in allen Bereichen besser eingesetzt werden. Noch während der Bauphase sei flächendeckend im gesamten Klinikum WLAN eingeführt worden, was auch zur Effektivitätssteigerung geführt habe. Der Betrieb eines Klinikums ist die eine Sache, die Finanzierung die andere. In Deutschland ist es so geregelt, dass das Land für die Finanzierung der Neubauten zuständig ist, die Krankenkassen für den laufenden Betrieb. „Ich bin der Meinung, dass es nicht mehr zeitgemäß ist, weil das Land gar nicht mehr seinen Aufgaben gerecht wird“, äußert sich Professor Dr. Ulrich Fink. Die Landeszuschüsse beim Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums lagen unter 50 Prozent – „normalerweise hätten es 100 Prozent sein müssen“. Der Schwarzwald-Baar-Kreis habe mit dem Neubau die Chance genutzt, ein modernes Haus zu bekommen, in dem schon alles digitalisiert ist. „Wir haben einen sehr guten Ruf, wir werden beneidet in der Kliniklandschaft“, erzählt Fink. Andere Klinikträger hätten sich nach der Eröffnung des Neubaus hier informiert, wie es gelingen konnte, dass Stadt und Kreis gemeinsam sieben Klinikstandorte in zwei Häusern bündeln konnten. Leider sei in Deutschland noch „zu wenig bekannt, was wir hier bieten, nämlich die komplette medizinische Versorgung auf höchstem Niveau in einem Haus und mit modernsten Geräten“. Eigentlich müssten, so meint Fink, Ärzte und Pflegefachkräfte aus der ganzen Republik vom Wunsch beseelt sein, hier zu arbeiten, denn die Klinik sei hoch attraktiv, doch der Schwarzwald-Baar-Kreis sei zu wenig bekannt. Viele Abteilungen des Schwarzwald-Baar Klinikums hätten aufgrund ihrer Expertise eine Strahlkraft, die weit über die Region hinaus reiche. „Wir haben in jedem medizinischen Bereich Professor Dr. Ulrich Fink

 

 

 

optimale Bedingungen“, so der ehemalige Ärztliche Direktor. Das erkenne der Fachmann schon alleine daran, dass das Schwarzwald-Baar Klinikum in allen Bereichen die volle Weiterbildungsermächtigung für Ärzte habe, hier können alle Ärzte zu Fachärzten ausgebildet werden – das gebe es außerhalb von Unikliniken selten. „Da sind wir optimal aufgestellt“, auch was die Pflege angehe. Das Schwarzwald-Baar Klinikum biete von den Intensivstationen über hochmoderne OP-Säle alles. Ich habe eineinhalb Jahre länger gemacht, als ich hätte müssen – das tat ich gern, weil ich viel Spaß hatte, aber dann hörte ich richtig auf. Er selbst habe festgestellt, dass es wichtig ist, Bewerber zunächst einmal in die Klinik zu bekommen. „Wenn die erst mal in der Klinik sind, sind sie hellauf begeistert und sagen: Wir wussten gar nicht, dass es hier so eine tolle Einrichtung gibt“. Sehr gute Versorgung Natürlich kennt Ulrich Fink auch die Stimmen, die sich über Wartezeiten in der Notaufnahme oder ähnliches beschweren. Doch er wertet dies als Einzelstimmen. „Ich höre natürlich auch viele, die sehr, sehr zufrieden sind, die gehen nicht an die Öffentlichkeit“. Nichtsdestotrotz müsse man auch diese Einzelstimmen ernst nehmen. „Wir haben hier ein Klinikum, in dem alles geboten wird, was heute in der Medizin notwendig ist. Und das ist für einen Landkreis wie den Schwarzwald-Baar-Kreis überhaupt nicht selbstverständlich. Das heißt: Ich kann heute in die Klinik gehen und weiß, dass ich versorgt werde, egal was ich habe. Das ist unbezahlbar“. In anderen Landkreisen müssten Patienten oft bis zu 100 Kilometer fahren, um zu einem Spezia listen zu gelangen. Klar gebe es auch mal Wartezeiten und dass die Notaufnahme voll sei, liege unter anderem daran, dass alles in einer zentralen Notaufnahme zusammengefasst wurde. Fink gibt allen Kritikern zu bedenken: „Wer schwer erkrankt ist, wartet nicht. Das kann ich mit Fug und Recht sagen. Wer wirklich eine schwere Erkrankung hat, wird sofort perfekt versorgt“. Die Leute würden in die Zentrale Notaufnahme kommen, weil hier eben z.B. auch EKG, CT und Labordiagnose gemacht werden. Er selbst war manchmal erstaunt, wie schnell in der Notaufnahme gearbeitet wurde. Als er einmal einer Beschwerde nachging, fand er heraus, dass eine ältere Frau, die gestürzt und danach kurzzeitig bewusstlos war, nach vier Stunden in der Notaufnahme wieder nach Hause gehen konnte. In dieser Zeit war nicht nur ihre Wunde chirurgisch versorgt worden, es wurde auch noch eine Computertomografie ihres Kopfes angefertigt und, weil sie über Rückenschmerzen klagte, eine Kernspintomografie der Wirbelsäule. „Vier Stunden sind da eine super Zeit, wenn man weiß, wie lange andere Patienten darauf in der freien Praxis warten“, so der Mediziner. Die Schwarzwald-Baar-Klinik habe die Kritik aber immer zum Anlass genommen, zu schauen, wie die Prozesse besser gestaltet werden können. Gerade in der Corona-Pandemie habe es sich aber gezeigt, wie gut die Klinik aufgestellt sei und alles geklappt habe. „Wir haben überhaupt keine Probleme gehabt“. Die Klinik habe ja sogar aus Frankreich Patienten übernommen. „Wir haben hier eine optimale medizinische Versorgung, das ist für mich das Entscheidende“. Die Klinik ist aber auch ein Wirtschaftsbetrieb. Kritiker behaupten, dass deutsche Klinik-Ärzte eher zu Operationen raten, weil das Geld für ihren Arbeitgeber bringt. „Diese Frage stellt sich für uns nicht, weil wir immer belegt sind. Wir haben in den letzten Jahren eher schauen müssen, wie wir Betten frei bekommen“, so Professor Dr. Ulrich Fink. Und weiter: „Wir haben gar nicht die Möglichkeit zu sagen: Wir brauchen mehr Hüftoperationen. Nein, wir nehmen das, was kommt, und der größte Teil der Patienten, die stationär aufgenommen werden, kommt ja über die Notaufnahme. Wir suchen nicht nach Krankheiten“.

 

 

 

Natürlich müsse man wirtschaftlich denken Professor Dr. Ulrich Fink mit Familie. und auch beim Einkauf der Materialien wirtschaftlich arbeiten. Bei der Arbeit mit Patienten werde aber primär überlegt: „Wie können wir den Patienten sinnvoll und richtig behandeln?“ Die DRG-Pauschalen hätten dazu geführt, „dass wir noch mehr Druck haben“, die Patienten früher zu entlassen. Die Liegezeiten zu verkürzen, sei aber auch im Sinne der Patienten. Deutschland habe nach dem alten System nach Tagessätzen die mit Abstand längsten Liegezeiten gehabt, weiß Professor Dr. Ulrich Fink. Familie und Sport als Ausgleich Ausgleich im Beruf war für Ulrich Fink die Familie mit Ehefrau Prof. Dr. Barbara Fink und den vier Kindern Anna (heute 23), Nicola (27), Markus (34) und Martin (36). Die beiden Töchter haben sich für den Arztberuf entschieden, Anna studiert in Freiburg Medizin, Nicola ist Radiologin am Münchner Klinikum Großhadern, wo auch ihre Eltern sich zu Fachärzten ausbilden ließen. Sohn Martin arbeitet als Rechtsanwalt in Stuttgart in einer großen Kanzlei und Markus ist als Rechtsanwalt Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall in Villingen. Während er sich mit Fußball und Tennis in jungen Jahren fit hielt, widmet sich der Ruheständler heute dem Golfsport auf der nahen Anlage in Donaueschingen und nur noch im Winter dem Tennissport. Als Mediziner ist er nicht mehr tätig. „Ich habe eineinhalb Jahre länger gemacht, als ich hätte müssen – das tat ich gern, weil ich viel Spaß hatte, aber dann hörte ich richtig auf.“ Nun genießt er es, mehr Zeit für sich zu haben. Natürlich blickt er mit etwas Wehmut, aber auch Stolz und Dankbarkeit auf die 24 Jahre im Klinikum zurück, in denen so viel bewegt werden konnte, aber auch mit Genugtuung, dass seine erste Prognose „hier kann etwas entwickelt werden“ richtig war. Eines ist aber für ihn klar, das Schwarzwald-Baar Klinikum wird vom Herzen her immer sein Klinikum bleiben. Professor Dr. Ulrich Fink

 

 

 

Corona-Situation spitzt sich im Oktober dramatisch zu Die Entwicklung einer Pandemie wie Corona ist für das Schwarzwald-Baar Jahrbuch nur schwer zu fassen. Als Einleitung zum Corona-Schwerpunkt im Almanach veröffentlichen wir deshalb an dieser Stelle einen Überblick zur Situation im Oktober 2020. Stichtag ist der 28. Oktober, der Tag der Verkündung des Teil-Shutdowns durch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ab Mitte Oktober spitzte sich die CoronaSituation bundesund landesweit wie erwartet zu. Auch vor dem Schwarzwald-Baar-Kreis machen die steigenden Zahlen nicht Halt: Die SiebenTage-Inzidenz stieg zunächst steil auf über 50, dann auf über 60 und lag am Mittwoch, den 28. Oktober bei 73,4. Bereits am 15. Oktober 2020 war der Schwarzwald-Baar-Kreis zum Risikogebiet erklärt worden. Vier große regionale Ausbrüche Bei einer Pressekonferenz im Landratsamt schilderte der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Jochen Früh einige Hintergründe. Vier große Ausbrüche in der Region, allesamt von außerhalb eingetragen, hatten maßgeblich Anteil an der zugespitzten Situation. Darunter der Fall eines 60-Jährigen in St. Georgen, der bei einer Kartenspielrunde, einem Geburtstagsfest und am Arbeitsplatz insgesamt 40 Menschen mit Corona infizierte. In einem anderen Fall war die Teilnahme eines jungen Mannes an einer Großhochzeit in Berlin Ende September die Ursache für rund 20 Infektionen in der Familie und im Kindergarten Brigachtal, der vorübergehend geschlossen wurde. Im Raum Furtwangen kam es nach der Busreise einer Frau in die Schweiz zu einer Ansteckung bei 21 Personen. In BlumCorona-Pressekonferenz des Schwarzwald-Baar-Kreises am 16. Oktober 2020. Anlass war die Einstufung des Landkreises als Risikogebiet. Die Tageszeitungen übertrugen per Videostream live. berg verbreitete ein Arbeiter aus Osteuropa das Coronavirus, steckte Arbeitskollegen und andere an. Auch zwei Schulen waren betroffen. Sieben Monate Erfahrung Dennoch: Sieben Monate Erfahrung im Umgang mit dem Virus machen einen großen Unterschied. „Im Moment kommen wir mit der zweiten Welle besser zurecht als mit der 42 2. Kapitel – Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

ersten“, sagt Jochen Früh am Abend des 21. Oktober. Der Mediziner ist noch im Dienst, das Gesundheitsamt arbeitet im Zweischichtbetrieb. Corona-Frust? „Nein, die Arbeit ist sinnvoll. Wir können die Befunde schnell abarbeiten und viele Leute vor der Erkrankung in Quarantäne bringen“, sagt Jochen Früh. „Wir betreiben keine Katastrophenverwaltung, sondern verfügen über aktive Eingriffsmöglichkeiten.“ CORONA-MOMENTAUFNAHME ZUM 28. OKTOBER 2020 Es ist eine Momentaufnahme auf Basis der täglichen Meldungen zu den Corona-Fällen auf der Internetseite www.lrasbk.de: Am Mittwoch, 28. Oktober wurden 834 Fälle gemeldet, die bereits wieder gesund sind (+ 17 Fälle zum Vortag). Im März des Jahres habe man zunächst Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle einmal alles neu definieren müssen. Durch die Einarbeitung der Mitarbeiter komme man mit den Fallzahlen besser zurecht als im Frühjahr. „Heute wissen wir, wie sich das Virus ausbreitet und kennen bessere Therapiekonzepte als zu Beginn.“ Problematisch sei in erster Linie die Einschleppung an Schulen, wie es beispielsweise in Donaueschingen und Hüfingen der Fall war. Durch die große Zahl an Menschen sei die Quarantänestellung aufwendig. Befunde müssen besprochen und Abstriche organisiert werden, zugleich sei der Diskussionsbedarf bei den unter Quarantäne gestellten Schülern groß. Uneinsichtigkeit sei nicht das Problem. Der Frust eines jungen Menschen beispielsweise, der seine praktische Führerscheinprüfung verschieben müsse, sei aber durchaus nachvollziehbar. Am 2. November tritt Teil-Shutdown in Kraft Ein weiterer Teil-Shutdown tritt am 2. November in Kraft, so die Festlegung der Bundesregierung, die am Mittwoch, den 28. Oktober verkündet wurde. Den gesamten November über sollen Kontaktbeschränkungen gelten, muss einmal mehr die Gastronomie schließen, darf es keine kulturellen Veranstaltungen, kein Kino – aber auch kein Amateurund Vereinssport geben, um an dieser Stelle nur einige Punkte aufzuführen. Bundeskanzlerin Angela Merkel betonte dazu: „Wir wissen, was wir den Menschen zumuten, doch es gilt die Gesundheit der Bevölkerung sicherzustellen.“ Finanzielle Hilfen für die Betriebe, die vom Shutdown betroffen sind, sollen die Auswirkungen auf die Betroffenen abfedern. Die Einschränkungen sollen bis Ende November 2020 gelten. Nathalie Göbel / wd liegt aktuell bei 1.077 (+ 18 Fälle zum Vortag), die genesenen Fälle sowie 35 Todesfälle (keine Änderung) sind hierin enthalten. Somit liegt die Zahl der aktuell an COVID-19 Infizierten bei 208 Personen (+ 1 Fall zum Vortag). Im Schwarzwald-Baar Klinikum befinden sich am Mittwoch, 28. Oktober 22 am Coronavirus erkrankte Personen. Von den bisher bestätigten Fällen wurden folgende Zahlen in den Städten und Gemeinden des Landkreises gemeldet: • Villingen-Schwenningen: 411 (318 genesen) • Donaueschingen: 92 (62 Personen genesen) • Bad Dürrheim: 50 (40 Personen genesen) • Blumberg: 96 (70 Personen genesen) • Bräunlingen: 17 (13 Personen genesen) • Brigachtal: 22 (19 Personen genesen) • Dauchingen: 10 (alle genesen) • Furtwangen: 87 (77 Personen genesen) • Gütenbach: 6 (5 Personen genesen) • Hüfingen: 45 (39 Personen genesen) • Königsfeld: 29 (25 Personen genesen) • Mönchweiler: 8 (3 Personen genesen) • Niedereschach: 33 (24 Personen genesen) • Schönwald: 9 (5 Personen genesen) • Schonach: 17 (14 Personen genesen) • St. Georgen: 87 (75 Personen genesen) • Triberg: 34 (17 Personen genesen) • Tuningen: 6 (4 Personen genesen) • Unterkirnach: 6 (alle genesen) • Vöhrenbach: 12 (8 genesen) Situation spitzt sich zu 43 CORONA

 

 

 

„Tage weit weg von normaler Arbeit“ von Nathalie Göbel – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

CORONA

 

 

 

Der 7. März 2020 ist ein kühler Spätwintertag. Ein ruhiger Samstag nach der Fastnacht. Man kauft ein, trifft sich mit Freunden zum Kaffee oder abends im Kino. Doch plötzlich ist es mit der Normalität vorbei. Um die Mittagszeit teilt das Landratsamt mit, dass eine erste Coronavirus-Infektion durch Labornachweis im Schwarzwald-Baar-Kreis gesichert ist. Die erkrankte Person stammt aus St. Georgen und ihre Infektion bringt SARS-CoV-2 in den beschaulichen Landkreis im Südwesten. Das neue Virus wütete in den neun Wochen zuvor noch in einer Millionenmetropole namens Wuhan. Das liegt in China und die Krankheit schien damit sehr weit weg zu sein. „Wir haben die Entwicklung schon seit Ende des Jahres gespannt verfolgt, aber alarmiert waren wir damals noch nicht“, erinnert sich Dr. Jochen Früh. Der Facharzt für Innere Medizin leitet das Gesundheitsamt des SchwarzwaldBaarKreises seit dem Jahr 2016 und hat mit seinem Team in den Pandemiemonaten eine Schlüsselrolle eingenommen. Dr. Jochen Früh, Leiter des Gesundheitsamtes. Das Ausmaß der Pandemie hat Dr. Jochen Früh nicht unbedingt überrascht: „Neue, auch bedrohliche Krankheiten gibt es immer wieder – denken Sie nur an SARS, HIV, MERS oder Ebola.“ In vernetzten Gesellschaften würden immer wieder Ausbrüche neuer Erreger drohen, die durch Wirtswechsel entstehen können. In allen Bundesländern gibt es daher Pandemiepläne, ausgelegt darauf, dass sich eine Grippewelle großflächig ausbreitet, so wie vor fast genau 100 Jahren, als die Spanische Grippe Millionen Menschen das Leben kostete. Noch Anfang Februar habe das Robert Koch-Institut die Risikosituation als gering eingestuft. Ende Januar hatte sich im bayrischen Stockdorf ein Mitarbeiter des AutomobilzuWir waren gut vorbereitet, weil wir nicht zu den ersten betroffenen Gesundheitsämtern in Deutschland gehörten, sondern eine Vorlaufzeit hatten. Allein am ersten Wochenende wurden im Abstrichzentrum rund 15 Fälle festgestellt. lieferers Webasto bei einer Kollegin aus China angesteckt. Damit war klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis das Coronavirus in Baden-Württemberg auftreten sollte. Das Gesundheitsamt traf die erste nachgewiesene Infektion mit dem neuartigen Coronavirus somit nicht unvorbereitet. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurden daraufhin die Vorbereitungen intensiviert. „Ab dem 1. Februar haben wir zwei unserer ärztlichen Mitarbeiter beauftragt, die Entwicklung zu verfolgen“, schildert Jochen Früh. Die beiden verfolgten tagesaktuell Berichte des Robert KochInstituts und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und erläuterten die Entwicklung in den wöchentlichen Besprechungen des Verwaltungsstabs. Zu Beginn der Pandemie kam das Gremium sogar täglich zusammen. Der Verwaltungsstab ist quasi der Katastrophenschutzstab des Landratsamtes, der immer dann zusammentritt, wenn ein überörtliches Schadensereignis stattfindet, das einer Koordination in größerem Maße bedarf. Er tritt zusammen, wenn besondere Ereignisse wie Hochwasser oder Großbrände es erfordern. Im Jahr 2020 ist jedoch kein Großschadensereignis, sondern ein winziges Virus der Grund. SARS-CoV-2 hat gerade mal einen Durchmesser von 60 bis 120 Nanometer also 0,00006 bis 0,00012 Millimeter. „Wir waren gut vorbereitet, weil wir nicht zu den ersten betroffenen Gesundheitsämtern in Deutschland gehörten, sondern eine Vorlaufzeit hatten“, resümiert Dr. Jochen Früh. Eine der ersten Maßnahmen war die Einrichtung einer Abstrichmöglichkeit am Schwarzwald-Baar Klinikum Anfang März.

 

 

 

COVID-19-FÄLLE IM SCHWARZWALD-BAAR-KREIS Krankheitsfälle pro 100.000 Einwohner nach Städten und Gemeinden Stand: 28.10.2020

 

 

 

Corona-Ambulanz auf dem Schwenninger Messegelände Schnell habe sich gezeigt, dass eine vom Klinikbetrieb getrennte Ambulanz nötig sein würde. Am zweiten März-Wochenende richtete das Gesundheitsamt eine Corona-Ambulanz auf dem Schwenninger Messegelände ein. „Allein am ersten Wochenende wurden im Abstrichzentrum rund 15 Fälle festgestellt“, blickt Dr. Jochen Früh zurück. Am folgenden Montag übernahm die Kassen ärztliche Vereinigung (KV) den Betrieb des Abstrichzentrums, das nach strikten Vorgaben betrieben wurde: Wer hier getestet wurde, musste sich zuvor telefonisch mit seinem Hausarzt abgestimmt und eine entsprechende Überweisung bekommen haben. Ansonsten wäre die Ambulanz wohl hoffnungslos überlaufen gewesen, plagen sich doch im kühlen März viele Menschen mit banalen Erkältungsinfekten herum. Die Ermittlung und Nachverfolgung von Kontakten – sowie die In-Quarantäne-Stellung von Infizierten und Unterbrechung der Infektionsketten – gehören seitdem mit zu den zentralen Aufgaben des Gesundheitsamtes. Es verfügt über 30 Mitarbeiter*innen. Wie reagieren Menschen, wenn man ihnen mitteilt, dass sie in den kommenden zwei Wochen zu Hause bleiben müssen und nicht einmal Einkäufe erledigen dürfen? „In der ersten Phase ist das sehr gut gelaufen“, resümiert Dr. Früh. Die Probleme habe es erst gegeben, als die ersten asymptomatischen Patienten ermittelt wurden, häufig Reiserückkehrer. „Da war es teils schwer verständlich zu machen, warum sie nun – ohne Symptome – 14 Tage zu Hause bleiben sollten“, so der Leiter des Gesundheitsamtes und Facharzt für Innere Medizin. „Damals gab es dafür noch keine rechtliche Grundlage und eine bloße Empfehlung ist rechtlich nicht durchsetzbar.“ Ischgl-Rückkehrer auch im Schwarzwald-BaarKreis ein bedeutender Infektionsherd Große Bauchschmerzen habe er gehabt, als klar wurde, dass die Entwicklung in Ischgl aus Auch in den SchwarzwaldBaar-Kreis kehrten in diesen Tagen Urlauber aus Ischgl zurück, darunter einige aus dem Blumberger Teilort Riedböhringen, wo Ende März 22 Corona-Fälle gezählt werden. dem Ruder zu laufen drohte und es auch in Deutschland sukzessive zu der gefürchteten exponentiellen Steigerung der Fälle kam. Besonders anschaulich kann man sich die Exponentialfunktion anhand der Legende des indischen Königs Shirham vor Augen führen, der den Erfinder des Schachspiels belohnen wollte. Der Weise wünschte sich eine Entlohnung in Reiskörnern und zwar nach folgendem Muster: Auf das erste der 64 Felder eines Schachspiels lege man ein Reiskorn, auf das nächste zwei, auf das übernächste vier – immer doppelt so viele wie auf dem vorigen Feld. Schlussendlich würden auf dem Schachbrett 18.446.744.073.709.551.615 Reiskörner liegen. Das entspricht dem Zighundertfachen der weltweiten Reisernte eines Jahres. Eine unlösbare Aufgabe. Genau so schnell kann die exponentielle Ausbreitung eines Virus verlaufen. Wie dynamisch diese Entwicklung ist, zeigte sich besonders drastisch nach der Rückkehr tausender Skifahrer aus dem Tiroler Urlaubsort Ischgl, der sich seitdem mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, zur Ausbreitung des Virus in Europa maßgeblich beigetragen zu haben. Tausende Skifahrer hatten sich dort im Frühjahr infiziert. Im September wurden erste Sammelklagen eingereicht. Viel zu spät, so der Vorwurf, hätten die Tiroler Behörden auf das Coronavirus reagiert. Bereits Ende Februar hatte Island Alarm geschlagen, nachdem 15 Mitglieder einer Reisegruppe an Covid-19 erkrankt waren. Sie waren in Ischgl gewesen. Dort wurde ein vorzeitiges Saisonende erst am 12. März verkündet. Bis wirklich alle Lifte stillstanden, sollten drei weitere Tage vergehen, unter teils chaotischen Bedingungen reisten die Wintersportler ab. 48 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Auch in den Schwarzwald-Baar-Kreis kehrten in diesen Tagen Urlauber aus Ischgl zurück, darunter einige aus dem Blumberger Teilort Riedböhringen, wo Ende März 22 Corona-Fälle gezählt wurden und am 1. April eine Ausgangssperre verhängt wurde. Kein Aprilscherz, wie Bürgermeister Markus Keller damals betonte. „Tage weit weg von normaler Arbeit“ Die Corona-Tage waren und sind im Gesundheits amt „Tage weit weg von normaler Arbeit“, wie Dr. Jochen Früh unterstreicht. Ende März hatten wir in Deutschland eine Verdopplungszeit von sechs bis sieben Tagen. Zum Vergleich: Am 3. Oktober 2020 gab die Johns-Hopkins-University diesen Wert mit 89,5 Tagen an. Das Gesundheitsamt teilt täglich – bei Bedarf auch an den Wochenenden – die aktuellen Zahlen auf der Internetseite des Landratsamtes mit. Am Samstag, 25. April, beispielsweise liegt die Zahl der bestätigten Fälle im Kreis bei 473 – 17 dieser Patienten hatten die Infektion nicht überlebt. Bis zum 28. Oktober 2020 sind es dann 1.077 Erkrankte, von Vor der Fieberambulanz – warten auf den CoronaTest. denen 35 an Corona gestorben sind. Die Zahl der aktiv Erkrankten beläuft sich zum Stichtag 28. Oktober 2020 auf 208. Zumindest Ende September war der Landkreis von einem Lockdown, wie es ihn im Frühjahr gab, „gut entfernt“, sagt Dr. Jochen Früh. „Im Moment besteht ein wesentlicher Teil der Arbeit darin, das Personal zu schulen, zu trainieren und Abläufe zu optimieren.“ Dazu gehöre, sich in Computerverfahren einzuarbeiten, in Nachverfolgung und Kommunikation. Schon wenige Wochen später verändert sich das Bild, wie die aktuellen Fälle im Landkreis zeigen (siehe hierzu auch www.Lrasbk.de) An die 9.000 Kontaktpersonen ermittelt Kommunikation nimmt einen wichtigen Stellenwert ein, auch, weil sich nicht alle unter Quarantäne stehenden Personen angemessen ver„Tage weit weg von normaler Arbeit“ 49

 

 

 

halten. „Ja, es gab auch Verstöße“, sagt Dr. Früh. Insgesamt wurden im Flächenlandkreis im Rahmen der „ersten Welle“ an die 9.000 Kontaktpersonen ermittelt. „Mit den Kräften des Gesundheitsamtes können wir keine 24-StundenKontrollen vornehmen“, erläutert er weiter. Bei Kontaktpersonen aus schwierigem Umfeld oder entsprechenden Hinweisen von Nachbarn oder Angehörigen über Missachtung der Quarantäne habe man auch über die städtischen Ortspolizeibehörden Kontrollen veranlasst. Dass die Region die Pandemie bislang gut gemeistert und die erste Welle erfolgreich abgeschwächt habe, sei nicht allein Verdienst des Landratsamtes. „Da haben alle ganz uneigennützig mitgeholfen. Mein Dank geht an die niedergelassenen Ärzte, die mit dem Betrieb des Abstrichzentrums einen ganz wesentlichen Weg der Früherkennung bewerkstelligt haben, aber auch an das Schwarzwald-Baar Klinikum, das seine Kapazitäten schnell ausgebaut hat, so dass man noch alle Behandlungsoptionen hatte. Und nicht zuletzt all den Bürgern, die sich kooperativ an die Empfehlungen gehalten haben.“ Quarantäne und Abstand zeigen Wirkung Dr. Jochen Früh geht davon aus, dass Deutschland aufgrund der bisher gesammelten Erfahrungen mit einer zweiten Welle besser zurechtkommen werde. „Ich schätze, dass man bis zur Rot-Schwelle gut arbeitsfähig bleiben kann. Quarantäne und Abstand zeigen Wirkung.“ Die größte Sorge sei, dass einzelne Krankheitsherde zu Ausbrüchen zusammenfließen und es zu einem exponentiellen Anstieg kommen könnte. Zugleich seien auch andere Szenarien denkbar: Etwa, dass sich aus einem Anstieg auch wieder Ausbrüche in speziell empfängliche Bereiche wie Altenheime, Krankenhäuser, aber auch Fleischfabriken entwickeln könnten. „Das könnte zu einer Zuspitzung führen. Dafür müssen wir uns schulen und vorbereiten.“ Es gelte, einen Weg zu finden, um in Anbetracht der regionalen Häufigkeit die Maßnahmen gezielt steuern zu können. „Etwa Schulen und den ÖPNV hochfahren unter Beobachtung und mit der Tolerierung einer gewissen Rate Dass die Region die Pandemie bislang gut gemeistert und die erste Welle erfolgreich abgeschwächt habe, sei nicht allein Verdienst des Landratsamtes. „Da haben alle ganz uneigennützig mitgeholfen.“ von Fällen.“ Auch Jochen Früh hofft, „dass wir zu unserem freien Leben möglichst bald wieder zurückkehren können“. Zugleich dämpft der Mediziner die Erwartungen an einen Corona-Impfstoff – 40 Impfstoffkandidaten werden Anfang Oktober weltweit in klinischen Studien getestet. Davon, dass einer darunter den Durchbruch bringe, sei er nicht überzeugt. Zu viel hänge von der Oberfläche und der Wandelbarkeit des Virus ab. „Nehmen wir mal die klassische Grippe, die Influenza: Die Impfung hat eine absolute Schutzrate von 60 Prozent. Der Rest bekommt das Virus schwächer, aber ist trotzdem ansteckend.“ Ein hundertprozentiger Schutz sei deshalb auch von einer künftigen Corona-Impfung nicht zu erwarten, ebenso sei es unwahrscheinlich, die Pandemie weltweit durch eine Impfung zu beenden. Manche Viren würden im Verlauf einer Epidemie an Aggressivität zunehmen, andere wiederum sich abschwächen, zugleich komme es in der Bevölkerung zu einer wachsenden Immunität. „Wir gehen davon aus, dass uns Corona in besser beherrschbarer Tendenz die nächsten zwei Jahre begleiten wird, mit kleinen Ausbrüchen und Anstiegen und hoffentlich nicht wieder mit einer Ausnahmesituation wie beim Lockdown“, so die Einschätzung des Mediziners. Rechte Seite: In der Fieberambulanz, oben beim Abstrich. 50 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

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25. Februar 2020 (Fastnachtsdienstag). In VS-Villingen sind zigtausend Narren und fasnetbegeisterte Zuschauer unterwegs. Lachen, feiern, schunkeln – in den vielen Fasnetstüble herrscht die übliche „Druckete“. Das Landratsamt warnt mit Blick auf das fortgeschrittene Infektionsgeschehen in Italien vor dem Corona-Ausbruch auch bei uns. Doch noch hat die Pandemie den Schwarzwald-Baar-Kreis nicht erreicht. Nur wenige Tage nach der Fastnacht tragen ein Kreuzfahrt-Rückkehrer, Ischgl-Urlauber und andere Infizierte die Pandemie in den Schwarzwald-Baar-Kreis hinein. Nachfolgend ein Stenogramm zu den Ereignissen für die Zeit vom 27. Februar bis zum 1. Juli 2020. 52 Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

STENOGRAMM EINES LOCKDOWNS von Wilfried Dold 53 53 CORONA

 

 

 

Tagtäglich neue Informationen zu Corona – die Interseite www.Lrasbk.de gehört zu den meistbesuchten im gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis. 27. Februar # „Infos zum Coronavirus“. Diese Schlagzeile auf der Startseite des Internetauftrittes des Schwarzwald-Baar-Kreises verlinkt auf eine der am meisten besuchten Webseiten der Region: Bis zum 19. Oktober 2020 wurden 779.479 Zugriffe auf die Seite mit den täglich aktualisierten Corona-Daten gezählt! Am 27. Februar 2020 steht unter www.Lrasbk.de zu lesen: „Nachdem vier CoronavirusInfektionen in BadenWürttemberg festgestellt wurden, darunter ein Fall im Nachbarlandkreis Rottweil, behalten die Gesundheitsbehörden die Patienten und deren persönliches Umfeld besonders im Blickfeld.“ Noch hat Corona den Schwarzwald-Baar-Kreis nicht erreicht. 4. März # An der Werkrealschule am Ilben in Furtwangen bestätigt sich bei einem aus Freiburg stammenden Lehrer eine Corona-Infektion. Damit erreicht zugleich der erste SüdtirolCoronafall den Landkreis. Die Werkrealschule wird vollkommen desinfiziert und bleibt bis zum 20. März geschlossen. Die 121 Schüler sind die ersten im Schwarzwald-Baar-Kreis, die im Rahmen des unterstützenden Unterrichts via Internet mit Aufgaben für das Homeschooling versorgt werden. 54 6. März # Die aktuelle Entwicklung verun­ sichert viele Bürger*innen: Das Gesundheitsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises schaltet eine Hotline frei – im Verlauf der kommenden 14 Tage gehen über 2.000 Anrufe ein. 7. März # Der erste bekannte Corona­ Fall bei einem Einwohner des Schwarzwald-Baar-Kreises bestätigt sich in St. Georgen, er hat sich wohl bei einer Mittelmeer-Kreuzfahrt infiziert. Die Feuerwehr sagt daraufhin ihre Hauptversammlung ab – Bürgermeister Michael Rieger ruft zur Besonnenheit auf. 10. März # In begründeten Fällen nehmen Ärzte des Schwarzwald­Baar Klinikums ab sofort Corona­Abstriche vor. Die Weltgesundheitsorganisation stuft den Ausbruch des Corona-Erregers nun als Pandemie ein. Trotz aller Aufrufe, nicht in den Hamsterkauf-Modus umzuschalten, decken sich die Bürger auf Wochen hinaus mit Toiletten papier ein. Auch Desinfektionsmittel, Seifen, Nudeln, Mehl und Trockenhefe werden zum Luxus gut. Zu einer generellen Absage kultureller Veranstaltungen kommt es noch nicht, diese wird aber seitens des Gesundheitsministeriums dringend empfohlen. Immer mehr Veranstaltungen werden in der Folge freiwillig abgesagt, zu groß ist das Risiko einer Infektion.

 

 

 

Nicht nur im Villinger Münster bleibt aus Angst vor einer Corona-Infektion das Weihwasserbecken leer, die Hostie wird den Gläubigen auf die Hand gelegt. Bereits jedes zweite Unternehmen in der Region spürt laut einer IHK-Umfrage starke Corona-Auswirkungen. 11. März # Nahezu stündlich wird die Bevöl­ kerung mit neuen Nachrichten zum Coronavirus förmlich überflutet. Die Angst wächst. Gerade ältere Menschen sind besonders gefährdet und ziehen sich vermehrt vorsorglich aus der Öffentlichkeit zurück. Die Hamsterkäufe stellen auch die Tafelläden der Region vor Probleme: Aus den Supermärkten treffen bei ihnen immer weniger Waren ein. 12. März # Weil die Villinger Karl­Brachat­ Realschule eine Klassenfahrt ins Elsass unternommen hatte, wird die neunte Klasse samt sechs Lehrern für 14 Tage vom Unterricht freigestellt. Auslöser ist die Einstufung des Elsass als Corona-Risikogebiet. Während Hochschulen bereits ihren Semesterbeginn verschieben, bleiben die Schulen weiter offen. Immer mehr Veranstaltungen und Zusammenkünfte von Vereinen werden abgesagt. Die Landesregierung verbietet Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern. Nur zwei Tage später wird die Zahl der maximalen Besucher auf 100 gesenkt. 13. März # In den Fokus des Gesundheitsam­ tes rücken verstärkt auch die Pflegeeinrich­ tungen. Mitarbeitern mit Grippe-Symptomen und Rückkehrern aus Risikogebieten wird geraten, nicht zur Arbeit zu kommen. Besucher mit Erkältungssymptomen dürfen die Einrichtungen nicht mehr betreten. Überall fehlt es an Schutzmasken und -kleidung für das Pflegepersonal. 14. März # Die Landesregierung verkündet die Schließung aller Schulen und Kindergär­ ten ab Dienstag, 17. März. Für Krankenhäuser und Pflegeheime wird ein Besuchsverbot ausgesprochen. Ohne Worte: Die von Kurt Heizmann ins Leben gerufene „Gesellschaft zur Verblüffung des Erdballs“ mit Sitz in Vöhrenbach brachte in Corona-Zeiten die obige Grußkarte in Umlauf (Ausschnitt). Mit dem Erliegen des öffentlichen Lebens im Landkreis ist auch die Sperrung der Spielplätze verknüpft, wie hier in Brigachtal. Corona – Stenogramm eines Lockdowns 55

 

 

 

Um sich vor dem Einschleppen des Coronavirus zu schützen, lagert das Schwarzwald-Baar Klinikum seine Corona-Ambulanz auf das Schwenninger Messegelände aus. Erstmals wird im Schwarzwald-Baar-Kreis die Übertragung einer Corona-Infektion von einer Person zur anderen nachgewiesen. Kreisweit sind sieben Coronafälle bekannt. Landkreisweit registrieren die Beherbungsbetriebe das Ausbleiben von Touristen, die Stornierungen von Buchungen betragen bis zu 80 Prozent. Der Blick auf den Triberger Boulevard zeigt die Dramatik: Wo ansonsten täglich Hunderte von Besuchern entlangschlendern, sind nur vereinzelt Menschen unterwegs. 17. März # Im Schwarzwald­Baar­Kreis wer­ den am Tag vor dem Lockdown elf weitere Coronavirus-Fälle gemeldet. Somit liegen insgesamt 27 bestätigte Fälle vor. 18. März # Es ist ein historischer Augenblick in der Geschichte der Bundesrepublik: Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündet in einer Fernsehansprache den Lockdown, das bislang beispiellose Herunterfahren des öffentlichen Lebens im Land. Angela Merkel: „Es ist ernst. Seit der Deutschen Einheit – nein, seit dem Zweiten Weltkrieg – gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt. … Das Coronavirus verändert zurzeit das Leben in unserem Land dramatisch.“ Der Lockdown sorgt endgültig für nahezu menschenleere Innenstädte im Landkreis. 21. März # Die Corona­Pandemie trifft neben Industriebetrieben auch die Gastronomie­ und Hotelbetriebe sowie die vielen Selbst­ ständigen mit ganzer Härte. Von Samstag, 21. März 2020, an müssen alle Gaststätten und Restaurants in Baden-Württemberg geschlossen bleiben. Es ist aber möglich, Mahlzeiten abzuholen oder sich ausliefern zu lassen. Schließen müssen ebenso viele Einzelhändler, Caterer oder Fitnessstudios. Ebenso Friseurgeschäfte und ähnliche Betriebe mit engerem Kontakt zu ihren Kunden, um nur einige von vielen 56 Corona fegt die Städte leer – hier in Hüfingen. Auch in VS-Villingen, Donaueschingen oder Bad Dürrheim beispielsweise, präsentieren sich die Innenstädte nahezu menschenleer . Post aus dem Familienzentrum Furtwangen. Der Kindergarten Maria Goretti hatte für alle Kinder einen Brief mit Erde und Blumensamen gerichtet. Denn: „Ohne euch Kinder ist es im Kindergarten still und langweilig! Wir vermissen euer Lachen, unser gemeinsames Spielen, unsere Gespräche…“, schreiben die Erzieherinnen in Corona-Tagen.

 

 

 

Sparten konkret zu benennen. Einzig Geschäfte des täglichen Bedarfs dürfen weiter öffnen. Viele Selbstständige, zumal Kunstund Kulturschaffende, wissen nicht, wie sie wegen der Geschäftsschließungen oder der Absage von Veranstaltungen und Familienfeiern die kommenden Wochen finanziell überstehen sollen. 22. März # Bund und Länder haben sich auf Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coro na virus geeinigt. Versammlungen von mehr als zwei Personen sind verboten. Ausgenommen sind Familien oder Personen, die in einem gemeinsamen Haushalt leben. Außerdem müsse man sich an einen Mindestabstand von 1,5 bis zwei Metern halten. Die Stadt Villingen-Schwenningen überwacht die Einhaltung dieser Regelung mit mehr als 50 Mitarbeitern. Abstand halten gilt es auch auf den Wochenmärkten, die weiter stattfinden dürfen. Die Landesregierung beschließt eine Soforthilfe für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmen. Die Angst vor einer Pleitewelle in der Wirtschaft geht immer stärker um. Auch die Bundesregierung kündigt Milliardenhilfen an. Das Gesundheitsamt des SchwarzwaldBaarKreises meldet 76 bestätigte Corona-Fälle: In fünf Tagen haben sich die Infektionen verdreifacht. 23. März # Katholischer Gottesdienst auf YouTube sehr gefragt. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Lösungen, denn wegen Corona bleiben auch die Kirchen geschlossen. So wird der Gottesdienst des katholischen Pfarrers Martin Schäuble von der Seelsorgeeinheit Oberes Bregtal live auf YouTube ausgestrahlt. Innerhalb von 24 Stunden wurde die in Furtwangen-Neukirch gehaltene Messe auf YouTube mehr als 1.600 Mal aufgerufen, bis heute sind es bald 4.000 Mal. 27. März # Die Zahl der an Coronavirus er­ krankten Personen erhöht sich weiter. Am Freitag, 27. März stellt das Gesundheitsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises 153 bestätigte Corona virus-Fälle fest. In fünf Tagen hat sich damit die Zahl der Infizierten verdoppelt. Erstmals beklagt der Landkreis zwei Todesfälle. Die Brüder Felix und Lukas Leicht aus VS-Villingen zeichnen im Homeschooling ein Mutmach-Plakat. Ihr Wunsch: Auch andere Kinder sollen Plakate zeichnen und ins Fenster hängen. Im Corona-geschüttelten Italien singen die Italiener als Dank für ihre Helden des Alltages und zum Mutmachen auf den Balkonen gegen das Virus an. Die Menschen in Villingen-Schwenningen veranstalten am 22. März ebenfalls ein Balkonkonzert. Zu den Akteuren zählt auch die Familie Tröndle, hier Greta und Oskar Tröndle zusammen mit Vater Alexander. Corona – Stenogramm eines Lockdowns 57

 

 

 

Weil es überall an Schutzmasken fehlt und die Politik samt der Virologen die zunächst bezweifelte Schutzwirkung der Masken jetzt bestätigt, nähen unzählige Frauen im Landkreis Stoffmasken. Unter dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ bieten die Städte und Gemeinden auf der Südbaar ihren Händlern, Handwerkern und Gastro nomen eine neue Online-Vermarktungsplattform an. Überall im Landkreis versuchen von der Corona-Schließung betroffene Selbstständige, sich über Internetplattformen eine neue Geschäftsgrundlage zu erschließen. In VS-Schwenningen näht ein 15-jähriges Mädchen zusammen mit der Mutter kostenlos Atemschutzmasken, die ersten zehn gehen an eine Arztpraxis. Da Atemschutzmasken fast nicht zu bekommen sind, greifen immer mehr Frauen zur Selbsthilfe. In VS-Villingen überwacht jetzt im Auftrag der Stadt ebenso ein privater Sicherheitsdienst die Einhaltung der Corona-Verordnungen. 28. März # Im Schwarzwald­Baar­Kreis gibt es 179 bestätigte Corona­Fälle. Erstmals werden wegen Verstößen gegen die Corona-Verordnungen Bußgelder verhängt. Und in nur vier Tagen wird in der Schwenninger Tennishalle eine neue Fieber-Ambulanz sprichwörtlich aus dem Boden gestampft. Fünf Behandlungszelte stehen darin zur Verfügung (s. Foto S. 74/75), drei Ärzte sind im Dienst, helfen mit, die Arztpraxen im Landkreis zu entlasten. Die Zahl der Covid-19-Patienten im Schwarzwald-Baar Klinikum hat sich auf 37 Fälle verdreifacht. Betroffen sind nun auch die Altenund Pflegeheime in Niedereschach und St. Georgen. Noch immer lehnen zahlreiche Politiker eine Pflicht zum Tragen von Schutzmasken ab. 31. März # Ausgangssperre für Riedböhrin­ gen: Die Stadt Blumberg verhängt in Abstimmung mit dem Landratsamt im Kampf gegen das Coronavirus eine Ausgangssperre für Riedböhringen. Hintergrund ist die hohe Zahl an Infizierten: Von 29 am Coronavirus erkrankten Personen in Blumberg haben 22 ihren Wohnsitz in Riedböhringen. Ursache des Ausbruchs war ein Ischgl-Aufenthalt. Positives ist indes aus den Schulen zu hören: Die Schüler*innen lernen zu Hause gut, das bestätigen ihre Klassenlehrer*innen bei Umfragen. Wesentlichen Anteil haben die Mütter, die 58

 

 

 

Die Großeltern vermissen die Enkelkinder – die Enkelkinder ihre Großeltern. Die abgebildete Plakatfolge drückt aus, was viele Menschen im Landkreis empfinden: Corona macht einsam. vielfach wegen geschlossener Kindergärten und Schulen ihrer beruflichen Tätigkeit nicht nachgehen können. 01. April # Es fehlt weiter an Masken. Zu einer Nähaktion rufen die DRK-Kreisverbände Villingen-Schwenningen und Donaueschingen auf. Die Schutzmasken sollen an die Feuerwehren und die Mitarbeiter von sozialen Diensten ausgegeben werden. Auch ansonsten steigt die Schutzmaskenproduktion stark an, immer mehr Bürger*innen greifen zur Selbsthilfe. Selbst mit dem 3D-Drucker werden Masken produziert. Die Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg für Solo-Selbstständige und Betriebe bis zu 50 Mitarbeitern findet großen Widerhall: In den ersten fünf Tagen gehen bei der IHK bereits über 5.300 Anträge ein. Weiterhin Notstand herrscht bei der Versorgung mit Toilettenpapier, das in den Supermärkten kaum zu bekommen ist. Gleiches gilt für Desinfektionsmittel. 03. April # Noch schwerer als sonst ist die Arbeit der Lkw­Fahrer, ohne die in CoronaZeiten nichts mehr gehen würde. Da viele Rastplätze und öffentliche Toiletten wegen Corona geschlossen sind, stellt das Bräunlinger Unternehmen Straub für die Lastwagenfahrer drei Toilettenwagen auf. Der VerpackungsSpezialist liefert die Schachteln für die Berge an Internet-Bestellungen. Schwer trifft Corona das St. Georgener Seniorenpflegeheim Lorenzhaus, in dem acht Fälle registriert sind. 04. April # „Oma und Opa fehlt uns“. Plakate und Zeichnungen mit diesen Inhalten sieht man im Landkreis immer häufiger (siehe Fotofolge links). Die Senioren*innen leiden unter dem Besuchsverbot in den Pflegeeinrichtungen und sollen auch ansonsten aus Gründen der Ansteckungsgefahr keinen Kontakt zu Kindern und Enkelkindern haben. In Mönchweiler kommt es zu drastischen Schritten: Wegen vielfachen Ignorierens des Besuchsverbotes, wird um einen Wohnpark für Senioren ein Stahlgitterzaun gezogen. 59

 

 

 

Vom Pferd aus kontrollierte die Polizei auf dem Landesgartenschaugelände in VS-Schwenningen am Ostersamstag und -sonntag das Einhalten der Corona-Regeln. 06. April # Einbahnregelung um die Linach­ talsperre. Weil es auf der Mauerkrone der Linachtalsperre und dem dortigen Rundweg eng hergeht, beschließt die Stadt Vöhrenbach zur Sicherstellung der Abstandsregeln eine „Einbahnregelung“. Die Beschränkung hat einen realen Hintergrund: Es wird Frühling und es zieht die Menschen überall hinaus in die Natur. Da Reisen unmöglich geworden sind, wird zu Fuß oder mit dem Bike stärker denn je die Heimat erkundet. Die Stadt Bad Dürrheim verhängt als eine der ersten im Landkreis eine Haushaltssperre, da aufgrund der Pandemie hohe Verluste bei den Einnahmen befürchtet werden. 08. April # Chinesische Schüler sitzen fest. Auch die Zinzendorfschulen in Königsfeld stellten im Rahmen des Lockdowns ihren Betrieb ein. Für 17 chinesische Internatsschüler bedeutet die Schulschließung unter Corona-Vorzeichen, dass sie in den Ferien nicht wie gewohnt nach Hause fliegen können. Sie erfahren großes Misstrauen vonseiten der Königsfelder: Gehen die Schüler in dem Kurort spazieren, wechseln nicht wenige Bürger die Straßenseite. 10 ­ 13. April # Furcht vor den Ostertagen. Rechtzeitig zu den Osterfeiertagen entspannt sich die Corona-Situation im Schwarzwald-BaarKreis leicht. Am Karfreitag, 10. April, werden 142 Fälle gemeldet, die bereits wieder gesund sind. Insgesamt liegt die Zahl der bestätigten Corona virus-Fälle bei 362, die genesenen Fälle sind hierin enthalten. Es gibt somit 220 infizierte Personen, drei Todesfälle sind zu beklagen. Ein Osterfest ohne Gottesdienste, das hat es sehr lange nicht mehr gegeben – wenn überhaupt. Mittlerweile übertragen gleich mehrere Kirchengemeinden die Gottesdienste live auf Youtube, zumal die Feiern zur Osternacht. Wie ernst es damit ist, auch im Freien die Sicherheitsabstände einzuhalten, dokumentiert der Ruf nach einer Polizei-Reiterstaffel zur Überwachung der Parkanlagen in VS-Schwenningen. Beim Einsatz über die sonnigen Osterfeiertage hinweg bleibt aber alles ruhig. Junge Menschen tun sich mit den Abstandsregeln oft schwer. 60

 

 

 

Das sonnige Wetter lockte an Ostern die Menschen ins Freie – so in die Wälder, aber auch an die Linachtalsperre bei Vöhrenbach. Abstand halten hieß es auch beim Betreten der Geschäfte. 15. April # Die Lage entspannt sich weiter, 194 Corona-Kranken stehen 193 Genesene gegenüber. Insgesamt gibt es 397 bestätigte Corona-Fälle, zehn Todesfälle sind hierin enthalten. 20. April # Viele Geschäfte sind endlich wie­ der offen! Bei strengen Sicherheitsregeln dürfen nach fünf Wochen Schließung kleinere und mittelgroße Geschäfte wieder öffnen. Überall freuen sich die Menschen darüber, dass in die Innenstädte wieder das Leben zurückkehrt. Auch die Eisdielen können zumindest den Straßenverkauf aufnehmen. Anders verhält sich die Situation bei der Gastronomie, die weiter um ihre Existenz kämpft. Viele Gastronomen verkaufen ihr Essen auf die Straße oder liefern die Mahlzeiten nach Hause, doch der Ausfall an Einnahmen im Gefolge des Lockdowns kann so nur teilweise ausgeglichen werden. Auch die Hoteliers und mit ihnen die Urlaubsregionen im Landkreis befinden sich in höchster Not. Derweil fordert Corona weitere Opfer: Zwölf Menschen sind im Schwarzwald-Baar-Kreis der Seuche bereits erlegen. 23. April # Sonntagsessen für alle! Zu einem symbolischen Preis von einem Euro für Erwachsene und 20 Cent für Kinder bietet das Rote Kreuz in Villingen-Schwenningen eine warme Mahlzeit an. Hauptzielgruppe sind die Bürger*innen, denen es nicht so gut geht. Das Corona-Hilfsprojekt „Deine Einkaufstüte“ erfreut sich großen Zuspruchs. Denn die Zahl der Hilfsbedürftigen wird auch nach Wiederöffnung der Tafelläden nicht kleiner. Die Tüten voller Lebensmittel werden mit fünf Fahrzeugen ausgeliefert und vor Haustüren abgestellt, hinter denen Menschen leben, die in Coronazeiten auf Hilfe dringend angewiesen sind. Solidaraktionen wie diese gibt es auch andern orts, so beispielsweise in Donaueschingen seitens der katholischen Kirchengemeinde. Weil sie denen helfen will, denen es am Nötigsten fehlt. 24. April # Leere Arztpraxen! Aus Furcht vor einer Corona-Ansteckung gehen viele Menschen 61

 

 

 

Oben: Viel Zeit für den Garten haben im Frühjahr 2020 nicht nur Senior*innen: Der Lockdown schickt so viele Menschen wie selten zuvor in Kurzarbeit. Impression aus der Loretto-Gartenanlage in VS-Villingen. nicht mehr zum Arzt. Was zuvor undenkbar schien, ist eingetreten: Den Ärzten gehen scheinbar die Patienten aus… Diese Vorsicht wäre einem an Diabetes erkrankten 15-jährigen Mädchen fast zum Verhängnis geworden, sie konnte in letzter Minute gerettet werden. Viele Patienten leiden darunter, dass im Schwarzwald-Baar Klinikum wegen Corona selbst dringende Operationen nicht ausgeführt werden dürfen. Weiter ist es nicht erlaubt, die Patienten zu besuchen. Auch Zahnarztbesuche sind nur bei akuten Schmerzen möglich. 27. April # Die Schulen unterrichten wieder! Nach sieben Wochen ohne Präsenzunterricht öffnen sich für die Abschlussklassen wieder die Schulen – doch an einen regulären Unterricht ist zunächst nicht zu denken. Es kommt zum Schichtbetrieb und selbst Sporthallen werden zu Klassenzimmern umfunktioniert, um die Hygieneregeln erfüllen zu können. Nach vielen Irrungen und Verwirrungen gilt in Baden-Württemberg zeitgleich mit dem teilweisen Öffnen der Schulen die Maskenpflicht beim Einkaufen und bei der Benutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Der Mundschutz wird zur begehrten Ware – auch weiterhin können nicht alle Bürger*innen mit einem „Maultäschle“ versorgt werden. Ab sofort darf man unter Einhaltung strenger Hygieneauflagen wieder zum Friseur – und es werden wieder öffentliche Gottesdienste abgehalten. 01. Mai # Die Zahl der Corona­Infektionen sinkt! Nach wie vor sind die aktuellen Zahlen auf der Internetseite www.Lrasbk.de die mit am meisten verfolgten Neuigkeiten des Tages: Am Freitag, 1. Mai, werden 366 Fälle gemeldet, die bereits wieder gesund sind. Insgesamt liegt die Zahl der bestätigten Corona-Fälle bei 498, was 116 aktuelle Infektionen ergibt. Damit haben sich die Infektionen im Vergleich zu Mitte April in etwa halbiert. Es ereigneten sich mittlerweile 16 Todesfälle. 03. Mai # Corona bringt den Arbeitsmarkt im Schwarzwald-Baar-Kreis erwartungsgemäß kräftig in Schieflage. Ein Drittel aller Unter62 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Schutzmasken bleiben auch im Mai weiter Mangelware. Aber endlich darf man zum Friseur und in Blumberg fährt wieder die Sauschwänzlebahn. Das tolle Wetter lockt die Menschen ins Freie, gut besucht sind Ausflugsziele wie der Blindensee. nehmen im Schwarzwald-Baar-Kreis hat bei der Bundesagentur für Arbeit bis Anfang Mai Kurzarbeitergeld beantragt, das sind 2.085 von 5.647 Betrieben. Besonders betroffen ist das Gastgewerbe, das seit Wochen weitgehend brach liegt. Am Beginn der Corona-Krise arbeiteten gerade einmal 179 Firmen kurz. Von der Kurzarbeit sind somit über 29.000 Beschäftigte betroffen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt im Mai auf 11.529 Personen – 4.271 Personen mehr als noch vor einem Jahr. Die Zahl der Anträge auf Soforthilfe hat mittlerweile in der Region SchwarzwaldBaarHeuberg die 10.000er Marke durchbrochen. 04. Mai # Recycling­Center und Wertstoff­ höfe kehren zu üblichen Öffnungszeiten zurück! Mit Beginn der Corona-Krise und bei steigenden Kurzarbeiter-Zahlen verbringen immer mehr Menschen ihre Freizeit mit dem Aufräumen von Speicher und Keller oder mit Garten arbeiten. Es kommt zum Ansturm auf Recycling-Center und Wertstoffhöfe: Dort bilden sich lange Schlangen, Sonderöffnungszeiten werden erforderlich. Nun kehrt auch hier ein Stück weit der Alltag zurück. 06. Mai # Dem Landkreis fehlen 9,1 Mio. Euro. Im Zuge der Corona-Krise geht der Schwarzwald-Baar-Kreis von einem erheblichen Loch in seiner Haushaltskasse aus: Landrat Sven Hinterseh beziffert das Defizit auf 9,1 Mio. Euro. 08. Mai # Die Corona­Situation im Landkreis bleibt entspannt. Die Corona-Abteilung des Schwarzwald-Baar Klinikums in Donaueschin gen verfügt über 130 freie Beatmungsplätze, 30 Corona-Patienten werden stationär behandelt. 11. Mai # Dichtes Gedränge in den Innenstäd­ ten. Im Gefolge der Abmilderung des Coronavirus, aktuell gibt es im Landkreis noch 85 aktive Fälle, sehnen sich die Menschen nach Normalität. Anderen gehen die Lockerungen nicht weit genug, es kommt auch in VS-Villingen zu Demonstrationen wegen Einschränkungen der Grundrechte im Zuge der Pandemie. Weitere Proteste folgen. 63

 

 

 

12. Mai # Internet mildert ein Stück weit die Isolation. Das Coronavirus hat in den Altenund Pflegeheimen im Landkreis zu einer großen Isolation der Bewohner geführt. Manche Einrichtungen wie das Lorenzhaus in St. Georgen entwickeln sich zu einem Hotspot, dort steckten sich 17 Bewohner und 19 Mitarbeiter an. Was einmal mehr aufzeigt, wie gefährlich Corona gerade für Menschen in Altenpflegeeinrichtungen ist. Um die Isolation ein Stück weit aufzubrechen, nehmen die Senioren via Smartphone und Tablet den Kontakt zu Kindern und Enkelkindern auf – unterstützt durch das Pflegepersonal. In Villingen-Schwenningen übergibt das DRK 1.000 selbst genähte Alltagsmasken: Die Masken sind für die Mitarbeiter der Kreisund der Stadtverwaltung genäht worden. Wie sehr die Corona-Soforthilfe von Unternehmen angenommen wird, verdeutlicht eine Zahl aus der Doppelstadt: Allein in Villingen-Schwenningen wurden bereits 14 Mio. Euro ausbezahlt. 13. Mai # Digitales Semester aufgestellt. In kürzester Zeit hat die Fachhochschule Furtwangen ihren Vorlesungsbetrieb ins Digitale überführt. Die Hochschule mit fast 6.000 Studenten verlegte ihren gesamten Vorlesungsbetrieb ins Internet, investierte dazu kräftig in Software und in den Ausbau von System-Kapazitäten. Bis zu 2.500 Studenten gleichzeitig nehmen am Vorlesungsbetrieb teil. 18. Mai # Ein deutliches Stück mehr Norma­ lität kehrt zurück. Es hat lange gedauert, aber jetzt dürfen Angehörige wieder als Besucher ins Schwarzwald-Baar Klinikum: Pro Patient und Tag je ein Besucher, lautet die Regel. Am Wochenende 16./17. Mai öffnen überall im Landkreis wieder die Museen. Verhalten ist die Freude bei den Gastronomen: Sie können zwar wieder Gäste bewirten, doch müssen strenge Hygieneund Abstandsregeln eingehalten werden, was deutlich weniger Sitzplätze bedeutet. Die Gäste kehren zurück – aber anfangs noch verhalten. Die finanzielle Lage in der Gastronomie bleibt mehr als angespannt. Eine Woche nach der Wiedereröffnung 64 fällt die Bilanz der meisten Wirte durchwachsen aus, aber die Tendenz ist steigend. Die Kindergärten bereiten sich auf die Wiederaufnahme eines allerdings eingeschränkten Regelbetriebes vor. 29. Mai # Hotels nehmen wieder Privatgäste auf. Die schlimmste Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten die Hoteliers im Landkreis. Zunächst durften nur Geschäftsreisende beherbergt werden, doch rechtzeitig zum Pfingstwochenende dürfen auch wieder Privatpersonen in Hotelsund Gaststätten übernachten. Aber die Menschen sind noch verängstigt und unsicher, melden die Beherbergungsbetriebe zurück. 30. Mai # Pfingstfeiertage im Schatten von Corona. Zu Pfingsten finden in den Kirchen bei

 

 

 

Am 15. Juni öffnen im Großraum Blumberg wieder die Grenzübergänge in die Schweiz, oben die im Gefolge der Pandemie errichtete Sperre bei Fützen. begrenzten Teilnehmerzahlen wieder Gottesdienste statt, die zudem online angeboten werden. Da die Grenzen weiter geschlossen sind, bleiben die meisten Menschen über die Feiertage hinweg daheim, freuen sich am Garten, wandern oder fahren mit dem Rad. Die Nachfrage nach Tourismusangeboten ist im Landkreis groß. Während die Hotels weiter Auf den Besuch der Freibäder müssen die Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis auch im Sommer 2020 nicht verzichten, hier das Villinger Kneippbad. klagen, ist die Zahl der Tagesausflügler enorm. Auch die Gaststätten zeigen sich mit dem Betrieb über Pfingsten überwiegend zufrieden. Die verstärkten Inland-Anfragen nach Prospekten zeigen den Trend des Jahres 2020 früh auf: Die Deutschen buchen ihren Urlaub überwiegend im Heimatland. Im Schwarzwald-Baar-Kreis führt das früh zu ausgebuchten Ferienwohnungen und dicht belegten Campingplätzen. 12. Juni # Corona sorgt für mehr Gewalt gegen Frauen. Da die Alltagsstrukturen nicht mehr gegeben sind und die Menschen über Wochen hinweg eng beieinander leben, steigt im Frauenund Kinderhaus in Villingen-Schwenningen die Zahl der Hilferufe deutlich. Da die Einrichtung voll belegt ist, übernimmt unter anderem der Schwarzwald-Baar-Kreis die Kosten für die anderweitige Unterbringung betroffener Frauen und Kinder. 15. Juni # Schritt hin zu mehr Normalität. Ab heute gehen die Schüler*innen zumindest zeitweise wieder zur Schule. Der Präsenzunterricht wird mit dem Homeschooling kombiniert. Nach anderen Freibädern öffnet in VillingenSchwenningen das Kneippbad. Weitere Freibäder wie das Tannheimer können die CoronaBedingungen nicht erfüllen und bleiben geschlossen. Auf den Hilferuf eines Tannheimers an Udo Lindenberg schreibt der Sänger zurück: „No Panic – next Year!“ Das Schwarzwald-Baar Klinikum fährt kontinuierlich seinen regulären Betrieb wieder hoch. Am Klinikum werden noch 13 Corona-Patienten behandelt. Insgesamt gibt es 23 aktiv Erkrankte, die Zahl der Todesfälle beläuft sich auf 30. Die Gesamtzahl der Corona-Fälle beträgt 571. Endlich öffnen sich wieder die Grenzen in Richtung Schweiz. (Mit dem 15. Juni endet dieses Stenogramm zum CoronaLockdown im ersten Halbjahr 2020. Aufgrund der vielen Ereignisse kann diese Schilderung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Sie basiert im Wesentlichen auf der Bericht erstattung der Tageszeitungen, amtlichen Mitteilungen und den Inhalten der kommunalen Nachrichtenblätter.) 65

 

 

 

66 66 Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

IM GESPRÄCH MIT DR. MED. HINRICH BREMER von Nathalie Göbel 67 CORONA

 

 

 

Es war ein düsteres Worst-Case-Szenario: 40 bis 45 neue Lungenentzündungen täglich, verursacht durch das neuartige Coronavirus, wären demnach auf das Lungenzentrum am Schwarzwald-Baar Klinikum zugekommen. Täglich rund 40 neue, schwer kranke Patienten, die zu versorgen gewesen wären, womöglich beatmet und sediert. So lautete die Berechnung Ende März anhand der Wachstumsrate von Neuinfektionen. „Das“, sagt Hinrich Bremer, „hätten wir nicht geschafft.“ Dann kam der Lockdown – und mit ihm reduzierten sich die Wachstumsraten. „Dr. med. Hinrich Bremer, Leiter der Pneumologie/Stellvertretender Leiter des Lungenzentrums, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie/Allgemeine Innere Medizin“ steht auf der Webseite des Klinikums unter seinem Foto. Im Jahr 2020 müsste noch „Team CoronaKrisen-Management“ dabei stehen. An einem Spätsommernachmittag sitzt der gebürtige Marburger in seinem Büro im dritten Stock des Schwarzwald-Baar Klinikums in Donaueschingen. Aus dem Fenster geht der Blick auf die Baar – und auf einen vollen Parkplatz. Im Haus herrscht inzwischen wieder Normalbetrieb: Am Standort Donaueschingen werden nicht mehr ausschließlich Covid-19-Patienten versorgt. Vor wenigen Monaten war das noch anders. Die Corona-Welle, die das Land im Frühjahr mit voller Wucht überrollte, im März zum Lockdown führte, die Wirtschaft in die Knie zwang und das Gesundheitssystem zu überfordern drohte, traf das Klinikum jedoch nicht unvorbereitet. „Wir waren schon seit Februar im Krisenmodus“, sagt Hinrich Bremer. Teamleistung ist gefordert Doch wie managt man eine Krise, für die es keine Blaupause gibt? Naturkatastrophen, Grippewellen, Wirtschaftskrisen, all das gab es schon in unterschiedlicher Ausprägung. Und jetzt: Ein neues Virus, das mutmaßlich von einem Markt im chinesischen Wuhan aus, seinen tödlichen Kurs auf die ganze Welt aufnahm. Ein perfides Virus, das ältere und durch Vorerkrankungen geschwächte Menschen töten kann, während es bei jungen und gesunden Menschen häufig wenige bis gar keine Symptome hervorruft und sie andere aber dennoch anstecken können. Die letzte echte Pandemie haben allenfalls hochbetagte Menschen miterlebt, die zum Ende des Ersten Weltkriegs selbst noch Kleinkinder waren. Die letzte echte Pandemie haben allenfalls hochbetagte Menschen miterlebt, die zum Ende des Ersten Weltkriegs selbst noch Kleinkinder waren: Zwischen 1918 und 1920 forderte die Spanische Grippe weltweit 50 Millionen Todesopfer, mehr als der Erste Weltkrieg in den Jahren zuvor. „Erst einmal muss man die Krankheit und die Dimension dessen begreifen, was von einem verlangt wird“, sagt Hinrich Bremer, der seit Ende 2007 am Schwarzwald-Baar Klinikum tätig ist. Eine Teamleistung, in die neben Ärzten und Pflegekräften des Lungenzentrums auch viele andere medizinische Abteilungen des Klinikums eng eingebunden waren. Alle nicht lebensnotwendigen Operationen der Orthopädie beispielsweise, waren in der Hochphase der Pandemie abgesagt worden. „Die Orthopäden waren praktisch überall im Dienst“, sagt Hinrich Bremer, „die Anästhesisten übernahmen die Betreuung der schwerstkranken, beatmungspflichtigen Patienten.“ Die positiven Effekte interdisziplinärer Zusammenarbeit ließen nicht lange auf sich warten. „Wir haben beispielsweise sehr früh damit angefangen, schwere Verläufe mit Kortison zu behandeln und auch mit Medikamenten, die bereits in anderer Indikation verwendet wurden“, blickt Hinrich Bremer zurück. Eines dieser Medikamente heißt Ruxolitinib, eine Idee des Direktors der Klinik für Innere Medizin II, Professor Paul Graf La Rosée. Normalerweise wird Ruxolitinib bei bestimmten Blutbildkrankheiten eingesetzt. Die 68 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Dr. Hinrich Bremer, Leiter der Pneumologie/Stellvertretender Leiter des Lungenzentrums am Schwarzwald-Baar Klinikum in Donaueschingen. Erkenntnisse aus dieser Arbeit sind mittlerweile in eine Studie eingeflossen und publiziert. „Da waren wir nicht ganz unerfolgreich“, sagt Bremer und meint die sehr guten Ergebnisse. können bei Covid-19 eine fatale Rolle spielen. Die Hyperinflammation ist eine Überreaktion des Immunsystems als Folge der Virusinfektion, die auch körpereigene Strukturen angreift. Sterblichkeit betrug 17 Prozent Daten von 196 auf diese Art behandelten Patien ten des Schwarzwald-Baar Klinikums – Durchschnittsalter 70 Jahre – sind in die Studie eingeflossen. Demnach betrug die Sterblichkeit 17 Prozent, der Anteil der invasiven Beatmung lag bei vier Prozent. Zum Vergleich: In einer Studie der AOK mit 10.021 Patienten, Durchschnittsalter 72 Jahre, lag die Sterblichkeitsrate bei 22 Prozent, 13 Prozent wurden invasiv beatmet. Der Nutzen des Kortisons Dexamatheson konnte mittlerweile auch wissenschaftlich gesichert werden. Das künstlich hergestellte Glucocorticoid dämpft das Immunsystem und wirkt entzündungshemmend – und Entzündungen „Schwere Verläufe mit einem Hyperinflammationssyndrom sind insgesamt zwar selten, aber mit einer hohen Mortalität assoziiert“, schreibt das Robert-Koch-Institut in einem Handout namens „Hinweise von Klinikern für Kliniker“. Schwere Verläufe gab es auch am Schwarzwald-Baar Klinikum Ab Mitte März wurden am Standort Donaueschingen nur noch Covid-19-Erkrankte behandelt. Die Notaufnahme wurde geschlossen, Notfallpatienten ans Schwarzwald-Baar Klinikum in Villingen-Schwenningen verwiesen. Der Tagesablauf in diesen ersten Pandemie-Wochen? Anstrengend. „In dieser Zeit habe ich eigentlich Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer 69

 

 

 

nur gearbeitet oder geschlafen“, sagt Hinrich Bremer. Jeden Tag fanden interdisziplinäre Fallbesprechungen statt, Videokonferenzen, jeden Morgen meldete das Institut für Klinische Pharmazie – die klinikeigene Apotheke – den Bestand an Medikamenten. Auch am Schwarzwald-Baar Klinikum gab es schwere Verläufe. 270 Covid-19-Patienten hat das Klinikum – Stand Ende August 2020 – behandelt. Das klingt zunächst einmal nicht viel. Zum Vergleich: Im Jahr 2019 hat das Lungenzentrum 2.400 Patienten stationär und über das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) etwa 5.000 Patienten ambulant behandelt. Geht man jedoch davon aus, dass jeder der stationär aufgenommenen Covid-19-Patienten theoretisch einen schweren Verlauf hätte entwickeln können, erscheint die Zahl 270 nicht mehr so gering. Intensivtherapie teilweise durch Patientenverfügungen ausgeschlossen Zum Teil, sagt Hinrich Bremer, habe man die Patienten nur noch palliativ behandeln können. Zum einen, weil manche die Intensivtherapie bereits durch entsprechende Patientenverfügungen ausgeschlossen hatten, zu schwer waren bei anderen die Auswirkungen auf das komplexe Zusammenspiel aller Funktionen im menschlichen Körper. „Bei den schweren Fällen kam es häufig zum respiratorischen Versagen“, schildert er. Die meisten dieser Patienten mussten beatmet werden, häufig sei es zu Organversagen gekommen. Der Altersdurchschnitt der 35 Todesopfer im Landkreis (Stand Anfang Oktober) habe bei rund 82 Jahren gelegen. „Da geht es auch viel um ethische Fragen“, sagt Bremer. „Zum Beispiel die Frage, wie lange man eine Intensivtherapie fortsetzt, zumal viele Patienten schwer vorerkrankt waren.“ Zum Glück habe man nicht so reagieren müssen, wie es in Nachbarländern – beispielsweise im Elsass – der Fall war, wo die Behandlungkapazitäten erschöpft waren. „Dort mussten die Kollegen ressourcenorientiert versorgen und haben Patienten teilweise nach Deutschland verlegt“, sagt Bremer. Erst einmal muss man die Krankheit und die Dimension dessen begreifen, was von einem verlangt wird. Dort stellten sich dann auch die Fragen, die ansonsten eher in der Theorie in Ethikoder Philosophiekursen diskutiert werden, die während der Hochphase der Pandemie im Frühjahr auch in Italien und New York bittere Realität wurden. Nämlich die Frage, wer die besten Überlebenschancen hat und damit bevorzugte Behandlung erhält. Stichwort: Triage. Fragen, die man sich am Schwarzwald-Baar Klinikum glücklicherweise nicht zu stellen brauchte. Wohl aber diejenige, wie man einer fast unkalkulierbaren Gefahr begegnet. Wie viele Menschen werden schwer an Covid-19 erkranken? Wie viele Erkrankte haben Infizierte bis zu ihrer eigenen Diagnose angesteckt? Kann das Klinikum einen Massenansturm von Patienten bewältigen? Und nach welchen Konzepten geht die Versorgung vonstatten? Situation ist beherrschbar geblieben „Ein großer Segen war, dass wir schnell damit begonnen haben, standardisierte Behandlungen nach vorab definierten Parametern vorzunehmen“, sagt Hinrich Bremer. So wurde etwa sechs Mal täglich die Sauerstoffsättigung der Patienten gemessen, um Veränderungen so schnell wie möglich zu bemerken. Standardisiert wurde auch der Aufnahmebogen. Ohne die Frage beantwortet zu haben, ob im Ernstfall eine Maximaltherapie erwünscht ist, konnte das Dokument gar nicht erst abgespeichert werden. Fragen, mit denen sich niemand gerne beschäftigen möchte. Doch das Virus hat viele ethisch-politische Fragestellungen aufgeworfen. „Da ist ja auch die politische Dimension und die Frage, was wir – am Beispiel von Todesfällen – bereit sind, zu akzeptieren“, sagt 70 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Um einen sicheren Umgang mit den Beatmungsgeräten zu garantieren, gab es am Schwarzwald-Baar Klinikum zahlreiche Schulungsangebote. Niemand käme auf die Idee, Autobahnen zu sperren, weil es tödliche Unfälle gibt. Zugleich hat man es über Jahrzehnte hingenommen, dass jedes Jahr Hunderttausende Tote auf das Konto der Tabakindustrie gingen. der Mediziner. „Niemand käme auf die Idee, Autobahnen zu sperren, weil es tödliche Unfälle gibt. Zugleich hat man es über Jahrzehnte hingenommen, dass jedes Jahr Hunderttausende Tote auf das Konto der Tabakindustrie gingen.“ Dass das neuartige Coronavirus die Welt derart in Atem halten könnte, habe er schon früh für möglich gehalten. „Noch im Januar habe ich einen Ärztekongress in Berlin besucht, auf dem ein angesehener Professor das Virus als ‚harmlos‘ einstufte. Ich war, ehrlich gesagt, angesichts der Bilder, die man aus Wuhan sah, damals schon skeptisch, ob es wirklich so harmlos ist.“ Hat der 50-Jährige selbst Angst vor Covid-19? „Ich sag’s mal so: Mein Testament habe ich nicht gemacht“, sagt Hinrich Bremer und lacht. Respekt, ja, der sei vorhanden, vor der Krankheit an sich, aber in erster Linie vor der Frage, ob die Situation beherrschbar ist und es auch bleibt. Dies sei gelungen, weil jedes Teammitglied den absoluten Willen gehabt habe, die Coronakrise so gut wie möglich zu meistern. Viel Pragmatismus und eine hohe Solidarität hätten jene Zeit geprägt. „Da wurde nichts von ‚oben‘ vorgegeben.“ Da gab es das Hilfsangebot eines Altenheims, das dem Klinikum seinen halben Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer 71

 

 

 

Jedes Teammitglied hatte den absoluten Willen, die Corona-Krise so gut wie möglich zu meistern. Bestand an Schutzkleidung spendierte, da gab es einen guten Freund von Hinrich Bremer, der in nur einer Nacht eine App programmierte, um die Rekrutierung von Fachkräften zu vereinfachen. Da gab es den schwer an Covid-19 erkrankten französischen Patienten, der Ende März von der französischen Luftrettung eingeflogen und Wochen später geheilt entlassen wurde. Und es gab Dankbarkeit von Menschen, die das Coronavirus beinahe das Leben gekostet hätte. „Wir haben im Nachgang viele sehr nette Briefe bekommen“, freut sich Dr. Bremer. Infektionsketten werden unterbunden Warum gelang es Italien nicht, die Pandemie einzudämmen, warum starben dort so viele Menschen? „Dazu haben viele Faktoren geführt“, sagt Hinrich Bremer. Ein Grund sei das höhere Durchschnittsalter der Menschen und die Tatsache, dass man anfangs nicht mit Corona gerechnet und dementsprechend auch nicht getestet und sich geschützt hatte. „Man darf auch nicht vergessen, dass wir in Deutschland vier Wochen Vorsprung hatten.“ In Ein großer Segen war, dass wir schnell damit begonnen haben, standardisierte Behandlungen nach vorab definierten Parametern vorzunehmen. Italien sei anfangs keine Teststruktur vorhanden gewesen. Zugleich gab es mit dem Fußballspiel Bergamo-Valencia am 19. Februar vor knapp 45.000 Fans einen regelrechten Brandbeschleuniger. Nach diesem Match, sagt Hinrich Bremer, „sind wahrscheinliche Hunderte mit dem Virus aus dem Stadion gegangen“. In Deutschland sei ein Vorteil die weitaus größere Zahl an Laboren, auch wenn deren Testkapazitäten zu Beginn der Coronakrise äußerst begrenzt gewesen seien. „Ganz am Anfang konnte nur die Charité in Berlin testen und es dauerte ganze drei Stunden, ein einziges Röhrchen auszuwerten.“ Mittlerweile werden bundesweit an jedem Tag Hunderttausende Test-Kits in den Laboren bearbeitet. Ein Zustand, 72 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Die französische Luftrettung brachte einen schwer an Corona erkrankten Patienten nach Donaueschingen. von dem man im Frühjahr weit entfernt war – auch in Italien, weshalb man dort anfangs keine Infektionsketten habe unterbinden können. Das gelingt mittlerweile in vielen Fällen, unter anderem dank der Kontaktdatenerfassung, etwa beim Schwimmbadoder Restaurantbesuch. Dennoch: Nach dem Ende der Sommerferien sind die Infektionszahlen bundesweit wieder angestiegen. Infizierte Reiserückkehrer einerseits, Leichtsinn angesichts der Lockerungen andererseits – die steigenden Zahlen beweisen im Spätsommer eindrücklich, dass dem Corona virus die Puste noch längst nicht ausgegangen ist. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist bis dahin mit einem blauen Auge davon gekommen. Ausblick auf die kalte Jahreszeit Wie wird’s im Winter? Wie geht man mit der Situation um, wenn man weiß, dass man vorneweg von November bis Ende März mit fünf kalten Monaten kalkulieren muss? Dass die Zahl der Infektionen angesichts sinkender Temperaturen und der Verlagerung vieler Aktivitäten in Maske und Abstand – das ist es! geschlossene Räume steigen wird, dürfte niemanden überraschen. Hinrich Bremer verweist auf Ostund Südostasien, wo die Menschen schon lange Mundschutz tragen – ganz ohne behördliche Anordnung. Wurden japanische Urlauber vor nicht allzu langer Zeit noch amüsiert beobachtet, wenn sie an europäischen Touristen-Hochburgen die Maske zückten, weiß man inzwischen auch hier: Das Stück Zellstoff wird in erster Linie nicht deshalb getragen, um sich selbst vor einer Ansteckung zu schützen, sondern aus Höflichkeit den Mitmenschen gegenüber. Genau diesem Zweck sollen auch die Alltagsmasken dienen, egal ob aus schicken Stoffen selbst genäht oder nüchtern-weiß im Zehnerpack aus der Drogerie. Oder wie der Pneumologe mit Blick auf die kalte Jahreszeit zusammenfasst: „Maske und Abstand – das ist es!“ Im Gespräch mit Dr. med. Hinrich Bremer 73

 

 

 

74 74 In der Fieber-Ambulanz, einer Tennishalle in VS-Schwenningen. Corona – Stenogramm einer Pandemie CORONA

 

 

 

Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh, Kreisbrandmeister Florian Vetter und dem Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortlichen für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arnold Schuhmacher WIE ORGANISIERT MAN DEN UMGANG MIT EINER PANDEMIE? von Roland Sprich und Wilfried Dold 75 CORONA

 

 

 

Die Corona-Pandemie versetzt im Jahr 2020 die Bevölkerung im Schwarzwald-BaarKreis in einen so nie gekannten Ausnahmezustand. Im Interview schildern Landrat Sven Hinterseh, Kreisbrandmeister Florian Vetter und der Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortliche für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-BaarKreis, Arnold Schuhmacher, wie die Behörden mit den Corona-Herausforderungen umgehen und welche Maßnahmen sie ergreifen, um die Bürger*innen im Landkreis bestmöglich zu schützen. Das am 29. September geführte Interview ist als Momentaufnahme zu sehen und berücksichtigt in seiner Fortschreibung die CoronaSituation bis zum 20. Oktober 2020. Danach musste die Drucklegung des Schwarzwald-Baar Jahrbuchs „Almanach“ erfolgen. Wie bereitet man sich auf einen so heimtückischen Gegner wie das Coronavirus vor? Landrat Sven Hinterseh: Als ein in Furtwangen tätiger Lehrer an Corona erkrankte, war sofort klar: Auch bei uns sind die Dämme gebrochen, uns erwarten schlimme Wochen. Als schließlich am 18. März der Lockdown verkündet wurde, befanden wir uns alle in einer so nie erwarteten und erlebten Situation. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass man ein ganzes Land in so kurzer Zeit praktisch komplett herunterfahren kann. Ihren traurigen Höhepunkt erreichten die Corona-Zahlen im Kreis dann Anfang April. Es gibt für solche Situationen keinen Fahrplan: Wir haben mit Altenpflegeheimen gesprochen, mit Kurkliniken – unseren eigenen Kliniken in Villingen-Schwenningen und Donaueschingen. Wir haben alle Reha-Einrichtungen zu Telefonkonferenzen eingeladen, um so alle denkbaren Eventualitäten und medizinischen Möglichkeiten abzuklären. Arnold Schuhmacher: Wir selbst verfügten ja über keinerlei Erfahrung, die man hätte heranziehen können. Wir bauten auf den Erfahrungswerten beispielsweise des Robert-Koch-Instituts und anderer Länder auf, um die Lage zu bewerten. Wir fragten uns: Was könnte kommen, wie bereiten wir uns vor und wie kann eine CoronaStrategie tatsächlich funktionieren? Frage, wie lässt es sich verhindern, dass das Schwarzwald-Baar Klinikum selbst vom Coronavirus heimgesucht oder überfordert wird? Wir haben Tag für Tag nach Krisenmodus Stabsbesprechungen abgehalten. Auf der Ebene der Kreisbrandmeister und Katastrophenschutzverantwortlichen hat dann ebenso ein Austausch zwischen den Landkreisen begonnen. Wie sehen Sie es in der Rückschau: War aus heutiger Sicht der am 18. März verkündete Lockdown gerechtfertigt? Sven Hinterseh: Ich glaube, in der Situation Mitte März, war es die richtige Entscheidung. Im Nachhinein kann man sagen, vielleicht hätte auch ein bisschen weniger gereicht, um die Krise in den Griff zu kriegen. Aber ich hätte nicht an der Stelle unserer Bundeskanzlerin oder der Ministerpräsidenten sein wollen. Die Wirkung war, dass die Infektionen Anfang April stark nach unten gingen – und das hat Entspannung gebracht. Im Krankenhaus, aber auch bei uns und im Gesundheitsamt. Deswegen konnte man gezielter arbeiten. Jetzt wissen wir, wir sind im Frühjahr gut durchgekommen. Und das, obwohl wir zu Beginn einen Mangel zu verwalten hatten: Es gab keine Schutzkleidung und keine Masken. Eine schwierige Zeit! Ein ganz großes Thema war von Anfang an die medizinische Versorgung. Vor allem die Florian Vetter: Wir mussten auch schauen, dass wir handlungsfähig bleiben. Eine Herausforde76 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

Im Gespräch zum Thema Corona, von links: der Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortliche für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arnold Schuhmacher, Landrat Sven Hinterseh und Kreisbrandmeister Florian Vetter. rung war zudem der Umgang mit neuen Medien: An Telefonund Videokonferenzen teilnehmen, das mussten viele von uns ganz schnell lernen. Aber es hat sich bewährt, wir konnten auf diesem Weg schnell Entscheidungen treffen. Arnold Schuhmacher: Ein Gesprächskreis, der sich zwischenzeitlich etabliert hat, ist die Telefonkonferenz mit der Ärzteschaft. Auch die Kassenärztliche Vereinigung beteiligt sich, die die Fieber-Ambulanz oder das Abstrich-Zentrum eingerichtet hat. Weiter sind Vertreter des Gesundheitsamtes mit dabei, des Klinikums, der Hausärzte und der Kinderärzte. Wir telefonieren nach wie vor jede Woche. Sie haben erwähnt, dass es zunächst keine Masken und keine Schutzausrüstung gab. Wie verhielt sich das genau? Arnold Schuhmacher: Das Land Baden-Württemberg ist relativ rasch in die Beschaffung eingetreten und hat uns Lieferungen zukommen lassen. Gleichzeitig trafen sehr viele Anfragen Heute sind wir bei der Bevorratung von Masken und Schutzausrüstungen relativ gut aufgestellt. von Altenund Pflegeheimen, Reha-Kliniken, Ergotherapeuten oder Sozialdiensten bei uns ein. All diese Einrichtungen haben von uns auch tatsächlich Schutzausrüstungen bekommen. Wir haben mit jeder Lieferung einen neuen Schlüssel ausgearbeitet und die Masken und Schutzkleidung dann auf die 20 Städte und Gemeinden verteilt. Die letzte größere Landeslieferung erreichte uns kurz vor der Sommerpause im Juli. Heute sind wir bei der Bevorratung von Masken und Schutzausrüstungen relativ gut aufgestellt. Florian Vetter: Die erste Lieferung habe ich noch selber mit ausgefahren – sie entsprach dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein. Wir haben sieben bis neun Paletten in der Woche bekommen. Bei der Verteilung unterstützWie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? 77

 

 

 

Von links: Florian Vetter, Arnold Schuhmacher und Landrat Sven Hinterseh. Wir wussten: Jetzt müssen wir zusammenstehen, nur das zählt. Und das hat auch wirklich gut funktioniert. ten uns beispielsweise auch Mitarbeiter der Straßenmeisterei. Es formierte sich sozusagen eine große Gemeinschaft. Wir wussten: Jetzt müssen wir zusammenstehen, nur das zählt. Und das hat auch wirklich gut funktioniert. Sven Hinterseh: Und was mich als Behördenchef besonders freute, war die Tatsache, dass die Mitarbeiter*innen allesamt mitgezogen haben. Wir hatten sowohl im Landratsamt als auch im Schwarzwald-Baar Klinikum einen niedrigen Krankenstand. Das zeigt, dass das Team funktionierte und dass alle wussten; jetzt kommt’s auf uns an! Und ja, ich hatte auch den Eindruck, dass die Bürger*innen gespürt haben, was wichtig ist. Im Rückblick möchte ich festhalten: Es hätte nicht besser laufen können. Florian Vetter: Das ist definitiv so. In der Runde der Kreisbrandmeister informierte der Leiter der Berufsfeuerwehr aus Freiburg über die Situation in Frankreich. Da haben wir uns gesagt, französische Verhältnisse könnten theoretisch auch bei uns kommen, diesen Gedanken müssen wir uns stellen. Gott sei Dank sind wir von derlei Ereignissen verschont geblieben. Wie haben die Einsatzkräfte im SchwarzwaldBaar-Kreis diese schwierigen Tage erlebt? Florian Vetter: Es war ja der ganze Katastrophenschutz betroffen. Wir müssen einsatzfähig bleiben für unser tägliches Geschäft, die Brandbekämpfung. Aber ebenso für die Versorgung unserer Bürger*innen. Die Übungsdienste sind komplett ausgefallen – es gab nur den Einsatzfall. Und dazu viele Vorschriften, etwa, wann welche Schutzausrüstung zu tragen ist, wenn es zu einem Corona-Fall kommt. Der Übungsdienst ist heute noch eingeschränkt. Bis zu zehn Leute können gemeinsam proben, das funktioniert. Die Feuerwehren haben sich darauf eingestellt. Es war uns weiter wichtig, Hygienekonzepte zu entwickeln. Auch die Jugendlichen haben durch Corona ein völlig neues Leben erfahren, sei es schulisch oder in der Freizeit. Wir haben Treffen veranstaltet mit den Kommandanten, um zu besprechen, wie es mit der Jugendarbeit weitergehen kann. Es ist erstaunlich: Bisher gab es keine OnlineKurse an der Landesfeuerwehrschule. Wir hin78 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

die Infektionszahlen zu senken? Und fragen uns: Wäre das in so einem Fall auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis ein Lösungsansatz? Sven Hinterseh: Die Verhältnismäßigkeit ist enorm wichtig. Wir haben Grundrechtseinschränkungen erlebt, die temporär aufgrund dieser historischen Situation vertretbar und geboten waren, aber in dieser Dimension meines Erachtens sicher nicht mehr akzeptabel wären. Sollte es lokale Ausbrüche geben, dann sollte man auch sehr lokal reagieren können. Haben Sie den Eindruck, dass die Leute sich noch an die Vorschriften halten? Sind sie noch diszipliniert – oder lässt das schon etwas nach? Florian Vetter: Jeder ist in seiner eigenen Verantwortung gefragt. Früher hat man es belächelt, dass in Asien viele Menschen wie selbstverständlich mit Masken herumlaufen. Mittlerweile gehört die Maske auch bei uns fast schon dazu. Sie ist ein Gebot der Höflichkeit. Sven Hinterseh: Ich glaube schon, dass sich die Mehrzahl an die Regeln hält. Das ist meine Wahrnehmung. gegen haben einen Onlinekurs angeboten, der 1.000 Teilnehmer vorweisen kann. Ob Feuerwehr, Sanitätseinheiten, Katastrophenschutz oder THW: Es sind alle sehr diszipliniert. Das ist die Stärke dieser Einheiten, sie sind es gewohnt, Herausforderungen zu bewältigen. Wir müssen uns diesen neuen Rahmenbedingungen einfach stellen. Wie bewerten Sie den Verlauf der Pandemie in der Momentaufnahme – noch ist sie ja nicht vorbei? Landrat Sven Hinterseh: Als ein furchtbares Ereignis, das so vielen Menschen enormes Leid brachte. Viele, die infiziert waren, durchlebten glücklicherweise einen recht glimpflichen Krankheitsverlauf – aber einige leider einen schweren oder gar tödlichen. Vor allem auch wirtschaftlich sind die Einschläge ganz erheblich. Es ist offensichtlich, dass die Pandemie nicht überstanden ist und ich fürchte, dass wir noch einige wirtschaftliche Einschläge erfahren werden. Das betrübt uns natürlich. Was die rein organisatorische Seite der Pan demiebekämpfung anbelangt, will ich festhalten: Es hat alles gut funktioniert und wird weiter gut funktionieren! Damit meine ich nicht nur den Katastrophenschutz. Das gesamte Landratsamt hat bewiesen, dass wir in der Krise leistungsfähig sind. Auch was die Digitalisierung betrifft. Die Corona-Pandemie hat diesbezüglich einen weiteren Schub gegeben. Wir waren schon bislang nicht schlecht aufgestellt, aber jetzt sind wir um einiges besser geworden. Vieles, was wir mittlerweile als normal ansehen – beispielsweise Hybridveranstaltungen, bei denen sich Personen via Video einem Gespräch zuschalten – wäre vorher undenkbar gewesen. Arnold Schuhmacher: Wir schauen natürlich, welche Entscheidungen trifft eine andere Verwaltung, um beispielsweise in einem Hotspot Kreisbrandmeister Florian Vetter Wie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? 79

 

 

 

Müssen Sie sich bezüglich der PandemieBekämpfung auf die kalte Jahreszeit speziell vorbereiten? Sven Hinterseh: Die Experten gingen davon aus, dass die Zahlen steigen werden, weil die Menschen sich mehr in geschlossenen Räumen aufhalten. Anfang Oktober haben wir das ja exakt auch so erlebt. Im Schwarzwald-Baar-Kreis hatten wir mehr Fälle als je zuvor: Am Donnerstag, 15. Oktober, hat der Schwarzwald-Baar-Kreis den Grenzwert der Sieben-Tage-Quote von 50 auf 100.000 Einwohner (Inzidenz) überschritten und lag bei einer 7-Tages-Inzidenz von 56 pro 100.000 Einwohnern. Das bedeutet beispielsweise, dass Feiern mit mehr als zehn Personen nicht mehr möglich sind. Wir alle sind unter derlei Vorzeichen mehr denn je aufgefordert, zu überlegen, ob man sich einfach mehr an der frischen Luft aufhalten sollte, weil es dort weniger gefährlich ist als in geschlossenen Räumen. Da müssen sich beispielsweise Geburtstagskinder überlegen, ob sie auch mal bei einer Wandergaststätte draußen mit einem Glühwein in der Hand und Stockbrot feiern können – und nicht beim Käseraclette drinnen, wo alle eng zusammensitzen. Ich meine das ernst. Ich glaube das Gebot dieses Winters wird sein: Nicht zu viele Menschen in geschlossenen Räumen bei stickiger Luft. Ich kenne privat viele Fastnachter, die alle sehr vernünftig und sehr pflichtbewusst sind. Sven Hinterseh: Ich kenne privat viele Fastnachter, die alle sehr vernünftig und sehr pflichtbewusst sind. Da entstehen derzeit viele neue Ideen. Unter anderem überlegen sich manche Vereine beispielsweise Digitalmodelle. Da die Zahlen wieder deutlich steigen: Wie verhält es sich aktuell mit der Beschaffung von Schutzmasken? Arnold Schuhmacher: Parallel zu den Lieferungen, die das Land Baden-Württemberg dem Landkreis hat zukommen lassen, haben wir auch für die Verwaltung intern Masken beschafft. Und Besucher, die keine Schutzmaske besaßen, konnten bei uns eine erwerben. Wir haben weiter Schutzkittel besorgt und versucht, auf dem uns unbekannten Markt, zu einem günstigen Preis eine gute Qualität zu finden. Ich darf feststellen: Wir sind mit moderaten Mitteln gut zurecht gekommen. Es wurden mittlerweile alle Einrichtungen und Institutionen dazu verpflichtet, einen Vorrat für mindestens zwei Monate anzulegen. Auf der anderen Seite wurden die ganzen Weihnachtsmärkte abgesagt. Die wären ja im Freien und somit dann möglich? Eine wichtige Rolle spielt weiter die CoronaAmbulanz… Sven Hinterseh: Es verhält sich mit den Weihnachtsmärkten wie mit der Fasnet. Da ist man oft eng miteinander und es ist schwierig, die gebotene Distanz einzuhalten. Der Staat kann nicht alles regeln. Wir sind als mündige Bürger aufgefordert, auf uns und auf andere zu achten. Zum Stichwort „Fastnacht“. Gibt es seitens des Katastrophenschutzes oder Verwaltungsstabes bereits Ideen oder Vorkehrungen für die fünfte Jahreszeit? Arnold Schuhmacher: Es hat viel Energie, Kreativität, Zeit und Überlegungen erfordert, die Corona-Ambulanz auf dem Messegelände in VS-Schwenningen aufzubauen. Sie ging dann sogar einen Tag früher als geplant in Betrieb, da das Schwarzwald-Baar Klinikum den großen Ansturm nicht mehr stemmen konnte. Sowohl was die Corona Ambulanz in der Messehalle D angeht als auch später jene in der Tennishalle oder im leerstehenden Schulgebäude auf der Hallerhöhe: Hierbei haben wir unwahrscheinlich viel Unterstützung aus dem Ehrenamt bekommen – 80 Corona – Stenogramm einer Pandemie

 

 

 

aus der Feuerwehr, dem THW, dem Roten Kreuz und der DLRG. All diese Einrichtungen haben uns sehr geholfen und uns unterstützt, wo es nur ging. Sven Hinterseh: Und wir haben dabei nicht nach Zuständigkeiten gefragt, sondern die Dinge einfach umgesetzt. Auch die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Ärzten war wirklich sehr gut. Arnold Schumacher und Florian Vetter haben ein sehr gutes Netzwerk in unsere kreisweiten ehrenamtlichen Strukturen hinein. „In der Krise muss man Köpfe kennen“, das ist so ein Leitspruch. Und diesbezüglich waren und sind wir sehr gut aufgestellt, das hat sich absolut bewährt. Es musste ja auch eine besonders intensive und umfassende Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden… Arnold Schuhmacher: Auf die Bedeutung einer guten Pressearbeit muss ich besonders hinweisen – bis hin zu unseren Aktivitäten im Bereich von Social Media. Da ist Heike Frank als Leiterin dieses Bereichs vorbildlich tätig. Es geht auch darum, Verhaltensweisen immer wieder neu zu vermitteln. Bis hin zu grundsätzlichen Informationen wie: Wo befindet sich die Corona-Fieberambulanz, wann hat sie geöffnet, wie funktioniert dort die Behandlung und wer darf kommen? Das alles muss ja sehr präzise abgestimmt werden. Florian Vetter: Auf jeden Fall ist eine umfassende Pressearbeit von großer Bedeutung. Man muss diese schwierigen Themen der Bevölkerung verständlich kommunizieren. Um zum Schluss zu kommen: Corona und die Folgen – wie finden wir in der Zeit nach dieser Krise in die Normalität zurück? Der Leiter des Ordnungsamtes und Verantwortliche für den Brandund Katastrophenschutz im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arnold Schuhmacher. der Politik. Es wurden die letzten Jahrzehnte Dinge vernachlässigt, weil man sie nicht für notwendig erachtet hat. Vielleicht findet nun in mancherlei Hinsicht ein Umdenken statt. Florian Vetter: Es waren jetzt schon viele Feste im privaten Bereich, die aufgrund der Pandemie anders stattfinden mussten. Es ist für uns alle ausgesprochen schwierig, mit dieser Situation klarzukommen. Beispielsweise wenn ein Brautpaar völlig alleine im Standesamt steht… Ich bin gespannt, wie sich unser Leben nach Corona gestalten wird und kenne die Antwort nicht. Sven Hinterseh: Corona wird uns noch lange begleiten. Und wer weiß – vielleicht wird es kulturell irgendwann ganz verschwinden, jemandem die Hand zu geben oder in den Arm zu nehmen. Mir persönlich fehlt das. Mir persönlich hat es immer etwas gegeben, jemanden die Hand zu schütteln oder einen Freund in den Arm zu nehmen. Ich akzeptiere dieses andere Verhalten im Augenblick, aber ich glaube, dass das kulturell etwas mit uns macht. Arnold Schuhmacher: Ich glaube, dass für die Zeit danach Lehren gezogen werden – auch in Das Interview führten Roland Sprich und Wilfried Dold Wie organisiert man den Umgang mit einer Pandemie? 81

 

 

 

DIE ENTWICKLUNG DES RADWEGENETZES IM SCHWARZWALDBAAR-KREIS von Simone Neß Im Schwarzwald und auf der Baar wird das Fahrrad in Zeiten von Klimaschutz, E-Mobilität und ebenso vor dem Corona-Hintergrund immer beliebter. Der Landkreis selbst trägt dieser Entwicklung mit immer mehr und immer besser ausgebauten Radwegen entsprechend Rechnung. Im Quellenland kann der Radfahrer nicht nur einige Höhenmeter zurücklegen, so im Schwarzwald, sondern auch gemütlich an Neckar und Donau entlang radeln. Die gute Infrastruktur mit einer weitläufigen Beschilderung sowie die idyllische Landschaft locken auch viele Touristen in den Kreis und auf das Fahrrad. Vor allem auf das boomende E-Bike. 82 82 3. Kapitel – Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

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Die landschaftliche und städtische Vielfalt ist im Schwarzwald-BaarKreis enorm. Auf einer Fläche von 42.000 Quadratkilometern gibt es einiges zu entdecken. Um das Quellenland wirklich hautnah erleben zu können, ist eine Radtour eine der besten Möglichkeiten. Hierfür legte der Schwarzwald-Baar-Kreis bereits vor über zehn Jahren den Grundstein, um mit dem Rad die Region zu erkunden. Ob Stöcklewaldturm, Neckarursprung, die historische Innenstadt Villingens oder der Magdalenenberg – der SchwarzwaldBaar-Kreis hat einiges zu bieten. Projekt „RadParadies Schwarzwald und Alb“ Im Bereich Tourismus nahm alles ab 2009 seinen Lauf. Der Schwarzwald-Baar-Kreis erkannte das Fahrrad als wichtige Alternative zu herkömmlichen Fortbewegungsmitteln. In Kooperation mit dem Landkreis Rottweil wurde das Projekt „RadParadies Schwarzwald und Alb“ in die Wege geleitet. Das Projekt beinhaltet die Beschilderung von 30 Radrundtouren mit unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad auf einer Strecke von insgesamt 1.150 Kilometern. Eine vergleichbare Beschilderung wie die des RadParadieses gab es zuvor nur von Seiten einzelner Kommunen. Einige Radwege in den großen Kreisstädten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen waren beispielsweise schon beschildert. Vorbei an den schönsten Orten in der Region verlaufen sowohl die Touren für Freizeitradler als auch für Sportbegeisterte. Etwa ein Drittel der Touren ist leicht, fünf haben es richtig in sich. Die 30 Radtouren werden in drei Tourenbroschüren vorgestellt, die kostenlos in den Tourist-Infor6 2 9 4 9 / 2 7 5 7 0 g n i t l u s n o C o C r a M RADROUTEN RAD + WANDERPARADIES L a n d k r e i s e R o t t w e i l & S c h w a r z w a l d B a a r K r e i s Tourenbroschüre mit 10 ausgewählten Radtouren im RAD+WANDERPARADIES Schwarzwald und Alb 10 Radrundtouren Leicht: 4 6 13 17 19 21 24 Mittel: 9 10 16 Band 3 Nicht nur in der Freizeitgestaltung, sondern insbesondere im Alltag hat das Rad einen immer größer werdenden Stellenwert. mationen zu erhalten sind. Anfangs konnten die Broschüreninhalte in Form eines Tourenbuchs erworben werden, doch die Nachfrage boomte. Der Hype um das Fahrrad wurde immer größer, die Radwege von Jahr zu Jahr beliebter. Mittlerweile werden jährlich etwa 10.000 Broschüren nachgedruckt und entsprechend aufbereitet. Der Schwarzwald-Baar-Kreis punktet mit einer eindrucksvollen Landschaft, charmanten Städten und einer beeindruckenden Topographie. Die höchste Erhebung des Kreises liegt 1.164 Meter über dem Meeresspiegel südlich des Rohrhardsbergs in der Nähe des Griesbacher Ecks. Der tiefste Punkt mit 472 Metern liegt an der Gutach zwischen Triberg und Hornbach. Damit kommt man auf eine Höhenmeterdifferenz von 692 Metern, die sich mit dem Rad teilweise nur schwer bewältigen lässt. Angesichts der Topographie spielen Elektrofahrräder in der Region eine wichtige Rolle, insbesondere auch vor dem Hintergrund des Klimawandels und der zunehmend präsenter werdenden E-Mobilitätsbranche. Darum organisierte das Quellenland in Kooperation mit dem Landkreis Rottweil den Fahrradverleih von elektrischen Zweirädern und etablierte zahlreiche Ladestellen. Mittlerweile gibt es im RadParadies 20 Verleihstationen und E-Tankstellen für die Fahrradfahrer. Aus der Organisation des Fahrradverleihs hat sich der Landkreis aufgrund der stark gestiegenen Verkaufszahlen für Pedelecs mittlerweile ausgeklinkt. Dennoch bieten weiterhin zahlreiche Kommunen, beispielsweise Villingen-Schwenningen und Königsfeld, den Verleih von E-Fahrrädern an. Die Tourenbroschüren vom „RadParadies Schwarzwald und Alb“ erfreuen sich großer Beliebtheit. www.rad-und-wanderparadies.de 84 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Straßenbauamt federführend bei der Erstellung des Radwegekonzepts Die touristischen Radwege sind allerdings nur ein kleiner Teil des Gesamtnetzes, zu dem auch die Alltagsrouten und Fernradwege gehören. Nicht nur in der Freizeitgestaltung, sondern insbesondere im Alltag hat das Rad einen immer größer werdenden Stellenwert. Nachdem die benachbarten Landkreise Waldshut und Breisgau-Hochschwarzwald bereits die Vereinheitlichung der Beschilderung für Radwege, insbesondere auch für die Fernradwege, umgesetzt hatten, zog auch der Schwarzwald-BaarKreis nach, um die Beschilderung in der Region fortzusetzen. Im Vorfeld zu dem neuen Wegweisungskonzept wurde ein Radverkehrsplan erstellt, in dem im Wesentlichen der Radwegebau eine Rolle spielte. Federführend bei der Erstellung des Radwegekonzepts waren das Straßenbauamt, der Bereich Tourismus und Wirtschaftsförderung im Landrats amt und das Straßenverkehrsamt. Aber auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) brachte sich mit seinen Erfahrungen ein. Der Kreis zog außerdem externe Planungshilfe durch die Firma Radverkehr-Konzept aus Frankfurt hinzu. Handlungsvorschläge der Bürger in Planung mit aufgenommen Darüber hinaus hatten auch die Bürger aus dem Kreis die Möglichkeit, sich diesbezüglich einzubringen. Mittels einer Bürgerbeteiligung über Einen Radverkehrskonzept gab es bereits in der Vergangenheit, doch das damalige Konzept war lange nicht so umfassend wie das des Plans, der 2013 erarbeitet wurde. Hintergrund für die Erstellung eines solchen Plans war auch eine Richtlinie des Landes Baden-Württemberg vom 1. Juni 2012, in der das Land Zuwendungen für den Ausbau von Radverkehrsanlagen zusicherte. Auch Sven Hinterseh hatte im Anschluss an seine Wahl zum Landrat im Jahr 2012 den Wunsch geäußert, im Thema „Radverkehr“ aktiver zu werden. Bis dato war der Bau von Radwegen eher zufällig, das Vorgehen unkoordiniert, Radwege in den Kommunen entstanden oft nur auf Zuruf. In den vergangenen Jahren wurden sämtliche Radwege im Landkreis mit großem Aufwand einheitlich beschildert. 85 65StandortNaturpark SüdschwarzwaldDer Südschwarzwald ist eine der schönsten Erholungsgebiete Deutschlands. Aussichtsreiche Berge, urige Bauernhöfe, blühende Wiesen, dichte Wälder eine einzigartige Mischung aus Natur und Kultur, aus Tradition und Moderne.Der Naturpark Südschwarzwald ist Garant für den Schu� und die nachhaltige Entwicklung der Region und dafür, dass alle diese besondere Naturund Kulturlandschaft erleben können. Ob Wandern, Radfahren, Langlaufen, Schneeschuhwandern, Erlebniswandern oder regionale Produkte genießen seien Sie uns im Naturpark Südschwarzwald willkommen!Naturpark Südschwarzwald, Haus der Natur, Dr.-Pilet-Spur 4, 79868 Feldberg www.naturpark-suedschwarzwald.de Weitere Radtouren und -wege RadParadies Schwarzwald und Alb: Auf 30 Radrundrouten werden Sie weg von den viel befahrenen Strecken durch die schönsten Landschaften der Region geführt. www.rad-paradies.deSchwarzwaldPanorama-RadwegQuellregion Donau: Die Städte Donaueschingen, Hüfingen und Bräunlingen laden auf 9 ausgeschilderten Radrouten zu unbeschwertem Freizeitspaß und kulturellen Erlebnissen ein. www.quellregion-donau.deLandesradfernwege: Durch das Quellenland Schwarzwald-Baar-Kreis verlaufen vier Landesradfernwege. Neben den Flussradwegen Neckartal-Radweg und Donau-Radweg sind dies der Schwarzwald Panorama-Radweg und der Heidelberg-Schwarzwald-Bodensee-Weg.Radverkehrsnetz Schwarzwald-Baar-Kreis KnotenpunktsystemDas Knotenpunktsystem▪ Individuelle Zusammenstellung von Fahrradtouren▪ Ziele, Streckenlänge und Landschaft können frei gewählt werden▪ Knotenpunkte in gewünschter Reihenfolge notieren▪ Nummern auf den Fahrradwegweisern folgen▪ Ausgewiesen werden immer die nächsten NachbarknotenQualitätssicherung Ihre Mithilfe erwünscht!▪ Der Schwarzwald-Baar-Kreis verfügt über ein ausgeschildertes iiRadverkehrsne� von 1.100 Kilometern Länge▪ Die Fahrradwegweisung wird jährlich geprüft und Fehler behoben▪ Helfen Sie bei der Qualitätssicherung: QR-Code am Wegweiser scannen und Mängelmeldung versenden Dieses Projekt wurde gefördert durch den Naturpark Südschwarzwald mit Mi�eln des Landes Baden-Wür�emberg, der Lo�erie Glücksspirale und der Europäischen Union (ELER).Teil des Projekts:Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums: Hier investiert Europa in die ländlichen Gebiete.

 

 

 

Bei der Eröffnung des Knotenpunktsystem der Fahrradwegweisung im Schwarzwald-Baar-Kreis am 05.07.2019 in Tuningen, von links: Landrat Sven Hinterseh, Regina Melch, Naturpark Südschwarzwald, Ralf Pahlow, Bürgermeister Tuningen und Siegfried Heinzmann, ehem. Kreisrat. das Internet war es möglich, das Amt darüber zu informieren, an welchen Orten Radwege noch gebaut werden müssen. Die Plattform, die im Juli 2013 freigeschalten wurde, war drei Monate lang aktiv. Insgesamt gingen 236 Meldungen von 150 Bürgern ein, die auch Positives zu dem bereits bestehenden Radverkehrskonzept rückmeldeten. Das bestehende Radverkehrsnetz konnte durch Befahrung erfasst werden. Als Ergebnis wurde ein Plan für ein Radverkehrsnetz für den kompletten Schwarzwald-Baar-Kreis entwickelt, der außerdem Vorschläge beinhaltet, Lücken im Radwegenetz zu schließen und Verbesserungsmaßnahmen in einem mittelfristigen Bauprogramm vorzunehmen. Die Ergebnisse der umfangreichen Arbeit wurden ausgewertet und im Kreistag priorisiert, um daraufhin einen Kosten-Nutzen-Plan zu erstellen. Auch die Handlungsvorschläge der Bürger wurden in die Planung mit aufgenommen. Letztendlich galt: Je höher der Nutzeffekt und je geringer in der Relation die Investition, umso weiter vorne die Maßnahme in einer großen Maßnahmenliste. Der Radverkehrsplan betrachtet dabei vor allem außerörtliche Radwege entlang klassifizierter Straßen. Ziel ist es, kurze, sichere Wege entlang dieser Straßen zu errichten. 2014 wurde der Radverkehrsplan im Kreistag genehmigt. Seitdem dient das Konzept als Grundlage für die Planung verschiedenster Bauprojekte und ist gleichzeitig eine wichtige Rücksicherung für Fördermittel. Weitere Projekte in Planung und Vorbereitung Mittlerweile hat sich schon einiges getan. Im Zeitraum von 2015 bis 2020 konnten die ersten Radwege gebaut werden. Dabei wurden 6,54 km Radweg an Kreisstraßen vom Landkreis, gemeinsam mit den Kommunen gebaut, wofür Kosten in Höhe von 1.388.000 Euro anfielen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis erhielt dafür Fördermittel in Höhe von 743.000 Euro. Der Radwegebau ist allerdings noch lange nicht abgeschlossen. In den kommenden fünf Jahren sollen die nächsten Baustellen in Angriff genommen werden. Gemeinsam mit den Städten und Gemeinden wird versucht, sukzessiv die Maßnahmen im Radverkehrsplan umzusetzen. 86 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Einige Projekte sind bereits in Planung und Vorbereitung. Darunter beispielsweise ein Radweg an der K 5705 zwischen Bad Dürrheim und Biesingen, der etwa eine Länge von 2,17 Kilometern umfasst. Außerdem soll ein Radweg zwischen St. Georgen und Hardt entstehen mit einer Länge von 4,5 Kilometern. Das Großbauprojekt ist eine interkommunale Maßnahme mit dem Nachbarlandkreis Rottweil und wird zusammen mit dem vorgesehenen Straßenausbau einige Jahre bis zur Fertigstellung dauern. Bei Genehmigung werden auch hier Fördermittel in beachtlicher Höhe erwartet. Neben dem Bau von über sechs Kilometern Radweg konnte in den vergangenen Jahren in einem enormen Kraftakt auch eine einheitliche Beschilderung in die Wege geleitet werden. Die kommunalen Radwege wurden überarbeitet und die touristischen Radwege in die Beschilderung mit aufgenommen. 2018 wurde das Projekt abgeschlossen. Im darauffolgenden Frühjahr fand die Schlussabnahme statt. Das Radwegenetz von etwa 1.100 Kilometern wurde abgefahren, um jeden Schilderstandort zu überprüfen. Das soll auch in Zukunft regelmäßig stattfinden, um so die Qualität der Infrastruktur zu sichern. Auch die Fahrradfahrer können zur Instandhaltung beitragen. Denn an jedem Wegweiser ist ein QR-Code angebracht, über den man Mängel an der Infrastruktur melden kann. Im Zuge des neuen Wegweisungskonzepts wurden über 3000 Schilder an fast 500 Standorten in der Region angebracht. Knotenpunktsystem als Pilotprojekt Doch die umfangreiche Beschilderung und der Bau zahlreicher Radwege ist nicht alles, was sich in den vergangenen Jahren im SchwarzwaldBaar-Kreis getan hat. Als erster Flächenlandkreis setzte der Schwarzwald-Baar-Kreis das Knotenpunktsystem als Pilotprojekt um. Das System, das insgesamt 70 Knotenpunkte und 1.700 Zusatzplaketten beinhaltet, soll Radfahrern ermöglichen, ihre Touren individuell zusammenzustellen. Orientiert hat sich der Landkreis dabei an einem Projekt aus unserem niederländischen Nachbarland. Das Ziel der Tour, die Als erster Flächenlandkreis setzte der Schwarzwald-Baar-Kreis das Knotenpunktsystem als Pilotprojekt um. Streckenlänge und die Landschaft können durch das neue System selbst bestimmt werden. Dafür müssen Radfahrer lediglich die Knotenpunkte in gewünschter Reihenfolge notieren und den Nummern auf den Fahrradwegweisern folgen. Auf den Wegweisern werden immer die nächsten Nachbarknoten mittels eines blauen Schilds mit einer weißen Nummer ausgewiesen. Mit Hilfe von QR-Codes an den Knotenpunktstangen kann die Karte direkt auf das mobile Telefon geholt werden. So erhält der Radfahrer vor Ort eine Übersicht über das komplette Radwegenetz. Die Radwegebeschilderung kostete den Landkreis insgesamt 381.000 Euro, wovon 162.000 Euro gefördert wurden. An Visionen mangelt es dem SchwarzwaldBaar-Kreis auf jeden Fall nicht. Denn auch in Zukunft können sich die vielen Radfahrbegeisterten auf zahlreiche Neuerungen freuen. Die vorhandenen Radwege sollen gesichert und in Stand gehalten werden, der Bau neuer Wege ist schon geplant. Auch der zielgruppenspezifische Ausbau der Infrastruktur, beispielsweise speziell für Mountainbikefahrer, genauso wie die Entschärfung von Nutzungskonflikten auf den Radwegen, ist nach wie vor ein Thema. Denn die Nachfrage ist groß, das Potenzial weiterhin da. Gleichzeitig arbeitet der Landkreis an einem Hüttenkonzept, um den Radfahrern möglichst viele Einkehrmöglichkeiten am Wegesrand ihrer Routen anbieten zu können. Und auch die Realisierung von Selbstbedienungsautomaten steht noch auf der To-Do-Liste des Quellenlands. Denn letztendlich ist das Gesamtpaket entscheidend. Die Infrastruktur mit einer guten Beschilderung sowie die atemberaubende Landschaft sind hierfür schon mal ein guter Anfang. Die Nachfrage bestätigt schließlich das Angebot, weshalb der Landkreis auch in Zukunft das Radfahren fördern wird und so vielen Radfahrbegeisterten ermöglicht, die Region kennenzulernen. Die Entwicklung des Radwegenetzes im Schwarzwald-Baar-Kreis 87

 

 

 

88 88 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Brigach und Breg bringen die Donau zuweg VOM ZUSAMMENFLUSS AN DIE QUELLE DER BRIGACH Kaiser Wilhelm, Jacques-Yves Cousteau und Claudio Magris waren hier, um drei von zahlreichen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte zu nennen, die an der historischen Donauquelle in Donaueschingen vom Geländer des Quelltopfes aus zur Mutter Baar hinaufblickten. Die Skulptur weist der jungen Donau beim Schloss der Fürsten zu Fürstenberg symbolisch den Weg nach Osten – mich und eine von der Donau begeisterte Begleiterin hingegen zieht es nach Westen: Wir machen uns vom Zusammenfluss aus auf den Weg zur Brigachquelle beim Hirzbauernhof im St. Georgener Ortsteil Brigach. Was sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen lässt: Die Quellentour öffnet zugleich ein Tor in die geheimnisvolle Welt der Kelten, die im Landkreis vielfache Spuren hinterlassen haben. xyz Bestaunt von Besuchern aus aller Welt – die Mutter Baar zeigt der jungen Donau den Weg. 89

 

 

 

Der 31. Juli 2020 präsentiert sich als strahlender Sommertag. „Es ist fast zu heiß um Rad zu fahren“, schmunzelt meine Begleiterin aus dem Wiesental. Weit über 30 Grad sind für diesen Freitag vorhergesagt. Doch wer wie Sylvia als Donau-Begeisterte eigens in den SchwarzwaldBaar-Kreis reist, um vom Zusammenfluss aus auf dem E-Bike mit der Brigach einen der beiden Quellflüsse der Donau zu erkunden, den schrecken hochsommerliche Temperaturen nicht ab. Wo sich Brigach und Breg vereinen, gehört die Donau-Geburt in der gewohnten Form der Vergangenheit an: Am Zusammenfluss wird an diesem Freitag an gleich zwei Orten gebaggert Die Brigach fließt mitten durch Donaueschingen. Vorne links die Fürstenberg-Brauerei, dahinter die Stadtkirche St. Johann, in deren Rücken sich das Schloss der Fürsten zu Fürstenberg und die historische Donauquelle befinden. und Traktoren fahren im Fünf-Minuten-Takt hängerweise frisch ausgehobenes Erdreich von der Baustelle. Die Verlegung des Donaubeginns um ca. 300 Meter flussaufwärts ist erst wenige Wochen in Gang, doch die Erdbewegungen lassen schon jetzt das enorme Ausmaß des 90 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Vorhabens erkennen: Es handelt sich um eines der aktuell größten Renaturierungs projekte in Baden-Württemberg. Das Land investiert vier Millionen Euro in einen Auenpark, der dem Donaubeginn seine Würde zurückgibt und ihn als Wasserwelt erlebbar macht. Ein wesentlicher Aspekt ist dabei außerdem, die Breg optisch nicht länger als „Nebengewässer“ der Brigach zu präsentieren. Schließlich lernt in Baden-Württemberg jedes Kind schon in der Schule: „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg!“ Und eben nicht überwiegend die Brigach, wie es der bisherige Zusammenfluss suggeriert hat. Das gewohnte Bild des Zusammenflusses von Brigach und Breg zur Donau gehört der Vergangenheit an. Gegenwärtig entsteht dort ein Auenpark. Es handelt sich dabei um das aktuell größte Renaturierungsprojekt in Baden-Württemberg. An der historischen Donauquelle Auf die Baustellenbesichtigung folgen die ersten eineinhalb Kilometer auf dem Rad, es geht an der Brigach entlang zur historischen Donauquelle beim Schloss der Fürsten zu Fürstenberg. Auf dem Grund des symbolischen Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 91

 

 

 

Von links: Quelltopf der historischen Donauquelle, Mutter Baar zeigt der jungen Donau den Weg, Donaurelief beim Brigachufer am Diana-Brunnen und die Schützenbrücke,ein viel besuchter Ort an der Brigach. Quelltopfs funkelt in der Morgensonne ein wahrer Münzschatz. „Es bringt Glück, in eine Quelle ein Geldstück hineinzuwerfen“, gebe ich mich überzeugt. Wohl wissend, dass Jahr für Jahr die Mitarbeiter des Donau eschinger Bauhofes die Münzen im Quelltopf bei den obligatorischen Reinigungsarbeiten wieder einsammeln, opfere ich ein 20-Cent-Stück. Sylvia zeigt sich von der 1896 entstandenen Skulpturengruppe des Vöhrenbacher Bildhauers Prof. Adolf Heer beeindruckt. Die Mutter Baar weist hier ihrer Tochter, der jungen Donau, den Weg in Richtung Osten. Dort mündet der zweitgrößte Fluss des Abendlandes nach einer 2.875 Kilometer langen Reise ins Schwarze Meer. Auf ihrem Weg ins Biosphärenreservat Donaudelta, des zweitgrößten Deltas in Europa, verbindet die Donau zehn Länder. Das Heer an Radfahrern ist unübersehbar Die Ferienzeit belebt Donaueschingen spürbar, trotz Corona-Pandemie versammeln sich an der hervorragend inszenierten historischen Donauquelle Besucher aus mehreren Ländern: Familien, junge Paare – viele Ruheständler. Unübersehbar ist das Heer an Radfahrern. Sie sind nicht wie wir zu einem Donau-Quellfluss unterwegs, sondern starten am Lammplatz beim DianaBrunnen auf den 2.700 Kilometer langen Donau-Radwanderweg, der dort offiziell beginnt. Wir steigen die Treppenanlage zum Platz bei der Stadtkirche hinauf. Von dort aus lässt sich die historische Donauquelle aus ungewohnter Perspektive studieren. „Noch 1.260 Kilometer bis Budapest“, ulkt ein Mann in rotem Raddress. Er gehört zu einer sechsköpfigen Gruppe junger Menschen mit üppig bepackten Rädern. Ein Selfie mit Donauquelle, dann radelt einer nach dem anderen davon. Trotz Corona wäre Budapest mit Blick auf die derzeit offenen Grenzen sogar erreichbar – doch wer im Sommer 2020 auf den Donauradweg startet, ist pandemiebedingt fast ausschließlich auf die deutsche Donaustrecke fokussiert. Donaueschingen hat „Fürstenflair“ – der fürstliche Prunk ist im Stadtbild bis heute präsent. Allerdings befinden sich etliche der Bauten nicht mehr in „fürstlichem“, sondern in „bürgerlichem“ Privatbesitz. Wie es sich in den stilvollen Häusern mit ihren hohen Räumen wohl lebt? Wir schieben unsere Räder an der Stadtkirche St. Johann vorbei zum Dianabrunnen. Hopfenduft hängt in der Luft, der Geschmack der grünen Seele des Biers. Jeder hier weiß, woher er stammt: Die in der Stadtmitte liegende Fürstenberg-Brauerei braut nicht nur in diesem Au92 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Der Duft von Hopfen hängt in der Luft, der Geschmack der grünen Seele des Bieres. Jeder hier weiß, woher er stammt: Die Fürstenberg-Brauerei braut nicht nur in diesem Augenblick eines der besten Biere der Welt. genblick eines der besten Biere der Welt. Trotz der vielen Menschen in der Stadt, der offenen Lokale und des geschäftigen Treibens auf dem Wochenmarkt: Es fehlt die gewohnte sommerliche Leichtigkeit. Über allem hängt die Pandemie – nicht nur die Masken erinnern einen trotz der augenblicklich fast nicht vorhandenen Fallzahlen unaufhörlich daran. Der Brigach entlang – 40 Kilometer „helles, lauteres Wasser“ Unser Vorhaben ist ehrgeizig: Wir wollen über Villingen und St. Georgen hoch zum Hirzwald radeln – und dabei zusätzlich den einen oder anderen Abstecher einlegen. So zumindest der Plan zweier Radfahrer, die wie viele andere in CoronaZeiten ins Lager der E-Biker gewechselt sind. Diese neue Form der Mobilität erlaubt auch „Normalos“ Radtouren mit großer Reichweite. Das E-Bike bedeutet gerade im Jahr 2020 für so viele Menschen wie noch nie zuvor ein Stück neu gewonnene Freiheit – und das bei sich daheim! Wir lassen Donaueschingen hinter uns und fahren an Aufen und Grüningen vorbei in Richtung Brigachtal. Sylvia fragt spontan, wo wohl der Name „Brigach“ herstamme? Einigkeit besteht wie im Fall der Breg im keltischen Ursprung. Doch die einen übersetzen „Brigach“ mit „helles, lauteres Wasser“ – die anderen mit „Bergbach“. „Brig“ soll für Berg und „ach“ für Fluss oder Bach stehen. Zwischen Donaueschingen und Brigachtal plätschert die Brigach meist wenig spektakulär dahin. Dichtes Gebüsch verhindert über weite Passagen hinweg den Blick auf den Fluss. Erst am Ortsausgang von Grüningen, vor allem ab Beckhofen bis Marbach, darf der zweite Quellfluss der Donau mäandern und Charakter zeigen. Bei Beckhofen stoßen wir unmittelbar neben dem prächtigen Bauerngarten von Beatrix und Dietmar Maier auf einen imposanten Brigach-Alt arm, der mit einer Biberburg durchsetzt ist. Gitter schützen den Baumbestand am Flussufer vor den Zähnen des Nagers. Die Spuren des Bibers begleiten uns von nun an bis hinauf zur Brigachquelle im Hirzwald. Das Magdalenenbergle – Tor in eine schriftlose Vergangenheit Die Gegend hier ist altes Keltenland: Mit Brigach und Breg vereinen sich auf der Baar zwei Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 93

 

 

 

Blick auf den Grabhügel am Magdalenenberg und die Eiche (ganz rechts). Im Hintergrund sieht man Rietheim und das Brigachtal. Flüsse mit keltischem Namen zur Donau – und auf dem Villinger Magdalenenberg befindet sich eines der bedeutendsten keltischen Fürstengräber Europas. Brigach, Breg – das Fürstengrab: alles ist verbunden. Wir entschließen uns bei Brigachtal spontan dazu, einen Umweg über das Magdalenenbergle einzuschieben und biegen nach Rietheim ab. Der weithin sichtbare Grabhügel liegt neben einer nicht minder imposanten Eiche. Er fungiert als Tor in die Vergangenheit einer noch schriftlosen Kultur. Als Archäologen im Jahr 1890 am Magdalenenbergle graben, hoffen sie auf Schätze – und entdecken ein geplündertes Fürstengrab. Und dennoch ist der Fund sensationell: Die 2.600 Jahre alte Grabkammer des Fürsten vom Magdalenenberg gilt heute als der größte hallstattzeitliche Holzfund Europas. Nach Baumring-Untersuchungen wurde der Grabhügel mit seinem Durchmesser von 104 Metern und zwölf Metern Höhe etwa um 616 v. Chr. aufgeschüttet. 80 Jahre später folgt die zweite Sensation: Es werden im Umfeld des Fürstengrabes 126 weitere Bestattungen mit einzigartigen Beigaben entdeckt. Sie verwandeln den Grabhügel am Rande Villingens in einen der bedeutendsten Fundorte der Eisenzeit in Süddeutschland. Das Fürstengrab erweist sich damit als Teil einer Die 2.600 Jahre alte Grabkammer des Fürsten vom Magdalenenberg gilt heute als der größte hallstattzeitliche Holzfund Europas. komplexen Grabanlage. Und diese soll nach einer 2012 von Allard Mees vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz veröffentlichten Abhandlung als frühkeltisches Kalenderwerk zu verstehen sein. Die Lage der einzelnen Gräber entspreche den nördlichen Sternbildern des Jahres 618 v. Chr., wie mithilfe von Software der Raumfahrtbehörde NASA ermittelt wurde. Wir lassen die Räder am Fuß des Hügels stehen und wandern hinauf. Der weite Blick nach Villingen und über Rietheim hinweg ins Brigachtal fasziniert. Auf dem Grabhügel soll 1633 die Villingerin Barbara Schwinger mit dem Teufel getanzt haben, so ihr „Geständnis“ unter grausamer Folter. Ein mystischer Ort, der gleich bei welchem Wetter und bei welcher Tageszeit immer wieder neu seine Besucher hat. Manche übernachten hier oben im Schlafsack, andere geben unter der Eiche ein Gitarrenkonzert oder versuchen in sich gekehrt, die keltischen Wurzeln dieses Landstrichs zu erspüren. Auch wenn es reizvoll wäre: Es fehlt heute einfach die Zeit dazu, die hier gemachten Keltenfunde im Villinger Franziskanermuseum in Augenschein zu nehmen. Bald drei Stunden sind mittlerweile verstrichen – und wir sind noch 94 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

nicht einmal in Villingen angekommen. Dabei wäre der Weg von Donaueschingen nach Villingen auf dem gut ausgebauten und bequem befahrbaren Radweg die Brigach entlang in einer reinen Fahrzeit von nicht einmal einer Stunde zu schaffen. Vorausgesetzt, man geht diese Tour weniger kulturgeschichtlich, sondern etwas sportlicher an. Kostbare Ringwald-Portale Über einen Feldweg rollen die E-Bikes wie von selbst nach Villingen hinab, immer in Richtung der Münstertürme. In der Fußgängerzone der Altstadt herrscht Hochbetrieb, die bis vor Kurzem teils gespenstisch leeren Straßen gehören gegenwärtig der Vergangenheit an. Beim Café Raben lädt ein Ecktisch im Freien zu einer Eisund Kaffeepause ein. Mittlerweile zeigt das Thermometer auf 31 Grad – doch nicht ein Villinger Kind watet, wie es eigentlich zu erwarten wäre, barfuß im Stadtbächle: Wegen Corona drehte die Stadtverwaltung dem Bächle kurzerhand das Wasser einfach ab. Aber es gibt ja die Brigach: Die hat zwar aufgrund der aktuellen Trockenzeit einen Tiefstand wie lange nicht zu beklagen, Wasser allerdings fließt dort nach wie vor. Gleich zwei Kindergärten nutzen die Gunst der Stunde und sind mit ihren Schützlingen einen Sommertag lang zur Brigach umgezogen, die unmittelbar an der Innenstadt vorbeifließt. Nah der Die Ringwald-Portale am Münster sind die mit bedeutendsten Kunstwerke, die es in VS-Villingen zu bestaunen gibt. Bei hochsommerlichen 31 Grad freuen sich die Kinder über Spielen in und an der Brigach. xyz 95

 

 

 

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Unter Denkmalschutz stehende eiserne Brigach-Brücke im Villinger Groppertal. Sebastian-Kneipp-Straße planschen die Kinder lautstark und voller Freude im kühlen Bach. Garantiert war das schon zu Keltenzeiten so… Wir schieben unsere Bikes zum nahen Villinger Münster, bestaunen die Portale von Klaus Ringwald. Die von Ringwald in unsere Zeit übertragenen Ereignisse der biblischen Geschichte gewinnen in Corona-Zeiten ungeheuer an Aktualität, berühren mehr denn je. Das Baugerüst am Münsterturm macht neugierig – ein Passant klärt uns auf: Die größere der beiden Glocken im Nordturm hat einen Sprung und muss heruntergeholt und repariert werden (s. S. 316). Durch das Groppertal und den Stockwald nach St. Georgen Durch das Villinger Kurgebiet geht es nach einem kurzen Halt im Kurpark dem Groppertal Links: „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg.“ Majolikafiguren im Villinger Kurpark aus den 1930er-Jahren, hergestellt in der von Richard Bampi geleiteten „Fayence-Manufaktur Kandern GmbH“. entgegen, der Villinger Riviera. Der Besuch im Villinger Kurpark lohnt allein schon wegen der dort aufgestellten Majolikafiguren, darunter die Flussallegorie „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg“. Um 1935/36 schuf die von Richard Bampi geleitete„Fayence-Manufaktur Kandern GmbH“ u.a. sieben Majolikafiguren für den Villinger Kurpark, darunter die Flussallegorie. Wir radeln am Kirnacher Bahnhöfle vorbei, und schließlich taucht rechts am Straßenrand der Uhufelsen auf – seit eh und je ein beliebter Ausflugsort der Villinger. Wo zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Silber gegraben wurde, übt sich heute der Nachwuchs im Klettern. Motorradfahrer, Pkws, Radfahrer wie wir und Inliner teilen sich das schmale Sträßchen durch das malerische Groppertal. Stressfrei ist das nicht! Die meiste Zeit führt der Weg unmittelbar an den Gleisen der Schwarzwaldbahn entlang. Gut dreihundert Meter oberhalb der Stelle, an der sich der Gropperbach mit der Brigach vereint, weckt ein schmuckes Bahnwärterhäuschen unser Interesse. Ganz in der Nähe stoßen wir auf eine eiserne Brigachbrücke und entdecken eine Idylle, wie sie im Buche steht. Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 97

 

 

 

Blick auf Brigach mit St. Georgen. sich hier. Heute fungiert der Klosterweiher als Naturbad. Der Badebetrieb ist an diesem Freitag mit seinen mittlerweile 34 Grad zwar rege, aber hält sich coronabedingt in Grenzen. Da im Groppertal gerade Hochbetrieb Mehr als das Naturfreibad fasziniert die herrscht, beschließen wir die Tour zur Brigachquelle durch den Zinken Stockwald fortzusetzen. Vorbei an den wenigen Häusern führt der Weg bis zum Abzweig Dreihäusel/Stockwald. Dort geht es rechts ab und es gilt, die erste wirkliche Steigung zu bewältigen: Bereits seit Villingen führt uns der Weg stetig leicht bergauf, zunächst von 730 Meter auf 830 und jetzt auf über 900 Höhenmeter. Dank der E-Bikes stellt das keine wirkliche Herausforderung dar. Im angenehm-schattigen Wald passieren wir den „Süßen Winkel“ und erklimmen die letzten Meter der Schwanenhöhe. Jetzt rollen die Räder über eine Gemeindeverbindungsstraße wie von selbst hinab in Richtung Bahnhof St. Georgen. Klosterweiher und Biberland Im Gegensatz zu VS-Villingen und Donaueschingen fließt die Brigach in St. Georgen nicht mitten durch das Stadtgebiet, sondern am Rand der Bergstadt entlang. Nur ein einziges Mal macht sie dabei mit Nachdruck auf sich aufmerksam: Dem Donauquellfluss verdanken die St. Georgener ihren 27.000 qm großen Klosterweiher. Er diente dem früheren Kloster als Fisch weiher, auch eine Klostermühle befand sumpfartige Landschaft im Anschluss an den Klosterweiher. Dass sich dort ein wertvolles Biotop entwickeln konnte, ist das Werk einer Biberfamilie. Die Biber haben in den vergangenen rund zehn Jahren nicht nur diesen Ort, sondern den gesamten Brigachlauf bis hinauf zur Quelle am Hirzwald grundlegend verändert. Die durch das Werk der Nagetiere vielerorts sumpfig gewordenen Wiesen schaffen neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Die Landwirte allerdings freut die Anwesenheit des Bibers nicht: Sie haben bei der Bewirtschaftung ihrer Wiesen mit den Folgen zu kämpfen – auch der Ruf nach Abschüssen wurde deshalb bereits laut. Vom Klosterweiher aus führt ein Radweg wenige Hundert Meter die Bundesstraße entlang. Wir folgen der Untertalstraße, durchfahren eine Unterführung der Schwarzwaldbahn und biegen nach anderthalb Kilometern beim Unterbauernhof nach rechts zum Neubauernhof ab – es geht aufwärts auf 940 Meter Höhe. Wie so oft auf dieser Fahrt fällt beim Neubauernhof ein mit Liebe angelegter Bauerngarten auf. Obstbäume entlang der Straße bezeugen, dass der Schwarzwald auch in früheren Zeiten nicht ganz so karg gewesen sein kann, wie er oftmals beschrieben wird. 98 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Oben angekommen, sind das Gewann „An der Langen Gasse“ und der 940 Meter hohe Sturmbühl unser Ziel. Wir genießen die einmalige Aussicht auf den Schwarzwald bei St. Georgen und bei Triberg/Schonach. An einem Waldeck findet sich eine Informationstafel zur Langen Gasse. Hier verlief von der Sommerau kommend die Landesund Religionsgrenze zwischen dem katholischen Vorderösterreich und dem protestantischen Württemberg. Es sind alte Wege, auf denen wir unterwegs sind. Sie dienten bereits im späten Mittelalter als Verbindung nach Triberg und Furtwangen. Das Naturbad Klosterweiher und ein Biberdamm an der jungen Brigach. Mehr noch als die Lange Gasse fasziniert der Sturmbühl. Aussichtspunkte dieser Art finden sich im Schwarzwald selten: Unser Blick streift in östlicher Richtung über die Schwäbische Alb mit Hochberg, Lemberg und Klippeneck. Im Westen sind Schonach und der Rohrhardsberg Der Hirzbauernhof mit Brigachquelle. Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 99

 

 

 

100 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Links: Die Brigachquelle beim Hirzbauernhof. auszumachen. Zugleich stehen wir hier auf der europäischen Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Donau. Bis zur Brigachquelle liegen jetzt gerade noch drei Kilometer vor uns. Wir radeln gemütlich über den Höhenrücken mit seinen immer wieder neuen, imposanten Ausblicken auf Brigach und St. Georgen. Nach exakt 48 Kilometern, inkl. des Umweges zum Magdalenenbergle, taucht in der Talsenke unter uns der Hirzbauernhof mit Brigachquelle auf. Die Fahrt hinab ist rasant – und wir stoppen sie verwundert auf halber Höhe: Am Hinteren Hirzbauernhof waten zwei über und über mit Schlamm bedeckte Mädchen laut lachend und kreischend in einem abgelassenen Weiher umher. Besser gesagt, sie stecken mittendrin im Schlamm… Der Weiher wird an diesem Rekordsommertag vom Schlamm befreit, die beiden Mädchen helfen mit und haben sichtlich Spaß dabei. Ausgetrocknete Brigachquelle Was die Trockenheit des Sommers 2020 mit den Gewässern der Region macht, verdeutlicht nicht nur überall im Landkreis der niedrige Wasserstand der Gewässer. Selbst der Brigachquelle geht das Wasser aus – kein Tropfen fließt aus dem Quellstein mit der Aufschrift „Brigachquelle“ heraus. Das stellt bald zwei Monate später auch ein prominenter Gast fest: Ministerpräsident Winfried Kretschmann besucht den Schwarzwald-Baar-Kreis und verweilt kurz an der vorübergehend ausgetrockneten Quelle. Wieder werden uns die reichen keltischen Spuren in dieser Region bewusst: Im Hirzbauernhof entdeckten die damaligen Besitzer bei einer Küchensanierung um 1889 das sogenannte Brigachrelief. Diese Steinplatte mit der Darstellung von Hirsch, Hase und Vogel sowie drei Köpfen soll römisch-keltischen Ursprungs sein. Eine Nachbildung findet sich an der Quelle. So ist unsere Tour zur Brigachquelle zugleich eine Reise ins Keltenland. Auch wenn sie rege besucht wird, steht die Brigachquelle im Schatten der Bregquelle auf der Martinskapelle in Furtwangen, die zugleich Schlammschlacht am Rekord-Sommertag des Jahres 2020 im Weiher des Hinteren Hirzwaldhofes. als geografische Donauquelle gilt. Das mag auch damit zu tun haben, dass es an diesem schönen und freundlichen Ort beim Hirzbauernhof keine Einkehrmöglichkeit gibt. Aber die verdiente Stärkung haben wir in den Radtaschen selbst mitgebracht und Ruhebänke stehen für jedermann zur Verfügung. Nach einer reinen Fahrzeit von etwas mehr als drei Stunden und bald sieben Stunden nach dem Aufbruch in Donaueschingen steht jetzt die Rückfahrt an. In St. Georgen könnten wir die Schwarzwaldbahn besteigen und bis Donaueschingen mitfahren… Aber wir entscheiden uns gegen den ganz bequemen Weg. Schließlich radeln wir die Landstraße nach Brigach hinunter, rollen weiter bis St. Georgen. Dort schwenken wir auf den Radweg ein, der uns bis Peterzell zur Abzweigung nach Stockburg führt. Es geht immer bergab, was die Fahrt bequem und schnell macht. Durchs Groppertal fahren wir nach Villingen, dann führt der Weg durchs Brigachtal nach Donaueschingen zurück. Ohne besondere Anstrengung ist der Rückweg zum Auto mit dem E-Bike in gut zwei Stunden absolviert. Unser Fazit nach bald 100 Kilometern auf dem Rad: Die Brigach ist eine Reise wert – allein schon wegen den Begegnungen mit der Welt der Kelten. Vom Zusammenfluss an die Quelle der Brigach 101

 

 

 

Der Schellenberg-Trail TRAILSURFING IN DER QUELLREGION von Silvia Binninger Für jeden ambitionierten Mountain-Biker ist es ein Genuss, auf engen und steileren Naturpfaden sein Können zu beweisen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis bietet hier auf einigen ausgewiesenen „Bike-Trails“ eine Menge Fahrspaß. Einer dieser Trails, der „Schellenberg-Trail“, befindet sich zwischen Bräunlingen und Donaueschingen. Sein Bau wurde von der Stadt Bräunlingen zwar maßgeblich unterstützt, doch einen großen Teil der Arbeit stemmten ehrenamtliche Helfer, die mit viel Herzblut ihren Traum vom eigenen Parcours verwirklichen wollten. Im Jahr 2018 war es soweit, die Strecke konnte eröffnet werden. 102 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

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Wunsch nach einem Bike-Trail Die Stadt Bräunlingen hat den Wunsch einiger Jugendlicher und junger Erwachsener im Jahr 2014 ernst genommen, einen ausgewiesenen Trail am Südwesthang des Schellenberges zu unterstützen. Nachdem die bürokratischen Hindernisse überwunden waren, konnte im Februar 2017 mit dem Trailbau begonnen werden. Die Freude war groß bei den Bikern, schnell entstand eine WhatsApp-Gruppe, in der sich die ehrenamtlichen Trailbauer organisierten. Lars Fischer, Daniel Vogt, Jonas Günzer, Luca Gantert, Ringo Ammann und Vinzent Zandona waren federführend verantwortlich. Etwa 70 Helfer organisierten sich in der WhatsApp-Gruppe und trafen sich regelmäßig mit Schaufeln und Spaten bewaffnet am Trail: zum Graben und Buddeln. Sie bauten Hindernisse, errichteten Schanzen und Kurven und befreiten die Strecke von Ästen und Gestrüpp. Es machte bald die Runde in der Mountain-Bike-Szene, dass am Schellenberg etwas Neues entsteht. So unterstützten sogar Helfer aus den Nachbarstädten Schwenningen und Dauchingen das Team. Für die Strecke sind Ausgleichsmaßnahmen notwendig. Hier installieren Jugendliche um Daniel Vogt (rechts) einen Nistkasten für Vögel. Regelmäßig beteiligten sich zahlreiche Jugendliche an den Arbeiten rund um den neuen Bräunlinger Mountainbike-Trail am Schellenberg. 104 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Das Trailbau-Team mit Ringo Ammann, Vinzent Zandona, Jonas Günzer, Daniel Vogt, Lars Fischer und Christian Vogt sowie Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle, Oberbürgermeister Eric Pauli aus Donaueschingen, Bürgermeister a. D. Jürgen Guse, Geschäftsführer des Naturparks Südschwarzwald, Roland Schöttle und Maren Ott vom Bräunlinger Tourismusamt bei der Eröffnung des Trails 2018. Unterstützung von allen Seiten Beratend stand der Badische Radsportverband den Trailbauern zur Seite. Der Naturpark Südschwarzwald unterstützte die Strecke ebenfalls finanziell, förderte die Beschilderung und die Werbemaßnahmen zum Bräunlinger SingleTrail. Die verbleibenden Ausgaben trug die Stadt Bräunlingen. Die Nachbarstädte Donaueschingen und Hüfingen, beteiligen sich an den laufenden Kosten zur Unterhaltung. Eröffnung 2018 Endlich konnte die Strecke am 14. Juli 2018 nach der Freigabe des Badischen Radsportverbands eröffnet werden. Ständige Wartung und Kontrolle garantieren den Fahrspaß und die Sicherheit des Parcours. Durch die vielen Fahrten der Biker ist der Verschleiß groß und es muss hin und wieder die eine oder andere Passage ausgebessert werden. Die Stadtverwaltung Bräunlingen hat hierzu Gespräche geführt und ist fündig geworden: Die passionierten Mountain-Biker der Familie Vogt aus Bräunlingen kümmern sich mit Michael Heizmann vom Skiclub Bräunlingen darum. Christian, Daniel und Heinrich Vogt sowie Michael Heizmann kontrollieren die Strecke einmal im Monat und achten darauf, dass sie befahrbar bleibt. Der Schellenberg-Trail ist nicht nur für Profis geeignet, auch Intermediate (Fahrer*innen mit mittlerer Qualifikation) haben hier ihren Spaß. Allerdings sollten Anfänger ohne Trailerfahrung die Strecke mit Vorsicht befahren. Rote und schwarze Kennzeichnungen geben an, was für wen geeignet ist. Ähnlich der Auszeichnung einer Skipiste steht die schwarze Markierung für den anspruchsvollen Teil. Es empfiehlt sich aber vor der ersten Abfahrt, die Strecke einmal zu Fuß abzuwandern. 400 Meter lang ist die mittelschwere EnduroStrecke und hat einiges an Sprüngen und steilen Kurven zu bieten – bei den schwierigen Passagen gibt es auch immer leichte Der Schellenberg-Trail 105

 

 

 

Aus der Streckenbewertung des Badischen Radsport-Verbands: Der Trail ist sportlich anspruchsvoll, die schwierigsten Hindernisse bieten aber immer eine Umfahrungsmöglichkeit. Er fügt sich sehr schön in das lokale Waldbild ein. Es wechseln sich Abschnitte mit hohem Flow und teilweise stark verblockte Abschnitte ab. Es ist eine fortgeschrittene Radbeherrschung notwendig, um diese Abfahrt bewältigen zu können. Zwar können alle ganz schwierigen Elemente umfahren werden, dennoch bleibt eine durchgehende Schwierigkeit vorhanden. Umfahrungen oder Abrollmöglichkeiten. Es geht 100 Höhenmeter abwärts auf einem sehr flowigen, sprich fließend befahrbaren Parcours. Zu einer sicheren Abfahrt gehört auch die passende Ausrüstung, der Fahrradhelm ist selbstredend ein Muss, dazu werden Knieund Ellenbogen-Schoner empfohlen. Wer möchte, kann zusätzlich einen Rückenprotektor anziehen. Das beste Bike für diesen Trail ist ein voll gefedertes Mountain-Bike oder ein gefedertes E-Mountain-Bike. Der Trail kann jedoch auch mit einem einfach gefederten Bike/Hardtail bewältigt werden. Die MTB-Saison beginnt am 1. April und endet am 31. Oktober, sie ist vom Forstbzw. der unteren Naturschutzbehörde vorgegeben. Die Nutzungsbedingungen bzw. „Trail Rules“ sind auch auf der Homepage www.schellenberg-trail.de zu finden. 106 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Linke Seite: Rasant geht es den Trail hinab. Oben links: Lars Fischer und Daniel Vogt vom Trailbauteam bei der Eröffnung 2018. Oben rechts: Der Blick vom Bike auf die Strecke mit einer GoPro fotografiert. Unten links: Eine Bikerin testet den Parcours. Unten rechts: Das Trailbauteam auf der Holzrampe. Zwei Jahre nach der Eröffnung des Trails ist die Freude groß bei Maren Ott vom Bräunlinger Tourismusamt über die grandiose Entwicklung dieser Strecke am Schellenberg, so zentral in der Quellregion gelegen. Sie betont: „Wir sind schon ein bisschen stolz darauf, dass in der Heimat des Schwarzwald-Marathons auch das Mountainbiken sogar mit zwei Trails bzw. Parcours, einer in der Kernstadt und einer in Unterbränd zuhause ist.“ Bei guten Witterungsbedingungen und am Wochenende herrscht reger Verkehr am Trail. Zahlenmäßig sind die Biker leider nicht zu fassen. Sie kommen aus der gesamten Region, vereinzelt sogar aus den Großräumen Rottweil oder Stuttgart. Es tummeln sich hier Vereine, Gruppen, aber auch Einzelfahrer. Eine kleine Mountainbike-Szene hat sich schon um den Trail gebildet. Viele Jugendliche identifizieren sich mit diesem Projekt und helfen bei den Ausbesserungsarbeiten. Lars Fischer vom Trailbau-Team würde gerne das Angebot an Strecken auf der Gemarkung Bräunlingen erweitern, um die Attraktivität weiter zu erhöhen. Der Schellenberg-Trail 107

 

 

 

Wegbeschreibung: Wie kommen wir zum Trail? Es gibt zwei Möglichkeiten mit dem Bike zum Ausgangspunkt zu gelangen. Für alle, die von Bräunlingen kommen, starten wir am Ringzug-Bahnhof, überqueren die Donaueschinger Straße und biegen in die Bregenbergstraße ein. Wir folgen dem, mit gelben Schildern ausgewiesenen Weg durch ein Wohngebiet, fahren weiter stetig bergauf. Am Ende eröffnet sich uns schon eine grandiose Aussicht über Bräunlingen. Nach einer Rechtsund dann wieder Linkskurve folgen wir dem Weg geradeaus bis zum Waldrand. Endlich haben wir die große Hinweistafel, die den Trail beschreibt, erreicht. Auf dieser wird Wichtiges über die Benutzung und die Beschilderung aufgezeigt. Zu diesem Ausgangspunkt können wir aber auch von Donaueschingen aus starten. Dazu fahren wir am Krankenhaus vorbei und die Sonnhaldenstraße hinauf. Nun umfahren wir die Sonnhaldenklinik linksseitig und weiter zieht sich der Weg bergauf bis zur Amalienhütte. Wir genießen hier einen wunderbaren Ausblick auf die Baar und manchmal erstreckt sich die gesamte Berner Alpenkette am Horizont. Jetzt geht es weiter an der Hütte vorbei den Berg ein kleines Stück hinunter. Ein Hinweisschild zeigt uns den richtigen Pfad, der nach links abbiegt. Wir folgen dem gut ausgeschilderten Weg. Nach einer kurzen Abfahrt auf einer Schotterpiste treten wir wieder stetig den Berg hinauf und erreichen ebenfalls die Hinweistafel zum Trail. Nach dem Anstieg geht es endlich bergab Der tatsächliche Einstieg in den Trail befindet sich jedoch noch ein kleines Stück weiter oben im Wald. Wir fahren deswegen auf einer schmalen Rückegasse links von der eigentlichen Streckenführung etwas bergauf. Nun befinden wir uns am Startpunkt, einer Holzrampe, und schieben das Bike hinauf – mit Schwung geht es jetzt bergab. Der erste Teil des Trails ist kurvig, aber nicht ganz so steil. Für Geübte bieten sich hier gleich einige Sprünge an, die wir aber auch umfahren können. Weiter geht es bergab über schöne Wurzelteppiche bis zum nächsten größeren Sprung, dem ebenfalls auf der rechten Seite ausgewichen werden kann. Jetzt eröffnet sich ein etwas steileres, kurvenreiches Stück, das wie der übrige Trail gutes fahrerisches Können verlangt. Eine linksseitige abgeschrägte Kurve bildet den krönenden Abschluss dieser Passage. Nach einem kurzen, flacheren Teil fahren wir über ein abschüssiges Steinfeld mit Spitzkurve. Geübte Fahrer haben hier ihren Spaß, andere „tasten“ sich eher vorsichtig hindurch. Am Ende des ersten Teilstücks führt der Trail über einen hohen Absatz auf einen Waldweg. Hier ist Vorsicht geboten für Wanderer wie auch für Biker. Hinweisschilder warnen vor beiden Parteien. Es ist wichtig, dass bei allem Spaß der Respekt vor der jeweiligen Freizeitbeschäftigung gewahrt bleibt. Der zweite Streckenabschnitt Wir überqueren den eben erwähnten Weg und weiter geht es links abbiegend den Pfad entlang. Dieses Stück ist sehr abschüssig und wir müssen auf der Hut sein, um nicht rechts den Hang hinunterzurutschen. Weiter geht es über Wurzeln und Steine, noch zwei kleine Sprünge und wir haben das Ende erreicht. Auf dem Waldweg/Eichhölzleweg fahren wir links weiter, wiederum durch das Bräunlinger Wohngebiet zu unserem Ausgangspunkt, dem Bahnhof in Bräunlingen. Die Biker, die nach Donaueschingen zurück möchten, biegen am Ende des Trails nach rechts ab und treten stetig dem Waldweg folgend den Schellenberg wieder hinauf bis zur Amalienhütte. Dort sehen wir schon Donaueschingen unter uns liegen. Wir folgen dem ausgeschilderten Weg hinunter in die Stadt. 1. Die Holzrampe am Startpunkt. 2. Der erste Sprung, der umfahren werden kann. 3. Das steile kurvenreiche Teilstück. 4. Die linksseitige Kurve am Schluss dieses Stücks. 5. Das sehr abschüssige Steinfeld. 6. Wurzelteppich im zweiten Streckenabschnitt. 108 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

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DER JUNGEN DONAU ENTLANG von Rudolf Reim Jahr für Jahr starten mittlerweile Tausende von Radfahrern auf eine Donautour. Viele radeln über Wochen hinweg vom Zusammenfluss in Donaueschingen aus bis zum Biosphärenreservat Donaudelta, der Mündung der Donau in das Schwarze Meer. Der Radfernweg führt auf einer Strecke von etwa 2.850 km durch die Länder Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien und Rumänien. Wer nicht so lange unterwegs sein kann oder will, der kann die Donau auch ein Stück lang im Schwarzwald-Baar-Kreis begleiten und über den Wartenberg sowie Unterhölzer Wald wieder nach Donaueschingen zurückradeln. Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 111

 

 

 

Los geht’s in Donaueschingen. Zwar ist der offizielle Startpunkt dieser Tour zugleich der Startpunkt des Donau-Radweges am Lammplatz, doch zieht es mich für ein Foto zunächst zur historischen Donauquelle. Schon seit dem 15. Jahrhundert gibt es dort eine Quell-Fassung. 1875 wurde das kreisrunde Quellbecken neu geschaffen und mit Ornamenten reich verziert. Hier ist ein Anziehungspunkt für Besucher aus der ganzen Welt – die Quelle ist viel besucht und der Donau-Radweg viel befahren. Die Hinweisschilder des Donau-Radweges zeigen wo es lang geht. Ich fahre vorbei an der Stadtkirche St. Johann, die mich mit ihren frischen Farben anstrahlt. Über die Brigach-Brücke geht es nach ca. 200 Metern auf der Josefstraße links ab über die Prinz-Fritzi-Allee in den Schlosspark. Der Donaueschinger Schlosspark ist einer der größten Landschaftsparks im Südwesten. Bemerkenswert ist sein Wasserreichtum. Viele Quellen, Weiher, Bäche und Kanäle beleben den Park und legen beredet Zeugnis davon ab, dass hier ursprünglich nichts war als Sumpf. Von Anfang an war er nicht nur den Mitgliedern des fürstlichen Hauses vorbehalten, sondern auch der Öffentlichkeit zugänglich. Sie sollte sich hier an der Natur erfreuen und ebenso gesundheitlich profitieren. Schon um 1800 brachte es der fürstliche Hofkavalier auf den Nenner: „Einst den Fröschen, jetzt der Gesundheit“. Aufgrund von Baumaßnahmen am Zusammenfluss von Brigach und Breg ist der Donau-Radweg umgeleitet. Die Ausschilderung ist vorbildlich und ich radle weiter im Park in Richtung Allmendshofen. Es geht direkt am Sportpark der DJK vorbei. Schon früh am MorKURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 40 km Dauer: • mit E-Bike: ca. 2,5 Stunden reine Fahrzeit • mit einem Mountainbike ohne elektrische Unterstützung: ca. 3,5 Std. reine Fahrzeit Pausen: Pfohren: Café, Neudingen: Grablege, Wartenberg, Donaueschingen je nach Lust und Interesse 30-60 min. Höchster Punkt: 830 Meter über NN Tiefster Punkt: 670 Meter über NN Bergauf: 330 Höhenmeter Bergab: 330 Höhenmeter Anforderung: mittel (leicht, wenn man den Wartenberg auslässt) Fahrrad: E-Bike / Mountain Bike Aussichtsreiche Rundtour mit vielen Sehenswürdigkeiten und einigen Möglichkeiten zum Einkehren. START/ENDE: DONAUESCHINGEN/ LAMMPLATZ AASEN IMMENHÖFE DONAUESCHINGEN PFOHREN HÜFINGEN DREILÄRCHEN 112 NEUDINGEN GUTMADINGEN Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

gen treffe ich hier auf Josef Reith, der mit Vorbereitungen für einen Wettkampf beschäftigt ist. Ich komme mit dem sympathischen Herren ins Gespräch. Er erzählt, dass er heute das Deutsche Sportabzeichen abnimmt. Für den Erwerb des Abzeichens werden in den vier Sportarten Leichtathletik, Schwimmen, Geräteturnen und Radfahren Prüfungen abgelegt. Zwischenzeitlich sind die beiden Prüflinge Harald Sell und Peter Strittmatter auch da. Sportlich sehen sie aus, die drei Herren aus Donau! Auf jeden Fall wäre mit meiner Tour zugleich ein Anfang für das Sportabzeichen gemacht. Jetzt überquere ich den zweiten Quellfluss der Donau, die Breg. Ich folge den Schildern und unterquere die B 33, um an den Riedsee zu kommen. Das Ried ist ein Gelände, auf dem sich vier größere und mehrere kleinere Seen befinden. Wegen ihrer landschaftlichen Reize – aber auch zum Beobachten von heimischen oder durchziehenden Wasservögeln – sind die Riedseen ein beliebtes Ziel bei Naturfreunden und Vogelkundlern. Auf dem Parkplatz fällt mir ein Wohnmobil im Retrostil ins Auge, ein gepflegter Hymer mit H-Kennzeichen. Er strahlt eine Gemütlichkeit aus wie ein altes Sofa. Macht sicher Spaß, damit unterwegs zu sein. Pfohren – „Das erste Dorf an der Donau“ Die Hinweisschilder kündigen mein nächstes Ziel an; Pfohren. „Das erste Dorf an der Donau“, begrüßt ein Schild am Ortseingang. Eine Brücke führt über die junge Donau. Auf der Brücke steht ein älterer Herr in Tarnkleidung und mit einer Fotokamera. Zunächst beobachte ich nur, wie er gespannt in das Okular der Kamera schaut. Vorne ein mächtiges Teleobjektiv mit Tarnring. Dann kommen wir ins Gespräch: Jean Tanchot stammt aus Donaueschingen, er ist leidenschaftlicher Tierund Naturfotograf. Von ihm erfahre ich viel Wissenswertes über die Artenvielfalt an der jungen Donau. So über den Eisvogel, den er heute im Visier hat. Ja, Der „Storchenbrunnen“ in Pfohren. Der jungen Donau entlang tatsächlich entdecke auch ich den kleinen blauen Vogel, wie er knapp über der Wasseroberfläche den Fluss quert. Er sieht aus wie ein blaues Juwel und sticht, trotz der Fluggeschwindigkeit, aus dem Wasser und der Uferböschung hervor. Mit Jean Tanchot‘s Unterstützung entdecke ich plötzlich Fische, Wildgänse und vieles andere mehr. Jean Tanchot erzählt mir aus seinem Leben, von der Arbeit in St. Georgen, wo man ihn schlicht „den Franzosen“ nannte. Auf Facebook und Instagram zeigt er seine Bilder. Es sind die Natur, die Denkmäler und die Geschichte, die diese Tour so schön machen. Aber nichts ist für mich spannender als die Menschen, die im Schwarzwald-Baar-Kreis leben. Viele, die hier aufgewachsen sind und ihre Wurzeln haben – und andere wie ich oder Jean Tanchot, die es hierher verschlagen hat. 113

 

 

 

Gruftkirche der Fürsten zu Fürstenberg in Neudingen, rechts die Familie Hahn auf ihrer Donautour nach Ulm. Da ich bei Süßem schlecht „Nein“ sagen kann, lege ich einen Halt am „s‘Café an der Donau“ ein. Es liegt an einem ausgemacht schönen Platz. Die Terrasse mit Blick auf die junge Donau und die Brücke. Über der Theke hängt der Spruch „Kein Kuchen ist auch keine Lösung“. Ich entscheide mich für eine Apfeltasche und packe die in meinen Rucksack. Im Ort geht es rechts ab und nach wenigen Metern sehe ich die Entenburg. Auch diese ehemalige Wasserburg ist, wie schon das Schloss in Donaueschingen, von den Fürstenbergern erbaut worden. Und zwar 1471. Damals noch „hus zu Pforren“ genannt. Prominentester Gast war Kaiser Maximilian I. Heute befindet sich die Entenburg in Privatbesitz. Auf der „Alten Schule“, in direkter Nachbarschaft zur Burg, schaut ein Storch aus seinem Nest. Je nachdem, zu welcher Jahreszeit man unterwegs ist, trifft man auf der Baar und zumal in Pfohren/Neudingen immer wieder auf Störche. Am Ortsende macht der Radweg einen Rechtsknick und führt direkt an der Donau entlang. Es ist herrlich, hier mit dem Rad unterwegs zu sein. Die Luft ist klar und heute spiegelt sich die Flora und Fauna auf der Wasseroberfläche. Ich unterquere die B 31, die nach Tuttlingen führt. Nach ca. dreihundert Metern geht es leicht abschüssig nach Neudingen. Vor mir breiten sich „die Mutter Baar und ihre Tochter Donau“ in ganzer Schönheit und Vielseitigkeit aus. Das Gebiet hier ist ein Vogelschutzgebiet von europäischem Rang. Für die Vögel, die auf ihrem Flug von den Brutgebieten in Nordeuropa und Sibirien in die afrikanischen Winterquartiere und auch bei ihrer Rückkehr im Frühjahr weite Strecken zurücklegen, stellt die Baar eine unverzichtbare Zwischenstation dar. Am Radweg finden sich Informationstafeln des Landschaftsparks Junge Donau. Wenn es die Zeit erlaubt oder man mit Kindern unterwegs ist, empfehle ich den „Riedbaar Rundweg“. Er liegt direkt am Weg und informiert über die Fische in der Donau, die Vegetation auf der Baar, die Vögel und Insekten. Aber auch über die Bewässerung, Landwirtschaft oder Nutztiere auf der Baar erfahre ich viel Interessantes. Neudingen mit der Historischen Kaiserpfalz Noch immer befinde ich mich auf Donaueschinger Gemarkung. In der 700 Einwohner großen Gemeinde Neudingen wartet ein weiterer Höhepunkt der Tour, das Ziel wird schon am Ortseingang angekündigt: die Historische 114 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Die junge Donau bei Neudingen. Kaiserpfalz. Auf dem Weg durch den Ort komme ich auf wenigen Hundert Metern gleich an vier teils ehemaligen Gasthäusern vorbei. Am Gasthaus zum Bahnhof, Gasthof Linde, Gasthof Sonne und Gasthof Storchen. Das Gebiet wurde schon vor über 5.000 Jahren besiedelt. Bereits 870 ist die Neudinger Pfalz in einer Urkunde des Klosters St. Gallen erwähnt. Am 13. Januar 888 verstarb Kaiser Karl III. aus dem Hause der Karolinger auf dem Königshof in Neudingen. Von 1274 bis 1802 bestand auf dem Gelände der ehemaligen Pfalz das Kloster Neudingen. Vorbei an der Pfarrkirche St. Andreas führt die Tour in Richtung Gutmadingen. Hinter einem schmiedeeisernen Tor liegt ein ruhiger, ein magischer Ort: die Gruftkirche der Fürstenfamilie zu Fürstenberg samt Park mit den Familiengräbern. Es ist Zeit durchzuschnaufen, innezuhalten. Anschließend geht es zurück in Richtung Bahnhof. Am Bahngleis treffe ich Albert Hahn mit seiner Familie. Er steht mit seinem Verkaufswagen zweimal in der Woche auf dem Villinger Markt am Münster. Ich liebe seinen schmackhaften Käse vom Untermühlbachhof in Peterzell. Mit den Rädern sind die Fünf unterwegs nach Ulm. Tolle Menschen gibt es hier im Landkreis. Albert Hahn und seine Frau gehören für mich dazu. Ich habe großen Respekt davor, wie die beiden ihre Familie und die Verantwortung für den Hof meistern. Der geografische Höhepunkt der Tour Jetzt geht es zurück an die Junge Donau und ich biege auf dem Donauradweg rechts ab in Richtung Gutmadingen. Der Weg führt durch Sonnen blumenfelder, Mais und Getreide. Vorbei an Wiesen und der nahen Donau, die hier ganz Natur sein darf. Nach zwei Kilometern kommt der Abzweig zum Wartenberg. Ich unterquere die B 31, um gleich wieder links abzubiegen. Ein historisches Wegkreuz steht unmittelbar am Weg und dahinter kommt der geografische Höhepunkt der Tour in Sicht: der Wartenberg. Ein schönes Bild. Vor mir liegt der Unterhölzer Wald der Fürsten zu Fürstenberg mit seinen uralten Eichen. Es ist ein ganz außergewöhnlicher Wald. Ich stoße auf den Tierfriedhof Schwarzwald-Baar und schiebe mein Mountainbike an der Holzschranke vorbei, um ein paar Schritte nach innen zu gehen. Es ist ein schöner Platz für den besten Freund des Menschen. Der Laubmischwald Der jungen Donau entlang 115

 

 

 

116 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

besteht aus Eichen und Eschen. Die Wege sind mit weicher Baumrinde präpariert. Die Erinnerungstafeln und die liebevollen Grabstellen zeigen, dass Menschen hier ihre treuen Weggefährten begraben haben. Der Weg geht weiter durch den Wald, der zum Forstbetrieb der Fürsten zu Fürstenberg gehört. Am Ende biege ich nach rechts auf die Landstraße ab, die zu dem Weiler „Drei Lärchen“ und auf den Wartenberg führt. 1783 gründete ein Fürstenberger die Bauernkolonie für sieben Siedler. Gänse schnattern um die Wette und „frische Eier“ sind ab Hof im Angebot. Die Höfe empfangen mich mit reichem Blumenschmuck, und das große Sonnenblumenfeld am Anstieg zum Wartenberg wäre eine gute Vorlage für ein Stillleben. Am Wegkreuz geht es gut zwei Kilometer hinauf mit einer Steigung von zehn Prozent. Auf etwa halbem Weg lädt eine Bank zum Durchschnaufen ein. Ich nutze die schöne Aussicht auf die Höfe und ins Tal, um jetzt meine leckere Apfeltasche zu genießen. Herrlich, was der Donaubäcker in Pfohren aus Blätterteig und Äpfeln macht. Auf der Liste der Vulkane in Deutschland findet sich unter „Hegau“ auch der Wartenberg. Der nördlichste Basaltkegel des Hegaus ist 844,8 Metern hoch. Der letzte Ausbruch ist allerdings bereits Millionen von Jahren her. Um einen Schweißausbruch zu vermeiden, schiebe ich mein Cannondale Jekyll die letzten Meter den steilen Berg hinauf. Schließlich sind wir beide ja nicht mehr die Jüngsten 🙂 Vor mir liegt die höchstgelegene Streuobstwiese des Landes. Apfelbäume, Zwetschgen, Birnen wie aus dem Bilderbuch. Die roten Früchte strahlen mich an. Es ist ein beglückendes Gefühl, nun oben angekommen zu sein. Von hier aus – es handelt sich um den südlichsten Zipfel der Schwäbischen Alb – habe ich einen grandiosen Ausblick auf die Baar. Unten im Tal Gutmadingen, Neudingen und der Fürstenberg. Wartenberg-Impressionen und Blick vom Wartenberg zur jungen Donau. Der jungen Donau entlang 117

 

 

 

Der Rundblick reicht über Hüfingen und Donaueschingen hinweg bis zum Feldberg. Etwas unterhalb der Bergkuppe in Richtung Donaueschingen stand über lange Zeit die Burg Wartenberg. Ich umfahre den Wartenberg und folge dem Hinweis „Unterhölzer Wald“. Die Scheibenbremsen quietschen, was das Zeug hält. Es geht zurück zur ehemaligen Bauernkolonie „Drei Lärchen“. Durch den Weiler lasse ich das Rad laufen und biege am Ende der Geraden, direkt in der Kurve, nach rechts ab in den Wald. Ein Hinweisschild informiert mich, dass ich mich im Privatwald der Fürstenberger befinde. Der Untergrund wird gröber, sodass es von Vorteil ist, wenn das Trekkingoder Mountainbike eine gute Bereifung hat. Quer durch den Unterhölzer Wald Der Unterhölzer Wald gilt als eines der schönsten Naturschutzund Waldgebiete der Region. Uralte Baumbestände zeichnen das Naherholungsgebiet aus. Es wird geprägt von Jahrhunderte alten Eichen, dick und knorrig. Manche abgestorbene Bäume muten wie ein Kunstwerk an. Ich atme tief durch und stelle meine Kamera um auf den Schwarz-Weiß-Modus, da dadurch das Ganze auf dem Foto noch besser zum Ausdruck kommt. Die Natur ist selbst das größte Kunstwerk auf unserem Planeten. Das Totholz ist für viele Insekten der Lebensraum. Der „Circle of Life“ ist hier hautnah zu spüren. Der Wald gehörte ursprünglich zur Herrschaft der Wartenberger. Durch Heirat im 13. Jh. ging er an das Fürstenhaus in Donaueschingen. Der „Unterhölzer“ ist auch bekannt für seinen Wildreichtum, insbesondere an Damwild. Sogar Kaiser Wilhelm weilte öfter in Donau eschingen, um im Unterhölzer Wald der viel geliebten Jagd nachzugehen. Ich folge dem Hauptweg, bis eine Markierung den Abzweig nach links vorgibt. Jetzt geht es über einen langen Waldweg direkt auf das Jagdhaus der Fürsten zu. Einige Meter vor ihm biege ich nach links auf die „Pfohrener Allee“ ab. Es geht am Jägerhaus vorbei auf den Waldweg, der schnurstracks am alten Pförtnerhaus endet. Von Weitem sehe ich ein Fahrzeug, das auf dem Weg steht. Ich halte an und sehe, wie ein junger Mann aus dem Gehölz kommt. Es ist Jörg Fünfgeld. Im Gespräch erfahre ich von ihm, dass er Forstwirtschaft in Rottenburg studiert hat und nun für das Naturschutzgroßprojekt Baar aktiv ist. Auch der Unterhölzer Wald wird in dieser Maßnahme bearbeitet. Ziel des Projektes, das von Bund, Land und den beiden Landkreisen Schwarzwald-Baar-Kreis und Tuttlingen getragen wird, ist, die Wald-, Trockenund Feuchtlebensräume für den Artenund Biotopschutz und den Biotopverbund zu sichern. Jörg Fünfgeld ist dabei, junge Bäume gegen Wildverbiss zu schützen. Ich verlasse den Wald und das Rad läuft leicht bergab. 118 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Frühherbstliche Idylle im Unterhölzer Wald. Foto: Erich Marek Rechts: Der Forstwirt Jörg Fünfgeld ist für das Naturschutzgroßprojekt Baar auch im Unterhölzer Wald aktiv. Über die weite Hochebene der Baar Die Beschilderung auf der ganzen Tour ist vorbildlich. Nach 2,5 Kilometern geht es nach rechts in Richtung Immenhöfe. Auf gleicher Höhe stehen links ein Wegkreuz und eine Bank. Nun geht es stetig bergauf. Das Schilf am WeiherDer jungen Donau entlang 119

 

 

 

Wer auf der Baar radelt, trifft auf ein weitläufiges, überwiegend gut ausgebautes Wegenetz. Im Gegensatz zum Schwarzwald bietet die Baar weite Blicke, beispielsweise von Aasen aus hinüber zum Fürstenberg (oben). Bei Aasen stößt man auf den „einsamen Baum“, der zwischen dem Feldermeer wie ein Leuchtturm aufragt. graben wird vom Wind, der über die Baar weht, hin und her geschaukelt. Ich schalte in einen kleinen Gang und trete gleichmäßig die vor mir liegenden 2.600 Meter auf die Immenhöfe zu. Durch meinen Kopf schießen die Bilder vom „Fest der Pferde“. Das Reitturnier ist das Highlight des Jahres für alle, die Pferdesport lieben. Oben an der Landstraße geht es rechts ab in Richtung Bad Dürrheim, schon nach ca. 300 Metern links nach Aasen. Über einen gut befahrbaren Sandweg rollt mein Rad an Pferdekoppeln vorbei. Prächtige Tiere stehen dort ein. Auf der rechten Seite hat man von hier aus einen hervorragenden Blick über ein Fünf-Sterne-Superlativ, den Öschberghof. Das Hotel mit Golfclub wurde 1976 von Unternehmer Karl Albrecht erbaut und über die Jahre hinweg permanent vergrößert. Der vor mir liegende Platz ist ein echtes Superlativ: 45 Loch auf drei Golfplätzen ist weit und breit einmalig. Ich fahre leicht bergab und in der Talsohle geht es rechts ab mit Ziel Aasen. Der Weg führt direkt durch den Golfplatz, deswegen heißt es hier besonders aufmerksam zu sein. Das gepflegte Green, die Sandbunker und die wehenden Fahnen an den Löchern: Alles wirkt auf mich wie aus der Image-Broschüre, so perfekt sieht das Areal aus. Es geht wieder hinauf. Die knapp drei Kilometer ziehen sich. Von Weitem sehe ich einen Baum am Wegrand stehen. Ganz für sich. Der Wind bläst mir ins Gesicht. Gut, dass ich eine Radbrille trage. „Der einsame Baum“ trägt seinen Namen am Stamm. Ich trete ein paar Schritte zurück, um ein Foto aufzunehmen. Manchmal tut ein wenig „Einsamkeit“ auch gut, denke ich und mache mich wieder auf den Weg. Die Aussicht von hier ist sehr gut. Ich sehe die Ausläufer der Schwäbischen Alb auf der einen Seite, hinter mir den Wartenberg und im Westen den Schwarzwald. Um mich herum erstreckt sich die Baar. Ich folge den Schildern und es geht hinab durch den Ort Aasen. Er wurde 973 erstmals erwähnt. An der Einmündung zur Ostbaarstraße steht ein Brunnen. Ich biege ab in Richtung Donaueschingen und lasse Aasen hinter mir. Der neue Öschberghof mit seinen dunklen, klaren Gebäudestrukturen liegt nach wie vor in Sichtweite. Eine schöne Baumallee begleitet mich entlang des Weges in Richtung Ziel. Ich sehe die 120 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Silhouette von Donaueschingen, und fahre ein letztes Mal gegen den Wind über die B 27, vorbei am goldenen „M“ eines US-amerikanischen Fastfood-Restaurants. Auf gleicher Höhe steht eine Bank mit einem Wegkreuz, das an die Flurbereinigung 1985 erinnert. Darauf eine Tafel mit der Inschrift: „Herr, gib unseren Fluren Deinen Segen. Gib uns Sonnenschein und Regen.“ Wie wahr – wie wahr. Ein Plakat an der Einfahrt zur Donaueschinger Stadtmitte motiviert mich dann doch noch zu einem weiteren Abstecher: „Vollgas – Full Speed“ und ein goldener 911er sprechen mich an. Das Museum Art.Plus der Familie Biedermann zeigt zeitgenössische Kunst von internationalen Künstlern. Meine Radtour endet wie geplant am Diana-Brunnen vor der Fürstenberg-Brauerei. Der Brunnen erinnert an die 14 Besuche des deutschen Kaisers in der Stadt. Ich werde sicher wieder kommen und zu Fuß das Museum, die Fürstenberg-Sammlung und vieles mehr erkunden. Der jungen Donau entlang 121

 

 

 

Eine Radtour der vielen Möglichkeiten: VON VILLINGEN ZUM NIKOLAUSKIRCHLE 122

 

 

 

Ob sportlich oder genüsslich – ein Radausflug mit Familie, Freunden oder auch alleine ist nicht nur ein Naturerlebnis, sondern auch eine gesunde Sache: Das Herz-Kreislaufsystem wird gestärkt, der Kopf frei und man kann die Umgebung erkunden, fast ohne Schadstoffe zu produzieren. Der Schwarzwald mit seinem viele Tausend Kilometer langen, gut ausgeschilderten Radwegenetz bietet dafür unzählige Möglichkeiten. Ein Beispiel ist die hier beschriebene gut 30 Kilometer lange Tour: Sie führt über Obereschach, Neuhausen und Erdmannsweiler durch das Untere Glasbachtal bis zur Ruine Waldau und über einen Abstecher nach Buchenberg bis nach Königsfeld. Schließlich über Mönchweiler und Sommertshausen zurück zum Startpunkt. Egal, ob man mit dem E-Bike oder ausschließlich per Muskelkraft unterwegs ist: Durch die zahlreichen Sehenswürdigkeiten und mannigfaltigen Einkehrmöglichkeiten kann der Ausflug auf ausschließlich befestigten Wegen nahezu tagesfüllend ausfallen, ist für Eiligere aber auch in gut drei Stunden zu schaffen. Ebenso sind Teil-Etappen möglich. von Birgit Heinig Wir steigen am Rande des Villinger Wohngebietes Haslach auf dem Radweg aus dem Stadtzentrum und den Steinkreuzwiesen kommend ein und sind einmal mit und einmal ohne Motor unterwegs. Die ersten Meter radeln wir neben der Obereschacher Straße her. Wenn das Waldstück nach einer lang gezogenen Rechtskurve den herrlichen Blick freigibt auf Obereschach und die dahinterliegende Schwäbische Alb, kann man sich auf eine genussvolle Abfahrt freuen, die mitten in den Ortsteil von Villingen-Schwenningen mit seinen rund 1.700 Einwohnern führt. Nach dem Marbacher Kreisverkehr in der Talsohle lohnt sich ein kurzer Rechtsschwenk zum „Bruckburehof“ direkt gegenüber des Restaurants Schweizerhof. Der dortige Lehnsbauernhof der Villinger Johanniter wurde vermutlich 1705 gebaut. Der gewölbte Hochkeller gibt Hinweise auf eine Existenz seit 1651. Das Kulturdenkmal ist heute im Privatbesitz, wie man auf einer Infotafel nachlesen kann. Ein steiler, aber kurzer Anstieg auf der gegenüberliegenden Hangseite muss sein, wenn man sich auch gleich die St. Ulrich Kirche genauer ansehen möchte. 1821 errichtet, 1907 und 1981 renoviert, gilt sie als eine der schönsten Dorfkirchen der Umgebung und ist Teil der katholischen Seelsorgeeinheit „An der Eschach“. Von Neuhausen bis Erdmannsweiler Zurück im Sattel schwenken wir auf die Neuhauser Straße ein, teilen uns die Fahrbahn für ein kurzes Stück mit dem Autoverkehr, bevor wir linksseitig auf einen Radweg abbiegen, der uns direkt nach Neuhausen führt. Die wohl älteste Ansiedlung in der Gesamtgemeinde Königsfeld ist erstmals 1094 in der Gründungsschrift des Klosters St. Georgen erwähnt. Ganz in der Nähe – aber dafür müsste man in Richtung Königsfeld eine Anhöhe überwinden – sind sogar Reste alemannischer Gräber zu besichtigen. Wer den gut halbstündigen Umweg nicht scheut, erkundigt sich über den versteckt liegenden Ort am besten bei Einheimischen. Die Kirche St. Martin ist mit ihren alten Heiligenfiguren, dem Rippengewölbe im Chor von 1515/1520 und der historischen Orgel des französischen Orgelbauers Charles Mutin aber ebenso spannend. 1275 wurde St. Martin erstmals als eigenständige Pfarrei genannt. Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 123

 

 

 

Weiter geht es durch den Ort bei wenig Verkehr und bald wieder auf einem Radweg – einfach den Beschilderungen mit dem grünen Fahrrad folgen – in Richtung Erdmannsweiler. Bei guter Sicht ist auf der Höhe der Rottweiler Testturm für Aufzüge sichtbar. Auch die Ortsgeschichte von Erdmannsweiler ist eng mit dem einstigen Kloster St. Georgen verbunden. Der ursprüngliche Name „Ortinswilere“ geht auf den Namen Ortwin und dessen „vilare“ (Gehöft) zurück. Wer das war, dazu schweigen die Geschichtsbücher allerdings. Wir durchqueren den Ort entlang liebevoll angelegter Gärten und radeln zwischen goldenen Getreidefeldern weiter in Richtung Burgberg. Geschichtsträchtiges Burgberg Vor über 900 Jahren ließen sich hier die Herren von Burgberg nieder. Die Ruine „Weiberzahn“ KURZBESCHREIBUNG BUCHENBERG Strecke: 30 km Dauer reine Fahrzeit: 3 Stunden Dauer mit Pausen und Besichtigungen: ein Tag Höchster Punkt: 830 Meter über NN Tiefster Punkt: 690 Meter über NN Anforderung: leicht Fahrrad: E-Bike / Trecking-Fahrrad Radtour mit vielen Sehenswürdigkeiten und etlichen Möglichkeiten zum Einkehren. 124 BURGBERG ERDMANNSWEILER NEUHAUSEN KÖNIGSFELD MÖNCHWEILER OBERESCHACH SOMMERTSHAUSEN START/ENDE: VILLINGEN/ HASLACH VILLINGEN Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

auf der Bergnase zwischen Hörnlebach und Glasbachtal wäre einen weiteren Abstecher wert. Ebenso die Reste eines Wasserschlosses hinter dem nach langem Dornröschenschlaf gerade wieder in Betrieb genommenen Gasthof Kranz in der Ortsmitte. Der Kranz wurde 1486 als Haltestelle für Pferdefuhrwerke erbaut. Bis 1906 braute man hier Bier, eine Brennerei ist bis heute in Betrieb. Seit 1956 ist das Gasthaus in Besitz der Familie Schittenhelm. Wir lassen es rechts liegen, Auf der Höhe von Erdmannsweiler blickt man weit in die Schwäbische Alb hinein – Urlaub für die Augen. Der Blick zurück auf das einstige Wasserschloss von Burgberg lohnt. xyz 125

 

 

 

Die Burgruine Waldau. Der Bergfried ist fast völlig erhalten, es finden sich außerdem Reste der Ringmauer und des Ringgrabens. 126 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Blick über das Untere Glasbachtal. strampeln eine kleine Anhöhe hinauf und biegen rechts in das Untere Glasbachtal ab. Ein paar Pedal umdrehungen braucht es, bevor sich der Blick zurück auf den viereckigen Turm des zwischen 1200 und 1250 erbauten Wasserschlosses lohnt. Der war einst höher und mit einem Ziegeldach über einer Wohnstube ausgestattet. Die untere Etage beherbergte ein Gefängnis. Entlang des Hörnlebaches entstanden zu Zeiten der Burgherren viele Mühlen. Eine davon ist die 200 Jahre alte Nonnenmühle, die man auf der lichten und bei Sonnenschein angenehm schattigen Waldstraße bald erreicht. Bis vor 80 Jahren war sie noch in Betrieb. Ihr Name stammt nicht etwa von Ordensfrauen, die hier lebten, sondern, so vermuten die Historiker, entweder von dem Wort „Wunne“, wie damals eine hochgelegene Weide genannt wurde oder von hier weidenden, unfruchtbaren weiblichen Nutztieren, den „Nonnen“. Von der Burgruine Waldau bis nach Buchenberg Sobald wir den Wald verlassen und die L 177 überquert haben, sind die Burgruine Waldau und die Waldauschänke nicht zu übersehen. Im einstigen Beck-Hof, der um etwa 1822 vor die Ruine gebaut wurde und Ende der 1970er-Jahre in die Liste der Kulturdenkmale aufgenommen wurde, erhält der Radler nicht nur Getränke und eine Stärkung, auch der Akku des E-Bikes darf hier offiziell einen Schluck Strom nehmen, wie ein freundlich-gelbes Hinweisschild verspricht. Nur wenige Stufen sind es bis zur Ruine hinauf. 40 Cent in die Kasse werfen und schon fühlt man sich in die Zeit des Grafen von Urach zurückversetzt, einem Vorfahr der Fürstenberger, der die Burg zwischen 1218 und 1236 gründete. 1591 gehörten zu deren herrschaftlichem Besitz 27 Höfe der Vogteien Waldau-Buchenberg und Peterzell. Seit 1885 ist die Ruine im Besitz des Staates, der sie erhält. In jedem Sommer – außer im Coronajahr 2020 – werden in ihrem Hof Theater abende veranstaltet. Jetzt geht es kräftig den Berg hinauf – glücklich, wer hier auf seinem E-Bike eine Stufe höher schalten kann. Wir erreichen Martinsweiler, verschnaufen kurz und treten auf dem grünen Planweg weiter kräftig in die Pedale. Ein Blick Von Villingen zum Nikolauskirchle 127

 

 

 

Die stattliche Buchenberger Friedhofslinde – ein geschütztes Naturdenkmal. Links unten: Beliebter Treffpunkt für Hochzeitsund Taufgesellschaften ist die Nikolauskirche in Buchenberg. zurück auf die Burgruine und eine weithin sichtbare, herrlich geschwungene Landschaft lohnt sich, bevor wir in den Wald und auf der Höhe des Sportplatzes von Buchenberg wieder aus ihm herausfahren. Jetzt muss ein Abstecher sein: Es geht rechts hinab nach Buchenberg mit Einkehrmöglichkeit ins Café Rapp, links ein Blick auf die evangelische Dorfkirche. Sie wurde 1902 erbaut, als das St. Nikolaus-Kirchle, das wir jetzt ansteuern, zu klein geworden war. Hinter der ehemaligen Schule geht es den Berg hinab. Wer die kleine Kirche von innen sehen will, sollte sich zuvor im Rathausflur am Schlüsselbrett links über der Heizung die Zugangsmöglichkeit dazu verschaffen. Das Erstellungsjahr des vermutlich aus einer frühchristlichen Zelle entstandenen Kirchleins liegt im Dunklen, sie dürfte aber bereits über 800 Jahre alt sein, erfährt man durch eine Infotafel. Dass hier bis heute Trachtengottesdienste und sehr gerne auch Hochzeiten, Taufen und Konzerte stattfinden, kann man beim Anblick des idyllisch gelegenen historischen Gemäuers gut nachvollziehen. Erholungsparadies Königsfeld Jetzt müssen wir zurück zum Sportplatz von Buchenberg, um auf dem Radweg neben der Straße, am Landgasthof Schappelstube vorbei, im genussvollen Abfahrtsmodus und bei bester Weitsicht Königsfeld zu erreichen. Der anerkannt heilklimatische Kurort ist ein staatlich ausgezeichnetes Erholungsparadies – und mit seinen abwechslungsreichen Freizeitangeboten eigentlich eine eigene Reise wert. Mit dem Fahrrad machen wir heute lediglich den Schlenker zum Albert-Schweitzer-Museum. Das Museum befindet sich im früheren Wohnhaus von Schweitzer, das der berühmte Urwalddoktor und Organist 1923 für sich, seine Frau Helene und Tochter Rhena erbauen ließ. 128 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Oben: Die wertvollen Fresken im St. Nikolaus-Kirchle stammen aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts. Unten: Überall an der Strecke sind die hinreißend schönen Bauernhäuser zu bewundern, wie hier in Buchenberg mit der Dorfkirche im Hintergrund. xyz 129

 

 

 

Der Zinzendorfplatz in Königsfeld wurde nach historischem Vorbild in den Jahren 2018 und 2019 neu gestaltet. Hinten der Betsaal der Kirchengemeine. Dem legendären Haus schließt sich der Doniswald an, einst Bauernwald des Donishofes und vor 160 Jahren der erste Kurpark Königsfelds. Rücksichtsvoll schieben wir unsere Draht esel über die schattigen Fußwege, auf denen sich gerne Eichhörnchen anlocken lassen. Es geht an zahlreichen Ruhebänken und einer Kneippanlage vorbei und wir studieren die Tafeln, auf denen die hiesige Tierund Pflanzenwelt erläutert wird. Wir verlassen Königsfeld in südlicher Richtung und radeln auf einem asphaltierten Radweg parallel zur L 181 in Richtung Mönchweiler. Der Weg führt uns zu den Tannenhöfen und daran vorbei zum Wolfsteich. Hier lohnt eine letzte Rast auf den Bänken rund um den von Enten und Vögeln reich bevölkerten Fischweiher, bevor es bergan geht bis zur Straße, die Obereschach mit Mönchweiler verbindet. Wir überqueren sie und radeln entlang des Krebsgrabens und an Mönchweiler mit seinen 3.000 Einwohnern vorbei. Wir halten uns links und müssen noch einmal kräftig in die Pedale treten oder eine E-Bike-Stufe höher schalten. Ganz oben 130 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Die Ausstellung im ehemaligen Wohnhaus der Familie Schweitzer zeigt anschaulich das Leben und Werk von Albert Schweitzer. grüßt ein letzter Blick auf die Schwäbische Alb, denn wir nähern uns Sommertshausen, einem kleinen Weiler oberhalb von Obereschach. Unsere Rundtour beginnt sich zu schließen. Pferdeliebhaber schauen beim Schützenhof vorbei, einem Bauernhof, auf dem Kutschfahrten mit Schwarzwälder Rössern, Ponyreiten und Reitwanderungen angeboten werden. Dann erreichen wir wieder das Radwegenetz von Villingen-Schwenningen. Wenige Hundert Meter trennen uns von den Villinger Wohngebieten Haslach und Wöschhalde. Wir haben viel gesehen und gelernt, haben uns ausgiebig bewegt und mit Schwarzwälder Genüssen verwöhnt. Das nächste Mal fahren wir in Richtung Süden zu den Fürstenbergern rund um Donaueschingen. Unsere Heimat ist noch voller Überraschungen. Links: Das 3.000-Einwohner zählende Mönchweiler. Rechts: Blick auf Obereschach. xyz 131

 

 

 

DEN NECKAR ENTLANG INS NECKARTÄLE von Michael Kienzler 132 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Am Rande des Schwarzwald-Baar-Kreises, auf den Gemarkungen von Dauchingen und dem schwäbischen Deißlingen, liegt das Neckar täle. Dabei handelt es sich um ein landschaftliches Kleinod, das zum Wandern, Radfahren und einfach nur Ausruhen sowie die Natur genießen förmlich einlädt. Zugleich begegnet einem hier der in VS-Schwenningen entspringende Neckar erstmals als imposanter Fluss. Das Neckartäle ist von vielen Orten aus erreichbar und eines haben die Touren gemeinsam: Sie sind gespickt mit wunderbaren Aussichtspunkten und führen durch eindrucksvolle Landschaften. Die hier beschriebene Radtour führt von Brigachtal aus zur Quelle des Neckars, schließlich ins Neckartäle und zurück. „Kennst du das Neckartäle“, fragt mein Bruder am Telefon. „Eigentlich kenne ich mich im Schwarzwald-Baar-Kreis gut aus, aber im Neckar täle war ich noch nie“, entgegne ich – und der Entschluss zu einer Erkundungstour steht fest. Obwohl wir beide gerne wandern, wollen wir die Tour mit dem Rad machen. Ich mit dem E-Bike, mein Bruder mit einem „normalen“ Rad. Wir checken die Tour mit einer bedienerfreundlichen „App“, die Planung ist heutzutage kein Problem mehr. Unsere Tour führt über 46 Kilometer, wir fahren Teilstücke auf dem Neckartal-Radweg und werden am Ende 450 Höhenmeter knacken. Aber das sollte mit dem E-Bike kein Problem sein. Start auf dem Brigachtaler Dorfplatz Startpunkt ist der Dorfplatz in Brigachtal. Die Sonne „knallt“ an diesem Augusttag förmlich vom Himmel, da kommt eine Voraberfrischung am schmucken Brunnen auf dem schönen Platz gerade recht. Brigachtal blickt auf eine über 1.200-jährige Geschichte und liegt günstig zwischen Villingen, Donaueschingen und Bad Dürrheim. Die Gemeinde besteht seit der Gemeindereform 1974 aus den ehemals selbstständigen Gemeinden Kirchdorf, Klengen und Überauchen Im Neckartäle bei Dauchingen begegnet einem der junge Neckar erstmals als Fluss. und gehört zum Naturpark Südschwarzwald. Sehenswert ist die mittelalterliche Pfarrkirche St. Martin und das sehenswerte Heimatmuseum im Ortsteil Überauchen. Beim großen Brand von Klengen 1893 wurden dort 122 Gebäude ganz oder teilweise zerstört. Der Name der Gemeinde ist an die Brigach angelehnt, die durch die Talaue fließt. Wer Strom an seinem E-Bike sparen will, kann bequem mit dem Ringzug anreisen, dieser hält sowohl in Kirchdorf als auch in Klengen. Ein letzter Check der Räder, die Akkus sind voll, der Helm sitzt und motiviert sind wir auch. Zwischen Rathaus und der St. Martinskirche geht es links raus auf die St. Gallus-Straße. Nach wenigen Metern queren wir die Essy-les-NancyStraße, es geht vorbei am Lebensmittelgeschäft, gegenüber glitzert ein Berg von Aluminium, er ragt aus einem Recyclingwerk auf. Über die Herrenstraße und den Rupertsweg kommen wir zur Hauptstraße. Wir fahren rechts runter, nach wenigen Metern biegen wir bei der auf einer kleinen Anhöhe liegenden Klengener Blasiuskirche – die 1388 erstmals urkundlich erwähnt wurde – links auf die Ringstraße ab. Bei einer Bäckerei könnte man sich nochmals verpflegen, aber wir haben alles an Bord. Vor einem Fahrradgeschäft tummeln sich Kunden und schauen sich Räder an. Noch einmal rechts um die Ecke, dann zeigt sich erstmals, wie es um unsere Kondition bestellt ist. Es geht von etwa 700 Metern steil durch ein Wohngebiet die Hochstraße auf 920 Höhenmeter hinauf. Die Straße ist ein Teilstück der Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar 133

 

 

 

Links: Beim „Käppele Kirchdorf“. Unten: Morgenstunden auf der Baar. Ich schalte an meinem E-Bike schnell auf den Sportmodus, nach 100 Metern werden die Tritte trotzdem schwerer, der Turbogang muss her. Problemlos hänge ich jetzt meinen Mitfahrer mit seinem stromlosen Mountainbike ab. Blick über die Baar Etwas großspurig warte ich oben auf 920 Höhenmetern beim „Käppele Kirchdorf“ auf seine Ankunft. Es bleibt etwas Zeit, die zwischen zwei Bäumen liegende Kapelle anzuschauen. Ursprünglich aus einem von Schweizer Fuhrleuten gestifteten Bildstock entstanden, bauten Heimkehrer aus dem Zweiten Weltkrieg die Kapelle zu einer Gedenkstätte aus. Drei Wege führen von hier weiter, wir nehmen die goldene früheren Handelsstraße von Frankfurt über die Schweiz nach Italien. Das finde ich schon sehr interessant. Aber für Nostalgie bleibt nicht viel Zeit. Der Berg ruft und kennt keine Gnade.

 

 

 

Mitte und radeln gut 500 Meter den asphaltierten Weg entlang. Auf halber Strecke muss ich anhalten, zu schön ist von hier der Blick über die Baar in Richtung Bad Dürrheim und Donaueschingen. Ein Foto lohnt sich allemal. An der nächsten Kreuzung biegen wir links auf die Siedlerstraße ab. Schon von Weitem fällt die hübsche St. Josefs kapelle ins Auge. Kurz danach biegen wir rechts ab, auf der abschüssigen Straße können wir erneut den Blick über die schöne Baar-Landschaft genießen. Etwa bei der Hälfte der Abfahrt entschließen wir uns dazu, an einer Bank eine Trinkpause einzulegen. Nanu, was für wunderfitzige Geschöpfe schauen da wenige Meter entfernt aus einem grünen Zelt? Es sind Alpakas, die sich vor der glühenden Mittagssonne in das schattige Zelt zurückgezogen haben. Irgendwie sind das lustige Tierchen. Wieder aufgesessen, schalte ich den Elektroantrieb aus und rolle gemütlich weiter, bis wir auf die Römerstraße stoßen. Links abgebogen, schaffe ich die nächsten drei Kilometer locker im Eco-Modus. Es geht vorbei an Sonnenblumen und Getreidefeldern. Immer wieder kreisen Bussarde oder Falken rütteln stehend in der Luft, um nach Nahrung Ausschau zu halten. Abstecher ins Naturschutzgebiet Schwenninger Moos Die Ruhe wird durch entfernt fahrende Autos unterbrochen. Wir gelangen an die Schaffhauser Straße, die Verbindungsstraße von der B 33 nach Marbach. Augen auf bei der Überquerung heißt es hier, aber wir müssen zum Glück nicht absteigen und können die Fahrt zügig fortsetzen. Nach wenigen Hundert Metern und einem leichten Anstieg sehen wir Zollhaus vor uns liegen. 1736 entstand zwischen Villingen und Schwenningen die erste Zollstation des Königreichs Württemberg und des Großherzogtums Baden, die dem Ort auch den Namen Zollhaus gab. Wer schon einen ersten kleinen Hunger verspürt oder Lust auf ein Stück Kuchen hat, kann hier im Café Hildebrand einkehren. Wir KURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 46 km Dauer: ca. 3,5 Stunden reine Fahrzeit Pausen: Zollhaus: Café, Schwenningen: Neckarquelle, Neckartäle, Brigachtal Höchster Punkt: 790 Meter über NN Tiefster Punkt: 629 Meter über NN Anforderung: mittel Fahrrad: E-Bike / Mountain-Bike Aussichtsreiche Rundtour mit vielen Sehenswürdigkeiten und einigen Möglichkeiten zum Einkehren. WEILERSBACH DAUCHINGEN VILLINGEN SCHWENNINGEN MARBACH ZOLLHAUS START/ENDE: BRIGACHTAL/KLENGEN xyz 135

 

 

 

Links: Eine buddhistische Stúpa, auch Friedenspagode genannt, findet sich in Zollhaus. erholen kann und erhalten bleibt. Im Schwenninger Moos entspringt mit dem Neckar eine Lebensader von Baden-Württemberg. Die historische Neckarquelle kann man wenige Hundert Meter weiter im Stadtpark Möglingshöhe besichtigen. An der Neckarquelle Einige Jogger drehen gerade ihre Runden, genauso wie eine Handvoll Enten auf dem Wasser. „Einfach herrlich hier“, sagt mein Bruder zurecht. Nach einigen Minuten entschließen wir uns zur Weiterfahrt. Auf einem gut gekennzeichneten Radweg passieren wir den Eishockeytempel der Wild Wings. Vor dem Gebäude absolviert eine Jugendmannschaft einige Trockenübungen. Nach etwa 300 Metern und einem leichten Schlenker nach links geht es unter der Straße durch auf das ehemalige Landesgartenschaugelände. Auf einem geraden Stück gelangen wir zur schön gestalteten Neckar quelle. Gleich daneben besteht die Möglichkeit zur Einkehr, die wir sehr gerne nutzen. Unter dem Motto „Die Natur verbindet“ fand in Villingen-Schwenningen im Jahr 2010 die Landesgartenschau statt. 1,1 Millionen Besucher sahen die Schau. Neue Grünflächen wurden im Bereich des Schwenninger Bahnhofsgeländes geschaffen; bestehende Anlagen wie die Möglingshöhe in Schwenningen sowie das Hubenloch, die Ringanlagen und das Brigachufer in Villingen wurden aufgewertet. Diese Flächen dienen auch über das Jahr 2010 hinaus der Naherholung und ebenso der Vermarktung für Hochschulund Wohnbaunutzung. Ich erinnere mich noch gut an das Brachland davor. Bei der Weiterfahrt entlang von Wohnanlagen und herrlichen Blumenbeeten begegnen uns viele Menschen, die spazieren gehen oder Sport treiben. Vor uns tauchen zwei Türme fahren jedoch rechts weg, um dann nach wenigen Metern auf den Radweg einzubiegen, der nach Schwenningen führt. Die Strecke ist schön flach, rechter Hand können wir einen Blick auf das Industriegebiet Bad Dürrheim werfen. In einiger Entfernung ist auch ein Solarpark zu erkennen, dann wird es „schlagartig finster“: Die offene Landschaft weicht einem dichten Wald. Ein Stück entlang der Ringzugstrecke gelangen wir auf einem schönen Weg zum Schwenninger Moos. Wir haben bereits etwa zehn Kilometer der Gesamtstrecke absolviert. „Lass uns das Moos kurz ansehen“, schlage ich vor. Gesagt, getan. Die Räder müssen allerdings am Zugang zum Moos gut gesichert auf uns warten. Das 1939 gegründete Naturschutzgebiet Schwenninger Moos, ein nacheiszeitliches Moor, blickt auf eine etwa 4.000-jährige Geschichte zurück. Etwa 200 Jahre wurde hier Torf abgebaut und das Moor dazu entwässert. Doch ohne Wasser kann ein Moor nicht leben, über 50 Sperren wurden in den letzten Jahrzehnten errichtet, um das Wasser wieder länger im Moor zu halten, sodass es sich 136 Den Neckar entlang ins Neckartäle

 

 

 

Die historische Neckarquelle im Stadtpark Möglingshöhe. xyz 137

 

 

 

Zwei Wahrzeichen von Schwenningen: Im Vordergrund der restaurierte Bürk-Uhrenturm und hinten der Neckar tower, das aktuell höchste Wohnhaus im Schwarzwald-Baar-Kreis. auf, beide sind sie auf ihre Art zu Wahrzeichen von Schwenningen geworden. Vorne ist es der restaurierte Uhrenturm der Firma Jäckle und weiter hinten der Neckartower. Modern trifft auf Geschichte – eine perfekte Mischung denke ich, während wir gemütlich den Uhrenturm passieren. Am Neckartal-Radweg entlang Am Ende des Weges sehen wir das ehemalige Stellwerk, dort biegen wir scharf rechts ab, radeln über die Brücke und fahren gleich wieder links. Erst dann können wir den Anblick der im März 2019 eröffneten neuen Neckarhalle genießen. Vorbei am Neckartower geht es dem Rad-Hinweisschild folgend nach einer Unterführung über den dortigen Zebrastreifen. Wer möchte, kann jetzt noch einen Abstecher auf ein Eis in die Schwenninger Innenstadt machen. Wir fahren jedoch weiter entlang der Neckaroffenlegung. Wohnhäuser prägen links das Bild, schöne Natur liegt rechts des Weges. Bänke laden zum Verweilen ein. Der Weg ist nicht allzu breit, deshalb müssen wir aufpassen, immer wieder begegnen uns Fußgänger und Radfahrer. Nach einigen Hundert Metern halten wir an einem Hinweisschild. „Na also, Neckartäle geradeaus“, sage ich zufrieden zu meinem Bruder. Sechs Kilometer werden angezeigt. Weiter auf dem schmalen Weg gelangen wir auf eine Straße, die nahe beim Industriegebiet Ost liegt. Wir folgen dem Radwegschild nach rechts „In Rammelswiesen“. Dadurch vermeiden wir die Fahrt 138 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

entlang der viel befahrenen Rottweiler Straße. Der Weg führt zum Schwenninger Flugplatz. Wir halten an der Weggabelung mit den vielen Hinweisschildern und checken erst mal, wo die Wege überall hinführen. Nach jetzt gefahrenen knapp 17 Kilometern ist es auch an der Zeit, wieder einen Schluck Wasser zu nehmen. Unter der Unterführung durch geht ein schöner breiter Weg entlang des Flugplatzes. Hinter der Landebahn ist das Internationale Luftfahrt-Museum zu sehen, davor grasen in aller Ruhe einige Schafe auf einer Wiese. „Guck mal da“, ruft mir mein Bruder zu. Ein kleines Flugzeug befindet sich im Landeanflug auf Schwenningen. Es schaukelt etwas hin und her, aber setzt dann sicher auf. Auf meinem E-Bike ist mittlerweile einer von fünf Balken erloschen. Damit kann ich leben, zumal es jetzt noch ein Stück flach bleibt. Die offene Landschaft wechselt. Links Wälder, rechts die Ringzug-Strecke. Und wir bekommen noch eine kostenlose Dusche, als wir an einem bewässerten Holzpolter vorbei müssen. Weil es so schön war, fahren wir noch mal zurück und genießen die Erfrischung an diesem warmen Tag. Einige Meter weiter baden Kinder im angrenzenden Neckar. Die Strecke führt entlang der Kreisgrenzen Schwarzwald-Baar und Rottweil. Plötzlich entdecken wir ein Hinweisschild „Neckartäle“, das links in den Wald zeigt. Eigentlich zeigt unsere Rad-App geradeaus. Oder ist das Schild ein bissel zu schräg angebracht? Aber wir sind ja auch Entdecker, also testen wir den Weg, der zunächst durch dichten Wald führt. Es wird heller und vor uns taucht die Verbandskläranlage des Abwasserzweckverbandes Oberer Neckar auf. Schopfelen heißt das Gebiet. Die Kläranlage wird seit 1978 als mechanisch-biologische Kläranlage betrieben und reinigt das Abwasser der Stadtbezirke Schwenningen, Mühlhausen und Weigheim, der Gemeinde Dauchingen sowie der Bereiche Trossingen-West und Deißlingen-Mittelhardt. Es geht über den etwas schwerer befahrbaren Wiesenweg etwas bergauf. Der Sportgang muss her. Nach einem Maisfeld biegen wir rechts ab und gelangen nach kurzer Zeit wieder Der naturnah gestaltete Neckar in Schwenningen. Der Schwenninger Flugplatz mit Luftfahrt-Museum. Den Neckar entlang ins Neckartäle 139

 

 

 

Fotos auf dieser Doppelseite: Impressionen aus dem Neckartäle, links das Tor, das den Eingang zur Talmühle freigibt. Im Neckartäle grenzt auch Baden an Württemberg, was ein Grenzstein bezeugt. Wildromantisches Neckartäle Weiter geht’s. Da der Weg hier wieder breiter wird, können wir auch mit den Rädern gut fahren. Es geht in den Wald und nach wenigen Metern rechts den Berg abwärts. Hier heißt es aufpassen, auf dem Weg liegen Steine und Äste. Unser nächster Stopp ist an einer Weggabelung. Hier kann man nach links, am Sportplatz vorbei, nach Dauchingen. Aber wir wollen natürlich in das Neckartäle. Nur noch wenige Hundert Meter trennen uns von unserem Ziel. Aber noch halten wir die Konzentration hoch, denn es geht einen abschüssigen Weg hinunter, bevor wir in der Talaue und am Festplatz ankommen. Rechts ist eine große ebene Fläche zu erkennen, wir entdecken in kurzer Entfernung hinter Baumreihen eine offene Landschaft, das Neckartäle. Geschafft! Der Weg führt in Richtung einer kleinen Brücke. Es ist ein erhebender Anblick, wenn man aus dem dunklen Wald in dieses wild-romantische Gebiet fährt. Ruhig fließt hier der Neckar, Insekten schwirren um die Blumen entlang des Flusslaufes. Herrlich! Zeit für Rast und Genuss. Der etwa 367 km lange Neckar wird als viertgrößter Nebenfluss des Rheins im Dauchinger Neckartäle badisch. Sieben Kilometer des 444 km langen Neckarweges, der 618 Höhenmeter vom württembergischen Neckarursprung im Schwenninger Moos (705 m/NN) bis zur Mündung bei Mannheim (ca. 87 m/NN) abgibt, verlaufen auf Dauchinger Gemarkung. Das besonders im oberen Teil sehr ursprünglich wirkende Neckartäle bietet dem Wanderer ursprüngliche, wild-romantische Natur pur. Der Neckar fließt hier am Fuß von steilen Felswänden entlang. Wir genießen ein zünftiges Vesper. Ich schlage vor, dass wir noch ein Stück durch das Neckartäle in Richtung Deißlingen fahren und uns auf dem Weg dorthin den Steinbruch anschauen. Über eine Brücke führt ein Pfad weiter, der ist aber für Räder nicht geeignet. Deshalb fahren wir ein paar Meter zurück Richtung Wald auf einen besseren Weg, der uns geradewegs an die Deißlinger Straße führt. Wir überqueren die Verbindungsstraße von Dauchingen nach Deißlingen und fahren nach links, nur wenige Meter, bevor wir ein Hinweisschild „Talmühle“ sehen, das nach rechts zeigt. Gerne folgen wir der Aufforderung. Es dauert nur Sekunden, bis sich auf dem leicht abschüssigen und geteerten Weg der Blick in ein schönes Tal bietet. Am Wanderparkplatz mit dem Wander-Hinweisschild halten wir. Es geht weiter leicht bergab, der Schatten tut uns gut an dem Tag. Dann gelangen wir an ein großes Tor, das zur Talmühle gehört. Aufgrund eines Disputs über den Wegeverlauf des Neckarwanderweges zwischen den Gemeinden Dauchingen und Deißlingen ist hier leider Endstation für Wanderer und Radfahrer. Wir stärken uns noch mal mit Flüssigkeit und machen einige Fotos. Dann entscheiden wir uns, unsere Räder zu schieben. Bei der dortigen schmucken Hütte geht es entlang einer Pferdekoppel steil bergauf, fahren ist schier unmöglich. Aber es sind nur etwa 200 Meter. Oben angelangt wird die Anstrengung mit einem schönen Blick über das Tal belohnt. Wir setzen uns auf die dortige Bank und atmen durch. Etwa 22 Kilometer haben wir jetzt hinter uns. 140 Den Neckar entlang ins Neckartäle

 

 

 

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Der Steinbruch im Neckartäle bei Deißlingen. und biegen rechts ab. „Im Neckartäle“ steht auf einem Holzschild in roter Schrift. Nach einer Schranke führt der Weg leicht abschüssig entlang des Neckars, der sich rechts tief im Tal schlängelt. Es dauert auch nicht lange, bis linker Hand der Steinbruch auftaucht. Der kurze Abstecher auf Deißlinger Gemarkung hat sich gelohnt! Schnell noch ein Foto, dann kehren wir wieder um und folgen nach einer kleinen Brücke dem Hinweisschild in Richtung Niedereschach und Schwenningen. Nach einem Anstieg, bei dem ich wieder den Sportmodus an meinem E-Bike einschalte, geht es rechts über einen relativ ebenen Weg entspannt durch eine abwechslungsreiche Waldpassage mit lichten Stellen. Jetzt teilt sich der Weg noch einmal, dabei entscheiden wir uns für die linke Variante. Nach kurzer Zeit ist der Wald passé und wir radeln in Richtung Nieder eschacher Straße, danach halten wir uns rechts. Nach dem Haslenhof überqueren wir die Straße nach links und setzen unsere Tour über einen schönen ebenen Waldweg fort. Plötzlich hält mein Mitfahrer an und deutet in die Wiese. Dort äsen zwei Rehe am helllichten Tag. Sie haben uns schon bemerkt und schauen neugierig in unsere Richtung. Nach einigen Sekunden wird es den beiden Tieren zu bunt und sie zischen blitzschnell ab ins Gebüsch. Abstecher zu den Bertholdshöfen Der Weg teilt sich nach einigen Hundert Metern, wir halten uns rechts und genießen die kühle Waldluft. Auf einer Anhöhe zeigt uns der Wegweiser mehrere Möglichkeiten an. Niedereschach oder die Ruine Wildenstein? Die wären in sechs Kilometern Entfernung. Ich schlage aber vor, dass wir über Weilersbach Richtung Brigachtal fahren. Zumal ich den leisen Verdacht habe, dass mein Akku einen größeren Umweg nicht mitmacht. Ein weiterer Balken ist aufgebraucht. Bei der Weiterfahrt empfängt uns eine herrlich offene Landschaft mit einzelnen Laubbäumen oder Maisfeldern. Nach knapp über zwei Kilometern kommen wir in Weilersbach an und biegen auf den Reschenhardweg ein für etwa 142 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

 

Windrad bei Weilersbach. Unten rechts: Gleich mehrfach führt die Tour durch angenehm schattige Wälder. 200 Meter. Dann geht es scharf links auf ein kurzes Stück der Grundstraße. Einem einzeln stehenden Laubbaum kann ich nicht widerstehen und halte für ein Foto. Wir entscheiden uns rechts weiterzufahren, linker Hand sehen wir noch mal Dauchingen, bevor wir eine zünftige Abfahrt genießen können. Nach einem kleinen Anstieg folgen wir nach einem Bauernhof dem asphaltierten Sträßchen. In der Ferne sieht man schon das markante Windrad, das uns zeigt, dass wir noch in der Nähe von Weilersbach sind und uns dem Industriegebiet Herdenen nähern. Wir überqueren die Weilenbühlstraße Richtung Windrad. Auf einem Bänkchen gibt es nochmals einen Schluck Wasser, bevor es am Industriegebiet Herdenen vorbei auf einem asphaltierten Radweg abwärts geht. Bei einer Firma machen Mitarbeiter Pause und winken uns freundlich zu. Nach kurzer Zeit erreichen wir den Schwenninger Nordring. Mein Mitfahrer hat die Idee, das Sonnenblumenfeld des Gartenbaubetriebes Wildi anzuschauen. Wir machen uns auf den Weg, zumal es nicht weit von uns entfernt liegt. Über den Den Neckar entlang ins Neckartäle 143

 

 

 

Das viel besuchte Sonnenblumenfeld des Gartenbaubetriebes Wildi kurz vor VS-Villingen, hinten das Schwarzwald-Baar Klinikum. Radweg vorbei am Schwarzwald-Baar Klinikum und dem Kreisverkehr gelangen wir erneut auf einen Radweg, der uns zu den Bertholdshöfen führt. Der Abstecher lohnt sich, Tausende Sonnenblumen so weit das Auge reicht. Es ist viel los an diesem Nachmittag. Jeder will ein Foto mit den knallgelben Blumen machen oder einfach nur die Liegegelegenheiten nutzen und entspannen. Weiter geht es über die Bertholdshöfe Richtung Villingen. Am Zollhäusleweg passieren wir die Überführung der B 33 und sehen rechter Hand schon das schöne Villingen und davor liegend die markante Gaskugel. Alle zehn Jahre wird der kugelförmige Erdgasspeicher der Stadtwerke Villingen-Schwenningen für technische Überprüfungen geleert. Mehrere Musiker nutzten im Juni 2003 die Gelegenheit, um im Inneren der 25 Meter hohen Stahlkugel mit Geräuschen, Musik und Sprache zu improvisieren. Auch hier mache ich natürlich noch mal ein Foto, bevor wir links hoch und gleich rechts in Richtung Straßburger Straße radeln. Nach einer holprigen Abfahrt überqueren wir diese Straße, dann geht es nach wenigen Metern rechts runter auf einen Radweg direkt nach Marbach. In Marbach ist nochmal Zeit für ein Bild vom schönen Rathaus. Der Ort mit seinen etwa 2.000 Einwohnern ist seit der Gemeindereform 1974 ein Stadtteil von Villingen-Schwenningen und wurde erstmals 144

 

 

 

Links: Hölzerner Wegweiser bei Marbach. Rechts der frühere Marbacher Bahnhof. Unten: Bei der Gaskugel kurz vor VS-Villingen. um 1200 erwähnt. Marbach liegt südlich von Villingen am Ostufer der Brigach und zu beiden Seiten des Talbaches. Heimkehr nach 46 Kilometern Der Blick auf meine Akkuanzeige verheißt nichts Gutes. Über die Kirchdorfer Straße und Steinwiesenstraße gelangen wir auf dem Radweg nach links in Richtung Brigachtal. Es geht schön flach weiter, zwei Anstiege am Ende der Bahnhofstraße und der Mühlenstraße ziehen den letzten Strom aus meinem Akku, und so muss ich die letzten Meter ohne elektrische Unterstützung zurücklegen. Aber das schaffe ich auch noch… Nach 3,5 Stunden und 46 Kilometern erreichen wir wieder den Ausgangspunkt. In Brigachtal gibt es mehrere Einkehrmöglichkeiten. Wir entscheiden uns für das Café im Dorf. Bei einem zünftigen Essen und kalten Getränken lassen wir unsere Eindrücke noch einmal Revue passieren. Unser Fazit: Das Neckartäle ist ein wunderschöner Ort im Schwarzwald-Baar-Kreis, den man unbedingt gesehen haben sollte. Ein richtiges Kleinod, das mit dem E-Bike gut zu erreichen ist. Und das Beispiel meines Bruders zeigt, dass das auch ganz ohne elektrischen Antrieb möglich ist. Vorausgesetzt, die eigene Fitness passt. 145

 

 

 

Der neu angelegte Kurpark — lebendige, vielgestaltige Mitte des Skidorfs Schonach 146 4. Kapitel – Städte und Gemeinden

 

 

 

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von Claudius Eberl Das Gewann Langmatte war früher Grünland, das landwirtschaftlich genutzt wurde. Anfang der 1970er-Jahre fasste die Gemeinde den Entschluss, den bereits länger bestehenden Kurpark bei der Schule größer zu dimensionieren und in die Langmatte zu verlegen. Im selben Zug wurde das Haus des Gastes erbaut. Mit den Jahren nagte allerdings mehr und mehr der Zahn der Zeit an der Anlage: 2012 beschloss die Gemeinde eine Generalsanierung. Die Maßnahme sollte ebenso die Fortführung der Umgestaltung der Ortsmitte werden. 2010 hatte die Gemeinde ihr neues Rathaus eingeweiht, das Areal in der Schulstraße wurde samt Schulhof saniert und neugestaltet. Bürgermeister Frey bat die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt aus Nürtingen darum, dass deren Studenten diverse Vorschläge zur Umgestaltung ausarbeiten sollen. Diese präsentierten dem Gemeinderat insgesamt zwölf Konzepte. Die Gesamtplanungen übertrugen die Verantwortlichen dem Schonacher Architekten-Duo Thomas Spath und Christian Kuner, ihnen zur Seite stand das Planungsbüro Planwerk Gehle aus Lahr. Die Bevölkerung war von den Plänen begeistert. Im Oktober 2016 startete der Umbau der Kuranlage. Knapp drei Jahre Bauzeit Am 13. Juli 2019 konnte der neue Kurpark nach knapp drei Jahren Bauzeit in seiner Ganzheit eröffnet werden. Rund 5.433 Quadratmeter Pflastersteine wurden verlegt, 25.560 Kubikmeter Erde bewegt. Aus dem Kurpark ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ort für Spiel und Spaß geworden. Es gibt mehrere Zugänge, doch der Haupteingang führt direkt am Minigolfplatz vorbei. Diese Anlage stand bei der Neuplanung nie infrage, denn sie wird auch heute noch rege genutzt. Hinter dem Minigolfplatz gelegen findet man das Kneippbad, vor allem an heißen Sommertagen ein Geheimtipp! Hier fließt herrlich kaltes Wasser direkt aus dem Turntalbach ein und verschafft eine willkommene Erfrischung. Von hier aus hat man auch einen Highlight ist der Turm mit zwei Rutschen. Dieser ist in Form eines Strohhutes ausgeführt, wie er zur Schonacher Tracht gehört. Er kann bis in die Spitze hinein beklettert werden. guten Blick auf die Fassade der ehemaligen Strohhutfabrik Sauter. Einst wurde die ganze Welt von hier aus mit Strohhüten und -schuhen beliefert. Anfänglich war geplant, den Industriebau abzureißen und einen direkten Durchgang zum Kurpark vom Rathaus her zu schaffen. Die wertvollen und einmaligen Gerätschaften der Strohhutfabrik sollten in einem Neubau präsentiert werden. Der Durchgang sollte dann mitten durch den Neubau führen. Allerdings machte anfänglich die Denkmalpflege einen Strich durch die Rechnung, später auch die immensen Kosten. Neuer Kinderspielplatz mit 660 Quadratmeter Spielfläche und unterschiedlichen Highlights Gegenüber der Minigolf-Anlage entstand ein neuer Kinderspielplatz, dessen Rand große und schön geschnitzte Tannenzapfen schmücken. Wasser, der Schwarzwald und tolle Spielgeräte sind hier ein großes Thema. Rund 660 Quadratmeter Spielfläche stehen den Kindern zur Verfügung. Highlight ist der Turm mit zwei Rutschen. Dieser ist in Form eines Strohhutes ausgeführt, wie er zur Schonacher Tracht gehört. Er kann bis in die Spitze hinein beklettert werden. Vom nebenan liegenden Turntalbach fließt Wasser über einen Zulauf und Holzrinnen auf den Spielplatz. Es treibt dort Wasserräder an oder kann gestaut werden. Und am Kurparkweiher gibt es ein Holzfloß, das mithilfe eines Seils über den See gezogen werden kann. Insgesamt ein klasse Spielplatz für Wasserratten und Sandflöhe. Allerdings: Kinder und Gewässer, das birgt immer ein Gefahrenpotenzial. Das wollte man seitens der Planer möglichst minimieren. Aus diesem Grund hatte man die Zone, in der das Holzfloß fährt, zum restlichen See weitläufig 148 Städte und Gemeinden

 

 

 

Barfuss durchs Wasser oder mit dem Floß ans andere Ufer gleiten – der neue Schonacher Kurpark bietet Kindern eine Vielzahl an Spielmöglichkeiten und wird auch deshalb besonders stark frequentiert. Schonachs neuer Kurpark 149

 

 

 

mit Steinquadern abgegrenzt. Nun fährt das Floß durch eine 40 Zentimeter tiefe Flachwasserzone, wer hier ins Wasser fällt, dem droht keine große Gefahr. Die Flachwasserzone ist übrigens mit Kiesel-Steinen befüllt, sodass sie auch barfusstauglich ist. Ein Angebot, das nicht nur von Kindern gerne angenommen wird. Direkt anschließend an den Kinderspielplatz ist eine große Seeterrasse aus Holz und Metall entstanden. Lange Sitzbänke wurden zum Kinderspielplatz hin ausgerichtet, hier können Eltern gemütlich sitzend ihre Kinder im Auge behalten. Auch zum See hin gibt es Sitzmöglichkeiten. Die ganze Anlage wurde mit Rankgittern versehen, in einigen Jahren werden hier Pflanzen für ein schattiges Plätzchen sorgen. Weiterführend am See entlang hat man große Sitzund Liegebänke aus Holz installiert, die zum einen tolle Entspannungsmöglichkeiten bieten, vor allem aber sollen sie auch eine Sperre bilden. Denn auf dem großen gepflasterten Areal unterhalb des Haus des Gastes spielen viele Kinder. Hier stehen Laufräder zur Verfügung. Bistro im Kurpark wird zu beliebtem Treffpunkt für Jung und Alt Es bot sich an, den Park auch mit einer Gastronomie zu versehen. Im Anfangsstadium der Planungen sah man dafür einen kleinen Kiosk vor, Der angedachte Kiosk hat sich in Birgit‘s Bistro, eine vollwertige gastronomische Einrichtung, verwandelt. der seinen Platz im ehemaligen Kassenhaus der Minigolfanlage finden sollte. Doch irgendwie passte das nicht zu den großen Plänen, es musste etwas anderes her. So wurde aus dem Kiosk eine vollwertige gastronomische Einrichtung. Birgit‘s Bistro, benannt nach der Pächterin Birgit Duffner, wurde in Absprache mit der Pächterin als tageslichtdurchfluteter Raum gestaltet. An zwei Seiten komplett mit Glas verkleidet, bietet es Blicke in den Park und auf den Kurparksee. Hell und freundlich ist die Innenausstattung ausgeführt. Ein weiteres Highlight stellt die an der Rückwand angebrachte Silhouette des Westweges von Pforzheim nach Basel dar. Im Innenraum bietet die Gastronomie 45 Sitzplätze, im Außenbereich 24. Die Wirtin und ihr Team servieren hier den Gästen kleine Speisen, Cocktails, Eis und vor allem hausgemachten Kuchen. Schon heute ist das Bistro zu einem beliebten Treffpunkt für Jung und Alt geworden und wird auch gerne für festliche Anlässe genutzt. Die Sitzbänke im neuen Kurpark werden links und rechts jeweils durch Granitblöcke gestützt. Gestaltet wurden sie von Carina und Lukas Spath, sprich der Schonacher Firma Holzdesign Spath. Eine gelungene Anknüpfung an die Heimat Schwarzwald stellen ebenso die großen hölzernen Tannenzapfen dar. 150 Städte und Gemeinden

 

 

 

Überhaupt, die Ecke unterhalb des Kurparks ist die belebteste Zone. Natürlich beeinflusst vom Bistro und dem Kinderspielplatz, aber ebenso vom Beachvolleyballfeld. Dieses hat sich mittlerweile zum Treffpunkt der jüngeren Generation entwickelt. Es gibt kaum einen Abend bei schönem Wetter, an dem nicht gepritscht, gebloggt und geschmettert wird. Lichtbögen sorgen für schönes Ambiente Die beiden Gewässer des Parks kann man auf einer Art Steg überqueren. Der Übergang zwischen den beiden Gewässern ist mit Holzbohlen belegt, der restliche Weg ist gepflastert. Das ist aber nicht die Besonderheit, die liegt vielmehr zum einen in der langen Sitzbank, die sich über den gesamten Steg zieht und in den Lichtbögen. Sechs dieser Lichtbögen spannen sich über den Steg und sorgen nachts für ein zauberhaftes Ambiente. Zwischen den Lichtbögen hat man Rank-Gerüste angebracht, die bepflanzt wurden und so später einmal eine Art Laubengang bilden sollen. Unterhalb des Dammes hält sich sehr gerne der Fischbesatz des Mühlenweihers auf. Der Angelverein Schwarzwaldquelle e. V. hat beide Gewässer mit Bachund Regenbogenforellen besetzt. Viel genutzt ist das neue Beachvolleyballfeld, ein Treffpunkt der jungen Schonacher vor allem. Bankdesign mit heimischem Granit Wer verweilen will, dem bieten sich zahlreiche Sitzgelegenheiten. So sitzt man auf Bänken, die links und rechts mit heimischen Granitblöcken eingefasst sind. Gestaltet wurden diese von den heimischen Handwerksdesignern Carina und Lukas Spath. Einer der Ausgänge wird flankiert von zwei Blumenwiesen. Im Rahmen des Projektes Blühender Naturpark des Naturparks Südschwarzwald stellte die Gemeinde rund 1.500 Quadratmeter Fläche zu Verfügung, um hier mit überwiegend mehrjährigen Kräuterarten und heimischen Gräsern eine vielfältige, dauerhafte Blumenwiese entstehen zu lassen. Und die Wiesen sind nicht mehr wie einst heiliger Rasen, sondern sollen als Erholungsfläche mit genutzt werden. Attraktiver Ort für Bürger und Gäste Die Umgestaltung des Kurparkes war für die Gemeinde ein Kraftakt, sowohl finanziell wie auch planerisch. Vier Jahre vergingen von den ersten Planungen bis zur Umsetzung. Die ersten Planungen des Parks hatten Investitionen in Höhe von rund 2,7 Millionen Euro vorgesehen. Nach diSchonachs neuer Kurpark 151

 

 

 

Gemütliche Plätze laden überall zum Verweilen ein, hier am Ufer des kleinen Sees. versen Kürzungen und Veränderungen kam man dann auf Kosten von rund 1,9 Millionen Euro. Diese stiegen aber nochmals an, vor allem, weil man das Bistro als vollwertige Gastronomie ausführen wollte und nicht nur als Kiosk. Zudem schlug der nachträgliche Einbau einer behindertengerechten Toilette mit rund 80.000 Euro zu Buche. So rechnete man den neuen Park am Ende mit 2,5 Millionen Euro ab. Immerhin 920.000 Euro bekam die Schwarzwaldgemeinde aus Fördertöpfen, der Rest wurde aus dem Gemeindehaushalt und mit Krediten finanziert. Aber es hat sich gelohnt. Der Kurpark ist wieder das, was er einst war: Ein zentraler Ort in der Mitte der Gemeinde, Treffpunkt für Jung und Alt, für Einheimische und Gäste. Auf 35.000 Quadratmetern Fläche, davon entfallen rund 4.000 Quadratmeter auf den Kurparkweiher rund 2.200 Quadratmeter auf den Mühlenweiher, bietet der Park viel Platz für Erholung, Sport, Spiel und Zusammentreffen. Bei schönem Wetter tummeln sich so viele Besucher im Park wie nie zuvor. Und dennoch, überlaufen ist er nicht, weil er eben so weitläufig ist und somit auch etliche stille Winkel bietet. Im Winter gebahnte Wege und eine Loipe Auch im Winter bietet der Park attraktive Seiten. Eine kleine Rundloipe – sofern es die Auf 35.000 Quadratmetern Fläche, davon entfallen rund 4.000 Quadratmeter auf den Kurparkweiher rund 2.200 Quadratmeter auf den Mühlenweiher, bietet der Park viel Platz für Erholung, Sport, Spiel und Zusammentreffen. Schneeverhältnisse zulassen – lädt vor allem Anfänger zu ersten Versuchen auf Langlaufskiern ein. Die Lichtbögen auf dem Steg zwischen den beiden Seen bieten abends einen bezaubernden Anblick und Wege im Park werden bei Schneefall geräumt, sodass man hier auch im Winter attraktive Spazierwege antreffen kann. Überhaupt der Steg zwischen den beiden Seen: Er dürfte gleich neben der wohl längsten Sitzbank im weiten Umfeld auch mit dem wohl weithin einzigartigen Beleuchtungskonzept ein Novum darstellen. Mittlerweile hat sich die Attraktivität des Kurparks herumgesprochen. So finden auch Besucher aus den umliegenden Gemeinden den Weg nach Schonach, um dort einen schönen Tag zu verbringen. Und natürlich feiern die Schonacher nach wie vor gerne zusammen im Kurpark: 152 Städte und Gemeinden

 

 

 

Auch abends ist der neue Schonacher Kurpark einen Spaziergang wert. Der hölzerne Steg ist von einem Lichtbogen überspannt (unten). Open-Air-Kino und Konzerte stehen auf dem Programm, es gab Modenschauen und eigentlich waren für den Sommer 2020 an mehreren Tagen Feierabend-Hocks geplant. Hier allerdings machte die Corona-Krise einen Strich durch die Rechnung. Bürgermeister Jörg Frey zeigt sich sehr glücklich über die Entscheidung, diese immense Investition anzugehen. „Wir haben in Schonach zusammen etwas Tolles geschaffen, etwas, das allen Bürgern und natürlich unseren Gästen zugutekommt.“ Dass die große Fläche im Herzen der Gemeinde allerdings überhaupt als Park genutzt werden kann, sieht der Bürgermeister als riesiges Glück. Es sei den Vorfahren gar nicht hoch genug anzurechnen, dass man dieses Filetstück, das sich auch wunderbar als Baugebiet hätte verwenden lassen, freigehalten hat. Schonachs neuer Kurpark 153

 

 

 

154 154 5. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Das Haus Eschle in Schönwald Über 200 Jahre alter Kaufladen, Kulturstätte, Begegnungsort und Wohnraum von Marc Eich

 

 

 

156 Constantin Eschle mit seiner zweiten, jungen Frau Elisabeth und den vier Töchtern. Er übernahm das Haus 1873, hatte in der Region den Handel mit Strohgeflecht zu höchster Blüte gebracht und den Kaufladen aufgebaut. Nach seinem Tod 1898 führte Tochter Magdalena das Ladengeschäft fort. Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Seit über 200 Jahren ist das Haus Eschle fester Bestandteil von Schönwald. Von hier aus wurden zunächst Uhren, dann Strohflechtereien in alle Welt versandt und teils auch gefertigt. Nach dem Niedergang der Strohflechterei öffnete in den 1890er-Jahren im Haus Eschle zudem ein Kaufladen seine Pforten. Ab sofort kamen die Schönwälder im mitten im Ortskern liegenden „Eschle“ zum Einkaufen zusammen: Im Kaufladen von Constantin Eschle gab es alles, was zum täglichen Leben erforderlich war – bis hin zu Kurzund Aussteuerwaren. Und als das Automobil den Schwarzwald eroberte, konnte man beim „Eschle“ auch tanken. Heute ist das traditionsreiche Gebäude mit dem Charme längst vergangener Zeiten dank Besitzerin Andrea Pfrengle ein Begegnungsort, Wohnraum und gleichzeitig Kulturstätte. Eine Kombination, die es in dieser Form im Schwarzwald-Baar-Kreis kein zweites Mal geben dürfte. Geradezu unscheinbar reiht sich das Haus im Schatten der St. Antonius Pfarrkirche in die Hauptstraße ein. Während sich die Schönwälder um die Bedeutung „ihres Eschles“ bewusst sind, dürften nur die wenigsten Auswärtigen erahnen, was sich in den alten Gemäuern verbirgt. Denn wer eintritt, begibt sich auf eine Zeitreise, die im Jahr 1817 beginnt: Uhrenhändler Elias Eschle aus Schwarzenbach erwirbt einen Bauplatz neben dem Adlerwirtshaus und erstellt ein großes Wohnhaus mit Laden. Verheiratet mit einer Adlerwirtstochter, betreibt er bedeutende Handelsgeschäfte, heißt es in der Schönwälder Chronik. Tochter Ottilie erbt 1841 das Haus. Kinderlos verheiratet mit Leopold Martin, Uhrenmacher und -händler aus Furtwangen, verkauft sie das Anwesen dann 1873 an Constantin Eschle, den „Geflechtkunster“ oder „Straßwaldkunster“. Zusammen mit Lorenz Im einstigen Warenlager von Eschles Kaufhaus in Schönwald sind unzählige Relikte zu finden – bis hin zur Schönwälder Tracht. Unten das Firmenschild von Enkelsohn Rudolf Duffner, der das Lebenswerk des Großvaters fortführte. Duffner hatte er in der Region Schönwald/Furtwangen den Handel mit Strohgeflecht zu höchster Blüte gebracht. Um die Strohhalme nicht wie Das Haus Eschle in Schönwald 157

 

 

 

bisher in Furtwangen färben lassen zu müssen, errichtet er 1884 neben seinem Haus zudem eine kleine Färberei. Heute befindet sich darin die Bildhauerwerkstatt von Andrea Pfrengle, wovon noch die Rede sein wird. Rudolf Duffner: „Bei uns gibt es alles, bis zum kleinschte Atom…“ Die Einfuhr ausländischer Fabrikate, die im Preis niederer waren, brachte die Strohflechterei im Schwarzwald ins Stocken. Doch das Haus Eschle bleibt über die Strohflechterei hinaus eine Institution in Schönwald. Das liegt an Tochter Magdalena, die nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1898 das Haus und das Ladengeschäft übernimmt. Spätestens jetzt ist das Haus Eschle nicht mehr aus dem Ort wegzudenken. Von Magdalena Eschle ist übermittelt, dass sie als „unendlich gütige Frau und Wohltäterin des ganzen Dorfes“ wirkte. Gemeinsam mit Ehemann Adelbert Duffner führte sie das Geschäft, das 1936 auf Sohn Rudolf überging. Als Firma „Constantin Eschles Nachfolger“ ist der Laden, als führendes Warengeschäft am Ort, einer der Treffpunkte vor allem beim täglichen Einkauf. Und in jener Zeit erhält Eschles Kaufladen auch seinen Spitznamen „Atomladen“, der den Schönwäldern bis heute ein Begriff ist. So soll Rudolf Duffner den damals zahlreichen Kurgästen, die von der Warenvielfalt des Ladens überrascht waren, gesagt haben: „Eins müsse si sich merke; bei uns gibt‘s alles – bis zum kleinschte Atom.“ Der gewitzte Ausspruch verbreitet sich in Windeseile und bleibt in den Köpfen der Schönwälder hängen. Unterstützt wird Rudolf Duffner all die Jahre von seiner Schwester Johanna, die den Laden nach seinem Tod weiterführt. Hiltrud und Ewald Pfrengle finden im Eschle in Schönwald eine neue Heimat Es ist aber ebenso die Zeit, zu der die Pfrengles Teil dieses geschichtsträchtigen Hauses werden. Denn Ewald Pfrengle und seine Schwester Hiltrud wurden im Krieg im Haus Eschle aufgenommen und wuchsen hier auf. Und genau Die Schaufenster des Kaufhauses waren von eher bescheidener Größe: Blick in ein Weihnachtsfenster der 1930er-Jahre mit prächtiger Nikolausfigur. Die Geschwister Duffner mit Hiltrud Pfrengle (links vorne), Angestellten und Besuch vor der Ladentür. 158 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Die Familie Duffner. Von Wohltäterin Magdalena Eschle, Tochter von Constantin Eschle, und ihrem Ehemann Adelbert Duffner ging das Geschäft 1936 auf Sohn Rudolf (rechts) über. Tochter Johanna (links) blieb zeitlebens im Haus und unterstützte ihren Bruder – übernahm nach dessen Tod den Laden. Sohn Franz wurde 1930 zum Priester geweiht (Mitte). Seinen Lebensabend verbrachte er im Elternhaus in Schönwald. Schönwald im Winter. Vorne rechts das Kaufhaus der Familie Eschle. Dort konnte ab den 1930er/1940er-Jahren auch getankt werden, wie das Foto rechts zeigt. Das Haus Eschle in Schönwald 159

 

 

 

Eschle’s Kaufladen in Schönwald ist ein Ort, an dem das 19. Jahrhundert lebendig wird. Andrea Pfrengle hat das 200 Jahre alte Anwesen zusammen mit Lebensgefährte Christoph Wegner und Vater Ewald Pfrengle liebevoll saniert. an dieser Stelle springt der Zeitstrahl in die Gegenwart und die noch erlebbare Zeitreise im Eschle beginnt. Denn der heute 87-jährige Ewald Pfrengle, der in Schönwald und der Umgebung hinlänglich auch als singender Uhrenträger bekannt ist, erinnert sich gut an damals, als er in jungen Jahren im Laden geholfen hatte. „Das hier ist für mich Heimat – obwohl ich aus Neuenburg komme“, erzählt er mit einem Glänzen in den Augen. Und er kennt den Laden natürlich wie seine Westentasche. Immer mit einem sympathischen Lächeln auf den Lippen erklärt er gemeinsam mit seiner Tochter Andrea die vielen Details, die aus der Zeit des ursprünglichen Kaufladens noch erhalten geblieben sind. „Hier“, sagt Ewald Pfrengle und deutet auf einen Stiegenkasten, „da ging früher eine Treppe hoch“. Immer, wenn die Kasse im Geschäft schon einiges an Bargeld aufwies, sei Duffner hoch in die Wohnung gegangen, um die Scheine zu verstauen. Überhaupt erinnert alles im Erdgeschoss an die Ursprünge des Ladens. „Die Ladeneinrichtung hätte ich schon oft verkaufen können“, erzählt er. Doch weggegeben hat die Familie kaum etwas. Im Gegenteil. Mit viel Liebe hat man es geschafft, die Einrichtung für die Nachwelt zu erhalten. Wie in einem Museum lebt die Vergangenheit hier wieder auf. Über die ausgetretenen Dielen geht es zu den Schränken, in denen früher die Produkte verstaut wurden. An den Schubladen kleben teilweise sogar noch die alten Preise. Über der Tür zum Nebenraum hängt seit Jahrzehnten unberührt das Schild „Comptoir“ – ein zur damaligen Zeit verwendeter Begriff für Geschäftsraum oder Büro. „Früher sind die Leute hier nach der Kirche zum Einkaufen gekommen – und haben dann noch hinten das Plumpsklo benutzt“, erinnert sich Ewald Pfrengle. Anekdoten aus längst vergangenen 160 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Andrea Pfrengle mit ihrem Lebensgefährten Christoph Wegner und Vater Ewald Pfrengle. Tagen – die hier im Eschle aber plötzlich wieder ganz lebendig werden. Dass dies heute noch so ist, ist insbesondere einer Entscheidung des 87-Jährigen zu verdanken: Nach dem Tod von Rudolf Duffner übernahm Ewald Pfrengle das Haus, während seine Frau Erna mithilfe seiner Schwester Hiltrud bis 1995 den Laden führte. Ewald Pfrengle ließ derweil den Familienschatz unberührt und bewahrte das Vermächtnis der Vorfahren. Das Credo dabei: Die Geschichte soll erhalten bleiben, nichts an diesem Haus wird kaputt renoviert. Da war er sich mit seiner Tochter Andrea einig. Im Eschle Keller kann in stilvoll-uriger Atmosphäre gefeiert werden Diese Prämisse wird besonders deutlich, wenn es in den unteren Teil des Hauses geht. Unter dem freigelegten Gebälk führt der Gang zunächst vorbei an alten Postkarten, die an die damaligen Kurgäste verkauft worden waren und heute einen Ausflug in die Geschichte Schönwalds ermöglichen. Hier hängt auch noch das alte Schild des Kaufladens. Und dann geht es in den Eschle Keller. Der Blick bleibt zunächst an der doppelten hölzernen Flügeltüre hängen. Über ihr thronen zwei Wappen: Neuenburg am Rhein und Schönwald im Schwarzwald – das eine für den Geburtsort und das andere für den zur Heimat gewordenen einstigen Zufluchtsort von Ewald Pfrengle. Er war es, der den Gewölbekeller einer neuen Nutzung zuführte – und gleichzeitig den Charme der alten Gemäuer herausarbeitete. Denn, wo sich früher der Lagerraum für den Kaufladen befand, werden heute im stilvollen Ambiente des Gewölbekellers Feste gefeiert. „Der Kuhstall ist jetzt Lagerraum, der Schweinestall die Küche, erläutert Tochter Andrea Pfrengle. Nicht ohne Hürden oder gar Verletzungen ging die Renovierung des Lagerraums vonstatDas Haus Eschle in Schönwald 161

 

 

 

ten, in dem seinerzeit aufgrund von regelmäßigem Wassereinbruch „mit halben Fässern Schiffchen gefahren werden konnte“. Mit dem Vorschlaghammer habe er einen Durchbruch von der Theke zur Küche schaffen wollen und sich dabei den Fuß gebrochen, wie Ewald Pfrengle erzählt. Der Naturboden musste Fliesen weichen, außerdem galt es, das Wasser draußen zu halten. Nicht ohne Stolz sagt der 87-Jährige: „Damals mussten wir in jedem Frühjahr den Keller auspumpen lassen, jetzt kommt hier kein Tropfen mehr rein.“ So kann seit 1985 im Eschle Keller gefeiert werden. Während die Familie jahrelang die Bewirtung der Gäste im Keller übernahm, beschränkt sie sich nun auf die reine Vermietung der schmucken Räume. Und auch im Kaufladen änderten sich nach und nach die Zeiten. Nachdem Erna Pfrengle, die 2015 verstarb, den Laden aufgegeben hatte, mietete sich 1995 Manfred Hiepler in die Räume ein und betrieb dort bis 2017 den „Baumarkt“ des Dorfes mit ca. 10.000 Artikeln. Zu dieser Zeit hatte bereits Andrea Pfrengle das Haus übernommen. Sehr zur Freude ihres Vaters: „Ich bin froh, dass es meine Tochter weiter macht.“ Mit „Weitermachen“ meint er ebenDer singende Uhrenträger Ewald Pfrengle bei einem seiner Auftritte im „Eschle“. so die mustergültige und liebevolle Sanierung des 200 Jahre alten Gebäudes. Die 55-Jährige bezog 2007 gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Christoph Wegner (54), den Töchtern Delia (27) und Ambra (24) das 220 Quadratmeter große erste Obergeschoss. „Das Haus, das mir anvertraut wurde, ist Lust und Last zugleich. Die Instandhaltung und Pflege bindet unglaublich viel Energie und doch sehe ich den Erhalt von Tradition und Geschichte als meine Aufgabe an“, so Andrea Pfrengle über ihren Entschluss. Zweieinhalb Jahre wurden investiert, um die Wohnung neu zu gestalten und gleichzeitig die historische Bausubstanz erlebbar zu machen. So funktionierte man das Schlafzimmer der Großtante zur Küche um, während im Zimmer der Tochter früher das „Ladenmädle“ geschlafen hat. Viele historische Möbelstücke wie ein alter Apothekerschrank und ein alter Postschrank sind wieder ins Haus integriert worden. Und selbst die Plumpsklos sind noch erhalten geblieben – wenn auch natürlich nicht mehr in Betrieb. Auf dem überbauten Balkon hängt die Ahnengalerie mit Erinnerungstafeln an die beiden Trauungen von Constantin Eschle sowie weiteren Bildern der einstigen Hausbesitzer und der Familie Pfrengle. „Sozialer und kultureller Treffpunkt Schönwald e. V.“ findet eine neue Heimat Dann wäre da noch das unerwartete Schmuckkästchen des Hauses – das Dachgeschoss. Denn unter dem Dachstuhl schlummern kaum bezifferbare Schätze. „Hier sind vor allem viele Utensilien aus dem früheren Laden verstaut – es ist quasi die Geschichte des Kaufladens, die sich auf dem Speicher ausbreitet“, kommentiert Andrea Pfrengle. In dem Paradies für Sammlerfreunde befinden sich Schaukästen, Werbetafeln und unzählige Fotografien. Nicht fehlen darf in den Schränken die Schönwälder Tracht. Ebenso gibt es eine Wand voller Kruzifixe zu bestaunen. „Magdalena Eschle und ihre Kinder waren sehr gläubig – das ist ein katholisch geprägtes Haus“, so die heutige Besitzerin. Der Tochter von Constantin Eschle hätte es deshalb sicherlich gefallen, dass in dem Laden162 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Das Haus Eschle in Schönwald ist die lebendige Mitte des Ortes. Der frühere Kaufladen ist die Heimat des Vereins „Sozialer und kultureller Treffpunkt Schönwald e. V.“, oben rechts die Eröffnung im Jahr 2017. Stilvoll feiern lässt es sich im Gewölbekeller, den Ewald Pfrengle mühevoll sanierte. geschäft nach Schließung des Bauladens und der Wiederherstellung der Räume wie zu Zeiten des früheren Kaufladens, der Verein „Sozialer und kultureller Treffpunkt Schönwald“ mit der Vorsitzenden Monika Maaß seine Arbeit aufnahm. Er wurde eigens gegründet, um den Kaufladen mit Leben zu erfüllen und Schönwald einen Ort der Begegnung für Einheimische und Gäste zu ermöglichen. Ehrenamtliche Helfer bewirten hier regelmäßig mit Kaffee und Kuchen, monatlich gibt es ein gemütliches Frühstück. Doch nicht nur das: Angeboten werden ebenso ein Englisch-Konversationskurs, EDV-Kurse und Strickabende. Weiter trifft sich im „Eschle“ ein Leseclub. Verschiedenste Ausstellungen, Konzerte sowie Vorträge runden das vielfältige Angebot mitten im Dorf ab. Auch Ewald Pfrengle konnte zum Programm im Eschle beitragen. Mit alten Schönwälder Aufnahmen, die aus dem Besitz seiner Tante stammen, der einstmals in Schönwald wirkenden Ordensschwester Irmgard, veranstaltete er einen Dia-Abend. „Den konnte ich sogar zwei Mal machen, weil er so beliebt war“, erinnert sich der 87-Jährige lachend, der so die Erinnerung an das alte Schönwald am Leben erhält. Und auch wenn sie und ihre Familie dieses Haus besitzen, es restauriert und damit für die Nachwelt erhalten haben, sind sich Vater und Tochter einig: „Das Haus ist ein liebgewonnenes Stück Schönwald – und wir dürfen es hüten.“ Das Haus Eschle in Schönwald 163

 

 

 

In Stein meißeln, Geschichten erzählen Die Bildhauerarbeiten von Andrea Pfrengle stehen in enger Zwie sprache mit dem Material und Dingen aus dem „Eschle“-Fundus. von Marc Eich 164 164 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

 

 

 

„Geschichten erzählen – sie in Stein meißeln. Und möglichst ein natür liches Stück des Steins leben lassen, es einbinden“, beschreibt Andrea Pfrengle ihren gestalterischen Ansatz bei der Bildhauerei. Schon immer war die 55-jährige Vorstands assistentin der EGT in Triberg kreativ. Andrea Pfrengle hat lange Zeit gemalt und gezeichnet – dann brachte sie eine Freundin zur Bildhauerei, schildert sie ihren Werdegang. Mittlerweile sind acht Jahre vergangen und es ist ein vielgestaltiges Werk entstanden, das bei Ausstellungen hohe Wertschätzung erfährt. Wie im vorangehenden Beitrag beschrieben, lebt Andrea Pfrengle im Haus Eschle in Schönwald. Dort nebenan befindet sich in einer früheren Strohfärberei ihre Werkstatt und im Eschle selbst ihre mit eigenen Arbeiten bestückte Galerie. Die besondere Atmosphäre im Eschle prägt ihre Bildhauerkunst entscheidend mit. Am Raum zum Gestalten mangelte es in dem 200 Jahre alten Schwarzwaldhaus mitten in Schönwald nie. Zunächst bearbeitete Andrea Pfrengle die Steine auf dem riesigen Speicher: zwischen Holzbalken, Brettern, Türen und Bilderrahmen. Dann zog sie mit ihrer Bildhauerwerkstatt in die frühere Strohfärberei, die Constantin Eschle vor 140 Jahren neben dem Kaufladen erbaut hatte. Die ehemalige Färberei hat sie stilvoll eingerichtet, sie ist ein Kunstwerk für sich. Im Rücken der alten Werkbank des Urgroßvaters beginnt Andrea Pfrengle kraftvoll ein Stück Marmor zu bearbeiten. Sie formt am liebsten von Hand mit Hammer und Meißel, Raspel und Feile. Vorzugsweise bearbeitet sie Marmor, Alabaster, Speckstein und Co. Im Werk von Andrea Pfrengle sind ihre Kunst und der Geist des Hauses immer miteinander verbunden. Dafür steht auch die Büste des Erbauers Constantin Eschle. Andrea Pfrengle hat sein Portrait geschaffen, „weil es der Mann ist, der unserem Haus den prägenden Charakter gegeben hat“, so die Künstlerin. Entstanden ist die Büste aus Michelangelo-Marmor. „Ich gehe ran mit einer bestimmten Idee – doch sie entwickelt sich beim Arbeiten weiter und am Ende entsteht nicht selten ein ganz anderes Kunstwerk als zunächst gedacht, weil der Stein seine eigene Vorstellung hat“, schildert Andrea Pfrengle weiter. Um den Ausdruck des Werkes durch die natürlichen Strukturen des Steins zu verstärken, lässt sie Teile des Materials unbearbeitet. Ihr geht es nicht allein darum, ein „Bild zu hauen“, sondern sie will emotionsreiche Geschichten erzählen. Die Titel ihrer Skulpturen „Constantin“, Michelangelos Carrara-Marmor, alter Holzbalken, 2016. Die Werkstatt von Andrea Pfrengle befindet sich in der früheren Strohfärberei von Constantin Eschle. 166 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

 

 

 

sprechen für sich: Enthüllt, Zweisam, Blender, Wächter, Stadtgespräch, Trophäe, Mensch 4.0, Erwachen… Größtes Lob und Bestätigung sind für sie Rückmeldungen wie: „Deine Arbeit berührt mich!“ Der Weg zur Bildhauerei Kreativ war Andrea Pfrengle schon seit sie denken kann, hat vor allem gezeichnet und gemalt. Der größte Erfolg und Ansporn in ihrer Jugend war der erste Preis bei einem Malwettbewerb des Schwarzwaldgymnasiums Triberg anlässlich der Städtepartnerschaft Triberg-Fréjus. Später hat sie Workshops und Seminare zu Tongestalten, Aktzeichnen und Acrylmalerei besucht. Bei Studienaufenthalten im Ausland konnte sie ihre Technik und ihr Auge verfeinern. Sie war im Tessin, in der Türkei, in einer Kunstakademie am Bodensee und mehrmals im italienischen Carrara, dem „Mekka“ der Bildhauer. „Steingeschichten“ erzählen vom Schaffen Wie die Bildhauerin Andrea Pfrengle arbeitet, schildert sie ausdrucksstark in ihren Steingeschichten. Das sind Notizen zu ihren Werken, mit denen sie selbstreflektierend deren Entstehung beschreibt. Hier ein Auszug: „Ich hatte im Bruchstück des Specksteins bereits ein Gesicht entdeckt und ging eifrig daran, es ‚heraus zuschälen’. Dieses ‚Herausschälen’ hatte viel mit meinen Erfahrungen aus der Malerei zu tun. Ich malte mit Feilen und Raspeln und war erstaunt, was da passierte… Je tiefer ich kam, umso lebendiger wurde der Stein. Farben und Muster traten zutage, die vorher nicht zu sehen waren. Die eine Wange zierte ein Maori-Tattoo … unter dem Auge saß eine Träne … als wollte das Gesicht mir etwas erzählen. Ich ging daran, aus dem Reststück des abgebrochenen Steins zwei weitere Scheiben abzutrennen … sie sollten die ‚Mitspieler’ werden. Der erste sanfte Gefährte zeigte bei seiner Bearbeitung ebenfalls Tränenspuren unter dem Auge. Eine tränenreiche Zeit auch in unserer Familie. Mein Bruder, erst 51 Jahre alt, kam tragisch ums Leben. So wurde die dritte Figur im ‚Spiel’ alles andere als sanft… Trau„Blender“, Peccia-Marmor, Blattgold, Messing, alter Holzbalken, 2015. „Erwachen“, italienischer Alabaster, 2020. 168 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

er und Entsetzen sprechen aus ihr. Meine erste Steingeschichte ‚Emotionen’. Traurig und in sich gekehrt sollte auch die zweite Speckstein-Skulptur werden. Noch ein Stein, den ich seit Langem aufbewahrt hatte… Ein gebeugter Rücken, das Gesicht vergraben – und unter der Oberfläche? Auf der einen Seite zeigte sich rosafarbene Haut, auf der anderen kamen grüne Einschlüsse hervor, die an Algen erinnern. Der Sockel – wie ein Fels in der Brandung. Mein Impuls und die logische Ergänzung: ein Fischschwanz. Wieder eine Geschichte. Eine Meerjungfrau. ‚Zwischen den Welten’ hab ich sie genannt. Der Virus war gesetzt. Geschichten erzählen. In Stein meißeln. Und möglichst ein natürliches Stück des Steins leben lassen, einbinden… „Sie hat einen ungeheuren Schaffensdrang“ Andrea Pfrengle liebt den unmittelbaren Kontakt zum Material, erfühlt gerne, was sie erschafft. Sie arbeitet mit den verschiedensten Arten von Stein – Marmor ist ihr Lieblingsstein. Dabei verwendet sie selten Blöcke. Viel lieber wählt sie Bruchsteine und natürlich geformte Steine, die schon erahnen lassen, wie ihre endgültige Form aussehen könnte. Sie verwendet auch Materialien wie Holz, Draht, Metall und Gold, um den Werken Leben einzuhauchen. Seit einiger Zeit arbeitet sie zudem mit Ton und hat sich dem Zementguss verschrieben. Bei einer Ausstellung im Haus Eschle hält Freundin Margarete Retzbach die Laudatio und betont: „Sie hat einen ungeheuren Schaffensdrang, den sie vor allem an Marmor auslässt. Er ist weiß mit einer kristallinen Struktur – und wenn sie nach einer Sprengung ein Stück aus einem Fluss heraus holen kann, ist sie glücklich – auch wenn das eigentlich verboten ist“, erzählt sie schmunzelnd. Sie habe durch ihr lustvolles Arbeiten auch den Beinamen „unersättliche Steinefresserin“. In ihre Werke fließen oft eigene Lebenserfahrungen mit ein: Ein Marmorstein mit aufgefächertem und breitem Flügel, wird zu Mamas „Rosa Blüten“, asiatischer Talcus, Diabas, Edelstahl, 2020. Andrea Pfrengle 169

 

 

 

Engel. Dann gibt es den „Wächter“. Andrea Pfrengle: „Ich schuf ihn aus Carrara-Steinen und wieder einem alten Holzbalken aus unserem Haus. Ein Steinsockel als Grundfeste, ein Balken die Stütze, ein unverrückbarer und gradliniger Beschützer einer entspannten, fast entrückten Gestalt. Ein Bollwerk gegen jegliche Angriffe.“ Inspiration durch Materialien Beim Erschaffen ihrer Kunstwerke kombiniert sie gerne verschiedene Materialien – auch aus dem Haus Eschle mit seinem riesigen Fundus. „Es muss immer noch etwas dazu, um die Aussage zu unterstreichen“, erzählt sie. Ihre Kunst und die Dinge aus dem Haus bilden eine Symbiose. Das kommt nicht von ungefähr. Andrea Pfrengle: „Ohne die Inspiration durch die Materialien, von denen ich Tag für Tag umgeben bin, wäre ich mit meiner Bildhauerei niemals so weit gekommen.“ Etliche Werke sind auf alten Holztüren und Rahmen aus dem Fundus des einstigen Ladens montiert. Ein Auszug aus den „Steingeschichten“ erzählt mehr dazu: „Inspiriert von alten Schranktüren, die ich – natürlich – auf unserem Dachboden gefunden habe, kam ich auf die Idee, meine Geschichten in Zukunft nicht „aufzuspießen“ oder auf einen Sockel zu stellen, sondern ihnen einen Rahmen zu geben. „Rahmenerzählung“ heißt auch mein erstes Werk. Drei Gesichter, installiert und eingerahmt, die für jeden Betrachter eine ganz eigene Geschichte erzählen. Der Beginn einer ganzen Reihe von Rahmenerzählungen, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Ein Stein mit Familiengeschichte ist der Grabstein meiner Großeltern. Ein Granit aus dem Schwarzwald. Er bedeutet Heimat, Plattform und Ausgangspunkt für meinen Lebensweg. Der Stein geteilt und die einzelnen Stücke aufeinandergesetzt, alle drehbar, wurde der Granit zu meinem ganz persönlichen Stein-Mobile. Familie, Wärme, „Lauscher“, Michelangelos Carrara-Marmor, antiker Goldrahmen, Samt, 2016. „Emotionen“, brasilianischer Talcus, antike Schranktür, 2015. 170 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Liebe, Kraft, Mut… die Worte sind in die Steine gemeißelt und bemalt. Alle Steine verbindend und golden leuchtend: Mutter.“ Nach vielfachen Ausstellungen u. a. im Atelier von Karin Engler-Rapp in Mühlhausen, im Rahmen der Jahresausstellung der Künst ler gilde in Donaueschingen, bei art black forest, Villingen, der Galerie im Kino, Triberg, oder im „Forum Am Bahnhof“ in St. Georgen zeigt sich: Die ausdrucksstarken Arbeiten von Andrea Pfrengle berühren. Zumal sie stets auch eine enge Verbindung zu ihr selbst und zur Heimat „Schwarzwald“ haben. Die „Steingeschichten“ und dieses Portrait von Andrea Pfrengle schließen mit ihren Gedanken zum Corona-Lockdown: „Eingeschlossen. Abgesperrt. Blockiert. Auch meine Kreativität. Eine geplante Ausstellung erstickt im Keime. Erst langsam, mit den Lockerungen, auch eine Öffnung in mir. Es spiegelt sich in den Werken wieder, die jetzt entstehen: Blüten, Blumen, bunt. Für neues Erstarken und Gedeihen, neue Lebensfreude. Und eine Frauenbüste aus Alabaster. Frisch, zart, durchleuchtet, der Blick aufwärts gerichtet. ‚Erwachen‛ hab ich sie genannt.“ „Menschen 4.0“, Zement, Stahl, 2019. „Dora“, Zement, Draht, 2019. Andrea Pfrengle 171

 

 

 

Zappel-Philipp – das Kinderfachgeschäft mitten in der historischen Villinger Altstadt Am Villinger Riettor werden für klein und groß vielfache Kinderträume wahr von Birgit Heinig Der Herr im Rentenalter steht selig lächelnd an der Kasse. Vor ihm steht ein Schaukelpferd, das er gerade als Geschenk für seinen Enkel ausgesucht hat. „So eins hatte ich auch mal“, sagt er versonnen. Das sind die Momente, die Iris Mauch besonders liebt. Die Geschäftsfrau aus Villingen hat selbst zwei Enkelinnen. Sie wisse daher aus erster Hand, dass Kinder nicht zwingend auf Plastik, Computer und „bling-bling“ stehen. Iris Mauch führt in der Villinger Innenstadt seit 2008 das Spielwarengeschäft Zappel-Philipp. Von der Geschäftsidee bis zur Eröffnung ihres ersten eigenen Ladens vergingen damals gerade drei Monate. „Wenn ich etwas will, zögere ich nicht lange“, sagt sie und lacht. Die angenehmen Erinnerungen aus ihrer eigenen Kindheit an einstige Villinger Institutionen wie Spielwaren Bauer, Halls und Margots Kindermoden gaben ihr die Richtung vor. Ihr Ding sei es von Anfang an gewesen, in den Kinderzimmern nicht bergeweise billiges Wegwerfspielzeug zu wissen, sondern sinnvolle und hochwertige Produkte, durch die der Nachwuchs im Spiel selbst aktiv werde. Wie richtig sie damit lag, erwies sich schon gleich nach der Eröffnung des Zappel-Philipp 2008. Es kamen jede Menge Kunden, teilweise auch von weit her und viele extra wegen ihr. Die Nachfrage riss nicht ab und setzte sich auch nach dem Umzug des Zappel-Philipp in den Durchgang des Riettores im Juli 2018 fort. Iris Mauch mit ihrer Tochter Anne Wilde. 172 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

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Elterliche Wirtschaft das zweite Zuhause Als Iris Meier erblickte sie 1954 im Romäusring das Licht der Welt – eine Hausgeburt. Ihre Eltern Liesel und Franz führten ab 1958 das Gasthaus Schützen in der Färberstraße. Sie besuchte die Mädchenschule, die heutige Klosterringschule, anschließend die Wirtschaftsschule und legte 1977 am kaufmännischen Gymnasium ihr Abitur ab. Seit sie denken kann, war während der Schulzeit die elterliche Wirtschaft ihr zweites Zuhause. Ab dem Teenageralter halfen sie und ihre Schwester Esther jeden Mittag nach der Schule ihrer Mutter an der Theke oder ihrem Vater in der Küche. Dabei lernte sie das Kochen – bis heute eine ihrer Leidenschaften. 1971 übernahm ihre Mutter, von ihren Gästen liebevoll die „Schützenliesel“ genannt, den „Kronprinz“ in der Niederen Straße und führte ihn mithilfe ihrer Töchter bis 1978. Dort lernte Iris Meier ihren späteren Ehemann Egon Mauch kennen und lieben. 1980 wurde geheiratet, kurz davor kam Töchterchen Anne zur Welt, zwei Jahre später ihr Sohn Philipp. Die Frage nach einer Berufsausbildung war durch Hochzeit und Geburten zunächst auf die lange Bank geschoben worden, freilich aber nicht vergessen. Aus einer stundenweisen Anstellung in der Buchhaltung der ortsansässigen Fensterbau-Firma Hässler wurde schließlich eine Ausbildung zur Bürokauffrau und eine Übernahme in die Festanstellung. 20 Jahre lang war sie bei der Hässler GmbH tätig. Aufregende Zeit des Aufbruchs Das Schicksal ist manchmal grausam. 2000 starb ihr Sohn Philipp mit 19 Jahren an einem Herzfehler. Iris, Egon und Anne Mauch waren sich danach gegenseitige Stützen und fanden trotz des immensen Verlustes in ein lebenswertes Leben zurück. Kraft holte sich Iris Mauch in dieser Zeit besonders gerne bei ihrer Freundin in Buxtehude bei Hamburg. Die wiederum arbeitete in einem Kinderladen, dessen Sortiment Iris Mauch sofort total begeisterte. „So etwas will ich auch machen“ – der Plan nahm schnell Gestalt an. „Eine kaufmännische Vorbildung hatte ich, ein Ladengeschäft war auch überraschend schnell gefunden und ein Gewerbe angemeldet“, erinnert sie sich an die aufregende Zeit des 174 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Wir wollten unseren Philipp mit dabei haben. Auch er hätte seine Freude an diesem Laden gehabt. Aufbruchs vor 12 Jahren. Selbst die seinerzeit herrschende Wirtschaftskrise schreckte sie nicht ab. Ihr zupackendes, selbstbewusstes und pragmatisches Wesen und die tatkräftige Unterstützung durch ihren Mann ließen keinerlei Bedenken zu. Sie wurden kurz zuvor zum ersten Mal Großeltern und somit war das Thema Baby und Kleinkind wieder aktuell. „Ich habe nur ein paar Marken gekannt“, gibt sie rückblickend zu und staunt heute selbst über ihren Mut damals. An ihren ersten Besuch auf der Spielwarenmesse in Nürnberg und an die Vertreterbesuche erinnert sie sich leicht schaudernd. „Ich hatte keine Ahnung, was und wie viel ich an Ware brauchte“. Nachdem alle selbst gebauten Regale einigermaßen voll waren mit hochwertigen Produkten aus Herstellerhäusern wie sigikid, Käthe Kruse, Haba und Spiegelburg – Marken, die sie aus ihrer eigenen Kinderzeit noch in Erinnerung hatte – eröffnete Iris Mauch am 31. Januar 2008 ihren Zappel-Philipp. Der Name lehnt sich nicht nur an Wilhelm Buschs umtriebige Figur an, sondern erinnert freilich auch an ihren verstorbenen Sohn. „Wir wollten unseren Philipp mit dabei haben. Auch er hätte seine Freude an diesem Laden gehabt“, sagt Iris Mauch. Von Anfang an wurde das Angebot gut angenommen – so sehr, dass selbst die stets optimistisch denkende Existenzgründerin überrascht war. Als ihr Gatte Egon Mauch 2017 das TorstübleAreal baulich neu konzipierte, entstand aus einem Blumenund einem Modegeschäft ein großes, neues Ladenlokal, fast doppelt so groß wie der bisherige Zappel-Philipp, dazu in bester Lage. Die Idee umzuziehen brauchte aber Zeit zu reifen. Sollten sie erneut ein Risiko eingehen, expandieren, viel Geld in die Hand nehmen und mit ihrem Geschäft neu anfangen? Die Mauchs Das neue, große Ladenlokal ist fast doppelt so groß wie der bisherige Zappel-Philipp. Zappel-Philipp 175 175

 

 

 

verließen sich schließlich einmal mehr auf ihren unternehmerischen Spürsinn und machten ein zweites Mal alles richtig. Schlaflose Nächte habe sie seither kaum gehabt, sagt sie, sieht man einmal von der bislang zum Glück überstandenen Corona-Krise in der ersten Jahreshälfte ab. Wenn sie daran zurückdenkt, wird ihr noch immer warm ums Herz. „Unsere Kunden haben trotz geschlossener Ladentür zu uns gehalten.“ Das Angebot ist sich selbst und den Vorstellungen der Gründerin treu geblieben Generell sei es „immer wieder spannend, ob das, was wir ausgesucht und eingekauft haben, auch ankommt“. Die 66-jährige Iris Mauch spricht inzwischen in der Mehrzahl. Denn die Übergabe des Zappel-Philipp an Tochter Anne Wilde ist bereits vollzogen. Heute kümmert sich ein Team von sechs in Sachen Spielzeug kompetenten Frauen um das Geschäft mit schönem und pädagogisch Da muss man nach Villingen kommen um so einen schönen Laden zu finden. Oben: Seit 2017 ist der Zappel-Philipp in bester Lage am Riettor in VS-Villingen zu finden. Rechts: Schönes und pädagogisch wertvolles Spielzeug zeichnet den Zappel-Philipp aus. wertvollem Zeitvertreib. „Dabei wird dann auch gemeinsam über Neuanschaffungen beraten. Brummkreisel und Puppenstuben, Holzfahrzeuge und Steckspiele, Babyund Handpuppen, Geschenkle zur Geburt und zum Kindergeburtstag“ – das Angebot ist sich in 12 Jahren selbst und den einstigen Vorstellungen der Gründerin treu geblieben. Batteriebetriebene oder ferngesteuerte Spielzeugautos findet man hier nur als ausgesuchte Exemplare und Computerspiele gar nicht. Aber auch Familie Mauch hat wie viele ihrer analog arbeitenden Kollegen mit der Konkurrenz im Netz zu kämpfen. Gegen das zumeist billigere Online-Shopping setzt sie auf freundliche und sachkundige Beratung, Kundendienst und Einkaufserlebnisse, bei denen Anfassen und Ausprobieren erlaubt sind. Daher freut es die Familie Mauch besonders, wenn sie, wie neulich, eine Kundin aus München sagen hört: „Da muss man nach Villingen kommen um so einen schönen Laden zu finden“. 176 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

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Simone Puchinger International erfolgreiche Profi-Tänzerin aus Furtwangen von Gerhard Dilger Simone Puchinger ist erfolgreich unterwegs. Die professionelle Tänzerin und Tanzpädagogin aus Furtwangen-Schönenbach darf sich seit 2010 u.a. „World Dance Master“ nennen. Dazu gesellen sich zahlreiche weitere internationale Erfolge. Doch der 31-jährigen Tanzkünstlerin ergeht es in Corona-Zeiten wie vielen Künstlern: Engagements als Tänzerin zu bekommen, ist derzeit unmöglich. So arbeitet Simone Puchinger zur Überbrückung in ihrem angestammten Beruf als Pharmazeutischtechnische Assistentin. Die Tänzerin lebt in Furtwangen im Schwarzwald, wo in den Reihen des Turnvereins 1872 ihre Karriere auch begonnen hat. 178 178 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

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Mitte August in Furtwangen, die Coronapandemie hat die Furtwanger und vor allem auch die Kultur in ihren vielen Facetten im Griff. Als Künstlerin, die sich noch dazu mit ihrem Metier selbstständig gemacht hat, ist auch die junge Furtwangerin Simone Puchinger direkt von den Auswirkungen betroffen. Keine Auftrittsmöglichkeiten, kein Unterricht mit Schülern und vor allem keine Aussicht auf rasche Besserung. Doch der Reihe nach: Was bewegt eine junge Frau aus dem Oberen Bregtal, ihre Leidenschaft, das Tanzen, zum Beruf zu machen? Und vor allem: Wie hat sie es geschafft, in diesem Nischenbereich erfolgreich zu werden und dies auch über Jahre zu bleiben? Im Gespräch bei einem Kaffee berichtet sie von ihren Anfängen. Start der Karriere beim Furtwanger Turnverein „Meine Mutter hat mich zusammen mit einer Freundin beim Furtwanger Turnverein angemeldet, da war ich sechs Jahre alt“ berichtet sie. Jazztanz, das war der erste Berührungspunkt, und die kleine Simone war auch über Jahre mit viel Spaß dabei, wenn auch damals niemand ahnen konnte, welche Rolle das Tanzen in ihrem Leben noch spielen würde. Irgendwann im Teenie-Alter kam ein gewisser Knick in die Begeisterung, die Motivation hing nach ihren eigenen Worten „ziemlich durch“. Viele andere Interessen wurden plötzlich wichtig, das Tanzen geriet ein wenig in den Hintergrund. Mit 16 Jahren machte sie ihren Realschulabschluss. Im Hinterkopf hatte Simone Puchinger zwar auch damals schon eine vage Vorstellung, auch „etwas mit Tanzen“ beruflich machen zu können, doch nicht zuletzt ihre Eltern drängten darauf, erst mal etwas „Bodenständiges“ zu ergreifen. So absolvierte sie eine Ausbildung als Pharmazeutisch-technische Assistentin, eine Entscheidung, die ihr in ihrem späteren Leben noch sehr zugutekommen sollte. Doch dann war der Punkt erreicht, an dem die Furtwangerin Impressionen aus der noch jungen Karriere von Simone Puchinger als Tänzerin. 180 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

eine grundsätzliche Entscheidung zu treffen hatte, Beruf und Arbeit in einer Apotheke oder die Verwirklichung ihres Kindheitstraums, das Tanzen als Lebensmittelpunkt? Zwischenzeitlich hatte sie schon zwei Jahre in ihrem erlernten Beruf gearbeitet und sich ein gewisses finanzielles Polster geschaffen. Und so stellte die junge Frau die Weichen in Richtung Tanz: Sie bewarb sich bei mehreren renommierten Tanzschulen, schließlich gab es die ersehnte Zusage von der New York City Dance School, die trotz des Namens ihren Sitz in Stuttgart hat. „Dort habe ich das Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere bekommen“, da ist sich Simone Puchinger sicher. Und neben den Fächern Jazz, Ballett, Stepptanz, Modern und Hip-Hop spielte auch die Unterweisung in Tanzpädagogik eine wichtige Rolle. Diese sollte sich später zu ihrem zweiten Standbein entwickeln. Was ich im Laufe meiner Karriere lernen musste, ist die Erkenntnis, dass man auch damit klarkommen muss, dass nicht permanent alles völlig perfekt sein kann. Ein Höhepunkt unmittelbar am Ende ihrer Ausbildung war ein Aufenthalt in New York mit einer weiterführenden Fortbildung am Broad way Dance Center. Überhaupt legt sie Wert darauf, dass in ihrem Metier die Verbesserung, auch nach der eigentlichen Ausbildung, ständiger Begleiter sein muss. So runden bis heute Workshops ihre Tätigkeit ab. Trainings in Hamburg oder Berlin stehen da nur stellvertretend für eine ganze Reihe von Orten, an denen sie ständig auf der Suche nach Perfektion ist. „Ja, ich bin schon eine Perfektionistin“, stellt sie fest. „Was ich im Laufe meiner Karriere lernen musste, ist die Erkenntnis, dass man auch damit klarkommen muss, dass nicht permanent alles völlig perfekt sein kann.“ Nach der Ausbildung ging es zunächst einmal darum, „einen Fuß in die Tür zu bekommen“. Erleichtert wurde die Suche dadurch, dass Simone Puchinger

 

 

 

Simone Puchinger sich zunächst einmal mithilfe ihres erlernten Berufes einen gewissen Spielraum verschaffen konnte, sie arbeitete zwischen 2011 und 2013 wieder in einer Apotheke. Parallel absolvierte sie weiter Tanztrainings im Ausland, wie zum Beispiel am Amsterdam Dance Center oder im Millenium Dance Complex in Los Angeles, um nur einige zu nennen. In diesem Beruf geht fast alles über persönliche Beziehungen und auch Empfehlungen. Aus den Kontakten, die sie in dieser Zeit knüpfen konnte, entstanden dann auch ihre ersten Engagements. „In diesem Beruf geht fast alles über persönliche Beziehungen und auch Empfehlungen“ macht sie deutlich. So sind auch zwei Verbindungen entstanden, die bis heute Bestand haben: Seit dem Ende ihrer Ausbildung ist sie Mitglied des Showtanzteams „Eurodancers“ in Zürich, dort lernte sie auch ihre Freundin Elena Auerbach kennen, die neben den Aktivitäten in Zürich in Waldkirch eine eigene Tanztruppe unter dem Namen „Provocation“ führt. Bei der sechsköpfigen Formation ist Simone Puchinger regelmäßig dabei. Der Ehemann von Elena Auerbach wiederum ist ein renommierter Zauberkünstler, der unter dem Namen „Magic Man“ seine Zaubershows anbietet. Simone ist mit ihren Kolleginnen auch dort mit von der Partie, ergänzt die Shows mit Tanzeinlagen und fungiert auch als Assistentin. Was ist es nun, was eine junge Frau aus dem Oberen Bregtal motiviert, sich als Tänzerin selbstständig zu machen? „Die Liebe zur Musik ist natürlich eine ganz wichtige Basis, schon als Kind habe ich Klavierspielen gelernt. Und entscheidend ist auch der Drang, mich zu bewegen, das treibt mich schon immer an“, meint Simone Puchinger. Im Tanz könne man Bewegungen ständig neu erfinden. „Man ist buchstäblich nie fertig, es gibt ein Leben lang unendlich viele Möglichkeiten, immer wieder Neues zu entdecken.“ Die Fähigkeit, sich choreografische Abläufe sehr schnell einzuprägen und diese auch dauerhaft abzuspeichern kommt ihr da sehr entgegen. 182 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Eine Fülle von Engagements Stellt sich die Frage, wie Tänzerinnen wie Simone Puchinger zu ihren Engagements kommen? „Oft sind es Sportveranstaltungen, Firmenpräsentationen oder Betriebsfeste, für die wir gebucht werden“, erläutert sie nur einige Schwerpunkte ihrer Auftritte. Seit einigen Jahren ist sie auch bei der „Tina Turner Tribute Show“ engagiert, darüber hinaus hatte sie zum Beispiel auch ein Engagement für eine Silvestershow in einem renommierten Fünf-Sterne-Hotel in Delhi in Indien oder bei den Swatch Beachvolley Major Series in Stavanger in Nor wegen. Doch es finden sich auch Events mit direktem Bezug zu ihrer Heimat Furtwangen: So war sie schon mehrfach als Backgroundtänzerin für die Furtwanger Musical-Sängerin Sabrina Weckerlin auf der Bühne und beim Furtwanger Musical „Heidenschlössle“ hat sie die komplette Choreografie geleitet und auch selbst mitgetanzt. 2017 stellte sie ein

 

 

 

eigenes Bühnenprogramm mit Schülern und Gästen: „Großes Kino – eine Reise durch die Welt der Filmgeschichte“ auf die Beine, welches zwei Mal vor begeistertem Publikum in der ausverkauften Festhalle Furtwangen aufgeführt wurde. Weiteres Standbein als Tanzlehrerin In Furtwangen schließlich findet sich als Ergänzung ihrer internationalen Aktivitäten noch ein Teil ihres Berufslebens, der ihr auch sehr viel bedeutet. Als Trainerin im Turnverein unterrichtet sie zahlreiche Kinder, beginnend mit der tänzerischen Früherziehung, aber auch weiterführend in Ballett, Jazztanz und HipHop. Sie ist auch mit dem Tanzensemble des Turnvereins, den „Dance Devilz“ unterwegs, was ihr nach wie vor viel Spaß macht. Drei Wettbewerbsgruppen hat sie initiiert: Neben „One2Step“ sind das „Release“ und „jazzspiration“. Eine weitere Anstellung im Bereich der Tanzpädagogik hat sie beim Turnverein Schonach mit der Leistungs riege Ballett. „Es sind rund 120 Schüler innen und Schüler vom Kindesalter bis zu hin zu jungen Erwachsenen, die ich insgesamt in Furtwangen und Schonach unterrichte“, freut sich die Tanzlehrerin. Und auch bei der Volkshochschule Oberes Bregtal bietet sie Kurse an. Es sind rund 120 Schülerinnen und Schüler vom Kindesalter bis hin zu jungen Erwachsenen, die ich insgesamt in Furtwangen und Schonach unterrichte. Und wo haben Wettbewerbe wie Weltmeisterschaften ihren Platz? „Das sind Aktivitäten, die mir bis heute neben der Arbeit im Showtanz und in der Ausbildung am meisten bedeuten“, sagt Simone Puchinger. Seit 2010 hat sie an vielen Wettbewerben teilgenommen. Sie alle zu nennen würde den Rahmen dieses Berichts sprengen. Als wichtigste stehen hier stellvertretend die Teilnahme an mehreren Weltmeisterschaften in Florida und an Europameisterschaften in verschiedenen europäischen Ländern wie zum Beispiel Finnland, Österreich und Slowenien. Und als krönender Abschluss der Erfolg bei den „Dance Star World Finals“ in Porec in Kroatien, wo sie 2010 bei starker Konkurrenz den Titel „World Dance Master“ in der Kategorie „Jazz Group“ ertanzte. Kann man dabei auch finanziell profitieren? „Schön wäre es“, lacht Simone Puchinger. „Im Gegenteil, als Gruppe zahlt man Startgebühren, die schon einmal 600 Dollar betragen können – pro Teilnehmerin!“ Ohne Sponsoren und entsprechenden Ehrgeiz geht das nicht. Dass ein solcher Erfolg immens wichtig für die weitere Karriere ist, liegt auf der Hand. „So ein Titel macht sich natürlich gut im Lebenslauf, wenn man sich irgendwo bewirbt.“ Leben als Künstlerin während der Pandemie Hier schließt sich wieder der Kreis. Zum Zeitpunkt des Gesprächs waren praktisch alle Aktivitäten komplett zum Erliegen gekommen, die Corona-Pandemie hat Simone Puchinger fast von einem Tag auf den anderen alle Verdienstmöglichkeiten genommen. „Da sind wir Künstler in keiner guten Ausgangslage“, meint sie. Sie hat zwar eine Unterstützung vom Staat bekommen, aber sie wird diese wohl zurückzahlen müssen. „Betriebskosten, die als Zuschuss ersetzt werden, habe ich ja praktisch keine und Kosten für den Unterhalt werden nur als Darlehen gewährt.“ So nahm sie einmal mehr ihr Schicksal in die eigene Hand und hat als Überbrückung wieder in ihrem erlernten Beruf in einer Furtwanger Apotheke gearbeitet. Bleibt die Hoffnung, dass die sympathische junge Furtwangerin bald wieder davon leben kann, was ihr am meisten bedeutet: Vom Tanzen in all seinen Facetten. Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

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Bernhard Gail am Newton-Teleskop mit 12 Zoll-Öffnung und 1.200 Millimeter Brennweite. 186 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Bernhard Gail Ein Hobby zwischen Raum und Zeit von Tanja Bury 187 187

 

 

 

Die unendliche Weite hat einen Durchmesser von 2,20 Meter und eine Höhe von 2,60 Meter. So groß ist die Sternwarte, die sich Bernhard Gail vor mehr als 30 Jahren aufs Dach seines Hauses gebaut hat. Seither vergeht kaum ein Tag, an dem der 59-jährige Mundelfinger nicht in seine Kugel steigt, um in die Sterne zu gucken – und dabei im siebten Himmel zu schweben. Gails Leidenschaft für die Gestirne wurde geweckt, als er zwölf Jahre alt war. In der Tageszeitung hatte er gelesen, wie der Saturn am Nachthimmel zu entdecken ist. „Ich habe ihn mit dem Fernglas meines Vaters gesucht – und nicht gefunden.“ Das hat ihm keine Ruhe gelassen, sein Ehrgeiz war geweckt. Der Junge kaufte sich ein Buch, las sich ein, schaute wieder und wieder. „Und ich habe den Saturn tatsächlich entdeckt und sogar seinen Ring gesehen“, erinnert sich Bernhard Gail. Dabei leuchten seine Augen noch heute. Die kleine Entdeckung von damals sollte zu einem großen Hobby werden. Der Traum von der eigenen Sternwarte Mit dem ersten Lohn als Elektrikerlehrling schaffte sich Bernhard Gail ein großes, transportables Teleskop an. Da es allerdings sehr zeitaufwendig war, das Fernrohr bei jedem Aufstellen neu einzunorden, wurde einige Jahre später im Garten seines Elternhauses eine genau ausgerichtete Säule errichtet, auf welche sich das Fernrohr bequem aufstecken ließ. Doch auch diese Konstruktion erfüllte irgendwann nicht mehr Bernhard Gails Ansprüche daran, nach den Sternen greifen zu wollen. „Da kam mir die Idee: Warum baue ich mir nicht meine eigene Sternwarte?“ Gesagt, getan: Er beschaffte sich Konstruktionspläne und ein ortsansässiger Zimmereibetrieb fertigte den Holzunterbau. Die drehbare Kuppel baute er in Eigenleistung nach Plänen des Maschinenbauers und Astronomen Anton Staus. Das Ganze wurde wasserfest verleimt, mit einer fünf Millimeter starken Laminatschicht überzogen und anschließend rot angestrichen. „Wegen der Ziegel, dachte ich. Aber das konnte man nicht so lassen. War ziemlich knallig“, erzählt er lachend. Also wurde die Kuppel mit Hagelschutzfarbe in Silber gespritzt. Sie hält bis heute, noch nie musste Gail nachlackieren. Bewährt hat sich auch die Technik für den 60 Zentimeter breiten Kuppelspalt, der den Blick auf den Himmel freigibt. Die Metallkonstruktion mit Blechverkleidung besteht aus zwei Teilen und lässt sich über eine Winde mit Drahtseilführung öffnen. Gedreht wird die Kuppel über eine Kette und mit Muskelkraft. Stetige Investitionen in die Technik Während die Sternwarte von außen gleich geblieben ist, hat sich in ihrem Inneren jede Menge getan: Jahr für Jahr hat Bernhard Gail in die Technik investiert und dafür sehr viel Geld ausgegeben. Wie viele Teile seine Ausrüstung inzwischen umfasst – der Sternengucker kann es nicht sagen. „Ich habe sie nie gezählt. Aber es sind etliche.“ Herzstück der Sternwarte ist ein Newton-Teleskop, dazu die gekühlte CCD Astrokamera (siehe „Technische Ausrüstung“). Beides ist montiert auf einer Halterung, die bis zu 60 Kilo gramm tragen kann und dafür sorgt, dass 188 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

DIE TECHNISCHE AUSRÜSTUNG • Für die Deep-Sky-Beobachtung und Fotografie ist das Hauptinstrument ein NewtonTeleskop mit 12-Zoll-Öffnung und 1.200 Millimeter Brennweite. • Für Planeten und Galaxien wird das NewtonTeleskop gegen ein Schmid-Cassergrain-Teleskop mit 11-Zoll-Öffnung und 2.800 Millimeter Brennweite getauscht. • Zwei weitere Linsenteleskope (Refraktor) ED Apo mit 4 Zoll-Öffnung und 900 Millimeter Brennweite und ein weiterer ED Apo für Deep-Sky-Aufnahmen mit 90-Millimeter-Öffnung und 500 Millimeter Brennweite stehen zur Verfügung. • Alle Teleskope sind über ein LosmandyPrismenschienen-System schnell wechselbar. • Zur Sonnenbeobachtung und Fotografie benutzt Bernhard Gail ein Lunt-Refrakton LS60T HA. • Die mobile Ausrüstung (Outdoor-Beobachtung und Fotografie) besteht aus einer Celestron AVX Montierung mit einem GSO FotoNewton mit 8-Zoll-Öffnung und 800 Millimeter Brennweite oder ein 6-Zoll-Newton • Weitere Teleskope sind ein Refraktor mit • 100-Millimeter-Öffnung und 1.500 Milimeter Brennweite, ein Refraktor mit 150 Millimeter Öffnung und 1.200 Millimeter Brennweite, ein Refraktor mit 100 Millimeter Öffnung und 1000 Millimeter Brennweite • Fotografiert wird mit der mobilen Ausrüstung mit Spiegelreflex Kamera Canon EOS 350D; EOS 450D oder eine EOS 80D In der Sternwarte wird mit einer gekühlten Astro-Farbkamera von Astrolumina ALCCD 8l fotografiert; zur Nachführung (Auto guiding) kommt eine ungekühlte Astrokamera von Imaging Soucre DMK21 zum Einsatz; für Planeten und Mond hat Bernhard Gail eine ungekühlte Farbkamera von Imaging Source DFK72AU oder Schwarzweiß Kamera DMK21; ein Hyper-Star System von Celestron fürs C11 wird auch zum Fotografieren benutzt. Bernhard Gail 189

 

 

 

sich das kostbare Equipment problemlos bewegen lässt. Auf einer kleinen Ablage unterhalb der Teleskop-Montierung steht ein Laptop, auf dem die Astroprogramme aufgespielt sind. Durch sie lässt sich das Teleskop einfach und absolut präzise ausrichten. Beim Verkabeln und Anschließen dieser ganzen Technik kommt Bernhard Gail sein berufliches Wissen als Elektromeister zugute. Der 59-Jährige ist seit 25 Jahren bei der Energieversorgung Südbaar beschäftigt. „Man kauft immer etwas Neues“, sagt Gail und zeigt dabei auf die Regale und die vielen Taschen, Hüllen und Schachteln in dem Zimmer, welches zur Sternwarte führt. Gerne und oft besucht der Himmelsforscher aus Mundelfingen Astronomiemessen, auf denen die neueste Technik und spannende Entdeckungen präsentiert werden und dazu noch gefachsimpelt wird. Der Austausch über den Blick nach oben ist Bernhard Gail wichtig. Deshalb bedauert er es sehr, dass die Astronomie-Vereinigung Rottweil-Heuberg-Baar, bei der er Mitglied ist, als Verein aufgelöst wird. „Es finden sich keine Leute für den Vorstand mehr. Nachwuchs ist nicht in Sicht“, sagt Gail. Keine Freizeitbeschäftigung wie jede andere An ihrem regelmäßigen Astro-Stammtisch in Zimmern ob Rottweil wollen die Hobby-Astronomen aber auch ohne Vereinsstruktur festhalten. Fürs Sternegucken ließen sich nur noch wenige junge Leute begeistern, berichtet Gail. Auch an seine eigenen Kinder konnte er die Begeisterung für den Kosmos nicht weitergeben. Und in Mundelfingen und der näheren Umgebung ist Gail zwar für sein Hobby und seine Sternwarte bekannt, doch auch hier halte sich das Interesse in Grenzen. Interessierte Blicke und dann und wann mal eine Frage komme von den Gästen des Landgasthofs Hirschen. Von der Terrasse des benachbarten FeinschmeckerLokals aus ist Gails Sternwarte gut zu sehen. Die Hobby-Astronomie ist keine Freizeitbeschäftigung wie jede andere. Das mag an der Komplexität der Technik und den hohen Investitionen in die Ausrüstung liegen. Bernhard Gail gesteht mit einem Augenzwinkern, ein Süchtiger zu sein. Süchtig danach, Planeten, Galaxien, Nebel und Gestirne zu beobachten und süchtig danach, sie zu fotografieren. Denn auch das reine Schauen war Gail irgendwann zu wenig. In den vielen Büchern, die er besitzt, und im Internet könne er sich zwar Fotos in Hülle und Fülle anschauen, „aber mich hat mal wieder der Ehrgeiz gepackt. Ich wollte wissen, ob ich solche Aufnahmen auch hinbekomme“. Hat er, was fünf Festplatten voll mit beeindruckenden Motiven beweisen, davon zeigen allein einige Tausende Aufnahmen den Mond. „Andere gehen ins Bett, ich in die Kuppel“ Um auf diese stolzen Zahlen zu kommen, steigt der 59-Jährige bei sternenklarem Himmel in sein zweites Wohnzimmer hinauf, in die Sternwarte. Etwa wenn er Feierabend hat und das TV-Programm mal wieder nichts hergibt. Und wenn Fernsehen, dann gerne Science-Fiction. „Star Trek und Star Wars – davon bin ich absoluter Fan“, erzählt Gail mit einem Strahlen. Hinauf in die Sternwarte geht es aber auch, wenn der Trompeter spät abends nach der Musikprobe von der Musikkapelle 1850 Mundelfingen heimkommt. „Andere gehen ins Bett, ich in die Kuppel.“ Dass er ein Nachtmensch ist, kommt ihm dabei zugute. Sonntagvormittags liebt es Bernhard Gail, die Sonne zu beobachten und dabei Radio zu hören. Vom Blick nach oben kann ihn nichts abhalten, auch bitterkalte Baaremer Nächte nicht. Heißer Kaffee und Thermounterwäsche sorgen dafür, dass er es selbst bei minus zehn Grad Celsius in seiner Sternwarte aushält. Heizen ist nicht möglich, die Wärme würde die Technik beeinträchtigen und die Bilder flimmern lassen. Den Winter einfach auszulassen, ist keine Option. „Bei sowieso nur rund 20 guten Beobachtungsnächten pro Jahr hier bei uns, dürfen Befindlichkeiten keine Rolle spielen“, sagt Gail und lächelt. Zudem hat jede Jahreszeit ihre Besonderheit. In der zweiten Jahreshälfte lassen sich vor allem Nebel-Objekte gut beobachten. Dazu zählt auch der Orionnebel M42, der es Bernhard Gail wegen seiner großen Farbvielfalt besonders angetan hat. Im Frühjahr und Som190 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Oben links: Während einer Fotosession. Oben rechts: 12″ Zoll Newton mit Astro kamera bei geöffneter Kuppel. Unten: Laptop mit Astro-Software zur Tele skopsteuerung und -nachführung sowie Bildaufnahme. Unten rechts: Drehbare Sternkarte zur schnellen Himmelsübersicht. Bernhard Gail 191

 

 

 

Der Komet Neowise – aufgenommen im Sommer 2020. Rechts: Cassiopeia Perseus Andromeda und Pleaden. mer dagegen ist Galaxienzeit. Nebenher werden Planeten gesichtet – der Saturn gehört seit der Entdeckung im Kindesalter zu Gails Lieblingen – und astronomischen Besonderheiten, wie der SoFi (Sonnenfinsternis) 2015 und dem Kometen Neowise in diesem Sommer, nachgegangen. Zugute kommt dem Mundelfinger Hobby-Astronom, dass der Himmel über der Baar nicht allzu sehr von Lichtverschmutzung beeinträchtigt ist. Und ja: „Während der Neumondphasen lässt’s sich besonders gut zu beobachten und fotografieren“, schwärmt er. Technischer Sachverstand, Wissen, Geduld und gute Vorbereitung Um von all der Vielfalt am Himmel astronomische Aufnahmen zu machen, braucht es neben viel technischem Sachverstand und Wissen um die Himmelskörper, Geduld und gute Vorbereitung. Will Gail fotografieren, überlegt er sich zuvor genau, was er ablichten möchte. „Macht man spontan was, geht es meist in die Hose“, berichtet er von seinen Erfahrungen. Er schießt Bilderserien, von denen er die besten Aufnahmen auswählt und mit einer Bildbeobachtungs192 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Der Orionnebel M42 hat es Bernhard Gail wegen seiner Farbenvielfalt ganz besonders angetan. software übereinanderlegt. Daraus ergeben sich atemberaubende Fotos. Ins Gelände geht er mit seinen Teleskopen mittlerweile nur noch sehr selten – zu komfortabel ist es das Teleskop fertig montiert in der Sternwarte zu haben. „In 15 Minuten ist die ganze Technik startklar.“ Steigt Bernhard Gail dann die schmale Treppe in seine Kuppel hinauf, öffnet den Spalt, der den Sternenhimmel über ihm freigibt, stellt sich eine besondere Atmosphäre ein. Das ruhende Dorf unter und das leuchtende Firmament über ihm lösen immer noch Glücksgefühle aus. „Entspannung pur“, nennt Bernhard Gail das, was er in seiner Sternwarte erfährt. Die unendliche Weite – sie hat einen Durchmesser von 2,20 Meter und eine Höhe von 2,60 Meter. Infos zu Bernhard Gails Sternwarte unter www.sternwarte-mundelfingen.de Mundelfingen als „Alpendorf“. 193

 

 

 

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Melanie Reischl Tattoostudio Tintenfass von Marc Eich Als Melanie Reischl vor fünf Jahren ihr erstes Tattoo-Studio eröffnete, war sie eine der ersten Tätowiererinnen im Landkreis. Mittlerweile hat sich die 33-Jährige in Zusammenarbeit mit drei weiteren Tätowierern einen großen Stammkundenkreis aufgebaut – und das, obwohl sie ursprünglich eigentlich ganz andere berufliche Pläne hatte. 195 Humorvolle, an die Heimat Schwarzwald anknüpfende Tätowierungen.

 

 

 

Nostalgisch ausgestattet ist das Tätowierstudio von Melanie Reischl in der Villinger Prinz-Eugen-Straße. Rechte Seite, v. links: Das Team besteht aus Bianca Teperß, Yves René Weber, Tammo Fleischhauer und Melanie Reischl. Es hat etwas von „zu Oma gehen“, wenn die Dachgeschossräume in einem Hinterhof in der Prinz-Eugen-Straße in Villingen betreten werden. An der Wand hängen Geweihe neben nostalgisch anmutenden Aufnahmen, im Empfangsbereich stehen ein mit Blumenmuster gepolsterter Sessel und zwei Stühle im gleichen Stil – der Holztisch dazwischen ist mit einer gehäkelten Tischdecke bedeckt. Daneben findet sich auf einer antiquarischen Kommode Wir wollen, dass sich die Kunden so fühlen, als wenn sie sich im Wohnzimmer tätowieren lassen. ein verschnörkelter Kerzenständer. Unter den freigelegten dunklen Holzbalken geht es in den nächsten Raum, in dem die Mischung aus Omas gemütlichem Wohnzimmer und modernem Schwarzwaldcharme weiter konsequent umgesetzt wird. Nur die mit Folien abgedeckten Liegen und die danebenstehenden Nadeln sowie Farben machen deutlich: Hier ist man nicht bei Oma zu Besuch, sondern im Tattoostudio Tinten fass von Melanie Reischl. „Wir wollen, dass sich die Kunden so fühlen, als wenn sie sich im Wohnzimmer tätowieren lassen“, so die 33-jährige Studiobesitzerin. Dass die Hygiene gerade zu Coronazeiten dennoch an erster Stelle steht, ist selbstredend. Kaum vorstellbar ist hingegen, dass hier, im Obergeschoss eines eher schmucklosen zweigeschossigen Baus, zuvor ein kühler Schulungsraum des Technisches Hilfswerks untergebracht war. „Wir haben alles neu verputzt, Wände rausgerissen und neu eingezogen und Zierleisten angebracht“, erzählt sie von den Umbauarbei196 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

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ten in den 150 Quadratmetern – die für den passenden Charme und die perfekte Umgebung in dem Studio sorgen. „Damit habe ich mir meinen Lebenstraum erfüllt!“ Dass dieser Traum mal Wirklichkeit werden könnte, das hatte sich nicht von Anfang an herauskristallisiert. Bereits in den 2000er-Jahren habe sie sich gewünscht, ihre Zukunft in der Tattoo-Branche zu finden. „Das war damals aber nicht so einfach, weil es nur wenige Studios gab.“ Melanie Reischl absolvierte deshalb zunächst ein Studium zur Grafikdesignerin. Hier stellte sich jedoch recht schnell heraus, dass sie in diesem Beruf nicht tätig sein möchte. „Die Kunden haben immer eine bestimmte Vorstellung – und oft werden dann jene Entwürfe genommen, die einem persönlich am wenigsten gefallen“, sagt sie lachend. Und sie erklärt auch gleich danach den Unterschied zu einem TattooStudio: „Tätowierte suchen sich aus, zu wem sie gehen wollen, weil sie einen Stil toll finden. Sie wollen unsere und nicht eine andere Arbeit.“ 2012 wagte sie den Schritt in die Branche, fing bei einem Studio in Trossingen an. Ihre Ausbildung zur Grafikdesignerin half ihr zugleich dabei, Fuß zu fassen. „Das Studium war sehr hilfreich, um alle Grafikprogramme zu beherrschen“, erzählt sie. Auf dem iPad zeichnet sie bis heute die einzelnen Elemente, die später im Photoshop zum ganzheitlichen Tattoo zusammengesetzt werden. Erste Tätowierstube in Dauchingen Bei ihrer ersten Station wurde sie jedoch nicht richtig glücklich, strebte immer danach, ihre eigenen Vorstellungen umzusetzen. Drei Jahre später wagte sie deshalb den Schritt und eröffnete eine eigene Tätowierstube in Dauchingen. „Ich wollte einfach alles anders machen – und das ist mir dann auch gelungen“, sagt sie zufrieden. Hier half ihr das vorherige Studium ebenfalls. Denn ihre Fähigkeiten sorgten dafür, dass sie mit dem Corporate Design ebenso außerhalb der Tattoos für Hingucker sorgt und so ein Alleinstellungsmerkmal schaffen konnte – und zwar angefangen von den Auftragsbüchern bis hin zu den Visitenkarten. Und überhaupt: Anlaufschwierigkeiten im eigenen Studio waren ihr fremd. Denn die 33-Jährige hatte das Glück, diesen Schritt genau in den Boom-Jahren gegangen zu sein. Damals gab es hier im Umkreis maximal zehn Studios – und ich war die einzige Frau. „Damals gab es hier im Umkreis maximal zehn Studios – und ich war die einzige Frau“, so Melanie Reischl. Ihren Stammkundenkreis aus dem vorherigen Studio konnte sie nach Dauchingen mitnehmen und erweitern. Die gebürtige Villingerin entschloss sich in diesem Zuge auch dazu, im Studio weitere Tätowierer aufzunehmen. In Dauchingen stießen zunächst Bianca (31) und Yves René (28) hinzu – und bildeten quasi das akademische Trio, wie Melanie Reischl lachend erzählt. „Yves René hat ebenso Grafikdesign studiert, Bianca Architektur.“ Das Trio vollzog schließlich im Jahr 2017 den Umzug in die neu gestalteten Räume in der Prinz-Eugen-Straße. Dort komplettierte Tammo (27) die Crew. Diese tätowiert zwar unter gleicher Flagge, aber jedes Mitglied arbeitet als Selbstständiger. Melanie Reischl: „Die Termine teilen 198 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar Beim Tätowieren – schmerzfrei ist die Sache nicht…

 

 

 

wir uns gegenseitig zu.“ Konkurrenzdenken ist dabei fehl am Platz – im Vordergrund stehe die Freundschaft, die für eine unverwechselbare Arbeitsatmosphäre sorge. Denn das Quartett arbeitet nicht nur zusammen, sondern genießt oft auch den Feierabend gemeinsam. „Dann werfen wir den Grill an und haben Spaß“, schwärmt sie. Nicht alles wird tätowiert Und auch was die „No-Gos“ betrifft, ist man sich einig. Denn für die Vier ist hierbei klar: „Wir machen nicht alles!“ So lautet das Credo bei Tintenfass, dass Clubsymbole von Motorradgruppierungen oder Logos von politisch motivierten und rechtsradikalen Bands definitiv nicht tätowiert werden. Mittlerweile betrage der Stammkundenanteil bis zu 85 Prozent. Melanie Reischl: „Ich tätowiere zum Teil ganze Freundeskreise.“ Und der gute Ruf zieht Kreise: Aus der gesamten Region Schwarzwald-Baar-Heuberg, aber auch aus Freiburg, Konstanz oder gar der Schweiz fahren die Kunden nach Villingen, um sich in den schmucken Räumen ihres Studios tätowieren zu lassen. „Manche kommen sogar ein Mal im Monat“, erzählt sie. Und wie sieht es bei ihr selbst aus? Abgesehen von einem Drittel der linken Beinrückseite, der rechten Oberschenkelrückseite sowie dem Rücken und dem Bauch ist sie tätowiert. Ihr Ziel ist dabei, irgendwann komplett tätowiert zu sein – „Ich finde das sehr schön“. Auch wenn sie, wie viele ihrer Kunden („Männer wollen das nur mir gegenüber nicht so zeigen“), wehleidig sei beim Stechen. „Ich bin ein richtiger Jammerlappen“, sagt sie grinsend. Aber genau deshalb weiß sie auch, welche Atmosphäre die richtige für ein Tattoostudio ist. Denn, wenn ihre Kunden das Gefühl haben, zu Oma ins Wohnzimmer zu stiefeln, ist die Nervosität augenblicklich verflogen. Und genau das hat Melanie Reischl gemeinsam mit ihren Kollegen hier bei Tintenfass geschafft. Rechts: Tätowierungen der Tintenfass-Crew von Melanie Reischl (Mitte). Melanie Reischl 199

 

 

 

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Bianca Purath Alles hat seine Zeit Die ehemalige Junioren-Weltmeisterin im Radzeitfahren lebt heute in Hubertshofen und arbeitet bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr von Silvia Binninger 201

 

 

 

Das Ehepaar Bianca und Jens Purath mit Sohn Dario vor ihrem Zuhause in Hubertshofen. waren, durften die beiden ihren Traum verwirklichen: Der Wunsch war, ein Haus zu bauen, das sich natürlich in die Umgebung einpasst. Das Weißtannenholz für die Konstruktion stammt aus dem Urachtal und wurde in einer günstigen Mondphase geschlagen. Zwei Jahre musste es lagern, bis es endlich verbaut werden durfte. Bianca Purath: „Es war uns sehr wichtig, auf heimische Materialien und regionale Handwerker zu setzen.“ Aber nur mit viel Eigenleistung, Herzblut und Hilfe der Familie konnte dieses Heim entstehen. Der Blick durch die bodentiefen Fenstern schweift über die Obstbäume hinweg zum fernen Fürstenberg. Die Augen der Puraths leuchten, als sie begeistert anmerken: „Bei günstigem Wetter kann man von hier aus bis zu den Alpen sehen!“ Die Alpen! Ein weiteres Stichwort – aber dazu später. Mit neun Jahren „Stadtmeisterin“ Bianca Purath, mit Mädchennamen Bianca Knöpfle, wuchs in Hubertshofen, einem kleinen Stadtteil von Donaueschingen, auf. Schon früh entdeckten ihre Eltern ihr Talent lange Radtouren durchzuhalten. Nach ein paar Trainingseinheiten nahm sie dann 1994 beim Bergzeitfahren des Skiclub 1900 Donaueschingen teil. Das Rennen startete in Wolterdingen, führte nach Hubertshofen und Mistelbrunn und dann über die Passhöhe nach Bubenbach. Bei diesem Rennen musste bei einer Streckenlänge von 9,5 Kilometern fast 300 Höhenmeter bewältigt werden. Zur Verwunderung aller wurde sie mit gerade einmal neun Jahren Donaueschinger Stadtmeisterin. Der Grundstein für ihre Profikarriere war gelegt. Ihre Schulzeit verbrachte sie zuerst in Donaueschingen am Fürstenberg-Gymnasium – dann wechselte sie auf das Sportinternat des Olympiastützpunkts nach Freiburg. Ihr Abitur absolvierte sie auf dem Staudinger Gymnasium im Jahr 2004. Es ist ein sonniger Spätsommertag, eine geschwungene Natursteintreppe führt zu Familie Puraths Holzhaus in Hubertshofen hinauf. Jens Purath und der kleine Dario öffnen die Tür: Die wohlige Atmosphäre, die das Haus auch im Inneren ausstrahlt, begeistert. Bianca Purath kommt und erzählt strahlend, wie das Ehepaar das gewaltige Projekt „Hausbau“ gemeistert hat. Das Grundstück gehörte Biancas Großeltern. Wo einst ein Stall, eine Scheune und ein Garten 202 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Ein unglaublicher Moment: Bianca Knöpfle gewinnt am 7. Oktober 2003 beim WM-Einzelzeitfahren der Juniorinnen im kanadischen Toronto die Goldmedaille. Der größte Erfolg – Goldmedaille beim WM-Einzelzeitfahren Ziemlich genau ein halbes Jahr zuvor erreichte Bianca Knöpfle den größten Erfolg ihrer Karriere: Am 7. Oktober 2003 startete sie im kanadischen Hamilton – rund 70 Kilometer südwestlich von Toronto am Westende des Ontariosees gelegen – beim WM-Einzelzeitfahren der Juniorinnen. Die Strecke von 15,4 Kilometer absolvierte Bianca Knöpfle in nur 22,1708 Minuten und holte sich die Goldmedaille. „Ein unglaublicher Moment war das, daran werde ich immer denken“, schwärmt sie noch heute. Damit war ihr sportlicher Aufstieg vorgezeichnet. Dank der Berufung in die Deutsche Nationalmannschaft kam sie gleich nach dem Abitur zur Sportfördergruppe der Bundeswehr, um dort die Grundausbildung zu durchlaufen. Weitere Lehrgänge und Qualifikationen folgten, wie die Ausbildung zum Unteroffizier oder der Trainerschein und der Lehrgang zum Feldwebel. Zehn Jahre blieb sie der deutschen Nationalmannschaft treu – mit vielen Erfolgen und Rückschlägen. Einer dieser Rückschläge ereilte sie bald nach ihrem WM-Titel: Im Frühjahr 2004 erkrankte die Bikerin am Pfeifferschen DrüsenDank der Berufung in die Deutsche Nationalmannschaft kam sie gleich nach dem Abitur zur Sportfördergruppe der Bundeswehr. Bianca Purath war Mitglied in der Nationalmannschaft von 2001 2011 und parallel dazu in folgenden Straßenradteams aktiv: • • • • • 2005-2007: Team Rothaus-Vita-Classica (Bundesligateam) 2008: Team Flexpoint (Niederländisches Profiteam) 2009-2010: Equipe Nürnberger (Deutsches Profiteam) 2011: Kuota Speed Queens (Österreichisches Profiteam) Von 2005-2012 parallel dazu immer wieder einige MTB-Rennen für das deutsche Rothaus Mountainbike Team Bianca Purath 203

 

 

 

kennen, der ebenfalls ein ambitionierter Sportler, Radfahrer und Bergsteiger ist. Ein gemeinsamer Freund hatte ihm erzählt: „Es gibt eine Frau, die schneller Rad fährt als du!“ Das Interesse war geweckt und er wollte diese Frau unbedingt kennenlernen. Sie verabredeten sich dennoch nicht zum Biken, sondern zum Wandern – die 2.700 m hohe Rote Wand im Lechquellgebiet war das Ziel. Wer diesen Berg kennt, der weiß, dass diese ausgesetzte Route im oberen Teil des Gipfels nicht die Leichteste ist. Bianca Knöpfle entdeckte das Bergsteigen als weitere Passion. Beide teilen die Liebe zur Bewegung in der Natur, vor allem in den Bergen. Weitere Touren folgten. „Nur durfte ich nicht klettern, wenn ich gerade im Wettkampftraining war, es werden hierbei ganz andere Muskelgruppen beansprucht“, lacht sie. Die Hochzeit der beiden ganz in Weiß folgte am 14. März 2009 in der Martinskapelle in Das Bergsteigen entdeckte Bianca Purath dank der Leidenschaft ihres Ehemanns Jens Purath. fieber. Zwei Wettkampfjahre lang hatte sie damit zu kämpfen, die Fortsetzung ihrer Karriere schien gefährdet. Doch im Jahr 2008 ging es wieder bergauf und Bianca Knöpfle wurde Vierte bei der Marathon-Mountainbike-EM. 2009 gewann sie die Bundesliga Gesamtwertung. „2009 war ein super Jahr, ich war total fit – doch dann: Bei den „Liberty-Classics“ 2010, dem größten Frauen-Radrennen der USA in Philadelphia, stürzte sie schwer – ein vierfacher Beckenbruch war die Folge. Sie wurde nach Koblenz geflogen, um im Bundeswehrkrankenhaus zu genesen. „Es gibt eine Frau, die schneller Rad fährt als du!“ Zwischen all den Wettkämpfen lernte Bianca Knöpfle im Jahr 2006 ihren Mann Jens Purath Furtwangen – es lag noch Schnee. Bianca und Jens Purath sind glücklich, dass sie an einem so besonderen Ort heiraten durften. Sportkarriere im Jahr 2011 beendet Im Jahr 2011, nach fast 200 Hotelübernachtungen pro Jahr und dem hieraus resultierenden Wunsch, mehr zu Hause zu sein, beendet die ehemalige Junioren-Weltmeisterin ihre sportliche Karriere. Seit 2012 ist Bianca Purath stellvertretende Leiterin der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Todtnau-Fahl. Mit einer Zusatzausbildung zum Personalfeldwebel konnte sie sich für diese Stelle qualifizieren. 54 Sportsoldaten mit Zugehörigkeit zu einem Bundeskader und einer Empfehlung vom Verband sind dieser Gruppe zugehörig. Insgesamt fördert die Bundeswehr an 15 Standorten 204 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

 

 

 

Im Jahr 2011, nach jährlich fast 200 Hotelübernachtungen und dem hieraus resultierenden Wunsch, mehr zu Hause zu sein, beendet die ehemalige JuniorenWeltmeisterin ihre sportliche Karriere. 840 Spitzensportler. Bianca Purath sieht sich als Bindeglied zwischen den Sportlern, den Leistungszentren und den Olympiastützpunkten. Sie kümmert sich um die Betreuung, Förderung und Weiterbildung der Bundeswehr-Sportler, überwacht deren sportliches Leistungstraining und bemüht sich um die Sicherstellung der Teilnahme an nationalen und internationalen Wettkämpfen. Die Planung und Vorbereitung der „International Military Sports Council-Wettkämpfe“ gehört ebenfalls zu ihrem Aufgabenspektrum. Die Sportler kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und aus dem ganzen Bundesgebiet. Bundesweit gehören zuletzt ca. 50 % der Medaillengewinner bei Olympischen Spielen diesen Sportfördergruppen an. Noch immer mit dem Rad unterwegs Am 28. November 2018 bringt Bianca Purath einen kleinen Jungen zur Welt – Dario. Den Vornamen erhält er von dem bekannten Schweizer Skilangläufer Dario Cologna. Auch mit Kind ist das Paar immer noch mit dem Rad unterwegs. Dario darf aber gemütlich im Anhänger sitzen. Mit ihm waren sie schon dreimal auf dem 1909 m hohen Mont Ventoux. Ein Berg in Frankreich, der unter Radfahrern sehr populär ist. Er trägt den Beinamen „Gigant der Provence“. Begeistert erzählen die jungen Eltern von ihren letzten Urlauben mit ihrem Wohnmobil. „In diesem Jahr bot es sich besonders an, damit die Zeit in einsamer Natur zu genießen“, so Bianca Purath. Nach einem Jahr Elternzeit arbeitet Bianca Purath seit Dezember 2019 wieder Vollzeit Die täglichen Bike-Trainingseinheiten mit Sohn Dario im Anhänger und das Fitness-Studio sorgen dafür, dass Bianca Purath auch nach dem offiziellen Ende ihrer Karriere fit bleibt. bei der Bundeswehr in Todtnau-Fahl, davon zweimal die Woche im Homeoffice. „Es ist eine Heraus forderung, aber die Großeltern unterstützen uns bei der Betreuung von Dario, da Jens auch Vollzeit arbeitet“, erzählt sie. Ihre sportliche Fitness erhält sich die mehrfache MTB-Nachwuchsmeistern weiterhin durch Bewegung in der Natur. Mit ihrem Bike und Dario im Fahrradanhänger ist sie regelmäßig unterwegs. „Da staunt so mancher E-Biker, wenn ich mit dem Anhänger an ihm vorbeifahre“, lacht die ehemalige Profi-Sportlerin. Bianca Purath genießt das Leben mit ihrer kleinen Familie im schönen Heim. „Alles hat im Leben seine Zeit“, blickt sie zurück – „die Zeit der Wettkämpfe war schön, aber jetzt bin ich glücklich, ein ruhigeres Leben führen zu können.“ Bianca Purath 205

 

 

 

„Sicher. Sauber. ALPRO.“ Die ALPRO MEDICAL GMBH ist ein weltweit führender Spezialist bei der Reinigung, Desinfektion und Pflege zahnärztlicher Absauganlagen – 90 Mitarbeiter stellen in Peterzell über 100 Produkte für den Bereich der Infektionskontrolle her von Eric Zerm „Sicher. Sauber. ALPRO“. Mit diesem Slogan wirbt die vor mehr als 30 Jahren gegründete ALPRO MEDICAL GMBH für ihre innovativen Produkte im Bereich der Infektionskontrolle. Das Unternehmen mit Sitz in Peterzell zählt zu den weltweit führenden Spezialisten bei der Reinigung, Desinfektion und Pflege zahnärztlicher Absauganlagen. Alles begann mit fünf Mitarbeitern und zwei Produkten, erinnert sich der Geschäftsführende Gesellschafter und Vertriebsleiter Alfred Hogeback an die Start-Up-Zeiten in einer Schwenninger Garage, in der er das Unternehmen 1989 gemeinsam mit den Brüdern Johst und Hendrik Helmes begründete. Mit ihren Ideen für den zahnärztlichen Bereich revolutionierten die Gründer den Hygiene-Markt dieser Sparte. Heute ist die ALPRO MEDICAL 206 6. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

mit ihren Produkten überall dort zu Hause, wo es klinisch rein sein muss – primär in zahnmedizinischen und allgemeinmedizinischen Bereichen oder in Kliniken. „Wir bieten ein sehr breites Portfolio, das von der Handpflege bis zur komplexen Biofilmentfernung bei wasserführenden ärztlichen Geräten reicht“, so Alfred Hogeback und Markus Klumpp, der zweite Geschäftsführer des Unternehmens. Und das mit außergewöhnlichem Erfolg: ALPRO MEDICAL beschäftigt 90 Mitarbeiter, die über 100 Produkte herstellen und jährlich mehr als 14 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften. 207

 

 

 

Dass Alfred Hogeback zu einem Pionier der 2-Phasen-Reinigungs-Technologie aufstieg, ist seiner beruflichen Tätigkeit im Dentalbereich und seiner Ausbildung in der Lebensmittelindustrie zu verdanken. Ein Zahnarzt beklagte Ende der 1980er-Jahre bei einem Praxisbesuch, die Absauganlage sei ständig verschmutzt und das Reinigungsmittel, das er einsetze, helfe nicht wirklich. Alfred Hogeback erinnerte sich an seine Erfahrungen in der Lebensmittelindustrie, dort hatte er das Thema pH-Verschiebung in Aufbereitungsprozessen kennengelernt. Der Firmengründer: „Ich dachte spontan an ein Reinigungsmittel, das mit einer alkalischen und einer sauren Phase arbeitet, an eine pH-Verschiebung. So etwas hält kein Keim der Welt aus.“ Und er behielt Recht: Damit war die Idee zur ALPROJet-Produktlinie geboren, zum ersten 2-Phasen-System für die Reinigung zahnärztlicher Absauganlagen auf dem Markt überhaupt. Die ersten Reinigungsund Desinfektionsmittel werden in einer Garage gemischt Sich mit dieser Neuheit selbstständig zu machen, davon überzeugte ihn Johst Helmes, der als Prokurist bei Alfred Hogebacks damaligem Arbeitgeber tätig war. Dritter im Bunde wurde Hendrik Helmes, der Bruder von Johst Helmes, der zu dem Zeitpunkt als Diplom-Handelslehrer eine Privatschule betrieb. Einer der Lehrer und Chemiker in der Privatschule war Werner Rösner, der bis heute Prokurist und Entwicklungsleiter bei ALPRO ist. Er setzte die Idee für AlproJet in anwendergerechte Konzentrate um. „Er mischte unsere ersten Reinigungsund Desinfektionsmittel in einer Garage in Schwenningen“, blickt der Geschäftsführende Gesellschafter auf die Pioniertage des Unternehmens zurück. Das Ergebnis: Die Jungunternehmer kamen mit einem Produkt auf den Markt, das es in dieser Form nirgendwo sonst gab und heute wie selbstverständlich weltweit eingesetzt wird. Es reinigt nicht nur ausgezeichnet, sondern ist zugleich umweltfreundlich“, freut sich Alfred Hogeback. Die drei Pioniere gründen „Astro Dental“: „Astro stand für astronomisch gut“, verrät Alfred Hogeback schmunzelnd. „Wir wollten einen Namen wählen, der nicht angreifbar ist.“ Wie sich bald herausstellte, war er das aber doch: Der Konzern „Astra Chemicals“ erhob Einspruch gegen diese Bezeichnung des Unternehmens aus dem Schwarzwald. So wurde aus „Astro Dental“ durch den Austausch von nur zwei Buchstaben „ALPRO Dental“. Und so entstand mit „ALPRO“ die Kurzform für „Alternative Produkte“. In einer Schwenninger Garage wurden die ersten Reinigungsund Desinfektionsmittel gemischt – vom ersten offiziellen Firmensitz in Villingen aus (links) wechselte ALRPO MEDICAL im Jahr 1995 nach Peterzell (rechts). 208 Wirtschaft

 

 

 

Firmengründer und Geschäftsführer Alfred Hogeback leitet das in Peterzell angesiedelte Unternehmen ALPRO MEDICAL zusammen mit Geschäftsführer Markus Klumpp. Das Unternehmen begründet in den 1990er-Jahren seine heute weltweite Spitzenstellung bei der Beseitigung des Biofilms in zahnärztlichen Be hand lungseinheiten und der Entkeimung des Behandlungswassers. Dank des innovativen Reinigungsund Desinfektionsmittels florieren die Geschäfte. Im Inland liefert Alfred Hogeback die ALPROProdukte zu Beginn noch persönlich aus, um das Marketing und den Export kümmert sich Johst Helmes mit Standort Cuxhaven. Die ersten Abnehmer außerhalb Deutschlands finden sich in den europäischen Nachbarländern. Um auf dem Weltmarkt Fuß zu fassen, schließen die Firmengründer Verträge mit Unternehmen vor Ort ab, die es ihnen gestatten, ALPRO-Produkte in Lizenz zu fertigen. Alfred Hogeback nennt beispielhaft Hersteller in Austra lien, Saudi Arabien oder dem Iran. Vertretungen unterhält das Unternehmen heute in mehr als 40 Ländern. Das Portfolio wächst kontinuierlich „Durch den beständigen Austausch mit den Herstellern entwickelten wir uns kontinuierlich weiter“, so der Geschäftsführende Gesellschafter. Das Unternehmen begründet in den 1990er-Jahren seine heute weltweite Spitzen stellung bei der Beseitigung des Biofilms in zahnärztlichen Behandlungseinheiten und der Entkeimung des Behandlungswassers. Das Portfolio wächst stetig bei höchsten Ansprüchen an das Produkt: ALPRO forscht, entwickelt, produziert Hygiene-, Reinigungsund Desinfektionsmittel – sowie adaptierbare Geräte für die Zahnmedizin, Allgemeinmedizin und Labore. Hinzu kommen Spezialprodukte für die Betriebsund Abwasserbehandlung zahnärztlicher Behandlungseinheiten. Aldehydfreie Produkte sind eine Selbstverständlichkeit. „Im Bereich Zahnmedizin haben wir in Deutschland den zweitgrößten Markt der ALPRO MEDICAL GMBH 209

 

 

 

Beim Prüfen der ALPRO-Produkte im eigenen Labor. Mitte: Für Reinigung und Desinfektion im medizinischen Bereich bietet ALRPO mittlerweile über 100 Produkte. Rechts: Abfüllen von Desinfektionsmitteln, wie sie aufgrund von Corona im Jahr 2020 in großen Mengen abgerufen werden. Im Bereich Zahnmedizin haben wir in Deutschland den zweitgrößten Markt der Welt vor uns. Zugleich ist dieser Markt sehr anspruchsvoll. Welt vor uns. Zugleich ist dieser Markt sehr anspruchsvoll“, unterstreicht Alfred Hogeback. „Nirgendwo sind so viele unterschiedliche Hygiene-Produkte im Einsatz“, ergänzt Markus Klumpp, der seit 1. August 2019 an der Seite der Firmengründer die Geschäfte bei ALPRO leitet. Markus Klumpp arbeitete nach dem Studium der Technischen Betriebswirtschaftslehre an der TU Stuttgart 10 Jahre als Unternehmensberater bei Arthur Andersen und später bei Deloitte Consulting. Hier war er in den Bereichen Finanzen, Controlling und Data Warehousing tätig, wechselte danach in die Ton-/Medienbranche und verantwortete bei Nuclear Blast die Bereiche Controlling, Mailorder und IT weltweit. Danach wechselte Markus Klumpp als CFO zur Hommel & Keller Firmengruppe. Er trat bei ALPRO MEDICAL die Nachfolge von Hendrik Helmes an, der sich nach 30 Jahren beispielhafter Aufbautätigkeit in den wohlverdienten Ruhestand begab und zu den Gründern des Unternehmens zählt. Die beiden Geschäftsführer verweisen darauf, dass die Entwicklung von Produkten für die Zahnmedizin eine große Herausforderung darstelle, da die Reinigungsund Desinfektionsmittel äußerst effektiv und weitaus materialverträglicher sein müssen als in der Allgemeinmedizin. Würde man in der Zahnmedizin dieselben Mittel benutzen, mit denen in Krankenhäusern Operationsbestecke aus Edelmetall oder Titan desinfiziert und aufbereitet werden, würden die Instrumente, die in der Zahnmedizin verwendet werden, zum Teil zerstört. 210 Wirtschaft

 

 

 

Umzug von Villingen-Schwenningen nach St. Georgen-Peterzell In kürzester Zeit entwickelte sich das Unternehmen von der „Garagengründung“ zu einem mittelständischen Arbeitgeber regionaler Bedeutung, der auf eine dringende räumliche Expansion angewiesen war. Im Jahr 1995 gab ALPRO MEDICAL den Standort in VillingenSchwenningen auf und bezog einen Neubau in Peterzell an der Mooswiesenstraße. Bereits im Jahr 2000 wurde das Betriebsgebäude um weitere Produktionsund Lagerhallen erweitert. Hintergrund war die kontinuierlich steigende Nachfrage nach ALPRO-Produkten aus der ärztlichen Praxis im Inund Ausland. Ende 2006 löste ALPRO das Exportund Marketingbüro in Cuxhaven auf, konzentrierte den kompletten Geschäftsbetrieb von nun an in Peterzell. Damals fiel auch die Entscheidung, das Unternehmen von ALPRO Dental in ALPRO MEDICAL GMBH umzubenennen, um der Erweiterung der Geschäftsfelder über den mit großem Erfolg aufgebauten Dentalbereich hinaus entsprechend Rechnung zu tragen. Seit 2007 wurden auch Export, Marketing und Vertrieb im Schwarzwald abgewickelt. Den Platz dafür schuf man mit dem Bau eines Vertriebszentrums. Der Neubau gliedert sich in vier Pavillons, darunter ein Showroom für Präsentationen. Bei diesem Neubau legte man bei ALPRO MEDICAL besonderen Wert auf eine ökologisch sinnvolle Bauweise. Die Fenster bekamen eine Dreifachverglasung, die Gebäude eine komplette Wärmedämmung, die Fußbodenheizung wird durch Erdwärme gespeist und auf dem Flachdach erzeugen Solarzellen den Strom für die Erdwärmepumpe. Corona bringt besondere Herausforderungen Wie für viele Unternehmen entwickelte sich auch für ALPRO MEDICAL das Jahr 2020 durch das Coronavirus zu einem Jahr der besonderen Herausforderungen. Durch den explodierenden Bedarf an Desinfektionsmitteln standen schlagartig Produkte im Fokus, mit denen ALPRO das Portfolio bislang abgerundet hatte. „Mittel zur Desinfektion der Hände hatten wir schon immer ALPRO MEDICAL GMBH 211

 

 

 

im Portfolio – und plötzlich katapultierte sie die Pandemie in die Liga der Kernprodukte“, so die Geschäftsführer Alfred Hogeback und Markus Klumpp. Auch die Nachfrage nach Mitteln zur Flächendesinfektion schnellte in die Höhe. Um den Bedarf decken zu können, rekrutierte man im Frühjahr 2020 etliche Aushilfskräfte und stellte fünf neue Mitarbeiter ein. Außerdem wurden Abfüllanlagen so umgebaut, dass sie auch für das Abfüllen von Handdesinfektionsmitteln geeignet waren. Darunter litt allerdings die Herstellung anderer Produkte. Geschäftsführer Markus Klumpp: „Das Ganze tat zwar dem Umsatz gut, aber durch die exorbitant gestiegenen Rohstoffpreise wurde die Gewinnmarge geringer.“ Bohrerund Instrumentendesinfektion ein weiterer Schwerpunkt ALPRO MEDICAL beschäftigt aktuell 90 Mitarbeiter, unter ihnen zwölf Angestellte im Außendienst allein in Deutschland. Das in der Forschung und Entwicklung von hochwertigen Einblick in die Produktion. Das Mischen und Abfüllen der Reinigungsund Desinfektionsmittel nimmt breiten Raum ein. Auch die Nachfrage nach Mitteln zur Flächendesinfektion schnellte in die Höhe. Um den Bedarf decken zu können, rekrutierte man im Frühjahr 2020 etliche Aushilfskräfte und stellte fünf neue Mitarbeiter ein. und umweltfreundlichen Produkten im Bereich der Infektionskontrolle weltweit führende Unternehmen verfügt über ein Portfolio mit Dutzenden von innovativen Lösungen. Ein Schwerpunkt ist ebenso die Instrumentenund Bohrerdesinfektion. ALPRO entwickelte ein System zur Außenund Innenreinigung sowie Desinfektion von Handund Winkelstücken inklusive der Kühlwasserwege und der mechanischen Getriebeteile, das mit großem Erfolg am Markt platziert werden konnte. Das ALPRO-Sortiment umfasst ingesamt die Bereiche Händereinigung, -desinfektion und -pflege, Oberflächenreinigung und -desinfektion, manuelle Instrumentenreinigung und -desinfektion sowie Produkte zur maschinellen Aufbereitung der Instrumente, Absauganlagenreinigung, Desinfektion, Abdruckdesinfektion, aber auch Produkte zur Betriebswasserentkeimung. 212 Wirtschaft

 

 

 

Beispiele für die Anwendung der ALPRO-Produkte. Oben: Produkt zur Betriebswasserent keimung. Unten: Maschinelle Aufbereitung von medizinischen Instrumenten. Betriebswasser im Fokus – Räumliche Erweiterungen geplant Die Aussichten für die weitere Entwicklung sind glänzend: Alfred Hogeback und Markus Klumpp streben einen Umsatz von 16 Millionen Euro an. Großes Potenzial sehen die Geschäftsführer von ALPRO MEDICAL für den Bereich der Betriebswasseraufbereitung medizinischer Geräte. „Nur zwei Prozent des Wassers auf der Erde sind Trinkwasser und das meiste davon befindet sich im Eis der Polkappen.“ Trinkwasser ist somit knapp und muss weltweit immer aufwändiger aufbereitet werden. Schon jetzt tragen die vom Peterzeller Unternehmen speziell entwickelten Produkte zur Wasserentkeimung in medizinischen Geräten weltweit dazu bei, dass (z.B. bei Zahnbehandlungen) dem Arzt immer einwandfreies Behandlungswasser bei der Arbeit am Patienten zur Verfügung steht. Durch ein 7.000 Quadratmeter großes Nachbargrundstück steht an der Mooswiesenstraße in Peterzell einer erneuten räumlichen Erweiterung nichts im Wege. In zwei bis drei Jahren soll gebaut werden. Aktuell steht die Baufreigabe zur Erweiterung des Verwaltungsgebäudes an. Hier wird Platz für ca. 30 weitere Mitarbeiter geschaffen. Sicher. Sauber. ALPRO – der in Peterzell angesiedelte Spezialist für Reinigungsund Desinfektionslösungen bleibt dank seiner Innovationsfreude und hohen Produktqualität auf weltweitem Expansionskurs. ALPRO MEDICAL GMBH 213

 

 

 

Mit einem Rübenernter fing alles an Der Maschinenring Schwarzwald-Baar hat sich in den vergangenen 50 Jahren zu einem Erfolgs modell entwickelt – Gründerväter mussten viel Überzeugungsarbeit leisten von Roland Sprich 214 214 Wirtschaft

 

 

 

Das Team des Maschinenrings Schwarzwald-Baar im Jubiläumsjahr. 215

 

 

 

In der modernen Landwirtschaft erleichtern heute eine Vielzahl hoch technischer Maschinen die schwere und anspruchsvolle Arbeit der Bauern im Stall und auf den Feldern. Doch viele Maschinen werden lediglich saisonal benötigt und sind somit nur wenige Tage im Jahr wirklich im Einsatz, so dass die Investition in einen kompletten Maschinenpark nicht für jeden Landwirt rentabel ist. Hier greift die Ursprungsidee des Maschinenrings Schwarzwald-Baar. diese über die Geschäftsstelle oder über ein Onlineportal direkt buchen. Der Maschinenring fungiert dabei als eine Art Makler, der darauf achtet, dass die Spielregeln zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer eingehalten werden. Ein Blick in die Chronik: An einem Freitag, den 13., nämlich am 13. Februar 1970, wurde der Maschinenring in Mönchweiler gegründet. Damals hieß er noch „Maschinenring Villingen & Umgebung.“ Als „Vater“ des Maschinenrings Villingen gilt Oberlandwirtschaftsrat Hans Rösch, damals stellvertretender Leiter des Landwirtschaftsamtes. Die Von der Ackerwalze bis zum Mähdrescher Vor genau 50 Jahren wurde der Zusammenschluss von Landwirten mit dem Gedanken gegründet, sich gegenseitig landwirtschaftliche Maschinen und Arbeitskapazitäten zur Verfügung zu stellen. Seither hat sich der Maschinenring zu einem modernen und breit aufgestellten Dienstleistungsunternehmen mit zahlreichen Geschäftszweigen rund um die Agrarwirtschaft entwickelt. Von der Ackerwalze übers Güllefass bis zum Leihtraktor und vom Pflug über Mulcher bis zum Mähdrescher. Insgesamt umfasst der Mietpark des Maschinenrings Dutzende von Fahrzeugen, Maschinen und Geräten. Im Internet oder per SmartphoneApp können die Mitglieder freie Kapazitäten der benötigten Maschinen einfach einsehen und Idee stieß – wie bei vielem, was neu ist – zunächst nicht auf offene Ohren. Rösch musste gemeinsam mit einigen wenigen Mitstreitern die Bauern von der Idee einer Selbsthilfeorganisation für die Landwirte in der Region erst überzeugen und anfangs „dicke Bretter bohren, um den Landwirten die Vorteile aufzuzeigen“, wie Rainer Hall sagt, Geschäftsführer im Jubiläumsjahr. Er muss es wissen, schließlich war sein Vater Klaus Hall, einer der ersten Mitglieder und von Anfang an Befürworter dieser Initiative. Doch dann erkannten die Landwirte die Vorteile und der Maschinenring wuchs schnell. Bereits im Gründungsjahr hatte der neue Verein 60 Mitglieder. Das erste überbetriebliche Engagement war der Einsatz eines Rübenvoll ernters, der bei zahlreichen Betrieben im Kreis eingesetzt wurde. Hans Rösch (links) gilt als Vater des Maschinenrings Schwarzwald-Baar. Rechts daneben der langjährige Geschäftsführer Klaus Hall. Foto rechts: Maisernte in den Anfangsjahren des Maschinenrings. 216 Wirtschaft

 

 

 

Die heutige Geschäftsstelle im Gewerbegebiet in Donaueschingen. Die erste Geschäftsstelle befand sich im Wohnzimmer von Geschäftsführer Klaus Hall. Einzugsgebiet von Schonach bis an die Schweizer Grenze Mit der Kreisreform 1972 wurde das Gebiet des Maschinenrings auf den gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis ausgedehnt. 1986 wurde das Gebiet um den Bereich Titisee-Neustadt/Hochschwarzwald erweitert. Heute reicht das Einzugsgebiet von Schonach bis an die Schweizer Grenze und von Blumberg bis an den Feldberg. Rainer Hall ist seit 2006 Geschäftsführer der Maschinenring GmbH und seit 2009 auch Geschäftsführer des Maschinenrings e.V. Er ist quasi mit dem Maschinenring aufgewachsen. Sein Vater Klaus Hall wurde von Hans Rösch 1974 zum Geschäftsführer bestellt. Formuliertes Ziel war die Bildung einer Geschäftsstelle, um die Organisation und Koordination innerhalb des Maschinenrings zu optimieren. Die erste Geschäftsstelle war im Hall’schen Wohnzimmer in Donaueschingen-Aasen. Seit 1999 sind alle Maschinenringdienstleistungen in der GeDas Geschäftsgebiet des Maschinenrings Schwarzwald-Baar. Maschinenring Schwarzwald-Baar schäftsstelle in der Raiffeisenstraße im Donaueschinger Gewerbegebiet vereint. Wenngleich Rainer Hall sowohl der GmbH als auch dem Verein vorsteht, so betont er, dass der Maschinenring keineswegs eine Ein-Mann217

 

 

 

Der Maschinenring ist auch Produzent von Rapsöl, das als BaarGold vertrieben wird. Show ist. „Ohne das großartige Team an hauptund ehrenamtlichen Mitstreitern könnten wir unsere vielfältigen Aufgaben nicht leisten“, so Hall. Er nennt insbesondere Klaus Grieshaber, der seit 2006 Vorsitzender des Vereins ist. Ohne das großartige Team an hauptund ehrenamtlichen Mitstreitern könnten wir unsere vielfältigen Aufgaben nicht leisten. Entwicklung zum vielschichtigen Dienstleistungsunternehmen In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Maschinenring zu einem vielschichtigen Dienstleistungsunternehmen entwickelt. Er betreibt in VS-Villingen und in Hüfingen zwei kreiseigene Kompostanlagen zur Herstellung und Vermarktung von zertifiziertem Schwarzwald-Baar-Kompost, betreut mit wenigen Ausnahmen die Wertstoffhöfe im Landkreis und produziert mit BaarGold eigenes Rapsöl. Darüber hinaus unterstützen die Mitarbeiter die Landwirte bei der Bewältigung des bürokratischen „Wuschtes“, der im Agrarbereich immer mehr wird. „Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal so viel Büroarbeit für die Landwirte machen“, sagt Rainer Hall. Und zählt auf, mit welchen bürokratischen Hürden die Landwirte zu kämpfen haben, die einen nicht unerheblichen Teil ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich der Produktion von Nahrungsmitteln, in Anspruch nehmen. „Düngeverordnung, Nährstoffvergleich, Stoffstrombilanz oder der unter der Bezeichnung FIONA zusammengefasste gemeinsame Flächeninformationsund Online-Antrag, um nur einige Stichpunkte zu nennen.“ Was Hall bedauert ist der Umstand, dass das Thema Überdüngung pauschal behandelt und nicht nach Regionen unterschieden wird. „Wir haben im Schwarzwald-Baar-Kreis keine Probleme mit Nitrat im Grundwasser.“ Man müsse im Gegenteil sogar aufpassen, dass bei einem weiteren Rückgang der Viehbetriebe sich keine Gülleunterversorgung einstellt. „Und ohne organischen Dünger funktioniert nun mal 218 Wirtschaft

 

 

 

Eines der vom Maschinenring beschafften Fahrzeuge, ein Güllefass mit Schleppschuh, zur bodennahen Gülleausbringung. keine Landwirtschaft.“ Deshalb vermittelt der Maschinenring auch Gülle zwischen Betrieben in der Region. Übernahme des MüllbehälterÄnderungsdienstes Eine weitere Säule des Geschäftsbetriebs kam 2019 mit der Übernahme des Müllbehälter-Änderungsdienstes im Schwarzwald-Baar-Kreis hinzu. Diese unterschiedlichen und voneinander unabhängigen Geschäftsbereiche, zu denen sich beispielsweise noch Winterdienst, Lkw-Transporte und Tankstellenbetrieb gesellen, sichern die Finanzierung des Maschinenrings, zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen, die mit 80 Euro pro Mitglied und Jahr recht fair ausfallen, Wer einmal eine der Dienstleistungen in Anspruch nimmt, für den hat sich der Jahresbeitrag bereits gelohnt. wie Hall sagt. „Wer einmal eine der Dienstleistungen in Anspruch nimmt, für den hat sich der Jahresbeitrag bereits gelohnt“, so Hall. Eine der stabilen und wichtigen Säulen, die der Maschinenring bereits 1974 ins Leben rief, ist der Betriebshilfsdienst. Hier sorgen erfahrene Helfer dafür, dass der Arbeitsalltag auf dem Hof weiterläuft, wenn der Landwirt als Hauptarbeitskraft aufgrund von Krankheit oder durch einen Unfall ausfällt. Kernaufgabe ist aber nach wie vor die überbetriebliche Vermittlung von Maschinen und Arbeitskapazitäten für die Landwirte. 2019 wurden knapp 1.100 solcher Buchungen getätigt. Ein Fünftel davon über das Onlineportal, der Rest über die Geschäftsstelle. Hall schätzt, „dass 95 Prozent aller Landwirte im Einzugsgebiet, die auch aktiv Landwirtschaft betreiben, Mitglied im Maschinenring sind und die Dienste mehr oder weniger intensiv in Anspruch nehmen.“ Ausrichter des Agrartags Seit 2017 richtet der Maschinenring gemeinsam mit dem örtlichen BLHV in den Donauhallen in Maschinenring Schwarzwald-Baar 219

 

 

 

nur 20 oder 30 Hektar, die durchaus gewünscht und für eine unterschiedliche Agrarbewirtschaftung notwendig sind, Zugriff auf neue Techniken durch Miete spezieller Maschinen oder der kompletten Dienstleistung haben, können diese auch weiterhin und ohne große Investitionen bestehen. Hall weiß, wovon er spricht, er betreibt selbst einen Betrieb mit 35 Hektar Grünland. Eigene Maschinen im Angebot Zwar vermittelt der Maschinenring in erster Linie Maschinen und Geräte zwischen Landwirten, doch mittlerweile hält der Verein auch eigene Maschinen vor. „Wir kaufen dann selber Geräte, wenn wir sehen, dass zwar ein gewisser Mietbedarf da ist, aber keiner der Landwirte diese Maschinen, beziehungsweise nicht in ausreichender Menge oder Größe anbieten kann.“ Dies ist aktuell im Bereich der bodennahen Gülleausbringung der Fall. „Ein Klassiker ist auch der Miststreuer. Den braucht ein Landwirt lediglich zwei bis drei Mal im Jahr, weshalb sich eine Anschaffung für die meisten Landwirte nicht lohnt.“ Nicht alles, was der Maschinenring in den vergangenen 50 Jahren anpackte, war von Erfolg gekrönt. Rainer Hall erinnert sich insbesondere an einen Flop. „Vor rund 30 Jahren haben einige Landwirte im Rahmen des Maschinenrings die ‚Agrarfrisch‘ gegründet, mit dem Ziel, regionale Produkte zu vertreiben.“ Dazu mieteten die Landwirte ein altes Schlachthaus in Oberbaldingen und fuhren Bestellungen mit einem kleinen Kühltransporter aus. Was heute als regionale Direktvermarktung ein Erfolgskonzept ist, funktionierte damals noch nicht. „Die Idee war megainnovativ, aber die Verbraucher waren damals noch nicht so weit.“ Maschinenring Schwarzwald-Baar ist für die Zukunft gut aufgestellt Mitglied im Maschinenring Schwarzwald-Baar zu werden, bedeutet für die Mitglieder auch, Teil einer großen Familie zu sein. „Bei uns geht es nicht anonym zu, sondern es gibt auch zahlSeit 2017 richtet der Maschinenring gemeinsam mit dem örtlichen BLHV in den Donauhallen in Donaueschingen jährlich einen Agrartag aus. Donaueschingen jährlich einen Agrartag aus, mit hochwertigen Fachvorträgen und einer Landwirtschafts-Messe. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens gratulierte in diesem Jahr auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der zur Situation und Zukunft der Landwirtschaft im Ländle sprach. Dass die Mitgliederzahl in den vergangenen Jahren sukzessive zurückging, vom absoluten Höchststand von 877 im Jahr 1995 auf 760 im Jahr 2020, liegt „schlicht daran, dass es immer weniger Landwirtschaftsbetriebe gibt“, wie Rainer Hall sagt, der einen weiteren Rückgang für die kommenden Jahre prognostiziert. „Innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre wird es nochmal gehörig rappeln, wenn die Zahl der Betriebe auch demografisch bedingt um bis zu 20 Prozent zurückgeht.“ Mit der Vermittlung freier Kapazitäten von landwirtschaftlichen Maschinen, sieht Rainer Hall auch einen aktiven Beitrag zur Verlangsamung des Strukturwandels. „Wenn der Landwirt Maschinen kauft, blockiert er Kapital, das ihm wiederum für die Weiterentwicklung seines Betriebes fehlt, beispielsweise um einen neuen Stall zu bauen oder eine Photovoltaikanlage aufs Dach zu setzen“, macht Rainer Hall deutlich. Dadurch, dass auch kleinere Betriebe mit 220 Wirtschaft

 

 

 

Die überbetriebliche Vermietung von Arbeitsmaschinen und Arbeitskraft ist nach wie vor die Kernaufgabe des Maschinenrings. Hier ein Mähdrescher bei der Kornernte. reiche persönliche Beziehungen.“ Dass auch von Seiten der Mitglieder die Wertschätzung da ist, spürten Vorstand, Geschäftsführung und Mitarbeiter, als im Januar das 50-jährige Bestehen des Maschinenrings mit einem großen Festakt in den Donauhallen in Donaueschingen groß gefeiert wurde. „Von den 450 Gästen waren sicherlich 350 Mitglieder anwesend. Das war schon ein Ritterschlag für uns“, so Rainer Hall. Der Maschinenring Schwarzwald-Baar ist einer von 30 Maschinenringen in Baden-Württemberg und einer der ältesten. Jeder davon hat seine eigenen Schwerpunkte und beispielsweise aufgrund von klimatischen oder topografischen Gegebenheiten andere Problemstellungen zu bewältigen. Für die Zukunft sieht sich der Maschinenring Schwarzwald-Baar gut aufgestellt. „Eines unVon den 450 Gästen waren sicherlich 350 Mitglieder anwesend. Das war schon ein Ritterschlag für uns. serer neuesten Produkte ist ein Biodünger aus Separationsmaterial.“ Verarbeitet hierzu wird ausschließlich Material der regionalen landwirtschaftlichen Betriebe. Dazu wird die Gülle ausgepresst, der Feststoff wird abgetütet und an Endkunden verkauft. Außerdem werden die chemiefreie Unkrautbekämpfung mit Heißwasserdampf und andere Kleinthemen den Maschinenring in den nächsten Jahren beschäftigen. Auch nach mehr als 50 Jahren ist er nach wie vor immer am Zeitgeist orientiert. Maschinenring Schwarzwald-Baar 221

 

 

 

Nastrovje Potsdam – Das Kultlabel aus dem Schwarzwald „Villingen meets Fashion“ – Nastrovje Potsdam ist das Kultlabel aus dem Schwarzwald schlechthin. Was aus Spontanität und der Liebe zur Musik heraus entstanden ist, wurde schnell zu einer Geschäftsidee, aus der sich in über 30 Jahren ein erfolgreiches Unternehmen entwickelt hat. Heute ist Nastrovje Potsdam ein Modeunternehmen, das sich über die Landesgrenzen hinaus einen Namen gemacht hat. von Simone Neß 222 222 Wirtschaft

 

 

 

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Im Jahr 1986 eröffneten Frank „Sutz“ Schilling und Joachim „Töni“ Schifer einen Plattenladen in der Sturmbühlstraße in Schwenningen. Etwas später schloss sich ihnen Volker „Fritz“ Wursthorn an. Die Spitznamen tragen die Gründer von Nastrovje Potsdam noch heute, auch wenn keiner von ihnen mehr so recht weiß, wie sie entstanden sind. Das Musikgeschäft trug schon damals den Namen „Nastrovje Potsdam“. Dabei ist Nastrovje („Na sdorówje!“) ein viel gebrauchter russischer Trinkspruch. Der Zusammenhang mit „Potsdam“ ist als Wortspiel auf dem Weg nach Berlin entstanden, erzählt Geschäftsführer Frank Schilling mit einem Lächeln, wenn er an die Gründerjahre zurückdenkt. In Schwenningen verkauften die drei jungen Männer Schallplatten, organisierten nebenbei Partys und Punk-Konzerte und standen dadurch mit zahlreichen Bands in engem Kontakt. Was den Bands meistens fehlte, waren T-Shirts mit einem persönlichen Aufdruck. „So sind wir zu den Textilien gekommen“, erklärt Schilling. Von Hand bedruckten sie T-Shirts für die Bands, deren Konzerte sie organisierten. „Auf den ganzen Schallplatten im Laden lagen T-Shirts über die Nacht zum Trocknen“, erinnert sich Frank Schilling zurück. Was damals in einem Hinterzimmer eines Schallplattenladens gestartet wurde, prägt heute ein Stück weit die Modewelt mit. Von der Textildruckerei zum Modeunternehmen Über die Jahre hinweg bedruckte das Trio unter anderem T-Shirts für Westernhagen, Die Ärzte oder gar Bad Religion. So wurde Nastrovje Potsdam immer vertrauter mit den textilen Produkten und knüpfte in der Branche Kontakte nach Berlin. Was mit einer Textildruckerei begann, wuchs stetig zu einem ModeunternehDer Plattenladen in der Sturmbühlstraße in Schwenningen. men heran. Im Jahr 1997 lancierte Nastrovje Potsdam die Marke Vive Maria, drei Jahre später folgte das Modelabel Pussy Deluxe. Gleichzeitig blieben sie ihrer ursprünglichen Geschäftsidee treu und verkauften weiterhin MerchandisingProdukte unter dem Namen „NP Fashion“. Doch was machen die Marken des Schwarzwälder Modeunternehmens aus? Vive Maria ist 1997 eher holprig gestartet, nahezu skandalös. Als die Modemarke auf den Markt kam, galt Vive Maria zunächst als reines Lingerie-Label, das sich häufig religiöser Motive bediente. Nicht selten waren Poesiebilder, jedoch auch Motive der Jungfrau Maria oder von Jesus auf der Unterwäsche abgebildet. Aufgrund des provokanten Auftretens war die Modemarke starker Kritik ausgesetzt. Die Meinungen über die Produkte gingen enorm auseinander. Frank Schilling ist sich im Rückblick auf diese Zeit sicher, dass die damalige Kritik für Nastrovje Potsdam gut war: Alle haben dank der Kontroversen über Vive Maria gesprochen, was das Modelabel hochpushte. Links: Katalog von Nastrovje Potsdam von 1997. Rechts: Die Gründer Joachim „Töni“ Schifer (von links), Volker „Fritz“ Wursthorn und Frank „Sutz“ Schilling im Bürogebäude in der Niederwiesenstraße in Villingen. 224 Wirtschaft

 

 

 

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Almost Innocent und Mis(s)behave… der unverwechselbar feminine Stil von Vive Maria wurde sogar in zwei Düften eingefangen. Nicht nur Mode steht bei Nastrovje Potsdam auf dem Programm. „Textilgewordene Delikatessen und erotische Köstlichkeiten“ Heute ist Vive Maria weniger plakativ. „Es ist ein Kunststück den richtigen Nerv zu treffen“, kommentiert Frank Schilling die Entwicklungen in der Modewelt. Über die Jahre hinweg hat sich Vive Maria eine treue Fangemeinde in jeglichen Altersklassen aufgebaut. Nastrovje Potsdam verkauft die Produkte als „Textilgewordene Delikatessen und erotische Köstlichkeiten“. Kopf hinter der ausgefallenen Wäsche und Kleidung ist die Berliner Designerin Simone Franze, die zusammen mit Nastrovje Potsdam die Modeträume „anspruchsvoller und stilsicherer Frauen“ erfüllen möchte. Ihre kreativen Ideen entstehen in einem Atelier in der Hauptstadt. Bei ihrer Arbeit greift sie auf unterschiedliche Stoffe von Modal über Viskose bis zu zarter Spitze zurück. Verspielte Rüschen und süße Schleifchen verleihen den Vive Maria-Kollektionen einen außergewöhnlichen Charme. 226 Es ist ein Kunststück den richtigen Nerv zu treffen. Das Modelabel Pussy Deluxe hingegen ist jünger, greller, bunter und deutlich lauter. Es präsentiert bunte Rockabilly-Styles und ist von den 1950erund 1960er-Jahren inspiriert. Die Schnitte sind frech, die Prints bunt. „Früher war es mal größer aufgestellt“, erklärt Frank Schilling. Da viele verbreitete Modeketten, die sich ebenfalls auf eine recht junge Zielgruppe fokussieren, ihre Produkte zu Preisen anbieten, bei denen Nastrovje Potsdam als eher mittelständisches Unternehmen schwer mithalten Aus der aktuellen Vive Maria Herbst & Winter Kollektion. Wirtschaft

 

 

 

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Um im harten Wettbewerb bestehen zu können, stellt sich Nastrovje Potsdam stets noch kultiger und nischiger auf, was u.a. die Titelbilder früherer Katalogproduktionen widerspiegeln. kann, geriet man ins Hintertreffen. Durch den enormen Preiskampf musste sich das Schwarzwälder Modeunternehmen noch spezieller und nischiger aufstellen. Kreativer Kopf des Modelabels Pussy Deluxe ist das eigene Designteam in VS-Villingen. Es herrscht eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Nastrovje Potsdam hat mittlerweile auch Kindermode ins Sortiment aufgenommen. Den Wandel im Blick Mit „NP Fashion“ hat Nastrovje Potsdam in einer Modenische Fuß gefasst: Auch wenn Merchandise immer mehr zum heiß umkämpften Trend wurde, kann sich das Unternehmen aus dem Schwarzwald in diesem Segment weiterhin behaupten. Das Unternehmen verfügt über zahlreiche Lizenzen, darunter ein 16-jähriger Lizenzvertrag mit Walt Disney, wodurch das Schwarzwälder Modelabel über Motive von Star Wars und Marvel bis hin zur Mickey Mouse verfügt. Seinen Lauf nahm NP Fashion allerdings mit Klassikern wie Disney‘s Nightmare before Christmas oder The Muppets. Mittlerweile sind Lizenzen von zahlreichen Fernsehserien wie Breaking Bad, Vikings oder Outlander hinzugekommen. Eine spezielle Altersgruppe will Nastrovje Potsdam mit seiner Mode nicht ansprechen. Das Unternehmen versucht zeitgemäß zu bleiben und hat mittlerweile auch Kindermode in das Sortiment aufgenommen. „Es herrscht eine unglaubliche Aufbruchstimmung“, so Geschäftsführer Frank Schilling. Das Unternehmen habe den Wandel im Blick und zeigte sich offen für neue Sphären. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Firma stark verändert. Frank Schilling und Volker Wursthorn sind mittlerweile gemeinsam Geschäftsführer. Joachim Schifer zog es eine Zeit lang nach Berlin zurück, um dort in der Musikszene tätig zu sein. Mittlerweile ist er wieder Teil des Teams im Schwarzwald und bringt sich im Bereich Design ein. Aufwendig sind bei Nastrovje Potsdam die Shootings, denn die ausgefallene Kollektion muss entsprechend präsentiert werden. Rechts zwei Aufnahmen zur Pussy Deluxe Kollektion. 228 Wirtschaft

 

 

 

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Stark hat sich Nastrovje Potsdam in der Sparte Merchandising positioniert. Neben Star-Wars-Kleidung sorgt u.a. „The Nightmare before Christmas“ für geschäftlichen Erfolg. Vertrieb überwiegend im Onlinehandel Lange produzierte Nastrovje Potsdam die Kleidung in einer Textildruckerei in der Alleenstraße in Schwenningen. 2008 ist das Unternehmen in die Niederwiesenstraße in Villingen umgezogen und vermietet hier einen Teil der Räumlichkeiten im Gebäude auch an andere Unternehmen. Zu Bestzeiten waren in Schwenningen fast 100 Mitarbeiter angestellt, heute sind es etwa 20. Denn produziert wird mittlerweile überwiegend in der Türkei. Darüber hinaus wurde auch die Logistik ausgelagert. Das Team in Villingen kümmert sich um Design, Marketing und Vertrieb, koordiniert die Zusammenarbeit mit Online-Plattformen wie Zalando, Amazon und Otto und mit wichtigen Einzelhändlern wie Elbenwald und EMP. In Villingen entstehen auch zahlreiche Fotos, mit denen die Mode beworben wird, doch den wesentlichen Teil der Shootings übernimmt die Fotografin Edith Held in ihrem Studio in Berlin. Einen Wandel gab es aber auch im vertrieblichen Bereich. Der Outlet-Shop im Erdgeschoss des Bürogebäudes in der Niederwiesenstraße wurde im Mai 2020 geschlossen. Denn von dem Konzept eines festen Ladens ist Nastrovje Potsdam abgekommen. In Zukunft soll die Mode aus dem Schwarzwald überwiegend im Onlinehandel, sowohl im eigenen Shop als auch auf zahlreichen anderen Plattformen verkauft werden. Möglich seien aber ebenso Pop-Up-Stores oder gelegentliche Events, auf denen die Mode gekauft werden kann. Ohne Webshop ist Nastrovje Potsdam undenkbar. Vom Konzept eines festen Ladens ist das Modeunternehmen abgekommen. 230 Wirtschaft

 

 

 

Das Hauptquartier von Nastrovje Potsdam befindet sich in der Niederwiesenstraße in VS-Villingen. Großformatige Poster an den Außenwänden signalisieren, dass hier junge, kultige Mode beheimatet ist. Zukunftspläne und Visionen Und wie gelingt es einem solchen Modelabel am Standort Villingen-Schwenningen derartig erfolgreich zu sein? „Hier muss man mobil sein“, erklärt Schilling. Der Großstädter hat sich auf seinen Standort festgefahren, doch in Villingen-Schwenningen sei das nicht möglich. Man müsse immer in Verbindung bleiben. Und auch der Name habe die Firma zumindest ein Stück weit aus der Provinz herausgebracht. „Viele dachten, wir sitzen in Potsdam“, sagt Frank Schilling und lacht. Letztendlich setzt das Unternehmen allerdings auf den Onlineund nicht den Einzelhandel, der im Wesentlichen unabhängig vom Standort ist. Für die Zukunft hat das Schwarzwälder Modeunternehmen noch einiges geplant. „Wir wollen die Digitalisierung vorantreiben“, erklärt Schilling. Außerdem soll Nastrovje Potsdam auf mehr Plattformen vertreten sein und die Mode in weitere Länder geliefert werden. Das Unternehmen will sich weiterverbreiten und am Online-Shop arbeiten. Die Retouren sollen geringer gehalten und die Firma für eine jüngere Generation vorbereitet werden. Vielleicht werde man auch den Digitaldruck stärker einsetzen, der ein großes Potenzial besitzt. An Visionen mangelt es Frank Schilling und seinen Kollegen auf jeden Fall nicht. Auch die Aufnahme neuer Marken in das Sortiment möchte er nicht ausschließen. Man sei froh über Impulse von außen und neue Designer, die außergewöhnliche Ideen haben. Die entscheidende Frage, die das Unternehmen Tag für Tag begleite, sei: Was ist gerade in und was nicht? „Es wandelt sich so viel“, blickt Frank Schilling auf den Modemarkt. Genau das mache die Arbeit so spannend. Man müsse mit den Trends mitziehen und dennoch etwas Eigenes kreieren. Kritik und Rückschläge gehören zum Business nun mal dazu. Auch Nastrovje Potsdam musste sich damit auseinandersetzen. Doch heute ist das Kultlabel aus dem Schwarzwald in aller Munde, arbeitet mit Designern aus der Hauptstadt zusammen und verfügt über Lizenzen der größten Medienunternehmen der Welt. Nastrovje Potsdam hat sich einen Namen gemacht und ist von einem kleinen Plattenladen in der Sturmbühlstraße in Schwenningen zu einem Modeunternehmen mit einer enormen Reichweite herangewachsen. Nichtsdestotrotz hat die Firma dabei die familiäre Atmosphäre nicht aus den Augen verloren. Am Ende bleibt nur eins zu sagen: „Nastrovje!“ Nastrovje Potsdam 231

 

 

 

„Wasser des Lebens“ Die Brennerei Mack stellt im Kilpental edlen Whisky und feinherben Gin her Sebastian Mack prüft Farbe und Geschmack des eingelagerten Whiskys. 232 232 Wirtschaft

 

 

 

aus den Gütenbacher Highlands 233 Kilpen Gin und Kilpen Single Malt Whisky.

 

 

 

Wenn man an Whisky denkt, hat man augenblicklich Bilder der schottischen Highlands oder der „grünen Insel“ Irland im Kopf, wo eine raue Brise die salzige Luft vom Meer ins Land hinein trägt. Dabei entsteht das edle Destillat auch mitten im Schwarzwald. So beispielsweise im Kilpental, einem abgelegenen Seitental bei Gütenbach. Dort stellt die Brennerei Mack neben Obstbränden oder Gin auch ihren eigenen Schwarzwaldwhisky her, der sich durch besondere Qualität auszeichnet. Von Roland Sprich Bordeaux weinfässer abzufüllen, die ein befreundeter Winzer zur Verfügung stellte. „Dann hieß es warten“, schildert Sebastian Mack. Denn erst nach drei Jahren und einem Tag darf der so gelagerte Brand als Whisky bezeichnet werden. Wichtigste Zutat ist Geduld Heute bietet die Brennerei Mack zwei Whiskysorten an. „Wir machen einen fruchtigen Grain Whisky aus ungemälztem Getreide, der acht Jahre in gebrauchten Fässern lagert. Und einen Single Malt, der sein rauchiges Aroma von über Buchenholz getrocknetem, gemälztem Getreide erhält und zunächst sechs Jahre in neuen, unbenutzten Fässern heranreift, ehe er sein Finish im siebten Jahr in einem gebrauchten Whiskyfass aus Schottland erhält“, so Sebastian Mack. Anschließend wird der Whisky mit eigenem Quellwasser auf Trinkstärke gebracht. „Wir haben hier saures, praktisch kalkfreies Wasser, das sehr gut geeignet ist für die Herstellung“, verrät Sebastian Mack einen weiteren Mosaikstein bei der Herstellung übrigens aller Destillate aus dem Hause Mack. Eine weitere Spezialität aus dem Kilpental ist Gin, der mit Kräutern aus der Region hergestellt Oben: Der historische Kilpenhof, der im Jahr 2013 abgebrochen wurde. Unten: Hochprozentige Destillate der Brennerei Mack. Das Sortiment reicht von Obstbränden und Beerengeisten über Gin bis zum Whisky. Die Brennerei Mack auf dem Kilpen. „Wir brauchen Fässer!“ Mit dieser Erkenntnis kehrte Alexander Mack von einer Irlandreise im Jahr 2004 auf den Kilpenhof zurück, wo das Brennen von Obstbränden und -geisten eine mehr als 100-jährige Tradition hat. Bis dato konzentrierten sich die Macks darauf, das eigene Obst, vor allem Pflaumen, Kirschen und Himbeeren zu edlen Bränden und Geisten zu verarbeiten. Dass die Irlandreise von Alexander Mack das Sortiment eines Tages um Whisky ergänzen sollte, konnte damals niemand ahnen. Dabei haben die Macks bereits Mitte der 1980er-Jahre damit begonnen, neben Früchten auch Getreide, hauptsächlich Weizen, für einen Schwarzwälder Korn zu brennen. „Und von dort ist der Schritt zum Whisky eigentlich nicht mehr weit“, erklärt Sebastian Mack, der für die Brennerei zuständig ist. Und so begannen die Macks 2004, nach besagter Rückkehr von Alexander aus Irland, ihren Kornbrand in gebrauchte 234 Wirtschaft

 

 

 

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Dort, wo früher Schweine grunzten, ist heute die Destillerie untergebracht. Sebastian Mack verarbeitet auf dem Foto rechts unmittelbar neben dem Kilpenhof geerntete Vogelbeeren. wird. Im Gegensatz zu Whisky und Fruchtbränden, bei denen der Alkohol durch das Vergären der Maische entsteht, erhält beim Gin ein neutraler, aus Getreide gebrannter Alkohol sein Aroma durch zugesetzte Kräuter, so genannte Botanicals. Woraus genau diese bestehen, verrät Sebastian Mack nicht. „Es ist, neben Wacholderbeeren als Grundsubstanz, wilder Thymian dabei und Kerbel, der Rest ist ein Geheimnis“, gibt sich Mack verschlossen. Ein Kenner könne die einzelnen Zutaten aber durchaus heraus schmecken, ergänzt er augenzwinkernd. Der Gin wird in zwei Geschmacksrichtungen angesetzt. Einmal mit Zitronengras, was ihm eine exotische Note verleiht. Und ebenso mit Brombeeren, wodurch der Gin eine fruchtige Note erhält. Gesammelt werden die Kräuter übrigens auf den heimischen Wiesen. Davon gibt es im Kilpental mehr als genug. Zum Kilpenhof gehören 30 Hektar Grünland, die von den Macks extensiv bewirtschaftet werden. Von Frühjahr bis Herbst grast Pensionsvieh der benachbarten Landwirte auf den Weiden, auf denen auch die Obstbäume stehen. Eigene Tiere gibt es auf dem Kilpenhof nicht mehr. Früher hatte die Familie Mack Kühe und Schweine. Doch das ist lange her und war zuletzt kein rentables Geschäft, weshalb die Tierhaltung aufgegeben wurde. Destillerie im umgebauten Schweinestall Dort wo früher Schweine grunzten, ist heute die Destillerie untergebracht. Hier, in dem urig umgebauten Raum mit Mobiliar, das aus dem Holz des 2013 abgerissenen und anschließend neu aufgebauten Kilpenhof geschaffen wurde, lagern auch die Whiskyfässer – es liegt ein Hauch von „Angel Share“ in der Luft. Das ist der Duft des Alkohols, der sich im Laufe der Zeit aus den Fässern verflüchtigt und somit der „Anteil für die Engel“ wird. Und hier kommen die Kunden ihrem Whisky, Gin oder den anderen Bränden aus dem Hause Mack ganz nah. Denn hier können die Produkte auch probiert werden. „Eine Verkostung geht dem Verkauf eigentlich immer voraus“, beschreibt Sebastian Mack das Verkaufskonzept. Die Katze im Sack braucht hier niemand kaufen. Reine Schnapsproben mit 236 Wirtschaft

 

 

 

Sebastian Mack prüft während des Brennvorganges ein Destillat. „Wir brennen hauptsächlich unsere eigenen Früchte, beispielsweise Pflaumen, Kirschen, Äpfel und Birnen“, merkt er an. Eventcharakter gibt es allerdings nicht. Eine gewisse Ernsthaftigkeit sollte vorhanden sein. Wobei bereits die Anfahrt zum Kilpenhof durchaus ein Erlebnis ist, das man gratis zum Schnaps dazu bekommt. Denn das Kilpental und den gleichnamigen Hof findet man nicht zufällig. „Zu uns muss man schon wollen“, lacht Sebastian Mack. Ein guter Tipp: Wer die Brennerei mit dem Auto ansteuert, sollte sich in Abstinenz üben. Denn die schmale und kurvenreiche Strecke durch das Gütenbacher Hinterland hat durchaus ihre Tücken. Brennrecht dank Maria-Theresia Wie kommt die Familie Mack an das Privileg, hochprozentige Destillate herstellen zu dürfen? Das Schnapsbrennen unterliegt bekanntlich höchsten zollrechtlichen Bestimmungen. Dazu müssen wir das Rad der Zeit gut drei Jahrhunderte zurückdrehen, als das heutige südliche Baden-Württemberg zu Vorderösterreich gehörte. Maria-Theresia von Österreich, Fürstin aus dem Hause Habsburg (1717 bis 1780), Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen, erließ im 18. Jahrhundert eine Steuerreform zugunsten der „geschundenen Bauern“. Das „MariaTheresianische-Brennrecht“ erlaubte, dass „brave und rechtschaffene Bauern“ fortan jährlich drei Hektoliter reinen Alkohol erzeugen durften, um damit Schnaps herzustellen, durch dessen Verkauf sie ein zusätzliches Einkommen hatten. Dieses auch als „Drei-HektoliterBrennrecht“ bezeichnete Recht war an den jeweiligen Hof gebunden und gilt bis heute noch für zahlreiche Bauernhöfe, darunter auch für den Kilpenhof. Über die Edeldestillate Whisky und Gin sollen die gehaltvollen und regionaltypischen Obstbrände und Geiste nicht vergessen werden, die auf dem Kilpenhof seit mehr als hundert Jahren gebrannt werden. „Wir brennen hauptsächlich unsere eigenen Früchte, beispielsweise Pflaumen, Kirschen, Äpfel und Birnen.“ Dazu wurde der Baumbestand in den 1980er-Jahren ausgebaut. Auch Beerengeiste gehören ins Sortiment. „Am bekanntesten dürfte unser Brennerei Mack 237

 

 

 

Links: Die alte Destille der Brennerei Mack hat einen Ehrenplatz in den Verkaufsräumen. Oben: Whisky vom Kilpen Rechts: Sebastian Mack bei der Vogelbeerernte unmittelbar beim Kilpenhof. Wir wollen unserer Linie treu bleiben und setzen auf Qualität statt Quantität. wollen unserer Linie treu bleiben und setzen auf Qualität statt Quantität“, sagt Sebastian Mack. Da die Obsternte jedes Jahr unterschiedlich ausfällt, werden die Produkte in manchen Jahren zu echten Raritäten. Deswegen kann man die Brennerei Mack auch gerne als Manufaktur bezeichnen. 90 Prozent der Produktion werden direkt auf dem Hof verkauft. Der Rest wird auf ausgewählten Märkten in der Region offeriert. Derzeit feilen die Macks übrigens bereits an einer weiteren Spezialität. Ein Teil des produzierten Whiskys soll zunächst einige Jahre in gebrauchten Jack Daniels-Fässern heranreifen, „und anschließend noch weitere fünf Jahre in Panama-Rum-Fässern lagern“, verrät Sebastian Mack. Eine neue Idee, das „Wasser des Lebens“ aus dem Schwarzwald noch weiter zu verfeinern. Die Macks freuen sich schon heute darauf, das Ergebnis in einigen Jahren kosten zu dürfen. Waldhimbeergeist sein“, schätzt Sebastian Mack die Marktlage ein. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Brand und einem Geist? „Beim Brand wird im Gärvorgang aus der in der Maische vorhandene Zucker in Alkohol verwandelt und dann destilliert. Wenn Früchte wenig Zucker enthalten wie Himbeeren und Vogelbeeren, lohnt es sich nicht diese zu vermaischen. Dann werden die Früchte in 96-prozentigen Neutralalkohol eingelegt und dies wiederum destilliert. Dann spricht man von einem Geist“, erklärt der Fachmann. Bei der Herstellung der Destillate ist die gesamte Familie eingespannt. Wenn Erntezeit ist, helfen alle mit, um die Früchte von den Bäumen auf dem eigenen Gelände oder in den angrenzenden Wäldern zu ernten. Qualität geht vor Quantität Wenngleich sich die Familie Mack mit ihren Destillaten in den vergangenen Jahren einen guten Namen gemacht hat, so soll das Brennen ein Nebenerwerb bleiben und nicht über die 300 Liter Alkohol jährlich hinausgehen. „Wir 238 Brennerei Mack

 

 

 

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Stroh in der Hose und ein Brett auf dem Rücken ‒ bei der historischen Villinger Fastnacht sorgt die Wuescht-Gruppe seit langer Zeit für Furore. WUESCHTWUESCHTAm Schluss no kummet die Schönste…

 

 

 

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Es sind diese ganz besonderen ersten Momente: Aufstehen zu nachtschlafender Zeit, Häs anziehen, durch die fast menschenleere Innenstadt laufen, den Schopf betreten, die steilen Stufen nach oben und dann das vielstimmige „Wuescht”. Darauf habe ich mich ein ganzes Jahr lang gef reut. Die Fasnet geht los, endlich wieder. Zwei Tage, die anders sind als alle anderen. Zwei Tage, die mit schweren Beinen und müden Knochen unendlich lang sein können,die aber am Schluss immer zu kurz und zu schnell vorüber sind. von Dieter Wacker Was in diesen ersten Sätzen kryptisch klingt und bei dem geneigten Leser Fragezeichen produzieren dürfte, das ist letztendlich nichts anderes als eine kompakte Zustandsbeschreibung einer fastnachtlichen Leidenschaft: Wueschtlaufen in Villingen. Die Hauptrollen spielen dabei ein altes, abgewetztes, ausgebleichtes Narrenhäs mit vielen Nähund Flickstellen, eine angekratzte, mit Rissen durchzogene Scheme (Maske/Larve), ein schweres Holzbrett, ein Reisigbesen und jede Menge Stroh. Damit ist der Wuescht rein optisch schon mal ganz gut beschrieben. Eine Fastnachtsfigur, wie sie im schwäbisch-alemannischen Raum nur in der Narrenhochburg Villingen existiert und die ausschließlich zusammen mit Gleichgesinnten auftritt. Eine Figur, die für Außenstehende seltsam und zugleich lustig anmuten mag, die bei den vielen Liebhabern der historischen Villinger Fasnet aber absoluten Kultstatus genießt. „Wir sind die Elite der Villinger Fasnet“, sagt ein Wuescht auch gerne mal ganz uneitel und selbstbewusst über seine Gruppe. Kein Wunder, dichtete doch anno 1950 der damalige Zunftmeister der Oben: Wuescht-Vater Matthias Frey mit Bärenmaske. Rechts: Kleiner Wuescht mit Stroh-Grüßle. 242 7. Kapitel – Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste

 

 

 

Historischen Narrozunft, Franz Kornwachs, in seinem Villinger Schunkellied, das heute noch fast jedes Kind mitsingen kann: „Am Schluss no kummet die Schönste, hei dös isch e suberi Sach. De Wuescht mit sirä Grätze, jetzt guck au wie älles lacht.“ An Fastnachtsonntag geht es früh ins Bett, denn die Nacht wird kurz und die kommenden beiden Tage ganz schön hart. Gegen fünf Uhr am Montag – in Villingen „Fasnetmendig“ genannt, für viele Narren ein Tag, der ebenso wichtig wie der Heilige Abend ist – heißt es raus aus den Federn. Und sofort ist es da, dieses schier unbeschreibliche Kribbeln. Verliebte nennen so was wohl „Schmetterlinge im Bauch“. Ein richtiger Narr in Villingen kennt dieses Gefühl an „Fasnet mendig“, bevor es endlich wieder im Häs auf „die Gass“ geht. Draußen ist es noch stockfinster und ganz schön kalt. Auf dem Herd dampft schon die gebrannte Mehlsuppe, die bereits am Vortag aus Mehl, Fett, Fleischbrühe und Weißwein angerührt wurde. „Mehlsuppe muss sein”, hatten mir schon zu Beginn meines Wueschtlaufens vor Jahrzehnten die erfahrenen Hasen eingebläut. Denn: Sie sättigt, gibt Kraft und vor allem, ganz ganz wichtig: Sie stopft… Für einen Draußen ist es noch stockfinster und ganz schön kalt. Auf dem Herd dampft schon die gebrannte Mehlsuppe, die bereits am Vortag aus Mehl, Fett, Fleischbrühe und Weißwein angerührt wurde. Wuescht elementar, denn im Häs auf die Toilette zu müssen – eine Katastrophe. Also zum Frühstück ordentlich Mehlsuppe reinlöffeln und zur Einstimmung in den Tag: Eine leichte Weinschorle trinken. Die kann nie schaden. Das Gegenstück zum Narro Der Narro, eine imposante barocke Figur mit handbemaltem weißen Häs, handgeschnitzter glatter Scheme aus Lindenholz, Rollen (Glocken/ Schellen), die beim typischen Sprung lautstark erklingen, ist die unbestrittene Nummer eins unter den historischen Villinger Fasnetfiguren. Doch welch auffälliges Gegenstück zum Narro ist der Wuescht in seinem alten Häs! Die modischen Attribute des stolzen Narro, wie ein überdimensionierter gefalteter weißer Kragen, Foulard (Seidentuch) und Masche (bunte, geknotete Halsschleife aus Seide) sind dem Wuescht ab244

 

 

 

solut fremd. Seine Hose hat er prall ausgestopft mit Stroh, sodass er kaum mehr laufen kann und dadurch mit seinem ungewöhnlichen Gang bei den Zuschauern am Straßenrand für viel Trara und Gelächter sorgt. Richtig Stimmung kommt auf, wenn sich die ganze Truppe rennend in Bewegung setzt. Dann geht die Post ab, bei Akteuren und Zuschauern. Die ramponierte alte Narrooder Surhebelscheme (Surhebel ist eine individuell gestaltete Maske, manchmal etwas derber in der Ausprägung) nutzt der Wuescht nicht zur Vermummung, sondern hält sie lediglich seitlich vors Gesicht. Da die Gruppe beim Umzug der Historischen Narrozunft (der Verein hat fast 5.000 Mitglieder) am Montagmorgen traditionell das Schlusslicht bildet, rufen die Einheimischen voller Ironie oder Bewunderung, ganz im Geiste des bereits erwähnten Schunkelliedes: „Am Schluss no kummet diä Schönschte“. Auf den Rücken hat sich der Wuescht ein schweres, mit einer „Lumpendogge“ (zerlumpte Puppe) und allerlei anderem Krimskrams individuell geschmücktes Holzbrett, die „Krätze“, geschnallt. Auf das Brett werfen Kinder mit Schneebällen – oder mit heute eigens am Straßenrand bereit gestellten Tannenzapfen. Früher war es üblich, dass auch Steine flogen. Diesen derben Brauch gibt es aus Verletzungsgründen aber nicht mehr. Zugelassen ist das Bombardement auf die Bretter nur, solange der Wuescht seinen handgebundenen Reisigbesen, den er immer mit sich führt, nach oben hält. Einst durfte es auch ein flacher Kehrbesen sein. Wie der Wuescht sich kleidet… Es ist kurz nach 6 Uhr und Zeit das Häs anzuziehen. Ganz wichtig: Unter die Häshose kommt eine zweite stabile Hose (ich ziehe eine feste Jeans an), die mich vor spitzen und piksenden Strohhalmen schützen soll. Dass ich nach zwei Tagen Wueschtlaufen dennoch eine ganze Reihe von kleinen Wunden an den Beinen habe, das gehört einfach dazu. Die Häshose hat eine eigens eingenähte Innenhose, damit der eigentliche Hässtoff (aus Drill oder Leinen) nicht so schnell von den Strohhalmen durchstoßen wird. Obenrum sind es bei mir gleich mehrere Lagen luftund schweißdurchlässiger Kleidung. Drüber kommt noch ein „Stachihemd“, wie der blaue und bestickte Fuhrmannskittel in Villingen heißt. Die Hose wird mit einem kräftigen Bändel im Hüftbereich zugebunden und zusätzlich mit stabilen, breiten Hosenträgern gesichert, unten an den Beinen wird sie ganz fest auf die halbhohen, derben Schuhe gebunden. Erst jetzt kommt der Häskittel über die diversen Kleiderschichten. Schwitzen ist einkalkuliert, ist aber besser als frieren. 245

 

 

 

Mythen und Geheimnisse Um den Wuescht ranken sich Mythen und Geheimnisse. Woher kommt die Figur? Diente sie vielleicht einmal als Symbol der (heidnischen) Winteraustreibung? Der heutigen Definition der Fastnacht folgend, wonach deren Ausgangspunkt ganz in den christlichen Jahresverlauf eingegliedert ist, kann das Thema Winteraustreibung schnell zu den Akten gelegt werden. Der Name Wuescht bedeutet schlicht und einfach wüst. Hansjörg Fehrenbach, der langjährige Archivar der Villinger Narrozunft, hat verlässliche Fakten zum Wuescht zusammengetragen. So verweist Fehrenbach auf frühe Beiträge von Johann Nepomuk Schleicher, Gewerbeschullehrer und von 1851 bis 1854 erster Archivar der Stadt Villingen. In seinem Aufsatz „Die Fastnacht zu Villingen in der Mitte des vorigen Jahrhunderts“ (gemeint ist damit die Zeit um 1750), veröffentlicht 1874 im Wochenund Verkündigungsblatt „Der Schwarzwälder“ (nicht mit der Tageszeitung Schwarzwälder Bote zu verwechseln) und später (1882-1887) auch im „Altertum-Repertorium“ von Ferdinand Förderer, berichtet Schleicher sehr konkret über den Wuescht oder „Wust“, wie er ihn nannte. Vieles war vor 270 Jahren an Fastnacht ähnlich wie heute, wenn es auch nur erwachsenen Männern erlaubt war, sich zu maskieren. Hauptfigur war damals bereits der Narro mit Häs, Scheme und Rollen. Auch Albert Fischer, von 1927 bis 1949 Zunftmeister der Historischen Narrozunft und intensiver Fastnachtsforscher, weiß viel über die Wueschte in früheren Zeiten zu erzählen. So erwähnen beide, dass im 18. Jahrhundert nicht nur viele Villinger Bürger an Fastnacht (Donnerstag, Montag und Dienstag) die Straßen der Stadt bevölkerten, sondern auch ganze Heerscharen an Umlandbewohnern herbeiströmten, um das närrische Treiben zu beobachten oder selbst ins Häs zu schlüpfen. Schleicher nennt sie „Landjunker“ und Fischer spricht von „Landhansel“. Albert Fischer, der sich dabei sicher auch auf Nepomuk Schleicher bezog, schrieb in seinen Publikation „Aus Villingens Vergangenheit“ (1914) und „Villinger Fastnacht – einst und jetzt“ (1922) mit Blick auf das fastnachtliche GescheVieles war vor 270 Jahren an Fastnacht ähnlich wie heute, wenn es auch nur erwachsenen Männern erlaubt war, sich zu maskieren. Hauptfigur war damals bereits der Narro mit Häs, Scheme und Rollen. hen früherer Jahrhunderte: „Es gab immer Häuser in der Stadt, wo man sich für kurze Zeit ein Narrohäs leihen konnte. Solche Landhansel waren als solche gleich erkannt, weil sie gewöhnlich den Narrosprung nicht richtig machen können und auch das Juchzen nicht so fertigbringen wie der geborene Villinger. Dafür bekamen sie dann von den Villinger Buben den Namen „Stachy“ (Anm.: Stachi ist heute noch eine der Villinger Fasnetfiguren) zugerufen. Früher wurden sie auch, wenn sie ein schmutziges Narrohäs anhatten, mit dem Namen „Wust“ tituliert, verfolgt und mit Schneeballen, Eisschollen oder gar mit Steinen beworfen, sodass sie sich in die Häuser flüchten mussten. Später wurde die Sache für die Landhansel etwas besser.“ Auf zum Schopf der Wueschte In den Morgenstunden des Fasnetmendigs in der Villinger Innenstadt unterwegs zu sein, das ist was ganz Besonderes. Die Straßen, an denen sich zwei Stunden später Tausende von Zuschauern aufreihen werden, sind noch weitgehend leer. Aus allen Richtungen klingen schon die Rollen der Narros, aus der Ferne schallt das rhythmische Schlagen der Glonki-Blechtrommeln. Gänsehautstimmung. Am Rande der Innenstadt steht ein alter stattlicher hölzerner Schopf (Scheune), dessen Außenseite eine große Wueschtfigur ziert. Das zweistöckige Gebäude ist das „Hauptquartier“ Wuescht-Gruppe mit Fahne, fotografiert in der Villinger Innenstadt im Jahr 1911. 246 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

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der Wueschte an Fasnet. Im unteren Bereich stapeln sich die hölzernen Wueschtbretter, jedes davon ist individuell von seinem Besitzer selbst gestaltet. Eine schmale, steile Holztreppe führt im spärlichen Licht nach oben. Ein Stockwerk höher staubt es ordentlich, die Atmosphäre ist eine ganz spezielle. In der Mitte des Raums liegt ein großer Haufen Stroh. Drumherum verteilt die ersten Wueschte, die schon kräftig dabei sind ihre Hosen auszustopfen. Jeder Neuankömmling wird mit einem lautstarken und dem langgezogenen „Wueeescht“, dem allseits bekannten Ruf der Gruppe, begrüßt. Die Häshose dick und rund mit Stroh auszupolstern, das ist eine Kunst für sich. Jeder hat beim (Voll-)Stopfen so seine eigenen kleinen Tricks und Kniffe. Wichtig ist, dass die Hose am Ende richtig prall, kompakt und möglichst gleichmäßig gefüllt ist, damit das Stroh nicht bei der ersten Gelegenheit zusammensackt. Und jeder Wuescht lernt von Anfang an: Der Innenbereich an den Beinen muss strohfrei bleiben, sonst reibt es ganz schnell beim Laufen und der berüchtigte „Wolf“ lässt grüßen. Beim Stopfen wollen die Wueschte möglichst unter sich bleiben. Eine große Ausnahme ist Herbert Frey, der Vater des aktuellen Wueschtvaters. Herbert, ein zwischenzeitlich pensionierter Lehrer, ist so etwas wie die „Wuescht-Stopfmaschine“. Das seit über 30 JahRechte Seite: Als Ansichtskarte vertriebene WueschtIllustration des Graphikers Curt Liebich aus den 1920er-Jahren (Samm lung Manfred Hildebrandt). ren, obwohl er selbst nie ins Wueschthäs gegangen ist. „Herbert, Herbert“ ruft es ständig aus irgendeiner Ecke und Herbert hilft, wo es nur geht. Er schaufelt unterstützend Unmengen Stroh in diverse Häshosen. Herbert bindet Hosen oben und unten zu und hat, falls mal irgendwo irgendwas klemmt oder was reißt, immer ein „Sackmesser“ (Taschenmesser) und eine starke Sicherheitsnadel zur Hand. Wust, Wuascht oder Wuescht? Im Laufe der Zeit kam es immer wieder zu verschiedenen Schreibweisen des Wuescht. So tauchen in Dokumenten die drei Bezeichnungen Wust, Wuascht oder Wuescht auf. Letztendlich sind alle drei Begriffe identisch, sie werden auch mehr oder weniger (mit leichten Nuancen) gleich ausgesprochen – es handelt sich dabei lediglich um verschiedene (historische) Ausprägungen des Villinger Dialekts, der sich im Laufe der Zeit auch etwas geändert hat. Und in Villingen heißt es: „Wie gesprochen so geschrieben.“ Seit vielen Jahren hat sich aber eindeutig die Schreibund Sprachweise „Wuescht“ durchgesetzt. Ausstopfen des Wuescht mit Stroh im Wuescht-Schopf am Morgen des Fasnetmendig. 248 Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste

 

 

 

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Doch es änderte sich nicht nur der Name, die Wüsten wurden zudem „salonfähiger“. Albert Fischer schreibt von den „Wusten“, die sich besonders bei der Jugend großer Beliebtheit erfreuten, weil sie diese mit Schneeballen, Eisschollen usw. bewerfen durften. Um sich gegen Schäden zu schützen, so bemerkt Fischer, „stopfen die Wuste ihre Kleidung mit Stroh aus, tragen auf dem Rücken eine sogenannte Krätze, welche gewöhnlich mit altem Tongeschirr behangen ist und haben besonders gut den Kopf eingebunden, denn dieser ist das Hauptziel der werfenden Jugend“. Nicht selten, so erklärt Fischer, komme es vor, dass auch mit Steinen geworfen werde und so passiere es immer wieder, dass durch einen „Haupttreffer“ dem „Wust“ die Larve zertrümmert werde. Das Risiko besteht heute auch noch, wenn Kinder am Umzugsrand verbotenerweise anstatt mit Tannenzapfen mit Eisbrocken auf die Wueschte werfen. Schleicher und Fischer wissen aus der Vergangenheit zu berichten, dass die „Wuste“ nicht in allen Wirtschaften wohlgelitten waren, da sie einiges an Stroh und Schmutz hinterließen und die sie begleitenden Buben gerne Schneeballen mit ins Innere brachten und diese sehr zum Ärger einiger Wirte mit Absicht auf den sauberen Fußboden fallen ließen. Aus der Villinger Fasnet waren die Strohmänner aber nicht mehr wegzudenken und so gehörten sie 1882 bei der Gründung der Historische Narrozunft als Verein schon zum unverzichtbaren Bestandteil des närrischen Brauchtums. Alte Zeitungsanzeigen belegen die regelmäßige Teilnahme der Wueschtgruppe an den Fastnachtsumzügen. Das „Wueschtrennen“, wie die Aktivitäten der Gruppe früher auch genannt wurden, fiel mehrfach Verboten des Bürgermeisteramtes und des Großherzoglichen Bezirksamtes zum Opfer. So 1886 oder auch Anfang der 1890er-Jahre. Doch die Wueschte waren schon damals höchst einfallsreich: Da sie nicht „laufen“ durften, fuhren sie an Fastnacht zum Beispiel auf einer Kutsche. Ein besonders mutiger Wuescht schwang sich im strohgefüllten Häs auf ein Pferd und ritt unbehelligt durch die Stadt. 1912 gab es eine weitere große Aufwertung für die Gruppe: Der Kurz vor 10 Uhr geht’s am Fasnetmendig für die Wueschtgruppe endlich los: Scheme halb vors Gesicht, Besen in die Höhe und der Wueschtvater gibt mit einem kräftige „Wueeescht“ das Kommando zum Start. „Oberwuescht“ (heute Wueschtvater) bekam einen festen Sitz in der Vorstandschaft (dem Rat) der Historischen Narrozunft, was bis in die Gegenwart Bestand hat. Keine Hektik bitte… – die Schönsten laufen stets am Schluss des Zuges Um 9 Uhr beginnt der historische Umzug in der Bertholdstraße. Da die Wueschtgruppe ja am Schluss des Zuges läuft, ist keine Hektik angesagt. Früher gab’s vor Umzugsbeginn immer ein Schnäpschen für jeden Wuescht. Dafür sorgte die Mutter des ehemaligen Wueschtvaters Bernd Dilg. Leider ist sie schon lange gestorben und der nette Brauch damit auch. Kurz vor 10 Uhr geht’s dann auch für die Wueschtgruppe endlich los. Scheme halb vors Gesicht, Besen in die Höhe und der Wueschtvater gibt mit einem kräftige „Wueeescht“ das Kommando zum Start. In der Niederen Straße stehen die Zuschauer dicht gedrängt. Der Wueschtvater stimmt eines von jenen Sprüchle an, für die die Wueschte bekannt und manchmal auch ein wenig berüchtigt sind. Denn nicht jeder vorgetragene Spruch (die Wueschte nennen das Aufsagen „singen“) ist ganz jugendfrei. Die wirklich derben Sprüche kommen aber erst abends zum Einsatz, wenn die Kinderwueschte längst daheim sind. Die meisten Wueschtsprüchle existieren seit Generationen, neue sind im Laufe der Zeit dazugekommen. Gemeinsam ist ihnen: Die Sprüche sind meist sehr lokal, immer lustig, manchmal ironisch, auch mal bissig bis provozierend, aber sie sind nie verletzend! 250 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

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„I de Gerberstroß am Eck, do wohnt de Rieble-Beck. Er schtreckt de Arsch zum Fenschter nus, mer mont es wär en Weck. Es isch kon Weck, es isch kon Weck, es isch de Arsch vum Rieble-Beck. Wuescht“… …klingt es durch die Niedere Straße. Viele Zuschauer am Straßenrand kennen die Sprüchle und stimmen kräftig mit ein. So geht es dann den ganzen Umzugsweg lang quer durch die vier innerstädtischen Hauptstraßen. Zwischendurch stoppt der Wueschtvater mal komplett ab, lässt die vor ihm laufenden Maschgere (wie Hästräger in Villingen heißen) ein ganzes Stück weit davonziehen und dann geht’s los: Das langgezogene „Wueeescht“ ertönt und die Truppe rennt. Zum großen Vergnügen der Zuschauer, die johlen und juchzen. So mancher Wuescht sieht beim Rennen von hinten aus wie eine Gans auf Glatteis… Auf dem Umzugsweg gilt es immer wieder Ausschau zu halten nach Personen am Straßenrand, die ich kenne. Und schon habe ich jemanden entdeckt: Jetzt gibt’s ein aus der Häshose gezogenes Strohsträußle, und zwar mitten Und schon habe ich jemanden entdeckt: Jetzt gibt’s ein aus der Häshose gezogenes Strohsträußle, und zwar mitten hinein in den Hemdenoder Blusenkragen oder auch mal keck in den Ausschnitt. hinein in den Hemdenoder Blusenkragen oder auch mal keck in den Ausschnitt (die Wueschte sagen auch „stopfen“ dazu). In Villingen gilt so ein „Striessle“ als besondere Ehre, auch wenn das Stroh dabei auf der nackten Haut oftmals tierisch juckt. Eine ungeschriebene Regel für den „Gestopften“ besagt: Mag es wirklich auch ganz arg jucken, trotzdem nie das Stroh aus der Kleidung ziehen und vielleicht noch wegwerfen, solange ein Wuescht in der Nähe ist. Wenn er es sieht, kann da zur Strafe ganz schnell anstelle des kleinen Sträußchens eine ordentliche Ladung Stroh in der Kleidung landen. Damit es auch richtig tief reinrutscht, kommt schon mal der Besen zum Einsatz… Wenn die Wueschte voller Inbrunst ihre Fasnetsprüchle aufsagen, machen die kleinen und großen Villinger Narren begeistert mit. 252 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

Auf dem Weg zum Riettor, dem Endpunkt des frühen Montagumzuges, kommt schon ordentlich Stroh aus der Hose zum Einsatz und die Gruppe gibt manches Sprüchle zum Besten. Als sie dann noch eine Gruppe Schwenninger am Straßenrand entdeckt, ist schon klar was jetzt „gesungen“ wird. Da gibt es kein Pardon: „Früher sin d’Villinger nach Schwenningen ins Hallebad num gloffe. D‘ Villinger hon ins Wasser brunzt, und Schwenninger die hons gsoffe. Wuescht.“ Die Schwenninger nehmen es mit Humor. Und kurz vorm Riettor noch dieser Spruch: „I‘ de undere Schtadt, i‘ de obere Schtadt, do dond die Bure dresche, s‘ Müllers Magd häts Hemd verbrennt, jetzt ka mers nimmi wäsche. Wuescht.“ Nach dem Umzug heißt es erst einmal kräftig durchschnaufen, denn das Laufen in der prallgefüllten Strohhose und mit dem schweren Holzbrett auf dem Buckel ist anstrengend. An der Spitze steht der Wueschtvater Der Chef des Ganzen ist der demokratisch von der ganzen Gruppe gewählte Wueschtvater. Er gibt die Richtung vor, führt und lenkt. Unterstützt wird er von weiteren gewählten Mitgliedern, die das sogenannte Gremium bilden. Der Wueschtvater ist, wie bereits betont, zugleich Mitglied des Zunftrates und gehört damit dem Vorstand des Gesamtvereins Historische Narrozunft an. An Fasnet läuft der Wueschtvater der Gruppe voraus. Seine Insignien: Wueschtfahne, ein umgehängtes Ochsen-Kummet (Zuggeschirr) und eine markante Bärenscheme. Ein Brett trägt der Wueschtvater nicht. Auf sein Kommando hören (meist) alle. Die Bärenscheme, die der Wueschtvater trägt, ist ein für die Villinger Fasnet höchst ungewöhnliches Utensil. Vergleichbare Masken gibt es hier nicht. Die Larve stammt aus der Narrenhochburg Elzach (Landkreis Emmendingen). Sie kam als Dankesgeschenk nach Villingen, nachdem im Jahr 1900 einige Villinger Narroschemen nach Elzach ausgeliehen worden waren. Die „Schuttig“, die Hauptfiguren der Elzacher Fastnacht, sollen einst so schreckliche Masken getragen haben, dass diese vom Pfarrer zur Fasnet verboten wurden. Die Villinger MasAuf ihrem Rücken tragen die Wueschte individuell gestaltete Bretter. Mit einem Strohsträußle werden bekannte Gesichter am Umzugsweg bedacht. Diese „besondere Ehre“ juckt auf der Haut tierisch. Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 253

 

 

 

Bärenschemme – Dankgeschenk der Elzacher Narrenzunft an die Villinger aus dem Jahr 1900. „Rallye“ durch die Stadt Nach dem Umzug Montag früh, der Teilnahme am sogenannten Maschgerelauf am frühen Nachmittag und einem seit Jahren bei vielen Zuschauern höchst beliebten und unterhaltsamen lustigen Wettkampf mit den Blechtrommlern der Glonkigilde, beginnt für die Wueschtgruppe die „Rallye“ durch die Stadt. Und damit eigentlich der schönste Teil der Fasnet. Es geht von einer Wirtschaft und einem Narrenstüble in die/das nächste, ab Nachmittag ohne Bretter und Fahne, die im Schopf deponiert werden. Manchmal ist es in den Lokalitäten so knapp mit dem Platz, dass die letzten Wueschte nur durch heftiges Drücken und Schieben, was dann ein wenig an die Rush Hour in der U-Bahn erinnert, nach innen kommen. Der Wueschtvater stimmt einen Spruch nach dem anderen an und der ganze Saal macht mit. Sollten die Wueschte ihre Sprüchle auch noch rappen, man geht ja mit der Zeit, kocht die Stimmung. Wenn am Ende des Vortrags der Wueschtvater das berüchtigte Kommando: ‚Attacke‘ gibt, schwärmen alle Wueschte im Saal aus und es hagelt Strohsträußchen. Damit alle Gäste ein „Striessle“ erhalten, geht es durchaus unkonventionell zu. So schwer, sperrig und ungelenk ein Wuescht auch sein mag, einen Sprung auf den Tisch schafft er allemal und der Weg ins letzte Eck des Lokals ist frei. Um 20 Uhr ist für die Kinderwueschte Feierabend, Mama, Papa oder Oma und Opa warten schon zum Abholen. Für die Erwachsenen ist dagegen lange nicht Schluss. Es wird noch eine Schippe draufgelegt. Welch ein großartiges Bild ist es, wenn 60 Wueschte im Gänsemarsch, zickzack laufend hintereinander und singend durch die Stadt ziehen. In den Wirtschaften und Stüble, wo nach dem Vortrag meist für die durstigen und ausgetrockneten Kehlen der Wueschte Schorle spendiert werden, packt der Wueschtvater jetzt die nicht ganz jugendfreien Sprüchle aus. Kostprobe gefällig? ken akzeptierte der Gottesmann aber und somit war die Fastnacht im Elztal gerettet. Die aus Elzach stammende traditionelle Bärenlarve landete in Villingen bei den Wueschten. Die nahmen das Geschenk dankbar an und fortan trug der Wueschtvater die Bärenscheme als Symbol der Kraft und Stärke. Doch irgendwann ging dieser Brauch unter und die markante Maske verschwand von der Bildfläche. Erst Georg „Schorsch“ Baur, der von 1977 bis 1990 Wueschtvater war, kramte den Bär wieder hervor und verhalf ihm zu neuem Leben. Seither reicht ein Wueschtvater die Scheme dem nächsten weiter. Es gibt kuriose Wuescht-Geschichten um die alte Maske. Einmal landete das gute Stück nächtens durch einen dummen Zufall in einer tiefen Baugrube und wurde in einer schweißtreibenden Aktion gerettet. Ein anderes Mal blieb sie in der Nacht versehentlich auf einer Bank liegen und war danach verschwunden. Nach einem Radioaufruf am nächsten Morgen kam das Bärengesicht dann glücklicherweise wieder zum Träger zurück. Die Namen der Verursacher der kleinen Missgeschicke verschweigen wir hier ganz gentlemanlike… Die Original-Bärenscheme befindet sich heute als Leihgabe im Villinger Franziskanermuseum. Die Wueschtväter Bernd Dilg und Roland Weißer ließen in Elzach zwei Kopien anfertigen, die nun an Fastnacht getragen werden. 254 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

„Und wenn a mol beim Schmuse bisch und bisch bereits am Buse, no klappt des nit, die Frau will nit, no hilft Beate Uhse. Wuescht.“ In der Nacht zu Aschermittwoch, Schlag 24 Uhr am Fasnetdienstag, verbrennen die Wueschte auf dem Münsterplatz ihr Stroh. Die Fasnet ist vorüber. Es gibt allerdings noch weit derbere unter den rund 50 derzeit „gesungenen“ Versen. Aus vielen oftmals überhitzen Lokalitäten kommt man klatschnass geschwitzt raus in die an Fasnet meist eiskalten Nächte. Ich habe es mehr als einmal erlebt, dass der Schweiß auf der Stirn und im Bart gefroren ist. Der Montag in der Gruppe endet nicht vor ein oder halb zwei Uhr in der Nacht, die schon zum Dienstag gehört. Nicht alle Wueschte haben dann genug. Einige ziehen allein oder in kleinen Gruppen weiter in irgendeine Kneipe oder ein Stüble. Da kann es schon mal früher Morgen werden. Ist schließlich nur einmal Fasnet im Jahr. Ach ja: Das restliche Stroh aus der Hose wird, bevor der Wuescht nach Hause kommt, in der Brigach oder sonst wo umweltfreundlich entsorgt. Ist ja ein reines Naturprodukt… Strohverbrennung um Mitternacht Schon am Dienstagmittag ist die Gruppe wieder zum großen Villinger Umzug vereint. Der Umzugsweg ist besonders lang und durchaus anstrengend (besonders, wenn es relativ mild ist), dennoch geht, nach einer rund zweistündigen Pause, im Anschluss das Kneipenprogramm unermüdlich weiter. Um 20 Uhr dürfen seit einigen Jahren die Kinder auf dem „Latschariplatz“ in der Stadtmitte ihr Stroh verbrennen. Bei den Erwachsenen heißt es dagegen: Schlapp machen gibt es nicht, mindestens durchhalten bis Mitternacht. Schlag 24 Uhr holen die Wueschte auf dem Münsterplatz vor dem Rathaus vor einer großen Menschenmenge, die sich hier versammelt hat, ihr ganzes Stroh aus den Hosen und schichten es zu einem hohen Haufen auf und zünden es an. Während zeitgleich die Zunftoberen den Rathausschlüssel zum Oberbürgermeister zurückbringen, lodern die Flammen. Im Schein des Strohfeuers umkreisen die Wueschte den brennenden Haufen und die letzten Wueschtsprüchle für die aktuelle Fasnet erklingen. Wer allerdings glaubt, jetzt wäre endgültig Schluss, der täuscht sich gewaltig. In einem nahen Gasthaus ist exklusiv für die Gruppe schon ein Heringsbüffet gerichtet. Erst, wenn der Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 255

 

 

 

letzte Fisch aufgegessen und die letzte Schorle leergetrunken ist, geht es am frühen Aschermittwoch heim. Reicht dann auch erst einmal nach zwei mehr als intensiven Tagen. Doch der allerletzte Streich folgt vier Tage später. Beim „Nohwiesele“, dem so genannten Nachfest der Wueschtgruppe zur Fasnet, blüht bei Programm und Musik die Narretei noch einmal ganz schön auf. Dabei kommt so einiges ans Tageslicht, was sich so über die zwei närrischen Tage alles im Hintergrund der Gruppe ereignet hat. Als Wueschte noch wirklich wüst waren Früher, so sagt der langjährige Wueschtvater, Roland Weißer, seien „die Wueschte wirklich wüst gewesen“. Die Leute hätten die Rollläden runtergelassen, wenn „die Wuescht kumme sind“. Heute sei die Wueschtgruppe ein familiär geprägter, friedlicher Generationenverbund. Dieses neue Image ist vor allem Weißers Vorgängern Georg Baur und Bernd Ding zu verdanken. Und in der Tat ist der Zusammenhalt der Wueschtgruppe schon außergewöhnlich. Es gibt außerhalb der Fasnet gemeinsame Treffen, Ausflüge und Feste, zu denen zum Teil auch die Partner und Kinder eingeladen sind. Die Gruppe kommt schon Wochen vor der Fasnet einmal in der Woche zu Dämmerschoppen in jenen GastDer langjährige Wueschtvater Roland Weißer. stätten zusammen, die man über die „Hohen Tage“ besucht. Die Wueschtgruppe hat aktuell einen festen Stamm von etwa 60 Erwachsenen und gut 30 Kindern. Neue Mitglieder werden nicht aufgenommen, die Gruppengröße soll überschaubar bleiben. Der Erwachsenenstamm rekrutiert sich aus dem eigenen Nachwuchs. Wer einmal in den Genuss des Wueschtlaufens kommen möchte, der kann sich auf eine mittlerweile sehr lange Warteliste setzen lassen. Wer als Kind angefangen hat, der bleibt im Regelfall auch ein Leben lang dabei. So wie Matthias „Matze“ Frey, der seit Anfang 2020 neuer Wueschtvater ist. Vor über 30 Jahren kam er als Sechsjähriger zur Gruppe. Und was ist für ihn der Anreiz Wuescht zu laufen und zugleich Verantwortung zu übernehmen? Matthias Frey: „Es ist die Gruppenfasnet, die Tatsache, nie allein unterwegs zu sein. Der Wuescht ist eine imposante Fasnetfigur und wir sind eine super Truppe, die eine schöne Stüblefasnet macht und die Zuhörer mit ihren Sprüchle begeistert. Mich inspiriert das absolut und immer wieder neu.“ Der heute über 90-jährige Georg Baur war einschließlich seiner Zeit als Wueschtvater 27 Jahre aktiv im Wueschthäs. Für ihn war und ist die Wueschtgruppe „immer wie eine Familie“ 256 Schwäbisch-Alemannische Fastnacht

 

 

 

und er sagt: „Als Wueschtvater war ich mittendrin. Beim Umzug traf man nette Menschen und konnte sie mit einem Strießle erfreuen.“ Von 2001 bis 2009 hatte Bernd Dilg das Amt des Wueschtvaters inne. Seit sage und schreibe 56 Jahren läuft er bereits Wuescht und das nach wie vor mit viel Begeisterung. Auch er schwärmt von der Gruppenfastnacht, die ihm viel besser gefällt. „Es hat mich immer fasziniert, wenn wir alle gemeinsam unterwegs waren.“ In den Wirtschaften und Stüble könne man als Gruppe wunderbar mit dem Publikum spielen. Bernd Dilg war es, der eine eigene Wueschtkinderfasnet („War für mich fast das Schönste“) eingeführt hat. Seither sind die kleinen Wuescht am Schmotzigen Dunschtig (Donnerstag) zusammen mit dem Wueschtvater und ein paar Begleitern in der Stadt unterwegs und machen in den Wirtschaften richtig Remmidemmi. Fast unglaubliche 57 Mal ist Roland Weißer, der als Fünfjähriger zum ersten Mal ins Häs ging, schon Wuescht gelaufen und er ist damit derjenige, der am längsten aktiv dabei ist. Weißer, der 20 Jahre als Wueschtvater an der Spitze der Gruppe stand, erinnert sich: „Früher war es nur ganz wenigen Kindern vergönnt Wuescht zu sein und so war ich immer der Einzige unter meinen Freunden.“ Und er sagt nicht ohne Stolz: „Als Wuescht wird man unter den Narren immer als was Besonderes oder Außergewöhnliches an der Fasnet gefeiert. Fast wie ein Popstar.“ Auch für ihn war und ist es Motivation Das ganze Jahr über aktiv Über den Autor dieses Beitrages Dieter Wacker, der frühere Leiter der Redaktion Villingen des SÜDKURIERS und langjährige Stellvertretende Chefredakteur dieser Tageszeitung, ist vor allem eines: Ein Wuescht durch und durch. „mit einer ganz besonderen Gruppe gemeinsam Spaß zu haben und trotzdem respektvoll mit einem überlieferten Brauchtum über Generationen hinweg umzugehen.“ Und der entscheidende Satz für ihn ist: „Einmal Wuescht, immer Wuescht.“ So, jetzt sind viele Wuescht-Geheimnisse gelüftet. Sicherlich nicht alle. Ungeklärt ist noch die immer wieder und wieder gestellte Frage: „Wie geht der Wuescht eigentlich aufs Klo? Stimmt es, dass der Wuescht sein Pipi ins Stroh in der Hose macht?“ Ich sage es ganz ehrlich: Das bleibt ein Geheimnis… und das ist auch gut so! Die Aktivitäten der Villinger Wueschtgruppe beschränken sich keineswegs nur auf die Fasnet. Bereits ab Mitte Januar treffen sich die Mitglieder einmal pro Woche zu „Dämmerschoppen“. Rechtzeitig vor Fasnet steht das Richten und Reparieren der Bretter im Wueschtschopf an. Am Schmotzige Dunschtig nehmen die kleinen Wueschte am Villinger Kinderumzug teil. Am Fasnachtssamstag organisiert die Gruppe einen kleinen Umzug vom Schopf ins Villinger Stadtzentrum. In der Rietstraße wird auf einer Brunnenstele eine Wueschtfigur aufgestellt. Ein Akt, der als Startschuss für die Wueschtfasnet gilt. Montag und Dienstag ist die Gruppe geschlossen unterwegs. Um 24 Uhr am Dienstag endet die Fasnet mit dem Strohverbrennen vor dem Rathaus. Am Samstag nach Aschermittwoch treffen sich die Mitglieder zum „Nohwiesele“, dem fastnachtlichen Nachfest. Im Spätsommer wird Stroh für die kommende Fasnet organsiert und werden im Wald Tannenzapfen gesammelt, mit denen an Fasnet Kinder auf die Wueschtbretter werfen können. Wuescht – Am Schluss no kummet die Schönste 257

 

 

 

Global Forest St. Georgen – ein offenes Haus für Kunst Die frühere Werkstatt von Martin Kippenberger – heute fördert der Verein Global Forest an diesem Ort zeitgenössische Kunst. 258 258 Kunst und Kultur 8. Kapitel – Kunst und Kultur

 

 

 

Der gemeinnützige Verein Global Forest e. V. wurde im Oktober 2018 in St. Georgen im Schwarzwald mit der Intention gegründet, einen Ort zur Förderung und Präsentation zeitgenössischer Kunst zu schaffen. Zunächst als offenes Netzwerk ins Leben gerufen, hat Global Forest seit 2016 bereits so verschiedene Veranstaltungsformate wie Ausstellungen, Vorträge, Symposien und Workshops realisiert. Vorrangiges Ziel des Vereins ist es, jungen nationalen und internationalen Künstlern eine Ausstellungsund Präsentationsplattform zu bieten. Zugleich soll ein differenzierter Diskurs zu aktuellen Fragestellungen zeitgenössischer Kunst ermöglicht werden. 259

 

 

 

Was ist eigentlich Kunst? Eine Frage, die von Philosophen, Musikern, Malern, Bildhauern oder Schriftstellern – also von Künstlern aller Richtungen – oft genug leidenschaftlich diskutiert wird. „Kunst ist die Königin aller Wissenschaften, die zu allen Generationen der Welt spricht“, sagte Leonardo da Vinci. Doch Pablo Picasso meinte: „Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.“ Was Kunst ist, entscheidet eigentlich der Künstler. Für Joseph Beuys war es ein Fetthaufen, für Andy Warhol das Gesicht von Marilyn Monroe und für Jasmine Guffond sind es elektronische Kompositionen in Musikund Kunstkontexten. Die Musikerin, Künstlerin und Komponistin arbeitet an der Schnittstelle zwischen sozialer, politischer und technischer Infrastruktur. Zugegeben, diesen Satz sollte man mindestens zweimal lesen und dann weiter forschen, falls man neugierig wird. Denn vielleicht ist es genau das, was gerade Sie anspricht, was Ihren Alltag bereichert, Sie inspiriert und einen völlig neuen Blickwinkel gibt. Um so etwas Ungewöhnliches zu erleben, müssen Sie nicht nach Berlin, London oder Paris. Im Dezember 2019 stellte die Künstlerin in St. Georgen ihre Schallplatte vor. Sie beschäftigt sich mit Gesichtserkennungssystemen und globalen Überwachungsnetzwerken und zeichnet daraus Klangbilder, die es schaffen, das einzufangen, was sich normalerweise der menschlichen Wahrnehmung entzieht. Schafft auf diese Weise eine besondere Komposition, die tiefer gehen soll. von Barbara Dickmann St. Georgen, Friedrichstr. 5a, anno 2016. Hinter dieser Adresse verbirgt sich ein altes Haus mit einer bewegten Geschichte. Es war das Stammhaus eines Uhrenherstellers, Fahrradklingeln wurden hergestellt, es beherbergte eine Kistenfabrik und eine Schreinerei. Doch jetzt erlebt dieses Haus eine wunderbare Wandlung: Sascha Brosamer, ein Künstler zwischen Performance, Objekt, Zeichnung und Sound, mietet zusammen mit Hans-Jörg Weisser einige Räume an und mit dieser Aktion zieht die Kunst ein, in einer Vielfältigkeit, die unglaublich bereichernd, experimentell, doch genauso ungewöhnlich ist. Ausstellungen, Vorträge, Symposien und Workshops werden angeboten. Thema ist oft genug die kreative Auseinandersetzung mit St. Georgen und dem Schwarzwald. Dabei spielen Bilder und Fotografien eine Rolle, doch Installationen, audio-visuelle Medien und Performances erweitern den Blick und werden zu Impulsgebern. Eine Diskussion über die Zusammenarbeit von Kunst und Wirtschaft soll angeregt werden. Schon damals ist das Ziel, eine dauerhafte Plattform zu schaffen, auf der sich Kunst und Technologie auf Augenhöhe begegnen. Sascha Brosamer und Hans-Jörg Weisser laden Dr. Oliver Wolf (Künstlername „Olsen“) ein – Hannah Eckstein von der Sammlung Grässlin sowie Viktoria Wilhelmine Tiedeke von S. Siedle & Söhne OHG kommen hinzu. Bald finden sich insgesamt zehn leidenschaftliche, experimentierfreudige Künstler und Wissenschaftler, die ein Ziel verfolgen: Die Gründung eines Vereins mit der Intention, einen Ort zur Förderung und Präsentation zeitgenössischer Kunst zu schaffen. Er soll über einen normalen Kunstverein hinausgehen und die Möglichkeit bieten, Künstlern*innen nicht nur kostenlos unterzubringen, sondern sie auch noch zu bezahlen, sprich: Ihnen die Chance zu geben, ihre Kunstprojekte zu erschaffen, ohne finanziellen Druck. 260 Kunst und Kultur

 

 

 

Friedrichstraße 5a in St. Georgen – Ort zur Förderung und Präsentation zeitgenössischer Kunst. 261

 

 

 

Im Oktober 2018 ist es soweit. Der gemeinnützige Verein Global Forest e.V. wird eingetragen. Gründungsmitglieder sind: Viktoria Wilhelmine Tiedeke (1. Vorsitzende), Dr. Oliver Olsen Wolf (2. Vorsitzender), Sascha Brosamer, Hannah Eckstein, Maria Pina Galofaro, Norman I. Müller, Lisa Schlenker und Norbert Schnell. Arbeiten in Martin Kippenbergers Atelier Und jetzt kommt Martin Kippenberger ins Spiel. Der bekannte Installationsund Performancekünstler, Bildhauer, Maler, Fotograf und geniale Tausendsassa, der in der ganzen Welt zu Hause war, lebte einige Monate in St. Georgen und hatte in der Friedrichstr. 5a sein Atelier. Geboren 1953 warf er die damals traditionellen Kunstbegriffe über den Haufen. Provokation, Zynismus und Spott waren seine Mittel, um sich auszudrücken. Sein berühmtestes Zitat: „Ich geh jetzt in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald.“ Er starb mit 44 Jahren nach einem absolut intensiven, suchtvollen Leben an Leberkrebs. Am Anfang arbeiten befreundete Künstler und Künstlerinnen der Vereinsgründer kostenlos in diesen besonderen Räumen. Doch dann werden über einen Antrag beim „Innovationsfond Kunst“ Landesmittel für zwei Jahre in Höhe von nahezu 50.000 Euro bewilligt und mit großer Freude und Elan können die Gründungsmitglieder jetzt ihr Konzept umsetzen. Seit 2019 werden diese besonderen Räume, dieses ehemalige Atelier eines provokativen Künstlers, als Quartier für nationale und internationale Künstler*innen genutzt. Im Rahmen eines finanzierten Residenz-Aufenthalts leben und arbeiten sie dort, können sich frei entfalten, entwickeln, experimentieren, neue Themen erschließen und nach diesem kreativen Prozess ihre Arbeiten ausstellen oder präsentieren. Als Kurzzeit-Residenten*innen leben sie zwei bis vier Wochen in St. Georgen. Kostenlose Unterbringung und ein Arbeitsplatz im ehemaligen Kippenberger-Atelier stehen zur Verfügung. Um den Geist von Kippenberger zu spüren, müssen interessierte Künstler ein Kurzexposé ihres geplanten Projekts, eine Biografie und ein Um den Geist von Martin Kippenberger zu spüren, müssen interessierte Künstler ein Kurzexposé ihres geplanten Projekts, eine Biographie und ein Künstlerstatement einreichen. Wichtig ist die Auseinandersetzung mit der Region – in welcher Form auch immer. Künstlerstatement einreichen. Wichtig ist die Auseinandersetzung mit der Region – in welcher Form auch immer. Sie sind verpflichtet, ihren Aufenthalt mit einer öffentlichen Präsentation abzuschließen, in der das Ergebnis allen Interessierten vorgestellt wird. Außerdem müssen sie dem Verein Gobal Forest eine Editionsarbeit für die Jahresgabenausstellung, die am Ende jeden Jahres stattfindet, zur Verfügung stellen. Im zweiten Jahr gehen bereits über 250 Bewerbungen ein, unter ihnen werden vier Langzeitund acht Kurzzeit-Residenten/Innen ausgewählt. „Das ist eine beachtliche Anzahl, denn man muss sie auch betreuen,“ unterstreicht Dr. Oliver Wolf („Olsen“), einer der Macher des Vereins. Doch die Arbeiten, die entstehen, begeistern ihn und wo könnte man konzentrierter arbeiten als in der idyllischen Abgeschiedenheit des Schwarzwaldes – weit weg von den Versuchungen einer Großstadt. Roboter und Vogelklang Im Grunde genommen sind es vier Leute, die hier intensiv arbeiten und die umfangreiche Organisation übernehmen: Viktoria Wilhelmine Tiedecke, Hannah Eckstein, Jessica Twitchell und Oliver „Olsen“ Wolf. Sie sind mit großem Engagement dabei und die Anerkennung in der Bevölkerung gibt ihnen Recht. Kinderworkshops haben sie angeboten, Roboter und Raketen gebaut, Kinoabende mit ziemlich schrägen Filmen organisiert, einen Nachmittag mit einer Opernsängerin, die mit ihren Gesangsschülerinnen Songs aus der Stumm262 Kunst und Kultur

 

 

 

filmzeit vortrug und und und… Die Liste ist lang und vielseitig. Und so soll es auch bleiben. Das Publikum ist von jung bis junggeblieben – Alters durchschnitt von Mitte 20 bis Mitte 60. Ist das Vogelklang Soundcamp Festival, das rund um das 24-stündige globale Vogelkonzert ein lokales Festivalprogramm beinhaltet, etwas, was viele Menschen anspricht, so war die Buchpräsentation im Januar dieses Jahres schon etwas spezieller, doch umso notwendiger und das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn mit „Pinkeln im öffentlichen Raum“ in St. Georgen hat sich der Künstler Thomas Geiger beschäftigt. Wo darf man, wenn man mal muss? Was macht man, wenn man nicht darf? Und wer darf und wer nicht? Wie war das im „Alten Rom“ bei Kaiser Vespasian und wie ist es heute mit St. Georgens „Netten Toiletten“? Auch hier betrug der Altersdurchschnitt von Mitte 20 bis Mitte 60, denn „müssen“ müssen alle. Keine Frage: Global Forest e.V. ist etwas ganz Besonderes. Andere Frage: Was macht das mit Ihnen? Sind Sie neugierig geworden? Das wäre schön, denn um dieses künstlerische Highlight ganz in Ihrer Nähe beneidet Sie so mancher Großstadtmensch (Info@globalforest.com). Also: Was ist Kunst? „Kunst ist Kunst. Alles andere ist alles andere“, sagte schon Ad Reinhardt, US-amerikanischer Farbfeldmaler, Karikaturist und Kunsttheoretiker (1913-1967). Impressionen aus der St. Georgener Künstlerwerkstatt. v. ob. links: Patricia Koellges und Tamara Lorenz präsentieren als MME dUO Klangkunst. Johanna Schulte schreibt aus St. Georgen Briefe an den fiktiven Freund Oliver – alle kommen folglich als nicht zustellbar zu ihr zurück. Unten: Raketen-Workshop und „Tag der offenen Tür“. Global Forest St. Georgen – ein offenes Haus für Kunst 263

 

 

 

Olsens Welt – Komposition von mehreren Robotermodulen, die sich schwebend auf einem Lufttisch bewegen. Dieses Projekt ist im Labor für künstliche Intelligenz der Universität Zürich entstanden. Inspirierend für die Gestaltung der Module waren Designprinzipien, wie man sie im Umfeld der Künstlichen Intelligenz findet. Teleonomies Installation aus Lufttisch (Eigenbau), Robotermodule (Eigenbau), 2011 Die Apparillos von Dr. Oliver Wolf alias Olsen 264 264 Kunst und Kultur

 

 

 

Schwebende oder ans Kreuz genagelte Roboter, Haarbürsten, die sich der Morgensonne zuwenden oder das DiscokugelBraininterface: Der aus Niedereschach stammende Medienkünstler Olsen arbeitet an Objekten und Installationen aus dem Bereich der Maschinenkunst. Ob ein um sich selbst wirbelnder Bürostuhl oder der Sandwichmaker: Olsen alias Dr. Oliver Wolf programmiert seinen „Apparillos“ neue Lebensformen ein. Olsen lebt und arbeitet in St. Georgen – im ehemaligen Atelier von Martin Kippenberger. von Barbara Dickmann 265 265

 

 

 

Meine Arbeiten sind Untersuchungen an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Einen besonderen Fokus lege ich dabei auf die Technologien des Alltags, mit denen man ständig konfrontiert wird und die zunehmend unser menschliches Dasein, unsere Vorlieben und Verhaltensmuster bestimmen. Beispiele sind das Öffnen des Kofferraums per Knopfdruck, der automatische Raumbedufter oder auch der Rasenmähroboter. Bei all diesen Beispielen handelt es sich um Automaten – Maschinen bzw. Computer – die mithilfe von Programmierungen bestimmte Tätigkeiten für den Menschen erledigen. So kann Technologie als die Anstrengung verstanden werden, dem Menschen Anstrengung zu ersparen. Olsen alias Dr. Oliver Wolf über sein künstlerisches Schaffen Sie heißt „Uruca Caliandrum“ , ist grün und eigentlich eine Haarbürste. Am Tage und in der Nacht erfüllt sie durchaus ihren Zweck. Doch mit der Morgendämmerung wacht sie auf und durch Bewegung ihrer Borsten, ähnlich eines Tausendfüßlers bewegt sie sich vorwärts, so lange, bis sie eine Position für die Beobachtung des Sonnenaufgangs gefunden hat. Danach geht „Uruca Caliandrum“ in den Kontemplativmodus über, was so viel wie „konzentriertes Betrachten, den Blick nach Etwas richten“ bedeutet – und „schaut“ sich in aller Ruhe den Sonnenaufgang an. Nach dieser Morgengymnastik kann die Bürste wieder wie eine herkömmliche Haarbürste verwendet werden. In dieser Zeit wird der Energieverlust über die Solarzellen auf dem Rücken wieder ausgeglichen, sodass sie am nächsten Morgen wieder aktiv werden kann. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen und vielleicht ist die Suche nach immer neuen Blickwinkeln, das Hinterfragen, Erforschen und Experimentieren, mit seinen Werken zu irritieren und zu faszinieren, die beste Definition von Kunst und Künstler: Oliver „Olsen“ Wolf, promovierter Künstler und aktuell Lehrbeauftragter an der HFU Furtwangen, hat diese Sonnenaufgangs-Haarbürste erdacht, entwickelt und hergestellt. Es ist nur eines von vielen Werken, die sowohl philosophische als auch poetische Elemente enthalten. Von Oliver Wolf zu „Olsen“ Der Weg vom Oliver Wolf zum „Olsen“ , das ist sein Künstlername, war ein spannender und er beginnt im Jahre 1975. Oliver Wolf wächst in Niedereschach auf, besucht zuerst das Gymnasium in Villingen, geht dann zu den Zinzendorfschulen in Königsfeld, belegt Leistungskurse in Mathematik und Physik und besteht das Abitur. Kunst? Nicht so wirklich. „Na ja, ich habe schon einen Kunstkurs in der Oberstufe belegt, doch im Fokus war das Skateboardfahren.“ Auf eine Elterninitiative hin wird in Niedereschach die erste Halfpipe in der Region gebaut und aus der nahen und fernen Umgebung wird sie der Treffpunkt der Jugendlichen. „Es war immer etwas los!“ Oliver Wolf erinnert sich gerne an diese Zeit, die ihn sehr geprägt hat und noch heute hat er Kontakt zu vielen Freunden aus seiner Jugend. Im Winter ist das Snowboard sein ständiger Begleiter und der Schloßberg und Sägenhof sein Revier. An Regentagen bastelt er mit dem Vater im Keller des Elternhauses, denn das Arbeiten, das „Denken mit den Händen“, das Bearbeiten und Gestalten von Holz begeistern ihn. Aus den Jugendjahren stammt auch der Spitzname „Olsen“: „Beim Eishockeyspielen auf dem Weiher in Niedereschach waren wir drei Olivers“, erinnert sich der Künstler. Damit die Pässe auch beim richtigen Oliver ankamen, hat jeder Oliver einen Spitznamen bekommen. „Olsen“ war somit geboren. 266 Kunst und Kultur

 

 

 

Nach dem Abi ist er ziemlich ratlos, doch abhängen gibt es nicht und Oliver absolviert eine Schreinerlehre in der Rottweiler Holzmanufaktur. Er wohnt in Rottweil in einer ziemlich „wilden“ WG im Neckartal und ist begeistert von seiner Arbeit. „Die Renovierung historischer Häuser und mit den Händen etwas zu erschaffen, ist sehr erfüllend“, unterstreicht er. Auch im Nachhinein ist Oliver Wolf froh über diese handwerklichen Fähigkeiten, die ihm heute enorm weiterhelfen. Asthma, eine entzündliche Erkrankung der Atemwege, beendet seine Schreinerlaufbahn. Nun ruft der Berg, denn das Snowboardfahren lockt. Oliver zieht nach Innsbruck, beginnt ein Studium in Medienpädagogik und rückt regelmäßig den Bergen auf die Pelle. Stipendium für Uni in Barcelona 2001 erhält er ein Stipendium an der Universität Central in Barcelona in der Fakultät Bellas Artes, eine der wichtigsten katalanischen Institutionen für professionelle Künstlerausbildung. Und genau hier wird der Schalter umgelegt: „Barcelona mit seiner Lebendigkeit und Kunst nahm mich total gefangen. An eine Rückkehr zur Medienpädagogik war nicht mehr zu denken“, sagt Oliver Wolf, der nun ein Studium in Medienkunst an der Zürcher Hochschule der Künste beginnt und es 2005 erfolgreich beendet. Olsen wird selbständig, erarbeitet Medienkunst für Filme – wird Ausstatter und Bordelektroniker beim ersten Schweizer Science Fiction Film CARGO. Kunst am Bau und Robotik mit Maschinenkunst sind seine Bereiche. Er bleibt in der Schweiz, macht eigene Installationen und Skulpturen, assistiert diversen Künstlern, u.a. Christoph Büchel, lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste. Durch ein Artist-in-Lab-Stipendium im Labor für künstliche Intelligenz Oliver Wolf alias „Olsen“ mit seiner „Uruca Caliandrum“, der sich dem Sonnenaufgang zuwendenden Haarbürste. Dr. Oliver Wolf alias Olsen 267

 

 

 

Düsen nach Jägerart, Installation. Chefsessel, Ventilator, versch. Elektronik, 2018. 268 Kunst und Kultur

 

 

 

von Rolf Pfeiffer kommt er mit Wissenschaftlern zusammen: Künstliche Intelligenz, Robotik, Maschinen und Raumfahrt – einfach mit allem spielen und diese Gebiete verbinden, das war schon immer sein Thema. Olsen lebt es, diskutiert und hat unglaublich viel Spaß dabei. In dieser Phase entsteht auch die Roboter-Haarbürste. Olsen ist jetzt 12 Jahre in Zürich, hat viele Freunde, ist erfolgreich, als sich eine Chance auftut, die einfach unglaublich ist: Die Queen Mary University of London, die zu den britischen Spitzenuniversitäten zählt, bietet ihm ein Doktoratsstudium im Bereich „Media and Arts Technology“ an, das über ein Stipendium finanziert werden soll. „Olsen“ fällt die Entscheidung schwer. Er ist jetzt 38 Jahre alt und muss alles hinter sich lassen, wieder die Schulbank drücken und auf vieles verzichten. Doch kann man sich dieses einmalige Angebot entgehen lassen? Die Antwort liegt auf der Hand. 2013 fährt er mit dem Zug nach London und fängt wieder Brabantia Brotbox mit obenliegenden Nockenwellen* und linksdrehender Neuronal lasagne, 2018. (*per Knopfdruck zuschaltbar) ganz von vorne an. Sein ganzer Besitz: Fahrrad und Rucksack. Seine Kommilitonen – alle wesentlich jünger. Er macht seinen Master und will mehr. Während eines Praktikums in Paris lernt er Norbert Schnell kennen, heute promovierter Professor für Musikdesign an der HFU in Furtwangen. Norbert Schnell wird sein Doktorvater, denn Olsen beginnt seine Doktorarbeit. Sein Forschungsgebiet: „Affinity with Artefacts – Reproduktion von Außerirdischen, Bronze-Acryl, 1997/2018. 269 269

 

 

 

Speculatrix Procarya – Interaktive Installation, versch. Materialien, Computer Vision Software, 2009. Humans’ Perception of Movement in Technological Objects“. Olsen ist nun Dr. Oliver Wolf. Am 26. Dezember 2016 feiert er in St. Georgen mit vier befreundeten Künstlern auf der „Todschick Party“. Es wird eine lange Nacht, denn die Idee einer Künstlerresidenz wird geboren. „Wenn ich in London fertig bin, bin ich dabei“, sagt er, und wird 2018 der erste Langzeit-Resident von Global Forest. 2018 ist sein Stipendium an der Queen Mary University of London aufgebraucht und Olsen zieht zur Freude seiner Eltern erstmal wieder nach Niedereschach in sein altes Kinderzimmer ein. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten wird Global Forest e.V. gegründet und „Olsen“ findet sein neues Zuhause in der obersten Etage der Friedrichstraße 5a. „Olsen“ braucht Zeit für seine künstlerische Entfaltung, aber auch das nötige Kleingeld. Über seinen ehemaligen Doktorvater erhält er einen Lehrauftrag an der HFU Furtwangen. „Mit den Studenten zu arbeiten ist eine wunderbare Aufgabe“, sagt Olsen begeistert und hat dabei viel Spaß. Doch in seinem Kopf schwirren die ausgefallensten Kompositionen, Verbindungen zwischen Schrauben und Batterien, zwischen Motoren, Robotik und Kunst und immer neuen Blickwinkeln abseits „der funktionalen und rationalen Logik von Technologie.“ Die Ideen sprudeln wie eine unversiegbare Quelle und müssen heraus. Wie kann es anders sein in diesen Räumen, die schon Kippenberger erlebt haben. Doch auch die ehrenamtliche Arbeit im Verein fordert viel Engagement, es soll viel geschehen. Noch mehr Ausstellungen und Workshops, offene Werkstätten für Menschen, die Lust haben hier zu arbeiten, und und und… 270 Kunst und Kultur

 

 

 

Und wie geht es ihm privat? „Ich bin sehr glücklich. Meine Freundin ist aus London hergezogen und nach 16 Jahren Großstadt genieße ich das Leben auf dem Land und die Nähe zu meinen Eltern. Keine Frage: Die Kunst hat das Land entdeckt und den Trend zur Stadtflucht findet man in New York und in London. Künstler verlegen ihr Atelier in den Garten und Galerien findet man in historischen Häusern weitab vom Schuss. Das Leben mit und in der Natur, das Entschleunigen, Ruhe und Frieden finden und dabei mit dem Nachbarn ins Gespräch zu kommen ist einfach Lebensqualität und vielleicht sogar das bessere Umfeld für Kunst und künstlerische Entfaltung. Die Verwendung und Wiederverwendung von Artefakten ist ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Praxis. Für mich ist die Schaffung und Nutzung von Artefakten untrennbar mit ethischem Handeln im sozialen und kulturellen Kontext verbunden. Ich habe eine Doktorarbeit mit dem Schwerpunkt auf technologische Objekte mit einem Fokus auf Bewegung von Roboterund Computer-Artefakten abgeschlossen. Die Kombination von wissenschaftlicher Forschung und künstlerischen Methoden verortet meine Arbeit in den Forschungsgebieten der MenschMaschineInteraktion und experimen tellem Design. Olsen alias Dr. Oliver Wolf Links: Glotzbebbel mit Heiligenführerschein, bestehend aus Sandwichmaker, Webcam, Servomotoren und Gesichtserkennungssoftware, 2006. Unten links: Am Arbeitsplatz, Löten fürs Perpetuum Mobile, rechts: Sperrmüllfund. Dr. Oliver Wolf alias Olsen 271

 

 

 

Orient trifft Okzident Im Restaurant Felsen in Schwenningen vereint Safiye Kilicoglu in der Küche das Beste aus zwei Welten. von Eric Zerm Die Wurzeln von Safiye Kilicoglus Familie liegen an der Grenze des türkischen zum arabischen Raum. In einer Stadt, die in der Antike Antiochia hieß und im tiefsten Orient liegt. Dennoch kocht die Türkin bei vielen Gelegenheiten für ihre Familie Jägerschnitzel mit Spätzle, denn alle haben sich in dieses ur-deutsche Gericht verliebt – und auch in Safiye Kilicoglus Art, diese Speise zuzubereiten. Des Rätsels Lösung: Die heutige Betreiberin des Schwenninger Restaurants Felsen hatte bei der früheren FelsenWirtin Theresa Rödel während eines Praktikums die gutbürgerliche deutsche Küche kennengelernt. Diese kulinarische Symbiose ist geblieben: Heute vereint der Felsen bei seinen Speisen, die Kilicoglu persönlich zubereitet, die Tugenden und die Vielfalt des Orients mit den Merkmalen bodenständiger deutscher Küche. Und das mit großem Erfolg, denn das Restaurant hat mittlerweile Stammgäste aus der ganzen Region. Selbst alt-eingesessene Schwenninger, die dem modern eingerichteten Felsen unter der Leitung Kilicoglus mit seiner neu zusammengestellten Speisekarte zunächst eher skeptisch gegenüberstanden, ließen sich im Laufe der Zeit überzeugen. Ich probiere gerne Dinge aus, auch wie man deutsche und orientalische Küche miteinander verbinden kann. Leidenschaft fürs Kochen schon als Teenager entdeckt Am berühmtesten ist der Felsen inzwischen für seine Steak-Variationen, die Wirtin und Köchin Safiye Kilicoglu selbst kreiert. „Ich probiere gerne Dinge aus, auch wie man deutsche und orientalische Küche miteinander verbinden kann“, verrät die Mutter zweier Kinder. Dabei entstand beispielsweise Koriander-Steak. „Zu Hause essen wir Koriander auf Fladenbrot. Ich probierte mal aus, wie das auf einem Steak schmeckt.“ Ihre Gäste waren begeistert. Safiye Kilicoglus neueste Kreation ist das Feigen-Steak mit Walnüssen und Granatapfelsirup. „Man kann das wie Pesto verstreichen.“ Dazu serviert sie Süßkartoffeln und Okraschoten mit trockenen Tomaten an Olivenöl. Ihre Leidenschaft fürs Kochen entdeckte Safiye Kilicoglu schon als Teenager. Das Das Restaurant Felsen wurde nach dem katastrophalen Hagelunwetter des Jahres 2006 komplett saniert und modernisiert. 272 9. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

Safiye Kilicoglu mit ihrem Partner Saśa Cukovic. 273

 

 

 

274 Gastlichkeit

 

 

 

Restaurant Felsen lernte sie vor mehr als 25 Jahren bei einem Praktikum kennen, bei dem sie ihre Kochund Küchenkenntnisse erweiterte und ebenso lernte, gutbürgerliche deutsche Gerichte zuzubereiten. Unter anderem das erwähnte Jägerschnitzel mit Spätzle oder den beliebten Zwiebelrostbraten mit Bratkartoffeln. Als ihre Schwiegereltern das Gebäude mit dem Restaurant Felsen 1995 kauften, startete sie gemeinsam mit ihrem Mann Cabir Kilicoglu den ersten Versuch, ihn selber zu betreiben; damals leider nur mit mäßigem Erfolg. „Wir waren noch zu jung. Es lief nicht so gut, und wir gaben das Restaurant wieder ab. Meine Schwiegereltern verpachteten es weiter“, blickt die Wirtin selbstkritisch zurück. Den Traum vom eigenen Restaurant gab das Paar trotzdem nicht auf. Steiniger Weg bis zum Erfolg Anfang der 2000er-Jahre ergab sich eine zweite Chance: Die Schwiegereltern wollten den Felsen verkaufen und Safiye und Cabir Kilicoglu kauften es. „Wir entschieden uns, das Risiko einzugehen.“ Der Weg bis zum heutigen Erfolg sollte trotzdem noch ein Steiniger sein. Cabir Kilicoglu erkrankte schwer und starb 2004 – die junge Frau stand plötzlich allein mit den zwei Kindern und dem Restaurant da. Sie entschied sich dafür, den Felsen zu behalten und betrieb ihn von nun an allein. 2006 folgte ein weiterer Schicksalsschlag: Das Hagelunwetter am Abend des 28. Juni, das in Schwenningen und Trossingen gewaltige Verwüstungen hinterließ, zerstörte auch das Restaurant Felsen. „Wir hatten hier riesige Schäden durch den Hagel. Wir hatten ein ganzes Jahr lang geschlossen. Das Haus musste komplett saniert werden“, blickt Safiye Kilicoglu zurück. Klare, symmetrischen Formen kennzeichnen den freundlichen und eleganten Innenraum. Die Verbindung von orientalischer mit deutscher Küche ist charakteristisch für den Felsen. Das Haus wurde komplett entkernt und umgebaut, das war schwer für mich, aber ich hatte die Kraft. Sanierung und Modernisierung Doch die Wirtin machte aus der Not eine Tugend. Sie entschied sich, Haus und Restaurant nicht nur zu sanieren, sondern auch modernisieren und umbauen zu lassen. Geplant wurde das Projekt von Architekt Wolfgang Gilly aus Hüfingen. „Das Haus wurde komplett entkernt und umgebaut“, erinnert sich die Wirtin. „Das war schwer für mich, aber ich hatte die Kraft.“ Während dieser Zeit entstand das Restaurant Felsen, wie es sich heute präsentiert; mit viel Holz, aber zugleich weiträumig, modern und mit glänzenden Glasund Metall-Elementen. Ein charakteristisches Merkmal der Tische sind ihre klaren symmetrischen Formen; sie sind quadratisch oder rechteckig. Verschönert ist der helle, freundliche Innenraum mit zusätzlichen Design-Elementen und zum Zeitpunkt des Besuchs für den „Almanach“-Bericht ergänzt durch Bilder des Villingen-Schwenninger Künstlers Stefan Flaig. Das Felsen-Team beschreibt das Ambiente folgendermaßen: „Elegant, aber ohne aufdringlich zu sein. Die natürlichen Materialien und die in warmen Tönen gehaltene Einrichtung sorgen für ein wohliges Befinden. Edelstahl und Naturhölzer finden sich bei Tischen, Einbauten und im Barbereich wieder. Ergänzt wird dieses Ambiente durch Akzente wie Skulpturen und Bilder namhafter und lokaler Künstler.“ Terrasse mit Blick auf Felsen-Landschaft im Garten Eine Felsen-Besonderheit, die vor allem in den warmen Jahreszeiten beliebt ist, ist die weiträumige überdachte Terrasse vor dem Haupteingang. Rote Textilvorhänge dämpfen das Tageslicht und lassen für die Gäste an den Tischen eine heimelige Atmosphäre entstehen, während die Poren in den Vorhängen andererseits die Luft sanft zirkulieren lassen. Bei Bedarf lassen sich diese Vorhänge auch zurückziehen. Auf Restaurant Felsen 275

 

 

 

Rote Textilvorhänge lassen eine heimelige Lichtatmosphäre entstehen. Im Garten ist eine Felsenlandschaft angelegt. der Vorderseite blicken die Gäste dann in den warmen Jahreszeiten auf einen grünen Pflanzenvorhang und auf einen schönen Garten. Zum Garten gehört seit der Umgestaltung übrigens auch ein Bereich, den Safiye Kilicoglu passend zum Namen des Restaurants anlegen ließ; eine kleine Landschaft mit zahlreichen beeindruckenden Felsen, deren Farben von einem sanften Rot bis zu einem dunklen Grau variieren. Die Gäste lauschen auf der Terrasse dem Plätschern der hauseigenen Wasserbrunnen. Orientalisch-deutsche Küche begeistert die Gäste Bei den alt-eingesessenen Schwenningern stieß der neue Felsen nach seiner Wiedereröffnung im Jahr 2008 zunächst auf Skepsis, erinnert sich die Wirtin, ebenso wie sie Safiye Kilicoglus neuer Speisekarte zunächst eher zurückhaltend gegenüberstanden. Damals begann sie damit, orientalische Einflüsse in die Zubereitung mancher Speisen einfließen zu lassen. Etwas, das Unsere Gäste kommen aus der ganzen Region. Vertreten sind alle Generationen von jungen Paaren über Menschen im mittleren Alter bis zu Senioren. den Felsen heute so charakteristisch macht, stieß damals nicht bei allen Gästen auf Begeisterung. „Sie wollten den alten Felsen mit der gutbürgerlichen deutschen Küche zurück“, blickt die Wirtin und leidenschaftliche Köchin zurück. Kilicoglu war aber von den Erfolgschancen ihrer Ideen überzeugt! „Wir mussten lange kämpfen“, erinnert sie sich. Dann seien aber immer mehr auswärtige Gäste gekommen, zum Beispiel aus Dauchingen, Villingen, Weilersbach, Trossingen und Tuttlingen. Denen gefiel der Felsen, und sie lernten Safiye Kilicoglus besondere Küche sehr schnell zu schätzen. „Sie erzählten es herum, und dann kamen allmählich auch die Schwenninger“, freut sich die Wirtin. Inzwischen gehören auch je276 Gastlichkeit

 

 

 

Bei festlichen Anlässen kann der Felsen im Rahmen von Catering bis zu 800 Personen bewirten. ne Schwenninger zu ihren Gästen, die den Felsen noch unter Wirtin Theresa Rödel gekannt hatten; jene Frau, bei der Kilicoglu unter anderem gelernt hat, Spätzle selber zu machen. „Unsere Gäste kommen aus der ganzen Region. Vertreten sind alle Generationen von jungen Paaren über Menschen im mittleren Alter bis zu Senioren.“ Catering und Großveranstaltungen im Angebot Wer möchte, kann sich mit seiner Gesellschaft im Felsen bei festlichen Anlässen verwöhnen lassen; zum Beispiel bei Geburtstagen, Hochzeiten, Weihnachtsund Betriebsfeiern. Zum Angebot des Felsen gehört auch Catering für Großveranstaltungen bis zu 800 Personen. Zum Getränke-Angebot des Felsen zählt neben beliebten Standards eine große Auswahl an Weinen aus Deutschland, Italien, Spanien und dem Orient. Die Zutaten für die Speisen kommen sowohl aus der hiesigen Region als auch von weiter her, zum Beispiel aus der Heimat von Kilicoglus Familie, die sowohl von türkischen als auch von arabischen Einflüssen geprägt ist. Das Fleisch für die beliebten Steaks bestellt die Wirtin bei Prohoga in Schwenningen; es ist Premiumfleisch aus Argentinien. Seit 2011 betreibt Safiye Kilicoglu den Felsen gemeinsam mit ihrem neuen Partner Saśa Cukovic. „Ich koche, er kümmert sich um den Service“, verrät die Betreiberin. Insgesamt ist das Felsen-Team sieben Personen stark. Restaurant Felsen Turnerstraße 63 78054 Villingen-Schwenningen Geöffnet von Donnerstag bis Sonntag jeweils von 17 Uhr bis 1 Uhr. Reservierungen unter Tel.: 07720 / 35831 oder per Mail unter info@felsen-vs.de. Weitere Informationen und die Speisekarte gibt es auf www.felsen-vs.de. Restaurant Felsen 277

 

 

 

Im Gespräch mit zwei HöhlenbrüterExperten von Wolf Hockenjos Die beiden St. Georgener Hans Schonhardt (Jahrgang 1942) und Bernhard Scherer (Jahrgang 1957) verbindet ein höchst ungewöhnliches, auch nicht ganz ungefährliches Hobby: Sie kümmern sich um Baumhöhlen und die auf sie angewiesenen, besonders schützenswerten Vogelarten. Das tun sie schon seit etlichen Jahrzehnten, und das mit großem Geschick und sehr erfolgreich. Beruflich gab es kaum Berührungspunkte mit Wald und Vogelwelt: Hans Schonhardt ist Diplomingenieur und Feinwerktechniker, Bernhard Scherer Technischer Angestellter. Wolf Hockenjos, der die Fragen stellt, hatte schon in seiner Zeit als Villinger Forstamtsleiter (von 1980 bis 2004) regelmäßig Kontakt und Erfahrungsaustausch mit den beiden. In einem sehr persönlichen Interview hinterfrägt er die Leidenschaft der beiden Höhlen brüter-Freunde. Ein Sperlingskauz in seiner Höhle. 278 10. Kapitel – Natur und Umwelt

 

 

 

 

 

 

Bernhard und Hans, wie seid ihr beiden überhaupt zu diesem Hobby gekommen? Beruflich habt ihr ja nicht unbedingt mit Ornithologie zu tun gehabt. Bernhard: Als Kind war ich oft mit meinem Großvater im Wald, da ich nicht in den Kindergarten wollte. Er hat mir sehr viel gezeigt und mein Interesse an der Natur geweckt. Später als Technischer Angestellter war ich immer nur „der Waldläufer“. Hans Schonhardt Hans: Mich haben schon als Lehrling die beiden Villinger Ornithologen Helmut Kaiser und Günter Bernauer zu Waldgängen und zur Mitarbeit beim Beringen von Kleinvögeln angeregt. Später erhielt ich von der Staatlichen Vogelwarte Radolfzell selbst die Erlaubnis, Vögel und speziell dann auch Käuze zu beringen. Wobei mein Interesse in den Wäldern neben den Käuzen auch den Ziegenmelkern und den Auerhühnern galt, in der Riedbaar an der Donau, aber auch Wintergästen wie den Saatgänsen und Singschwänen. Welchen Höhlenbrütern unter den Vogelarten gilt euer besonderes Interesse? Bernhard: Das sind vor allem unsere seltenen heimischen Eulenarten, der Raufußkauz und der Sperlingskauz. Und natürlich die Spechtarten, die die Höhlen zimmern. Daneben haben mich aber auch Greifvögel und Raufußhühner immer sehr interessiert, speziell auch das Haselhuhn, das in Baden-Württemberg inzwischen leider ausgestorben ist. Hans: Bei mir sind es außer den Höhlenbrütern neuerdings mehr und mehr auch Rotmilan und Wespenbussard. Mit Kennerblick sucht ihr in den Wäldern nach Bruthöhlen in den Bäumen. Weshalb sind die denn so rar? Bernhard: Wirklich rar sind nur die Höhlen des Schwarzspechts. Das liegt daran, dass er für seine großen Höhlen auch entsprechend starke Bäume braucht. Je nach Baumart und Standort kann er deshalb erst Bäume ab etwa einem Alter von 130 Jahren nutzen, und Bruthöhlen legt er am Stamm meistens recht weit oben an. Im Wirtschaftswald werden ab diesem Alter die Bäume aber in der Regel genutzt, bevor sie diese Stärke erreicht haben. Deshalb Bernhard Scherer mussten wir uns ja auch immer wieder mit dem Aufhängen von Nistkästen behelfen, wodurch der Raufußkauzbestand in den 1990er-Jahren im Raum St. Georgen auf etwa 20 Paare angehoben werden konnte. Aber entscheidender ist das Vorkommen von natürlichen Bruthöhlen. Bei welchen Baumarten werdet ihr am ehesten fündig? Bernhard: Der Schwarzspecht nutzt für den Bau seiner Höhlen sehr gerne die Buchen. Diese sind aber im Schwarzwald-Baar-Kreis nicht sehr häufig. Weißtannen und Kiefern (die sog. „Überhälterkiefern“) werden etwa gleich häufig genutzt. Als Nahrungsquelle nutzt er gerne abgestorbene Bäume, das Totholz. Diese werden glücklicherweise immer öfter stehen gelassen, sofern sie keine Gefahr entlang öffentlicher 280 Natur und Umwelt

 

 

 

Wege darstellen. Die Fichte scheint er eher zu meiden. Der Buntspecht ist nicht wählerisch. Er nutzt alle Baumarten gleichermaßen. Er baut seine Höhlen in dicke und dünne Bäume. Auch in der Höhe ist er nicht wählerisch. Ab etwa einem Meter Höhe bis in die Baumkronen nutzt er alles. Worauf achtet ihr ganz besonders, wenn ihr eine Bruthöhle entdeckt habt? Hans: Wir notieren uns Baumart, Durchmesser, Höhe und Himmelsrichtung des Einfluglochs und tragen das in eine Datenbank ein. Bernhard: Dabei achten wir besonders drauf, wem der Wald gehört. Im öffentlichen Wald ist es leichter, den gesetzlichen Schutz solcher Brutbäume durchzusetzen. Im privaten Wald ist das schon schwieriger. Zunächst müssen wir über den Förster den Waldbesitzer erfragen, um mit ihm Kontakt aufnehmen zu können. Was geschieht dann mit den Höhlenbäumen? Worin genau bestehen eure Schutzaktivitäten? Bernhard: Die Höhlenbäume werden in Brusthöhe farblich mit einer Wellenlinie markiert. Auf diese einheitliche Markierung haben wir uns in Zusammenarbeit mit dem NABU und der Forstverwaltung im Schwarzwald-Baar-Kreis geeinigt. Früher hatte jeder Förster seine eigene Kennzeichnung für schützenswerte Bäume. Das führte gelegentlich dazu, dass Höhlenbäume versehentlich gefällt wurden, etwa, wenn der zuständige Förster im Urlaub oder krank war und Waldarbeiter aus einem anderen Revier den Holzeinschlag durchführten. Eine weitere Schutzmaßnahme ist das Sichern der Bruthöhlen gegen eindringendes Wasser. Bei Starkregen kann Wasser, das am Stamm herunterläuft, in die Höhle eindringen. Das kommt besonders oft bei Buchen vor, da ihre Äste schräg nach oben zeigen und dadurch das Wasser zum Stamm geleitet wird. Aber auch Höhlen, die vom Specht nicht mehr benutzt werden, sind stärker durch eindringendes Wasser gefährdet, da der Baum versucht, die Gut zu erkennen ist die Dachrinne oberhalb der Bruthöhle zum Schutz des Geleges. Ein Schwarzspecht an seiner Bruthöhle, er bevorzugt Buchen. Im Gespräch mit zwei Höhlenbrüter-Experten 281

 

 

 

Öffnung zu schließen. Dadurch bildet sich ein Wulst am unteren Rand. Dieser wird immer größer und kann mit der Zeit dazu führen, dass abfließendes Wasser in die Höhle geleitet wird. Durch das eindringende Wasser können Gelege unter Wasser gesetzt werden oder Jungvögel ertrinken. Ein einfaches Hilfsmittel dagegen ist eine Art Dachrinne. Diese wird über dem Höhlen eingang angebracht und leitet das Wasser an der Höhle vorbei. Weil Bruthöhlenbäume so selten sind, versuchen wir auch, sie etwa nach Stammbrüchen durch Sturm zu sanieren, um sie längstmöglich zu erhalten. Weil Bruthöhlenbäume so selten sind, versuchen wir auch, sie etwa nach Stammbrüchen durch Sturm zu sanieren, um sie längstmöglich zu erhalten. Doch zumeist brechen sie nicht früher ab als andere Bäume, wenn sie nicht schon allzu faul sind. So hatten wir einmal den Fall, dass der einzige Baum, der in einer Sturmschneise stehen blieb, ein Höhlenbaum war. Verbleibt in einem abgebrochenen Stamm noch eine intakte Höhle, so haben wir in einigen Fällen die Bruchstelle schon abgesägt und mit einem Dach gegen Regenwasser gesichert. Diesen Aufwand betreiben wir aber sehr selten und auch nur an Bäumen, die häufig zum Brüten genutzt wurden. Hattet ihr auch schon Unfälle zu verkraften? Hans: Bis jetzt gottlob noch nicht. Früher bin ich mit Stecheisen an den Schuhen hoch geklettert, das war sehr riskant und konnte auch die Baumrinde verletzen. Heute klettern wir mit der Klemmknotentechnik. Bernhard: Unsere Klettertechnik ist im Grunde von den Bergsteigern abgeschaut. Mit dieser Technik können sich Bergsteiger an einem Seil nach oben arbeiten. Nur wird bei uns das Seil durch den Baum ersetzt. Der Nachteil dabei ist aber, dass man möglichst einen astfreien Stamm braucht. Zum Glück sind die meisten Schwarzspechthöhlen in Bäumen mit astfreiem Schaft. Aber einzelne Äste können auch überstiegen werden. Dazu braucht man ein drittes Seil und etwas Geschick. Ihr müsst euch jedenfalls mit den Waldeigentümern ins Benehmen setzen? Bernhard: Ja, gerade im Privatwald ist das wichtig. Sonst kann es passieren, dass der Waldeigentümer glaubt, der „faule“ Baum wäre vom Förster zum Entfernen markiert worden. Das ist uns schon passiert. Da es im Wald oft schwierig ist, Besitzgrenzen zu erkennen, hatten wir den Privatwaldbesitzer nicht rechtzeitig informiert, und so ist der Baum der Säge zum Opfer gefallen. Im öffentlichen Wald hat sich die einheitliche Markierung so gut durchgesetzt, dass es eigentlich keiner besonderen Absprache mehr bedarf. Wertet ihr eure Arbeit auch statistisch aus, um Aussagen über das Vorkommen und über den Bruterfolg der Höhlenbewohner zu erhalten? Bernhard: Ja, aber nur in bescheidenem Rahmen: Unsere Daten gehen an das „Monitoring Greifvögel und Eulen Europas“ der Martin-Luther-Universität in Halle an der Saale. Über den Bruterfolg können wir allerdings keine Statistik führen. Die Jungen der verschiedenen Bruten einer Art fliegen häufig innerhalb weniger Tage aus. Gerade beim Raufußkauz müssten wir nachts die bettelnden Jungen verhören, um die Anzahl zu ermitteln. Das schaffen wir zeitlich nicht. Wir machen das ja nur so nebenbei als Hobby. Die Arbeit der beiden Höhlenbrüter-Experten aus St. Georgen ist nicht ungefährlich. Der Schutz von Baumhöhlen führt die beiden regelmäßig in den Wipfelbereich der Bäume. 282 Natur und Umwelt

 

 

 

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Höhlenwie Horstbäume stehen ja unter gesetzlichem Schutz – wie sieht es mit Kontakten zur Naturschutzbzw. Forstbehörde aus? Bernhard: Der Kontakt funktioniert auf allen Ebenen sehr gut! Inzwischen markieren viele Förster Höhlenbäume, die sie finden, gleich selbst. Da freuen wir uns, wenn wir vor einem markierten Höhlenbaum stehen, den wir noch nicht gekannt haben. Vom Regierungspräsidium Freiburg haben wir eine Naturschutzrechtliche Ausnahmeerlaubnis bzw. Befreiung für Maßnahmen des Artenschutzes erhalten. Ansonsten würden wir uns mit unserem Tun ja auch strafbar machen, da es sich bei den Höhlenbewohnern um besonders geschützte Arten handelt. Für den Staatswald gibt es seit 2010 ein Altund Totholzkonzept, das verbindlich umzusetzen ist. Danach muss eine Mindestzahl von markanten Einzelbäumen, von Baumgruppen und Waldbiotopen aus der Bewirtschaftung entlassen werden. Hat sich das schon auf euer Hobby ausgewirkt? Hans: Ja, das Konzept hat sich bewährt, denn da und dort dürfen Bäume jetzt doch ihr natürliches Alter erreichen, und es bleibt deutlich mehr Totholz stehen als früher. Das ist gut für die Spechte, die dort Nahrung finden, aber auch ihre Bruthöhlen darin bauen. Wie kommt es, dass ihr inzwischen nicht nur Ansprechpartner für Spechte und Käuze seid, sondern auch für den „Charaktervogel“ des Schwarzwalds, das Auerhuhn? Hans: Seit meinen ersten Waldgängen war das Auerhuhn für mich eine ganz normale Vogelart, das ich natürlich auch bei der Balz beobachten wollte, auch wenn die Hahnenjäger das nicht so gerne sahen; später habe ich in der AuerhuhnHegegemeinschaft der Jäger mitgearbeitet – und dabei natürlich auch den so bedauerlichen Niedergang dieser Vogelart miterlebt. Bernhard: Auch ich interessiere mich schon seit Jahrzehnten für das Auerhuhn und setze mich für seine Erhaltung ein. Leider sind die wirtschaftlichen Interessen bei der Behandlung der Wälder zu groß, um den Auerhühnern genug Lebensraum zu lassen: Die Wälder sind zu dicht und zu dunkel, um diesen schönen Hühnervögeln einen geeigneten Lebensraum zu bieten. Links: Im Nistkasten ein Kauzgelege, erkennbar an den auffallend runden Eiern der Höhlenbrüter. Rechts: Junge Raufußkäuze im Daunenkleid. 284 Natur und Umwelt

 

 

 

Balzender Auerhahn – vom Aussterben bedroht. Foto: Erich Marek

 

 

 

Bewohner von Bruthöhlen sind auch Hohltaube, Baummarder und selbst die Honigbiene. Was sind eure größten Sorgen und was eure größten Erfolgserlebnisse? Hans: Am meisten macht mich der allgemeine Rückgang der Vogelpopulationen besorgt und betroffen; die Verarmung der Insektenwelt macht sich eben auch im Wald bemerkbar. Da ist es dann ein großes Erfolgserlebnis, wenn eine bei uns bisher nicht notierte Vogelart wie etwa die Hohltaube mehrfach in einer unserer Höhlen brütet. Das ist dann schon ein besonderer Grund zur Freude! Bernhard: Unsere große Sorge ist, dass das Alter und die Dimensionen, in denen im Wirtschaftswald die Bäume genutzt werden, weiter abgesenkt werden aus Gründen des rentableren Einsatzes der großen Holzerntemaschinen. Je weniger alte und starke Bäume es im Wald gibt, desto weniger Auswahl hat der Schwarzspecht für seine Brutbäume. Am allermeisten aber macht mich besorgt, dass das Auerhuhn bei uns genauso aussterben könnte wie das Haselhuhn. Da müsste sehr viel mehr für die Verbesserung des Lebensraumes gemacht werden als bisher! Unser größter Erfolg war vermutlich die Anhebung des Raufußkauzbestandes im Raum St. Georgen. Durch das Aufhängen von Nistkästen ist es uns gelungen, den Bestand um 1990 im Raum St. Georgen auf rund 20 Paare anzuheben. Dabei haben wir mit Sicherheit auch von einer allgemeinen positiven Bestandsentwicklung profitiert. In diesem Zeitraum wurde im Rahmen einer Diplomarbeit eine Beringungsaktion durchgeführt, die erstaunliche Ergebnisse erbracht hat. So wurde im Schweizer Jura ein brütendes Weibchen beringt, das nur wenige Wochen später bei St. Georgen wiedergefangen wurde, als es eine Zweitbrut begann. Ein bei St. Georgen beringter Jungvogel wurde in Bel gien wiedergefangen. Die beiden Beispiele zeigen, wie wanderfreudig diese kleinen Käuze sind. Inzwischen ist der Bestand leider wieder rückläufig und auf das Ausgangsniveau von etwa drei Paaren abgesunken. Das hängt zum Teil 286 Natur und Umwelt

 

 

 

damit zusammen, dass der Bestand zurzeit fast überall zurückgeht, aber auch daran, dass wir die Nistkastenaktion (altershalber) zurückgefahren haben. Ein weiterer Grund könnte auch die starke Zunahme des Baummarders sein. Wo früher ein Raufußkauz aus der Höhle schaute, schaut jetzt öfters ein Baummarder heraus. Welche sonstigen Arten profitieren denn vom Schutz der Höhlenbäume? Bernhard: Die Spechthöhlen, speziell die großen Schwarzspechthöhlen, werden auch von dem bei uns nicht so häufigen Grünspecht, vom Waldkauz und von der Hohltaube genutzt, wie eben auch von Eichhörnchen und Baummardern, ja sogar von Honigbienen. Nur Bilche, also die bei uns heimischen Siebenschläfer, Gartenschläfer und Haselmäuse, haben wir nur selten gefunden. Der Kleiber pflegt die Höhleneingänge oft so zu „verkleiben“, dass nur noch er und die Meisen Zugang haben. Eine Besonderheit ist der Sperlingskauz, die mit Abstand kleinste Eulenart. Er brütet meistens in Buntspechthöhlen oder in den Höhlen des bei uns selten vorkommenden Dreizehenspechtes. Sperlingskäuze waren ursprünglich nicht selten im Schwarzwald. Doch in den 1960er-Jahren hatte ihr Bestand einen Tiefpunkt. Über die Ursachen gibt es unterschiedliche Meinungen. Am wahrscheinlichsten scheint uns, dass der Sperlingskauz genauso wie der Wanderfalke unter den Auswirkungen der Pestizide zu leiden hatte. Die Parallelen sind auffällig. Beide Arten sind Vogeljäger und stehen am Ende der Nahrungskette und sie erholten sich, nachdem die schlimmsten Gifte verboten wurden. Bernhard und Hans, nach diesem Ausflug in die Welt der Höhlenbrüter und weit darüber hinaus möchte ich euch danken für das Gespräch, das wir aus Gründen der Corona-Pandemie digital führen mussten – ganz besonders aber danke ich euch für euren unermüdlichen Einsatz draußen im Wald! Beim Auskundschaften von Höhlen bäumen. Die St. Georgener Hans Schonhardt und Bernhard Scherer verbindet ein ungewöhnliches Hobby: Sie kümmern sich um Baumhöhlen und die auf sie angewiesenen, besonders schützenswerten Vogelarten. 287

 

 

 

Das Sturmtief Sabine verursachte im Schwarzwald-BaarKreis ca. 400.000 Kubikmeter Sturmholz. Besonders betroffen waren die Waldgebiete bei Furtwangen, hier oberhalb des Gymnasiums entlang der Rabenstraße. 288 Natur und Umwelt

 

 

 

Wie sieht der Wald der Zukunft aus ? Waldzustand nach Sturm Sabine und Borkenkäfer von Dr. Frieder Dinkelaker 289

 

 

 

In der Nacht von 9. auf 10. Februar 2020 und erneut von 27. auf 28. Februar fegten die Stürme Sabine und Bianca über Deutschland hinweg. In BadenWürt tem berg war vor allem der Schwarzwald von Orkanböen betroffen, Teile des Schwarzwald-Baar-Kreises gehörten mit zu den vom Sturm am heftigsten verwüsteten Gebieten. Den Höhepunkt erreichte Sabine am 10. Februar gegen ein Uhr in der Nacht mit Orkanböen von 110 bis 120 Kilometer in der Stunde in Furtwangen, Triberg und Villingen-Schwenningen. Die Wetterdienste hatten vorgewarnt und so trafen sich Katastrophenschutz, Feuerwehren und weitere Teile der Landkreisverwaltung bereits am Sonntag, 9. Februar, um Vorbereitungen zu besprechen. Auch die Feuerwehren befanden sich in Alarmbereitschaft als die Sturmböen einsetzten. Der Sturm Sabine tobte am 9. Februar 2019 die ganze Nacht, Straßen mussten wegen umgestürzter Bäume gesperrt werden. Im Bregtal war die Stromund Wasserversorgung kurze Zeit unterbrochen. Schulen wurden geschlossen, da die Zufahrten nicht oder nicht sicher ermöglicht werden konnten. Fieberhaft arbeiteten alle Einsatzkräfte daran, wichtige Verkehrsachsen wieder befahrbar zu machen. Bis am Mittwochmorgen war auf den Straßen weitgehend wieder Normalität eingekehrt und der Verkehr konnte fließen. Der zweite Sturm Bianca am 27. Februar richtete vor allem in den Wäldern der Baar großen Schäden an, die Verkehrswege blieben dagegen einigermaßen verschont. Schäden und Schadensinventur in den Wäldern Waldeigentümern und Forstverwaltungen wurde schnell klar, dass die Stürme in den Wäldern im Schwarzwald-Baar-Kreis erhebliche Schäden angerichtet hatten. Nach den Orkanen Vivian und Wiebke 1990 und Lothar 1999 waren die Februarstürme 2020 damit das dritte große Sturmereignis mit weitreichenden Folgen für die Wälder. Nachdem die öffentlichen Straßen freigeräumt waren, galt es, in den Wäldern die Hauptwege wieder benutzbar zu machen. Jedoch war klar: Die Wälder werden erst betreten, wenn die Sturmsituation vollständig zum Erliegen gekommen ist. Die vier großen Forstorganisationen im Kreis – das Kreisforstamt, das kommunale Forstamt Villingen-Schwenningen, der seit dem 1. Januar 2020 für den Staatswald zuständige Landesbetrieb ForstBW sowie der fürstlichfürstenbergische Forstbetrieb – standen dazu in engem Austausch. Die ersten Prognosen beliefen sich noch auf ca. 250.000 Kubikmeter Sturmholz. Im Laufe der Aufarbeitung in den kommenden Wochen und Monaten musste diese Zahl jedoch deutlich nach oben korrigiert werden: Nach Abschluss der Sturmholzaufarbeitung im Sommer 2020 zeigte sich, dass vom Sturm im Schwarzwald-Baar-Kreis 350.000 bis 400.000 Kubikmeter Holz geworfen wurden. Sofortmaßnahmen und Aufarbeitungsstrategie An erster Stelle bei allen Überlegungen zur Sturmholzaufarbeitung steht die Sicherheit der Menschen. Alle anderen Aspekte, wie die Maximierung der Aufarbeitungsgeschwindigkeit oder der schnelle Zugang zu Wäldern zum Zwecke der Erholung, müssen sich diesem Grundsatz unterordnen. Für alle im Wald tätigen Personen, vor allem Waldeigen tümer und Forstwirte, wurden über das Kreisforstamt spezielle Schulungen zur Sturmholz-Aufarbeitung organisiert. Dank gilt an dieser Stelle der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft und dem Hauptstützpunkt in Bonndorf, die diese Schulungen schnell und kompetent angeboten, organisiert und durchgeführt haben. 290 Natur und Umwelt

 

 

 

Die Beseitigung des Sturmholzes erfordert viel Fachwissen, das vom Kreisforstamt im Rahmen von Schulungen vermittelt wurde. Sturmholz kann, insbesondere wenn ganze Flächen geworfen wurden, nur mit Unterstützung von Forstspezialmaschinen aufgearbeitet werden. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind zahlreiche Forstunternehmer tätig, die diese Aufgabe professionell und gut beherrschen. Zusammen mit den Regiearbeitskräften der kommunalen Forstbetriebe, aber auch mit zusätzlicher Unterstützung durch Forstunternehmen aus Nachbarlandkreisen, konnte somit unmittelbar nach Abklingen des Sturmes mit der Aufarbeitung begonnen werden. Die Zeit drängte! Nach Sturmwürfen droht in Fichtenwäldern eine massive Vermehrung von Borkenkäfern. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Geworfenes, abgebrochenes oder anderweitig geschädigtes Holz ist ein idealer Brutraum für Borkenkäfer. Dieses steht nach Stürmen reichhaltig zur Verfügung! Und nach den warmen und trockenen Sommern 2018 und 2019 mit bereits hohen Borkenkäferdichten war klar, dass alles getan werden musste, um der Ausbreitung des Borkenkäfers entgegenzuwirken. Vorrangiges Ziel war es deshalb, das aufgearbeitete Holz sofort in die Sägewerke und holzverarbeitenden Industrien zu bringen. Die jahrzehntelange gute Zusammenarbeit der Forstbetriebe im Schwarzwald-Baar-Kreis mit den Sägewerken im näheren Umfeld hat sich hierbei von großem Vorteil erwiesen. Die trockene Witterung im März hat zwar den Bäumen nicht gutgetan, war aber für die schnelle Aufarbeitung und Abfuhr des Holzes von großem Vorteil. Alles hatte gut angefangen – dann sorgte aber die Corona-Pandemie auch in den Sägewerken Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 291

 

 

 

für reduzierte Absatzmöglichkeiten, verkürzte Arbeitsschichten und damit für einen stockenden Abfluss des Holzes aus den Wäldern. Aufarbeitung von Sturmholz mit Zangenschleppern. Eine sichere Aufarbeitung von Sturmschäden im Wald ist nur mit Hilfe von Spezialmaschinen möglich. Bis Anfang Juli 2020 war das Sturmholz in die Nasslager im Kreis weitgehend eingelagert und ca. 150.000 Kubikmeter Holz waren unter Wasser. Schutz der Wälder vor weiterem Käferbefall – Waldschutzstrategie und Nasslager Zum Schutz stehender Waldbestände vor weiterem Borkenkäferbefall war es damit erforderlich, auch andere Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehören zum Beispiel die Entrindung von Holz, vor allem aber die Lagerung außerhalb des Waldes, am besten auf Nasslagern. Verstärkt durch den zögerlichen Holzabfluss in Folge der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass eine zielgerichtete Holzlogistik nur mit großen lokalen Holzlagern außerhalb des Waldes möglich sein würden. Im Schwarzwald-BaarKreis waren bereits vor den Februarstürmen 2020 mehrere Nasslager im Betrieb, für weitere Nasslager bestanden noch wasserrechtliche Genehmigungen. Mit großem Engagement und Einsatz der Forstverwaltungen wurde die Nasslager-Logistik vorbereitet. Die Plätze nah bei Flüssen mussten teilweise ertüchtigt, vorbereitet und die erforderlichen Genehmigungen eingeholt werden. Neue Pumpen, Rohre, Schläuche und Regner wurden beschafft und mit dem Aufbau begonnen. Und es wurde so schnell wie möglich mit der Einlagerung des Sturmholzes begonnen. Bis Anfang Juli 2020 war das Sturmholz in die Nasslager im Kreis weitgehend eingelagert und ca. 150.000 Kubikmeter Holz waren unter Wasser (s. S. 293). Hoher Käferholzanfall in den Vorjahren, ein warmes und trockenes Frühjahr und große Mengen Brutmaterial im Wald: Damit war klar, dass im Schwarzwald-Baar-Kreis dennoch wieder ein Borkenkäferjahr bevorstehen würde. Kaum war das Sturmholz aufgearbeitet, mussten bereits wieder die ersten frisch vom Borken292 Natur und Umwelt

 

 

 

Nasslager entzieht holzschädigenden Pilzen und Insekten die Lebensgrundlage Das Verfahren basiert auf dem Prinzip der dauerhaften Erhaltung hoher Holzfeuchte mittels künstlicher Beregnung. Das Poren system der eingelagerten Hölzer bleibt mit Wasser gefüllt und verhindert damit ein Eindringen der Luft bzw. den Zutritt von Sauerstoff. Holzschädigenden Pilzen und Insekten wird damit die Lebensgrundlage entzogen. Die Nasslagerung von Holz ist das einzige Holzkonservierungsverfahren, das es bei sachgerechter Durchführung ermöglicht, große Holzmengen über mehrere Jahre hinweg unter Beibehaltung der Holzqualität zu lagern. Mittlerweile ist ein großes Repertoire an Informationen und „Know-how“ über Nasslagertechnik vorhanden. Nasslagerung wird von einem Großteil der Sägeindustrie als Lagerungsmethode anerkannt und gutgeheißen. Im Vordergrund bei diesen Maßnahmen steht der Werterhalt der Hölzer. Gleichzeitig dienen die Nasslager dazu, den Holzmarkt zu entlasten und die Holzpreise auf Dauer zu stabilisieren. Des Weiteren wird durch sie der Insektizideinsatz vermieden. Nasslagerplätze bei Rietheim (oben) und im Wieselsbachtal bei VS-Pfaffenweiler (Mitte rechts). Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind die großen Nasslager an den drei Flüssen Donau, Brigach und Breg eingerichtet. Regelmäßige Untersuchungen der Gewässergüte stellen sicher, dass keine übermäßige Belastung des Wassers entsteht. Für alle Nasslagerplätze wurde eine wasserrechtliche Genehmigung erstellt. Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 293

 

 

 

käfer befallenen Bäume eingeschlagen und das Holz aus dem Wald gebracht werden. Die Februarstürme 2020 und die Folgen für die Waldentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis Störungen der Waldentwicklung durch Stürme, Feuer oder Insektenschäden gehören zur natürlichen Dynamik in Waldökosystemen. Naturnahe und standortgerechte Wälder sind durchaus in der Lage, sich nach einer solchen Störung wieder selbst zu regenerieren und zu verjüngen. Je nach Ausgangssituation und Rahmenbedingungen kann diese Entwicklung jedoch viele Jahrzehnte dauern und führt zu Vegetationsformen, die nicht unseren heutigen Vorstellungen von multifunktionalen Waldbeständen entsprechen. Es ist also zielführend, ein Ziel bei der Waldentwicklung zu bestimmen und diese Entwicklung auch aktiv durch Förderung der Naturverjüngung, aber auch durch Pflanzung und Pflege junger Bestände zu steuern. Hierzu bestehen grundsätzlich detaillierte Kenntnis und Erfahrung über die forstliche Standortskartierung und das badenwürttembergische Waldbauprogramm, die Richtlinie landesweiter Waldentwicklungstypen. Erschwert wird die Zieldefinition durch die seit Langem prognostizierte, aber in den letzten Jahren immer deutlicher spürbare Klimaerwärmung. Im Schwarzwald-Baar-Kreis werden durch seine vielfältigen landschaftlichen, geologischen und standörtlichen Gegebenheiten die Wälder unterschiedlich betroffen sein. Die Höhenlagen des Schwarzwaldes In den Höhenlagen des Schwarzwaldes im Westen des Landkreises stehen heute ausgedehnte Fichtenwälder, an einigen Bereichen gemischt mit Buchen und Tannen. Der hohe Fichtenanteil ist vom Menschen gemacht: Von Natur aus wachsen im Hochschwarzwald Buchen-Tannenwälder zusammen mit vielen Mischbaumarten wie zum Beispiel dem Bergahorn oder der Vo gelbeere. Fichten und Kiefern würden sich im vom Menschen unbeeinflussten Wald auf Sonderstandorte wie Moore oder Felsregionen beschränken. Der gezielte Anbau und die FörNaturnahe Waldbewirtschaftung in Baden-Württemberg Kennzeichnendes Prinzip dieser Form der Waldbewirtschaftung ist die Ausnutzung natürlicher Abläufe in Wäldern, um forstbetriebliche Ziele zu erreichen. Pflanzungen oder Pflegemaßnahmen begleiten diese Abläufe, wenn die Erreichung der Ziele auf natürlichem Wege nicht möglich ist. Dazu notwendige waldbauliche Entwicklungsund Behandlungskonzepte sind in der „Richtlinie landesweiter Waldentwicklungstypen“ zusammengefasst, diese Richtlinie gilt als das Waldbauprogramm Baden-Württembergs. Die Richtlinie wird laufend überarbeitet und an neue Klimaund Umweltbedingungen, aber auch an veränderte Zielsetzungen der Waldeigentümer angepasst. Eine wichtige Grundlage für alle waldbaulichen Entscheidungen ist die Kenntnis des forstlichen Standorts, also der Summe aller Einflussfaktoren auf das Baumwachstum. Dazu gehört die Kenntnis des Ausgangsgesteins, der Bodenart, des Wasserhaushalts, der Begleitvegetation und vieler weiterer Faktoren. Diese Informationen werden im Rahmen der forstlichen Standortskartierung erhoben und in Karten dargestellt. derung der Fichte in vergangenen Jahrzehnten wird seit rund drei Jahrzehnten wieder zurückgeführt, zugunsten vor allem von Buche, Tanne und Bergahorn. Diese Baumarten befinden sich auf dem Vormarsch, vor allem auch in der natürlichen Verjüngung. Dieses gelingt aber insbesondere bei der Tanne nur bei angepassten Wildbeständen! Aus heutiger Sicht wird diese Entwicklung auch bei zunehmenden Jahresdurchschnittstemperaturen so weitergehen, die Wälder im Hochschwarzwald werden sich über die Jahrzehnte zu Buchen-Tannenwäldern mit Fichten und anderen Mischbaumarten entwickeln. Besonders wichtig ist bei allen Anstrengungen um eine naturnahe Waldentwicklung die Risiko streuung, 294 Natur und Umwelt

 

 

 

Der Wald der Zukunft soll sich in den Höhenlagen des Schwarzwaldes hauptsächlich aus Buche und Tanne zusammensetzen, noch aber dominiert die Fichte. also die Beteiligung möglichst vieler Baumund anderer Pflanzenarten am Waldaufbau. Die Buntsandsteinplatte Der größte Teil der Waldflächen im Zentrum und im Norden des Schwarzwald-Baar-Kreises liegt auf den verschiedenen Schichten des Buntsandsteins auf Höhenlagen zwischen 1.000 und 700 m. Auf den natürlich sauren Standorten wachsen vor allem Tannen, Kiefern und Fichten. Auch in diesen Wäldern hatte sich bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts der von Natur aus hohe Tannenanteil durch menschliches Handeln, aber auch durch Wildverbiss stark reduziert. Angepasste Jagdstrategien und aktive Pflanzungen konnten diese Entwicklung stoppen und in einzelnen Forstbetrieben sogar umkehren. Die bodensauren, hoch gelegenen Buntsandsteinböden der Baar gelten als einer der wenigen Waldstandorte in Baden-Württemberg, auf denen auch bei der prognostizierten Klimaveränderung die Baumart Fichte noch geeignete Standortbedingungen vorfindet. Aber auch auf diesen Standorten ist zu erwarten, dass Tanne und Kiefer, Vogelbeere und Buche langfristig stärker in den Beständen beteiligt Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 295

 

 

 

sein werden. Grund zur Besorgnis gaben in den letzten Jahren vor allem auch die lang anhaltenden Dürreund Hitzephasen im Frühjahr und Hochsommer, die zu großer Trockenheit und dadurch massiver Schädigung des Feinwurzelsystems der Bäume führten. Einzelne Bäume sind nicht durch Stürme oder Käferbefall abgestorben, sondern schlicht vertrocknet – und das auf der eigentlich für kühle Temperaturen und hohe Niederschläge bekannten Baar! Albtrauf und Randen Ganz anders sind die Bedingungen für das Waldwachstum im Südosten des Landkreises auf den kalkhaltigen Böden des weißen Jura im Gebiet der Länge und des Randen. Diese Wälder bieten von Natur aus ideale Bedingungen für die Baumart Buche in Gesellschaft mit Bergahorn, vielen anderen Laubbaumarten und der Tanne. Die vom Menschen eingebrachten Fichten dagegen werden sich langfristig auf diesen Standorten nicht halten können. Das zeigen die Sturmschäden, aber auch der besonders starke Befall mit Borkenkäfern. Auf diesen Flächen, auf denen häufig noch keine Naturverjüngung vorhanden ist, ist die Wiederbewaldung eine besondere Herausforderung. Standortgerechte Baumarten wie zum Beispiel Eichenarten, die Wildkirsche oder Ahornarten müssen gepflanzt, gepflegt und gegen Wildverbiss geschützt werden, um eine erfolgreiche Verjüngung zu gewährleisten. Baumhasel, Libanonzeder, Tulpenbaum und Co ? Kaum ein Artikel zur Waldentwicklung in Baden-Württemberg, in dem die drei oben genannten Baumarten nicht als mögliche Option für künftige Anbauten genannt werden. Auch im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es bereits kleinflächige Anbauversuche dieser und anderer Baumarten, die bisher in unseren Wäldern nicht vertreten sind. Außerdem haben sich die aus Amerika stammende Douglasie und Roteiche bereits in kleinen Teilen in die Waldbestände integriert. Großflächige, aktive WaldumbauIm Großraum Blumberg, von Albtrauf und Randen, ist die Buche in Gesellschaft mit dem Bergahorn die vorherrschende Baumart. Das Foto zeigt den Hohen Randen bei Blumberg. maßnahmen sind aber aus heutiger Sicht nicht angezeigt. Vielmehr gilt es noch sorgfältiger als bisher, Wälder auf standörtlicher Grundlage zu entwickeln. Dies wird zwangsläufig zu einem Rückgang der Fichtenanteile führen. Damit die Tanne als einheimische und standortgerechte Baumart diese Anteile auffüllen kann, bedarf es aber intensiver waldbaulicher und forstbetrieblicher Anstrengungen. Dazu gehören an erster Stelle eine intensive Bejagung des Rehwildes und regelmäßige Pflege und damit Auflichtung der Waldbestände, nur dann können sich Nadelholzbestände natürlich verjüngen. Flächen, auf denen Naturverjüngung ausbleibt, müssen schon unter dem Schirm der Altbestände mit Tannen bepflanzt werden. Klimawandel erfordert eine naturnahe Waldentwicklung Der Klimawandel findet bereits statt. Seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 hat sich bis 2018 die Jahresdurchschnittstemperatur bereits um 1,5 °C erhöht und es ist davon auszugehen, dass es in Zukunft deutlich schneller wärmer wird. Mit dem Klimawandel wird sich das Waldschutzrisiko deutlich verschärfen, es wird zu häufigeren und extremeren Klimaereignissen kommen. Dabei werden die Wälder im Schwarzwald-Baar-Kreis Wälder bleiben. Aber die Umweltund Standortbedingungen für verschiedene Baumarten werden sich verändern. Diese Wälder werden anders zusammengesetzt sein, ihre Funktionen werden folglich einem Wandel unterliegen. Nicht zuletzt werden sich zudem künftige Nutzungsanforderungen der Gesellschaft verändern. Um diese Waldfunktionen auch in Zukunft zu gewährleisten, ist weiterhin eine Förderung der naturnahen Waldentwicklung sowie eine breite Risikostreuung das beste Mittel der Wahl. 296 Natur und Umwelt

 

 

 

Baumarten im Landkreis Die FICHTE ist die häufigste Baumart bei uns. Sie gilt als leicht zu verjüngen und liefert hervorragendes, vielseitig verwendbares Holz. Allerdings setzen ihr besonders in den letzten Jahren Dürre, Borkenkäfer und Stürme zu. Auf trocken-warmen Standorten wird sie verschwinden. Die TANNE ist der Charakterbaum des Kreises. Konkurrenz zur Fichte und Wildverbiss haben ihren natürlich hohen Anteil in unseren Wäldern stark zurückgehen lassen. Bei naturnaher Bewirtschaftung und waldgerechter Bejagung hat sie das Zeug, auf vielen Standorten die Fichte zu ersetzen. Die BUCHE ist die häufigste Laubbaumart im Kreis, im Westen und Süden ist sie auch über natürliche Verjüngung auf dem Vormarsch. Ihr Anteil in allen Wäldern im Landkreis wird weiterhin zunehmen. Die STIELEICHE kommt bisher nur selten vor, vor allem im Osten des Kreises. Trockenheit und Wärme erträgt sie gut, ihr Anteil an unseren Wäldern wird deshalb zunehmen. Der BERGAHORN verjüngt sich gut und scheint auch mit Wärmeund Trockenperioden gut zurechtzukommen. Schon jetzt ist er eine willkommene Mischbaumart und wird als solche weiter an Fläche gutmachen. Die ESCHE war bis vor wenigen Jahren ein wichtiger Bestandteil unserer LaubholzMischwälder. Das durch eine Pilzart verursachte Eschentriebsterben lässt sie derzeit aber zunehmend aus den Wäldern verschwinden. Nicht heimische Arten Die DOUGLASIE stammt aus Amerika. Sie ist sehr tolerant gegenüber Sommertrockenheit. Als Lieferant sehr guten Holzes kann sie an vielen Orten zusammen mit Tanne und Buche die Fichte ersetzen. Auch die ROTEICHE kommt ursprünglich in Amerika vor. Sie hat ähnliche Standortsansprüche wie die heimischen Eichenarten, wächst aber wesentlich schneller und kann somit eine gute Begleitbaumart in Buchenwäldern werden. Wie sieht der Wald der Zukunft aus? 297 297

 

 

 

Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne Die Weißoder Edeltanne ist, ähnlich der Eiche unter den Laubhölzern, durch den Adel der Gestalt wie durch das Alter und die riesigen Dimensionen, welche einzelne besonders günstig entwickelte Exemplare erreichen, unstreitig die Königin unserer Nadelhölzer. (Ludwig Klein: Bemerkenswerte Bäume im Großherzogtum Baden. Heidelberg 1908) von Wolf Hockenjos Die schlechten Nachrichten aus dem vom Klimawandel gestressten Wald wollen derzeit nicht abreißen: Drei trockenheiße Sommer nacheinander, Waldbrände, Winterstürme und Borkenkäfer-Massenvermehrungen haben zu derart gravierenden Schäden geführt, dass die Regierungen umfangreiche Hilfspakete schnüren mussten. Denn all das Schadholz kann der – zudem auch noch vom Corona-Virus geschwächte – Markt nicht mehr aufnehmen. Und wenn doch, so zu tief in den Keller gerutschten Preisen. Nie seit dem Jahr 1985, seit dem Höhepunkt des Waldsterbens, waren die Kronen der Nadelbäume schütterer benadelt als nach dem Trockenjahr 2019, vermeldet der jüngste Waldzustandsbericht des Stuttgarter Agrarministeriums. Selbst die als sturmfest und klimahart geltende, gegen Borkenkäfer vergleichsweise An der Abbruchstelle noch ein Dreiviertelmeter stark: der abgerissene Wipfel. 298 Natur und Umwelt

 

 

 

unempfindliche Weißtanne erweist sich mittlerweile als ungewohnt krisenanfällig: Insbesondere auf sonnseitigen und flachgründigen Hangstandorten kam es durch die extreme Trockenheit nicht mehr nur zu flächigem Absterben von Fichtenbeständen, sondern zumindest nesterweise auch von vermeintlich kerngesunden Bergmischwäldern mit Tannen und Buchen. Kein Wunder, dass in den Medien neuerdings von Waldsterben 2.0 die Rede ist. Ein „Ungetüm“ von Weißtanne Und nun also auch noch dies: Im Wald der Gemeinde Brigachtal (einst Überauchen) hat es die weit über 200-jährige Große Eggwaldtanne erwischt – ein wahres Ungetüm von einer Weißtanne mit einer Höhe von knapp 50 m, einem Umfang in Brusthöhe von 5,20 m und mit ihrem Stammvolumen von über 30 Festmetern eine der stärksten Tannen des Schwarzwalds, die mächtigste des Schwarzwald-Baar-Kreises allemal! Der orkanartige Wintersturm Sabine vom 9. Februar 2020 hat ihr in ca. 30 Meter Stammhöhe die gewaltige Krone heruntergerissen. Die liegt jetzt zerschmettert, an der Abbruchstelle noch immer einen Dreiviertelmeter stark, ein Stück abseits im Unterholz. Die enormen Maße der Tanne waren schon deshalb kaum aufgefallen, weil der Gigant versteckt und eingetieft am Bachbett der Hofbächleschlucht herangewachsen ist und daher kaum aus dem Bestandsdach des Eggwalds heraus geragt war. 2013 wurde die Tiefstaplerin mit einem Spezialinstrument zur Altersbestimmung sorgfältig untersucht: Mit einem auf Holzdichte kalibrierten Resistographen, dessen feine Nadel bis zu einer Bohrtiefe von einem Meter in den Stamm einzudringen vermag, um dabei die wechselnden Widerstände in der Jahrringfolge zu messen. Wie sich herausstellte, hatte der Baum bis zuletzt nichts von seiner Vitalität eingebüßt: Während er in seiner Jugend unterm Schirm des Altbestands jahrzehntelang nur mikroskopisch enge Jahrringe ausgebildet hatte, die selbst der Resistograph nicht mehr auflösen konnte, zeichnet sich im ausgedruckten Papierstreifenprofil ein zunehmendes VolumenwachsDie Große Eggwaldtanne – von Sturm Sabine am 9. Februar 2020 gekapppt. Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne 299

 

 

 

Im Wurzelraum der Tanne wohnt Familie Dachs. tum des Baumriesen ab je älter er wurde – für Weißtannen bei guter Wasserund Nährstoffversorgung eine typische Karriere. Weder die 1980er-Jahre des Waldsterbens noch der Jahrhundertsommer 2003 hatten einen merklichen Einbruch im Wachstum zur Folge. Schon vor Jahren waren Schweizer Forstwissenschaftler bei der exakten Analyse eines 240-jährigen Tannenstammes zu dem erstaunlichen Ergebnis gekommen, dass der Baum in der zweiten Hälfte seines Lebens (ab Alter 120) zehnmal so viel Holz produziert hat wie in der ersten. Weil Holz an Holz, Jahrring an Jahrring wächst, kommt es selbst bei gleichbleibender Jahrringbreite noch zu einem progressiven Volumenwachstum! 1942 gab es schon einen Wipfelbruch Dass die Eggwaldtanne überhaupt so alt und so stark werden konnte, verdankt sie nicht nur dem gedrosselten Jugendwachstum und danach einem für ihr Gedeihen überaus günstigen, bachnahen Standort, sondern gewiss auch den schwierigen Transportbedingungen in der Enge der Schlucht. An ihr hätten die Holzschleifer schon bald ihre Ochsen zu Tode geschunden. Wie das Hofbächle sich in geologisch offenbar jüngster Zeit durch Muschelkalkschichten hindurch bis in den Buntsandstein hat eingraben können, ist angesichts der zumeist bescheidenen Wasserführung ein Vorgang, der die Geologenzunft noch immer rätseln lässt. Klar ist immerhin, dass der Baum von den Hochwässern seit über zwei Jahrhunderten nicht hat entwurzelt und weggespült werden können. Verbürgt ist auch, dass er im Jahr 1942 schon einmal einen Wipfelbruch erlitten und sodann eine Ersatzkrone aufgesetzt hatte. Dass in seinem Wurzelraum ein Dachs seinen Bau hat und dabei auch immer wieder einmal vermorschtes Wurzelholz zutage fördert, scheint kein Indiz für eine beeinträchtigte Statik oder einen angegriffenen Gesundheitszustand des Baums zu sein. Sabine hätte ihn sonst gewiss nicht zersaust, sondern der Länge nach ausgehebelt und umgeworfen, gerade so, wie sie weiter westwärts mit flachwurzelnden Fichten und auch etlichen Tannen umgesprungen ist. Hoffnung auf Ausbildung einer neuen Krone Weil am entwipfelten Stamm noch grüne Äste verblieben sind, darf freilich gehofft werden, dass er auch diesmal wieder (wie anno 1942) eine neue Krone ausbilden wird, wie es für Weißtannen charakteristisch ist; zumal bei ausreichender 300 Natur und Umwelt

 

 

 

Wasserversorgung scheinen sie schier unverwüstlich zu sein. Weil sie ein solches Missgeschick oft durch Zwieseloder sogar mehrwipflige Kandelaberbildung auszuheilen pflegen, können sie auch nach einem Schaftbruch durchaus noch bis zu 700 Jahre alt werden, wie es die ältesten Exemplare nachweislich aufgrund von posthumen Jahrringzählungen bezeugt haben. Auch der ebenso phänomenale wie populäre Hölzlekönig vom Saubühl zwischen Villingen und Schwenningen, gefeiert einst als „Deutschlands größte Tanne“, hatte Stammbrüche überlebt: Ihm hatte nachweislich im Herbst 1876 ein Sturm in 33 m Höhe sogar beide Hauptwipfel abgerissen. Geschütztes Naturdenkmal Der Großen Eggwaldtanne kommt zustatten, dass sie, erkennbar am grüngerandeten Täfelchen mit dem Seeadler darauf, im Naturdenkmalbuch der Unteren Naturschutzbehörde als geschütztes Naturdenkmal eingetragen ist. Darüber hinaus hat sich die Waldeigentümerin, die Gemeinde Brigachtal, verpflichtet, die Hofbächleschlucht mit ihrer noch immer sehr naturnahen Bestockung vergleichbar einem Mehrgenerationenhaus aus Tannen, Fichten, Buchen, Ahorn und Erlen als Waldrefugium auszuweisen, in welchem auf die Holznutzung verzichtet wird und die Bäume bis zu ihrem natürlichen Ableben alt werden dürfen. So sieht es das Altund Totholzkonzept der Forstverwaltung vor, das mit dem Ziel der ökologischen Aufwertung seit 2010 im Staatswald verbindlich vorgeschrieben ist. Und sollte die Große Tanne den Stammbruch wider Erwarten doch nicht überleben, so steht ein Stück bachabwärts am Steilhang der Schlucht schon eine Nachfolgerin parat; auch sie ist bereits ein geschütztes Naturdenkmal mit guten Aussichten, dereinst in die erlesene Spitzenklasse der Schwarzwälder Tannenriesen nachzurücken. Oder sollte dem womöglich doch der Klimawandel noch einen Strich durch die Rechnung machen? Unter Naturdenkmalschutz: die Große Eggwaldtanne in der Hofbächleschlucht. Von „Sabine“ gekappt: die Große Eggwaldtanne 301

 

 

 

Seit November ist sie in den Getränkemärkten der Region für kurze Zeit zu finden: Die Streuobstschorle des Bad Dürrheimer Mineralbrunnens. Es handelt sich dabei um einen besonderen regionalen Genuss in limitierter Abfüllung. Das Beste: Mit jedem Schluck wird die Streuobst-Kultur auf der Baar gefördert und damit ein wichtiger Beitrag für den Erhalt der Artenvielfalt geleistet. Dazu wurden auf den heimischen Streuobstwiesen durch Fastnachtsvereine, Kindergärten, Grundschulen, Feuerwehren und Landfrauen sowie viele Privatpersonen insgesamt 35 Tonnen Äpfel gesammelt und zur Mosterei nach Ewattingen gebracht. Initiator der Aktion ist Landrat Sven Hinterseh. 302 302 Natur und Umwelt

 

 

 

Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut Dank Bad Dürrheimer Mineralbrunnnen: „STREUOBST SCHÄTZLE“ von der Baar ist im Handel – Initiative von Landrat Sven Hinterseh von Tanja Bury 303

 

 

 

Apfelernte in Öfingen – pro Doppelzentner erhalten die Landfrauen 20 Euro und damit bedeutend mehr als sonst für ihre Ernte. Ohne den Einsatz des Landschafts erhaltungs verbandes würden die meisten dieser Äpfel wie vielerorts wohl ungeerntet bleiben. 304 Natur und Umwelt

 

 

 

Apfelbaumblüte bei Aasen. Nach wie vor sind etliche Dörfer der Baar von Streuobstwiesen umgeben. Die Idee zum Streuobstwiesen-Projekt hatte Landrat Sven Hinterseh: „Der SchwarzwaldBaar-Kreis ist zwar kein typisches Streuobstgebiet, glücklicherweise gibt es aber auch in unserer Region noch einige wertvolle Streuobstbestände“, betont er. Der Landrat weiter: „Ich selbst bin in einem Obstund Weinbaubetrieb am Kaiserstuhl aufgewachsen und habe so einen engen persönlichen Bezug zu diesem Thema. Die Streuobstbestände in der Region sind in den vergangenen Jahrzehnten drastisch zurückgegangen. Mein Anliegen ist es, die Streuobst-Kultur auch bei uns wieder mehr aufleben zu lassen.“ Wichtig sei dabei, die Früchte in eine Vermarktungskette zu bringen, fasst Landrat Sven Hinterseh seine Motivation zu diesem Herzensprojekt zusammen. Die perfekten Projektpartner dazu wurden mit der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH, als Experte für das Produzieren, Abfüllen und Vermarkten von Getränken, und dem Landschaftserhaltungsverband Schwarzwald-Baar-Kreis e. V. mit seiner Fachkompetenz schnell gefunden. Das Apfelschorle-Projekt war geboren! Von den ursprünglich rund 250.000 bis 300.000 Bäumen im SchwarzwaldBaar-Kreis waren bei der jüngsten Streuobst erhebung des Landes im Jahr 2005 nur noch etwa 100.000 Bäume übrig. Die Streuobstwiesen Im Frühjahr zarte Blüten, im Herbst leuchtende Äpfel und Birnen: Dieses Bild prägte einst die Dörfer der Baar, waren sie doch traditionell umgeben von Streuobstwiesen. Ihre Anzahl ist jedoch seit den 1950er-Jahren mehr und mehr zurückgegangen. Von den ursprünglich rund 250.000 bis 300.000 Bäumen im SchwarzwaldBaar-Kreis waren bei der jüngsten Streuobsterhebung des Landes im Jahr 2005 nur noch etwa 100.000 Bäume übrig. Und auch sie drohen durch Verbuschung, Überalterung und mangels erfahrener Pflege nach und nach zu verschwinden. Ein großer Verlust, denn die Wiesen sind nicht nur Kulturgut, sondern wertvoller LebensStreuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut 305

 

 

 

raum für mehr als 5.000 Tierund Pflanzenarten. Bedrohte Tiere wie Wendehals, Steinkauz, Neuntöter, Siebenschläfer und Fledermäuse fühlen sich hier ebenso wohl wie zahlreiche Insektenarten. Damit zählen die Streuobstwiesen zu den artenreichsten Kulturökosystemen Mitteleuropas. Im Landkreis Schwarzwald-Baar sind Streuobstwiesen vor allem im östlichen und südlichen Bereich zu finden. Die Schwerpunkte umfassen die Städte Bad Dürrheim, Bräunlingen, Blumberg, Donaueschingen, Hüfingen und Teile Villingen-Schwenningens. Besonders schöne Beispiele historischer Streuobstbestände finden sich in Riedöschingen und Öfingen. Das Projekt „Der Schwarzwald-Baar-Kreis stellt einen wichtigen Trittstein zwischen den traditionellen 306 Natur und Umwelt

 

 

 

Apfelernte in Weilersbach für das neue Apfelschorle der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH mit Streuobstwiesen der Baar. Der Förderverein der Grundschule Obereschach hatte die Aktion auf Anregung von Margarete Schleicher und seiner Vorsitzenden Andrea Ettwein ausgeführt. Landrat Sven Hinterseh (unten) besuchte die Schulkinder bei der Apfelernte, er hat die Apfelschorle-Aktion ins Leben gerufen. In wenigen Stunden sammelten die Kinder rund 25 Zentner Äpfel und verdienten damit 500 Euro für die Kasse des Fördervereins. Reiche Weilersbacher Obstbaugeschichte Das Dorf Weilersbach bei Obereschach ist für seine reichen Streuobstwiesen bekannt gewesen. Im Lexikon des Großherzogtums Baden rühmt sein Verfasser Johann Baptist Kolb im Jahr 1816 die schönen Obstpflanzungen, erwähnt besonders die vielen Kirschbäume, die jährlich 40 bis 50 Gulden an Ertrag abwerfen. Beim großen Dorfbrand im Jahr 1834 wurden 41 von 63 Häusern vernichtet und anschließend solidarisch wieder aufgebaut. Ebenso wurden die meisten Obstbäume ein Opfer der Flammen. Es dauerte Jahrzehnte, bis hauptsächlich im Gewann „An der Halde“ die „Fässle-Äpfel“ aus Weilersbach wieder geerntet werden konnten. Heute stehen dort rund 50 Apfelbäume, die Herbst für Herbst mit köstlichen Früchten behangen sind. Wie in vielen Baar-Orten hat auch in Weilersbach das Interesse an den Äpfeln deutlich nachgelassen. Auch der frühere Obstbaumverein ist längst Geschichte. 307 307 Margarete Schleicher (links), Besitzerin der Obstbäume, mit dem Team der Grundschule Ober eschach bei der Apfelernte.

 

 

 

Obstbauregionen am Albtrauf und am Bodensee dar“, erklärt Stefan Walther, Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbandes (LEV). Trotz des hohen Artenaufkommens sind die Bestände bislang nicht als Biotope geschützt. Sie wurden schlecht oder gar nicht gepflegt, Vitalität und Stabilität der Bäume haben gelitten, Jungbäume fehlen. „Wir müssen jetzt etwas tun, um die Streuobstwiesen für die Zukunft zu erhalten. Es wird 30 bis 40 Jahre dauern, bis die Bestände gesichert sind“, sagt Stefan Walther. Hier setzt die Arbeit des LEV an: Er forciert Erstpflegemaßnahmen wie Baumschnitte sowie dringende Nachpflanzungen. Außerdem sollen die Bestände erfasst und bewertet werden, um damit den Grundstein für eine Förderkulisse namens „Baar-Albtrauf-Wutachschlucht“ zu legen. Durch sie wiederum können andere Förderungen generiert und künftige Unterstützungen – zum Beispiel durch die Landschaftspflegerichtlinie des Landes Baden-Württemberg (LPR) – erleichtert werden. „Weiter können Kommunen auf die erfassten Bestände als Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte zurückgreifen“, so Walther. Netzwerk für Streuobstwiesenschutz bringt alle Akteure zusammen Das Netzwerk für Streuobstwiesenschutz, welches unter der Regie des LEV ins Leben gerufen 308 Natur und Umwelt

 

 

 

wurde, bringt alle Akteure vom Wiesenbesitzer bis zum Vermarkter zusammen. Bei ein bis zwei Treffen im Jahr werden Ideen entwickelt, Pflegeund Erhaltungsmöglichkeiten besprochen, es gibt Infos zu Baumschnitt und Neupflanzungen. „Dieser Austausch hilft ungemein, die Aufmerksamkeit und Anerkennung für die Streuobstwiesen zu erhöhen“, freut sich der LEV-Geschäftsführer. Der 2013 gegründete Landschaftserhaltungsverband (LEV) Schwarzwald-Baar-Kreis e.V. hat sich als gemeinnütziger Verein dem Ziel verschrieben, die Kulturlandschaft zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. Als Kooperationspartner von Kommunen, Naturschützern Der 2013 gegründete Landschaftserhaltungsverband (LEV) Schwarzwald-Baar-Kreis e.V. hat sich als gemeinnütziger Verein dem Ziel verschrieben, die Kulturlandschaft zu erhalten, zu pflegen und zu entwickeln. sowie Landnutzern und in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern vor Ort will der LEV einen Beitrag leisten zum Erhalt des Landschaftsbildes und wertvoller Lebensräume, zu einem intakten Naturhaushalt sowie zum Naturund Artenschutz. Er versteht sich als Schnittstelle zwischen Umweltschutz und Landwirtschaft. Unter anderem berät der LEV Landwirte bei Bewirtschaftungund Fördermöglichkeiten in der Landschaftspflege, betreut Kommunen und Privatleute und kümmert sich um Pflege und Erhalt wertvoller Biotope. Naturschutz Hand in Hand sozusagen. Vereinsvorsitzender ist Landrat Sven Hinterseh Ein schönes Beispiel für die Arbeit des LEV ist das Bemühen um den Erhalt der Streuobstwiesen im Schwarzwald-Baar-Kreis. Oder ebenso der Einsatz von Wasserbüffeln bei Bad Dürrheim und auf dem Brend bei Furtwangen – damit kann der Landkreis zwei der höchstgelegenen Wasserbüffelweiden Deutschlands vorweisen. Vereinsvorsitzender ist Landrat Sven Hinterseh, seine Stellvertreter sind die Bürgermeister Christian Wörpel (Schönwald) und Die Öfinger Landfrauen beteiligten sich samt Kinder ebenfalls an der Apfelernte für das Streuobstschorle. Das Foto zeigt die Frauen bei der Ernte im Gewann „Kälbleweide“. Insgesamt wurden in Öfingen 25 Zentner Äpfel geerntet. 309

 

 

 

Michael Kollmeier (Hüfingen). Als Vertreter der Landwirtschaft sind Bernhard Bolkart (BLHV Kreisverband Villingen), Reinhold Moßbrugger (BLHV Kreisverband Donaueschingen) und Jörg Krüger (Regierungspräsidium Freiburg Abteilung 3) im Vorstand. Die Vorstandsmitglieder zur Vertretung des Naturschutzes sind Anita Sperle-Fleig (LNV-Arbeitskreis SchwarzwaldBaar), Thomas Schalk (NABU Schwarzwald-Baar) und Friedrich Kretzschmar (Regierungspräsidium Freiburg, Referat 56). Die Geschäftsstelle ist seit 2014 besetzt durch den Geschäftsführer Stefan Walther (Dipl.-Forstingenieur FH). Ihm zur Seite stehen Anna Stangl (M. Sc. Nachhaltigkeitsgeografie und Regionalentwicklung) und Ina Hartmann (Dipl. Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung). Die Vermarktung Die Anstrengungen zum Schutz der Streuobstwiesen bieten auch die Chance auf Wiederbelebung oder Neuschaffung einer regionalen Vermarktungsschiene für das Obst. Mit dem Mineralbrunnen aus Bad Dürrheim wurde dafür ein erster Partner gefunden. Im November hat das Unternehmen erstmals eine Schorle mit Früchten von Streuobstwiesen auf den Markt gebracht. Ab November für beschränkte Zeit im Handel: Das von der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH produzierte „STREUOBST SCHÄTZLE“. Ein Apfelschorle gepresst mit dem Obst von Baaremer Streuobstwiesen. Die Bäume dafür werden mit sachkundiger Unterstützung des LEV ausgewählt. Dabei wird auch auf die Verwendung alter Apfelsorten geachtet, die mehr und mehr vom Aussterben bedroht sind. Dazu zählen beispielsweise Sorten wie Villinger Sautter Apfel, Blumberger Lang stiel, Schwarzwald Renette, Unadinger Sämling, Dürbheimer Sämling, Leipferdinger Langstiel oder Kardinal Bea. In Öfingen beispielsweise wurden roter Boskop, Berner Rosen, Jakob Fischer, Gewürzluiken und Danziger Kant geerntet. 20 Euro für 100 Kilogramm Äpfel Die Ernte wird durch Landwirte, Privatpersonen, aber auch Vereine unterstützt. Mit dabei waren in diesem Jahr der Förderverein der Grundschule Weilersbach, die Jugendfeuerwehr Heidenhofen, der Kindergarten Löwenzahn Biesingen, die Landfrauen Öfingen, der TV Sunthausen, die Umweltgruppe Südbaar, die Aasemer Dominos und der Schwarzwaldverein Donaueschingen. Bad Dürrheimer zahlt dieses Jahr 20 Euro pro 100 Kilogramm Streuobst und damit mehr als doppelt so viel als den aktuellen Marktpreis. Die Äpfel werden in der Mosterei Grüninger in Wutach-Ewattingen zu Saft gepresst. Bei Bad Dürrheimer wird der naturtrübe Apfelsaft mit reinstem Mineralwasser gemischt und mit Kohlensäure versetzt. „Die Vermarktung des heimischen Streuwiesenobstes durch Bad Dürrheimer stellt einen großer Erfolg für uns dar“, sagt LEV-Geschäftsführer Stefan Walther. Denn so würden Pflege und Erhalt der Bestände interessanter. Ein Produkt wie die Streuobst-Schorle helfe dabei, dass sich die Menschen im Kreis wieder mehr mit dem Lebensraum und dem Kulturgut Streuobstwiese identifizieren. Gerne möchte LEV-Geschäftsführer Stefan Walther deshalb die Vermarktungsschienen ausweiten. Mit der Fachhochschule Furtwangen gab es schon Gespräche darüber, den Presskuchen zum Gewinnen von natürlichen Obstaromen zu nutzen. Diese wiederum könnten in der Herstellung von Zerealien Verwendung finden, eine spannende Entwicklung somit, die sich da abzeichnet. 310 Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut

 

 

 

Äpfel für das „STREUOBST SCHÄTZLE“ von der Baar. Begeistert sammelt die 10-jährige Karla Kremm aus Öfingen die alten Obstsorten wie Roter Boskop, Berner Rosen, Jakob Fischer, Gewürzluiken und Danziger Kant. 311

 

 

 

Geschäftsführer Ulrich Lössl von Bad Dürrheimer Mineralbrunnen: „Wir wünschen uns, dass der Verbraucher JA zur StreuobstSchorle sagt“ Naturschutz zum Trinken – so bewirbt Bad Dürrheimer die neue Apfelsaftschorle aus Früchten von Streuobstwiesen. Seit November ist die limitierte Abfüllung – genannt „STREUOBST SCHÄTZLE“ – in ausgesuchten Getränkemärkten des Landkreises zu haben. Mit Ulrich Lössl, Geschäftsführer des Unternehmens, hat sich Tanja Bury über diesen regionalen Zuwachs im Produktangebot unterhalten. Ulrich Lössl 312 Was hat Bad Dürrheimer dazu bewogen, sich dem Projekt zum Erhalt von Streuobstwiesen anzuschließen und eine Streuobstschorle auf den Markt zu bringen? Als zertifizierter Bio Mineralbrunnen und Leuchtturm für nachhaltiges Wirtschaften ist Bad Dürrheimer seit langer Zeit im Umweltund Naturschutz unterwegs. Unser Produkt, reinstes Bio-Mineralwasser, ist in seiner natürlichen Reinheit stark von unserer Umwelt abhängig. Nur durch einen gesunden Boden fließt reines Wasser. Nachhaltigkeit bedeutet hier, unsere Böden vor Zivilisationsspuren zu schützen, sodass auch nachfolgende Generationen noch ausreichend naturbelassenes, reines Wasser trinken können. Besonders gerne engagieren wir uns deshalb in Naturschutzprojekten, in die auch die Menschen aus unserer Heimat in irgendeiner Form mit eingebunden werden können. Naturschutz ist schließlich eine Herausforderung, die wir alle nur gemeinsam erfolgreich gestalten können. Das Projekt Streuobstschorle ist ein Paradebeispiel dafür. An diesem Projekt sind der Landkreis, der Landschaftserhaltungsverband und viele Landwirte und Vereine, die das Obst ernten, beteiligt. Wir fördern gemeinsam die Artenvielfalt und schützen gleichzeitig unsere Böden, denn Streuobstwiesen werden in der Regel weder chemisch gespritzt noch künstlich gedüngt. Das sind alles Multiplikatoren in unserer Sache und letztlich fördert das Projekt auch die regionale Wertschöpfung. Auch das ist uns als in der Heimat verwurzeltes Unternehmen sehr wichtig. Welche Erwartungen verknüpfen Sie mit dem neuen Produkt? Natürlich wollen wir möglichst viele Flaschen von unserer heimischen Streuobst-Schorle verkaufen. Schließlich zahlen wir den Bauern und Sammlern für das Streuobst mehr als den doppelten aktuellen Marktpreis. Dadurch bekommen die Obstlieferanten einen wertschätzenden Preis, der auch die Kosten für das Sammeln des Obstes wirklich abdeckt. Außerdem Natur und Umwelt

 

 

 

Die Streuobstschorle aus Baaremer Äpfeln ist abgefüllt – Blick in die Produktion bei Bad Dürrheimer. spenden wir von jeder Flasche zehn Cent an Naturschutzprojekte. Von daher haben wir ein rundes Projekt und ein Produkt geschaffen, das zum Erhalt unserer wunderbaren Naturlandschaft einen wichtigen Beitrag leistet. Wir wünschen uns, dass der Verbraucher „Ja“ sagt. „Ja“ zu einem höheren Preis, der eine faire und angemessene Bezahlung für die Arbeit der Bauern und Sammler sichert – und damit letztendlich auch „Ja“ sagt zu regionalem Naturschutz. Wer die von unserem Landrat ins Leben gerufene Streuobstinitiative mit dem Kauf des daraus entstandenen Bad Dürrheimer Streuobst-Schorles unterstützt, betreibt aktiven Naturschutz für unsere Heimat. Wir freuen uns sehr, wenn sich die Menschen in unserer Region mit dem neuen Produkt identifizieren. Die Schorle heißt übrigens STREUOBST SCHÄTZLE. Was bedeutet die Streuobstschorle für Ihre Produktion? Muss sie für diese Art von Getränk geändert werden? Wir sind auf diese Art von Produktion, also das verarbeiten von Direktsaft, bei Just-in-timeAnlieferung nicht eingerichtet gewesen. Da bedurfte es einiges an Kreativität bei unseren Technikern in der Produktion. Schließlich haben wir einen sehr hohen Qualitätsanspruch und dem muss auch dieses Direktsaft-Schorle gerecht werden. Unsere Qualitätssicherung startet am Apfelbaum, geht über die Mosterei und reicht bis hin zur fertigen Flasche. Da bedarf es vieler neuer Abläufe. Das ist auch einer der Gründe, warum wir im ersten Jahr nur mit einer recht limitierten Menge starten. Streuobstwiesen – Wertvoller Lebensraum und einmaliges Kulturgut 313

 

 

 

Streuobst-Schorle. Verkauft wird die Schorle dort, wo die Äpfel wachsen – von der Region für die Region. Wir produzieren diese Schorle komplett CO₂ neutral und verwenden ausschließlich Glas-Mehrwegflaschen. Sogar das Etikett ist aus Recyclingpapier und wird mit nur einer Farbe bedruckt. Mehr Umweltschutz passt in keine Flasche. Wie wichtig ist es in Ihren Augen, solche regionalen Anstrengungen für mehr Naturschutz zu unterstützen? Heimat ist für uns von ganz besonderer Bedeutung. Hier fördern wir unser Mineralwasser aus geschützten Tiefen, hier produzieren wir, hier leben unsere Mitarbeiter und hier finden wir unsere treuesten Kunden. Vor diesem Hintergrund fördert der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen schon immer regionale Projekte. Projekte, die unsere Region stärken und unsere Heimat attraktiv und lebenswert machen. Ein unverzichtbarer Bestandteil ist eine intakte Natur. Das Streuobstschorle-Projekt ist eine logische Konsequenz und Fortführung unseres bestehenden Engagements. Zum Beispiel im Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar oder bei „Bad Dürrheim blüht auf“, einer Initiative für Artenund Grundwasserschutz in Bad Dürrheim, die wir ins Leben gerufen haben. Gibt es schon Ideen für ein neues Projekt in diese Richtung? Ideen gibt es viele, wichtig ist aber deren nachhaltige Umsetzung. Jetzt werden wir erst einmal unser STREUOBST SCHÄTZLE erfolgreich im Markt einführen und auf diesen Erfahrungen aufbauen – dann schauen wir mal! In Wutach-Ewattingen wurden Äpfel von Streuobstwiesen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis für ca. 40.000 Liter Apfelschorle zu Most verarbeitet. Die Direktsaft-Schorle produziert Bad Dürrheimer Mineralbrunnen. Wird für die Schorle nur Obst von der Baar verarbeitet oder müssen – wegen Menge und/oder Geschmack – Früchte aus anderen Regionen zugekauft werden? Wir verwenden für das STREUOBST SCHÄTZLE ausschließlich Obst von der Baar und in geringem Umfang aus den angrenzenden Gebieten des Schwarzwalds und der Alb. Es ist ja eigentlich ein Landkreisschorle. Ein Paar Äpfel vom Kreis Tuttlingen oder Waldshut verirren sich sicherlich auch in unsere Schorle – aber der Naturschutz kennt ja keine Grenzen. Wie viele Liter werden in diesem ersten Jahr produziert und wo soll es hingehen? Wir produzieren im ersten Jahr zirka 80.000 Flaschen. Das sind gut 40.000 Liter Am Fürstenberg – Ländliche Idylle mit blühendem Apfelbaum. 314 Natur und Umwelt

 

 

 

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Notizen aus dem Land kreis Spektakuläre Aktion Münsterglocke wurde repariert Davon wird so mancher Villinger noch seinen Enkelkindern erzählen: Die größte der beiden Glocken im Nordturm des Münsters, die 5,4 Tonnen schwere Christus-Glocke aus dem Jahre 1954, bekam in der Glockenschale einen großen Riss und musste am 17. August 2020 ausgebaut und repariert werden. Zahlreiche Schaulustige hatten sich versammelt, um den Ausbau der Christus-Glocke mitzuerleben. Dazu waren ein Schwerlastkran und eine Seilbahn erforderlich. Mit einem Spezialtransporter wurde die Münsterglocke zur Reparatur nach Holland gebracht, wo sie erfolgreich instand gesetzt werden konnte. Dank modernster Messtechnik konnte zudem festgestellt werden, dass die kleinen Glocken im Südturm ein problematisches Frequenzspektrum hervorbringen. Dieses erzeugt im Nordturm störende Resonanzen, die für Folgeschäden im Glocken stuhl verantwortlich sind. Hans-Jürgen Götz 316

 

 

 

Villingen ohne SABA-Schriftzug! Es ist eine Zäsur: Villingen hat den SABA-Schriftzug verloren! Das ehemalige SABA-Areal sowie Teile des angrenzenden früheren Kasernen-Bereichs werden komplett umgestaltet. Der SABA-Schriftzug wurde seitens der Bauherren an die Stadt Villingen-Schwenningen übergeben. Im Schwarzwald-Baar-Kreis: Der Wolf ist eindeutig zurück Der Wolf ist zurück: 2016 wurde erstmals ein Hinweis auf die Rückkehr des Wolfes im Bereich Hüfingen als wahrscheinlich eingestuft. Von 2016 bis 2019 konnten in Bad Dürrheim und Vöhrenbach zwei Sichtungen durch einen Fotound einen Filmbeweis bestätigt werden. Ab Mai 2020 kam es nun zu Sichtungen und Funden in den Bereichen Vöhrenbach, Bräunlingen und Triberg. In den angrenzenden Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Waldshut wurde das Tier ebenfalls mehrfach bestätigt. Die regelmäßige Präsenz des Tieres mit dem wissenschaftlichen Namen „GW1129m“ führte dazu, dass der gesamte Südschwarzwald im Juli 2020 zum Fördergebiet Wolfsprävention ausgewiesen wurde. Halterinnen und Halter von Weidetieren erhalten dadurch die Möglichkeit, finanziell bei Schutzmaßnahmen unterstützt zu werden. Im Schwarzwald-Baar-Kreis: Dr. Martin Seuffert neuer Erster Landesbeamter Der neue Erste Landesbeamte des Landratsamtes Schwarzwald-Baar-Kreis heißt Dr. Martin Seuffert. Zugleich ist er Stellvertreter des Landrates. Dr. Martin Seuffert war bisher Referent und stellvertretender Referatsleiter am Regierungspräsidium Freiburg. Er tritt die Nachfolge von Joachim Gwinner an, der zum 1. Juli 2020 in den Ruhestand getreten ist (s. S. 24). Als Dezernent leitet Dr. Martin Seuffert künftig das Dezernat IV, welchem das Baurechtsund Naturschutzamt, das Amt für Abfallwirtschaft, das Amt für Umwelt, Wasserund Bodenschutz, das Gesundheitsamt sowie das Gewerbeaufsichtsamt zugeordnet sind. Dr. Martin Seuffert studierte Rechtswissenschaften an der Uni Würzburg. In den Dienst der Landesverwaltung trat er 2004 ein und war zunächst im Landratsamt Ostalbkreis tätig. Zuletzt leitete er dort den Geschäftsbereich Umwelt und Gewerbeaufsicht. Von 2009 bis 2012 war er im Ministerium Ländlicher Raum und Verbraucherschutz tätig. Dort war er Referent im Referat 14 – Recht und Forschung und im Referat 21 – Recht und Verwaltung (in der Landwirtschaftsabteilung) sowie stellvertretender Referatsleiter im Referat 11 – Organisation. Seit 2012 arbeitete er im Regierungspräsidium Freiburg. Er war Referent und seit 2016 stellvertretender Referatsleiter im Referat 54.3 – Industrie/ Kommunen, Schwerpunkt Abwasser und seit 2019 stellvertretender Referatsleiter im Referat 55 – Naturschutzrecht. Dr. Martin Seuffert ist 45 Jahre alt, verheiratet und hat ein Kind. Magazin 317

 

 

 

Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 30.06.2019 30.06.2020 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen Bad Dürrheim St. Georgen Blumberg Furtwangen Hüfingen Königsfeld Niedereschach Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Vöhrenbach Dauchingen Mönchweiler Tuningen Unterkirnach Schönwald Gütenbach 85.700 22.067 13.444 12.998 10.058 9.015 7.910 5.988 5.960 5.864 5.171 4.719 4.060 3.852 3.818 2.989 2.964 2.579 2.506 1.151 85.365 22.396 13.311 12.965 10.072 9.061 7.872 6.024 5.935 5.822 5.167 4.763 4.040 3.886 3.810 2.994 2.925 2.612 2.456 1.140 335 -329 133 33 -14 -46 38 -36 25 42 4 -44 20 -34 8 -5 39 -33 50 11 197 0,39 -1,47 1,00 0,25 -0,14 -0,51 0,48 -0,6 0,42 0,72 0,08 -0,92 0,50 -0,87 0,21 -0,17 1,33 -1,26 2,04 0,96 0,09 Bundesrepublik Deutschland Kreisbevölkerung insgesamt 212.813 212.616 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg 30.06.2020 30.06.2019 30.06.2018 4,7 % 2,8 % 2,7 % Quelle: Agentur für Arbeit 4,4 % 3,0 % 3,0 % 6,2 % 4,9 % 5,0 % Beschäftigte insgesamt: 89.568, davon 39.918 im produzierenden Gewerbe (44,6 %), 16.906 in Handel, Verkehr und Gastgewerbe (18,9 %) sowie 32.560 im Bereich „Sonstige Dienstleistungen“ (36,4 %). Stand: 30.06.2019 (vorläufige Zahlen) Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz wurde im Dezember 2019 ausgezeichnet: Siegfried Jakob Gottlieb Heinzmann (Villingen-Schwenningen). Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2020 ausgezeichnet: Manfred Hilser (Triberg), Gerhard Labor (Villingen-Schwenningen). Mit der Staufermedaille wurden 2020 ausgezeichnet: Franz E. Mayer (Geisingen, u.a. für seine Verdienste für die Deutsch Französische Gesellschaft Donaueschingen e.V.), Manfred Schätzle (Furtwangen). 318 318 Magazin

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Altun, Melanie, 78147 Vöhrenbach Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dilger Gerhard, 78120 Furtwangen Dinkelaker, Dr. Frieder, Landratsamt Schwarzwald-Baar Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eberl, Claudius, 78136 Schonach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Eisenmann, Hans-Jürgen, 78052 Villingen-Schwenningen Gail, Bernhard, 78183 Mundelfingen Göbel, Nathalie, 78048 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, Brigachtal Hans Schonhardt / Bernhard Scherer, 78112 St. Georgen Heinig, Birgit, 78052 Villingen-Schwenningen Hinterseh, Sven, Landratsamt Schwarzwald-Baar Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Kienzler, Michael, 78086 Villingen-Schwenningen Marek, Erich, 78054 VS-Schwenningen Neß, Simone, 78052 Villingen-Schwenningen Reim, Rudolf, 78048 Villingen-Schwenningen Ritter, Jogi, 78141 Schönwald Sigwart, Roland, 78183 Hüfingen Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Wacker, Dieter, 78052 Villingen-Schwenningen Zerm, Eric, 78647 Trossingen Bildnachweis Almanach 2021 Titelseite: Bianca Purath Fotografie: Michael Stifter, Vöhrenbach Rückseite: In der Natur bei Vöhrenbach Fotografie: Melanie Altun, Vöhrenbach Soweit die Foto gra fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bild autoren/Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2/3, 10-13, 27, 31, 32/33, 36/37, 77-81, 88-101, 110/111, 122, 126 ob., 127, 129 ob., 130 ob., 131, 132, 150, 164/165, 168 u., 169, 170, 171 u., 232/233 (Landschaftsbild), 236-237, 239, 240/241, 242245, 251-254, 256, 257, 258-267, 269 ob., 271, 302-309, 311, 314/315; Dold-Verlag, Vöhrenbach, Archiv: 55 ob.; Roland Sigwart, Hüfingen: 14-23, 52/53, 56 ob., 102-106, 107 ob. li, u.re, 109 ob. re.; Michael Kienzler, Brigachtal: 35, 39, 82-83, 134-145, 200/201, 205, 255; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 44/45, 49, 55 u., 58/59, 60/61 ob., 60 u., 62/63 ob., 62 M., 62 u., 63 M., 64/65, 293, 316; Jens Fröhlich, Donaueschingen: 46; Roland Sprich, St. Georgen: 51, 74/75, 214-221, 232, 233, 234, 235, 238; Kath. Kindergarten, Maria Goretti, Furtwangen: 56 u.; Fam. Leicht, Villingen: 57 ob.; Fam. Tröndle, Villingen: 57 u.; Praxedis Dorer, Vöhrenbach: 60 M.; Silvia Binninger, Donau eschingen: 9, 61 u., 109 ob. re., M. u., 202; Melanie Altun, Vöhrenbach: 63 u.; Nathalie Göbel, Villingen-Schwenningen: 69; Lars Fischer, Bräunlingen: 107 ob. re.; Rudolf Reim, Villingen: 113-117, 118 u., 120/121; Erich Marek, VS-Schwenningen: 118/119 ob., 285; Birgit Heinig, VS-Villingen: 124/125, 126 u., 128 u., 129 u., 130 u.; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 128 ob., 298-301, Foto-Carle Triberg: 146/147; Claudius Eberl, Schonach: 149, 151, 152; Jogi Ritter, Schönwald: 153, 160 u., 162, 163 ob. li, ob. re; Marc Eich, VS-Villingen: 154/155, 157, 160 ob., 160 M. 160 M. u., 161, 163 M. u., 166/167, 171 ob., 196, 197, 198, 199, 317 u.; Marc Gut, Nassenwil/CH: 178/179, 183; Brian Gunter: 180 ob.; Michael Stifter, Vöhrenbach: 180 u., 184/185; Petra Schwuchow, Berlin: 181 u.; Atric, Freiburg: 182; Tanja Bury, Bad Dürrheim: 186/187, 188, 191; Bernhard Gail, Mundelfingen: 189, 192/193; Melanie Reischl, VS-Villingen: 194/195; Bianca Purath, Hubertshofen: 203, 204 (Archivbilder); Simone Neß, Villingen-Schwenningen: 225; Dieter Wacker, Marbach: 247, 248; Manfred Hildebrandt, VS-Villingen: 249, Eric Zerm, VS-Schwennigen: 272-277; Hans Schonhardt / Bernhard Scherer St. Geor gen: 278/279, 280, 281, 283, 284, 286, 287, 288/289; Martin Schwenninger, VS-Villingen: 291, 292, 295; stock.adobe.com, AB Photography: 317 ob. Magazin 319

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2021

 

 

 

110 Mit dem Bike durch Schwarzwald und Baar

 

 

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Almanach 2023 https://almanach-sbk.de/almanach-2023/ https://almanach-sbk.de/almanach-2023/#respond Thu, 15 Dec 2022 10:42:25 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2023/  

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis in Zusammenarbeit mit dem dold.verlag www.schwarzwald-baar-kreis.de landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.deInformationen zum Jahrbuch können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.deRedaktion: Sven Hinterseh, Landrat; Wilfried Dold, Redakteur (wd); Kristina Diffring, Referentin des Landrates; Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv; Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet. Gestaltung und Vertrieb: dold.media + dold.verlag Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2022 www.doldverlag.de Druck: PASSAVIA Druckservice GmbH & Co. KG D-94036 PassauISBN: 978-3-948461-08-9 2

 

 

 

Aus dem Kreisgeschehen 50 Jahre SBK Da leben wir Das neue Verwaltungs gebäude „An der Brigach“ Momentaufnahmen aus einem Quellenland Romina Auer und Nikol Konta – Wenn Mädchen­ träume wahr werden 30 62 92 Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 112 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, des Amtes für Abfallwirtschaft, der Bußgeldbehörde und des Kreisarchivs untergebracht. Das 50-jährige Bestehen des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhards- berg, der Langenwaldschanze oder am Triberger Wasserfall. Für Gespräche und Impressio- nen beim Kreiserntedankfest in Bräunlingen und Begegnungen mit den Initiatoren des neuen Donau-Zusammenflusses. Mitten in Schwenningen, im Alten E-Werk, führen Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier „La belle mariée“. Damit erfüllen sie nicht nur die Träume vieler Frauen vom perfekten Hochzeitskleid, sondern auch ihre eigenen: Seit Oktober 2021 sind sie selbstständig und nahmen auch an der TV-Show „Zwischen Tüll und Tränen“ teil. 4 Inhalt

 

 

 

Inhaltsverzeichnis 2 Impressum 8 Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! / Sven Hinterseh 10 Impressionen aus Schwarzwald und Baar / Wilfried Dold 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 22 Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten / Marc Eich 30 Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ / Andreas Flöß 42 Klinikschule der Luisenklinik – Für eine gute Zukunft der jungen Patienten / Wilfried Strohmeier 2. Kapitel / 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis 50 „Ich bin zuversichtlich, dass sich unser Landkreis im Wettbewerb der Zukunftsregionenregionen behaupten kann“ – Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh / Klaus Peter Karger / Wilfried Dold 62 Momentaufnahmen aus einem Quellenland / Wilfried Dold 3. Kapitel / Da leben wir 92 Romina Auer und Nikol Konta: „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden / Elke Reinauer 102 Patrick Bäurer – Ein Leben mit dem Ball / Hans-Jürgen Götz 112 Selina Haas – Tradition und Moderne kreativ verknüpft / Marc Eich 120 Daniela Maier: Skicross-Weltelite aus dem Schwarzwald – Bronze bei Olympia / Silvia Binninger 4. Kapitel / Wirtschaft 132 lehmann_holz_bauten – Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien / Roland Sprich 140 Die Klinik am Doniswald – Psychotherapie und Seelsorge / Barbara Dickmann 148 75 Jahre Hezel GmbH – Vom Pionier zum hochmodernen Entsorgungsfachbetrieb / Roland Sprich 158 Wilhelm Stark Baustoffe GmbH – Seit 90 Jahren ein solider Partner für Handwerker und Bauherren / Wilfried Strohmeier 5. Kapitel / Geschichte 168 Der Stolz von Villingen – Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut / Bernd Möller 5 Geschichte Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut 168 Das Münster ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befinden sich ein neunstim- miges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeut- schen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut. Inhalt

 

 

 

Kunst und Kultur Freizeit Vereine und Einrichtungen Das Museum Art.Plus in Donaueschingen Mythen und Zauber der Wutachflühen Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Orts­ gruppen im Schwarzwald 216 226 246 Das im Jahr 2009 eröffnete Museum richtet seinen Fokus auf zeitgenössische Kunst. Mit einer Vielfalt künstlerischer Positionen ermöglicht das Museum Art.Plus einen abwechslungsreichen Einblick in das moderne Kunstgesche- hen auf interna tionalem Niveau, berücksichtigt aber auch das regionale Kunst- schaffen. Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwest- deutschen Schichtstufenland- schaft durchwandern. Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarzwald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwangen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwald- vereins, des Skiclubs und den Naturfreunden zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. 6 Inhalt

 

 

 

182 EGT – Auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität / Wilfried Dold 200 Gedächtnis für die „Fürstenberger Lande“ – Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen / Edgar H. Tritschler 6. Kapitel / Kunst und Kultur 216 Das Museum Art.Plus – Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst / Ursula Köhler 7. Kapitel / Freizeit 226 Mythen und Zauber der Wutachflühen / Wolf Hockenjos 242 Schroffe Felsen, sanfte Höhen – Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf / Gerhard Dilger 8. Kapitel / Vereine und Einrichtungen 246 Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald / Gerhard Dilger 256 Wenn Kinder der Natur und Tieren ganz nahe kommen – Der Bauernhofkindergarten in Waldhausen / Dagobert Maier 9. Kapitel / Gastlichkeit 264 Feines erleben – Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen / Tanja Bury 276 Zum Wilden Michel – “Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal / Daniela Schneider 290 Mit Herz und Hand – Der Löwen in Brigachtal / Josef Vogt Anhang 299 Almanach-Magazin 302 Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 303 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis 304 Ehrenliste der Freunde und Förderer Ergänzende digitale Inhalte zum Almanach 2023 finden unsere Leser unter: www.almanach-sbk.de/almanach2023-digital Gastlichkeit Zum Wilden Michel – „Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal 276 Zwischen Bauernhof- romantik, Naturidylle und absolut null Handy- netz wurde 2021 mit der Gaststätte „Zum Wilden Michel“ etwas Besonderes auf den Weg gebracht. Das spricht sich rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz der Kultgast- stätte genau ausmacht. Inhalt 7

 

 

 

Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an! Liebe Leserinnen und Leser, nach drei Jahren mit Pandemie, Krisen, düsteren Zukunftsprognosen, was die Energieversorgung, Preiserhöhungen und die finanzielle Situation im All- gemeinen sowie den Weltfrieden angeht, wollen wir mit diesem Schwarzwald-Baar-Buch für ein wenig Ablenkung, Zerstreuung und Abwechslung sorgen. Pandemiebewältigung, nicht abreißende Flüchtlings- ströme, die unsere Unterbringungsmöglichkeiten an die Kapazitätsgrenze bringen sowie Gasmangel, Preiserhöhungen und Energiesparen an allen Ecken und Enden haben in den letzten Monaten unser Le- ben vorwiegend bestimmt. Fachkräfte mangel und Materialverknappung sind im Alltag schon spürbar. Auch die Prognosen von Experten lassen keine schnelle Besserung erwarten. Zahlreiche Existenzen sind bedroht, viele Bürgerinnen und Bürger plagen Zukunftsängste und die Ungewissheit vor dem, was wohl noch kommen wird, scheint einen das ein oder andere Mal beinahe zu erdrücken. Gerade deshalb wollen wir mit diesem Werk die Gelegenheit bieten, dem herausfordernden Alltag für ein paar Augenblicke zu entfliehen. So können Sie sich im Almanach 2023 über ganz „Normales“ und dennoch Besonderes freuen: über Menschen wie „du und ich“, beeindruckende Persönlichkeiten, span- nende und außergewöhnliche Lebens-, Firmen- und historische Geschichten, die für Unterhaltung und Kurzweiligkeit sorgen. Das Schwarzwald-Baar-Buch lädt dazu ein, seine Gedanken in Zuversicht, Mut und Lebensfreude zu wandeln – ergreifen Sie diese Chance! Einen großen Teil nimmt in diesem Jahr auch un- ser Kreisjubiläum ein – 50 Jahre Schwarzwald-Baar- Kreis. Bereits ein halbes Jahrhundert lang sind Städte und Gemeinden und somit natürlich die darin leben- den Menschen in unserem Landkreis nun schon zu- sammengewachsen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat sich zum echten Heimat- und Wohlfühlort etabliert und entwickelt sich stetig weiter. Die Menschen, die hier leben, sind zukunftsorientiert und traditions- bewusst, innovativ und erfolgreich zugleich – darauf können wir stolz sein und daraus Zuversicht schöp- fen! Diese Menschen sind unsere Vergangenheit und unsere Zukunft, unsere Leistungsfähigkeit und unser ganzes Potential – und auf diese Kraft können wir auch in Zukunft bauen. Ein großes Dankeschön gilt in der inzwischen 47. Ausgabe des Almanach erneut den zahlreichen Förderern und treuen Freunden des Schwarzwald- Baar-Buchs sowie allen Autoren und Fotografen, die wieder einmal entscheidend dazu beigetragen ha- ben, dass eine attraktive, sehr informative Publikati- on mit großer Themenvielfalt entstehen konnte. Mein besonderer Dank gilt auch in diesem Jahr dem dold.verlag aus Vöhrenbach, der ein weiteres Mal dafür gesorgt hat, dass mit dem Almanach 2023 ein ganz besonderes und einzigartiges Werk entstan- den ist. Daher freue ich mich auch weiterhin auf eine vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation in den kommenden Jahren für unser Herzensprojekt – dem Schwarzwald-Baar-Buch, unserem Almanach. Ihnen, den Leserinnen und Leser des Almanach 2023, möchte ich ebenfalls für Ihre teilweise über Jahrzehnte gewachsene Verbundenheit danken und wünsche Ihnen mit unserem Schwarzwald-Baar- Buch einmal mehr eine interessante, unterhaltsame Lektüre sowie viel Freude dabei. Halten Sie uns auch weiterhin die Treue! Ihr Sven Hinterseh, Landrat 8 Zum Geleit

 

 

 

Unterwegs am Rohrhardsberg bei Schonach. Landrat Sven Hinterseh besucht Ranger Nikolas Binder, macht sich im Rahmen einer Stippvisite mit einem Naturschutzgebiet vertraut, das eine der letzten Auerhahnpopulationen im Schwarzwald beherbergt (s. S. 64). 9

 

 

 

Winter in Schönwald. Das Schwarzenbachtal mit Anstieg des Fernskiwanderweges hinauf zur Weißenbacher Höhe.

 

 

 

Blick von Rohrbach über die Fuchsfalle hinweg zur Bergwelt bei Triberg. Links im Tal unten der Doldenhof an der L 175 liegend.

 

 

 

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Frühlingsblumen am Rain eines Feldweges in Linach: Margeriten, Acker- oder Wiesenwitwen- blumen, Habichtskraut, diverse Gräser und ein Meer von Schmetterlingen sind zu sehen.

 

 

 

Alt-Villingerin Die Tracht der Alt-Villingerin ist seit jeher der Ausdruck von Bürgerstolz: Die silberne, goldene oder schwarze Radhaube wird ebenso im Bodenseegebiet, Oberschwaben, Allgäu und in Vorarlberg getragen – ein Hinweis auf die Zugehörigkeit zum Reich der Habsburger. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts verschwand die edle Frauentracht aus dem Alltagsleben und kehrte an der Wende zum 20. Jahrhundert als Begleiterin des Narro zumindest an der Fastnacht ins Alltagsleben zurück. Als sich im Jahr 1926 in Villingen ein Volkstrachtenverein gründet, ist die Alt-Villingerin fortan auch bei Trachtenfesten zu sehen. Heute tragen auch junge Frauen wie Joline Rothmund die Villinger Tracht – vorzugsweise an der Fastnacht. 16

 

 

 

 

 

 

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Gleitschirmflieger auf dem Fürstenberg. Im Herbst herrscht am Startplatz Süd des Baarflieger Fürstenberg- Geisingen e.V Hochsaison. Die Thermik und die Talwinde werden schwächer, die Flugbedingungen sind ideal.

 

 

 

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Klirrend kalter Wintermorgen an der jungen Donau bei Neudingen.

 

 

 

Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten Die Corona-Krise war noch nicht komplett überstanden, da rollte auf den Landkreis schon die nächste Herausforderung zu: Angesichts des Angriffs von Russland auf die Ukraine musste sich der Schwarzwald-Baar-Kreis auf eine neue Flüchtlingswelle einstellen. Vom 14. März bis 26. September 2022 wurden 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Nicht nur, dass ein Rädchen ins andere griff, sondern auch der Zufall half dabei, dass die Situation gemeistert werden konnte. von Marc Eich 14. März 2022, 10.41 Uhr, Sturmbühlstraße in Villingen-Schwenningen. 18 Tage, nachdem der russische Präsident Wladimir Putin eine Invasion auf die Ukraine in Gang gesetzt hat, sind die Auswirkun- gen dieses Befehls knapp 1.500 Kilometer Luftlinie entfernt zu spüren. Denn in der Flüchtlingsunter- kunft, die zunächst als zentrale Anlaufstelle für die Geflüchteten des Krieges eingerichtet worden war, herrschte der Ausnahmezustand. „Schon am Vormittag war hier ‚Land unter‘“, erinnert sich Eberhard Weckenmann. stab unter Leitung von Landrat Sven Hinterseh zusammengefunden und beschlossen, dass die Erstregistrierung und Versorgung der ukrainischen Flüchtlinge nur durch eine gemeinsame Arbeit zu bewältigen sei. Deshalb hatte man sich frühzeitig da- zu entschlossen, ein Aufnahmezentrum mit allen be- teiligten Behörden zu gründen. Das Sozialamt wurde als Steuerungsstelle für sämtliche Bereiche auserko- ren. Man ging zunächst davon aus, dass die zentrale Aufnahmeeinrichtung des Landkreises in der Sturm- bühlstraße der richtige Ort dafür sei. Allerdings Es muss reagiert werden Der 63-Jährige, der im Sozialamt des Landkreises tätig ist und sich unter anderem in der Unteren Auf- nahmebehörde um die Unterbringung von Flücht- lingen kümmert, hat noch vor Augen, mit welchen Heraus forderungen das Team gleich zu Beginn zu kämpfen hatte. An Aschermittwoch, sechs Tage nach Kriegsbeginn, hat sich im Landrats amt der Krisen- Die Not hat viele Gesichter – die Männer kämpfen gegen die russischen Angreifer, viele ukrainische Frauen und Kinder können sich durch eine Flucht nach Deutschland in Sicherheit bringen. Allein im Schwarzwald-Baar-Kreis finden 3.042 Frauen und Kinder eine vorläufige Unter- kunft (Stand 22. September 2022). 22 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

wusste man zu diesem Zeitpunkt nicht, mit welchem Ansturm zu rechnen sein würde. So gestaltete sich der Starttag am 14. März als ziemlich chaotisch. Auf- enthaltsräume mussten zu Wartebereichen umfunk- tioniert werden, zwischenzeitlich fanden sich dort 70 bis 80 Menschen wieder, in der Küche wickelten Mütter ihre Kinder und bereiteten das Essen zu. Und das zu Zeiten von Corona. Schnell war klar: Es muss reagiert werden. „Auch Landrat Sven Hinterseh hat gesagt: ‚So kann man gar nicht arbeiten‘“, erklärt Eberhard Weckenmann. Was dann in die Wege geleitet wurde, das sieht der Flüchtlingsexperte als „beeindruckend“ an. Denn innerhalb von einer Woche schaffte es das Landrats- amt im Zusammenspiel mit den Großen Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen sowie auch dank der Unterstützung der Hilfs- und Rettungsorganisationen und vieler ehrenamtlicher Kräfte eine neue zentrale Aufnahmestelle aus dem Boden zu stampfen. Als Standort nutzte man die Sporthalle der Albert-Schweitzer-Schule in Villingen. „Was im Vorfeld über den Tisch von Kreisbrand- meister Florian Vetter lief, war enorm“, so Eberhard Weckenmann. Am 21. März eröffnete schließlich die neue Aufnahmestelle – und war zugleich Vorreiter im Land. „Wir waren die Ersten, die in dieser Struktur alles unter einen Hut bekommen haben“, hebt der Sachgebietsleiter für sondergesetzliche Sozialleis- tungen die Weitsichtigkeit hervor. Denn der Clou am neuen Standort: Alle notwendigen Behörden waren zentralisiert worden, die Geflüchteten konnten mit einem einzigen Besuch alle Behördengänge erledigen. Zentrale Aufnahmestelle erfasst alles Notwendige für den Aufenthalt In der zentralen Aufnahmestelle wurde eine Registrier- straße organisiert, in der alles Notwendige für den Eine logistische Herausforderung war der Transport der Möblierung und die Einrichtung der Notunterkünfte wie hier im Heilig-Geist-Spital. 24 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Dem Krieg entkommen, aber fern der Heimat: Ukrainische Kinder beim Puppenspiel. Aufenthalt der Geflüchteten erfasst wurde und mehrere Behörden zusammenarbeiteten. Die Ausländerbehörde leitete das Verfahren ein, um einen Aufenthaltstitel erteilen zu können. Die Untere Aufnahmebehörde meldete die Geflüchteten an das Regierungspräsidium Karlsruhe, um die sogenannte „vorläufige Unterbringung“ festzustellen und sorgte – wenn nötig – für ein Dach über dem Kopf. Wenn noch keine Unterkunft in einer Gemeinde vorhanden war, erhielten die Menschen umgehend einen Unterkunftsplatz. Die vorläufige Unterbrin- gung ist wiederum für die Kostenerstattung des Landes an den Landkreis ausschlaggebend und für die darauf folgende Anschlussunterbringung in den Städten und Gemeinden. Weiter wurde in der Registrierstraße der Antrag für finanzielle Leistungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz gestellt. Mit dem Rechtskreiswechsel war auch das Jobcenter schon ab Anfang Mai im Aufnahmezentrum mit im Boot. Seit 1. Juni 2022 beziehen die Ukraine-Geflüch- teten ihre Sozialleistungen nicht mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, sondern nach dem Zweiten oder Zwölften Sozialgesetzbuch – für erwerbsfähige Geflüchtete änderte sich damit die Zuständigkeit. Die Arbeit des gemeinsamen Aufnahmezentrums endete schließlich zum 31. Juli. Dann konnten auch die Schüler der Albert-Schweitzer-Schule ihren Sport- unterricht wie gewohnt in ihrer Turnhalle absolvie- ren. Die Registrierung der seither ankommenden Flüchtlinge findet nun wieder in den jeweiligen Be- hörden, geordnet über ein Laufzettelverfahren, statt. Hilfe für die Ukraine 25

 

 

 

angesichts der Verdopplung der Flüchtlingszahlen zwischen Som- mer und Winter 2021 ohnehin notwendig gewesen wäre. Registrierung Geflüchteter aus der Ukraine Vom 14. März bis 26. Septem­ ber wurden insgesamt 3.042 Menschen im Landkreis registriert, mehr als die Hälfte davon waren Frauen. April März „Private Unterkünfte haben uns gerettet“ Die erkennungsdienstliche Behandlung der Kriegsflüchtlinge und die Zusammenfassung der Behördengänge war jedoch nur ein Teil der Herausforderung. Denn: Auch die Unterbringung musste gewährleistet sein. Und hier hatte der Landkreis keinerlei Möglichkeiten, sich auf den plötzlichen Zustrom an Menschen aus der Ukraine vorzubereiten. „Wir haben vor dem 24. Februar keine Vorkehrungen treffen können“, erklärt Eberhard Weckenmann. Als sich ein Angriff Russlands andeutete, war der Umfang des Flüchtlingsstroms zunächst unklar. „Im März und April warteten viele Ukrainer zunächst in Polen und dachten, dass sie schnell wieder in ihre Heimat zurückkönnen.“ Die Hoffnung auf eine schnelle Beendigung des Angriffs war jedoch ein Trugschluss. Dass den Ukrainern dennoch ausreichend Unterkünfte zur Verfügung gestellt werden konnten, hing von zwei Faktoren ab. September August Juni Mai Juli „Die privaten Unterkünfte haben uns gerettet“, macht Eberhard Weckenmann in diesem Zusammen- hang deutlich. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung sei enorm gewesen, „die Menschen sind uns von der Mentalität natürlich näher“, sieht er als eine Erklärung dafür. Auch die politische Entscheidung, dass die Geflüchteten zugleich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, habe dazu beigetragen. Doch die privaten Unterkünfte allein hätten nicht gereicht. Der Grundstein für ausreichende vorläufige Unterkünfte war bereits im Oktober 2021 gelegt worden – schon lange bevor sich eine Eskalation der Lage im Kriegsgebiet andeutete. Der Zufall wollte es, dass diese Maßnahme in der unvorhergesehe- nen Flüchtlingswelle weiterhalf. Wie kam es dazu? Eberhard Weckenmann: „Im Herbst 2021 war bereits klar, dass die Flüchtlingszahlen allgemein wieder steigen würden – es war Glück, dass wir die Kapazi- täten schon hochgefahren hatten, ohne zu wissen, was in der Ukraine passiert.“ So reaktivierte der Landkreis Unterkünfte der vorherigen Flüchtlings- welle 2015/2016 zum 1. Januar 2022 wieder – was 123 681 362 207 203 250 1.495 Der Krisenmodus dauert an Neben den Unterkünften in der Sturmbühlstraße, in Donau- eschingen sowie in St. Georgen (320 Plätze), kamen zusätzlich zum Jahresbeginn 2022 auch die Standorte in Blumberg (80) sowie in der Alleenstraße in Schwenningen (95) hinzu – und zwar für die „normalen“ Flücht- linge. Das reichte angesichts der Auswirkungen von kriegerischen Handlungen jedoch nicht aus. Zusätzlich mietete der Landkreis die ehemaligen Mediclin-Gebäude in Königsfeld (100) und Donau- eschingen (120) an. Hier hielt sich der Aufwand zur „Reaktivierung“ der Gebäude angesichts eines kurzen Leerstands von drei Monaten in Grenzen. Das sah bei der Unterkunft im ehemaligen Heilig- Geist- Spital (230) in Villingen, welches zwei Jahre lang leer gestanden hatte und teilweise zurückgebaut worden war, ganz anders aus. „Das war ein enormer Auf- wand“, so der 63-Jährige. In kürzester Zeit waren somit 450 Plätze für ukrainische Geflüchtete geschaffen worden, „die sind voll belegt, wir sind an der Oberkante“, macht Eberhard Weckenmann mit Stand September 2022 deutlich. Die Herausforderungen sind damit jedoch nicht zu Ende – sowohl für den Landkreis als auch für die Anschlussunterbringung nach sechs Monaten in den Städten und Gemeinden. Gerade mit Blick auf den Winter und den zu erwartenden Zustrom an Menschen, die vor dem Krieg und den prekären Be- dingungen angesichts der kalten Witterung in ihrer Heimat flüchten, werden wohl weitere 300 bis 600 Plätze benötigt. Der Krisenmodus wird also noch länger anhalten. Momentaufnahmen aus der Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge im Heilig-Geist-Spital, wo auch Sprachunter- richt angeboten wird (unten). 26 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

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Eberhard Weckenmann Hilfe für Flüchtlinge – Sachgebietsleitung Sondergesetzliche Sozialleistungen Für Eberhard Weckenmann vom Sozialamt des Landkreises ist die Flüchtlingswelle aus der Ukraine die letzte große Aufgabe in seiner beruflichen Lauf- bahn. Nach vielen Jahren im Bereich des Sozial wesens ist klar: Weil keine Flüchtlingswelle der vorherigen gleicht, ist dauerhafte Flexibilität notwendig. Es ist ein ständiges Auf und Ab, ein permanen- tes Flexibelreagieren und nicht zuletzt ein Kraftakt. Eberhard Weckenmann war einer jener Akteure im Landratsamt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der die vergangenen großen Flüchtlingszuströme miterlebt hat. „Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren“, sagt er rückblickend. Der Erfolg bei der Überwindung der Flüchtlings- krisen dürfte ihm recht geben. Der 63-Jährige, der einen Studiengang zum gehobenen Verwaltungs- dienst in Kehl absolvierte, erinnert sich an die Zeit in den Jahren 2005 und 2006, als die Flüchtlings- unterkünfte – bis auf die Obereschacher Straße in Villingen und die Einrichtung in St. Georgen – im gesamten Landkreis zurückgebaut waren. In der Unteren Aufnahmebehörde hielten sich die Aufga- ben in Grenzen, Eberhard Weckenmann kümmerte sich daher zwischenzeitlich um Sozialleistungen wie Wohngeld und Bafög. Das änderte sich im Jahr 2012, als die Flüchtlings- zahlen wieder stiegen. „Damals war das dramatisch, aus heutiger Sicht eher übersichtlich“, so Eberhard Weckenmann. Die Unterkunft zwischen Villingen und Unter kirnach, Maria Tann, wurde eingerichtet, um den Geflüchteten Platz zu bieten. Neue Dimensionen er- reichte die Flüchtlingsarbeit dann mit der Krise in den Jahren 2015/2016. Das Land installierte im Landkreis bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtungen in Es ist keine leichte Aufgabe, aber wenn man sich auf eine gute Struktur verlassen kann und die Belange der Kollegen mit in das Leiten und Führen einbezieht, dann kann man erfolgreich agieren. Villingen und Donaueschingen, während das Landrats- amt selbst über 20 Gemeinschaftsunterkünfte schuf. Nach dem zwischenzeitlichen Abbau der Plätze für Geflüchtete, folgte nun wieder der Aufbau – „Asyl ist immer wellenartig“, so der Experte. Der ge- bürtige Rottweiler sieht dabei aber deutliche Unter- schiede zwischen der vorherigen Krise und der der- zeitigen Flüchtlingswelle: „Damals war der Zustrom geordnet, weil die Flüchtlinge zunächst in der Erst- aufnahme registriert und anschließend verteilt wur- den.“ Die heutige Freizügigkeit der Ukrainer sei eine „große Herausforderung“, weil keine Zuweisungen möglich seien. Und auch da heißt es wieder: perma- nent flexibel sein. Bei der Flüchtlingsarbeit handle es sich schließlich um ein heterogenes Feld, welches man mit offenen Ohren und Augen begleiten müsse, um Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen und dann reagieren zu können. Wie vielseitig das Feld ist, hat ihm unter anderem die Corona-Krise deutlich gemacht, als die Flüchtlings- unterkunft im Frühjahr 2021 aufgrund vermehrter Fälle für zwei Wochen komplett geschlossen werden 28 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

musste. Da wurden Eberhard Weckenmann und sein Team zu Einkaufshelfern und Corona-Testern umfunktioniert, „PCR-Tests haben wir in Vollmontur machen müssen, solche Dinge sind für mich die Würze“, sagt er und erinnert sich: „Als die Quaran- täne beendet war und kein einziger neuer Fall hinzu- kam, haben alle geklatscht.“ Ein Moment, der ihn bis heute berührt. Eberhard Weckenmann, der 27 Jahre lang beim Sozialamt des Landkreises gearbeitet hat (zwischen 1990 und 2001 folgte ein Zwischenspiel als stellver- tretender Heim- und Verwaltungsleiter bei einem Al- tenpflegeheim in Geisingen) gibt angesichts der per- manenten Flexibilität aber offen zu: Nach so langer Zeit in diesem Bereich sei er nun „müde“ und bereit für den Ruhestand – auch wenn es ein „toller Job“ sei und er sich weiterhin wohl fühle. Zudem kann er festhalten: In der damaligen Flüchtlingskrise waren Strukturen geschaffen worden, die nun wieder grei- fen konnten. Und stolz ist er auch auf das Wir-Gefühl im Team. „In solchen Krisen wächst man zusammen, das tolle Miteinander werde ich vermissen.“ Eberhard Weckenmann 29

 

 

 

Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Landkreis investiert 11,8 Mio. Euro in eine 4.000 Quadratmeter große, moderne Nebenstelle von Andreas Flöß 30 30 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Nach dreijähriger Bauzeit hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Verwaltungs- gebäude „An der Brigach“ in Betrieb genommen. Auf 4.000 Quadratmetern sind im früheren Postgebäude gegenüber des Villinger Bahnhofes 120 Mitarbeiter des Kreisjugend amtes, das Amt für Abfallwirtschaft, die Bußgeldbehörde und das Kreisarchiv untergebracht. Nach „60er-Jahre- Charme“ zeige sich das Haus mit zeitgemäßer Architektur und Infrastruktur, die moderne Architektur werte den Villinger Bahnhofsvorplatz jetzt optisch auf, so Landrat Sven Hinterseh bei der Schlüsselübergabe am 28. September 2022 durch Architekt Andreas Flöß. Für 1,8 Millionen Euro hatte der Landkreis das Gebäude von der Post erworben, nochmals zehn Millionen Euro waren für die Sanierung und Ausstattung erforderlich. Dem „Wächter der Wutachflühen“ auf der Spur 31 31

 

 

 

Schlüsselübergabe an Landrat Sven Hinterseh durch Architekt Andreas Flöß (rechts daneben) bei der feierlichen Inbetriebnahme des Verwaltungsgebäudes „An der Brigach“ im Beisein von Mitarbeitern und Vertretern/Vertreterinnen des Kreistages. Das neue Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ glänzt mit moderner, praxisorientierter Architektur: Eine eingestellte Box fungiert als Rückzugsort. 32 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

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Die Luisenstraße um 1907, Blick von Norden mit der Brigach. Zur Geschichte des Standortes In der Blütezeit des deutschen Kaiserreichs (1871- 1918) entstanden zahlreiche Villen und Häuser im sogenannten historistischen Stil mit dem bewussten Rückgriff auf Schmuckelemente der deutschen Vergangenheit. Diese Formensprache verflocht sich dann mit dem floralen Jugendstil und brachte besonders filigrane und großzügige Bauten hervor. In Villingen entstanden so neue Quartiere außerhalb der Stadtmauer wie das Romäus-Gymnasium und das Villinger Krankenhaus in der Herdstraße, (Friedrichskrankenhaus). Weitere bedeutende Stadterweiterungen in dieser Zeit fanden auch in der Mönchweiler Straße, Vöhrenbacher Straße, Schiller- straße sowie am Benediktinerring statt. Auch die Luisenstraße, an der Brigach gelegen und in nächster Nähe zum Bahnhof, ist trotz einiger kriegsbedingter Verluste noch immer vom Stil dieser Zeit geprägt. Zerstörung am Ende des Weltkrieges Kurz vor Ende des 2. Weltkrieges zerstörte eine Fliegerbombe die Gebäude Luisenstraße 2 und 3 und beschädigt am Haus Luisenstraße 4 den Nordost- flügel. Der Angriff hat mit großer Wahrscheinlichkeit dem Villinger Bahnhof gegolten. Zwischen den Häusern Luisenstraße 4 und Bahnhofstraße 8 und dem Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund der Zerstö- Am Villinger Bahnhof, klaffte aufgrund von Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit rund 2.200 Quadratmetern Fläche. rung bis Mitte der 1960er-Jahre eine Baulücke mit ca. 2.200 Quadratmetern Fläche, da die beschädig- ten Gebäude nicht wieder aufgebaut, sondern abgerissen wurden. Fortan entstand an der markan- ten Ecke, an welcher sich Luisenstraße und Bahnhof- straße treffen, eine Wiese, welche durch die Neube- bauung der Deutschen Post geschlossen wurde. In diesem Zusammenhang sollte das Haus Luisenstra- ße 4 zu Abbruchzwecken an die Post verkauft werden, damit man ausreichend Parkplätze schaffen könne. Ein Bauantrag hierzu wurde bei der Baurechts- behörde Villingen 1963 eingereicht. Die Eigentümer der Luisenstraße 4 waren indes nicht gewillt, ihr Haus zu verkaufen, sodass eine 34 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Undatiertes Luftbild, im Norden links das heute noch existierende Haus Luisen- straße 4 mit Turm sowie rechts die Preiser Schnapsfabrik nebst vorgelagertem Wohnhaus in der Bahnhofstraße 8. Im obersten Bildabschnitt die Wiese mit den bereits abgebrochenen Häusern Bahnhofstraße 2 und 6 sowie den eben- falls fehlenden Häusern Luisenstraße 2 und 3. Hier baute die Deutsche Post. Das 1968 in Betrieb genommene Gebäude der Post, das 2017 durch den Schwarzwald-Baar-Kreis erworben und schließlich für zehn Millionen Euro kernsaniert wurde. Enteignung angedroht wurde. Dies war aufgrund der hoheitlichen Aufgaben, welche der Neubau einer Postdienststelle mit sich brachte, legitim. Der Ver- kauf wurde dennoch 1965 durchgeführt, allerdings entschloss sich die Deutsche Post, das Gebäude nicht abzubrechen, sondern selbst als Dienstsitz bis ins Jahr 1997 zu nutzen. Neubau des Postgebäudes Die Genehmigungsphase für die neue Postdienst- stelle verzögerte sich aufgrund erheblicher Einwände seitens Villinger Stadträte und führte zwischenzeit- lich bei der Oberpostdirektion Freiburg zu Überle- gungen, den Standort aufzugeben. Die Baugenehmi- gung wurde schließlich dennoch im Jahr 1966 erteilt. Die Inbetriebnahme des Gebäudes war für das Jahr 1968 geplant. Paketverteilzentrum. Im ersten Obergeschoss war das Briefverteilzentrum untergebracht. In den bei- den obersten Etagen befanden sich Einzelbüros für Postbank, Personalrat, Unterrichtsräume, Teeküche, Erfrischungsraum sowie zwei Dienstwohnungen, einerseits für den Amtsvorsteher sowie für den Hauswart. Bis auf die beiden Wohnungen war die Nutzung bis zum Auszug der Post im Sommer 2019 nahezu identisch mit der ursprünglich geplanten und angedachten. Zum Börsengang der Deutschen Post im Novem- ber 2000, verkaufte der Bund als Eigentümer einen Großteil seiner Immobilien zunächst an einen luxem- burgischen Immobilienfonds und mietete die Gebäu- de größtenteils wieder zurück (sale and lease back), später wechselte erneut der Besitzer, hin zu einem kanadischen Immobilienfonds. Anfang 2016 entschieden die Eigentümer, die Im Erdgeschoss befand sich die Schalterhalle mit einem separaten Abteil für Schließfächer sowie das Immobilie am Markt zu platzieren und zu veräu- ßern. Die Deutsche Post war zu diesem Zeitpunkt Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 35

 

 

 

noch Pächter. Nach entsprechender Analyse des Gebäudes hat der Schwarzwald-Baar-Kreis das Postgebäude im Frühjahr 2017 erworben, um dort nach Umbau Teile der Landkreisverwaltung unterzubringen. Zuletzt war lediglich noch die Postbank als Mieterin untergebracht. Stationen einer Kernsanierung inklusive freiem Blick auf den Bahnhofsvorplatz nachdem alle Fassaden entfernt wurden. Auch etliche Schadstoffe mussten ausgebaut werden, bevor es an die Generalsanierung, sprich den „Neubau“ ging. Einstieg in die Detailplanung für das Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Die Verwaltung hat bereits im ersten Halbjahr 2018 verschiedene Möglichkeiten erarbeitet, welche Bereiche der Landkreisverwaltung sich für eine Unterbringung im Postgebäude eignen würden. Nach interner Erörterung und Bewertung der möglichen Varianten entschied sich die Kreisverwal- tung für das Jugendamt mit 57 Mitarbeitern, das Amt für Abfallwirtschaft mit 26 Mitarbeitern, die Buß- geldstelle mit 14 Mitarbeiter sowie das Kreisarchiv mit Freihandbibliothek, Rollregaleinheiten und fünf Mitarbeiterarbeitsplätzen. Hinzu kommen noch weitere Arbeitsplätze für Studierende der Dualen Hochschule, Praktikanten und Auszubildende. Die Detailplanung für die Gestaltung und Einrichtung der Arbeitsräume erfolgte unter Einbeziehung der betroffenen Bereiche. Hierzu wurden in umfangreichen Workshops mit den betroffenen Ämtern individuelle Lösungen für die Fachbereiche erarbeitet und in der Möblierungs- planung berücksichtigt. Die dem Bauantrag zugrun- deliegende Entwurfsplanung sah eine Abkehr von der bisherigen horizontalen Fensterbandstruktur mit den liegenden Fensterformaten vor. Stattdessen wurden die neuen Fenster in die Vertikale gedreht, sodass aufgrund der neuen Bodentiefe mehr Licht 36 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

und Attraktivität gegeben waren. Die ersten Entwür- fe spiegelten den fertigen Zustand bereits relativ gut wieder. Analyse und Ausbau von Schadstoffen Parallel zu den entwurflichen Überlegungen, galt zunächst das Augenmerk den umfangreichen Ana- lysen der Bestandsschadstoffe in Wänden, Böden, Decken und der Außenhaut. Tatsächlich wurden Asbestbestandteile in Teilen der Wandfarbe, der Spachtelmasse im Fliesenkleber und in den blauen Faserzementplatten an der Außenhaut nachgewie- sen. Ebenso waren die bituminösen Abdichtungen der Kelleraußenwand sowie die Dachabdichtungs- bahnen mit PAK (Teerbestandteilen) versetzt. In den Gebäudedehnfugen sowie in den Fensterdichtungen wurden PCB (Weichmacherbestandteile) entdeckt. Die verbauten Dämmmatten in den Akustikdecken, Rohrummantelungen, Wand- sowie Deckendämmun- gen waren aus KMF (künstliche Mineralfasern) und ebenfalls ein Fall für die Schadstoffentsorgung. Im Herbst 2019 waren alle erforderlichen Ge- nehmigungen erteilt und der kontrollierte Rückbau konnte mit behördlicher Begleitung beginnen. Nach- dem alle Schadstoffe behutsam ausgebaut, getrennt, verpackt und entsorgt waren, wurden die Fenster im Frühjahr 2020 ausgebaut. Gleichzeitig war dies der Startschuss für die restlichen Rückbau- und Abbruch- arbeiten von Baumaterialien, welche keiner Konta- minierung unterlagen. Nachdem die Abdichtungs-, Kanal-, und Drainage- arbeiten erledigt waren, wurden sämtliche Funda- mente für die späteren Zubauten wie Rampe, Eingangsüberdachung, Ladesäulen und Flucht- treppenhaus betoniert. Anschließend wurden alle Gebäudeteile wieder mit Erdreich angefüllt, so dass ab April 2020 das Fassadengerüst aufgebaut werden konnte. Nunmehr war es möglich, auch die rest- lichen Abbrucharbeiten an den Dächern und der Außenwand zu erledigen. Parallel wurde die neue vertikale Fensterstruk- tur sowie die Fenster eingebaut. Ebenso wurde die Wärme dämmung und die Außenhaut aus Faserzement tafeln an der Nord- und Südseite sowie die Dämmung an den beiden Giebeln angebracht. Zum Jahresende 2020 war das Gebäude winterfest und für den Innenausbau vorbereitet. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. Ab dem Jahr 2021 wurde im Innenraum die Haus technik eingebracht. Sämtliche Daten- und Elektroleitungen sind so verlegt, dass jederzeit und pro blemlos nachträgliche Änderungen und Anpas- sungen möglichen sind. Recycelte Fischnetze als Teppichboden – „graue Energie“ exakt betrachtet Um eine transparente Planung und Mitsprache zwi- schen Bauherrn und Architekt zu realisieren, wurde ein Bauausschuss gegründet, der sich aus dem Landrat sowie Kreisrätinnen- und Kreisräten zusam- mensetzte. Hier wurde in zwei Sitzungen detailliert über verschiedene ökologische Komponenten wie Heizungssysteme und Materialien beraten. Schluss- endlich entschied man sich beim Energieträger aus insgesamt sieben möglichen Varianten für eine Lö- sung mit dem geringsten CO2-Ausstoß. Die Wahl fiel auf eine Pelletanlage. Die räumlichen Strukturen im Untergeschoss erlaubten eine Doppel-Pelletbunker- anlage mit einem Fassungsvermögen in Höhe des jährlichen Verbrauches von ca. 28 Tonnen. Somit ist beim Heizmaterialeinkauf eine gewisse Flexibilität gegeben. Die verbauten Materialien wurden wo möglich nach dem Prinzip „Cradle to Cradle“ ausgewählt. Das Prinzip steht für Materialkreisläufe, die für Mensch und Umwelt unschädlich sind. So wurde beispiels- weise der Teppichbodenbelag aus recycelten Fischer- netzen hergestellt. Gleichzeitig wurde großen Wert auf die Betrach- tung von „grauer Energie“, von Materialien gelegt. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 37

 

 

 

Auf dem Dach wurde auf einer Fläche von 316 Quadratmetern eine Photovoltaikanlage mit 170 Modulen zu je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Sie liefert bis zu 67.000 Kilowatt- stunden Strom im Jahr. Ein erheblicher Teil der Dachfläche und des Grundstückes wurden begrünt, insgesamt rund 650 Quadratmeter. Hierbei wird der Ener- gieverbrauch, bei der Herstellung, Lagerung, Transport, Verarbei- tung und Entsorgung von Produkten ent- steht, bewertet. Je mehr „graue Energie“ in einem Baustoff steckt, desto negativer fällt die Ökobilanz aus. Zweifelsohne ist der Baus- toff Beton, mit welchem die komplette Tragstruktur und Hülle des Gebäudes errichtet wurde, ein großer Verursacher von hohen CO2-Ausstößen. Unter der Annahme, dass ein solches Gebäude einem Rückbau zugeführt werden müsste, wäre die Ökobilanz noch- mals schlechter zu bewerten. Nicht jedoch, wenn die komplette Baumasse er- halten und wiederverwendet werden kann. So liegt beispielsweise der Primärenergieinhalt der Außen- wand bei 314 kWh/m² wobei lediglich ein Drittel an neuen Materialien hinzugefügt werden musste. Photovoltaikanlage deckt 26 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs Nachdem das Dach abgedichtet war, wurde ab Früh- jahr 2022 eine Photovoltaikanlage auf einer Fläche von 316 Quadratmetern mit 170 Modulen mit je 380 W/h (Wp Spitze) installiert. Die Anlage erreicht eine Gesamtleistung ca. 64,60 kW/h (kWp Spitze) und einer somit theoretisch errechneten Leistung von 67.000 kWh pro Jahr. Bei einem prognostizierten Eigenverbrauch von 52.000 kWh pro Jahr beträgt die Netz einspeisung ca. 15.000 kWh pro Jahr und der Eigenverbrauchsanteil der PV-Anlage beträgt damit ca. 78 Prozent. Der Gesamtstromverbrauch wird auf rund 200.000 KWh pro Jahr geschätzt. Der Deckungs- anteil der Photovoltaikanlage am Gesamt-Eigen- strombedarf beträgt somit 26 Prozent. Der Innenausbau sowie sämtliche Einrichtungen sind gemäß den erarbeiteten Ergebnissen in den Workshops mit den jeweiligen Nutzern im Sommer umgesetzt worden. Die Außenanlagen wurden im Herbst 2021 begonnen und im Sommer 2022 pünkt- lich abgeschlossen. Von dem 2.200 Quadratmeter großen Gesamtgrundstück konnte ein beträchtlicher 38 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Die offen gestalteten sogenannten Openspace-Bereiche können auf unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. Sie dienen zugleich als Arbeits- und Rückzugsort (oben). Unten: Blick in einen der großzügigen Verwaltungsbereiche. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 39

 

 

 

Teil von ca. 650 Quadratmetern auf der Fläche und auf Dächern begrünt werden. Die prognostizierten Baukosten in Höhe von zehn Mio. Euro konnten eingehalten werden, der Einzug alle Ämter erfolgte in Etappen von Juni 2022 bis August 2022. Neben einem modernen Verwal- tungsgebäude für bis zu 120 Mitarbeiter ist zusätz- lich das Kreis archiv mit dazugehöriger Administra- tion entstanden. Als Nebeneffekt erfährt das Quar- tier rund um den Villinger Bahnhof eine erhebliche städte bauliche Aufwertung. Das Kreisarchiv besitzt Regalanlagen mit einer Kapazität von 3.600 laufenden Metern (lfm) sowie eine Freihand- bibliothek mit 380 lfm. Daneben gibt es einen Lese- und Rechercheraum und neue Planschränke mit 60 Schubladen der Größe A0 sowie 60 lfm Regal fläche für das Fotoarchiv und zwei Mikrofilm schränke für zusammen 1.450 Filmrollen. Kubatur und Nutzung – Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Bruttogrundrissfläche ca. 3.840 Quadratmeter Bruttorauminhalt ca. 14.350 Kubikmeter Nutzfläche Gebäude ca. 3.200 Quadratmeter davon beheizte Nutzfläche ca. 2.990 Quadratmeter Aktuell werden 102 Mitarbeiter im Jugend amt, im Amt für Abfallwirtschaft, in der Bußgeldstelle und im Kreisarchiv beschäftigt. Im Endausbau sind 120 Mitarbeiterplätze möglich. Jedes Amt ist mit separater IT-Infrastruktur, Sozialräumen und Teeküchen ausgestattet. Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend gemeinsam genutzt. 40 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Oben: Die multifunktionalen Besprechungsräume werden ämterübergreifend genutzt. Unten: Einladend und freundlich – die Teeküche der Bußgeldbehörde. Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ 41

 

 

 

KLINIKSCHULE DER LUISENKLINIK Für eine gute Zukunft der jungen Patienten von Wilfried Strohmeier 42 42

 

 

 

XXX

 

 

 

Sie ist keine Schule wie jede andere, doch für Schüler mit einer länger dauernden Krankheit ein tröstendes Stück Normalität. Sie schreiben Arbeiten, haben einen Stundenplan, es gibt eine Schul leitung und etwa 25 Lehrer: Die Klinikschule der Luisen klinik ist ein Teil der Krankenhausschule des Schwarzwald-Baar-Kreises. In der Schule werden Unterrichtsangebote sämtlicher Schularten (Hauptschule, Realschule, allgemeinbildende und berufsbildende Gymnasien), sowohl in Einzel- als auch Kleingruppenunterricht in allen relevanten Fächern vorgehalten. Offiziell ist sie geführt unter der Bezeichnung „Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum für Schülerinnen und Schüler in längerem Krankenhausaufenthalt“ (SBBZ). Mit gut 1.300 Schüler innen und Schülern zählt die Klinikschule zu den größten Klinikschulen Deutschlands. Es ist ruhig und leise, wenn man das liebevoll sanierte Haus mit dem modernen Anbau auf dem Gelände der Luisenklinik in Bad Dürr- heim betritt. Auf der einen Seite befindet sich das ehemalige, denkmalgeschützte Ärztehaus des Kindersolbads (später Haus Hohenbaden), auf der anderen Seite ein moderner Flachdachbau. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichts- räumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurch- flutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapfwaldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. Dass das Gebäude in Bad Dürrheim so eingerichtet werden konnte, ist der Weitsicht von Rolf Wahl und der Einsatz von dessen Sohn Sven Wahl im Zusammenspiel mit dem Schwarzwald-Baar- Kreis, der als Schulträger fungiert, zu verdanken. Es gibt noch eine Außenstelle in der Rehaklinik Katharinen höhe in Schönwald, dort ist man direkt im Klinikgebäude untergebracht. Eine weitere Nieder- lassung gibt es im Standort der Luisenklinik in Radolfzell. Insgesamt eine außergewöhnliche Konstellation. Die Schüler, so der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg, haben ganz unterschied liche Geschichten und Bedürfnisse. In der Katharinenhöhe sind die Kin- der und Jugendlichen mit einer lebensbedrohenden Krankheit konfrontiert, während die Schüler der Lui- senklinik am Leben zweifeln und auch zu verzweifeln drohen. Das Innenleben der Schule reicht vom Werkraum über die geräumige Küche bis hin zu kleinen Unterrichtsräumen. Die Räume sind alle hell und sonnendurchflutet, blicken die Schüler aus einem der Fenster, sehen sie viel Grün und den Waldsaum des nahen Kapf- waldes. Ein entspannter Ort um zu lernen und zu lehren. 40-jähriges Bestehen der Schule Die Klinikschule als Einrichtung blickt zum Schuljah- resbeginn 2023/24 auf ein 40-jähriges Bestehen zurück, der Grundstein wurde aber schon ein paar Jahre früher gelegt. Ab dem Jahr 1980 baute man eine Klinikschule an den Kliniken in Villingen- Schwenningen auf, zum Schuljahresbeginn 1983/84 gründete man ganz offiziell die Schule für kranke Kinder und Jugendliche in der Trägerschaft des Schwarzwald-Baar-Kreises. Gertrud Humpf war die erste Schulleiterin, die Schülerzahl lag damals bei 44 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

etwas über zehn, der Schwerpunkt war zunächst in der Kinderklinik in Villingen angesiedelt. 1987 kam die Katharinenhöhe als Außenstelle hinzu und 1993 die Luisenklinik, die Gesamtschüler- zahl wuchs auf rund 50 Kinder und Jugendliche. Die Eröffnung der Abteilung Kinder- und Jugendpsychia- trie der Luisenklinik im Jahr 2001 brachte einen Sprung auf rund 110 Schüler. Der damalige Ärztliche Direktor und Geschäftsführer Rolf Wahl erkannte, wie wichtig eine Beschulung der jungen Patienten in der Luisenklinik ist. „Es war ein weitblickender Schritt“, zeigt sich der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg überzeugt. Im Jahr 2005 wechselte das Rek- torat von Villingen an die Luisenklinik, zunächst in die Hammerbühlstraße 19. Sven Wahl entschloss sich im Dezember 2013 das jetzige Gebäude zu kaufen, zu sanieren und der Klinikschule zur Verfügung zu stel- len, der Einzug war dann bereits im März 2015. 2007 ernannte man Martin Feldweg zum Schul- leiter, seine Stellvertreterin wurde 2009 Frauke- Maria Weinberg-Schirmer, sie trat zum Anfang des Schul- jahres 2022/23 die Nachfolge von Martin Feldweg als kommissarische Schulleiterin an. 2013 kam der dritte Standort Radolfzell zur Klinikschule hinzu. Einer der großen räumlichen Meilensteine war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisenklinik. Das Gebäude war ehemals das Ärz- tehaus des benachbarten Haus Hohenbaden. Dieses, wie auch das so genannte Pförtnerhaus, kaufte die Familie Wahl aus dem Areal Haus Hohenbaden und Die Luisenklinik ist eine private und inhabergeführte Fach- klinik für psychische und psychosomatische Erkrankun- gen. Gründer und Leiter der Klinik war Prof. Dr. Rolf Wahl. Bis heute ist die Klinik im Besitz der Familie Wahl. Auf dem Foto von links: Pablo Wahl, Sven Wahl und der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. Unten: Ein Meilenstein war 2015 der Bezug des jetzigen Hauses auf dem Gelände der Luisen klinik. Das Gebäude fungierte ehemals als Ärztehaus des benachbarten Haus Hohen baden. Klinikschule der Luisenklinik 45

 

 

 

Der Werkraum der Klinikschule – hier werden handwerkliche Fähigkeiten gefördert. sanierte es, zudem errichtete Sven Wahl noch einen modernen Anbau an das Klinikschulgebäude, so dass acht Unterrichtsräume auf 450 Quadratmeter für den Unterricht nutzbar sind, zusätzlich stehen ein Technikraum und eine Küche zur Verfügung. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Neben Zwangs- störungen, Angststörungen, Autismus und Depressio- nen sind die beiden vorherrschenden Krankheitsbilder bei den Mädchen Essstörungen, bei den Jungen ADHS. Die beiden letztgenannten Räume leisten für den Im praktischen Ablauf bekommt die Schule aus Aufbau des Lehrer-Schüler-Vertrauensverhältnisses einen wichtigen Beitrag. In ihnen werden handwerkli- che Fähigkeiten in Projekten gefördert. Sei es das ge- meinsame Kochen oder das Arbeiten an einem tech- nischen Werkstück. Vor allem für diese können die Jungen begeistert werden und auch Nähmaschinen stehen zur Verfügung. „Das Konzept mit dem fach- praktischen Unterricht hat sich bewährt“, weiß Martin Feldweg zu berichten. Denn die Lehrer müssen schnell Zugang zu jedem einzelnen Schüler finden und das ist über solche Projektarbeiten gut möglich. Mehr als reine Wissensvermittlung Der Stundenplan ist hochflexibel. In kleinen Lerngrup- pen werden Schüler aller Klassenstufen und Schular- ten unterrichtet. Die Anzahl der Stunden wird in Absprache mit den ärztlichen Betreuern festgelegt, mit Blick auf den Therapieplan der jungen Patienten der Klinik eine Schulanmeldung eines neuen Schülers, es wird dann zunächst ein Stundenplan erstellt, der Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten ist man in ständigem Kontakt und es gibt regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. 46 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

Eine Lerngruppe in einem der Klassenzimmer, an der Türe der ehemalige Schulleiter Martin Feldweg. jedoch nach einer Woche evaluiert und in der Regel angepasst wird. Es gibt dabei viele Faktoren, die be- rücksichtigt werden müssen. Dazu gehört beispiels- weise wie sich das Krankheitsbild und der Unterricht in wechselseitiger Beziehung auswirken oder wie lan- ge sich ein Schüler konzentrieren kann. Es geht dabei mehr als um die reine Wissensvermittlung. Manchmal ist ein Unterricht nur für eine Stunde am Tag möglich, beschreibt Martin Feldweg die Praxis. Bei den Mädchen, die an Magersucht (Anorexie) leiden ist es meist so, dass sie extrem gute Schüle- rinnen seien, perfektionistisch mit Lernzwang. Hier hatte Corona verheerende Auswirkungen, erzählt Martin Feldweg. Denn die Mädchen bekamen nicht mehr die Rückmeldung über ihren Leistungsstand und lernten dadurch immer mehr, um immer besser zu werden. Sie vernachlässigten jedoch sich selbst. Jungen mit ADHS bekommen in der Klinik – auch mit dem Unterricht – einen geregelten Tagesablauf. Bei ihnen sei ein konzentriertes Arbeiten oftmals nur wenige Minuten am Stück möglich. Insgesamt seien die Kinder überfordert. Der Unterricht beginnt norma- lerweise täglich um 8 Uhr. Ziel ist es dabei auch, kei- nen Bruch in der Schullaufbahn durch den Aufenthalt in der Klinik zu erzeugen, führt Martin Feldweg aus. Beratung ist ein enorm wichtiger Baustein In Bad Dürrheim sind die Schüler in Lerngruppen eingeteilt, man versucht diese so homogen wie möglich zu gestalten bezüglich Wissenstand und Alter der Schüler. In jeder Gruppe sind maximal vier Schüler, betreut von einem Lehrer. Die Klinikschule ist auch immer mit den Heimatschulen in Verbindung, von dort kommen auch die Infos zu Unterrichtsinhal- ten und anstehenden Klassenarbeiten. Die können dann in der Klinik von dem jeweiligen Schüler mitgeschrieben werden, die Entscheidung darüber fällt jedoch der zuständige Lehrer der Klinikschule. Die Entwicklung jedes Schülers wird im Kollegium mindestens einmal pro Woche besprochen. Auch mit dem jeweiligen Therapeuten sei man in ständigem Kontakt und es gebe regelmäßig von beiden Seiten einen Austausch. Martin Feldweg ist überzeugt: Nur so kann sich ein Erfolg während eines Aufenthalts einstellen. Denn die Lehrer erleben die Kinder und Ju- gendlichen meist länger als der Therapeut und entwi- ckeln auch ein gutes Gespür für die jungen Patienten. Insgesamt ist der Bereich der Beratung von Schü- lern, Eltern und den Kolleginnen und Kollegen an den Heimatschulen ein wesentlicher und enorm wichtiger Baustein der Arbeit an der Klinikschule. Psychische Klinikschule der Luisenklinik 47

 

 

 

Die Bad Dürrheimer Luisenklinik, auf deren Gelände sich die Klinikschule im Schwarzwald-Baar-Kreis befindet. Störungsbilder wirken sich immer auf das Leben und Lernen der Kinder und Jugendlichen in den Schu- len aus, werden jedoch häufig nicht als Ursache für schulischen Misserfolg erkannt. Andererseits können schulische Überforderung oder belastende Kontakte zu Mitschülern Ursache von psychischen Störungen sein. Nicht immer ist es jedoch einfach, Schüler und deren Eltern davon zu überzeugen, dass ein Wechsel auf eine andere Schulart sich positiv auf den Gesun- dungsprozess auswirken würde. Während es bei den Schülern der Luisenklinik meist mehr Aufwand ist, sie für die Teilnahme am Unterricht zu motivieren, ist dies bei der Katharinen- höhe gänzlich anders – und das hat mit dem Krank- heitsbild zu tun. In der Rehaeinrichtung haben die Jugendlichen eine schwierige, auch lebensbedrohli- che Leidenszeit hinter sich. Sie wollen mit Mut in ihr zukünftiges und manchmal auch neu gewonnenes Leben gehen. In der Regel haben sie alle ihre Schul- sachen dabei und freuen sich auf den Unterricht, beschreibt Martin Feldweg. Dort kann der Unterricht auch besser geplant werden, da es von Beginn an relativ klar sei, wie lange der Reha aufenthalt eines Patienten dauere, in der Regel dreieinhalb Wochen – im Gegensatz zur Luisenklinik. Die Klinikschule bietet die Möglichkeit, Schulab- schlüsse für alle Schularten innerhalb des stationären Klinikaufenthaltes abzulegen. Patienten, für die eine Eingliederung in öffentliche Schulen wichtig ist, kön- nen von der Klinik aus externe Schulen besuchen. Erfolgreiche Symbiose Auch wenn der Hauptsitz mit dem Rektorat in den Räumen der Luisenklinik untergebracht ist, gibt es keine Reibungsverluste zwischen Klinik, Klinikschule und dem Schulträger. Ausgestattet wird die Schule bezüglich der Lernmaterialien durch den Schwarz- wald-Baar-Kreis. Dass ein Technikraum wie auch eine Küche eingerichtet wurde, war aber beispielsweise kein Muss, sondern eine freiwillige Leistung der Klinikleitung der Luisenklinik. Und natürlich ist der Austausch mit den Verantwortlichen der Klinik, egal ob in der Geschäftsleitung oder beim medizinischen Personal, äußerst wichtig, um eine erfolgreiche Symbiose im Sinne der mittlerweile über 180 jungen Patienten zu erzielen – das weiß Martin Feldweg aus vielen Jahren Erfahrung. Und er zeigt sich froh und dankbar, dass Klinik- schule, Schwarzwald- Baar-Kreis und Leitung der Luisenklinik zu jedem Problem bis jetzt eine Lösung fanden, zum Wohle der immerhin rund 1.300 Schü- lern, die jährlich an den drei Standorten unterrichtet werden. 48 Aus dem Kreisgeschehen

 

 

 

DIE KLINIKSCHULE DER AWO-REHAKLINIK KATHARINENHÖHE Die Klinikschule der Katharinen­ höhe ist eine Außenstelle des Sonderpädagogischen Bildungs­ und Beratungszentrums (SBBZ) Bad Dürrheim für Schüler und Schüler innen in längerer Kranken­ hausbehandlung. Träger der Schule ist der Schwarzwald­ Baar­ Kreis. Die Schüler und Schülerinnen aus ganz Deutschland und der Schweiz werden während ihres Aufenthaltes in Einzel­ oder Klein­ gruppen unterrichtet. Das ermög­ licht eine intensive, ganz auf die einzelnen Kinder ausgerichtete schulische Betreuung, die in enger Kooperation mit den jeweiligen Heimatschulen stattfindet. Diese Aufgabe übernehmen Lehrer und Lehrerinnen aller Schulformen in einem inklusiven Setting für alle Schulzweige. Um für Patienten­ und Ge­ schwisterkinder eine lückenlose Weiterführung der Schule zu ge­ währleisten, wird bereits vor dem Reha­Aufent halt mit den Schülerin­ nen und Schülern, den Eltern und der Heimat schule Kontakt aufge­ nommen. So können für die Pla­ nung wichtige Vorinformationen eingeholt werden und individuelle Lehrpläne erstellen werden. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene finden an der Kathari­ nenhöhe neben dem Unterricht ein breites Beratungsangebot rund um die Themen Nachteils ausgleich, Schullaufbahn, Planung des schu­ lischen Wiedereinstieges und zum Thema Berufswahl/Ausbildung vor. Für Patienten und Patientinnen mit Hirntumor wird bei Bedarf ein Gedächtnistraining angeboten, welches zum Ziel hat, durch die Erkrankung erworbene Einschrän­ kungen in Konzentrations­ und Gedächtnisleistung abzufedern. 49

 

 

 

IM GESPRÄCH MIT LANDRAT SVEN HINTERSEH ICH BIN ZUVERSICHTLICH, DASS WETTBEWERB DER ZUKUNFTS- 50

 

 

 

SICH UNSER LANDKREIS IM REGIONEN BEHAUPTEN KANN Aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2023 unter- hielten sich die Redakteure Klaus Peter Karger und Wilfried Dold mit Landrat Sven Hinterseh über die Entstehung des Landkreises im Jahr 1973 und seine Perspektiven. Herr Hinterseh, die Bildung des Schwarzwald-Baar- Kreises vor 50 Jahren ist im Kontext der Kreisreform vom 1. Januar 1973 zu sehen. Auf Initiative der Großen Koalition aus CDU und SPD im Landtag von Baden- Württemberg wurden 63 Land- und Stadtkreise zu 35 vereint. Was waren die Beweggründe, was hat es gebracht? Landrat Hinterseh: Es gingen schwierige Debatten voraus, wie stets bei großen Reformen. Baden, Würt- temberg und Hohenzollern waren am 25. April 1952 zu Baden-Württemberg vereint worden. Zwei Jahr- zehnte später galt es, die Strukturen zu optimieren 51

 

 

 

und zukunftsfähig auszugestalten. Das ist schwierig, was sind effiziente Größen? Wie groß darf es sein? Der damalige Oberbürgermeister von Villingen- Schwenningen hatte sich gar für den Großkreis „Schwarzwald-Baar-Heuberg“ ausgesprochen, gebil- det aus den heutigen Landkreisen Rottweil, Tuttlin- gen und Schwarzwald-Baar-Kreis. Das wäre ein sehr großes Gebilde geworden. Vieles wurde übrigens auch schon vor der Reform umgesetzt. So die Fusion von Villingen und Schwen- ningen zur Doppelstadt zum 1. Januar 1972. Mein Fazit zur Kreisreform ist: Die vergangenen 50 Jahre haben gezeigt, dass eine Struktur entstanden ist, in der man gut arbeiten kann. Und es ist auch eine kul- turelle Identität gewachsen. Natürlich immer mit der Besonderheit Baden und Württemberg. Die Geburt unseres Kreises ging ja nicht reibungslos vonstatten, es gab einen Bedeutungsverlust für Donau- eschingen. Sind die Wunden von damals geheilt? Es wurde stets Wert daraufgelegt, dass man der Großen Kreisstadt Donaueschingen gerecht wird. Im dortigen Landratsamt arbeitet eine große Ver- waltungseinheit mit über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eine kluge Politik war vor diesem Hintergrund, ein dezentrales berufliches Schulsystem aufzubauen. So konnte der junge Landkreis sowohl den Kreisstäd- ten Villingen-Schwenningen und Donaueschingen als auch Furtwangen, St. Georgen und Bad Dürrheim – und damit in der Fläche allen Städten und Gemein- den – gerecht werden. Völlig gewichen ist die Rivalität allerdings nicht. Das zeigte sich beispielsweise, als es um den Standort des Kreisarchivs ging… Ich bin Sportler – und Wettkampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruch- tend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Und natürlich gibt es zwischen den Städten und Gemeinden durch- aus das eine oder andere Thema, bei dem Konkur- renz aufkommt. Ich bin Sportler – und Wett- kampf darf es geben. Wenn der eine Ambitionen hat, kann er ehrgeiziger sein als der andere. Das empfinde ich als befruchtend, das stört mich nicht. Es herrscht grundsätzlich ein gutes Miteinander im Landkreis. Die Landkreise und Landratsämter fungieren als Binde- glied zwischen den Regierungspräsidien auf der einen und den Städten und Gemeinden auf der anderen Seite. Was bedeutet das in der alltäglichen Praxis? Lassen Sie mich grundsätzlich festhalten: Das Land- ratsamt hat eine Doppelfunktion. Zum einen ist es untere staatliche Verwaltungsbehörde, zum ande- ren eine Kommunalbehörde und ergänzt somit die Tätigkeit der Städte und Gemeinden. Landratsämter übernehmen Aufgaben, die zwischen Kommunen anfallen oder für die eine einzelne Gemeinde zu klein ist. Als untere staatliche Verwaltungsbehörde ist das Landratsamt vor allem damit beschäftigt, Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwenden und die Rechtsaufsicht über die Ge- meinden auszuüben. Ich sehe uns einerseits als starke Kommunalbe- hörde, die in den vergangenen Jahrzehnten ein hoch- modernes Schwarzwald-Baar Klinikum hervorbrach- te, über ein hervorragend entwickeltes Sozialamt verfügt und die einen starken öffentlichen Personen- nahverkehr aufbauen konnte – um drei Beispiele zu nennen. Wir haben andererseits wichtige staatliche Aufgaben zu erfüllen – bis hin zur Genehmigung von Windkraftanlagen oder die Themenbereiche rund um das Gesundheitsamt und die Gewerbeaufsicht. Es sind viele Räder, die im Landratsamt ineinander- greifen. Ich empfinde die Aufgabenvielfalt im Land- ratsamt als äußerst reizvoll – wir dürfen entwickeln und gestalten! 52 2. Kapitel – 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Sie haben als Landrat zwei Vorgänger: Dr. Rainer Gutknecht, der bis 1996 und somit 23 Jahre lang als erster Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises fungier- te. Es folgte Karl Heim bis 2012 – dann beginnt Ihre Ära. Was waren bei Amtsantritt von Dr. Gutknecht die drängendsten Aufgaben, die es anzupacken galt? Zunächst ging es darum zu integrieren, alle mit- zunehmen. Vor allem in der Residenzstadt Donau- eschingen saß der Schmerz über den Verlust der Eigenständigkeit tief, das ist ja bereits an anderer Stelle angeklungen. Es galt ein berufliches Schul- system und Sonderschulsystem und wichtige Beratungs leistungen aufzubauen. Der Schwarzwald- Baar-Kreis war einer der ersten Landkreise, der sich der Erziehungsberatung widmete, der jungen Famili- en zur Seite stand, Eheberatung und Jugendberatung anbieten konnte. Rainer Gutknecht kam aus dem Bergischen Land zu uns, brachte wichtige und neue Ideen mit. Das hat dem Landkreis gut getan, gerade auch auf dem Feld der Abfallwirtschaft, das am Ende der 1970er und in den 1980er-Jahren begründet wurde. Bis dahin waren allein die Kommunen für diesen Aufgaben- bereich zuständig. Um bei der Vielgestaltigkeit der kreispolitischen Auf- gaben zu bleiben: Im Jahr 2023 feiert die Landesbe- rufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe ihr 60-jähriges Bestehen. Das ist eine Schule mit Internat, für die der Landkreis – neben etlichen weiteren beruf- lichen Schulen – zuständig ist. Wie sehen Sie die Entwicklung in diesem Bereich? In der Tat gilt die Landesberufsschule als gutes Beispiel dafür, was Kreis- und Kommunalpolitik bewegen können. Wir holten diese Schule von der Insel Reichenau in den Schwarzwald-Baar-Kreis, da sie dort nicht adäquat untergebracht war und sich so nicht weiterentwickeln konnte. Die Hotellerie und Gastronomie spielt nicht nur bei uns eine wichtige Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 53

 

 

 

Rolle. Das Schöne ist, dass die Schülerinnen und Schüler nach ihrer Ausbildung im Schwarzwald-Baar- Kreis international tätig sind. Es kann einem passie- ren, dass man irgendwo auf der Welt unterwegs ist und in einem Hotel oder einer Gaststätte auf Absol- venten der Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe trifft. Es gibt in der Trägerschaft des Landkreises 14 Schulen. Den Schwerpunkt bilden berufliche Schulen jedweder Art plus die ehemaligen Sonderschulen. Bei letzteren handelt es sich um sonderpädagogi- sche Bildungs- und Beratungszentren, die körperlich und geistig behinderte Schülerinnen und Schüler unter richten. Hinzu kommen Besonderheiten wie die Landwirtschaftsschule oder die Klinikschulen. Insoweit bedienen wir ein breites Spektrum. Sorgen bereiten allerdings die rückläufigen Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar- Kreis, heißt, viele junge Leute gehen auf die Hoch- schulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungs- weg abgeschnitten. Wenn die Schülerzahlen rückläufig sind – sehen Sie da einen Handlungsbedarf? Schüler zahlen, die von 11.000 auf knapp 9.000 ge- sunken sind, aber das ist ein allgemeiner Trend. Allerdings: Die Akademisierung beobachten wir natürlich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis, heißt, 54 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

viele junge Leute gehen auf die Hochschulen und sind insoweit vom beruflichen Bildungsweg abge- schnitten. Da gibt’s keine einfachen Antworten. Wir werden in der Region intensiver zusammen- arbeiten müssen und es werden Schularten von einigen Schulen verschwinden, die es vielleicht in Tuttlingen oder in Rottweil gibt. Und anderes wird nach Villingen-Schwenningen, Donaueschingen oder Furtwangen kommen. Mein Ehrgeiz ist es, dass wir diese Dezentralität halten können, weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir beispielsweise auch im Bregtal, wo wir eine starke Industrie vorfinden, den Indu strie- unternehmen und den Bürgerinnen und Bürgern ein Angebot machen können. Aber das wird nicht in jedem Segment möglich sein, da wird es Konsolidie- rungsbedarf geben. Ein großes Projekt in der Amtszeit von Landrat Gutknecht war der Neubau des Landratsamtes, ein- geweiht 1991. Wie sieht es heute mit der räumlichen Situation aus? Rainer Gutknecht kam aus einer modernen Verwal- tung und war dann im Kaiserring untergebracht, in alten dicken Mauern, wo moderne Verwaltung nicht möglich ist. Zeitgleich kam der Wunsch nach Bürgernähe und Transparenz auf. Man wollte weg von der ‚preußischen Obrigkeitsverwaltung‘ hin zu einer Verwaltung, die auf Augenhöhe kommuniziert. Architektur macht auch etwas mit den Menschen, die in diesen Gebäuden arbeiten. Das darf man nicht geringschätzen. Unser Landrats amt auf dem Hopt- bühl ist der beste Beweis dafür: Obwohl das 1991 eingeweihte Gebäude mittlerweile über 30 Jahre alt ist, wirkt es nach wie vor modern und besitzt eine tolle Ausstrahlung – angelehnt an die Schwarzwald- architektur mit viel Glas und Holz. 1. Januar 2005 wurden viele Sonderbehörden aus der unteren staatlichen Verwaltungsebene ins Landrats- amt eingegliedert. Viele staatliche Aufgaben sind an die Landratsämter übertragen worden, das führt auch heute noch zu zusätzlichem Raumbedarf. Den- ken Sie an das alte historische Villinger Krankenhaus, wo wir mit dem Gesundheitsamt in der Herdstraße untergebracht sind und das wir vor einigen Jahren saniert haben. Zuletzt kauften wir das Postgebäude in der Bahnhofstraße, da ist kein Stein auf dem an- deren geblieben (siehe S. 30). Wie bereitet sich der Landkreis auf die Herausforderun- gen unserer neuen Arbeitswelt vor? Stichwort Digitalisie- rung, Teilzeitbeschäftigung und Homeoffice. Wir beobachten auch bei jungen Leuten ohne Kinder verstärkt den Wunsch, lediglich 70 oder 80 Prozent zu arbeiten. Als moderner Arbeitgeber muss man das ermöglichen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man schwarz oder weiß sagen kann. Man muss sich da weiterentwickeln. Das haben wir in den letzten Jahren getan. Wir versuchen in den neuen Gebäuden „atmende Systeme“ zu ermöglichen. Damit wir, auch wenn wir Stellenzuwächse haben, nicht zwingend mehr Flächen schaffen müssen. Homeoffice, mobiles Arbeiten und Teilzeitbe- schäftigung, das sind die Schlagworte dieser neuen Arbeitswelt. Ich bin richtig neugierig: Im Kreisju- gendamt versuchen wir das alles. Da haben wir tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich auf diesen Prozess einlassen. Wir haben sie nicht einfach in die- se neue Welt des Arbeitens hineingeschickt, sondern sie haben sich in einem mehrjährigen Prozess auf diesen Weg gemacht, z.B. Akten digitalisiert und ins- gesamt konsequent auf Digitalisierung gesetzt. Und dennoch ist das Landratsamt zu klein. Der Land- kreis hat das ehemalige Villinger Postamt erworben und saniert, um die räumlichen Möglichkeiten zu erweitern… Natürlich sind die Anforderungen an das Landrats- amt aus seiner Bauzeit nicht mit denen zu verglei- chen, die sich uns 2023 stellen. Da gab es Verwal- tungsreformen kleinerer und größerer Art. Zum Wie groß ist der Bedarf an Homeoffice? Corona war natürlich ein Treiber. Wir hatten zeitwei- se über 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice und werden einiges auch nicht zurück- schrauben. Aber wir merken ebenso, dass die Kolle- ginnen und Kollegen auch gerne ins Büro kommen, um interagieren zu können. Ich blicke diesbezüglich gespannt in die Zukunft, was unsere neue Welt des Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 55

 

 

 

Die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg sind geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Arbeitens noch an Veränderungen hervorbringt. Verschließen dürfen wir uns diesen Entwicklungen keinesfalls. Ein weiteres großes Thema ist und bleibt der Nahver- kehr. In der Amtszeit Ihres Vorgängers Karl Heim wurde der Ringzug aufs Gleis gesetzt. Im August 2003 ist er das erste Mal gefahren und eine Erfolgsgeschichte ge- worden… Absolut. Der Bundesgesetzgeber entschloss sich in den 1990er-Jahren zur Regionalisierung, heißt: Die Bundesländer bekamen Geld vom Bund, um den Nahverkehr in die Fläche zu entwickeln, unser Landkreis profitierte davon. Jetzt stehen wir vor dem Sprung in die neue Zeit, in der wir alle Strecken elek- trifizieren wollen. So auch die Strecke zwischen Vil- lingen-Schwenningen und Rottweil, damit wir letzt- lich besser an die Landeshauptstadt angeschlossen sind. Was wir nach Freiburg mit der Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn geschafft haben, wollen wir auch in Richtung Stuttgart erreichen. Es gibt Überlegungen, den Ringzug nach St. Georgen auszubauen. Wie konkret sind sie? Sehr konkret, die Strecke ist dank der Schwarzwald- bahn bereits elektrifiziert. Es geht zuallererst um den Bau neuer Haltepunkte. Das ist unsere Aufgabe und so sind auch die Verträge mit der Deutschen Bahn und dem Land Baden-Württemberg geschlossen. Derzeit befinden wir uns in der Planungsphase. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen wollen wir schaffen. Ebenfalls in die Amtszeit von Karl Heim fällt die Neuordnung der Krankenhauslandschaft, die 2013 zur Eröffnung des Schwarzwald-Baar Klinikums führte. Wie bewerten Sie diesen Klinikneubau heute? Das war zweifelsfrei unser bislang größtes Projekt. Wir hatten im Schwarzwald-Baar-Kreis zuletzt noch sechs Krankenhausstandorte, die auf zwei reduziert wurden. Es ging darum, ein sehr leistungsfähiges Klinikum zu verwirklichen, das auf universitärem Niveau arbeitet. Sie müssen sehen: Wir haben 56 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

zwischen Freiburg und Tübingen dieses große Schwarzwald-Baar Klinikum mit zwei Standorten geschaffen, nämlich dem Neubau in Villingen- Schwenningen und dem sanierten Bestandsbau in Donaueschingen. Deswegen können wir Medizin auf technisch höchstem Niveau bieten. Wir haben über 300 Mio. Euro investiert und bilden ein sehr gutes medizinisches Portfolio ab. Da würde ich mal sagen: Alles richtig gemacht! Aber man hört auch Klagen. Zu groß, zu unpersönlich… Ich will diese Kritik keinesfalls kleinreden, doch Sie müssen sehen: Wir verfügen in Deutschland über eines der international besten medizinischen Syste – me. Ich glaube schon, dass die Medizin vor 20 oder Das im Jahr 2013 eröffnete Schwarzwald-Baar Klinikum. 30 Jahren individueller war. Doch keinesfalls, dass sie besser gewesen ist. Ich glaube, dass die Pflege mehr Zeit hatte pro Patient. Diese menschliche Komponente ist wichtig, daran müssen wir weiter intensiv arbeiten. Aber wir haben na tür lich in der Medizin eine enorme Technisierung erlebt, die man schätzen sollte. Wenn Sie eine Krebserkrankung oder andere gesundheitliche Herausforderungen zu bewältigen haben, dann brauchen Sie dringend eine technisierte Hochgerätemedizin wie sie das Schwarzwald-Baar Klinikum bietet. Das kostet sehr viel Geld, wir müssen somit schau- en: Wie können wir mit einem solchen Haus, mit dem Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 57

 

 

 

Ob Bildung und Ausbildung wie sie u.a. die Landesberufsschule für das Hotel- und Gaststättengewerbe bietet oder der Ringzug, der einen hervorragend getakteten Nahverkehr ermöglicht: Für Landrat Sven Hinterseh geht es darum, im Schwarzwald-Baar-Kreis vor Ort Strukturen zu schaffen, die zukunftsfest sind. niemand Gewinne einfahren will, zumindest eine schwarze Null schreiben? All die Einheiten, die im Land und in der Republik über mehrere Jahre rote Zahlen schreiben, verschwinden irgendwann. Sie sehen ja selbst, was hier in der Raumschaft passiert ist. Man hat damals mit Nachbarlandkreisen gesprochen, die betonten, dass der Standort X oder Y erhalten bleiben müsse. Diese Standorte gibt es heute alle nicht mehr, das Faktische setzt sich irgendwann einfach durch. Deswegen bin ich dankbar, dass das Klinikum realisiert werden konnte. So sehe ich auch meine Aufgabe, dass wir schauen müssen, dass wir hier vor Ort Strukturen schaffen, die zukunftsfest sind. Es war genau die richtige Entscheidung, nicht nur zu jammern und zu klagen, sondern sich zu fragen: Was können wir tun, damit wir eine gute medizinische Versorgung haben? Und natürlich ist kein System so gut, dass es nicht verbessert werden kann. An den Dingen, die noch nicht so gut sind, arbeiten wir je- den Tag, damit wir besser werden. Meter „einfach so“ unter der Erde! Wir haben für dieses Projekt Förderzusagen von über 100 Mio. Euro bekommen, noch ist nicht ganz alles verbaut, aber sehr, sehr viel erreicht. Wir wollen nicht, dass der Ländliche Raum ab- gehängt wird. Dort aber stellt sich die Problematik: hoher Invest, wenig Nutzer – wie kriegt man das hin? Deswegen bin ich als Vorsitzender des Zweckverban- des Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar dankbar, dass das Land Baden-Württemberg als eines der ers- ten Länder in Deutschland ein Förderprogramm auf- gelegt, immer wieder modifiziert und verbessert hat. Seit einigen Jahren unterstützt uns auch der Bund mit Millionenbeträgen. Ich bin durchaus stolz darauf, was wir erreicht haben: Die Zahl der Anschlüsse ist hoch, was die Bedeutung dieser Initiative unterstreicht. Schauen wir uns ebenso die Entwicklung im Sozial- bereich an, dort scheint die Ausgabensteuerung beson- ders problematisch? Ein weiteres großes Thema ist der Glasfaserausbau, die Aufgabe, das Highspeed-Internet im möglichst gesam- ten Landkreis verfügbar zu machen. Wie beurteilen Sie den aktuellen Projektstand? Das Schwierige beim Thema Glasfaserausbau ist: Sie sehen nichts, die Kabel verschwinden Meter um Wir leben in einem Sozialstaat. Ich bin dankbar, dass die Bundesrepublik als sozialer Bundesstaat gegrün- det wurde. Insbesondere der Bundesgesetzgeber hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Sozialleistun- gen geschaffen, die es vor Ort umzusetzen gilt. Da sind wir als Sozialamt im Schwarzwald-Baar-Kreis die zuständige Stelle. Das ist eine sehr wichtige Aufga- 58 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Die Landräte Sven Hinterseh, seit 1. Juni 2012 im Amt, Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996, verst. 2018) und Karl Heim (1996 – 2012), fotografiert beim Landratsamt aus Anlass des 40-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jahr 2013. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. be, die in der Tat auch haushalterisch sehr wirksam ist. Über 50 Prozent des Kreishaushalts fallen in den Bereich der Sozialausgaben. Das ist schon erheblich. Tendenz steigend? Tendenz steigend, weil immer wieder neue Aufga- ben vom Bundesgesetzgeber identifiziert werden. Weil die Entwicklung so ist, dass natürlich – jetzt haben wir gerade eine hohe Inflation – in der Regel die Summen dynamisiert und angepasst werden. Die Ausgabenzuwächse bereiten mir aber schon erheb- liche Sorgen! Wir haben in unserer Region fast Voll beschäftigung. Man mag gar nicht daran denken, wie sich die Ausgaben entwickeln würden, wenn wir in eine echte Arbeitsmarktkrise, wie wir es damals bei dem Zusammenbruch der Uhren- und Phono- industrie hatten, geraten würden. Ist das Sozialamt auch von seiner personellen Ausstat- tung her das größte Amt? Wie viele Mitarbeiter sind dort beschäftigt? Weit über hundert und damit ist das Sozialamt das größte Amt. Wenn Sie allein an das Bundes teilhabe- gesetz und die Eingliederungshilfe denken, bei der wir uns um gehandikapte Personen kümmern und jeden einzelnen Fall gesondert betrachten, dann erklärt sich der personelle Aufwand. Das kann man Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh 59

 

 

 

kritisieren, aber ich glaube schon, dass es eine große Errungenschaft der Bundesrepublik ist, dass wir uns nicht rein der Freien Marktwirtschaft, sondern der Sozialen Marktwirtschaft verschreiben. Es gilt den Schwächeren beizustehen. 2022 sind Sie zehn Jahre im Amt – wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft? Ich wurde im März 2012 gewählt, 2020 für weitere acht Jahre im Amt bestätigt. Ich lege all meine Kraft und meine Fähigkeiten in dieses Amt und das gilt auch für die kommenden Jahre. Jetzt habe ich noch ein Mandat für sechs Jahre. Dieses Mandat will ich bestmöglich mit meiner ganzen Kraft, mit meinem Ideenreich- tum und mit meiner Kompetenz ausfüllen. Wir sind alle gut beraten, die wir in Wahlämtern sind, dass wir demütig sind und dass man nicht plant, was passiert. Man muss sich wieder neu bewerben und neu um Mehrheiten ringen. Deswegen mache ich eins nach dem anderen. Was wird an neuen Ideen und Aufgaben auf den Schwarzwald-Baar-Kreis und das Landratsamt zukom- men? Was sind die Großprojekte der Zukunft? Der öffentliche Personennahverkehr bleibt nach wie vor eine zentrale Aufgabe. Wir stehen jetzt mitten in den Verhandlungen mit den Landkreisen Tuttlingen und Rottweil und dem Land Baden-Württemberg. Wir wollen einen schlagkräftigen Verbund mit einem sehr attraktiven Tarifsortiment in der Region Schwarzwald- Baar-Heuberg schaffen. Wir wollen noch mehr Verantwortung im Schienenpersonen- nahverkehr übernehmen. Ich hatte Ihnen vorher gesagt, dass wir Ideen haben, wie wir den Ringzug weiterentwickeln können. Die Ringzugerweiterung nach St. Georgen ist nur ein kleiner Baustein. Es geht darum, dass wir in der Region dieses System weiter ausbauen. Wir müssen Sorge tragen, dass unsere Infrastruktur, Straße und Schiene, so ausge- baut wird, dass wir auch in zehn, 20 oder 30 Jahren wettbewerbsfähig sind. Für mich ist Robert Gerwig ein tolles Beispiel: Er hat vor rund 150 Jahren die Schwarzwaldbahn gebaut. Wir profitieren als Raumschaft jeden Tag davon, dass wir diese Schwarzwaldbahn haben. Vor über 50 Jahren wurde die Autobahn Stuttgart- Singen gebaut, von der wir jeden Tag profitieren. Ich will mir gar nicht vorstellen, was wäre, wenn wir die Schwarzwaldbahn und die Autobahn 81 nicht hätten. Das zeigt Das Landratsamt auf dem Hoptbühl in VS-Villingen. 60 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

 

 

 

Wir müssen sicherstellen, dass sich unsere Infrastruktur in einem guten Zustand befindet und – wo nötig – auch ausgebaut wird. Alle Themen- bereiche rund um die Bildung gehören für mich hier dazu. Bei unseren Jüngsten dürfen wir nicht sparen. Kein Kind darf uns verloren gehen! Und wir müssen konsequent den Weg hin zu einer möglichst dezen- tralen Energieerzeugung und -versorgung beschrei- ten. Und bei all dem müssen wir auch Sorge tragen, dass der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft nicht weiter verloren geht. Es gilt Spaltungen zu vermei- den und das Miteinander zu fördern. Wenn wir dies alles erreichen, dann bin ich zuversichtlich, dass der Schwarzwald-Baar-Kreis Zukunftsregion „Nummer 1“ wird. Wir die vor uns liegenden Herausforderungen nicht nur meistern, sondern, dass wir enger zusammenstehen, uns miteinander solidarisieren und dann insgesamt gestärkt sind. Herr Hinterseh, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. wie wichtig Infrastrukturprojekte für eine Raum- schaft sind und deswegen will ich mit meiner ganzen Kraft und mit der Unterstützung von Bund, Land und vieler Abgeordneten und mit Institutionen daran ar- beiten, dass wir diese Infrastruktur weiter ausbauen und im Wettbewerb mit anderen Regionen in Zukunft bestehen können. In welchen finanziellen Dimensionen bewegen wir uns hier? Wenn Sie den Glasfaserausbau und das Projekt Ringzug 2.0, wie wir es nennen, in der gesamten Region nehmen, dann reden wir von einer Investi- tion von jeweils rund 250 Mio. Euro. Das sind für uns schon ganz gewaltige Summen. Wo sehen Sie den Schwarzwald-Baar-Kreis in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren? Unser Landkreis steht natürlich im Wettbewerb mit anderen Kreisen und Regionen – und genau diesen Wettbewerb gilt es zu bestehen, das treibt mich tagtäglich an. Ganz allgemein ist der Erhalt der Daseinsvorsorge die zentrale Herausforderung. Der demografische Wandel wird sich in den ländlicheren Regionen stärker auswirken als in den Ballungs- räumen, das gilt übertragen auch für uns in unserem Landkreis. 61

 

 

 

SCHWARZWALD BAAR MOMENTAUFNAHMEN AUS EINEM QUELLENLAND von Wilfried Dold Die Triberger Wasserfälle – der weltweit bekannteste Hotspot des Schwarzwald- Baar-Kreises. Beim Kreisernte- dankfest 2022 in Bräunlingen. 82 72 Schanzengespräch: Olympiasieger Hans- Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze im Dialog mit Landrat Sven Hinterseh. 64 76 88 Der neue Donauursprung. Der Auerhahn (Foto: Erich Marek). ist mit dem Schwarzwald untrennbar verbunden. Doch er kämpft um sein Überleben: Die letzte Population im Schwarzwald-Baar-Kreis findet sich auf dem Rohrhardsberg. 62

 

 

 

Rohrhardsberg Elz Schonach Schiltachquelle Schiltach N Triberg Blindensee Gutach Elzquelle Schönwald Gutachquelle Bregquelle Brend Stöcklewald St. Georgen Niedereschach Königsfeld Brigachquelle Schwarzwaldbahn Mönchweiler Brigach Unterkirnach Dauchingen VILLINGEN-SCHWENNINGEN Neckar Gütenbach Vöhrenbach Breg Furtwangen Linach Wilde Gutach Neckarquelle Schwenninger Moos Tuningen Bad Dürrheim A864 Himmelberg A81 Blatthalde Brigachtal Breg Brigach DONAUESCHINGEN Bräunlingen Schellenberg Brändbach Riedseen Donau Hüfingen Gauchach Höllentalbahn Fürstenberg länge Eichberg Wutach Blumberg Buchberg Hoher Randen Dicht bewaldeter Schwarzwald, Triberger Wasserfälle und Kuckucksuhr treffen auf die weite Baar: Brigach und Breg, die in der Fürstenstadt Donaueschingen mit der Donau den zweitgrößten Fluss des Abendlandes hervorbringen. Gemeinsam bilden die topografisch grundverschiedenen Landschaften mit ihrer Mitte Villingen-Schwenningen seit 1973 den über 1.000 Quadrat kilometer großen Schwarzwald-Baar-Kreis. Sein 50-jähriges Bestehen im Jahr 2023 ist der Anlass für Momentaufnahmen – für Stipp visiten von Landrat Sven Hinterseh auf dem Rohrhardsberg und am Triberger Wasserfall oder für einen Dialog mit Olympiasieger Hans-Peter Pohl auf dem Sprungturm der Langenwaldschanze in Schonach. Für Gespräche und Impressionen beim Bräunlinger Kreis erntedankfest 2022 und Begegnungen am Donau beginn, einem Ort von europäischer Dimension. Damit werden stellvertretend für viele Aufgabenfelder zentrale kreispolitische Themen in den Fokus gerückt: Umwelt und Natur, Breitbandverkabelung, Tourismus, vereintes Europa sowie Schwarzwald und Baar als Heimat. Und Heimat braucht es in unserer krisen geschüttelten Zeit mehr denn je. 63

 

 

 

UNTERWEGS MIT RANGER NIKOLAS BINDER ROHRHARDSBERG – AUF DEM DACH DES QUELLENLANDES 64 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Der Rohrhardsberg gehört als beliebtes Wanderziel zu den bedeuten- den Naturschutzgebieten in Baden-Württemberg, dort findet sich eine der letzten Auerhahn-Popula tionen des Schwarzwaldes. Ranger Nikolas Binder (links) und Landrat Sven Hinterseh (rechts) engagieren sich im Zusammenspiel mit Naturschutz, ForstBW und Natur freunden dafür, dass der Auerhahn bei uns nicht ausstirbt! Bei einer Stippvisite am Rohrhards- berg wurde deutlich, wie kostbar dieses Naturschutzgebiet ist, in dem sich auf 1.153 Metern zugeich der höchste Punkt des Landkreises befindet. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 65

 

 

 

Oben: Wildblühende Arnikawiesen gibt es in Baden-Württemberg nur an wenigen Orten, der Rohrhardsberg ist einer davon. Unten im Tal ist der Schänzlehof zu sehen. Wie kostbar die Natur am Rohrhardsberg ist, dokumentiert eines der letzten Auerhahn vorkommen im Schwarzwald und das letzte im Schwarzwald-Baar-Kreis (Foto: Erich Marek). Auch das Knaben kraut hat in den Hoch- und Übergangsmooren seinen Lebensraum. 66 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Wenn auf dem Rohrhardsberg der Frühling einzieht und die Blumenwiesen blühen, geht er andernorts im Landkreis bereits in den Sommer über. Mächtige Felswände, Schonwald und naturnahe Bachläufe Naturschutz ist im Landkreis ein großes Thema. Mit über 530 Quadratkilometern sind mehr als die Hälfte des Schwarzwald- Baar-Kreises als Natura-2000-Gebiet geschützt. Als Leuchtturmprojekt gilt das Naturschutzgroßprojekt Baar. Auch im Großraum Rohrhardsberg – zwischen Elz und Wildgutach – liegen mehrere Schutzgebiete: Rohrhardsberg-Obere Elz, Yacher Zinken und Kostgefäll, Blindensee, Elzhof, Prechtaler Schanze-Ecklesberg und Laubeck-Rensberg. Hier wechseln sich großflächige Tannen- Fichten-Wälder ab mit artenreichen Weid- feldern, Bergwiesen und Hochmooren. Nikolas Binder ist als Ranger beim Regie- rungspräsidium Freiburg, Referat 56 Natur- schutz und Landschaftspflege angestellt und seit Januar 2022 für die Naturschutzgebiete am Rohrhardsberg, Blindensee und Kandel zuständig. Grund genug für eine Stippvisite des Landrates, dem der Naturschutz ein besonderes Anliegen ist – zumal am Rohr- hardsberg. Die Aufgabe als Ranger begeistert Nikolas Binder rundum, wie sich schon auf den ersten Metern einer morgend lichen Wanderung mit Landrat Sven Hinterseh zeigt. Er versteht sich als Vermittler zwischen der Natur und den Menschen. Die Besucher sollen verstehen lernen, weshalb sie am Rohrhardsberg oder Blindensee die ausge- schilderten Wege nicht verlassen dürfen, erläutert er eine seiner Hauptauf gaben. Er bewältigt sie überaus freundlich und kompe- tent: Der 26-jährige Ranger vermag zu fast jeder Pflanze und jedem Tier interessante Details zu berichten. Die Vögel erkennt er bereits an ihrem Gesang. Seit Januar 2022 ist Nikolas Binder ein „Schwarzwald-Baaremer“ mit Wohnsitz Schönwald. Von dort aus kann er die Natur- schutzgebiete rund um den Rohrhardsberg mit dem Fahrrad und teils sogar zu Fuß erreichen. Aufgewachsen ist er in Breunings- weiler, einem Stadtteil von Winnenden bei Stuttgart. Auf das Abitur folgte eine Lehre zum Forstwirt. Dann ließ er sich in Südafrika zum Field and Trailsguide ausbilden, um anschließend in Freiburg Waldwirtschaft und Umwelt zu studieren. Noch während des Studiums hat er im Nordschwarzwald Momentaufnahmen aus einem Quellenland 67

 

 

 

Der Rohrhardsberg ist ein Winterland – schneereich und kalt. Auf dem Übersichtsbild oben sind rechts der Ochsenhof, darüber der Erlenhof und weiter oben der Schänzlehof zu sehen. Unten: Im Schneegestöber mit Blick zum Schänzlehof. 68 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Das Gasthaus zur Schweden- schanze, das „Schänzle“, bietet Winterwanderern eine willkommene Einkehrmöglich- keit. als Trecking-Guide gearbeitet, kennt seinen heutigen Arbeitsplatz in über 1.000 Metern Höhe somit schon länger. Unterwegs zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises Es geht an diesem 22. Juli durch schattige Schonwaldgebiete hinauf zum höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, der sich auf 1.153 Meter Höhe befindet. Nikolas Binder schildert, was dieses Naturschutz- gebiet so besonders macht: Auerhahn, wild blühende Arnikawiesen, seltene Orchi- deen – Schonwaldgebiete. An der Seite des Rangers geht es durch eine subalpine Landschaft. Selbst Pflanzen mit ansonsten alpiner Verbreitung wie Alpen-Milchlattich und Alpen-Dost oder eher im alpinen Raum anzutreffende Vogelarten wie Raufußkauz und Ringdrossel sind hier daheim. Und nur am Rohrhardsberg und auf dem Brend wächst in Baden-Württemberg das gelb oder rot blühende Holunder- Knabenkraut. Auf nährstoffreicheren Böden wären diese Orchideen anderen Gewächsen hoffnungslos unterlegen, sie würden über- wuchert. Um Arnikawiesen oder das besagte Knabenkraut zu erhalten, braucht es eine naturnahe, extensive Landwirtschaft. Und geschützte Lebensräume wie Borstgras rasen, Hoch- und Übergangsmoore, Moorwäl- der, Auenwälder mit Erle, Esche, Weide, Hainsimsen- Buchenwald sowie Schlucht- und Hangmischwälder. Sie alle kommen im Rohrhardsberggebiet vor. Der Weg führt begleitet vom intensiven Austausch über Naturschutzbelange am Rohrhardsberg stetig bergauf – schließ- lich ist der höchste Punkt erreicht: Der 1.153 Meter hohe „Gipfel“ liegt inmitten eines Fichtenmeers das keinerlei Aus blicke zulässt. Hier verläuft zugleich die Grenze zwischen den Landkreisen Emmendingen und Schwarzwald- Baar. Mit 1.153 Meter überragt der Rohrhards berg den wenige Kilometer entfernt liegenden 1.149 Meter hohen Brend bei Furtwangen um gerade einmal vier Meter. Eines aber haben die beiden höchsten Erhebungen im Quellenland gemeinsam: Momentaufnahmen aus einem Quellenland 69

 

 

 

„Lücken für Küken“ heißt eines der Schutz- programme, mit denen am Rohr- hardsberg dank der Hilfe von Frei- willigen das Über- leben der dortigen Auerhahn-Popu- lation gesichert werden soll. Foto: Erich Marek Nir gends sonst im Landkreis ist der Winter strenger. Vorausgesetzt, dass er in Zeiten des Klimawandels auch einer ist. Es zieht die beiden Wanderer ans Licht. Dorthin, wo die Morgensonne die Augen förmlich blendet. Am 50 Meter tiefer lie- genden Waldrand bietet sich ein imposan- ter Blick über den Mittleren Schwarzwald hinweg: Links im Tal liegt der Schänzlehof, der höchstgelegene Bauernhof im Land- kreis, rechts die „Schweden schanze“. Eine urige Vesperstube, die unter Denkmalschutz steht. Der Blick streift über das Wäldermeer bei Schonach, Schönwald und Furtwangen. Etliche dieser Wälder sind wie der Rohrhards- berg als Schonwaldgebiete ausgewiesen und sich somit teils selbst überlassen. Schutz der Auerhahn-Population genießt Priorität Der Blick über die Landschaft macht deutlich, welch immens großes Gebiet der Ranger zu betreuen hat. Landrat Sven Hinterseh fragt nach, was hier alles zu leisten ist. Nikolas Binder nennt neben Naturschutz und Landschaftspflege die Mitwirkung bei der Besucherlenkung, naturparkspezifische Bildungs- und Informationsarbeit, aber auch die Unterstützung von naturschutz relevanten Forschungsaktivitäten. Vor allem aber schützt der Ranger bestmöglich die Brutgebiete des vom Aussterben bedrohten Auerhahns vor unliebsamen Besuchern. Der Rohrhardsberg war deshalb im Frühjahr 2022 ein Schwer- punkt seiner Tätigkeit: Auerhühner reagieren in der Paarungszeit äußerst empfindlich auf Störungen. So galt es, zur Balz- und Brutzeit das Auerhahngebiet in Zusammenarbeit mit Forst BW groß flächig zu überwachen. Das Auerhuhn hat im Rohrhardsberg- gebiet (noch) eine kleine Population. Sie stellt eine wichtige Verbindung zwischen den Vorkommen im Nordschwarzwald (Natio- nalpark) und dem Feldberggebiet dar. Auer- hähne benötigen vor allem lichte Wälder mit ausreichenden Heidelbeer-Beständen. Ini- tiativen wie „Lücken für Küken“ im Rahmen 70 Der Rohrhardsberg

 

 

 

Blick zum Erlenhof. Typisch für den Rohrhardsberg sind die Halden aus mächtigen Granitfelsen des Biodiversitätsprogramms des Landes sind eine wichtige Hilfe. Naturfreunde schaf- fen diese „Lücken für Küken“ ehrenamtlich. „Viele setzen sich am Rohrhardsberg für den Naturschutz ein“, freut sich Nikolas Binder. Corona verstärkt den Zustrom Nikolas Binder verdankt seine Stelle aber auch den Corona-Zeiten, die am Blindensee den Zulauf noch verstärkt haben. Der tinten- schwarze Hochmoorsee an der Gemar- kungsgrenze von Schonach/Schönwald ist ein touristischer Hotspot. Schon kurz nach Sonnenaufgang sind hier die ersten Wanderer unterwegs. Und ebenso spätabends. Um die Tier- und Pflanzenwelt dort und am Rohr- hardsberg vor den Folgen dieses intensiven Zulaufs bestmöglichst zu schützen, macht Nikolas Binder u.a. im Rahmen von geführ- ten Wanderungen mit den Besonderheiten der Natur vertraut. „Was man kennt, das schützt man auch“, lautet seine Devise. Der Rohrhardsberg ist bei der Besucher lenkung der weitaus ruhigere Flecken, den der Ran- ger zu betreuen hat. Der Grund ist simpel: Mit dem Auto kommt man nicht bis zum Gipfel. Auch verhalten sich die Besucher die- ses Naturschutzgebietes anders als die des Blindensees, sie sind mit den Belangen des Naturschutzes besser vertraut. Und während am Blindensee nahezu ständig „Hochbe- trieb“ herrscht, gibt es am abseits liegenden Rohrhardsberg auch „stille Momente“. Die Erfahrungen von Nikolas Binder sollen unmittelbar in die Arbeit der Natur- schutzbehörde des Landkreises ihren Ein- gang finden. Landrat Hinterseh lädt ihn ab- schließend zu einem Fachaustausch mit dem Naturschutz ins Landratsamt ein. Sein Fazit ist rundum positiv: 50 Jahre Schwarzwald- Baar-Kreis bedeuten auch 50 Jahre intensive Hinwendung zum Schutz und Erhalt seiner einzigartigen Natur. Eine enge Verzahnung aller Bemühungen auf diesem Weg sind unabdingbar – Stippvisiten wie diese tragen dazu bei, auf diesem Weg wieder ein gutes Stück voranzukommen. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 71

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – AUF STIPPVISITE BEI HANS-PETER POHL WIE BREITBAND-TECHNOLOGIE EINEN OLYMPIASIEGER WELTWEIT LIVE AN DIE SPRUNGSCHANZEN BRINGT „Als Sportler bin ich über ein Jahrzehnt lang um die Welt geflogen. Daheim aber ist für mich Schonach, der Schwarzwald und Schwarzwald-Baar.“ Diese Worte stammen von Hans-Peter Pohl, Mannschafts-Olympia- sieger in der Nordischen Kombination des Jahres 1988. Seine Schilderungen zu seiner Sportlerkarriere im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh im Juli 2022 komplettiert diese Ausführungen zum „Daheim-Sein“ um eine weitere Komponente: „Daheim“ war der Nordische Kombinierer auch auf den Loipen und Sprungschanzen dieser Welt. Und Hans-Peter Pohl ist es weiterhin – wenn auch oft digital, wie er auf den Stufen des Sprungturms der Schonacher Langen- waldschanze sitzend erzählt: Seit Jahren kommentiert der Olympiasieger als Experte bei Live-Übertragungen von Eurosport die Wettkämpfe in der Nordischen Kombina- tion. Doch er sitzt dabei mittlerweile nicht immer vor Ort in einem Pressezentrum mit Blick zur Sprungschanze oder Loipe, sondern ab und an auch daheim im Dachgeschoss seines Eigenheimes in einem Mini-Studio. Modernste Breitbandtechnik macht es mög- lich, dass Hans-Peter Pohl von Schonach aus ohne Zeitverzögerung zum Fernsehbild das Geschehen kommentieren kann. Nicht nur in Corona-Zeiten eine enorme Erleichterung. Landrat Sven Hinterseh merkt an, dass dank der Breitbandverkabelung durch den Zweckverband Breitbandversorgung die- se besondere Form des „Homeoffice“ in Schonach erst möglich geworden sei. Der Landkreis investiert in diese Technologie ins- gesamt über 200 Mio. Euro. Hans-Peter Pohl ist mit ganzem Herzen Schonacher, sein Haus hat er mit Aussicht auf die Sprungschanze gebaut. Keine Frage, dass eine Stippvisite bei ihm an der Langen- waldschanze stattfinden muss. Als der 39 Meter hohe Sprungturm über unzählige Treppenstufen hinweg bestiegen ist, gilt mit luftiger Aussicht auf Schonach die erste Fra- ge dem Skispringen: Nein, Hans-Peter Pohl würde heute nicht mehr über die Langen- waldschanze springen, antwortet er Sven Hinterseh. Und auch was die Olympiaschan- zen in Peking anbelangt, hat er eine klare Mei- nung: Noch gigantischere Sprungschanzen, das muss einfach nicht sein. Diese Entwick- lung sei der immer größeren Kommerziali- sierung des Sports zuzuschreiben. Als „noch brutaler“ bewertet er die zu erwartende Gender-Quote: Diese besagt, dass ab 2030 in der Nordischen Kombination auch Frauen am Start sein müssen. Ansons- ten droht ihr, dass sie als reiner Männersport aus dem Olympia-Programm gestrichen wird. Ein Wettkampf, der seit 1924 bei den Olym- pischen Spielen vertreten ist und dem der Schwarzwald und das Skidorf Schonach ihr weltweites Renommee als Wintersport region maßgeblich mitverdanken! Erster Sieg im Alter von sieben Jahren Mit sechs Jahren trainiert Hans-Peter für die Nordische Kombination, als Siebenjähriger feiert er 1972 strahlend seinen ersten Sieg im Skispringen. 1977 belegt der Schonacher den zweiten Platz bei der Deutschen Schüler- meisterschaft, wird 1979 Deutscher Meister Zur Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh (rechts) an der Schonacher Langen wald- schanze hat Hans-Peter Pohl (links) seine Goldmedaille von den Olympischen Spielen 1988 im kanadischen Calgary mitge- bracht. 72 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hans-Peter Pohl 1988 mit der olympischen Gold- medaille für den Sieg in der Mann- schaftswertung. Rechts der Sprung zum Gewinn der Weltmeisterschaft in Oberstdorf 1987. Fotos: Sammy Minkoff in der Altersklasse bis 14 Jahre. Dieser Titel markiert endgültig den Beginn einer groß- artigen Sportlerkarriere: Hans-Peter Pohl erkämpft sich in der Folge zwölf Deutsche Meistertitel, davon viermal bei den Senioren. Zweimal holte er sich den Alpincup-Gesamt- sieg in der Nordischen Kombination sowie im Spezialspringen. Der Weltmeistertitel im Jahr 1987 in der Mannschaft mit Hermann Weinbuch und Thomas Müller in Oberstdorf und 1988 der Olympiasieg in Calgary in der Mannschaft mit Thomas Müller und Hubert Schwarz ge- raten zu den Höhepunkten seiner Karriere. 1991 erzielt der Schonacher Platz fünf bei der WM in der Einzelwertung und 1993 Platz drei mit der Staffel. Über zwölf Jahre hinweg ist Hans-Peter Pohl ein Mitglied der Deutschen Nationalmannschaft. Wie schnell der sportliche Ruhm selbst in den eigenen Reihen verblassen kann, erfährt der Nordische Kombinierer am Karriere ende: Im November 1993 kündigt er seinem Team die letzte Saison als Profi an. Wie Hans-Peter Pohl heute weiß, war diese Fairness ein Fehler. Augenblicklich wird der frühere Welt- meister und Olympia sieger sowie Staffel- WM-Dritte des Jahres 1993 aufs Abstellgleis geschoben. Als die Nordischen Kombinierer ausgerechnet beim Schwarzwaldpokal 1994 in Schonach neue Sprunganzüge erhalten, wird Hans- Peter Pohl übergangen. Sein Trainer teilt ihm kurz darauf telefonisch mit, gleich welche Leistung er auch bringe, für die Olympischen Spielen 1994 im norwegi- schen Lillehammer werde er nicht nominiert. Auf die Sportkarriere folgt der Erfolg als Fernsehkommentator So fährt Hans-Peter Pohl auf eigene Rech- nung zu Olympia, was sich als Glücksfall erweist. Er trifft bei der Schanzenanlage zufällig auf Dirk Thiele, Kommentator beim Fernsehsender Eurosport. Dieser bietet dem Schonacher spontan an, mit ihm zusammen das olympische Spezialspringen zu kommen- tieren. Eine Hürde allerdings gilt es noch zu nehmen: Da er bei Olympia nicht als Journa- list akkreditiert ist, schleicht sich Hans-Peter Pohl frühmorgens in den Kampfrichterturm, fällt dort nicht weiter auf. So kann er nach- mittags sein Debüt als TV-Experte geben. Eine Karriere beginnt, die bis heute andauert. Anfangs fliegt er dazu an jedem Wettkampfwochenende in die Eurosport- Zentrale nach Paris, um von dort aus zu kommentieren. Als die große Zeit von Martin 74 Olympiasieger Hans-Peter Pohl

 

 

 

Hoch über Schonach – beim Gespräch über Leistungssport, die Nordische Kombi nation und die Liebe zur Heimat auf der Langen- waldschanze: Landrat Sven Hinterseh (links) und Hans-Peter Pohl (rechts). Schmitt und Sven Hannawald anbricht und Skispringen über Nacht ein Millionenpubli- kum begeistert, nimmt neben ARD und ZDF auch Eurosport die Berichterstattung vor Ort auf. Hans-Peter Pohl reist jetzt als Fernseh- kommentator an jene Orte, die er in den Jah- ren zuvor als Sportler besucht hatte. Für den 29-Jährigen heißt es am Karriere- ende zudem, ins Berufsleben einzusteigen. Als Sportler mit Amateurstatus durfte er nicht einmal einen Sponsorenvertrag un- terzeichnen, eine Rücklage aufzubauen, war somit nicht möglich. Immerhin: Für die Olympische Goldmedaille gab es eine Prämie von 15.000 Mark. Die angestrebte Trainerkarriere erweist sich für Hans-Peter Pohl nach bestandener Prüfung im Jahr 1995 als der falsche Weg, er will den Skisport hinter sich lassen. Da kommt das Angebot der Schonacher Allianz- vertretung, ins Versicherungswesen einzu- steigen im richtigen Augenblick. „Das war das Perfekteste was mir passieren konnte“, so der frühere Profisportler. Denn eines hat sich mittlerweile gezeigt: Olympiaruhm der bleibt – überall wird der sympathische Scho- nacher mit offenen Armen empfangen. Noch heute gibt es Autogrammanfragen. Und Landrat Sven Hinterseh freut sich: „Ein Olym- piasieg, das ist doch irre!“ So bekommt der frischgebackene Ver- sicherungsmann selten Absagen auf Ge- sprächsanfragen. Auch wenn die Kunden sich fragen: Kann der das? „Ich musste mich in diesem Umfeld erst beweisen“, erinnert sich der Sportler, was ihm jedoch glückt. Beim Abstieg vom Sprungturm verrät Hans-Peter Pohl, dass er mit seiner Frau Anja und den Söhnen Dominik und Patrick in wenigen Stunden nach Kanada fliege, wo Tochter Jacqueline die Liebe fürs Leben gefunden habe. Auch deshalb ist die Breit- band-Internetverbindung für die Pohls noch bedeutender geworden. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 75

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – WO IM LANDKREIS DER TOURISMUS BEGANN WELTBEKANNTE WASSERFÄLLE: DAS GOLD VON TRIBERG Wenn der Landrat aus Anlass des 50-jährigen Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises auf Stippvisite im Landkreis unterwegs ist, gehören die Triberger Wasserfälle als „der“ touristische Hotspot einfach dazu. Sven Hinterseh wird am Eingang zum Wasserfall- gebiet von dem Mann erwartet, der hier für die Ordnung und Sicherheit die Verantwor- tung trägt: Bauhofleiter Hubert Kienzler. An diesem sonnigen Dienstag im Sommer 2022 verrät schon die Warteschlange am Kassen- häuschen, dass in Triberg neben Europa zumindest auch Asien, Indien und Amerika vertreten sind. Landrat Sven Hinterseh zeigt sich überzeugt, dass der Touris mus weit über Triberg hinaus von der Popularität der Was- serfälle profitiert. Bis hin zum über 110 Kilo- meter langen Premium wanderweg Wasser- WeltenSteig, den der Landkreis verwirklicht hat und der in Triberg bei den Wasserfällen beginnt und am Rheinfall in Schaffhausen endet. entlang der Felsen, der zum ersten der sechs Fälle hinaufführt. Am vierten Fall lädt ein Holz- steg dazu ein, mitten über dem Wasserfall zu stehen – sein Tosen ist ganz nah. Die Wasserfälle sind seit über 200 Jahren eine Touristenattraktion „The Triberg Falls“ gehören seit über 200 Jah- ren zu den bekanntesten Tourismus- Hotspots in Baden-Württemberg. Im Jahre 1805 er- schließt der weitsichtig agierende Obervogt Theodor Huber die Wasserfälle über ein Wegenetz für Besucher – das Interesse an diesem Naturspektakel steigt umgehend. Mit Inbetriebnahme der Schwarzwaldbahn setzt ab 1873 ein wahrer Tourismus-Boom ein, die Eisenbahn ermöglicht jedermann das Reisen. Auch gut betuchte Kurgäste entdecken jetzt Triberg, das schon bald in einem Atemzug mit dem nahen Titisee und dem Kurort Baden-Baden genannt wird. Immerhin gehören die Triberger Wasser- Auch die First Lady von Amerika weilt in fälle mit ihrer Fallhöhe von 163 Metern zu den höchsten in Deutschland. Und sind einsamer Spitzenreiter im Schwarzwald: Am nächsten kommen ihnen die 97 Meter hohen Todtnauer Wasserfälle. Sie sind indes mehr als doppelt so hoch wie die Gertelbachfälle mit ihren 70 Metern und mehr als viermal so hoch wie die Zweribach-Wasserfälle und der Todtmoser Wasserfall mit 40 Metern. Und sie sind vor allem eines: „Unglaublich schön“, wie Landrat Sven Hinterseh spontan äußert, als sich nach kurzem Fußweg der imposante Hauptfall vor ihm auftut. Überall stehen Menschen, schießen mit ihren Handys unzählige Erinnerungsfotos. Und begeben sich dann auf den Waldweg den 1890er-Jahren neben vielen weiteren bekannten Persönlichkeiten in der Wasser- fall-Stadt: Kaiser Wilhelm II., Reichskanzler Otto von Bismarck oder Ernest Hemingway waren Besucher der in sieben Stufen über 163 Meter ins Tal hinunterstürzenden Was- serfälle. Und mit der Kraft ihrer Wasserfälle erzeugen die Triberger ab 1884 ebenso den Strom für eine der ersten elek trischen Straßenbeleuchtungen in ganz Deutschland. Neue Kraft aus der Natur bei den Wasserfällen schöpfen Für Stadtmarketingleiter Nikolaus Arnold steht unumstößlich fest, dass die Wasserfälle Kraft am Wasser- fall schöpfen, die Licht- und Wasserspiele ge- nießen. Die Triber- ger Wasserfälle, Kuckucksuhr und Schwarzwaldbahn ziehen seit dem 19. Jahrhundert Besucher aus aller Welt an. 76 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

das Gold von Triberg sind. „Was fasziniert die Menschen an den Wasserfällen?“, frägt Land- rat Sven Hinterseh in die Runde. Nikolaus Arnold und Hubert Kienzler antworten, dass es das Natur erlebnis sei. Ein Blick in die Ge- schichte zeigt, wie sehr die Natur im Umfeld der Wasserfälle die Menschen seit jeher be- geistert. In den 1920er-Jahren beispielsweise wird die Luft im Wasserfallgebiet auf das Vorhandensein von Luftelektrizität hin unter- sucht. Sie soll Menschen dabei helfen, ihre Depressionen zu besiegen, so ein Arzt. Dass an der besonderen Kraft der Natur im Wasserfallgebiet etwas dran sein muss, beweist die Gegenwart in Form der Asklepios- klinik, die Menschen behandelt, die eine Krebserkrankung bewältigen müssen. Die Patienten besuchen nahezu täglich die Was- serfälle, verbringen viel Zeit dort. Sie schöp- fen neue Energie aus der Begegnung mit diesem besonderen Stück Natur. Nikolaus Arnold hat beobachtet, wie manche Wasserfallbesucher teils Stunden auf der Bank der Besucherplattform verbringen, um die Gischt der Wasserfälle und den Klang des herunterstürzenden Wassers zu genie- ßen. Zu den Wasserfall-Fans gehört der Leiter des Stadtmarketings auch selbst. Er schätzt den Triberger Hotspot ebenso bei Regen, Nebel, Kälte oder in wasser armen Sommer- monaten. „Es ist einfach ein ganz besonderer Ort für mich“, hält der gebürtige Triberger fest. „Die Menschen sollen sich am Wasser- fall und im umliegenden Waldgebiet einfach wohlfühlen“, beschreibt er das Bemühen der Stadt, dieses Landschaftsschutzgebiet so natürlich wie möglich zu halten. Selbst die Moose und Flechten auf den Granitsteinen entlang des Wasserfalles sind besonders und stehen unter Naturschutz. Corona stoppt den Wasserfall- Tourismus über Nacht Vor Corona lockten die Wasserfälle alljähr- lich weit mehr als 500.000 Besucher nach Triberg. Damit ist es mit Ausbruch der Pan- demie im Februar/März 2020 erst einmal vorbei. Nikolaus Arnold schildert, er erinnere sich mit Schrecken an die Oster- und Pfingst- feiertage 2020. Mutterseelenallein war er auf den Straßen in Triberg unterwegs. An Tagen, an denen üblicherweise Menschen aus aller Welt den Boulevard bevölkern und die Sou- venir geschäfte dort besuchen. Der ganzen Stadt sei angesichts dieser Leere bewusst geworden, wie sehr Triberg vom Tourismus profitiert, wie wertvoll die Wasserfälle sind. Dass die Triberger Wasserfälle derart be- rühmt und für die Stadt so bedeutend gewor- den sind, hängt neben der Schönheit der An- lage am Wasserfall auch mit ihrer zentralen Lage zusammen: Die Touristen müssen von der Stadtmitte aus nur wenige hundert Me- ter zu Fuß gehen, bis sie den Haupteingang zum Wasserfallgebiet erreichen. So bleibt die Kaufkraft der Wasserfall-Touristen in Triberg. Nirgends sonst auf der Welt findet sich ein Wasserfall „fast schon“ inmitten einer Stadt. Beim Triberg-Marketing dürfen auch Influencer nicht fehlen Landrat Sven Hinterseh verfolgt mit großem Interesse, wie die Triberger die sozialen Medien zur Belebung ihres Fremdenverkehrs nutzen. Nikolaus Arnold betont, Instagram, Facebook oder YouTube seien kein Allheil- mittel, aber fester Bestandteil im Portfolio des Tourismus-Marketings. Dass mit einfluss- reichen Influencern, die über entsprechend hohe Zahlen an Followern verfügen, heute Werbeverträge geschlossen werden, verstehe sich fast von selbst. Und dennoch, so Arnold, werden nach wie vor Prospekte in großer Zahl auch auf Papier gedruckt, da die Nach- frage diesbezüglich enorm sei. Woher stammen die Gäste? Zu bis zu 70 Prozent aus dem Ausland – 2022 sind es ungewöhnlich viele Spanier, die Triberg besuchen. Einen Einbruch gibt es als Folge von Corona bei den chinesischen Gästen. Einzelne Souvenir geschäfte hatten bereits Personal mit chinesischen Sprachkenntnissen eingestellt, weil das Kaufinteresse der Chine- sen enorm ist, besonders Schwarzwalduhren Rechte Seite: Die Triberger Wasserfälle im Frühjahr 2020, mitten in der ersten Corona- Welle. Ganze zwei Besucher stehen auf der ansonsten meist gut gefüll- ten Plattform am Fuß der Wasser- fälle und nehmen das obligatorische Selfie auf. 78 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 79

 

 

 

Oben: Landrat Sven Hinterseh im Gespräch mit dem Triberger Bauhofleiter Hubert Kienzler Mitte: Der Leiter des Triberger Stadtmarketings Nikolaus Arnold ist nicht nur be- ruflich, sondern auch privat ein Fan der Triberger Wasserfälle. Was es bedeutet, den Besucherfluss am Triberger Wasserfall zu lenken und die üblicherweise jährlich rund 500.000 Besucher mit den entspre- chenden Informationsmaterialien zu versorgen, zeigt Bauhofleiter Hubert Kienzler am Beispiel der Flyer und Eintrittskarten auf: Um die Kassen- häuschen am Wasserfall damit zu versorgen, ist ein einzelner Mitarbei- ter mehrfach im Jahr jeweils einen ganzen Tag lang unterwegs. Und auch die Sicherheit am Wasserfall braucht im Zeitalter der Selfie-Fotografen besondere Auf- merksamkeit. Die Touristen filmen und fotografieren unaufhörlich, suchen nach spektakulären Moti- ven, wie sie Influencer auf sozialen Netzwerken tagtäglich präsentieren. Die Folgen bleiben nicht aus: In jün- gerer Zeit sind diesbezüglich gleich mehrere besorgniserregende Vorfälle dokumentiert. Ein Asiate stürzt im Sommer 2018 bei der Suche nach eindrucksvollen Video bildern fast die Wasserfälle hinunter, weil er die offiziellen Wege verlassen hat. Der Mann kann sich mit letzter Kraft ans Ufer klammern, wie der Bauhofleiter schildert und muss von der Feuerwehr gerettet werden. Die Triberger Wasserfälle sind eben nicht nur schön, sondern auch gefährlich. sind gefragt. Dafür besuchen verstärkt Touristen aus den Arabischen Emiraten das „Triberg land“ – neben Gästen aus dem Elsass, der Schweiz, den Niederlanden sowie Ita- lien – und natürlich aus Deutschland selbst. Pflege der Anlagen beim Wasserfall ist aufwendig Doch dieser Ansturm will erst einmal logistisch bewältigt sein – die Pflege der weit verzweigten Anlage um den Wasserfall ist aufwendig, wie Bauhof-Leiter Hubert Kienzler bei der Stippvisite mit Landrat Sven Hinterseh darlegt. Baumkontrollen im mit Felshalden durchzogenen Waldgebiet nach Gewittern und Starkregen, Schnee- und Eiskontrollen im Winter und tägliche Reini- gungsarbeiten fallen an: Der Wasserfall hält das technische Personal der Stadt auf Trab. Äußerst positive Reaktionen auf die „Triberg-Inklusiv-Karte“ Für die Zukunft des Wasserfall-Tourismus gibt es in Triberg viele Pläne. Nikolaus Arnold betont, das Stadtmarketing werde kontinuierlich optimiert. So hofft er darauf, dass es gelingt, die Aufenthaltsdauer der Gäste auszubauen und die Saison über das Ende der Schulferien hinaus zu verlängern, da Triberg und sein Wasserfall auch im Herbst und Winter viel zu bieten haben. Ein Wandel ist bereits spürbar, so kommen Besucher aus Israel und der Niederlande 80 Hotspot Triberger Wasserfälle

 

 

 

verstärkt im Januar und Februar, verknüpfen ihren Aufenthalt mit Wintersport. Weiter versucht Triberg, mehr Busreisende in die Stadt zu bekommen. Ein Prozess, der Jahre dauern kann. Wer den Wasserfall besucht hat, auf den warten zahlreiche weitere Aktivitäten. Stolz ist Nikolaus Arnold auf die „Triberg-Inklusiv- Karte“: Mit dem Erwerb der Eintrittskarte zu „Deutschlands höchsten Wasserfällen“ ist zugleich der kostenlose Besuch des Schwarzwaldmuseums, des „Triberg-Landes“ mit interaktiven Modellbauanlagen sowie des Instagram-Museums „Triberg-Fantasy“ möglich. Hier können fantasievolle Fotos aufgenommen und augenblicklich um die Welt gepostet werden. Das ungewöhnliche Fotostudio findet großen Anklang, erfreut Besucher aller Altersschichten. „Das gesamte Umland profitiert von den Triberger Wasserfällen“ „Es ist ein großes Aufgabenpaket, das die Stadt Triberg mit dem Wasserfall-Tourismus zu bewältigen hat“, zieht Landrat Sven Hinterseh beim Gang zurück zum Haupt- eingang eine erste Bilanz seiner Stippvisite. Und er fügt hinzu: „Die Wirtschaftskraft der Wasser fälle strahlt weit über Triberg hinaus – das gesamte Umland profitiert.“ Doch keine Stippvisite in Triberg ohne einen abschließenden Blick in die Souvenir- läden. Es ist ein besonderes Erlebnis, in den Geschäften entlang des Boulevards mitzuver- folgen, wie sich Menschen aus aller Welt an Schwarzwalduhren erfreuen. Und sich oft da- zu entschließen, eine dieser Qualitäts uhren als Erinnerung an Triberg und den Schwarz- wald zu erwerben. Jedem Anfang liegt ein Zauber inne“ – die erste Stufe zum Wer- den des Triberger Wasser falles. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 81

 

 

 

KREISERNTEDANKFEST 2022 IN BRÄUNLINGEN GEFÜHLE UND IDEEN ZU ALL DEM WAS HEIMAT AUSMACHT 82 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Die Landjugend Weiler mit „Radio Heimatliebe“ (oben) und Mönchweiler mit „Scheibe für Scheibe Heimat erleben“ (Mitte). Heimat Wo fühlen Sie sich denn daheim? Die Frage von Landrat Sven Hinterseh gilt der Vorsitzen- den der Landjugendgruppe von Bräunlingen Sabrina Albicker im Anschluss an den Festzug im Rahmen des 61. Kreiserntedankfestes am 2. Oktober 2022. „In meiner Familie – hier in Bräunlingen“, lautet ihre Antwort. Die Frage, wo sich die Landjugend des Jahres 2022 im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim fühlt und was Heimat generell ist, bestimmt als Motto den kompletten Festzug. Und die ideenreich gestalteten Antworten erfreuen nicht nur den Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises: Weit über 10.000 Zuschauer säumen den Straßen- rand, klatschen den Akteuren begeistert Beifall. Ausgerichtet hat das Kreiserntedank- fest 2022 die Landjugendgruppe Bräunli ngen – unter stützt durch Freunde und weite- re Vereine. An der Spitze der Organisatoren stehen Sabrina Albicker und Jonas Glunk, die gemeinsam den zu gleich ältesten Landjugend- verein im Schwarzwald-Baar-Kreis leiten: Ihr Verein wurde am 7. Mai 1950 als erster gegründet – damals gehörte Bräunlingen noch dem Landkreis Donaueschingen an. Die Initiatoren waren Junglandwirte und Lehrer des Landwirtschaftsamtes. Zweck war es, den Junglandwirten durch die Gruppentreffen, die zumeist aus Feldbegehungen, Viehbeurteilun- gen und Vortragsabenden bestehen, weitere Informationen zu ihrem Beruf zu vermitteln. Die Landjugend Mundelfingen präsentiert „Trümpfe unserer Heimat“. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 83

 

 

 

Bei der Ehren- tribüne der Bräun- linger Landjugend. Bürgermeister Micha Bächle (v. rechts vorne) sowie Landrat Sven Hinterseh mit seinen Töch- tern Hannah und Charlotte. Schließlich widmet sich die Landjugend immer häufiger auch der Brauchtumspflege. So entsteht 1962 die Idee zum Kreisernte- dankfest heutiger Prägung. Die Premiere fin- det in Mundelfingen statt, im Oktober 1964 feiert die Landjugend erstmals in Bräunlingen. Variationen zum Thema Heimat Was Heimat sein kann, verdeutlichen die The menbeschreibungen zu den prächtig auf- gemachten Wagen des Kreiserntedankfestes 2022. Die Landjugend Hausen vor Wald prä- sentiert eine mit Feldfrüchten und Blumen verzierte Lupe. Ihr Motto: „Die Wertschät- zung liegt im Detail“. „Die Lupe hilft uns, die liebenswerten Details des Landlebens wieder zu erkennen und wertzuschätzen“, heißt es in der Begründung. „Auf der Suche wird klar – wir lieben unsere Heimat!“, lautet das Fazit. Die Landjugend Weiler präsentiert ihren Rundfunksender „Radio Heimatliebe“, der seine Hörer fragt: Was wertschätzt DU an un- serer Heimat?“ Die Begründung: „Oft verges- sen wir, wie vielseitig unsere Heimat und das Landleben sind. Wir von Radio Heimatliebe wollen deine Meinung hören! Ruf uns an und erzähl uns, was du besonders an unse- rer Heimat schätzt, damit wir uns allen ihrer Schönheit wieder bewusst werden! Denn wir l(i)eben das Landleben!“ Das Motto „Weil jedes Teil zählt!“ ist zugleich das Siegermotto, die Landjugend Brigachtal präsentiert nach Ansicht der Jury den besten Themenwagen. Sie erläutert es wie folgt: „Wie ein Puzzle setzt sich unsere Heimat aus vielen verschiedenen Teilen wie Familie oder Tradition zusammen, Stück für Stück entsteht das Gesamtbild – unser LANDLEBEN. Nur als Ganzes wird es zu dem, was wir LIEBEN.“ An der Erntefolge macht die Landjugend Brigach das Jahr fest: „Unser Jahr in allen Äh- ren“, lautet das Motto. Der Aasener Verein fragt: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ Die Land jugend Dauchingen/Hochemmingen sucht die „vielfältigen Bauklötze unserer Hei- mat“. Und Schonach freut sich: „Wir wohnen da, wo andere Urlaub machen.“ Wolterdingen schlägt „Die Brücke zu unserer Heimat“, prä- sentiert die markante Bregbrücke als Nach- bau. Unadingen beschäftigt sich mit der Land- flucht und Mundelfingen präsentiert „Die Trümpfe unserer Heimat“ als Kartenspiel. Rechte Seite: Mit tollen Wagen- aufbauten waren v. ob. links die Landjugend Brigach, Hau- sen vor Wald, Dauchingen/ Hochemmingen und Brigachtal beim Kreisernte- dankfest vertreten. 84 Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 85

 

 

 

„Ein Brauch mit großer Bedeutung“ Die große Zahl der Zuschauer zeigt auf, wie sehr die Landjugend mit ihrer Weltsicht die Herzen der Menschen berührt. An der Seite von Bräunlingens Bürgermeister Micha Bächle zeigte sich Landrat Sven Hinterseh von der Landjugend und dem in der Regel jährlich stattfindenden Kreiserntedankfest begeistert: „Es ist ein wichtiger Brauch mit großer Be- deutung. Der Umzug und seine Themenviel- falt sind ein Spiegelbild der Heimatliebe so vieler junger Menschen“, betont er. Mit Sabrina Albicker unterhält sich der Landrat nach dem Festzug mit einer der maßgeblichen Organisatorinnen des 61. Kreiserntedankfestes. Sie sei total über- wältigt vom Fest in Bräunlingen, am Ernte- dankumzug dabei sein zu können, sei ein unbeschreiblich schönes Erlebnis gewesen. Das Fazit der Bräunlinger Landjugend hat zwar auch mit Heimat, aber noch mehr mit Corona zu tun. Sabrina Albicker: „Endlich mal wieder richtig feiern können, zusammen zu sein, das war der größte Wunsch der jungen Menschen“. Und genau dieser Wunsch ist beim Kreiserntedankfest 2022 in Bräunlingen großartig in Erfüllung gegangen, betont sie auch im Namen von Jonas Glunck, der beim Erntedankfest gleichfalls rund um die Uhr im Einsatz war. Wie viele Vereine setzt im Übrigen auch die Bräunlinger Landjugend darauf, weitere Mitglieder zu finden. Wichtig ist ihr: Zum Verein könne sehr gerne auch dazustoßen, wer keinen Bauernhof besitze, so das Duo an der Spitze der Vorstandschaft. Rechte Seite, v. oben links: „Wie prägt uns unsere Heimat?“ fragt die Landjugend Aasen. Hondin- ger Trachtenpaar und Bregbrücke der Wolterdinger Landjugend. Die Umzugs wagen sind allesamt mit Feldfrüchten, heimischem Obst und Blumen geschmückt, hier der Wagen von Brigach. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/kreiserntedank Links: Sabrina Albicker vom Führungsduo der Landjugend Bräunlingen und Landrat Sven Hinterseh im Festzelt beim Kreisernte- dankfest. Die Erntekrone im Hintergrund wird ab November traditionell wieder im Landratsamt präsentiert. 86 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Momentaufnahmen aus einem Quellenland 87

 

 

 

MOMENTAUFNAHMEN – EIN NEUER ZUSAMMENFLUSS FÜR BRIGACH UND BREG DIE DONAU – WO EUROPA BEGINNT 88 Momentaufnahmen aus einem Quellenland

 

 

 

Am Zusammenfluss von Breg (links) und Brigach (Mitte oben). Der neue Donaubeginn in Donaueschingen hat sich in kurzer Zeit zu einem Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische gleichermaßen entwickelt.

 

 

 

Dass im Quellenland Schwarzwald-Baar mit der Brigach und der Breg zwei Schwarzwald- flüsse die Donau zuweg bringen, ist für den Landkreis ein besonderes Highlight. Doch spielte der Zusammenfluss – das Entstehen der Donau – unter touristischen Aspekten betrachtet eine bislang eher „untergeordnete Rolle“. Jetzt ist der Donaubeginn in Donau- eschingen neu gestaltetet. „Hier ist etwas richtig Großes entstanden“, freut sich Landrat Sven Hinterseh bei der offiziellen Eröffnung des neuen Donauursprungs am 29. Juni 2022. Er ist im Rahmen eines der größten Renaturierungsprojekte möglich geworden, die in Baden-Württemberg in jüngerer Zeit stattgefunden haben, so Umweltministerin Thekla Walker beim Festakt am Zusammen- fluss. Sie verwies auf Investitionen in Höhe von vier Millionen Euro. Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten Neben der Verbesserung des Lebensraums für die Tier- und Pflanzenwelt war es von Anfang an das Ziel, auch die Themen Naher- holung und Tourismus zu integrieren. „Das ist hier wunderbar gelungen, weil für die Natur ausreichend ungestörte Flächen ge- schaffen wurden“, stellte Umweltministerin Thekla Walker bei ihrem Besuch erfreut fest. Unter anderem sind Stege und Aussichts- plattformen beim Unterlauf von Brigach und Breg entstanden, die die Menschen zum Verweilen und Beobachten der zahlreich vor- kommenden Wasservögel einladen. Die internationale Staatengemeinschaft sei nicht nur bei der Energieversorgung mit- einander verbunden, sondern auch bei der Qualität ihrer Gewässer. „Umso wichtiger ist es, dass die Menschen in Europa ihre Flüsse als Lebensräume für Fische und viele andere Tier- und Pflanzenarten naturnah gestalten und sauber halten und sie so auch als Erho- lungs- und Erlebnisgebiet für uns Menschen erhalten“, führte die Ministerin weiter aus. „Nicht nur hier an der Donau, sondern auch in allen anderen Landesteilen werden wir un- sere Bemühungen, die Gewässerökologie zu verbessern, fortsetzen“, betonte sie weiter. „Wir müssen alle Menschen für diese Wasserthemen sensibilisieren“, sagte Thekla Walker. Es sei eine große Aufgabe, die Gewässerqualität weiter zu verbessern, indem beispielsweise weniger Schad- und Nährstoffe in die Flüsse und Bäche gelangen. Und natürliche Gewässer haben enorme Bedeutung auch mit Blick auf den fortschrei- tenden Klimawandel, führte die Ministerin aus. „Sie sind widerstandsfähiger gegenüber dessen Wirkungen. Und die Ufervegetation bietet Lebensräume und wirkt positiv auf das Kleinklima.“ Flussmündung erlebbar gemacht Die Freiburger Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer machte deutlich, dass das Land mit der Revitalisierung des Donauursprungs nicht nur einen wertvollen Beitrag für die Ökologie des Flusses leiste: „Der zusätzliche Raum, den wir der Donau geben, hat auch einen positiven Neben effekt auf den Hochwasserschutz. Zugleich profitieren die Menschen vor Ort, weil wir die Flussmün- dung erlebbar gemacht haben.“ Darüber hinaus erinnerte Bärbel Schäfer daran, dass die Donau zehn Länder verbinde. Sie denke an diesem feierlichen Tag auch an die Menschen in der Ukraine, die am Ende dieses Flusses zur gleichen Zeit im Krieg le- ben: „Die Donau verbindet uns mit ihnen.“ Im Quellenland: Rund 1.000 Kilometer Gewässer Landrat Sven Hinterseh erinnert sich im Dialog mit den rund 50 Festgästen an ver- gangene Zeiten, als der Donaubeginn in Donaueschingen eher nur von „Eingeweih- ten“ besucht wurde, da schwer zugänglich und wenig attraktiv. Er verwies darauf, dass der Quellenlandkreis mit seinen Quellen, Flüssen und Seen eine der wasserreichsten Regionen im Einzugsgebiet von Donau, Neckar, Hochrhein und Oberrhein mit circa 90 Die Donau – Wo Europa beginnt

 

 

 

Enthüllung des neuen Kilometer- steins der Donau, v. links: Oberbür- germeister Erik Pauly, Landrat Sven Hinterseh, Umweltministerin Thekla Walker, Re- gierungspräsiden- tin Bärbel Schäfer, Landtagsabgeord- neter Niko Reith (FDP/DVP) und Bundestagsab- geordnete Derya Türk-Nachbaur (SPD). 1.000 Kilometer Gewässern sei. Und ebenso durchzieht die Europäische Wasserscheide den Schwarzwald-Baar-Kreis. „Die Bedeutung der Donau für Europa werde einem bewusst, wenn man sich vor Augen führe, dass der Fluss durch zehn Län- der fließe und ins Schwarzen Meer münde. Der Donaubeginn hat jetzt den Stellenwert bei uns, der ihm zusteht“, so Landrat Sven Hinterseh. Ein neuer Anziehungspunkt Dass in Donaueschingen ein neuer Anzie- hungspunkt entstanden ist, zeigt sich in der Folge vielfach: Wo die Donau ihren Anfang nimmt, finden sich Besucher aus aller Welt und in großer Zahl ebenso Einheimische ein. Dies besonders auch vor dem Hintergrund, dass sich die Besucher nun dem Fluss nähern und vorzugsweise Kinder und Jugendliche den Sommer über in der Donau selbst baden können. Der Zusammenfluss hat sich zu ei- nem Naturerlebnis erster Güte entwickelt. Und auch wer auf dem Donau radweg unterwegs ist, profitiert: Für die zahlreichen Radtouristen wurde eine vielseitige und attraktive Infrastruktur geschaffen, insbe- sondere ein Ankunftsplatz mit Abstellmög- lichkeiten, einer Ladestation für E-Bikes und einem Trinkwasserbrunnen. Beendet ist die Maßnahme in Donau- eschingen noch nicht, auch ein Info-Zentrum soll entstehen und zahlreiche digitale Ange- bote sind geplant. Eines allerdings ist schon jetzt Gewissheit: Der „neue“ Donauursprung in Donaueschingen ist schon jetzt eine große Attraktion – ein Hotspot. Momentaufnahmen aus einem Quellenland 91

 

 

 

92 3. Kapitel – Da leben wir

 

 

 

Romina Auer und Nikol Konta „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden von Elke Reinauer mit Fotos von Michael Stifter

 

 

 

MITTEN IN SCHWENNINGEN, IM ALTEN E-WERK, FÜHREN ROMINA AUER UND NIKOL KONTA IHR BRAUTATELIER „LA BELLE MARIÉE“. DAMIT ERFÜLLEN SIE NICHT NUR DIE TRÄUME VIELER FRAUEN VOM PERFEKTEN HOCHZEITSKLEID, SONDERN AUCH IHRE EIGENEN: SEIT OKTOBER 2021 SIND SIE SELBSTSTÄNDIG UND NAHMEN AUCH AN DER TV-SHOW „ZWISCHEN TÜLL UND TRÄNEN“ TEIL. D avon träumen viele Frauen schon als kleine Mädchen: Dem Tag, an dem sie ihr Hochzeits- kleid aussuchen, es anprobieren und gleich spüren: Das ist es! Auch Romina Auers und Nikol Kontas Träume drehten sich um Brautkleider – und darüber hin- aus: Sie wollten ein eigenes Brautmoden- geschäft eröffnen. Im Oktober 2021 war es dann so weit: Die beiden jungen Frauen machten sich mit dem Braut- atelier „La belle mariée – die schöne Braut“ selbstständig. Eine Pariser Bou- tique sei das Vorbild gewesen, erzählen sie. Der Laden befindet sich im alten E-Werk in Schwenningen. In dem großen lichtdurchfluteten Raum mit Backstein- wänden bekommen Bräute in spe einen guten Überblick und können in Ruhe stö- bern. In Regalen glänzen cremefarbene Brautschuhe, Schmuck und Handtaschen sind ausgestellt. Brautkleider mit viel Spitze, schlicht oder üppig – das überla- den wirkende Tüll-Kleid findet man hier allerdings nicht. Clean-Chic ist gerade Nikol Konta und Romina Auer heißen zukünftige Bräute in ihrer neuen Boutique Willkommen. 94 Da leben wir

 

 

 

Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Romina Auer Oben: Das eindrucksvolle Backsteingebäude des ehemaligen Elektrizitätswerks. angesagt. Also ein Kleid ohne viele Appli- kationen, zu dem man Accessoires kom- binieren kann. Wichtig dabei: „Die Braut soll nicht verkleidet aussehen“, so Romina Auer. Das Kleid soll zu der jeweiligen Frau passen. „Sie soll sich darin wohlfühlen.“ Persönliche Beziehung Dass Frauen auf Brautkleid-Fang ein wenig anders ticken, weiß Romina Auer genau. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Make- up-Artistin, mit Fokus auf Braut-Make-Up. „Zukünftige Bräute sind angespannt und nervös. Ein Brautkleid ist keine Jeans, die man mal eben kauft. Auf das Kleid schaut jeder“, weiß Romina Auer. Die erste Ner- vosität lege sich dann meistens, wenn die Braut in ein Kleid schlüpft, das passt. „Oft wissen die Frauen, was ihnen nicht steht und was sie nicht wollen“, so Romina Auer. Das sei schon einmal ein Anfang. Eine zu genaue oder keine Vorstellung seien eher hinderlich bei der Auswahl des Kleides, so die beiden Geschäftsfrauen. Sie legen Wert darauf, eine persönliche Beziehung zu jeder Frau aufzubauen, die zu ihnen in das Brautatelier kommt. „Das ist das Wich- tigste“, weiß Nikol Konta. „Wir verkaufen Emotionen“, sind sich die beiden einig, denn welche Frau träumt nicht von ihrem Hochzeitskleid? Ob es dabei lieber ein Kleid mit viel Glitzer und Spitze sein soll oder ein Meerjungfrauen-Kleid, enganlie- gend und nach unten weit, ist Typ-Sache. Romina Auer und Nikol Konta bieten auch eine Curvy-Kollektion an. Außerdem führen La belle mariée 95

 

 

 

sie ausgewählte Designermarken aus Neuseeland und Südafrika. Kleider der A-Line sind der Klassiker. Als A-Linie wird die Schnittform bezeichnet, die sich durch eine nach unten hin verbreiternde Silhouette auszeichnet. So ähnelt das Kleid dem großen „A“. Ist das Kleid gefunden, wird gefeiert Mindestens sechs Monate vor der Hochzeit sollte das Kleid ausgesucht werden. Dieses muss ja noch bestellt und angepasst werden. Das übernimmt eine Schneiderin für das Brautatelier. Zwischen 900 und Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird. Romina Auer Ein erstes Kennenlernen und beraten mit der Braut sowie deren besten Freundin. 4.000 Euro kosten die Kleider. Immer beliebter werden Zweiteiler, stellen die Modeexpertinnen fest. So können Frauen das Oberteil oder den Rock nach der Hochzeit noch tragen. Zwei Mal im Jahr gibt es eine neue Kollektion. Früher ging die gängige Vorstellung in Richtung A-Linie oder Prinzessin, also einem eher ausgestell- ten Brautkleid, berichten die beiden Frauen. Viele Bräute bevorzugen noch immer diese klassische Form. „Im Alltag kleiden junge Frauen sich modern und stilbewusst, aber beim Brautkleid sind sie eher scheu“, stellten die Inhaberinnen fest. Diese Scheu wollen sie den Frauen nehmen. „Das Kleid soll den jeweiligen Typ unterstreichen.“ Die Geschäftsinhaberinnen freuen sich mit den Bräuten, wenn das Kleid der Kleider gefunden ist. Ein Grund, um zu feiern, mit Sekt und Leckereien und den Freundinnen, Müttern und Großmüttern der Bräute, die zum Aussuchen mitkommen. Das Aussuchen des Brautkleides gehört als Ritual dazu und ist neben der Location das Wichtigste in der Hochzeitsvorbereitung. Es war während der Pandemie, als Romina Auer und Nikol Konta ihr Brautatelier im Herbst 2021 96 Da leben wir

 

 

 

Oben: Nikol Konta präsentiert die feine Perlenstickerei an einem ihrer Brautkleider. Rechts: Und zwischendurch ein Selfie. eröffneten. Ein Risiko, das die beiden Unternehme- rinnen in Kauf nahmen: „Erst wussten wir nicht, ob Corona uns einen Strich durch die Rechnung machen und es eventuell wieder einen Lockdown geben wird“, berichtet Romina Auer. Doch dann hatten sie „Glück im Unglück“ und profitierten von den vielen Hochzeiten, die nachgeholt wurden. Das Herz schlägt für die Region Als sich Romina Auer und Nikol Konta vor sieben Jahren über Freunde bei einer Winterwanderung kennenlernten, fanden sie sich sofort sympathisch und stellten schnell fest, dass sie die gleichen Ziele verfolgten. Ein regionaler Bezug war außerdem beiden wichtig. Denn sie sahen eine Marktlücke in der Region: „Hier fehlt das Geschäft, das junge, frische Brautmode anbietet. Bisher musste man sich entscheiden, ob man das regionale Geschäft besucht, das vielleicht eher die klassischen Modelle verkauft oder nach Stuttgart und Frankfurt fährt, um La belle mariée 97

 

 

 

Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat. Nikol Konta trendigere Modelle anzuprobieren.“ Nikol Konta erzählt, dass sie das Kleid für ihre Hochzeit in Stuttgart ausgesucht hatte. In der Region sei sie damals nicht fündig geworden. Das habe ihr zu denken gegeben. „Ich hatte immer den Wunsch, mich selbstständig zu machen, vor allem auch in der Heimat“, sagt die gebürtige St. Georgenerin. Sie lebte mit ihrem Mann damals in Stuttgart und Heilbronn, es sei aber klar gewesen, dass sie in den Schwarzwald-Baar-Kreis zurückkehren wollen. „Seit meiner Kindheit lodert eine Leidenschaft für Brautmode in mir“ Nach dem ersten Treffen verging etwas Zeit. Sie wollten sich nicht Hals über Kopf in das Geschäft stürzen, erzählen sie, sondern gut vorbereitet sein. Deshalb recherchierte die modebewusste Romina Oben: Für den perfekten Sitz muss das Kleid von einer Schneiderin angepasst werden. Unten: Eine strahlende Braut in einer traumhaften Robe. Romina Auer und Nikol Konta fächern den Tüll auf, so kommt der Stoff erst richtig zur Geltung. 98 Da leben wir

 

 

 

Die Freude über das richtige Kleid steht allen ins Gesicht geschrieben. Auer auf Messen für Unternehmensgründung, sammelte Mode-Labels, die sie interessierten und entwickelte einen Business plan. Drei Jahre lang arbeitete sie als Model und Werbegesicht. Die 31-Jäh- rige kam dabei mit Brautmode in Berührung und habe gemerkt, dass ihr das liegt, sagt die gebürtige Dauchingerin. Nach ihrer Ausbildung als Verwaltungs fachangestellte beim Landratsamt absolvierte sie ein Duales Studium in Sozialer Arbeit und arbeitete im Nachgang als Sozialpädagogin. „Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir“, sagt sie. Ge nauso geht es Nikol Konta, Mutter und Geschäftsfrau. Sie studierte Seit meiner Kindheit lodert eine große Leidenschaft für Brautmode in mir. Romina Auer La belle mariée 99

 

 

 

Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund. Nikol Konta Mode- und Designmanagement in Düsseldorf. Als Einkäuferin besitzt sie ein gutes Auge für Qualität. Mit Nachhaltigkeit beschäftigte sie sich im Textilbe- reich für einen Discounter. In ihrem Job besuchte sie zahlreiche Produktionsstätten in Asien. Ihr Wissen über nachhaltige Labels setzt die 36-Jährige nun ein, denn sie weiß, dass immer mehr Bräute erfahren wollen, wo ihr Kleid herkommt und wie es produ- ziert wird. Außerdem stellte sie einen Trend fest: „Braut mode ist viel moderner geworden. Andere Länder machen es vor, der Modeaspekt steht im Vordergrund.“ Für die Beratung benötigen zukünftige Bräute ei- nen Termin. Die beiden Frauen sind außerdem regel- 100 Da leben wir

 

 

 

mäßig auf Messen unterwegs, um mit den neuesten Trends nach Schwenningen zurückzukehren. Zwischen Tüll und Tränen Und ein Highlight in ihrer Karriere haben sie bereits erlebt: Die beiden Unternehmerinnen konnten ihr Glück kaum fassen, als sie sich im letzten Jahr für die Sendung „Zwischen Tüll und Tränen“ des Senders Vox beworben hatten und prompt eine Zusage erhielten. Nach langer Suche wurde eine Braut gefunden, die bereit war, sich bei den Hochzeitsvor- bereitungen filmen zu lassen. Braut Madeleine aus Schwenningen stellte sich dafür zur Verfügung. Die Beratung mit Mutter, Trauzeugin und Freundin wurde am zweiten Drehtag im Brautatelier gefilmt. Am ersten standen die Location und die Stadt Villingen-Schwenningen im Mittelpunkt. Der Clou bei „Zwischen Tüll und Tränen“ ist: Für jedes Brautmodengeschäft gibt es eine besondere Herausforderung. Für Auer und Konta handelte es sich um folgende: Die Braut hatte sich bereits zuvor in einem anderen Brautmodengeschäft Favoriten- kleider ausgesucht. Nun galt es also, diese Kleider zu toppen und durch die Beratung die zukünftige Braut zu überzeugen. Romina Auer und Nikol Konta seien bis zur letz- ten Minute des sechsstündigen Drehs aufgeregt gewesen, berichten sie. Doch die Atmosphäre sei sehr entspannt gewesen. Die Plattform sei perfekt für Newcomerinnen. Denn so konnten die Unterneh- merinnen zeigen, was in ihnen steckt: Sensibilität, Fachwissen und viel Zeit für zukünftige Bräute. Links: Blick in das großzügige Atelier. Beliebt sind neben dem Brautkleid auch Schuhe und der Brautschmuck. La belle mariée 101

 

 

 

Patrick Bäurer Ein Leben mit dem Ball Der Hondinger zählt zu den besten Fußball­Freestylern der Welt von Hans-Jürgen Götz 102 102 Da leben wir

 

 

 

Fußballweltmeister werden, das wünschen sich viele Fußballtalente. Und genau so hat es bei Patrick Bäurer aus Hondingen auch angefangen. Gekommen ist es aber völlig anders: Heute ist der 28-Jährige Profi und Vizeweltmeister, aber nicht im „regulären“ Fußballsport wie wir ihn kennen, sondern im Fußball-Freestyle. Bei dieser speziellen Sportart geht es darum, den Ball nach allen Regeln der Kunst mit dem ganzen Körper effektvoll zu jonglieren. Patrick Bäurer gehört zu den besten Freestylern der Welt und bietet eine Fußball-Freestyle-Show der Extraklasse, wie ihm Medien und Fans bescheinigen. Er trägt zehn Titel, hat mehr als 500 Kunden in über 2.000 Shows und 1.000 Workshops in 30 Ländern begeistert. XXX 103

 

 

 

Wie alles begann Seine Karriere begann er wie viele andere Kinder mit dem Beitritt zu einem Fußballverein. In seinem Fall war das der SV Hondingen, dessen Fußballplatz nur ein paar Gehminuten vom Elternhaus entfernt liegt. Dort lernte er das Fußballspielen von der Pike auf. Seine Trainer bescheinigten ihm ein gutes Ballgefühl und durchaus Talent, es weit zu bringen, voraus gesetzt, er trainiere fleißig. Das tat er mit großer Begeiste- rung. Irgendwie hatte Patrick selbst aber immer das Gefühl, dass er zwar gut sei, aber es in diesem Sport dennoch nicht bis zum Weltmeister schaffen werde. Als er zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet zufällig ein Video von Fußball- Weltstar Ronaldinho, wie er Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführt. Das war die Initial- zündung, von nun an ist es um den kleinen Patrick geschehen, das wollte er auch kön- nen. Gesagt getan: Der Junge analysierte das Video immer und immer wieder, auch in Zeitlupe und Standbildern. Dann ging es raus auf die Ter- rasse, um das Gesehene selbst auszuprobieren. So lange, bis es endlich klappt! Und ab dem Punkt immer weiter und weiter, um das Erlernte zu perfektionieren. Der Grund- Als Patrick zwölf Jahre alt war, entdeckte er beim Surfen im Internet ein Video von Ronaldinho, wie dieser Solo-Kunststücke mit dem Fußball vorführte. Das wollte er unbedingt auch können. 104 stein für eine Profi-Karriere in der Sportart Fußball- Freestyle war damit gelegt. Von nun an ließ ihn das Thema nicht mehr los und für ihn ging es nach der Schule in seiner Freizeit fast nur noch darum. Und hier zeigte sich eine der Charaktereigenschaften von Patrick Bäurer: Er weiß genau was er will und kann Jonglage mit vier Fußbällen. Da leben wir

 

 

 

und arbeitet zu 100 Prozent entschlossen daran, daraus etwas zu machen und täglich besser zu wer- den. Von jetzt an suchte und fand er im Internet im- mer neue Informationen sowie viele Tipps und Tricks rund um die damals noch neue Sportart. Alles sog er wissbegierig auf und versuchte es in die Tat um- zusetzen. Meist war das Erlernen eines neuen Tricks mit vielen Dutzend Stunden harter Trainingsarbeit verbunden. Im Jahre 2008 dann wird die erste Weltmeister- schaft im Fußball-Freestyle ausgetragen. Die war allerdings nicht im Fernsehen zu sehen und Social Media gab es noch nicht. So war es sehr müh- sam, mehr darüber zu erfahren. Ab 2010 bekam Patrick erstmals Zugang zu einem Internet- Forum, in dem sich Gleichgesinnte trafen und austauschen konnten. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis der damals 16-Jährige in Stuttgart zum ersten Mal Freestyle-Fußballer in der realen Welt kennenlernen durfte. In dieser Zeit begann er, seine Kunststücke mit kleinen Video-Clips auf YouTube und Facebook zu präsentieren und wurde dadurch innerhalb der Szene bekannter. Inzwischen hat sich dieses Engagement auf Instagram und TikTok erwei- tert. Unter seinem Label @patrickbfree ist Patrick auf allen sozialen Netzwerken mit über zwei Millionen Followern zu finden. Die erste Weltmeisterschaft Im Alter von 18 Jahren nimmt Patrick 2012 das erste Mal an der Weltmeisterschaft teil, die in Prag statt- findet. Als einer von vier Freestylern aus Deutschland, die gegen Sportler aus über 20 Ländern antreten. Obwohl er einen der hinteren Ränge belegt, bedeutet diese WM für ihn den Einstieg in die Welt der Profis. Er lernt die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für seine weiteren Aktivitäten. Eines ist klar: Wenn er als Profi von dieser Sport- art leben will, geht das nur, wenn er seine Kunst- stücke auf Veranstaltungen aller Art vorführt und dafür eine Gage erhält. Anfänglich findet das alles noch im Heimatdorf Hondingen und Umgebung statt. Durch Mund-zu-Mundpropaganda kommt es jedoch zu immer mehr Einladungen und die Gagen bessern sein Taschengeld merklich auf. Vor allem Bei der ersten Freestyle- Weltmeisterschaft 2012 lernte Patrick Bäurer die Besten der Besten persönlich kennen und nimmt sie sich zum Vorbild. Sein Netzwerk weitet sich in alle Richtungen aus – er legt den Grundstein für weitere Aktivitäten. sind es der Applaus und das Feedback der Zuschauer, die ihn motivieren weiterzumachen, neue Tricks ein- zustudieren und stetig besser zu werden. Über drei Stunden trainiert er dazu jeden Tag. Bis ein neuer Trick sitzt, kann es bis zu 1.000 Versuche brauchen. Geduld und Ausdauer sind unabdingbar. Einen Schub für sein Selbstbewusstsein bekommt der junge Patrick bei einem Urlaub mit seiner Fami- lie auf Mallorca. Hier versucht er sich nebenbei als Straßenkünstler und zeigt seine Balltricks zwanglos den vorbeilaufenden Urlaubern. Nach gerade zehn Minuten hat er sich seine erste Pizza verdient. Mit der Erfahrung, dass er es wirklich kann und in der Lage ist, damit Geld zu verdienen, entscheidet er sich, diesen Weg weiter zu beschreiten. Im Trainingslager mit dem FC Bayern München Fußball spielt er derweil aber trotzdem noch. Und so kommt es, dass Patrick im Jahr 2013 aus über 19.000 Bewerbungen als einer von 80 ausgewählten jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren am „Paulaner Cup des Südens“ beim FC Bayern München teilnehmen darf. In der Jury sitzen Waldemar Hartmann, Paul Breitner und Raimund Aumann. Patricks Fußballtalent zahlt sich aus: Die Jury wählt ihn als eines von 25 Talenten aus, die für fünf Tage zum Trainingslager nach Italien eingeladen werden. Höhepunkt ist das Fußballspiel der Equipe gegen die Bayern, welches sie vor 5.000 Zuschauern grandios 13:0 verlieren. Der Spaß, die Anerkennung und der Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 105

 

 

 

persönliche Kontakt zu den Fußballstars entlohnt die Fußballtalente aber. Stolz präsentiert Patrick ein Foto, das ihn bei der Deckung gegen Philipp Lahm zeigt, als es in der ersten Halbzeit erst 2:0 stand. Und nebenbei kann er die Bayern-Profis in den Trainings pausen mit seinen Freestyle-Kunststücken begeistern, in dieser Diszip- lin gewann er auf jeden Fall. Vizeweltmeister – Corona zum Trotz An der Freestyle Weltmeisterschaft in Prag nahm Patrick seit 2012 jedes Jahr teil und belegte dabei immer bessere Ränge. Im Corona-Jahr 2020 war es dann aber endlich so weit, er wurde Vizeweltmeister. Diesen Titel konnte er auch im Jahr darauf erneut bestätigen. Während der Corona-Zeit reduzierten sich seine Auftritte bei Veranstaltungen schlagartig auf null und so nutzte er die Zeit, noch mehr und härter zu trainieren. Der Lohn seiner Mühen war dann diese Auszeichnung in Prag. Dieser Titel trägt natürlich dazu bei, dass Patrick Bäurer bei seiner Zielgruppe im Internet immer bekannter und gefragter wird. So hat er während der Corona-Pandemie damit begonnen, über das Internet Freestyle-Kurse und Trainings anzubieten. Zu seinen Kunden zählen auch der BVB und der VFB, für die er in dieser Zeit mehrere Online-Seminare moderiert. Alles von seiner Woh- nung im kleinen Hondingen am Fuße des Fürsten- bergs aus – produziert für die weite Welt. Als ein Jahr später die Corona-Beschränkungen so nach und nach weltweit gelockert wurden, konnte Patrick seine Künste auch wieder ver- mehrt auf Veranstaltungen in der ganzen Welt präsentieren. So wurde er 2021 unter anderem zu 106 Da leben wir

 

 

 

Ballspielereien in allen erdenklichen Variationen. Was Patrick Bäurer in seiner Show bietet, begeistert Zuschauer weltweit. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/patrick-baeurer 107

 

 

 

Mai 2022: Frankreichs Fußballstar Kylian Mbappé (links) und Patrick Bäurer. Unten: Auch Selfies mit Patrick Bäurer sind begehrt. einer Veranstaltungsserie in Dubai, Katar und Saudi Ara bien eingeladen. Hier entstanden dann Fotos mit welt bekannten Fußballern von Paris Saint-Germain (PSG) wie Neymar und Kylian Mbappé. Der erste Weltrekord: 118 Crossover im Sitzen in nur einer Minute Im Laufe der Zeit absolvierte Patrick viele Fernseh- auftritte im In- und Ausland. Darunter im Tigerenten- club in Deutschland und in der Sendung „Supertalent“ in Deutschland und Polen. 2013 hatte Patrick einen Auftritt im „Sportstudio“ des ZDF. Fernsehmoderator Sven Voss forderte ihn auf, beim Schießen auf die legendäre Torwand zu zeigen, was er wirklich drauf hat. Wahrscheinlich war es der Anspannung in einer Livesendung geschuldet, kein einziger der sechs Bälle sollte treffen. So etwas kratzt zwar an der Ehre, einen Vollprofi hält das aber nicht auf, unermüdlich trainierte er weiter, um seinem Publikum noch mehr und bessere Tricks mit dem Ball zeigen zu können. Im Jahre 2020 wollte Patrick dann erstmals auch einen Weltrekord knacken. Ziel war es, einen neuen 2020: Beim Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde mussten über 101 Wieder- holungen innerhalb von einer Minute gezeigt werden. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Können voraussetzt. Weltrekord im „Crossover im Sitzen“ für das Guiness Buch der Rekorde aufzustellen. Über 101 Wiederho- lungen mussten innerhalb einer Minute gezeigt wer- den. Keine leichte Aufgabe, die viel Kraft und Kön- nen voraussetzt. Das Ganze fand unter den Augen ei- ner strengen Jury während eines Freestyle Camps in Donau eschingen statt. Alles lief perfekt und am Ende 108 Da leben wir

 

 

 

So funktioniert der Weltrekord „Crossover im Sitzen“: Schritt 1: Winkeln Sie Ihre Beine im Sitzen an und jonglieren Sie den Ball mit dem Fußspann. Schritt 2: Mit dem rechten Fuß spielen Sie den Ball in die Luft. Schritt 3: Den linken Fuß kreisen Sie von außen nach innen einmal um den Ball. Schritt 4: Ihr linker Fuß berührt den Ball nicht. Schritt 5: Ihr rechter Fuß fängt den Ball wieder auf. sollten es sogar 118 Crossover werden und Patrick damit der neue Weltrekordhalter in dieser Disziplin. Region. So generiert er im Laufe der Zeit neue Nach- wuchstalente aus der Heimat. Der zweite Weltrekord: 24 Ballpässe mit der Partnerin in nur 30 Sekunden Im Jahre 2021 folgte dann eine Einladung zur BBC nach London. Dort sollte er live in der Sendung „Blue Peter“ auftreten. Ziel war es, einen weiteren Weltrekord mit den meisten „Neck-Catch-Pässen“ aufzustellen. Mindestens 21 Ballpässe von Nacken zu Nacken musste er zusammen mit seiner Partnerin Aguśka innerhalb von 30 Sekunden zeigen. Auch das gelang mit 24 Pässen, und der zweite Weltrekord war ebenfalls in der Tasche. Unzählige Auftritte bei Veranstaltungen aller Art auf der ganzen Welt folgten seitdem. Das reicht von Firmen- und Sport-Veranstaltungen, Fernsehauftrit- ten über Workshops und Trainingslager bis hin zu Benefizveranstaltungen in nah und fern. Rund 150 Shows und mehr absolviert Patrick pro Jahr. Und dazwischen immer mal wieder kleine, kostenlose Trainings-Angebote für jugendliche Fußballer in sei- nem Heimatverein SV Hondingen und anderen in der Schule und Ausbildung sind wichtig: Studium zum Wirtschaftsingenieur Wer jetzt denkt, Patrick kann außer Fußball nichts, der liegt komplett falsch. Von Anfang an war ihm klar, dass er keinesfalls die Schule vernachlässigen darf und eine solide Ausbildung in einem „normalen“ Beruf anstreben muss. So absolvierte er 2013 sein Abitur am Wirtschaftsgymnasium in Donaueschingen. Direkt darauf folgte ein dreijähriges Studium zum Wirtschaftsingenieur an der Dualen Hochschule in Lörrach. In dieser Zeit arbeitete er während des Praktikumsteils bei der Blumberger Firma Metz Connect, wo er nach seinem Abschluss bis 2017 als Produktmanager weiter angestellt war. Während seiner Ausbildungsphase ging es 2015 für fünf Mo- nate zu einem Auslandssemester nach Kanada. Eine Erfahrung, die Patrick nicht missen möchte. Während dieser Zeit hat er diverse Shows durchgeführt und viele neue Kontakte, Eindrücke und Erfahrungen für sein weiteres Leben mitgenommen. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 109

 

 

 

Zusammen mit Aguśka arbeitet Patrick daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und egal, wo es ihn in der Welt hinzieht: Hondingen war, ist und bleibt seine Heimat, der er zutiefst ver- bunden und dankbar ist. Vor allem ist er sehr dank- bar für die stets uneingeschränkte Unterstützung seiner Familie, denn seine Eltern Doris und Thomas haben ihn von Anfang an bei all seinen Ideen und Vorhaben unterstützt. Und wer ist nicht stolz, am Ende auch einen Vizeweltmeister und Weltrekord- halter als Sohn und Bruder zu haben? Weitere Informationen unter www.apfreestyle.com. Genauso zielstrebig wie seine sportliche Karriere verfolgte Patrick Bäurer seine berufliche Weiter- bildung. Ein Masterstudium im Bereich „Internati- onales Sportmarketing“ war sein nächstes Ziel. Am Bodensee Campus in Konstanz war das möglich und mit den stetig zunehmenden sportlichen Aktivitäten gerade noch vereinbar. 2019 hatte der Freestyler auch dieses Ziel erreicht. Seine Abschlussarbeit befasste sich mit dem Thema „Nutzung neuer Trendsport- arten“. Damit wurde er endgültig zu einem gefragten Gesprächspartner, Berater und Performer für große Sportartikelhersteller rund um den Globus. Und das Beste kommt zum Schluss: Lebenspartnerin Aguśka Mnich Wer so viel unterwegs ist und jede freie Minute für seinen Sport investiert, hat eigentlich keine Zeit mehr, sich um viele andere Themen zu kümmern, unter anderem die Liebe. Aber wie es der Zufall will, lernte Patrick bei der Weltmeisterschaft 2020 in Prag seine jetzige Lebenspartnerin Aguśka Mnich aus Polen kennen. Sie ist mehrfache Weltmeisterin in verschiedenen Damen-Disziplinen und hatte alleine dieses Jahr erneut zwei Goldmedaillen in Prag abgeräumt. Auf den sozialen Netzwerken ist sie unter @aguskafree zu finden. Da lag es für Patrick nahe, dass er seitdem mit Aguśka zusammen eine Duo-Show gibt. Auch hier betreten die beiden Neuland, denn so etwas gibt es bisher kaum. In dieser Kombination sind die beiden jetzt noch mehr als je zuvor in der Welt unterwegs, aber nie mehr alleine. Patrick Bäurer wäre nicht Patrick Bäurer, wenn er jetzt alles erreicht hätte und keine neuen Ziele und Herausforderungen sehen würde. Zusammen mit Aguśka arbeitet er daran, eine eigenständige Sportmarke aufzubauen, unter der sich in Zukunft viele neue Ideen rund um diesen Sport vermarkten lassen. Und natürlich strebt er weiterhin an, den Weltmeister titel zu holen, etwas, was ihm bisher trotz aller Arbeit immer noch nicht gelungen ist. Und so ganz nebenbei plant er auch den einen oder ande- ren zusätzlichen Weltrekord. Zudem schreibt Patrick derzeit ein Buch zum Thema Freestyle-Fußball, welches zum Jahresende 2022 erscheinen wird. Die Arbeit geht Patrick Bäurer nicht aus und die Ideen und sein sportlicher Ehrgeiz noch viel weniger. Patrick Bäurer mit seiner Lebenspartnerin Aguśka Mnich, die wie er eine erfolgreiche Freestyle-Fußballerin ist. 110 Da leben wir

 

 

 

Beim Freestyle-Trainingscamp für Nachwuchs-Fußballer. Patrick Bäurer und seine Lebenspartnerin Aguśka Mnich bestreiten ihre Showacts auch gemeinsam. Freestyle-Fußballer Patrick Bäurer 111

 

 

 

Selina Haas und das neue Bild vom Schwarzwald Tradition und Moderne kreativ verknüpft Ein missglückter Studienbeginn, ein „schlüpfriges“ Werbeplakat mit rekordverdächtiger Reichweite und ein Kuckuck, der seine gewohnte Umgebung verlassen hat – das sind die Etappen einer Erfolgs geschichte, die gerade in Schonach geschrieben wird. Im Mittelpunkt steht dabei Selina Haas, Designerin und mittlerweile Geschäftsführerin der alteingesessenen Uhrenfabrik Rombach & Haas. von Marc Eich Rechts: Selina mit der Schwarzwalduhr des Jahres 2021. Das Wandbild ist kaum erkennbar als Zeitanzeiger – die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. 112 Da leben wir

 

 

 

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Traditionelle Produkte neu gedacht „Jetzt noch ein grelles Grün!“ Selina Haas, die nach ihrer Heirat mittlerweile Kreyer heißt, greift in ihrem Schaffensraum in ein Regal und schnappt sich eine Tube. In einem Strahl trifft die Farbe auf einen Uhrenkasten, die 33-Jährige schwingt mit den Tuben über das neu geschaffene Kunstobjekt. „Eigentlich“, sagt sie, „‘vergewaltige‘ ich hier traditionelle Produkte.“ Das klingt angesichts des Erfolgs der Uhren fabrik, die sich dank der kreativen Frau des Hauses in den vergangenen Jahren neu erfunden hat, etwas derb – trifft aber möglicher- weise das Gefühl jener, die insbesondere von der Kuckucksuhr ein sehr ursprüngliches Bild vor Augen haben und das auch behalten möch- ten. Dabei könnte man den „Farb- anschlag“ auf den schlichten Uh- renkasten durchaus als Recycling bezeichnen. Denn der Kasten hat Designer-Kuckucksuhr mit Original Schwarzwälder Kuckucksuhrenwerk und lackierter Holz-Arbeit von Selina Haas. eigentlich – wie viele andere, die in ihrem Atelier stehen – einen Defekt. Doch statt ihn zu entsorgen, wird er aufgemöbelt. Ein Unikat wird geschaffen. „Wir machen da Kunst draus!“, so Selina Haas. Familie ist seit 1894 mit der Uhrmacherei verbunden Sie scheint sich in jenen Momenten in ihre Vergan- genheit zurückversetzt zu fühlen. An damals, als das Mädchen neben ihrer Mutter Conny saß, während diese mit Acrylfarben Uhrenschil der für die Fabrik bemalt hat. Schon im Kindesalter hat sie gerne mit Far- be gespielt, „und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt“, sagt sie heute mit einem verschmitzten Lächeln und ergänzt: „Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt.“ Die gebürtige Tribergerin hat früh in den Familienbetrieb rein- geschmeckt. Sie erinnert sich noch an die Zeiten, als ihr Großvater Herbert hier das Sagen hatte und mit der kleinen Selina in die Welt der Uhren eingetaucht ist. 114 Da leben wir

 

 

 

Schon im Kindesalter hab ich gerne mit Farbe gespielt und am liebsten hätte ich in die Acrylfarben reingegriffen und sie verteilt. Das durfte ich natürlich nie – und deshalb übertreib ich es jetzt. Damals gab es – selbstredend – nur die traditi- onellen Kuckucksuhren. Zu den besten Kunden ge- hörten zu jener Zeit die Amerikaner. Ihr Opa Herbert Haas wurde deshalb ein Jahr auf Sprachreise ge- schickt, um sein Englisch zu perfektionieren – ohne jene Sprachkenntnis schien ein Führen der Firma zur damaligen Zeit fast schon utopisch. Seit der Gründung im Jahr 1894 war die Familie mit der Uhrmacherei ver- bunden – dennoch hatte Selina Haas nicht von Anfang an auf einen Platz in der Firma geschielt. Bildfolge oben: Aus alt mach neu – ein Unikat wird geschaffen. Nachdem sie die Realschule abgeschlossen hatte, entschied sie sich für das Profil „Technik und Manage ment“ am Technischen Gymnasium in Furtwangen. Noch bevor sie dort ihren Abschluss erlangte, war für sie glasklar, dass sie zukünftig im kreativen Bereich tätig sein möchte. Ohne Abitur, aber mit großem Willen, schloss sie die Aufnahme- prüfung erfolgreich ab – einem Kunststudium an der Fachhochschule Macromedia in Freiburg stand dann nichts mehr im Wege. Doch so richtig warm wurde sie mit dem Studien- gang und den Rahmenbedingungen nicht. „Die Künstler hatten sehr viele Freiräume“, erinnert sich die heutige Designerin an die Anfänge in Freiburg. Sie sagt: „Ich dachte, ich lerne dort verschiedene Techniken kennen – aber mir wurde nicht wirklich was beigebracht.“ Schon bald schielte sie auf die Stu- dierenden ein Stockwerk tiefer – Grafikdesign sollte es schließlich sein. Nach einem Semester wechselte sie den Studiengang, fokussierte sich nun voll auf Selina Haas 115

 

 

 

die Ausbildung, ließ Studentenpartys links liegen. Dabei reizte sie schon immer der Mix aus Fotografie und grafischen Elementen, das Geschaffene fand dann Platz auf Postkarten und Wandbildern, oft auch in Verbindung mit Schwarzwald-Motiven und der Kuckucks uhr, die beispielsweise mit Bollenhut „be- kleidet“ im dichten Unterholz hängt. Qualität bleibt das oberste Credo trotz moderner Neuausrichtung Ihre grafischen Fähigkeiten führten sie schnell wieder zurück zur Firma ihrer Eltern. „Ich habe dann angefan- gen, Prospekte zu machen und Logos zu entwerfen.“ Dazu passte, dass ihre Eltern der Uhrenfabrik ohnehin schon einen frischen Anstrich verpasst hatten. Im Hause Rombach & Haas stand nichts Geringeres als ein neues Zeitalter an. Auch deshalb, weil der Markt für die klassische Kuckucksuhr stagnierte. „Viele wollen sich so etwas nicht mehr in die Wohnung hängen“, erklärt sie. Warum also nicht Tradition und Moderne verbinden – und gleichzeitig an der Manufaktur festhalten? Qualität sollte das oberste Credo bleiben. 2006 fand die Bewerbung erster moderner Modelle, die auch der jüngeren Generati- on den Zugang zur Schwarzwälder Uhrentradition ermöglichen sollte, auf einer Messe statt. Es sei am Stand viel diskutiert worden über den neuen Zeitgeist, der im Hause Rombach & Haas eingekehrt war, ohne die ursprünglichen Modelle zu verschmähen. Nicht überall rannte die Familie offene Türen ein. „Einer hat den Papa sogar am Kragen ge- packt“, erzählt sie. Heute kann sie – angesichts des Erfolges und des Fortbestands der Firma – darüber schmunzeln. Gleichzeitig habe sie großen Respekt davor, dass die neue Linie durchgezogen wurde. Und auch sie wurde peu à peu Teil dieser Revolu- tion in Schonach. Das wurde beispielsweise im Fach Marketing während des Studiums deutlich. Eine fiktive Firma sollte sie sich ausdenken, um sich Marketing- und Vertriebsmöglichkeiten zu überlegen. „Ich hab‘ dann einfach unsere Firma genommen“, so Selina Haas, „dann ist mir aufgefallen, was man alles verän- dern könnte.“ Schnell kam ihr in den Sinn, unter ande- rem ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause zu verbinden, eine ganz neue Symbiose zu schaffen. Alle Ideen packte sie auf ein Plakat. Beim Besuch ihrer Eltern hatte sie im Freiburger Seepark dann genau Für Selina Haas war klar: Sollte sie die Firma übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Ihre Werke und die Uhren aus dem eigenen Hause verbinden und damit eine ganz neue Symbiose schaffen. jenes Plakat unter dem Arm und stellte ihre Überle- gungen vor. „Das war fast wie eine Bewerbung“, sagt die 33-Jährige und lacht. Für sie war schon damals klar: Sollte sie die Firma wirklich mal übernehmen, dann möchte sie auch ihre eigenen Ideen verwirklichen. Werbekampagne mit ungeahnten Folgen Doch bis dorthin machte sie noch einen ordentlichen Schlenker – für den ausgerechnet der Vorsitzende einer Spaßpartei den Weg ebnete. Wie kam es dazu? Am Anfang stand dabei zunächst eine Anfrage des damaligen Ferienland-Geschäftsführers Julian Schmitz. Für den touristischen Zusammenschluss von Schonach, Schönwald, Furtwangen und St. Geor- gen sollte eine Werbekampagne gestartet werden – die junge Designerin wurde damit kurz vor dem Abschluss ihres Studiums beauftragt. Mit ungeahn- ten Folgen: Eines der Plakate von ihr war mit dem Spruch „Große Berge, feuchte Täler & jede Menge Wald“ und der schlüpfrigen Silhouette einer sich räkelnden Frau mit Bollenhut bestückt. „Da bin ich zusammen mit meinem späteren Mann draufgekom- men“, erzählt sie, „wir wussten aber nicht, wie es ankommt.“ Das Ferienland übernahm den Vorschlag und schaltete damit Anzeigen – und genau über eine solche stolperte Martin Sonneborn, seines Zeichens Vorsitzender der Spaßpartei „Die PARTEI“, in einem Heftchen der Fluggesellschaft Ryanair. Mit dem Satz „Schwarzwald? Geile Gegend“ schickte er das Plakat ins World Wide Web – mit ungeahnten Folgen. Medien stürzten sich auf die Kampagne, sogar der Deutsche 116 Da leben wir

 

 

 

In ihrem Designatelier präsentiert Selina Haas ihre Illustrationen mit Schwarzwald-Motiven. Werberat wurde auf den Plan gerufen. „118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch ungläubig den Kopf. Von diesem Tag an klingelte bei ihr unaufhörlich das Telefon – viele hätten sie dazu animiert, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiterzumachen. Über die Medien sei aber auch Kritik an der „sexistisch“ anmutenden Darstellung laut geworden. Nichtsdesto- trotz: Ihr Name war in aller Munde. „Ab da woll- ten alle Werbung von mir, ich hätte in eine große Werbeagentur einsteigen können.“ Doch das war nicht das, was sich die nun bekannte Designerin aus dem Schwarzwald vorgestellt hatte. „Ich wollte mein 118 Millionen Mal wurde das Bild verbreitet“, sagt Selina Haas und schüttelt auch heute noch über die ungeheure Resonanz ungläubig den Kopf. Die Werbekampagne für das Ferienland Schwarzwald sorgte 2015 für jede Menge Wirbel und Aufmerksamkeit. Selina Haas 117

 

 

 

Handarbeit und Qualität stehen im Mittelpunkt der Uhrenproduktion. Selina steigt 2015 in das elterliche Uhrengeschäft ein und übernimmt schließlich im Januar 2021. eigenes Ding durchziehen“, sagt sie. Gegenüber der elterlichen Firma richtet sie sich eine kleine, aber feine Designagentur ein, bedient von dort aus ihre Kunden, feilt außerdem weiter an ihren Illustratio- nen mit Schwarzwald-Motiven. Auch die haptischen Kunstformen fließen in ihre Arbeit mit ein – statt ausschließlich Kundenwünsche umzusetzen, ver- wirklicht sie ihre eigenen Ideen, vertreibt diese erfolgreich. Und: Die Verbindung zur Uhren- fabrik reißt nie ab. Übernahme der Uhrenfabrik Nach mehreren Jahren mit eigener Agentur und Atelier eröffneten die Eltern ihr die Möglichkeit, die Uhrenfabrik zu übernehmen – in fünfter Genera- tion. Mit ins Boot kam dabei auch ihr Mann Andreas (33), der zuvor als Landschaftsgärtner Handarbeit und Qualität sollen weiterhin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. seine Kreativität ausgelebt hatte und diese nun ebenfalls in das Traditions- unternehmen mit einbringt. 2015 stieg sie zunächst in das elterliche Geschäft mit ein, behielt – mittler- weile ungeachtet des Namenswech- sels nach der Hochzeit – ihre Marke „SELINA HAAS“ bei und lässt sie bis heute teilweise in die traditionelle Uhrenfabrik mit einfließen. „Es war aber klar, dass wir uns auf die Designuhren konzentrieren.“ Im Januar 2021 erfolgte schließlich die Schlichte Vogelhaus-Kuckucksuhr mit besonderem Motiv im typischen SELINA HAAS DESIGN-Stil. endgültige Übernahme durch das Ehepaar Kreyer – zu einem Zeitpunkt, als die Corona- Krise viele Betriebe beutelte. Nachdem zunächst 118 Da leben wir

 

 

 

Uhren und Wandbilder von Selina Haas. wirtschaftliche Sorgen und ein Einbruch des Absat- zes im Vordergrund standen, hat sich die Thematik mittlerweile verschoben. „Es geht jetzt eher um die Lieferprobleme, das kannten wir bislang gar nicht“, gibt Selina einen Einblick. So wäre man nun abhän- gig davon, ob jene Firmen, die die vielen Einzelteile für die Kuckucks uhren herstellen, überhaupt noch liefern können. Denn: Handarbeit und Qualität sollen weiter- hin im Mittelpunkt stehen. Daran rüttelt die neue Generation nicht. Neuer Kundenkreis dank Mut und Kreativität Dennoch weht ein frischer Wind in dem Haus, welches insbesondere im Produktions bereich in der Zeit stehenge- blieben zu sein scheint und einen Charme versprüht, der die Verbundenheit zur ursprünglichen Kuckucksuhr am Leben erhält. Dennoch der Betrieb hat sich seit der Übernahme verändert. Das Ehepaar verkleinerte die Produktvielfalt, passte sie an. Die Uhren werden dafür professioneller präsentiert. Im Showroom verdeutlicht sich der Wandel bei Rombach & Haas und die erfolgreiche Symbiose zwischen der Designerin und der traditio- nellen Uhr besonders. Hervor blitzt hier die „Schwarz- walduhr des Jahres 2021“ – kaum erkennbar als Zeitanzeiger, vielmehr als Wandbild. 2019 entstand die Idee, hinter eines jener Wandbilder, die eine Kuckucksuhr abbilden, ein Werk einzubauen und daraus eine Uhr zu gestalten. Die Kuckucksuhr wurde komplett neu erfunden. Genau solche modernen Modelle haben der Firma mittlerweile einen ganz neuen Kundenkreis erschlos- sen, Rombach & Haas steht für Innovation auf diesem Gebiet. Dank des Mutes der Familie und der Kreativität von Selina Haas. Und genau diese Kreativität sorgt dafür, dass der eigentlich ausrangierte Uhrenkasten im Schaffensraum zu einem neuen Kunstwerk wurde. Die 33-Jährige kneift mit der Tube in der Hand die Augen zusammen, betrachtet die Farbakzente. „Ja doch, so gefällt es mir“, sagt sie. Jetzt noch ein Werk rein und schon erhält der Ku- ckuck in Schonach in ungewohnt farbenfroher Umgebung ein neues Zuhause. Selina Haas 119

 

 

 

Daniela Maier SKICROSS-WELTELITE AUS DEM SCHWARZWALD – BRONZE BEI OLYMPIA von Silvia Binninger Die Olympischen Winterspiele in China 2022 werden die Menschen in Urach und Furtwangen sowie viele weitere Sportbegeisterte im Landkreis nicht so schnell vergessen: Am 17. Februar holte die Furtwangerin Daniela Maier für den Ski club Urach die Bronze medaille im Skicross in den Schwarzwald. Die erfolgreiche Sportlerin gilt als Leuchtturm im Skicross­Team des Deutschen Skiverbandes. Immer gut drauf, ein Lächeln im Gesicht und voller Optimismus – das ist Daniela Maier! Dass sie im Finallauf als Vierte von der olympischen Jury eine Bronze medaille wegen unfairen Wettkampfs der Schweizerin Fanny Smith zugesprochen bekommt, hat jedoch ein Nachspiel: Zwar führt das Internationale Olympische Komitee (IOC) Daniela Maier als alleinige Gewinnerin der Bronze­ medaille – und das IOC veranstaltet immerhin die Olympischen Spiele … Doch bemühen sich nach dem Einspruch des einflussreichen Schweizer Skiverbandes gegen diesen Jury­Entscheid die Deutschen und Schweizer Verbände gemeinsam darum, dass beide Sportlerinnen eine Bronzemedaille zugesprochen bekommen. Daniela Maier begrüßt diesen Antrag. Es wäre für sie ein „Happy End“, so die Furtwangerin am Beginn des Skicross­ Weltcups 2022/23, wenn beide Skicrosser­ innen eine Medaille erhalten würden. Ob auch Fanny Smith Olympia­Bronze bekommt, stand bis zum Erscheinen des Almanachs nicht fest. 121

 

 

 

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Noch nicht einmal geboren, wird Daniela Maier auch schon Mitglied im Skiclub Urach: Noch während der Schwangerschaft füllt der Vater den Aufnahmeantrag aus. Am 4. März 1996 erblickt Daniela in Villingen-Schwenningen das Licht der Welt und wird in eine sportbegeisterte Familie hineingeboren. Die Eltern Thomas und Brunhilde Maier sind aktive Mitglieder im Skiclub Urach und da liegt es nahe, den Nachwuchs so schnell als möglich ebenso für den Skisport zu gewinnen. Mit drei Jahren steht Daniela Maier auf den Skiern, es zeigt sich, „Skifahren ist ihr Ding“. Schon in jungen Jahren ist nach zahlreichen Erfolgen klar, dass sie den Skisport professionell weiterführen möchte. Den Zugang zum Leistungssport findet sie zudem durch ihren Bruder Dominik Maier, der Skispringer war. Danielas Kindheit ist mit Trainingseinheiten förmlich durchgetaktet – für sie ist das aber keine Last. Sie fährt Ski, turnt und macht Leichtathletik, mit dem Vater trainiert sie auf dem Bike. Zeit für das Erlernen eines Instruments bleibt da nicht, obwohl sie das gerne getan hätte. Zu den verschiedenen Trainingsorten fahren sie die Eltern. Oft wird sie gleich nach der Schule abgeholt und zum Feldberg gebracht oder auch mal ins Kaunertal zu einem Lehr- gang. Daniela Maier: ,,Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben.“ Ich bin so dankbar für alles, was meine Eltern für mich geleistet haben. Begeisterung vom Vater steckte an Bis zu ihrem 16. Lebensjahr nimmt Daniela an diversen alpinen FIS-Rennen teil, bis sie in der Saison 2012/2013 zum Skicross wechselt. Ihr Vater Thomas betreibt diese Sportart schon länger und ist derart vom Skicross begeistert, dass er zu Daniela meint: ,,Das wäre auch was für dich!“ Bei so viel Enthusiasmus konnte Daniela nicht „nein“ sagen und versuchte es einfach. Daniela Maier bei der Flower Ceremony in Peking. Skicrosserin Daniela Maier 123

 

 

 

Nach einigen Trainingseinheiten fährt sie das erstes Rennen in Grasgehren am Riedberger Horn im Allgäu. Prompt bringt sie ihre erste Goldmedaille mit nach Hause. Vor dem Hintergrund dieses Erfol- ges knüpft Danielas Vater die ersten Kontakte zum Deutschen Skiverband. Beim FIS-Rennen in Mitten- wald belegt Daniela Maier schließlich den zehnten Platz. Kurz darauf wird sie Junioren-Meisterin bei der Deutschen Meisterschaft in Lienz. Im Sommer 2013 erfolgen Sichtungen in verschiedenen Camps – der DSV erkennt Danielas Potenzial. Sie wird als eine der wenigen Schwarzwälderinnen in das deutsche Team aufgenommen und fährt jetzt im Landeskader Bayern. Ihr Trainer ist Maximilian Wittwer. Erste Erfolge im deutschen Nationalteam Als Mitglied des deutschen Nationalteams nimmt Daniela in der Saison 2013/2014 am Eurocamp teil und beim Europacup im Montafon wird sie Achte. Da Daniela 2014 am Otto-Hahn-Gymnasium in Furtwan- gen mit Erfolg ihr Abitur ablegt, fährt sie im Februar 2014 weniger Rennen. Im darauf folgenden Winter erreicht sie bei den Deutschen Meisterschaften den fünften Platz und wird in den deutschen Nachwuchs- kader bzw. in den C-Kader aufgenommen. Daniela ist überglücklich und zieht nach Bayern um. Im Oktober 2014 folgt die Aufnahme in den Ski-Zug der Bundeswehr in Berchtesgaden. Die sportlichen Erfolge halten an: In der Skisaison 2014/2015 steht Daniela Maier zweimal auf dem Podest. Sie geht als Siegerin beim Europacup hervor und wird Deutsche Meisterin. Zum Abschluss des Winters gewinnt sie bei den Juniorenweltmeister- schaften in Chiesa in Valmalenco die Silbermedaille. Die erfolgreiche Sportkarriere benötigt nun eben- so eine berufliche Komponente. Im August 2015 be- ginnt Daniela Maier eine vierjährige Ausbildung bei der Bundespolizei im Leistungszentrum für Winter- sportarten in Bad Endorf in der Nähe des Chiemsees. Die Sportlerin kann so Sport und Ausbildung ver- binden und hat die Möglichkeit, nach ihrer Sportler- karriere im Polizeidienst zu arbeiten. Daniela Maier mit ihrem olympischen gehäkelten Blumenstrauß, den es für alle Medaillengewinner gibt. 124 Da leben wir

 

 

 

Überglücklich ist Daniela Maier, als sie 2015 Vize-Juniorenweltmeisterin im Skicross wird. Erste Weltcupsaison – „Rookie of the Year“ In der Saison 2015/2016 fährt Daniela Maier ihre erste Weltcupsaison – von nun an darf sie mit den ,,richtig großen Mädels“ an den Start. Bei ihrem Weltcup-Debüt im Montafon landet sie auf Platz 12 und startet bei jedem Weltcup-Rennen. Daniela beendet den Winter auf Rang 17 in der Weltcup- Gesamt wertung und erhält eine besondere Auszeich- nung: ,,Rookie of the Year“. Alle teilnehmenden Nationen küren sie zum besten Neuling. Das damit verbundene Trikot ist bis heute ihr Glücksbringer. Nach der ersten Weltcup- saison 2015/2016 wird Daniela zum besten Neuling gekürt und erhält eine beson- dere Auszeichnung: ,,Rookie of the Year“. Rückschläge verkraften Die Saison 2016/2017 beginnt mit einem großartigen Resultat: Im Dezember 2016 wird Daniela Dritte in Val Thorens und steht erstmals auf dem Weltcup- Podium. Unglücklicherweise verletzt sie sich bei einem Rennen am Feldberg im Februar 2017 am Knie und zieht sich eine immense Schädigung des Gelenk- knorpels zu. Der Knorpel muss im Labor neu gezüchtet und dann verpflanzt werden – in insge- samt drei Operationen. Trotz dieser Knieverletzung beendet sie die Saison als 13. im Gesamtweltcup. Eine bittere Erfahrung ist die Notwendigkeit, eine eineinhalbjährige Pause vom Skifahren einlegen zu müssen. Daniela Maier ist dankbar, in dieser mental und körperlich schwierigen Zeit von der Familie, dem Skiclub Urach und ihren Freunden So funktioniert Skicross: Bei diesem Wettkampf handelt es sich um eine Ski-Freestyle- Disziplin, bei der vier Skifahrer auf einer speziell konzipierten Strecke gegeneinander antreten. Skicross-Strecken sind schmal, kurvig und mit zahlreichen natürlichen und künstlich angeleg- ten Sprüngen, Bodenwellen, Steilhangkurven und Hindernissen gespickt. Beim Skicross kommt exakt dieselbe Ausrüs- tung zum Einsatz wie beim traditionellen alpinen Skisport. Die Rennen laufen in mehreren Runden ab. Zunächst findet eine Qualifikation statt, bei der die Athleten allein gegen die Zeit fahren. Dann kommen die besten 16 Frauen und 32 Männer wei- ter und werden in Vierer-Läufe eingeteilt. Gefahren wird jeweils im KO-System. Die bei- den Erstplatzierten eines Laufs qualifizieren sich für die nächste Runde. So geht es bis hin zum Finale, in dem dann schließlich die ersten vier Plät- ze ausgefahren werden. Aktionen wie Festhalten, Schubsen und Schlagen der Mitstreiter werden als Foul gewertet und können zur Disqualifikation führen. Skicross ist eine Wintersport-Disziplin, die auch beim FIS Freestyle-Skiing-Weltcup und bei den Olympischen Winterspielen vertreten ist. Skicrosserin Daniela Maier 125 125

 

 

 

Während der Saison 2017/2018 kann Daniela zum Training wieder auf die Piste. Mit ihrem Team geht es zu den Rennen, zu Trainingszwecken ist sie bei den Wettkämpfen mit dabei. Nach ihrer 22-monati- gen Wettkampfpause steigt sie im Dezember 2018 wieder ins Renngeschehen ein und startet mit gleich zwei Siegen in Folge bei den FIS-Rennen auf der Reiteralm. Siebter Platz in der Weltcup-Gesamtwertung 2019 wird sie beste deutsche Fahrerin bei ihren ersten Weltmeisterschaften im US-amerikanischen Solitude bei Salt Lake City und Elfte in der Gesamt- wertung. Bei den folgenden zehn Weltcupeinsätzen fährt sie jedes Mal in die Top 15. Wieder richtig fit und voller Energie beginnt die Saison 2019/2020 mit dem Weltcup-Rennen in Inni- chen in den Sextener Dolomiten. Sie schafft es aufs Podium mit dem dritten Platz. Ebenso in Russland sowie im Sunny Valley. In der Weltcup-Gesamtwer- tung liegt sie auf dem siebten Rang. Das Finale muss allerdings einen Tag davor coronabedingt abgesagt werden, die Pandemie verändert nun auch das Wett- kampfgeschehen im Skicross. Während des Lock- downs trainiert Daniela viel zu Hause und beendet erfolgreich ihre Ausbildung bei der Polizei. Die Bundespolizistin kann 2020/2021 ihren Auf- wärtstrend der vergangenen Saison fortsetzen. Zu- nächst mit einem zehnten Platz in Arosa, fährt sie in Val Thorens ihr bisher bestes Weltcup-Ergebnis mit Rang zwei ein. Auf der Reiteralm beim Europacup kann sie das Rennen zunächst für sich entscheiden, bevor sie am darauffolgenden Tag beim Training schwer stürzt und wieder das Kreuzband im rechten Knie reißt. Sie wird sofort operiert, es folgt eine Reha im Sportzentrum am Tegernsee und Osteopathie bei Veronika Winterhalter. Daniela hat trotz der er- neuten Verletzung keinen Vertrauensverlust in ihr rechtes Knie – und landet in dieser Saison erneut auf dem Podium. Danielas Trainingspläne werden von ihrem Trai- ner Maximilian Wittwer geschrieben. Es ist ein ganz- heitliches Coaching mit geschultem Blick für Fehlhal- tungen und individuell angepasster Physio therapie. Es beinhaltet auch mentales Training, das sehr wich- tig ist vor einem Rennen und allgemein zum Über- winden von Unsicherheiten in der Fahrweise. Nach 22-monatiger Wettkampfpause, ausgelöst durch eine schwere Knieverletzung, startet Daniela Maier im Jahr 2019 wieder durch. Gymnastik war eines der Mittel, um die Fitness und körperliche Belastbarkeit wieder herzustellen. großartig unterstützt zu werden. Um die Muskulatur und Gelenke schonend zu kräftigen, ist Wassergym- nastik das beste Mittel. Mit Margot Zeitvogel weiß sie in Bad Reichenhall eine routinierte Therapeutin an ihrer Seite. Ihre Reha absolviert die Sportlerin in der Simse Klinik direkt neben der Bundespolizei in Bad Endorf. Ihr Trainer Maximilian Wittwer begleitet den langwierigen Weg von der Reha zurück zum Skicross. 126 Da leben wir

 

 

 

Olympia 2022 in Peking – Zuerst Vierte, dann folgt die Bronze-Medaille Das bislang größte Highlight in Danielas Karriere folgt im Februar 2022, als sie bei den Olympischen Winterspielen in China startet. „Ohne die Glücksbrin- ger, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking“, erzählt Daniela Maier mit einem Lächeln im Gesicht bei ihrer Abreise der Presse. Die 25-jährige Skicrosserin nimmt Kuscheltiere, besondere Socken, Fotos, Bücher und selbst UNO-Karten mit. ,,Es war sehr aufregend“, blickt sie auf Olympia zurück. „Das ganze Drumherum und auch sich mit so vielen Sportlern aus verschiede- nen Nationen zu unterhalten, das war etwas Besonde- res“, schwärmt sie. Mit bis zu 80 Stundenkilometern unterwegs – Daniela Maier bei den Olympischen Spielen in Peking. Ohne die Glücksbringer, viele habe ich von guten Freundinnen geschenkt bekommen, fliege ich nicht nach Peking. Skicrosserin Daniela Maier 127

 

 

 

Am Renntag ist Daniela Maier in Top-Form. Im Viertel- und Halbfinale kämpft sie sich mit extrem couragierter Fahrweise jeweils von hinteren Positionen nach vorne. Den Journalisten bei Olympia erklärt sie: „Ich bin sehr stolz auf meine Leistung, so gut bin ich noch nie Skicross gefahren und habe brutal schnelle Ski unter den Füßen.“ Schließlich gehört sie zu den vier Finalistinnen. Nach einem fulminanten Start gerät Daniela im Finale jedoch ins Hintertreffen und wird von der Schweizerin Fanny Smith ausgebremst, wird zunächst Vierte. Nach langsam verstreichenden Minuten im Zielraum, aus dem man als Viertplatzier- te so schnell wie möglich raus möchte, so die Furtwangerin, wird per Video beweis eine Behinde- rung seitens der Schweizerin an Daniela Maier festgestellt. Somit rutscht sie auf den dritten Platz und kann bei der Siegerehrung die Bronzemedaille in Empfang nehmen. Es ist die erste Medaille bei den Olympischen Spielen für Deutschland im Skicross. Daniela Maier zeigte in diesem Augenblick Fair Play und sportliche Größe, als sie mehrfach unterstreicht, sie selbst habe das Verhalten der Schweizerin zunächst nicht als Behinderung empfunden. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle: erst auf dem vierten dann doch auf dem dritten Platz… Sie sagt sich: „Genieße es, es ist dein Moment.“ Es folgen die Dopingkontrolle und Interviews mit der ARD und dem ZDF. Am Abend wird Daniela Maier mit rotem Konfetti in Empfang genommen. Natürlich gibt es ein Telefonat mit ihren Eltern. Ihrer Meinung nach ist sie das beste Skicross in ihrer bisherigen Laufbahn gefahren und als sie sich das Rennen anschaute, dachte sie sich: „Wer ist diese Frau?“ In all den Interviews, die jetzt folgen, sagt sie: „Ich wusste, eine kleine Chance besteht. Es sind aber die Besten der Besten hier vor Ort, die absolute Weltklasse. Ich habe zwar schon auf dem Podest gestanden, aber noch nie konstant, ich komme aus einer Verletzungssituation. Ich habe gekämpft, ich habe bis zum Schluss gekämpft – und die Medaille ist rausgekommen!“ Als sie auf dem Podest der olympischen Siegerehrung steht, rollen Tränen der Freude. Mehr dazu auf www.almanach-sbk.de/daniela-maier 128 Da leben wir

 

 

 

Der fulminante Zieleinlauf in Peking. Rechts Daniela Maier, ausgebremst beim Zielsprung durch Fanny Smith (links daneben), so das Urteil der Olympia-Jury vor Ort. 129

 

 

 

Die größten Erfolge in der Übersicht: 2015 Erste Weltcup-Platzierung, Platz 12 Montafon (Österreich) 2015 Weltcup-Platzierung, Platz 8 Innichen (Italien) 2015 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 2 Valmalenco (Italien) 2015 Europa-Cup, 2 Siege Gesamtwertung: Platz 2 2016 Erstes Weltcup-Podest, Platz 3, Val Thorens (Frankreich) 2016 Junioren-Weltmeisterschaft, Platz 4 Val Thorens 2019 Weltmeisterschaft, Platz 11 Solitude (USA) 2021 Weltcup-Platzierung, Platz 2 Val Thorens 2022 Olympische Winterspiele, Bronzemedaille Peking 2022 Gesamt-Weltcup, Platz 8 Sport macht einfach Spaß Nach Olympia ging‘s im Weltcup nochmals weiter, Daniela Maier erreicht den achten Platz in der Gesamtwertung. Beim Red Bull SuperSkicross in Andermatt kann sie zum Saisonende erneut demon- strieren, was Skicross wirklich ist: Ein wilder Ritt! Mit 80 Stundenkilometern geht es zu viert in Steilkurven, es folgt ein 40-Meter-Sprung – zum Schluss schießen die Crosserinnen über ein schräges Hausdach aus Schnee. Das Fazit von Daniela Maier: „Ein richtig cooles Event, eine gute Werbung für unseren Sport!“ Nach den Winterspielen genießt sie die Aufmerk- samkeit, die ihr Olympia gebracht hat. Bundespräsi- dent Frank-Walter Steinmeier verleiht ihr das Silberne Lorbeerblatt der Bundesrepublik Deutschland. Dar- über hinaus ist sie Gast beim Ball des Sports und die Deutsche Sporthilfe kürt sie zum „Champion des Jah- res“. ,,Aber nicht jede Party kann man mitmachen, das haut dich sechs Trainingseinheiten zurück!“, erzählt sie lachend. Außerhalb des Skicross ist Daniela Maier gerne in den Bergen zum Wandern oder beim Biken. Sie schwimmt im Chiemsee oder macht dort eine Fahrt mit dem Stand-up Paddle mit anschließender Brotzeit auf dem See. Außerdem backt sie sehr gerne Kuchen und teilt Empfehlungen für Back portale im Internet. Sie ist glücklich in ihrer WG in Marquartstein im Chiemgau, aber kommt immer mal wieder in den Schwarzwald zu Besuch. Und sie telefoniert häufig mehrere Stunden lang mit ihrer Mutter in Furtwangen. Für die Zukunft möchte die nunmehr 26-Jährige den Hauptfokus auf ihre physische Konstitution rich- ten. Noch mehr Energie in die Vorbereitung zu den einzelnen Wettkämpfen investieren. Aber das Wich- tigste für Daniela ist, dass ihr der Sport einfach Spaß macht und sie unendlich dankbar ist, wie sie von ihren Eltern, Freunden und durch den Skiclub Urach unterstützt wird. Was nun Olympia anbelangt, hofft Daniela Maier: „Es wäre super, wenn es ein Happy End gibt – und wir beide eine Medaille bekommen. Das wäre das beste Szenario.“ Großartiger Empfang in Furtwangen Rund 250 Fans, Familie, Wegbegleiter, Politikpro- minenz und hochrangige Sportfunktionäre berei- ten Daniela Maier Anfang April 2022 einen tollen Empfang in ihrer Heimatstadt Furtwangen. Fahnen schwenkend und jubelnd begrüßen sie die Schwarz- wälder Athletin in der Festhalle. Es gibt eine Polo- naise mit dem Skinachwuchs des SC Urach, ihrem Heimatclub und ein spontanes Tänzchen mit Mama Bruni. Lachend und in die jubelnde Menge winkend bahnt sich Daniela Maier den Weg durch das Fahnen- meer auf die Bühne. Dort plaudert sie mit Moderator Stefan Lubowitzki locker über ihre Erlebnisse in Peking. Aber auch über ihre ersten Gehversuche im Alter von drei Jahren beim Skiclub Urach, dem sie bis heute eng verbunden ist. Schließlich schauen sich Daniela Maier und die Zuschauer noch einmal die spannendsten Momente von Olympia auf der Großbildleinwand an. Darunter auch den Finallauf. „Dani, du hast uns Nerven gekostet, so spannend war es. Aber wir sind alle sehr stolz darauf, dass du die Saison 2021/2022 mit diesem großartigen Erfolg gekrönt hast“, so der Furtwanger Bürgermeister Josef Herdner und der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. 130 Da leben wir

 

 

 

In Furtwangen wird Daniela Maier am 2. April 2022 von ihren Fans laut jubelnd begrüßt. Unten: Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Furtwangen mit den Bürgermeistern Josef Herdner, Furtwangen (links) und Heiko Wehrle, Vöhrenbach (rechts). Skicrosserin Daniela Maier 131

 

 

 

Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien lehmann_holz_bauten aus St. Georgen­Peterzell hat sich voll und ganz dem Bauen mit dem heimischen Werkstoff Holz verschrieben. Eine Holzart hat es Inhaber Christian Lehmann dabei ganz besonders angetan: die Weißtanne. Von Roland Sprich Weißtannen-Tinyhäuser nach der Hütten- konzeption des Schwarzwald- Baar-Kreises 132 (siehe auch Infokasten auf S. 135). 4. Kapitel – Wirtschaft

 

 

 

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Der Begriff Schwarzwaldhaus ist bis heute besetzt mit rustikalem Wohnen auf einem urigen Bauernhof. Mit tief heruntergezogenem Dach und hölzernen Schindeln an den Wänden. Christian Lehmann aus St. Georgen-Peterzell denkt und interpretiert das historische Schwarzwaldhaus neu. Er plant und projektiert Wohn- und Nutzgebäude mit dem typischen und reichlich im Schwarzwald vorkommenden Baumaterial, mit Holz. Und ist auch in anderer Weise ganz eng mit dem Naturstoff verbunden. In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre. Holz spielt im Leben von Christian Lehmann schon immer eine Rolle. Geboren und aufgewachsen ist er auf einem denkmalgeschützten Schwarzwälder Eindachhof mit Sägewerk im Hornberger Ortsteil Reichenbach, nahe der höchsten Anhöhe Windkapf, wo sich die drei Landkreise Ortenau, Rottweil und Schwarzwald-Baar treffen. So lernte er die Wert- schöpfungskette Holz vom Wald über die Verarbei- tung bis zur Veredelung, aus nächster Nähe kennen. Heute ist er von Holz als Werkstoff fasziniert. Mit seinem Unternehmen lehmann_holz_bauten plant, projektiert und realisiert er Holzbauten aller Art – als Baubetreuer oder Generalübernehmer. Und beweist, dass sich die traditionelle Schwarzwälder Holz- bauweise mit moderner und zeitgemäßer Holzbau- architektur verbinden und mit der ursprünglichen Einfachheit und Gemütlichkeit vereinbaren lässt. Im Holzhaus wohnen ist ein Lebensgefühl Wenn Christian Lehmann über Holz spricht, ist er in seinem Element. Selbstredend lebt er auch selbst in einem Holzhaus und hat für sich und seine Familie in einer Holzhausgruppe in den 1990er-Jahren ein Zuhause geschaffen. „In einem Haus aus Holz zu wohnen ist ein Lebensgefühl. Man spürt und riecht die natürliche Atmosphäre.“ Darüber hinaus sind für Christian Lehmann, Inhaber von lehmann_holz_bauten. 134 Wirtschaft

 

 

 

HÜTTENKONZEPTION DES SCHWARZWALD-BAAR-KREISES Mit einem umfassenden Konzept will der Schwarz- wald-Baar-Kreis den Tourismus attraktiver gestalten. Die Hüttenkonzeption soll als Teil davon die gastro- nomische Versorgung entlang von Rad- und Wander- wegen sowie Loipen stärken. Dazu gehören auch Beherbergungsbetriebe. Vier von Christian Lehmann geplante und gebau- te Tiny-Häuser wurden dazu in Langenschiltach bei Familie Lehmann aufgestellt (siehe auch Seite Foto auf Seite 132). Innen wie außen dominiert die Weiß- tanne, die Ferienhäuser stehen mitten in der Natur. ihn die ökologischen, energetischen und wohnge- sunden Aspekte wichtig. „Holz ist ein lebendiger, nachwachsender und leicht zu bearbeitender Rohstoff aus der Natur“, bringt Christian Lehmann seine Faszination für den Baustoff auf einen Nenner. Dazu kommt, dass Holz von allen Baumaterialien die beste CO2-Öko-Klima-Bilanz sowohl bei der Herstel- lung, beim Transport, bei der Verarbeitung, der allgemeinen Nutzung und beim Recycling hat. Nicht von Anfang an der Traumberuf Dass er einmal beruflich mit Holz zu tun haben sollte, war dennoch nicht von vorneherein klar. „Eigentlich wollte ich Landmaschinenmechaniker werden“, verrät er. Familiäre Umstände zeichneten aber einen anderen beruflichen Weg vor. So absol- vierte er stattdessen von 1974 bis 1977 eine Ausbil- dung zum Zimmermann bei seinem Onkel, der in Langenschiltach einen Zimmermannbetrieb hatte. „Zu Anfangszeiten war das mehr ein Baustoffhandel als eine Zimmerei“, erinnert sich Christian Lehmann. Dennoch hat er schnell gelernt und sich viel Wissen selbst angeeignet, was auch zu frühem selbstständi- gen Arbeiten führte. Mit 22 Jahren schon Meister Der berufliche Ehrgeiz setzte sich auch nach Ende der Lehrzeit fort. Bereits nach eineinhalb Jahren als Zimmerergeselle konnte er durch einen glücklichen Umstand die Meisterschule besuchen und hatte letztendlich im Alter von 22 den Meisterbrief im Zimmererhandwerk in der Tasche. Im Anschluss startete er bei einem großen Holzbaubetrieb, wo er 20 Jahre als Bereichs- und Projektleiter für den Holzbau/Hausbau zuständig war und Großprojekte sowie den Schlüsselfertigbau leitete. „Darunter unter anderem den Bau der Neuen Tonhalle in VS-Villingen, das Hallen-/Neckarbad in VS-Schwenningen und die Deutsch-Schweizer Grenz-/Zollanlage in Konstanz- Kreuzlingen“, zählt er auf. 1989 hat Christian Lehmann die Prüfung zum Restaurator im Zimmererhandwerk abgelegt und un- ter anderem die Pfarrkirche St. Martin in Brigachtal und die drei Klosteranlagen in Villingen – die der Franziskaner, Kapuziner und Benediktiner – restau- riert beziehungsweise saniert. lehmann_holz_bauten 135

 

 

 

Oben: Zwei Familien, eine Idee: Die beiden ++Energie-/CO2-Aktivhäuser wurden einfach gespiegelt, so konnte die Baufläche optimal genutzt werden. Unten: Trotz hoher Standardisierung lassen sich auch individuelle Wünsche umsetzen. Die Baufamilie dieses Plusenergiehauses wollte eine Kletterwand an der Hausfassade haben. 136 Wirtschaft

 

 

 

Auch als Energieberater tätig Ein weiteres Standbein, das aktuell wichtiger ist denn je, ist seine Expertise als Energieberater. Selbstredend, dass er bei seinen projektierten Häusern auf den Energiewert achtet. Energieeffizientes Bauen liegt ihm nicht erst seit den steigenden Energiekosten am Herzen. Sogenannte Plusenergiehäuser werden als ++Energie-/CO2-Aktivhäuser gebaut. Dabei wird mehr Energie erzeugt als verbraucht wird. Die Atmosphäre wird nicht mit CO2 be- sondern entlastet. Der durch die Photovoltaikanlage auf der Süddachseite gewonnene Strom wird in eine Hochleistungseffizienz- Luft-Wasser-Wärmepumpe eingespeist. Die Wärme wird über die Fußbodenheizungen verteilt und das Brauchwasser gepuffert. Die Stromspeicher ergänzen und die Elektro-Ladestation komplettieren das Energiekonzept. Entwicklung eigener „Rahmenbedingungen“ Bei der Zusammenarbeit mit einer jungen, dynami- schen Architektengruppe Anfang der 1990er-Jahre bekam Christian Lehmann auch Zugang zur Architek- tur. „Damals habe ich begonnen, nebenher die ersten Häuser in Holz-System-Bauweise zu planen und auf Karo-Papier skizzenhaft zu entwerfen“, erinnert er sich. Dabei stieß er auch auf ein von einem Konstanzer Architekten entwickeltes Raster- modell für das Holzbau-Tragsystem. Von diesen Kenntnissen ausgehend entwickelte Christian Lehmann seine eigenen „Rahmenbedingungen“, die längst zu seinem Markenzeichen geworden sind, seitdem er sich 2003 mit einem eigenen Büro in Die hohe Standardisierung durch den Einsatz des Meter- Rasters macht Bauen effektiv und preisgünstig. Peterzell selbstständig gemacht hat. Auf der Ein- gangstür steht: „architektonisch pur – lehmann_ holz_bauten – beraten, betreuen, bauen.“ Die Planungen für seine Holzbauten, ganz egal ob Wohn-, Arbeits-, Ferien-, An-/Um-, gewerbliche, öffentliche, landwirtschaftliche Bauten, beruhen allesamt auf dem Meter-Raster. In der Regel gibt es ein Primär-Tragraster und ein Ein-Meter- Sekundär- raster. Heißt, dass sämtliche Maße in Meter- Schritten gedacht, geplant und eingeteilt sind. Der Vorteil dabei liegt für Christian Lehmann auf der Hand. „Es ist eine hohe Standardisierung, was das Bauen effektiv und preisgünstiger macht.“ Die Anpassung des Raumprogramms an die Holz-Raster-System-Bauweise im Meter-Raster er- möglicht besonders wirtschaftliche Holzbauten mit kurzer Bauzeit. Die effizienten und kostenoptimier- ten Bauteile werden teilvorgefertigt und mit Holz- faser gedämmt. Einfache, reduzierte Materialwahl, Konstruktionen und Bauteile sowie standardisierte Anschlüsse und Übergänge bestimmen den Entwurf, die weitere Planung, die Projektierung und die Reali- sierung bis ins Detail. In die Tenne eingeschobene Wohnboxen gehören bei Christian Lehmann zum Standardprogramm bei der Sanierung von Schwarzwald- höfen. Im Bild das Projekt Lippenhof bei Unterkirnach. lehmann_holz_bauten 137

 

 

 

Der umgebaute jahrhundertealte Lippenhof in Unterkirnach besticht durch den Einsatz von veredelter heimischer Weißtanne und die umlaufenden großflächigen rahmenlosen Verglasungen. Besonders hohen Wert wird auf baubiologisch unbedenkliche Baustoffe und wohngesundes Bauen gelegt. Es werden einheimische/regionale und wo möglich, naturbelassene Materialien/Hölzer verwen- det. Die Konstruktion wird in der Regel mit Konstruk- tionsvollholz (KVH) in Fichte/Tanne und die Außenbe- kleidungen in Douglasie ausgeführt. Die Fenster und Türen werden ebenfalls in Holz (Lärche) gefertigt. Im Innenbereich werden meist Eichenholzböden verlegt. Etwas Besonderes ist, dass Innenwände häufig über alle Geschosse durch Raumteiler/Einbauschränke er- setzt werden, die beidseitig als Schrankwand nutzbar sind und mit Oberlichtern ausgestattet werden. Vorliebe für klare Strukturen und Linien „Fünf Finger, fünf Bauteile, fünf Minuten, fertig ist das Haus“, fasst er die erforderlichen Bauelemente – Boden, Außenwand, Innenwand, Decke, Dach – zu- sammen. Der Vorteil zahlt sich für den Bauherrn in barer Münze aus. Im Schnitt 15 Prozent, so Lehmann, lassen sich mit einem nach seiner Methode projek- tierten Gebäude gegenüber konventioneller Bauwei- se mit gleich- oder höherwertigem Raumprogramm einsparen. Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meisterstücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindachhöfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen. 138 Wirtschaft

 

 

 

Individuelle Wünsche trotz hoher Standardisierung möglich Diese von ihm übernommene und weiterentwickelte Bauweise kommt Christian Lehmann auch bei seiner Vorliebe für klare Linien und Strukturen zugute. Verwinkelte Ecken, Schnörkel und Erker sind seine Sache nicht. Wenn sich dagegen die Einrichtung an die Holz-System-Bauweise anschmiegt und wie aus einem Guss wirkt, strahlt Christian Lehmann. „Was nicht heißt, dass individuelle Wünsche nicht reali- siert werden können.“ So lässt sich auch Ausgefalle- nes, wie beispielsweise eine Kletterwand an der Hausfassade, mühelos verwirklichen. Neben der Realisation von Neubauten ist der Umbau bestehender Gebäude ein weiteres Stecken- pferd von Christian Lehmann, der außerdem Restau rator im Handwerk ist. „Ich befasse mich seit Langem mit alten Schwarzwaldhäusern, den Meister- stücken des Zimmererhandwerks und versuche, die damaligen genialen Konstruktionen und die Intention, die hinter der früheren Bauweise großer Eindach höfe steckt, anzupassen und in die heutige Zeit zu übertragen“, erklärt Lehmann. Als einer der Ersten wagte er es, den Ausbau einer Tenne zu einer Wohnung nicht über die gesamte Fläche auszudeh- nen. Sondern eine Wohnbox in die Tenne zu stellen. Heute gehört der Einschub von Wohn-Glas-Boxen in große Dachräume, in denen früher das Futter für den Winter gelagert wurde, für ihn zum Standardpro- gramm. Mit dieser innovativen Holzbauarchitektur und unter Verwendung moderner Baustoffe wie viel Glas und veredelter Weißtanne lassen sich so zeitgemäßes Wohnen und Leben in der alten Hülle unter einem schützenden Dach auf kreative und an- genehmste Weise miteinander kombinieren. Ohne die vorhandene charakteristische, den Schwarzwald prägende Gebäudestruktur zu verändern oder gar zu zerstören. Besondere Vorliebe für Weißtanne Eine Sorte Holz hat es Christian Lehmann besonders angetan: die Weißtanne. Seit vielen Jahren engagiert er sich im FORUM WEISSTANNE, einem gemeinnüt- zigen Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, der heimischen Baumart eine Stimme zu geben. Die Tanne hat durch die Globalisierung des Holzmarktes in den vergangenen Jahrzehnten ihre einst führende Marktposition in ganz Süddeutschland verloren. Obwohl sie gerade im Schwarzwald eine der wich- tigsten Baumarten war und ist und aufgrund kurzer Transportwege eine unschlagbar günstige CO2-Bilanz aufweist. Das FORUM WEISSTANNE versucht, das Marktverhalten zugunsten der Weißtanne dahinge- hend zu verändern, dass es für Waldbesitzer wieder attraktiver wird, Weißtanne anzubauen und als eigenes Sortiment zur Verfügung zu stellen. Christian Lehmann setzt auf Weißtanne wo im- mer es möglich ist. Fast alle seine Projekte bekom- men eine Fassade aus dem heimischen Holz. Aktuel- les Beispiel ist der Lippenhof, ein jahrhundertealter Bauernhof in Unterkirnach mit Land-, Forst-, Ener- gie- und jetzt auch Gastwirtschaft mit Ferienwoh- nungen in der großen Gaube und in den ehemaligen Gangkammern. Aber nicht nur bei privaten Wohn- projekten lässt Lehmann die Weißtanne eine Rolle spielen. So wurde ganz aktuell ein im Auftrag der Bundeswehr erstelltes AWL-Gebäude (Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude) zur Standortschießan- lage in Donaueschingen, für das er die Projektierung und Bauleitung hatte, fast ausschließlich aus Holz und hier überwiegend in Weißtanne gebaut. Das ganz in NUR-Holz, mit leimfreien Holzelementen, gebaute Aufenthalts-, Werkstatt- und Lagergebäude ist eines der aktuell realisierten Weißtannenprojekte für die Bundeswehr am Standort Donaueschingen. XXX 139

 

 

 

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„Klinik am Doniswald“ – Psychotherapie und Seelsorge von Barbara Dickmann Die Menschen in Königsfeld sind eng verbun- den mit der Herrnhuter Brüdergemeine und mit ihren Kliniken. Auch die Michael-Balint- Klinik, die mehr als 26 Jahre erfolgreich als psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedi- zin betrieben wurde, gehörte „einfach dazu“. Keine Frage: Die Patienten waren willkomme- ne „Kurgäste“. Doch 2019 kam das „Aus“! Zwei lange Jahre passierte nichts und die wildesten Gerüchte machten die Runde. Dann lernten Andrea Fetzner und Andreas Leschinger, zwei promovierte Ärzt*innen, nicht nur diese Klinik, sondern ebenso Ralf Ruchlak kennen, einen Betriebswirt mit speziellen Kenntnissen in medizinischen Geschäftsfeldern. Die Folge: Am 1. Oktober 2021 öffnete die „Klinik am Doniswald“ ihre Tore. Klinik am Doniswald 141

 

 

 

Schon am Morgen fühlt sich Gerda erschöpft. Und eine unendliche Müdigkeit begleitet sie den ganzen Tag. Gegen Mittag setzen die Kopf- schmerzen ein, Bauchschmerzen nach dem Essen, Kreislaufstörungen und Verdauungsbeschwerden werden ein ständiger Begleiter ihres Alltags. Hinzu kommt die Angst, denn sie befürchtet eine schwere Erkrankung. Besonders nachts verstär- ken sich diese quälenden Gedanken und sie schläft schlecht. Ihr Hausarzt hört ihr geduldig zu, findet aber keine organische Ursache und drückt ihr eine Über- weisung in die Hand. Es wird nicht die letzte sein. Gerda wandert durch die unterschiedlichsten Fach- richtungen. Magen spiegelung, Darmspiegelung und und und… alles ohne Befund. Doch das ist kein Trost, sondern eher das Gegenteil. Und der Teufelskreis beginnt: Bauch-, Muskel- und Kopfschmerzen, Mü- digkeit und Erschöpfung führen zu noch mehr Stress, was wiederum die körperlichen Signale zusätzlich verstärkt. Nach einem langen Leidensweg kommt die Dia- gnose: Die Schmerzen, die Beschwerden sind psycho- somatisch! Gerda kann damit nichts anfangen. Was ist das eigentlich? Der Begriff Psychosomatik kommt aus dem Griechischen für Seele (Psyche) und Körper (Soma). Dieser Teil der Medizin beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen von psychologischen, biolo- gischen und sozialen Bedingungen einer Krankheit. Probleme belasten, sie „liegen im Magen“, Liebes- kummer „bricht das Herz“ und bei Ärger kommt uns „die Galle hoch“. Wenn die Seele sich auf den Körper auswirkt, können Beschwerden auftreten, für die man keine organische Ursache findet. Sie sind des- halb nicht weniger schlimm – ganz im Gegenteil. Gerdas Krankheitsverlauf wird immer dramatischer. Was ist die Ursache? Was belastet ihre Seele? Welche Narben hat sie? Ist Gerda traumatisiert? Oder ist es sogar eine Persönlichkeits-, Angst- oder Zwangsstö- rung? Gerda geht in die Akutklinik… Danach wird ihr eine Rehabilitation bewilligt. Gerda möchte nach Königsfeld in die Klinik am Doniswald. Der Tag der Anreise naht… Gerda reist an. Sie hat sich die Klinik am Doniswald ganz bewusst ausgesucht. Das denkmalgeschützte, liebevoll sanierte und aufs Neueste ausgestattete Hauptgebäude hatte es ihr angetan. Gerda wollte nicht in eine große Klinik, das allein machte ihr schon Angst. Die Klinik am Doniswald ist überschau- bar, da kann die Atmosphäre nur sehr persönlich sein. In der Küche wird frisch und gesund gekocht, was ihr auch wichtig ist. Der weiträumige Kurpark und der direkt hinter der Klinik beginnende Donis- wald sind für sie schon ein Teil der Therapie und Bal- sam für die Seele. Hier ist schon Albert Schweitzer gewandert, denkt sie voller Hochachtung. Und dann gibt es noch ein besonderes Thema, das sie für sich klären will: die Seelsorge. Denn „der 142 Wirtschaft

 

 

 

Freundlich empfangen und dank des ganzheitlich- psychotherapeutischen Ansatzes auch bestens betreut. Die Klinik am Doniswald bietet ihren Patienten beste Rahmen bedingungen. ganzheitlich psychotherapeutische Ansatz wird um eine geistlich-spirituelle Ebene erweitert, unab- hängig ihrer Überzeugung oder Religion wird auf Wunsch Seelsorge angeboten“…, so steht es auf der Internetseite. Gerda wird ausgesprochen freundlich empfangen, ihr Zimmer gefällt ihr gut, die Umgebung … so traum- haft wie sie es sich erhofft hat. Das Essen – einfach super und gleich am ersten Abend lädt Andrea Fetzner zu einem faszinierenden Vortrag ein. Es geht um die Geschichte der Klinik, um Königsfeld um die Herrnhu- ter Brüdergemeine und um Albert Schweitzer… Vier Wochen ganz auf sie abgestimmte, intensive Therapie liegen vor ihr, gepaart mit künstlerischen, musikali- schen und seelsorgerischen Angeboten. Ob Gerda physisch wie psychisch gesund werden wird, kann man nicht sagen. Doch die Voraussetzun- gen könnten nicht besser sein… Die Klinik am Doniswald – für Psychotherapie und Seelsorge Keine Frage, Gerda hat eine gute Wahl getroffen. Doch dass es diese Klinik überhaupt gibt, ist der Verdienst von drei besonderen Menschen, die sich einfach getraut und mit einer freundlichen Hartnä- ckigkeit ihr Ziel verfolgt haben und jetzt ihren Traum leben. „Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik!“ Andrea Fetzner, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Andreas Leschinger, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ralf Ruchlak, Diplom-Betriebs- wirt sind die heutigen Geschäftsführer. Drei Macher, die das Schicksal zusammengeführt hat. „Andreas Leschinger und ich kannten uns schon und wir wussten, dass wir gut zusammenarbeiten können“, berichtet Andrea Fetzner. Beide waren sie unzufrieden, hatten einfach andere Vorstellungen von einer Klinikleitung, als sie es in ihren Jobs er- lebten. Sie suchten nach Alternativen, sprachen im Freundeskreis darüber und irgendwann entstand die Idee, eine eigene Klinik zu gründen. „Die ehe- malige „Michael-Balint-Klinik“, so hieß dieses Haus 27 Jahre lang, war in einer Insolvenzmasse und stand leer“, erinnert sich Andreas Leschinger. Gemeinsam Klinik am Doniswald 143

 

 

 

Wir wollten eine eigene Klinik haben und wir wollten diese Klinik! Dr. Andrea Fetzner besichtigten die beiden Ärzte das Haus, irgendwie sprang da ein Funke über und sie kamen ins Grübeln. Und dann lernten sie Ralf Ruchlak kennen. Der Betriebswirt kannte die Klinik in- und auswendig. Er war vom Insolvenzverwalter 2019 als Verwaltungslei- ter eingesetzt worden und hatte die Klinik ein halbes Jahr bis zu deren Schließung geleitet. Ralf Ruchlak war besonders betroffen. Denn obwohl die Klinik gut belegt war, musste er von einem Tag auf den Betrieb einstellen und alle Mitarbeiter entlassen. „Das war einfach furchtbar, ich habe sehr darunter gelitten“, erinnert er sich. Mit Ralf Ruchlak war das Team kom- plett und drei höchst motivierte Menschen starteten das Projekt „Klinikkauf“, was nicht so einfach war. Denn die Frist zur Abgabe eines Kaufangebots war nicht einzuhalten. Auf ihre Bitte genehmigte der Insolvenzverwalter eine Verlängerung, sonst hätten sie keine Chance gehabt. Sie erarbeiteten einen Businessplan, fanden weitere Investoren, die bereit waren, Gesellschafter zu werden, kümmerten sich um die Finanzierung und gründeten mit insgesamt zwölf Menschen die „Doniswald Immobilien GmbH“. Und schon wieder lag es an dem Insolvenzverwalter. Denn insgesamt drei Bewerber wollten dieses Haus kaufen und es umbauen. Doch ihr Konzept überzeugte und sie erhielten den Zuschlag. Das war die Geburtsstunde der „Klinik am Doniswald“. An der Spitze und verantwortlich: die geschäftsführenden Gesellschafter Andrea Fetzner, Andreas Leschinger und Ralf Ruchlak. Große Nachfrage nach freien Plätzen Am 1. April 2021 kamen die ersten Handwerker – und das in Corona-Zeiten. Gleichzeitig schrieben sie Bei der Besichtigung der Doniswaldklinik sprang der Funke über, v. links: Die Ärzte Andreas Leschinger und Andrea Fetzner sowie der Königsfelder Bürgermeister Fritz Link nach dem Ortstermin. 144 Wirtschaft

 

 

 

Die Geschichte der Klinik Das vordere, denkmalgeschützte Gebäude wurde 1903 als Grandhotel für Kurgäste in Königsfeld erbaut und „Schwarzwaldhotel“ genannt. Der gemeindeeigene „Toniswald“ (später Doniswald) liegt direkt hinter der Klinik. Vor der Klinik wurde ein weiträumiger Kurpark angelegt. 1975 enstand unter Leitung des Hoteliers Hans Diegner ein zweiter Bau „Tonishof“ für Gäste zugefügt. 2021 wurde das Gebäude an die Doniswald Immobilien GmbH verkauft. 1991 übernahm die W. Rother GmbH das Gelände mit den beiden Gebäuden „Schwarzwaldhotel“ und „Tonishof“ und eröffnete die psychosomatische Klinik für Ganzheitsmedizin. Wie zuvor wird die Klinik als gemischte Fachklinik geführt und unter dem Namen „Klinik am Donis- wald“ am 1. Oktober 2021 neu eröffnet. Von 1993 bis 1998 erfolgten aufwändige Umbauar- beiten mit einem neuen Verbindungsbau zwischen beiden Gebäuden, um den Anforderungen an eine zeitgemäße Klinik gerecht werden zu können. Im vorderen, denkmalgeschützten Gebäude soll – sobald grünes Licht gegeben wird – eine Abteilung mit Akutbetten für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entstehen. Die Klinik ist weitestgehend barrierefrei gebaut und eingerichtet und wurde mehr als 26 Jahre erfolgreich als „Michael-Balint-Klinik“ geführt, bevor sie 2019 geschlossen wurde. Der Zwischenbau und der zum Wald hin gelegene Gebäudeteil ist seit 1.Oktober 2021 als Abteilung Rehabilitation für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wieder eröffnet. Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mit- streiter sind rundherum glücklich und zufrieden. das medizinische Behandlungskonzept, reichten knapp 300 Seiten Unterlagen an Behörden und Kostenträger ein und schafften es binnen kurzer Zeit, 75 Mitarbeiter zu finden. Etliche von ihnen waren frühere Mitarbeiter der „Michael Balint- Klinik“, und „deren Freude war groß, denn der Schmerz über die plötzliche und eigentlich grundlo- se Schließung saß tief“, erinnert sich Ralf Ruchlak. Am Freitag, den 1. Oktober 2021 war es soweit. Knapp 60 Patienten wurden aufgenommen. Und das hat sich bis heute nicht geändert. „Wir sind bis September ausgebucht“, sagt Andrea Fetzner und lächelt dabei. Sie und ihre zwei Mitstreiter sind rundherum glücklich und zufrieden. Natürlich sei die Arbeit anstrengend, besonders wenn sich manchmal coronabedingt Krankheitsfälle bei den Mitarbeitern häufen würden und natürlich sei der Verdienst auch geringer. Und ja, eigentlich wären sie und Andreas Leschinger eher in einem Alter, in dem man an mehr Freizeit denke. Und Ralf Ruchlak, der Jüngste im Bunde, mit kleinen Kindern – keine Frage! Wenn da nicht die Partner so unterstützend mitspielen wür- den, ginge das gar nicht. Was machen sie anders als andere Kliniken? „Wir haben eine sehr flache Hierarchie“. Die Geschäfts- führer duzen sich mit dem Hausmeister, der Klinik am Doniswald 145

 

 

 

In der Fachklinik Doniswald werden folgende Krankheitsbilder behandelt: • ADHS • Angsterkrankungen Burnout • • Coronafolgen • Depressionen Essstörungen • • Persönlichkeitsstörungen Schlafstörungen • Schmerzerkrankungen • Traumafolgestörungen • • Zwangsstörungen Links: Blick in den Speisesaal und der Empfang. Rechts: Das 1993 von dem Künstler Tobias Kammerer erschaffene Seccofresco beschäftigt sich bildkünstlerisch mit der medizinischen Psychosomatik. Reinigungsfrau oder dem Koch genauso wie mit ihren Kollegen. Das ist kein Gag, sondern einfach ein Ausdruck dafür, dass sich alle auf einer Ebene begeg- nen, dass sie eine Gemeinschaft sind und sich gegenseitig wertschätzen und respektieren. „Ich glaube, dass der Geist der Herrnhuter Brüdergemeine auch uns berührt hat. Denn es gibt dort nur Brüder unter Brüdern und Schwestern unter Schwestern, alle sind gleichwertig.“ Ja selbst auf dem Friedhof seien alle Gräber gleich. Es gäbe keine großen Monumente. Und die Geschichte von Königsfeld sei einfach faszinierend … Man spürt es genau – Königs- feld hat es Andrea Fetzner angetan. Es gibt keine Mindestlöhne und kein Catering. Es wird nichts outgesourct. Ganz im Gegenteil. „Unsere Mitarbeiter sind uns wertvoll.“ Nächstes Ziel: Genehmigung der Akutbetten Ständig wird verbessert, verschönert, modernisiert und an den Therapieplänen gefeilt. Das nächste Ziel: Die Genehmigung, der durch die Schließung verloren gegangenen Akutbetten, denn der Bedarf ist groß. Die Anträge sind gestellt, doch das zu erreichen braucht sehr viel Geduld. „Wir sind eine kleine Klinik, der Streit um die Akutbetten wird seit Jahren geführt. Die zusätzliche Therapieform der Seelsorge liegt den Verantwortlichen besonders am Herzen. „Es gibt viele Menschen, die aufgrund ihres Glaubens in Schwierigkeiten geraten sind. Das ist noch ein an- derer Aspekt der Psychotherapie – egal ob Moslem oder Christ!“ Zwei Seelsorger sind für die Patienten auf Wunsch da und natürlich sei auch die Spirituali- tät ein Kreativbaustein zur Heilung der Seele. 146 Wirtschaft

 

 

 

Andrea Fetzner Andrea Fetzner studierte von 1980 bis 1987 Medizin in Tübingen, Promotion 1987 im Bereich Entwicklungsneurologie, Approbation 1988. Von 1987 bis 1995 war sie als Familienfrau und Mutter von drei Kindern tätig. Von 1995 bis 2007 arbeitete sie als Assistenzärztin in der Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe (Klinik für krebs- und herzkranke Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene) und von 2008 bis 2012 als Assistenz ärztin in der Mediclin Baarklinik und Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld. Nach der Facharztprüfung mit Anerkennung zur Fachärztin für Psycho somatische Medizin und Psychotherapie arbeitete Andrea Fetzner 2012 bis 2013 als Oberärztin in der Mediclin Baarklinik Königsfeld, von 2013 bis 2014 als Oberärztin in der Privatklinik Friedenweiler. Ab Januar 2015 arbeitete sie zunächst als leitende Oberärztin, ab August 2015 als Chefärztin in der Medianklinik St. Georg Bad Dürrheim. Seit 1. August 2021 ist sie geschäftsführende Gesellschafterin und Chefärztin der Klinik am Doniswald GmbH. Andreas Leschinger Andreas Leschinger studierte Medizin in Köln und Gießen, Promotion im Bereich Neurophysiologie, 1994 Approbation. 1995 Weiterbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsklinik Magdeburg, Facharzt seit 2001. Im Jahr darauf erhielt er die Legitimation und Facharztanerkennung für das Fach Psychiatrie in Schweden. Dort war er zunächst als Oberarzt, ab 2007 als Chefarzt vornehmlich in der Akutpsychiatrie, sowohl in der stationären als auch ambulanten Versor- gung tätig. Nach der Rückkehr nach Deutschland im Jahr 2015 zunächst oberärztliche Tätigkeit im Vinzenz von Paul Hospital Rottweil. 2017 bis Juli 2021 leitender Oberarzt in der Median Klinik St. Georg in Bad Dürr heim. Jetzt geschäftsführender Gesellschafter und Chefarzt der Klinik am Doniswald GmbH. Ralf Ruchlak Ralf Ruchlak studierte Betriebswirtschaft in Lörrach und in den USA. Fast zehn Jahre war er für die Firma ALDI Süd in der Funktion als Regionalver- kaufsleiter in Süddeutschland und den USA tätig. Zuletzt auch als Prokurist in der Firmenzentrale von ALDI Süd in Mülheim an der Ruhr. Seit 2011 ist Ralf Ruchlak in verschiedenen Managementfunktionen im Gesundheitswesen aktiv. Neben der Leitung diverser Kliniken unter- schiedlichster Fachrichtungen beschäftigte sich Ralf Ruchlak insbesonde- re mit der Sanierung und dem Aufbau von medizinischen Geschäftsfeldern. Beratend oder auch in operativer Funktion unterstützte er verschiedene Insolvenzverwalter bei Insolvenzen im Gesundheitswesen. Ralf Ruchlak ist geschäftsführender Gesellschafter der Klinik am Doniswald GmbH. Klinik am Doniswald 147

 

 

 

75 JAHRE HEZEL GMBH VOM PIONIER ZUM HOCHMODERNEN ENTSORGUNGSFACHBETRIEB von Roland Sprich „Kompetenz rund um Recycling“ – die Firma Hezel aus Mönchweiler gilt als Entsorgungsfachbetrieb auf modernstem Stand und feiert 2023 ihr 75-jähriges Bestehen. Das Unternehmen entwickelte sich aus kleinsten Anfängen heraus zum Universalfachbetrieb für die Verwertung von Abfällen aller Art im gewerblich-industriellen Bereich. Am Beginn dieser Erfolgsgeschichte steht der Schrotthandel von Oskar Hezel, des „Schrottle“, wie die Mönchweiler den Firmengründer und Recycling-Pionier nannten. Heute stehen Uwe Hezel, seine Tochter Tanja und Jürgen Hezel an der Spitze eines über 40 Mitarbeiter großen Unternehmens mit hervorragenden Zukunftsperspektiven. 148

 

 

 

 

 

 

Weil Oskar Hezel das Altmetall anderer Leute einsammelte, bezeichneten ihn die Mönchweiler als „Schrottle“. Aber der Pionier erkannte früh den Wert des Recyclings und besonders von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg gibt ihm alsbald recht. Doch: Der Handel mit Schrott erwies sich als zu- nehmend erfolgreich. Kurz nach dem Weltkrieg war das als „Schrott“ bezeichnete Altmetall bares Geld wert. „Es gab ja nach dem Krieg nichts, aber überall lag Schrott herum“, beschreibt Sohn Jürgen Hezel die damalige Situation. Oskar Hezel wird indes für seine Schrottsammlerei eher belächelt. Die Mönchweiler geben ihm dafür den Spitznamen „Schrottle“. Aber er lässt sich nicht beirren, erkennt als ein Pionier des Recyclings früh den Wert von Metallen aller Art. Der unternehmerische Erfolg bleibt nicht aus, was auch notwendig ist, denn die Familie hat fünf Kinder zu ernähren. Späne schaufeln ist Schwerstarbeit Schon bald kauft sich Oskar Hezel einen Opel P4, den er zum Pritschenwagen umbaut, um immer Alles beginnt mit der Gründung eines Schrotthan- dels durch Oskar Hezel im Jahr 1948. Der gelernte Formenbauer, Jahrgang 1923, arbeitet in der Aluminiumgießerei in Villingen, wo er unter anderem die Lüfterflügel für die St. Georgener Papst-Motoren gießt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gründet der 22-Jährige gemeinsam mit seinem Schwager Fritz Ecker in Hornberg eine eigene Gießerei, in der Kochtöpfe hergestellt werden. Diese tauschte er mit den Bauern in der Umgebung – im Gegenzug dazu erhält er Speck, Käse, Fleisch, Milch und andere Lebensmittel. Noch gibt es die D-Mark als sichere Währung nicht. So erzählt es der älteste Sohn Fritz Hezel. „Dadurch habe es immer genug zu essen gegeben“, erinnert er sich an die Schilderungen des Vaters. Oskar Hezel Das Handeln mit Waren liegt der Familie seit Generationen im Blut. „Schon Oskars Großmutter Katharina war Händlerin, die mit dem Handwagen nach Villingen lief, um dort Kurzwaren einzukaufen, die sie hier am Ort verkaufte“, so Jürgen Hezel weiter, der das Unternehmen heute zusammen mit seinem Bruder Uwe und dessen Tochter Tanja führt. Im Jahr 1950 wird die Gießerei Hezel & Ecker aufgegeben. Oskar Hezel entwickelt eine neue Geschäftsidee: Er erwirbt einen selbstfahrenden Claas-Mähdrescher und ist damit in der gesamten Region unterwegs, um das Korn der Bauern in Lohn- arbeit zu dreschen. Nebenher baute Oskar Hezel einen Schrotthandel auf, der zunächst nur als ein „Notnagel“ galt, um ein bisschen Geld zu verdienen, wenn nichts anderes mehr ging. Auf der Gewerbeschau Mönchweiler im Jahr 2007 wurde ein Fahrzeug nachgestellt, wie es etwa Oskar Hezel zu Be- ginn seiner Karriere hatte. Im Original war es ein Opel P4 Pritschenwagen, Familie Hezel zeigte einen Ford Model A mit Pickup-Aufbau. 150 Wirtschaft

 

 

 

1970er-Jahre zu florieren beginnt, braucht Oskar Hezel Unterstützung. So steigt der gelernte Reise- bürokaufmann Jürgen Hezel nach seiner Bundes- wehrzeit 1976 in das Unternehmen ein. Und 1982 gibt ebenso Sohn Uwe Hezel seinen Beruf als Maschinenschlosser bei J. G. Weisser in St. Georgen auf und bringt sich gleichfalls in das väterliche Unternehmen ein. 1988 dann übergibt Oskar Hezel die Firmenleitung an drei seiner Kinder. Er bleibt jedoch weiterhin in beratender Funktion an der Entwicklung des Unternehmens beteiligt, bis er 1994 stirbt. Bis heute bilden die Kinder – und mittlerweile auch Enkeltochter Tanja – die Führungsspitze der Firma Hezel. Jürgen und Uwe Hezel sind gemeinsam mit ihrer Schwester Angelika ebenso die Gesellschaf- ter des Unternehmens. Die jüngste Schwester Angelika kam 1984 hinzu, hat sich allerdings vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurück- gezogen. Sie war jedoch all die Jahre maßgeblich an der Gestaltung der Firmengeschicke beteiligt. „Oskar räumt alles auf“ – Zeitungsanzeige aus den 1970er-Jahren für den Entrümpelungs-Service von Oskar Hezel. größere Mengen an Altmetall einsammeln zu können. Neben dem Erwerb von Schrott von Privatkunden beginnt Oskar Hezel jetzt auch damit, Metallabfälle aus den umliegenden Firmen der aufstrebenden metallverarbeitenden Industrie zu erwerben. Die Verwertung dieser Späne ist indes ein gewaltiger Kraftakt. „Das war Schwerstarbeit, denn zu Beginn mussten die Metallspäne von Hand auf den Pritschenwagen geschaufelt werden“, beschreibt Uwe Hezel den Knochenjob, den sein Vater leisten musste. Die Ära des „Waldcafé Hezel“ Oskar Hezel versucht noch immer, sich nicht nur auf eine Einnahmequelle zu verlassen. So entwickelt er Ende 1963 die Idee, ein Café zu betreiben, das er im eigenen Wohnhaus in der Oberen Mühlenstraße einrichtet. Das „Waldcafé Hezel“ existierte bis 1971. Das Wohnhaus ist bis heute in Familienbesitz und liegt nur einen Steinwurf vom alten Betriebsgelände entfernt. Nach der Schließung des Cafés konzentriert sich Oskar Hezel vollends auf die Erweiterung seines Schrotthandels und bietet darüber hinaus einen Ent- rümpelungsservice an: „Oskar räumt alles auf – vom Keller bis Speicher“ lautete die Anzeige, mit der er in den hiesigen Zeitungen um Kunden warb. Drei Kinder steigen ins Geschäft ein Der Schrotthandel beeinflusst auch die beruflichen Werdegänge der beiden jüngeren Söhne des Fir mengründers. Als das Geschäft Mitte der Die Geschäftsleitung in den 1980er-Jahren, von links: Die Geschwister Uwe, Angelika und Jürgen Hezel. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 151

 

 

 

Heute gehört mit Tanja Hezel, Tochter von Uwe Hezel, ebenso ein Enkelkind des Firmengrüders der Geschäftsführung an. Tanja Hezel ist seit 2011 im Unternehmen tätig und verantwortet unter anderem die Personalleitung, das Marketing und die Kunden- betreuung (s. S. 157). Oben, die Geschäftsleitung im Jubiläumsjahr: Uwe, Tanja und Jürgen Hezel vor dem Eingangsportal des Verwal- tungsgebäudes das mit den Maskottchen der Firma Hezel bestückt ist, den Ameisen. Unten: Die 19.000 Quadratmeter große Recycling-Halle und das Verwaltungsgebäude. Entsorgung von „A“ wie Altpapier bis „Z“ wie Zink Die Firma Hezel entsorgt praktisch alles. Von „A“ wie Altpapier über „E“ wie Elektronikschrott bis „Z“ wie Zink. Hezel kümmert sich um die fachgerechte Entsorgung von insgesamt über 360 unterschiedlichen Materialien, die in Industriebetrieben anfallen. Lediglich Sprengstoffe, radioaktive Substanzen und Tierkörper werden 152 Wirtschaft

 

 

 

Oben: Ein Hezel-Fahrzeug liefert neues Recycling-Material an. Unten: Das Team der Firma Hezel GmbH – manch einer ist schon über 25 Jahre dabei. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 153

 

 

 

bei Hezel nicht angenommen. Die Kernkompetenz ist auch heute noch das Recycling von Schrott und Metall, was 60 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht. Als eines der ersten Recyclingunternehmen 1997 als Entsorgungsfachbetrieb zertifiziert. Gesamtentsorgungsunternehmen zu sein, bedeutet eine Menge Know-how, hohe Verantwortung und eine umfangreiche Logistik, um die unterschiedlichs- ten Anforderungen bei der Abfallentsorgung zu gewährleisten. Um das stetig steigende Aufkommen an recyclingfähigem oder zur endgültigen Entsor- gung bestimmtem Material bewältigen zu können, erweiterte Hezel 2008 seine Betriebsfläche. Heute Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit des Materials um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung. Jürgen Hezel mit Kupfergranulat, das aus Kabel abfällen gewonnen wurde (kleines Bild). agiert das Unternehmen auf 30.000 Quadratmetern. Pro Jahr werden rund 50.000 Tonnen Material umgeschlagen. Bei steigender Tendenz. „Das entspricht etwa dem Gewicht von 8.300 Elefanten“, zeigt Tanja Hezel die Dimension auf. Herzstück auf dem Grundstück im Mönchweiler Gewerbegebiet Egert ist eine 19.000 Quadratmeter große und 16 Meter hohe Halle. Hier werden sämtli- che Abfälle, insbesondere Metalle und weitere Wert- stoffe wie Holz und Papier, angeliefert, begutachtet, sortiert und entweder zur Wiederaufbereitung in Stahl- und Schmelzwerke oder zur Energiegewin- nung in Verbrennungsanlagen transportiert. Nur we- nige Abfälle werden noch deponiert. „Bei uns liegt kein Stück Abfall unter freiem Himmel“, so Jürgen Hezel. Wertschöpfung durch Materialtrennung Ein positives Beispiel in Sachen Wertschöpfung kann Hezel bei der Gewinnung von Kupfer aus alten Stromleitungen vorweisen. In einer speziellen Granu- lieranlage wird die Gummiummantelung von den Kupferleitungen getrennt. Das reine Kupfer wird zu 154 Wirtschaft

 

 

 

Granulat verarbeitet und anschließend in Gießereien wieder eingesetzt. „Der Materialwert erhöht sich durch die Reinheit um das Vierfache. Das ist echte Wertschöpfung“, sagt Jürgen Hezel. Beachtlicher Fuhrpark und eigenes Feuerwehrauto Der Fuhrpark ist in den vergangenen Jahrzehnten stark angewachsen. Aktuell umfasst er 18 Fahrzeuge, in erster Linie Containerfahrzeuge, aber auch einen eigenen Saug- und einen Pressmüllwagen sowie ein Hebebühnenfahrzeug. Sogar ein eigenes Feuerwehr- fahrzeug mit einem 8.000 Liter-Wassertank gehört zum Fuhrpark. „Das Fahrzeug dient der Bekämpfung interner Brände und um diese in Schach zu halten, bis die Feuerwehr eintrifft“, wie Tanja Hezel sagt. Angeschafft wurde es zur eigenen Sicherheit und Risikominimierung. „Seit wir das Feuerwehrauto haben, kam es zu keinen größeren Bränden mehr“, ist die Juniorchefin erleichtert. Apropos Feuerwehr: Seit 2019 ist die Hezel GmbH offiziell „Partner der Feuerwehr“. Diese besondere Auszeichnung des Feuerwehrverbandes erhielt das Unternehmen für die regelmäßige Bereitstellung des Firmengeländes sowie von Altfahrzeugen für techni- sche Übungen der Feuerwehr Mönchweiler. Mitte: Container mit einer fleißigen Ameise. Unten: Styroporpressling. Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisenstaat nicht überleben könnte. Maskottchen. „Im Wald übernimmt jede Ameise ihre spezielle Tätigkeit, ohne die der gesamte Ameisen- staat nicht überleben könnte. Übertragen auf unser Unternehmen wäre ohne die Tätigkeit jedes einzel- nen Mitarbeiters der komplette Ablauf nicht mög- lich“, erläutert Tanja Hezel die Sinnhaftigkeit des Maskottchens. Fleißig wie die Ameisen Rund 40 Mitarbeiter kümmern sich um die fachge- rechte Entsorgung des Materials. Jeder Einzelne trägt in seinem jeweiligen Tätigkeitsbereich täglich dazu bei, die Umwelt ein Stück sauberer zu machen. Nicht umsonst ist auch die Ameise seit vielen Jahren das Ein Ansprechpartner für alle Kundenbelange Service und Kundenzufriedenheit stehen bei der Firma Hezel ganz oben. „Wir wollen ein Gesamtent- sorger sein und alles entsorgen, was ein Betrieb zu entsorgen hat“, sagt Tanja Hezel. Zum besonderen Kundenservice gehört hier, dass der Kunde nur einen Ansprechpartner für all seine Belange hat.“ Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 155

 

 

 

Diese Unternehmensphilosophie hat Bestand. „Viele Betriebe begleiten wir als Entsorgungspartner seit deren Anfängen. Angefangen als Garagenbetrieb sind heute große, namhafte Firmen daraus gewor- den. Deshalb schätzen wir jeden einzelnen Kunden“, gibt Uwe einen Einblick in die Firmenphilosophie. Nicht nur die Wertschätzung der Kunden, auch die der Mitarbeiter liegt der Familie Hezel am Her- zen. Das spiegelt sich auch in der Treue der Mitar- beiter zu ihrem Arbeitgeber wider. „Wir haben Kolle- gen, die seit über 25 Jahren bei uns sind“, sagen die Hezels stolz. Beispiel Schrott und Metalle: Um aus Erzvorkommen Stahl herzustellen, dauert das in modernen Hoch- öfen drei Stunden. Das Einschmelzen von Schrotten im Elektroofen dauert hingegen nur eine halbe Stunde, was den Energieverbrauch um 75 Prozent reduziert und etliche Millionen Tonnen CO2 einspart. Unternehmen wie die Hezel GmbH leisten somit einen erheblichen Beitrag zum Umweltschutz. Um hier auch in Zukunft gut aufgestellt zu sein und weiterhin einen wertvollen Beitrag zu leisten, trägt die Firma Hezel in Mönchweiler täglich mit Ihrer Dienstleistung zum Wohl der Bürger im Schwarzwald- Baar-Kreis und weit darüber hinaus bei. Wichtiger Beitrag zum Umweltschutz Dass Oskar Hezel mit der Gründung seines Altmetall- handels vor 75 Jahren einen wichtigen Baustein im Bereich Recycling gelegt hat, mag ihm damals sicher so nicht bewusst gewesen sein. In Zeiten knapper werdender Ressourcen und des Umweltschutzes leistet die Firma Hezel heute einen wichtigen Beitrag zur Ressourcenschonung. Das zeigt sich allein am Der beachtliche Fuhrpark der Firma Hezel mit eigenem Feuerwehrauto. 156 Wirtschaft

 

 

 

Tanja Hezel vielfach engagiert Mit Tanja Hezel arbeitet Hezel trotz des lockeren „Du“ zwischen Chefin und Angestellten der Respekt der Mitarbeiter sicher, den sie sich durch Leistung und harte Arbeit verdient hat. Die heute 36-Jährige ist zudem seit 2020 Mitglied im Organisa- tionsteam des Frauenwirtschafts- forum, eines Unternehmerinnen- Netzwerkes unter dem Dach des Steinbeis-Instituts aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg und darüber hinaus. Des Weiteren setzt sie sich für karitative Pro- jekte ein zum Beispiel half sie den Erdbebenopfern in Kroatien mit einer Spende. Und noch eine Tätigkeit übt die Unternehmerin aus. Sie ist seit einiger Zeit auch als ehrenamtliche Richterin am Arbeitsgericht in Villingen tätig. Wer so viel arbeitet und sich zum Wohl anderer engagiert, der braucht auch ein entspannendes Hobby. Und da fällt der Apfel offenbar nicht weit vom Stamm. So wie ihr Vater Uwe ist Tanja Hezel ein begeisterter Fan alter Fahrzeuge und fährt und pflegt Oldtimer, die sie unter anderem als Hochzeitsautos samt Chauffeur zur Verfügung stellen. heute mittlerweile die dritte Generation des Familienunternehmens mit. Ihr beruflicher Werdegang ist beeindruckend: Nach der Haupt- schule besuchte sie zunächst die Berufsfachschule sowie das Wirtschaftsgymnasium an den Zinzendorfschulen in Königsfeld. Anschließend folgte ein Studium an der Hochschule Furtwangen im Studiengang internationale Betriebswirtschaft (International Business). Inklusive eines sechs- monatigen Praktikums bei einem Automobilhersteller in Barcelo- na, wo sie im Bereich Personal- entwicklung tätig war. Das Studium führte Tanja Hezel auch für ein Aus- landssemester nach Montreal, Kanada. Vor etwas mehr als einem Jahr hat sie zudem ihr Masterstudi- um bei der Steinbeis-Hochschule-Berlin an der Busi- ness School Alb-Schwarzwald abgeschlossen und ist jetzt Master of Business Administration, kurz MBA. Wenngleich sie das jüngste Mitglied auf Geschäftsfüh- rungsebene ist – seit 2018 hat sie Prokura – so ist Tanja Tanja Hezel vor ihrem Ford A. Das Fahrzeug in der seltenen Berliner Taxiausführung aus den 1930er-Jahren ist eine außer ordentliche Rarität. Entsorgungsfachbetrieb Hezel GmbH 157

 

 

 

DIE WILHELM STARK BAUSTOFFE GMBH SEIT 90 JAHREN ERFAHRENER PARTNER VON HANDWERKERN UND BAUHERREN von Wilfried Strohmeier 158 158 Wirtschaft

 

 

 

Das Geschäftsführer- Trio der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH von links: Michael Stark, Christian Stark und Udo Bohnerth am STARK Hauptsitz in VS-Villingen. 159

 

 

 

Begonnen hat alles im Elternhaus in Döggingen, wo Wilhelm Stark seine Baumaterialien handlung vor 90 Jahren begründete. Heute führt die Wilhelm Stark Baustoffe GmbH an sieben Standorten vom Mauerstein bis zum Parkettboden etwa 50.000 Artikel, die allesamt dazu gedacht sind, zu einem gemütlich- schönen Zuhause beizutragen. Im Jubiläumsjahr steht die bereits dritte Generation der Familie Stark in der Verantwortung für das Unternehmen, das über 100 Mitarbeiter beschäftigt. Die Kunden sind zu einem Drittel Endverbraucher und private Bauherren – zu zwei Drittel Bau-Profis und Handwerksbetriebe. Geboren im Jahr 1908, startete der Firmengründer Wilhelm Stark im Jahr 1926 mit viel Elan seine kaufmännische Lehre im Wolterdinger Ziegelwerk der Gebrüder Bott. Doch nur ein Jahr nach Beginn der Ausbildung veräußerte das Bruchsaler Unternehmen seine Nebenstelle in Wolterdingen. Der neue Inhaber vermochte das Ziegelwerk keine zwölf Monate zu halten und es kam aus der Konkursmasse heraus zum Verkauf an das Schwenninger Ziegel- werk. Wilhelm Stark schloss seine in Wolterdingen begonnene Lehre zum Kaufmann schließlich beim nunmehr dritten Eigentümer an dessen Hauptsitz in Schwenningen ab. Doch 1931 ging auch das Schwen- ninger Ziegelwerk in Folge der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Und für den gerade 23-jährigen Wilhelm Stark stand als junger Kaufmann eine existenzielle Frage im Raum: Wie soll es weitergehen? Stammsitz in Döggingen 1933 kam es somit zur Gründung der Baumaterialienhandlung in seiner Heimatgemeinde Döggingen am Rande des Schwarzwalds. Von zu Hause aus belieferte Wilhelm Stark die Baufirmen im Raum Donaueschingen, Hüfingen, Bräunlingen und im Hochschwarzwald mit Baustoffen aller Art. Das Jahr 1933 wird in der Geschichte des inhabergeführten Unternehmens auch als das Gründungsjahr gesehen und Döggingen als Stammsitz. Der juristische Hauptsitz der Firma ist seit Anfang der 1950er-Jahre in Villingen. Der Firmengründer erinnerte sich bei der Feier zum 25-jährigen Bestehen seines Unternehmens an die Anfänge. An die Zeit, zu der er mit dem Motorrad den ganzen Schwarzwald bereiste, von Hinterzarten bis Furt wangen und bis in den Hegau nach Engen. Doch bald stieg er um, kaufte 1934 einen gebrauchten Mit dem Motorrad in der Region unterwegs Er wandte sich an seinen ehemaligen Lehrherren, die Firma Bott. Und für diese arbeitete er nun als Handelsvertreter auf Provisionsbasis. Mit einem Motorrad besuchte er mögliche Kunden und dadurch kam nach seiner kaufmännischen Lehre ein zweiter Pfeiler für die spätere Selbstständigkeit hinzu: Er bekam Kontakte in die gesamte heimische Baubran- che. Und es lag nahe, zusätzlich zu den Ziegeln der Firma Bott auch Baustoffe ins Sortiment aufzuneh- men, die stark nachgefragt waren. Das mütterliche Elternhaus, der STARK Stammsitz seit 1933 in Döggingen. 160 Wirtschaft

 

 

 

Opel 4/20 mit Allwetterverdeck. Und wenig später hatte er auch einen großen Erfolg als Handelsvertre- ter: Die meisten der zahlreichen Kasernenbauten in Donau eschingen wurden in den 1930er-Jahren mit Bott-Ziegeln gedeckt – der Verkauf erfolgte durch Wilhelm Stark. Nach den Anfangserfolgen stellt der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges das Unternehmen vor neue Herausforderungen: Wilhelm Stark wurde im August 1939 zur Luftwaffe eingezogen. Seine Ehefrau Lina, die er Ende 1938 geheiratet hatte, versuchte den Baustoffhandel so gut es ging aufrecht zu erhalten, was in Anbetracht des Krieges über weite Zeitspan- nen nur eingeschränkt möglich war. Sechs Jahre sollte es dauern, bis der Unternehmer 1945 aus dem Krieg und der Kriegsgefangenschaft nach Hause zu- rückkehrte. Der Baustoffhandel wurde unter schwie- rigsten Umständen wieder aufgenommen. Materialknappheit nach dem Krieg Nach dem Krieg begannen die Aufbaujahre des Unternehmens und diese standen in den ersten Jahren noch im Zeichen der Not der Nachkriegszeit. Die Region befand sich unter französischer Wilhelm Stark (1908 – 2001) Ehefrau Lina versuchte den Baustoffhandel zur Zeit des Zweiten Weltkrieges so gut es ging aufrecht zu erhalten. Der Fuhrpark der Firma Wilhelm Stark in den 1950er-Jahren, bestehend aus einem Borgward und einem Mercedes-Benz. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 161

 

 

 

men. Auch wurde er 1948 zum ersten Bürgermeister der damals selbstständigen Gemeinde Döggingen gewählt. Das Amt gab er 1952 auf, um sich ganz auf seinen Baustoffhandel zu konzentrieren. In die Währungsreform ging er mit einem Lager- bestand von 1.100 Mark, er musste von allen Ver- wandten und Bekannten Geld zusammensammeln, um seinen ersten Waggon Zement kaufen zu können. Vom ersten Lkw zum ersten Firmengebäude Ab 1949 ging es voran. Wilhelm Stark kaufte den ersten Lkw und in den Jahren danach vergrößerte er sukzessive den Fuhrpark. Und noch etwas erkannte er: Von Döggingen aus könnte es langfristig schwie- rig werden, die Kunden zu bedienen. 1953 pachtete er eine Fläche in Villingen und 1954 errichtete er dort das erste Firmengebäude. Villingen wurde zum Hauptsitz des Unternehmens, der Stammsitz Döggingen wird seitdem als Filiale geführt. Diese erste Fläche von damals ist heute noch ein Teil des Firmensitzes, der im Laufe der Zeit immer wieder erweitert wurde. In den Folgejahren festigte Wilhelm Stark sein Unternehmen, das hieß Messe- auftritte zu absolvieren, bei denen der Chef selbst den Stand betreute und Informationsfahrten zu Kunden und Zulieferern zu unternehmen. Über den wirtschaftlichen Erfolg vergaß er aber auch seine Mitarbeiter nicht, so ist beispielsweise bereits für das Jahr 1957 ein Firmenausflug dokumentiert. Die zweite Stark-Generation In den 1960er-Jahren stellte der Baustoffhändler die Weichen für den Fortbestand des Unternehmens: Die Kinder Gertrud und Werner traten als Gesellschafter ein. Ende der 1960er-Jahre konnte in Villingen zudem ein Teil des Geländes der ehemaligen Baufirma J. Treinen erworben werden. Diese lag in der angrenzen- den Nachbarschaft und so war es möglich, das Unternehmen am Hauptsitz räumlich zu erweitern. In den 1970er-Jahren erfolgte die weitere Expansi- on – vor allem im Schwarzwald-Baar-Kreis. 1973 wurde eine Filiale in der Weiherdammstraße in Furtwangen eröffnet, ein Jahr später erfolgte die Umfirmierung von Wilhelm Stark KG zur Wilhelm Stark GmbH & Co. KG. Sohn Werner Stark und Schwieger sohn Detlef Koop wurden zu Geschäftsführern berufen. Bei der Gewerbe-Ausstellung in Donaueschingen wurde 1952 neben vielen Baustoffen auch das neue Logo von „Baustoffe STARK“ präsentiert. Im Jahr 1954 eröffnete Wilhelm Stark die erste Filiale am heutigen Stammsitz in der Singener Straße in VS-Villingen. Besatzung und zu bekommen war so gut wie nichts – außer man legte selbst Hand an oder beschaffte sich Material durch „Hamstern“. Wollte er Gips, so erinnerte sich Wilhelm Stark, musste er diesen in Ewattingen unter Tage im Bruch selbst abbauen. In Dotternhausen war der Kalk lose auf dem Hänger zu holen – gegen Lieferung von Brennholz oder Essbarem. Wurde Wilhelm Stark auf dem Rückweg jedoch von einem Gewitter über- rascht, hatte er Mörtel statt Gips auf seinem Hänger liegen, Planen zum Abdecken gab es keine. Im heimischen Lager musste dann alles in die mitge- brachten Säcke der Kundschaft abgefüllt werden. Der Firmengründer besaß trotz der schwierigen Rahmenbedingungen viel Weitsicht und Mut. So kaufte er 1947 mit Erlaubnis der französischen Besatzungsmacht zwei Opel Blitz-Wracks und baute aus diesen ein funktionierendes Fahrzeug zusam- 162 Wirtschaft

 

 

 

Eröffnung des Neubaus in Villingen am 18. Oktober 1975. Von links: Die Geschäftsführer Detlef Koop (Schwiegersohn von Wilhelm Stark), Wilhelm Stark sowie Werner Stark mit dem Vertreter der IHK Kurt Kositzke und dem Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen, Gerhard Gebauer. Rechts: Senior-Chef Werner Stark im Villinger Büro. Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe und Erweiterung in Villingen Ein markanter Punkt der Firmengeschichte bildete die im Jahr 1973 geschlossene Kooperation mit der ZG Raiffeisen-Gruppe aus Karlsruhe. Durch die persönliche Bekanntschaft des Firmengründers mit einem der leitenden ZG-Mitarbeiter wurde der Grundstein für eine bis heute dauernde und erfolg- reiche Kooperation gelegt, in deren Folge sich die ZG Raiffeisen-Gruppe paritätisch an der weiterhin familiär geprägten Firma STARK beteiligte. Vor allem im Bereich des Einkaufs nutzt man die gemeinsame Stärke als einer der großen Akteure im badischen Baustoffhandel. Im Oktober 1975 eröffnete die dadurch noch stärker gewordene Firma STARK ihre grundlegend erweiterte Niederlassung in Villingen mit großer Ausstellung und SB-Baumarkt. Sechs Jahre später konnten die Firmen Hermann Götz mit Standorten in Immendingen und Tuttlingen sowie die Firma Christians & Thiele in VS-Villingen übernommen werden. Weitere Standorte kommen hinzu Weitere Ereignisse in der Firmengeschichte waren im Jahr 1994 die erneuerte Ausstellung am Standort Tuttlingen, im Jahr 2005 die Übernahme der Hauptsitz von STARK in VS-Villingen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 163

 

 

 

ZG-Baustoffabteilung am Standort St. Georgen sowie im Jahr 2010 der Bezug des neu errichteten Ver- kaufs- und Ausstellungsgebäudes am Hauptsitz in Villingen. Mit der Übernahme der Baustoff- und Holzabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in Donau- eschingen im Jahr 2015 wurde der siebte STARK-Standort etabliert und damit die Marke von 100 Mitarbeitern überschritten. 2019 konnte das neu erbaute Büro- und Verkaufsgebäude in Immendingen eingeweiht werden; die heitere Festrede wurde vom damaligen Justizminister Guido Wolf MdL gehalten. Im Jahre 2021 wurden die komplett sanierten Räumlichkeiten am Standort St. Georgen eröffnet. Wegen der Corona-Problematik musste auf eine feierliche Eröffnung jedoch verzichtet werden. Das STARK-Logo gibt es seit 1952 Schon 1952 bekam das Unternehmen ein eigenes Logo; zu einer Zeit, in der Firmen vergleichbarer Größenordnung für solche Marketingmaßnahmen STARK-Logo 1952 STARK-Logo 1967 STARK-Logo seit 2008 noch selten Geld ausgaben. Und es beinhaltete damals schon das STARK-Männchen mit den kräfti- gen Armen. Im Laufe der vergangenen 70 Jahre seit der Einführung gab es zwar kleine Änderungen, doch dieses Signet wurde in seiner Grundform stets beibehalten und nur in Nuancen verändert. Auch die Schriftart passt dazu – kräftig und solide. Baustoffe und Dienstleistungen auf über 50.000 Quadratmetern Im Laufe der Jahrzehnte hat sich die Firma STARK zu einem soliden Partner für Handwerker und Privat- personen entwickelt. Man führt Baustoffe, die alle Bereiche abdecken: vom Hochbau über den Tiefbau und Innenausbau bis zum Garten- und Landschaftsbau. Dach-Baustoffe und Dämmung können genauso bezogen werden wie Fliesen für Bad, Wohnbereich und Terrasse. Zum leis- tungsfähigen Fuhrpark gehören zwölf eigene Liefer- fahrzeuge, die teils über Kräne und Mitnahmestapler verfügen. Neben der Lieferung von Baustoffen bietet der STARK Baustoff-Fachhandel auch eine große Palette an Dienstleistungen, die von Mietgeräten über Hand- werker-Seminare bis zum Farbmischservice reicht. Das gesamte Sortiment sowie der Dienstleistungs- sektor wuchs über die Jahrzehnte zu einem soliden, breit ausgebauten Angebot in mehreren Abteilungen: Tiefbau und Entwässerung; Hochbau und Sanierung; Holz und Platten; Dach, Dämmung und Fassade; Natur steine und Garten-Landschaftsbau; Fliesen und Sanitär; Trockenbau, Putze und Wärmedämmver- bundsysteme; Türen, Tore, Parkett & Co.; Maschinen sowie Geräte und Werkzeuge. Eine Ausstellung in Sachen Natursteine ergänzt das Sortiment und ein weiterer Produktbereich sind Photo voltaiksysteme. Insgesamt verfügt das Unternehmen STARK an seinen sieben Standorten über mehr als 50.000 Qua- dratmeter Fläche und 50.000 verschiedene Artikel im Angebot. Das bedeutet eine hohe Verfügbarkeit vor Ort aus der eigenen Lagerhaltung. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, aufgrund eines leistungs- fähigen Netzwerks auf verschiedene Zentrallager zurückgreifen zu können. Wollen die Privatkunden nicht selbst Hand anlegen beim Bau oder der Sanie- rung, vermittelt das Unternehmen auch Handwerker für die einzelnen Gewerke. 164 Wirtschaft

 

 

 

Am Hauptsitz in Villingen bietet STARK neben dem großen Baustoff-Lager eine attraktive Ausstellung mit so gut wie allem, was man zum Bauen braucht – bis hin zu Natursteinen. Neben umfassender Beratung ist auch Service bei der Auslieferung der Baustoffe selbstverständlich. 165

 

 

 

Mitarbeiter kennen die Materie Um die Kunden adäquat zu dieser großen Produkt- palette beraten zu können, benötigt es ausgewiesenes Fachpersonal. Und hier kann das Unternehmen auf seine jahrzehntelange Erfahrung und die oft selbst ausgebildeten Mitarbeiter zurückgreifen. Unter den ca. 100 Mitarbeitern befinden sich auch zehn Auszu- bildende. Doch Erfahrung allein genügt nicht: Technische Neuerungen, neue Produkte und Weiter- entwicklungen erfordern eine permanente Fortbil- dung. Umfassenden Service und Informationen zum Thema Bauen und Baustoffe finden Interessierte auch auf der Homepage www.alles-zum-bauen.de. Dabei geht um das Sortiment und außerdem um Informati- onen zu Dämmstoffen, Energiesparen im Eigenheim, Finanzierungen, ressourcenschonendem Bauen, Sanieren sowie Nachhaltigkeit und Vielem mehr. Das Lebenswerk wird fortgeführt Nachhaltigkeit war von Anfang an ein wichtiges Kriterium bei der Aufbauarbeit des Firmengründers: Wilhelm Stark stellte mit Weitblick früh die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft. Um sein Lebenswerk fortzuführen, band er seinen Sohn Werner und den Schwiegersohn Detlef Koop in die Geschäftsführung ein. Er selbst war bis ins hohe Alter für sein Unter- nehmen aktiv. Und die zweite Generation hielt es ebenso – auch Werner Stark hat im „Unruhestand“ sein eigenes Büro und ist jede Woche mehrfach an seinem Schreibtisch anzutreffen. Heute stehen Christian und Michael Stark als geschäftsführende Gesellschafter in der Verantwortung, wie auch Geschäftsführer Udo Bohnerth. Sowohl die Familie Stark, die Mitgesellschafter und das gesamte STARK-Team freuen sich sehr, dass man im Jahr 2023 das 90-jährige Bestehen des Baustoffhandels am Stammsitz in Döggingen feiern kann. Zufällig in dem Jahr, in dem auch die Heimat- gemeinde Döggingen ihr 900-jähriges Jubiläum begehen wird. Die STARK Filialen im Schwarzwald-Baar- Kreis, von oben nach unten: Döggingen, Donaueschingen, Furtwangen und St. Georgen. 166 Wirtschaft

 

 

 

Geschichte der Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 1908 Geburt von Wilhelm Stark als Sohn von Wilhelmine Stark und des Dögginger Oberlehrers Karl Stark. 1933 Gründung der Baumaterialienhandlung in Döggingen. 1936 Eintrag in das Handelsregister. 1952 Eröffnung einer Filiale in VS-Villingen. 1954 Verlegung des Hauptsitzes von Döggingen nach Villingen, Döggingen wird zur ersten Filiale. 1973 Eröffnung der Filiale in Furtwangen; Werner Stark und Schwiegersohn Detlef Koop werden zu Geschäftsführern ernannt. 1981 Kauf der Fa. Götz mit Niederlassungen in Tuttlingen und Immendingen sowie der Firma Christians & Thiele in Villingen. am Standort Tuttlingen. 1994 Umbau und Neukonzeption der Ausstellung 1997 Umzug der Filiale Furtwangen nach Gütenbach-Neueck 1999 Detlef Koop wechselt in den Ruhestand; Paul Mäder wird zum weiteren Geschäftsführer berufen. 2001 Tod des Firmengründers Wilhelm Stark in seinem Heimatort Döggingen. 2005 Übernahme des Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe in St. Georgen. 2010 Bezug des neu errichteten Büro- und Verkaufsgebäudes am Standort Villingen. 2011 Umzug der Filiale Gütenbach-Neueck „zurück“ nach Furtwangen. 2012 Christian Stark wird zum Geschäftsführer ernannt; Michael Stark zum Prokuristen. Werner Stark zieht sich als Geschäftsführer zurück, steht als Senior-Chef dem Unternehmen aber weiterhin zur Verfügung. 2015 Übernahme der Holz- und Baustoffabteilung der ZG-Raiffeisen-Gruppe am Standort Donaueschingen (siebter STARK-Standort). 2017 Michael Stark und Udo Bohnerth werden zu weiteren Geschäftsführern bestellt. 2019 Einweihung des Neubaus am Standort Immendingen. 2021 Komplettsanierung der Räumlichkeiten in St. Georgen. 2023 Jubiläum zum 90-jährigen Bestehen. Wilhelm Stark Baustoffe GmbH 167

 

 

 

DER STOLZ VON VILLINGEN – DIE MÜNSTERTÜRME UND IHR PRACHTVOLLES GELÄUT Das Münster Unserer Lieben Frau ist mit seinen beiden 50 Meter hohen Türmen aus dem 15. und 16. Jahrhundert das Wahrzeichen von Villingen. Im Innern befin- den sich ein neunstimmiges Geläut und ein 51 Glocken umfassendes Glockenspiel, das zu den prächtigsten im süddeutschen Raum zählt. Mesner Andreas Franz Turner ist wie kein Zweiter mit den Türmen und dem Spiel der Glocken vertraut, von denen die älteste – die gotische Taufglocke, auch Alphabetglocke genannt – aus dem 14. Jahrhundert stammt. von Bernd Möller mit Fotos von Michael Stifter 168 5. Kapitel – Geschichte

 

 

 

Blick aus dem Nordturm des Villinger Münsters, vorne der Südturm. 169

 

 

 

Andreas Franz Turner erklärt in der Sakristei den Glockenplan. Wie besteigt man die Villinger Münster- türme? Was für ein Mensch wird das sein, der einen hinauf begleitet, und wie wird jemand Mesner? Also eine Art Hausmeister an einem so ehrwürdigen, sakralen Gebäude wie der Villinger Hauptkirche, dem das Stadtprofil so prägenden „Münster Unserer Lieben Frau“? Diese Fragen treiben mich vor allem um, als ich Andreas Franz Turner im Sommer 2022 meinen Besuch abstatte. Mesner, Mesmer, Mößmer, Küster, aber auch Türmer oder Glöckner – diese Berufsbezeichnung kommt in vielen Varianten vor. Das Mesnerhaus, die Küsterwohnung, taucht bei fast jedem alten sakralen Bau auf, sei es ein Dom, eine Kathedrale, ein Münster oder auch nur eine einfache Stadtkirche, ja sogar bei manch einer größeren, wichtigeren Kapelle. Auch als Familiennamen kommen sie nicht sel- ten vor. Wie bei anderen immer rarer werdenden Berufen, beispielsweise Müller und Schmied, Sattler, Rademacher, Wagner und Seiler ist das ein deutlicher Hinweis darauf, dass Mesner früher nicht nur wich- tig, sondern auch weit verbreitet waren und einen festen Platz in unserer Gesellschaft hatten. Ich treffe einen Endfünfziger, anfangs eher zurück- haltend, dann aber im Gespräch immer lebhafter wer- dend, voller Wissen um Daten und Zahlen, Geschichte und Geschichten mit einem eigenen Humor, und eines war ganz schnell klar: Sein Herz hängt am Geläut, an den Glocken und am Glocken spiel des Münsters. Seit 21 Jahren betreut Andreas Franz Turner hauptamtlich das Villinger Münster, dazu die Benediktinerkirche und auch die Loretto kapelle an der Hammerhalde. Auf meine Frage, wie man zu einem solchen Beruf komme, hatte er eine verblüffende Erklärung: Der gebürtige Saarländer entwickelte schon in seinen Tagen als Ministrant eine Begeisterung für Glocken und ihren liturgischen Einsatz – für Kirchen- kunst allgemein. Schon als Bub sei er sonntags mit dem Rad durch die Landschaft gefahren und habe mit seinem Rekorder die Geläute der verschiedens- ten Kirchen aufgenommen, sie miteinander vergli- chen, ebenso ihre Geschichte, ihre Glockengießer und alles, was er dazu in Erfahrung bringen konnte. Obwohl er beruflich als chemisch-technischer Assistent z.B. in Wiesbaden und im Rheinland ganz andere Wege ging, ließ ihn diese Leidenschaft nicht mehr los. Er betrieb sie in seiner Freizeit weiter. 170 Geschichte

 

 

 

Der Nord- und Südturm des Villinger Münsters. 171

 

 

 

Die Glocken des Münsters Name Gießer Gussjahr Masse Christus Salvator F. W. Schilling, Heidelberg 1954 5.400 kg St. Jakobus Karlsruher Glockengießerei 1985 3.651 kg Maria St. Josef Johannes d.T. Peter und Paul Nikolaus von Flüe St. Pius X. Schutzengel Taufglocke / Sturmglocke F. W. Schilling, Heidelberg 1954 2.065 kg 1.389 kg 1.098 kg 617 kg 508 kg 336 kg 290 kg unbekannt ~14. Jh. – Unten: Die von Bildhauer Klaus Ringwald 1985 gezierte Jakobus glocke trägt neben weiteren Motiven, die sich auch auf den Münsterportalen finden, die Inschrift: „Heiliger Jakobus Patron der Pilger und Straßen rufe die Völker Euro- pas zur Einheit in Freiheit.“ Und so inserierte er eines Tages kurz entschlossen im Konradsblatt sein Interesse an einer Tätigkeit als Mesner. Zwei kleine Inserate haben gereicht: Nun konnte er in Villingen seinen lang gehegten Wunsch tatsächlich verwirklichen. Und was macht ein Mesner nun genau? Die Berufsbezeichnung „Mesner“ kommt vom lateini- schen „mansionarius“ und bedeutet ähnlich wie die alternative Bezeichnung „Küster“ (von lateinisch „custos“) Haushüter, Hüter oder Wächter. Und das ist mehr als ein Hausmeister, der lediglich für die Betreuung eines Gebäudes zuständig ist. Mesner sein ist ein kirchliches Amt. Hierzu gehören einer- seits Verwaltung, Überwachung, Instandhaltung, Reinigung des Gebäudes sowie die Vor- und Nach- bereitung des Kirchenraumes und der Sakristei für den jeweiligen Gottesdienst – und vieles mehr. Für eine hauptamtliche Anstellung ist in der Regel eine Ausbildung erforderlich, die liturgische, spirituelle und kirchenorganisatorische Themen genauso um- fasst wie praktisch-handwerkliche Tätigkeiten. Die Glocken des Münsters – Neunstimmiges Geläut plus Sturm- und Taufglocke Und zu den Aufgaben des Mesners gehört eben auch die Betreuung des Geläutes. In der Sakristei hängt der Glockenplan. Das neunstimmige Bronzegeläut wird ergänzt durch eine zehnte, kleine Sturm- oder Taufglocke in der Dachlaterne des Südturms, der einzigen historischen Glocke aus dem 14. Jahrhun- dert. Andreas Franz Turner nennt das Jahr 1305. Jede Glocke trägt den Namen eines Schutzheiligen. Am häufigsten zu hören ist St. Jakobus, die zweit- größte Glocke im Nordturm. Sie wurde 1986 in Karls- ruhe gegossen und schlägt im Big-Ben-Modus die Zeit, also im Viertelstunden-Takt. Die Glocke wurde von dem renommierten Bildhauer Klaus Ringwald geziert, von dem auch die Portale des Münsters stammen. Zum Angelus-Läuten um 7, 12 und 19 Uhr und dem Frei- tagsläuten kommen jeweils andere Glocken dazu. Diese drei Geläute werden seit 1968 funkge- steuert über die Villinger Stadtwerke in Bewegung gesetzt. Hierzu wurde die alte Hauptuhr umgerüs- tet, eine elektromagnetische Rarität mit Auslösung der Glockenschläge mittels Schleifkontakten, sehr zuverlässig und unabhängig von atmosphärischen Spannungsbeeinträchtigungen. 172 Geschichte

 

 

 

Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest, an ihnen kommen die meisten Glocken zum Einsatz. Das Läuten zu den Gottesdiensten erfolgt da- gegen nach wie vor manuell nach einem genauen Plan. Je nach der Bedeutung der jeweiligen Messe im Kirchenjahr kommen andere und zusätzliche Glocken zum Einsatz. Höhepunkte sind das Christfest und das Osterfest. Jeden Freitag um 11 Uhr läutet die letzte große Glocke, die für das Geläut 1954 gestiftet wurde, mit der Bitte um Frieden in der Welt (siehe Fotos S. 175-177). Nach all diesen Erklärungen wollen wir sie uns nun anschauen. Aus der Sakristei geht es über eine enge, steile Wendeltreppe immer links herum hinauf in den Nordturm. Beleibt durfte ein Mesner nicht sein, sondern äußerst beweglich. Nach jedem Sturm, nach jedem Gewitter, aber auch sonst nach festem Plan, muss er hinauf aufs Dach und in die Türme, um zu überprüfen, ob das Dach unbeschädigt ist und die Taubengitter noch dicht sind. Und die Glockenanlage muss ebenso optisch auf etwaige Schadstellen über- prüft werden. Das Bruchstein-Mauerwerk der Wendeltreppe ist innen recht roh zusammengefügt, die Mauern sind geschätzt 120 bis 150 cm dick mit engen Licht- scharten. Überhaupt macht der Nordturm einen massigeren Eindruck als sein Gegenstück im Süden. Das wohl auch, weil er die beiden größten und ton- tiefsten Glocken trägt: Christus-Salvator mit 1,9 Me- tern Durchmesser und 5,4 Tonnen Gewicht sowie die schon genannte St. Jakobus mit 1,7 Metern und 3,6 Tonnen schwer. Zusammen also neun Tonnen! Über eine steile Wendeltreppe geht es hinauf in den Nordturm des Villinger Münsters. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 173

 

 

 

Blick hinauf zur Spitze des 54,5 Meter ho- hen Nordturmes. Dort hinauf gelangt man nur noch über eine schmale, lange Leiter. Rechts: Blick auf die Riesen des Nordturms. sensible Riesen: Verschiebt sich der Anschlagspunkt der riesigen Klöppel nur um Zentimeter, verändert sich der Klang sofort und die Glocken sind nicht mehr richtig aufeinander abgestimmt. Andererseits braucht man die dicken Glocken nur mit dem Bleistift anzusto- ßen, und schon ergibt es einen leisen, feinen Ton. Aber wenn sie schlagen, wenn man vor ihnen steht, spürt man ihr Dröhnen körperlich mit Wucht – als würde man aus dem Turm gedrückt – und hält sich unwillkürlich fest. An Heiligabend 2017 glaubte Andreas Franz Turner einen leisen Missklang an der großen Chris- tus-Salvator-Glocke zu hören. Ausgerechnet an Weihnachten! Er leuchtete sie mit seiner Stablampe ab und fand nichts. Auch der noch im alten Jahr herbeigerufene Kundendienst konnte nichts finden. Aber der Missklang verstärkte sich von Tag zu Tag. An Neujahr ließ er letztmalig das Läuten der Glocke zu. Der Klang wurde immer schlimmer und jetzt zeigte sich bei nochmaliger intensiver Überprüfung ein Haarriss. Die Glocke musste geschweißt werden. Hierzu wurde der Turm seitlich geöffnet und in einer sehr aufwendigen Aktion die Glocke auf Schienen aus dem Turm geführt und abgesenkt. Die Reparatur führte die Glockengießerei Eijsbouts in Asten in den Niederlanden aus. Aus- und Wiedereinbau, Transport und Reparatur verschlangen 200.000 Euro, die nur dank der hohen Spendenbereitschaft der Villinger Bevölkerung zu bestreiten waren. Seitdem wird die Glocke geschont. Sie bekam einen leichteren Klöppel und läutet nur noch jeden Freitag um 11 Uhr und an höheren Feiertagen. Neben der Christus-Salvator-Glocke stehen zwei große Rätschen. Sie vertreten nach alter Kirchen- tradition am Karfreitag und am Ostersamstag um 12 Uhr die Glocken. Wenn sie schwingen, verdrei fachen sich ihre Läute- kräfte. 27 Tonnen wirken dann auf den Turm und sein Gemäuer. Wenn sie beide läuten, vibriert der ganze Turm. Da bekommt man Hochachtung vor der Leis- tung der damaligen Baumeister, deren Konstruktion diesen Kräften Jahrhunderte lang standgehalten hat. Seit 1954 hängen sie aber in einem stählernen Glo- ckenstuhl, der den ganzen Turm stabilisiert. Aber soweit sind wir noch nicht: Auf Höhe des Dachstuhls der Kirche endet die Wendeltreppe und die Kletterei geht weiter über Holzleitern und Zwischendecken. In diesen Zwischendecken sind Öffnungen eingelassen, durch die früher die dicken Hanfseile liefen, mit denen die damaligen großen Glocken von unten von Hand geläutet wurden. Und hier kann man eine Besonderheit sehen: Dicke Glas- ringe, die in Löcher eingelassen wurden und durch die diese Hanfseile liefen. So verhinderte man die ständige Reibung der Seile an den Holzplanken. Das schützte einmal die Seile selber vor unnötigem Ab- rieb, verhinderte aber wohl auch eine stärkere Erhit- zung bei längerem Läuten, eine sehr sinnvolle Vor- sichtsmaßnahme bei dem allgegenwärtigen Staub, den Spinnweben und dem trockenen Taubenmist früherer Zeiten. Bei den Riesen des Nordturms Die Spannung erhöht sich, bis wir endlich schnau- fend vor ihnen stehen oder besser gesagt, unter den großen Glocken durchkriechen können. Es sind 174 Geschichte

 

 

 

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Villinger Münstertürme und ihre Glocken Das Prüfen der Glocken auf Beschädigungen gehört zu den regelmäßigen Aufgaben von Mesner Andreas Franz Turner. Hier befindet er sich inmitten der 5,4 Tonnen schweren Christus-Salvator-Glocke. Sie wurde wie das fast gesamte Geläut 1954 von der Gießerei Schilling in Heidelberg gegossen und hat einen Durchmesser von 1,92 Meter. 177

 

 

 

Die übrigen sieben Läuteglocken hängen in einem Holzglockenstuhl im Südturm. Damit verfügt das Münster insgesamt über ein neunstimmiges Geläut. Acht Glocken dieses Geläuts wurden 1954 von der Glockengießerei F. W. Schilling in Heidel- berg gegossen, eine Glocke 1985 von der Karlsruher Glockengießerei. Die historischen Glocken haben die Weltkriege nicht überstanden. Das Glockenspiel im Südturm Um in den Südturm zu gelangen, muss wieder zum Dachboden abgestiegen, dann über den Chor gequert und im Südturm aufgestiegen werden. Hier überrascht eine großartige Konstruktion: Der stählerne Glockenstuhl eines der größten Glocken- spiele im südwestdeutschen Raum. Die Glocken sind in fünf Kreisen übereinander angeordnet, das gesamte Glockenspiel hat einen Tonumfang von es¹ und as¹ bis a⁵, umfasst also fünf Oktaven. 46 Glocken davon wurden 2006 von der Glockengießerei Perner in Passau gegossen. Außerdem wurde eine Glocke des ursprünglichen Münster-Geläuts von Grüninger aus dem Jahr 1909 in das Glockenspiel integriert, nachdem sie sich schon im Museum befunden hatte. Der Name Grüninger spielt eine große Rolle für Villingen: Die Familiendynastie Rebner/Grüninger betrieb fast 375 Jahre eine bedeutende Glockengie- ßerei in Villingen. Und der Großvater des heutigen Eigentümers der Glockengießerei Perner aus Passau war 1919 Praktikant beim letzten Meister Grüninger. Villingen ist eine glockenfreundliche Stadt: Es kommen eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. men eher besorgte Nachfragen, wenn eine Glocke mal nicht schlägt, als Beschwerden über zu lautes Läuten. In der Zwischenetage des Südturmes, in der sich heute das Glockenspiel befindet, war früher das mechanische Uhrwerk der Turmuhr untergebracht. Dieses löste vor der Automatisierung auch die Schlä- ge des Zeitläutwerkes auf der großen Glocke im Nordturm aus. Und zum Abschluss befindet sich über Glocken- spiel und Läuteglocken ganz oben im südlichen Glockenturm noch ein nur schwer zugängliches Wächterstübchen mit kleinen Schiebefensterchen. Bis ins 17. Jahrhundert wachte hier ein Türmer über die Stadt. Um sicherzugehen, dass er auch wach und wachsam war, musste er jeden Stundenschlag der großen Glocke mit einem Zugmechanismus wieder- holen, vom Südturm zum Nordturm. Ferner sind vier Läuteglocken des darüberhän- Und so verlassen wir die Türme wieder, steigen genden Münster-Geläutes auch im Rahmen des Glockenspiels spielbar. Diese insgesamt 51 Glocken werden elektronisch über einen Laptop gesteuert und spielen um 10:05, 12:05, 15:05 und 18:05 Uhr wechselnde kirchliche und weltliche Melodien. Diese liegen als fertige Pro- gramme vor, Tonkonserven gewissermaßen. Auch das Badener Lied ist darunter. Über ein Carillon- Manual, eine mechanische Klaviatur, ist ein solches Glockenspiel auch individuell mit den Fäusten be- spielbar. Dieses fehlt in Villingen noch. Die Glocken dieses Glockenspiels tragen die Na- men ihrer Spender. Sie sind ein freudig tönender Be- weis für die Liebe der Villinger zu ihren Glocken und für ihre Spendenfreudigkeit. Andreas Franz Turner lobt Villingen als eine glockenfreundliche Stadt. Es kä- ab zum Dachstuhl des Chores, aber werfen noch einen Blick in den mächtigen Dachstuhl des Kirchen- schiffes. Eine beeindruckende Zimmermannsarbeit versteckt sich unter der Ziegeleindeckung und man sieht noch deutlich die Spuren des alten gotischen Tonnengewölbes, das 1701 durch die barocke Stuck- decke des Villingers Ignatius Bürkner ersetzt wurde. Auch das gotische Radfenster wurde damals aus- getauscht durch das heutige Spitzbogenfenster mit schönem Blick auf das Rathaus. Das aus 51 Glocken bestehende Glockenspiel im Südturm des Villinger Münsters gehört zu den größten und klangschönsten in Südwestdeutschland. 178 Geschichte

 

 

 

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Bis ins 17. Jahrhundert wachte im Münsterturm ein Wächter über die Sicherheit der Stadt, warnte bei Feuer, Blitzschlag oder Sturm. Seine „Ausgucke“ gibt es noch, hier derjenige in Richtung Westen zur Benediktinerkirche hin. An der Südwand des Villin- ger Münsters kann man zudem eine Eisentüre entdecken. Dahinter befindet sich ein Seil, das hoch bis zum Turmwächter sprich zur Sturmglocke in der Dachlaterne des Südturms führt. So konnte bei Feuer oder Blitzschlag auch vom Boden aus rasch eine Warnung an den Turmwächter oder die Bevölkerung abgesetzt werden. Überhaupt wurde Villingens Wahrzeichen schon 1130 im romanischen Stil begonnen, aber schon 1271 beim großen Villinger Stadtbrand so stark beschä- digt, dass man es neu aufbauen musste, nun im go- tischen Stil (siehe Infoblock auf der Seite rechts). Am Adelstag 1282 war wohl bereits Richtfest, obwohl das Münster erst zwei Jahre später fertiggestellt wurde. Damals war Rudolf von Habsburg zu Gast in Villingen und erteilte den Söhnen Heinrichs von Fürstenberg den Ritterschlag. Ein festlicher Anlass für ein Richt- fest. Die beiden heutigen Türme kamen erst im 15. und 16. Jahrhundert dazu, der massive Nordturm mit 54,5 Metern und der zierlichere Südturm mit 56 Me- tern. Sie waren im Geschmack der damaligen Zeit von Anfang an verschieden konstruiert, so wie bei vielen anderen Kirchen des Mittelalters. Ein Symbol der Vielfalt des Irdischen – Harmonie und Symmetrie waren dem Himmlischen vorbehalten. Und noch einmal führte wohl hoher Besuch zu Baumaßnahmen am Münster, die sein heutiges Bild prägen: Ein Besuch von Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin u. a. von Ungarn und Böhmen, soll um 1759 zur Eindeckung des Münsters mit seinen farbig glasierten Ziegeln nach dem Vor- bild des Stephansdomes in Wien geführt haben. Mit vielen solchen Geschichten bereicherte der Mesner Andreas Franz Turner die Klettertour durch das Innenleben der Villinger Münstertürme. Mehr als zwei Stunden waren verflogen, als wir wieder auf dem Marktplatz standen. Der Kopf noch leise dröhnend von Glockenschlag und Faktenfülle. Und zum Abschluss brachte es Andreas Franz Turner noch einmal auf den Punkt: „Für so einen Beruf muss man ledig sein. Ich bin verheiratet mit meinen Kirchen und Kirchenglocken!“ Mehr zum Glockengeläut des Villinger Münsters finden Sie unter www.almanach-sbk.de/villinger-muenster 180 Geschichte

 

 

 

DAS VILLINGER MÜNSTER Die Villinger Hauptkirche, das „Münster Unserer Lieben Frau“, war ursprünglich Johannes dem Täufer geweiht. Die dreischiffige, flach gedeckte Basilika ohne Querhaus entspricht dem für viele Kirchen dieser Zeit typischen schwäbischen Stil der Konstanzer Diözese. Schon bei der Planung der zukünftigen Stadt Vil- lingen war hierfür ein Bauplatz reserviert worden. Der Baubeginn wird auf 1130 geschätzt. Von diesem ursprünglich romanischen Bau sind heute nur noch das Westportal, die Untergeschosse der beiden Tür- me und das Doppelportal an der Südseite vorhan- den. Diese Portale haben ihre Vorbilder im Elsass. Schon 1271, noch vor der Fertigstellung, wurde das Münster bei dem großen Villinger Stadtbrand so stark mitbetroffen, dass es zu großen Teilen ab- gebrochen und nun im gotischen Stil fertig gestellt wurde. Jetzt entstanden der hochgotische Chor und auch die beiden Türme. 1282 fand das Richt- fest statt, erst 1284 war das Münster fertiggestellt. Die Türme erst später. Der Südturm ist der aufwendigere und erinnert architektonisch etwas an den Rottweiler Kapellen- turm: Über einem quadratischen Erdgeschoss folgen drei sechseckige Geschosse. Die oberen zwei zeigen schön gearbeitete, große gotische Doppelfenster, überragt von Ziergiebeln. Doch dann bricht der Turm ab, trägt nur noch eine kleine Laterne. Der schlichtere und massigere Nordturm schließt mit einem harmonisch wirkenden, spitzen Turmhelm ab. Das Münster wurde immer wieder umgebaut, ergänzt und dem Geschmack der Zeit angepasst. Starke Veränderungen brachte das Aufkommen des Barock mit sich. Das gotische Radfenster an der Westseite und das hölzerne Tonnengewölbe wurden entfernt, eine Stuckdecke eingezogen. Später hat man die Kirche wieder von vielen dieser zeitbedingten Werke „befreit“. Barocke Fülle ge- gen puristischen Eifer. Nicht immer ist man dabei pfleglich mit der Kirche und ihren Kunstwerken umgegangen, der übliche Tribut an den Zeitge- schmack. Auch am äußeren Bild des Münsters sind diese Eingriffe nicht vorbeigegangen. Erwähnt sei hier nur das „Vorzeichen“, ein hübscher Renaissance- Vorbau vor dem südlichen Doppelportal, von einem holländischen Maler dokumentiert. 1851 wurde es abgebrochen. Geblieben ist aber ein klarer hochgotischer Bau, harmonisch und in sich geschlossen, mit schönen Türmen, ein die Stadt prägendes Wahrzeichen, das Villinger Münster. Villinger Münstertürme und ihre Glocken 181

 

 

 

AUF DER SUCHE NACH DEM HEILIGEN GRAL DER ELEKTROMOBILITÄT DIE 1896 GEGRÜNDETE ELEKTRIZITÄTSGESELLSCHAFT TRIBERG (EGT) GEHÖRT IN DEUTSCHLAND ZU DEN PIONIEREN BEI DER FERTIGUNG VON AKKUMULATOREN – FRÜHE ELEKTRO-TESTFAHRTEN IN TRIBERG UND FURTWANGEN Eine von sechs Münchner E-Lokomotiven, die die Trambahnwagen zwischen 1898 und 1906 über den stromlosen Strecken- abschnitt der Straßenbahn in der historischen Innenstadt ziehen. Damit das Stadtbild nicht gestört wird, verzichteten die Münchner bei der Stromversorgung der Straßenbahn teilweise auf eine Oberleitung und setzten auf die Akku-Technologie. Drei der Lokomo tiven sind mit Akkumulatoren der EGT unterwegs, so die hier abgebildete Nr. VI. 182 Geschichte

 

 

 

Mit Stand August 2022 sind im Schwarzwald-Baar-Kreis bei 135.000 Pkws 2.157 Elektro- und 3.782 Hybridfahrzeuge zugelassen. Dieser Trend ist aus bekannten Gründen stark steigend! Neu ist die Elektromobilität im Quellenland Schwarzwald-Baar jedoch nicht, sie hat vielmehr eine über 130-jährige Vorgeschichte. Bereits in den 1890er-Jahren sind in Deutschland elektrische Straßenbah- nen, Eisenbahnzüge und Elektro autos unterwegs. Die 1896 gegründete Elek trizitätsgesellschaft Triberg (EGT), die heutige EGT Unternehmensgruppe, erkennt diesen Trend. Sie versorgt den Groß- raum Triberg nicht nur mit Elektrizität, sondern fertigt zwischen 1896 und 1903 in ihrer „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach eigenen Patenten ebenso wiederaufladbare Batteri- en für den statio nären und mobilen Einsatz. Die stationären Akkus versorgen E-Werke bei „Wasserklemme“ und Störungen über meh- rere Stunden hinweg mit zuvor gespeicherter elektrischer Energie. Eine mobile Variante dient der Elektromobilität: 1898 ist vor diesem Hintergrund auf den Straßen bei Triberg das mutmaßlich weit und breit erste Elek tro- auto zu Test zwecken unterwegs. Und eine elektrische Lokomotive wird auf der Bregtalbahn in Furtwangen für Versuchsfahrten vorbereitet. Ab 1898 bewegen EGT-Akkus die Wagen der Münchner Straßenbahn und kommen in Ludwigs hafen beim Schie- Blick in die Akkumulatorenfertigung der EGT im Gewann Loch in Schönwald/ Triberg. Die Blei-Akkus wurden im Glaskasten oder im Holzgehäuse ausgeliefert. Die Darstellung ist einer EGT-Broschüre des Jahres 1898 entnommen. nen-Nahverkehr zum Einsatz. Die EGT Triberg gilt als ein Pionier der Elektro mo bilität in Deutschland – und feierte 2021 zudem ihr 125-jähriges Bestehen. Akkumulatorenfabrik Triberg 183

 

 

 

Markttag in Triberg in den 1890er-Jahren – der Marktplatz mit beim Parkhotel Wehrle platzierter elektrischer Bogenlampe. Triberg besaß als eine der ersten Städte in Deutschland eine elektrische Straßenbeleuchtung. Die Geschichte der Elektrizität und Elektromo- bilität wurzelt im Schwarzwald-Baar-Kreis im Jahr 1884: Es beschert der Kurstadt Triberg als einem der ersten Orte in Deutschland überhaupt eine elektrische Straßenbeleuchtung. Und es ist die erste Straßenbeleuchtung in ganz Deutschland, für die der Strom mit Wasserkraft erzeugt wird, was die Triberger Wasserfälle ermöglichen. Aus dem städtischen E-Werk am Fuß des Was- serfalles gehen 1892 die Elektrizitätswerke Triberg und im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) hervor, die heutige EGT Unternehmensgruppe. An ihr sind ab 1922 auch die Städte und Gemeinden Triberg, Hornberg, Furtwangen, St. Georgen und Schonach beteiligt – aktuell zu rund einem Drittel. Ein weiteres Drittel liegt im Jahr 2022 in den Händen der Nachfahren der EGT-Gründerfamilie von Schoen, den Erben von Gesellschafter Theodor Wurster und des früheren EGT-Vorstandsvorsitzenden Rudolf Kastner. Das letzte Drittel gehört der Alb-Elektrizi- tätswerk Geislingen-Steige eG. Hauptsächlich die Patente von Ingenieur Carl Meissner zum Bau von Blei- Akkumulatoren sind der Grund dafür, weshalb die schwerreichen Investoren Friedrich von Schoen, dessen Bruder Wilhelm von Schoen und der berühmte Erfinder Carl von Linde 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT) ins Leben rufen. Bei Carl Meissner handelt es sich um 184 Geschichte

 

 

 

Friedrich von Schoen (1849 ­ 1941) Wilhelm Freiherr von Schoen Geheimrat Prof. Dr. Carl von Linde (1851 ­ 1933) (1842 ­ 1934) Carl Meissner (1850 ­ 1944) Friedrich Kranich (1857 ­ 1924) Die Gründer der Elektrizitätsgesellschaft Triberg und der Akkumulatorenfabrik Triberg. Ingenieur Carl Meissner und Obermaschineriemeister Friedrich Kranich sammelten am Festspielhaus Bayreuth von Richard Wagner ihre ersten Erfahrungen in der Anwendung von Elektrizität. Dort lernten sie auch Friedrich von Schoen kennen. Letzterer war der größte private Sponsor des Operngiganten und enger Freund von Richard und Cosima Wagner. Friedrich von Schoen begeisterte dann seinen Bruder Wilhelm Freiherr von Schoen und den Freund Carl von Linde für die Idee, in Triberg eine Elektrizitätsgesellschaft und Akkumulatorenfabrik aufzubauen. Akkumulatorenfabrik Triberg 185

 

 

 

Blick in die E-Werk-Zentralstation in St. Georgen. Mehr als sechzig Akkumulatoren sprich Zellen befinden sich im Raum: Sie helfen mit, die Spannung im Netz konstant zu halten, springen bei Störungen ein oder übernehmen die Stromver- sorgung einige Stunden lang vollständig. Werden wie hier mehrere Akkumulatoren zusammen geschaltet, spricht man von einer Batterie. den früheren Leiter des AEG-Installationsbüros in Frankfurt. Der Ingenieur gilt als einer der Pio- niere beim Aufbau der Elektrizitätsversorgung im Schwarzwald. Die aus München stammenden Inves- toren stellen ihm ein Millionenkapital bereit, um den Großraum Triberg mit Elektrizität zu versorgen und im Gewann „Loch“ bei Schönwald in der „Akkumula- torenfabrik Triberg“ Akkus für die Speicherung von Elektrizität herzustellen. Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der in den 1890er-Jahren erstmals auf- kommenden Elektromobilität und versprechen sich von der Produktion wiederaufladbarer Batterien ein Millionengeschäft. Sie blicken fasziniert nach Ameri- ka, wo die Zahl der Elektroautos förmlich explodiert. Neben Ingenieur Carl Meissner ist bei der EGT in diesen Gründerzeiten der Industriellen-Sohn Fried- rich von Schoen die treibende Kraft. Eine Erbschaft verhalf ihm zu einem „sagenhaften Vermögen“, wie er es in seinen Memoiren selbst schreibt. Er fördert mit seinem Vermögen die Kunst, so den Opern- giganten Richard Wagner – und die Wissenschaft. Er ist mit dem Erfinder Carl von Linde befreundet, der ihm dazu rät, in Triberg einzusteigen und sich auch selbst an der EGT beteiligt. Und Friedrich von Schoen steht mit großer Leidenschaft von der Gründung an vier Jahrzehnte lang an der Spitze des Aufsichtsrates der EGT. Sein Vermögen allerdings verliert er in den Wirren der Weimarer Republik fast vollständig. Es bleiben ihm die Anteile an der EGT und ein Landgut in Berchtesgaden. Akkumulatoren sind unverzichtbar Hauptsitz der EGT ist die frühere Obere Mühle, die gegen über des heutigen Schwarzwald museums Die EGT-Gründer glauben an die Zukunft der Elektromobilität, versprechen sich von der Produktion wieder auf- ladbarer Akkus ein Millionengeschäft. 186 Geschichte

 

 

 

Göttin Electra zaubert mit einem Akkumulator die Elektrizität für die Mobi- lität der Welt herbei. Das Werbe plakat eines italieni- schen Her stellers zeigt auf, wie vielfältig die Akkumu- latoren einsetzbar sind. an der Straße nach Schonach steht. Dort befinden sich das Un- tere Werk, das mit der Wasserkraft der Triber- ger Wasserfälle Gleich- strom erzeugt, die Ver- waltung des E-Werks und die Werkstätten des Installations betriebes. Hier beginnt Ingenieur Carl Meissner ab 1893 ver- suchsweise mit der Fertigung von Akkumulatoren und erkennt den immensen Bedarf. Die neuartigen Energiespeicher sind für die Gewährleistung der Sta- bilität der Elektrizitätsversorgung überall unverzicht- bar, denn sie verhindern über automatische Strom- zugaben die gefürchteten Spannungsschwankungen im Netz. Diese führen zum Flackern des Lichts oder gar zum Durchbrennen der kostspieligen Glühbirnen in den Anwesen der Kunden. Weiter sind die Akkumulatoren in der Lage, bei „Wasserklemme“ oder technischen Störungen die Energieversorgung aufrechtzuerhalten. In Triberg, Hornberg, Furtwangen und St. Georgen schaltet die EGT deshalb jeweils bis zu 272 Akkumulatoren zu einer Großbatterie zusammen. Diese beansprucht 70 Quadratmeter an Fläche, wiegt um die 46 Ton- nen und entspricht laut einer Tabelle der Deutschen Bundesbank nach heutiger Kaufkraft einem Gegen- wert von bald 200.000 Euro. Die Batterie vermag in diesen Pionierzeiten immerhin 320 Glühlampen bis zu vier Stunden lang mit Energie zu versorgen. Carl Meissner rüstet zunächst vor allem Kraftwer- ke mit den Akkus aus. Zum Beispiel 1895 das Fluss- kraftwerk Stallegg des Fürsten zu Fürstenberg in der Wutachschlucht. Da etliche Fabriken mit Wasserkraft selbst Strom erzeugen, sichern die Akkumulatoren auch dort die nicht mehr wegzudenkende elektrische Beleuchtung. Oder sie verhindern in Brauereien als Notstromlösung den Ausfall der für die Produk tion wichtigen Kühlan lagen, wenn mal wieder kein Strom zur Verfügung steht. Etwa bei der Fürstenberg- Brauerei in Donau eschingen oder der Hamburger Holsten-Brauerei. Dass in diesen Gründerzeiten der Elektrizität die Stromversorgung ausfällt, ist jeden- falls keine Seltenheit. Akku-Fertigung in großem Stil Schließlich steigt Carl Meissner dank der finanziellen Hilfe von Magdeburger Geschäftsleuten 1894/95 Akkumulatorenfabrik Triberg 187

 

 

 

im Gewann Loch bei Schönwald auf der Grundlage eigener Patente im großen Stil in die Fertigung von Blei- Akkumulatoren ein. Mit Ingenieur Friedrich Schneider gewinnt er einen Mitarbeiter, der eben- falls von der Zukunft dieser Speichertechnologie überzeugt ist. Da die mit dem Aufbau einer Akkumu- latoren-Fertigung verbundenen finanziellen Heraus- forderungen gewaltig sind, begibt sich Carl Meissner auf die Suche nach weiteren Geldgebern. Er findet sie in München – überzeugt Friedrich von Schoen, Wilhelm von Schoen und Carl von Linde von seinem Vorhaben. Kurz darauf gründet sich im Mai 1896 die Elektrizitätsgesellschaft Triberg (EGT). Sie über- nimmt alle Anlagen zur Stromerzeugung in Triberg und ebenfalls die kürzlich eröffnete Akku- Fabrik. Die bisherigen Teilhaber werden von den neuen Geldge- bern allesamt ausbezahlt. Zwar bleibt der Auf- und weitere Ausbau einer Elektrizitätsversorgung im Großraum Triberg das zentrale Anliegen der EGT, das große Geld aber soll die Akkumulatoren-Fertigung einbringen. Warten auf einen mobilen Akku Wohl mit auf Vorschlag von Carl von Linde hin konzentriert sich die EGT in ihrer Fabrik neben der Fertigung von Akkumulatoren für den stationären Betrieb zunächst auf die Entwicklung und den Bau von Batterien für Straßen- und Eisenbahnen. Derweil die Produktion von Akkumulatoren für den stationä- ren Betrieb der EGT einen kontinuierlichen Absatz sichern, sind bei der Herstellung der mobil verwend- baren Akkus rasche Erfolge nicht zu erzielen: Auch acht Monate nach Übernahme der Akkumulatoren- fabrik ist ein auf Basis eigener Patente ent wickelter mobil einsetzbarer Akkumulator von seiner Serienreife weit ent- fernt. Ständige Rückschläge bei der Fertigung bringen den Hauptkapitalgeber Friedrich von Schoen an den Rand der Verzweiflung. Er zeigt sich be- unruhigt, verweist im Februar 1897 in einem seiner rund 1.000 erhaltenen Briefe auf die rasch zunehmende Elek- tromobilität: „Ich habe das 188 Friedrich von Schoen im Februar 1897 über die Akkufertigung der EGT: „Ich habe das Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ Gefühl, daß wir zu viel Zeit verlieren, während rings um uns die Welt vorangeht.“ In der Tat: Wenn im Straßenbild der Städte ver- mehrt Automobile ohne nennens werte Geräusche und Gestank elegant dahingleiten und Straßen- bahnen ohne vorgespannte Pferde oder Oberleitun- gen umherfahren, sind stets Blei- Akkumulatoren im Spiel, die Elektromotoren antreiben. Die Bat- terien stammen von der wie Pilze aus dem Bo- den schießenden EGT-Konkurrenz, vor allem der Akkumulatorenfabrik Hagen. Immer mehr mischen auch Weltunternehmen wie Siemens, VARTA oder AEG auf dem vielversprechenden Zukunftsmarkt mit. Komplexes Fertigungsverfahren Wie komplex sich die Entwicklung und Fertigung von Akkus darstellt, wird offenkundig, wenn es um die Details geht: Vereinfacht ausgedrückt verwandelt ein Blei-Akkumulator elektrische Energie in chemische. Wird die elektrische Energie wie- der benötigt, läuft dieser Prozess umgekehrt ab. Hierfür die per- fekte Rezeptur zu finden – selbst EGT-Akkumulator im Glasgefäß. Gut zu erkennen sind die einzelnen Zellen aus Bleiplatten und Bleigittern mit aktiver Masse. Die positiven und negativen Zellen werden miteinander verlötet und stehen mit ca. 5 mm Abstand in einem Behältnis, das mit Schwefelsäure gefüllt ist. Geschichte

 

 

 

Links: Patent von EGT-Ingenieur Friedrich Schneider für eine besondere Zellkonstruktion in Blei-Akkumula to ren. Rechts sind Be- standteile des neuartigen EGT- Röhrchen- Akkumulators zu sehen. Friedrich von Schoen ließ die EGT-Patente teils in bald ganz Euro- pa schützen, was enorme Ausgaben mit sich brachte. Hier sind zwei Patente für den englischen Markt abgebildet. Lebertran wird der „aktiven Masse“ versuchsweise beigemischt – gleicht der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität. Blei-Akkumulatoren bestehen aus negativ und positiv formierten Bleiplatten, den Elektroden. Die negativen Platten sind mit einer Art Rahmen ver- gleichbar, der im Fall der EGT mit hohlwandigen Bleiröhrchen bestückt ist (siehe Abb. oben). Diese werden mit einer aus Bleimenni ge samt Zusätzen bestehenden Masse befüllt, sprich bestrichen. Die positiven Platten hingegen bestehen aus reinem Blei. Die Platten werden in einen mit Blei ausgekleide- ten, hölzernen Batterie kasten eingebaut. Abschlie- ßend wird das Behältnis mit Schwefelsäure plus destilliertem Wasser befüllt (Nassbatterie). Durch die jetzt folgende Formierung erhalten die Platten die Eigenschaft, Energie aufzunehmen und später wie- der abzugeben. Größtes Hemmnis ist bei mobilen Akkumulatoren die Betriebs sicherheit: Die Erschütterungen durch den Fahrbetrieb führen im Alltag zu einer ganzen Se- rie an Ausfällen. Immer wieder kommt es aufgrund mangelnder Stabilität der Bleiplatten- Konstruktion zur Beschädigung von Lötstellen oder die Bleiplatten berühren sich, was zum Kurzschluss führt. EGT beschäftigt 30 Arbeiter Die Akkumulatorenfertigung der EGT beschäftigt 1897 ca. 30 Arbeiter, darunter Gießer, Klempner, Löter, Mechaniker und diverse Hilfskräfte wie Ver- packer. Ihnen steht Oberingenieur Friedrich Schnei- der vor, der als Werksleiter fungiert, während die Geschäftsführung in den Händen von Carl Meissner liegt. Die Fertigung der Akkumulatoren verlangt nicht nur ein sehr exaktes Arbeiten, sondern ebenso Akkumulatorenfabrik Triberg 189

 

 

 

 2 3 4 Die Belegschaft der Akkumu la toren fabrik Triberg, ab Mai 1896 die „Abteilung B“ der EGT. Links: Fass mit Schwefelsäure (1), davor die massive Bleiplatte für einen Akkumulator (2). Gestell mit Bleiplatten – die Zelle sprich Basiseinheit des Akkumu lators (3). Mitte rechts das Behältnis, das die Zelle aufnimmt und danach mit Schwefelsäure befüllt wird (4). Geschichte

 

 

 

8 9 6 5 7 Arbeiter mit Schöpflöffel für das Einbringen des flüssigen Bleis in die Gießform (5), mit der die Akku-Zellen hergestellt werden. Rechts davon Arbeiter mit Gussform (6). Der Schlauch im Bild dient zum Befüllen der Akkus mit Schwefelsäure (7). Akkumulatorenfabrik Triberg Stehend rechts: Gründer und Direktor Carl Meissner (8). Mitte oben Ingenieur Friedrich Schneider (9). 191

 

 

 

2 Die Akkumulatorenfabrik der EGT im Gewann Loch bei Schönwald (1). Nach wie vor befindet sich im noch stehenden Gebäude als Museumsstück das von der EGT aufgebaute Wasserkraftwerk zur Stromer zeugung, unten ein Blick in den Maschinenraum (2). zweimal die Woche am Arbeitsplatz warm baden oder duschen zu können. Und sie hat ihnen wö- chentlich kostenlos gereinigte Arbeitskleidung samt Mützen zur Verfügung zu stellen. Arbeiter, die be- sonders empfindlich auf das Blei reagieren, müssen sich eine andere Beschäftigung suchen. Regelmäßige ärztliche Kontrollen sind jetzt Vorschrift. Immer mehr Hersteller drängen auf den Markt Dreh- und Angelpunkt aller Bemühungen ist neben der Fertigung der stark nachgefragten stationären Batterien die Fertigstellung einer mobilen Variante und der Verkauf derselben. Trotz aller Verspre- chungen steht diese für Straßen- und Eisenbahn- Versuchsfahrten erst im Herbst 1897 auch tatsäch- lich zur Verfügung. Und damit mehr als eineinhalb Jahre nach der Gründung der EGT. Für Friedrich von Schoen eine äußerst unbefriedigende Situation. Sie mache ihm Angst, räumt er in seinen Briefen an die Triberger Geschäftsführung mehr als einmal unumwunden ein. Er hat bis zu diesem Zeitpunkt einen sorgfältigen Umgang mit dem hochgiftigen Schwermetall Blei und der nicht minder gefährlichen Schwefelsäure. Den damit verbundenen Anforde- rungen an den Arbeitsschutz wird die Fabrik jedoch nicht gerecht: Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Das trifft zu dieser Zeit auf allerdings sämt liche Akkumulatorenfabriken in Deutschland zu. Wie dramatisch die Zustände in der Fabrik sind, schildern 1898 gleich drei Berichte der Offenburger SPD-Zeitung „Volksfreund“. Bleivergiftungen in gro- ßer Zahl sind an der Tagesordnung, vor allem die gefürchtete Bleikolik. Es kommt zu weitreichenden Auflagen: Die Akkumulatorenfabrik muss es ihren Arbeitern als Folge der Inspektionen ermöglichen, 192 Geschichte

 

 

 

über 1,5 Mio. Euro Risikokapital allein in die Akku- mulatorenfertigung investiert! Für die damalige Zeit eine ungeheuer große Summe! Und immer mehr Hersteller drängen auf den Markt, alle erhoffen sich von der Elek tromobilität ein großes Geschäft. Aus- gerechnet die EGT kann in diesen Konkurrenzkampf in Ermangelung eines Produktes lange Zeit nicht eingreifen. So verhandelt Friedrich von Schoen über Straßen- und Eisenbahn testfahrten mit EGT-Akkumulatoren in Ludwigshafen und München, ohne dass er ein Produkt vorzeigen kann. Die eventuellen Kunden vertrauen auf seine mitgebrachten Muster und sein Renommee. Wie in der Gegenwart der Elektromobili- tät ist bei all diesen Verkaufsgesprächen nicht allein die Reichweite der Akkus von Bedeutung, sondern ebenso deren Ladezeit. Damit sie eine Trambahn oder einen Triebwagen mit genügend elektrischer Energie versorgen können, müssen mehrere Ak- kumulatoren zu teils über drei Tonnen schweren Batterien zusammengeschaltet werden. Für die in Brüssel, Ludwigshafen oder München vorgesehenen Batterien gibt die EGT eine Reichweite von bis zu 120 Kilometern und eine Ladezeit von fünf Stunden an. Obwohl das Produkt im Sommer 1897 weiter auf sich warten lässt, mangelt es dem Triberger Unterneh- men keinesfalls an Selbst bewusstsein. Die Schreiben an mögliche Käufer schließen stets mit dem Verspre- chen: „So viel ist sicher, daß unser System in Bezug auf die Lebensdauer alle anderen weit übertrifft.“ Elektrotechnik-Pionier Erasmus Kittler als Berater tätig Friedrich von Schoen baut unterstützt durch Carl von Linde ein EGT-Vertriebs-Netzwerk auf, das im März 1897 neben Frankreich und Belgien auch Italien um- fasst. In Deutschland setzt von Schoen außerdem auf die Beziehungen von Erasmus Kittler. Der Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt gilt als Elektrotechnik-Pionier und renommierter Physiker. Kittler ist maßgeblich an der Einrichtung zahlreicher Kraftwerke beteiligt und für die EGT teils als Berater und Gutachter tätig. So empfiehlt er Friedrich von Schoen, die für Testfahrten in Furtwangen vorgese- hene Lokomotive in der Werkstatt der Maschinen- fabrik Kummer schnellstmöglich zu elektrifizieren und sie zu den bald anstehenden Versuchen mit dem Da kaum Erfahrung im Umgang mit giftigen Materialien besteht, wird die Gesundheit der Mitarbeiter enorm in Mitleidenschaft gezogen. Bleikoliken sind an der Tagesordnung. EGT-Akkumulatoren-Triebwagen in Ludwigs hafen mitzubringen. Friedrich von Schoen betont, wenn ein Mann wie Erasmus Kittler sich für die Akkumula- toren der Elektrizitätsgesellschaft Triberg interessie- re, „sei das außerordentlich viel werth“. Von Schoen: „Wenn wir seinem Rathe nicht folgen, entfremden wir uns den Herrn, der uns sonst sehr nützen kann. Ludwigshafen nützt uns auch für die hiesige Staats- bahn mehr als die Bregtalbahn.“ „Wir sollten uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen-Batterien pro Jahr einrichten“ Der zu dieser Zeit in München in einer prächtigen Stadtvilla residierende EGT-Haupteigner Friedrich von Schoen sieht einen geradezu riesigen Bedarf an Akkumulatoren: für den Trambahn- und Eisenbahn- betrieb, die Beleuchtung von Eisenbahn- Waggons, bei Omnibusgesellschaften – und in verkleinerter Ausführung für Fahrradlampen und Kutschenbe- leuchtungen. Er träumt von einer neuen Fabrik unmittelbar bei München. In einem Schreiben vom 28. März 1897 betont er: „Ich sprach gestern darüber mit Herrn Meißner, und ich dachte, daß wir uns auf eine Produktion von etwa 1.000 Trambahn-Wagen- Batterien pro Jahr einrichten sollten.“ Eine derartige Großproduktion anzukurbeln – überhaupt Akku triebwagen oder Trambahnen mit EGT-Akkumulatoren ausstatten zu dürfen, ist ohne Akkumulatorenfabrik Triberg 193

 

 

 

Die EGT bewirbt sich für Straßenbahn-Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. die erfolgreiche Teilnahme an kostspieligen Test- fahrten nicht möglich. Die Eisenbahn- oder Straßen- bahngesellschaften lassen sich zu diesem Zweck einen Triebwagen oder Straßenbahnwaggon auf Kosten des Akkumulatoren-Herstellers betriebsfertig ausstatten. Kommt es nicht zum Vertragsabschluss, müssen die in der Regel mehr als drei Tonnen schwe- ren Batterien wieder zurückgebaut werden. Die EGT bewirbt sich ungeachtet dessen für Testfahrten in Ludwigshafen, München und Dresden – hofft auf Hannover, Darmstadt, Kaiserslautern, Karls ruhe oder auch Mainz. Nach der ersten Euphorie hat bei den Straßen- bahn-Betreibern indes das große Rechnen begonnen und aus Kostengründen sprechen sich etliche Städte trotz der unschönen Oberleitungen gegen einen rei- nen Akkumulatorenbetrieb aus – auch das ein Rück- schlag. Die Mehrheit neigt zum gemischten Betrieb, bei dem nur Teilstrecken – etwa in der Altstadt – mit Blick auf das Stadtbild ohne Ober- oder Unterleitung zur Stromversorgung ausgestattet sind. Mit Oskar von Miller, der bei vielen Planungen beigezogen wird, zieht ein angesehener Bauingen ieur, Elektro- techniker, Wasserkraftpionier und Begründer des Deutschen Museums ebenfalls aus Kostengründen die Oberleitungen vor. Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive auf der Bregtalbahn geplant Um ihre Produkte testen zu können, kauft die EGT bei der Firma Kummer & Cie in Niedersedlitz bei Dresden einen Trambahnwagen und eine Lokomo- tive mit Elektromotor. Die Lokomotive wird im Juli 1897 nach Furtwangen geschleppt, wo sie auf einem Nebengleis der Bregtalbahn parkt und für den Akku- mulatoren-Betrieb umgerüstet werden soll. Die Breg- talbahn eignet sich für Testfahrten ideal: Unmittelbar neben dem Furtwanger Bahnhof befindet sich das E-Werk der EGT, von dort aus kann sie den Strom zum Laden der Akkumulatoren direkt ans Bahngleis führen. Über die Ankunft des Triebwagens in Furtwangen berichtet die in Triberg erscheinende Tageszeitung „Echo vom Wald“ am 31. Juli 1897 wie folgt: „Der Akkumulatorenwagen, mit welchem Versuche auf der Bregtalbahn gemacht werden sollen, ist am Donnerstag hier eingetroffen. Derselbe sieht von den Längsseiten fast aus wie ein Spezial wagen für Bier; die Kopf- oder Stirnseiten sind jedoch von Glas. Der Bau ist jedenfalls ziemlich kompliziert, denn so ein elektrisches Wägel- chen ohne Inhalt kostet ungefähr 13.000 Mark (ca. 95.000 Euro, d. Autor).“ Zugleich widerruft die Zeitung Gerüchte, die Bregtalbahn werde die Personenbeförderung mit elektrisch angetriebenen Wagen der EGT aufnehmen – vielmehr handele es sich um Testfahrten im Zusam- menhang mit der eigenen Akkumulatorenfertigung. Allerdings tut sich die Süddeutsche Eisenbahn- Gesellschaft als Betreiber der Bregtalbahn schwer mit der Vorstellung, dass auf ihrer Bahnstrecke eine elektrische Lokomotive unterwegs sein soll. Sie verlangt von der EGT den Abschluss einer Versi- cherung, die bei Unfällen mit Verletzten und Toten einspringt oder nach einem Einsturz von Brücken für die Kosten geradesteht. Dabei soll die Lokomotive vom dafür ausgebildeten Personal der Bregtalbahn gesteuert werden – die Furcht vor dem „Elektri- schen“ scheint gewaltig. Der Umbau des in Furtwangen stationierten Triebwagens für Akkubetrieb stellt sich für die EGT als enorme Herausforderung dar. Der Energiebedarf für den Antrieb der Lok ist derart hoch, dass allein für die Verbindung der Bleiplatten, die in den über 150 (!) Akkumulatoren zum Einsatz kommen, 155.000 Kanäle zu gießen sind. So bestellt die EGT für 4.000 Mark (ca. 28.000 Euro) eine neue Gießform, die ihr die Herstel- lung von täglich 3.600 Kanälen ermöglicht. Was somit einer Produktionszeit von ca. 43 Tagen entspricht. Einmal mehr erweist sich aber die Ankündigung, dass die Testfahrten in Furtwangen bis Ende August stattfinden werden, als Irrtum. Die Elektrizitäts- gesellschaft Triberg schiebt sie wegen anderweitiger 194 Geschichte

 

 

 

Die Furtwanger Energiezentrale der EGT unmittelbar beim Bahnhof der Bregtalbahn. Wegen der Nähe des E-Werkes zu den Bahngleisen, die ein problemloses Aufladen der Akkus ermöglichte, sollten ab Herbst 1897 in Furtwangen Testfahrten mit einer elektrischen Lokomotive erfolgen. Projekte immer wieder neu auf. In welchem Umfang diese im weiteren Verlauf der Arbeiten stattfinden, ließ sich im Zuge der Recherchen zu diesem Beitrag nicht klären. Erhebliche Probleme bei der Fertigung Dass die Akkumulatorenfabrik der EGT trotz der allgemein glänzenden Geschäftsaussichten der Branche ihren Investoren nur Verluste einfährt, hat – neben der noch nicht abgeschlossenen Akku-Neuentwicklung – vor allem mit ihrer schlech- ten Fertigungsqualität zu tun. Friedrich von Schoen dokumentiert in seinen Briefen geradezu unglaubli- che Zustände, die offenlegen, dass in Schönwald so gut wie keinerlei Qualitätskon trolle erfolgt. Friedrich von Schoen: „Es ist sehr traurig, daß bei uns solche Dinge häufig vorkommen.“ Der EGT-Haupteigner will in Triberg trotz aller Schwierigkeiten aus verständlichen Gründen den Erfolg – und bemüht sich vor dem Hintergrund der Millionen-Investitionen, wo er nur kann, persönlich um Großaufträge. Auch zahlreiche Inserate werden geschaltet. In Bayern sollen ab Spätherbst 1897 stets 14-täglich erscheinende Anzeigen in den Münchner Neuesten Nachrichten die Bekanntheit der EGT- Akkumulatoren steigern. Ebenso inseriert die EGT regelmäßig in den führenden elektrotechnischen Zeitschriften. Die „Akkumulatoren für Beleuchtung und Kraftübertragung“ werden in diesen Textanzeigen wie folgt beworben: „Stationär und transportabel, her- gestellt nach eigenem, bedeutend verbessertem, mehr- fach patentiertem Verfahren. Special-Akkumulatoren zur Fort bewegung und Beleuchtung von Fahrzeugen jeder Art. Geringes Gewicht! Hohe Lebensdauer, weit- gehende Garantie! Billigste Preise. Prospekte und Vor- anschläge kostenfrei!“ Mehr Informationen finden Sie unter www.almanach-sbk.de/egt Akkumulatorenfabrik Triberg 195

 

 

 

EGT-Akkumulator schafft in Ludwigshafen mit Bravour seine erste Bewährungsprobe Der Geschäftsverlauf 1897 ist geprägt von zwei Groß-Ereignissen im Herbst des Jahres: den Testfahr- ten für die Pfälzischen Eisenbahnen in Ludwigshafen und für die Münchner Trambahngesellschaft. In Lud- wigshafen müssen sich die EGT-Batterien beim Be- trieb der Straßenbahn und in einem Akkutrieb wagen auf Nahverkehr-Eisenbahnstrecken bewähren. Eingebaut werden 156 Akkumulatoren, die in Reihe geschaltet als Großbatterie fungieren und sich unter den Sitzen im Fahrgastraum befinden. Das Gewicht dieser Batterien ist enorm. Die Faustregel lautet: In den Zellen, sprich einzelnen Akkumulatoren der Bat- terie, müssen Bleiplatten verbaut sein, die insgesamt einem Viertel des Fahrzeuggewichtes entsprechen. Nur so lässt sich genügend Energie speichern, die ausreicht, um das Schienenfahrzeug anzutreiben. Die Pfälzischen Eisenbahnen setzen Akkutrieb- wagen mit Systemen der Hagener Akkumulatoren- fabrik (AFA) bereits seit 1896 erfolgreich ein, beför- dern mit ihnen allein im Jahr 1897 bald 100.000 Per- sonen, so der Jahresbericht der Verwaltung. Und ab 4. Oktober 1897 leisten auch die EGT-Akkumulatoren ihren Beitrag zur Personenbeförderung: Das rundum positive Ergebnis der ersten Probefahrten auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen am Rhein – Mun- denheim erfüllt die Triberger Gesellschaft mit Stolz. Zumal sich die EGT-Akkumulatoren besser schlagen als jene der Hagener Akkumulatorenfabrik (AFA). Friedrich von Schoen schickt ein Glückwunsch- telegramm nach Triberg. Und das „Echo vom Wald“ berichtet am 6. Oktober: „Gestern und Vorgestern fanden auf der Nebenbahnstrecke Ludwigshafen a. Rhein – Mundenheim Probefahrten mit einer elektri- schen Lokomotive statt, angetrieben durch die neuen, patentierten Akkumulatoren der Elektrizitätsgesell- schaft dahier. Das Resultat war, wie von maßgebender Seite mitgeteilt wird, ein vorzügliches.“ Holpriger Start bei den Probefahrten in München Was in Ludwigshafen so verheißungsvoll beginnt, startet ausgerechnet in München – der Heimat von Friedrich von Schoen und Carl von Linde – mehr als „holprig“: Die dort eingebauten Akkumulatoren verfügen nach Darstellung des Sachverständigen der Betreibergesellschaft über zu wenig Kapazität. Es kommt zu Kurzschlüssen und teils fallen Zellen voll- ständig aus oder es entwickeln sich giftige Dämpfe, da Schwefelsäure austritt. Die Mängel in Ludwigshafen und München sind indes keine Einzelfälle, auch bei stationären Akku- mulatoren häufen sich die Qualitätsprobleme. Der Aufsichtsratsvorsitzende drängt mit Blick auf den wegen der vielen mangelhaften Produkte zu erwar- tenden Konkurs der Akkumulatorenfabrik auf „stren- gen Verkauf“ – die Akku-Fabrik brauche Einnahmen. Die Bilanz des Investors zum zweiten Jahr seines En- gagements bei der EGT fällt geradezu erschütternd aus: „Ich kann nur versichern, daß, wenn ich nicht für mein engagiertes großes Kapital sorgen müßte, ich den Vorsitz des Aufsichtsrates längst niederge- legt hätte.“ Doch die Probleme nehmen weiter zu: Als in München in einem Straßenbahnwagen aus den un- ter den Sitzen angebrachten Akkumulatoren giftige Dämpfe austreten, erkundigt sich nach Hinweisen der Fahrgäste im Januar 1898 die Polizei nach der Sicherheit der EGT-Batterie. Das Renommee der EGT- Akkumulatoren sieht der Aufsichtsratsvorsitzende Werbeanzeige der EGT Triberg aus dem „Elektrotechnischen Anzeiger“ für den Verkauf von Akkumulatoren. Die Anzeige erscheint in der viel gelesenen Zeitschrift zwischen 1897 und 1899 teils wöchentlich. 196 Geschichte

 

 

 

Der Wagen Nr. 30 der Münchner Trambahn ist für den gemischten Betrieb ausgelegt. In den Außenbezirken wird die Energie aus der Oberleitung bezogen, in der Innenstadt treibt ein Akkumulator der EGT die Straßenbahn an. daraufhin sowohl in München als auch in Ludwigs- hafen oder beim Trambahn wagen-Lieferanten Union Berlin aufs Schwerste beschädigt. Das erste vierrädrige Automobil stammt 1888 von Maschinenfabrikant Flocken Trotz aller Fertigungsprobleme gelingt es der EGT, Akkus für den mobilen Betrieb auch für den Einsatz in Automobilen zu veräußern – Fuß fassen kann das Triberger Unternehmen jedoch auch in dieser Spar- te nicht. Zur Vorgeschichte: Im Jahr 1888 nutzt der deutsche Maschinen fabrikant Andreas Flocken den Blei-Akkumulator zum Antrieb des ersten Elektro- autos mit vier Rädern. Bis zu diesem Zeitpunkt gelten dreirädrige Kutschen mit Elektromotor als „Automobil“. Die Flocken-Erfindung ruft weltweit Konkurrenten auf den Plan und das Aufkommen weiterer Hersteller erhöht die Zahl der Elektroautos kontinuierlich. Die in den Akkumulatoren gespeicherte Energie lässt sich immerhin für bis zu 100 Kilometer weite Fahrten nutzen. Der Motor startet auf Knopfdruck – muss nicht wie im Fall des Verbrennungsmotors mit einer Kurbel erst mühsam in Bewegung gesetzt wer- den. Und es gibt keine Schaltung, die Elektroautos lassen sich „mit einer Hand steuern“. Sie werden we- gen der leichten Bedienung besonders Frauen zum Kauf empfohlen. Ein weiterer Vorzug ist das Vorhan- densein von elektrischem Licht bei Nachtfahrten. Die frühen Elektroautos erreichen Geschwin- digkeiten von bis zu 25 Kilometer in der Stunde. Deutlich schneller sind die Renn wagen dieser Zeit unterwegs: Die einer Zigarre ähnelnden Fahrzeu- ge liefern sich keine Rennen wie sie heute üblich sind, sondern kon kurrieren um die erreichbare Höchstgeschwindigkeit. In ihrem Innern befinden sich Fulmen- Elemente, Hochleistungs-Akkus, die in Verbindung mit 25kW-Gleichstrommotoren enorme Beschleunigungen ermöglichen. Der Belgier Camille Jenatzy fährt mit ihrer Hilfe im April 1899 als erster Mensch schneller als 100 Kilometer pro Stunde, erreicht eine Geschwindigkeit von 105,88 km/h. Aus dem Briefverkehr zwischen Friedrich von Schoen und der Triberger Geschäfts- führung geht hervor, dass sich die EGT diese Ful- men-Elemente in Frankreich beschafft und deren Aufbau untersucht. Den Auftrag führt EGT- Vertreter Le Roy aus, der in Frankreich erfolgreich für die Tri- berger Fabrik tätig ist und dort eine statt liche Zahl an Akkumulatoren für den stationären Betrieb ab- setzt. Es gibt somit auch Erfolge zu vermelden. Akkumulatorenfabrik Triberg 197

 

 

 

Die EGT bringt im Winter 1898 das erste Elektroauto in den Schwarzwald Ein Brief vom 16. Februar 1898 zeigt auf, dass die Akkumulatorenfabrik neben Straßen- und Eisen- bahnen ebenso Elektroautos mit Batterien versorgt. Bereits 1897 war eine elek trische Kutsche mit einem Antriebssystem ausgestattet worden – wohl die des Herzogs von Coburg. EGT-Gesellschafter Wilhelm von Schoen hatte diesen Auftrag vermittelt – ebenso ei- ne Batterie für das dortige Hoftheater. Der Diplomat fungiert als Hofrat des Fürsten von Sachsen-Coburg, was viele Türen öffnet. Der EGT gelingt weiter die Zusammenarbeit mit der gleichfalls in Coburg an- gesiedelten Maschinenfabrik von Andreas Flocken, dem Erfinder des vierrädrigen Automobils. Die Triberger Geschäftsführung berichtet dazu an den Aufsichtsratsvorsitzenden nach München: „Die Batterie für den automobilen Wagen von Flocken mit Sitz in Coburg wurde nun heute von hier abgesandt. Ein anderer Wagen ist hier angekommen (mit der Schwarzwaldbahn, d. Autor) und wird die Batterie probiert werden, sobald die Wege fahrbar sind.“ An den wenigen Zeilen ist zu erkennen, dass die EGT in Triberg mit Elektroautos diverse Fahrversuche unter- nimmt. Das bedeutet: Die E-Mobilität hält somit in den 1890er-Jahren auch im Schwarzwald zumindest zu Versuchszwecken ihren Einzug. Dass für den Auftakt dieser Bestrebungen ausge- rechnet ein schneereicher Februar gewählt wurde, ist eine Besonderheit am Rande. Es muss ein impo- santes Bild gewesen sein, als Pferde das mutmaß- lich auf einem Schlitten stehende Automobil vom Bahnhof Triberg aus hinauf zur gut fünf Kilometer entfernt liegenden Akkumulatorenfabrik im Gewann „Loch“ bei Schönwald gezogen haben. Mit einem Victoriawagen, der mehr einer Kutsche als einem Automobil ähnelt, unternahm die EGT 1898/99 Fahrversuche im Umfeld ihrer Akkumulatoren fabrik. nig ist, eine mittlere Geschwindigkeit von 15 Kilome- tern pro Stunde ist mindestens anzustreben. Das ist sehr wichtig, da alle Welt schnell fahren will.“ Mit der Fertigung von Akkumulatoren für Elektro- boote hat die EGT indes ebenfalls kein Glück: Wenn überhaupt, werden Batterien für diesen Zweck in nur geringer Stückzahl veräußert. Die noch vorhande- nen Geschäftsunterlagen lassen diesbezüglich keine Rückschlüsse zu. So beschließt Friedrich von Schoen, das Testboot vom Zürichsee an den Boden see zu ver- legen und dort zum Verkauf anzubieten. Kein Erfolg mit Elektrobooten Wer Eisenbahnen und Automobilen mit Akkumula- toren zum elek trischen Betrieb verhilft, der will auch Boote mit dieser Technologie ausstatten. Auf Drän- gen von Friedrich von Schoen wird in der Schweiz bereits im Herbst 1897 ein Boot mit einem elektri- schen Antrieb in Betrieb genommen, das mehrfach Testfahrten auf dem Zürichsee absolviert. Als es im Rahmen der Testberichte um die Motorleistung geht, meldet sich der Münchner vehement zu Wort: „Ich wiederhole, daß 12 km/h Geschwindigkeit viel zu we- Das Ende der Ära Carl Meissner Für das Engagement der Münchner Investoren in Triberg ist nicht nur die Rendite allein der ausschlag- gebende Faktor. Friedrich von Schoen will zusammen mit seinem Bruder Wilhelm von Schoen und Carl von Linde mit der Bereitstellung von Risikokapital etwas bewirken – eine regionale Stromversorgung aufbauen und einen Beitrag zum Gelingen der Elektro- mobilität leisten. Doch im Spätsommer 1898 wird ihm mehr und mehr bewusst, dass ein Großteil des 198 Geschichte

 

 

 

gemeinsamen Triberger Millionen invests allein we- gen Fahrlässigkeit zunächst verloren ist. „Denke ich an die Hunderte von Verfehlungen – wahrlich, es steht mir der Angstschweiß auf der Stirn“, formu- liert er am 1. August 1898. Als sich dann noch Mitte September sämtliche Batterien in den Triberger Stromzentralen der EGT als defekt oder nicht gela- den erweisen, ist das Schicksal von EGT-Initiator und Geschäftsführer Carl Meissner besiegelt: Bei einem Gespräch im November 1898 in München vereinbart Friedrich von Schoen mit ihm das Ausscheiden zum Jahresende. Kurze Zeit später veräußert Meissner auch seine Anteile an der EGT. Ein Pionier des Auf- baus der Stromversorgung im Schwarzwald scheidet unrühmlich, doch aus nachvollziehbaren Gründen aus den Diensten der EGT aus. Carl Meissner arbei- tet künftig mit Erfolg als selbstständiger Ingenieur, stirbt 1944 im Alter von 94 Jahren in Duningen. Die Abwicklung der Akkumulatorenfabrik Mit dem Ausscheiden von Carl Meissner aus der EGT finden die Pionierzeiten im Unternehmen ihr Ende. Friedrich von Schoen verliert in ihm auch einen Mit- streiter – einen Mann, den die Möglichkeiten der Elektromobilität ebenso begeistern wie den Münch- ner Investor selbst. Produktionstechnisch konzen- triert sich die „Abteilung B“ der EGT in der Folge auf die Fertigung stationärer Akkumulatoren, legt dazu 1899 eine umfassende Werbebroschüre auf (siehe Abb. oben). Doch ein Erfolg stellt sich nicht mehr ein, vielmehr kommt es zu weiteren Rückschlägen: An Heiligabend des Jahres 1903 erscheint die Verkaufs- Offerte der EGT für ihre einstige Akkumulatorenfabrik im „Echo vom Wald“. Zum Verkauf des Fabrikgebäudes kommt es aber erst Monate später – unter großen Verlusten. Akkumulatoren-Imagebroschüre der EGT, die nichts unver- sucht lässt, um ihre Produkte erfolgreich zu veräußern. Immer mehr Akkumulatoren fallen aus, immer mehr Käufer verklagen die Akkumulatorenfabrik Triberg auf Schadensersatz. Zeitweise hat das Unternehmen mehr als 50 Prozesse gleichzeitig zu führen. Sechs Jahre nach ihrer Gründung im Jahr 1896 wird die „Akkumulatorenfabrik Triberg“ nach Millionen- verlusten schließlich abgewickelt. Fertigungsproble- me und die übermächtige internationale Konkurrenz besiegeln 1903 endgültig das Schicksal einer Fabrik, die ihre Akkus zu besten Zeiten auch nach Frank- reich, Belgien und Italien lieferte. Und das im statio- nären Bereich mit beachtlichem Erfolg. Das Fazit: Die EGT- Triberg hat viel gewagt und zählt nach wie vor zum Kreis der Pioniere der Elektro – mobilität in Deutschland – in der Fachliteratur hat sie noch heute ihren Platz. Und was nun zu guter Letzt die Lok in Furtwan- gen anbelangt: Sie wurde 1903 wegen einer krum- men Achse auf einem Frachtwagen stehend zum Verschrotten nach Dresden geschleppt. Eine Test- fahrt muss es somit doch gegeben haben… Akkumulatorenfabrik Triberg 199

 

 

 

GEDÄCHTNIS FÜR DIE Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen von Edgar H. Tritschler 200

 

 

 

FÜRSTENBERGER LANDE Foto: Urkundenpotpourri mit einem Wappenbrief, zwei Kaiser urkunden mit Goldener Bulle und großem Wachssiegel sowie einem sogenannten Igel, einer Urkunde mit zahllosen Siegeln.

 

 

 

Zur Herkunft der Fürstenberger Das Fürstentum Fürstenberg ist der Oberbegriff für die von den Reichsfürsten zu Fürstenberg regierten Gebiete im schwäbischen Reichskreis. Von 1664 bis 1716 umfasste das Fürstentum nur die der Linie Fürstenberg-Heiligenberg gehörigen Gebiete, insbesondere die Grafschaft Heiligenberg. Von 1716 bis 1744 existierten die Fürstentümer Fürsten- berg-Stühlingen und Fürstenberg-Meßkirch neben- einander. Nach dem Aussterben der Linie Fürsten- berg-Meßkirch im Jahre 1744 vereinigte Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg-Stühlingen alle schwäbischen Besitzungen des Gesamthauses Fürstenberg. Dieser kleine Streifzug zur Herkunft der Fürsten- berger erscheint auch für die Darstellung ihrer Archivgeschichte hilfreich. Das Fürstlich Fürsten- bergische Archiv (F. F. Archiv) beherbergt in seinem historischen Teil (Haupt- und Cameralarchiv bis 1806) eine Vielzahl an Beständen, die im Kontext zur Familien- und Territorialgeschichte stehen und für das Gesamtverständnis z.B. von Herrschafts- und Regionalgeschichte erforderlich sind. Nach dieser knappen Darstellung soll auch der Übergang gro- 202 Geschichte

 

 

 

Fürst Joseph Wilhelm Ernst zu Fürstenberg (1699 – 1762) Karte der Fürstenbergischen Herrschaften in der Baar, am Hochrhein und am Bodensee, gezeichnet von Bourz von Seethal, Ende des 18. Jahrhunderts. Dargestellt sind die Grenzen der Grafschaften und Herrschaften Baar, Hohen- hewen, Stühlingen, Meßkirch und Heiligenberg. Weiter wurden Ansichten der Orte Bräunlingen, Hüfingen, Donau- eschingen, Stühlingen sowie der Schlösser Heiligenberg und Hohenlupfen eingezeichnet, ebenso die Poststationen (Posthorn). Auf dem Bodensee sieht man Schiffe und Fischer. Deutlich auszumachen ist die territoriale Zersplitterung im deutschen Südwesten. ßer fürstenbergischer Territorien auf Vorderöster- reich – u.a. Bräunlingen 1305, Villingen, „Haslacher Anschlag“ 1326 – lediglich angemerkt werden. Dieser komplexe Vorgang, der im F. F. Archiv breiten Raum einnimmt, kann im Themenzusammenhang nicht an- gemessen dargestellt werden. Joseph Wilhelm Ernst Fürst zu Fürstenberg ver- legte im Jahr 1723 seine Residenz von Stühlingen nach Donaueschingen. Damit gelang es ihm, aus der kleinen Residenz Donaueschingen einen Mittelpunkt der Behördenorganisation zu machen und den ver- schiedenen Teilherrschaften nach außen und nach innen ein einheitliches Gepräge zu geben sowie aus den so verschiedenartigen Gebieten ein kräftiges, neuzeitliches Staatswesen zu schaffen. Durch die Vereinigung aller Herrschaften ent- stand unter der Leitung dieses Regenten ein mit größeren deutschen Territorial staaten vergleichba- res Gebilde mit etwa 85.000 Einwohnern unter der Administration von 14 Oberämtern. Der fürstlichen Regierung in Donaueschingen gehörten ein Kanzler, drei Hof- und zwei Kammerräte sowie der fürstliche Archivar an, dessen Funktion 1723 erstmals genannt wird. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 203

 

 

 

Das Portal mit dem schönen Wappengitter. Fürstenbergisches Archiv: Das Gebäude Das „Fürstenbergarchiv“ ist einer der frühesten selbstständigen Archivbauten in Deutschland. Es wurde bereits 1756 – 1763 errichtet, zu einer Zeit, als es noch gang und gäbe war, Archive in zweckfrem- den Bauten und Räumen zu lagern. So z.B. in Rathauskellern, Schlossgewölben oder Kirchtürmen, wo wertvolles Archivgut zum Teil erheblichen Schaden nahm, unleserlich wurde oder bei Umzügen von einem Lagerort zum anderen gar verloren ging. In Donaueschingen gelang es, andernorts schnell gefundene Lösungen zu vermeiden, ein vorhandenes, eigentlich ungeeignetes Gebäude oder einen Teil des Herrschaftskomplexes kurzerhand zum Archiv umzufunktionieren oder einen solchen mit einem Anbau auszustatten, für den irgendwo eine Grund- fläche verwendbar erschien. Die damalige Konzep- tion hat sich bis heute fast unverändert erhalten. Dadurch steht das Archiv wohl einzigartig dar. Das Gebäude entstand neben dem Kanzleigebäu- de, dem Sitz der fürstlichen Zentralverwaltung. Mit diesem zusammen bildete es das Herz eines ganzen Ensembles aus Verwaltungs-, Wirtschafts- und Wohn- gebäuden, die Fürst Joseph Wilhelm Ernst zwischen 1722 und 1762 an seinem neuen Residenzort Donau- eschingen errichten ließ. In der Bauform und Größe lehnte es sich mit 27,50 x 16,25 Metern Grundfläche und sechs ober- und unterirdischen Stockwerken bewusst an das Kanzleigebäude an. Allerdings war es aufgrund des hohen Bauaufwands wesentlich teurer als die Kanzlei und alle sonstigen fürstlichen Gebäu- de der Zeit. In sieben langen Jahren Bauzeit wurden ca. 80.000 Gulden verbaut. Schon dies dokumentiert schlagend den hohen Rang, den Fürst Joseph Wil- helm Ernst dem Archiv beimaß. Es liege ihm, so ließ er mehrfach verlauten, über allem am Herzen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtigkeit ausgerichtet. Zum Zuge kam schließlich ein Plan des fürst- lichen Baumeisters Franz Joseph Salzmann. Nach außen präsentiert sich sein Gebäude relativ nüch- tern und abweisend. Sockel, Mauerblenden und Gebäudeecken aus Quaderstein, eine großzügige Frei treppe und das Portal mit dem schönen Wappen- gitter sind der einzige Schmuck. Die Fenster sind durch Gitter und eiserne Läden sicher verschlossen. Auch im Inneren ist alles konsequent auf den Schutz der Archivalien vor Brand, Plünderung und Feuchtig- keit ausgerichtet. Es erfüllt noch heute vorrangig die notwendigen Schutzwirkungen als Spezialgebäude für die Sicherheit der Archivalien vor unerwünschtem 204 Geschichte

 

 

 

Lichteinfall, garantiert Sauberkeit, Trockenheit, Be- lüftung und ideale Raumtemperatur. Als Baumaterial wurde deshalb nur Stein und Eisen verwandt. Die Wände sind mehr als einen Meter dick, die Decken kreuzgratgewölbt, die eisernen Türen fast zwei Zent- ner schwer. Der Gewölbekeller Der geräumige zweistöckige Keller hatte und hat noch heute ökonomische und klimatische Vorteile. Zum einen konnten auch Bierfässer der gegenüber- liegenden Brauerei gelagert werden; von den Kellern führte deshalb ein direkter Gang hinüber zur Brauerei. Der Erbauer, Fürst Joseph Wilhelm Ernst, hatte dies so bestimmt, nicht um das Archivpersonal mit edlem Gerstensaft zu versorgen, sondern um das „sündhaft teure Archivgebäude“ wenigstens teilweise betriebswirtschaftlich zu nutzen. Unschätz- bar wertvoll ist der klimatische Nutzen dieser Art von Unterkellerung. Beide Kellergeschosse sind außergewöhnlich gut belüftet und schützen dadurch das Gebäude und das Archivgut effektiv vor einer Durchfeuchtung von unten. Das untere hat zu diesem Zweck Lüftungsschächte; das obere reicht über das Straßenniveau hinaus und ist ringsum durchfenstert. Die Luftfeuchtigkeit im Gebäude ist dadurch bis heute im tolerablen Bereich, vor allem in den Räumen, die von vornherein als Archivräume vorgesehen waren. Im ersten Kellerstock, der auch heute noch für die Unterbringung von Archivalien genutzt wird, ist die Feuchtigkeit im Jahresmittel nur leicht erhöht. Klimatisch schwieriger ist der eben- falls für Archivzwecke genutzte Dachstuhl, wo es zu stärkeren Temperatur- und Klimaschwankungen kommt. Bei der Belegung dieser beiden Lagerorte mit Archivgut sind diese Besonderheiten zu berück- sichtigen. Das Gebäude des Fürstenbergarchivs, nach außen relativ abweisend, ist konsequent auf ein Ziel ausgerichtet: Urkun- den, Akten und Büchern eine möglichst sichere und dauer- hafte Aufbewahrung zu bieten. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 205

 

 

 

Der Max-Egon-Saal Im Inneren überrascht der äußerlich so zurückhalten- de Bau mit einem prächtigen barocken Bibliotheks- saal. Das Gestühl mit seinen aufwändigen Schnit- zereien und Einlegearbeiten, mit Köpfchen, Fratzen und Kapitellen stammt aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch und wurde schon zur Erbauungs- zeit des Archivs nach Donaueschingen überführt. Es beherbergte ursprünglich die Arbeitsbibliothek der benachbarten fürstlichen Zentralverwaltung, daher die Zierrahmen am Kopf der Regale, die nur juris- tische Sachgebiete ausweisen. Heute befindet sich im Max-Egon-Saal die Arbeitsbibliothek des Archivs mit Werken zur badischen, württem bergischen und fürstenbergischen Geschichte. Ganz rechts unten: ein Geheimfach. 206 Geschichte

 

 

 

Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 207

 

 

 

Das „Reisearchiv“ Ein „Highlight“ des Fürstenbergarchivs ist das sogenannte „Reisearchiv“ in den Ge- wölben A und B des Erdgeschosses. Hierbei handelt es sich um die wichtigsten Doku- mente des Archivs, die bereits in Flucht- kisten verpackt sind, damit sie im Gefahren- fall schnell auf Fahrzeuge verladen und in Sicherheit gebracht werden können. Die „Flüchtung“ des fürstenbergischen Archivs vor allem vor französischen Heeren war im 17. und 18. Jh. keine Seltenheit. Letztmals fuhren 1796 insgesamt 17 große Wagen ins schweizerische Feuerthalen, um das Archiv in Sicherheit zu bringen. Auch im Zweiten Weltkrieg waren die wichtigsten Stücke aus- gelagert, diesmal auf der Burg Wildenstein im Donautal. Das Erdgeschoss und die Obergeschosse Die wertvollsten Archivalien wurden in den beiden Gewölben des Erdgeschosses in speziellen Flucht- kisten untergebracht, so dass sie bei Kriegsgefahr schnell und reibungslos in Sicherheit gebracht werden konnten. Ein Saal im ersten Obergeschoss diente den Archivaren und Registra toren als groß- zügiges Arbeitszimmer. Im zweiten Obergeschoss wurde das barocke Bibliotheksgestühl aus dem fürstenbergischen Schloss Meßkirch eingebaut. Es war vor allem für die juristische Arbeitsbibliothek der Zentralverwaltung bestimmt. Im Grunde ist dieses Gebäude, auf das man schon zu Planungs- und Bauzeiten viel Sachverstand und finanzielle Mittel verwandte, bis heute bautech- nisch up to date. Das Fürstenhaus wendet neben an- deren, vielfältigen Kulturleistungen regelmäßig hohe Summen für das Archivpersonal und den Erhalt des Archivgebäudes auf. Eines der größten Adelsarchive Deutschlands Das Fürstenbergarchiv zählt zu den größten Adels- archiven in Deutschland und gleicht in seiner Größe einem kleineren Staatsarchiv. Das Archivgebäude ist vom Keller bis unter das Dach bis auf den letzten Quadratmeter mit Archivalien gefüllt, ein gewaltiger Bestand, in dem etwa 25.000 Pergamenturkunden verwahrt werden. Das Ausmaß an archivierten Akten ließe sich nur in Regalkilometern angeben. Entschei- dend für die Bedeutung des Archivs ist aber weniger dessen Quantität, als vielmehr die Qualität der Überlieferung. Worauf beruht diese? Da die Fürsten- berger – wie alle anderen Standesherren nach der Mediatisierung des Jahres 1806 – ihr gesamtes Archiv ungeschmälert als Privateigentum behalten konnten, ist es für die Zeit bis 1806 somit als ein Landesarchiv anzusehen. Es bewahrt neben der Überlieferung der fürst- lichen Familien und ihrer Besitzungen auch umfang- reiche Bestände hoheitlicher Herkunft. Schließlich war Fürstenberg nach dem Herzogtum Württemberg, den vorderösterreichischen Landen, den vereinig- ten badischen Markgrafschaften und der Kurpfalz das größte reichsunmittelbare Territorium im deut- schen Südwesten. Wer sich mit der Geschichte eines fürsten bergischen Ortes, einer Liegenschaft, einer bestimmten Familie oder Person, einem x-beliebigen historischen Thema aus der Zeit vor 1806 beschäf- tigen will, der kommt kaum am Fürstenbergarchiv vorbei. Insbesondere für die Geschichte der ehemals fürstenbergischen Orte und Gemeinden im Schwarz- wald-Baar-Kreis enthält es einen schier unerschöpfli- chen Fundus an historischen Quellen. 208 Geschichte

 

 

 

Rechts: Urkunde vom 10. Dezember 1716. Kaiser Karl VI. erhebt die Linien Stühlingen und Meßkirch des Hauses Fürstenberg in den Fürstenstand. 1664 war bereits die Heiligenberger Linie „gefürstet“ worden.Die für die Familie Fürstenberg äußerst wert- volle Urkunde ist mit einer Goldenen Bulle besiegelt. Unten: Urkunde, entstanden zwischen 1492 und 1499. Papst Alexander VI. stellt den Grafen Heinrich und Wolfgang von Fürstenberg einen Beichtbrief aus. Zu sehen sind oben das Wappen des Papstes mit der Tiara und den Schlüsseln des Petrus, darunter das Wappen des Hauses Fürstenberg.

 

 

 

Die politischen Verhältnisse in der Zeit nach 1806, also für das Kaiserreich, die Weimarer Republik und die NS-Zeit, spiegeln sich auch in der archivi- schen Überlieferung wider. Als Großgrundbesitzer, Eigentümer zahlreicher Wirtschaftsbetriebe, poli- tisch aktive Standesherren, engagierte Förderer des kulturellen Lebens, Mitbegründer der „Donaueschin- ger Musiktage“ und der „Internationalen Reitturnie- re“ – um nur einige ihrer Engagements zu nennen – waren die Fürstenberger auch nach 1806 wichtige Repräsentanten in den fürstenbergischen Landen und darüber hinaus und nahmen zahlreiche Funk- tionen in Wirtschaft und Gesellschaft wahr. Damit übersteigen die Volumina der in dieser Zeit entstan- denen Akten das historische Archiv deutlich. Manch neuer Bestand gehört zu den am meisten genutzten Abteilungen des Archivs; so auch jene Materialien, die die fürstenbergische Residenzstadt Donaueschin- gen betreffen und eigentlich in ein Kommunalarchiv gehören. Das Donaueschinger Stadtarchiv ging aber im 20. Jahrhundert gleich zweimal komplett verlo- ren: 1908 verbrannte es beim großen Stadtbrand und 1945 wurde es vor den anrückenden Franzosen in Sicherheit gebracht und verschwand „auf Nimmer- wiedersehen“. Alle dazu angestellten Nachforschun- gen, um den Bestand wiederzufinden, verliefen ergebnislos. Herausragend zu nennen sind die Archivbestände zur fürstenbergischen Theater- und Musikgeschichte, allen voran zu den „Donaueschinger Musiktagen“. Sie In einer weiteren archivischen Sonderrolle beherbergt das Fürstenbergarchiv den Nach- lass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. wurden speziell in den letzten 15 bis 20 Jahren und besonders im Vorfeld des hundertjährigen Jubiläums (2021) sehr intensiv erforscht. Zahlreiche wissen- schaftliche Veröffentlichungen und Quelleneditionen konnten so erscheinen. In einer weiteren archivischen Sonderrolle be- herbergt das Fürstenbergarchiv den Nachlass des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg. Er avancierte nach 1900 zum besten Freund des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II., und hatte als Vizepräsident des österreichischen Herrenhauses beste Beziehungen zum österreichischen Kaiserhaus. Sein Nachlass ist eine Fundgrube für die Spätzeit der Monarchie in Deutschland und Österreich und wird deshalb immer wieder von Forschern genutzt. Das Arbeitszimmer Als das Archiv noch das Staatsarchiv des Fürstentums Fürstenberg war und deshalb wie ein Tresor vor fremden Blicken und Benutzern geschützt wurde, diente das Arbeits zimmer im ersten Obergeschoss nur den Archivaren und Registratoren. Heute forschen hier die wissenschaftli- chen und heimatkundlichen Benutzer des Archivs. Nur dieser Raum ist beheizt und hat zum Schutz der Archivare vor der Kälte einen Parkettfußboden. 210 Geschichte

 

 

 

der fürstenbergischen Baar und der angrenzenden Landesteile dar. Als Leistung eines standesherrlichen Archivs sind sie einzigartig. In zahllosen Büchern, Aufsätzen, wissenschaft- lichen Beiträgen etc. haben Autor(innen) Archi- valien aus dem Fürstenbergarchiv genannt oder in Fuß noten zitiert, die sie für ihre Publikationen verwendet haben. Mit jeder Anfrage bzw. jedem Benutzerantrag ist das Fürstenbergarchiv selbst involviert, da deren forschungsleitendes Interesse unterstützt sein will und in der Folge manche erst zu findende Archivalie ausgehoben wird. Es wä- re eine Fleiß arbeit, die für die Orte in den ehem. Fürstenbergischen Landen erschienenen Ortschroni- ken, kirchen- oder familiengeschichtlichen Beiträge, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Aufsätze u.a. mit dem Quellenmaterial aus dem Fürstenbergarchiv in Verbindung zu bringen. Es würde aber aufzeigen, welche Bedeutung dieses Archiv auch in der Gesamt- schau mit den Materialien z.B. des Staatsarchivs Frei- burg und des Generallandesarchivs Karlsruhe für die Aufgabe der Geschichtsvermittlung hat. Aktenbündel über Aktenbündel im zentralen Treppenhaus, welches das gesamte Gebäude erschließt. Aufgaben und kulturelle Bedeutung des Fürstenbergarchivs Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv enthält die Überlieferung der Grafen und Fürsten zu Fürsten- berg. Es ist ein ungewöhnlich reichhaltiges und nahezu geschlossen erhaltenes Archiv. Der Familie galt es stets als größter Schatz und wurde entspre- chend sorgfältig gehütet. Bis zur Mediatisierung von 1806 und noch weit da- rüber hinaus war das Archiv ein Ort, zu dem Fremde, Besucher und Forscher keinen Zutritt erhielten; es war das Geheime Staatsarchiv der Fürstenberger Lande und diente ausschließlich der fürstlichen Verwaltung. Dies änderte sich mit dem Verlust der staatlichen Selbständigkeit 1806. Die Fürstenberger mussten sich jetzt gänzlich neu positionieren, wollten sie ihren Status als hochadeliges Haus bewahren. Ein wichti- ger Schritt dazu war neben der Modernisierung der Wirtschaftsbetriebe und der Verwaltung der Aufbau der „Fürstlich Fürstenbergischen Institute für Kunst und Wissenschaft“ unter Fürst Karl Egon III. ab 1860. Zu ihnen zählten neben dem Archiv auch die Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen und die Hofbiblio- thek, die der Öffentlichkeit in großzügiger Weise zugänglich gemacht wurden. Das Archiv erhielt den speziellen Auftrag, die Fürstenbergische Geschichte zu erforschen und interessierte externe Benutzer bei deren eigenen Recherchen zu unterstützten. Ein weiteres Faktum macht das Fürstenberg- archiv bemerkenswert: Es wurde bereits im Jahr 1862 von Fürst Karl Egon III. zur wissenschaftlichen Forschungsstätte ausgebaut und der geschichts- interessierten Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Das Archiv wird deswegen hauptamtlich von einem Historiker geleitet und zählt daher zu den gut zugänglichen Adelsarchiven in Deutschland. Im Fürstenbergarchiv befindet sich auch die Hofbiblio- thek des Hauses Fürstenberg. Zwischen 1870 und 1950 haben die Fürsten- bergischen Archivare ein viel beachtetes historisches Forschungs- und Editionswerk vorgelegt. Unbestreit- bare Höhepunkte waren dabei das „Fürstenbergi- sche Urkundenbuch“ und die „Mitteilungen aus dem Fürstenbergarchiv“, eine neunbändige Edition der Quellen zur Haus- und Familiengeschichte bis zum Jahr 1600. Beide Werke stellen nach wie vor die Grundlage aller historischen Arbeit im Gebiet Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 211

 

 

 

Häufig sind historische Gedenktage oder Jubi- läen fürstenbergischer Orte und Einrichtungen der Anlass, das ganze Arsenal der Geschichtsvermittlung zum Einsatz zu bringen. Es werden Ausstellungen und Tagungen konzipiert und ausgerichtet, wissen- schaftliche Beiträge verfasst, Bücher geschrieben oder herausgegeben, Vorträge gehalten und Führun- gen angeboten. Der Fürstliche Archivar übernimmt daneben vielfältige Repräsentationsverpflichtungen für das Haus Fürstenberg, vor allem in kulturel- len oder historischen Zusammenhängen. Auch im Rahmen der Kultur- und Tourismusarbeit der Stadt Donaueschingen. Als besonders beliebtes Ereignis hat sich die Übergabe der vom Fürstenhaus alljähr- lich gespendeten „Goldenen Uhr für die besten Ab- solvent(innen) des Fürstenberg-Gymnasiums“ durch den Archivar etabliert. Die Archivare Bei der Darstellung der Fürstenberger Archivge- schichte ist zu erwähnen, dass schon im Jahr 1723 die Funktion des fürstlichen Archivars neben Hof- und Kammerräten als Mitglied der Donaueschinger Regierung genannt wurde. Diese hierarchische Positionierung ist zu dieser Zeit ungewöhnlich und zeigt einerseits den Weitblick des Fürsten und andererseits die hohe Wertschätzung, die dem damaligen Archivar zuteil wurde. Der Inhaber dieser Stelle könnte mit einem der „Räte und Registrato- ren“ identisch sein, die auf der älteren der beiden Wandtafeln genannt sind, die zu deren Gedenken im Benutzerraum des Archivs ausgestellt sind. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächt- nisses der Region, für die das Archiv mit dem Gut an schriftlichen Überlieferungen besteht. Sie arbeiten kraft ihrer persönlichen und fachlichen Qualifikation auch als „Übersetzer“ von Schriftgut, da die Archiva- lien bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts in deutscher Kanzlei- bzw. Kurrentschrift verfasst sind und der Transkription in die heute lesbare Schrift bedürfen. Neben dieser Aufgabe ermöglicht erst die Inter- pretation der Inhalte die Erkenntnisgewinnung für den forschenden Archivar oder den nachfragenden Benutzer und macht die ausgehobenen Archivalien erst dadurch sprechend. Archivare sind die berufenen Hüter des Gedächtnisses der Region. bezeichnungen auf den obigen Wandtafeln schon verraten, dass sie als „(Hof)Rath und Registrator/ Archivarius“ bis Mitte des 19. Jahrhunderts stets in einer Doppelfunktion auftraten und danach – ent- sprechend dem gestiegenen Aufkommen an Archiv- gut – in der Archivarbeit ihre Hauptaufgabe hatten. Als Leiter des Fürstenbergarchivs fungierten danach nicht mehr – wie bisher – [Verwaltungs]Juristen, sondern Historiker, von denen einige mit besonderen wissenschaftlichen Leistungen hervortraten. Den Anfang machte 1862 Freiherr Roth von Schreckenstein, der zuvor Vorstand des Germani- schen Museums in Nürnberg gewesen war und nach seinem Ausscheiden Direktor des Generallandesar- chivs in Karlsruhe wurde. Auf ihn folgten bekannte Namen wie Dr. Sigmund Riezler, Dr. Franz Ludwig Baumann, Aloys Schulte, Dr. Georg Tumbült und Prof. Dr. Karl Siegfried Bader, allesamt anerkannte Wissen- schaftler und Archivare, die den Ruf des Archivs im 19. und 20. Jahrhundert weit über die Region und die Landesgrenzen hinaus begründeten. Dem letztgenannten Karl Siegfried Bader, der in seiner Eigenschaft als Rechtshistoriker weit über seine Archivarbeit in Donaueschingen hinaus wirkte, wurden verschiedene Würdigungen seines Lebenswerks zuteil. Auch der in Baders Nachfolge amtierende Archi var Georg Goerlipp wurde für seine Jahrzehnte währende Arbeit geehrt; er hatte fast sein gesamtes Berufsleben mit hohem persönlichem Engagement im Fürstenbergarchiv zugebracht. Dr. Andreas Wilts – Herausforderungen einer neuen Zeit Mit Dr. Andreas Wilts wurde im Jahr 1995 ein Nachfolger berufen, der über 170 Jahre nach der erstmaligen Nennung eines Fürstenbergarchivars die lange Reihe an Amtsinhabern fortsetzte und sich der anspruchsvollen Aufgabe in Donaueschingen stellte. Diese Quellenarbeit wird seit vielen Jahren von Der neue Archivar ging mit Respekt an seine Persönlichkeiten wahrgenommen, deren Amts- archivische Lebensaufgabe, von der er – wie seine 212 Geschichte

 

 

 

Dr. Andreas Wilts leitete das Fürstlich Fürstenbergische Archiv von 1995 bis zum Jahr 2022. 213

 

 

 

Die Fürstenfamilie mit Dr. Andreas Wilts bei der Vorstellung des Buches „Max Egon II. zu Fürstenberg – Fürst, Soldat, Mä- zen“ vor einem Portrait des Fürsten Max Egon II. Von links: I. D. Erbprinzessin Jeannette zu Fürstenberg, S. D. Erbprinz Christian zu Fürstenberg, S. D. Fürst Heinrich zu Fürstenberg, I. D. Fürstin Massimiliana zu Fürstenberg und Dr. Andreas Wilts. Vorgänger – schon bei Dienstantritt wusste, dass er wichtige, vielleicht einmalige Bausteine für das Geschichtsbild würde beisteuern können, die Arbeit aber niemals final erledigt sein werde. Zu den außergewöhnlichen Projekten gehörte aber vor allem: Andreas Wilts war in der langen Ge- schichte des fürstenbergischen Archivwesens der erste Leiter, dessen Amtszeit mit den Anfängen, dann mit den stürmischen Weiterentwicklungen der Informationstechnologie einherging. Personal Computer der 1980er Jahre wurden während seiner ersten Dienstjahre allmählich in den Verwaltungsbe- trieb integriert, während die eigentliche Archivarbeit noch von Karteikarten oder Zettelkästen als Find- mittel gekennzeichnet war. Die Innovationszyklen der IT wurden immer kürzer, eine Hardware- und Softwaregeneration löste die andere ab, bevor sie von den Anwendern richtig beherrscht und ange- Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segens- reich erweisen wird. wandt werden konnte. Die 1990er-Jahre waren das Jahrzehnt des Internets und des World Wide Web, und es zeichnete sich ab, dass die weitere Dienstzeit von Andreas Wilts und seinen Mitarbeiter(innen) von neuen Herausforderungen, aber auch von riesigen Chancen geprägt sein würde. Insofern entsprach die- ser fundamentale Wandel aber der allgemeinen Ent- wicklung in Wirtschaft und Gesellschaft und bedürfte für ein Archiv nicht der besonderen Erwähnung. Und doch stößt dieser Wandel für ein Archiv die Tür zu einer völlig neuen Welt auf, die sich in vollem Gang 214 Geschichte

 

 

 

befindet und die über die Amtszeit von Andreas Wilts hinaus sich nicht nur als vorteilhaft, sondern geradezu als segensreich erweisen wird: Die Rede ist von der Digitalisierung von Archivalien. Während in Jahrhunderten der Nutzung von Gerichts- und Verwaltungsakten, Urkunden, Verträgen, Protokoll- und Rechnungsbüchern u.v.a.m. immer die Originale in Gebrauch waren, d.h. von den Archi varen den Nutzern zur Einsichtnahme vorgelegt wurden und diese im Laufe der Zeit oft beschädigt wurden oder gar verloren gingen, ist deren Digitalisierung nicht weniger als eine großartige Errungenschaft, ein Mei- lenstein. Im Archiv an einem speziellen Gerät das Digi- talisat lesen und den Inhalt auf einem USB-Stick mitnehmen zu können, ist schon technische Realität, wenn auch ein Großteil von Archivalien – so auch im Fürstenbergarchiv – für diesen Transformationspro- zess noch ansteht. Auch hierzu wird der nächste Ver- fahrensschritt schon längst praktiziert, nämlich – un- ter Verzicht auf den Archivbesuch – der Zugriff auf Archivbestände über das Internet und der Download auf einen externen Rechner. In diesem Spannungs- feld stand und steht das Fürstenbergarchiv an der Schwelle zum Übergang der Leitung auf den Nach- folger von Andreas Wilts. Bei seinem Amtsantritt im Jahr 1995 äußerte er angesichts einer im Benutzerraum ausgestellten „ganzen Galerie zierlich gerahmter Porträts mit ehrwürdigen Männerköpfen“ in einem „Südkurier“- Interview, er hoffe, dass eines Tages die Reihe der in Ehren gehaltenen Fürstenberg-Archivare mit seinem Porträt ergänzt werde. Damit hatte er sich hohe Ziele gesetzt und diese in den 27 Jahren seines Wirkens nie aus den Augen verloren. Aus gutem Grund und großer Dankbarkeit wird sein Porträt nun einen wür- digen Platz an der Stätte finden, wo er bleibende Spuren hinterlassen hat. Ein Archivar ist es gewohnt, in langen Zeiträumen zu denken. Möge Andreas Wilts diese Übung für seinen Ruhestand beibehalten. Nachfolge durch Dr. Jörg Martin Als Nachfolger ist Dr. Jörg Martin bestellt, der die lange Reihe fürstenbergischer Archivare fortsetzen wird. Der Historiker und gelernte Archivar brachte aus seinen früheren Aufgaben als Archivar in Blaubeuren, Schelklingen und Munderkingen sowie als Kreisarchivar des Alb-Donau-Kreises bereits umfangreiche fachliche Erfahrungen mit, bevor er in den Stadtarchiven der Städte Staufen im Breisgau und Bad Krozingen neue historische Räume erschlie- ßen und als Kulturreferent beste Voraussetzungen für seine vielfältigen Aufgaben in Donau eschingen sammeln konnte. Der neue Archivar Dr. Jörg Martin. Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen 215

 

 

 

Außenansicht des Museum Art.Plus mit Werken von Jürgen Knubben, Paul Schwer und David Nash. 216 6. Kapitel – Kunst und Kultur

 

 

 

Das Museum Art.Plus Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst von Ursula Köhler Seit 180 Jahren prägt das klassizistische Museums- gebäude in Donaueschingen den Ort am Ufer der Brigach1. Obwohl der zweigeschossige Bau im Verhältnis zu seiner Umgebung, am Übergang zum Landschaftspark und in der Sichtachse zum fürstenbergischen Schloss, eher klein dimensioniert ist, wirkt er markant. XXX 217

 

 

 

Ungefähr sieben Generationen haben das Museum in unter- schiedlichen Funktionen ken- nengelernt und seine jewei- ligen Umgestaltungen gesehen. Immer war es ein öffentlicher Ort. Vom Haus der Musen, in denen die bürgerliche Museums gesellschaft sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts traf, wandelte es sich zum Soldatenheim. Nach den Zerwürfnis- sen infolge des Ersten Weltkriegs und der Auflösung der Museumsgesellschaft wur- de es in städtischer Trägerschaft in den 1920er-Jahren zum Kurhaus umgestaltet und schließlich von 1937 an für fast sie- ben Jahrzehnte zum Kino. Gemessen an der gesamten Zeitspanne seines Beste- hens sind 13 Jahre, in denen das Museum Art.Plus in diesem geschichtsträchtigen Haus existiert, recht kurz. Doch lässt sich umso besser nachvollziehen, welche gesellschaftlichen Veränderungen sich bereits seit seiner Eröffnung im Sep- tember 20092 ereignet haben, sei es im technischen, wirtschaftlichen oder im kulturellen Bereich. Sanierung lässt ursprüngliche Atmosphäre wieder erahnen Wie sehr ein Gebäude seine Umgebung beeinflusst, lässt sich bei der Erinnerung an das funktionslos gewordene, verwit- ternde Lichtspiel-Haus nachvollziehen. Von dem ehemaligen selbstbewussten Anspruch einer gebildeten Bürgergruppe im Stadtraum durch repräsentative Architektur sichtbar zu sein, war zu Beginn des 21. Jahrhunderts wenig erkennbar geblieben. Das änderte sich mit der geplan- ten Nutzung des Hauses als Museum für zeitgenössische Kunst durch ein Sammlerpaar. Auf dem Höhepunkt der internationalen Neubauaktivitäten, um Privatsammlungen in eigenen Muse- en präsentieren zu können, wurde in Donaueschingen der Rückbezug auf ein 218 Das gemeinsame Credo von Auftraggebern und Architekten war, so vorsichtig wie möglich mit der alten Substanz umgehen. traditionelles Haus gewagt3. Die Sanie- rung durch die ortsansässigen Architek- ten gäbele&raufer hat dem Ort viel von seiner Strahlkraft und stadträumlichen Wirkung zurückgebracht und lässt die ur- sprüngliche Atmosphäre wieder erahnen. Das gemeinsame Credo von Auftrag- gebern und Architekten war, „so vorsich- tig wie möglich mit der alten Substanz umgehen.“4 Nun ist es ein kühnes Unter- fangen, zeitgenössische Kunst in einem traditionellen Gebäude ausstellen zu wol- len – selbst wenn es ‚schon immer Muse- um genannt wurde‘5 , denn es war unter gänzlich anderen Voraussetzungen er- richtet worden. Bei genauerem Hin sehen aber muteten manche Ansprüche einer Lesegesellschaft bereits wie aktuelle Mu- seumsanforderungen an. Dabei kann ein besonderer Reiz von dem scheinbaren Widerspruch ausgehen, zeitgenössische Werke explizit in einem nicht für sie ent- worfenen Raumkontext zu zeigen. Die Bauaufgabe Museum war noch nicht formuliert, als sich die Architekten in fürstenbergischen Diensten an die Arbeit machten. Bauinspektor Martin entwarf für den Neubau von 1841 die Grundstruktur des heutigen Baus, der von Baumeister Theodor Diebold nach einem Brand leicht modifiziert wieder- aufgebaut wurde. Deutlich ist an dem Gebäude von 1848 ablesbar, dass hier die im Schlossbau verankerte Galerie Modell stand. Viele der frühen eigenständigen Stefan Rohrer, Vespa, 2007. Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 219

 

 

 

Das „Museum“ als städtisches Kurhaus Ende der 1920er- Jahre. Museumsbauten, etwa die 1843 eröffnete Staatsgalerie in Stuttgart, weisen deshalb eine stark durchfensterte Fassade auf. Das entspricht nicht heutigen Standards der inzwischen höchst ausdifferenzierten Bauaufgabe. Keine fensterlose ‚Schachtel‘ Die fensterlose ‚Schachtel‘ wurde zum Ideal erhoben, da in ihr optimale Lichtverhältnisse erzeugt werden können. Eine Aussage darüber, was gute Räume für die Kunst sind, ist schwierig. Allerdings darf auch eine perfekte Architektur für die Kunst die Umgebung, in der sie steht, nicht außer Acht lassen.6 Für eine andere Museumsaufgabe am Anfang des 21. Jahrhunderts, nicht nur zu bilden, sondern auch zu unterhalten, bot das historische Gebäude mit Festsaal und Foyer bereits die besten Vorausset- zungen. So sah das neue Konzept vor, das Museum in dieser ursprünglichen Funk- tion aufleben zu lassen. Anhand der Bau- unterlagen im Fürstenbergischen Archiv konnte das Architektenpaar seinem An- spruch gerecht werden: „Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen.“7 Die tatsächlichen Qualitäten der durch viele Umnutzungen veränder- ten Innenräume kamen so wieder zum Vorschein. Als Hauptmerkmal hatten gäbele&raufer die Bausymmetrie identifi- ziert. Diese nutzten sie als verbindendes Element für den rückseitig situierten Erweiterungsbau aus Leichtbeton. Subti- ler sind die Verbindungen zwischen den traditionellen Materialien und modernem Baustoff. Die stimmige Gesamtwirkung erzeugt Details, die eine anhaltende ästhetische Kraft entfaltet. Das Haus erstrahlt auch deshalb wie- der in klassizistischer Würde, weil ein heller Fassaden anstrich, gepaart mit dem bewussten Verzicht auf Fensterläden den Baukörper wieder unverformt zum Vor- schein bringt. Dabei vereint das Gebäude in einem steten Wechsel alt und neu, offen und geschlossen, innen und außen, weiß und schwarz, Solitär und Ensemble, Kultur und Natur. Das Weiß hat auf die 220 Kunst und Kultur

 

 

 

Ein historisches Haus muss nach einem Umbau seine Einheit und architektonische Integrität beibehalten oder aber wieder gestärkt bekommen … Die Veränderungen sollen einen Bogen spannen vom Ursprung bis ins Heute. Unsere Maßnahmen sollen sich als Teil des Bogens einspannen. Außenhaut des Museums gefunden, um dort auf den Eindruck des ersten Entwurfs anzuspielen. Die dunkle Pflasterung im Bereich zwischen Schauseite und Brigach führt optisch und real zum rückwärtigen monolithischen Erweiterungskubus aus schwarz eingefärbtem Leichtbeton. Die- ses Wechselspiel von Anpassen und Kont- rast greift der Neubau auf. Historische Innenräume unterstützen die Kunst Während 13 Nutzungsjahren konnten genügend Erfahrungen gesammelt werden, die zeigen, dass sich der anspruchsvolle Weg, ein historisches Gebäude in ein, den aktuellen Anforde- rungen entsprechendes Ausstellungshaus zu konvertieren, gelohnt hat und die Lorbeeren des Deutschen Architekten- preises berechtigt waren. Als unterstützend für die Kunst haben sich die historischen Innenräu- me erwiesen, die in unterschiedlichen Ausstellungszusammenhängen für die Besucher*innen und Kunstwerke einen harmonischen Begegnungsraum erzeu- gen. Dabei gehören die Veränderungen im Tages- und Jahresverlauf, den die Lichtstrahlen als (Seh-)Erfahrung durch die Fenster schicken, zum beständigen Subtext. Als Nutzungsspur ist das Thema Zeit im ganzen Haus ebenso erfahrbar wie in etlichen Werken der Sammlung und Ausstellungen. Besonders sinnfällig tritt das Phänomen von Dauer und Ver- änderung in Jinmo Kangs Baumporträt hervor, das 2009 zur Museumseröffnung entstand und den Ausstellungsraum nach außen erweitert. Im Laufe der Jahre wuchs der frisch gepflanzte Kirschbaum über sein Abbild aus Edelstahl hinaus. Nicht zuletzt rhythmisieren zwei parallel gezeigte Wechselausstellungen mit unterschiedlichen Laufzeiten die Prä- sentationen. Das kleinere Format bietet experimentellen, partizipativen Kunstfor- men Raum und knüpft zudem mit jährli- chen Klanginstallationen während der Ta- ge Neuer Musik an die Aufführungspraxis aus der Anfangszeit des Festivals an. Breites Spektrum künstlerischer Projekte Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrge- nommen. Variantenreiche künstlerische Projekte, zu denen die Stadtgemein- schaft zur Mitgestaltung eingeladen ist, loten ihn aus. Beispielsweise bereitet Gabriela Oberkofler 2012 ein Festessen aus einer kollektiven Speisekammer zu, die die Donaueschinger*innen zuvor bestückt hatten. Bei diesem temporären Projekt löst sich dessen materielle Grundlage in einem Transformationspro- zess auf, um im immateriellen Bereich als Erinnerung aufgehoben zu sein und möglicherweise als Gemeinschaftserleb- nis nachhaltig zu wirken. Museum Art.Plus 221

 

 

 

Das heutige Museum Art.Plus wirkt und wird als identitätsstiftender Ort wahrgenommen. Ebenfalls um Individuum und Ge- meinschaft geht es zwei Fotografen 2014 und 2019, wenn sie Porträts vom Muse- umspublikum anfertigen. Wolf Hoelzle integriert die Donaueschinger Aufnah- men in sein Projekt Homo Universalis. Durch Überblendung aller Fotos entsteht schließlich ein allgemeintypisches Ge- sicht. Bei Robert Hak hingegen steht das individuelle Einzelgesicht im Fokus. Durch standardisierte Fotoausschnitte schließt er 100 zufällige Besucher im Kontext des Ausstellungsraums zu einer Gruppe zusammen. Museumsort und individuelle Erinnerung verknüpft Karolin Bräg in ihrer Text-Schrift-Installation von 2016 explizit. Eine extreme Form der künstlerischen Auseinandersetzung mit Ort und Zeit, mit Ausstellungsraum und Publikum, mit Gestaltungsmitteln und Formen beginnt im Juli 2019 vor dem Museum.8 Daniel Beerstecher bricht als eine le- bende Skulptur zu einem Langsamkeits- marathon von 60 Tagen auf, der höchste Selbstfokussierung erfordert. Schon anhand dieser wenigen Werk- und Ausstellungsbeispiele wird deutlich, dass Künstler*innen die gesellschaftli- chen Veränderungen im Bereich Indivi- duum, Gruppe und Öffentlichkeit früh registrierten und sichtbar machten. So unterschiedlich die Gestaltungsformen ausfallen, ihnen allen liegt ein weiter Kunstbegriff zugrunde, der in seiner Vielfalt immer noch im musealen Kontext erlebbar wird. Seit vielen Jahren drehen sich fachinterne Debatten um andere Ausstellungs- und Vermittlungsformate, um niedrigschwellige Zugänge zu Kultur- institutionen. Das Auto als Gegenstand in der zeitgenössischen Kunst Die unübersehbare allgemeine Faszination an Geschwindigkeit und am Auto mündet 2019 in eine Ausstellung, die in historischen Museumsräumen – aus einer deutlich langsameren, unmotorisierten Zeit – das Auto als Gegenstand in der zeitgenössi- schen Kunst und als Sammlerstück Rechts: Ausstellungs- situation, Raum 3 (Anbau). Links: Ausstellungssituation, Raum 2. 222 Kunst und Kultur

 

 

 

Museum Art.Plus 223

 

 

 

224 Kunst und Kultur

 

 

 

Links: Spiegelsaal des Museum Art.Plus mit Helios von Stefan Rohrer, 2013. präsentiert. Ausgebremst wurde die Ausstellung „Vollgas – Full Speed“ von der Pandemie, die das öffentliche Leben für lange Zeit zum Stillstand brachte und andere öffentlichkeitswirksame Kommu- nikationsformen nötig machte. Das Digitale wurde zum rettenden Vehikel und geriet an den Museen schneller als erwartet aus der Testphase zur Anwendung. Per Handy abrufbare Ausstellungsvideos und Audioguides ermöglichen geleitete Kunstrundgänge. Dieser weder orts- noch zeitgebundene Zugang generiert andere Erfahrung von Realität und Öffentlichkeit. Welche ge- sellschaftlichen Auswirkungen die von Covid ausgelöste Zäsur hat, ist noch nicht abzuschätzen. Vorerst lassen sich die Un- terschiede zwischen digital und analog, ihre jeweiligen Vor- und Nachteile bei einem Kunst-Spaziergang am Museums- weg oder im Museum Art.Plus in Donau- eschingen untersuchen. Ein interaktiver Audioguide liefert per QR-Code- Scan nützliche Informationen zur aktuellen Ausstellung. Mehr Informationen finden Sie unter www.museum-art-plus.com 1 Huth, Volkhard: Donaueschingen – Stadt am Ursprung der Donau. Ein Ort in seiner ge- schichtlichen Entwicklung, Sigmaringen 1989 / Nachdruck 1997. 2 Eröffnet wurde es noch unter dem Namen Mu- seum Biedermann und fünf Jahre später in Mu- seum Art.Plus umbenannt, um das Augenmerk auf die inhaltliche Ausrichtung von Kunst und kulturellen Begleitveranstaltungen zu lenken. 3 Als Beispiele seien in der näheren Umgebung genannt: die Fondation Beyeler in Riehen/ Basel, 1997 (Architekt Renzo Piano); Kunsthal- le Würth in Schwäbisch Hall, 2001 (Architekt Henning Larsen); Museum Frieder Burda in Baden-Baden, 2004 (Architekt Richard Meier); Museum Ritter in Waldenbuch, 2005 (Architekt Max Dudler); Kunstraum Grässlin in St. Georgen, 2006 (Architekt Lukas Baumewerd); Kunsthal- le Weishaupt in Ulm, 2007 (Architekturbüro Wolfram Wöhr) 4 Gäbele, Lukas und Raufer, Tanja: Museum Biedermann: der Umbau 2008-2009, hrsg. v. Biedermann Foundation u.a., Freiburg i.Br. 2009, vgl. a. S. 38. 5 „Museum wurde es immer schon genannt“ ist der Titel eines Kunstprojektes von Karolin Bräg, 2016, in dem die Künstlerin in 111 Zitaten von Donaueschinger*innen, deren Erinnerungen und Bindungen an das Haus sichtbar werden ließ. Ein erlebter Zeitraum von annähernd 90 Jahren Hausgeschichte konnte damit wieder in die Öffentlichkeit gebracht werden. 6 Die Relevanz von „Unterhaltung“ im positiven Sinn betont David Chipperfield in einem Inter- view anlässlich der Schlüsselübergabe seines Erweiterungsbaus für das Kunsthaus Zürich. Vgl. https://www.archithese.ch/ansichten/in-den- kontext-gesetzt.html, aufgerufen am 7.9.2022 7 Gäbele, Raufer, 2009, S.39. 8 Der Walk-in-Time war Daniel Beerstechers Beitrag zum Skulpturenprojekt Donaugalerie der Stadt Tuttlingen. Museum Art.Plus 225

 

 

 

7. Kapitel – Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen XXX Unterwegs mit Wolf Hockenjos

 

 

 

228 228 Freizeit

 

 

 

XXX Wenn in den Wutachflühen zigtausendfach der Märzenbecher blüht, finden sich alljährlich Hunderte von Wanderern ein. 229

 

 

 

Auf einem Parkplatz oberhalb der Wutachflühen beginnt die Rundwanderung durch die wild-romantischen aber nicht ungefährlichen Wutachflühen. Wer hier wandern geht, braucht einen sicheren Tritt.

 

 

 

Die Wutach, der letzte ungebändigte Wildfluss des Schwarzwalds, schuf mit seiner tief eingegrabenen Schlucht nicht nur ein touristisches Juwel, sondern auch ein aufgeklapptes Lehrbuch für Geologen. In rascher Folge lassen sich hier die Formationen der südwestdeutschen Schichtstufenlandschaft durchwandern: Vom kristallinen Grundgebirge des Schwarzwalds durch das Buntsandstein­ Deckgebirge und vor allem aber durch die Muschelkalk­Felsenwelt der mittleren Schlucht. Alles auf das Anschaulichste aufgeschlossen durch die enorme Erosionskraft des vor ca. 20.000 Jahren mit dem Ausklingen der letzten Eiszeit zum Hochrhein hin abgelenkten Flusses. Am abrupten Knick des Tals nach Süden hin wird noch heute erkennbar, wo die alte, gemächlich ostwärts fließende Feldbergdonau angezapft und abgeleitet worden ist. Mythen und Zauber der Wutachflühen 231

 

 

 

Oben: Der Scharlachrote Kelchbecherling erscheint nach der Schneeschmelze. Mitte: Die Mühlsteine der Moggerenmühle. Unten: Die Hirschzunge ist nur in den Flühen zu finden. Ab Achdorf nimmt das dank weicher, rutsch- gefährdeter Gesteinsschichten geweitete und landwirtschaftlich genutzte Tal plötzlich Schluchtcharakter an: die Wutachflühen tun sich auf (von alemannisch Fluh = Felsen). Sie erreicht man am besten über das achterbahnartig nach Fützen füh- rende, sehr schmale „Wellblechsträßle“ (siehe Skizze, 1). An dessen Scheitelpunkt dient ein beliebter Wan- derparkplatz als Start und Ziel für eine 2,5 stündigen Rundwanderung: Zu Fuß geht es zunächst 350 Meter auf dem steil abfallenden Sträßchen retour, markiert mit dem gelben Rhombus des Schwarzwaldvereins, bis ein durch Holz erntemaßnahmen zunächst ziem- lich ramponierter Erdweg (am Markierungspunkt „Am unteren Flühen weg“) nach links abzweigt. Diesem folgend, geht es flussabwärts knapp über der rauschenden Wutach dahin, vorbei an den Mühl- steinen der 1891 durch ein Hochwasser zerstörten Moggerenmühle (2). Bisweilen verengt sich der Weg durch Hangschutt und Geröll zum Fußpfad, der jedoch gut zu begehen ist. Zur Linken blickt man den bewaldeten Steilhang hinauf zu den gewaltigen, aus Muschelkalk beste- henden Felsgalerien, in denen die Dohlen lärmen und auch Wanderfalken wie Uhus horsten. Im zei- tigen Frühjahr lockt im Schluchtwald unter Linden, Ahornbäumen, Eschen und Tannen die Märzen- becherblüte (3), ein Muss für jeden wintersatten Baarbewohner! Allenfalls ausgangs der Gauchach- schlucht oder auf dem Wartenberg lassen sich ähnli- che Frühlingsgefühle erwandern, wenn auch längst nicht in vergleichbarer Fülle. Als floristische Ganzjahresbesonderheit ist die seltene Hirschzunge (Bild rechts unten) zu entde- cken, ein zungenförmiges Farngewächs, das sonst weder die obere, noch die mittlere Schlucht zu bieten hat. Als weitere Rarität der Flühen gilt der Scharlachrote Kelchbecherling, ein nach der Schnee- schmelze in Erscheinung tretender Pilz feuchter, 232 Freizeit

 

 

 

 „Wellblechsträßle“ Richtung Achdorf 2 Mühlräder der Moggerenmühle Steinstrand an der Wutach 3 Märzenbecherblüte START/ZIEL: WANDERPARKPLATZ P Aussichtspunkt  Sackpfeifendobel Richtung Fützen Aussichtspunkt 9 Sturzdobel Wasserfall BLUMEGG 8 Lunzifelsen 7 Mannheimer Felsen 6 Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ 5 Schautafeln 4 Viadukt der Sauschwänzlebahn KURZBESCHREIBUNG Strecke: ca. 6,5 Kilometer, Rundtour Dauer: ca. 2,5 Stunden Pausen: Vesperpause am Viadukt der Sauschwänzlebahn; spätere Einkehr in der Scheffellinde in Achdorf möglich. Höchster Punkt: 622 Meter über NN Tiefster Punkt: 518 Meter über NN Anforderung: mittelschwere Tour; Trittsicherheit; gutes Schuhwerk Aussichtsreiche Rundtour mit vielen botanischen und geologischen Höhepunkten. Mythen und Zauber der Wutachflühen 233

 

 

 

felsiger und moosreicher Kalkböden der Schlucht- wälder. Erst bei der überraschend auftauchenden Brücke (4) der strategischen Bahn, der „Sauschwänzlebahn“, verlassen wir den Erdweg und wenden uns nach dem Studium der Schautafeln (5) zum Bau der Bahn scharf nach links, um nun den schmalen, mitunter sogar recht ausgesetzten und Trittsicherheit erfor- dernden Felsenpfad einzuschlagen, auf dem auch die beiden Fernwanderwege verlaufen: Der Ostweg des Schwarzwaldvereins (von Pforzheim nach Schaff- hausen) und der Schluchtensteig (von Stühlingen nach Wehr). Der Felsenpfad führt auch zurück zum Ausgangspunkt der Wanderung – nicht ohne Warn- hinweis des Schwarzwaldvereins an die Adresse von allzu ungeübten Halbschuhtouristen. Das Fabelwesen „Wächter der Wutachflühen“ Nach etwa zehn Fußminuten, erst durch eine vom Nadelholz geräumte Kahlfläche, auf der im Frühjahr Seidelbast und Leberblümchen blühen, dann durch den blocküberlagerten, zunehmend urwüchsigen Schluchtwald, entdecken wir ihn endlich – fast hät- ten wir ihn übersehen: den „Wächter der Wutachflü- hen“, wie das aus einem Muschelkalkblock heraus gemeißelte Fabelwesen (6) in den Wanderführern angepriesen wird, das knapp einen Meter hohes Un- tier mit Hufen, Höckerbeulen über dem Rücken und einem furchteinflößenden löwenartigen Schädel mit vorspringendem Riecher. Wer mag bloß der Erschaf- fer dieser rätselhaften Skulptur gewesen sein, und zu welchem Zweck mag er sich hier, so weit abseits der Zivilisation, als Steinmetz verewigt haben? War es ein Witzbold, der Wanderern einen Schrecken einja- gen wollte? Viele haben sich schon an der Deutung der Figur versucht, nicht zuletzt der im Ruhestand befindliche Bonndorfer Lehrer Emil Kümmerle in seinem Buch „Sagen und Geschichten aus dem Raum Bonndorf – Stühlingen – Wutach“. Ihm zufolge soll der Urheber ein Bildhauer aus Spanien oder Italien gewesen sein, der als Gastarbeiter in Blumberg gelebt und sich in ein Fützener Mädchen verliebt habe, das oftmals die Flühen zu durchstreifen pflegte. Doch habe es keinerlei Interesse an seinem Anbeter gezeigt. Woraufhin der verschmähte Liebhaber die Tierplastik geschaffen und dem Mädchen sodann erklärt habe: „Immer wenn Du durch die Flühen gehst, wirst Du an mich denken.“ Soweit also der romantische Erklä- rungsversuch. Oder sollte der Steinmetz doch eher einer jener Spezialisten gewesen sein, wie man sie zur Bewäl- tigung aufwändiger Felsarbeiten vorzugsweise aus dem italienischen Piemont ins Land geholt hat? Beim Bau der Sauschwänzlebahn mit ihren Tunneln, Viele Rätsel gibt in den Wutachflühen die Steinskulptur „Wächter der Wutachflühen“ auf. Und lädt damit zu allerhand Spekulationen förmlich ein. 234 Freizeit

 

 

 

Das Wutach-Viadukt der 1890 eröffneten Sauschwänzlebahn. Die 107,5 Meter lange und 28 Meter hohe Wutachbrücke liegt in einem Gebiet, das wegen geologischer bedingter Rutschungen den Bauingenieuren viele Sorgen bereitete. 235

 

 

 

In der Blumberger Chronik wird die Skulptur heimweh – kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Sau- schwänzle bahn beschäftigt waren. Kehren und Brücken in den Jahren 1887 bis 1890 war derlei Spezialistentum zweifellos gefragt. Werk des Tierarztes Sylvester Dillmann? Freilich gibt es auch noch eine ganz andere Lesart, über die der SÜDKURIER am 11. Mai 2010 berichtet hat: In einem Steinbruch im Gewann Fohloch unweit von Epfenhofen waren an etlichen Steinblöcken ebenfalls höchst seltsame Steinmetzarbeiten ent- deckt worden. Es handelt sich um halb reliefartige Darstellungen u. a. einer Christusfigur, einer Frau mit Löwenkopf, eines Rehs, eines Löwen kopfs sowie die Figur des Sehers aus der Minnelyrik des Walther von der Vogelweide. Auch sie wurden in der Bevölkerung wie auch in der Blumberger Stadtchronik heimweh- kranken italienischen Gastarbeitern zugeschrieben, die beim Bau der Bahnlinie beschäftigt waren. Doch anlässlich einer VHS-Wanderung habe der Verfasser der Epfenhofener Ortsgeschichte, Edwin Fluck, sich dafür verbürgt, dass die in Kalkstein gemeißelten Darstellungen vom Donaueschinger Tierarzt Sylvester Dillmann (1934 – 2010) stammen. Dessen Vater war in Epfenhofen Zollbeamter, der- weil der Sohn täglich mit der Bahn ins Waldshuter Oben: Eine nach Knoblauch duftende Bärlauchwiese. Mitte: Der sagenumwobene Lunzifelsen. Unten: Kleinod in den Felsen, eine „Mariengrotte“. 236 Freizeit

 

 

 

Der Felsenpfad in den Wutachflühen kann teils nur von geübten Wanderern begangen werden. Gymnasium zu gondeln hatte, wo ihn der Deutsch-, Geschichts- und Kunstunterricht bei seinem Hobby inspiriert haben könnten. Mag also durchaus sein, dass er die Bahnfahrt bisweilen an der Haltstation Wutachbrücke unterbrach, um statt des staubtrocke- nen Mathematikunterrichts an seinem Fabelwesen zu meißeln. Der „Wächter der Wutachflühen“ – wo- möglich ein Schülerstreich? Der Tierarzt kann leider nicht mehr dazu befragt werden: Kurz nachdem er sich Edwin Fluck im Epfenhofener Steinbruch offen- bart hatte, ist er verstorben. Entlang des Felsenpfades Genug der Rätsel um das steinerne Fabelwesen, konzentrieren wir uns jetzt voll und ganz auf den Pfad, der sich in geschlängeltem Auf und Ab durch den Steilhang zieht, zur Rechten überragt von den Flühenwänden, aus denen sich immer wieder einmal Felsmassen gelöst haben. Darunter der „Mannhei- mer Felsen“ (7), wie einer Tafel zu entnehmen ist. Mit ihr wird einer Geldspende von Mannheimer Wanderfreunden gedacht, die damit 1908 die Einheimischen beim Bau eines Stegs über die Wutach unterstützt haben. Die Felsblöcke haben da und dort zu Verebnungen geführt, auf denen im fort- geschrittenen Frühjahr der nach Knoblauch duftende Bärlauch blüht. Noch immer nicht herabgestürzt ist die bizarre Nadel des sagenumwobenen „Lunzifelsens“ (8), der freilich nur im laublosen Winterzustand der Vegeta- tion hoch über dem Pfad zu entdecken ist. Gruselig sind alle Versionen der Sage, die sich hier zugetragen haben soll: Mal ist es die schöne Mechthild, Braut des Freibauern Lunzi vom nahen Thalerhof, die sich, verfolgt vom Blumberger Burgvogt, vom Fels herab- gestürzt haben soll. Für zarter Besaitete hat Emil Kümmerle aber auch noch eine „Openend-Variante“ Mythen und Zauber der Wutachflühen 237

 

 

 

parat: Diesmal ist es Guntrud, die Braut des Freibau- ern Gero vom Lunzihof, die sich mit ihrem Liebsten vor dem zudringlichen und rachsüchtigen Blumegger Vogt, dem verhassten Dienstmann des Fürstabts von St. Blasien, in den Flühen verstecken muss, nachdem es zuvor zu einer tätlichen Auseinandersetzung mit ihm gekommen war. Hier stürzt sich nicht die Braut in die Tiefe, es sind vielmehr die beiden miteinander „auf schmalem Tannenstamm überm Abgrund“ um sie Ringenden, Gero und der Vogt – während Guntrud nie mehr gesehen ward. Dann rücken die Felswände näher heran, an denen sich schwindelanfällige Wanderer entlang zu tasten pflegen, und es geht hinein in den „Sturzdobel“ (9) mit seinem über einen Kalktuffbart herab plätschernden Mini-Wasserfall. Schließlich teilt sich der Pfad, und wir nehmen den rechten, der zum Parkplatz hinauf markiert ist (0,5 km): Erst einem steilen Zickzackpfad folgend, dann um den jäh in die Tiefe stürzenden „Sackpfeiferdobel“ (10) herum, geht es schließlich über zwei mit Geländer versehe- ne Felskanzeln mit Tiefblick auf die Wutach hinab. Nach Verlassen des Waldes steht man dann urplötz- lich wieder vor seinem am Wanderparkplatz abge- stellten Wagen. Wen drängt es jetzt nicht zu einem zünftigen Vesper, doch hierzu gilt es erst noch einmal das abenteuerliche Wellblechsträßle zu bewältigen – es geht nach Achdorf in die Scheffellinde. Pläne zur Elektrizitätsgewinnung in den 50er-Jahren Nachzutragen ist: Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Natur- schutzgebiet, während obere und mittlere Schlucht samt Gauchach bereits 1939 unter Schutz gestellt worden waren. Um sie hatte es in den 1950er-Jahren ein heftiges Ringen gegeben, nachdem die Schluch- seewerk AG zwischen Haslach- und Rötenbachein- mündung eine 62 Meter hohe Staumauer errichten wollte, um das Wasser der Wutach zur Elektrizitäts- gewinnung in das Hotzenwald-Speichersystem abzuleiten. „Hände weg von der Wutachschlucht!“, wehrte sich eine erste deutsche Bürgerinitiative dagegen. „Ein nationaler Notstand zwingt nicht dazu, das Naturschutzgebiet zu opfern“, so ihr Appell. Denn was wäre das Erlebnis der Schlucht Die Wutachflühen mit ihren Felswänden und -dobeln, mit ihren floristischen und zoologischen Kostbarkeiten sind seit 1979 Naturschutzgebiet. ohne Wasser! Naturschutzgebiete können, wie man sieht, wachsame (wenn auch nicht unbedingt steinerne) Wächter besonders gut gebrauchen: Noch 1971 signalisierte das Schluchseewerk sein nach wie vor bestehendes Interesse an der Wutachableitung. Sollten die Pläne unterm Vorzeichen des Klimawan- dels und des Ukrainekriegs nun wieder aus den Schubladen hervorgeholt werden? Bergwacht bringt im Notfall rasche Hilfe Als „Wächter“ über die Wutachschlucht fungiert indessen auch unübersehbar die Bergwacht, die sie auf Hinweisschildern in Sektoren samt Notrufnum- mer 112 aufgeteilt hat, um bei Unglücksfällen rascher Hilfe leisten zu können. Zuletzt am 9. Februar 2022 wurde sie zur Bergung eines tödlich verunglück- ten Wanderers in die Wutachflühen gerufen. Der Besucherandrang in diesem touristischen Hotspot fordert leider immer wieder seinen Tribut, weshalb von der Begehung im Winter – wie auch zur Zeit der Schneeschmelze und bei Nässe – von Wutach- Ranger Martin Schwenninger dringend abgeraten wird. Das Kalkgestein kann allemal sehr glitschig werden, von umgestürzten Bäumen, gar von Felsstürzen und Rutschungen, einmal ganz abgesehen. Zur Märzen- becherblüte verzichte man im Zweifel besser auf die Benutzung des Felspfads – wie dann halt auch auf eine Stippvisite beim steinernen „Wächter der Wutach flühen“. Rechts oben: Der „Sturzdobel“ mit seinem Mini- Wasserfall. Rechts unten: Blick von einer Felskanzel auf die Wutach hinab. 238 Freizeit

 

 

 

Mythen und Zauber der Wutachflühen 239

 

 

 

Schroffe Felsen, sanfte Höhen Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf von Gerhard Dilger 240 Freizeit

 

 

 

Die rund 14 Kilometer lange Tour im nördlichen Kreisgebiet startet am Wanderparkplatz „Dieterle- bauernhöhe“ in Triberg-Gremmelsbach. Sie ist vom Charakter her zweigeteilt: Bewegt man sich in der ersten Hälfte auf Gremmelsbacher Gemarkung im schroffen Felsengebiet des oberen Gutachtales, so ist der zweite Teil der Wanderung eine eher ebene Angelegenheit ohne allzu große Höhenunterschiede. Eine Wanderkarte wie die des Schwarzwaldvereins (Blatt W 248) leistet gute Dienste. Schon die Anfahrt auf der schmalen, nicht sehr stark befahrenen Straße durch den Leutschenbach lässt die landschaftliche Schönheit erahnen, die die Wanderer erwartet. Auf dem Parkplatz gibt es immer genügend Platz, und so startet man entspannt in westliche Richtung, durchquert ein lichtes Waldstück und gelangt bald an den ersten Aussichtspunkt. Was es damit auf sich hat, erklärt eine Info tafel zum Historischen Pfad Gremmelsbach, initiiert vom Hei- matverein. Diesen Informationstafeln begegnet der Wanderer noch öfters. An diesem Punkt jedenfalls ist trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern an kla- ren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszu- machen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Nicht umsonst versammeln sich hier jedes Jahr am französischen Nationalfei- ertag (14. Juli) zahlreiche Menschen, um aus großer Distanz das Feuerwerk zu beobachten. Trotz der Entfernung von rund 60 Kilometern ist an klaren Tagen der Turm des Straßburger Münsters auszumachen, ein schönes Schauspiel insbesondere nachts durch die Beleuchtung. Weg zum Rappenfelsen mit 800 Metern, die Alter- native führt über die Gersbacher Höhe etwas weiter (1,8 km) ebenfalls zum Rappenfelsen. Diese Variante ist die empfehlenswertere, weil sie mehr Aussicht bietet. Also halblinks in den Wald hinein und leicht bergauf. Nach etwa 200 Metern tauchen noch im Wald rechts des Weges auffällige Hügel auf, die vom Landesdenkmalamt als Hügelgräber aus der Bronze- zeit (1200 bis 800 vor Christus) eingeordnet werden. Wenig später öffnet sich auf der Gersbacher Höhe der Blick nach Südwesten und Westen, und eine ungewohnte Aussicht auf Triberg bietet sich. Eine Wenig später bietet der Wegweiser des Schwarz- waldvereins zwei Möglichkeiten an: Einen kürzeren Gleich zu Beginn der Wanderung bietet sich dieser Blick auf Althornberg und die Höhen nördlich des Kinzigtals. 242 242 Freizeit

 

 

 

aus ist erstmals Hornberg mit seiner Burg auszu- machen, wenn auch die Bäume den Aussichtspunkt mittlerweile stellenweise überragen. Blick auf die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn Das ist auf dem im weiteren Wegverlauf bald erreich- ten Oberen Schlossfelsen anders: Nach dem Bestei- gen des steilen Felsens öffnet sich ein ungehinderter Blick, der senkrechte Absturz ins Gutachtal ist durch ein Geländer gesichert. Dennoch ist ein wenig Vor- sicht angebracht, gerade für nicht schwindelfreie Personen. Für Eisenbahnfreunde bietet sich hier die Möglichkeit, die kunstvolle Streckenführung der Schwarzwaldbahn zu verfolgen: Gleich an mehreren Stellen ist die von Robert Gerwig ersonnene Tras- se zu erspähen, es lohnt also, in den Fahrplan der Schwarzwaldbahn zu schauen, wenn man die Eisen- bahn auf ihrer Fahrt verfolgen will. Nach dem Abstieg geht es weiter zum Unteren Schlossfelsen, der über einen steilen, gesicherten Steig ebenfalls gut zu erreichen ist. An dieser Stelle stößt man nun auf menschliche Spuren: Im Mittel- alter stand hier die Burg der Herren von Hornberg, „Althornberg“ genannt. Ein in den Fels gehauener Der Aufstieg zum Rappenfelsen ist einfach zu bewältigen und gut gesichert. Auch Hügelgräber aus der Bronzezeit tauchen auf dem Weg zum Rappenfelsen im Wald auf. Sitzgruppe steht für eine erste Rast bereit, unterhalb findet sich ein großer, rundlicher Felsblock aus Tri- berger Granit, der ein Kruzifix trägt. Weiter geht der Weg rechts in den Wald hinein und führt sanft ab- wärts, vorbei an einem ersten, schön gelegenen Aus- sichtsfelsen, der einen Blick hinab ins Tal und auf die Höhen um Schonach ermöglicht. Nach einem kleinen Anstieg erreicht man bald mit dem Rappenfelsen einen ersten Höhepunkt. Der Felsen ist dank der im Jahre 2011 erneuerten Aufstiegshilfen mit Stufen und Geländer leicht zu erklettern. Von seinem Rücken 243

 

 

 

Schacht wurde erst vor relativ kurzer Zeit von dem Gremmelsbacher Heimatforscher Karl Volk als Trink- wasserzisterne der einstigen Burg identifiziert. Recht abenteuerlich geht es vom Wanderheim „Linden- büble“ aus durch einen Hohlweg aus Sandstein hinauf zur Brunnholzer Höhe. Von „Alt hornberg“ Richtung Windkapf Die Route führt nun weiter zu einem einsam gele- genen, idyllischen Weiler, der bis heute den Namen „Alt hornberg“ trägt. Ab hier steigt der Weg abermals an, um nach etwa einem Kilometer wieder die Höhe mit dem Parkplatz zu erreichen. Hier kann man nun wählen: Wem diese kleine, aber spannende Runde über die Felsen genügt, kann wieder den Heimweg antreten und eventuell in Hornberg oder Triberg einkehren. Wer aber auch den zweiten Teil der Wanderung noch unter die Wanderschuhe nehmen will, wendet sich ostwärts und folgt dem Wegwei- ser Richtung Windkapf. Sanft ansteigend geht es zur Obersteighöhe auf 853 Meter Meereshöhe und weiter zum Wegweiser Birkenbühl. An dieser Stelle hält man sich rechts Richtung Holops, wo es kurz vor dem Erreichen des Wanderheims „Lindenbüble“ des St. Georgener Schwarzwaldvereins links in den Wald geht. Bevor man hier eine geschichtlich interessan- te Passage erreicht, den Hohlweg zur Brunnholzer Höhe, bietet sich zumindest sonn- und feiertags ein Abstecher zum besagten „Lindenbüble“ an. In der Sommersaison, die von 1. Mai bis 31. Oktober dauert, freuen sich die ehrenamtlichen Helfer des Vereins zwischen 10 und 18 Uhr auf Tagesgäste. Zurück auf unserem Wanderweg geht es recht abenteuerlich durch einen Hohlweg aus Sandstein, einst Teil der alten „Hochstraße“, hinauf zur Brunn- holzer Höhe. Dieser Weg gilt Heimatforschern als be- reits in vorrömischer Epoche begangene Verbindung zum Windkapf. Aus späterer Zeit findet man auf dem Sandsteinboden noch Radspuren von Fuhrwerken, die wohl bereits im Mittelalter unterwegs waren. Zum Teil bewegt man sich auf weichem Sand, teils besteht der Weg auch aus Sandsteinplatten. Bis zu sechs Metern Tiefe hat die Erosion durch das bei starken Regenfällen durch die Rinne fließende Was- ser den Hohlweg eingeschnitten. Wenn man schließlich die Höhe erreicht hat, ist man erstmals im Grenzgebiet zwischen Schwarz- wald-Baar-Kreis auf Tennenbronner Gemarkung und damit im Kreis Rottweil unterwegs. Die Brunnholzer 244 Freizeit

 

 

 

Höhe ist auch die höchste Erhebung im Landkreis Rottweil. Mit 944 Metern ist hier gleichzeitig der höchste Punkt der Wanderung geschafft. Nach etwa einem Kilometer erreicht man das Gasthaus „Deut- scher Jäger“ am Windkapf, das wiederum einige Meter jenseits der Grenze zum Ortenaukreis liegt. Wie der Wirt Martin Staiger zu berichten weiß, ging einst die Kreisgrenze genau durch das Gasthaus, wurde vor Jahrzehnten jedoch verlegt. „Das wäre bei der heutigen Bürokratie wohl kaum noch so einfach möglich“, schmunzelt der Wirt, der seine Gäste mit gutbürgerlicher Küche versorgt. Im Biergarten sitzt man gut beschattet unter Kastanien. Für durstige Wanderer steht sogar an den Ruhetagen (derzeit Mittwoch und Donnerstag) ein Getränkeautomat bereit, und wer mit dem E-Bike un- terwegs ist, kann hier nicht nur den eigenen „Akku“ wieder aufladen, sondern auch den des Fahrrads. Die Runde schließt sich Nach der Stärkung geht man ein kurzes Stück auf der Hochstraße zurück und hält sich beim Wegwei- ser „Hohe Straße“ rechts Richtung Birkenbühl. Links und rechts sind immer wieder Steinwälle zu sehen, oder was noch von ihnen übrig ist. Manche Heimat- forscher halten sie für Überbleibsel aus keltischer Zeit. Keine ganz abwegige Vermutung, waren doch die Hochstraße und die weiteren Wege über den Windkapf uralte Verbindungen zwischen Ortenau, Baar und Schwarzwald. Auffällig im Waldaufbau sind die zahlreichen Kiefern, sie scheinen sich auf dem Sandsteinboden recht wohlzufühlen. Am Wegweiser Birkenbühl schließt sich die Runde wieder, von hier erreicht man auf demselben Weg wie beim Hinweg nach kurzer Zeit wieder den Parkplatz „Dieterle- bauernhöhe“. Der Blick schweift weit über die Höhen der Grem- melsbacher Gemarkung bis zum Rohrhardsberg, in Richtung Norden sind die Höhen um den Branden- kopf auszumachen. Kurz vor Erreichen des Parkplat- zes biegt rechts der Weg ab in Richtung Philippsruhe und Hornberg, was auch eine reizvolle Wanderung wäre. Doch für dieses Mal mag es genug sein; wer bisher keine der Einkehrmöglichkeiten genutzt hat, kann natürlich nach den rund 14 Kilometern Wande- rung in den umliegenden Orten Hornberg, Triberg oder auch St. Georgen die Gastronomie nutzen. Von oben: Auf der Obersteighöhe, 853 Meter hoch gelegen. Im Gasthaus „Deutscher Jäger“ kann man zur Hälfte der Wanderung eine Rast einlegen, bevor es über die „Hochstraße“ wieder zurück zum Ausgangspunkt nach Gremmelsbach geht. Schroffe Felsen, sanfte Höhen 245

 

 

 

Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald Die Bergwacht Furtwangen wurde 1924 zum Schutz der Natur gegründet von Gerhard Dilger Die 1924 gegründete Bergwacht Furtwangen wird mehr gebraucht denn je: 50 bis 60 Einsätze der Ehrenamtlichen im Jahr sind die Regel. Darunter auch Großeinsätze wie im Juni 2022 in Schonachbach: An der Schwarzwaldbahn geriet eine Böschung in Brand. Durch die Trockenheit war die Gefahr eines flächenübergreifenden Brandes sehr hoch und eine große Zahl von Helfern bemühte sich erfolgreich um die Eindämmung. Mittendrin: die Ortsgruppe Furtwan- gen der Bergwacht. In dem unwegsamen, steilen Gelände brachten die Bergretter eine Seilsicherung an. Darüber hinaus war das äußerst geländegängige, sechsrädrige „ATV“- Fahrzeug (All Terrain Vehicle) der Furtwanger für die anderen Hilfsorgani sa tionen im Einsatz (siehe Foto). 246 8. Kapitel – Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Bergwacht Furtwangen

 

 

 

Im Sommer 2022 beging die Bergwacht Schwarz- wald den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Nur unwesentlich jünger ist die Ortsgruppe Furtwan- gen: Bereits im Jahre 1924 fanden sich auf Anregung von Adolf Hochweber in Furtwangen sechs an der Natur interessierte Menschen aus den Reihen des Schwarzwaldvereins, Skiclubs und den Naturfreun- den zusammen, um eine Bergwacht zu gründen. Doch zunächst standen nicht wie heute die Rettung von Personen und technische Hilfeleistungen im Vordergrund, es ging den Initiatoren vor allem um den Naturschutz. Die Ortsgruppe richtete dazu einen Bergwachtdienst ein, der im Großraum Furtwangen jedes Wochenende im Einsatz war, um die Besucher des Brend und anderer Gebiete zu einem achtsamen Umgang mit der Natur anzuleiten. Doch naturgemäß waren die Helfer durch ihre ständige Präsenz bald auch als Retter für verun- glückte Wanderer und Skiläufer gefragt. In den 1920er-Jahren gab es immer mehr Menschen, die in ihrer zunehmenden Freizeit Erholung in der Natur suchten. Insbesondere der Skisport entwickelte sich zur Massenbewegung, zwangsläufig stieg die Zahl der Unfälle der meist nicht mit den Gefahren des Winters vertrauten Touristen. Und so verlagerte sich die Tätigkeit der Bergwacht immer mehr in Rich- tung Rettung und Hilfeleistung. In Gasthäusern wie der „Fuchsfalle“ oder dem „Lachenhäusle“ wurden Unfallmeldestellen eingerichtet, und die erste proviso- rische Rettungswache fand ihren Platz im Brendturm. Eine erste Hütte löst den eiskalten Brendturm als Einsatzzentrale ab Doch bald war der Raum nicht nur zu klein, sondern im Winter einfach zu kalt. Der damalige Brendwirt erlaubte den Bergrettern 1936, eine Unterkunfts- hütte auf seinem Gelände zu bauen, sie diente bis zum Zweiten Weltkrieg als Quartier. 1936 trat der legendäre Furtwanger Landarzt Dr. Fritz Guttenberg in die Ortsgruppe ein und organisierte fortan für viele Jahre die Sanitätsausbildung. Seiner Popu- larität war es zu verdanken, dass die Ortsgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg regen Zulauf erhielt. Jahrelang war Guttenberg auch Landesarzt der Bergwacht Schwarzwald. Die Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg initiierten 1948 Fritz Gfell, Dr. Guttenberg und Hermann Wehrle. Die Tätigkeit der Berg- wacht verlagert sich ab den 1920er-Jahren immer mehr in Richtung Rettung und Hilfeleistung – insbesondere der Skisport entwickelt sich mehr und mehr zur Massenbewegung. 1953 bauten die Bergwachtmitglieder auf dem Brend die bis heute existierende „Reckholder-Hüt- te“. In der Gegenwart ist die Hütte vor allem für die Pflege der Kameradschaft beliebt, ihre bisherige Auf- gabe als zentrale Rettungswache wurde ab 1988 von der neu erbauten Rettungswache auf der Neueck übernommen. Es hatte sich gezeigt, dass die Orga- nisation mit mehreren Rettungswachen, die über das große Einsatzgebiet verteilt sind, nicht optimal war. In den meisten Fällen können Verunglückte von der Zentrale an der B 500 in Neukirch aus schneller erreicht werden. Die Zentrale der Furtwanger Bergwacht an der B 500 in Furtwangen-Neukirch. 248 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

In den Anfangsjahren verrichtete die Furtwanger Bergwacht ihren Rettungsdienst im 1905 erstellten Brendturm – auch den Winter über ohne Heizung. Der Wintersport blühte in den 1920er-/1930er-Jahren und so kam als neue Hauptauf- gabe der Bergwacht die Rettung von Verletzten hinzu. Unten: Skiabfahrt am unbewaldeten Abhang des Brend. Blick ins Simons wälder Tal und zum Kandel. Bergwacht Furtwangen 249

 

 

 

Stand der Ortsgruppe beigetragen. Für seinen Einsatz wurde er 2019 durch den baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Fundierte Ausbildung für die Einsätze Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören der- zeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten noch 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Diese gestaltet sich sehr aufwen- dig. „Aber die umfangreiche Ausbildung ist erfor- derlich“, so Janik Probst. Die Einsätze sind geregelt im Rettungsdienstgesetz, die Arbeit beschränkt sich nicht nur auf Bergungen aus unweg samen Gelände, eine wichtige Aufgabe ist auch die medizinische Versorgung in Notfällen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt. Oft sind die Bergretter die Ersten am Einsatzort, die richtige Erstversorgung ist bei solchen Einsätzen extrem wichtig. Und da wundert es nicht, dass die medizinische Ausbildung einen hohen Stellenwert einnimmt. „Neben medizinischen Kenntnissen ist es natürlich entscheidend für eine gute Arbeit, dass auch die technischen Abläufe sitzen“, unterstreicht Marcel Rathmann. Unter Stress im echten Notfalleinsatz müssen die immer wieder geübten Arbeiten gewis- sermaßen „blind“ funktionieren. Dazu trainieren die Bergretter jede Woche und arbeiten auch die Theorie bei Dienst abenden auf. Davor steht aber als Voraussetzung eine umfangreiche Ausbildung, damit man sich als „fertige“ Bergretterin oder Bergretter bezeichnen darf. Nicht zuletzt ist das auch wichtig für einen guten Zusammenhalt, denn der hohen Ver- antwortung wird man nur gerecht, wenn man neben Zur Gruppe der Furtwanger Bergretter gehören derzeit 15 ausgebildete Aktive, daneben warten 15 Anwärter auf ihren Einsatz, wenn ihre Ausbildung abgeschlossen ist. Der Bergwacht-Vorsitzende Rainer Probst wurde 2019 für seinen Einsatz von Innenminister Thomas Strobl mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. „Jugendarbeit ist Voraussetzung für das Weiterbestehen“ Wie sieht nun die Arbeit der Ortsgruppe in der Ge- genwart aus? Bei einem Gespräch mit Mitgliedern der Vorstandschaft gibt Janik Probst, der Schriftfüh- rer des Vereins, einen Überblick: „Unsere Arbeit ruht auf vier Säulen: Kata stro phenschutz, Rettungsdienst, Naturschutz und Jugend arbeit“, fasst er die zentralen Aufgaben zusammen. Und die Vorstandschaft er- gänzt: „Die Jugendarbeit ist elementarer Bestandteil der Zukunft unserer Ortsgruppe sowie der Sicherung unserer Einsatzbereitschaft. Wir sind darauf ange- wiesen, dass sich junge Menschen für unsere Arbeit begeistern und sich bei uns engagieren. Nur so kann gewährleistet werden, dass wir auch weiterhin eine starke und einsatzbereite Ortsgruppe sind, welche den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landkreises in der Not helfen kann. Die Jugend von heute ist die Zukunft von morgen.“ Hier ist die Furtwanger Bergwacht offensichtlich auf einem guten Weg, es fällt auf, dass die Vorstand- schaft vor allem aus jungen Leuten besteht. Auch der (junge) Technische Ausbilder Marcel Rathmann ist beim Gespräch dabei, der Vorsitzende Rainer Probst ist per Video zugeschaltet. Rainer Probst ist seit 1998 Vorsitzender der Ortsgruppe und hat mit seiner gro- ßen Erfahrung außerordentlich viel zum heutigen 250 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

den technischen Fertigkeiten auch gegenseitiges Vertrauen für die unabdingbare Teamarbeit aufbaut. Die Ausbildung dauert zwei Jahre und besteht aus 182 Unterrichtseinheiten und viel Praxis. Die Grundinhalte sind Technik, Notfallmedizin, Na- turschutz, Alpine Gefahren, Sprechfunk, Orientie- rung im Gelände und Organisation von Einsätzen. Auch Skifahren gehört dazu. Die Ausbildung wird abgeschlossen durch zwei Prüfungen durch den Landesverband in Todtnauberg, eine zweitägige Oben: Kinder und Jugendliche sind für die Arbeit der Bergwacht gut zu begeistern. Unten: Regelmäßige Praxis ist dringend erforderlich: Für eine gute Arbeit müssen die technischen Abläufe sitzen. Auch Kenntnisse im Klettern und Sichern müssen geübt und nachgewiesen werden. 251

 

 

 

Die medizinische Ausbildung hat bei der Bergwacht einen hohen Stellenwert. Sommerprüfung und eine Winter prüfung, die einen Tag dauert. Im Sommer muss die Fähigkeit nachge- wiesen werden, Rettungen in unwegsamem Gelände durchführen zu können. Auch die Kondition, mit Ausrüstung in einer Stunde 400 Höhenmeter zu bewältigen, gehört zu den Grundkompetenzen der Bergretter. Kenntnisse im Klettern und Sichern müs- sen nachgewiesen werden. Einen ganzen Tag lang werden die Kenntnisse in der Notfallmedizin geprüft. Bei der Winterprüfung geht es vor allem um Pisten- rettung und alpine Gefahren. Deutlich verbesserte Finanzierung Wie sieht es nun mit der Finanzierung der aufwen- digen Ausrüstung aus? „In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich In den letzten Jahren hat sich die Finanzierung der Bergwacht doch deutlich verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewis- sen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der ver- stärkten Medienpräsenz zu verdanken. 252 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Links: Nils – das All Terrain Vehicle. Rechts: Maximus – der Sprinter, der seit 2016 primäres Einsatzfahrzeug ist und für sieben Bergretter sowie einen Verletzten Platz bietet. verbessert“, sagt Janik Probst. Neben einer gewissen Strukturveränderung mit strafferer Organisation ist das nicht zuletzt der verstärkten Medienpräsenz zu verdanken. Hier hat insbesondere Adrian Probst, der rührige Vorsitzende der Bergwacht Schwarzwald und Bürgermeister von St. Blasien, viel zum Erfolg beigetragen. Eine Fernsehserie über die Bergwacht Schwarzwald des Südwest-Fernsehens vor einigen Jahren hat für große Aufmerksamkeit gesorgt. Auch die Furtwanger Bergretter zeigen sich präsent, ne- ben der Webseite, die über die Arbeit informiert, sind es zunehmend die sozialen Medien wie Face- book, über die die Ortsgruppe auf ihre Arbeit auf- merksam macht. Die Einsätze der Bergwacht werden mit den Kos- tenträgern abgerechnet, über den Landesverband fließen Gelder anteilig auch an die Ortsgruppe zu- rück. Ein Wermutstropfen in diesem Zusammenhang ist für die Bergretter, dass es keinen Ausgleich gibt, wenn durch Einsätze Arbeitszeit versäumt wird. So wird die Arbeit für die Allgemeinheit je nach zeitli- cher Lage zum „Privatvergnügen“. Stolz auf die Ausstattung Besonders stolz sind die Furtwanger auf ihre Fahr- zeuge, die sie liebevoll mit Namen versehen haben. Auf „Maximus“ hört der Sprinter, der seit 2016 das primäre Einsatzfahrzeug ist. Er bietet Platz für sie- ben Bergretter und einen Verletzten. Es versteht sich schon fast von selbst, dass das Fahrzeug mit Allradantrieb ausgestattet ist. Die Furtwanger haben bereits im Vorfeld in enger Zusammenarbeit mit der Herbolzheimer Spezialfirma, die für die Innen- ausstattung zuständig war, den „Maximus“ für ihre Zwecke optimiert. Finanziert wurde er vollständig über Spenden von Privatpersonen und Firmen sowie Kommunen. Hier wurde der große Rückhalt deutlich, den die Bergwacht bei der Bevölkerung in Furtwan- gen und Umgebung hat. Neben dem Sprinter unterstützt auch „Anton“ die Arbeit der Ortsgruppe, ein VW T5 mit vier Sitzen. Der ganze Stolz der Ortsgruppe ist jedoch „Nils“: Das sogenannte „All Terrain Vehicle“ der Firma Bombar- dier mit sechs angetriebenen Rädern ist ein weltweit Im Sommer bewegt sich das All Terrain Vehicle „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz mon- tiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Bergwacht Furtwangen 253

 

 

 

Im Sommer 2022 kam es an der Schwarzwaldbahn zu einem Flächenbrand. Außer der Feuerwehr und dem Rotem Kreuz war auch die Bergwacht mit zehn Einsatzkräften vor Ort. einmaliges „Unikat“. Das sieht man auch daran, dass bereits Anfragen anderer Ortsgruppen und von weiteren Hilfsorganisationen zu den Details des Um- baus kommen. Auf der Plattform ruht ein speziell auf Furtwanger Bedürfnisse zugeschnittener Aufbau, der nach den Vorgaben der Bergretter gefertigt wurde. Das Fahrzeug kann neben dem Fahrer und einem Sozius einen Patienten plus Betreuer auch in schwie- rigstem Gelände befördern. Im Sommer bewegt sich „Nils“ auf sechs Rädern, für den Winter wird ein Raupensatz montiert, der das Fahrzeug fast an jeden Punkt im Gelände kommen lässt. Doch woher wissen die Furtwanger Spezialretter, wann sie benötigt werden? Jeder aktive Bergretter trägt einen Fernmeldeempfänger, umgangssprach- lich „Piepser“ genannt, bei sich und wird so über die Integrierte Leitstelle Schwarzwald-Baar über einen Einsatz informiert. Durch die Einsatzmanagement-App „Divera“ kann jeder Bergretter individuell rückmel- den, ob er zu dem aktuell anstehenden Einsatz kom- men kann und wie lange er dorthin braucht. Über diese App behalten die Furtwanger Bergretter auch die Übersicht darüber, wer derzeit als Einsatzkraft zur Verfügung steht. Steigende Zahl von Einsätzen mit oft dramatischen Unfällen Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest, rund 50 bis 60-mal kommen die Aktiven der Orts- gruppe pro Jahr zum Einsatz, und es sind nicht im- mer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Ein Beispiel war der Absturz eines Tragschraubers im Bereich Gütenbach vor einigen Jahren, bei dem der Pilot nur noch tot geborgen werden konnte. Im Jahr 2022 waren es allein bis August schon 60 Einsätze, davon eine Bergungsaktion bei einem Segelflug- zeugabsturz in Schonach, bei dem der junge Pilot ebenfalls ums Leben kam. Da sind Einsätze wie zum 254 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die Bergretter am Brend mit Einsatzfahrzeug „Anton“. Schon seit einigen Jahren stellen die Furtwanger Berg retter eine steigende Zahl von Einsätzen fest. Und es sind nicht immer einfache Einsätze, sondern auch immer wieder dramatische Ereignisse mit manchmal tragischem Ausgang, die die Retter auch psychisch fordern. Beispiel beim Schwarzwald-Bike-Marathon jeweils im September doch bedeutend angenehmer, wenn auch mit viel Arbeit und Aufwand verbunden. Die Bergwacht ist hier federführend für den Rettungs- dienst verantwortlich. Bei allem Aufwand und bei aller Einschränkung der persönlichen Freizeit ist eines doch deutlich spürbar: Die Furtwanger Bergretter sind begeistert von dem, was sie tun. „Das hundertjährige Jubiläum 2024 werden wir sicher festlich begehen“, so Probst. Die Form der Feier wird bereits geplant, auf jeden Fall werden die Furtwanger „ihr“ zweites Jahrhun- dert zuversichtlich beginnen. Bis heute ist die Ortsgruppe Furtwangen übri- gens die einzige Bergwacht im Schwarzwald-Baar- Kreis. Einst gab es auch in Villingen eine Ortsgrup- pe, die nach einer Serie von tragischen Unfällen außerhalb der Bergwacht aus Mitgliedermangel wieder eingestellt werden musste. Ähnlich erging es einer von Furtwangen aus initiierten Ortsgruppe im bergreichen Großraum Triberg. Bergwacht Furtwangen 255

 

 

 

Wenn Kinder der Natur und Der Bauernhofkinder­ garten in Waldhausen von Dagobert Maier Seit dem 1. März 2022 hat der Bauernhofkindergarten „Grünling“ in Waldhausen geöffnet. „Eine tolle Bereicherung für unsere Stadt“, freut sich der Bräunlinger Bürgermeister Micha Bächle über die 20 neuen Kindergartenplätze im Ortsteil. Träger ist die Genos- senschaft Kita Natura, die Stadt deckt 75 Prozent der Betriebskos- ten. Der Bauernhofkindergarten hat als bereits 20. Kindergarten von Kita Natura den Betrieb auf- genommen, gegründet wurde er auf Initiative von Alexandra Beyrle und Andrea Groß. Der Trägerverein aus Anlass der Eröffnung: „Grün- dungsberatung und Trägerschaft für Bauernhof kindergärten, Wald- und Naturkinder gärten – das ist die Mission unserer 2017 gegründeten gemeinnützigen Genossenschaft.“ Kinder und Eltern jedenfalls sind vom Ergebnis begeistert. 256 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Tieren ganz nahe kommen Im Bauernhofkindergarten Waldhausen sind die Tiere des Hofes allgegenwärtig. 257

 

 

 

Der Waldhausener Bauernhofkindergarten ist beim 300 Jahre alten Hof der Familie Beyrle untergebracht. Das Erleben der Natur in all ihrer Vielfalt und der Umgang mit Tieren ist einer der Hauptschwerpunkte der täglichen Betreuungsarbeit im Bauernhofkinder- garten (Kiga) im Bräunlinger Ortsteil Waldhausen. Der Kiga „Grünling“ des Trägers Kita Natura hat im März 2022 erstmals Kinder ab drei Jahren aufgenom- men. Berücksichtigt werden nur Kinder aus Bräunlin- gen. Und neben der Kindergartengebühr fällt für die Eltern auch der Kauf eines Genossenschaftsanteils in Höhe von 350 Euro an der Kita Natura an. Der „Grünling“ befindet sich auf dem Gelände des 300 Jahre alten „Waldhauser Hofs“, der von der Familie Beyrle bewirtschaftet wird. Dort ist ein rund 1.000 Quadratmeter umfassendes Außengelände inmitten einer Streuobstwiese für die Zwecke des Kindergartens ausgewiesen. Einige der alten Apfel- und Birnenbäume sind Teil der über einen großen Sandkasten, einen Erdhügel und viel Platz zum Spielen verfügenden Fläche. Der Bauwagen dient zur Aufbewahrung der Materialien und Geräte. Ein Weidentipi, eine Matschküche und der Nasch- garten sind längst beliebte Aufenthaltsorte der Kinder geworden. Wenn es das Wetter einmal nicht zulässt, draußen zu sein, findet die Gruppe Zuflucht in der heimeli- gen Schutzhütte. Diese entstand aus einem alten Wirtschaftsgebäude des Hofes, welches vorher als Hühner stall diente (siehe Foto oben). Darin be- findet sich ein großer Bereich, der als Spiel- und Bewegungs raum genutzt werden kann. Außerdem gibt es ein kleines Badezimmer mit einer Trenntoilet- te und einem Handwaschbecken. 258 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Die aktive Mitwirkung bei der Versorgung der Tiere ist wichtiger Bestandteil des pädagogischen Konzepts. Der Alltag im Bauernhof-Kiga Grünling muss nicht künstlich erschaffen werden: Die Kinder erfahren hier vielmehr jeden Tag aufs Neue, wie sie durch ihr eigenes Tun in Landwirtschaft, beim Handwerken und im Garten einen Zugang zur Natur und zu Tieren bekommen und lernen dadurch, was nachhaltiges Handeln bedeutet. Es ist nichts Außergewöhn liches, dass beim Spielen die Hühner zwischen den Kindern herumlaufen oder sie deren Eier finden. In den Gesichtern sieht man jeden Tag, wie sie sich über die kleinen und großen Wunder der Natur freuen. Es scheint, als würden sie ihren Bauernhof immer wieder neu entdecken. Sie sprechen mit den Tieren und kümmern sich liebevoll um sie. Die Eltern sehen, dass die Kinder ein Bewusstsein für die Tiere entwickeln, was beim freudigen Erzählen des Neuerlebten jedes Mal deutlich werde. „Für mein Kind ist es ganz wichtig, dass es viel mit der Natur zusammenkommt und auch mit den Tieren den Tag verbringt. Ich freue mich, dass mein Kind einen Platz im Grünling bekommen hat, der ein Naturkonzept mit einem guten und auch nachhal- tigem pädagogischen Verständnis verfolgt“, erzählt eine Mutter. Auch an der Versorgung der Tiere wirken die Kinder mit Kindergartenleiterin Andrea Groß über ihren außer- gewöhnlichen Wirkungsort: „Die Kinder erleben im Bauern hofkindergarten die Natur und die jahreszeit- lichen Veränderungen mit all ihren Sinnen. Die Natur in ihrer Vielfältigkeit, ob im Außenbereich, bei den Tie- ren, im Bauernhof, auf dem Acker oder im Wald. Das Draußen sein unterstützt bei den Kindern den Forscher- drang, das selbstständige Entdecken, Beobachten, Ausprobieren und Erkunden sowie auch die Stärkung des Immunsystems“. Die Diplom-Sozial pädagogin ist zugleich Wildkräuter- und Heilpflanzen pädagogin. Der Bauernhofkindergarten ermöglicht es den Kindern, aktiv an der Versorgung der Tiere mitzuwir- ken. In enger Absprache mit der Landwirtin werden sie in vielfältige Tätigkeiten miteinbezogen. In Klein- gruppen übernehmen die Kinder Aufgaben wie das Einsammeln von Eiern sowie das Versorgen der Hüh- Bauernhofkindergarten Grünling 259

 

 

 

Besonders für Schlechtwettertage braucht es im Bauernhofkindergarten auch eine heimelige „Schutzhütte“. Es handelt sich dabei um den früheren Hühnerstall des Hofes. ner. Diese sind in einem Hühnermobil in der Nähe des Kindergartengeländes untergebracht. „Wir holen die Eier, wir zählen ihre Anzahl, sehr oft nehmen die Kinder die Eier in die Hand, da sie das Naturprodukt spüren wollen und auch wie sich die Eierschale an- fühlt“, so Kindergartenleiterin Andrea Groß. Die Kin- der dürfen außerdem der Mutterkuh herde, die sich in den Wintermonaten im Stall befindet, das Futter hinschieben. Durch das Beobachten, Begegnen und das aktive Mithelfen werden unterschiedlichste Sinne und Emo- tionen angesprochen und die Grünling-Schützlinge lernen, Verantwortung zu übernehmen. Insgesamt soll dabei ein realistisches Bild der Landwirtschaft ermöglicht werden, wobei dieses neben der Geburt auch den Tod eines Tieres beinhaltet. Gesunde Ernährung und Herstellung wichtig „Eine gesunde Ernährung im Kindergarten ist uns wichtig und gehört zum Konzept unseres Kindergar- tens“, unterstreicht die Leiterin Andrea Groß weiter. Durch den eigenen Anbau von Obst und Gemüse im Bauerngarten wird die Wertschätzung von Le- bensmitteln wieder in den Vordergrund gerückt. Die Kinder erfahren, wie viel Zeit und Kraft vor der Zubereitung und dem Verzehr von Essen investiert werden muss. Zusätzlich soll durch das gemeinsame Zubereiten von hofeigenen Produkten ein genussvol- ler Bezug zum Essen hergestellt werden. Im Herbst steht das Obst im Mittelpunkt. Die Äpfel von den Bäumen zu holen ist eines der Haupt- themen. Danach werden sie in einer Saftpresse zusammen gedrückt und die Kinder stellen selbst- ständig Apfelsaft her. Dazu gehört auch ein Besuch in der Mosterei, so lernen sie den Kreislauf vom Ernten bis hin zum Verarbeiten kennen. Die Kinder leben mit der Natur und erfahren, was sie in ihrer Heimat zu der jeweiligen Jahreszeit gerade bietet. Auch im Kiga-Garten, wenn sie in der Erde graben, um beispielsweise Kartoffeln zu sammeln oder Kür- bisse abschneiden, aus denen Suppe gemacht wird. Ebenso beim Ernten der Karotten, die sie gleichfalls mit der eigenen Hand aus der Erde holen. 260 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

Impressionen aus dem Kindergartenalltag – Erlebnisse mit den Tieren und die Freude über das einzigartige Außengelände sind deutlich zu spüren. 261

 

 

 

Nicht im Sandkasten, sondern im natürlichen Erdreich buddeln die Grünling-Schützlinge. Für das Frühstück und das zweite Vesper dürfen die Kinder ihr Essen mitbringen, doch legt der Kiga „Grünling“ Wert auf eine gesundheitsförderliche, abwechslungsreiche Kost. „Sofern es das Wetter zulässt, nehmen wir unsere Mahlzeiten gemeinsam im Freien zu uns. Dabei ist uns wichtig, höflich und respektvoll miteinander umzugehen“, heißt es in der Beschreibung der Kindergartenarbeit, die sich im De- tail auf kita-natura.de findet. Spielzeug mitten in der Natur entdecken Wer den Bauernhofkindergarten „Grünling“ besucht, der spielt mit dem, was die Natur bietet. Das zeigt sich oft beim Marsch in den Wald. Dort werden Stöcke und Tannenzapfen mitgenommen, die die Kleinen lange Zeit begleiten. Andrea Groß: „Unsere Kinder brauchen nur wenig künstlich gefertigtes Spielzeug. Natürlich haben auch wir die üblichen Spielgeräte, darunter Holzfahrzeuge. Immer wieder gibt es Tage, an denen wir nicht ins Freie können, da wird dieses Spielzeug gebraucht. Doch wir sind so oft wie möglich draußen und versuchen mit der Natur in Einklang zu kommen“. Selbst wenn Schnee liegt, sind die Kinder oft im Freigelände zu finden. Ein erstes Fazit nach über sechsmonatigem Kin- dergartenbetrieb lautet: Der Besuch des Bauernhof- kindergartens verändert die Kinder, vor allem ihr Be- zug zu Tieren wird ein anderer. Sind sie anfangs im Umgang mit ihnen meist noch zögerlich, gehören die Hühner oder Hasen nach kurzer Zeit einfach dazu. Nicht nur die Eltern, auch Bräunlingens Bürger- meister Micha Bächle ist von der Einrichtung in Waldhausen sehr angetan. Er betont bei einem Vor ort-Termin wenige Wochen nach der Inbetrieb- nahme: „Der Bauernhofkindergarten ist eine tolle Bereicherung für die Stadt. Mit seinem Konzept wird unsere Bildungs- und Betreuungslandschaft in Bräunlingen noch vielfältiger. Gerne haben wir als Stadt das Vorhaben finanziell und ideell unterstützt.“ Der Kindergarten wird vonseiten der Eltern sehr gut angenommen, die 20 Plätze sind längst besetzt. 262 Vereine und Einrichtungen

 

 

 

xxxxx Die Besucher des Bauernhofkindergartens Grünling in Waldhausen mit ihren Erzieherinnen. Vorne links Kindergartenleiterin Andrea Groß, die die Einrichtung zusammen mit Alexandra Beyrle (hinten links) initiiert hat. Unten: Blick auf das großzügige Freigelände. Bauernhofkindergarten Grünling 263

 

 

 

Feines erleben: Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen von Tanja Bury 264 9. Kapitel – Gastlichkeit

 

 

 

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Der Name ist hier nicht Programm. Denn eine Burg im klassischen Sinn ist dunkel und verschlossen, eintreten darf nur, wer geladen ist. Beim Hotel­Restaurant „Die Burg“ im Donaueschinger Ortsteil Aasen ist das genau umgekehrt: ein helles und offenes Haus, in dem jeder willkommen ist, der schönes Ambiente und feines Essen schätzt. Und mit zwei Burgherren, die in der Gastronomie ihre Passion gefunden haben: Die Brüder Jason und Niklas Grom. Die Gastgeber Gastfreundschaft, Essen, Trinken, den Men- schen Freude machen – das kennen Jason und Niklas Grom von klein auf. Ihre Eltern führten auf den Immenhöfen eine Garten- wirtschaft. Eine Adresse, die viele Gäste aus dem ganzen Landkreis, aber auch darüber hinaus anzog. „Wir haben immer mitge- arbeitet – und zwar gerne“, erinnert sich Niklas Grom, der jüngere der beiden Brü- der. Schnell sei deshalb klar gewesen, dass der heute 28-Jährige und sein zwei Jahre äl- terer Bruder Jason ihre berufliche Erfüllung in der Gastronomie suchen wollen. Jason hatte sich von Anfang an für die Arbeit in der Küche interessiert. Und so startete er Von links: Jason Grom, Linda Lütte, Niklas Grom und Barbara Grom am Ortsschild der neuen Heimat Aasen. 266 Gastlichkeit

 

 

 

Jason Grom in seinem Kräutergarten. Niklas Grom im gemütlichen Restaurant. nach dem Schulabschluss eine Ausbildung als Koch bei einer guten Adresse ganz in der Nachbarschaft – dem Öschberghof. Auch Niklas’ Weg führte nach der Schule zunächst in das bekannte Hotel-Restaurant, allerdings in den Service und Hotelbereich. Wir haben immer mitgearbeitet – und zwar gerne. Gemein ist den Brüdern, dass sie nach ihren Ausbildungen das heimatliche Umfeld ver- ließen, um neue Gastroluft zu schnuppern, etwas anderes zu sehen. Beide waren in verschiedenen namhaften Häusern – etwa in Arosa, in Wien, am Vierwaldstättersee und in Schaffhausen – beschäftigt. „Wir wollten uns an den besten Betrieben orien- tieren, von den Besten lernen“, erklärt Niklas Grom, der auch eine Weiterbildung als Sommelier absolvierte. Das Ziel der Brüder: der eigene Betrieb. „Aber keinesfalls wollten wir den bevor wir 30 sind“, sagt Jason Grom und lacht. Es sollte anders kommen. Das Haus Aasen hatte einst eine Burg, erbaut von den Herren von Aasen und 1094 erwähnt. Die Anlage ist laut Geschichtsschreibung abge- gangen, es existiert nur noch der Burghügel. Geblieben ist der Name. Die Burg z’ Aase, ursprünglich eine kleine Gaststube inner- halb eines Bauernhofs, war über Jahrzehnte Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 267

 

 

 

eine Traditionsgaststätte mit gutbürger- licher Küche. Zusammen mit „Adler“, „Kranz“, „Krone“ und „Ochsen“ war sie ei- ner der Treffpunkte des dörflichen Lebens. Hier kamen die Stammtische zusammen, hier wurde Karten gespielt, nach Beerdi- gungen der Leichenschmaus eingenommen, wurden Hochzeiten und Taufen gefeiert. Doch auch vor Aasen machte das Gasthaus- sterben nicht Halt – die Burg schloss 2008, das Gebäude stand leer. Bis Horst Hall, der Ortsvorsteher von Aasen, es 2016 kaufte. Sein Antrieb war es, dem Dorf wieder ei- nen Treffpunkt zu geben und Platz für eine neue Art der Gastronomie zu schaffen. Als Wirtin mit Leidenschaft hatte er die ehe- malige Betreiberin einer Gartenwirtschaft auf den Immenhöfen im Sinn. Diese lehnte ab, verwies aber auf ihre beiden Söhne: den Koch Jason Grom und den Hotelfachmann Niklas Grom. „So kamen wir zur Burg. Und so hat etwas zusammengefunden, was wohl Das Hotel- Restaurant „Die Burg“ in Aasen. Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen ein- bringen. zusammengehört. Es fühlte und fühlt sich richtig an“, sagt Niklas Grom. Sein Bruder nickt. Mit Mitte 20 haben die beiden nicht nur einen Betrieb mit all der dazugehörigen Verantwortung übernommen, sondern sie haben ihn auch mitgestaltet. „Bei Idee und Planung waren wir involviert und konnten unsere Vorstellungen einbringen“, sagt Niklas Grom. Im September 2017 dann die Schlüsselübergabe von Horst Hall an die beiden Brüder – der Beginn einer kulinari- schen Reise. 268 Gastlichkeit

 

 

 

Freundlich und kompetent – das Team der Burg. In der Weinba(a)r im Untergeschoss werden Snacks serviert. Das Konzept Diese Reise führt in eine junge Gastrono- mie. Zeitgemäß ist sie, weg vom gutbür- gerlichen Rahmen der vergangenen Tage. „Modern und doch gemütlich“, beschreibt Niklas Grom den Anspruch. Drei Foodkon- zepte sind in der Burg zu erleben. Zum einen findet sich ein international ange- hauchtes, saisonales Menü mit regionalem Bezug. Ganz in der Linie des Casual fine Di- nings – also gehobene Küche ohne Schlips und Kragen. Beste Produkte, verarbeitet nach traditioneller Handwerkskunst. Wer à la carte bestellen will, findet bekannte Klassiker, jedoch neu interpretiert. Zwiebel- rostbraten zum Beispiel, Rindersuppe, Maul- taschen und Käsespätzle. In der Weinba(a) r werden Burger, Schinken- und Käseteller und Wurstsalat serviert. Natürlich, das verschweigen sie nicht, wurden die Brüder anfangs immer wieder kritische darauf angesprochen, warum es in der Burg kein Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 269

 

 

 

Schnitzel und keine Schlachtplatte gibt. Und damit eben das, was man bislang ge- wohnt war. „Wir sind die neue Burg“, lautet die Antwort der Groms. Das kommt an, wie verschiedene Auszeichnungen für das Restaurant zeigen. Beispielsweise die des Guide Michelin, 15 Punkte im Gault Millau und andere Erwähnungen in namhaften Restaurantführern. Man freue sich darüber und fühle durch sie in seiner Arbeit bestä- tigt. Doch mehr als Auszeichnungen zählen für die Brüder glückliche Gäste, die mitt- lerweile aus nah und fern kommen. „Ver- lassen sie unser Haus zufrieden, ist das das schönste Lob.“ Insgesamt sind in der Burg 30 Mitarbeiter beschäftigt, auch die Mutter der Grom-Brüder hilft mit. „Damit führen wir die Tradition des Familienbetriebs wei- ter – gemeinsam mit unserem tollen Team“, sagt Niklas Grom. Dazu gehören auch Aus- zubildende. Sie seien, so die Groms, nicht einfach zu finden. Doch die Burg gilt mitt- lerweile als gute Adresse für eine gastrono- mische Ausbildung – das hat sich rumge- sprochen. Und so konnten die Brüder auch dieses Jahr die Ausbildungsplätze in Service und Küche besetzen. Die Küche „In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause“, so beschreibt Jason Grom selbst seinen Stil. Geschmäcker und Gerüche aus seiner Heimat, der Baar, kombiniert der 30-jährige Küchenchef mit internationa- len Produkten. Das Hauptaugenmerk liegt jedoch auf regionalen Zutaten. Um das zu zeigen, kann der Gast in der Speisekarte Jason Grom arrangiert einen raffinierten Nachtisch. 270 Gastlichkeit

 

 

 

Kreationen aus der Küche von Jason Grom. Impressionen der Gastlichkeit, umgeben von Kunst, geschaffen durch Andrea Pfrengle. In der Region verwurzelt, in der Welt zu Hause. eine Auflistung der Lieferanten aus der Um- gebung einsehen. Da finden sich Kartoffeln und Eier aus Tuningen, Rinder- und Schwei- nefleisch aus Neudingen, Käse aus Löffin- gen, Reh aus heimischen Wäldern, Pralinen aus St. Georgen. Wenn man Jason Grom danach fragt, was Kochen für ihn bedeutet, spricht er von einer ständigen Herausforde- rung. Man müsse viel probieren und sei – trotz einer abgeschlossenen Ausbildung – nie mit dem Lernen am Ende. „Man muss immer interessiert und wach sein“, sagt er. Es brauche Inspiration und Austausch, die Produkte müssten wertgeschätzt werden. Dazu gehört ein verantwortungsvoller Um- gang mit ihnen. „Es muss nicht immer das Filet sein“, sagt Jason Grom. Deshalb wer- den bei ihm beispielsweise auch Innereien verarbeitet. Kochen bedeute harte Arbeit, das Schaffen mit den Händen und – fürs Kochen brauche es Zeit. „Ohne die geht es nicht“, sagt Jason Grom. So entstehen Ge- richte wie ein Wolfsbarsch mit Safran und Curry, begleitet von Pulpo und fermentier- ten Mirabellen. Oder die Variation von Ka- rotte, die einen den Geschmack dieses Ge- müse ganz neu entdecken lässt. Was Jason Grom selbst am liebsten isst? Da hält sich der Küchenchef bedeckt. Aber er verrät, was seine große Leidenschaft sind: Saucen. „In ihnen ist geballter Geschmack.“ Das Restaurant Ein einladendes, feines Ambiente zeichnet den Gastraum aus. Natürliche Materialien und warme Farben empfangen den Gast, der durch die große Glasscheibe in die Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen 271

 

 

 

Küche blicken kann. Das ist die Handschrift von Niklas Grom. Der 28-Jährige führt das Restaurant professionell, aber auf keinen Fall aufgesetzt. „Jugendlich-locker wollen wir sein, gepaart mit Herzlichkeit“, sagt er über sich und sein Team. Gemeinsam sei man bestrebt, den Gästen ein Erlebnis zu bescheren. Egal ob Stammgäste oder Besu- cher, die zum ersten Mal in die Burg kom- men, ob Geburtstagsrunde oder Hochzeits- feier, das Essen mit Freunden oder das erste Date – die Burg möchte ein Ort für all diese Anlässe sein. Dazu gehört es für Niklas Grom, dem Gast die Türe aufzuhalten, den Stuhl zurechtzurücken und auf seine Wün- sche einzugehen. Gleichzeitig dezent und präsent zu sein, dass ist der Anspruch von Niklas Grom. Seine Leidenschaft gilt neben dem Service dem Wein mit seinen vielen Fa- cetten. „Wein ist für mich ein unverzichtba- rer Teil eines schönen Restaurant besuchs“, wie er sagt. Der Sommelier hat den Wein- Wein ist für mich ein unverzichtbarer Teil eines schönen Restaurantbesuchs. Rechts: Blick ins Restaurant – offen und gemütlich. keller mittlerweile auf 370 Positionen aus- gebaut. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Deutschland, aber auch Weine aus ganz Europa, Südafrika und dem Libanon finden sich auf der Karte. Gerne beschäftigt sich Niklas Grom mit kleinen Weingütern, die traditionell-handwerklich und teilweise bio- logisch oder biodynamisch arbeiten. Feines erleben, das ist in Aasen dank des Konzepts und vor allem dank der Gast- geber einmal mehr möglich. Die Burg – sie ist im besten Wortsinn ein Gasthaus. 272 Links: Events sind ein fester Bestandteil des Angebots der Burg. Gastlichkeit

 

 

 

Sommelier Niklas Grom. 273

 

 

 

Sanft gegarter Zander mit Meerrettich-Beurre Blanc, Sauerkraut, Dill und Apfel für 2 Personen DIE ZUTATEN FÜR DEN ZANDER Zanderfilet ohne Haut Wasser Salz 320 g 1 l 30 g Fleur de Sel, Nussbutter ZUR FERTIGSTELLUNG DES SAUERKRAUTS 180 g Sauerkraut 2 Stck Schalotten 1 Stck Apfel, Elstar 1 Schuss Winzersekt, trocken 2 Zweige frischer Dill Salz, Pfeffer, Ahornsirup, Piment d‘Espelette, Frühlingslauch, Zitronenöl FÜR DIE MEERRETTICH BEURRE BLANC Schalotten, gewürfelt Knollenselleriewürfel Staudenselleriewürfel Lauch, weißer Teil, fein geschnitten Apfel, Elstar, gewürfelt Ingwer, gerieben trockener Weißwein 1 Stck 1 Stck Knoblauchzehe, in Scheiben 20 g 10 g 10 g 20 g 5 g 40 ml 10 ml Noilly Prat 200 ml Fischfond 1 Stck 100 g 1 Eßl Frischer Meerrettich, Salz, Pfeffer, Lorbeerblatt Lorbeerblatt Butter Sauerrahm Das Salz im Wasser auflösen, das Zanderfilet in zwei gleich große Stücke teilen und in die Salzlake geben. Gekühlt für 3 Stunden ziehen lassen. Den Zander aus der Lake nehmen, abspülen und trocken tupfen. Mit etwas Nussbutter bepinseln und vakuumieren. Im Wasserbad bei 56°C für 16 Minuten garen, aus dem Vakuumbeutel nehmen und mit einem Bunsenbrenner leicht abflämmen. Mit Fleur de Sel nachwürzen. Die Schalotten und den Apfel in feine Würfel- schneiden, den Dill fein hacken. Die Schalotten- würfel in etwas Rapsöl glasig dünsten, das Sauerkraut zugeben, ein Schuss Winzersekt hinzufügen und bei geschlossenem Deckel zum gewünschten Gargrad fertigkochen. Die Apfelwürfel und den Dill unterrühren und mit den Gewürzen abschmecken. Das Gemüse in etwas Rapsöl dünsten, mit dem Alkohol ablöschen und etwas reduzieren. Mit dem Fischfond auffüllen, Lorbeerblatt hinzufü- gen und ca. ½ Stunde simmern lassen. Durch ein Sieb in einen neuen Topf abseihen. Die kalte Butter und den Sauerrahm mit einem Mixstab in den Sud einmontieren, mit dem frisch geriebenen Meerrettich und den Gewürzen abschmecken. 274 Gastlichkeit

 

 

 

ZUM FERTIGSTELLEN Das Sauerkraut mit einem runden Ausstecher mittig auf einem Teller platzieren, das Zanderfilet darauf platzieren und die aufgeschäumte Beurre Blanc angießen. Mit Apfelgel, gepickelten Apfelscheiben, Dillspitzen, Dillöl und frischen Lachsforellenkaviar garnieren. 275 XXX

 

 

 

HERZLICH, HEIMISCH, WILD – “WILDE WELT“ IM (FAST) STILLEN LINACHTAL von Daniela Schneider Gastlichkeit

 

 

 

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XXX Ute und Urs Fischbach, die Inhaber und kreativen Köpfe hinter dem „Wilden Michel“.

 

 

 

Der Michelhof und seine Außenterrasse. „Bitte wild klingeln!“ – der Empfang im Michelhof ist unkonventionell. Das Glöckchen, zu dem diese Aufforderung gehört, steht an der Re- zeption im Flur. Wird es möglichst beherzt betätigt, kommt ein freundlicher Mensch um die Ecke gebo- gen und nimmt den Gast in Empfang. Er betritt im an- sonsten still-beschaulichen Linachtal die „wilde Welt“ des „Wilden Michel“. „Herzlich, heimisch, wild“ – so lautet die erklärte Devise. Davon überzeugen können sich nicht nur die Feriengäste, die munter die Klingel bimmeln, um im Haus oder auf dem dazugehörigen Campingplatz einzuchecken, sondern auch alle ande- ren, die auf dem Hof vorbeikommen. „Herzlich willkommen“ in der Kultgaststätte „Zum Wilden Michel“ somit – aber, was also ist der Linacher Michelhof eigentlich? Ferienhaus mit Campingplatz? Schwarzwaldhof in idyllischer, einsamer und ruhiger Lage? Vesperstube oder Sonntagscafé? Zünftiges Lo- kal mit heimischen Spezialitäten und Steaks vom Grill oder doch eher eine Alternative für Leute, die Lust auf veganes Essen haben? Bunte Wohngemeinschaft? Familienzuhause und Mehrgenerationenhaus? Ein un- komplizierter Ort zum Feiern mit viel Livemusik? Die schlichte Antwort lautet: Ja, all das! Und diese lange Liste ist noch nicht einmal vollständig. Für Urs Fischbach und sein Team dürfte die Frage nach den Schubladen, in die das Projekt „Zum Wil- den Michel” wohl am ehesten passen könnte, aber ohnehin ziemlich überflüssig sein. Kategorien sind ihm, seiner Frau und den Mitstreitern auf dem Hof Das idyllische Linachtal, rechts der Michelhof samt Campingplatz. Gastlichkeit

 

 

 

eher mal so egal wie das Linachtal lang und schön ist. Sie sind an einem Ort im Schwarzwald angekom- men, an dem sie einfach das machen, was sie erfüllt: Gastgeber sein, mit Herz und Verstand einen Betrieb führen, anpacken, Ideen umsetzen. Machen eben. Die Fangemeinde wächst und wächst 2021 wurde der „Wilde Michel“ erworben und be- gründet, seitdem wächst und gedeiht er und trifft ganz offensichtlich einen Nerv: Innerhalb weniger Monate entwickelte sich so schnell eine Fangemein- de, dass es den Beteiligten manchmal schon fast ein bisschen unheimlich wird. Dass hier oben zwischen Bauernhofromantik, Naturidylle und absolut null Handynetz etwas Besonderes auf den Weg gebracht wurde, spricht sich jedenfalls immer mehr rum. Und immer noch mehr Leute wollen wissen und erleben, was den Reiz des „Wilden Michel” genau ausmacht. Um das zu verstehen, muss man allerdings erst einmal den Weg hierher finden. Von Furtwangen vom Mäderstal her kommend sind es knapp sechs Kilometer Fahrweg. Etwa genauso lang ist die Strecke in die andere Richtung das Linachtal runter bis zur bekannten Talsperre. Ja, der Michelhof liegt ab vom Schuss, und genau das macht zweifelsohne einen Teil seines Charmes aus. „Von Montag bis Donnerstag ist hier der Hund begraben“, sagt Urs Fischbach. Diese Ruhe gefällt nicht nur ihm und seinen Leuten – sie kommt vielmehr auch bei Erho- lungssuchenden bestens an. Urige Gaststube. Die können sich zum Beispiel ein schönes Fleck- chen auf dem hofeigenen, terrassierten Camping- platz suchen. Die Gäste aller Altersgruppen kommen aus vielen Regionen Europas, viele von ihnen ma- chen auf der Durchreise einen Abstecher hierher, mal sind es Belgier, mal Spanier, mal Holländer und auch viele Italiener haben diesen Ort schon für sich entdeckt. Und dennoch: Die allermeisten, die hier auf dem Platz ihr Zelt aufschlagen oder den Camper 281 281

 

 

 

Kultur genießen, Vespern und/oder Campen – der Michelhof spricht ein breites Publikum an. auf eine der Platz-Terrassen rollen lassen, kommen aus der Region, meistens aus dem Bereich irgendwo zwischen Tuttlingen, Freiburg, Tübingen, Offenburg und Konstanz. Auch ganze Gruppen reisen an: Eine Motorradtruppe mit Beiwagen und eine ganze Horde Bullifreunde waren da, und auch mit jeder Menge Mofas wurde quasi im Rudel schon auf die Linacher Höhe hinaufgeknattert, um hier eine gute Zeit zu verbringen. Für all diese unterschiedlichen Men- schen scheint der Michelhof ein Volltreffer zu sein. Skaten, grillen und Punkrock Dabei müssen die Gäste damit rechnen, dass es in Richtung Wochenende mit der großen Ruhe meistens vorbei ist. Dann gibt es hier oben im Tal jede Menge Livemusik oder andere Events. Oft ist ja bei Veranstaltungen von „bunten Mischungen” die Rede – im Michel- hof trifft es wirklich zu: Gespielt wird mal mon- golische Weltmusik, mal fiedeln und flöten Mit- telalterspielleute, mal gibt’s Country, mal Me- tal, Punk oder Rock und dann wieder die aller- 282 zünftigste Blas- oder gemütliche Stubenmusik auf die Ohren. „Wooden Wumms” bietet Electro oder Swing, auch Mottopartys werden gefeiert und es stehen „Skaten, grillen und Punkrock” auf dem Programm. Donnerstags tagt der Musikerstammtisch, und jeden vierten Sonntag im Monat wird im „Mini Michel Club” außerdem ein Kinderprogramm geboten. Vesperstube mit Köstlichkeiten aus der Region Von Donnerstagabend bis Sonntagabend ist im Michelhof eine Vesperstube samt Außenterrasse geöffnet. Es werden einfache Hausmannskost und ein bis zwei warme Gerichte angeboten. Auch eine vegane Alternative darf nicht fehlen. Was auf der Der Michelhof ist auch eine Vesperstube mit vielen heimischen Produkten, die teils auch direkt von Linacher Erzeugern bezogen werden. Gastlichkeit

 

 

 

Links: Die Michelramp für Skater. Rechts: Einer der zahlreichen Nebenräume. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbäckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von regionalen Erzeu- gern. Gemüse und Obst vom Markt, der Kräutertee aus dem Linachtal. Speisekarte steht, variiert von Woche zu Woche. „Das reicht – wenig, aber dafür richtig gut”, mei- nen die Wirtsleute, und ihr Konzept kommt an. Die Vesperkarte reicht von Käse über Fleisch und Speck bis zu Fisch. Selbst gebackene Kuchen ergänzen das Angebot. „Kulinarisch wirst du mit Köstlichkeiten aus der Region verwöhnt. Wir kaufen nur vom Erzeu- ger direkt ein und machen alles von Hand im Hause selbst”, erfahren Interessierte auf der Homepage und Urs Fischbach ergänzt: „So gut wie gar nichts wird im Supermarkt gekauft.” „Made im Schwarzwald“ muss es sein. Das Holzofenbrot kommt aus einer Hofbä- ckerei, Käse, Fleisch und Wurst ebenfalls direkt von Erzeugern. Gemüse und Obst vom Markt, Kräutertee aus dem Linachtal. Und wer das hofeigene Quellwas- ser süßen möchte, kann Sirup aus der Ortenau dafür verwenden, den es hier zu kaufen gibt. Das Bier wird von einer Brauerei „aus dem Wald“ geliefert. Hochprozentiges stammt natürlich ebenfalls aus der Region: vom Kirschwasser bis zum Gin „Tannig“, für den stilecht Tannenschösslesirup verwendet wird. Mitten drin im „Schwarzen Wald“ Die quasi organische Verbindung zum Schwarzwald ist den am Michelprojekt Beteiligten extrem wichtig, und das merkt man bei Weitem nicht nur am Angebot im Vesperstüble. Urs Fischbach, der den Betrieb zusammen mit seiner Frau Ute führt, legt großen Wert auf die Verwurzelung in der Region. Kein Wunder: Schließlich bewirtschaften sie ein Anwesen, das seit Jahrhunderten mittendrin steht im „Schwar- zen Wald“, in dem auch Urs Fischbach selbst seine Wurzeln hat. Seine Mutter ist eine Furtwangerin. In der Bregstadt verbrachte der heute 36-Jährige einen Teil seiner Kindheit und seine Jugend. Mit 18 zog es ihn nach Donaueschingen, weil da „erstens die Disko Delta und zweitens ein Bahnhof war“, erinnert er sich grinsend an seine Motivation, damals umzuziehen. Vom Bahnhof aus war er mobil und im damals schon legendären „Delta“ jobbte er während seiner regulären Ausbildung nebenbei hinter der Bar. In seinem „Brotberuf“ in einem Schmiede-Unternehmen arbeitete er zehn Jahre lang, zuletzt in führender Position. Ungeachtet dessen, dass er rein äußerlich von manchem Zum Wilden Michel 283

 

 

 

Die Kassettendecke der Gaststube stammt von Uhrenschildmaler Karl Straub. Rechts: Blick in die Hofkapelle. Zeit genossen als ziemlich unangepasst eingeschätzt wurde – als einer, der vollkommen selbstverständ- lich Dreadlocks, Piercings und Tattoos trägt, weil sie einfach zu ihm gehören. In dem Automotive-Zuliefererbetrieb war er stark gefordert, verbrachte unter anderem viel Zeit in Shanghai. Hier wurde ihm schließlich angeboten, ein Werk des Unternehmens zu leiten. Allerdings machten sich Bedenken bei dem jungen Mann breit: „Immer mehr Verantwortung mit immer weniger Befugnissen“ – das schreckte ihn ab, wie er sagt. Mit seiner Frau Ute, die von der Schwäbischen Alb stammt und ebenfalls beruflich erfolgreich und gleichermaßen stark eingebunden war, gründete er eine kleine Familie. Weil beide berufstätig waren, blieb für den kleinen Oskar nicht so viel Zeit, wie sie sich das gewünscht hätten. „Nicht so das Wahre“ – so brachten es die beiden für sich auf den Punkt. Das Buch der Ideen ist randvoll Der Gedanke, das Leben anders gestalten zu wollen, wurde immer konkreter, entwickelte immer mehr Ei- gendynamik. „Wir hätten so noch 35 Jahre oder sogar noch länger weiterarbeiten müssen. Da steckten wir mittendrin. Also haben wir uns gesagt: Machen wir lieber etwas Neues“, fassen die Fischbachs zusam- men. Im Sommer 2020 waren die leidenschaftlichen Camper mal wieder mit ihrem Wohnmobil unterwegs. Beide hatten sich für Elternzeit entschieden und nutzten sie, um als kleine Familie ein Stück Europa zu erkunden. „Wir haben ganz viele coole Leute kennen- gelernt“, erinnert sich Urs Fischbach sehr gerne an die Reise. Und: Viele Plätze vor allem in Italien, meist Bauernhöfe und kleine Familienbetriebe, die im Stil der „Agri Camping“ agierten, weckten ihr Interesse: „Mensch, so etwas möchten wir selbst auch machen.“ Auf der Reise wurde dieser Wunsch immer größer. Das mitreisende „Buch der Ideen“ füllte sich ratz- fatz und wurde stetig dicker. Es wurde erst geträumt und dann konkret gegrübelt, wie so etwas auch da- heim in Deutschland funktionieren könnte. „Meine Frau und ich sind gleich. Wir sind extrovertiert und hatten schon immer Spaß daran, Leute zusammen- zubringen“, sagt Urs Fischbach – und das wollten sie nun in einem eigenen Unternehmen umsetzen. Aus Träumen wird Wirklichkeit Wieder nach Donaueschingen zurückgekehrt, beschlossen sie, einen Knopf auf die ganze Sache zu machen. Urs Fischbach erinnert sich: „Wir haben gesagt: So, jetzt hören wir auf mit schwätzen.“ Voller Tatendrang gingen sie mit der Planung ins Detail und suchten nach einem geeigneten Platz für ihren Campingtraum. Etliche Objekte schauten sie sich an. „Gefühlt waren es 200 Immobilien“, lacht Urs Fischbach, der als die „Vorhut“ im ganzen Schwarz- wald unterwegs war und sich leer stehende oder zum Verkauf angebotene Objekte in rauen Mengen 284 Gastlichkeit

 

 

 

Urs Fischbach im beheizbaren Badezuber mit Blick auf Linach – rechts einer der Eventräume. Durch einen Bekannten erfahren Fischbachs, dass der Michelhof zum Verkauf steht. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der Besitzerin war klar: Das passt einfach! anschaute. Wenn es konkreter zu werden schien, setzte sich die bürokratische Maschinerie in Gang: Bauvor anfragen an Kommunen und Gemeinderäte und all die weiteren planerischen Notwendigkeiten. Aber zunächst zerschlugen sich alle Vorhaben wieder – das Passende war einfach nicht dabei. Dann die Nachricht aus Linach, die das Ehepaar aufhorchen ließ: Durch einen Bekannten erfuhren sie, dass der Michelhof zum Verkauf stünde. Gleich nach den ersten Gesprächen mit der bisherigen Besitzerin war klar: Das passt einfach! Das Konzept, das die Fischbachs vorlegten, ver- fing sowohl bei der Bank in Sachen Finanzierung als auch bei Angelika Brenner, die den Hof jahrzehn- telang bewohnt und gemeinsam mit ihrem Mann Horst geführt hatte. „Sie fand uns gut“, freut sich Urs Fischbach. Die Chemie stimmte derart, dass er und seine Frau das Anwesen im Frühjahr 2021 erwerben konnten. Für Ute und Urs Fischbach war klar: Der Michelhof, das ist es! Hier oben im Tal in Alleinlage mit genügend Platz drumherum kann das Ehepaar seine Träume verwirklichen. Danach ging die Arbeit allerdings erst richtig los. Und sie wird den Fischbachs so schnell nicht ausge- hen. Im Jahr 2022 setzten sie sich die Sanierung und naturnahe Anlage des Campingplatzes mit neuen Anschlüssen zum Ziel, und ab dem Jahr 2023 folgt der Innenausbau des Hofgebäudes, das neben den Wohn- bereichen auch noch ein Schlaflager im Dachgeschoss und weitere Ferienwohnungen bekommen soll. Zu- dem soll es für das alte Bauernhaus ein neues Dach und neue Fenster geben. Und für den Außenbereich wünschen sich die Betreiber dann auch noch zwei neue, schindelgedeckte Tiny-Häuser. Im Corona-Sommer den Betrieb aufgenommen Am 3. Juli 2021 – es war der Corona-Sommer, in dem es zeitweise Lockerungen gab und auch die Gas- tronomie und ähnliche Einrichtungen wieder öffnen durften – ging das Haus in Betrieb. Einen Tag vor der offiziellen Eröffnung waren aber erst mal noch beson- dere Gäste eingeladen, sich das Ganze in Ruhe anzu- schauen: ausschließlich die Linacher nämlich. „Zwei Drittel des Ortes waren da”, lächelt Urs Fischbach. Die Charmeoffensive, die er und seine Frau gestartet hatten, zeigte Wirkung: Die beiden Zum Wilden Michel 285

 

 

 

Im Wilden Michel gibt es in der Gaststube einen gemütlichen Kachelofen, wird viel Wert auf einen ansprechend geschmückten Außenbereich gelegt und werden vor allem sämtliche Kuchen selbst gebacken. hatten jeden Hof im Tal abgeklappert und überall ge- klingelt, um die Nachbarschaft einzuladen. „Uns war es wichtig, dass alle sehen können, was wir machen”, setzte das Paar von Anfang an auf Offenheit und Transparenz. Urs Fischbach ist zweifelsohne ein besonderer Typ und er hat ganz offensichtlich viele Talente: Er ist Ideengeber, Macher, Unternehmer, Kommunikator, ein „schaffiges Kerlchen“, wie er selbst sagt. Einer, der Dinge anpackt, der gerne etwas ausprobiert, sich freut, wenn es gelingt, aber doch auch gelassen ge- nug scheint, es hinzunehmen, wenn mal etwas nicht so läuft wie geplant. Ein Optimist – und Nerven-Be- wahrer. Sein Motto: heitere Gelassenheit. Das Pensum, das er, seine Frau und ihr ganzes Team „abreißen“, ist amtlich: Neben der (Um-)Bau- planung und behördlichen Anforderungen ist da auch noch der ganz normale Tagesbetrieb, zum einen, was den Campingplatz angeht. Ein Gast kommt rein und braucht eine Duschmarke? Kein Problem: Der Chef drückt sie ihm in die Hand, parliert ein paar Worte auf Spanisch mit dem Touristen, erklärt ihm, wie die Dusche funktioniert und wünscht ihm noch einen schönen Abend. Woher er Spanisch kann? Seine Schwester lebt in Spanien und hat einen Part- ner – und der und seine Freunde sprechen eben nur Spanisch, also lernt er es halt einfach selbst über eine Sprach-App. „Jeden Morgen eine Viertelstunde – da kommt man schon ganz gut zurecht“, erklärt er, wie auch das noch in den vollen Tagesplan reingequetscht wird, ohne dass spürbarer Stress aufkomme. Das Prinzip ist klar: Wer Sachen nicht ausprobiert, wird nie wissen können, ob sie klappen oder nicht. 15 Personen haben Lust ‚mitzumicheln‘ Im Hof selbst bauen sich Ute und Urs Fischbach für ihre kleine Familie eine Wohnung aus und für die Eltern von Ute Fischbach entsteht in dem großen Gebäude ein barrierefreies Appartement. Dann wäre da außerdem noch die Betreuung der 286 Gastlichkeit

 

 

 

Ansichtskarte des Michelhofs aus den 1980er-Jahren. Schon von 1299 an gab es an der Stelle des heutigen „Wilden Michel“ einen Bauernhof. 1802 fiel dieser jedoch ei- nem Feuer zum Opfer. Das staatliche Anwesen wurde ein Jahr später wieder aufgebaut – und zwar von dem Linacher Michael Grieshaber – „Michel“ genannt. Von nun an gab es in Linach einen „Michelhof“. dann kamen hier bis 1990 auch Schulklassen im Landschulheim unter. Vor dem Haus wurde der Zeltplatz und drinnen Studentenzimmer und Ferienwohnungen eingerichtet. Zur Michelhof-Geschichte 1814 wurde Georg Rießle als Besitzer ge- nannt. Damals zählte Linach 227 Seelen, die in 34 Häusern wohnten. Von 1930 an wurde das Anwesen mehrfach verkauft, der Hof wurde von Pächtern bewirt- schaftet. Rosine und Nikolaus Brenner, ein Ehepaar, das aus Donauschwaben stammte, kaufte den Michelhof im Jahr 1955 und ließ sich hier nie- der. Zuletzt bewirtschafteten ihr Sohn Horst und dessen Ehefrau Angelika seit 1976 das An- wesen. Sie legten den Fokus nicht auf die reine Landwirtschaft, sondern setzten andere Ideen um. Erst wurde der Hof als Pension geführt, 1979 eröffnete die Familie Brenner in dem Hof eine Gaststätte. Die urige Vesperstube ziert eine Kassettendecke mit 79 vom Linacher Uhren- schildmaler Karl Straub bemalten Kacheln – eine echte Rarität. Karl Straub zählte zu den letzten Uhrenschildmalern im Schwarzwald und hat hier seine ganze Motivvielfalt ver- ewigt, die man auch von seinen Uhrenschil- dern her kennt. Horst Brenner kam dann vor rund 20 Jah- ren bei einem Waldunfall ums Leben. Seine Witwe Angelika führte den Betrieb viele Jahre weitgehend alleine weiter. 2021 stand fest, dass der Hof altershalber verkauft wird. Zum Wilden Michel 287

 

 

 

Wir arbeiten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wunderschön. Ferienwohnungen im Haus und das Betreiben der Vesperstube: Alle Kuchen werden selbst gebacken, das Essen vom Speckvesper bis zum Eintopf wird frisch zubereitet. Fast alle auf dem Hof sind ausnahmslos keine gelernten Gastrofachleute, dafür aber umso euphorischere Autodidakten. Der Rest der recht großen Hausgemeinschaft hat sich übrigens ziemlich schnell gefunden: Eine sehr gute Freundin der Fischbachs entschloss sich kurzer- hand, im Betrieb mitzuarbeiten und im Haus mit ein- zuziehen, genau wie die Eltern von Ute Fischbach, die gerade ihren Ruhestand angetreten hatten. Von Juni bis Dezember 2021 fanden sich dann noch weitere Mitstreiter. „Innerhalb von sieben Monaten haben wir neun Umzüge gemeistert“, erinnert sich Urs Fisch- bach und grinst: Auch das haben sie alle gemeinsam geschafft. Mittlerweile wohnen 15 Personen in dem Haus, darunter eine Studentin und zwei Studenten, die im Hof jeweils ein kleines Appartement gemietet haben. Der Jüngste im Haus ist der kleine Oskar mit seinen drei Lenzen, der Älteste zählt 65 Jahre. Sieben der Hausbewohner gehören zum Kernteam im Be- trieb des „Wilden Michel”. Rasantes Internet „fernab der Welt“: Auf Starlink folgt Breitband Zwei, drei Mal in der Woche wird gemeinsam gekocht und wer Lust hat, kommt zum Essen und Plaudern am großen Tisch in der Stube zusammen. „Ich möch- te Leute hier haben, die Lust haben, ‚mitzumicheln‘, erklärt Urs Fischbach das einfache, aber wirkungsvol- le Prinzip. Für das Zusammenleben wurden ein paar Grundregeln aufgestellt, aber im Großen und Ganzen geht es doch recht locker und gelassen zu. Übrigens hat die Gemeinschaft auch noch ein paar tierische Mitbewohner: Drei Hunde und vier Katzen und ein paar fleißig Eier legende Hühner sollen auch noch dazukommen. Die wiederum brauchen zwar überhaupt kein Glasfaser-Internet, um ein glückliches Leben zu füh- ren. Die menschlichen Mitbewohner und die Gäste würden sich dann aber doch darüber freuen, schließ- lich leben sie hier zwar wie gesagt ziemlich ab vom Schuss, aber eben keinesfalls hinterm Mond. Gut al- so, dass im Linachtal nun das Breitband verlegt wur- de. Bis das so weit war, musste sich Urs Fischbach et- was anderes überlegen, denn für den Betrieb ist der Internetanschluss extrem wichtig. Ohne ihn wäre ein solches Unternehmen schlichtweg verloren. Was also tun? Kurzerhand wurde bei Elon Musk „gebucht“ und das Netz via Starlink anfangs aus dem Weltall geholt. Enormes Interesse der Medien: Schon mehrfach im Fernsehen Im Betrieb wird definitiv mit der Zeit und den mo- dernen Medien gegangen: Auch dieses Haus braucht Marketing und das klappt – versehen mit der wilden Michel-Marke passend zum aufgefrischten Schwarz- wald-Image generell – unter anderem bestens über Social Media wie Instagram und Facebook und über die eigene Webseite. Ein besonderer Ort in besonde- rem Umfeld – das kommt ganz offensichtlich bestens bei der Netzgemeinde an. Auch in anderen überregi- onalen Medien ist man auf das Schwarzwälder Pro- jekt aufmerksam geworden – im Magazin „Discover Germany“ konnte man eine Geschichte drüber lesen, auch das SWR-Fernsehen berichtete schon mehrfach über das Michel-Projekt und seine Macher, genau wie der Deutschlandfunk in einer eigenen Reportage. Das Team ist weiter voller Tatendrang. „Wir arbei- ten jetzt zwar viel mehr als vorher, aber es ist wun- derschön“ – sagen die Fischbachs und bereuen ihren Schritt jedenfalls bislang kein winziges Bisschen. Sie wollen hier noch viel bewegen – und dabei das Motto nicht vergessen: Herzlich soll es sein. Und heimisch. Und wild halt. Ute und Urs Fischbach mit Sohn Oskar und einem Teil des Teams. Hinten links die Eltern der Gastwirtin, die im Wilden Michel ihren Alterssitz eingerichtet haben und sich vielfach für das Projekt engagieren. 288 Gastlichkeit

 

 

 

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Mit Herz und Hand – der Löwen in Brigachtal Die Gastwirtsfamilie Bertsche ver- spricht Gastlichkeit, die man fühlt und Qualität, die man schmeckt. Ihr Traditionsgasthaus Löwen in Brigachtal ist als vorzügliche kulinarische Adresse weithin be- kannt. Der Gasthof befindet sich in der bereits vierten Generation in Familien besitz und wurde vor kurzem umfassend saniert und er- weitert. Nicole und Rainer Bertsche freuen sich: „Das Zusammenspiel moderner Architektur mit unseren historischen Räumlichkeiten sorgt für ein einzigartiges Restaurant- erlebnis mit besonderem Flair.“ von Josef Vogt Das Gebäudetrio Löwen, Pfarrhaus und Kirche (oben, angeschnitten). Gut ersichtlich ist der neu gestaltete Außenbereich des Löwen.

 

 

 

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Familie Bertsche: Rainer und Nicole mit ihren Kindern Hannes und Leni. Zusammen mit der Kirche St. Martin und dem davor stehenden ausladenden Pfarrhaus bildet das Gasthaus Löwen ein Gebäudetrio, dem man schon von außen ansieht, dass es in enger geschichtlicher, aber auch funktionaler Sicht zu- sammengehören muss. Immer wieder wurde sogar behauptet, dass es im Mittelalter vom Löwen zum Pfarrhaus einen unterirdischen Gang gegeben hätte. Außen wie innen sieht man es dem Gasthaus an, dass es eine lange und entsprechend bedeutsame Geschichte vorzuweisen hat und dass sich hier schon viele Generationen an Wirtsleuten in den Dienst der Bewirtung der Einwohner rund um das Brigachtal sowie der Besucher und Durchreisenden gestellt haben. Eines gilt als sicher, der Löwen hatte im Mittel- alter die Funktion eines Kelmhofes, in dem die Ver- treter der Lehensgeber jährlich zusammenkamen, um die Zehnten für die jeweiligen geistlichen bzw. fürstlichen Herrscher über das Brigachtal abzuholen. Die erste urkundlich belegte Konzession für eine Realwirtschaft wurde für Josef Weißhaar von Fürst Joseph Wenzel zu Fürstenberg-Stühlingen im Jahr 1766 erteilt. Außerdem wurde dort von Zeit zu Zeit auch ein Gerichtstag abgehalten, bei dem Verträge geschlossen und Recht gesprochen wurde. Belegt ist weiter, dass in einem Stall Fuhrleute, die auf der so- genannten Sieben-Hügel-Straße, die auch am Löwen vorbei führte und ein Teilstück des Handelsweges von Frankfurt nach Schaffhausen war, ihre Gespanne wechselten und die Pferde unterbringen konnten. Zunächst Mitarbeiter beim Finanzamt Heute sind es die Wirtsleute Nicole und Rainer Bertsche, die sich zusammen mit zwölf festangestell- ten Mitarbeitern um das Wohl der Gäste kümmern, die größtenteils sowohl aus Brigachtal wie auch aus den umliegenden Städten und Ortschaften kommen. Dass Rainer Bertsche einmal Wirt des Löwen werden sollte, den sein Urgroßvater 1927 einem Vorbesit- Ein Gasthaus mit bedeutsamer Geschichte – seit fast 400 Jahren werden hier Einwohner und Reisende bewirtet. 292 Gastlichkeit

 

 

 

zer abkaufen konnte und den seine Mutter Brigitte Bertsche abgesehen von einer kürzeren Unterbre- chung von 1976 bis 2008 zusammen mit Ehemann Franz führte, war anfänglich nicht geplant. So ab- solvierte der heute 48-jährige Rainer zunächst eine Lehre als Finanzwirt beim Finanzamt. Neue Ausrichtung 1995 entdeckte Rainer Bertsche die Liebe zur professionellen Küche und ließ sich im Öschberghof zum Koch ausbilden. Danach ging er auf Wander- schaft durch verschiedene Häuser, um jenes Wissen und Können zu vertiefen, das einen erfolgreichen Gastwirt ausmacht. Mit der Prüfung zum Hotelbe- triebswirt an der Hotelfachschule Dortmund schloss er die Lehr- und Wanderjahre ab und kehrte nach Brigachtal in den elterlichen Betrieb zurück. Seine Frau Nicole, mit der er seit 2005 verhei- ratet ist und die heute die Rolle der Gastgeberin im Löwen ausübt, hatte zunächst keine klassische Aus- bildung in der Gastronomie. Nach ihrem Studium als Verwaltungsbetriebswirtin war sie mehr als 20 Jahre in der Finanz- und Personalverwaltung der Kur- und Bäder GmbH in Bad Dürrheim tätig. Das Bewirten von Menschen hat sie sich mehr beiläufig beige- bracht, da sie in ihrer Jugend regelmäßig in der Gast- wirtschaft ihrer Tante aushalf. Von dem Aufgabens- pektrum, die der Betrieb des Löwen bereit hält, ist sie für die Buchhaltung, die Organisation der Reservie- rungen und des Personaleinsatzes sowie für die Ko- ordination des Gästeservice zuständig. So kann sich ihr Mann Rainer voll auf die Planung der Angebote, das Kochen und das Catering konzentrieren. Große Investitionen in die Zukunft „Das Haus kann den Eigentümer nur ernähren, wenn auch dieser seinen Dienst am Haus tut“, diesen Leitspruch seiner Mutter, die fast 30 Jahre den Löwen mit ihrem Mann Franz führte, haben sich auch Rainer und Nicole Bertsche, die den Löwen in vierter Generation betreiben, zu eigen gemacht. So entschlossen sie sich 2018 das Gasthaus durch umfangreiche Umbaumaßnahmen zukunftsfähig zu machen. Dabei stellte sich die Aufgabe: Wie lässt sich ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude so umbauen, dass die Gästeräume barrierefrei Rainer Bertsche ist ausgebildeter Koch und vertiefte sein Wissen und Können in verschiedenen Restaurants, bevor er zum elterlichen Betrieb zurückkehrte. nutzbar, das Raumkonzept so flexibel gestaltbar ist, dass unterschiedliche Feiern störungsfrei nebeneinander stattfinden können und die Produktionsräume so gestaltet sind, dass das Personal dort in maximaler Effizienz aber gleichzeitig unter bestmöglichen Arbeitsbedingungen arbeiten kann? Die Herausforderung war dabei, dass die Forderungen der Denkmalschützer und die Auflagen für die zeitgemäße Betriebs- und Arbeitssicherheit zusammenpassen müssen. Dank der guten Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 293

 

 

 

Die neu geschaffene windgeschützte und bei Bedarf beheizbare Terrasse bietet rund 100 Plätze. Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt gelang es, neue technische Anforderungen und die bestehende Substanz gut miteinander zu verbinden. Der schützenswerte Charakter des historischen Löwen wurde beibehalten und das „Neue“ so integriert, dass es sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügte. Barrierefreiheit für die Gäste Nach rund zwei Jahren Umbau präsentiert sich die Küche mehr als doppelt so groß und mit modernster Technik ausgestattet. Deutlich vergrößern konnte man auch das Raumangebot im Innenbereich. Die größte Neuerung besteht darin, dass vor dem Gasthaus über 1.000 Kubikmeter Erdreich abgetra- gen und somit Platz für ein Nebengebäude geschaf- fen wurde. Auf dem Oberdeck des Anwesens befindet sich nun eine windgeschützte, gut zu beschattende und bei Bedarf beheizbare Terrasse mit rund 100 Plätzen. Durch den Einbau eines Personenaufzuges ist der Löwen auch für gehbehin- derte Gäste ohne Probleme zugänglich. Insgesamt wurden rund 2,1 Mill. in die Hand genommen. Damit dürfte der Löwen nun wieder auf längere Zeit den Herausforderungen einer zeitgemäßen Gastronomie entsprechen und vielleicht den beiden Kindern Leni und Hannes die Basis für eine weitere Wirte-Genera- tion sein. Die gastronomische Philosophie Seine Beliebtheit verdankt der Löwen sicher seiner auf den Gast ausgerichteten Grundphilosophie, die darin besteht, dass das Angebot die Bedürfnisse der Gäste aufgreift und eine verlässliche Qualität offeriert, die für eine gute Balance zwischen Preis und Leistung sorgt. Dazu setzt Küchenchef Rainer Bertsche auf Regionalität und Saisonalität bei Fisch, Wild, Schlachtfleisch, Geflügel, Obst und Gemüse, die er für die bekannten und bei den Gästen beliebten Speisen verwendet. Zu den Klassikern der Löwen- Speisekarte gehören seit vielen Jahren neben Wiener Schnitzel oder dem Brigachtaler Schlemmerteller auch das Schweinerückensteak nach Schwarzwälder Art sowie ein rosa gebratenes Hirschrücken steak mit einer Kruste aus Meerrettich und Preiselbeeren. Bei den Fischgerichten dominieren Gerichte mit Forelle, Saibling oder Zander. Aber auch haus gemachte Kartoffelgnocchi mit Ruccolapesto und Fetakäse oder eine der zahlreichen Nudelspezialitäten ergänzen das Angebot. Wem es nach Süßem ist kann beispielswei- se wählen zwischen Fünferlei Süßes im Mini-Weck- glas, Pannacotta auf Rhabarber-Erdbeer- Grütze mit 294 Gastlichkeit

 

 

 

Ein Großteil der Löwengäste sind Stammgäste. Im Löwen werden die Bedürfnisse der Gäste aufgegriffen und eine verlässliche Qualität offeriert. Baiser und Minzpesto, hausgemachter Crème Brûlée mit paniertem Vanilleeis oder Mousse variation von heller und dunkler Schokolade. Dass ein Großteil der Löwengäste Stammgäs- te sind, die im Regelfall mindestens vier Mal im Jahr einen Tisch buchen, bestätigt die Richtig keit des Angebotes. Nach wie vor ein Renner sind die „Schlemmer“- Büffets, die im Herbst zur Schlachtzeit, im Frühjahr zur Spargel- und Erdbeerzeit und im Sommer mit mediterranen Pastaspezialitäten ange- boten werden und in aller Regel schnell ausgebucht sind. Natürlich versucht der vorausschauende Küchen- chef Bertsche auch die Wünsche der Gäste nach be- sonderen Ernährungsformen aufzugreifen und in sein Angebot zu integrieren. So haben vegane und vegeta- rische Gerichte schon seit längerer Zeit einen festen Platz auf der Speisekarte und sind durch eine entspre- chende Kennzeichnung auch leicht zu erkennen. Löwen-Catering ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept Auf den Stationen seiner beruflichen Aus- und Weiterbildung zum Koch kam Rainer Bertsche auch in Betriebe, die sich auf den „Service außer Haus“ spezialisiert hatten und lernte das dazu notwendige Know-how. Nachdem er wieder in den Löwen zurückgekehrt war, kaufte er sich eine professionelle Nudelmaschine und produzierte damit zunächst verschiedene Sorten Teigwaren, mit denen er das Angebot im Löwen bereicherte. Aus den zaghaften Versuchen mit Pasta-Büffets mit mehreren Soßen, die er zu verschiedenen Anlässen außerhalb des Löwen lieferte, entwickelte sich bald eine rege Nachfrage, die mehr und mehr das Angebot im Restaurant ergänzten. Heute hat sich das Löwen- Catering zu einem festen und einträglichen Stand- bein im gastronomischen Portfolio entwickelt und macht inzwischen etwa die Hälfte des Geschäfts- volumens aus. Bewirtung der Donauhallen, des Rottweiler Kraftwerkes – von Ton- und Neckarhalle Neben der Belieferung und Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events, die in unterschiedlichen Lokalitäten der Auftraggeber ausgeführt werden, Das Gasthaus Löwen in Brigachtal 295

 

 

 

Die Bewirtung von privaten und geschäftlichen Events ist ein wichtiges Standbein im gastronomischen Konzept. „Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat.“ gehören auch immer mehr solche dazu, die bei be- stimmten Anlässen nach vertraglichen Bedingungen die Bewirtung der Besucher gewährleisten. So be- wirtet das Löwen-Catering-Team die Donauhallen in Donaueschingen, das Kraftwerk in Rottweil sowie die Ton- und die Neckarhalle in Villingen und Schwen- ningen. Wer in der Gastronomie erfolgreich sein will, braucht nicht nur ein gefragtes Angebot. Noch wichtiger ist ein motivierter Mitarbeiterstamm, der das Arbeiten mit dem Gast gerne annimmt, so die Personalchefin Nicole Bertsche. Es ist nicht leicht, Mitarbeiter für die Gastronomie zu gewinnen, da naturgemäß die Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende anfallen. Umso wichtiger sei es, dass die Mitarbeiter, die in der Gastronomie tätig sind durch möglichst gute Bedingungen bei der Stange gehalten werden, so die Chefin weiter. Frägt man die Mitarbeiter nach diesen Bedingungen, dann ant- worten diese fast unisono: Wir haben eine planbare Freizeit, da der Löwen schon seit vielen Jahren zwei Ruhetage pro Woche und festgelegte Urlaubszeiten eingerichtet hat. Außerdem werden alle Arbeitszei- ten, die über die Regelarbeitszeit hinausgehen als Überstunden entweder durch Freizeit oder Entgelt ausgeglichen. Wichtig für die Mitarbeiter ist jedoch auch, dass ihnen Freiräume zugestanden werden. Der Löwen ist eine Herzensangelegenheit Man merkt es im Gespräch und beim Rundgang durch die Räume, dass der Löwen nicht nur ein gastrono- misches Projekt, sondern eine Herzensangelegenheit von Nicole und Rainer Bertsche ist, das sie mit viel Engagement betreiben und auf Erfolgskurs halten wollen. Dazu ist ihnen wichtig, dass sie mit ihrem Speisen- und Getränkeangebot, das aus traditionellen Gerichten der gehobenen badischen Küche – er- gänzt mit leichten, mediterranen Speisen und einem vielfältigen, regional ausgerichteten Getränkeange- bot – den Geschmack der Gäste treffen. Dabei kommt ihnen zur Hilfe, dass sie durch gute Mitarbeiter einen überdurchschnittlichen Service für die Gäste bieten können, die im Löwen ein Fest oder einfach nur so einen schönen Tag feiern wollen. Der Löwen ist und bleibt ein Genussort mit langer Tradition. Das historisch-moderne Ambiente des Innenraums lädt zum Verweilen ein. Unten: Gasthaus Löwen bei Nacht. 296 Gastlichkeit

 

 

 

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Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Landesbauerntag in St. Georgen Bauern und Politik demonstrieren Einigkeit Hohen Besuch hatte aus Anlass des Landesbauerntages des BLHV am 25. September die Stadt St. Geor- gen: All jene, die sich üblicherweise mit Inbrunst beharken – Politik, Bauern, Umweltschützer und Verbände – demonstrierten bei dieser Veranstaltung in der Stadt – halle der Bergstadt vor allem eines: Einigkeit. Für die großen Probleme unserer Zeit, wie die sich abzeich- nende Versorgungskrise, die Nachhaltigkeit oder der Umwelt- und Tierschutz, wolle man „aktiv Lösungen aufzeigen“, sagte Bernhard Bolkart, der seit knapp einem Jahr Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptver- Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit den Landfrauen von St. Georgen. bands (BLHV) ist, in seiner ersten Grundsatzrede. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) machte den Landwirten Hoffnung, „aus einer längeren Dauerkonfron- tation“ bei manchen Themen herauszukommen. Viel Lob gab es für die Landfrau- en von St. Georgen, auch durch den Ministerpräsidenten. „Wir Landfrau- en sind die Frauen vom Land. Das heißt nicht, dass bei uns nur Frauen Mitglied sein können, die eine eigene Landwirtschaft haben“, informierte Renate Schreiber. Sie gehört zum Dreier-Vorstandsteam der Landfrauen. Aktuell betreibt nur etwa ein Drittel der 62 Mitglieder Landwirtschaft. Groß ist auch das gemeinnützige Engagement, denn auf die Landfrauen ist stets Verlass, so Winfried Kretschmann. An Lebensretter Jürgen Hermann Bayern verleiht Christopherus- Medaille Jürgen Hermann aus St. Georgen konnte im September 2022 von Ministerpräsident Markus Söder die Christophorus-Medaille in Verbin- dung mit einer öffentlichen Belobigung entgegennehmen. Es ist der Dank für sein schnelles Eingreifen, mit dem er am Münch- ner Hauptbahnhof eine Rollstuhl- fahrerin aus einer vermutlich lebens be drohlichen Situation rettete. Der 37 Jahre alte Mechani- ker war im August 2021 mit seiner Familie in München, als er am Hauptbahnhof den Sturz der Rollstuhlfahrerin ins Gleis verhin- derte. Diese wollte in eine S-Bahn einsteigen, scheiterte jedoch und blieb am Bahnhof zurück. Als der Zug losfuhr, geriet ein Rad des Rollstuhls zwischen Bahnsteig und Zug – die Bahn schrammte in voller Länge an der feststeckenden Rollstuhlfahrerin vorbei. In dem Moment, in dem sich der Rollstuhl vom Zug löste, ergriff Hermann dessen Handlauf und zog die Frau zurück auf den Bahnsteig. Jürgen Hermann erhielt von Minister- präsident Söder für seine Lebensret- tungsaktion die Christopherus-Medaille. 298 Magazin

 

 

 

57 Tage im Wasser: Andreas Fath schwimmt 2.700 Donau-Kilometer Tag für Tag näherte er sich seit dem 19. April 2022 schwimmend seinem Ziel, dem Schwarzen Meer, das er am 17. Juni 2022 auch erreichte: Prof. Dr. Andreas Fath schwamm 2.700 Kilometer für eine plastikfreie und saubere Donau. Der Professor für Chemie an der Hochschule Furtwangen bewältigte insgesamt 57 Schwimmtage mit 40 bis 60 Kilometer Strecke. Meist teilte sich Andreas Fath die Tage in drei Etappen ein, eine am Vormittag und zwei am Nachmittag. Dazwi- schen hielt er sich an Bord des Begleitschiffes MS Marbach auf, das als schwimmendes Labor und Hotel für das Begleitteam diente. Der Schwimm-Marathon der ganz besonderen Art begann in Süddeutschland und führte dann durch Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien und Serbien, Rumänien und Bulgarien. Die Prof. Dr. Andreas Fath beim Projekt- start an der Donauquelle in Furtwangen Donau fließt durch die Hauptstädte Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad, der Fluss verbindet Staaten. Hier treffen nationale Regelungen aufeinander, die auch im Flusswasser ablesbar sind. „In Belgrad war das Wasser so schmut- zig, dass ich im Stadtgebiet nicht geschwommen bin, sondern an Bord unseres Begleitschiffes war“, berichtet Andreas Fath. Die Millionenstadt Belgrad leitet ungeklärtes Abwasser in den Fluss. Das stundenlange Schwimmen ist anstrengend, aber nur Mittel zum Zweck. Ziel ist die Aufmerksamkeit in den Donauanrainerländern für den Umweltschutz zu erhöhen. „Der Bau von Kläranlagen, das Recycling von Plastikmüll, das sind Themen, die in manchen Ländern noch nicht weit vorangetrieben wurden“, sagt Fath. „Darauf möchten wir mit der Schwimm- Aktion aufmerksam machen.“ Das Interesse der Medien am schwimmenden Professor war sehr groß, heißt es in einer Mitteilung der Furtwangen University weiter. Auch Baden-Württembergs Umweltministerin Thekla Walker schwamm in Ulm mit Andreas Fath in der Donau, Sloweniens Umwelt- minister Jan Budaj hieß ihn in Bratis lava willkommen. Auch Fernsehauftritte gab es. Weitere Sichtungen Der Wolf ist im Landkreis mehrfach bestätigt Es hat an Weihnachten 2017 mit der Sichtung eines Wolfes an der Landstraße in Hammereisenbach begonnen, mittlerweile sind Wolfsichtungen im Schwarzwald und Schwarzwald-Baar-Kreis keine Besonderheit mehr. Erstmals allerdings belegte ein gerissenes Kalb in Vöhrenbach, dass Wölfe im Landkreis unterwegs sind. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass ein Wolf im August des Jahres das Kalb angegriffen hat, heißt es dazu aus dem Umweltministerium des Landes Baden-Württemberg. Wolfssichtungen gab es im Jahr 2022 in unserer näheren Umge- bung zudem in Simonswald, Schonach, Schönwald und Eisen- bach. Sowohl für Vöhrenbach als auch Simonswald wurde ein Wolf der Alpenpopulation oder italieni- sche Population genetisch nachgewiesen. Meist gelingt die Sichtung der scheuen Tiere jedoch nur über Fotos, die Wildkameras aufnehmen. Erik Pauly erreicht 98 Prozent der Stimmen Mit 98,2 Prozent der Stimmen wurden Erik Pauly im De zember 2021 im Amt des Oberbürgermeis- ters von Donau- eschingen bestätigt. In Corona- Zeiten lag die Wahlbeteili- gung bei 25 Prozent. Erik Pauly tritt damit seine zweite Amtszeit an, Oberbürgermeister von Donau- eschingen ist er seit 2014. Magazin 299

 

 

 

Kreisübergreifender Großeinsatz Katastrophenschutz- Übung an der Linachtalsperre Rund 250 Einsatzkräfte der Feuerweh- ren, des DRK, des Malteser Hilfsdiens- tes und des THW aus den Kreisen Freiburg, Konstanz, Schwarzwald-Baar und Waldshut haben am Samstag, den 15. Oktober an einer Katastrophen- schutzübung an der Linachtalsperre in Vöhrenbach teilgenommen. Koordi- niert wurde die kreisübergreifende Übung vom Regierungspräsidium Freiburg (RP) als höhere Katastrophen- schutzbehörde gemeinsam mit dem Landratsamt des Schwarzwald- Baar- Kreises als untere Katastrophenschutz- behörde. Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und der Erste Landes- beamte des Landratsamts Schwarz- wald-Baar-Kreis, Martin Seuffert, machten sich vor Ort ein Bild von der Zusammenarbeit der Einsatzkräfte. Beeindruckt von Professionalität Regierungspräsidentin Schäfer zeigte sich beeindruckt von der hohen Professionalität der Einsatzkräfte: „Für schnelle und effiziente Hilfe bei großen Schadensereignissen ist eine solide Planung des überörtlichen Einsatzes von Einheiten des Katastro- phenschutzes unabdingbar. Die heutige Übung hat gezeigt, dass das Konzept der kreisübergreifenden Hilfeleistung des Regierungspräsidi- ums praxistauglich ist und zur Bewältigung einer solchen Lage beiträgt.“ Schäfer bedankte sich bei allen Ehrenamtlichen des Katastro- phenschutzes für ihren Einsatz für die Sicherheit der Gesellschaft. Martin Seuffert hob hervor, wie wichtig diese kreisübergreifende Katastrophenschutzübung für die 300 Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer (Mitte) informierte sich vor Ort zum Hin- tergrund der Großübung. Links Grünen-Landtagsabgeordnete und Linacherin Martina Braun, hinten der Vöhrenbacher Bürgermeister Heiko Wehrle. Magazin

 

 

 

Von oben links: Rettung von Verletzten nach einer angenommenen Explosi- on, Blick in die Einsatzzentrale, Aufbau einer Notwasserversorgung und der Behandlungsplatz für die Versorgung von „Verletzten“ am Fuß der Talsperre. Blaulichtfamilie zum jetzigen Zeit- punkt war: „Vor allem die Zeit während der Corona-Pandemie stellte unsere Einsatzkräfte vor eine große Herausforderung. Übungen waren in dieser Form nicht möglich. Jetzt wieder nach langer Zeit die Gelegen- heit zu haben, sich bei einer Übung, die sogar kreisübergreifend organisiert wurde, abzustimmen, war sehr wertvoll.“ „Wassermangel und Explosion“ Dem Drehbuch der Übung zufolge hatte eine lang anhaltende Trocken- heit zu einem Mangel an Brauchwas- ser geführt. In der Folge drohte auf Bauernhöfen Vieh zu verdursten. Gleichzeitig kam es auf einer Veran- staltung bei der Linachtalsperre zu einer Explosion mit mehreren Verletzten. Aufgrund des lang anhaltenden Einsatzes kamen die örtlichen Einsatzkräfte des Schwarz- wald-Baar-Kreises technisch und personell an ihre Grenzen. Deshalb war schnelle und strukturierte Unterstützung aus anderen Landkrei- sen notwendig. (Quelle: Pressetext Regierungspräsidium Freiburg) Magazin 301

 

 

 

Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 30.06.2021 30.06.2022 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen Bad Dürrheim St. Georgen Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Königsfeld Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Dauchingen Vöhrenbach Tuningen Mönchweiler Unterkirnach Schönwald Gütenbach 87.571 22.468 13.636 13.047 10.193 8.973 7.998 6.081 6.054 5.985 5.170 4.700 4.009 3.888 3.708 3.164 3.016 2.643 2.613 1.141 86.099 22.138 13.404 13.016 10.123 8.890 7.890 5.977 5.942 5.927 5.165 4.715 4.003 3.829 3.761 3.054 2.958 2.584 2.534 1.131 1.472 330 232 31 70 83 108 104 112 58 5 -15 6 59 -53 110 58 59 79 10 2.945 1,68 1,47 1,70 0,24 0,69 0,92 1,35 1,71 1,85 0,97 0,10 -0,32 0,15 1,52 -1,43 3,48 1,92 2,23 3,02 0,88 1,36 Kreisbevölkerung insgesamt 216.085 213.140 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2022 30.06.2021 30.06.2020 3,6 % 3,9 % 4,7 % 3,5 % 3,9 % 4,4 % 5,2 % 5,7 % 6,2 % Quelle: Agentur für Arbeit Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland wurde im Juni 2022 ausgezeichnet: Christa Gisela Lörcher (Villingen-Schwenningen) Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2022 ausgezeichnet: Dieter Löffelhardt (Brigachtal), Horst Hettich (Furtwangen), Egon Bäurer (Hüfingen), Jürgen Gampp, Hans Wolfgang Henschke, Manfred Herzner, Matthias King, Irmgard Liebert und Ulrike Lichte (alle Villingen-Schwenningen) 302

 

 

 

Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Binninger, Silvia, 78166 Donaueschingen Bury, Tanja, 78073 Bad Dürrheim Dickmann, Barbara, 78098 Triberg Dilger, Gerhard, 78120 Furtwangen Dold, Wilfried, 78147 Vöhrenbach Eich, Marc, 78050 Villingen-Schwenningen Flöß, Andreas, 78050 Villingen-Schwenningen Götz, Hans-Jürgen, 78086 Brigachtal Hockenjos, Wolf, 78166 Donaueschingen Karger, Klaus Peter, 78050 Villingen-Schwenningen Köhler, Ursula, 78050 Villingen-Schwenningen Maier, Dagobert, 78199 Bräunlingen Möller, Bernd, 78126 Buchenberg Reinauer, Elke, 78046 Villingen-Schwenningen Tritschler, Edgar H., 78048 Villingen-Schwenningen Schneider, Daniela, 78098 Triberg Sprich, Roland, 78112 Sankt Georgen Stifter, Michael, 78147 Vöhrenbach Strohmeier, Wilfried, 78073 Bad Dürrheim Vogt, Josef, 78086 Brigachtal Bildnachweis Almanach 2023 Titelseite: Daniela Maier, Skicrosserin aus Furtwangen, mit ihrer Bronzemedaille der Olympischen Spiele 2022. Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Rückseite: Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“ Fotografie: Wilfried Dold, Vöhrenbach Soweit die Foto gra fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des Beitrages oder sind die Bild autoren/Bildleih geber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind im Almanach vertreten: Wilfried Dold, Vöhrenbach: 2-3, 9-21, 30-31, 33, 50-73, 75-79, 80 ob., 81-91, 120, 124, 126, 132, 135, 180 mi., 181, 192 u., 207 re. u., 210, 211, 213, 215, 226-231, 235 ob., 236 ob., 236 u., 237, 239 ob., 240-242; Marc Eich, Villingen-Schwenningen: 23, 25, 27, 29, 112, 114 ob., 115 ob., 117 ob., 118 ob., 119, 246, 250, 251 u., 253 ob. l.,; Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis: 24; Hans-Jürgen Götz, Brigachtal: 32 ob., 36 u.r., 102-107, 108 r., 109-111, 291, 293 u., 295; Andreas Flöß, Villingen-Schwennin- gen: 32 u., 34-36, 37; 38 ob.; Katja Wickert, Niedereschach: 38 u., 39-41; Tobias Fröhner, Göppingen: 42; Luisenklinik, Bad Dürrheim: 45, 48; Wilfried Strohmeier, Bad Dürrheim: 46-47, Reha klinik Katharinenhöhe, Furtwangen: 49; Erich Marek, VS-Schwenningen: 62 u., 66 u. li., 70; Sammy Minkoff, Eching: 74; Nikolaus Arnold, Triberg: 80 u.; Michael Stifter, Vöhrenbach: 92-94, 96-101, 140-143, 148-149, 158-159, 163 u., 165, 167, 168-179, 180 ob., 278-280, 283 ob. li., 284 ob. re., 285 ob. li.; Patrick Bäurer, Hondingen: 108 li.; Selina Haas, Schonach: 114 u.; 117 u.; 118 u.; imago images/ GEPA pictures, Berlin: 122, 127, 129; Ski-Club Urach: 125; Roland Sprich, St. Georgen: 131, 134, 144, 152, 154-155, 298 ob., 299 ob., 300/301; Réne Lamb, Radolfzell: 136; Martin Granacher, Weilheim: 137-138; Nik van Veenen daal, Waldkirch: 139; Doniswald-Klinik, Königsfeld: 145-147; Hezel GmbH, Mönchweiler: 150-151, 153, 156-157; Wilhelm Stark Baustoffe GmbH, Villingen: 160-162, 163 ob., 164, 166; EGT Unternehmensgruppe, Triberg: 182-192 ob., 193-199; Ralf Brunner, Hamburg: 200, 206 ob.; FF-Archiv, Donaueschin- gen: 202-203, 207 li. u., 209; Andreas Wilts, Hüfingen: 204; Silvia Binninger, Donau eschingen: 205; Roland Sigwart, Hüfingen: 206 u., 218; Günter Ludwig, Königsfeld: 208; Studio Fräulein Graf, Donaueschingen: 216, 225; Frank Kleinbach, Stuttgart: 219, 224; Museum Art.Plus, Donau- eschingen: 220; Bernhard Strauss, Freiburg: 222-223; Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 232-234, 235 u., 236 mi., 239 u.; Gerhard Dilger, Furtwangen: 243-245, 251 ob., 252, 255; Bergwacht Furtwangen: 248-249, 253 ob. r., 254; Archiv dold.verlag, Vöhrenbach: 249, 287; Dagobert Maier, Bräunlingen: 256-263; Nico Pudimat, Rottweil: 264-267, 269-273; Die Burg, Aasen: 268; Dome Der Grosse Fotografie, Berlin: 276-277; Daniela Schneider, Triberg: 281, 284 ob. li., 286 ob., 286 mi.; Zum Wilden Michel, Furtwangen: 282, 283 ob. re., 285 ob. re., 286 u., 289; Josef Vogt, Brigachtal: 292 ob.; Löwen, Brigachtal: 292 u., 293 ob., 294, 296-297; Freiwillige Feuerwehr Vöhrenbach: 301 ob. r. 303

 

 

 

Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2023 BAUUNTERNEHMUNG VENTILATOREN Weißer + Grießhaber GmbH Vier weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. S Sparkasse Schwarzwald-Baar 304

 

 

 

„An der Brigach“ Neues Verwaltungsgebäude des Landratsamtes 8

 

 

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Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-948461-08-9
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›› Jahrbuch 2023 – Inhaltsübersicht

2Impressum
8Tiefgreifende Veränderungen warten auf uns – gehen wir sie gemeinsam und mit Zuversicht an!
Sven Hinterseh
10Impressionen aus Schwarzwald und Baar
Wilfried Dold

1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen

22Hilfe für die Ukraine – Von einem Krisenmodus in den nächsten
Marc Eich
30Neues Verwaltungsgebäude „An der Brigach“
Andreas Flöß
42Das Klinikschule der Luisenklinik – Für eine gute Zukunft der jungen Patienten
Wilfried Strohmeier

2. Kapitel / 50 Jahre Schwarzwald-Baar-Kreis

50„Ich bin zuversichtlich, dass sich unser Landkreis im Wettbewerb der Zukunftsregionenregionen behaupten kann“ – Im Gespräch mit Landrat Sven Hinterseh
Klaus Peter Karger und Wilfried Dold
62Momentaufnahmen aus einem Quellenland
Wilfried Dold

3. Kapitel / Da leben wir

92Romina Auer und Nikol Konta: „Ganz in Weiß“ – Wenn Mädchenträume wahr werden
Elke Reinauer
102Patrick Bäurer – Ein Leben mit dem Ball
Hans-Jürgen Götz
112Selina Haas – Tradition und Moderne kreativ verknüpft
Marc Eich
120Daniela Maier: Skicross-Weltelite aus dem Schwarzwald – Bronze bei Olympia
Silvia Binninger

4. Kapitel / Wirtschaft

132lehmann_holz_bauten – Modernes Wohnen mit dem ursprünglichsten aller Baumaterialien
Roland Sprich
140Die Klinik am Doniswald – Psychotherapie und Seelsorge
Barbara Dickmann
14875 Jahre Hezel GmbH – Vom Pionier zum hochmodernen Entsorgungsfachbetrieb
Roland Sprich
158Wilhelm Stark Baustoffe GmbH – Seit 90 Jahren ein solider Partner für Handwerker und Bauherren
Wilfried Strohmeier

5. Kapitel / Geschichte

168Der Stolz von Villingen – Die Münstertürme und ihr prachtvolles Geläut
Bernd Möller
182EGT – Auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Elektromobilität
Wilfried Dold
200Gedächtnis für die „Fürstenberger Lande“ – Das Fürstlich Fürstenbergische Archiv Donaueschingen
Edgar H. Tritschler

6. Kapitel / Kunst und Kultur

216Das Museum Art.Plus – Eine Geschichte über Kontinuität und Wandel in Architektur und Kunst
Ursula Köhler

7. Kapitel / Freizeit

226Mythen und Zauber der Wutachflühen
Wolf Hockenjos
242Schroffe Felsen, sanfte Höhen – Eine Wanderung bei Gremmelsbach und Windkapf
Gerhard Dilger

8. Kapitel / Vereine und Einrichtungen

246Bergwacht Furtwangen – Eine der ältesten Ortsgruppen im Schwarzwald
Gerhard Dilger
256Wenn Kinder der Natur und Tieren ganz nahe kommen – Der Bauernhofkindergarten in Waldhausen
Dagobert Maier

9. Kapitel / Gastlichkeit

264Feines erleben – Das Hotel-Restaurant „Die Burg“ in Aasen
Tanja Bury
276Zum Wilden Michel – “Wilde Welt“ im (fast) stillen Linachtal
Daniela Schneider
290Mit Herz und Hand – Der Löwen in Brigachtal
Josef Vogt

Anhang

299Almanach-Magazin
299Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen
303Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis
304Ehrenliste der Freunde und Förderer

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Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-948461-07-2
Lieferbar ab 25.11.2021


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›› Jahrbuch 2022 – Inhaltsübersicht

2Impressum
8Sehnsucht nach „normalem“ Leben
Sven Hinterseh
9Impressionen aus Schwarzwald und Baar
Wilfried Dold

1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen

20Und die Welt dreht sich weiter – auch im Schwarzwald-Baar-Kreis
Sven Hinterseh
29Die DreiWelten Card für Schwarzwald, Rheinfall und Bodensee
32Das Impfzentrum des Schwarzwald-Baar-Kreises in Villingen-Schwenningen
Marc Eich
44Der neue Ursprung der Donau entsteht – ein kurzer Baustellenbericht
Michael Koch

2. Kapitel / Da leben wir

50Bernhard Bolkart – Von Weihnachten und Gewissheiten
Tanja Bury
58Wilfried Straub – Ein Imker und seine 24 Bienenvölker
Barbara Dickmann
66Alaa (Ali) Hamo – Vollumfänglich in Deutschland angekommen
Hans-Jürgen Kommert
72Hannah Eckstein – Einzig wegen dieses Jobs
Barbara Dickmann

3. Kapitel / Wirtschaft

80WAHL – Führender Global Player der Haarschneidetechnik
Elke Reinauer und Wilfried Dold
94Energieversorgung Südbaar (esb) – Ein Energieversorger schreibt seit 35 Jahren Erfolgsgeschichte
Bernhard Lutz
102Gebr. Faller GmbH – Die ganze Welt im Modellbaumaßstab
Roland Sprich

4. Kapitel / Villingen-Schwenningen

11050 Jahre im Zeichen des Bindestrichs – Eine (kritische) Bestandsaufnahme einer nicht immer einfachen Städteehe
Dieter Wacker
120SABA – Farb- und ausdrucksstarker Abschied von einer grandiosen Villinger Erfolgsgeschichte
Hans-Jürgen Götz
132SABA Spuren
Birgit Heinig

5. Kapitel / Konversionsareal in Donaueschingen

142„Am Buchberg“ – Ein neues Stadtviertel entsteht
Heinz Bunse

6. Kapitel / Geschichte

156„Glück Auf“ – Salz für Baden. 200 Jahre Saline Bad Dürrheim
Wilfried Strohmeier
172Seit 100 Jahren Strom aus dem Brändbach
Wolf Hockenjos
182GeheimnisGräberei. Augmented-Reality erweckt die Welt der Kelten zum Leben
Peter Graßmann
196Hofgut Ankenbuck – Arbeiterkolonie und Konzentrationslager
Marc Ryszkowski

7. Kapitel / Gastlichkeit

206Manuel Ulrich – Küchenchef im „Ösch Noir“
Daniela Schneider
220Löwen Patisserie in Schönwald
Hans-Jürgen Kommert
230„Klimperkasten“ – Kultkneipe in St. Georgen
Roland Sprich

8. Kapitel / Kunstgeschichte/Fotografie

236Der „Fleigle“ – der Buchenberger Fotograf Johann Georg Fleig
Bernd Möller
264Jessica Bisceglia – Seit über 10 Jahren als Fotomodell erfolgreich
Elke Reinauer und Wilfried Dold

9. Kapitel / Sport

272Aline Rotter-Focken gewinnt Olympia-Gold im Frauenringen
Hans-Jürgen Kommert und Wilfried Dold
280Triberg im Jubel – Empfang einer Olympiasiegerin
Roland Sprich

10. Kapitel / Natur und Umwelt

282Über die Rolle der Jagd im Klimawandel
Wolf Hockenjos
289Klima und Waldumbau – Im Gespräch mit Dunja Zimmermann und Dr. Frieder Dinkelaker
294Durchs romantische Obere Glasbachtal
Birgit Heinig

Anhang

299Almanach-Magazin und Wahlergebnisse
299Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen
303Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis
304Ehrenliste der Freunde und Förderer

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Almanach 2016 https://almanach-sbk.de/almanach-2016-2/ Wed, 04 Nov 2020 05:26:48 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2016-2/

Schwarzwald-Baar Jahrbuch Almanach 2016 40 Jahre „Spätzle-Highway“ Schwerpunkt „Da leben wir“


He raus ge ber: Land rats amt Schwarz wald-Baar-Kreis www.schwarz wald-baar-kreis.de land rats amt@schwarz wald-baar-kreis.de Re dak ti on: Sven Hinterseh, Land rat Wil fried Dold, Re dak teur Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations- und Kulturamt Stadt Hüfingen Dr. Joa chim Sturm, Kreis ar chi var Für den In halt der Bei trä ge sind die je wei li gen Au to ren ver ant wort lich. Nach dru cke und Ver viel fäl ti gun gen je der Art wer den nur mit Ein wil li gung der Re dak ti on und un ter An ga be der Fund stel le ge stat tet. Gestaltung: Wilfried Dold, dold.verlag Verlag: dold .ver lag, Vöh ren bach 2015 www.dold ver lag.de Druck: Todt Druck + Medien GmbH + Co. KG Vil lin gen-Schwen nin gen ISBN: 978-3-927677-86-9 Foto rechte Seite: An der jungen Donau – beim Wehr in Neudingen


3 3


Die 40. Ausgabe ist erschienen Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Almanach: eine nicht ersetzbare Chronik des Landkreises Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 24 44 Auf dem zweithöchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, dem 1.164 Meter hohen Rohr- hardsberg bei Schonach, zeigen sich die früheren Landräte Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996) und Karl Heim (1996 – 2012) sowie Landrat Sven Hinterseh (Amtsantritt am 1. Juni 2012) in einer Gesprächsrunde im Gasthaus „Schwedenschanze“ überzeugt, dass das Schwarz- wald-Baar-Jahrbuch Almanach einen wertvollen Beitrag zum Zusammenwachsen der früheren Landkreise Villingen und Donaueschingen leisten konnte und noch immer leistet. Ihr Fazit mit Blick auf das 40-jährige Bestehen des Almanach: Das Schwarzwald- Baar-Jahrbuch ist eine nicht ersetzbare Chronik des Landkreises, es prägt das Bild, das wir von unserer Heimat haben, vielfach mit. Auf die Frage, was und wo Hei- mat ist, folgt nicht selten mehr als eine Ant wort. Eines aber gilt für alle Frauen und Männer, die im Rahmen unserer Portrait- serie „Daheim im Schwarzwald und auf der Baar“ vorgestellt werden: Sie fühlen sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim. Das schließt nicht aus, dass sie überall auf der Welt unterwegs sind – hier aber ihre Heimat, sprich Wurzeln haben. 4


Wirtschaft Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 86 Erfindungen sind seit jeher ein Motor unserer Wirtschaft. Beim Blick auf diese stete Fort- entwicklung über zwei Jahr- hunderte hinweg fällt einem als zentraler Bestandteil das Zahnrad auf. Letztlich auf Basis der Feinmechanik entwickelte sich im Schwarzwald-Baar-Kreis eine technologische Welt elite, die uns von der mechanischen Schwarzwalduhr bis auf die Rei- se zum Kometen Tschuri führt. Inhaltsverzeichnis 2 8 Impressum 40 Jahre Almanach – ein identitätsstiftender Beitrag für den Schwarzwald-Baar-Kreis / Sven Hinterseh 10 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen Ein Willkommen und seine Herausforderungen / Sven Hinterseh 2. Kapitel / 40 Jahre Almanach 20 Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum / 24 Heimat Schwarzwald-Baar – Im Dialog mit drei Wilfried Dold Landräten / Wilfried Dold 3. Kapitel / Städte und Gemeinden „Aus vielen, eines“ – Blumberg, eine außergewöhnliche Stadt / Doris Rothweiler 4. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 38 46 Dr. med. Lioba Kühne / Elke Schön 52 Matthias Wiehle / Gabi Lendle 56 Ute Grießhaber / Madlen Falke 62 66 70 Albrecht Benzing / Daniela Schneider 76 Anke Jentzsch / Madlen Falke 82 Bärbel Brüderle / Dieter Wacker Laurent Lebas / Barbara Dickmann Ingrid Schyle / Barbara Dickmann Jürgen Hönig 5. Kapitel / Wirtschaft 86 Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri / 98 Die Uhrenfirma Hanhart in Gütenbach / Matthias Winter 106 WELLSTAR-Packaging GmbH / Gabi Lendle 112 Hahn-Schickard: Intelligente Lösungen mit Mikrosystemtechnik 120 Ein Leben voller Wohlklang – Dual / Hans-Jürgen Kommert 126 Perpetuum Ebner – Modern verpackter Spitzenklang / Roland Sprich 132 Alles aus einem Guss – Aluminium Werke GmbH Villingen / Christina Nack 6. Kapitel / A 81 140 Unterwegs auf dem Spätzle-Highway / Daniela Schneider 7. Kapitel / Geschichte 160 Der letzte Weg / Rolf Ebnet 5


Schwerpunkt A 81 Geschichte Schwerpunkt Berge Unterwegs auf dem Spätzle-Highway Der letzte Weg Berge im Schwarzwald und auf der Baar 140 160 220 Es war ein ziemlich kalter, unge- mütlicher Tag. Und passend zum Wetter geriet dann auch die Ver- kehrsfreigabe des ersten Auto- bahnabschnittes im Schwarz- wald-Baar-Kreis zu einem recht sachlichen Ereignis. Damals, vor 40 Jahren, wurde der vierstreifi- ge, 22,5 Kilometer lange Teilab- schnitt der Autobahn 81 zwi- schen den An schluss stellen Villingen-Schwen ningen und Geisingen freigegeben. Wer auf dem Kirchweg zwischen Schollach und Urach wandert, entdeckt auf dem obersten Punkt im Wald, an der Ortsgrenze von Schollach und Urach, ein gut zwei Meter großes, geschnitztes Holz- marterl. Gäbe es das Marterl des Bildhauers Wolfgang Kleiser nicht – würde an diesem Ort nichts auf die heimtückische Er- mordung von fünf amerikani- schen Soldaten im Jahr 1944 durch die Nazis hinweisen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist der höchstgelegene Landkreis in Ba den-Würt tem berg – bezogen auf die durchschnittliche Mee- reshöhe. Und dennoch ist er kein Landkreis, den man unmittelbar mit Bergen in Verbindung bringt. Die Dörfer Herzogenweiler und Mistelbrunn liegen auf fast 900 Meter Meereshöhe – und es gibt keine Berge dort. Der höchs- te Punkt befindet sich mit 1.164 m am Farnberg/Martinskapellen. 6 Inhalt


172 Kloster St. Ursula ist geschlossen / Marga Schubert 180 Der Neudinger Klosterbrand 1852 / Rüdiger Schell 190 Das Bruderkirchle an der Steig / Wilfried Dold 8. Kapitel / Kunst 202 elfi schmidt – Dem Himmel, der Erde so nah / Ursula Köhler Freizeit Fliegenfischen an der Breg bei Vöhrenbach 9. Kapitel / Zeitgeschehen 210 Grenzenlose Hilfe / Bernhard Lutz 216 Donaueschingen – Historische Donauquelle ist grundlegend saniert / Andreas Beck 10. Kapitel / Berge 220 Berge im Schwarzwald und auf der Baar / Martin Fetscher 11. Kapitel / Die Brigachquelle 242 Wo die Donau zur Hälfte herkommt / Roland Sprich 12. Kapitel / Natur und Umwelt 248 Wildobstbäume – Baumserie Teil 10 / Wolf Hockenjos 252 Baar-Schnaps aus alten Obstsorten / Stephanie Jakober 258 Naturschutzgroßprojekt Baar / Thomas Kring 270 Am Rohrbacher Stöcklewaldturm: Fernsicht bis zum Montblanc / Wolf Hockenjos 13. Kapitel / Freizeit 278 Fliegenfischen an der Breg bei Vöhrenbach / 286 Salinenwelt Bad Dürrheim / Günther Baumann Christian Kuchelmeister 14. Kapitel / Gastlichkeit 293 Das Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch / Elke Schön 298 Die Waldau-Schänke: Einkehren am Fuß der Burgruine / Stephanie Wetzig 15. Kapitel / Musik 302 Die Dörr-Brüder: Zwei Gitarren und zwei Stimmen / Nils Fabisch 16. Kapitel / Sport 306 Schonach feiert 50 Jahre Schwarzwaldpokal / Peter Hettich Anhang 314 Almanach-Magazin 317 Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 318 Bildnachweis 319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge 320 Ehrenliste der Freunde und Förderer 7 278 Die Breg bei Vöhrenbach ist bei Fliegenfischern begehrt. Der Hauptquellfluss der Donau weist in diesem Bereich eine Breite von drei bis acht Metern auf. Der reiche Bestand an Bach- und Regenbogen forellen kommt in allen Altersstufen vor. Die Stre- cke gilt als sehr abwechslungs- reich, denn ruhige Staube reiche wechseln sich mit flotten Ab- schnitten – es finden sich flache Rieselstrecken und tiefe Rinnen.


40 Jahre Almanach – ein identitätsstiftender Beitrag für den Schwarzwald-Baar-Kreis Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Jahr feiert das „Gedächtnis“ unseres Landkreises Jubiläum: Der Almanach – unser Schwarzwald-Baar-Jahrbuch – erscheint bereits in seiner 40. Auflage. Ziel der ersten Ausgabe 1977 war es, die reiche geschichtliche Vergan- genheit unseres heimischen Lebensraumes wachzuhalten und gleichzeitig eine Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Heute, vier Jahrzehn- te später, kann man feststellen, dass es das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch geschafft hat, sei- ner Leserschaft ein treuer, jährlicher Begleiter zu sein: durch Geschichte und Kultur, Politik und Freizeit, Wirtschaft, Gewerbe und Industrie sowie durch Gegenwartsthemen. Heimat ist nicht mehr nur ein Thema der älteren Generation, wie dies häufig noch bis vor einigen Jahren der Fall war. Heimat ist heutzu- tage wieder im Trend – zahlreiche Firmen verse- hen ihre Produkte und Marken mit Heimatmoti- ven und Werbelinien, um so die Heimatverbun- denheit der Kunden auf „coole“ und gleichzeitig junge Art und Weise hervorzuheben. Welch großes Geschenk es ist, eine Heimat – also ei- nen Ort, mit identitätsstiftender Kraft, an dem man Sicherheit und Verlässlichkeit seines Da- seins erfahren kann – zu haben, sieht man ganz gegenwärtig an den zahlreichen Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und sich auf der Flucht befinden. Der Heimatbegriff schließt jedoch auch die Möglichkeit der Behei- matung mit ein und so hoffe ich und wünsche mir, dass viele dieser Menschen eine neue Heimat und einen Ort tiefen Vertrauens, an dem sie sich zu Hause fühlen können, für sich finden werden. Der Almanach gibt auch in diesem Jahr in bewährter Art und Weise wieder einen guten Überblick über die Themenfülle in unserem Schwarzwald-Baar-Kreis und das breite Spek- trum an Aktivitäten in Wirtschaft, Politik, Geschichte, Kultur, Sport und Freizeit. Wie immer gilt mein ganz besonderer Dank den zahlreichen Autoren und Fotografen, die dazu beigetragen haben, dass auch die Ausgabe des Jahrbuches 2016 wieder in gewohnt guter Qualität vorgelegt werden kann. Dass dies möglich war, verdanken wir aber auch den treu- en Freunden, Unternehmen und zahlreichen Förderern des Almanach, denen ebenso mein herzlicher Dank gilt. Der Almanach 2016 kommt mit der 40. He- rausgabe nun quasi in sein „Schwabenal- ter“ – ein stolzes Jubiläum für ein besonderes Heimatjahrbuch. Ich bedanke mich bei all den langjährigen Leserinnen und Lesern. Die Redak- tion war und ist stets bemüht, das Schwarz- wald-Baar-Jahrbuch aktuellen Entwicklungen anzupassen. Dies mag so manchem zu schnell, anderen vielleicht aber zu langsam erscheinen. Ich hoffe jedoch, Sie begleiten uns auch weiter- hin und bleiben dem Almanach treu. Darüber hinaus hoffe ich natürlich, dass es uns auch gelingt, möglichst viele weitere Freunde des Schwarzwald-Baar-Jahrbuches zu gewinnen. Möge auch die 40. Ausgabe das Interesse am Schwarzwald-Baar-Kreis wachhalten! Ihr Sven Hinterseh Landrat Bild rechts: Fotograf Sebastian Wehrle aus Simons- wald und das Gütenbacher Modelabel Artwood von Jochen Scherzinger erregten mit ihrer neuen Art der Trachtenfotografie viel Auf sehen. Hier die Tracht von Schönwald. 8 Zum Geleit



Ein Willkommen und seine Herausforderungen Flüchtlinge werden im Schwarzwald-Baar-Kreis herzlich aufgenommen – Viele Bürger engagieren sich ehrenamtlich von Landrat Sven Hinterseh 10 Aus dem Kreisgeschehen


Aus dem Kreisgeschehen Die Flüchtlingskinder lernen in der Notunterkunft in der Donaueschinger Kaserne ihre ersten deutschen Wörter. Unterrichtet werden sie von ehrenamtlichen Helfern. 11


Es ist ein Thema, dem die Bürger hier im Schwarz wald-Baar-Kreis auf unbestimmt lange Sicht in ihrem Alltag begegnen werden. Die Flüchtlingsströme nach Europa haben im Lau- fe des Jahres 2015 immer mehr zugenommen und für eine große Anzahl dieser Flüchtlinge ist Deutschland das Ziel Nummer eins. Es sind ganz unterschiedliche Herausforde- rungen, denen sich unsere Gesellschaft dabei stellen muss. Überwiegend ist es die Anzahl der zu uns flüchtenden Menschen und deren men- schenwürdige Unterbringung, die durch das Land Baden-Württemberg und schließlich auch von den Landkreisen und Kommunen organisa- torisch bewältigt werden muss. Die Zahlen der aufzunehmenden Flüchtlinge ändern sich täg- lich – sie werden stets nach oben korrigiert. Während die Zugangszahlen im Jahr 2014 bei knapp über 200.000 Flüchtlingen auf Bun- desebene lagen, werden für das Jahr 2015 rund 1.000.000 Menschen erwartet, die bei uns Asyl suchen. Das Land Baden-Württemberg wird da- von über 100.000 Personen aufnehmen, die in sogenannten Landeserstaufnahmestellen (LEAs) zunächst für maximal die ersten drei Monate unterkommen sollen. Aufgrund der schnell ansteigenden Flücht- lingszahlen reichten diese Unterkünfte nicht mehr aus, so dass das Land Bedarfsorientierte Erstaufnahmeeinrichtungen (BEAs) und Notun- terkünfte eingerichtet hat. So auch in den Kreis- städten VS-Villingen, VS-Schwenningen und in Donaueschingen mit insgesamt über 3.500 Plät- zen (Stand Oktober 2015). Das Landratsamt als untere Aufnahmebe- hörde ist im Anschluss an die Unterbringung in den LEAs/BEAs zuständig für die Unterbrin- gung der Flüchtlinge in Gemeinschaftsunter- künften und hält in den Kreisregionen dazu rund 2.000 Plätze vor. Die Gemeinschaftsun- terkünfte befinden sich in den Stadtbezirken Villingen, Schwenningen, in Donaueschingen, in Villingen/Unterkirnach und St. Georgen. Weitere befinden sich im Aufbau. Die fast nicht bewältigbare Herausforderung für die Kreis- verwaltung liegt darin, dass monatlich rund 300 neu hinzukommende Flüchtlinge eine Un- terkunft benötigen. Wohl 2.000 zusätzliche Plätze nötig Nach unseren Berechnungen gehen wir davon aus, dass wir in den nächsten Monaten rund 2.000 Plätze zusätzlich schaffen müssen, um den Ansturm zu bewältigen. Die Flüchtlinge, die eine dauerhafte Bleibeperspektive in Deutsch- land bekommen, müssen die Gemeinschaftsun- terkunft nach einigen Monaten wieder verlas- sen und werden zur „Anschlussunterbringung“ 12 Aus dem Kreisgeschehen


auf die Städte und Gemeinden des Schwarz- wald-Baar-Kreises nach Einwohnerschlüssel verteilt. Die Städte und Gemeinden haben somit die große Aufgabe, ebenfalls Wohnungen für die Flüchtlinge bereitzustellen. Mit Stand Anfang Oktober 2015, befinden sich über 5.000 Flüchtlinge im Schwarz wald- Baar-Kreis, die in den Bedarfsorientierten Ein- richtungen, Gemeinschafts- und Anschlussun- terkünften wohnen. Ehrenamtliche Hilfe überaus wertvoll – DRK-Kreisverband ist federführend Dank gilt all jenen, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Es hat sich schnell gezeigt, wie wertvoll die ehrenamtliche Unter- stützung bei dieser Arbeit ist, die federführend der DRK-Kreisverband Villingen-Schwenningen im Auftrag des Landratsamtes übernommen hat. Inzwischen gibt es zahlreiche gute Beispie- le für eine gelingende Zusammenarbeit mit Bürgern, Kirchen, Gemeinden und sonstigen Institutionen. Viele Vereine laden Flüchtlinge zu sich ein und bieten damit eine gute Möglichkeit, sich kennen zu lernen und eine Basis für eine gute Integration zu schaffen. Die ehrenamtliche Hilfe stellt dabei eine große Stütze dar. Ob bei der Sprachförderung, als Helfer bei alltäglichen Die ehrenamtliche Hilfe bei der Betreuung von Flücht- lingen ist für den Landkreis sehr wertvoll. Das Bild in der Mitte zeigt die Ankunft von Flüchtlingen in Donaueschingen, rechts Flüchtlinge beim Sprachun- terricht. Wer sich ehrenamtlich einbringen kann, dem stehen vielfältige Möglichkeiten offen. Dingen oder dem Einkaufen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten, wie sich Ehrenamtliche einbrin- gen können. Um die Hilfsangebote der Ehren- amtlichen noch besser koordinieren zu können, wurden zwei Koordinierungsstellen durch die Diakonie, das DRK und den Landkreis geschaf- fen. Einstiegsklassen erforderlich Auswirkungen hat der Anstieg der Flüchtlings- zahlen auch auf das Bildungsangebot. Nur mit ausreichenden Deutschkenntnissen können die Flüchtlinge gut integriert werden. Deshalb ist es notwendig, neue Angebote, wie beispielsweise Einstiegsklassen für Schüler ohne deutsche Sprachkenntnisse, einzurichten. Integration durch Sprache ist der Grundstein für jedes Bil- dungsangebot. Sprachförderung beginnt bereits Aus dem Kreisgeschehen 13


Integration über Fußball – mit dem Sport kommt Hoffnung. Oberstudienrat Armin Günter aus Villingen trainiert in seiner Freizeit mit Flüchtlingen aus Gambia auf dem Sportplatz in Unterkirnach. Ziel ist es, die Westafrikaner in heimische Fußballmannschaften zu integrieren, in einem Fall ist das bereits gelungen. Die Gambianer sind im Flüchtlingsheim Maria Tann bei Unterkirnach untergebracht. im Kindergarten, geht weiter in der Grund- schule und in den weiterführenden Schulen. Der Landkreis hat deshalb für Jugendliche im Berufsschulalter Vorbereitungsklassen an den Beruflichen Schulen eingerichtet. Die Jugend- lichen erhalten dort intensiv Deutsch-, Mathe- matik- und Englischunterricht und können je nach Wissensstand im Anschluss in reguläre Bildungsgänge wechseln. Breitbandprojekt kommt gut voran Da für zukunftsfähige Breitbandnetze nur auf Glasfaser basierende Infrastrukturen in Frage kommen und die Privatwirtschaft hier die End- kunden nicht flächendeckend direkt an die Glasfaser anschließt, haben sich alle Städte und Gemeinden im Kreis einschließlich des Landkreises dazu entschlossen, ein marktneu- trales Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz selbst aufzubauen. Dazu wurde im März 2014 der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar gegründet, der die Netze im Auftrag seiner Mitglieder errichtet und an einen Netzbetreiber verpachtet. Seit September 2014 wird der Zweckverband von Geschäftsführer Jochen Cabanis geleitet. Der Landkreis und alle seine Städte und Ge- meinden sind fest entschlossen, den Ausbau zü- gig voran zu treiben. Einerseits, um den derzeit vielfach schlecht versorgten Gewerbebetrieben und freiberuflich Tätigen bessere Vorausset- zungen zu verschaffen, sowie Behörden und anderen öffentlichen Einrichtungen, wie zum Beispiel Schulen, mit einem eigenen Glasfaser- netz untereinander zu verbinden. Aber ande- rerseits auch, um privaten Haushalten den Weg zu hochmodernen Anwendungen zu ebnen, die nur über Glasfaser möglich sind. Wir bauen darauf, dass die Bürger diese einmalige Chance erkennen und sich in den geplanten Ausbaugebieten möglichst zahlreich einen eigenen Hausanschluss legen lassen. Denn nur dann lassen sich die Netze wirtschaft- lich bauen und betreiben. Wo außerdem Gas-, Wasser-, Strom-, Nahwärmeversorgung oder Verkehrswege gebaut bzw. erneuert werden, verlegt der Zweckverband Leerrohrpakete für Glasfaser gleich mit in die Erde und kooperiert zu diesem Zweck auch mit Stadtwerken und Energieversorgern. 14 Aus dem Kreisgeschehen


Mit der Stabsstelle Breitband beim Landrats- amt umfasst der Zweckverband inzwischen sechs Personen, die sich allein um dieses Thema kümmern. Sicher wird das Team noch weiter wachsen, um die zahlreichen Projekte und Auf- gaben bewältigen zu können. Und seit einem Jahr hat sich bei den Bau- maßnahmen eine Menge getan. Grundsätzlich werden die Ortsnetzbereiche in einem Guss mit dem Kreis-Backbone, dem Zubringer zu den überörtlichen Netzen errichtet. Die Baukosten abzüglich der Landes-Fördermittel werden von den Städten und Gemeinden für die Ortsnetze und den Kreis-Backbone vom Landkreis in Form von Zuschüssen an den Zweckverband getra- gen. Im Haushalt des Zweckverbands sind für die Maßnahmen allein für das Jahr 2015 über 20 Mio. Euro eingestellt. In den kommenden Jah- ren wird sich diese Summe eher noch erhöhen. Die weiteren Ausbaupläne Neben den bisher bereits gebauten und in Be trieb befindlichen Glasfasernetzen in Teil- bereichen von Tuningen und in Brigachtal werden bis Frühjahr 2016 in folgenden Orten teilweise Glasfasernetze fertig gestellt sein und dann alsbald in Betrieb gehen: Schonach, Tu- ningen, Mönchweiler, Döggin gen, Bräunlingen, Hüfingen, Blumberg, Pfaffenweiler, Tannheim, Sunthausen und Biesingen. Neue Glasfasernetze entstehen 2016 unter anderem in Schwenningen-Ost, Schwenningen Zentralbereich, Furtwangen, Neukirch, Dauchin- gen, Niedereschach, Schönwald, Königsfeld, Hu- bertshofen, Wolterdingen und Mundelfingen. Daneben ist geplant, die Schulen in den Gemeinden mit Glasfaseranschlüssen zu versor- gen und in Pilotprojekten auch Streusiedlungen im Außenbereich anzuschließen (St. Georgen, Unterkirnach, Tuningen, Furtwangen). Sind die Netze gebaut und die Glasfaser „ein- geblasen“, muss der Netzbetreiber die techni- schen Komponenten in den Verteilergebäuden einbauen und anschließen, um den Betrieb zu ermöglichen. Der Netzbetrieb wurde im Früh- jahr 2015 europaweit ausgeschrieben und im Mikrorohrverband für die Einführung von Glasfaser- kabeln mit diversen Verbindungsformteilen. Oktober 2015 schließlich durch den Zweckver- band vergeben. Das hohe Interesse an der Ausschreibung belegt, dass der Zweckverband mit seiner Ver- pachtungsstrategie richtig lag. Der Betreiber pachtet und betreibt das gesamte bestehende und in den nächsten Jahren entstehende Netz. Er muss gegen Entgelt auch andere Dienstean- bieter auf das kommunale Netz lassen (offener Zugang), so dass die Endkunden neben einem Leerrohre für die Backbone-Anbindung, auf jeder Rolle befinden sich zirka 800 Meter Kabel. Aus dem Kreisgeschehen 15 15


für die nächsten drei bis fünf Jahre darstellen lassen. Hinzu kommt, dass diese Technik nur bei einer Remonopolisierung der letzten Meile funktioniert, die bisher dem Wettbewerb geöff- net war. An unserer Vision, letztendlich möglichst alle Gebäude in Ortslagen im gesamten Land- kreis an Glasfaser anzuschließen, und dies über ein Netz in kommunaler Hand und offenem Dienstewettbewerb zu gewährleisten, wird das nichts ändern. Verkehrswege sind Wirtschaftsadern – Ausbau B 27 und Ortsumfahrung Behla kommen Funktionierende Verkehrswege sind die Voraus- setzung für eine weitere wirtschaftliche Ent- wicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis. Gerade im ländlichen Raum ist eine intakte Verkehrsin- frastruktur eine wichtige Grundvoraussetzung. Wie wichtig es ist, die Anliegen der Region ge- schlossen bei den zuständigen Entscheidungs- trägern zu vertreten, zeigt sich vor allem bei be- deutenden Verkehrsinfrastrukturmaßnahmen. Nun trägt das Engagement aller Beteiligten Früchte: Die Bundesstraße B 27 zwischen Donau- eschingen-Mitte und Hüfingen-Wasserturm mit dem kreuzungsfreien Zubringer Allmendshofen und die Ortsumfahrung Behla werden nun endlich ausgebaut. Zudem ist ein Lärmschutz für das Neubaugebiet in Hüfingen geplant. Für Donaueschingen bedeutet der Ausbau der B 27 einen Rückgang des Durchgangsverkehrs, Chan- cen für die Umgestaltung des Umfeldes des Do- nauursprungs und mehr Verkehrssicherheit. Für Hüfingen, insbesondere den Ortsteil Behla, wird ebenfalls eine merkliche Verkehrsentlastung eintreten, ferner bieten sich Chancen zur wei- teren Entwicklung. Schon heute freuen sich alle Verantwortlichen auf den Spatenstich Mitte des Jahres 2016. Für den weiteren Verlauf der B 27 werden wir uns mit Nachdruck dafür einsetzen, dass auch die Ortsumfahrungen bei Zollhaus und Randen dem vordringlichen Bedarf zuge- ordnet bleiben und planerisch vorangetrieben werden. Die Bundesstraße B 27 zwischen Donau eschingen- Mitte und Hüfingen-Wasserturm mit dem kreuzungs- freien Zubringer Allmendshofen und die Ortsumfah- rung Behla werden nun endlich ausgebaut. breiten Leistungsspektrum und attraktiven Tari- fen auch eine gute Diensteauswahl für Internet und Fernsehen haben werden (nähere Informa- tionen unter www.breitband-sbk.de). Die Ausbauaktivitäten des Zweckverbands haben dazu geführt, dass nun – nach jahrelan- gem eher mäßigem Engagement – auch eta- blierte Betreiber begonnen haben, die Versor- gung zu verbessern. Allerdings setzen diese im Bereich der „letzten Meile“, vom Kabelverzwei- ger bis ins Haus, auf eine Verbesserung der be- stehenden Kupfertechnologie, auch Vectoring genannt. Maßgebliche Experten und Studien bestätigen, dass sich damit flächendeckende Höchstleistungsnetze mit Übertragungsleis- tungen von einheitlich mindestens 50 Mbit/s nicht verwirklichen und nur Zwischenlösungen 16 Aus dem Kreisgeschehen


Vertragsunterzeichnung zum Projekt Breisgau-S-Bahn 2020 in Freiburg, vorne v. links: Michael Groth (Lei- ter DB-Regionalbereich Südwest, Verkehrsminister Winfried Hermann, Oberbürgermeister Dieter Salomon (ZRF-Vorsitzender), Frank Sennhenn (Vorstandsvorsitzender DB Netz AG), Dirk Rompf (DB-Vorstand Netzpla- nung und Großprojekte, (hinten) Landrat Hanno Hurth (Landkreis Emmendingen), Landrat Sven Hinterseh (Schwarzwald-Baar-Kreis) und Landrätin Dorothea Störr-Ritter (Breisgau-Hochschwarzwald). Außerdem müssen wir unser Anliegen, eine leistungsstarke Ost-West-Verbindung zu schaffen, weitertreiben. Die Ortsumfahrung VS-Villingen mit dem Lückenschluss der Bun- desstraße B 523 ist für unsere Wirtschaftsun- ternehmen von großer Bedeutung. Der aktuelle Projektstand gestaltet sich so, dass die Trasse raumplanerisch vorgeplant und wichtige Vorar- beiten erstellt sind. Die Genehmigungsplanung durch das Land stockt derzeit wegen der Fort- schreibung des Bundesverkehrswegeplans. Wir setzen uns dafür ein, dass die Maßnahme in den vordringlichen Bedarf eingestuft und endlich weitere Planungsschritte durch das Land freige- geben werden. Meilenstein: Ab 2019 von Villingen nach Freiburg Bahnfahren ohne Umsteigen Das Projekt Breisgau-S-Bahn 2020 hat mit der Unterschrift der Finanzierungsverträge durch die Projektbeteiligten im Juli einen weiteren Meilenstein zu Verwirklichung erreicht. Zum Jahreswechsel 2019 soll die Vision einer durch- gehenden Zugverbindung zwischen den beiden Oberzentren Freiburg und Villingen -Schwen- ningen Realität werden. Dann sollen elektrisch betriebene Züge zwischen Freiburg und VS-Vil- lingen umsteigefrei unterwegs sein. Mit der Elektrifizierung des östlichen Ab- schnitts der Höllentalbahn soll ab 2019 die bestehende Lücke zwischen Neustadt und Donaueschingen geschlossen werden, so dass es künftig möglich sein wird, von Breisach bzw. Riegel über Freiburg und den Hochschwarzwald umsteigefrei in komfortablen Elektrozügen in den Schwarzwald-Baar-Kreis zu fahren. Die Züge der Breisgau-S-Bahn werden nach Umsetzung des Projekts im Schwarz wald-Baar- Kreis die Bahnhöfe in Döggingen, Hüfingen, Donaueschingen und VS-Villingen im Stunden- takt bedienen. Gleichzeitig wird das Land auf seine Kosten das Fahrtenangebot am Morgen Aus dem Kreisgeschehen 17


(erste Zugankunft in VS-Villingen vor 7 Uhr) so- wie am Abend (späte Abfahrt ab Freiburg nach 22.40 Uhr) gegenüber heute ausweiten. Damit wird die seit vielen Jahren erho bene politische Forderung aus dem Schwarzwald- Baar-Kreis und dem Landkreis Breisgau-Hoch- schwarzwald erfüllt, die Oberzentren Freiburg und Villingen-Schwenningen im Schienenver- kehr umsteigefrei miteinander zu verknüpfen. Eine gut ausgebaute Ost-West-Achse über die Höllentalbahn bindet den Schwarzwald- Baar- Kreis optimal an Freiburg und das südliche Rheintal an und erhöht damit auch die Attrakti- vität des Schwarzwald-Baar-Kreises als Wohn- und Wirtschaftsstandort. Eine Untersuchung des Landratsamtes hat ergeben, dass etwa 95 Prozent der Einwohner des gesamten Schwarzwald-Baar-Kreises dann mit maximal einem Umstieg mit der Breisgau- S-Bahn nach Freiburg und zurück gelangen kön- nen. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis ist der Ausbau der Breisgau-S-Bahn mit einem kom- munalen Finanzierungsanteil von rund elf Milli- onen Euro eine enorme Investition in die Infra- struktur. Den positiven Effekt dieser Verbin- dung werden wir in der Wirtschaft, im Touris- mus und in vielen weiteren Bereichen spüren. WanderParadies Schwarzwald und Alb startet Für Wanderer war der Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinen beiden Naturräumen Schwarzwald und Baar stets schon attraktiv. Seit Juli wurde diese Attraktivität nochmals gesteigert. Das WanderParadies Schwarzwald und Alb (Koope- ration des Schwarzwald-Baar-Kreises mit dem Landkreis Rottweil) ging im Sommer offiziell an den Start. Ausgewählte Wanderrouten wurden neu geschaffen und werden in unserer neuen Wanderbroschüre „ParadiesTouren im Rad- und WanderParadies Schwarzwald und Alb“ vorgestellt. Die ParadiesTouren wecken schon durch ihre Beschreibung die Wanderlust und Entdeckerfreude. Das WanderParadies erstreckt sich über eine Region, die vielfältiger kaum sein könnte: hier treffen Schwarzwald und Schwä- bische Alb auf die Ursprünge von Donau und Neckar. Zu grünen Wäldern und schroffen Fels- formationen gesellen sich malerische Flussland- schaften und Hoch ebenen wie die Baar oder das obere Gäu. Wer sich auf einer der „ParadiesTouren“ auf Wanderschaft begibt, erkundet die schönsten Landschaften und Wanderstrecken zwischen Sulz am Neckar und Blumberg sowie Schonach im Schwarzwald und Rottweil. Die besonders attraktiven Wanderrouten wurden in Anleh- nung an die Qualitätskriterien für Wanderwege in Kooperation mit den Städten und Gemeinden sowie den Wandervereinen Schwarzwaldverein und Schwäbischer Albverein geplant. Viele der Touren erfüllen die strengen Kriteri- en für Premium- und Qualitätswege und wur- den entsprechend zertifiziert. Nahezu alle Para- diesTouren sind als Rundweg konzipiert und zwischen sechs und 20 Kilometer lang. So kön- nen Wanderer die ParadiesTouren bequem an ei- nem halben bis ganzen Tag zurücklegen und wie- der zum Ausgangspunkt der Route zurückkehren. Zehn zertifizierte Touren Zehn zertifizierte Touren können Wanderer im Schwarzwald-Baar-Kreis erleben. Eine dieser Routen ist der Qualitätsweg „Balzer Herrgott Runde“. Der Wanderweg führt zur Gütenbacher Christusfigur, die in eine Weidbuche einge- wachsen ist und zur bekannten Neukircher Hexenlochmühle, eines der beliebtesten Foto- motive aus dem Schwarzwald. Der Genießerpfad „U(h)rwaldpfad Rohr- hardsberg“ führt als Premiumwanderweg durch das Naturschutzgebiet Rohrhardsberg und bie- tet alles, was den Schwarzwald ausmacht – und noch viel mehr. Kuckucksuhren in allen Formen und Farben dienen den kleineren Waldbewoh- nern als Brut- und Nistplätze. Naturnahe Pfade durch idyllische und ab- wechslungsreiche Waldpassagen lassen sich bei einer Wanderung auf dem Genießerpfad „Wald- pfad Groppertal“ erkunden. Die Paradiestour „St. Georgener Heimat pfad“ startet auf dem Marktplatz und führt zunächst zum Klosterweiher und zur Brigachquelle. Die 18 Aus dem Kreisgeschehen


Unterwegs auf dem Genießerpfad „Gauchachschlucht“ – ein Erlebnis für die ganze Familie, spannend auch für Kinder. Brigach bringt mit der Breg bekanntlich „die Donau zuweg“. Einen herrlichen Panoramablick bietet sich dem Wanderer auf dem Qualitätsweg „Prisen- tal“ mit typischen Schwarzwaldhöfen. Ganz in der Nähe der Wandertour liegen die Triberger Wasserfälle und der Geburtsort der Kuckucks- uhr: Schönwald. Der Genießerpfad „Himmelberg-Runde“ beginnt in Bad Dürrheim-Öfingen und bietet himmlische Aussichten durch eine Fernsicht über die Baar bis hin zum Feldberg und bei kla- rem Wetter sogar bis zu den Schweizer Alpen. Eine Wanderung durch das Quellgebiet der Donau wird mit der ParadiesTour „Quellregion Donau Runde“ geboten. Entlang der beiden Donauquellflüsse Brigach und Breg verläuft diese landschaftlich und kulturell abwechs- lungsreiche Rundwanderung über die Baar ab Donaueschingen. Nach dem Motto „Naturnah erleben“ geht es bei der Paradiestour „Gauchachrunde“ span- nend zur Sache. Hier kann ein Urwald-Canyon zu Fuß erforscht werden – urig und wild. Der Genießerpfad „Gauchachschlucht“, der durch das wildromantische Naturschutzgebiet führt, ist ein relativ kurzer (5,6 Kilometer) aber anspruchsvoller Premiumweg. Es müssen Berg- bäche und Wildwasser überquert werden, zum Teil mit, zum Teil aber auch ohne Handlauf. Holzbrücken und enge, anspruchsvolle Pfade wecken die Abenteuerlust der Wanderer. Der Genießerpfad „Sauschwänzle-Weg“ bei Blumberg ist ein besonderes Naturerlebnis und er bietet mit der Sauschwänzlebahn die perfek- te Kombination aus Bewegung und Erlebnis. Entlang des Weges wird der Schwarzwälder Schinken präsentiert. An drei informativen Sta- tionen werden die Historie und die Herstellung des bekannten Erzeugnisses vorgestellt. Aus dem Kreisgeschehen 19


40 Jahre Almanach Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum Er ist Chronist des Schwarzwald-Baar-Kreises, fungiert als kollektives Gedächtnis einer gesamten Region: Ohne das Jahrbuch „Almanach“ könnte kaum ein für den 1973 gegründeten Landkreis bedeutendes Ereignis mit einem bloßen Griff in den Bücherschrank nachgeschlagen werden. Im 40. Jahr seines Bestehens ist die Suche im „Almanach“ nach regionalen Themen unter www.almanach-sbk.de ab sofort auch online möglich. Die Inhalte von über 10.000 Buchseiten können durchsucht werden! 1977 20 2. Kapitel – 40 Jahre Almanach


Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum 2016


ten? Welches Motiv würde sich als Titelbild des Almanach eignen? Welche Ereig- Ist der Landkreis in seiner Gesamtheit ausgewogen im neuen Jahrbuch vertre- nisse im Jahreslauf sind so bedeutend, dass sie im Schwarzwald-Baar-Jahrbuch ihren Niederschlag finden müssen? Und last but not least: Wer wird im Rahmen des Schwerpunktthemas „Da leben wir“ porträtiert? Jede Ausgabe des Almanach präsentiert sich als ein kreisweiter bunter Mix – zeigt auf, wie facettenreich das politische, wirtschaftliche, kulturelle und sportliche Leben in einem der großen Land kreise von Baden-Württemberg ist. Die Weichen hierzu stellt die Almanach- Redak tion, die das gesamte Jahr über Themen sammelt und sich zu redaktionellen Inhalten austauscht. An der Spitze der Redaktion steht Landrat Sven Hinterseh – auf vielfältige Weise unterstützt wird er durch Wilfried Dold, Redakteur (wd), Kristina Diffring, Referentin des Landrats, Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv, Susanne Bucher, Leiterin Infor- mations- und Kulturamt Stadt Hüfingen und Dr. Joachim Sturm, Kreisarchivar. In früheren Jahren waren es neben dem jeweiligen Landrat Schulamtsdirektor Helmut Heinrich, Redakteur Dr. Lorenz Honold, Realschuloberlehrer Karl Volk, Julia Weiss, Referentin für Öffentlichkeits- arbeit, Hans-Werner Fischer, Dipl.-Bibliothekar, und Willi Todt von Todt-Druck, die sich in die Redak tionsarbeit einbrachten. einen festen Stamm an erfahrenen Redaktions- mitgliedern und Mitarbeitern. Und natürlich: Wer den Schwarzwald-Baar-Kreis nicht wie seine Westentasche kennt, zumindest einen Großteil davon, wäre in diesem eingespielten Team schlicht fehl am Platz. Bis alle Inhalte des 320-seitigen Jahrbuches konzipiert sind, ist es meist Sommer. Derweil hat im Vöhrenbacher dold.verlag das Layout der Schwerpunktthemen bereits begonnen. Autor, Fotograf und Layouter arbeiten eng verzahnt: Erst wenn der Text vorliegt, lässt sich absehen, welche Fotos beim Lesen des Beitrages erwartet werden. Die Beschaffung der Fotos in hoher Qualität ist eine Herausforderung – oft werden sie eigens für den Almanach fotografiert. Ein Dankeschön an Autoren und Fotografen Was wäre eine Redaktion ohne Autoren? Sie sind zusammen mit den Fotografen die inhalt- liche Stütze bei der Produktion des Schwarz- wald-Baar-Jahrbuches. In den vergangenen 40 Jahren waren über 250 Autoren und Fotografen am Zustandekommen des Almanach beteiligt. Nach wie vor ist den Autoren und Fotografen im Landkreis die Mitarbeit am Jahrbuch auch ein persönliches Anliegen: Man freut sich darüber, zum Kreis der Jahrbuch-Autoren zu gehören. Die Herstellung eines Jahrbuches ist ar- beitsintensiv und komplex – es braucht dazu Großartige Hilfe durch Spender Die Text- und Bildarbeit leisten oft hauptbe- rufliche Autoren und Fotografen. Die Spenden von Unternehmen und Privatpersonen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis zur Herstellung des Almanach machen es möglich, dafür ein Anerkennungshonorar zu bezahlen. Ohne diese Förderung und die maßgebliche Unter- stützung seitens des Kreistages – des Schwarz- wald-Baar-Kreises somit – wäre die Herausgabe des 320-seitigen Buches zu einem Verkaufspreis von 16,50 Euro nicht möglich. Sowohl der je- 22 40 Jahre Almanach


Die Almanach-Redaktion (v. links) mit Landrat Sven Hinterseh an der Spitze. Weitere Redaktionsmitglieder sind Susanne Bucher, Wilfried Dold, Kristina Diffring, Joachim Sturm und Heike Frank. weilige Landrat als auch der gesamte Kreistag über alle politischen Grenzen hinweg gelten als großartige Unterstützer des Jahrbuches, das in dieser Form als einzigartig gilt. Rund 4.500 Ex- emplare werden alljährlich abgesetzt, ein Groß- teil davon über den Buchhandel im Landkreis. Und doch ist der Almanach längst auch in die digitale Welt eingetreten: Seit 2013 kann man ihn im AppStore erwerben und seit der Ausgabe 2015 in nahezu allen Stores, die ePaper-Ausgaben von Büchern anbieten. Ebenso informiert ein Internetauftritt unter www.almanach-sbk.de über die Inhalte des je- weils aktuellen Almanach. Weiter gestattet der Internetauftritt einen Einblick ins Archiv des Jahrbuches. Um den Abverkauf der aktuellen Ausgaben nicht zu beeinträchtigen, sind die jeweils fünf letzten Bände des Almanachs von dieser Online-Suche ausgenommen. Diese Suchfunk tion ist eine he- rausragende Quelle für jeden, der zu regionalen Themen tiefergehende Informationen sucht. In letzter Minute… Auch wenn das Jahrbuch noch so gewissenhaft vorbereitet ist – es gibt stets Ereignisse, die aus aktuellem Anlass erst wenige Tage vor Druck aufbereitet werden können. Sei es die Wiederin- betriebnahme der Linachtalsperre in Vöhren- bach im Jahrbuch 2008, die Landesgartenschau im Almanach 2011 oder die Einweihung des Schwarwald-Baar-Klinikums im Almanach 2014. In solchen Fällen gilt für die Almanach-Redak- tion und das Team des dold.verlages: „Wir und der Almanach sind in Druck…“ Denn auch wenn es in der Regel keinen streng fixierten Tag gibt, zu dem der Almanach vorzuliegen hat – recht- zeitig zum Weihnachtsgeschäft muss er auf dem Markt sein, denn als Geschenk ist er geschätzt. Landrat Sven Hinterseh jedenfalls freut sich zusammen mit seinem Redaktionsteam Jahr für Jahr immer wieder neu auf den Almanach – und vor allem seit nunmehr 40 Jahren die stattliche, kreisweite Leserschar. Wilfried Dold Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch feiert Jubiläum 23


„Schwarzwald-Baar“ – Identität in aller Welt Heimat Schwarzwald- Baar Dr. Rainer Gutknecht Landrat von 1973 – 1996 24 24


Im Dialog mit drei Landräten über das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Almanach und das, was Heimat ausmacht! Sven Hinterseh Amtsantritt am 1. Juni 2012 Karl Heim Landrat von 1996 – 2012 25


Im Gespräch über „40 Jahre Almanach“ und das Thema „Heimat“, der erste Landrat des Schwarzwald-Baar- Kreises Dr. Rainer Gutknecht (links), sein Nachfolger Karl Heim (rechts) und der amtierende Landrat und Vorsit- zende der Almanach-Redaktion Sven Hinterseh. Auf dem höchsten Punkt des Schwarzwald-Baar-Kreises, dem 1.164 Meter hohen Rohrhardsberg bei Schonach, zeigen sich die früheren Landräte Dr. Rainer Gutknecht (1973 – 1996) und Karl Heim (1996 – 2012) sowie Landrat Sven Hinterseh (Amtsantritt am 1. Juni 2012) in einer Gesprächsrunde im Gasthaus „Schwedenschanze“ überzeugt, dass das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Alma- nach einen wertvollen Beitrag zum Zusammenwachsen der früheren Landkreise Villingen und Donaueschingen leisten konnte. Ihr Fazit mit Blick auf das 40-jährige Bestehen des Almanachs: Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch ist eine nicht ersetzbare Chronik des Landkreises, es prägt das Bild, das wir von unserer Heimat haben, viel- fach mit. Überhaupt „Heimat“ – was ist das? Die Gesprächspartner der Almanach- Redak tion sind sich einig: Daheim fühlt man sich dort, wo einem die Menschen in ihre Gemeinschaft aufnehmen – Heimat ist somit entschieden mehr als eine Land- schaft oder die eigenen vier Wände. Und egal, wo man sich auf der Welt befindet: An „Daheim“ erinnert fühlen sich Menschen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis auch immer dann, wenn sie ein Kfz-Kennzeichen entdecken, das mit „VS“ beginnt. 26 40 Jahre Almanach


Heimat ist, wo man sich wohlfühlt. Wo fühlen Sie sich wohl, wo sind Sie daheim? Dr. Rainer Gutknecht: So schön fremde Län- der auch sind – zu Hause fühle ich mich im Schwarzwald-Baar-Kreis. Ich reise meist mit der Bahn, das letzte Stück des Heimweges somit auf der Schwarzwaldbahn. Wenn bei Triberg die Tunnelstrecken beginnen, wenn Bauernhöfe, Wälder und Berge vorbeifliegen – wenn ich all das sehe, dann fühle ich mich wieder daheim. Heimat kennt natürlich viele Facetten, eine besonders wichtige ist die Kindheit. Als ich zwei Jahre alt war, ist meine Familie von Stutt- gart nach Rottweil umgezogen – erst kürzlich war ich anlässlich eines Klassentreffens wieder dort. Es war ein intensives, vertrautes Gefühl durch die Stadt zu streifen und meine alten Wege durch die Gassen aufzunehmen. Ich fühl- te mich als junger Bub. Doch besonders eng ist das „Daheimsein“ mit Menschen verbunden. Erst wenn man das Gefühl hat, man wird in ihre Gemeinschaft aufgenommen, fühlt man sich wirklich zu Hau- se, das habe ich so selbst erlebt. Karl Heim: Ich schließe mich dem an, wobei Heimat für mich die Region Schwarzwald- Baar-Heuberg ist. Besonders mein Geburtsort Boch ingen, mit ihm sind meine Kindheitserin- nerungen verbunden. Wann habe ich mich im Schwarzwald-Baar- Kreis das erste Mal so richtig daheim gefühlt? Ich würde sagen, als wir in unser neues Haus in Obereschach eingezogen sind. Als wir nach län- gerer Suche ein Grundstück gefunden und ein Haus gebaut hatten. Das war der Punkt, an dem ich mir sagte: „Jetzt hast du eine neue Heimat“. Obereschach ist eine überschaubare Ge- meinde mit funktionierendem Gemeinwesen und herzlichen Menschen. Und das macht den Heimatgedanken besonders aus, die Menschen um einen herum. Denn Heimat ist vor allem auch dort, wo man sich aufgenommen fühlt und sein soziales Umfeld hat. Nur dann schlägt man Wurzeln – in Obereschach ist das bei uns der Fall. Zur Person Dr. Rainer Gutknecht, 84 Jahre alt, ist mit drei Geschwistern in Rottweil aufgewachsen, wo sein Vater Bürgermeister war. Als die beiden Altkreise Donaueschingen und Villingen zueinandergefunden hatten, wurde der Jurist zum ersten Landrat des neuen Schwarzwald-Baar-Kreises gewählt. Zu seinen Verdiensten zählen neben der Begründung des Jahr- buches Almanach zahlreiche, grundlegende Verbes- serungen bei der Infrastruktur im Landkreis, gerade auch im Schulwesen. Aber besonders der Bau des neuen Landrats amtes am Villinger Hoptbühl, das als vorbildlich gilt. Dr. Gutknecht war von 1973 bis 1996 und damit 23 Jahre lang im Amt (s. Almanach 1997). Karl Heim, 65 Jahre alt, amtierte vom 1. Juni 1996 bis zum 31. Mai 2012 als Landrat des Schwarzwald -Baar- Kreises. Der Dipl.-Verwaltungswirt (FH) studierte Verwaltungswissenschaften in Konstanz. Vor seiner Wahl fungierte er als Erster Landesbeamter und Stellvertreter des Landrates im Zollernalbkreis. Als Höhepunkte der 16-jährigen Amtszeit gelten u. a. die Optimierung der Verwaltungsstrukturen im Landratsamt, die Schaffung des Ringzugs und die maßgebliche Beteiligung am Bau des Schwarz- wald-Baar-Klinikums. Bei seiner Verabschiedung wird zudem die ausgleichende und sehr menschli- che Art seiner Kreispolitik mehrfach betont (s. dazu Almanach 2013). Sven Hinterseh, 43 Jahre alt, wurde am 26. März 2012 zum dritten Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises gewählt. In den Jahren 2001 bis 2003 war der Jurist und Verwaltungswissenschaftler als Rechts- und Ordnungsdezernent bereits im Landratsamt in Villin- gen-Schwenningen tätig. Danach folgten von 2003 bis 2005 Stationen in Berlin bei der baden-würt- tembergischen Landesvertretung und von 2005 bis 2010 bei der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, bis ihn sein Weg 2010 wieder zurück nach Baden-Württem- berg ins Staatsministerium nach Stuttgart führte. Dort leitete er die Grundsatzabteilung. Schließ- lich wechselte Sven Hinterseh ins Ministerium Ländlicher Raum und Verbraucherschutz, stand als Ministerialdirigent der Abteilung Naturschutz und Tourismus vor. Im Gespräch mit drei Landräten 27 27


Wie sehr der Schwarzwald-Baar- Kreis bereits unsere Heimat ist, zeigt uns die Heimkehr von Reisen: Wir freuen uns auf unser Zuhau- se: die Baar und den Schwarzwald – auf Pfaffenweiler. Sven Hinterseh Landrat seit 2012 Landrat Sven Hinterseh: Ich bin Südbadener, in Oberrotweil aufgewachsen, das ist ein Ortsteil der Stadt Vogtsburg im Kaiserstuhl. Wir hatten einen Wein- und Obstbaubetrieb – so fühlte ich mich schon früh auch in der Natur daheim. Ich erinnere mich besonders gerne an die Gerüche. Im Juni ernteten wir die Kirschen und verarbei- teten sie – ihr Aroma durchströmte das ganze Haus. Im Oktober hing der frisch-würzige Duft der Äpfel in der Luft. Im Winterhalbjahr brannten wir Schnaps. Ich habe ihn meist nicht getrunken, sondern gerochen – das ist ein wirklicher Genuss. Seit über drei Jahren trage ich Verantwor- tung im Schwarzwald-Baar-Kreis und wohne mit meiner Familie in Pfaffenweiler. In diesem Teilort von Villingen-Schwenningen fühlten wir uns sofort Zuhause. Wie sehr der Ort schon Hei- mat ist, zeigt uns die Heimkehr von Reisen: Wir freuen uns auf unser zuhause, an den Übergang von Schwarzwald und Baar – auf Pfaffenweiler. Das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Almanach hat dem neuen Landkreis zu mehr Identität ver- holfen, ihm ein Gesicht gegeben. Wie ist der Almanach entstanden? Dr. Rainer Gutknecht: Da muss ich an die Anfänge im Jahr 1973 erinnern, als der Schwarz- wald-Baar-Kreis aus den Altkreisen Donau- eschingen und Villingen begründet wurde. Vor allem im jetzigen Südteil des Kreises waren die Vorbehalte gegen das neue Gebilde spürbar. So suchte ich nach Möglichkeiten, das Verschmel- zen zu fördern. Ein Jahrbuch erschien mir als ideal, darin konnte man über viele Aspekte informieren – und regionale Bücher waren damals eine Seltenheit. Die Förderung des Hei- matgefühls war ein weiterer Aspekt – das hat sich überschnitten. Die Gelegenheit, die Anregung zum Alma- nach zu geben, bot sich in einem illustren Kreis: bei einem „Literarischen Abend“ am Dreikönigs- fest 1975 in Donaueschingen. Der Dichter und Reiseschriftsteller Max Rieple sollte die Aus- gestaltung des Jahrbuches übernehmen, doch seine Gesundheit ließ dies nicht mehr zu. Wie darf man sich die Anfänge der Buchproduk- tion vorstellen? Sie haben den Almanach damals von Hand produziert, noch mit Druckfahnen gearbeitet. Dr. Rainer Gutknecht: Allein konnte ich diese Arbeit nicht bewältigen und es gelang mir, den Schulamtsdirektor Helmut Heinrich für die Idee zu gewinnen. Er saß im Kreistag und vertrat in 28 40 Jahre Almanach


Vor allem im jetzigen Südteil des Kreises waren die Vorbehal- te gegen den neuen Landkreis spürbar. So suchte ich nach Mög- lichkeiten, das Ver- schmelzen zu fördern. Ein Jahrbuch erschien mir als ideal. Dr. Rainer Gutknecht Landrat von 1973 – 1996 der Redaktion die nördliche Kreishälfte. Zweiter Mitstreiter war Dr. Lorenz Honold, Redakteur bei der Badischen Zeitung in Donaueschingen. Honold war gebürtiger Riedböhringer, ein sehr gebildeter Mann. Der Almanach 1977 hatte 74 Seiten und einen Pappkarton als Umschlag. Die nächsten Ausgaben wurden bereits umfangreicher – der Erfolg war von Anfang an groß. Die Arbeit am Almanach beschäftigte mich das gesamte Jahr über. Es galt, Themen zu sam- meln, Autoren und Fotografen zu finden. Der ei- gentliche Umbruch in meinem Büro dauerte ein- einhalb Tage. Es war eine faszinierende Aufgabe, jedes Jahr ein neues Buch zu gestalten. Stets wa- ren wir darauf bedacht, die Kreisregionen gleich- gewichtig zu behandeln. In der Rückschau kann ich sagen: Insgesamt ist uns das gut geglückt. Aus Altersgründen schieden Dr. Lorenz Honold (1987) und Helmut Heinrich (1990) aus. Neu in das Team wurde 1988 Karl Volk, Grem- melsbach, berufen, 1990 wurde kraft Amtes Kreisarchivar Dr. Joachim Sturm Mitglied und 1996 Wilfried Dold, Vöhrenbach. Wenn ich sehe, was aus dem Almanach ge- worden ist, dann muss ich meinen Nachfolgern ein großes Dankeschön sagen – ich hätte nicht gedacht, dass es so gut weiter geht. Am Anfang gab es sicher Leute, die geglaubt haben, dieses Buch komme höchstens zweimal raus… Und in der Tat war die Geburt des Almanach eine schwierige, denn die Finanzierung war langfris- tig nicht gesichert. Die Herstellungskosten konnte man nicht allesamt auf den Preis umschlagen, der muss attraktiv sein. So hielt ich meine Verfügungs- mittel gut zusammen und konnte zudem Sponsoren für das Projekt gewinnen. Meinem Nachfolger Landrat Karl Heim gelang es schließ- lich, eine Haushaltsstelle für das Jahrbuch zu etablieren – ein großer Erfolg. Karl Heim: Ich glaube, gerade wenn man so etwas beginnt, hat man ordentlich Gegenwind, deshalb bewundere ich Sie, dass Sie es über Jahrzehnte durchgehalten haben, den Alma- nach auf diese Art und Weise zu produzieren. Sie haben es geschafft, den Almanach so zu verinner lichen, in der Bevölkerung und auch im Kreistag, dass ich als frisch gewählter Landrat 1996 fast bittend gefragt worden bin: „Herr Heim, wie ist es mit dem Almanach, werden Sie ihn weiterführen?“ So kam es, dass wir den Almanach durch eine eigene Haushaltsstelle fi- nanzierten. Als ich damals eingestiegen bin, war das auch der Zeitpunkt eines technologischen Sprungs, die drucktechnischen Möglichkeiten hatten sich grundlegend verändert. Im Gespräch mit drei Landräten 29


Als frisch gewählter Landrat wurde ich fast bittend gefragt: „Herr Heim, wie ist es mit dem Almanach – werden Sie ihn weiterführen?“ So kam es, dass wir den Almanach durch eine eigene Haushaltsstelle finanzieren konnten. Karl Heim Landrat von 1996 – 2012 Dr. Rainer Gutknecht: Der Almanach war für mich auch eine große menschliche Bereiche- rung. Ich traf viele Menschen, die ich ohne den Almanach nicht kennengelernt hätte. Auch des- wegen bin ich dankbar, dass es den Almanach gibt. Und die Themen sind bis zum heutigen Tag unerschöpflich. Der Almanach ist jetzt nach 40 Jahren ein wertvolles Nachschlagewerk für den gesamten Landkreis. Landrat Sven Hinterseh: Ich lernte den Alma- nach kennen, als ich 2001 im Landratsamt als Rechts- und Ordnungsdezernent arbeitete. Der Landrat hat die Mitarbeit mehr oder weniger positiv eingefordert, Karl Heim wollte, dass man sich da einbringt. Für mich war das selbst- verständlich, weil ich ein großer Freund von Büchern bin, sie begeistern mich. Ich bin sehr dankbar, dass Dr. Gutknecht die Idee und die Kraft hatte, das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch zu realisieren und dass Karl Heim den Almanach so engagiert fortführte. Viele Landräte und Kreistage beneiden uns um den Almanach. Es ist genau so, wie es meine beiden Vorgänger sagen: Wir haben ein Lexikon auf Zuwachs schaffen können, das einen ganz reichen Schatz darstellt. Der Almanach ist für mich nicht nur Verpflichtung, sondern auch Kür meiner Tätigkeit. Ich bin mir sicher, dass das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch einen identitäts- stiftenden Beitrag für den gesamten Landkreis leistet. Zurück zum Heimatgedanken, der mit dem Jahrbuch Almanach eng verknüpft ist. Die Renais sance des Heimatgedankens schließt mehr denn je unseren Dialekt ein. Sprechen Sie als „Zweitsprache“ schwarzwälderisch, alemannisch, schwäbisch oder hochdeutsch – und wann? Karl Heim: Dialekt ist für mich eindeutig ein Zeichen von Identität, mein schwäbisch- ale- mannischer Dialekt ist für mich meine erste Sprache. Wenn ich mich in meinem normalen Alltagsumfeld bewege, mit Menschen, die Dialekt sprechen, dann spreche ich ihn wie selbstverständlich auch. Dialekt bedeutet für mich Dazugehörigkeit zu diesem Raum, zu die- sem Umfeld, zu der Heimat, in der ich lebe – das ist für mich keine Frage. Wenn ich mich irgend- wo anders aufhalte, wenn ich offizielle Anlässe wahrnehme, dann ist meine „erste Fremd- sprache“ Hochdeutsch. Ich habe es immer als schade empfunden, wenn man jungen Menschen ihren Dialekt 30 40 Jahre Almanach


Das Gespräch zu „40 Jahre Almanach“ führten die früheren Land räte Dr. Rainer Gutknecht und Karl Heim sowie der amtierende Landrat Sven Hinterseh „auf dem Gipfel des Schwarzwald-Baar-Kreises“, im auf 1.130 Meter hoch gelegenen Gasthaus Schwedenschanze. Im „Schänzle“ wirtet die Familie von Anton Hettich (hinten, 2. v. rechts), der zusammen mit seinem Sohn Philipp (hinten rechts) den nahen Schänzlehof umtreibt. Vorne v. rechts: Karl Heim, Jakob, Julia Hettich, Rosalie, Margareta Hettich, Vincenz, Landrat Sven Hinterseh, Dr. Rainer Gutknecht und Wilfried Dold, der das Gespräch für die Almanach-Redaktion führte. ausgeredet hat, weil man der Meinung war, dass man ihnen etwas Gutes tut, wenn sie aus- schließlich hochdeutsch reden. Ich denke, man sollte beides unterstützen – und natürlich in der Schule ein möglichst fehlerfreies Hochdeutsch vermitteln. Dr. Rainer Gutknecht: Ich war zwölf Jahre im Rheinland, da konnte es am Anfang passieren, dass mein Gegenüber sagte: „Lieber Herr Gut- knecht, bitte sprechen Sie nochmal, wir ver- stehen Sie nicht.“ Ich habe mich dann bemüht, hochdeutsch zu reden aber mit schwäbischem Einschlag. Das habe ich auch beibehalten. Es ist ein Kompromiss – man kann seine Herkunft nicht verleugnen. Wenn ich hoch- deutsch spreche, merkt man sofort, wo ich herkomme und das finde ich auch in Ordnung. Die Leute haben mein Schwäbisch-Hochdeutsch immer gerne gehört. Es ist aktuell auch bei jungen Leuten „cool“, die Heimat zu mögen. Im Kontrast dazu stehen die Landflucht und andere unliebsame Entwick- lungen. Was kann ein Landkreis tun, um diesen Wandel der Heimat zu gestalten, wie kann er auch im ländlichen Bereich eine ausreichende In frastruktur sichern – und damit zugleich der Landflucht entgegenwirken? Landrat Sven Hinterseh: Man darf den großen urbanen Räumen nicht eine kontinuierliche Entwicklung und allen Fortschritt ermöglichen und die ländlichen Räume quasi mit einer Kon- servierung überziehen. Wir befinden uns hier in der „Schwedenschanze“, in einem sehr schö- nen, urigen Lokal. Diesen Ort sollte man genau so erhalten! Aber flächig kann man natürlich ei- nen Landkreis, der im ländlichen Raum zu Hau- se ist, nicht konservieren – das wäre eindeutig falsch. Wir haben nach dem Grundgesetz den Im Gespräch mit drei Landräten 31


Auftrag, innerhalb Deutschlands für gleichwer- tige Lebensverhältnisse zu sorgen. Deswegen muss Entwicklung auch im ländlichen Raum möglich sein. Entwicklung heißt Veränderung. Das heißt aber nicht, dass wir unsere Identität aufgeben müssen, dass wir irgendwo unsere Heimat verlieren. Wir leben in einer Region, die zu den wirtschaftsstärksten in Deutschland gehört, das ermöglicht uns einen relativ hohen Lebensstan- dard. Wenn Sie einen Schwarzwaldbauern vor 200 Jahren gefragt oder mal geschaut hätten, wie er sein Leben gestaltet, wie mühsam das war und wie hart er gekämpft hat, um sich das Überleben zu ermöglichen. Und wenn dieser Bauer jetzt auf seine Nach-Nachfolger schauen würde… Wir müssen immer noch alle hart ar- beiten, keine Frage, die Höhenlandwirtschaft ist immer noch sehr anstrengend und mit viel Aufwand verbunden, aber insgesamt kann man natürlich sagen, dass der Strukturwandel in die- sem Bereich schon sehr gut geschafft wurde. Und wir sind auch eine technologiestarke Region – das eine schließt das andere nicht aus, das ist mir wichtig. Man kann auch in moder- nen Räumen ein Heimatgefühl haben. Karl Heim: Unser Nachfolger Landrat Hinterseh hat eine Aufgabe, die sich von unserer stark un- terscheidet: Er darf den demografischen Wan- del mitgestalten. Das ist eine sehr schwierige, aber auch sehr spannende Herausforderung. Die öffentliche Hand muss dafür sorgen, dass nach wie vor optimale Rahmenbedingungen für unseren Alltag vorhanden sind. Die schönste Landschaft und die nettesten Menschen nützen mir gar nichts, wenn ich für meine Familie kein gutes Auskommen habe. Das heißt, ich muss heute dafür sorgen, dass beispielsweise eine Autobahn vorhanden ist – man muss eine solide Grundinfrastruktur gewährleisten. Und man muss die Identität der Menschen und ihr soziales Umfeld stärken. Auch Marketing ist wichtig: Wir müssen deut- lich machen, was wir zu bieten haben und wo unsere Stärken sind. Wir haben nicht alles, was eine Großstadt bieten kann, jedoch können wir andere Dinge vorweisen – beispielsweise siche- re Arbeitsplätze – und müssen uns nicht verste- cken. Das sollten wir gerade jungen Menschen vermitteln. Ich glaube, wir „verkaufen“ uns un- term Strich noch immer nicht gut genug. Millionen von Menschen sind weltweit auf der Flucht, über 4.000 Flüchtlinge leben im Schwarz- wald-Baar-Kreis. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen bei uns heimisch fühlen können? Was brauchen sie für ein Umfeld? Dr. Rainer Gutknecht: Das ist eine sehr aktuelle Frage, da immer mehr Flüchtlinge kommen. Wenn sie keine menschliche Zuwendung er- fahren, dann werden sie sich immer heimatlos fühlen. Wenn sie das Gefühl haben, hier werde ich aufgenommen, auch mit meiner kulturellen Eigenart, dann entsteht ein Heimatgefühl. Deshalb ist es wichtig, dass Flüchtlinge sozial betreut werden. Karl Heim: Wir haben hier bei uns durchaus Erfahrung mit Integration, wir waren schon im- mer ein Durchgangsland. Der Ausländeranteil beträgt schon jetzt 20 Prozent, und wir haben zum Glück eine wirtschaftliche Situation, die es ermöglicht, diese Menschen in den Arbeits- prozess zu integrieren. Ich denke, die Voraus- setzungen sind nicht schlecht – was wir fördern müssen, ist die Bereitschaft, diese Menschen aufzunehmen. Und es braucht die Möglichkeit dazu, dass sie sich auch tatsächlich integrieren können. Ich sehe diese Entwicklung nicht negativ. Idyllen wie der Villinger Münsterplatz mit seinem Ringwaldbrunnen sind viel besucht und gehören zu den touristischen Besonderheiten im Landkreis. Landrat Karl Heim: „Auch Marketing ist wichtig. Wir müssen deutlich machen, was wir zu bieten haben und wo unsere Stärken sind.“ 32 40 Jahre Almanach


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Landrat Sven Hinterseh: Über 60 Mio. Men- schen weltweit sind auf der Flucht, das ist seit dem Zweiten Weltkrieg der Höchstwert. Wir alle müssen unseren Beitrag leisten, um Menschen, die auf der Flucht sind, ein neues Zuhause zu ermöglichen. Das ist eine enorme Herausforderung. Der Schwarzwald-Baar-Kreis bekommt derzeit um die 300 Flüchtlinge im Monat zugewiesen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass im Jahr 2015 über 800.000 Asyl- bewerber/innen nach Deutschland kommen. Das fordert uns als Gesellschaft sehr. Ich bin dankbar dafür, dass wir im Schwarzwald-Baar- Kreis eine sehr aktive Bürgerschaft haben. Über 100 verschiedene Nationalitäten leben allein in Villingen-Schwenningen Tag für Tag zusammen. Auch im Almanach 2015 haben wir uns die- sem Thema angenommen, weil unser Jahrbuch auch solche Themen behandelt. Der Almanach berichtet ebenso über Herausforderungen und Probleme. In unseren Großstädten sind die Menschen immer häufiger gezwungen, ihr vertrautes Umfeld in der Stadtmitte zu verlassen, weil sie sich dort im Alter den Wohnraum nicht mehr leisten können. Wie schätzen Sie die Situation in unserem Landkreis ein? Karl Heim: Ich glaube, das ist eher in den Groß- städten so und bei uns nicht das zentrale The- ma. Ich kenne solche Fälle jedenfalls hier nicht. Dr. Rainer Gutknecht: Ich sehe es ähnlich. Wenn ich an Bad Dürrheim denke, wo ich wohne, dort- hin kommen immer mehr ältere Leute. Ich habe nicht das Gefühl, dass dabei das Finanzielle die entscheidende Rolle spielt, sondern eher die Möglichkeiten der Pflege. Landrat Hinterseh: Die Gemeinden haben sich auf den Weg gemacht, über neue Wohnformen nachzudenken und diese umzusetzen. Überall tut sich was. Wir sind aufgefordert, Sorge zu tragen, dass die Bürger/innen auch in ihrem letzten Lebensabschnitt in ihrem Dorf leben können. Da müssen wir noch mehr machen, aber wir sind auf einem guten Weg. Altersarmut ist aber durchaus auch bei uns ein Thema. So müssen wir dafür sorgen, dass genügend günstiger Wohnraum besteht – mög- lichst auch in zentraler Lage. Zurück zum Thema Heimatgedanken. Was ist für Sie typisch „Schwarzwald-Baar“? Landrat Hinterseh: Der Schwarzwald-Baar-Kreis vereint die beiden Naturräume Schwarzwald und Baar, die gegensätzlicher nicht sein könn- ten, und in ihrer Schönheit trotzdem wieder verbindend sind. Die Baar als quasi Hochmulde ist relativ ausgeräumt, stark landwirtschaftlich geprägt, der Schwarzwald von Bergen und Tä- lern – und einer anderen Landwirtschaft. Diese 40 Jahre Almanach


naturräumliche Gegensätzlichkeit finde ich schon wieder anziehend. aussehen wird. Das ist ja das Besondere daran, dass sich das Buch entwickelt. Aber es ist natürlich so, wenn Sie über Tou- rismus reden, ist der Schwarzwald-Baar-Kreis keine eigene touristische Marke, sondern man geht in den „Schwarzwald“. Aber ich würde sa- gen: Der schönste Teil des Schwarzwaldes liegt natürlich im Schwarzwald-Baar-Kreis… Und wenn ich von Marken spreche: Für die rund 207.000 Einwohner in unserem Landkreis ist die bekannteste Marke sicher das Autokenn- zeichen „VS“. Gleich, wo Sie sich aufhalten: Immer wenn Sie dieses Nummernschild sehen, vermittelt es Ihnen ein Stück Heimatgefühl, begegnet Ihnen irgendwo auf der Welt der Schwarzwald-Baar-Kreis. Um auf den Almanach zurückzukommen: Wie sieht für Sie der Almanach der Zukunft aus, wie kann man ihn in unserer „digitalen Welt“ auch neuen Lesern nahebringen? Wie denken Sie, kann man das lebendig halten? Dr. Rainer Gutknecht: Indem man alle Themen, die es gibt, aufbereitet. Niemand kann sagen, wie der Almanach in den nächsten 20 Jahren Typisch für die Baar: Blick vom Wartenberg aus, im Vordergrund die junge Donau. Typisch Schwarzwald: Hexenlochmühle in Neukirch. Karl Heim: Das Erste ist natürlich, dass die In- halte stimmen müssen, der Almanach muss eine möglichst breite Schicht ansprechen. Was die Bildsprache anbelangt, ist das Jahrbuch bereits einzigartig. Aber man muss die Dinge eben aus der Sicht unseres digitalen Zeitalters betrachten: Das Internet ist das Medium, mit dem die jungen Leute heute umgehen. Die wol- len diese digitale Geschichte, und auch Rentner schauen ins eBook. Diese Entwicklung darf man nicht verpassen. Landrat Hinterseh: Das ist natürlich alles richtig. Es ist ein Prozess, dem wir uns auch im Redaktionsteam stellen, ich finde das sehr spannend und bin zuversichtlich, dass uns das gelingen wird. Den Sprung in das digitale Zeit- alter haben wir ja bereits gewagt. Wir stellen uns dieser Herausforderung und können zudem eine hohe Wertigkeit vorweisen. Was mir wichtig ist: dass wir mit 40 Jahren Almanach einen reichen Schatz an regionalem Wissen besitzen. Nicht jeder hat das Glück, wie z. B. ich oder meine beiden Vorgänger, dass man im Bücherregal alle 40 Bände stehen hat. Bevor ich zu einer Veranstaltung gehe, schaue ich, welche Beiträge es zu dieser Einrichtung oder Organisation im Almanach gibt – und bin er- staunt darüber, was man alles findet. Im Gespräch mit drei Landräten 35


Dr. Rainer Gutknecht Karl Heim Sven Hinterseh Es liegt mir viel daran, diesen Schatz für alle zu heben und ihn digital zugänglich zu machen. Deswegen haben wir die Digitalisierung aller Jahrgänge vorangetrieben. Mit Erscheinen der 40. Ausgabe kann man digital in den ersten 35 Jahrbüchern recherchieren. Wir werden jedoch immer die letzten fünf Jahrgänge der Druckfassung vorbehalten, beziehungsweise der entgeltlichen Digitalfassung, da wir auf die Einnahmen aus dem Verkauf angewiesen sind. Auf diesem Weg wird das breite Wissen demo- kratisiert. Dr. Rainer Gutknecht: Vielleicht passt das ganz gut hier her. Das erste „Bändchen“ hat zwei DM gekostet. Ich habe von einem Antiquar gehört, dass dieses erste „Bändchen“ heute für 30 Euro zu haben ist… Was wünschen Sie dem Almanach? Dr. Rainer Gutknecht: Dass er bestehen bleibt ist mein Hauptwunsch. Dass es möglichst viele Leser und Leserinnen gibt, die den Almanach jedes Jahr im Herbst erwarten. Und dass der Al- manach nicht stehen bleibt. Karl Heim: Ich wünsche mir, dass der Almanach weiterhin alle Facetten aufzeigt, die dieser wun- derbare Landkreis zu bieten hat, alle Regionen, alle verschiedenen Aufgabenbereiche und alle Vielfalt – dass er alles widerspiegelt, was den Schwarzwald-Baar-Kreis ausmacht. Natürlich ebenso, dass das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch begeistert, nur dann hat es auch eine Zukunft. Landrat Hinterseh: Ich wünsche mir, dass es uns als Redaktion gelingt, immer auch diesen Mix zu schaffen, der für Leserinnen und Leser inte- ressant ist, sodass das Schwarzwald-Baar-Jahr- buch gut aufgenommen wird. Dass wir so einen Beitrag leisten, der für den Schwarzwald-Baar- Kreis identitätsstiftend ist. Das Gespräch führte Wilfried Dold. Events wie der Triberger Weihnachtszauber locken tausende von Besuchern an – der Schwarzwald-Baar- Kreis hat viel zu bieten. Das Jahrbuch Almanach ist ein Spiegelbild davon. Was den Schwarzwald-Baar- Kreis insgesamt ausmacht, findet sich seit bereits 1977 Jahr für Jahr im Almanach. 36 40 Jahre Almanach


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„Aus vielen, eines“ – Blumberg, eine außergewöhnliche Stadt Die Stadt zwischen Eich- und Buchberg befindet sich seit vielen Jahren im Aufbruch von Doris Rothweiler Über Blumbergs einzigartige Geschichte wurde schon viel geschrieben: Keine an- dere Stadt im Schwarzwald-Baar-Kreis sah sich jemals einer derartigen Zuwande- rungswelle ausgesetzt wie die Stadt zwischen Eich- und Buchberg. Hatte Blumberg 1936 noch zwischen 600 und 700 Einwohnern, platzte die Gemeinde bereits vier Jahre später buchstäblich aus allen Nähten. Mit 5.000 Einwohnern im Jahr 1940 hatte sich die Einwohnerzahl praktisch verzehnfacht. Häuser mussten aus dem Bo- den gestampft werden, ebenso Geschäfte, die den Bedarf der Bergleute, die in den Doggererzstollen schufteten, decken mussten. Mehrere tausend junge Männer und Familien aus Schlesien, dem Saarland, Hamburg und dem Ruhrgebiet mussten im Dienst der Dogger- erz-Bergbau GmbH in den Blumberger Erzgru- ben arbeiten, viele davon nicht freiwillig. Dass dies nicht immer ohne Konflikte blieb, kann man sich denken – doch alles in allem ist Blum- berg ein Paradebeispiel dafür, dass, den guten Willen vorausgesetzt, der amerikanische Leit- spruch „Aus vielen, eines“ (Out of many, one), auch auf der Baar gelten kann. Dies lässt sich in Blumberg an vielen Dingen ablesen. Die Zugereisten, von denen viele, auch nach Schließung der Doggererz-Bergbau GmbH, in Blumberg blieben, brachten neue Ideen und kulturelle Vielfalt in die Eichbergstadt. Ein Beispiel hierfür ist die Blumberger Nar- rengesellschaft. Hier treffen Elemente der rhei nischen und der alemannischen Fastnacht aufeinander und bringen einen bunten Mix aus heiteren Programmabenden nach dem Vorbild rheinischer Prunksitzungen und der ursprüngli- chen alemannischen Straßenfastnacht hervor. Ansonsten erinnern an die Zuwandererwel- le von vor mehr als siebzig Jahren nur noch wenige Straßennamen wie zum Beispiel die Schlesierstraße oder die Völklingerstraße. Die Gebliebenen sind Blumberger geworden- mit Leib und Seele. Und natürlich Denkmäler wie der „Schwarze Mann“ oder der Stadtbrunnen. Und last but not least die vergitterten Eingänge zu den Stollen. Der 1994 neu gestaltete Platz vor dem Kissigbau ist das Werk des Blumbergers Hans-Joachim Müller. Der Brunnen, eine Spende der Sparkasse im Jahr 1988 aus Anlass des 150-jährigen Bestehens, zeigt Motive zur Burg Blumberg, zur Bergarbeitergeschichte und zu Buch-und Eichberg. 38 3. Kapitel – Städte und Gemeinden


Blumberg 39


Bürger und Stadtverwaltung ziehen an einem Strang Stadtverwaltung und Bürger lassen sich viel einfallen, um Blumberg aktuell, innovativ und attraktiv zu gestalten. Sowohl für Urlauber als auch Bürger konzipiert die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen, die aus engagierten Bürgern bestehen, immer neue Veranstaltungen und Einrichtungen, um die Stadt am Eichberg nahe am Puls der Zeit zu halten. Digitale Breitbandversorgung, neue Gewer- begebiete, zahlreiche Geschäfte und Discoun- ter, Kindergärten, Kindertagesstätten, Schulen, die Anbindung an den Ringzug, ein zentralgele- genes Ärzte- und Gesundheitszentrum machen Blumberg attraktiv für junge Familien, die hier alles finden, was sie zum Leben und Arbeiten brauchen. Doch zu einer funktionierenden Inf- rastruktur gehören nicht nur Geschäfte, Betrie- be, Verkehrsanbindungen und Arbeitsplätze: In Blumberg ist auch für die Freizeit bestens gesorgt. In mehr als 150 Vereinen lässt sich der Feierabend abwechslungsreich nach jedem Ge- schmack gestalten. Das Angebot ist so bunt und vielfältig, wie man es sich nur wünschen kann. Von den Klas- sikern unter den Vereinen wie Musikvereinen, Chören, Sport-und Fußballvereinen einmal abgesehen, hat Blumberg zwei Ski-Clubs auf- zuweisen, so den Ski Club Blumberg e.V. und den Ski-Club Nordhalden, einen Tennisclub und einen Bogensportclub, dessen Trainingsgelände malerisch neben der Strecke der bekannten Mu- seumsbahn liegt. Doch auch für alle, die nicht in Blumberg leben oder sich nicht in Vereinen engagieren können oder möchten, bietet die Stadt das gan- ze Jahr über Anlässe, um zusammenzukommen und miteinander zu feiern. Fest etabliert hat sich der Ostermarkt, bei dem regionale Anbieter kulinarische Köstlichkeiten und Dekoartikel zum Osterfest beisteuern. Eine „Leuchtturmveranstaltung“ Blumbergs ist der Internationale Eichberg Cup. Dieses Tur- nier hat sich zu einem begehrten Wettbewerb gemausert, in dem sich die U-15 Nachwuchs- Zwischen Eichberg und Buchberg liegt die ca. 10.400 Einwohner große Stadt Blumberg. Ihre Ent- stehung geht auf das 13. Jahrhun- dert zurück. Die Stadtgründer, die Herren von Blumberg, sind erstmals im Jahre 1260 erwähnt. Die tatsächliche Entstehung Blumbergs wird aber weit vor die- sem Datum vermutet. Jedenfalls haben am Eichberg schon in der Steinzeit Menschen gelebt, wie archäologische Funde belegen. Die „amerikanische Stadt“, wie Blum- berg gelegentlich auch genannt wird, war 1942 für ein halbes Jahr auch die Heimat von Sophie Scholl, die als Mitglied der studentischen Widerstandsgruppe „Wei- ße Rose“ im Dritten Reich hingerichtet wurde. In Blumberg absolvierte sie ihren Kriegshilfsdienst im Kindergarten Bürgermeister von Blumberg ist seit 2010 Markus Keller. Zur Stadt gehören auch die Ortsteile Achdorf, Epfenhofen, Fützen, Hondingen, Kommingen, Nord- halden, Randen, Riedböhringen, Ried- öschingen und Zollhaus. Als Wirtschafts- standort profitiert Blumberg von seiner günsti gen Lage zur Schweiz und der Nähe zur A 81. spieler großer Vereine wie des SC Freiburg, der Stuttgarter Kickers, des TSV 1860 München, des VfB Stuttgart oder der Grashoppers Zürich mit- einander messen können. Ein neben der Museumsbahn über die Lan- desgrenzen hinaus bekannt gewordenes Event ist das Street-Art-Festival, das jedes Jahr im Juli Oben: In Blumberg findet sich ein wahres Meer an Siedlungshäusern. Unten: Impression vom Street-Art-Festival. 40 „Aus vielen, eines“ – Blumberg


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seinen festen Platz im Blumberger Veranstal- tungskalender gefunden hat und mit seinen eindrucksvollen Malereien tausende von Besu- chern in die Eichbergstadt zieht. Die bleibenden 3D Malereien sind das ganze Jahr über zu be- wundern und machen das ohnehin farbenfrohe Blumberg noch ein bisschen bunter. Im September folgt dann schon das nächste Highlight: Das Blumberger Straßenfest, das je- des Jahr am letzten Samstag der Sommerferien stattfindet. Auch die Kunstausstellung, die im September 2015 zum 36. Mal veranstaltet wird, zieht zahlreiche Kunstliebhaber aus dem gan- zen Schwarzwald-Baar-Kreis in die Stadthalle im Westen der Eichberggemeinde. Sauschwänzlebahn ist und bleibt der größte Besuchermagnet Größter Besuchermagnet ist aber immer noch die berühmte Sauschwänzlebahn. Obwohl die historische Bahnstrecke mit ihren vielen Kur- ven und Tunnels von Blumberg-Zollhaus nach Weizen für sich steht und viele Eisenbahnlieb- haber in die Eichbergstadt lockt, haben sich die Verantwortlichen wieder viel einfallen lassen, um die Attraktivität weiter zu steigern und die Fahrt zu einem spannenden und einzigartigen Erlebnis werden zu lassen. Ein Höhepunkt des Programms ist der Kin- dertag: Mit vielen jungen Gästen, die ihre Neu- gierde kaum zügeln können, startet die Bahn in Richtung Weizen. Der interessierte Nachwuchs stellt Fragen über Fragen, denn wie so eine Eisenbahn funktioniert, ist ein spannendes Thema und nicht nur die Jungs wollen mehr zur Bahntechnik erfahren. Genussvoll wird es in der Sauschwänzlebahn, wenn sie zur Whiskyfahrt bei Dudelsackklängen aufbricht. Es gibt viele weitere besondere Veranstal- tungen, die Blumberg bietet. Fest steht jedoch eines: Der Eventkalender ist ein gutes Beispiel dafür, dass Blumberg seine Möglichkeiten nicht nur nutzt, sondern auch ständig bemüht ist, für seine Besucher und Einwohner ein Angebot zu schaffen, das seinesgleichen sucht. Die Stadt am Eichberg ruht sich nicht auf dem Erreichten aus. Sanierung des Panoramabades Diese Haltung spiegelt sich auch in einem ande- ren Projekt wider, das Blumberg bereits im letz- ten Jahr angepackt hat. Es handelt sich um die Sanierung des bekannten Panoramabades mit seiner schönen Lage am Osthang des Eichbergs und seiner fantastischen Aussicht auf Blum- berg. Aus dem früher sportlich fokussierten Bad wird bis zum Mai 2016 ein Erlebnisbad für die ganze Familie. Eine ca. 35 Meter lange Rutsche wird neben zwei Massagedüsen, einem Wasser- pilz und zahlreichen weiteren Angeboten den Schwimmbadbesuch zu einem Spaß für Jung und Alt machen. Und wer die Sommermonate lieber aktiv verbringt, der kann sich in Blumberg auf zahl- reichen Rad-und Wanderwegen fit halten. Über das gesamte Stadtgebiet führen achtzehn Rundwanderwege, die zum Teil auch unter Füh- rung angeboten werden. Blumberg hat definitiv den Sprung ins 21. Jahrhundert mit Bravour geschafft. Bürger- meister Markus Keller: „,E pluribus – unum‘ oder ,Out of many, one‘ – der Wappenspruch der Vereinigten Staaten passt wie kein anderer auf unser Blumberg. Aus vielen Kulturen wuchs eine funktionierende Verbindung zwischen Kern ort und Ortsteilen, zwischen Alteingesesse- nen und Zugereisten, auf die ich sehr stolz bin. Die Geschichte Blumbergs beweist: Mit Zu- versicht, Einsatz, Charme und einem überaus starken Willen lässt sich so manche Hürde neh- men – und genau so wird Blumberg auch in die Zukunft gehen.“ Oben: Die Seilwinde katapultiert auf dem Blumberger Flugplatz ein Segelflugzeug in die Höhe. Unten: Die Sauschwänzlebahn bei Epfenhopfen. 42 „Aus vielen, eines“ – Blumberg


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Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 46 52 Lioba Kühne Matthias Wiehle 66 70 Ingrid Schyle Albrecht Benzing 44 4. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Auf die Frage, was und wo Heimat ist, folgt nicht selten mehr als eine Ant wort. Eines aber gilt für alle Frauen und Männer, die im Rahmen unserer Portrait serie „Daheim im Schwarzwald und auf der Baar“ vorgestellt werden: Sie fühlen sich auch im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim. Das schließt nicht aus, dass sie überall auf der Welt unterwegs sind wie der Hüfinger Pilot Matthias Wiehle – oder an einem Ort ganz besonders hängen wie Ingrid Schyle am Skidorf Schonach. Die Landärztin Dr. med. Lioba Kühne praktiziert dort mit Herz und Seele, wo sie glücklich aufge- wachsen ist: in Furtwangen. Kunsttherapeutin Anke Jentzsch fühlt sich in Marbach bei ihren Bienen daheim, Geschäftsführer Laurent Lebas als gebürtiger Franzose in Villingen. Wie Bärbel Brüderle, die sich dem Erhalt der Muttersprache verschrieben hat. Und die Unternehmerin Ute Grießhaber hat als Kind der Doppelstadt heute in Obereschach ihr Zuhause. Albrecht Benzing indes ist Schwenninger – er hilft Flücht- lingen, bei uns eine neue Heimat zu finden. Heimat kennt viele Facetten. 56 62 Ute Grießhaber Laurent Lebas 76 82 Anke Jentzsch Bärbel Brüderle 45


Dr. med. Lioba Kühne Landärztin in Furtwangen von Elke Schön Sie ist eine Landärztin wie sie im Buche steht. Wer sich wie Dr. med. Lioba Kühne in Furtwangen im Schwarzwald als Hausärztin niederlässt, der hat es „nicht nur“ mit einem fast immer voll besetzten Wartezimmer zu tun, sondern der muss auch im strengsten Winter hinaus in die entlegensten Winkel. Lioba Kühne macht das nichts aus. Wer ihr begegnet, der spürt sofort: diese Frau ist eine Landärztin durch und durch. 19 Uhr an einem Dienstag im Wartezimmer der Allgemeinarztpraxis Dr. med. Lioba Kühne. Die Arzthelferin unterhält sich mit einer Patientin, das Wartezimmer ist leer. Ungewöhnlich um diese Zeit, wo sich doch sonst die Sprechstunde bis in den späten Abend hinzieht. Über dem Empfangstresen steht der Grund zu lesen: „Urlaub vom…“. Die Tür zu einem Behandlungs- zimmer steht halb offen, ein Patient wartet hier noch auf eine Impfung. Auf ihrem Weg dort- hin bittet mich die Ärztin, kurz zu warten und wendet sich klärend und beruhigend an eine Patientin, die verunsichert ist in Sachen Tablet- teneinnahme. So bleibt Zeit ein großes Bild an der Wand zu betrachten, das statt der üblichen Sehnsuchts- landschaft oder modernen Dekorationskunst fünf junge Frauen zeigt, die sich im blauen Dienstdress munter lächelnd zu einem Foto postiert haben. Das Bild hat das Team der Küh- ne-Praxis der Chefin zum Geburtstag geschenkt, erfahre ich gleich, und bin schon selber an der Reihe Platz zu nehmen in einem von zwei gro- ßen Fenstern erhellten Eckzimmer. Wie Recht sie hatte, mich auf die telefoni- sche Anfrage nach einem Interview hin genau auf den Vorabend vor dem Urlaub einzube- stellen! Zum Thema „ärztliche Versorgung im ländlichen Raum“ wird sie wahrhaftig einiges zu sagen haben und will sich dazu Zeit nehmen. Mir bleibt noch die Gelegenheit zum Blick nach draußen – auf den Hang gegenüber, wo sie aufgewachsen ist und auch heute wohnt. Von dort hätte sie nur wenige Minuten Fußweg zur Praxis, wenn sie nicht immer das Auto nehmen müsste, um jederzeit bei Notfällen in jedem noch so entlegenen Winkel zur Stelle sein zu können. Ganz gleich, ob es sich um einen ihrer eigenen Patienten handelt, oder einen ohne je- den Versicherungsschutz. Auch die gibt es noch und auch sie brauchen ärztliche Hilfe. Eine gebürtige Furtwangerin Hatte ich erwartet, einer Frau gegenüber zu sitzen, die von der Belastung eines langen Tages abgehetzt wirkt, überrascht mich jetzt, wie wach und gelöst sie sich mir zuwendet und gleich zu sprechen beginnt. Fragen meinerseits erübrigen sich, denn sie berichtet stringent ihren Werdegang, angefangen von einer glück- Dr. med. Lioba Kühne, Landärztin aus Furtwangen. 46 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


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lichen Kindheit und Jugend über die Studienzeit bis zu ihrer aktuellen Situation als vielgefragte Ärztin mitten in der Schwarzwald-Kleinstadt Furtwangen. Glasklar wird deutlich, worauf sich ihre vielbestaunten Erfolge und ihre Beliebtheit gründen: Als zweites von vier Kindern ist sie wohlbehütet und -gefördert in ihrer Geburts- stadt Furtwangen herangewachsen. Der Vater, Karl Stratz, Ingenieur und La- borleiter an der Hochschule, die damals noch Ingenieurschule hieß, und die Mutter, geborene Haberstroh, Bauerntochter aus dem Nonnen- bachtal, legten immer Wert auf einen gemein- samen Mittagstisch, bei dem jeder zu Wort kam, seine Erlebnisse erzählen und ausgiebig Probleme diskutieren durfte. Das Gymnasium zu besuchen, war den Kindern durchaus als Privileg bewusst, die Mutter hatte zu ihrem Leidwesen nie die Gelegenheit, zum Abschluss einer höheren Schulbildung zu kommen. Als Mädchen aus einem stillen Schwarzwaldtal hat- te man das Haushalten zu lernen, sich auf eine Heirat vorzubereiten und sich immer um die Älteren in der Verwandtschaft zu sorgen. Der jungen Lioba fiel schon früh die Verant- wortung für ihre jüngere Schwester und den Bruder zu. Wohl auch, weil sie über besondere Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen verfügte. Es wird berichtet, dass sie schon als Sechsjährige einmal einem Onkel, der zu Besuch war, auf den Kopf zu sagte :“Gell, Dir geht’s nicht gut, das seh‘ ich Dir an den Augen an“. In der Schule glänzte sie bereits früh beson- ders in den Fächern Biologie und Chemie, wurde auch von der Lehrerin darin bestärkt, diese Fächer in Freiburg zu studieren. Während der ersten beiden Semester dort begann bereits die Freundschaft mit Manfred Kühne, einem gebür- tigen Braunschweiger, der zum Studium nach Furtwangen gekommen war. Als dieser junge Ingenieur seine erste Stelle in Berlin bekommt, zieht sie mit, um dort an der Freien Universität ihr Studium fortzusetzen. Bald begeistert sie sich so sehr für die Me- dizin, dass sie sich gleichzeitig auch an dieser Fakultät einschreibt. Nach Abschluss des Medi- zin examens folgt ein praktisches Jahr an der Charité, später eine Assistentenstelle an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf, das zu der Zeit führend ist in der Kinderkardiologie. Von dort will ihr Chef, ein Freiburger, sie nur ungern weglassen, als Manfred Kühne eine Pro- fessur für Sensortechnik in Furtwangen antritt. Natürlich geht sie mit ihm in ihre Heimatstadt. Hier aber durchlebt sie jetzt große einschnei- dende Veränderungen: Ihr Vater ist bereits 48 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Eine Landärztin, wie sie im Buche steht: Dr. med. Lioba Kühne am Empfang ihrer Praxis und bei der Ausbildung einer Arzthelferin. Sie demonstriert dem jüngsten Mitglied im fünfköpfigen Team, wie man den Blutdruck richtig misst. Was verschreibe ich, in welcher Dosierung? Ist eine Überweisung zum Facharzt sinnvoll oder eine Verlegung in eine Spezialklinik? Täglich tausend Fragen, die nach entschlossenen Maß- nahmen verlangen. Gewappnet mit Praxiserfahrungen wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit als Fachärz- tin für Allgemeinmedizin. Glücklicherweise kön- nen die beiden Söhne tagsüber in der Obhut der Großmutter sein und die Geborgenheit erleben, die der jungen Lioba so viel bedeutet hatte. Das bleibt sogar so, als Mutter Stratz mit ins neue eigene Heim zieht und ihrer Tochter noch viel an täglicher Hausarbeit abnimmt. Zudem weiß die Ärztin ihren Ehemann als fachliche Stütze (etwa in Sachen Medizintechnik) im Hinter- grund. Vor allem aber ist ihr klar, wie hilfreich sich die gründlichen Studien in Biologie und Chemie im täglichen Umgang mit Medikamen- ten erweisen. „Lernen hat mir schon immer einfach Spaß gemacht“ Die Wechselwirkungen und chemischen Vor- gänge der Medikation kann sie weit besser vorausberechnen, als so mancher „normal“ aus- gebildeter Mediziner, sie muss sich also nicht blind verlassen auf die gängige Pharmazie. Klar ist auch, dass sich Lioba Kühne in allen Richtun- gen weiterbildet. „Lernen hat mir schon immer einfach Spaß gemacht“, gesteht sie. Gründliche Kenntnisse in Akupunktur und Palliativmedizin eignet sie sich an und schafft es sogar, inner- halb von fünf Jahren nebenher die Ausbildung in Psychotherapie zu absolvieren. Spätestens jetzt, seit sie mit den unter- unheilbar krebskrank, sie pflegt ihn bis zum Tod. Ihr Sohn Carsten wird geboren, die Zwillings- schwester ihres Ehemanns stirbt 37-jährig in Berlin an Krebs, weshalb deren Mutter mit nach Furtwangen geholt wird, wo sie bald an Alzhei- mer erkrankt und für lange Jahre zum Pflegefall wird. Nun also wird der jungen Ärztin die andere Seite von Krankheit voll bewusst, das Leid, das Angehörige durchmachen, das Ohnmachtsge- fühl, nicht helfen zu können. Dieser Aspekt kam während ihrer bisherigen wissenschaftlichen Laufbahn nur am Rande in den Blick. Schritt in die Selbstständigkeit In Furtwangen ist zunächst keine volle Stelle frei, sie macht Praxisvertretungen ringsum und übersteht die wohl härteste Prüfung ihrer praktischen Tätigkeit: Nachtdienste allein in einer Rehaklinik für Asthmapatienten. Was für eine andere Welt, verglichen mit einer Uni- versitätsklinik! Kein Kollege, den man um Rat fragen kann, kein Chef, der die nächsten Unter- suchungsschritte vorgibt, nicht der gewohnte Schutz in der Teamarbeit. Statt dessen sind ständig schnelle Entschei- dungen erforderlich: Welche Spritze setze ich? schiedlichsten Patienten und ihren Problemen Tag für Tag konfrontiert ist, erkennt sie, wie Dr. med. Lioba Kühne – Landärztin 49


dringend notwendig das gründliche Verständ- nis für jede einzelne Persönlichkeit ist, unter welchen sozialen psychischen und familiären Bedingungen die Krankheit ausbricht oder ein Leiden sich einschleicht. Daraus muss natürlich eine sorgfältige Abwägung der therapeutischen Maßnahmen erwachsen: Was ist gerade für diesen Menschen zumutbar, welche Methoden wird er, auf Grund seiner jeweiligen Situation und Persönlichkeits- struktur, ablehnen oder einfach nicht durchhal- ten können? Klar, dass es viel Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen erfordert, derart intensiv auf jeden Patienten einzugehen, was am ehes- ten noch in einer Kleinstadt oder ländlichen Region zu machen ist. Einleuchtend erscheint mir jetzt auch Lioba Kühnes Grundsatz, sich nach jedem Arbeitstag Rechenschaft darüber abzulegen, ob sie alle richtig, ihrem ärztlichen Gewissen entspre- chend, behandelt hat, und ob nicht jemand zu lang hat warten müssen. Immer wieder sind neue Denkmuster erforderlich. In diese natur- wissenschaftliche Vorgehensweise ist sie eben hineingewachsen, aber im gleichen Maß ist eine tiefe Empathie Grundvoraussetzung dafür, je- dem Patienten gerecht werden zu wollen. Die Persönlichkeit ist ausschlaggebend Dass sie das Glück hatte, beschützt und ge- borgen aufzuwachsen und gleichzeitig Fleiß, Leistung und Lust am Lernen herausgefordert wurden, betont die Ärztin immer wieder voller Dankbarkeit und versichert mir, sie würde alles, was sie bisher im Leben getan hat, wieder so machen wollen. Gleichzeitig ist ihr aber be- wusst, wie selten heute jungen Leuten so ein Werdegang gegönnt ist. Allein die Situationen in den Patchworkfamilien setzen der Entwick- lung von Kindern zu. Und wer kann sich schon Zeit nehmen, mit zusätzlichen Studienfächern sein Allgemeinwissen zu vertiefen, wer verfügt schon über so viel Selbstvertrauen und per- sönliche Stabilität, auch mit Kritik und Krisen fertig zu werden? „Ja, die Frau Kühne bringt es tatsächlich fertig, die Vertretungs- und Wo- chenenddienste der fünf örtlichen Allgemein- praxen zu organisieren, so dass alle damit leben können“, lobte einst ein Kollege, bevor er sich in den Ruhestand verabschiedete. Realistisch wie sie ist, weiß sie auch, dass die Entwicklung der Medizin weg von Provinzkran- kenhäusern hin zu Großkliniken unumkehrbar ist. Gerade in Furtwangen, das lange stolz ge- wesen war auf „sein“ Krankenhaus, muss sie noch immer viel Aufklärungsarbeit leisten, hat sie doch längst die Vorteile dieser Lage erkannt: Je seltener und je kürzer ihre Patienten eine Be- handlung in der Kreisstadt in Anspruch nehmen können, desto besser kann die Hausärztin sie und auch die Angehörigen individuell betreuen und, wie sie feststellt, auch schneller wieder ins Alltagsleben eingliedern. 21 Uhr ist es mittlerweile geworden und keine Spur von Müdigkeit ist zu spüren; muss denn, nach so gründlicher tiefgreifender Rück- schau auf das Leben dieser Landärztin über- haupt noch die Frage gestellt werden. nach dem Ausweg aus der „Misere der ärztlichen Versorgung auf dem Lande“? Lioba Kühnes Antwort hat sich herauskristallisiert: Die Per- sönlichkeit des Mediziners, der Medizinerin ist ausschlaggebend. Sinnvoller als die Zulassung zum Studium nach den Abitursnoten wäre ein Auswahlverfahren, das über die menschliche Eignung, also Empathiefähigkeit und Flexibilität Aufschluss gibt. Doch die eine Frage kann ich mir nicht versagen: „Wo nehmen Sie die Kraft her und den Schwung, den sogar Ihre Söhne be- staunen, wenn Sie morgens munter gelaunt zur Praxis gehen, haben sie noch Zeit für ein Hob- by?“ „Ich spiele schon immer sehr gerne Klavier und genieße so oft wie möglich Konzertbesuche in Freiburg“. Furtwangen im Schwarzwald, der Wirkungsort der Landärztin Dr. med. Lioba Kühne. 50 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


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Matthias Wiehle Der Lufthansa-Pilot schätzt seine Heimat Hüfingen nicht nur von oben von Gabi Lendle „Ich könnte auch in Kalifornien leben, aber in Hüfingen habe ich meinen Lebensmittelpunkt gefunden. Hier gefällt es mir und meiner Familie und hier fühle ich mich zu Hause“ das sagt der 46-jährige Pi- lot der Deutschen Lufthansa und dreifache Vater nicht nur so daher. Er hat durch seinen Beruf viele Kontinente, Länder, Städte und Gegen- den kennengelernt, die genauso viel Schönes bieten können. In Hüfin- gen ist er geboren und ist nach mehreren Lebensstationen wieder zu seinen Wurzeln zurück gekehrt, die er ohnehin nie ganz verlassen hat. 52 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Flugkapitän Matthias Wiehle auf dem Rollfeld vor der Lufthansa-Flotte und im Cockpit. Matthias Wiehle – Flugkapitän 53


Der Bezug zu seinen Eltern und seiner Familie in Hüfingen sind ihm sehr wichtig. Das Gefühl, dass seine Kinder hier eine umfassend gute Infrastruk- tur zum glücklichen Aufwachsen vorfinden, tut gut. Wiehle, der sich selbst als Familienmensch bezeichnet, schätzt die Nähe zu seinen langjäh- rigen Freunden, Bekannten und den Vereinen, in denen er selbst groß geworden ist. „Das alles sind positive Aspekte, die mein Leben bereichern“. Der berufsbedingte Ortswechsel bei Reisen in andere Länder und Städ- te, das kurzzeitige Leben im Hotel – und dann wieder die Rückkehr in die Heimat, verstärken noch das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein. „Es ist schön, immer wieder heimkehren zu können“, beschreibt er diesen glückli- chen Lebensumstand, mit dem auch seine Familie gut klar kommt. Klar zum Start: Für den Hüfinger Matthias Wiehle ging mit seiner Laufbahn als Pilot ein Kind- heitswunsch in Erfüllung. Bei der Lufthansa hat er bereits 14.500 Flugstunden ab- solviert. schiedenen Nachtests absolviert wer- den. „Die Bundeswehr wollte mich unbedingt haben, doch die Werte für diese hohen Anforderungen haben einfach nicht gestimmt“, erzählt der jetzige Kapitän der Deutschen Luft- hansa. Die Enttäuschung war riesig. Ohne große Hoffnung – sprich Motivation und Ehrgeiz – bewarb sich Matthias Wiehle dennoch an einer Ausschreibung der Lufthansa und reiste nach Hamburg, wo er ganz locker in die Prüfung ging. Einige Zeit später erhielt er die Einladung der Lufthansa, eine Ausbildung zum Pi- loten zu beginnen. Matthias Wiehle zögerte nicht lange: Zwar konnte er bei der Lufthansa keine Kampfjets steuern, aber immerhin lernte er flie- gen. Nach seiner teuren Ausbildung in Bremen und Phoenix/ Arizona hatte er nach zwei Jahren den Ver- kehrsflugschein in der Tasche. Meilensteine waren sein erster Alleinflug und sein erster Flug mit Passagieren. In Bremen werden die Fluganfänger theo- retisch geschult, zum Fliegen geht es nach Phoenix, wo das Wetter 360 Tage im Jahr nach Sichtflugregeln fliegbar ist. In Schardscha in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden die Landeanflüge geübt. Wenn man als junger Mensch soviel unterwegs ist, rückt die Heimat schon etwas in den Hintergrund. Doch nicht so bei Matthias Wiehle, der den Verbindungsfaden zu seinem Elternhaus, seinen Geschwistern und Freunden nie abreißen ließ. Über 4.400 Starts und Landungen Matthias Wiehle lernte die deutschen und eu- ropäischen Flughäfen kennen und pendelte in seinen ersten vier Berufsjahren zwischen der Main-Metropole Frankfurt und Hüfingen, wo auch seine Freundin lebte, hin und her. Weitere Lebensstationen waren Mainz und später Trier, wo er fast sesshaft geworden wäre. Doch es kam anders: Vor zehn Jahren suchte Matthias Den Berufswunsch „Pilot“ hatte Matthias Wiehle seit seiner Kindheit Matthias Wiehle hat sich während seiner Schul- laufbahn, erst in der Lucian-Reich-Schule Hüfin- gen und später auf dem Fürstenberg-Gymna- sium Donaueschingen, nie die Frage gestellt, was er einmal werden will. Er wusste es schon lange: Und zwar seit dem Zeitpunkt, als immer wieder Kampfjets der Bundeswehr tief über die Baar flogen und Matthias sie als Junge aus dem Dachfenster beobachten konnte. „Das will ich auch machen, wenn ich groß bin“, definierte er sein Ziel. Diesen Wunsch verfolgte er mit gro- ßem Nachdruck und bewarb sich schon im Alter von 17 Jahren, als er kurz vor dem Abitur stand, bei der Bundeswehr. Den theoretischen Teil für das Aufnahmeverfahren bewältigte er sofort. Nachdem er sein Abitur 1988 in der Tasche hatte, ging es zur Luftwaffe nach Ulm, wo er mit dem Grundwehrdienst begann. Beim medizi- nischen Test in Fürstenfeldbruck kam dann der Schock: Die Blutwerte gefielen den zuständigen Ärzten nicht und es musste eine Reihe von ver- 54 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Noch heute ist Matthias Wiehle ein aktiver Turner. An Fastnacht geht er als „Bärcheappeli“ auf die Straße. Wiehle wieder die Kontakte nach Hüfingen und lernte dabei seine Frau kennen. Seither reist er seinem Dienstplan entsprechend meist mit dem Zug nach Frankfurt und wieder zurück. Sein wechselnder Arbeitsplan sieht vor, dass er vier bis fünf Tage als Pilot in Europa im Einsatz ist und dann wieder ein paar Tage frei hat. Diese Tage nutzt er, um bei seiner Familie zu sein. Im Jahr 2005 erhielt er den vierten Strei- fen auf seiner Uniform und fliegt seither als Kapitän. 14.500 Flugstunden, 500 im Simulator sowie 4.400 Starts und Landungen hat er bisher auf verschiedenen Flugzeugtypen erfolgreich hinter sich gebracht. In all den Jahren gab es keine nennenswerten technischen Probleme an den Flugzeugen. Mehrmals im Jahr muss er im Simulator nachweisen, dass er das Flugzeug in allen Notsituationen beherrscht. Das erfordert eine strenge Disziplin, und bedeutet auch, im- mer wieder in die Lehrbücher zu schauen. Matthias Wiehle flog unter anderem auf einer Boing 747 um die ganze Welt. Wichtig sei es, die Zeitverschiebungen gut wegstecken zu können und, dass man auch im Cockpit in den Ruhephasen in der dafür vorgesehenen Kabine gut schlafen könne. Zudem müsse man über ausreichend Nervenstärke verfügen, um in schwierigen Situationen schnell die richtigen Handgriffe ausführen zu können. „Den meisten Stress haben wir allerdings am Boden bei der Flugvorbereitung, dem Wetter-Check, der ent- sprechenden Spritberechnung, dem Briefing, mit den Passagieren und mehr. „Wenn dann die Tür zum Flugzeug und Cockpit geschlossen wird, entspannt sich alles“, verrät der erfahrene Pilot. In Hüfingen wird viel geboten Groß geworden ist Matthias Wiehle in einer Fa- milie, in der Sport eine große Rolle spielt. Noch heute pflegt er die Mitgliedschaft im Turn- und Sportverein sowie der Hüfinger Kolpingsfamilie, soweit es sein Dienstplan zulässt. Der Flugka- pitän, der sich gerne draußen bewegt, findet dazu in Hüfingen optimale Bedingungen. Seine Vorlieben gelten dem Volleyball, Turnen, Moun- tainbike, Ski- und Snowboardfahren. Er liebt zu- dem Motorradtouren und geht zum Ausgleich in seinen eigenen Garten oder mit Vater Hubert mit dem Traktor nach Mundelfingen in den Wald zum Holz machen. „Für die Größe einer Stadt wie Hüfingen wird hier viel geboten. Wir haben ein Hallenbad, eine tolle Schullandschaft und auch genügend Kultur- Veranstaltungen in Form von Kunst, Theater und weiteren Events, sagt Matthias Wiehle, der an Fastnacht als Hüfinger „Bärcheappeli“ unter- wegs ist. Was will man mehr? Matthias Wiehle – Flugkapitän 55


Ute Grießhaber Unternehmerin – im Schwarzwald-Baar-Kreis daheim von Madlen Falke Das idyllische Obereschach zählt rund 1.800 Einwohner. Es geht ruhig zu in diesem Dorf, in dem es noch Bauernhöfe gibt, aber ebenso ein Neubaugebiet mit schicken Einfamilien- und Reihenhäusern. Sogar einen Bäcker finden die Bewohner noch vor und zwei gutbürgerliche Gasthöfe. Hier sagt man sich auf der Straße noch „Guten Tag“ und die Nachbarn kennen sich persönlich. Obereschach ist ein Teilort des Ober- zentrums Villingen-Schwenningen am Rand des Schwarzwalds. Ute Grießhaber lebt hier mit ihrem Mann – hat Ober eschach für sich als den idealen Rückzugsort ent- deckt. Das freundliche Reihenhaus und der kleine Garten zum Feldrand gelegen zeigen ein boden- ständiges und offenes Bild von Ute Grießhaber. Als Geschäftsführerin der Firma Weißer + Grieß- haber GmbH in Mönchweiler – ein kunststoff- verarbeitender Betrieb, der von ihren Eltern und Lothar Weißer im Jahre 1969 gegründet wurde – sind die Arbeitstage der sympathischen Managerin in der Regel lang. Sie trägt zusam- men mit Reinhard Fauser die Verantwortung für 250 Mitarbeiter. Menschen, deren Lebensmittel- punkt genauso in der Region liegt, wie der von Ute Grießhaber selbst. In der Region tief verwurzelt Ute Grießhaber ist in der Region tief verwurzelt und liebt ihre Heimat. Ihre Augen leuchten, wenn sie von der Heimat, vom Schwarzwald- Baar-Kreis, spricht. Im württembergischen Schwenningen geboren und in der Villinger Südstadt aufgewachsen, ist sie ein waschechtes Doppelstadt-Kind. Heute 55 Jahre alt, geht sie in ihrer Rolle der Geschäftsführerin voll auf – und das, obwohl es nie ihr Plan gewesen sei, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, der sich vom kleinen Betrieb in einer Drei-Zimmer-Wohnung zu einem global agierenden Unternehmen ent- wickelt hat. Nach ihrem BWL-Studium an der Universität Pforzheim arbeitet Ute Grießhaber zunächst bei der IHK. Dort findet sie für sich rasch heraus, dass ihr Arbeit mehr als Spaß macht, sich ihre Tätigkeit als eine erfüllende Aufgabe mit span- nenden Herausforderungen erweist. Als ihr Mann sein Studium beendet, wartet auf das Paar aber zunächst die weite Welt: Für sieben Monate reist Ute Grießhaber mit ihrem Mann durch Kanada. „Das war eine sehr schöne Erfahrung für uns. Mehr als ein Mal haben wir uns überlegt, ob wir dort bleiben sollen. Doch Ute Grießhaber, Geschäftsführerin des Unterneh- mens Weißer + Grießhaber in Mönchweiler. 56 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar



irgendwann wurde uns immer klarer, dass wir Heimatmenschen sind und auch wieder zurück wol- len“, erzählt die 55-Jährige. In der Zeit im fernen Ausland, selbst im modernen Kanada, lernt die Unter- nehmerin nämlich einige deutsche Vorzüge sehr zu schätzen. „Hier ist wirklich beinahe alles vollkommen erschlossen. Mit dem Auto kommt man in Deutschland wirklich über- all hin. Auf jeder noch so kleinen Landstraße kommt irgendwann ein Gasthaus. Jeder Wald ist mit unzähligen Wegen versehen. Das ist so zum Beispiel in Kanada nicht üblich“, erzählt Ute Grießhaber. Sport als idealer Ausgleich zum anstrengenden Büroalltag Im Grünen schal- tet Ute Grießha- ber, die seit 1990 im Unternehmen arbeitet und seit 15 Jahren die Ge- schäftsführung inne hat, gerne einen Gang runter. Beim Wandern oder beim Heidelbee- ren und Pilze sammeln dreht sich das Zeitrad der Managerin langsamer und die Hektik des Alltags wird aus- geblendet. Alles gut zu erreichen, schätzt Grießhaber besonders deshalb, da sie in ihrer Freizeit viel auf Achse ist. Wenn es die Zeit erlaubt, verreist sie gerne. Das jüngste Ziel war Kala- brien und die Reise hat ihr einmal mehr verdeutlicht, wie angenehm es in Deutschland ist, eine gute Infrastruktur zu genießen. Viel auf Achse sein heißt für die Geschäftsführerin aber nicht, ein „mondänes Leben“ in Großstädten zu führen. Ute Grießhaber zieht es mehr in die Natur in ihrer direkten Umgebung. Die Obereschacherin mag es gerne sportlich und schlüpft deshalb in der Mittagspause oder direkt nach Feierabend in ihr pinkfarbenes Trainings-Outfit und schafft sich mit Sport einen idealen Ausgleich zum an- strengenden Büroalltag. So geht die 55-Jährige einfach aus der Bürotür oder der Haustür hin- aus und kann loslegen. Entweder sieht man sie laufen oder mit dem sportlichen Mountainbike über die Wege flitzen. „Gerade im Sommer ist das natürlich herrlich hier. Die frische Waldluft, der Blick über die Felder. Das ist einfach wun- derbar und gibt mir eine extra Portion Energie mit“, schwärmt Ute Grießhaber. Die unmittelbare Nähe zur Natur schätzt die Sportlerin besonders: „Ich bin, egal ob vom Büro oder von daheim aus, sofort im Grünen. Das genieße ich sehr.“ Im Grünen schaltet Ute Grieß- haber, die seit 1990 im Unterneh- men arbeitet und seit 15 Jahren die Geschäftsführung inne hat, gerne einen Gang runter. Beim Wandern oder beim Sammeln von Heidel- beeren und Pilzen dreht sich das Zeitrad der Managerin langsamer und die Hektik des Alltags wird aus- geblendet. Die vier Jahreszeiten, die am Rande des Schwarzwalds oft ein wechselhaftes Wetterbild malen, sind für die Natur-Genießerin eben- falls wichtig. „Jede hat ihre Vorzüge hier“, ist Ute Grießhaber überzeugt. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat viel zu bieten Im Schwarzwald-Baar-Kreis ver- misst die Unternehmerin auf pri- vater Seite im Grunde genommen nichts. Ein vielfältiges kulturelles Angebot, gerade im Bereich Jazz und Folk, hält die Region aus ihrer Sicht bereit. Ein persönliches Highlight ist für Ute Grieß- haber die Schwenninger Kulturnacht, die 2015 mit Abendtemperaturen von weit über 20 Grad schon eine mediterrane Note besaß. „Es gibt viele gute Sachen hier. Auch über die Kreisgren- zen hinaus. Hier würde ich mir manchmal einen breiteren Veranstaltungskalender wünschen, der mehr Überblick über einen größeren Radius verschafft. Aber sonst fehlt mir hier im Grunde nichts“, berichtet die 55-Jährige. Als besonders lebenswert empfindet die Obereschacherin die Region auch deshalb, weil sie so ideal liegt: Ruckzuck in den Alpen zu sein oder am Bodensee, das gehört für sie zur Le- bensqualität dazu. Das Ländliche als Rückzugs- ort zu genießen und trotzdem fast alles vor der 58 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Ute Grießhaber – begeistert von ihrem Wohnort Obereschach, der umliegenden Natur und den vielen Sport- und Freizeitmöglichkeiten. Haustür zu haben, stellt für die Unternehmerin das Nonplusultra dar. Doch was für Ute Grieß- haber fast das Gelbe vom Ei ist, muss sie Fach- kräften, die sie für ihr Unternehmen gewinnen will, oft erst schmackhaft machen. „Da wird mir natürlich immer wieder klar, dass wir hier, so schön es auch ist, auf dem Land sind, und dies für viele zunächst nicht attraktiv erscheint. Ehefrauen tun sich mit dem ländlichen Raum oft besonders schwer Wenn auch der Bewerber vom Unternehmen oft überzeugt ist, sind es oft die Ehefrauen, die sich mit dem ländlichen Charakter unserer Gegend schwer tun“, berichtet Ute Grießhaber. Dann betreibt sie gerne Standort-Marketing und zählt im Nu alle Vorteile auf, die hier zwar manchmal versteckt, aber trotzdem da sind. Besonders der Wintersport ist für viele aus der Ferne dann ein Argument, das zieht. „Wer hierher ziehen will, der muss das schon aus Überzeugung tun. Nur ein großes Gehalt ist da Ute Grießhaber – Unternehmerin 59


„Dass ich mich als Frau in einer Männerdomäne bewege, ist mir noch nie zum Nachteil gewe- sen. Es ist wich- tig, das Know- How zu besitzen und mit Wissen zu überzeugen.“ stoffspezialist aus dem Schwarz- wald-Baar-Kreis extrem hohe Stückzahlen produzieren – und das bei einer Null-Fehler-Toleranz durch höchste interne Prüfkriterien. Die Branche, in der sich Weißer + Grieß haber bewegt, ist eine Män- nerdomäne und oft sind die Ver- handlungspartner verblüfft, wenn sie mit einer Geschäftsführerin ver- handeln sollen. „Doch das ist noch nie ein Nachteil gewesen. Es ist wichtig, das Know-How zu besitzen und mit Wissen zu überzeugen“, unterstreicht die 55-Jährige. Auch als sie 1990 in die Firma eintrat, war es wichtig für sie, alle Ab- teilungen zu durchlaufen und sich das jeweilige Fachwissen so gut es ging anzueignen. „Nur dann, wenn du zeigst, dass du mitschaffen kannst und nützlich bist, wirst du auch akzep- tiert“, betont Ute Grießhaber. Dabei hatte sie nie den Eindruck, dass es ei- ne Rolle spiele, dass sie eine Frau ist. Denn ihre Mutter habe das Unternehmen schon immer wesentlich mitgeprägt. Deshalb waren es die Mitarbeiter gewohnt, dass eine Frau die Verant- wortung übernehmen kann. „Meine Eltern sind ein großes Vorbild für mich. Natürlich nicht nur beruflich, sondern auch in vielen anderen Din- gen“, gibt Ute Grießhaber Einblick in ihre Privat- sphäre. Heimat, das ist eben nicht nur die Region oder die Landschaft, sondern ein Stück Identi- tät, die dort heranreift, wo man groß geworden ist und wo sich der Lebensmittelpunkt befindet. „Mein Lebensmittelpunkt ist eindeutig hier“, bekennt sich Ute Grießhaber zu ihrer Region und ihrer Heimat. nicht entscheidend“, weiß die Un- ternehmerin. Weißer + Grießhaber setzt des- halb auf den eigenen Nachwuchs aus der Region. 20 bis 25 Azubis beschäftigt das mittelständische Unternehmen, das 2015 einen Umsatz von fast 50 Millionen Euro erwartet. „Wir ziehen uns die zu- künftigen Mitarbeiter selbst heran. Das verschafft uns wiederum einen gewissen Vorsprung in der Bran- che. Wir kooperieren viel mit den Schulen aus der Region, so auch direkt mit der Schule hier in Mönchweiler. Junge Menschen, die sich bei uns bewerben, werden nicht im ersten Schritt ausschließlich nach ihren Zeugnisnoten beurteilt, sondern der Mensch dahinter ist ausschlaggebend. Jemand, der sich für uns entscheidet, wird in unserer Firma stetig weiterqualifiziert“, berichtet die Geschäftsfüh- rerin. Auch wenn das Unternehmen weltweit aktiv ist und sogar aus Kanada Kunden für sich gewinnen konnte, stammt ein Großteil der wichtigsten Kunden aus dem näheren Umkreis. Hansgrohe zum Beispiel oder auch Bosch. „Wir sind sehr deutschlandorientiert, wollen uns aber auch noch stärker internationalisieren“, blickt Ute Grießhaber in die Zukunft. Weißer + Grießhaber produziert Kunststoffteile höchster Präzision Was für die beiden Geschäftsführer allerdings ganz klar ist, ist der Standort Mönch weiler. An dem gibt es nichts zu rütteln, selbst wenn so mancher Kunde schon forderte, dass sich die Firma auch im Ausland niederlassen möge. Das Familienunternehmen produziert Kunststoff teile, die extrem hohen Ansprüchen gerecht werden müssen, zum Beispiel Spezialfil- ter für Fahrzeugbremsen oder Kunststofflinsen für Fahrerassistenzsysteme. Dabei kommt es vor allem auf die Präzision an. Diese garantiert Weißer + Grießhaber seinen Kunden. Dank des modernen Maschinenparks kann der Kunst- 60 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Ute Grießhaber trägt bei Weißer + Grießhaber zusammen mit Reinhard Fauser die Verantwortung für 250 Mitarbeiter. Ute Grießhaber – Unternehmerin 61 Das Produktionsgebäude in Mönchweiler.


Laurent Lebas Gebürtiger Franzose – überzeugter Schwarzwälder von Barbara Dickmann Es beginnt wenige Meter hinter der Bundesstraße. Und je schmaler der Weg wird, je weniger die Häuser werden und das satte Grün des Waldes alles überdeckt, desto stärker wird dieses Gefühl. Wenn ich dann abbiege auf den Schotterweg und schon das Dach unseres Hauses erahne, macht sich eine innere Ruhe breit – ich bin auf unserer kleinen Insel gelandet, die seit 26 Jahren unser zu Hause ist. Auch ich bin eine „Reingeschmeckte“. Als Familie mit zwei Kindern sind wir 1989 aus dem Ruhrgebiet weggezogen und mitten im Wald in Triberg gelandet. Wir haben es keine Minute bereut, doch ist der Schwarzwald unsere Heimat oder ist es das Ruhrgebiet??? Heimat, was ist das? Ist es da, wo wir gerade leben, unsere Kinder zur Schule gehen? Ist es noch viel, viel mehr oder ist es weniger… oder einfach nur der Ort, an dem man geboren ist und wo die Wurzeln sind? „Was meinen Sie, Herr Lebas?“ dass er eigentlich näher an Deutsch- land ist, als an Frankreich. Ziemlich schnell ist er wieder in Karlsruhe und schließt sein Studium als Dip- lom-Ingenieur Maschinenbau (Wirt- schaftsingenieurwesen) ab. Begeistert von der Region und vom Schnee – die Heimat entdeckt Laurent Lebas, schlank, groß, sportlich, lächelt nachdenklich. Und mit einem ganz leichten französischen Akzent, um den ihn etliche beneiden würden, beginnt er zu erzählen. Laurent Lebas ist Franzose. Die Mutter stammt aus dem Elsass, der Vater spricht nur französisch, doch ist sehr deutschlandfreund- lich. Er nimmt seinen Sohn mit auf eine Dienstreise nach Deutschland. War das vielleicht der Auslöser für viele spätere Entscheidungen? Laurent Lebas weiß nur, dass er schon mit zwölf Jahren unbedingt nach Deutschland will. Im Rahmen eines Schüleraustausches landet er in Frankfurt. „Das war eine sehr nette Familie, ich habe mich sehr wohlgefühlt“, erinnert er sich. Nach dem Abi- tur will er in Deutschland studieren. „Das war damals nicht gerade populär“, doch das stört ihn überhaupt nicht. Er beginnt in Karlsruhe, geht noch einmal zurück nach Paris und merkt, „Ich glaube, als ich unsere Regi- on sah, hatte ich zum ersten Mal so ein Gefühl, das irgendwie mit „Heimat“ zu tun hatte!“ Er findet sofort einen Job und ar- beitet in Karlsruhe und im Rheintal. Dort lernt er auch seine Frau Tatiana kennen, eine Russin, die in Deutsch- land studiert hat und auch geblie- ben ist. „Dann kam 2006 das Joban- gebot aus Villingen-Schwenningen“, erinnert sich Laurent Lebas, „wir sind hingefahren, es hat geschneit, wir haben uns alles angesehen und waren ganz begeistert. Es war einfach schön!“ Schon auf der Rückfahrt sind sie sich einig. „Ich glaube, als ich unsere Region sah, hatte ich zum ersten Mal so ein Gefühl, das irgendwie mit „Heimat“ zu 62 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Laurent Lebas mit Ehefrau Tatiana, Sohn Maxime und Tochter Estelle.


Reihenhaus mitten in der Großstadt, Kinder die keine Kuh kennen, den Wechsel der Jahreszei- ten nicht hautnah erleben, kein Wald… dafür Schicki-Micki-Lokale, ein Event nach dem ande- ren… Da musste er nicht lange nachdenken. „Leben nah bei der Natur und trotzdem weltoffen sein“ Seit 2014 ist er Geschäftsführer bei Burger Industrie (BIW) in Schonach und das ist sein Traumjob schlechthin. Denn was für Laurent Lebas auch „Heimat und Wohlfühlen“ bedeutet, erlebt er in unserer Region seit dem ersten Tag. „Es sind die Menschen“, sagt er. „Diese Ehrlich- keit, Offenheit, Direktheit, die aber mit Herzlich- keit gepaart ist, dieses Leben in der Natur und trotzdem weltoffen zu sein, denn die Firmen, die hier sind, sind einfach Weltfirmen.“ Diese Kombination sei einfach genial, meint er. Keiner verlange von ihm, dass er sich „an- biedert“. Er müsse in keinen Verein, sich nicht krampfhaft engagieren, müsse nicht seine Identität aufgeben. Doch anpassen sei völlig in Ordnung und das wäre kein Problem. „Wo kommst du her?“, fragen ihn die Men- schen oft bei der ersten Begegnung. Denn wie gesagt, dieser leichte, äußerst charmante fran- zösische Akzent ist geblieben. Dann antwortet er: „Geboren bin ich in Frankreich, doch meine Heimat ist hier.“ Heimat, was ist das Herr Lebas? fragte ich am Anfang. Ich, die auch eine „Reingeschmeck- te“ bin und so vieles nachvollziehen kann, was er sagt. Heimat ist die Summe vieler Dinge. Wo ist Heimat, Herr Lebas? In Frankreich? In Deutschland? Laurent Lebas schaut erstaunt! Was für eine Frage: „ Na hier,“ sagt er, „wo sonst!“ Keine Frage: Laurent Lebas ist „Schwarz- wälder“ geworden, auch wenn er wohl nie in „Tracht“ gehen würde. Und eigentlich lebt er wie „Gott in Frankreich“ – nur, dass es bei ihm „Gott im Schwarzwald“ heißen müsste. Heimeliges Villingen – Blick zum Oberen Tor. Laurent Lebas im Büro bei Burger Industriewerk (BIW). tun hatte.“ Dieser junge dynamische Mann, der schon 2006, mit 28 Jahren, eine Führungsposi- tion übernahm und wesentlich ältere Kollegen leiten musste, ist heute noch erstaunt darüber. Wie kann das sein? Die Familie landet zuerst in Bad Dürrheim, die Tochter ist zehn Monate alt, ein Jahr später wird der Sohn geboren. Laurent Lebas arbeitet in Villingen-Schwenningen und zieht später auch in den Außenbereich von Villingen. Und das soll so bleiben. „Wir sind angekommen“, sagt er. Die wunderschöne Natur, die Altstadt, das Klima, die Nähe zu Frankreich, zur Schweiz, der Bodensee. „Ich fahre gerne Fahrrad, ich fühle mich frei hier und genieße die Lebensqua- lität.“ Natürlich hat er auch Jobangebote bekom- men, die ihn nach Stuttgart oder Norddeutsch- land oder wieder nach Paris geführt hätten. Und natürlich hat er auch einen zweiten Blick darauf geworfen, zumal einige Freunde aus der Studienzeit ihm das immer wieder schmackhaft machten. Doch was würde er für eine vermeint- liche „Karriere“, für den (vielleicht) „Super-Job“ mit (vielleicht) mehr Geld eintauschen? Das 64 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar



Ingrid Schyle Ein Leben lang in Schonach verwurzelt von Barbara Dickmann Das Bauernhaus ist liebevoll renoviert, man spürt, dass hier schon etliche Generationen gelebt haben. Glücklich und traurig waren, gesund und krank, dass viele Kinder hier groß geworden sind – gelacht und geweint haben. Keine Frage, dieses schöne Haus, das mitten in Schonach steht, hat seine Geschichte, es atmet Erinnerungen aus und saugt die Gegenwart der Menschen ein, die hier leben. Es ist das Zuhause von Ingrid Schyle, 51 Jah- re, Familienfrau mit vielen Interessen, Hobbys und Tätigkeiten. Ingrid Schyle hat in Schonach ihre Wurzeln und ihr Lebensweg klingt wie aus dem Bilderbuch. Von Beruf Erzieherin, heiratet sie, wird Mut- ter dreier Kinder und entdeckt vor 20 Jahren durch einen glücklichen Zufall ihre künstleri- sche Ader. Sie gestaltet Kerzen – ganz besonde- re Kerzen. Unikate für Hochzeiten, Taufen, für Kirchengemeinden, für Feste und Gelegenhei- ten. Ihre Kunstkerzen erobern die Welt und bis heute kommen die Menschen von weit her an- gefahren, um eine ganz besondere, leuchtende Erinnerung für ein glückliches oder tragisches Ereignis in ihrem Leben zu haben. Ingrid Schyle kann bei dieser Arbeit versinken. Die Umwelt existiert nicht mehr, ihre Hände formen von al- leine und leise Musik sorgt für die nötige Stim- mung. „Das ist mein persönlicher Ausgleich“, sagt sie, „und der Kontakt zu den Kunden ist einfach schön.“ 2007 absolviert sie die Wanderführerausbil- dung, wird Natur- und Gästeführerin und erlebt jetzt mit allen Sinnen, was sie „Heimat“ nennt. Sie wird gesuchte Referentin und erkundet mit ihrem Mann, der ehrenamtlicher Archivar von Schonach ist, jedes Fleckchen Erde in ihrer Um- gebung. Projektleiterin in der Naturparkschule Für den Naturpark Südschwarzwald entwickelte sie die Konzeption und die Module der ersten Naturparkschule in Baden Württemberg, um den Schülern die Kultur und Natur ihrer Heimat näher zu bringen. Die Naturparkschule liegt ihr besonders am Herzen. Und wenn sie mit Schü- lern die „Hirtenpfeife“ aus Holz schnitzt und das „Strohflechten“ wieder aufleben lässt, wird altes Handwerk wieder lebendig. Ingrid Schyle mit einer ihrer Kunstkerzen und unter- wegs in der Natur. 66 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar



„Früher haben das die Lehrer über- nommen, die meist hier aufgewach- sen sind. Doch heute kommen sie oft aus Freiburg oder weiter weg und kennen das alles nicht.“ Kultur, Natur und das Leben der Menschen sind ihre Worte, wenn sie von „Heimat“ spricht. Sie organisiert auch Gästewanderungen mit ihrem Vater, der ganz viel zu erzählen hat. Denn als er noch der „Hirtenbub“ war und mit neun Jahren schon ar- beiten musste, erscheint das wie ein Relikt aus dem Mittelalter. „Von der Oma meines Mannes habe ich viel gelernt“, sagt sie, „sie hat hell wie dunkel einfach ange- nommen, hat viel Schweres erlebt und doch nie gejammert.“ Sie trug noch die Tracht, wurde 100 Jahre alt und hat bis zum letzten Tag eine innere Zufriedenheit ausgestrahlt, die ihr keiner nehmen konnte. Das sei ihr Vorbild und mache ihr Mut, sagt Ingrid Schyle etwas nachdenklich. Hinter dem Bauernhaus warten Kaffee und Rhabarberkuchen und eine urige Sitzecke „Von der Oma meines Mannes habe ich viel gelernt, sie hat hell wie dunkel einfach ange- nommen, hat viel Schweres erlebt und doch nie gejammert. Sie trug noch die Tracht, wurde 100 Jahre alt.“ dicht an die Wand gelehnt, lädt zum Sitzen ein. Der Blick schweift über den Bauerngarten, das alte Haus gibt Geborgenheit. Die jüngs- te Tochter schaut kurz vorbei, die beiden ältesten Kinder studieren bereits, waren im Ausland und ken- nen fremde Kulturen. Doch in ihrer Studentenbude in Freiburg tragen sie Mutters „Strohschuhe“ und die Naturpark-T-Shirts und alle Freun- de finden das „cool“. „Sie wissen, wo ihre Wurzeln sind“, sagt Ingrid Schyle, die auch gerne verreist, sehr gerne sogar. „Heimat“ mit allen Sinnen erleben Ein paar Tage Stadtleben, ein paar Wochen andere Kulturen erleben, über den Tellerrand schauen, sind Dinge, die ihr Freude machen. Sie fährt gerne weg und kommt gerne wieder. Denn Ingrid Schyle liebt ihre Wurzeln, lebt zwar voll in der Gegenwart, doch liebt die Vergangenheit, die sie an jeder Ecke spürt. Sie genießt den Kontakt Rezept von Ingrid Schyle für Apfelminzblättchen Die Apfelminze ist ein wohl schmeckendes, mildes Garten- und Heilkraut , das gut in unserem Klima wächst. Blätter abzupfen und abtrocknen. Mit flüssiger, fertiger, dunkler Kuvertüre mit dem Pinsel beide Seiten anstreichen (nicht eintauchen) und trocknen lassen. 68 Ingrid Schyle


Lesend daheim im Garten und beim Unterricht in der Naturparkschule. zu den Menschen, die ihr nahestehen, die ihre Familie sind, zehrt von deren Erlebnissen und Erfahrungen und vor ihrem inneren Auge entsteht dann ihre Heimat, wie sie einmal war. Ingrid Schyle erlebt „Heimat“ mit allen Sinnen, mit jedem Strauch und jeder Blume, in ihrem Haus und mit den Menschen, die sie seit vielen Jahren kennt. Wegzuziehen und woan- ders zu leben, diesen innigen Kontakt zu verlie- ren, das kann sie sich nicht vorstellen. Langsam zieht die Sonne weiter und die ers- ten Schatten fallen auf das Bauernhaus. Ingrid Schyle arbeitet noch ein wenig im Garten, wie schon die Oma früher. Für morgen zupft sie ein paar Blätter der Apfelminze, ein wohlschme- ckendes, mildes Garten- und Heilkraut. Sie will sie abtrocknen und mit flüssiger, fertiger Kuver- türe bestreichen – schmeckt einfach köstlich! Ihr Vorrat ist leider aufgegessen – und raten Sie mal von wem? Von mir natürlich… XXX 69


Albrecht Benzing Seit über 30 Jahren Engagement in der Flüchtlingsarbeit von Daniela Schneider Was wäre wohl aus der jungen Tamilin Senayt geworden, wenn es Albrecht Benzing nicht gäbe? Und wie wäre es im Leben der Flüchtlingskinder Hudda und Adel, der eritreischen fünffachen Mutter Josief Kibra oder des einst sehr verzweifelten, heimatlosen Kathira-velu Udaykumar aus Sri Lanka weitergegangen, hätten sie alle den resoluten Mann aus Schwenningen nicht kennengelernt? Natürlich weiß auf diese Fragen niemand so genau eine Antwort. Eines steht unterdessen felsenfest: All diese Menschen hatten schlichtweg großes Glück, dass sie ihre Schicksalswege zu Albrecht Benzing führten. Flüchtlingshilfe – das ist ein Thema, dem sich viele Engagierte widmen, auch und gerade in Zeiten wie diesen, in denen sich angesichts all der weltweiten Krisen, Konflikte und Men- schenrechtsverletzungen und all der verschie- denen weiteren Nöte so viele Menschen auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen und so auch als Asylbewerber in unserer Region landen. Für Albrecht Benzing allerdings ist dies alles wirklich nichts Neues. Seit über drei Jahr- zehnten macht er Flüchtlingsarbeit im besten Wortsinn und mit wahrlich bemerkenswerter Konsequenz. 55 Jahre alt war der Unternehmer, gelernter Schreiner und Holzingenieur, in der Mitte seines Lebens stehend, erfolgreich im Beruf und ein zufriedener Ehemann und Familienvater, als er den weitreichenden Entschluss fasste, sich einer neuen Lebensaufgabe zu widmen. „Mensch Papa, mach es, mach nochmal was Gescheites in Deinem Leben“, das haben seine beiden Söhne Thomas und Jörg damals im Jahr 1990 zu ihm gesagt. Und auch Ehefrau Karin ließ kei- nen Zweifel aufkommen, dass sie ihren Mann unterstützen würde. So kam es, dass Albrecht Benzing sein seit 25 Jahren gut gehendes Mö- belfachgeschäft in Schwenningen verpachtete und mehr oder weniger von heute auf morgen seinen Beruf aufgab. „Es war ein klarer Schnitt“, sagt er heute, denn nur so habe er sich voll einbringen können. Fortan war klar: Albrecht Benzing arbeitet ab dato hauptberuflich, aber ehrenamtlich, als Flüchtlingsbetreuer, zustän- dig für ganz Baden-Württemberg mit einem Schwerpunkt im Regierungsbezirk Freiburg. Auch materielle Einbußen Dass mit dieser Entscheidung auch materielle Einbußen einhergingen, auch das trug seine Familie mit. „Sie waren einverstanden, dass ein Teil des Familienvermögens für die Flücht- lingshilfe verwendet wird“, fasst Benzing diese sicher nicht selbstverständliche Entscheidung zusammen. Aber sie alle hätten damals wie heute gewusst, dass das sprichwörtlich letzte Hemd bekanntlich keine Taschen hat. „Wir müssen uns doch alle täglich sagen, wie gut wir leben“, fand Benzing damals und das gilt ihm auch heute noch als Devise. Davon wollte er etwas abgeben. 70 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Aus dem einstigen Flücht- lingsmädchen Senayt ist eine junge Frau geworden, die mitten im Leben steht. Albrecht Benzing freut sich, dass sein Schützling nun so- gar als Werbeträgerin ihres Arbeitgebers fungiert.


Albrecht Benzing vom Landesarbeitskreis Asyl zeigt einer Flüchtlingsfamilie das neue Zuhause. Die Auf- nahme stammt aus dem Jahr 1989. Zu der Zeit war er bereits seit einigen Jahren in der Flüchtlingsarbeit tätig. Vorausgegangen war ein Hilferuf aus Donaueschingen. Dort war 1983 eine Asylbewerberunterkunft eingerichtet worden. Konflikte mit der Bevölkerung tauch- ten auf und die Caritas-Sozialbetreuung wandte sich auf der Suche nach Unterstützung auch an die Friedensgruppe der evangelischen Kirchen- gemeinde Villingen-Schwenningen. Albrecht Benzing, selbst schon länger in der kirchlichen Friedensarbeit tätig, half mit, Vorurteile ab- und einen Dialog zwischen Behörden, Flüchtlingen und den Einheimischen aufzubauen. Gegensei- tig Achtung haben und Toleranz wahren, das waren dabei die Leitlinien. Neue Hoffnung für Familien „Schwierigkeiten gab es und gibt es natürlich“, beschönigt Albrecht Benzing nichts. Schlägerei- en unter unterschiedlichen Nationalitäten seien da zum Beispiel vorgekommen, hin und wieder seien auch Leute mit krimineller Energie unter den Neuankömmlingen gewesen. Und dann waren da noch kulturelle Differenzen. Sozialbe- treuung heißt in diesem Fall das Zauberwort – und da kann man schon mit ganz wenigen Klei- nigkeiten oft große Wirkung erzielen, berichtet der Fachmann. Immer wieder – das beobachtet er auch heute noch – ließen manche der Flücht- linge die Türen im Asylbewerberheim tempera- mentvoll, lautstark ins Schloss fallen, wenn sie einen Raum verließen. Der Schwenninger nahm und nimmt die Leute zur Seite, zeigt ihnen, wie man eine Tür auch leise zumachen kann und, dass das hierzulande einfach einen besseren Eindruck macht und durchaus als respektvolle Geste durchgeht. Dankbarkeit war und ist in den allermeisten Fällen die spontane Reaktion, die meisten hatten das schlicht und ergreifend einfach nicht gewusst und sich darüber auch noch nie Gedanken gemacht. Pragmatisch muss Flüchtlingsarbeit sein, da ist sich Albrecht Benzing sicher. In Villin- gen-Schwenningen wurde 1985 in der Gewer- bestraße 20 eine Gemeinschaftsunterkunft 72 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Die Eltern leisten mutige Hilfe für Juden Hilfe für andere – ein Familienerbe, Men- schen in Not zu helfen, das war in der Familie Benzing schon immer eine Selbst- verständlichkeit, sogar in Zeiten, in denen man sich damit selbst gefährdete. Albrecht Benzings Eltern Lydia und Eberhard Benzing haben sich bereits für Flüchtlinge und Ver- folgte eingesetzt; im Kreis um Margarete Hoffer halfen die Schwenninger während der Nazizeit mehreren jüdischen Personen, die so über Schwenningen in die Schweiz fliehen konnten, 50, vielleicht 60 Menschen wurden auf diese Weise unterstützt. Die Flucht gelang versteckt im Lkw, der in Schwenningen produzierte Schuhe in die Eid- genossenschaft brachte; Vater Benzing war Betriebsleiter in der Schuhfabrik. Der kleine Albrecht, Jahrgang 1935, wurde damals als unverdächtiger Botengänger eingesetzt. 1945 war bei Benzings außerdem über ein Jahr lang eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen ein- quartiert. Ähnliches war bekanntlich auch bei anderen Einheimischen der Fall, die Besonder- heit hier war allerdings, dass Mutter Benzing keine Sekunde zögerte, freiwillig Wohnraum anzubieten, nachdem sie das Elend der ankommenden Menschen und die schiere Notwendigkeit erkannt hatte, hier spontan zu helfen. eingerichtet. Ein ökumenischer Arbeitskreis der Johanneskirche und der Mariä-Himmelfahrts- Kirche wurde gegründet, der auch gegen Hetze und Angstmache vorging und das Schüren von Vorurteilen bekämpfte. Benzing betreute im Auftrag der evangelischen Kirchengemeinde bis zu 150 Personen, zunächst hauptsächlich Flüchtlinge aus Bangladesch, Tamilen aus Sri Lanka, Eritreer oder aramäische Christen aus der Südosttürkei. Er bot Beratung und materi- elle Hilfe an, unterstützte die Menschen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und bei Familien- zusammenführungen und er half als Beistand bei Behörden und Institutionen. Immer wieder erwies sich auch die Woh- nungssuche für jene oft kinderreichen Familien, deren Asylantrag bereits bewilligt wurde, als äußerst schwierig bis tatsächlich unmöglich. Albrecht Benzing suchte nach einer pragmati- schen Lösung – und fand sie. Die Stiftung „Neue Hoffnung“ wurde gegründet und mit Unterstüt- zung von Förderern und Helfern wurden meh- rere Häuser gekauft, in denen die Familien zur Miete in die Wohnungen einziehen konnten. Hilfe für Tausende von Menschen Zahlreiche Menschen wurden derweil auch kur- zerhand im Hause Benzing untergebracht. Die Eritreerin Josief Kibra und ihre fünf Kinder waren oft da; der Nachwuchs wurde im Winter im Schlitten durch den Schwenninger Schnee ge- zogen und plantschte im Sommer im Benzing- schen Garten im Wasserkübel herum, eben so, als wären es die eigenen Kinder, ein ganz normales, glückliches Leben führend. Wenn Albrecht Benzing im Familienalbum blättert, die Aufnahmen zeigt und davon erzählt, sagt er auch: „Das war ein Segen.“ Kurz und knapp bringt er so auf den Punkt, wie sehr es ihn und seine Frau freute, anderen ein Stück weit Normalität und Geborgenheit zu vermitteln. Heute sind die Kinder von damals längst er- Kinder aus Eritrea erleben als Gäste der Familie Benzing in Schwenningen erstmals einen Winter. Albrecht Benzing 73


In vielen Arbeitskreisen aktiv In vielen Arbeitskreisen und an runden Ti- schen ist Albrecht Benzing aktiv: 1989 war er Gründungs- und Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Asyl Baden-Württemberg, der als Koordinierungsstelle zwischen den Basis- gruppen und der Landesregierung ins Leben gerufen wurde und heute als Flüchtlingsrat Baden-Württemberg firmiert. Seit 1985 ist Benzing Vertreter der Evangelischen Kirchen- gemeinde Schwenningen als Flüchtlingsbe- auftragter; er arbeitet außerdem seit 1996 als Bezirksbeauftragter des Evangelischen Dekanats Tuttlingen für Flüchtlingsarbeit und Migration und ist ebenfalls seit den 1990ern Beauftragter der Landeskirche; er engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Villingen-Schwenningen mit dem Arbeitskreis Asyl; dieser besteht seit 2014 und hat zirka 30 Mitglieder; aktuell soll eine Schreibstube aufgebaut werden, um zum Beispiel Anträge auszufüllen. ist er dort tätig; etwa zur gleichen Zeit flatterte dann auch noch die deutsche Staatsbürger- schaft ins Haus – ein Moment großer Freude auch für die Familie Benzing. Diese zählt die Menschen nicht, denen sie hilft. Tausende dürften es im Laufe der Jahre gewesen sein, um die sich Albrecht Benzing mit Unterstützung seiner Frau im ganzen Land gekümmert hat, sie kamen aus sicher über 300 Staaten aus aller Welt. Natürlich erlebt er auch Enttäuschungen, wenn mühsam vermittelte Arbeitsstellen zum Beispiel einfach nicht an- getreten werden. Da wird der Schwenninger zornig und wütend, dafür hat er kein Verständ- nis. In den allermeisten Fällen aber erlebt er Dankbarkeit und den Willen der Leute, selbst aktiv zu werden, um ein besseres Leben führen zu können. Hilfe zur Selbsthilfe will er leisten, Vertrauen aufbauen und dabei aber niemanden in Watte packen, vor allem nicht die Erwachsenen, mit Freude über den Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung. wachsen,haben ihre Schulausbildung beendet, Berufe erlernt und sind nun gut integriert in die früher für sie fremde Gesellschaft; das gilt für diese Familie und sehr viele weitere auch. Da wäre etwa die junge Senayt, auf die Benzings besonders stolz sind; sie wuchs bei ihnen auf, machte ihren Realschulabschluss, lernte Arzthelferin, bildete sich in der Altenhilfe weiter, wo sie nun mit großem Einsatz tätig ist. Mittlerweile hat sie eine eigene Familie mit drei Kindern. Erfolgsgeschichten sind das, ebenso wie jene eines Tamilen – Albrecht Benzing nennt ihn ziemlich stolz „mein Udaykumar“ –, der allein und einsam einst hier ankam, zur Schwenninger Firma Hechinger vermittelt, dort schnell Vorarbeiter wurde, eine Familie gründen konnte und heute als vereidigter Dolmetscher selbst hilft, wann immer es nötig ist. Vor zwei Jahren hat der ehemalige Asylbewerber bei He- chinger sein Dienstjubiläum gefeiert, 25 Jahre Karin Benzing mit Gästen aus Eritrea. 74 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


denen man „durchaus Tacheles reden kann.“ Besser könnte hingegen seiner Ansicht nach die Zusammenarbeit zwischen Ämtern und Behör- den und der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit sein, dann ginge manches auch leichter; oft sei die Auseinandersetzung da zermürbend und aufreibend. Wie es trotzdem klappt? „Mit Ge- sprächen, Schreiben und viel Hartnäckigkeit.“ Mit der Zeit wurde er Fachmann in Einwande- rungsfragen und im Aufenthaltsrecht, in seinem Büro stehen aberhunderte Akten mit vielen Einzelfalldokumentationen und vielen Daten zur Gesetzeslage. Immer wieder versuchte er auch, vor dem Verwaltungsgericht etwas zu erreichen und zum Beispiel Härtefallregelungen zur Anwendung zu bringen. Und: Er ist bestens vernetzt, kennt viele Akteure, darunter auch po- litisch Verantwortliche. Der 80-jährige Albrecht Benzing: „Ich mache weiter, solange die Kraft reicht“ Benzings Einsatz für die soziale Integration von Flüchtlingen wurde schon oft gewürdigt. Das Kronenkreuz der Diakonie wurde ihm vor 15 Jahren verliehen, diese Auszeichnung nahm er ausdrücklich im Namen aller Engagierten entgegen; das Bundesverdienstkreuz und an- dere Ehrungen schlug er unterdessen aus. Im Dezember 2014 dann reiste er doch mal nach Berlin, um anlässlich des Internationalen Tags der Migranten eine Ehrung von Staatsministe- rin Aydan Özoğuz im Auswärtigen Amt entge- genzunehmen, die ihm diese anerkennenden Worte mit zurück in die süddeutsche Heimat gab: „Sie schaffen Begegnungen, bauen Ängste ab und erleichtern das Ankommen in Deutsch- land.“ Das hat ihm gefallen, ebenso wie der kurze Plausch mit Außenminister Frank-Walter Stein- meier, der bei der Feier neben ihm stand und ihm ebenfalls Hochachtung für seine Arbeit zollte. Im September 2015 ist der drahtige, sport- liche Mann, der „zum Ausgleich und weil es Spaß macht“ gerne aufs Fahrrad steigt, zwei Mal pro Woche im Schwimmbad seine Runden dreht und sich zudem gerne mit seiner Frau zusammen um die Enkelkinder kümmert, 80 Albrecht Benzing (rechts) nutzt seine Ehrung beim Internationalen Tag der Migranten durch Staatsmi- nisterin Aydan Özoğuz, Beauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, zu einem Plausch mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Jahre alt geworden – unglaublich, wenn man ihn in seiner ganzen Agilität erlebt. Die Energie, mit der er sich Tag für Tag neu ans Werk macht, anderen Menschen zu helfen, ist offenbar ungebrochen. „Ich mache weiter, solange die Kraft reicht“, sagt Albrecht Benzing äußerst entschlossen und meint damit auch ein ent- schiedenes Eintreten gegen Fremdenhass und rassistische Hetze. Wichtig ist ihm zudem, den Unterstützer- kreis zusammenzuhalten, damit die Arbeit, die er so außergewöhnlich begonnen und jahrzehn- telang praktiziert hat, auch erfolgreich weiter- geführt werden kann, gerade auch jetzt, wo wieder viele Flüchtlinge ins Land kommen. Dass es ein Engagement wie seines wohl so nicht noch einmal geben wird, das weiß er selbst, auch wenn er das nie so sagen würde. Für ihn war jedenfalls alles folgerichtig und ein- fach nur konsequent. Rückblickend sagt er: „Ich würde es genau so wieder machen.“ Albrecht Benzing 75


Anke Jentzsch Kunsttherapeutin und Imkerin kommt in der Landschaft der Baar zur Ruhe Von Madlen Falke Anke Jentzsch präsentiert ihre Frühjahrstracht – Honig aus dem Brigachtal. 76 76 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Wenn Anke Jentzsch auf die Wiese hinaus geht und es anfängt, um sie herum zu brum- men, steigt ihre Vorfreude von Schritt zu Schritt. Jetzt ist wieder die Zeit gekommen, um abzuschalten – den Tag hinter sich zu lassen und sich auf die Arbeit mit den Bienen zu konzentrieren. Nur dann, wenn sie ihre Arbeit gewissenhaft und mit Ruhe ausführt, geht es ihren Völkern gut und nur dann wird sie sich über die Honigernte freuen können. Anke Jentzsch ist auch Imkerin und vergisst bei ihren Bienen die Welt um sich herum. XXX 77 77


Die Marbacher Kunsttherapeutin Anke Jentzsch. Eins mit der Natur zu werden, sie genau zu beobachten, freudig zu erwarten, wenn die ersten Blumen blühen oder sich über die Hinter- lassenschaften klitzekleiner Fichtenrindenläuse zu freuen, weil es dann mal wieder einen be- sonders feinen Waldhonig zu ernten geben wird – all das liebt Anke Jentzsch. Erzählt die Frau, die aus Marbach kommt und dort auch ihre fünf Bienenvölker auf einer Wiese ihrer Familie beheimatet hat, von ihrem Hobby, leuchten ihre Augen auf. Spürbar stolz ist sie darauf, dass es dank eines Lehrgangs an der Universität Hohenheim und nun auch mit der praktischen Erfahrung von fünf Jahren gelingt, aus der Natur ein so wertvolles Produkt wie Honig herauszuholen. „Es ist faszinierend, wie dieser Super-Organis- mus funktioniert und welche Fähigkeiten er entwickelt hat. Eine Biene alleine kann nichts ausrichten. Aber alle gemeinsam leisten enorm viel. Mir gefällt es, mich beim Imkern entspre- chend der Jahreszeiten auf den Rhythmus der Bienen einzustellen und nur dann kann auch al- les funktionieren. Es ist einfach ein Phänomen, das mich jedes Mal aufs Neue ins Staunen ver- setzt“, berichtet sie begeistert von ihrem Hob- by, das sie so liebevoll betreibt, dass sie auch die Honiggläser mit einem hübschen, selbst gestal- teten Etikett versieht. Durch und durch ein „Heimat-Kind“ Dass sich ihr Hobby auf der Baar abspielt, das wundert nicht, ist sie doch ein richtiges Hei- mat-Kind. 1967 wird sie in Schwenningen als jüngstes von insgesamt fünf Kindern geboren und wächst in der ländlichen Idylle Marbachs auf. Ihr Spielplatz sind die Wiesen, ein Bach und die Dorfwege. Sie betreibt viele Jahre auch aktiv Judo im örtlichen Verein. In Marbach ist ihre Familie tief verwurzelt. Die Großeltern mütter- licherseits betrieben die Mühle, die seit 1724 im Besitz der Familie Riegger ist. In Marbach besucht sie auch die Grundschule und wechselt dann auf das Hoptbühlgymnasium in Villingen. Abitur macht sie am Wirtschaftsgymnasium. 78 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Mit der Hochschulreife in der Tasche zieht es die junge Frau zum Studium der bildenden Künste ins Ausland, an die Universität nach Rennes in Frankreich. „1000 Kilometer von Zuhause weg zu sein, das hat mich bei der Ankunft erst einmal kurz überfordert. Mein erster Gedanke war, gleich nach einer Tasse Kaffee und einem Croissant am besten wieder heim zu fahren“, erinnert sich Anke Jentzsch zurück. Doch Halt macht sie nicht nur in einem fran- zösischen Café, sondern auch in einer Kirche. Die Ruhe und die Atmosphäre erinnern sie an zuhause. Ein Gespräch mit einem freundlichen alten Franzosen, der wie ihre Großeltern vom Krieg und den Nachkriegsjahren erzählt, ändert ihre Meinung, und so verbringt sie insgesamt viereinhalb Jahre in Frankreich, studiert nach dem ersten Jahr allerdings im elsässischen und der Heimat wieder näheren Strasbourg. Den klassischen Weg in die Kunst, zum Bei- innerhalb Deutschlands oder auch ins europäi- sche Ausland, ist das Elternhaus nun der sichere Hafen, der ihr half, bald die Orientierung wie- derzufinden. Und auch das eigene künstlerische Tun in dieser Zeit trägt deutlich zur Genesung bei. Die Weiterbildung zur Kunsttherapeutin erfolgt im Elsass Ihre mehrjährige berufsbegleitende Weiter- bildung zur Kunsttherapeutin absolviert sie wiederum im Elsass. Seit 2004 arbeitet sie als Kunsttherapeutin in der Nachsorgeklinik Tann- heim. Sie begleitet krebs-, herz- und mukovis- zidosekranke Kinder, Jugendliche und junge Er- wachsene in ihrer schwierigen Lebenssituation. Sie ist für verwaiste Familien da, die damit fertig werden müssen, ohne ihr Kind weiterleben zu spiel als freischaffende Künst- lerin oder Mitarbeiterin einer Galerie oder eines Museums, schlägt die Marbacherin nach dem Studium allerdings nicht ein. Ein schwerer Autounfall, bei dem sie selbst traumatisiert wird, lässt ihren Entschluss heranreifen, eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin an das Studium anzuschließen. Der Unfall verändert das Leben der jungen Frau und stellt es für eine gewisse Zeit auf den Kopf – sonst offen für alle Wege, ob Anke Jentzsch am Arbeitsplatz in Tannheim. Die Kunsttherapie in der Nachsorgeklinik ermöglicht den Kindern, Jugendlichen und deren Eltern emotionale Stärkung und Entlastung in ihrer schwieri- gen Lebenssituation. Anke Jentzsch 79


müssen. Auch im Schwarzwald-Baar-Klinikum engagiert sich Anke Jentzsch und bietet in der onkologischen Abteilung eine Malgruppe für die Patienten an. Weiter engagiert sie sich im Verein Anna e.V. bei Tübingen. Hier fährt sie zu Familien nach Hause, bei denen Geschwister- kinder krebskranker Kinder ihre Unterstützung brauchen. Als ob das alles noch nicht reichen würde, unterrichtet die sympathische Frau auch an der St. Ursula-Schule in Villingen in einem Stundendeputat Schüler der Klassen 5, 6 und 9 in bildender Kunst. Ihre beruflichen Aufgaben bedürfen einer besonderen persönlichen Stärke und einer ge- hörigen Portion Mut, doch Anke Jentzsch, die eine Frau ist, die spürbar in sich ruht und diese Ruhe auch auf ihr Gegenüber überträgt, schöpft aus der Arbeit auch viel Kraft. „Ich lerne so viele unterschiedliche Menschen sowohl aus der Region, als auch aus ganz Deutschland kennen, und alle haben ihre eigene Lebensgeschichte. Es ist auch schön zu sehen, wie ich durch meine Arbeit bei erkrankten Kindern und Jugendlichen einen Prozess auslösen kann, der sie trotz ihrer Krankheit in ihrer Neugierde, ihrer Entwicklung und ihrem Willen stärkt und ihnen wieder ein Stück Lebensfreude zurückgibt, die ganz natür- lich zur Kindheit gehört“, berichtet sie von ihrer therapeutischen Arbeit. Die Heimat gibt mir Energie und Ausgleich Die Heimat ist, gerade weil sie einen Beruf hat, der sie emotional auch fordern kann, wichtig für Anke Jentzsch. „Sie gibt mir Energie und Aus- gleich. Deshalb beziehe ich die Natur und die Landschaft, die ja zum Beispiel bei der Nachsor- geklinik so wunderbar vor der Haustür liegt, auch in meine Arbeit mit ein. Viele Menschen tanken dann auch selbst aus der Natur und der Umgebung Kraft und sind fasziniert davon, in welch wunderbarer Region wir hier leben dür- fen“, gibt Anke Jentzsch Einblick in ihre eigene Sicht auf die Heimat und diejenige der Patien- ten. Kunsttherapeutin, die wenige freie Zeit intensiv für sich zu nutzen. Auch hier geht ihr Weg wie- der häufig in die Natur – und eine Region mag sie besonders gern. „Ich mag die Baar. Ich laufe sehr viel, fahre Mountainbike und wandere sehr gerne. Ich bin oft in Aasen, Pfohren und auf den Feldwegen am Öschberghof oder den Teilstrecken des Jakobswegs unterwegs. Von gewissen Orten aus sehe ich die Alpen, manch- mal Richtung Westen sogar bis nach Frankreich. Der Blick in die Weite, das ist etwas Besonderes für mich“, erzählt sie. Immer wieder hört man Anke Jentzsch sagen, dass sie hier am richtigen Platz sei, sowohl in Bezug auf die Region, die Menschen ihrer Umgebung als auch in ihrem Beruf. Doch ausgeschlossen ist es nicht, dass sie später, vielleicht nach dem aktiven Berufsleben, mal für eine Zeit das Weite sucht, aber immer mit dem Blick darauf, wieder Heim kommen zu können. Sehr gerne in Donaueschingen unterwegs Den Blick über den Tellerrand hinaus bewahrt sich Anke Jentzsch auch in Bezug auf die Region. Auch weil die Nachbarregionen wie der Hegau, die Schwäbische Alb oder der Breisgau so viel Schönes und Vielfältiges bieten, lohnt es sich im Schwarzwald-Baar-Kreis zu leben. „Wir leben im Dreiländereck, wir sind so schnell an vielen schönen Orten“, sagt sie. In Donaueschingen geht sie gerne einkau- fen und hält sich in einem der Fitness-Studios fit. „Jetzt im Sommer treffe ich mich natürlich auch gerne mal in der Eisdiele“, sagt sie und lacht. Warum gerade Donaueschingen für sie so interessant ist? „Ich kann hier kostenlos parken und es gibt hier alles auf kleinem Raum. Einige kleine Läden und ein überschaubares Angebot, das gefällt mir. Außerdem bin ich gerne in der Stadtbibliothek. Das Personal dort ist sehr freundlich. Ein ganz besonders lohnendes Ziel ist für mich auch das Museum Biedermann mit seinen hervorragend präsentierten Kunstaus- stellungen“. In ihre Arbeit investiert Anke Jentzsch sehr viel Zeit. Umso wichtiger ist es deshalb für die Auch die Lokale in der Nähe mag die Mar- bacherin sehr gerne, denn eine ihrer Leiden- 80 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


Die Marbacher Kunsttherapeutin Anke Jentzsch (hin- ten links) bei ihrem Projekt „Chapeau! – die kleine Hutwerkstatt“ im Villinger-Franziskanermuseum. schaften ist das Essen, auch wenn man das der schlanken Frau so gar nicht ansieht. So trifft man die Kunsttherapeutin im Falken in Wolter- dingen oder im Mostschöpfle in Hüfingen, aber auch in der Scheune in Neudingen. In St.Geor- gen besucht sie wiederum gerne die Ausstellun- gen im Kunstraum Grässlin, in Schwenningen die Städtische Galerie. In Villingen zieht es sie in die kleinen Einzelhandelsgeschäfte, in denen sie die freundliche Beratung so schätzt, und in das Café Törtchen oder das Paletti. „Die regionale Küche mag ich sehr. Sie darf auch ruhig ganz einfach sein, solange die Zuta- ten sehr gut sind. Zur Zeit esse ich am liebsten eine richtige Scheibe gutes Buurelaible mit fran- zösischer Salzbutter und natürlich einer ordent- lichen Portion meines eigenen Honigs. Einfach lecker!“, berichtet sie und schmunzelt. Große Anerkennung für „Ganze Perspektiven“ Ihre künstlerische Ader bringt Anke Jentzsch auch immer wieder in verschiedenen Projekten zum Vorschein. Sehr erfolgreich war ein Projekt, das sie gemeinsam mit Jörg Rinninsland vom Hegau-Jugendwerk Gailingen angegangen ist und sich dem Thema „Ganze Perspektiven“ gewidmet hat, bei dem sich Patienten aus der Nachsorgeklinik Tannheim und des Hegau-Ju- gendwerks Gailingen aktiv mit eingebracht haben. Das Kunstprojekt wurde auch im Land- tag von Baden-Württemberg und im Bundes- ministerium für Arbeit und Soziales in Berlin ausgestellt. Auch in kleinen Heimatprojekten bringt Anke Jentzsch ihre Ideen und ihr Know-How ein. So hat sie erst in den Sommerferien einen Feri- enprogrammpunkt mit dem Titel „Chapeau! – die kleine Hutwerkstatt“ im Franziskanermuse- um angeboten. Auch bei verschiedenen Schul- projekten zusammen mit den St. Ursula-Schulen hat sie schon erfolgreiche Projekte ins Leben gerufen. In Kooperation mit dem Gymnasium am Deutenberg erhielten ihr Kollege Werner Schumacher und sie mit ihren Klassen für ein Literaturprojekt anlässlich des 40-jährigen Dop- pelstadt-Jubiläums den großen Preis des Ober- bürgermeisters. Anke Jentzsch wohnt gerne in ihrem Heimat- ort Marbach – die Heimat ist eben auch ein Ort, der viele gute Erinnerungen in sich trägt, auf die man zurückgreifen kann wie auf eine Energie- quelle. Anke Jentzsch 81


Bärbel Brüderle Vorsitzende der Muettersproch-Gsellschaft, begeisterte Fastnachterin und frühere Stadtführerin von Dieter Wacker Wo hat sie nur diesen ihr so eigenen Humor her? Bärbel Brüderle setzt ein schelmisches Lächeln auf und schüttelt den Kopf. „Sell woeß ich nit so genau!“ Der Vater, ein waschechter Villinger, hat zwar Fasnet gemacht, ins Häs, zum Beispiel bei der Historischen Narrozunft, ist er aber nie gegangen. Zum Abschluss der Volksschule habe sie mal angefangen, lustige Sketche zu schreiben und die kamen gut an. „Obwohl sie ganz schön frech waren“, erinnert sich Bärbel Brüderle und freut sich immer noch darüber, als wäre es gerade ein paar Tage her. Später, während ihrer Krankenpflegeausbildung und auch danach als Schwester, hat sie im Krankenhaus mit ihren Späßen Patienten unterhalten und ihnen den Aufenthalt so ein wenig erleichtert. „Ich glaube, ich war da so etwas wie der erste Krankenhaus- Clown“, erzählt sie und kann sich dabei ein Lachen nicht verkneifen. Die heute 72-Jährige muss irgendwie gleich mehrere ganz besondere Gene in sich tragen: Eines für die humoristische Seite mit viel Mut- terwitz, eines für ihr dichterisches Talent, eines für das schnelle Auswendiglernen von Texten, eines für ihr präzises Gedächtnis und eines für ihren engen Bezug zu Heimat und Sprache. Seit 20 Jahren ist sie unermüdlicher Motor der Regi- onalgruppe der Muettersproch-Gsellschaft „A Brig un Breg“, die sich mit Leib und Seele dem Alemannischen verschrieben hat. Doch Bärbel Brüderle nur auf die Mund- art zu reduzieren, das würde ihr auch nicht ansatzweise gerecht. Lange Jahre brachte sie Besuchern als Stadtführerin die Geschichte, die Schönheiten und die Besonderheiten Vil- lingens näher. Zu ihren Spezialitäten zählten Führungen zu den Kunstwerken in der Stadt. Eines ihrer Lieblingsobjekte steht beim neuen Landratsamt am Hoptbühl: Die „Kuckucksuhr“ von Albert Hien mit ihren Rädern und Wasser- spielen. Weil es bei ihr heute aber ein Kreuz mit dem Kreuz ist, verzichtet sie mittlerweile auf die Stadtführungen. „Fasnet ist wie ein Virus, der einen anfällt und den man dann nicht mehr los wird“ Und dann gibt es da noch die Fastnacht – ein weiterer großer Lebensabschnitt von Bärbel Brüderle. „Fasnet ist wie ein Virus, der einen anfällt und den man dann nicht mehr los wird“, berichtet sie aus langer Erfahrung. Früher stand sie regelmäßig auf der Bühne des Villinger Zunftballs in der alten, verstaubten Tonhal- le. Später trat sie an Fasnet bei den Villinger Bärbel Brüderle vor ihrem früheren Milchlädele. 82 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


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Münster-Wiebern auf. So richtig bekannt wurde sie aber ab etwa Mitte der 1990er Jahre. Ei- nes Tages kam ihr Sohn Alexander und fragte sie: „Dätsch Du mit mir an Fasnet rumlaufe?“ „Wenn Du mir Gschichtle anbringsch“, die Ant- wort der Mutter. Gesagt, getan. Aus dem, was den Leuten so unterm Jahr an kleinen Missgeschicken passiert war, bastelte Bärbel Brüderle ihre Vorträge und Moritaten, mit denen sie an Fastnacht zusammen mit „Alex“ durch die Kneipen der Stadt zog. Als der Sohn – seit Jahren gefeierter Regisseur des Villinger Zunftballs – längst seine eigenen när- rischen Wege ging, war Bärbel Brüderle Jahr für Jahr alleine unterwegs. Und heute? Kneipenfasnet ist nicht mehr. Da ist leider das Kreuz mit dem Kreuz… Doch draußen im Ländle, da kann man die Villinge- rin ab und an noch live erleben. Wird sie doch immer wieder von Regionalgruppen der Muet- tersproch-Gsellschaft zu Auftritten eingeladen. „Das hat sich irgendwie herumgesprochen, dass ich so was mache“, sagt Bärbel Brüderle. Ihre Moritaten kommen auch zwischen Bodensee, Lörrach und Offenburg bestens an. Und ihr fällt immer wieder etwas Neues ein, womit sie die Menschen unterhalten kann. Oftmals spontan. Bei der Fastnachterin Bärbel Brüderle darf ein wichtiger Part nicht fehlen. Der beim Großen Villinger Umzug am Fasnetdienstag. Dabei ist sie beim Zug selbst nie mitgelaufen. Dafür machte sie viele Jahre die „Vorhut“ und stimmte die Tausenden von Zuschauern am Straßenrand mit Sprüchle und Liedern auf das närrische Treiben ein. Schließlich sollte der närrische Lindwurm in bester Stimmung empfangen werden. Und dann ist da noch die Geschichte mit dem Fensterplatz zum Umzug. Auf dem Speicher hatte Bärbel Brüderle eines Tages einen alten Fensterrahmen gefunden. Schlagfertig marschierte sie mit dem Rahmen dem Umzug voraus und rief: „Wer braucht ei- nen Fensterplatz? Ein Fensterplatz beim Umzug macht warme Füß‘, man wird nicht nass und kann Vitamine bunkern. Denn aufgepasst: die Glonkis, die werfen ihre Orangen immer nur in die Fenster rein.“ Und wers nicht glaubt: Bärbel Brüderles „Fensterplätze“ gingen weg wie die warmen Semmeln… Das ist genau der Stoff, aus dem in Villingen Originale werden. Auch der Umzugsspaß ist für sie leider vorbei. Weshalb? Halt wegen dem Kreuz mit dem Kreuz! Vorsitzende der regionalen Muettersproch- Gsellschaft „A Brig un Breg“ Doch eine Leidenschaft lässt sich die 72-Jährige nicht vermiesen: Die Pflege der Muettersproch. Seit 1995 ist sie Vorsitzende der Regionalgruppe „A Brig un Breg“ der Muettersproch-Gsellschaft. Sie organisiert Vorträge, Diskussionsveranstal- tungen, Unterhaltungsabende, Dichterlesun- gen, Konzerte, Diavorträge, Buchvorstellungen, Ausflüge, Gedenkfeiern und nicht zuletzt den monatlichen Stammtisch jeden dritten Diens- tagnachmittag im Villinger Café „Leute“. Vor 20 Jahren, bei der Präsentation einer Buchvertonung des verstorbenen Villinger Hei- matdichters Hans Hauser, hatte Bärbel Brüderle den damaligen „Präsi“ Klaus Poppen nach einem Anmeldeformular für die Muetter sproch- Gsellschaft Südbaden gefragt. Am Ende wurde die regionale Gruppe „A Brig un Breg“ mit Bär- bel Brüderle als Vorsitzende daraus. „Das war alles andere als geplant“, sagt sie heute und ergänzt: „Da wächst man dann halt irgendwie rein“. Gestartet mit 35 Mitgliedern hat die Regio- nalgruppe inzwischen 145 Getreue. Alle verbin- det, die alemannische Sprache mit ihren vielen Facetten zu erhalten. Treffpunkt der Mundartler ist oft das Villinger „Theater am Turm“. In der Bürgerwehrstube beim Romäusturm findet am ersten Adventssonntag der schöne Brauch „z‘Liecht gau“ mit Gesang, Gedichten und Ge- schichten statt. Bärbel Brüderle selbst forscht gerne. So hat sie sich intensiv mit alemannischen Spottna- men für Orte beschäftigt. Wochenlang saß sie dazu auch im Kreisarchiv. Der Name der muttersprachlichen Regi- onalgruppe „A Brig un Breg“ umschreibt mit dem alten keltischen Namen für Brigach und Breg – den beiden Quellflüssen der Donau – das Gebiet, wo die Mitglieder daheim sind. „Vu 84 Daheim im Schwarzwald und auf der Baar


St. George über Villinge bis ge Eschinge, Bräun- linge un Hüfinge“, betont Bärbel Brüderle nicht ohne Stolz. Bärbel Brüderle im Kurgarten beim Kunstwerk „Brigach und Breg bringen die Donau zuweg“, an der Fasnet in der Bütt und vor dem liebsten Kunstwerk, dem Hien-Kuckuck am Landratsamt. Eine gebürtige Villingerin Bärbel Brüderle ist in Villingen geboren. Wäh- rend der Kriegstage suchte die Mutter mit den Kindern in Unterkirnach eine sichere Bleibe. Später zogen die Eltern berufsbedingt – der Vater war Eisenbähnler – nach Aufen. 1958 kam Bärbel Brüderle nach Villingen zurück. Nach dem Besuch der Hauswirtschaftsschu- le, lernte sie Krankenpflege im Villinger Kran- kenhaus und arbeitete als OP-Schwester. Beruf- liche Abstecher führten sie nach Überlingen und in die Schweiz, ab 1968 lebte sie wieder in ihrer Heimatstadt Villingen. 1970 heiratete sie und betrieb zusammen mit ihrem zwischenzeitlich verstorbenen Mann Helmut in der Scheffel- straße einen Milchladen. Noch heute zeugt die große Milchflasche über ihrem Hauseingang vom „Lädele“. Als der Druck der Großmärkte zunahm, gaben die Brüderles 1992 das Geschäft auf. Danach war Bärbel Brüderle noch 13 Jahre in der Hauspflege der Sozialstation tätig. Sie hat zwei Kinder: Alexander und Stefanie. Bärbel Brüderle 85


86 5. Kapitel – Wirtschaft


Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri Auf der Gewinner-Seite stehen: Ein Blick auf regionale Wirtschafts- und Technikgeschichte am Beispiel des Zahnrades von Prof. Dr.-Ing. Jürgen Hönig Mobil sein, Nachrichten austauschen, die Gesundheit verbessern oder sich einfach nur unterhalten lassen – seit Jahrhunderten sucht die Menschheit nach tech- nologischen Hilfsmitteln, die ihr die Arbeit und das Leben erleichtern. Das führte zu einem Auf und Ab von Technologien und Produkten: In unserer Region hat die Uhrenproduktion dieses Auf und Ab erlebt – insbesondere das Ab im 20. Jahrhundert. Unternehmerischer Weitblick im Zusammenwirken mit kompetenten Mitar- beitern konnte im Gefolge der Uhrenkrise eine gesamtwirtschaftliche Abwärtsbewegung ver- hindern: Neue Produkte, oft auf der Uhrentech- nik fußend, ermöglichten das Überleben vieler Unternehmen. Im Schwarzwald-Baar-Kreis ent- wickelte sich eine neue technologische Welt elite, die uns von der mechanischen Schwarzwalduhr bis auf die Reise zum Kometen Tschuri führte (s. Seite 112). Beim Blick auf diese Fortentwick- lung über zwei Jahrhunderte hinweg fällt einem als zentraler Bestandteil vieler Erfindungen und Produkte das Zahnrad auf. 87 87 Montage eines mechanischen Kuckucks uhrenwerkes bei SBS-Feintechnik, Schonach. Die Industrie im Schwarzwald-Baar- Kreis wurzelt in der Uhrenindustrie sprich Feinmechanik.


Zahnradähnliche Einrichtungen zur Kraftübertragung existieren seit dem Altertum. Schon Leonardo da Vinci stellte in seinen Publikationen diverse Anwendungsbeispiele zusammen. Zahnräder und Getriebe finden sich in Mühlen, Sägewerken, Uhrwerken, Kameras, Gas- oder Wasserzählern, in Kraftfahrzeugen, Haushalts- oder Bürogeräten. Nicht selten stammen sie aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Die Unternehmen unserer Region sind an so gut wie jedem technologischen Fortschritt beteiligt, wenn er auch nur ein Stück Mechanik verlangt. Erste im Schwarzwald hergestellte Unsere Region ist an so gut wie jedem technologischen Fortschritt beteiligt, wenn er auch nur ein Stück Mechanik verlangt. Und kaum eines dieser Produk- te hätte ohne den Einsatz von Zahn- rädern funktioniert. und technische Anforderungen führten in kürzester Zeit zu Er- findungen, Entdeckungen und Entwicklungen wie Telefon, Radio, Fotografie, Automobil oder Rönt- genstrahlen. Diese forcierten den Drang nach besserem Lebensstan- dard für weite Kreise der Bevölke- rung. Unternehmer mit Weitblick nutzten nun ihre Firmenressour- cen zur Herstellung dieser Produk- te oder fungierten als Zulieferer für Bestandteile. Nahezu in allen Uhrenfabriken wurden die Mono- strukturen aufgebrochen, neue Produkte ergänzten oder ersetzten Technikprodukte für den Massenmarkt waren Uhren. Sie wurden zunächst in Werkstätten, dann in größeren Stückzahlen in Fabriken pro- duziert. Diese Zeitmesser waren lokal und auch auf dem Weltmarkt erfolgreich. Doch zum Ende des 19. Jahrhunderts hin und zu Beginn des 20. Jahrhunderts führten immer rationellere Ferti- gungstechniken in Zusammenhang mit globa- lem Wettbewerb und Preisverfall zu enormen Problemen – einer ganzen Region drohte der Abschwung. das bisherige, oft ausschließlich an der Uhr ori- entierte Fertigungsprogramm. Dazu gehören Bestandteile zu Gas-, Wasser- und Stromzäh- lern, hierbei vorzugsweise die Zählwerke. Unterhaltungselektronik von SABA, Platten- spieler von Dual, das Radio von B.K.S. Ketterer beziehungsweise der BADUF, das batteriebetrie- bene Tonbandgerät Butoba mit Uhrwerkantrieb von SBS-Feintechnik, Fahrtenschreiber und Park – uhren von Kienzle, die Lenkhilfe von ebm-papst sind weitere Beispiele dafür, wie Unternehmen aus dem Landkreis mit neuen Produkten erfolg- reich globale Märkte eroberten. Neue Produkte oder Bestandteile brechen die Fazit dieses kurzen Abrisses: Kaum eines die- Monostrukturen der Uhrenfabriken auf Lösungen für diese Krise zeichneten sich bald ab: Neue Bedürfnisse ser Produkte hätte ohne den Einsatz von Zahn- rädern funktioniert. Der Weg von den Mahl- und Sägemühlen zu vielen Produkten der Neuzeit ist ohne den Einsatz von Zahnrädern nicht vorstell- bar. Zahnräder stehen als Synonym für Kom- petenz in mechatronischen Systemen – bis hin Ob Ketterer in Furtwangen oder Burger in Schonach: Die Fertigung von Zählwerken für Gas-, Wasser- und Stromzähler bescherten den einstmals reinen Uhrenfabriken ein überlebenswichtiges Zusatz- geschäft. Abgebildet ist ein Gas- zähler der Firma Ketterer aus den 1890er-Jahren mit Münzeinwurf. 88 Wirtschaft


zur Nanotechnologie. Versucht man vor diesem Hintergrund den technologischen Fußabdruck des Zahnrades und dessen Folgeerscheinungen in unserer Region darzustellen, stellt sich einem ein eng verflochtenes Netzwerk von Unterneh- men, Ortschaften, Interessenslagen und Markt- beziehungen dar. Einige Beispiele machen in der Folge dieses Netzwerk und dessen Auswirkun- gen anschaulich. Kienzle-Automaten kontrollieren Arbeitszeit oder gestatten Kauf von Parkzeit Dampfmaschine, Verbrennungs- und Elektro- motor ermöglichten es, den über Jahrhunderte hinweg tiergebundenen Transport von Men- schen und Gütern zu einem maschinengestütz- ten Transport weiter zu entwickeln. Zunächst fuhr ab 1872 die Schwarzwaldbahn, es kam zum Anschluss an den Weltverkehr. Dabei erhöhte sich die Effizienz des Landtransportes: Sie hat sich – aus heutiger Sicht betrachtet – von weni- ger als 50 km/Tag auf wenigstens 1.000 km/Tag mindestens verzwanzigfacht. Die neue Mobilität hatte große Auswir- kungen auf die Zeitmessung. Zunächst wurden, ausgelöst durch erheblich kürzere Fahrzeiten, präzisere und in großem Umfang auch ortsunge- bundene Uhren erforderlich, um wirtschaftlich funktionierende Fahrpläne realisieren zu können. Gleichzeitig stellte man fest, dass die Bindung an unterschiedliche Ortszeiten nicht mehr sinnvoll ist; es wurden Zeitzonen erforderlich. Das frühere Nebeneinander von Stuttgarter und Karlsruher Zeit sowie einigen Schweizer Lokalzei- ten (in unserer Region bis zu etwa 10 Minuten Differenz) war nicht mehr tragbar. Kienzle-Parkuhr mit Sichtfenster im Uhrenindustriemuseum in VS-Schwen- ningen. Im Zentrum des mechanischen Innenlebens befindet sich das Zahnrad. Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri Kienzle in Schwenningen erkannte das als Chance. Das Unternehmen geht auf eine Fir- mengründung von Johannes Schlenker im Jahr 1822 zurück. Die so entstandene Deutsche Uh- renfabrik wurde im ausgehenden 19. Jahrhun- dert von dem eingeheirateten Jakob Kienzle für eine Produktion von Uhren mit sechsstelligen Stückzahlen pro Jahr ausgebaut. Wecker und Armbanduhren stellten sich den Anfordernissen der industrialisierten Welt. Die Ressourcen des Unternehmens ermöglichten es zudem, in wei- tere Produkte zu expandieren. So entstanden neben Fertigungslinien für Stechuhren zur Kon- trolle der Arbeitszeit von Mitarbeitern, soge- nannte „Arbeitsschauuhren“ zur Kalkulation von Fertigungskosten, Taxameter und Parkuhren. Im übertragenen Sinn konnte man sich nun, durch den Automaten kassiert, Zeit kaufen. Zeit, um beispielsweise auf einem Parkplatz stehen zu können. Natürlich erfolgten die Zeitmessung und das Geldkassieren mit Hilfe eines uhrwerk- ähnlichen Zahnradgetriebes. Über den Taxa- meter – Buchhaltungs- und Kassiergehilfen des Taxifahrers – sowie Fahrt-Schreiber für Busse und Lastkraftwagen war der Weg der ursprüng- lichen Kienzle-Uhren fabrik in den Automobilbe- reich geebnet. Heute sind Kombiinstrumente und komplette Fahrerarbeits- plätze für gewerbliche Fahr- zeuge starke Geschäftsfelder der Continental Automotive GmbH, des Unternehmens, in der in heutiger Zeit Kienzle Apparate aufgegangen sind. Die Ergänzung dieser Produktlinien durch Geräte zur automatisierten Maut- erhebung führte zu einem weiteren global erfolgreichen Bestandteil unser aller Mobi- lität. Auf der In ternetseite von Continental ist darüber hinaus zu lesen: „Die Instandhaltung und Refinanzierung der kostenin- tensiven Verkehrsin frastruktur ist nur ein Vorteil unserer Maut-OBUs (On-Board-Units). Wir bei Conti- nental können viel mehr als das. 89


Eigentlich ist es müßig, darüber nachzudenken, wenn man erfährt, dass die gleiche Motoren- Philosophie benutzt wird, um im Automobil beim Ersatz von bislang hydraulischen Kon- zepten mit den neuen x-by-wire Technologien entscheidende Funktionen auszuführen. Motor, Elektronik und digitaler Informationsfluss be- finden sich auf dem Stand des 21. Jahrhunderts, doch die eigentlichen Prozesse im Automobil erfordern – man ahnt es schon: Zahnräder in Getrieben. Zahnräder, die für ihr Zusammen- spiel geeignete Gehäuse, Lager und Achsen brauchen. Nicht nur im Automobil schlägt sich ein weitreichendes Antriebskonzept von ebm- papst nieder: Auch in Bahnfahrzeugen kommen diverse Antriebe von ebm-papst zum Einsatz, immer wiederkehrend auf der Basis eines wirklich neuen Konzeptes zum Elektromotor. Exakte Drehzahlprofile und reproduzierbare Bewegungen sowie hohe Ausfallsicherheit in allen Einsatzbereichen sind hier die wichtigsten Anforderungen. Präzise positionierbare DC- und GreenTech EC-Motoren mit hervorragenden Regeleigenschaften in unterschiedlichsten Auslegungen und Leistungsklassen eröffnen ein neues Sicherheitsniveau. Mit integrierter Betriebselektronik, Getrieben und Drehzahlge- bern werden sie höchsten Komfortansprüchen gerecht. ebm-papst ist als renommierter En- Eine On-Board-Unit von Continental. Sie dient der automatischen Mauterhebung, aber auch der Steuerung des Verkehrsflusses. Heute unterstützen die intelligenten OBUs von Continental die Steuerung des Verkehrsflusses auf weniger befahrenen Straßen und sichern die Mobilität auf überlasteten innerstädtischen Strecken. Diese On-Board-Units bilden die Grundlage für Mehrwertdienste für all unsere Kunden – Betreiber und Speditionen.“ In diesem Abriss der Kienzle-Produktlinien ist bereits der Ansatz zu intensiver Vernetzung unternehmerischer Tätigkeiten erkennbar: War seit dem 19. Jahrhundert das wirtschaftlich herstellbare und gleichsam perfekt funktionie- rende Endprodukt angestrebt, so hat sich das Geschäftsfeld nun auf die Produktion unver- zichtbarer Bestandteile von anderen Komplett- produkten verlagert. Immer mehr Uhrenher- steller wandelten sich zum Zulieferbetrieb, sie diversifizierten ihre Fertigung. Das brachte eine größere Flexibilität bei der Nutzung eigener Kompetenzen, bedeutete das Ende der lange Zeit vorherrschenden Monostrukturen. Von Papst-Motoren zum Systemanbieter ebm-papst Und es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage: Ist ein Lüfter von ebm-papst ein Fer- tigprodukt oder Bestandteil von Produkten? Maximale Fahrsicherheit bei hohen Geschwindigkei- ten und bequemes Handling beim Einparken – auch dank der Zahnradtechnik. EC-Antriebe von ebm-papst dienen der aktiven Lenkunterstützung. 90 Wirtschaft


gineeringpartner und Hersteller von Gebläse- und Antriebs lösungen seit Jahren in vielen Applikationen im Einsatz. Damit in Zukunft Sicherheit und Komfort nicht auf der Strecke bleiben. Immerhin wurde kürzlich ebm-papst als Deutschlands nach- haltigstes Unternehmen ausgezeich- net (bei 680 Teilnehmern). Der Wunsch nach Unterhaltung schafft viele neue Arbeitsplätze In St. Georgen wur- de für Grammopho- ne ein Antriebsmo- tor mit wahlweise Federbetrieb oder elektrischem Be- trieb entwickelt: die Startposition des Unternehmens Dual. Man hatte sozusagen den iPod der Weimarer Repu- blik geschaffen. Ein nicht zu unterschätzendes Grundbedürfnis des Menschen be- steht im Wunsch nach Unterhaltung. Frühere Potentaten konnten sich Or- chester und Theater leisten, Mittel- und Unterschicht der Bevölkerung jedoch nicht. Spieluhren und ihre Fortentwick- lungen in Form des Orchestrions griffen diesen Bedarf weiter Bevölkerungskreise auf. Grundla- ge war wieder das auf Zahnradgetrieben basie- rende Uhrwerk. Auf Musikwerke spezialisierte Unternehmen wie Imhof und Muckle in Vöhren- bach stellten zusammen mit anderen Produzen- ten im Schwarzwald die Spitzenposition auf die- sem Gebiet dar. Glück licherweise überlebte ein hochwertiges Philharmonie-Orchestrion durch Lieferverzögerung den Titanic-Untergang. Nicht überlebt hat der Hersteller: Er war auf dieses aufwendige und teure Produkt so sehr speziali- siert, dass er beim Aufkommen des preiswerten Grammophons über Nacht chancenlos wurde. Unternehmen indes, die auf der Grammophon technik basierten, konnten den Übergang zu elek- tronischen Baugruppen aktiver mitgestalten. In St. Georgen wurde ein eigens dafür geeigneter An- triebsmotor mit wahlweise Feder- betrieb oder elektrischem Betrieb entwickelt: die Startposition des Unternehmens Dual. Man hatte sozusagen den iPod der Weimarer Republik geschaffen. Es ist fast nicht erforderlich, zu erwähnen: Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri Der Dual-Antrieb stammt aus dem Hause Papst-Motoren. 1937 wurde der Dual-Plattenspieler auf der Welt- ausstellung in Paris mit einer Me- daille ausgezeichnet. SABA – Vom Uhrwerk zur Radio- und Fernsehtechnik Die Schwarzwälder Apparate Bau- Anstalt in Villingen, kurz SABA, kommt von der Produktion von Uhrwerken her und wurde von Jo- seph Benedikt Schwer 1835 in Triberg gegründet. Die SABA widmete sich ab den 1920er-Jahren auch der elek- trischen Unterhaltungstechnologie. Zunächst wurden Radio-Bestandteile gefertigt. Zur Abstimmung auf unterschiedliche Sen- der waren Drehkondensatoren erforderlich, die SABA in höchster Qualität fertigte. SABA vollzieht hier bereits 1925 einen entscheidenden Schritt in Richtung Bedienungserleichterung: Man wollte dem Radiohörer nicht nur die Sen- dereinstellung an sich, sondern eine komfor- tabel handhabbare Funktion bieten. Ziel war, auf der Radioskala die Frequenzen der Sender gleichförmig aufzuteilen und so eine Grob- und Feinabstimmung für bestmögliche Klangquali- tät zu erreichen. Das gelang mit dem SABA-Or- thometer. Herzstück des dazu erforderlichen Drehkondensators ist ein Zahnradgetriebe! Somit hat das Zahnrad die elektrischen Medien, die Infor- mations- und Unterhaltungselektronik erreicht. Bestmögliche Senderabstimmung und Klangqualität dank SABA. Steht der Skalenanzeiger bei Paris, dann hört man diesen Sender auch – lange Zeit war dies nicht selbstverständlich. 91


Werbeblatt zum SABA 980 WLK für Wechselstrom mit vier Wellenbereichen samt Selbstsuche der Sender, Marktein- führung 1937. ten den Plattenspieler an, sondern auch immer mehr „normale“ Hö- rer. Fehrenbacher in St. Georgen baut vor diesem Hintergrund die legendären Dual-Plattenspieler nach (siehe Seite 120), ebenso ist die einst ruhmreiche Marke Perpetuum- Ebner zu neuem Leben erweckt worden (siehe Seite 126). Und, wie könnte es auch anders Ein Jahrzehnt später entwickelte SABA das überhaupt erste Radio mit automatischem Sendersuchlauf (SABA 980WLK 1937). Ein Elek- tromotor mit angepasstem Zahnradgetriebe realisierte den elektromechanischen Teil die- ser Funktion. SABA baute auch Widerstände, Abstimmspulen, Kopfhörer, Lautsprecher und Transformatoren. Das heißt, auch Drähte, die bei Uhren als Rohmaterial für Achsen und Spi- ralfedern dienten, wurden einer Zweitverwen- dung in der Elektronik unterzogen. Die Technik des Wickelns spielte dabei eine große Rolle. Gegen Ende der 1920er-Jahre folgt die Zusammenstellung von Radiobausätzen und schließlich die Fertigung kompletter Radiogerä- te. Damit verlässt SABA die Konzentration auf die Herstellung von Bestandteilen. Fertige Gerä- te in großen Stückzahlen konkurrieren zunächst erfolgreich mit anderen Markenprodukten, bis die Marktsättigung erreicht ist. Das führt ab den späten 1960er-Jahren zum Niedergang und schließlich zur Auflösung der SABA. Dual und PE: Perfekter Hörgenuss „Made in St. Georgen“ Aber manche Dinge kommen wieder, was die einstige Phono-Hochburg St. Georgen freut: Gegenwärtig entwickelt sich ein neues Interesse an Plattenspielern, der Markt boomt förmlich. Nicht mehr nur Klangspezialisten und DJs schal- sein: Der Antrieb der Dual- oder PE-Plattenteller erfolgt durch einen Motor von ebm-papst! Diese hochwertigen Plattenspieler sind vollständig „Made in St. Georgen“, stammen somit aus dem einstigen Kompetenzzen trum für Analogtech- nik mit Weltgeltung. Und die analoge Welt der Plattenspieler baut zudem eine Brücke in die digitale Gegen- wart: Über eine USB-Schnittstelle lassen sich die Schallplatten digitalisieren und beispielsweise auf das Smartphone überspielen. Die SBS-Feintechnik treibt ihr mobiles Ton- bandgerät „Butoba“ mit einem Uhrwerk an Ein weiterer bekannter Hersteller von vorzugs- weise mechatronischen, kundenspezifischen Antriebslösungen ist die BURGERGRUPPE in Schonach. Kuckucksuhrwerke gehörten und ge- hören bei der SBS bis heute wie selbstverständ- lich zum Angebot. Auch Burger war Spezialist für den Bau von Grammophonantrieben. Was lag also näher, als diese in abgewandelter Form in Tonbandgeräten einzusetzen? In zudem sehr kleinen und handlichen Geräten: Burger ver- trieb mit dem Produkt „Butoba“ in den 1950er-Jahren weltweit das erste wirklich trag- bare Tonbandgerät. Der Bandantrieb durch ein Uhrwerk und der konsequente Einsatz der Tran- sistortechnik ließ die ansonsten erforderliche Batteriegröße entsprechend schrumpfen. Die 92 Wirtschaft


Mit dem kleinsten Tonbandgerät der Welt als Reporter in Afrika unterwegs. Das Tonband- gerät Butoba der Schonacher SBS-Feintechnik machte es möglich. Benutzungsdauer dagegen stieg deutlich an. Wenn man so will, war jetzt der iPod der Nachkriegszeit da. Vorausschauend vernachlässigte Burger dabei nicht sein Kerngeschäft als Zulieferer für mechanische Bestandteile, denn der Erfolg auf dem Markt für Ton- bandgeräte war nicht von Dauer – auch wenn man mehrere zehntausend Stück veräußern konnte. Somit störte die mas- sive Konkurrenz von Revox (zeitweise in Villingen) und Uher nicht wirklich. Die heutige BURGERGRUPPE überlebte den Niedergang von Butoba dank ihres auf mecha- nischen Produkten basierenden Kerngeschäftes. Heute glänzt die mittelständische Gruppe als Komplett anbieter für kundenspezifische An- triebstechnik. Kaiser-Uhren in Villingen: Chancenlos gegen SABA und Grundig Auch die J. Kaiser Uhren GmbH Villingen, kurz Kaiser-Uhren, begründete in den 1920er-Jah- ren – wie etliche andere Unternehmen – eine Produktlinie für Radio-Bauelemente. Der Werk- zeugpark eines Uhren- oder Uhrenbestandteile- herstellers war dazu prädestiniert – bestand ein frühes Radio doch vorzugsweise aus feinmecha- nisch produzierten Komponenten. Doch: Kaiser fertigte nach dem Zweiten Weltkrieg komplette Radios, keine Bestandteile mehr. Dadurch bestand unmittelbare Konkurrenz zu Produzenten von Großserien wie SABA oder Grundig, gegen die sich Kaiser nicht behaupten konnte. Durch die Aufgabe der Fertigung von Bestandteilen und die Konzen tration auf Fertig- geräte war die Unternehmensflexibilität nicht mehr gegeben: Kaiser musste aufgeben. Ähnlich erging es der Marke JOTHA (Johan- nes Hüngerle) in Königsfeld. Finanzprobleme Mitte der 1950er-Jahre führten zum Konkurs von JOTHA, obwohl die Radiogeräte denen der Konkurrenten qualitativ mindestens ebenbürtig waren. Zahnradtechnik sorgt für höhenverstellbare Arbeitsplätze Automatisch höhenverstellbare Arbeitsplätze sind aus dem heutigen Produktions- und Ar- beitsalltag nicht mehr wegzudenken. Dahinter stecken Zahnradgetriebe, unterstützt durch elektrische Antriebe und eine anwendungs- spezifische Steuerung durch integrierte Mikro- elektronik wie sie das Unternehmen B. Ketterer CAD-Konstruktion zu einem höhenverstell- baren Arbeitsplatz von Ketterer Antriebe in Furtwangen. Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 93


Söhne produziert. Gewiss ist die Elektronik unverzichtbar, doch auch in diesem Fall gilt: Oh- ne die zahnradgestützte Getriebetechnik wäre der Erfolg am Markt nicht denkbar. Ein Kunde bewertet die Ketterer- Mechanik so: „Getriebe, deren Gang so weich wie Butter ist“. Und woher stammt das Know-how? Kette- rer gehörte zu den frühen Uhrenfabriken im Schwarzwald, noch mehr aber zu den ersten Produzenten von Gas-und Wasserzählern in Baden. Im Innern dieser Zähler befanden sich mechanische Laufwerke, die der Uhrentechnik entsprungen sind. Herzstück des Ganzen: hoch präzise Zahnradgetriebe. Maschinenbauer ermöglichen die Präzision Was ermöglichte diese Präzision, die Massen- fertigung von Zahnrädern? Die Maschinen der Furtwanger Koepfer Zahnrad- und Getriebe- technik GmbH beispielsweise! Heute handelt es sich dabei um computergesteuerte, hoch moderne Bearbeitungszentren. Koepfer machte durch seine Maschinen die in der Feinmechnik erforderliche Präzision in Mengen verfügbar. Es sei nur angemerkt, dass die Flanken der Zähne von Zahnrädern mathematisch bestimmten Kurvenformen folgen müssen, um perfekt abzu- rollen und reibungsarm zu funktionieren. J. G. Weisser in St. Georgen hat seine Ur- sprünge in einer Huf- und Wagenschmiede an der früheren Poststraße von Straßburg nach Wien. Heute gilt Weisser als technologisch welt- weit führender Hersteller von multifunk tionalen Präzisions-Drehmaschinen und Dreh zentren. Seit 150 Jahren werden Industriekunden, hauptsäch- lich mit Bezug zum Automobilbau, mit immer wieder innovativen Lösungen beliefert. Vorzugsweise die Uhrenindustrie wurde von Johann Morat, heute IMS Gear, mit Maschinen, Werkzeugen, Zahnrädern, Zahnwellen, Drehtei- len beliefert. Somit wuchs dieser ursprünglich aus Eisenbach stammende Betrieb, heute in Do- naueschingen, zum Spezialisten für Zahnräder und Getriebe heran. Große Systemlieferanten werden für ihre Produkte in der Automobil- branche beliefert – und das weltweit. Kommen wir zurück zu ebm-papst. Wer kennt das nicht, lästige Tätigkeit wie den Rasen mähen… Es gibt eine Lösung dazu. ebm-papst wirbt mit dem Slogan: „Robo allein zu Haus – Guck mal, wer mäht denn da?“ Das fragen sich die Nachbarn, wenn der Rasenmäher wie von Geisterhand gesteuert allein über den Rasen fährt. Immer stärker entlasten uns Roboter wie diese von lästigen Tätigkeiten in Haus und Hof. Möglich wird das auch durch EC-Technik: Das ist die Motorentechnik, die auf dem Technologie- pfad von ebm-papst basiert. Wir können sicher sein: Werden Kräfte umgelenkt, verändert oder an bestimmten Plätzen benötigt, dann werden wir dem Zahnrad begegnen – inmitten modernster Elektronik und Informatik. Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich wurzeln ebenfalls in der Mechanik Hiesige Unternehmen aus dem Gesundheits- bereich haben ebenfalls ihre Wurzeln in der Feinmechanik – ähnlich wie im Tuttlinger Raum mit Aesculap/Braun, Chiron oder Storz. G. Wohl- muth aus Furtwangen ist als einstiger Produ- zent elektrischer Baugruppen wie Messgeräte, Trockenelemente oder verstellbare Widerstän- de bekannt. Mit diesen Komponenten fertigte Wohlmuth das Produkt „Reizstromgerät“ für die Elektrotherapie. Aus nicht näher bekannten Gründen beendete Wohlmuth 1934 seine zu- nächst sehr erfolgreiche Tätigkeit. Die elektrische Parkbremse von IMS Gear funktioniert auf Knopfdruck und erleichtert das Anfahren am Berg – im Innern findet sich auch Zahnradtechnik. 94 Wirtschaft


Das Grundbedürfnis nach Das Grundbedürfnis Gesundheit motiviert viele Unter- nehmensaktivitäten, wie bei Alpro in Mönchweiler oder Biedermann in Donaueschingen/Villingen zu beobachten ist. Nicht nur, dass von Biedermann eines der herausragen- den Museen unseres Landkreises gestaltet wird, in den Produktions- stätten werden durch die Implantat- systeme von Biedermann optimale Verbindung von Medizin und Technik realisiert. nach Gesundheit motiviert viele Un- ternehmensaktivi- täten, wie bei Alpro in Mönchweiler oder Biedermann zu beobachten ist. Gesundheit ist und bleibt eines der zen- tralen Themen un- serer Gesellschaft. In unmittelbarer Nähe zu Bieder- manns Museum gibt es seit Kurzem das Experimentierparadies für Kin- der. Eine der angebotenen Aktivitä- ten besteht darin, mit vielen Zahnrädern eine riesige Uhr zusammenzubauen. So lernen be- reits die Kleinsten die Bedeutung und Funk tion dieses so symbolträchtigen Bestandteiles vieler Geräte von gestern bis heute kennen. Goethes Geburt und neun Jahre vor Schiller!) produzierte Gussteile für die Uhrenfertigung: Glocken, Gewichte, Halbfertigteile. Mit dem Nachfragerückgang aus der Uhren- branche besann man sich darauf, mit dem Firmeninventar eine Erwei- terung auf Bestandteile und kom- plette Geräte der Telegrafen- und Telefontechnik vorzunehmen. Zwei Hilfskomponenten waren in diesem Telefon erforderlich: So der Rufspan- nungserzeuger, der vom Benutzer an einer Kurbel zu betätigen war, um beim legendären Fräulein vom Amt eine Glocke läuten zu lassen. Da die mit der Hand gedrehte Kurbel zu langsam war, um die erforderliche Rufspan- nung zu erzeugen, musste durch Übersetzung mit einem Zahnradgetriebe die erforderliche Drehgeschwindigkeit erreicht werden. Weiter der durch eine Wählscheibe in Gang gesetzte Nummernschalter. In Verbindung mit dem zen- tralen Wählamt ermöglichte er ab beginnen- dem 20. Jahrhundert, die Telefonverbindung zu einem anderen Teilnehmer selbst herzustellen. Damit war der Rufspannungserzeuger im Tele- fon ein Produkt von gestern. Nicht jedoch das Zahnrad: Der Nummern- schalter ist im Prinzip ein durch die Wählschei- be betriebenes Uhrwerk. Es hat die Aufgabe, der Nummer zugeordnet, durch Stromkreisunter- brechungen Impulse auszusenden und somit Ein Experimentierparadies ist das Kinder-und Jugend- museum Donau eschingen. Das Getriebe aus Zahn- rädern verdeutlicht den Kindern das Wesen der Me- chanik. Somit lernen Kinder am Beispiel des Zahnrades die Gesetze der Mechanik kennen. Das Zahnrad und seine Rolle bei der Übermittlung von Nachrichten Genau wie bei der Unterhaltungstechnik kann man sich auch bei der Übermittlung von Nachrichten fragen, welche Rolle das Zahnrad spielt oder gespielt hat. Betrachten wir hierzu die Historie von SSS Siedle in Furtwangen. Der 1750 gegründete Gießereibetrieb (ein Jahr nach Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 95


Teile der Enigma stammen aus Furtwangen Wenn es um die verschlüsselt durchgeführte Kommunikation geht, dann gibt es eine weitere Furtwanger Adresse: Aktiengesellschaft für Feinmechanik und Apparatebau (AGFA), 1915 gegründet von Johann Wehrle und Ernst Reiner. Die Aktiengesellschaft für Feinmechanik und Apparatebau erhielt im Dezember 1921 ein Patent auf eine Wächterkontrolluhr, bei der ne- ben der Zeit durch einen beweglichen Schreiber auch der Gang des Wachpersonals aufgezeich- net wurde. Diese Kontrolluhren wurden unter dem Markennamen „Vibrograph“ vertrieben. Ein Rüttelschreiber zeichnete zusätzlich zu den Stationsmarkierungen das Laufdiagramm des Nachtwächters auf. Blieb dieser in der Wachstu- be sitzen, ließ sich das am nächsten Morgen auf der Diagrammscheibe nachweisen. Anhand der Aufzeichnungen des eingebauten Schreibstiftes konnte man sogar das Lauftempo des Wächters feststellen. Heute würde diese Funktion auf dem Smartphone eine App realisieren. Daneben entwickelte, baute und lieferte diese Firma auch Teile des berühmten Chiffrier- gerätes „Enigma“ für die deutsche Wehrmacht. Mehrstufig angeordnete Verschlüsselungswal- zen leisteten, in ein Zahnradgetriebe eingebet- tet, auf mechanischem Weg die Verschlüsse- lung von über Funk übermittelten Nachrichten. Hierbei hatten Zahnräder die entscheidende Funktion. Reiner in Furtwangen war in der Lage, diese in perfekter Präzision zu liefern. Der Schwarzwald steckt voller Hidden Champions Zurück in die Gegenwart. Die Frankfurter All- gemeine Zeitung berichtete bereits 1980 über das „Silicon Valley des Uhren machenden Schwarzwaldes“. Bundeskanzler Schröder lo- kalisierte die Hidden Champions 2005 dann in Furtwangen: „Wie ich gelesen habe, gibt es in Deutschland für so etwas ein Modell. Das ist das „Modell Furtwangen“. Furtwangen ist eine Kleinstadt im Hochschwarzwald, fast 1.000 Meter hoch gelegen. Dort gibt es keinen Bahn- Ein Siedle-Wählscheibentelefon aus den 1930er- Jahren. Das Aquarell stammt von Max. H. Siedle. Er ist der Vater des erfolgreichen Unternehmers Horst Siedle, der das Unternehmen zu seiner heutigen Be- deutung und Größe führte. den Wählvorgang vorzunehmen. Dabei hat auch dieses Uhrwerk mit Präzision zu arbeiten, denn jeder Impuls muss genau 1/10 Sekunde dauern, wobei 0,4/10 Sekunden eingeschaltet und 0,6/10 Sekunden ausgeschaltet wird. Des- halb wird dieses spezielle Uhrwerk mit einem mechanisch arbeitenden Drehzahlregler kombi- niert, eine Einrichtung, die man in gleicher Form vom mit Uhrwerk betriebenen Grammophon her kennt. Inzwischen ist natürlich bei Siedle auch der Nummernschalter Historie, elektronische Bau- gruppen haben die Funktionen zur gezielten Kommunikation ersetzt. Und im nachfolgen- den Entwicklungsschritt ergänzte Siedle seine Produktreihen durch Bildübertragung und zeit- gemäße Netzwerkanbindungen sowie Zutritts- kontrolleinrichtungen für unterschiedlichste Bereiche. Doch Zahnräder waren für Siedle eine unverzichtbare Brückentechnologie auf dem Weg zum erfolgreichen Weltunternehmen. 96 Wirtschaft


hof und keinen Autobahnanschluss. Furtwangen aber hat eine der nied- rigsten Arbeitslosenquoten in ganz Deutschland. Man muss sich fragen – und das haben wir gemacht: War- um ist das so? Das ist so, weil das enge Tal im Schwarzwald buchstäblich voll ge- stopft ist mit dem, was wir „Hidden Champions“ nennen, die in vielen Branchen Weltklasse anbieten, von der Steuerungstechnik bis zur Fein- mechanik. Viele dieser Unternehmen sind übrigens Ausgründungen von Studenten der Fachhochschule Furt- wangen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt in dem Geschehen der Grün- dungen: Die Hochschule ist konse- quent international ausgerichtet und kooperiert mit 70 Hochschulen und Universitäten weltweit. In Furtwangen lebt bis heute also „Das ist so, weil das enge Tal im Schwarzwald buch- stäblich voll gestopft ist mit dem, was wir „Hidden Cham- pions“ nennen, die in vielen Branchen Weltklasse anbieten, von der Steuerungs- technik bis zur Fein- mechanik.“ Bundeskanzler Gerhard Schröder 2005 heimischen Industrie bedeutet, dass ein beiderseitiges Geben und Neh- men an der Tagesordnung ist. Die Vernetzung zum Wissenstransfer ist unverzichtbarer Bestandteil des Furt- wanger Modells – heute mindestens so wichtig wie 1850. Ein Netz von Technologiezentren und Forschungseinrichtungen In Sachen Produktentwicklung kön- nen sich die Betriebe im Kreis auf das heimische Netz von Technologiezen- tren und Forschungseinrichtungen verlassen: Für den nötigen Techno- logietransfer sorgen neben der HFU und der Dualen Hochschule (DHBW) das Institut für Mikro- und Informa- tionstechnik der Hahn-Schickard-Ge- sellschaft (HSG-IMIT, s. Seite 112), der jener Geist des fleißigen Tüftelns, herrscht eine Mentalität der Standfestigkeit und existiert ein Glaube an die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Genau das sind die Haltungen, von denen ich den- ke, dass wir sie ganz verstärkt wieder brauchen.“ Von der Uhrmacherschule zur Hochschule Furtwangen University (HFU) Das Bestreben, im Wettbewerb um die Her- stellung besserer Uhren erfolgreich zu sein, führte 1850 zur Gründung der Großherzoglich badischen Uhrmacherschule in Furtwangen. Ihr erster Direktor war der großherzogliche Baudi- rektor und Erbauer der Schwarzwaldbahn, Inge- nieur Robert Gerwig aus Karlsruhe. Aus der Uhr- macherschule ging später die Fachhochschule Furtwangen hervor. Zeitgleich zu den skizzier- ten Anpassungen der Industrie entwickelte sich diese Einrichtung schrittweise weg von der Uhr, erfolgte ihre Weiterentwicklung zur Ingenieur- schule für Feinwerktechnik, Fachhochschule für Technik, Wirtschaft, Informatik bis zur heute als Hochschule Furtwangen University (HFU) bekannten Institution. Engste Kontakte mit der TechnologyMountains e.V. mit den Akteuren Kunststoff- Institut Südwest, MedicalMountains AG und MicroMountains Applications AG und zahlreichen Transferzentren unter dem Dach der Steinbeis-Stiftung. In den Technologiezentren, Innovations- oder Gewerbeparks finden junge Existenzgrün- der ein wirtschaftlich tragfähiges Sprungbrett. Versuch eines Fazits Befinden wir uns nun auf der Gewinner- Seite? Ja, beständig. Aber: Kümmern wir uns alle darum, dass dieser gute Zustand, bei allen Konjunkturzyklen oben zu bleiben, erhalten wird! Die Vernetzung – besser natürlich: Ver- zahnung – und flexible Strukturen sind dazu unverzichtbar. Dazu braucht es als elementare Grundvoraussetzung ein schnelles Internet – auch im ländlichen Bereich. Wir sind bereits auf dem Weg dazu. Das schnelle Internet stellt für die Verzahnung von Forschung, Ausbildung, Produktentwicklung, Produktion und Logistik, kurz für die Industrie 4.0, eine der Grundvoraus- setzungen dar. Von der Schwarzwalduhr nach Tschuri 97


Die Uhrenfirma Hanhart in Gütenbach von Matthias Winter Hanhart Primus. Der rote Knopf, das Markenzeichen der Hanhart -Chronographen, warnt vor einem versehentli chen Nullstellen der Stoppfunktion. 98 98 Wirtschaft


Dass man Uhren mit Begeisterung und Leidenschaft bauen muss, um heute am Markt zu überleben, das beweist die Firma Hanhart in Güten- bach. Das Unternehmen produziert seit über 130 Jahren ohne Unterbre- chung Zeitmesser. Und alleine diese Tatsache hat Seltenheitswert, nur wenige andere Uhrenhersteller kön- nen das von sich behaupten. Durch seine Passion für technischen Erfin- dergeist stellt Hanhart auch heute höchste Ansprüche an sich selbst und orientiert sich an folgenden Maxi- men: unvergleichliche Präzision und Zuverlässigkeit, perfekte Ablesbarkeit und einfache, sichere Bedienbarkeit sowie beste Robustheit. Seit 1882 stellt der Uhrenhersteller Zeitmesser her, die Perfektion mit unverwechsel- barem Design vereinen. Entwicklung, Herstellung und Vertrieb der mecha- nischen Meisterwerke sind in Güten- bach im Schwarzwald angesiedelt. ClassicTimer „Flexibilität ist bei uns ein hohes Gut“, be- tont Simon Hall, einer der Geschäftsführer der Firma. Dazu gehört auch die Fähigkeit, Trends und Entwicklungen rechtzeitig wahrzunehmen und für das Geschäft zu nutzen. Gerade diese Eigenschaft verhalf Hanhart, die Klippen zu umschiffen, die zahlreichen anderen Uhrenfirmen in der Re- gion zum Verhängnis wurden. Ein gutes Beispiel ist das Thema Quarz- uhrenwerk, das von zahlreichen klassischen Uhrenherstellern lange Zeit ignoriert wurde, wohl in der Hoffnung, dass sich diese Be- drohung des bisherigen Geschäftsmodells irgendwann erledige. Willy Hanhart, Sohn des Firmengründers Johann Adolf Hanhart, sah dagegen bereits in den 1950er-Jahren, dass die Zeit der mechanischen Uhrwerke in der Massenproduktion abgelaufen war und drängte darauf, sich in zukunftsfähigen Ge- schäftsfeldern zu engagieren. „Wir müssen in die Elektronik rein“, war damals sein Cre- do, wie sich Manfred Schwer, langjähriger Musterbauer und Konstrukteur, noch gut erinnert. Er ist zwar längst in Rente, doch ist er nach wie vor mit Leib und Seele für Han- hart tätig. Von den 1950ern bis in die 1990er-Jah- re hinein wurden von Hanhart jedenfalls Uhren gebaut, die mit Transistorenwerken ausgestattet waren. „Uhren mit solchen Werken gab es schon in den 1950er-Jahren, sie wurden an die Firma Quelle geliefert“, erinnert sich Manfred Schwer. XXX 99


Später war vor allem die Herstellung von kleinen Quarzuhrwerken gefragt. Eine der gro- ßen Schwierigkeiten dabei bestand darin, die Zahnräder aus Kunststoff so exakt zu fertigen, dass ein Uhrwerk mit hoher Ganggenauigkeit entstand. „Die Kunststoffverzahnung war eine große Herausforderung“, erinnert sich Manfred Schwer. Doch die in Gütenbach und Schwennin- gen beheimatete Firma Hanhart hatte zusam- men mit der Firma IMS (heute IMS Gear, Donau- eschingen) entsprechende Präzisionszahnräder entwickelt und konnte sich damit erfolgreich dem Wettbewerb stellen. Im schweizerischen Diessenhofen gegründet Zurück zu den Anfängen: Gegründet wurde die Firma im Jahr 1882 als Uhrenmanufaktur von Johann Adolf Hanhart im schweizerischen Dies- senhofen. Und schon er legte die erforderliche Flexibilität an den Tag: 20 Jahre später, 1902, verlegte Hanhart die Firma in die Uhrenhoch- burg Schwenningen, weil er sich dort bessere Produktionsbedingungen versprach. Im Jahr 1920 stieg sein Sohn Wilhelm Julius, kurz Willy, in das Unternehmen ein. Der Juniorchef war ein begeisterter Sportler und erkannte bald eine Marktlücke: Preiswerte Stopp uhren gab es zu der Zeit kaum auf dem deutschen Markt, vorherrschend waren die teuren Schweizer Fabrikate. Bereits 1924 brachte das Unternehmen die erste günstige Stoppuhr aus deutscher Produktion erfolgreich auf den Markt und setzte damit den Grundstein für den weiteren rasanten Aufstieg. Das lässt sich auch an der Zahl der Mitarbeiter ablesen: Beschäftig- te Hanhart 1932, im Todesjahr von Johann Adolf Hanhart, rund 30 Mitarbeiter, so waren es Ende der 1930er-Jahre bereits an die 200. 1934 wurde zusätzlich das Gebäude in Güten- bach angekauft. Da jedoch das Stoppuhrenge- schäft vor allem saisonal geprägt war, galt es, weitere Geschäftsfelder zu erschließen. So trieb Willy Hanhart die Produktion preiswerter Ta- schen- und Armbanduhren sowie von Rohwer- ken voran. Anzeige von 1967. Hanhart Werbung mit dem Nürburgring (1938). Plakat zu den Olympischen Sommerspielen 1952. 100 Wirtschaft


Hanhart Dashboard 2-piece-set Hanhart Dashboard 1-piece-set 1938 verlagerte Hanhart die Fertigung ver- stärkt nach Gütenbach in die Hauptstraße, wo sich das Firmengebäude auch heute noch befin- det. Der Firmensitz blieb jedoch in Schwenningen. Im Verkaufskatalog von 1939 befinden sich zu dieser Zeit bereits 45 Armbanduhrenmodelle so- wie mehrere Taschen- und Stoppuhrenmodelle. Ebenfalls 1938 erlangte der Eindrücker-Chro- nograph „Kaliber 40“ Marktreife. Chronogra- phen sind Armbanduhren mit Stoppuhrfunk- tion, die in diesem Fall über einen Drücker bedient wird. Unter der Bezeichnung „Pioneer Mk I“ gibt es davon heute einen originalge- treuen Nachbau (Replika). Die Chronographen waren nicht zuletzt bei Marine und Luftwaffe gefragt. Eine zweite legendäre Variante war die „Tachy-Tele“, die nicht limitiert aufgelegt wurde; ab 1940 wurde das Zweidrücker-Modell „Kaliber 41“ produziert. Hier taucht erstmals das Markenzeichen der Firma, der „rote Drücker“ auf, der die Stoppuhr auf Null stellt. Seine rote Farbe warnt vor einer versehentlichen Fehlbedienung. Schwierige Zeiten gab es nach dem Ende des Krieges, es wurden sämtliche Fertigungs- maschinen aus Gütenbach und Schwenningen nach Frankreich deportiert. Doch bereits Ende der 1940er-Jahre konnte die Uhrenproduktion in dem Gütenbacher Unternehmen wieder aufgenommen werden. Willy Hanhart begann mit Unterstützung seiner Ehefrau Gertraud den Wiederaufbau des Gütenbacher Werkes. Die ersten Maschinen wurden im Tausch gegen Arm- banduhren beschafft, Mitarbeiter holten Uhr- werke, kleinere Maschinen und Werkzeug aus Verstecken wieder zurück. 1952 erfolgte auch der Wiederaufbau des Werkes in Schwenningen. Das Hanhart-Firmengebäude in Gütenbach in den 1930er-Jahren und die Stoppuhr Tristop. Hanhart Chronographen 1882 101


Der Aufstieg zum Weltmarktführer bei der Produktion von Stoppuhren Als erstes wurde unter anderem eine einfache Version des Fliegerchronographen aufgelegt. Die folgenden Jahre sind durch den Aufstieg des Unternehmens zum Weltmarktführer bei Stoppuhren gekennzeichnet. Das hatte unter anderem zur Konsequenz, dass die Produktion von Armbanduhren 1962 erst einmal auf Eis gelegt wurde. 1972 brach das Zeitalter der Quarzuhren an. Hanhart baute eine eigene Kunststoffspritzerei und entwickelte ein eigenes Quarzwerk, das in einer millionenfachen Auflage verkauft wurde. Die ersten billigen Quarzwerke gelangten En- de der 1970er-Jahre auf den Markt. Zunächst konnten die Schwarzwälder noch mithalten und brachten ebenfalls ein preisgünstiges Werk heraus, das „Kaliber 3305“. Davon wurden rund 40 Millionen Stück verkauft. Letztlich konnte Hanhart aber im nun entstehenden Preiskampf mit der Billigkonkurrenz aus Fernost nicht dau- erhaft mithalten. Der Stoppuhrenbau lief jedoch weiter und sicherte das wirtschaftliche Überleben in ei- ner für die deutschen Uhrenhersteller extrem schwierigen Zeit. Anfang der 1990er-Jahre, als es deutlich wurde, dass man bei den Quarzwerken nicht mehr mithalten konnte, versuchte das Un- ternehmen, sich ein zweites Standbein in der Kommunikationsbranche aufzubauen. Anfangs Für höchste Präzision und Eleganz stehen die in Gütenbach produzierten Hanhart-Stoppuhren und Hanhart-Chronometer. Rechts: Geschäftsführer Simon Hall (stehend). schien dieser Weg Erfolg versprechend, doch der Einstieg scheiterte an fehlenden Vertriebs- wegen, die mit viel Geld erst hätten aufgebaut werden müssen. Dafür hatte Hanhart das Nachbargebäude von der Triberger Uhrenfirma Schatz (bekannt für ihre Jahresuhren) gekauft. 1994 verkaufte Hanhart das Gebäude wieder, und zwar an das Furtwanger Lehrerehepaar Margot und Claus-Volker Müller, die darin erfolgreich das „Hanh-Art Kunstprojekt“ etablierten, das mitt- lerweile ebenfalls weit über die Region hinaus bekannt ist. Die wiederentdeckte Armbanduhr 1992 erwarb der Schwiegersohn der Familie Hanhart, Klaus Eble, der bereits 1983 die Ge- schäftsführung des Unternehmens übernom- men hatte, zusammen mit drei Münchner Un- ternehmern die Mehrheit der Firmenanteile. Fünf Jahre später wurde die hochwertige Armbanduhr für die Produktion „wiederent- deckt“: Der originalgetreue Nachbau des Flieger- chronographen von 1939 wurde als Replika auf den Markt gebracht, vorgestellt wurde die 102 Hanhart Chronographen 1882


Primus Racer Primus Desert Pilot Primus Survivor Pilot Pioneer Tachy Tele Uhr erstmals auf der Antik-Uhrenbörse 1997 in Furtwangen. Das Unternehmen setzte mit dieser Neuauflage wieder auf die traditionelle Uhrmacherkunst. Es folgte der Chronograph „Tachy Tele“ und ein Jahr später die Modelle „Si- rius“ und „Admiral“. Die Replika-Chronographen begeisterten allenthalben die Uhrenliebhaber. „Wir haben mit der Stoppuhr so lange überlebt, bis die Mechanik wieder gefragt war“, dieses Fazit zieht Klaus Eble aus dem Geschäftsverlauf der vergangenen Jahrzehnte. Zu der überle- benswichtigen Flexibilität des Unternehmens gehörte freilich auch die Fähigkeit, neue Markt- Trends rechtzeitig zu erkennen und sich darauf einzustellen. nier by Hanhart“, initiiert von Irén Dornier, dem Enkel des berühmten Flugzeugkonstrukteurs, 2005 die „M 39“. Im Jahr 2009 folgte unter dem Namen „Primus“ eine neue Kollektion mecha- nischer Chronographen, wobei die Modelle „Pilot“, „Racer“ und „Diver“ durch ihr progressi- ves Design auffallen. 2011 folgte die Kollektion „Pioneer“, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch auch mechanische Stoppuhren werden neben den Armbanduhren nach wie vor im großen Stil produziert. Hanhart feiert das 130-jährige Bestehen Zahlreiche weitere Modelle werden in den Folgejahren entwickelt, 2004 zum Beispiel „Dor- 2012 konnte Hanhart sein 130-jähriges Fir- menjubiläum feiern. Nach einigen Jahren mit Prioneer Racemaster Die Modelle Pioneer-Racemaster. 103


Schweizer Inhabern ist das Unternehmen seit 2014 wieder im Besitz von Gesellschaftern aus München, der GCI Management Consulting GmbH. Einzelne Partner der GmbH waren auch schon früher an Hanhart beteiligt. Damit verbunden war eine wichtige Veränderung: Bei den Armbanduhren wurde auf ein Direkt- vertriebsmodell umgestellt. „Wir stellen selbst unsere Uhren den Juwelieren ins Fenster“, er- läutert Simon Hall. Auch wenn damit eine rege Reisetätigkeit verbunden ist. Neben ihm ist als zweiter Geschäftsführer im Bereich Armband- uhren Felix Wallner tätig. Großer Vorteil dieser Umstellung ist ei- ne deutlich attraktivere Preisstruktur, denn die Gütenbacher konnten damit ihre Preise für die Armbanduhren um 20 bis 40 Prozent senken. Wichtig sei, die Juweliere strategisch auszuwählen, und ebenso wichtig sei es, dass diese auch einen Bezug zur Geschichte haben. Monatlich schließen sich derzeit zwei bis drei Juweliere an. „Wir sehen in Deutschland ein großes Wachstumspotenzial“, so Simon Hall. Heute ist der Bereich Armbanduhren als GmbH organisiert, der Bereich Stoppuhren als KG. In diesem Bereich lief es trotz hoher Stück- zahlen schwieriger und es wird weiterhin an einer Restrukturierung gearbeitet; der Ausblick ist positiv. Geschäftsführer ist hier nach wie vor Klaus Eble. Den beiden Bereichen entsprechend gibt es auch zwei Kataloge. Sie präsentieren die Hanhart-Zeitmesser und enthalten zudem einen übersichtlichen Abriss der Firmenge- schichte. Hanhart-Museum eröffnet Doch auch in dem Gütenbacher Firmengebäude hat sich einiges getan. Zusammen mit Klaus Eble hatte Manfred Schwer seit den 1990er-Jahren damit begonnen, für die Firmengeschichte wich- tige Dokumente und Objekte, zu sammeln. Und natürlich vor allem Hanhart-Uhren aus der über 130-jährigen Firmengeschichte. All das wird nun in einem interessanten und übersichtlichen Museumsraum im Ober- geschoss des Gebäudes präsentiert. Der Raum war früher Muster- und Lehrwerkstatt, wo die Uhrmacher und Feinmechaniker an neuen Mo- dellen tüftelten. Ein Arbeitsplatz aus dieser Zeit ist originalgetreu aufgebaut und scheint einzig noch auf die Rückkehr des Uhrmachers aus der Pause zu warten. Heute hat der Besucher Ge- legenheit, sich auf eine Zeitreise durch die Fir- mengeschichte mitnehmen zu lassen, die auch eine Zeitreise durch die Geschichte der Uhrma- cherei ist. Neben Werkbänken mit den entspre- chenden Werkzeugen zeigt beispielsweise ein Wandschränkchen rund 50 Stoppuhrenmodelle der Firma Hanhart im Überblick und in einer Kiste sind Stoppuhrenwerke zu entdecken. Blickfang ist auch ein rund 60 Jahre altes Motorrad – natürlich mit einer Motorraduhr von Hanhart ausgestattet. Selbstverständlich ist die Geschichte der mechanischen Uhren aus- führlich dokumentiert – Originale sowie deren aktuelle Nachbauten lassen sich vergleichen. Ein Rundgang durch die Sammlung in Be- gleitung einer fachkundigen Führung lohnt sich allemal. Geöffnet ist das Museum ganzjährig mittwochs von 13 bis 16 Uhr sowie auf Anfrage. Sonderführungen sind jederzeit möglich. Rechte Seite: Manfred Schwer, langjähriger Muster- bauer und Konstrukteur, befindet sich zwar im Ruhestand , doch gilt er als die Seele des Hanhart- Museums. Blickfang ist ein 60 Jahre altes Motorrad mit einer Krad-Uhr von Hanhart (oben). 104 Hanhart Chronographen 1882


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Die WELLSTAR-Packaging GmbH im Bräunlinger Gewerbegebiet. Sicher und schnell verpackt mit innovativen Verpackungslösungen der WELLSTAR-Packaging GmbH Von Gabi Lendle Die junge Bräunlinger Firma WELLSTAR-Packaging GmbH ist eine 100-prozentige Tochter der Unternehmungsgruppe Straub und gehört somit zu einem namhaften und traditionsreichen Hersteller und Verarbeiter von Wellpappverpackungen. Das Unternehmen wurde im April 2003 mit Sitz in Bräunlingen gegründet. Während Straub-Verpackungen die Wellpappe produziert und diese zu hochwertigen, oftmals auch bedruckten Wellpappverpackungen wei- terverarbeitet, übernimmt WELLSTAR deren Veredelung durch Verleimung und Anbringung eines Selbstklebeverschlusses. Durch den Selbstklebeverschluss profitiert der Versender von einer enormen Zeitersparnis und außerdem entfallen Kosten für Klebe- oder Umreifungs- bänder. Das Produktprogramm der Firma WELL- STAR umfasst vier Segmente. Den Kern der Geschäfts felder bilden die Versandverpackun- Geschäftsführer Volker Würth 106 106 Wirtschaft


Zeit- und materialsparender Selbstklebeverschluss. gen mit Selbstklebeverschluss, weitere Berei- che sind die Konfektionierung von Waren, die Gefahrgutverpackungen und der Handel mit diversen Packbändern sowie Füll- und Polster- systemen. „Sicher und schnell verpackt, alles aus einer Hand“ lautet die Devise hinter der Geschäftsführer Volker Würth mit seinen Mit- arbeitern steht. Neues Verwaltungs- und Produktionsgebäude Aufgrund vieler kreativer Entwicklungen und eines kontinuierlichen Wachstums- kurses begannen bereits im Jahr 2010 die Planungen für einen Neubau im Bräunlinger Gewerbegebiet Nieder- wiesen. Auf einer Grundstücks- fläche von rund 17.000 Quadrat- metern entstand ein 11.000 Quadratmeter großes und beeindruckendes Firmengebäude, das im Oktober 2012 in Betrieb genommen wurde. Der ansprechende Neubau am Ortseingang von Bräunlingen sticht ins Au- ge. Am 13. Juli 2013 hatte die junge Firma allen Grund zu feiern: Zum 10-jährigen Jubiläum konnte WELLSTAR das weitläufige Gebäude mit seiner umfassenden Lagerkapazität offiziell einweihen. Zirka 12 Millionen Euro betrug die Investitionssumme für den Neubau und die Anschaffung und Installation einer neuen Ferti- gungslinie. Das Eisberg-Prinzip Anhand einer Eisberg-Fotografie auf der Titel- seite des neuen WELLSTAR-Produktkatalogs WELLSTAR-Packaging GmbH Die Verpackungen von WELLSTAR sind größten- teils selbstklebend. 107


kontinuierliche Investitionen erfordert, um sich im Wettbewerb be- haupten zu können. Zu den bestehenden Klebemaschinen in der Produktion wurde jüngst eine kostensparende und neu entwickelte Fertigungs- anlage angeschafft. Diese 30 Meter lange Maschine kann mehre- re Arbeitsgänge in einem Durchlauf erledigen. Insgesamt stehen in der Produktion sechs Maschinen zur Verfügung. Die „Neuheit“ wurde in Zusammenarbeit mit einem nam- haften Maschinenhersteller entwi- ckelt und ist in dieser Konfiguration weltweit einzigartig. Beim Produktionsprozess der Verpackungen mit Selbstklebe- verschluss wird die Wellpap- pen-Rohware, welche zuvor von der Mutterfirma Straub angeliefert wur- de, von einem Mitarbeiter in die Ma- schine eingelegt. Im ersten Arbeits- gang trägt die Maschine den Leim für den Selbstklebestreifen auf, um im weiteren Schritt das Silikonband anzubringen. In der nächsten Stati- on wird die Verpackung zusammen geklebt, um sie im Anschluss zur Fixierung zusammenzupressen. Die veredelten Verpackungen werden nun in bestimmte Ver- packungseinheiten gebündelt, palettiert und letztlich je nach Anforderung in eine Folie eingewi- ckelt. Wenn die fertigen Paletten nicht sofort zum Versand bereitge- stellt werden, gelangen sie in den riesigen Lagerraum, der sich an die Produktionsstätte angliedert. Dort können bis zu 300 Artikel auf über 5.000 Palettenstellplätzen gelagert werden und stehen für die Kunden jederzeit abrufbereit zur Verfügung. Verpackungslösungen für (fast) alle Anforderungen. stellt das Unternehmen einen Vergleich zu seinen Produkten her. Der über die Wasseroberflä- che herausragende Eisberg ist nur der sichtbare und weit kleinere Teil eines riesigen Eisblockes, dessen größter Teil sich unsichtbar unter Wasser befindet. Ähnlich ist es bei den Verpackungen. „Der auf den ersten Blick sichtbare Einkaufs- preis der Verpackungen ist nur ein Bruchteil des Gesamten: Personal-, Verwaltungs-, Lager- und Trans- portkosten liegen wie beim Eisberg versteckt und sind entsprechend ge- waltig“, heißt es in den Ausführun- gen. Genau hier liegt der Ansatz der Firmenpolitik der WELLSTAR-Packa- ging GmbH. Mit innovativen Verpa- ckungen will die Firma dazu beitra- gen, die „unsichtbaren“ Kosten ihrer Kunden deutlich zu reduzieren. Da- mit soll der gesamte Verpackungs- prozess optimiert werden und das bei optimalem Transportschutz. Investitionen in moderne Maschinen Der Markt der Versandverpackun- gen ist extrem stark umkämpft, was 108 WELLSTAR-Packaging GmbH


Impressionen aus dem Werk. Unten: Beim Konfek- tionieren kundenspezifischer Verpackungen. Innovative Verpackungslösungen Zu dem umfassenden Sortiment moderner Wellpappverpackungen gehören unter anderem Universalverpackungen, die im aufstreben- den Markt des Online-Versandhandels eine herausragende Rolle spielen. Die hochstabilen Verpackungen für z.B. Bücher, Warensendungen aller Art, Computersoftware, Datenträger oder diverser Drucksachen sind flexibel einsetzbar und werden in verschiedenen DIN-Maßen und Ausführungen hergestellt. So können beispiels- weise auch schwere und flache Gegenstände wie Bildbände sicher verschickt werden. Auch Boxen für das Lagern oder Versenden von voluminö- seren Waren stehen dem Kunden zur Auswahl. Sämtliche Verpa- ckungen werden mit oder teilweise auch ohne Selbstklebeverschluss angeboten. Durch das schnelle und einfache Verschließen der Selbst- klebeverpackungen wird ein bis zu dreimal schnel- leres Befüllen und Verschließen der Kartonagen ermöglicht. Bei Firmen, die viele Pakete pro Tag verschicken, macht diese Zeitersparnis beim Verpacken beachtliche Kosteneinsparungen möglich, sowohl im Personalbereich als natür- lich auch bei den Packbändern. Betriebsleiter Joachim Kunz Durch die enge Zusammenarbeit mit der Mutterfirma Straub sind individuelle Sonder- anfertigungen jederzeit möglich. Hinter allen Produkten steht das langjährige Know-how, mit dem stets an der Entwicklung für verbesserte Lösungen gearbeitet wird. „Die Ware sicher ans Ziel bringen“ lautet die Maxime der WELLSTAR – Packaging GmbH. „Äußerst flexibel sind nicht nur wir, sondern auch unsere Verpackungen“ betont Betriebs- leiter Joachim Kunz. Ob Standard oder maß- geschneidert, die Verpackungslösungen aus Bräunlingen sind flexibel und individuell. Für die Kundschaft muss die Verpackung stabil, schnell im Handling und kostengünstig sein. XXX 109


Das Sortiment reicht weit über das Verpack- ungsangebot für Ware in handlicher Größe heraus. Hergestellt werden auch spezielle Verpackungen für Ordner, Versandtaschen und Kuverts in jeglicher Größe. Neu im Sortiment ist eine eckige Versandhülse, die den Vorteil hat, dass sie beim Transport nicht rollt. Des Weiteren umfasst das Produktprogramm von WELLSTAR Verpackungen für Kalender, hochwertige bunte Verpackungen für z.B. Geschenksendungen und praktische Palettenhütchen, die vor dem Sta- peln warnen um etwaige Lager- und Versand- schäden zu vermeiden. Boomender Online-Versandhandel Besonders zu Spitzenzeiten, wie z.B. vor Weih- nachten, boomt der Online-Versandhandel. Dann wird die Produktion hochgefahren, die normalerweise im Zweischichtbetrieb fertigt. Auch die Lagerkapazitäten werden drastisch erhöht, um diesen Ansturm an Aufträgen zu bewältigen und weiterhin kurzfristig lieferfähig zu bleiben. Geliefert wird in die gesamte Bun- desrepublik, aber auch europaweit in Länder wie Frankreich, Österreich, Holland, Italien oder in die Schweiz. Immer eine Nasenlänge voraus Da eine wachsende Anzahl von Kunden diverse Verpackungstätigkeiten nicht mehr im eigenen Hause durchführen möchte oder kann, hat sich WELLSTAR als Dienstleister im Bereich der Kon- fektionierung ein vielversprechendes Standbein aufgebaut. Ziel ist es, den Kunden alles aus ei- ner Hand anzubieten – von der Produktion der Verpackung bis hin zum Versand der Produkte. Zusammen mit der Mutterfirma Straub können so wertvolle Synergieeffekte erzielt werden. Das WELLSTAR-Verwaltungsgebäude. 110 Wirtschaft


Als weiteres wichtiges Produktsegment wur- de außerdem der Bereich Gefahrgutverpackun- gen für z.B. den Automobilbereich mit dem nord- deutschen Firmenpartner Baumann excellence entwickelt und aufgebaut. Hier werden unter an- derem Verpackungen für den sicheren Transport von Airbags hergestellt. Bei einem Transportun- fall hält ein im Karton eingearbeitetes Stahlgitter die Airbags im definierten Sicherheitsradius, da- mit Rettungskräfte ungefährdet löschen können. Dieser Markt beinhaltet aufgrund gewisser Al- leinstellungsmerkmale für die Bräunlinger Firma ein großes Wachstumspotential. Der Anspruch „Alles aus einer Hand“ wird mit dem Segment Packbänder sowie Füll- und Polstersysteme abgerundet. Die mobile und kompakte „SpeedMan-Box“ eignet sich bei- spielsweise perfekt zum Füllen und Polstern von Versandkartons in kleineren Stückzahlen. Das aus 100 Prozent recyceltem und mit dem Blauen Engel ausgezeichnete Papier unterstützt den sicheren und kostengünstigen Versand. Für grö- ßere Mengen kommen praktische „SpeedMan- Geräte“ mit oder ohne Strom zum Einsatz, die das Papier in einer speziellen Schlauchform generieren und so ein schnelles und einfaches Polstern der Verpackung ermöglichen. Umsatz und Mitarbeiterzahl auf Höhenkurs Lag im Gründungsjahr der WELLSTAR-Packaging GmbH die Mitarbeiterzahl noch bei fünf, sind heute rund 60 Voll- und Teilzeitkräfte in der Fir- ma beschäftigt. Die große Erfolgsgeschichte in nur zwölf Jahren zeigt sich auch in einem sehr positiv ansteigenden Umsatzvolumen. Dieses betrug anfangs 400.000 Euro und liegt heute bei über 10 Millionen Euro pro Jahr. Gemeinsam arbeitet WELLSTAR mit höchstem Einsatz daran, dass dies auch weiter gesteigert werden kann. Blick in die Fertigung von WELLSTAR. WELLSTAR-Packaging GmbH 111


Hahn-Schickard: Intelligente Lösungen mit Mikrosystemtechnik 112 Wirtschaft


„Made in Schwarzwald-Baar“ – gelandet auf dem Kometen Tschuri! Am 11. November 2014 wurde der „Lander“ Philae vom Weltraumlabor Gerasimenko Rosetta abgekoppelt und ist nach 10-jähriger Reise durch das All auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko gelandet. Die Mission gilt als eines der größten Highlights der europäischen Weltraumfor- schung. Hahn-Schickard-Mikroventile vom Typ MegaMic sind mit an Bord. Ein sich selbst ablesender Wasserzähler, ein Schuh, der sich selbst schnürt, oder ein Zahnimplantat, das rund um die Uhr Wirkstoffe abgibt und damit für einen gleichmäßigen Wirkstoffspiegel sorgt – das sind nur drei Beispiele, die durch Mikro- systemtechnik möglich sind und uns in vielen Lebenslagen unterstützen. Hahn-Schickard 113


Entwickelt und produziert wird bei Hahn-Schickard unter Labor- und Reinraumbe- dingungen. 114Hahn-Schickard Wirtschaft


Hahn-Schickard steht für kunden- orientierte, indus- trienahe, anwen- dungsorientierte Forschung, Entwicklung und Fertigung in der Mikrosystemtechnik: von der ersten Idee bis hin zur Produktion – bran- chenübergreifend. In vertrauensvoller Zusam- menarbeit mit der Industrie realisiert die For- schungsgesellschaft innovative Produkte und Technologien in den Zukunftsfeldern Industrie 4.0, Lebenswissenschaften und Medizintechnik, Nachhaltigkeit, Energie und Umwelt sowie Mo- bilität und Bewegung. Die Hahn-Schickard-Gesellschaft für an- gewandte Forschung e.V. wurde 1955 in Vil- lingen-Schwenningen gegründet. Dank der dynamischen Entwicklung und der Förderpolitik des Landes Baden-Württemberg beschäftigt der Forschungs- und Entwicklungsdienstleister heu- te rund 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an drei Instituten in Villingen-Schwenningen, Stuttgart und Freiburg. Eine Außenstelle in St. Georgen ist geplant. Über 50 vorwiegend kleine und mittelständische Unternehmen, die in erster Linie aus dem Land kommen, sind Mit- glied bei Hahn-Schickard. „Industrie 4.0“ und „Cyber-physische Systeme“ werden ausgebaut Da sich Forscher und Entwickler ständig an Veränderungen anpassen müssen, zählen die Digitalisierung von Produktionsprozessen und Wertschöpfungsketten auf dem Weg zu einer smarten Fabrik zu den größten Herausforde- rungen im Jahr 2016. Denn auf Initiative der Landtagsfraktionen der Grünen und der SPD hin wird ab Anfang 2016 der Freiburger Institutsteil als drittes Institut bei Hahn-Schickard mit einer eigenen Grundfinanzierung von jährlich 1,5 Mil- lionen Euro ausgestattet. Diese Entscheidung war nicht nur eine Reaktion auf die positive Entwicklung über die letzten Jahre am Standort Freiburg, sondern sie ist auch mit dem Auftrag verbunden, am Standort Villingen-Schwennin- gen die richtungsweisenden Themen „Industrie 4.0“ und „Cyber-physische Systeme“ auf- bzw. auszubauen. Die Voraussetzungen sind optimal. Regional verwurzelt, global gefragt Neben den Landesuniversitäten mit technischer Ausrichtung verbinden zahlreiche Netzwerke die Akteure aus Industrie, Forschung und Aus- bildung. Hahn-Schickard betreibt Networking, um den Transfer eigener Technologien voran- zutreiben und um schnell und orientiert am Bedarf der Kunden neue Partnerschaften aufzu- bauen. Über die engen Verbindungen zu Univer- sitäten und anderen Forschungseinrichtungen ist Hahn-Schickard am Puls der Zeit. Die Hahn-Schickard-Institutsleiter der Standorte Villingen-Schwenningen und Frei- burg, Professor Yiannos Manoli und Professor Roland Zengerle, leiten am Institut für Mik- rosystemtechnik der Universität Freiburg die Fritz-Hüttinger-Professur für Mikroelektronik sowie den Lehrstuhl für Anwendungsent- wicklung. Professor André Zimmermann, Hahn-Schickard-Institutsleiter in Stuttgart, leitet in Personalunion auch das Institut für Feinmesstechnik der Universität Stuttgart und forscht dort auf dem Gebiet der Zuverlässigkeit mikrotechnischer Baugruppen. Dies umfasst insbesondere die Aufklärung von Schädigungs- mechanismen sowie das ganzheitliche modell- basierte Design für die Aufbau-, Gehäuse- und Verbindungstechnik für Mikrosysteme. Hahn-Schickard ist Mitglied der Innova- tionsallianz Baden-Württemberg (innBW), einem Bündnis unabhängiger Forschungsinsti- tute. Diese betreiben ergebnisorientierte Auf- tragsforschung in den wichtigen Zukunftsfel- dern. Zusammen mit anderen innBW-Instituten entwickelt Hahn-Schickard beispielsweise ein besonders schnelles mobiles Diagnostiksystem für die gleichzeitige Detektion von Infektions- erregern und deren Antibiotikaresistenzen auf der Ebene einzelner Zellen, um damit schneller antibiotikaresistente Erreger im Krankenhaus nachzuweisen. Hahn-Schickard 115


Mit sogenannten Lab-on-a-Chip-Systemen, also tragbaren Minilaboren von der Größe einer Compact Disc, kann beispielsweise bei Neuge- borenen die neonatale Sepsis, eine lebensbe- drohliche Infektion, nachgewiesen und richtig behandelt werden. Mit gängigen Analyseverfah- ren können die auslösenden Krankheitserreger meist erst nach einigen Tagen identifiziert wer- den – das lässt eine patientenspezifische Anti- biotikatherapie oft nicht zu und ist für einen so jungen Organismus extrem belastend. In einem europäischen Forschungsprojekt wurde daher ein Lab-on-a-Chip-System für eine schnelle Diagnose entwickelt, die eine spezifi- sche und daher effektivere Antibiotikatherapie erlaubt. Alle Analyseschritte, die sonst in einem Großlabor an mehreren Geräten stattfinden, werden auf der Disc automatisch durchgeführt. Die Blutprobe muss nur in eine Kammer auf der Disc pipettiert und in ein Analysegerät gelegt Einweg-Testträger aus Polymerfolie werden zum trag- baren Minilabor und erlauben eine schnell Vor-Ort-Di- agnose von Krankheiten, also direkt beim Patienten. werden – alles Weitere geschieht durch die Rotation der Disc: Durch feine Kanäle wird die Probe so in nachgelagerte Kammern transpor- tiert, wo sie aufgereinigt und mit Reagenzien gemischt wird. Am Ende des automatisierten Vorgangs zeigt das Gerät an, ob der getestete Erreger vorliegt oder nicht. Weltraumlabor Rosetta arbeitet mit Mikroventilen von Hahn-Schickard Hahn-Schickard ist auch im Weltraum aktiv. Am 11. November 2014 wurde der „Lander“ Phi- lae vom Weltraumlabor Rosetta abgekoppelt und ist nach 10-jähriger Reise durch das All auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko, kurz Tschuri, gelandet. Die Mission gilt als eines der größten Highlights der europäischen Welt- raumforschung. Hahn-Schickard-Mikroventile vom Typ MegaMic sind mit an Bord. Sie wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Pneumatik-Hersteller Hoerbiger-Origa Sys- tems GmbH vor über zehn Jahren entwickelt. 28 dieser Ventile sind als Teil eines wissen- 116 Wirtschaft


Dermaject (links) ist ein spezielles Medizinprodukt zur Injektion und Infusion von flüssigen Arzneimitteln wie Impfstoffen oder Insulin in die obere Hautschicht. Rechts ein Zahnimplantat, das rund um die Uhr Wirkstoffe abgeben kann. schaftlichen Experimentes im Landegerät Philae verbaut, das Bodenproben des Kometen auf ihre Zusammensetzung untersuchen soll. Das Experiment soll die im Kometeneis enthaltenen organischen Moleküle sowie deren Mengenver- hältnis aufklären. Die spannende Frage ist, ob sich darunter auch Aminosäuren finden, die als Bausteine des Lebens gelten. Damit ließe sich die offene Frage beantworten, ob diese Molekü- le eventuell einst durch Kometeneinschläge auf die Erde gelangt sind. Hierzu wurden von Philae Bodenproben genommen und in kleinen Öfen auf bis zu 600 Grad erhitzt. Im weiteren Ablauf steuern die MegaMic-Ventile das nun flüchtige Gasgemisch durch einen Gas-Chromatogra- phen, der die einzelnen Komponenten des Ge- misches für weitere Analyseschritte trennt. Medikamentenabgabe in die Haut Hahn-Schickard unterstützt auch Ausgrün- dungen zum Transfer von Vorlaufforschung in die Wirtschaft. Darüber hinaus bietet Hahn- Schickard angehenden Unternehmerpersön- lichkeiten den Raum, ihre eigenen Visionen in Produkte umzusetzen. Verapido Medical GmbH ist ein Medizintechnik-Start-up im Bereich der Medikamentendosierung aus Villingen-Schwen- ningen. Das 2013 gegründete Spin-off von Hahn-Schickard hat sich auf die Entwicklung von innovativen, sicheren und bequemen Ge- räten zur Injektion und Infusion von flüssigen Arzneimitteln und Flüssigkeiten in oder unter die Haut spezialisiert. Der von Verapido am wei- testen entwickelte Produktkandidat ist Derma- ject, ein spezielles Medizinprodukt zur Injektion und Infusion von flüssigen Arzneimitteln wie Impfstoff und Insulin in die obere Hautschicht (intradermal). Der neu entwickelte und patentierte Kanü- leneinführungsmechanismus in Kombination mit der Mikronadel-Technologie ermöglicht einfache, präzise, schnelle, standardisierte und dichte intradermale Injektionen von größeren Volumina als bisher möglich. Für den Patienten liegt der Vorteil auf der Hand: Die Angst vor der Spritze ist unbegründet, ein Einstich mit Derma- ject ist viel angenehmer als herkömmliche Spritzen. Einzelzellen auf Knopfdruck Die Cytena GmbH entwickelt für die Zellfor- schung und in-vitro Diagnostik Geräte, mit denen lebende Zellen einzeln dosiert werden können. Das Start-up wurde 2014 mit Hilfe des Förderprogramms EXIST-Forschungstransfer (BMWi & ESF) gegründet und basiert auf Hahn-Schickard 117


Forschungsergebnissen aus den gemeinsa- men Aktivitäten von Hahn-Schickard und des Lehrstuhls für Anwendungsentwicklung der Universität Freiburg im Bereich Mikrofluidik. Der patentierte Einzelzelldrucker beruht auf einer Tintenstrahldruckkartusche, die mit Hil- fe eines Bildsensors sicherstellen kann, dass jeder abgegebene Mikrotropfen nur genau eine Zelle enthält. Dieser wird für die weitere Einzelzellanalyse berührungslos auf einen Untersuchungsträger – typischerweise eine Mikrotiterplatte – oder in eine Zellkulturschale abgegeben. Solche Analysen werden im Bereich der Medikamentenentwicklung eingesetzt. Die Chips dafür werden im Mikrosystemtech- nik-Reinraum in Villingen-Schwenningen pro- duziert. Handhabung von Flüssigkeiten im Nanoliterbereich Die BioFluidix GmbH entwickelt berührungslose Liquid-Handling-Geräte für den Nanoliterbe- reich. Das Freiburger Unternehmen ging 2005 ebenfalls aus den gemeinsamen Forschungs- aktivitäten von Hahn-Schickard und dem Lehrstuhl für Anwendungsentwicklung der Universität Freiburg im Bereich Mikrofluidik hervor. Es beliefert den internationalen Markt mit patentierten Dosiertechnologien, Beschich- tungslösungen und Laborgeräten für z.B. Micro- array-Anwendungen und Low-Volume-Pipet- ting Workstations. Diese ermöglichen es, in der Life-Science-Forschung und industriellen Pro- duktion Dosiermengen zu reduzieren, Durchsät- ze zu erhöhen und damit Kosten einzusparen. Die Produktpalette umfasst sowohl innovative Dosiersysteme und Verbrauchsmaterialien als auch Entwicklungsdienstleistungen. Ein selbstschnürender Schuh Mobile und am Körper tragbare Systeme erlangen eine immer größere Bedeutung sowohl für die Medizintechnik als auch für Lifestyle-Anwendungen. Deren Versorgung mit Energie basiert jedoch zumeist auf Batterien. Das Forschungsgebiet des Ener- gy Harvesting entwickelt Prinzipien und Geräte, mit denen Energie aus der Umge- bung in elektrische Energie umgewandelt wird. Im Projekt „move2power“ wird die Energie konkret aus der Bewegung des menschlichen Beins gewonnen und der Anwendungselektronik zur Verfügung gestellt. Ein Beispiel ist ein selbstschnüren- der Schuh: Menschen, die körperlich nicht mehr dazu in der Lage sind, müssen ihre Schuhe dann nicht mehr selbst binden – das erledigt der Schuh automatisch. Notrufauslösung mit Bewegungsmuster In Zusammenarbeit mit der Firma CoSi Elektronik GmbH wurde ein robustes Notrufsystem entwickelt, das durch Ges- tenerkennung funktioniert. Das fertige System ist in ein Armband integrierbar und kann über ein Jahr ohne Batteriewechsel betrieben werden. Ein Beschleunigungs- sensor und ein Magnetometer wurden für die Orientierungsbestimmung eingesetzt. Gegenüber Notrufsendern, die über Tas- tendruck ausgelöst werden, soll mit der Gestenerkennung die Anzahl versehentli- cher Notrufe reduziert werden. 118 118 Hahn-Schickard


Mikroelektronische Schaltungen (ASICs) werden mit Verfahren der Halbleitertechnik in einer bestimmten Ab- folge auf einem Substrat hergestellt. Als Substrat dient meist eine hauchdünne Scheibe eines Halbleiter-Silici- um-Einkristalls, ein sogenannter prozessierter Wafer. ASICs haben einen sehr geringen Leistungsverbrauch und sind daher ideal für batteriebetriebene Geräte wie Smartphones. Unten: Reinraum für Mikrosystemtechnik. Hahn-Schickard 119


Die Heimat von Dual ist mehr denn je St. Georgen: Die komplette Ferti- gungsstraße und die Produktpalette der analogen Dual-Plattenspieler wurden nach dem Konkurs 1993 von der Alfred Fehrenbacher GmbH übernommen. Alfred Fehrenbacher war einst Mitarbeiter zunächst bei Perpetuum Ebner, später dann bei Dual. Und er freut sich heute über die Renaissance des Plattenspielers, die für volle Auftragsbücher sorgt: Bis zu 20.000 Plattenspieler fertigt sein Unternehmen im Jahr. 120 Wirtschaft


Ein Leben voller Wohlklang – mit Dual Die Alfred Fehrenbacher GmbH produziert jährlich bis zu 20.000 Plattenspieler von Hans-Jürgen Kommert 121


Einst war St. Georgen Mittelpunkt der europäi- schen Phonoindustrie – und auch weltweit war die Marke Dual ein Begriff. Doch in den späten 1970er-Jahren wurde der Konkurrenzdruck grö- ßer, insbesondere japanische Marken drängten erfolgreich auf den deutschen Markt zu Lasten der einheimischen Hersteller. Deren Produkte galten mittlerweile als technisch überholt. Das Unternehmen musste im Jahr 1982 Konkurs an- melden und St. Georgen verlor in der Folge viele hundert Arbeitsplätze. Dual wurde schließlich von der franzö- sischen Thomson-Gruppe aufgekauft. Als Thomson seine Aktivitäten in der deutschen Unterhaltungselektronik einstellte, wurde Dual 1988 von der Schneider-Rundfunkwerke AG übernommen. Zu den Produkten des Schwarzwälder Un- ternehmens gehörten damals nicht nur Plat- tenspieler und Plattenwechsler, sondern auch Kassetten-Tonbandgeräte, Lautsprecherboxen, Empfangsteile (sogenannte Tuner) sowie Ver- stärker oder Receiver hoher Qualität. Im Lauf der 1980er- und frühen 1990er-Jahre konzen- trierte sich Dual wieder auf Plattenspieler und ließ die übrigen HiFi-Geräte beispielsweise von Rotel und Inkel produzieren, um sie dann unter eigenem Namen zu vermarkten. Nachdem die Produktion zunächst unter orgen erhalten: Die komplette Fertigungsstraße und die Produktpalette der analogen Dual-Plat- tenspieler wurden 1993 von der Alfred Fehren- bacher GmbH übernommen. Mit der Fertigung von Präzisions-Drehteilen für Dual und PE beginnt die Firmengeschichte Seine Firma hat Alfred Fehrenbacher 1963 ge- gründet. Die damals noch großen Hersteller PE und Dual hatten festgestellt, dass ihre Lieferan- ten nicht in der Lage waren, Drehteile mit der geforderten Genauigkeit zu liefern. „Ich habe zunächst in der Scheune eine Drehmaschine aufgestellt, mit der ich die Drehteile abends und am Wochenende nachgearbeitet habe“, erzählt der 80-jährige Unternehmer aus den Anfängen. Nachdem Dual die Firma PE geschluckt hatte, arbeitete er ab 1970 bei Dual als technischer Berater für Wertanalysen und -entwicklung, was nichts anderes bedeutete, als dass er nach Einsparmöglichkeiten suchte. dem Dach der Schneider Electronics GmbH fort- geführt worden war, wurde die Marke Dual (au- ßer für Plattenspieler) 1994 von der Schneider Rundfunkwerke AG an die Karstadt AG verkauft. Die Produktion von Plattenspielern blieb St. Ge- Zunächst war Alfred Fehrenbacher weiter- hin beim Thomson-Konzern als Produktionslei- ter und später auch bei Schneider beschäftigt, bis die gesamte Produktion nach Türkheim verlagert wurde. Zu diesem Zeitpunkt erwarb Der Dual CS 460 verfügt über ein edles Gehäuse aus Nussbaum. Er ist ein voll- automatischer Plattenspie- ler für gehobene Ansprü- che. Der Riemenantrieb erfolgt mit geschliffenen Flachriemen. 122 Wirtschaft


Nicht nur akustisch, sondern auch optisch ein Genuss: die Dual Serie CS, hier der CS 550. Fehrenbacher die gesamte Kunststoffspritzerei und die Dreherei. „Wir bauen bereits seit 1993 alle echten Dual-Plattenspieler der Serie CS, zunächst als Zulieferer für Schneider Electronics GmbH, seit deren Konkurs mit der vom Konkursverwalter erworbenen Lizenz in Eigenregie“, erklärt Alfred Fehrenbacher. 2002 und 2007 erneuerte die Alfred Fehrenbacher GmbH die Lizenzrechte für den Gebrauch des Markennamens Dual bei den jeweiligen Rechte-Inhabern. „Sie können mir glauben, als wir die Lizenz erworben haben, hatte ich viele schlaflose Nächte. Ich habe dar- auf gesetzt, dass der Markt für analoge Platten- spieler zumindest bestehen bleibt. Wäre diese Spekulation danebengegangen, gäbe es heute keine Fehrenbacher GmbH mehr – zumindest nicht mehr unter meiner Leitung“, gibt er nach- denklich zu. Unter dem Label „Dual Phono GmbH“, eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Alfred Fehrenbacher GmbH, stellt er bis heute die ana- logen Plattenspieler mit der Typenbezeichnung „CS“ her. Aus dem Schwarzwald kommen aber nicht nur die Dual-Geräte, sondern auch Tho- rens und Marantz lassen bei Fehrenbacher ihre Plattenspieler bauen. Derzeit sind im europäischen Raum Dual-Produkte der DGC GmbH und auch von der Alfred Fehrenbacher GmbH erhältlich. Das Produktsortiment der DGC GmbH beinhaltet neben Fernsehgeräten, iPod-Systemen, Audio- systemen, DVD-Playern sowie digitalen Bil- der rahmen auch Plattenspieler (Serie DT) und vor allem DAB-Radios. Die Produkte werden vorwiegend aus Fernost eingeführt. Die Geräte sind in Fachmärkten wie beispielsweise Elec- tronicPartner erhältlich. Große Anbieter wie Migros, Weltbild und Rewe führen ebenfalls ständig Produkte von Dual. Darüber hinaus wird eine kleine Auswahl des Produktportfolios über Amazon und eBay vertrieben. Fehrenbacher fertigt derzeit neun Modelle der Serie CS Die Lizenz für die originären Dual-Plattenspieler (Serie CS), die heute wieder ausschließlich in St. Georgen im Schwarzwald produziert wer- den, hat die Alfred Fehrenbacher GmbH von der DGC GmbH erworben. Diese Plattenspieler werden über die Sintron Vertriebs GmbH dem Handel zur Verfügung gestellt. Dabei handelt es Ein Leben voller Wohlklang – mit Dual 123


sich um derzeit neun Modelle in verschiedenen Preiskategorien, allesamt jedoch deutlich werti- ger als die DGC-Geräte – und alle zu 100 Prozent „Made in Germany“, wie Alfred Fehrenbacher unterstreicht. Die Firma Fehrenbacher fertigt jedoch nicht nur Plattenspieler. Sie ist ein ausgewiesener Spezialist für Kabelkonfektion und besitzt Spitzen -Know-how in Sachen Stanz-Crimptech- nik. Dabei handelt es sich um ein Verfahren, bei dem beispielsweise Metallsteckerzungen an Kabel angequetscht werden. Hier verfügt die Firma über ein ausgeklügeltes System, bei dem in einem Arbeitsschritt aus einem Metallband die Stecker zungen ausgestanzt und direkt ans Kabel gecrimpt werden. Mit der Lichtwellen-Leiter-Technologie hat sich Fehrenbacher ein weiteres Geschäftsfeld eröffnet, das mit einem patentierten System auch höchst dekorative Raumlösungen ermög- licht. Die Firma unterstützt Architekten und Lichtplaner bei der Umsetzung ihrer kreativen Raumgestaltung. Diese Teile des Unternehmens hat Alfred Fehrenbacher bereits vor einigen Jah- ren in jüngere Hände gelegt. Die Neuentwicklung CS 600 Noch nicht aus der Hand gegeben hat er die Plattenspieler-Fertigung, denn sie ist „sein Kind“, eines, das er seit Jahrzehnten hegt und pflegt. Und inzwischen entwickelt Alfred Feh- renbacher auch wieder neue Plattenspieler. Dazu hat sich der Firmenchef die Dienste des ehemaligen Dual-Fertigungsleiters Willi Weis- ser gesichert. Über Jahre hinweg entstand ein Gerät, das 2014 als Dual CS 600 vorgestellt wur- de. Der Plattenspieler kostet rund 1.000 Euro, bietet sehr viel Komfort und eine absolut über- zeugende Tondynamik. „Bässe so klar wie nie und auch die Höhen werden in unglaublicher Reinheit wiedergegeben“, schwärmt Fehren- bacher. Schwer ist der Dual CS 600 geworden, da er einen doppelten Plattenteller besitzt und außerdem ist das Chassis massiv. Der hohle Alu-Tonarm ist eine völlige Neu- konstruktion, in der Dual-Tradition aber mit einem 4-fach kugelgelagerten Kardanlager konstruiert. Der Tonkopf ist aus besonders ver- windungssteifem Car bon-Fiber hergestellt. Die Fachpresse jedenfalls zeigt sich begeistert und vergibt durchweg exzellente Noten: „Der CS- 600 ist ein würdiges neues Spitzenmodell der Dual-Plattenspielerfamilie. Ohne seine Wurzeln zu verleugnen, überzeugt er mit gutem Ausse- hen, pfiffigen Detaillösungen und nicht zuletzt mit einer exzellenten Klangqualität.“ „Wir wollten ein hochwertiges Produkt ent- wickeln, das seinen Preis auch jederzeit wert ist“, unterstreicht Alfred Fehrenbacher und freut sich über diese und andere Testergebnisse. Die Montage erfolgt nahezu unverändert Bei der Montage der Plattenspieler hat sich we- nig verändert: Noch immer gibt es die alte Fer- tigungsstraße aus den späten 1970er-Jahren, an der mehrere Montagearbeiter Schritt für Schritt alle Teile zu einem funktionierenden Ganzen zusammenfügen. Dabei ist es egal, welches der insgesamt neun Geräte der CS- Familie montiert wird. Auf dem ovalen, getakteten Fließband mit seinen rund 15 Arbeitsplätzen entstehen jeden Tag einige hundert Geräte. Hinter der Montage steht ein Prüfplatz für eine absolute 100-Prozent-Kontrolle, wie man sie eben von teuren Produkten „Made in Ger- many“ erwartet. Alle Einzelteile für die hoch- wertigen Geräte kommen entweder aus der eigenen Stanzerei/Dreherei – oder aber sie wer- den in der näheren Umgebung gefertigt wie die hölzernen Teile. Auch die gesamte Verkabelung produziert Fehrenbacher selbst. Im Jahr 2015 werden wohl über 20.000 Platten- spieler der Marke Dual abgesetzt Strebt Alfred Fehrenbacher gemeinsam mit seinem kongenialen Mitentwickler Willi Weis- ser eine weitere Neuentwicklung an? Nein, unterstreicht der noch immer sehr agile Senior. „Entwicklung kostet sehr viel Geld. Und ob das jemals wieder hereinkommt, bei den doch noch 124 Wirtschaft


Über Jahre entwickelt, der 2014 vorgestellte CS 600. Bei Tests erreicht das Top-Modell von Dual sehr gute Noten: „Mit leichter Hand zeichnet der Schwarzwälder Dreher die Konturen auch schwieriger klanglicher Kost sauber nach“, schreibt die Fachpresse unter anderem. immer recht überschaubaren Stückzahlen, ist mehr als fraglich“, betont der Firmenleiter. Gerechnet hat es sich für den Geschäftsmann zumindest bisher: „Wir haben mit einer Min- deststückzahl im mittleren Preissegment von 500 Einheiten kalkuliert – doch bereits im ersten Jahr nach der Lizenz-Übernahme ha- ben wir deutlich höhere Stückzahlen erreicht. Vor einigen Jahren bereits konnten wir die 10.000er-Marke überschreiten. 2015 sieht es sogar danach aus, dass es mehr als 20.000 Plattenspieler werden, die wir bau- en“, strahlt der Mann, der Dual zurück in die Heimat holte – in die Bergstadt St. Georgen. Ein Leben voller Wohlklang – mit Dual 125


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Perpetuum Ebner Modern verpackter Spitzenklang Von Roland Sprich Die eigentlich schon verschwundene Schallplatte erlebt eine Re naissance: Immer mehr Musiker pressen ihre Werke auch wieder auf Vinyl. In Zei- ten von Musikstreamingdiensten und Internet- downloads ist das für zwei Musikliebhaber aus der einstigen Plattenspieler hochburg St. Georgen der Grund, unter dem bekannten Label Perpetuum Eb- ner, kurz PE, wieder Plattenspieler der Extraklasse zu bauen. Ihre Produkte lassen die Unterhaltungs- elektronikbranche aufhorchen – die Tonqualität ist außergewöhnlich. 127


Anfang der 1970er-Jahre beschäftigten die beiden St. Georgener Plattenspielerhersteller Dual (s. Seite 120) und PE 2.100 beziehungswei- se 1.500 Mitarbeiter. Aufgrund der schlechter werdenden Umsatzsituation wurde 1971 ein Ko- operationsvertrag zwischen den einstigen Kon- kurrenzunternehmen geschlossen. Zwei Jahre später verschwand die Marke PE vom Markt, um 44 Jahre später wie Phoenix aus der Asche wieder aufzuerstehen. PE wurde im Jahr 1911 ge- gründet und gilt als eines der weltweit ältesten Phonounternehmen. Wie eingangs dargelegt hat die Wieder- auferstehung ihren Grund: Im vergangenen Jahr wurden laut GfK Entertainment 1,8 Millionen Schallplatten sprich Vinylalben verkauft. Das sind so viele wie zuletzt 1992. Und im ersten Halbjahr 2015 legte der Anteil der Vinylschei- ben im Musikgeschäft laut Bundesverband der Deutschen Musikindustrie BVMI um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu und kann nun für sich einen Anteil von 3,1 Prozent am Gesamt- markt verbuchen. Unter diesen Vorzeichen ist es eine logische Schlussfolgerung, dass auch die Produktion von Plattenspielern stark anzieht. Und beinahe ebenso logisch ist es, dass gerade in St. Geor- gen, der einstigen Hochburg der Plattenspieler- produktion, wieder Abspielgeräte der High-End- Klasse hergestellt werden. Denn St. Georgen war von den 1950er- bis Mitte der 1980er-Jahre für seine Plattenspieler der Marken Dual und PE weltbekannt. Musikgenuss höchster Güte bieten Zwei Musikliebhaber aus St. Georgen haben die Entwicklung auf dem Schallplattenmarkt zum Anlass genommen, um unter dem Label der einstigen Weltfirma Perpetuum Ebner (PE) erneut Plattenspieler der High-End-Klasse zu produzieren: Wolfgang Epting und Hans Uwe Lorius wollen mit ihrer Idee vor allem eines: Mu- sikgenuss allerhöchster Güte bieten. Die Idee, das einstige Label PE wieder zu reaktiveren, hatte Wolfgang Epting. „Das Beste, was man machen kann, ist entweder selbst Wolfgang Epting bei der Finalisierung eines High-End-Plattenspielers der Marke PE. Musik zu machen. Oder etwas produzieren, womit man Musik richtig gut hören kann“, fasst Wolfgang Epting seine Motivation zusammen. Vielleicht kam dem Feinwerktechniker und Betriebswirt, der zuletzt kaufmännischer Leiter eines Unternehmens war, das genau in den ehe- maligen Betriebsräumen sitzt, in der einst die Firma Perpetuum Ebner produzierte, der Spirit von damals zu Hilfe. „Ich habe mir in der Tat einmal überlegt, wer wohl einst an diesem Platz gesessen hat“, lacht Wolfgang Epting, der auch Geschäftsführer seines Unternehmens WE Au- diosystems ist, das die Plattenspieler produziert. In Hans Uwe Lorius fand Epting einen Gleichgesinnten. Auch Lorius ist ein Freund höchsten Musikgenusses. Für den Produkt- designer schließt sich zudem ein Kreis: Lorius kam 1978 nach St. Georgen, um für die Platten- spielerfirma Dual moderne Geräteformen zu designen. Epting und Lorius verbindet die Visi- on, hochwertige Technik und ausgezeichnetes Design zu einem anspruchsvollen Produkt zu vereinen. Wolfgang Epting und Hans Uwe Lorius zapfen die Ressourcen von damals an Um ihre Idee umsetzen zu können, zapften Epting und Lorius verbliebene Ressourcen aus der damaligen Zeit von PE an. „Wir haben ehe- malige Techniker und Ingenieure von Dual und PE angesprochen“, sagt der Ideengeber. Die Unterstützung war groß. „Es war, als ob alle nur darauf gewartet hätten, dass es weitergeht. Die früheren Mitarbeiter hatten so viele Ideen, die sie damals nicht mehr umsetzen konnten“, war Epting überrascht, so dass Ideen und Vorschläge nur so sprudelten. Die Vermarktung der hochwertigen Platten- spieler unter dem bei Enthusiasten noch immer geläufigen Namen PE hat für Wolfgang Epting 128 Perpetuum Ebner


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und Hans Uwe Lorius mehrere Gründe. „Die Marke ist nicht verbraucht, weil sie seit Mitte der 1970er-Jahre nicht mehr verwendet wurde.“ Damals übernahm Konkurrent Dual die Firma, der Name PE verschwand. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Lizenzgeber bis heute in St. Georgen lebt. „Und von den Kun- den wird der Name PE mit der guten alten Zeit in Verbindung gebracht“, sind sich die beiden Visionäre sicher, mit der Marke PE die richtige Lösung gefunden zu haben. Aus nostalgischen Gründen wird deshalb auch das ursprüngliche Logo aus den 1960er-Jahren die Geräte zieren. So wie Wolfgang Epting beim Logo auf Nos talgie setzt, technisch verlässt er sich doch lieber auf den neuesten Stand. Die rund 50 Einzelteile, aus denen die High-End-Geräte zu- sammengesetzt werden, stammen ausschließ- lich von Zulieferbetrieben aus St. Georgen und nächster Umgebung. Weshalb der selbstbe- wusste Zusatz „Made in St. Georgen“ durchaus gerechtfertigt ist. Angetrieben werden die Gerä- te von einem durchzugsstarken elektronisch ge- regelten Motor der Firma ebm-papst. Auch das eine Hommage an vergangene Zeiten, als die Unterhaltungsgeräte ebenfalls von Papst-Moto- ren angetrieben wurden. Der PE 4040 wird als Standardausführung in Vogel- augenahorn geliefert. Von höchster Güte ist der Ton- arm: Die Abtastnadel verfügt über einen elliptischen Diamantschliff. Das Premiummodell PE 4040 lehnt sich an das Spitzenmodell der 1970er-Jahre an Gefertigt werden zunächst zwei Grundmodelle, die in unterschiedlichen Farbvariationen erhält- lich sind. Angelehnt an das Spitzenmodell der 1970er-Jahre mit der Bezeichnung PE 2020 trägt das Premiummodell der Neuzeit die Bezeich- nung PE 4040. Allen Geräten gemein soll das schwarze Klavierlack-Tonarm-Board sein. Das Plattentellerboard kann je nach Kundenwunsch in verschiedenen Holzausführungen geliefert werden. „Die Standardoptik ist Vogelaugen- ahorn. Der Kunde kann aber auch Mahagoni und andere Edelholzvarianten wählen“, erklärt Wolfgang Epting. Das Einsteigermodell mit der Bezeichnung PE 1010 wird standardmäßig in lichtgrauer Optik geliefert. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Tonarm und der Abtastnadel. „Die Diamant- nadel hat einen elliptischen Schliff. Dadurch werden alle Informationen in der Plattenrille erfasst“, erklärt Wolfgang Epting. Frühere Dia- mantnadeln hatten einen sphärischen Schliff, die zwar die Informationen aus der Tiefe der Rille, jene am Rillenrand jedoch nicht erfasst ha- ben. Die Folge: ein noch brillanterer Klang und ein vollendeter Hörgenuss. Was jeden früheren oder aktuellen Besitzer eines Plattenspielers erstaunen lässt: Wenn Wolfgang Epting sein Premiummodell vorführt, schwenkt der Tonarm nicht selbständig, um die Nadel auf die Platte zu setzen. Dieser Vorgang 130 Wirtschaft


Das 4.000 Euro teure Premiummodell PE 4040 von Perpetuum Ebner. Das neu entwickelte Integrated Floating Board (IFB) zur wirksamen Resonanzentkopplung sowie der Tonarm aus deutscher OEM-Produktion sind die augenfälligsten Merkmale des neuen klassischen PE-Analog-Players der High-End-Klasse. Die Qualität des Plattenspielers wird von einer bekannten Fachzeitung als „überragend“ bezeichnet (fünf Sterne). muss vielmehr in Handarbeit erfolgen. Epting: „Es gehört einfach dazu, die Platte aus dem Cover und der Hülle zu nehmen, sie dabei vor- sichtig an den Rändern anzufassen, aufzulegen, eventuell mit einer Bürste vorsichtig den Staub zu entfernen und dann den Tonarm mit der Na- del von Hand präzise an den Beginn der Platte zu führen.“ Die neuen Plattenspieler sind im Übrigen nicht nur technische, sondern auch physikali- sche Schwergewichte. 16 Kilogramm bringt das Spitzenmodell PE 4040 auf die Waage. Das Ge- wicht hat seinen guten Grund. „Wir wollen alle Störelemente eliminieren“, erklärt Wolfgang Epting. So soll keine Erschütterung von außen den Hörgenuss beeinträchtigen. Für einen er- schütterungsfreien Lauf sorgt auch der federnd gelagerte Plattenteller. Qualität hat ihren Preis: 4.000 Euro für das High-End-Modell Solche Qualität hat ihren Preis. Knapp 4.000 Eu- ro kostet das Premiummodell 4040, das Einstei- germodell PE 1010 knapp 2.000 Euro. Auch hier knüpft Wolfgang Epting an die alten Zeiten an: Schon die PE-Geräte der 1950er- und 60er-Jahre waren in der oberen Preisklasse anzutreffen, wie alte Preislisten belegen. Das Spitzenmodell 2020 kostete rund 600 D-Mark. Das war viel Geld für einen Arbeiter, der im Monat vielleicht 1.000 Mark verdient hat. Zum Vergleich: Ein VW-Käfer kostete 1960 rund 3.700 Mark. Wolfgang Epting ist klar, dass seine Plat- tenspieler eine bestimmte Klientel ansprechen. Menschen, die so wie er großen Wert auf höchs- ten Musikgenuss legen. Im ersten Jahr rechnet der Plattenspielerproduzent mit einer Auflage von rund 300 Geräten. „Der Markt für diese Geräte wird ganz klar Südostasien, Nordame- rika und Osteuropa sein“, zählen Epting und Lorius auf. Aber auch einige Musikliebhaber aus Deutschland werden die PE-Plattenspieler kau- fen. Allerdings werden die Geräte nur über den autorisierten Fachhandel (HiFi-Fachgeschäfte) in Freiburg und Stuttgart erhältlich sein. PE lebt! Das St. Georgener Unternehmen gilt nach wie vor als Synonym für hervorragende Qualität in der Unterhaltungselektronik – der erste Messeauftritt auf der „High End 2015“ in München war viel beachtet. Perpetuum Ebner 131


Alles aus einem Guss Die Villinger Aluminiumschmiede AGVS fertigt komplexe Gussteile von Christina Nack Egal, ob in Kanada, Südamerika oder ir- gendwo dazwischen, ob in Asien, Afrika und in Europa sowieso: Wer irgendwo auf der Welt einen Niederflurbus besteigt, kommt unweigerlich in Kontakt mit ei- nem Produkt der Aluminium Werke GmbH Villingen (AGVS). Freilich ohne es zu ahnen und ohne das Produkt zu sehen, denn höchstwahrscheinlich handelt es sich um ein Getriebegehäuse. 132


Kippbare Öfen in der Metalll-Küche befördern das flüssige Aluminium in eine Gieß pfanne, die via Deckenschienen zu den Stationen in der Formerei dirigiert wird. 133


Kaum ein Niederflurbus der Welt fährt ohne Teile der AGVS – hier zum Beispiel ein Leitrad, dass im Fahrbetrieb hochbeansprucht wird. In der gewaltigen Industrieküche nur einen Steinwurf von der historischen Stadtmauer Villingens entfernt werden die komplexen Teile für weltweit annähernd al- le Überlandbusse mit ebenerdigem Einstieg gegossen. „Im Alltag werden die Menschen ständig von Erzeugnissen aus unserem Hause begleitet, sie wissen es nur nicht“, sagt Hans Mack, Mehrheitsgesellschafter im Leitungstrio, das die Kollegen Uwe Klier und Helmut Züfle komplettieren. In ihrer heutigen Konfiguration wurde die AGVS 1995 mit 46 Beschäftigten ge- gründet. Seither hat sie sich zum stabilen Mit- telständler entwickelt, bei dem 220 Menschen in Lohn und Brot stehen. Vom Allrounder zum erfolgreichen Spezialisten Der Erfolg der Alu-Werke ist im Wortsinn auf Sand gebaut, denn Sandguss ist nach einer dramatischen Zäsur vor 20 Jahren als Kernkom- petenz geblieben. Sie entwickelte sich aus einer Nischenposition neben Druck- und Kokillen- guss als früher führenden Sparten. „Es war ein Gemischtwarenladen“, stellt Hans Mack stirn- runzelnd fest, denn gern erinnert er sich nicht an jene schweren Zeiten, da die Aufträge weg- brachen, die Belegschaft in rasantem Tempo schrumpfte und das Unternehmen schließlich in den Konkurs schlitterte. Der Geschäftsführer will lieber über die heutigen Zeiten sprechen, zum Beispiel über den aktuellen Großauftrag aus China. Die Aluminiumwerke liefern über den renommierten Getriebehersteller ZF Fried- richshafen Teile für einen neuen Hochgeschwin- digkeitszug im Reich der Mitte. „Wir werden das Jahr 2015 mit einem Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro abschließen, das ist Rekord.“ Die AGVS hat in Villingen-Schwenningen ei- nen hervorragenden Ruf als Leistungsträger und Vorzeigeunternehmen in jeder Hinsicht. Sie gilt als „Hochlohn-Betrieb“ und ist auch wegen des guten zwischenmenschlichen Klimas ein belieb- ter Arbeitgeber. Die Öffentlichkeit nimmt das Un- ternehmen immer wieder wegen seines sozialen Engagements wahr; ab und zu berichten die regionalen Medien über Zertifikate für optimales Qualitäts-, Umwelt- und Energiemanagement. Der gebrauchte Sand und Alu-Reste sind kein Abfall, sondern wandern in den Kreislauf der Wiederverwertung: „Wir recyceln zu hun- dert Prozent, halten die gesetzlichen Emissions- grenzwerte ein und nehmen uns der Themen Umwelt und Energie engagiert an“, versichert Die AGVS am Goldenen Bühl in Villingen. 134 Wirtschaft


Die Geschäftsleitung, von links: Uwe Klier, Helmut Züfle und Hans Mack. Hans Mack. „Das ist allerdings vielen Leuten überhaupt nicht klar und erst recht nicht, was wir hier herstellen und wie wir es machen.“ Ob Ölwannen für Lastwagen oder Gelenkwellen- rohre für Sportautos von Mercedes: Produkte aus der Villinger Aluminium-Schmiede seien ständig im Alltag präsent. Jährlich werden rund 10.000 Tonnen Sand zu komplexen und kom- plizierten Formen verarbeitetet, in die flüssiges Aluminium gegossen wird. Nach dessen Erkal- ten wird der Sand weggeschlagen und zum Vor- schein kommt das glänzende komplizierte Teil, das die Auftraggeber bestellt haben. Dazu gehören Hersteller aus Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie, Flugzeug- und Schiffsbau, Maschinen- und Motorenbau, Ener- gieindustrie und Bauwirtschaft. „Aluminium- teile sind überall gefragt, wo Leichtigkeit und Korrosionsbeständigkeit wichtig sind.“ Unter den Stammkunden finden sich wohlklingende Namen wie Daimler, AMG, Liebherr, MAN, MTU, Siemens, Voith und ZF. „Wir sind Zulieferer und als solcher auf die Entwicklung in anderen Bran- chen angewiesen“, sagt der 61-Jährige. Doch durch die enorme Flexibilität der Produktion, hohe Präzision gerade bei schwierigsten Teilen, Liefertreue und Verlässlichkeit auch im Vertrieb hat sich das Unternehmen eine beständige Marktposition erobert. „Wir gehören zu den Top Five in Deutschland“, stellt Hans Mack, der Pri- mus inter pares im Triumvirat an der Spitze des Traditionsunternehmens, zufrieden fest. Neustart als Problemlöser für besonders knifflige und komplexe Teile Der gebürtige Königsfelder hat sein gesamtes Berufsleben der „Alu“ gewidmet, wie die Alumini- umwerke bis heute nicht nur von der Belegschaft genannt werden, sondern auch von der Bevölke- rung. In guten Zeiten gehörte sie mit SABA und Kienzle zu den größten Arbeitgebern der Stadt, 1985 bestand die Belegschaft aus mehr als tau- send Männern und Frauen. Es gab kaum eine Fa- milie in Villingen-Schwenningen, die der Alu nicht irgendwie verbunden war. 1970 begann Hans Mack hier seine Lehre als Industriekaufmann und hatte sich zum Finanzchef hochgearbeitet, als die Lage zunehmend bedrohlicher wurde. Die beginnende Globalisierung veränderte die Marktverhältnisse. Durch eine sich immer schneller nach unten drehende Preisspirale kam insbesondere die Automobilzulieferindustrie in große Nöte. Ein hohes Maß an Spezialisierung und Automatisierung war notwendig, um zu überleben. Die AGVS konnte dies mit den Spar- ten Sand-Kokillen- und Druckguss nicht leisten. Hinzu kam das bekannt hohe Lohnniveau, das die Ergebnisse vollends in den Keller drückte. Im Jahr Alles aus einem Guss – AGVS 135


Die sogenannten ‚Torque Tubes‘ der AGVS stecken in jedem neuen Mercedes AMG-GT und sind mit unter 30 kg echte Leichtgewichte. 1994 musste nach turbulenten Jahren mit vielen vergeblichen Ret- tungsversuchen Konkurs angemel- det werden. Auf den Zusammenbruch von SABA, Kienzle, Dual als ehemali- gen Riesen in den zerfallenden Branchen Unterhaltungselek- tronik und Uhrenbau, war der Zu- sammenbruch der Aluminiumgießerei Villingen (AGV) ein weiterer Keulenschlag für die Bevöl- kerung und den Industriestandort insgesamt. In harten Verhandlungen mit Betriebsrat und IG Metall als starkem Gewerkschaftspartner für die noch 600-köpfige Belegschaft, wurde ein Sozialplan für Entlassungen und Abfindungen vereinbart; die Maschinen wurden versteigert. Nicht nur dem ehemaligen Finanzverwal- ter blutete das Herz. Es gelang, was Hermann Hesse poetisch mit dem im Ende wohnenden Anfang beschwört und was in der freien Wirt- schaft zwar selten, aber doch immer wieder geschieht – ein Sanierungsansatz aus dem Scherbenhaufen der Insolvenz. Hans Mack, Ewald Rösch, Horst Heinermann und Gerd Hen- nerich – alle vier gestandene Gießerei-Experten mit Alu-Stallgeruch – kauften die Produktions- anlagen für Sandguss aus der Konkursmasse auf. „Das war zwar das kleinste Segment, aber wir sahen darin das größte Potenzial.“ Im Okto- ber 1995 gründete das Quartett eine GmbH. Mit an Bord waren 46 erfahrene Kollegen, die dem Betrieb nicht nur beruflich, sondern auch emo- tional verbunden waren – Techniker, Vertriebs- profis, Finanzexperten. „Die Leute trauten uns, weil sie uns kannten.“ Sukzessive eroberte die Truppe verlorene Marktanteile zurück, vor allem in den Branchen Nutzfahrzeuge- und Maschi- nenbau. Langsam, aber stetig ging es aufwärts. Das neue Management investierte im Laufe der Jahre viele Millionen Euro in Formanlagen, Schmelzaggregate und Kernschießmaschinen. „Sandguss ist unsere Kernkompetenz, aber wir haben kein Eigenprodukt, sondern etablierten uns als Problemlöser für besonders knifflige und komplexe Teile.“ Die Metall-Küche erinnert an ein überdimensionales Labor Noch immer ist die Produktion personalinten- siv, noch immer ist die Arbeit bei der Alu kein Zuckerschlecken, wie ein Rundgang durch die transparente Fertigung in großen, offenen, mit- einander verbundenen Hallen zeigt. Besucher wähnen sich in einer anderen Welt, Assoziati- onen von harter Maloche im Stahlwerk stellen sich ein. Kräftige Männer in derber Arbeitsklei- dung hantieren an großen Maschinen, fahren Gabelstapler mit Rohmaterial, balancieren Sandblöcke mit einem Kran durch die Luft. Es ist laut, staubig, in der Luft liegt ein eigenartiger Geruch. Es ist heiß, vor allem in der „Küche“, wie die Metallschmelze intern genannt wird. Hier wird das Aluminium mit Hochleistungsaggrega- ten möglichst energiesparend erhitzt und durch das „Würzen“ mit Mangan, Magnesium, Kupfer, Nickel und weiteren Metallen zu fünf bis sechs verschiedenen Legierungen verarbeitet. Bei Temperaturen um die 670 Grad wird Alu flüssig, ab 2.500 Grad verdampft es. Die Metall-Küche erinnert an ein überdimensionales Labor, in dem es in monströsen Töpfen geheimnisvoll brodelt und gewaltige Rührgeräte das Gebräu durchmi- schen. Kippbare Öfen befördern den heißen Brei in eine Gießpfanne, die via Deckenschienen zu den Stationen in der Formerei dirigiert wird. Bis zu 50 Tonnen Aluminium werden in der AGVS täg- lich eingeschmolzen. Das Leichtmetall wird in Barren geliefert und mit über 700°C in die komplizierten Sand- formen gegossen. Anschließend wird das Rohteil aus seinem Sandmantel geschlagen und weiter bearbeitet. 136 Alles aus einem Guss – AGVS


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Tradition – Aluminium-Guss am Goldenen Bühl in Villingen seit 1928 Wie alles begann 1928 Übernahme eines stillgelegten Kaltwalzwerkes durch die Aluminium-Gießerei Singen GmbH 1929 Umfirmierung des Unternehmens in Vereinigte Alumini- um-Gießerei Singen-Teningen GmbH; Beginn der Produkti- on von Aluminium-Sandguss und Kokillenguss 1957 Umfirmierung in AGV Aluminium-Gießerei Villingen GmbH; Übernahme durch die Bizerba-Gruppe Balingen; 325 Mitar- beiter/innen produzieren 1.000 Tonnen Guss/Jahr Bewegte Jahrzehnte im Zeichen der Automobilindustrie 1960 Aufnahme der Druckgussproduktion 1970 Einführung des Niederdruckgusses für die Herstellung von Aluminiumrädern 1985 Etablierung im internationalen Wettbewerb; Kapazitäts- ausweitung auf 15.000 Tonnen Guss/Jahr. 1989 Verkauf der AGV an die Austria Metall AG (AMAG) 1994 Die AGV meldet Konkurs an, eine Unternehmensfortfüh- rung scheitert Neubeginn mit Erfahrung und Flexibilität 1995 Management-Buy-Out durch ehemalige Mitarbeiter der AGV; Gründung der AGVS Aluminium Werke GmbH Villin- gen mit Schwerpunkt Sandguss 2003 Inbetriebnahme der neuen Heinrich Wagner Sinto Großform anlage 2010 Inbetriebnahme der ersten Niederdruck-Kokillengießmaschine 2012 Standortsicherung durch Kauf des gesamten Firmengelän- des, Gründung der AGVS Industriepark GmbH als Immobili- enverwaltung des 60.000 m² Areals Heute: Etablierte Branchengröße im Sandguss – Mehr als 200 qualifizierte Mitarbeiter/innen in Produktion und Verwaltung – Produktionskapazität: 5.000 Tonnen Guss/Jahr – Zertifizierungen: ISO/TS 16949, DIN EN ISO 50001, DIN EN ISO 14001 Luftbild von 1923. 138 Spätestens hier wird anschaulich, dass der Aluminium-Guss trotz der vielen opulenten Maschinen im Prin- zip wie Kuchenbacken funktioniert. Der Kunde liefert Prototypen aus Kunststoff oder Metall. In der AGVS werden aus speziell aufbereitetem Sand Formen hergestellt, die milli- metergenau mit der Vorlage überein- stimmen. Es gibt zwei automatische Formanlagen, in denen die Kunststoff- modelle in schwere Sandformen gedrückt werden. Die Hohlräume wer- den mit flüssigem Aluminium gefüllt. Schon nach 15 Minuten ist es kalt, also wieder fest und wird „ausgepackt“. Das ist die körperlich schwerste Arbeit im Betrieb, denn die Sandbrocken müssen manuell aus feinsten Ritzen und Verästelungen geschlagen und gerüttelt werden. Höchste Präzision ist gefragt Jede Form kann also nur einmal ver- wendet werden, weil sie nach der Verwandlung des flüssigen Kerns zum festen Teil zerstört werden muss. Jeder Arbeitsschritt verlangt höchste Präzision, gleichwohl gibt es eine – wenn auch niedrige – Fehlerquote von zwei bis drei Prozent. Trotz exakter Berechnungen der gießtechnischen Prozesse wie Fließgeschwindigkeit und Erstarrungsablauf, bleibt die Formfüllung laut Mack eine knifflige Aufgabe. Wenn sich Blasen oder inne- re Fehler gebildet haben, wird das Teil wieder eingeschmolzen, ebenso über- schüssiger Anschnitt an den Guss tei- len. Das Metall wird europaweit in Barren eingekauft. Der Sand stammt aus dem nordrheinwestfälischen Hal- tern und wird nach Gebrauch eben- falls komplett wiederverwertet, meist zur Herstellung von Zement oder zur Deponieabdeckung. Wirtschaft


Am Ende muss alles perfekt passen: Mit modernster Messtechnik wird jedes Teil auf Präzision geprüft. Rund eine Million Tonnen Aluminium wer- den jährlich in Deutschland in Formen gegos- sen, nur 100.000 Tonnen in solche aus Sand und an denen wiederum hat die AGVS einen Anteil von vier Prozent. „Es ist ein kleines Segment, in dem nicht die Masse, sondern die Komplexität entscheidet“, erklärt Mack den Proporz. Der „kernintensive Sandguss“ wird in kleinen Stück- zahlen betrieben. Wöchentlich werden rund 20 Tonnen Guss ausgeliefert; 15 Prozent sind für den direkten Export bestimmt; der Anteil indi- rekten Exports ist laut Mack größer, aber schwer quantifizierbar. Rohmaterial und fertige Teile werden mit Lastwagen transportiert, was wegen der Lage in unmittelbarer Stadtnähe logistisch nicht ganz einfach ist. „Wir haben uns unseren Erfolg hart erkämpft.“ Handel, Gewerbe, Wohnungen sind um die Aluminiumwerke herum entstanden, die vor rund hundert Jahren als Ableger der Singener Alu-Werke auf der grünen Weise gegründet wurden. „Das hier war einmal der Bolzplatz vom FC 08.“ Auch dank des effektiven, streng über- wachten Emissionsschutzes sei das Verhältnis zur Stadtverwaltung und zu weiteren Behörden gut. Wichtig ist der Leitungsebene auch ein harmonisches Verhältnis zur Belegschaft. Die Fluktuation ist gering; die Zugehörigkeit zum Betrieb oft bis ins Rentenalter spreche für die Zufriedenheit der Kollegen. Sandguss ist übli- cherweise Männerarbeit; nur in der Kernmache- rei und in der schlanken Verwaltung sind auch Frauen beschäftigt. Sieben Auszubildende ge- hören zur Belegschaft; sie lernen Gießerei-Me- chaniker, Industriekauffrau und Modellbauer. Arbeitsspitzen werden oft mit Zeitarbeitern aufgefangen; das Leitungstrio ist vorsichtig bei der Einrichtung neuer Stellen. Immerhin wurden rund 70 ehemalige Zeitarbeitskräfte im Laufe der Zeit fest angestellt. Die Auftragslage sei gut, die Position am Markt stabil, entsprechend optimistisch seien die Perspektiven. Vernünftiges und sorgfältiges Handeln sind die wichtigsten Komponenten der unternehmerischen Strategie: „Wir wollen nicht um jeden Preis wachsen.“ Roter Faden der Weiterentwicklung sei Rentabilität. „Wir haben uns unseren Erfolg hart erkämpft und wollen ihn nicht durch spekulative Wagnisse riskieren.“ Hans Mack ist der Frontmann eines Unterneh- mens, das sich nach dem eigenen Kollaps neu erfinden musste. 25 Jahre hat er als Angestellter in seinem Lehrbetrieb verbracht, 20 Jahre als geschäftsführender Gesellschafter. Er kennt alle Abteilungen aus dem Effeff, kennt die vor allem in Krisenzeiten konträren Sichtweisen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Er hat für bei- de Seiten Verständnis; Tariflöhne sind für ihn ebenso selbstverständlich wie die konstruktive Kooperation mit dem Betriebsrat. „Uns geht es gut“, fasst er die Situation der AGVS 20 Jahre nach ihrer Wiedergeburt zu- sammen. Bei all den positiven Entwicklungen dürften jene nicht vergessen werden, die auf Hilfe angewiesen sind: Diese Absicht steckt hin- ter den Sponsoring-Aktivitäten des Unterneh- mens. Seit 15 Jahren unterstützt es die Feldner Mühle in Villingen, eine Freizeiteinrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche. Außerdem engagiert sich „die Alu“ jüngst für den Unterkir- nacher Fohrenhof, in dessen Arbeitsalltag kör- perlich und geistig beeinträchtigte Menschen integriert sind. Aktuelle Nöte etwa durch Natur- katastrophen und Bedürftigkeiten unterschied- licher Einrichtungen im Landkreis sind ebenfalls Anlässe für finanzielles Engagement. Alles aus einem Guss – AGVS 139


Unterwegs auf dem Spätzle-Highway 140 140 Autobahn 81


von Daniela SchneiderA 81 Der Spätzle-Highway 141


E Es war ein ziemlich kalter, ungemütlicher Tag, jener 10. Dezember 1975. Und passend zum Wetter geriet dann auch die Verkehrsfreigabe des ersten Auto- bahnabschnittes im Schwarzwald-Baar-Kreis zu einem recht sachlichen und wenig festlichen Ereignis. Damals, vor 40 Jahren, wurde der vierstreifige, 22,5 Kilometer lange Teilabschnitt der Autobahn 81 zwischen den Anschluss­ stellen Villingen­Schwenningen und Geisingen freigegeben. Sollte es da nicht ein großes Brimborium, Volks – feststimmung und Freudentänze geben? Fehl – anzeige! Wie wenig feierlich es zuging, zeigt eine Aktennotiz der Stadtverwaltung Villin- gen-Schwenningen: „Eine offizielle Feier findet nicht statt… Bei der Inbetriebnahme der Au- tobahn wird lediglich die Schranke beiseitege- schoben und die Strecke abgefahren“, hieß es damals. Und tatsächlich: Der Schwarzwälder Bote zum Beispiel präsentierte anderntags ein Foto mit Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Staatsse- kretär Ernst Haar (SPD) vom Bundesverkehrsmi- nisterium und Villingen-Schwenningens Ober- bürgermeister Dr. Gerhard Gebauer samt dicker Fellmütze im kalten Winter. Drunter stand: „Die bescheidene Form der Übergabe des Autobahn- teilstücks… hatte zur Folge, dass auch nur wenig Prominenz das Ereignis verfolgte.“ Und in der Stuttgarter Zeitung war zu lesen, dass die neue Strecke, obwohl im Badischen lie- gend, dennoch „mit schwäbischer Sparsamkeit dem Verkehr übergeben“ wurde, ganz „ohne Reden und Festschmaus“, so habe es Landes- Wirtschaftsminister Eberle durchgesetzt. Weiter heißt es: „Im Bonner Verkehrsministerium wäre man nicht abgeneigt gewesen, ein wenig zu fei- ern“, doch stattdessen würden „nur die Sperren zur Seite geräumt und die Hüllen von den Weg- weisern gezogen“. Kurz und schmerzlos: die Verkehrsfreigabe des Schwarzwald-Baar-Abschnitts im Dezember 1975 Vorne v. links: Landrat Dr. Rainer Gutknecht, Staats- sekretär Ernst Haar und OB Dr. Gerhard Gebauer (historischer Zeitungsausschnitt). Rechte Seite: Verlauf der A 81, aus: Bundesautobahn A 81 Singen-Stuttgart, herausgegeben vom Bundes- minister für Verkehr und vom Minister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr Baden-Württemberg, 1978. S. H. Stegmaier, Stuttgart. 142 6. Kapitel – Autobahn 81


Der Spätzle-Highway 143


Wie auch immer der äußere „Es ist soweit! Frei Rahmen war: Jedenfalls hatten die Autofahrer ab dato freie Bahn von Schwenningen bis Singen. Zwei Jahre später folgte dann außerdem die Frei­ gabe der kompletten A­81­Strecke. Dass diese liebevoll­spöttisch auch schon mal „Spätzle­Highway“ genannt wird, nachzulesen zum Beispiel in einem ADAC­Magazin im Jahr 2003, das findet Willi Sau­ erland dann doch ziemlich despek­ tierlich. Immerhin ist es ja auch irgendwie seine Autobahn, war er doch seit den 1970ern bis 1998 Dienststellenleiter der Autobahn­ meisterei Rottweil. Als solcher war er quasi von Anfang an dabei und als solcher ist er auch ein bisschen stolz darauf, welche Ausmaße und Bedeutung die Fernstraße bis heute hat, von wegen „Spätzle­Highway!“, empört er sich. Aber gut, es stimmt schon, das sagt auch Willi Sauer­ land, der Bau der Autobahn schloss damals die „eher im Verkehrsschat­ ten liegenden Gebiete auf der Baar, der Alb und im Schwarzwald an die Landeshauptstadt und den Boden­ seeraum an“ – so heißt es weiter im genannten Magazin. Es sollte ein Vorteil werden für Menschen und Regionen in einem Teil des „Spätz­ le­Raums“ eben, die bis dahin richtig schlecht ans Verkehrsnetz angebunden waren. Impulse für die Entwicklung der Wirtschaft und des Fremdenverkehrs Die Gründe, die die Verantwortlichen seinerzeit für den Bau der A 81 nannten, sehen jedenfalls so aus: Wie erwähnt sei die Anbindung der bis­ her vom Autobahnnetz abgelegenen Gebiete immens wichtig und verspreche zudem Impulse für die Entwicklung der Wirtschaft und des Tourismus in diesen Landstrichen. Angestrebt werde zudem die Schaffung einer zweiten ist der Weg von der Landeshauptstadt über Neckar und Baar zum Bodensee. Vergessen das mü- hevolle Suchen nach der geeignetsten Route, das Klet- tern auf schmalen Serpentinen über Alb und Donautal. Nun ziert das breite Band der Autobahn die vielgegliederte Lücke zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb und bringt uns schnell zum vielge- rühmten Schwäbi- schen Meer.“ Bundesministerium für Verkehr durchgehenden Autobahnverbin­ dung in Baden­Württemberg in Nord­Süd­Richtung neben der A 5 und damit eine Entlastung eben jener Rheintalautobahn. Hinzu komme die angestrebte Entlastung der B 27 und im Fernverkehr die Ver­ längerung der Verbindung aus dem norddeutschen Raum auch von den Nord­ und Ostseehäfen über Kassel, Würzburg und Stuttgart bis an die Schweizer Grenze bei Schaffhausen. Die Euphorie jedenfalls scheint groß gewesen zu sein, sowohl in der Planungsphase als auch bei der endgültigen Freigabe der Ge­ samt­Strecke im Dezember 1977. In einer dazu eigens vom Bun­ desminister für Verkehr und vom Landesminister für Wirtschaft, Mittelstand und Verkehr heraus­ gegebenen Broschüre heißt es: „Es ist soweit! Frei ist der Weg von der Landeshauptstadt über Neckar und Baar zum Bodensee. Vergessen das mühevolle Suchen nach der ge­ eignetsten Route, das Klettern auf schmalen Serpentinen über Alb und Donautal. Nun ziert das breite Band der Autobahn die vielgegliederte Lücke zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb und bringt uns schnell zum vielgerühmten Schwä­ bischen Meer.“ So führt die A 81 seither von Würzburg nach Stuttgart und von dort dann – fortan als Teil­ stück oft „Bodenseeautobahn“ genannt – , über Böblingen und den Schönbuch, weiter durch den Kreis Freudenstadt hinein ins Neckarland bis zum Anstieg bei Rottweil. Sie überquert das Tal des Neckars und dann das der Eschach und kommt schließlich im Schwarzwald­Baar­Kreis an. Hier erreicht sie hinter Villingen­Schwen­ ningen die Hochebene der Baar und senkt sich durchs junge Tal der Donau. Weiter geht es auf die Schwäbische Alb hinauf durch den Kreis Tuttlingen und im Kreis Konstanz in den Hegau abfallend bis nach Gottmadingen in die Nähe 144 Autobahn 81


Autobahnbau zwischen Trossingen und Sunthausen vor 1972. Hier rollt der Verkehr auf der A 81 im Hintergrund schon (NECKAR- QUELLE im September 1977): „Drei Straßen auf einer Aufnahme: Im Vordergrund die helle Bahn ist die Rohtrasse für die Biesinger Umgehung, in der Bildmitte die Strecke Sunthausen-B27 und die Autobahn Stuttgart-Singen im Hintergrund.“ „Die beiden ersten offiziellen Verkehrsteil- nehmer beim Brückenfest an der Kreisstra- ße Deißlingen-Niedereschach vor den Hin- terhölzerhöfen: Hochradfahrer Otto Dreher und Bürgermeistersohn Spadinger.“ Andere Zeiten – andere Sitten: Während die Freigabe an der Anschlussstelle Villin- gen-Schwenningen später recht nüchtern geriet, waren die Deißlinger ein paar Mo- nate zuvor bei der Einweihung einer Auto- bahnbrücke schon eher in Feierlaune. „Mit einer zünftigen Prise wurde der hochoffi- zielle Einweihungsakt an der 15. Brücke in Deißlingen anlässlich des Autobahnbaues durch Bürgermeister Spadinger im Kreise der Festaktteilnehmer besiegelt.“ (NECK- ARQUELLE, Mai 1975) Der Spätzle-Highway 145 145


Die Autobahn 81, am rechten Bildrand verlaufend, liegt mitten in den ausgedehnten Ackerflächen der Baar. Hier Ober-und Unterbaldingen im Vordergrund, links oben Biesingen und Sunthausen, auf der rechten Sei- te oben Öfingen. der Schweizer Grenze. Die Strecke liegt einge­ bettet zwischen Schwarzwald und Schwäbi­ scher Alb inmitten ausgedehnter Ackerebenen, sanft gewellter Hügel und schroff eingeschnit­ tener Täler, gesäumt von bewaldeten Bergen. Im Schwarzwald­Baar­Kreis gibt es die An­ schlussstelle Tuningen, die die Bundesstraße 523 zwischen Villingen­Schwenningen und Tuttlin­ gen anbindet. Außerdem befindet sich hier noch das Autobahndreieck Bad Dürrheim mit dem Zubringer Donaueschingen. Die Anschlussstelle Villingen­Schwennin­ gen wiederum ist gewissermaßen ein Sonder­ fall, denn sie heißt wie die Doppelstadt und markiert das Oberzentrum, liegt aber streng genommen im Kreis Rottweil auf Deißlinger Ge­ markung. Von dem Anschlussstellen­„Kleeblatt“ kann man auf die vierstreifig ausgebaute B 27 abfahren, die Donaueschingen und die südliche Baar und Rottweil mit Tübingen und Stuttgart verbindet. Aber apropos Gemarkung nochmal: Einige Deißlinger protestierten seinerzeit gegen die offizielle Benennung, sie hätten gerne ihre eigene Abfahrt auch namentlich so bezeichnet gehabt. Da ging es ihnen im Übrigen wie ande­ ren Nachbarn, diesmal aus dem Kreis Tuttlin­ gen: Mitunter nämlich wird die Anschlussstelle inoffiziell auch „Trossingen“ genannt, denn zugegeben: Auch die Musikstadt ist nicht weit entfernt und auch ihr hätte eine eigene Auto­ 146 Autobahn 81


bahnausfahrt offenbar ganz gut gefallen. Sei’s drum – die Autobahn ist für alle da, und sie wur­ de und wird auch von vielen genutzt. „Manchmal haben wir uns gefragt, ob die Leute den Weg auf die Autobahn nicht finden…“ 50.000 Fahrzeuge sind heute täglich auf dem Streckenabschnitt zwischen Rottenburg und dem Autobahndreieck Bad Dürrheim unter­ wegs, für den die Autobahnmeisterei Rottweil zuständig ist. Wie Willi Sauerland und sein Nachfolger als Leiter der Meisterei, Hans­Dieter Wölk, berichten, ist das natürlich überhaupt nicht mit dem Verkehrsaufkommen aus den 1970er­Jahren zu vergleichen. Zu Beginn fuhren die Fahrzeuge nur ganz vereinzelt, „manchmal haben wir uns schon gefragt, ob die Leute den Weg auf die Autobahn vielleicht nicht finden“, schmunzelt Sauerland. Zum Vergleich: 1998 zählte man dann 30.000 Fahrzeuge pro Tag. „Das Verkehrsaufkommen hat sich seitdem weiter enorm gesteigert“, berichtet Wölk, dem aber der kleine Trost bleiben dürfte, dass es auf derselben Autobahn bei Böblingen schon 2003 bereits 100.000 Fahrzeuge pro Tag waren, das wenigstens bleibt einem hier dann doch erspart. Die Autobahnmeisterei, die er leitet, ist dem Regierungspräsidium Freiburg unterstellt. Sie ist zuständig für den Unterhalt der Auto­ bahn 81 auf den rund 75 Kilometern Länge von Rottenburg bis Oberbaldingen und auf der A 864 bis Donaueschingen. Offiziell heißt der Aufgabenbereich im Amtsdeutsch so: „Aufgabe und Pflicht ist es, die Autobahn mit sämtlichen Nebenfahrbahnen und Nebenanlagen in ihrer Der Spätzle-Highway 147


Substanz so zu erhalten, dass die Verkehrssi­ cherheit für den Verkehrsteilnehmer zu jeder Zeit gewährleistet ist.“ Konkret bedeutet das: Räum­ und Streudienst (Wölk: „Der Autofahrer erwartet eine schwarze Autobahn“), Entwässe­ rung, Grün­ und Gehölzpflege, Pflege und Rei­ nigung der Fahrbahnen, der Lärmschutzwände, der Stützmauern, der Regenrückhaltebecken und von 150 Bauwerken, Reinigung der 15 Park­ plätze und Müllbeseitigung. 24 Stunden Rufbe­ reitschaft hat die Meisterei. Das Leitungsteam, zu dem auch Wölks Stell­ vertreter Martin Meitz gehört, arbeitet eng mit anderen Referaten des Präsidiums zusammen, allen voran mit Michael Waidele, dem Projekt­ leiter beim Donaueschinger Baureferat Ost der Abteilung Straßenwesen und Verkehr und des­ sen Team, zu dem seit vielen Jahren auch Bau­ techniker Thomas Burgbacher gehört. Denn sie alle koordinieren das, was sich auf der Autobahn tut, etwa, wenn es um die Planung und tatsächliche Realisierung von Baumaßnahmen geht. An diesem Vormittag im Sommer 2015 sitzen sie alle zusammen im Der Teilabschnitt der Autobahn 81 im Schwarzwald- Baar-Kreis ist 22,5 Kilometer lang, die kartografische Darstellung rechts zeigt mit der Anschlussstelle Villingen-Schwenningen, der Ausfahrt Tuningen und dem Autobahndreieck Bad-Dürrheim die Anschluss- punkte ans Umland sowie die „Nebenautobahn“ bis Donaueschingen (Herausgegeben durch das Land Baden-Württemberg, 1978, Stuttgart). hübsch verklinkerten Betriebsgebäude der Au­ tobahnmeisterei und plaudern mit dem pensio­ nierten Fachmann Willi Sauerland ein bisschen über die Geschichte der Autobahn. Aber dann herrscht allgemeiner Aufbruch, Warnwesten werden übergestreift und los geht es: Die Bau­ stelle, die direkt nebenan auf der Autobahn ihrem Ende entgegensieht, will erneut begut­ achtet werden. Vor Ort angekommen sind die Männer zufrieden: Es sieht alles gut aus, der Abschnitt zwischen der Anschlussstelle Rottweil und der Eschachtalbrücke in Fahrtrichtung Sin­ gen – offiziell „Fahrbahndeckenerneuerungslos Dauchingen“ genannt – kann wieder komplett Sie sind die Männer von der Autobahn (von links): Thomas Burgbacher, Willi Sauerland, Michael Waidele, Hans-Dieter Wölk und Martin Meitz. 148 Autobahn 81


Der Spätzle-Highway 149


für den Verkehr freigegeben wer­ den. Der Bauleiter der ausführenden Firma, der an diesem Vormittag ebenfalls vor Ort nochmal nach dem Rechten sieht, berichtet, wie knifflig die Maßnahmen generell sind und dass vor allem das Wetter mitspielen muss. Das, so berichten sie alle, ist oft der größte Feind, wenn es darum geht, Baumaß­ nahmen schnell und effektiv über die Bühne zu bringen. Die Tempe­ raturen müssen dabei stimmen, Aufbringen und Verarbeiten der Bitumenschicht im Regen ist nicht möglich und duldet schon gar kei­ nen Frost. Daher erklärt sich auch, warum – oft zur großen Entrüstung vieler Verkehrsteilnehmer („Ausge­ rechnet in den Ferien“, lautet da oft der verärgerte Vorwurf) – so viel in den Sommermonaten gebaut wird. Das Zeitfenster insgesamt ist Das Zeitfenster für Bauarbeiten insge- samt ist eben klein, es reicht in unseren Breiten nur von Mai bis Oktober und in dieser Zeit muss dann alles stimmen, von der Planung und Koordinati- on zwischen den einzelnen Behörden übers Wetter bis zur Logistik mit Bau-, Zuliefer- und Entsor- gungsfirmen, die oft schnell und flexibel reagieren müssen. Mittelplanken werden durch 82 cm hohe Betonschutzwände ersetzt Diese eine Baustelle ist eine der vie­ len, die die Strecke in den nächsten Jahren erleben wird: Nach und nach müssen die Fahrbahnen saniert werden. 20 bis 30 Zentimeter bitu­ minöser Aufbau werden abgefräst und Schotter aufgebracht, dann werden 34 Zentimeter Asphalt neu aufgebaut. Im Zuge dessen werden die Fahrbahnen auch gleich von jeweils elf auf dann zwölf Meter verbreitert. Die Mittelleitplanken werden sukzessive durch doppel­ te, 82 Zentimeter hohe Beton­ schutzwände ersetzt, die man nicht mehr so leicht durchbrechen kann und deren Zwischenraum mit dem Aushub der Straßenverbreiterung aufgefüllt wird. Außerdem muss von der Eschachtalbrücke kurz nach der Anschlussstelle Villingen­Schwen­ eben klein, es reicht in unseren Brei­ ten nur von Mai bis Oktober und in dieser Zeit muss dann alles stimmen, von der Planung und Koordination zwischen den einzelnen Behörden übers Wetter bis zur Logistik mit Bau­, Zulie­ fer­ und Entsorgungsfirmen, die oft schnell und flexibel reagieren müssen. ningen in den nächsten Jahren der Überbau runter, am Autobahndreieck Bad Dürrheim setzt sich langsam die Fahrbahn und zudem stehen sogenannte Bauwerksanierungen an: „Es wird in den nächsten fünf Jahren etliche Baustellen geben“, prophezeit Michael Waidele, Im Rahmen von Reparatur- und Ausbauarbeiten wer- den aus Sicherheitsgründen immer mehr Mittelplan- ken durch 82 cm hohe Betonschutzwände ersetzt. Für die Autobahn A 81 im Gebiet des Schwarz- wald-Baar-Kreises ist die Autobahnmeisterei mit Sitz in Rottweil zuständig. 150 Autobahn 81


Die A 81 bei Tuningen (links) und Oberbaldingen (unten) sowie der Zubringer A 864 (rechts), der für die Anbindung des Verkehrs aus dem Raum Donau eschingen gebaut wurde. Der Spätzle-Highway 151


„jetzt haben wir den Zeitpunkt erreicht, wo es sein muss.“ Im Schwarzwald­Baar­Kreis gibt es fünf kleinere Brücken, die in den nächsten Jahren gemacht werden müssen, bevor man die Fahrbahndecken erneuern kann. Hier ist das Brückenreferat in Freiburg zuständig; von den insgesamt 150 Bauwerken zwischen Rottenburg und Oberbaldingen sind elf Brücken länger als 100 Meter. Ganz allgemein sagt Referatsleiter Waidele: „Verkehrlich sind wir zufrieden – bau­ lich können wir nicht zufrieden sein, es wird zu wenig investiert.“ „Es wird immer aggressiver und schneller gefahren“ Während die Gruppe auf der leeren, noch nicht wieder freigegebenen rechten Fahrspur ent­ langgeht, rauscht unmittelbar daneben, nur durch eine Betonplanke getrennt, der Verkehr vorbei. Dabei wird deutlich: Sowohl die aus­ führenden Straßenbaufirmen als auch all die anderen Menschen, die auf dem jeweiligen Streckenabschnitt arbeiten – also Mitarbeiter In dieses Fahrzeug der Autobahnmeisterei ist bei tiefstehender Sonne im September 2009 ein Pkw gedonnert, ungebremst mit 100 Stundenkilome- tern. Das Auto stand ordnungsgemäß auf dem Nothaltestreifen. Erst zehn Sekunden zuvor wa- ren Michael Waidele und Hans-Dieter Wölk aus- gestiegen. Sie kamen am Ende mit einem großen Schrecken davon. der Autobahnmeisterei oder des Baureferats – haben einen ganz schön gefährlichen Job. Hans­Dieter Wölk und Michael Waidele ha­ ben Fotos aus dem Jahr 2009 von einem völlig demolierten Fahrzeug der Meisterei griffbereit. Die Geschichte dazu ist gruselig: Wenige Sekun­ den, bevor ein Pkw mit voller Wucht in dieses auf dem Nothaltestreifen stehende Auto krach­ te, waren die beiden Männer aus selbigem zu­ vor ausgestiegen. Heute scherzen und feixen sie auch ein bisschen darüber, aber man merkt: Sol­ che Situationen sind wahrlich alles andere als lustig und beim Gedanken daran werden auch die gestandenen Männer mit all ihrer Berufser­ fahrung dann doch eher nachdenklich. Denn, dass sie hier mit dem Leben davon gekommen sind, war reine Glückssache. „Bislang gab es bei unseren Leuten in solchen Situationen allenfalls nur leichte Verletzungen – Gott sei Dank“, sagt Hans­Dieter Wölk. Er fasst unterdessen nüchtern zusammen, was sie alle beobachten: „Es wird immer aggressiver und immer schneller gefah­ ren und keinerlei Rücksicht mehr genommen.“ Zwischen Rottenburg und Bad Dürrheim gibt es bis zu 600 Unfälle im Jahr Die Autobahn ist ein Revier mit vielen Gefah­ ren, soviel steht fest. Alle, die hier Dienst tun, also auch die Beamten der Autobahnpolizei Zimmern zum Beispiel, werden mit Unfällen konfrontiert. 400 bis 600 sind es pro Jahr auf der Strecke zwischen Rottenburg und Bad Dürr­ heim. Als besonders schlimm blieb das Busun­ glück an der Autobahnabfahrt 864 zwischen Donaueschingen und dem Dreieck Bad Dürr­ heim im Sommer 1992 in Erinnerung, bei dem 22 Tote und 34 Verletzte zu beklagen waren. Aber auch unzählige weitere Vorfälle passie­ ren. Bei einer Hilfeleistung und einem Radwech­ sel auf dem Nothaltestreifen kamen zum Bei­ spiel ein ADAC­Helfer und ein Lkw­Fahrer ums Leben. Ein andermal waren es Ersthelfer, die getötet wurden, oder ein Pkw­Fahrer, der sein Auto mit dem Reservekanister betanken wollte. All das vergisst man bei aller Professionalität selbstredend nicht so leicht. Aber auch andere 152 Autobahn 81


Zahlreiche Unfälle ereignen sich im Zusammenhang mit dem Lkw-Verkehr, oben auf dem Zubringer nach Donaueschingen, unten links ein Lkw-Brand auf der A 81. Rechts: Fahrbahnerneuerung. Winterdienst auf der A 81, beide Fahrstreifen werden gleichzeitig geräumt. Der Spätzle-Highway 153


Ereignisse prägen sich ein, zum Beispiel der „große Hagel“, der in kürzester Zeit mehrere Autos de­ molierte und für verängstigte, auch real gefährdete Verkehrsteilnehmer und Chaos auf der Straße sorgte. Witzig ist es für die Beteiligten außerdem auch nicht, wenn der Unmut über Bauarbeiten an der Strecke sich ungebremst bei ihnen ablädt. Einer der Straßenwärter erzählt, mit welchen unflätigen und nicht eben jugendfreien Ausdrü­ cken er schon betitelt wurde. Und von den Wurfgeschossen, die im Lauf der Jahre aus vorbeifahrenden Fahrzeugen in seine Richtung ge­ pfeffert wurden: Da war von Bana­ nen bis Melonen schon so ziemlich jedes Obst dabei. Man findet auf der A 81 „alles“, so auch Badewannen, Sessel, Spanngurte und Tische. Und zu den Funden gehören auch schon mal niedliche, bors- tig-zarte rosa Vier- beiner: An einem Freitagmittag im November brachte ein Mitarbeiter ein Ferkel an, das auf der Fahrbahn her- umgeirrt war. tobahnmeisterei mal aufsammeln lassen. Ein Silozug verteilte zwölf Kubikmeter Karottenkonzentrat für Babynahrung auf der Fahrbahn. Ein andermal lag buchstäblich Geld auf der Straße, wenn auch nicht in so recht brauchbarer Form: Ein Lastwagen hatte 20­Cent­Rohlinge auf 500 Metern Strecke verteilt, die letztlich mit der Kehrmaschine auf einen Haufen gefahren und ent­ sorgt wurden. Eine Ladung Schrau­ ben, die ein Lkw auf zwei Kilome­ tern Strecke verloren hatte, sorgte für Plattfüße en masse. Ein anderer Lastwagen verteilte Aluschrott auf der A 81, wieder ein anderer einen ganzen Berg Asphalt, der von einem Bagger aufgelesen werden musste und wieder ein anderer jede Menge Kühlgut, das eigentlich in einen Supermarkt hätte transportiert Auch einen Swimmingpool musste die Autobahnmeisterei einsammeln lassen Ein wahres Kuriositätenkabinett könnten sie bei der Autobahnmeisterei derweil mit all den Din­ gen eröffnen, die die Leute auf der Autobahn so verlieren. Einen Swimmingpool musste die Au­ Auf der Autobahn-Baustelle (von links): Hans-Dieter Wölk, Martin Meitz, Thomas Burgbacher und Michael Waidele. Nicht selten bekommen die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei den Unmut der Autofahrer über die Baustellen ab. werden sollen. Gefunden wurden außerdem mehrere Fahrräder und Sofas, vermutlich von Dachge­ päckträgern unfreiwillig abgeladen, dazu Pkws, die von Transportern rutschten, oder auch mal das ein oder andere Betonfertigteil. Hans­Dieter Wölk sagt: „Man findet alles“, darunter auch Badewannen, Sessel, Spanngurte und Tische. Und Willi Sauerland ergänzt, dass zu den Funden auch schon mal niedliche, borstig­zarte rosa Vierbeiner gehörten: An einem Freitagmittag im November brachte einer seiner Mitarbeiter ein Ferkel an, das auf der Fahrbahn herumgeirrt war. Und dann waren da noch der radioakti­ ve Müll, der in einem Abfalleimer auf dem Parkplatz Unterhölzer Wald gefunden wurde und unter höchsten Sicherheitsmaßnahmen entsorgt werden musste, ebenso wie eine kom­ plette Mülleimerladung Narkosemittel, die ein Pharmavertreter so entsorgt hatte. „Man könnte viel erzählen“, sagen Sauerland und seine jüngeren Kollegen – die Männer von der A 81. Schließlich sind es 50.000 Fahrzeuge täglich, die die 22,5 Kilometer lange Strecke im Schwarzwald­Baar­Kreis durchqueren. Tendenz: steigend! 154 Autobahn 81


Verlorene Ladung: Swimmingpool auf der Autobahn im Oktober 2008 Auf der Autobahn 81 beim Jahrhundert-Hagelunwetter am 28. Juni 2006. Der Spätzle-Highway 155


Die A 81 in Höhe von Weigheim, östlichster der elf Stadtbezirke von Villingen-Schwenningen. Die als „Kleeblatt“ ausgeführte Anschlussstelle Villingen-Schwenningen.


Die als Stahlbeton-Bogenbrücke mit 154 Meter Spannweite bei einer Gesamtlänge von 365 Metern ausgeführte Neckartalbrücke. Die Unvollendete Der Bau der Autobahn sollte im Süden eigentlich ans Schweizer Fernstraßennetz bei Schaffhau­ sen anschließen; daraus wurde aber bis heute nichts, die Autobahn endet im Singener Ortsteil Gottmadingen. Dabei hatten es die Politiker in den 1970er­Jahren doch eigentlich anders vorausgesagt: Der baden­württembergische Wirtschafts­ und Verkehrsminister Dr. Rudolf Eberle erklärte zum Beispiel im Jahr 1978: „Die A 81 ist Teil einer Nord­Süd­Traversalen, …die in wenigen Jahren über die schon in Bauvorberei­ tung befindliche Fortsetzung von Singen nach Bietingen Anschluss an das Schweizer National­ straßennetz finden wird.“ Das war ein Irrtum, wie man heute nun also weiß. Hinzu kommt, dass das ebenfalls ursprüng­ lich geplante zirka 19 Kilometer lange Teilstück zwischen dem Autobahnkreuz Herrenberg bei Gärtringen und dem Autobahnkreuz Leonberg, das für 1984 oder 1985 terminiert war, bis heute noch nicht gebaut ist. Der Verkehr weicht statt­ dessen ein Stückweit auf die A 831 bis Vaihin­ gen und von dort auf die A 8 aus (die weiter Richtung Westen bis zur A 5 führt), um dann in Richtung Norden wieder auf die A 81 zu treffen. Angedacht war auch einmal, den Zubringer Donaueschingen als A 86 nach Neustadt und Freiburg weiterzuführen. Und: Von Singen aus war der Bau der A 881 in Richtung Konstanz und der A 98 in Richtung Überlingen und Lindau angedacht – in allen Fällen blieb es bis heute beim Wunsch, realisiert wurde davon bekannt­ lich nichts. Und dann wäre da noch ein einst­ malig bei Öfingen geplanter Tunnel, denn nach Osten hätte die Autobahn weiter gen Tuttlingen führen sollen in Verlängerung des Zubringers Donaueschingen (heute A 864), auch daraus wurde letztlich nichts. Autobahn 81 157 157


Die A 81 in Zahlen Kosten Für die Bodenseeautobahn wurden laut Bun­ desverkehrsministerium für Bau und Grund­ stückserwerb Kosten in Höhe von insgesamt 917 Millionen DM fällig. Der Zubringer Donau­ eschingen kostete zudem zusätzliche 43 Millio­ nen DM. Höhe Die Strecke steigt gemächlich von 450 Me­ tern südlich des Schönbuchs auf 700 Meter am Rande der Baar bis zum Scheitelpunkt auf 782 Meter auf der Alb an; beim raschen Abstieg in den Hegau werden 535 Meter und bei Singen 445 Meter erreicht. Länge Die A 81 ist insgesamt von Würzburg bis Singen 276 Kilometer lang; die sogenannte Bodensee­ autobahn – also die Strecke vom Gärtringer Kreuz bis Singen­Gottmadingen – umfasst 119 Kilome­ ter; hinzu kommt noch der 6,9 Kilometer lange Zubringer Donaueschingen, also die A 864. Baugeschichte Planungsbeginn einer Autobahn zwischen Stuttgart und dem Bodensee war schon vor dem Zweiten Weltkrieg; 1938 wurde der erste Abschnitt zwischen Ludwigsburg und Leonberg als Reichsautobahnstrecke 39 fertiggestellt. In den Netzplänen der Nationalsozialisten war 158 Autobahn 81


dann auch eine Verbindung Stuttgart­Donau­ eschingen­Schaffhausen vorgesehen. Diese Planung wurde während des Krieges einge­ stellt; 1961 wurde sie wieder aufgenommen. Am 2. Juni 1969 erfolgte mit dem „ersten Ramm­ schlag“ für die Donautalbrücke bei Geisingen der offizielle Beginn der Bauarbeiten an der Strecke Stuttgart­ Singen. 1973 wurde die Stre­ cke zwischen den Anschlussstellen Geisingen und Engen freigegeben, 1975 im Dezember zwi­ schen Villingen­Schwenningen und Geisingen und zwischen Engen und Singen. 1977 rollte der Verkehr dann auch zwischen Rottweil­Villingen­ dorf und Villingen­Schwenningen. 1978 folgten die Freigaben der Strecken zwischen dem Auto­ bahnkreuz Herrenberg bis zur Anschlussstelle Herrenberg und zwischen Herrenberg und Rot­ tenburg. Im Dezember 1977 wurden das letzte Stück zwischen Rottenburg und Rottweil­Villin­ gendorf und der Zubringer Donaueschingen für den Verkehr freigegeben. Es gab 13 Planfeststellungsverfahren, 32 Flurbereinigungsverfahren und 1.150 Hektar Grunderwerb durch den Bund. Beim Bau der A 81 verunglückten insgesamt sieben Männer tödlich. Bauwerke Bestimmt durch die abwechslungsreiche Topo­ graphie (Schönbuch, Neckartal und Donautal und Hegau) und wechselhafte geologische Verhältnisse wurden 180 Bauwerke zwischen Stuttgart und Singen und auf dem Zubringer Donaueschingen erstellt, darunter 18 Talbrü­ cken, 113 Unterführungen, 53 Überführungen und der Schönbuchtunnel bei Herrenberg. Es gibt 27 Rastplätze und beidseitige Tank­ stellen mit Raststätten bei Herrenberg (Schön­ buch Ost und West) und bei Rottweil (Neckar­ burg Ost und West) und die Raststätten Hegau Ost und West bei Engen. Impressionen entlang der A 81 – oben links in Höhe des Unterhölzer Waldes, unten links kurz vor dem Kreuz Bad Dürrheim und rechts Parkplatz unterhalb der Blatthalde. Täglich sind hier ca. 50.000 Fahrzeuge unterwegs. Der Spätzle-Highway 159


160 7. Kapitel – Geschichte


Der letzte Weg Ein Marterl am Kirchweg von Urach nach Schollach erinnert an fünf heimtückische Morde von Rolf Ebnet 161


Wer auf dem idyllischen Kirchweg zwischen Schollach und Urach wandert, wird auf dem obersten Punkt im Wald, genau auf der Schollacher/Uracher Ortsgrenze ein gut zwei Meter großes, geschnitztes Holzmarterl entdecken. Den meisten Bürgern aus der näheren Umgebung ist es seit der Einwei- hung am 19. Juli 2014 bekannt und viele von ihnen zieht es immer wieder an den Ort, an dem heute – gäbe es das Marterl des Hammereisenbacher Bildhauers Wolfgang Kleiser nicht – so gar nichts auf ein heimtückisches Verbrechen während der Naziherrschaft im Jahr 1944 hindeutet. Leonhard A. Kornblau Bernhard A. Radomski Charles E. Woolf Meredith M. Mills Jr. Frank L. Misiak Die fünf am 21. Juli 1944 im Bereich des Uracher Kirchweges an der Gemarkungsgrenze zu Schollach und auf dem Schollacher Treibenweg ermordeten amerikanischen Soldaten. 162 Geschichte


Einweihung des Gedenkkreuzes auf der Höhe zwischen Urach und Schollach am 19. Juli 2014. Das Foto zeigt Initiator Wolf Hockenjos (von links), Pfarrer Martin Schäuble, Bildhauer Wolfgang Kleiser und Buchautor Rolf Ebnet. Die Morde an den fünf amerikanischen Soldaten geschahen am 21. Juli 1944. Fünf Namen und ein kurzer Satz zum Schick­ sal der jungen Männer sind in das Marterl geschnitzt: „Am 21.07.1944 wurden hier drei, unweit von hier zwei weitere amerikanische Flieger auf Anordnung der NS­Kreisleitung er­ mordet.“ Wie kam es zu der Ermordung der fünf amerikanischen Soldaten? Schon zu Beginn des Jahres 1943 hatte das Kriegsgeschehen mit dem Fall von Stalingrad eine deutliche Wende zu Ungunsten des Deutschen Reiches genommen. Italien war im Sommer 1943 aus dem Achsen­ bündnis ausgeschieden. Die Armeen des Dritten Reiches befanden sich auf dem Rückzug. Am 6. Juni 1944 landeten die Alliierten unter großen Anstrengungen in der Normandie. Bereits im Frühjahr 1944 besaßen die Alliierten, insbeson- dere die Amerikaner, große Bomberflotten in Süditalien und England. Anfang 1944 erschienen die ersten Begleit- jäger vom Typ P-51D „Mustang“ und P-47 „Thun- derbolt“ in England und Italien. Diese konnten ab Mai 1944 mit Zusatztanks jeden Ort des Drit- ten Reiches erreichen und die Bomberarmada bis tief ins Deutsche Reich vor Angriffen deut- scher Jagdflieger schützen. Die Bombardierungen gegen Hitlerdeutsch- land erfolgten durch England vornehmlich in der Nacht und durch Amerika am Tag. Angegrif- fen wurden hauptsächlich militärische Ziele, Verkehrsanlagen und die deutsche Rüstungsin- dustrie. Die in England und Italien stationierten amerikanischen Luftflotten waren zwischen- zeitlich in der Lage, von beiden Standorten aus bis zu 1.200 Bomber und ebenso viele Begleitjä- ger an einem Tag in die Luft zu bringen, sodass eine gewaltige Luftmacht Deutschland aus der Luft bekämpfte. Die deutschen Abwehrjäger waren zu der Zeit schon hoffnungslos unter- legen. Die deutsche Luftwaffe war bereits zur reinen Reichsverteidigung übergegangen. Am Der letzte Weg 163


21. Juli 1944 brachte die deutsche Luftwaffe gerade mal 60 Jäger vom Typ Messerschmitt Me 109 und Focke Wulf FW 190 in die Luft. Die Hauptabwehr der Reichsverteidi­ gung bestand aus Flugabwehrkano­ nen, die die Städte und Industriean­ lagen schützen sollten. Der Einsatz am 21. Juli 1944: 1.110 Bomber gehen in die Luft Von den am 21. Juli 1944 gestarteten 1.110 Bombern erreichten 980 ihre Ziele und luden allein zwischen 10:14 Uhr und 10:47 Uhr insgesamt 2.415,7 Tonnen an Bomben ab. 31 Bom- ber gingen verloren, 288 Besatzungs- mit glieder kehr- ten nicht zurück, darunter die in Urach/Schollach ermordeten fünf Soldaten. Die Wettervorhersage für den 21. Juli 1944 sagt lockere Bewölkung ausschließlich für Süddeutschland voraus. Der Rest des Reiches wird unter einer dicken Wolkendecke verborgen sein. Deshalb wird von der amerikanischen Ein satzführung in England ein Angriff auf die deut- sche Flugzeugindustrie und Kugel- lagerfabriken in Bayern geplant. Die Hauptangriffsziele sind wieder einmal die Dornier-Flugzeugwerke in Oberpfaffenhofen und München-Allach, der Flugplatz München-Riem, das BMW Flugzeug- motorenwerk in München-Allach, die Kugel- lagerfabriken in Schweinfurt und Ebelsbach und die beiden Messer schmitt Flugzeugwerke in Regensburg-Obertraub ling und Regens- burg-Prüfening. Mit Hochdruck wird ein detaillierter An- griffsplan für die „Operation No. 486“ ausge- arbeitet, die die 8. US Air Force, bestehend aus drei Bomberdivisionen, ausführen wird. Wegen der Konzentration auf Ziele in Süddeutschland, ist geplant, von England bis nach Ludwigshafen in einer geschlossenen Formation zu fliegen. Erst dort sollen sich die Kampfgruppen trennen und auf ihre zugewiesenen Ziele zusteuern. Am frühen Morgen des 21. Juli, zwischen 5:30 Uhr und 7:00 Uhr starten 1.110 Bomber und mehr als 700 Begleitjäger auf verschiedenen Flugplätzen im Süden Englands. Den Piloten und Navigatoren der drei Divisionen sind ihre exakten Ziele beim Briefing zuvor bekannt ge- geben worden. Die 305. Bombergruppe gehört zur 3. Bomberdivision und liegt auf dem Flugplatz Chelveston in Südengland. Ihr Flugauftrag lautet Zerstörung der Kugellagerfabrik in Schweinfurt. Zu dieser Division gehört die neunköpfige Besatzung von Pilot Leonard Kornblau. Leonard Kornblau hat bereits 34 Einsätze geflogen und gehört zu den erfahre- nen Piloten. Er kann sich wie immer auf seine zuverlässige Besatzung stüt- zen. Lediglich John Neider ist heute nicht dabei, da er beim letzten Ein- satz verletzt wurde. Für ihn fliegt William E. Boyd und übernimmt die Position des Bombenschützen. Neben Pilot Kornblau sitzt Co-Pilot Bernhard A. Radomski. Charles E. Wolf ist der Navigator. Die restliche Besatzung besteht aus den Bord- schützen Roger E. Gagnon, Mere- dith M. Mills, Frank L. Misiak, Irvin E. Hughes und Edward A. Theed. Ihre Hauptaufgaben bestehen in der Verteidigung des Bombers, der auch „Fliegende Festung“ genannt wird. Sie sollen angreifende feindliche Jäger mit Maschinengewehren ab- wehren. Inmitten von Flakgranaten: „Das Flugzeug sah aus wie ein Sieb“ Nach dem Start der ersten Bomber dauert es fast zwei Stunden, bis die Gesamtformation von über 1.700 Flugzeugen über England und dem Kanal aufgebaut ist und nun geht es Richtung Deutschland. Bis kurz vor Ludwigshafen gibt es keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden. Doch die Wettervorhersage stimmt nicht ganz. Schon vor Ludwigshafen türmen sich kilome- terhohe Wolken. Die Besatzungen versuchen über die Wolken zu steigen, was aber wegen der schweren Beladung nicht gelingt. So auch die 305. Bombergruppe. Sie erreicht gegen 10:50 Uhr vormittags den Kontrollpunkt bei Ludwigs- hafen und fliegt nun in einer kleinen Linkskur- 164 Geschichte


Die Besatzung des amerikanischen Bombers mit Namen „Strictly from Hunger“. Hintere Reihe von rechts: C. E. Woolf, L. Kornblau, B. Radomski (alle drei ermordet), John Neider (Einsatz am 21. Juli nicht mit geflogen, wurde ersetzt durch W. Boyd) und I. Hughes. Vordere Reihe von rechts: M. Mills (ermordet), F. Misiak (ermordet), R. Gagnon, E. Theed. Die jeweils beiden Männer links in hellen Anzügen sind Flugzeugmechaniker und waren nicht Teil der Besatzung. ve Richtung Schweinfurt. Nur fünf Minuten später kommt die Gruppe über Mannheim in schweres Flakfeuer. Leonard Kornblaus B­17 Bomber mit dem Spitznamen „Strictly from Hunger“ befindet sich plötzlich inmitten explodierender Flakgra­ naten. Navigator William Boyd, der den Einsatz überlebte, erinnert sich: „Wir flogen schon durch schlechtes Wetter bevor wir Deutschland erreich­ ten und es wurde immer schlimmer. Der letzte Weg William Boyd Wir stiegen höher um den schweren Gewitter­ wolken zu entgehen, als wir urplötzlich von der Flak zusammengeschossen wurden.“ Inner- halb kürzester Zeit erhielt der Bomber drei Volltreffer. Die Besatzung wurde aufgrund der Druckwellen durch die gesamte Kabine geschleudert. Zwei der vier Motoren erhielten Treffer und fielen sofort aus. „Das Flugzeug sah aus wie ein Sieb, im Rumpf und im Boden klafften Löcher, man hätte durchspringen können. Die 165


Die Kreisgrenze, die in rot gestrichelte Linie, entschied am 21. Juli 1944 über Leben und Tod: Drei der Be sat – zungsmitglieder der „Strictly for Hunger“ trieb der Wind zu einem Landeplatz im Landkreis Donaueschin gen – sie überlebten (weiße Zeichen). Die fünf anderen landeten mit ihrem Fallschirm im Landkreis Neustadt und wurden brutal ermordet (rote Zeichen). Die Kreuze bezeichnen die beiden Tatorte. Steuerung war teilweise zerschossen, die Sau­ erstoffanlage nicht mehr funktionsfähig“, sagt der Seitenschütze Irvin Hughes 2005 in einem Interview. Irvin Hughes erhielt einen Flaktref­ fer in den Fuß, William Boyd einen größeren Splitter in die Schulter. Pilot Kornblau und Co­Pilot Bernhard Radomski betrachteten die Schäden und entschei den sich daraufhin, zu versuchen, mit Kurs Süd in die neutrale Schweiz zu fliegen und in Dübendorf zu landen. Den Weg zurück nach Eng­ land würden sie aufgrund der immen­ sen Schäden nicht schaffen. Etwa 20 Minuten später, gegen 11:15 Uhr, war die „Strictly“ über dem Südschwarzwald. Die Wolkendecke riss auf und die Besatzung sah unter sich grünes, hügeliges, bewaldetes Gelän­ de. In der Annahme, bereits über der Schweiz zu sein, begann Leonard Kornblau zu kreisen um ein ideales Absprunggelände zu finden und der Besatzung Zeit zum Absprung zu geben. Dann gab der Pilot das Zeichen abzuspringen und alle neun Besatzungsmitglieder sprangen aus der nun führerlosen Maschine. Der Zufall entschied nun über Leben und Tod. Während das Flugzeug nun führerlos bis nach Lauterbach bei Schramberg fliegt und dort in einen bewaldeten Berg hang kracht, öffnen sich alle neun Fallschir- me der Besatzungsmitglieder. Es ist ein warmer, sonniger Vormittag. Viele Bauern sind mit Feldarbeiten beschäftigt und sehen die Flieger an ihren Schirmen der Erde entge­ genschweben. Alle neun Flieger erreichen die Erde ohne weitere Verletzungen. Vier landen bei Linach im Landkreis Donaueschingen und die Irvin Hughes 166 Geschichte


Ihr letzter Weg führte die drei im Uracher Schwesternhaus inhaftierten amerikanischen Soldaten über den Kirchweg hoch auf die Höhe, wo sich die Gemarkungsgrenzen von Urach und Schollach treffen. Den Soldaten folgten viele Blicke – sicher auch vom Fenster aus, das zum überdachten Aufgang zur Uracher Wehrkirche gehört. restlichen fünf erreichen den Boden bei Schol­ lach und Urach im Landkreis Neustadt. Gegen 11:30 Uhr nimmt das Schicksal für die fünf im Landkreis Neustadt gelandeten Flieger seinen Lauf. Kreisleiter Kuner aus Neustadt erfuhr noch am Vormittag von der Landung der fünf Flieger und ersann einen heimtückischen Plan, sie noch am selben Tag zu ermorden. Er hatte bereits am 18. März des selben Jahres versucht, fünf abge­ sprungene Flieger beim Absturz eines amerika­ nischen Bombers bei Dittishausen zu ermorden, was ihm die Einwohner aber verwehrten. Die Landwacht nimmt die amerikanischen Soldaten ohne Gegenwehr fest Drei der fünf im Kreis Neustadt gelandeten Flieger landeten auf der Gemarkung Urach und zwei auf der Gemarkung Schollach. Kurz nach Die Absturzstelle in Lauterbach. Der letzte Weg 167


ihrer Landung wurden die Flieger von Angehöri­ gen der Landwacht ohne Gegenwehr gefangen genommen und eingesperrt. Die beiden in Schollach gefangen genommenen Soldaten im ehemaligen Schulhaus, die von Urach im ehe­ maligen Schwesternhaus. Schon bald darauf er­ schien Kreisleiter Kuner mit Sohn, seinem Stell­ vertreter Birnbreier und drei NSDAP­Mitgliedern aus Neustadt. Kuner detaillierte seinen geheimen Plan und ordnete die nichtsahnenden Männer der Land­ wehr an, die drei Flieger in Urach abzuholen und auf dem Kirchweg durch den Wald nach Schol­ lach zu führen. Die Männer um Kreisleiter Kuner beschlossen nun sich aufzuteilen. Kuners Sohn, Max Matthes und Gottlieb Werner erwarteten dann die drei gefangenen Flieger zwischen Urach und Schollach. Als diese mit den Männern der Landwacht dort ankamen, wurden alle drei jungen Männer sofort mit einem Kopfschuss getötet. Die beiden in Schollach Inhaftierten sollen durch den Gendarmen Faller im Schulhaus einzeln abgeholt und auf den Treibenweg nach Neustadt gebracht werden. Die Täter bezogen am Treibenweg und Kirchweg ihre Positionen im Wald um die nichtsahnenden Flieger unter Ausschluss der Dorfbewohner kaltblütig zu er­ morden. Die toten Soldaten wurden an Ort und Stelle verscharrt Alle fünf Flieger wurden von ihren Mördern in Kopf und Genick geschossen und achtlos im Wald liegen gelassen. Am späten Nachmittag wurden die getöteten jungen Männer im Alter von durchschnittlich 21 Jahren von Dorfbewoh­ nern entdeckt und die grausame Nachricht machte unter vorgehaltener Hand die Runde in den beiden Dörfern. Kuner ordnete daraufhin an, die Landwacht müsse die Flieger noch am selben Abend an Ort und Stelle verscharren, was auch geschah. Im Februar 1945 wurden die Leichname auf Betreiben von Pfarrer Eisele und des damaligen Bürgermeisters unter strengster Geheimhal­ Schicksalhafte Begegnung Der Onkel von Lioba Grieshaber, Alois Kleiser aus Urach, war am 21. Juli zu Fuß von Neu- stadt nach Urach unterwegs. Voller Entsetzen stand er plötzlich vor den drei ermordeten Fliegern, die direkt vor ihm lagen. Dieses Erlebnis war mit der Anlass für seinen Ent- schluss, Pfarrer zu werden. Pater Alois Kleiser war später 30 Jahre lang in Riedböhringen tätig. Die Ermordung der jungen Männer in Schollach be schäftigte ihn sein ganzes Leben. Mechthild Baller, damals Rektorin der Kardinal-Bea-Schule in Riedböhrin gen, hatte Pater Kleiser in dieser Zeit oft ge- troffen und er innert sich an folgende Pater Alois Kleiser Begebenheit: „Pater Kleiser kam gerade von Achdorf zurück und war etwas aufgewühlt. Er erzählte mir, wie er am 21. Juli 1944 auf dem Heimweg von Neustadt nach Urach war. Er war damals 16 Jahre alt und besuchte das Gymnasium in Sas bach. In Schollach nahm er wie immer den kürzesten Weg, den Kirchweg. Auf einer Wiese, kurz vor dem Waldrand, war eine junge Frau am Heurechen. Als sie ihn sah, rief sie ihm zu: ,,Gehen Sie nicht dort hin, dort ist was Schlim mes passiert!“ Alois Kleiser ging trotzdem weiter und sah plötzlich einen toten jungen Mann vor sich liegen. Ein paar Meter weiter lag der zweite Mann und wieder nur ein paar Meter weiter lag ein weiterer getöteter Mann. Dieser hatte einen Rosenkranz in seinen Händen. Alle drei Männer waren noch sehr jung. Pater Kleiser erzählte mir diese Ge­ schichte, weil er in Ach dorf plötzlich wieder daran erinnert wurde. Er besuchte Pfarrer Schwalbach und klingelte. Es öffnete die Pfarrhaushelferin. Alois Kleiser erkannte sie sofort wieder, es war die Frau, die ihn damals in Schollach aufforderte, einen anderen Weg zu nehmen. 168 Geschichte


Am Kirchweg von Urach nach Schollach – der Ort eines heimtückischen Verbrechens. Der letzte Weg 169


tung ausgegraben und auf dem Schollacher Friedhof im Rahmen eines ordentlichen Begräb­ nisses beigesetzt. Nach dem Krieg wurden die Leichname in Schollach von den Amerikanern obduziert. Nachdem die Todesursachen festgestellt und die Identifikation in Schollach abgeschlossen war, wurden vier der Ermordeten in die USA überführt und dort begraben. Frank Misiak wurde auf dem Soldatenfriedhof in St. Avold in Frankreich beigesetzt. Für zwei der Mörder lautete das Urteil „Tod durch den Strang“ Die Täter wurden identifiziert und die meisten von ihnen gefasst. Kreisleiter Kuner entzog sich der Festname durch Selbstmord, sein Sohn überlebte den Krieg nicht, er fiel an der Westfront. Den übrigen Tätern wurde von den Amerikanern in Dachau der Prozess gemacht. G. Werner und H. Birnbreier wurden am 27. April 1947 zum Tode verurteilt, die Urteile wurden am 5. Dezember des selben Jahres vollstreckt. Die restlichen Täter erhielten lange Haftstrafen. Amerikanische Zeitungen berichten Als die B-17 am Nachmittag des 21. Juli nicht nach England zurückkehrte, galten die fünf getöteten und die vier in Gefangenschaft geratenen Flieger der „Strictly of hunger“ als vermisst. So erhielten die Angehörigen von der amerikanischen Luftwaffe bald darauf ein Telegramm, mit dem Inhalt, dass ihr Sohn bzw. Ehemann beim Einsatz über Deutschland am 21. Juli als vermisst gilt. Dies war selbst für amerikanische Verhält- nisse nicht alltäglich, auch die Zeitungen berichteten über die vermissten Söhne und Ehemänner. Und später über die heimtücki- schen Verbrechen an ihnen. Ein Leben lang in Kontakt William Boyd, Irvin Hughes und Edward Theed (gest. 2003), die mit ihrem Fallschirm in Linach gelandet waren, kehrten bald Irvin Hughes: „Mein ganzes Leben lang habe ich mich gefragt, warum ich nicht ermordert wurde“ nach Kriegsende unversehrt in ihre Heimat zurück. Sie wurden im August 1945 mit allen Wie nahe Glück und Unglück zusammenlagen, erkennt man an dem Schicksal der vier bei Linach gelandeten Kameraden. Diese landeten in einem Abstand von nur zwei Kilometern von ihren fünf ermordeten Kameraden entfernt. Das Gebiet gehörte aber zum Kreis Donaueschingen und somit war ein anderer Kreisleiter zuständig. Die vier Flieger wurden gefangen genommen und blieben Gefangene bis Ende des Krieges. Das Schicksal der getöteten Kameraden und Freunde begleitete die Vier ihr ganzes Leben. Irvin Hughes gegenüber dem Autor Rolf Ebnet: „Als ich gefangen genommen wurde, kamen wir in ein Verhörlager bei Oberursel. Dort wollten die Nazis wissen, ob ich weiß, was mit meinen ge­ töteten Kollegen passiert ist. Ich verneinte, doch sie glaubten mir nicht und schlugen mich immer Ehren aus der Armee entlassen. Erst kurz zuvor hatten sie vom Schicksal ihrer Kame- raden erfahren. Die drei Soldaten hatten ein Leben lang Kontakt zueinander, Irvin Hughes und Bill Boyd kehrten später nach Deutschland zurück und suchten dort nach Spuren ihrer Gefangennahme. Der Neffe des Bruders von Leonhard Kornblau wurde zur Erinnerung an den ermordeten Soldaten auf „Len“ getauft. Der vierte Überlebende R. Gagnon kehrte zurück nach Kanada, zu ihm bestand nur wenig Kontakt. 170 Geschichte


„Absprung ins Ungewisse“ „Ich hatte nie das Ziel, ein Buch zu schreiben, ich dachte nicht im Entferntesten, dass ich dazu in der Lage wäre.“ Doch Rolf Ebnet, der im englischen Bath für Siemens eine Softwarefir- ma leitet, hat ein wichtiges und erfolgreiches Buch geschrieben. Die Mutter erzählte ihm als Kind von einem Luftkampf über Döggingen, bei dem sie Zeitzeuge war. Der Vater wusste vom Hörensagen, dass es einen weiteren Absturz gab und ein Teil der Besatzung im Wald bei Schollach ermordet wurde. Rolf Ebnet begann, in Dittishausen und Schollach zu recherchieren – und wurde fündig: „Bald darauf fingen die Zeitzeugen an, mich zu fragen, was ich denn bereits wisse. Und spä- testens, als ich das Foto der ermordeten Flieger in den Händen hielt, wusste ich, dass ich diese Ereignisse veröffentlichen muss“. Dieses Foto hatte er von einem der Überle­ benden zugesandt bekommen, von Irvin Hughes, den er später in Amerika besuchte. Rolf Ebnet sah die jungen Männer auf dem Foto und alle Rolf Ebnet mit Irvin Hughes, der überlebte, weil er mit seinem Fallschirm zufällig im Landkreis Donau­ eschingen landete. traten sie aus der Anonymität – hatten plötz­ lich ein Gesicht. Die Überlebenden und Nach­ kommen der ermordeten Soldaten lernte er in Amerika kennen, so entstand eine lückenlose Dokumentation. „Absprung ins Ungewisse“ 184 Seiten, 21 Euro, erschienen 2005 ISBN 3-00-015654-2 www.ebnet-documentation.de wieder mit dem Gewehrkolben. Ich blieb bei meinem „Nein“ und bin sicher, sie hätten mich umgebracht, wenn ich „Ja“ gesagt hätte. Mein ganzes Leben lang habe ich mich gefragt, warum meine Kameraden und Freunde ermordet wur­ den und ich nicht. Ich konnte es nicht verstehen.“ Weihe des Gedenkkreuzes erfolgt unter großer Anteilnahme der Bevölkerung Im Schwarzwald war das schreckliche Verbrechen fast in Vergessenheit geraten, der jüngeren Ge­ neration gar nicht bekannt. 2005 veröffentlichte Rolf Ebnet aus Döggingen, der Autor dieses Bei­ trages, eine ausführliche Dokumentation zu den beiden Flugzeugabstürzen und Schicksalen der Besatzungen während des Zweiten Weltkrieges über dem Schwarzwald. Die lückenlose Doku­ mentation über die Ermordung von fünf der neun Besatzungsmitglieder traf auf ein großes Echo und löste Trauer in der Bevölkerung aus. Auf Initiative des Skiclubs Urach wurde bei Wolfgang Kleiser, Bildhauer aus Hammereisen­ bach, ein Gedenkkreuz gegen das Vergessen in Auftrag gegeben und am 19. Juni 2014 unter zahlreicher Anteilnahme der heimischen Bevöl­ kerung eingeweiht. Auch viele jüngere Bürger kamen zu der Einweihung und waren bestürzt, als sie die Details der grausamen Tat erfuhren. Heute lädt der friedliche Ort inmitten des Waldes, an dem das massive Kreuz an die Tat erinnert, zum Verweilen und Gedenken an die Getöteten ein. Immer wieder halten dort Men­ schen inne oder besuchen den Ort einzig zum Gedenken an die grausige Tat. Wie sagt doch George Santayana (1863 ­ 1952), Philosoph und Autor: „Wer sich an die Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wie­ derholen.“ Der letzte Weg 171


Eine Ära endet, v. links: Superiorin Roswitha Wecker, Schwester Siegrun Schachtner und Pater Hermann Fuchs. Kloster St. Ursula ist geschlossen Fast 800 Jahre währende Klostergeschichte ist zu Ende – Ordensschwestern haben das Schulleben der Stadt maßgeblich geprägt – Stadt zehrt von den Grundlagen des christlichen Lebens der Klöster von Marga Schubert Das Jahr 2015 geht in die Geschichte der Zähringerstadt Villingen als das Jahr ein, in dem das Kloster St. Ursula nach einer Jahrhunderte dauernden Geschichte aufge- hört hat, zu existieren. Zum Schluss waren es noch zwei Ordensschwestern und der Hausgeistliche, die den Klosterbetrieb in St. Ursula aufrecht erhielten. Die verantwortli- che Leitung des Schulbetriebes der St. Ursula-Schulen war bereits vor 25 Jahren, 1990, in die Verantwortung der Schulstiftung des erzbischöflichen Ordinariats in Freiburg übergeben worden. Mit Ende Juli 2015 mussten nun die beiden letzten Ordensfrauen der Ursulinen, Superiorin Schwester Roswitha Wecker und Schwester Siegrun Schachtner, altersbedingt die Klosterpforte für immer schließen. Mit ihnen verließ auch der langjährige Hausgeistli- che, Pater Hermann Fuchs, die Klostermauern am Bickentor. Schwester Siegrun verbringt ihren Lebensabend im Ursulinen-Kloster im schweizerischen Brig, die letzte Superiorin des Klos ters, Schwester Roswitha, und Pater Fuchs leben in der Villinger Seniorenanlage St. Lioba. 172 Geschichte


Das barockisierte Eingangsportal der Klosterschule St. Ursula. XXX 173


Im Hochmittel- alter hatten sich die Chancen von Frauen im religiösen Leben immer mehr verschlechtert. So begannen immer mehr Frauen, auf eigene Faust ein religiöses Leben zu führen, ein Leben ohne schützende Klostermauern. Sie pflegten Kranke und Sterbende, betreuten Arme und auf dem Fun dament christlicher Welt anschauung und Werteord­ nung. Der gesamte städtebaulich markante Kloster­ und Schul­ komplex am Bickentor ging nach der Schließung des Klosters in den Besitz der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg über, die nun mit den frei werdenden Kloster­ räumen die dringend notwendige Erweiterung der Schulräume reali­ sieren kann. So blieb die Zeit auch hinter Klostermauern nicht stehen – selbst wenn man das als Besu­ cher so fühlen mochte und auch weiterhin wird, wenn man einen der breiten, stillen Flure des Klos­ tergebäudes entlang geht, die mit wertvoller christlicher Kunst und antiken Möbeln reich bestückt sind. Eine Etage des Klosterkom­ In einem Gottesdienst im Münster mit Weih bischof Michael Gerber und einem anschließenden Festakt wurden die beiden Ordensfrauen und Pater Fuchs würdig verabschiedet. In Abschieds­ und Dankesworten der vielen Weggefährten und Vertreter des öffentlichen Lebens und der Kir­ chen wurde der enorme Einsatz der Schwestern gewürdigt, verbunden mit dem Versprechen, dass „Ihr Werk weitergeführt und die Erinnerung an Sie immer bleiben wird“, wie es Dietfried Scherer, Direktor der Schul­ stiftung der Erzdiözese Freiburg aus­ drückte. Geschenke und innige Dankes­ worte gab es auch vom Schulleiter der heutigen Bildungseinrichtung St. Ursula­Schulen, Johannes Kaiser, der im Sinne und im Namen aller Schüler, Lehrer und Eltern sagte: „Wir bedanken uns für die geistigen Spu­ ren, die Sie bei vielen hunderten Schülern und Lehrern hinterlassen haben.“ Bettler. Auch Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon, Alt­Dekan Kurt Müller und andere Festredner machten eines überdeutlich: Der Orden und vor allem die Schwestern haben das Schulleben der Stadt Villingen maßgeblich geprägt und geformt. Rupert Kubon: „Wir zehren von diesen Grundlagen christlichen Lebens der Klöster hier in der Stadt“. plexes, in dem die Ordensfrauen größtenteils lebten und arbeiteten, soll in sei­ nem bisherigen Zustand erhalten bleiben als Zeugnis des letzten aktiven Klosterlebens in Vil­ lingen. Sicher wird es zu besonderen Anlässen auch ab und zu der Öffentlichkeit zugänglich ge macht werden, versprach der Schulleiter der St. Ursula­Schulen, Johannes Kaiser. Die Anfänge der Villinger Klostergeschichte „Tradition bewahren – Zukunft bereiten“ Vom einst blühenden Klosterleben, ehemals insgesamt sieben Klöstern im alten Villingen mit Dominikanern, Klarissen, Johannitern, Franziskanern, Kapuzinern und Benediktinern, war nach der Säkularisation nur das Frauen­ kloster St. Ursula übrig geblieben. Es baute eine beispielhafte Bildungseinrichtung auf, die seit 1990 in der Trägerschaft der Schulstiftung der Erzdiözese Freiburg steht. Diese leistet unter dem Motto „Tradition bewahren – Zukunft berei­ ten“ neuzeitliche Bildungs­ und Erziehungsarbeit Vor mehr als 700 Jahren war es, als sich die ers­ ten Frauengemeinschaften, die sogenannten Beginen, auch in Villingen und seiner nächsten Umgebung zusammenfanden, um in Armut und Gebet Gott zu dienen. Denn im Hochmit­ telalter hatten sich die Chancen von Frauen im religiösen Leben immer mehr verschlechtert, das Angebot an Klosterplätzen stagnierte. So begannen immer mehr Frauen, auf eigene Faust ein religiöses Leben zu führen, ein Leben ohne schützende Klostermauern. Sie pflegten Kranke und Sterbende, betreuten Arme und Bettler, bestatteten die Toten und ernährten sich durch 174 Geschichte


Die letzte Superiorin Sr. Roswitha Wecker vor dem ehemaligen Archivschrank aus dem 16. Jahrhundert. verschiedene Arten der Handarbeit. Aus diesen Gemeinschaften gingen später die Frauenklös­ ter hervor. Das Haus am Villinger Bickentor hat­ te vermutlich im 13. Jahrhundert begonnen, ein Konvent frommer Frauen zu sein. Hier vereinig­ ten sich mehrere dieser sogenannten Schwes­ ternsammlungen aus der näheren Umgebung. Durch das Wirken der seligen Ursula Haider, die 1479 aus Valduna in Vorarlberg nach Villin­ gen berufen wurde, um mit ihren sieben Ge­ fährtinnen im Bickenkloster die Regeln der heili­ gen Klara einzuführen, hatte sich diese Sammlung zu einem überregional erfolgreichen Klarissen­ Kloster reformiert. Die Schwestern verstanden sich auf Schreibkunst, auf Leinenweberei, alle Arten von Handarbeiten, aber auch auf die Her­ stellung von Kräuterheilmitteln und köstlichem Gebäck. Das Rezept der bis zuletzt im Kloster St. Ursula gebackenen und als Geschenke der Klosterfrauen heiß begehrten „Klosterguetili“ stammt aus dieser Zeit. Neben dem Klarissen­ kloster, nur durch eine Mauer getrennt, lagen Garten und Kloster der Dominikanerinnen, die „Vetternsammlung“ genannt. Hier wurden be­ reits damals Mädchen unterrichtet. Beide Klöster bestanden bis 1782, bis eine Verordnung von Kaiser Josephs II befahl, alle beschaulichen Klöster aufzulösen. Letztendlich wurde jedoch ein Kompromiss genehmigt: Dass das Klosterleben am Bickentor in Villingen unter dem Aspekt bestehen bleiben darf, wenn das Klarissenkloster in einen Lehrorden, das Ursuli­ neninstitut, umgewandelt wird, dem sich die Do minikanerinnen anschließen sollen. Die Zeit der Ursulinen (1782 – 2015) Am 16. Oktober 1782 übernahmen dann zwei Schwestern des Lehrordens der Ursulinen aus Freiburg das Zepter in den alten Klostermauern am Bickentor und nahmen die ehemaligen Kla­ rissen und Dominikanerinnen in ihren Orden auf. Die Ursulinen gehen auf die „Gesellschaft der hl. Ursula von Anne de Xainctonge“ zurück. So war 1782 das Geburtsjahr des Lehr­ und Erziehungsin stituts St. Ursula in Villingen. Und die Zeit der Ursulinen in der über 700 Jahre alten Klostergeschichte der Zähringerstadt mit ihrer Fürsorge, der christlichen Erziehung und Kloster St. Ursula ist geschlossen 175


Die Konventuhr des Klosters St. Ursula aus dem Jahr 1860. Ihr Werk stammt von einem der berühmtesten Uhrmacher des Schwarzwaldes, von Lorenz Bob (1805 – 1878) aus Furtwangen. Der Villinger Wilhelm Dürr malte das Uhrenschild, es zeigt Ursulinen und Schulmädchen, darüber Maria und der heilige Dominikus. Die Schnitze- reien hat August Glänz aus Neustadt geschaffen. Im kleinen Kloster- museum sind noch weitere pracht- volle Zeitmesser aufbewahrt. Ausbildung junger Menschen, sollte nun bis zur Auflösung in diesem Jahr 233 Jahre dauern. Generationen von Villingerinnen erhielten und erhalten in der „Maidleschuel“, der ehemali­ gen Klosterschule St. Ursula, bis heute in den zwischenzeitlich gemischten Klassen der freien christlichen Bildungseinrichtung eine Ausbil­ dung auf dem Fundament christlicher Weltan­ schauung und Wertordnung. Die konfessionellen Volksschulen werden aufgelöst Die Klosterschule St. Ursula erlebte in 233 Jah­ ren Höhen und Tiefen, überstand schwierige Zeiten, so zum Beispiel die Zeit des „Schul­ kampfes“, der Auseinandersetzung zwischen Staat und katholischer Kirche, die 1876 auch in Villingen mit der Einführung der „Simultan­ schule“ (Schule für alle religiösen Bekenntnisse) endete. Die konfessionellen Volksschulen wur­ den aufgelöst. Auch die Freiburger Ursulinen verloren die Möglichkeit, katholischen Mädchenunterricht zu erteilen. Im Villinger Konvent entschied die damalige kluge Superiorin Xaveria Ditz jedoch, den Unterricht an der Mädchenschule fortzu­ setzen. Waren doch die wenigen evangelischen Mädchen von den Nordstetter Bauernhöfen schon immer zusammen mit den katholischen Schülerinnen unterrichtet worden. 1862 war bereits in den Räumen des ehema­ ligen Dominikanerinnenklosters am Klosterring von der Stadt ein Mädchenschulhaus einge­ richtet worden, in dem auch die Lehrfrauen der Ursulinen unterrichteten. Daraus entwickelte sich die Mädchenvolksschule und die spätere Klosterringschule als Grund­ und Hauptschule. Bald platzte das Klostergebäude aus allen Nähten. Bereits 1841 hatte das Kloster das an der Bickenstraße gelegene Nachbarhaus erwor­ ben, das sogenannte Backsteinhaus. Ein drittes Gebäude kam später dazu. Privates Töchterheim, Kochschule, Frauen­ arbeitsschule (Industrieschule), Internatsschu­ le, Handelsschule, Realschule, Seminare und Kurse – die Klosterschule St. Ursula schrieb Erfolgsgeschichte, überstand Hungerjahre, krie- gerische Auseinandersetzungen und Inflation mehr oder weniger unbeschadet, wird zu einer festen Größe im Villinger Schulleben. Bereits um 1908/1909 wurden der West-, Nord- und Haus- wirtschaftsflügel angebaut, das Portal an der 176 Geschichte


Blick in den reich mit Kunstwerken ausgestatteten Gang des Klosters St. Ursula und in die Klosterkirche. Der Hochaltar mit der Darstellung Maria Himmelfahrt und die Seitenaltäre stammen aus der Kirche der Domini- kanerinnen. Das Kruzifix links an der Wand datiert aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Kloster St. Ursula ist geschlossen 177


zum Kloster gehörte, war zwar längst ausquar- tiert (in einen Gutshof und den Klosterhof), als Überbleibsel stand bis 1960 an Stelle der heu- tigen Aula lediglich noch eine Scheune, es gab auch noch das so genannte „Sauhöfle“ und die Waschküche. 1970/71 wurde an der Bärengasse das „kleine Schulhaus“ errichtet, der „Neubau“, wie er heute noch genannt wird. In den 1990-er Jahren stand eine nächste umfangreiche Grundsanierung des gesamten Komplexes an (jetzt bereits in Zusammenarbeit zwischen Schulstiftung und Kloster). Nach dem Auszug der Ursulinen sind nun wieder drei Bau- abschnitte in Planung, mit denen die neuerliche Raumnot der Schule beseitigt werden soll. Die letzten Ursulinen Gleichzeitig mit dem Internat, dessen Leiterin seit 1964 Schwester Roswitha war, wurde 1984 die Wirtschaftsschule aufgegeben. Dafür ent- stand die Tagesschule mit Hausaufgabenbetreu- ung, die Schwester Roswitha aufbaute und bis 2001 leitete. Bis heute wurden die Schüler dieser Tagheimschule aus der Klosterküche verpflegt, wie auch jeder Bedürftige, der an die Kloster- pforte klopfte, ein warmes Essen bekam. Seit 2001 hatte Schwester Roswitha, eine versierte Verwaltungs-Fachfrau, die Klosterver- waltung übernommen, immerhin bis zuletzt ein mittlerer Wirtschaftsbetrieb mit bis zu 13 Mit- arbeitern. Sie feierte Anfang 2015 ihren 80. Ge- burtstag und lebte und arbeitete 55 Jahre lang in St. Ursula, dessen Betrieb nun nicht mehr zu halten war. Doch weltoffen und vorwärtsbli- ckend sieht Schwester Roswitha nach der Klos- terschließung „in jeder Veränderung auch eine Chance“. Diese Chance sieht sie künftig in den alten Menschen im Seniorenheim St. Lioba, wo sich künftig ihr Lebensmittelpunkt befindet. Schwester Roswitha hatte 2012 als Supe- riorin die Leitung des Klosters St. Ursula von Schwester Eva-Maria Lapp übernommen, die über 30 Jahre lang die Geschicke des Klosters als Superiorin fest in Händen hielt und zahlreiche wegweisende inhaltliche, kulturhistorische wie auch bauliche Weichen für Kloster und Schule Die alte Ordenstracht der Ursulinen hatte Ähnlichkeit mit der Villinger Witwentracht, hier die Schwestern Roswitha, Eva-Maria und Hildegard (v. links). Bickenstraße barockisiert. Als Erholungsheim wurde 1918 der „Klosterhof“ (Gemeinde Nie­ dereschach) erworben. In der Stadtschule, dem Pensionat und der Frauenarbeitsschule werden rund 1.000 Schülerinnen unterrichtet. Dann kamen die Nazis an die Macht, die keine klösterlichen Schulen duldeten. Der Hitler staat ließ 1940 auch die Schule St. Ursula schließen. Das Mädchenschulhaus wird zum Lager für Auslandsdeutsche und zum Lazarett und Altersheim. Kloster- und Schulgeschichte sind untrennbar miteinander verknüpft 1945 dann der Neubeginn. St. Ursula durfte sei­ ne Schulzweige Progymnasium mit 143 Schüle- rinnen und Handelsschule (später Wirtschafts- schule) mit 26 Schülerinnen wieder einrichten. 1949 öffnete auch das Internat wieder, das bis 1984 bestand. 1978 wurde der Realschulzweig eingerichtet. 1986 wurden in der bisherigen reinen Mädchen- schule St. Ursula erstmals Jungen aufgenom- men und die Geschicke erstmals in die Hände eines weltlichen Schulleiters gelegt. Schon Jahre zuvor war es bereits wieder zu eng in den Klosterräumen für die aufstrebende Schule geworden. Die Landwirtschaft, die früher 178 Geschichte


Innenhof der Klosterschulen St. Ursula. „Dankbar das Vermächtnis leben“ In einem 240-seitigen Buch, einer Dank- schrift zur Erinnerung an das segensreiche Wirken des Klosters St. Ursula als Funda- ment der St. Ursula Schulen in Villingen, herausgegeben für die St. Ursula Schulen von Dr. Jürgen Brüstle, Johannes Kaiser, Klaus Nagel und Heinrich Schidelko ist die gesamte umfangreiche Geschichte des Bickenklosters und der Schule mit zahlreichen Bildern, teil- weise Quelle obigen Berichtes, zu erleben. Titel: „Dankbar das Vermächtnis leben“. Es ist im örtlichen Buchhandel erhältlich. gestellt hat – nicht zuletzt 1990 die Übergabe des Schulbetriebes an die Schulstiftung des Ordinariats Freiburg. Schwester Eva Maria lebte und wirkte über 60 Jahre in St. Ursula, davon 50 Jahre als Lehrerin. Sie starb 2013. Schwester Siegrun Schachtner, die zweite der letzten beiden Ordensfrauen des Klosters St. Ursula, ist eine Villingerin und arbeitete in jungen Jahren als Volksschullehrerin in Klengen sowie in der Klosterringschule. Sie trat 1966 in das Kloster ein, bildete sich zielstrebig weiter und unterrichtete später die Fächer Mathematik und Physik mit vollem Deputat. Als letzte Ur- sulinenschwester in der Schule wurde sie 2003 verabschiedet. Lebten und wirkten 1954 immerhin noch 85 Ordensschwestern in St. Ursula, davon 60 Lehrfrauen, schrumpfte ihre Zahl in den letz- ten Jahrzehnten drastisch bis auf diese letzten beiden Schwestern. Sie mussten jetzt altershal- ber zusammen mit Pater Fuchs, der viele Jahre die Ursulinen und die St. Ursula-Schulen geist- lich betreute, das Jahrhunderte alte Villinger Klosterleben endgültig beenden. Das Kloster St. Ursula hinterlässt als wert- volles Vermächtnis der 233 Jahre dauernden segensreichen Ära – die immer geprägt war durch einen engen und sehr herzlichen Bezug zum weltlichen Leben Villingens – die heutigen St. Ursula-Schulen mit zweizügigem Gymnasi- um, Realschule und Hortschule als vorbildliche Bildungseinrichtung im Oberzentrum. Und das Kloster St. Ursula wird auch nach seiner aktiven Zeit immer ein wichtiges Stück Villinger Ge- schichte bleiben. Kloster St. Ursula ist geschlossen 179


Der Neudinger Klosterbrand 1852 von Rüdiger Schell 180 Geschichte


Während Klostermonogra- phien sich sehr häufig ein- gehend mit der Gründung eines Klosters und – in noch größerer Ausführlichkeit – mit seiner Blütezeit befas- sen, findet demgegenüber der Untergang von monas- tischen Einrichtungen in der Regel nur in abschließender Kürze oder in einer ange- messenen Zusammenfas- sung Erwähnung. Diesem Muster entsprechen bislang auch die allgemeinen Dar- stellungen und Detailunter- suchungen zur Geschichte des Klosters Maria Hof bei Neudingen, Hauskloster und Begräbnisstätte der Grafen und Fürsten von Fürstenberg. Im Folgenden wird deshalb der Versuch gemacht, wieder etwas mehr Licht in die Vorgänge um den Un- tergang des Neudinger Klosters zu bringen. Die Gruftkirche der Fürsten zu Fürstenberg steht an der Stelle, an der sich einst das Kloster Neudingen befand. Der Bau der Kirche mit Parkanlage konnte zu 90 Prozent über das Brand- geld des Klosters finanziert werden.


Plan des Klosters Neudingen aus dem Jahr 1762. danach die Aufgabe, zum einen für die Le- benshaltung der Klosterfrauen zu sorgen, zum andern – auch aus Eigeninteresse – sich um eine Weiterverwendung der Klostergebäude zu bemühen. Infolgedessen standen in den ersten Jahren nach der Schließung des Neudinger Klosters Überlegungen und Maßnahmen in diesen bei- den Aufgabenbereichen im Vordergrund. Die 18 Konventualinnen (14 Klosterfrauen und vier Laienschwestern), die unter der Führung der Äbtissin Maria Hildegard weiterhin im Kloster wohnten, erhielten vom Haus Fürstenberg eine Leibrente und das lebenslange Bleiberecht. 1825 lebten hier noch sechs ehemalige Mitglieder des Konvents, und 1840, als die letzte Äbtissin starb, blieb schließlich nur noch eine Ordens- frau übrig. Die zum größten Teil leer stehenden Kloster- gebäude einer sinnvollen Nutzung zuzuführen, erwies sich nach der Säkularisierung als das größere Problem. Zwar schlug das Fürstenhaus bereits 1805 vor, im früheren Kloster ein Schul- institut für Töchter fürstenbergischer Beamter einzurichten, ein Gedanke, den eine Sonder- kommission der großherzoglich-badischen Re- gierung 1808/09 neuerlich aufgriff. Das Projekt scheiterte jedoch, weil kein ausgebildetes Lehr- und Erziehungspersonal vorhanden war. Während Napoleons Russlandfeldzug und unmittelbar danach dienten die Räumlichkeiten als (elend geführtes) Militärhospital für russi- sche Kriegsgefangene. Nach dessen Schließung machte in den zwanziger Jahren die fürstenber- gische Seite den Vorschlag, das Kloster als Blin- denanstalt zu nutzen. Allerdings konnte auch dieses Vorhaben nicht realisiert werden, da die badische Regierung diese Idee selbst übernahm Die meisten umstrittenen Ereignisse in der zweigeteilten Klostergeschichte von Neudin­ gen – sowohl in den fast 300 Jahren der Domi- nikanerinnenzeit als auch während der Zuge- hörigkeit des Klosters zum Zisterzienserorden nach 1584 – wurden wissenschaftlich bearbeitet und offengelegt; dagegen wurde über die Zer- störung der Klosteranlage durch den großen Klosterbrand von 1852 nur wenig Nennenswer- tes geschrieben. So sind im Laufe der Zeit offene Fragen zu den besonderen Umständen und zum Ablauf der Brandkatastrophe sowie zu Urheber- schaft und Schuldfrage weitgehend in den Hin- tergrund gedrängt worden oder teilweise sogar in Vergessenheit geraten. Bereits seit 50 Jahren kein Kloster mehr Am Tag des großen Brandes im März 1852 war Maria Hof bei Neudingen, das ursprünglich nur „Auf Hof“ genannt wurde, schon rund fünfzig Jahre kein Kloster mehr. Nach seiner Gründung 1274 war es zwar mehr als 525 Jahre ein kirchli- cher Mittelpunkt mit kultureller, wirtschaftli- cher, sozialer und politischer Bedeutung auf der Baar. Doch auch diese klösterliche Einrichtung wurde 1802/03 im Zuge der landesweiten Säku- larisation kurzerhand aufgelöst. Die Fürstenber- ger als die zuständigen Landesherren nahmen die „Civilinbesitznahme“ vor und zogen das Klostervermögen umgehend ein. Ihnen oblag 182 Geschichte


und wenig später in Bruchsal ein „Institut zur Bildung der Blinden im Großherzogtum Baden“ neu einrichtete. In der Folgezeit blieben die Gebäude in Neu­ dingen weiterhin ungenutzt. 1829 überließ man den „allmählich absterbenden Klosterfrauen“ ein paar zusätzliche Zimmer im Hauptgebäude, und nach dem Stadtbrand von Fürstenberg 1841 wurde dem obdachlos gewordenen Stadtpfarrer eine Wohnung im Kloster zugewiesen. Sonst geschah wenig. Erst 1843 fand sich eine dauerhafte Lösung im großen Stil. Auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten zur Einrichtung einer Erzie­ hungsanstalt entschied sich die Regierung in Karlsruhe für das Neudinger Kloster als Stand­ ort. Die Leitung der neuen Anstalt (Rettungs­ anstalt) übernahm die Donaueschinger Sektion des „Vereins zur Rettung verwahrloster Kinder im Großherzogtum Baden“, an dessen Spitze der Dekan und Stadtpfarrer Krebs, der FF­Domänen­ rat Diefenbach und der Donau eschinger Bürger­ meister Raus standen. Bereits ein Jahr später befanden sich 30 männliche Jugendliche in Ma­ ria Hof. Auch erste Erfolge stellten sich ein: Von den 13 Zöglingen, die 1849 die Anstalt verließen, machten acht eine Lehre in verschiedenen Handwerksberufen. Das war die Situation in Maria Hof im Jahr des Klosterbrandes. Die Brandkatastrophe Am 23. März 1852 wurde das ehemalige Kloster Maria Hof zu Neudingen, 577 Jahre nach seiner Gründung, durch eine Feuerkatastrophe ver­ nichtet. Über die letzten 24 Stunden und das stufenweise Vernichtungswerk durch diese Feuers brunst – eigentlich handelte es sich um drei Brände – liegt ein Gedächtnisprotokoll des FF­Domänenrats Theodor Diefenbach vom 26. März 1852 vor. Auf diesem Protokoll basier­ ten auch schon frühere Berichte über den Brand. Wir verzichten hier deshalb auf noch größere Ausführlichkeit und belassen es bei einer kurzen Fixierung des Protokolls in sechs Punkten, wel­ che die Abfolge dieses Klosterbrandes zusam­ menfassen: Priorin des Klosters Neudingen, die dargestellte Ordensfrau ist unbekannt. Am 22. März 1852, etwa um 17 Uhr brach in Maria Hof, in einem Nebengebäude an der nördlichen Klostermauer, Feuer aus (1. Brand). Das Gebäude, das von der Rettungsanstalt ge­ nutzt wurde, diente als Stall für Rinder; zudem lagerte hier Heu und Öhmd (Rindviehstall und Heulager). Das Vieh konnte gerettet werden. Da der Stall, ein kleiner massiver Steinbau, nur einen Zugang hatte, waren die Löscharbeiten schwierig. Da aber Windstille herrschte, konnte das Feuer dennoch nach etwa zwei Stunden ge­ löscht werden. Das Gebäude jedoch samt eini­ gen Zwischenbauten war weitgehend zerstört. Zu einem Übergreifen des Feuers auf das Hauptgebäude des Gotteshauses kam es nicht. Der amtierende Pflegevater der Erziehungsan­ stalt, Joseph Stehle, nahm aber vorsichtshalber zusammen mit einem Knecht noch am Abend sämtliche Räumlichkeiten unter dem Dach des Klosters und der Kirche in Augenschein. In den annähernd 35 bzw. 45 Meter langen Räumen, die ohne Zwischenwände waren, aber in den hohen Giebeln Lüftungsöffnungen hatten, la­ gerten insgesamt ca. 150 Malter Feldfrüchte. Es Der Brand des Klosters Neudingen 183


war nichts Auffälliges festzustellen. „Etwa 20 zuverlässige Leute“ hielten bis 4 Uhr in der Frühe Wache am nie­ dergebrannten Nebengebäude. Beim 5­Uhr­Läuten am Morgen stellte der Messner nichts Auffälliges fest. Eine Viertelstunde später, etwa um 5.15 Uhr – es war der 23. März – schlugen jedoch plötzlich aus dem Dach des Hauptgebäudes, am West­ flügel nahe der Kirche, Flammen (2. Brand), die sich rasch ausbreiteten. Die örtliche Feuerwehr, die aus weni- gen Männern bestand und nur über „zwei schlechte Spritzen“ verfügte, war überfordert. Die Tätigkeit der anwesenden Helfer konzentrierte sich daher alsbald darauf, wertvolles Mobiliar sowie Kirchenparamente, Kelche und Votivtafeln in Sicherheit zu bringen und ebenso vier Wappen- schilde (zu Ehren fürstenbergischer Grafen) von den Kirchenwänden zu lösen. Am frühen Nach- mittag brannte das Klostergebäude fast völlig aus. Einzig sinnvoll erschien es noch, das Übergrei- fen der Flammen auf die Ökonomie- gebäude im Westen des Klosterareals zu verhindern, was letztlich auch ge- lang. Einsetzender Schneefall löschte das Feuer dann endgültig. dieser Brand in einer Waldparzelle von 200 Morgen ausgebrochen. Panikartig verließ die Neudinger Mannschaft den Klosterbezirk und eilte zum neuen Brandherd, von dem in der Ferne eine Rauch- säule zu sehen war. Erst gegen Mittag kehrten die Weggeeilten wieder zum Kloster zurück. „In der Zwischenzeit“, so vermerkt Proto- kollant Diefenbach, „konnte das Löschen (auf Maria Hof) nur sehr schwach betrieben werden.“ Am frühen Nachmittag brann- te das Klostergebäude fast völlig aus. Einzig sinnvoll erschien es noch, das Übergreifen der Flam- men auf die Ökonomiegebäude im Westen des Klosterareals zu verhindern, was letztlich auch gelang. Diefenbach verließ den Brandplatz gegen Abend. Er ließ eine Löschmannschaft am Wegen Nebels im Donauried war die Rauch- entwicklung über Neudingen zunächst kaum wahrzunehmen. In Donaueschingen wurde die Nachricht vom Klosterbrand deshalb erst gegen 8 Uhr bekannt. Die sofort ausrückende Donau- eschinger Feuerwehr kam mit ihrem besseren Gerät wohl nicht vor 9 Uhr an den Brandplatz, wo etwa zeitgleich zuständige Beamte der fürstlichen Verwaltung (Domänenamt) und ein Vertreter des Fürstenhauses eintrafen. Der Dachstuhl des Klosters war bereits ausgebrannt und die beiden oberen Stockwerke sowie die Treppen standen in hellen Flammen. Die Löschmänner bekämpften das Feuer bei Einsatz aller vorhandenen Kräfte mit mehr Wirkung. Auch der Gemeindewald brennt – die Neudinger Feuerwehr verlässt den Brandort In diese verstärkten Bemühungen hinein platzte die Nachricht, auch im Gemeindewald Richtung Hondingen brenne es (3. Brand). Wie der Neu- dinger Bürgermeister Mort später angab, war Brandplatz zurück, die kleine Brände, die immer wieder aufloderten, löschen sollte. „Der in der folgenden Nacht fallende Schnee hat hierzu einen willkommenen Beitrag geleistet“, wie der Domänenrat am Tag darauf erleichtert feststell- te (vgl. Protokoll). Das zentrale Klostergebäude war bis auf die Grundmauern niedergebrannt Das zentrale Klostergebäude des früheren Neu- dinger Klosters war bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die fürstenbergische Fami- liengruft unter der Kirche hingegen war fast unbeschädigt, ebenso nahm die Kaplanei (das sog. Beichtigerhaus, Unterkunft der Beichtväter) keinen größeren Schaden. Verpachtete Scheu- nen und Stallungen blieben unversehrt. „Von den stehen gebliebenen Umfassungsmauern wird wenig für brauchbar erkannt werden.“ Der Schaden an den Gebäuden wurde mit 41.234,17 fl. (Gulden) beziffert. Dem Brandtage folgte schockierende Er- nüchterung. Der Gemeinde Neudingen wurde 184 Geschichte


Das Kloster Neudingen nach einem undatierten Ölgemälde. nämlich alsbald im Umland der Vorwurf gemacht, die Einwohner des Dorfes hätten es während des Kloster­ und Kirchenbrandes absichtlich an Hilfsbereitschaft fehlen lassen. Gegen diese schwer wiegende Anschuldigung (Unterlassene Hilfeleistung) „welche (gewisse) Zeitungs­ artikelschreiber nach allen Winden ausstreuten“, setzte sich Bürgermeister Johann Mort in einer Stellungnahme an Fürst Karl Egon II. vom 17. April 1852 im Auftrag sei­ nes Gemeinderats vehement zur Wehr. Der Bürgermeister betonte, dass die Einwoh­ nerschaft bei den Rettungs­ und Löscharbeiten nach Kräften geholfen habe. Er versuchte ins­ besondere den Kernvorwurf zu entkräften, der den Neudinger Löschmännern vorhielt, sie seien plötzlich und ohne Absprache vom Kloster zum Brandherd im Wald (3. Brand) weggelaufen: Dies aber sei, so Mort, „zur Verhütung noch größeren Unglücks dringend notwendig“ gewesen. Der Bürgermeister widersprach auch der Unterstel­ lung, seine Gemeinde habe an der Rettung des Klosters gar kein Interesse gehabt. Im Gegenteil: In Neudingen bedaure man die Brandkatastro­ phe sehr. Schließlich habe man durch die Zerstö­ rung der Klosterkirche großen Schaden erlitten und in der Rettungsanstalt auch zahlreiche Arbeitsplätze eingebüßt. Zweifel an der Loyalität der Einwohner Die Vorwürfe gegen die Einwohner von Neudin­ gen wurden natürlich auch in Regierungskreisen in Karlsruhe bekannt, wo großes Misstrauen gegen jene Gemeinden bestand, in denen es in den Jahren 1848/49 zahlreiche Anhänger der Revolution – es kam in Neudingen sogar zur Gründung eines Ortsvereins der (revoluti­ onären) Volksfreunde – gegeben hatte. Erwar­ tungsgemäß forderte deshalb die zuständige großherzogliche Behörde am 20. April 1852 das Für stenhaus in Donaueschingen dazu auf, in der Brandsache Stellung zu nehmen. Bürgermeister Mort bat nunmehr den Fürsten um Fürsprache und Unterstützung für seine Gemeinde. Der Fürst beauftragte daraufhin den Domä­ nendirektor Hubert Dilger mit der Ausarbeitung Der Brand des Klosters Neudingen 185


einer Stellungnahme (die er in seiner Antwort nach Karlsruhe mitverwenden wollte). Dilger schlug folgende Darstellung vor: Nachdem die Einwohner von Neudingen zunächst „thätige Hilfe beim Löschen“ (2. Brand) geleistet hatten, zerstreuten sich die meisten Helfer, als die Nach­ richt vom Brand im Gemeindewald (3. Brand) eintraf. Über dieses Verhalten seien ihm, Fürst Karl Egon, zwar verschiedentlich Klagen zu Oh- ren gekommen. Nach genauer Prüfung einer Eingabe aus Neudingen vom 17. April sei er aber geneigt, den Ausführungen der Gemeinde mehr Glauben zu schenken, da ihm diese „zu keiner Zeit Anlass zu einem so rücksichtlosen oder gar böswilligen Benehmen gegeben“ habe. Damit hatten der Fürst und die FF-Ver- waltung die Neudinger für den Fall künftiger Verwicklungen diplomatisch geschickt auf ihre Seite gebracht. Die aktuelle Sache verlief nun weitgehend im Sande. Indes muss man zugeben, dass jene Neudinger Löschmänner, die beim brennenden Kloster kurzerhand „alles fallen und liegen ließen“ und in den Gemein- dewald eilten, um dort zu löschen, unüberlegt und unklug handelten. Zumindest eine koordi- nierte Absprache über Hilfsmaßnahmen wäre machbar gewesen. Da sie dies aber unterließen, brachten sich diese Helfer überflüssigerweise in ein schiefes Licht. Zur Ursache und der Schuldfrage Bereits während der Löscharbeiten wurde auch die Frage nach Ursache und Urheberschaft der Feuersbrunst gestellt. Dabei waren sich alle Beobachter einig, dass hier ohne Zweifel Brand- stiftung vorlag. Die drei Brände, der offensicht- lich koordinierte Ausbruch des Feuers sowie die winterliche Wetterlage (Schneefall vom 23. zum 24. März), bei der keine (dreifache) Selbstent- zündung anzunehmen war, ließen (und lassen noch heute) keine andere Folgerung zu, als dass hier ein auf Berechnung basierendes, schäbiges Verbrechen vorlag. Vor allem die Abstimmung der Brandausbrüche macht die kriminelle Ab- sicht deutlich. Da aber kein eindeutig erkennba- rer Täter oder Täterkreis haftbar gemacht wer- den konnte, fanden Halbwahrheiten, Gerüchte und üble Nachrede sofort fruchtbaren Boden. So kam beim ersten Brand am Abend des 22. März sofort der Verdacht auf, nur ein miss- ratener Zögling der Rettungsanstalt könne das Nebengebäude, das von der Anstalt gepachtet war, aus Rache gegen die Heimleitung angezün- det haben. Das Anstaltspersonal verdächtigte deshalb einen neu eingewiesenen, schwer erziehbaren jungen Mann, den man „der Brand- stiftung nicht für unfähig“ hielt. Doch, wie sich herausstellte, stand dieser Junge in der frag- lichen Zeit unter Aufsicht und wurde auch im Brandbereich nicht gesehen. Die Verdächtigung musste daher fallen gelassen werden. Der zweite Tatverdächtige geriet mit dem zweiten Brandfall ins Visier der selbst ernann- ten „Ermittler“. Der unbekannte Täter, so wurde alsbald kolportiert, soll irgendein neidischer ortsansässiger Bauer gewesen sein, der aus Hass und Missgunst auf diejenigen Personen den Brand gelegt hatte, die ihre Feldfrüchte auf dem Klosterspeicher unter dem Dach einlagern durften. Die Früchte gehörten, wie allgemein bekannt war, dem Klostergutpächter Egi, dem Neudinger Landwirt Grimm und der Rettungs- anstalt. Der Brandstifter musste also einem von diesen Besitzern besonders feindlich gesinnt sein. Doch auch diese „Spur“ ging ins Leere: Der große Unbekannte wurde nie ermittelt. Etwas absonderlich klingt eine von Martin Münzer erwähnte, „im Dorf kursierende münd- liche Überlieferung“. Fürstliche Beamte – die Namen (natürlich) unbekannt – haben demnach das Kloster angezündet, um die Rettungsanstalt für Schwererziehbare von Neudingen wegver- legen und eine neue fürstliche Begräbnisstätte errichten zu können. Kurz vor der Meldung des Brandes sei zudem eine Kutsche „mit betrunke- nen, johlenden Männern“ vom Kloster her durch das Dorf in Richtung Pfohren gefahren. Auch dieser Verdächtigung ging man nicht weiter nach. Ansonsten blieben auch die amtlichen Untersuchungen offenbar ohne Ergebnis. Der oder die Brandstifter wurden nie gefunden, die Zerstörung des Klosters Auf Hof/Maria Hof blieb ungeahndet. Da man sich damals aufgrund der 186 Geschichte


dahingestellt – aus der Distanz von mehr als 150 Jahren der Eindruck, dass die damals ver­ antwortlichen Organe bei ihrer Aufklärungsarbeit, gemessen am heutigen Standard, seiner­ zeit reichlich unprofessionell vorgegangen sind. Gerade deshalb aber stellen sich dem heutigen Betrachter eine Reihe von Fragen zu den überlieferten Fakten und den ei­ genartigen Vorgehensweisen bei der Aufklärung unseres Brand­ falls. So verwundert es einen schon, dass trotz angeblich so­ fortiger amtlicher Untersuchun­ gen so gut wie keine Unterlagen über Verhöre, Zeugenaussagen und andere amtliche Erkennt­ nisse vorzuliegen scheinen. Man fragt sich auch, ob untersucht wurde, welche Personen sich beim Ausbruch des zweiten Brandes, am 23. März morgens kurz nach 5.15 Uhr, im Kloster­ bereich aufhielten? Wer waren beispielsweise die etwa „zwan­ zig zuverlässigen Leute“, die bis 4 Uhr früh am Brandplatz Wache hielten und dann zum Schlafen gingen (vielleicht war der Brand­ stifter unter den Schläfern)? Oder: Was geschah eigentlich am (dritten) Brandherd im Wald in Richtung Hondingen? Wurde dort überhaupt nach der Brand­ ursache und möglichen Brand­ An der Südwand der Gruftkirche in Neudingen befindet sich eine Erinnerungstafel an die letzte Äbtissin des Klosters Neudingen, Maria Hildegard II. Ursprünglich war es die Grabplatte. fehlenden technischen Hilfsmittel Großbränden gegenüber häufig wehrlos und überfordert fühl­ te und in unserem Fall zudem keine handfesten Zeugnisse für eine individuelle Täterschaft vorlagen, nahm man, so scheint es jedenfalls, den Klosterbrand als schicksalhafte Fügung hin und ging alsbald wieder zur Tagesordnung über. So hält sich – ob zu Recht oder zu Unrecht, sei stiftern geforscht? Die Fragen sind heute allesamt rhetorisch. Im zeitlichen Abstand von mehr als 150 Jahren ist es ein müßiges Unterfangen, Licht ins Dun­ kel der (vermutlich versäumten) Ermittlungen bringen zu wollen. Und zudem lässt sich, so sehr man das bedauern mag, das Rad der Geschichte letztlich nicht mehr zurückdrehen. Der Brand des Klosters Neudingen 187


Die Wertschätzung war gering Noch eines fällt auf. Das Bedauern der Zeit­ genossen über die Zerstörung des traditions­ reichen Frauenklosters, das immerhin fast 600 Jahre lang bestand und seit 1337 Grablege der Fürstenberger war, wirkt eher geschäfts- mäßig und zeigt wenig Betroffenheit. Es wurde kein Versuch unternommen, diese zentrale reli- giöse Stätte auf der Baar mit dem gebührenden Respekt ins rechte Licht zu rücken. Selbst an ein einfaches Denkmal, an eine Erinnerungstafel zu Ehren der Klosterfrauen oder – später – eine Broschüre, welche die lange Geschichte des Got- teshauses dokumentierte, dachte damals (und später) offenbar niemand. Bezeichnenderweise wurde auch die Kaplanei, das einzige Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, das den Klosterbrand fast unbeschädigt überstanden hatte (vgl. oben), nach 1852 weitgehend vernachlässigt. Heute befindet sich diese ehemalige Unterkunft der Klosterkapläne, verdeckt von Bäumen, ein- gewachsen ins Unterholz, in einem geradezu erbärmlichen Zustand. Feststeht also, dass die Wertschätzung für das Kloster zu Neudingen bei den Zeitgenos- sen Mitte des 19. Jahrhunderts gering war. Der fürstenbergische Baumeister Theodor Dibold formulierte das damals kurz und bündig so: Das Zisterzienserinnen-Kloster Maria Hof „führte, ohne seine mittelalterliche Bedeutung je wieder zu gewinnen, ein bescheidenes Stillleben fort, bis demselben dann die allgemeine Säkulari- sation ein Ende setzte.“ Worauf solche Gleichgültigkeit und Dis- tanziertheit zurückging, ist schwer zu sagen. Hermann Lauer nennt in seiner „Kirchenge- schichte“ kennzeichnend für den damaligen Zeitgeist in der Baar „die religiöse Verflachung“, die hier besonders ausgeprägt und langdauernd gewesen sei, „weil die Bevölkerung sich in gro- ßem Umfange dem Liberalismus zuneigte, die- ser aber religiös vielfach nichts anderes vertrat, als eben die Gedanken und Ziele der Aufklä- rung.“ Ob diese Feststellung die offenen Fragen schlüssig und im vollen Umfang beantwortet, sei dahingestellt. Nach dem großen Brand begannen schon bald die Aufräumarbeiten. Der Abbruch der Ruinen von Klostergebäude und Klosterkirche wurde von der FF-Domanial-Kanzlei bereits im September 1852 veranlasst. Baumaterial, das noch brauchbar war, sollte beim Bau einer neuen Gruftkirche Verwendung finden, die möglichst bald auf dem Klostergelände errichtet werden sollte. Mauersteine des abgebrannten Kloster- gebäudes wurden hauptsächlich für die Umfas- sungsmauer verwendet. Anderweitig noch nutz- bare Materialien kamen zum Verkauf und wurden größtenteils in Neudingen im Dorf verbaut. Die Trümmerreste des niedergebrannten Klosters wurden eingeebnet, ähnlich wie das auch an anderen Objekten im 19. Jahrhundert geschah, die dem Haus Fürstenberg einst wich- 188 Geschichte


Links: Der frühere Standort des Klosters Neudingen dient heute als Grablege der Fürsten zu Fürstenberg. bis zum Ende des 19.Jahrhunderts hin. Im Ein- gangsbereich des Neubaus wurden die bereits erwähnten Totenschilde (15. und 16. Jh.) aus der abgebrannten Klosterkirche angebracht. Unter dem Kirchenschiff befindet sich seitdem die neue Grablege des Fürstenhauses. Wie die diesbezüglichen Unterlagen im fürstlichen Archiv ergeben, deckte die ausge- zahlte Versicherungssumme für den Brandscha- den am früheren Kloster Maria Hof annähernd 90 Prozent der späteren Baukosten für die neue Gruftkirche. Dieses gefällige Bauwerk bildet nunmehr seit mehr als anderthalb Jahrhun- derten den imposanten Blickpunkt im alten Klosterareal. Leider ist es für Normalsterbliche – normalerweise – nicht zugänglich. QUELLEN UND LITERATUR Im Fürstlich Fürstenbergischen Archiv in Donaueschingen (FFA) befindet sich zur Brandsache des Neudinger Klosters nur ein dünnes Aktenbündel mit wenigen Unterlagen. Ein erstaunli- cher Tatbestand! Nachforschungen im Generallandesarchiv in Karlsruhe (GLA), im Erzbischöflichen Archiv in Freiburg und im Landesarchiv Freiburg ergaben, dass auch dort keine weiteren Akten zu dieser folgenschweren Brandkatastrophe vorhanden sind. Vorliegende Quellen u.a.: Protokoll des Domänenrats Theodor DIEFENBACH vom 26. März 1852 in: FFA, Domänen-Administration, Neudingen, Brandsache, Vol. II Fasz. 1. Stellungnahme der Gemeinde Neudingen (Bürgermeister Johann MORT) an Fürst Karl Egon II. von Fürstenberg vom 17. April 1852, in: FFA, Domänen-Administration, Neudingen, Brandsache, Vol. IIa Fasz. 1. Schreiben des zuständigen großherzoglichen Regierungs- beamten Löffler, das von Domänendirektor Hubert DILGER im Auftrag des FÜRSTEN KARL EGON II. ausführlich kommentiert wurde, in: FFA, Domänen-Administration, Neudingen, Brandsa- che, Vol. II Fasz. I. Zur einschlägigen Literatur: MÜNZER, Martin: Die Geschichte des Dorfes Neudingen mit Kaiserpfalz, Kloster Maria Auf Hof und Pfarrkirche. Neu- dingen 1973 DIBOLD, Theodor: Die Gruft-Kirche des Fürstlichen Hauses Fürstenberg zu Mariahof, Stuttgart o. J. (19. Jh.). LAUER, Hermann: Kirchengeschichte der Baar und des einst zur Landgrafschaft Baar gehörenden Schwarzwaldes. 2. Auflage. Donaueschingen 1928. SCHELL, Rüdiger: Das Zisterzienserinnenkloster Maria Hof bei Neudingen, Konstanz 2011. tig waren und zur Ehre gereicht hatten, deren frühere Nutzung aber nach allmählichem Verfall oder Brand nunmehr schwierig oder gar über­ flüssig erschien: in Tannheim, in Grünwald, auf dem Fürstenberg. Der Neudinger Klosterbezirk wurde keiner grundlegend neuen Nutzung zugeführt. Die „Rettungsanstalt für sittlich ver­ wahrloste Kinder“ zog nach Hüfingen um und wurde im „Correctionshaus“ untergebracht. Ihre Nachfolgeeinrichtung, das Knabenheim Maria Hof, befindet sich noch heute, allerdings mit ge­ änderten Erziehungszielen, in Hüfingen. Neue Grablege entsteht Am Standort des ehemaligen Klosters – und darauf legte das Fürstenhaus besonderen Wert – sollte die jahrhundertealte Tradition der für sten bergischen Grablege fortgeführt werden. Deshalb erteilte Fürst Karl Egon II. bereits am 21. Juni 1853 Baurat Dibold, den Auftrag, eine neue repräsentative Grabeskirche als künftige Begräbnisstätte der Angehörigen seines Hauses zu planen und zu erbauen. Dieser markante Kirchenbau, „eine Kuppelkirche im Stile der Neurenaissance“, wurde nach 1853 wenige Me- ter südlich vom Standort der alten Klosterkirche ausgeführt und 1856 eingeweiht. Die Innenausstattung der neuen Gruftkapelle mit Fresken, Reliefdarstellungen und Skulptu- ren begann erst Jahre später und zog sich fast Der Brand des Klosters Neudingen 189


Das Bruder kirchle an der Steig Geheimnisvoll, heimelig und verwunschen – Wo der Sage nach sieben Jungfrauen den Flammentod starben von Wilfried Dold 190



Opferkerzen beim Marienaltar und Blick in die Brunnenstube vor der Kapelle mit der Jahreszahl 1742. Es ist still im Bruderkirchle, einzig Kerzenlichter flackern im Luftzug – man ist mit seinen Ge­ danken allein. Die brennenden Opferkerzen auf dem gusseisernen Ständer vor dem Marienaltar und zwei Einträge ins Sorgenbuch am rechten Seiten altar bezeugen: Auch heute herrscht ein reges Kommen und Gehen. Das Kirchlein an der alten Straße nach Villingen, am Gewann Steig abseits der Stadt gelegen, erfreut sich großer Beliebtheit: Einen Tag ohne Besucher, den gibt es hier nicht. Schon im Mittelalter glaubten die Menschen, dass vom Bruderkirchle eine ge­ heimnisvolle Kraft ausgeht. Von einem Ort, an dem der Sage nach entweder die Hunnen sieben fromme Frauen verbrannten oder diese sieben Frauen als Engel in den Himmel entschwebten, als sie von den Hunnen geraubt werden sollten. Die Zeit der Wallfahrten zum Bruderkirchle ist lange vorbei – mit ihren Anliegen aber kommen die Menschen noch immer hierher. Wer sich Gesundheit für Angehörige, Freunde oder sich selbst wünscht; wer eine Prüfung zu bestehen hat, eine lange Reise antritt oder um Lebenshilfe bittet, fühlt sich in der Stille des Bruderkirchles geborgen und gehört. Etliche der Anliegen finden sich im Sorgenbuch: „Lieber Gott, mach, dass meine Enkel bald ganz gesund sind“, steht darin zu lesen. Oder: „Stehe meiner Tochter bei, dass sie bald einen neuen Arbeits­ platz findet.“ Ein Kind wünscht sich in zierlicher Schrift: „Ich bitte darum, dass es meiner Mama bald wieder besser geht.“ Ein Jakobswanderer schreibt: „Auf dem Weg nach Santiago, bleib bei mir!“ Prozessionen zum Bruderkirchle Das Bruderkirchle ist zugleich die Michaels­ kapelle. Mit seiner ungewöhnlichen Geschichte und der reichen Sagenwelt haben sich seit jeher viele Historiker befasst. Einer der besten Kenner des Bruderkirchles war der Donau eschinger Stadtpfarrer Monsignore Dr. Heinrich Feurstein (1877 ­ 1942). Er erforschte zur Zeit des Ersten Weltkriegs als wohl erster die Geschichte des Kirchleins auf wissenschaftlicher Basis – auch vor Ort in Vöhrenbach. Heinrich Feurstein starb später im KZ, wurde nach seiner Neujahrspredigt am 7. Januar 1942 von der Gestapo festgenommen und am 5. Juni 1942 nach Dachau verbracht. Dort erlag der Geistliche im Juli den Folgen der Haft. Die ältesten Spuren einer Verehrung der sieben Frauen finden sich um 1600 im Jahrzeit­ buch der Pfarrei Vöhrenbach. In diesem Anni­ versarbuch entdeckte Dr. Heinrich Feurstein den Eintrag von der Hand eines Kalligraphen: „Dominica proxima post Festum S. Trinitatis est vera Dedicatio apud Septem mulieres auf 192 Geschichte


Blick ins Bruderkirchle, die Decken- und Wandgemälde stammen vom Vöhrenbacher Kunstmaler Johann Dorer (1883 – 1915). Er hat sie in den Jahren 1909/10 geschaffen. der Staig“, d. h. am Sonntag nach Dreifaltigkeit ist der eigentliche Kirchweihtag bei den sieben Frauen auf der Steig. Diese kirchliche Feier scheint bald eine Aus­ gestaltung erfahren zu haben, denn ein Nach­ trag von der Hand des Pfarrers Johann Brugger aus der Zeit um 1640 meldet: „Man zog in Pro­ zession nach der Steig und veranstaltete dort einen Opfergang.“ Die Ergebnisse seiner Forschungen ver­ öffentlicht Dr. Heinrich Feurstein 1933 in den Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar: „Das Kirchlein selbst war und ist heute dem hl. Erzengel Michael geweiht. Die erste Nennung einer Kirchpflege zum hl. Michael geschieht in einem Kaufbrief des Jahres 1563. Im Jahre 1596 ist in der Mesner­ dienstordnung von Opfergaben „gleich hie (in der Pfarrkirche) oder auf der Steig „die Rede“. Irgend eine andere schriftliche Bezeugung aus älterer Zeit liegt nicht vor.“ Einen weiteren wertvollen Hinweis fand der Vöhrenbacher Chronist Prof. Dr. Karl S. Bader in den Kirchenakten des Fürstlichen Archivs in Donaueschingen. In einem Bericht zum Vöhren­ bacher Stadtbrand von 1639 heißt es, dass die Gottesdienste übergangsweise „in dem Kirch­ lin an der Steig gen Villingen, gemeinhin das Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 193


Broder Kirchlin genannt“ abgehalten werden. Schon zu dieser Zeit gab es somit Wallfahrten und lebte im Bru­ derkirchle ein Mönch. Um 1580 woll­ ten die Fürstenberger dort auch den Friedhof anlegen, um einer weiteren Verseuchung des Trinkwassers durch die bei der Kirche mitten in der Stadt begrabenen Toten zu unterbinden. Doch die Vöhrenbacher lehnten das mit Blick auf die Entfernung zur Stadt entschieden ab. Die Bruderkirchle-Sage – die älteste Fassung „Das durch seinen Silberbergbau reich gewordene Vöhrenbach ergibt sich dem Wohlle- ben, lässt auch am Sonntag im Berg- werk arbeiten und vergisst seine Chri- stenpflichten. Die Strafe folgt auf dem Fuße: Heidnische Hunnen, die allent- halben Deutschland verwüsten, fallen brandschatzend im Bregtal ein.“ Die Verwünschungen der sieben Jungfrauen Die zweite Sage ist wesentlich prägnanter und mit tatsächli­ chen, örtlichen Ereignissen aus­ geschmückt. Pfarrer Roth hat sie 1891 in einem Wallfahrtsbüchlein festgehalten, er will sie in alten Schriften gefunden haben. Diese Schriften wurden allerdings bis heute nicht entdeckt. Dass es aber diese Sage schon lange gibt und sie somit keine Erfindung des Pfarrers sein kann, belegt das Tagebuch von Abt Gaiser, der im Visitationsbericht von 1651 schreibt: „Man sagt, dass diese sieben Jungfrauen die Märtyrer­ krone tragen, doch ist das nicht urkundlich bezeugt. Der Altar der Kapelle ist profaniert (d.h. dem kirchlichen Gebrauch entzogen). Es gibt Leute, die sagen, das Kirchlein sei ehedem ein Klösterlein gewesen.“ Die Wallfahrt zum Bruderkirchle war zu die­ ser Zeit bereits in vollem Gang. Abt Gaiser: „Bis heute ist ein lebhaftes Wandern und Wallfahren zu der Kapelle.“ Ohne die Bruderkirchlesagen wären diese Wallfahrten jedenfalls nur schwer vorstellbar, sie lieferten den Menschen den Grund dafür, mit ihren Anliegen zu den sieben Frauen zu pilgern. Im Wallfahrtsbüchlein veröffentlicht Pfarrer Roth die Sage wie folgt: Das durch seinen Sil­ berbergbau reichgewordene Vöhrenbach ergibt sich dem Wohlleben, lässt auch am Sonntag im Bergwerk arbeiten und vergisst seine Christen­ pflichten. Die Strafe folgt auf dem Fuße: Heid­ nische Hunnen, die allenthalben Deutschland verwüsten, fallen brandschatzend im Bregtal ein. Die Stadt wird belagert und zur Übergabe aufgefordert: „Ergebt euch und zahlt das Lö­ segeld, das wir verlangen. Weigert ihr euch, so werden wir mit Feuer und Schwert euch und eu­ re Häuser vernichten. Eure Freiheit könnt ihr nur dadurch erkaufen, dass ihr eurem Christengott abschwört und unseren Baal anbetet.“ Das wahre Alter des Bruderkirchles lässt sich nicht mehr feststellen – gut vorstellbar, dass es in die Zeit der Stadtgründung von 1244 zurückreicht. Für Spekulationen bleibt so viel Raum, zumal zwei Sagen bezeugen, dass es in der Tat sehr alt sein muss. Die Sagen sind in unzähligen Büchern zu finden – selbst in Österreich. Es gibt drei Varia tionen. Die nachstehend wiedergegebene Fassung gilt als die älteste der drei Jungfrauen­ Sagen und ist u.a. in Schnetzlers „Badischem Sagenbuch“ von 1846 veröffentlicht. Sie lautet in der Kurz­ darstellung: „Eines Tages fallen die Hunnen unter Attila ein, brechen die Burg und fallen die Schloßjungfrauen an, die auf ihr heißes Gebet in Engel verwandelt, ungefährdet durch die staunenden Reihen der Feinde zum Kirchlein hinüberschweben, das sie aufnimmt und sich sofort wieder schließt.“ Bei den sieben Frauen handelte es sich um die sieben schönen Töchter des Burgherren, heißt es weiter. Diese Sage steht im Zusammenhang mit einer anderen, ebenfalls nicht belegbaren An­ nahme: der alten Stadt! Bis heute hält sich in Vöhrenbach die Mutmaßung, dass auf der Höhe über dem Bruderkirchle die „alte Stadt“, das Ur­Vöhrenbach, gelegen habe. Dies auch, weil dieses Gewann seit jeher mit „Burg“ bezeichnet ist. Dort soll somit jene Burg gestanden haben, von der die Sage erzählt. 194 Geschichte


Ausschnitt aus dem Ölgemälde von 1727 (geschützt durch starkes, spiegelndes Glas), das im Vorraum zum Bruderkirchle hängt und die Sage der Verbrennung von sieben Jungfrauen durch die Hunnen darstellt. Die sieben Vorsteher der Stadt beschließen nach kurzem Besinnen: „Wir fallen ab“. Die gan­ ze Bürgergemeinde stimmt ein – mit Ausnahme der sieben Frauen der Vorsteher, die, ihre Kinder an der Hand, die Bürger beschwören, ihrem Glauben treu zu bleiben. Ihre Mahnung wird in den Wind geschlagen. Die Frauen verbergen sich nun mit ihren Kindern in den Kellern ihrer Häu­ ser. Inzwischen werden Kreuze und heilige Bil­ der umgeworfen, die Tore dem Feinde geöffnet und die Kirche zum Baalstempel entweiht. Die sieben Frauen werden von ihren eigenen Männern ausgeliefert und auf dem Scheiterhau­ fen der Stadt verbrannt. Zuvor hatte man ihnen, obwohl die Sonne heiß brannte, einen letzten kühlenden Trunk verwehrt: Siehe, da sprang aus dem dürren Boden plötzlich eine Quelle zu den Füßen der Weiber, die Bande fielen von ihren Händen und sie tranken. Als die Flammen be­ reits begannen ihre Füße zu lecken und das Volk in wilder Lust um das Feuermal tanzte, kam ein prophetischer Geist über die Blutzeuginnen und jede tat einen merkwürdigen Ausspruch: Die erste sprach: Eure Reben werden verdor­ ren und eure Obstbäume absterben, denn ihr habt die Labung versagt den Dürstenden. Die zweite sprach: Eure Silbergruben werden einstürzen und unergiebig bleiben, denn aus ih­ nen kam euer Frevel und Übermut, der uns alle verdorben hat. Die dritte sprach: Dreimal wird eure Stadt in Flammen aufgehen, denn der Zorn des Herrn ist über euch. Die vierte sprach: Und wenn ihr die Stadt wieder aufbaut, so wird ihre Mauer nie vollen­ det werden und immer dem Feinde offen ste­ hen, weil ihr so feige euch ergeben habt. Die fünfte sprach: Euer Regiment und Rat wird niemals vollzählig sein und der beste Mann immer darin fehlen, denn ihr habt eure Pflicht gegen Gott und die Heimat verraten. Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 195


Die sechste sprach: Es wird euch genommen werden das Recht über Leben und Tod, weil ihr die Unschuld zum Feuer verdammtet wie eure See­ len zum höllischen Pfuhl. Die siebente endlich sprach: Nim­ mer soll aufhören dieser Prophezeiun­ gen Bann, als bis einst Gottes Weisheit erlaubt, dass ein sündenreines Auge in der Karfreitagnacht in jenem frisch entstandenen Brunnen schaue, darin wird es geben einen großen Fisch, der in seinem Maule sieben goldene Schlüssel trägt. Das sind alsdann die Schlüssel zu euern verlorenen Reich­ tümern, und ihr möget sie nehmen und eure Schätze damit wieder öffnen, wenn es die Gnade Gottes gestattet. Nun werden die Frauen von den Flammen verzehrt, die Heiden ver­ suchen vergebens, die wunderbare Quelle zuzuwerfen und die Vorsteher sterben eines elenden Todes. Sieben Jungfrauen, die sich durch ihr frommes Leben den Hass der Einwohner zuzogen, sind der Sage nach auf Befehl des Schultheißen Mändle gefangen genommen worden. Die Vöhrenbacher klagten sie der Zauberei an und ver- brannten die Frauen als Hexen – und Die dritte Fassung der Bruderkirchlesage Nach einer anderen Fassung der Sage, die das Wallfahrtsbüchlein von Pfarrer Roth ebenfalls ver­ zeichnet, sind die Träger der Legen­ de nicht sieben Frauen, sondern sieben Jungfrauen, die sich durch ihr frommes Leben den Hass der Einwohner zuzogen, besonders des Schultheißen Mändle. Auf seinen Befehl hin wurden sie gefangen, der Zauberei angeklagt und als He­ xen verbrannt – und zwar am Plat­ ze des heutigen Bruderkirchleins. Auch diese sieben Märtyrerinnen sprechen eine letzte Voraussage: zwar am Platze des Die erste: So gewiß sind wir heutigen Bruder- kirchles. unschuldig, als Vöhrenbach drei­ mal verbrennen wird. Die zweite: So gewiß sind wir unschuldig, als der Stadtrat nie Ansichtskarte um ca. 1.900 mit Motiven aus Alt-Vöhrenbach. Im Mittelpunkt steht die Bruderkirchlesage, die Verbrennung der sieben Jungfrauen. 196 Geschichte


Die Gefangennahme der sie- ben Frauen durch die Hunnen (Ausschnitt des Gemäldes von 1727, beeinträchtigt durch starke Spiegelungen). ein volles Jahr vollzählig bleibt, und das Geschlecht der Mändle ausstirbt. Die dritte: So gewiß sind wir unschuldig, als hier kein Obstbaum mehr gedeihen und Früchte tragen wird. Die vierte ist vom Verfasser versehentlich ausgelassen. (Zu ergänzen ist vermutlich der Verlust des Blutgerichts.) Die fünfte: So gewiß sind wir unschuldig, als eure Silberbergwerke unergiebig werden. Die sechste: So gewiß sind wir unschuldig, als euer Götzentempel eingehen wird. Die siebente warf vom Scheiterhaufen aus noch ein Gebind von sieben goldenen Schlüs­ seln auf die Erde, nachdem sie mit lauter Stim­ me gesprochen hatte: So gewiß bin auch ich un­ schuldig, als an der Stelle, wo ich diese Schlüssel hinwerfe ein Brunnen entsteht. Darin wird alle sieben Jahre am Karfreitag vor Sonnenaufgang ein Fisch mit den Schlüsseln um den Hals er­ scheinen. Aber nur der kann ihn sehen, der ganz rein von Sünden ist. Im Augenblick entsprang auf dem Platz eine Quelle, und auch die Vorhersagen der übrigen Jungfrauen gingen mit der Zeit alle in Erfüllung. lierartigen Schürzen ist die bürgerliche Frauen­ tracht des ausgehenden 16. Jahrhunderts, die sich in dem abgelegenen Waldtal noch viele Jahrzehnte erhalten haben mag. Die Malerei zeigt jedenfalls die Stilmerkmale der Zeit, in der sie entstanden ist. Möglicherwei­ se ist das Gemälde die Nachbildung eines älte­ ren aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, und wir hätten dann einen ähnlichen Vorgang wie bei dem Ruchtrautbilde in Mistelbrunn. Diese Zeit war, wie wir schon bei der Ruchtrautlegende gesehen haben, stark wundergläubig und dem Außerordentlichen zugetan. Die Hexenprozesse jener Tage, die auch auf der Baar nicht selten waren – schon um 1540 wird eine Hexe Ella Wallin in Bräunlingen ver­ brannt – haben sich stark in die Vorstellung des Volkes eingegraben und machen die Erfindung solch blutrünstiger Vorgänge wie den Feuertod der sieben Frauen auf dem Scheiterhaufen er­ klärlich.“ Das Ölbild aus dem Jahre 1727 Das Votivbild aus dem Jahre 1727 im Vorraum des Bruderkirchleins, das früher am rechten Sei­ tenaltar der Vöhrenbacher Kiche hing, stellt die Sage bildlich dar. Heinrich Feurstein vermerkt dazu: „Oben ist die Gefangennahme der bei ihren häuslichen Beschäftigungen betroffenen Frauen zu sehen. Die untere Hälfte des Bildes zeigt die sieben Frauen auf dem Scheiterhaufen. Die Tracht der Frauen mit den schmalen kapu­ Die Zeit der Entstehung Es wird vermutet, dass die Sage rückwirkend geschrieben, sprich mit tatsächlichen Ereignis­ sen ausgeschmückt wurde, eventuell nach dem zweiten Vöhrenbacher Stadtbrand. Dr. Feurstein kommt zum Schluss: „Im 16. Jahrhundert be­ steht in Vöhrenbach eine Volksverehrung von sieben Frauen. … Dieser Kult nimmt mit der Zeit ketzerische Formen an und entwickelt aus sich Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 197


Von Waldbrüdern und Wallfahrten Seit wann im Bruderkirchle in der winzi­ gen Wohnung über der Kapelle ein Mönch wohnte, ist ungewiss. Erste Hinweise gibt es für das 16. Jahrhundert, die Kirchenakten sprechen vom „Bruderkirchle“. Durch die Berichte von Abt Gaiser ist gewiss, dass es zu dieser Zeit bereits Wallfahrten „zu den sieben Frauen“ gab. 1733 bittet Pfarrer Nathan darum, das Kirchlein ausbauen zu dürfen, da die Wallfahrt einen starken einheimischen und fremden Zulauf habe. In der Zwischenzeit hatte sich auch wieder ein Waldbruder gefunden: 1731 erhält Jakob Heugele, ein Mitglied des Dritten Ordens des hl. Franziskus, die herrschaftliche Er­ laubnis, eine Eremitage zu errichten. Doch ist Heugele kein einfacher Mann, er verprü­ gelt die Schuljugend und wird schon ein Jahr später durch Hans Michael Kempter abgelöst. Immer wieder kommt es im einsam ge­ legenen Bruderkirchle zu nächtlichen Plün­ derungen des Opferstockes. Auch unter die­ sem Gesichtspunkt wird empfohlen, dauerhaft einen Eremiten­Waldbruder anzusiedeln. Noch heute zeugt aus dieser Zeit ein kleines Fenster im Deckenbereich der Kapelle, das es dem je­ weiligen Waldbruder erlaubte, die Gläubigen zu beobachten. Es gab über Jahrzehnte hinweg eine große Zahl von Bewerbern für die Eremitage, was die Pfarrakten belegen. Um 1800 herum starb das Waldbruderwesen dann aus. Bewohnt ist das Dachgeschoss der Kapelle indes noch heute, es dient als Privatwohnung mit besonderem Flair. Einziges Zeugnis von Alt-Vöhrenbach Durch die Stadtbrände von 1544, 1639 und 1813 ist das Bruderkirchle das einzige bedeutende bauliche Zeugnis des alten Vöhrenbachs, das überdauern konnte. Der Bau wurde im 18. Jahr­ hundert auf Betreiben von Pfarrer Claudius Nahan mit dem barocken Zwiebeltürmchen versehen. Das bereits erwähnte Ölgemälde vom Die märchenhafte Idylle vom Dasein als Waldbruder beim Vöhrenbacher Bruderkirchle entstand 1910/11. Geschaffen hat das Deckengemälde Kunstmaler Johann Dorer. heraus unter Aufnahme benachbarter Einflüsse eine umfangreiche Legende von sagenhaftem Zuschnitt, die nach dem Stadtbrande von 1639 und dem Aussterben der Mändle 1647, jedenfalls im ausgehenden 17. Jahrhundert fertig vorliegt.“ Pfarrer Manfred Hermann verweist in sei­ nem Führer zur Pfarrkirche und zum Bruder­ kirchle als mögliche Quelle für die Sage auf die Lebensbeschreibung des heiligen Blasius, des Märtyrerbischofs von Sebase in Armenien. In der weit verbreiteten „Goldenen Legende“ treten sieben Frauen auf, die wie in der Vöhrenbacher Sage den Märtyrertod starben. In Vöhrenbach wurde um 1600 der Tag des heiligen Blasius als Halbfeiertag begangen, ein Zeichen für seine große Verehrung. 198 Geschichte


Lithographie von Casimir Stegerer zur Wallfahrt zum Bruderkirchle. Die Kapelle liegt an der Steig nach Villingen. Das Kunstwerk ist um 1835/40 entstanden. Links ist ein Arma-Christi-Kreuz mit den fünf Wundmalen zu sehen, das 1988 nachgebildet wurde (s. dazu Seite 201). Das Bruderkirchle an der Steig um 1900 und in den 1930er-Jahren mit der alten Straße nach Villingen. Die kolo- rierte Fotografie links wurde als Glückwunschkarte zum neuen Jahr veräußert. Das Äußere der Kapelle ist seit ca. 1733 bis auf das Häuschen beim Brunnentrog (siehe Stegerer-Stich oben) unverändert. Damals erhielt die Kapel- le ihr barockes Türmle und eventuell auch den heute bekannten Eingangsbereich mit Wohnraum darüber. Das Bruderkirchle in Vöhrenbach 199


Märtyrertod der sieben Jungfrauen mit dem Entstehungsjahr 1727 ist ebenfalls seiner Zeit und seiner Initiative zuzuordnen. Der steinerne Rundbogen des Brunnentroges trägt die Jahres­ zahl 1742. Auch er stammt somit aus der Blüte­ zeit der Bruderkirchle­Wallfahrten. Das heutige Bruderkirchle verdankt seine künstlerische Ausgestaltung zu großen Teilen Veränderungen im 19. Jahrhundert und einer Restauration in den Jahren 1911/12, an der we­ sentlich Kunstmaler Johann Dorer beteiligt war. In dieser Zeit entstand das malerische Decken­ gemälde des Waldbruders (s. Seite 198). Das Kleinod der Vöhrenbacher Seine heimelige Ausstattung, die geheimnis­ volle Geschichte und die Lage nah bei der Stadt haben das Kirchlein zu einem Kleinod werden lassen, an dem ganz Vöhrenbach hängt. Wie sehr das Bruderkirchle das Leben der Vöh ren­ bacher begleitet, zeigt sich daran, dass dort Trau ungen stattfinden – auch Silberne, Goldene oder Diamantene Hochzeiten – und immer wie­ der Gottesdienste gehalten werden. Auch für Menschen aus der Fremde ist die Kapelle ein Schutzraum gewesen. Französische Kriegsgefangene aus dem Zweiten Weltkrieg konnten dort ihre Gottesdienste ab­ halten. Einer der Gefangenen, Abbé Emile Ciceron, schreibt 1979 in seinen Erinnerungen: „Nie hätten wir gedacht, so viel Achtung und Freund­ lichkeit bei unseren soge­ nannten Feinden zu finden. Eine Kollekte wird unter uns beschlossen. Sie wird mir anvertraut mit dem Auftrag, ein Bild für das Bruderkirchle malen zu lassen. Für die Ka­ pelle, für die wir die Geneh­ migung zur Feier der heiligen Messe hatten.“ Ein Geheimnis allerdings hat sich das Kirchlein an der Dieses für das Bruderkirchle geschaffene Gemälde ist ein Geschenk französischer Kriegsgefangener für die freundliche Aufnahme und gute Behandlung durch die Vöhren bacher im Zweiten Weltkrieg. Steig bewahrt: Schon einige Vöhrenbacher stan­ den am Morgen des Karfreitag vor der Brun­ nenstube des Bruderkirchles, auf den Fisch mit den sieben goldenen Schlüsseln hoffend, damit die alte Stadt endlich von ihren sieben Ver­ wünschungen befreit ist. Doch alles Warten in der morgendlichen Kälte war bislang vergebens: Das Bruderkirchle bleibt ein überaus liebens­ würdiger, aber halt verwunschener Ort. Links: Historischer Opferstock, wohl 18. Jahrhundert. Rechte Seite: Hochaltar von Josef Ummenhofer, ge- schaffen 1886. Der linke Seitenaltar zeigt die „Sieben Jungfrauen“ von Dominik Weber, 1858 (unten links). Das Arma-Christi-Kreuz wurde 1988 auf Initiative des damaligen Stadtpfarrers Bernhard Adler neu errichtet (s. auch Lithographie auf S. 199). 200 Das Bruderkirchle in Vöhrenbach


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Dem Himmel, der Erde so nah Variationen über Wahrnehmung, Bewegung und Raum im künstlerischen Werk von elfi schmidt von Ursula Köhler Seit mehr als vier Jahrzehnten schafft die in Schwenningen geborene Künstlerin elfi schmidt ein facetten- reiches Werk, das immer wieder über- raschende Wendungen nimmt. Die Basis für einen weiten Kunstbegriff erarbeitete die Meisterschülerin des unzeitgemäß figurativen Malers Peter Voigt sich bereits in den 1970er-Jahren an den Kunsthochschulen in Hanno- ver und Braunschweig. Performances, Zeichnungen, Objekte, Installationen gehören ebenso gleichberechtigt zu ihrem Ausdrucksrepertoire wie Reise- und Kunsttagebücher. Porträt mit Blütenblatt – Primel, 2012 Die von ihr verwendeten Materialien könnten einfacher nicht sein, handelt es sich doch um Gebrauchs­ und Naturmaterial. Ob mehrfach umgenutzte Zementsäcke, Zeitungspapier, Tex­ til, Erde, gesammelte Blüten und Baumsamen, es sind die eher unscheinbaren, selbstverständ­ lichen Erscheinungen und Dinge der Umwelt, denen elfi schmidts künstlerische Aufmerksam­ keit gilt und denen sie mit unspektakulären Techniken, wie Modellieren, Nähen und Pres­ sen, zu spektakulärer Schönheit verhilft. Lapidar bezeichnet sie meist Pappmaché, Pigment und Binder als die Zutaten, aus denen ihre Kunst entsteht. Eher beiläufig werden die Orte ihres Schaf­ fens in den Werken sichtbar: Ägypten, Gambia und Senegal1, in den Jahren 1982 bis 2000 zu regelmäßigen, langen Ar beitsaufenthalten be- 202 8. Kapitel – Kunst


Abb. 1: Gefallene Apfelblütenblätter, 2014/15, Bodeninstallation, 145-teilig, ca. 300 cm Durchmesser elfi schmidt 203


Abb. 2: Fruchtflügler – Birke, 2014/15, Luftrauminstallation, 200-teilig tende Vermögen zu schauen und zu staunen. Unabhängig von Wand oder Sockel der Aus- stellungsorte, an filigranen Haltevorrichtungen kaum merklich befestigt, machen diese Installa- tionen sichtbar, was als Selbstverständlichkeit sonst ausgeblendet wird: Raum ist eine im- materielle Größe, die Formenvielfalt der Natur unendlich. Die Art und Weise, in der elfi schmidt konzeptuelle Fragestellungen in einer eigen- ständigen Bildsprache formuliert, zu der sich Naturmetaphern gesellen, überschreitet den engen Horizont autonomer Kunst. Bei den Werkgruppen Fruchtflügler, Blüten- blätter (Abb. 3 und 4) und Flugsätze (Abb. 5, sie- he S. 200) wird jeder Ausstellungsraum neu ver- messen. Da die Künstlerin jedes der individuell geformten Einzelelemente im additiven Verfah- ren in situ zu Installationen bündelt, spiegeln diese die jeweilige Ortssituation passgenau, mal als spiralförmig tanzende Flugsamen, mal als dichter Blätterregen. Wie ihre natürlichen Verwandten schweben die aus Pappmaché ge- formten Elemente – provoziert durch die Ther- mik – leicht im Raum. Schon in ihrer früheren Werkgruppe der Ufos, den unbekannten Flugobjekten von 1995- 2009, thematisierte elfi schmidt die vielschich- tigen, mehrdeutigen Möglichkeiten der Raum- durchdringung. Denn eigentlich handelt es sich bei den Bildobjekten in kräftiger Farbigkeit, mit prägnanter Oberflächentextur, deren Umrisse ein Spiel mit geometrischen Grundformen er- kennen lassen, um unbekannte Kunstobjekte. Formal und real schweben die Objekte interkul- turell zwischen Europa und Afrika. Tatsächlich haben etliche dieser Ufos den transkontinenta- len Flug, flach in einem Rucksack verstaut, zu- rückgelegt. Aus ihnen formte elfi schmidt ambi- valente Bildobjekte, die in der Bildsprache eben- so auf die shaped canvasses der europäischen Moderne anspielen wie auf afrikanische Schilde. Noch bevor die „anderen Modernen“ in der ak- tuellen Kunstdebatte gewürdigt und der koloni- reist, stehen gleichrangig neben der Landschaft rund um Schwenningen mit dem heimischen Gartenreich. Und doch lassen sich in der Ge- samt schau, bei aller Diversität, Gemeinsamkei- ten und eine durchgängige Struktur erkennen. Bewegung ist eine solche Konstante, ebenso der genaue, analytische Blick auf Körper und Raum, wobei das Ephemere spielerisch gedeutet und inszeniert wird. Raum und Bewegung Raumgreifend, schwebend, gelegentlich zu Bo- den gefallen, füllen die jüngsten Installationen von elfi schmidt Luft- und Erinnerungsräume (Abb. 1 und 2). Das physikalische Gesetz der Schwerkraft scheint bei ihnen nicht zu wirken, vielmehr appellieren sie an das erkenntnisstif- 204 Kunst


Abb. 3: Fruchtflügler – Ahorn, 2000-2012, Luftrauminstallation, 33-teilig Abb. 4: Hängende Blütenblätter, 2002-2007, Luftrauminstallation, 222-teilig, (Detail) elfi schmidt 205


Abb. 5: Flugsätze, 2006, Luftrauminstallation, 33-teilig ale Blick auf die ehemaligen außereuropäischen Inspirationsquellen vieler Impressionisten und Expressionisten suspekt wurde, entstanden mit den Ufos Bildobjekte, die nun wohl als „hybride Formen“ identifiziert würden. elfi schmidts un- bekannte Objekte sind weit mehr als Wandre- liefs, mit denen der Raumbezug eher imaginär ausgelotet wird. Manche mutieren zu tragbaren Schutzschilden, um Akteure in Performances zu werden, etwa im Tanz der Schilde, 2000. Damit knüpft die Künstlerin an Performance- Themen an, die sie seit 1979 entwickelte. Der eigene Körper wird als Material und Mittel der Selbst- und Welterfahrung eingesetzt. Einen schutzbedürftigen Körper, der sich im umge- benden Natur- oder Kultur-Raum und im zyk- lischen Zeitverlauf suchend verortet, zeigten Hauthülle, 1993 und 1996, und Vier Federfelle, 1988, (Abb. 6 und 7). Die Form der Performance, deren transitorische Qualität sich nicht medial dokumentieren lässt, enthält im Kern schon die künstlerischen Möglichkeiten der zukünftigen Luftrauminstallationen. Zwar unterscheiden sich beide Verfahren in der Art, wie sie Verän- derlichkeit und Vergänglichkeit sinnlich wahr- nehmbar machen, beide rechnen jedoch mit zufälligen Begegnungen und bieten Raum für Unvorhergesehenes. Wahrnehmung und Zeit Wie situationsabhängig Wahrnehmung funk- tioniert, veranschaulichen die Vier Federfelle. Je nach Fotoansicht könnten es überdimensionale Kapuzen als Körperschutzkleid oder fremdartige Behausungen in einer unbekannten Seeland- schaft sein. Verfremdung ist ein Mittel, um im Vertrauten Unbekanntes aufleuchten zu lassen. Jahreszeitlich gefärbte Federfelle verweisen zei- chenhaft auf den Lauf der Zeit, der am Ufer des heimatlichen Riedsees mittels Fotoausschnitt zum Stillstand gebracht wurde. Die Gewissheiten der Wahrnehmung scheinen elfi schmidt suspekt, in immer neuen Varianten verunklärt sie Bekanntes, so dass Welterfahrung und Erkenntnis zum Abenteuer mit großem Entdeckungspotenzial werden. Im kleinen Samenkorn wussten die Gelehrten des Mittelalters und der Renaissance die ganze Welt 206 Kunst


Abb. 6: Vier Federfelle, Aktion am Riedsee, 1988 Abb. 7: Vier Federfelle, Performance, 1988 elfi schmidt 207


zu entdecken. Und bei elfi schmidt werden aus natürlichen Winzlingen, der Samen einer Hain- buche misst kaum ein Zentimeter, Pappmaché- Giganten mit bis zu einem Meter Spannweite, die raumgreifend Aufmerksamkeit erzielen. Bei den Blütenblättern und Fruchtflüglern wirkt die überproportionale Vergrößerung irri- tierend und fremd. Als Erinnerungshauch schei- nen die Blüten von Primeln, Stiefmütterchen, Tulpen, Iris, Lilie, Mohn und Rose oder die Früch- te von Ulme, Buche, Linde, Ahorn und Birke durch die künstlerischen Transformationen hin- durch. Zwar wurden die natürlichen Pflanzen- vorbilder von elfi schmidt nach Botaniker-Tra- dition im Jahresverlauf gesammelt und mit systematischer Akribi präpariert, zu Prototypen geordnet, ihre spezifischen Blattformen und Farbnuancen im Kunsttagebuch notiert, jedoch dient die genaue unmittelbare Beobachtung, der zugewandte Blick, anderen Zwecken als der pflanzlichen Klassifizierung. Aus der Überfülle der Natur werden einzelne Kronblätter und Sa- men herausgehoben und plastisch monumen- talisiert. Die vergänglichen, zarten Blütenblätter werden so zu dauerhaften, kräftigen Vertretern von Schönheit, die in der Installation dem jah- reszeitlichen Wandel entzogen, sogar zeitgleich erblühen können und im Verbund der Einzel- elemente eine nie gesehene variantenreiche Einheit erzeugen. Durch diesen künstlerischen Umformungsprozess wird die Naturform einer- seits zu einer polyvalenten Chiffre, andererseits fordert sie dazu auf, die sichtbare Realität in einer medial überfrachteten Wirklichkeit nicht aus den Augen zu verlieren. Mit ‚ehrlichem Au- ge und getreulicher Hand‘, im Sinne Albrecht Dürers, stellt elfi schmidt die Dinge so dar, wie sie erscheinen. Sie fokussiert auf das Nahelie- gende, das in einer globalisierten, nachmoder- nen Welt in dem Maße außer Kurs gerät, in dem Entfernungen schrumpfen, Kommunikation medialisiert und physische Körper unwichtig werden. Wissensspeicher und Körper Natur und Bücher galten in der vordigitalen Welt als Wissensspeicher per se. Im Buch der Abb.8: Blütenblätterbuch, II, 2012-2015 208 Kunst


Natur lasen Naturforscher und Künstler einst gleichermaßen, so dass Schriftlichkeit zum Bin- deglied zwischen Natur und Kultur avancierte. Persönliches Wissen aus dem Stadium gedank- lichen Memorierens zu befreien, indem es in schriftlicher Form langfristig festgehalten wird, war ein erster Schritt, den ‚Erinnerungsspeicher‘ Gehirn nach außen zu verlagern. Mit der tech- nischen Revolution des Buchdrucks gewann Handschriftlichkeit eine eigene Bedeutung. Ein Nachfahr dieser explizit manuellen Erinne- rungstechnik mag das Tagebuch sein.2 Bücher in unterschiedlicher Ausprägung nehmen in elfi schmidts Schaffen einen großen Raum ein. Seit Anfang der 1970er-Jahre beglei- tet sie ihre Arbeit in Reise- und Kunst-Tage- büchern, deren Zahl inzwischen auf 173 Bände gestiegen ist. Es sind collagierte Verbindungen zwischen alltäglichen Erlebnissen und künstle- rischer Reflexion in Schrift, Aquarellen, Zeich- nungen, Skizzen und Klebearbeiten. Zwischen Archiv und Labor changieren ihre Funktionen. Oft vergehen Jahre, bis aus einer Idee ein neuer Themenkomplex entsteht. Eine erste Ideenskizze zur Birkeninstallation findet sich beispielsweise im Kunsttagebuch von 2008, aufgegriffen und realisiert wurde die Idee schließlich 2014-2015. In Blütenblätterbü- chern (Abb. 8) hat elfi schmidt das Kunst-Tage- buch-Format thematisch verdichtet. Es doku- mentiert die Entwurfsstadien zur Werkgruppe florale Folio (Abb. 9). Formal zitieren sie die Buchform als Körper mit Einband und Seiten, eingeschrieben sind diesen Büchern keine Sätze, wie es in der Luftrauminstallation Flugsätze mit handschriftlichen Titelseiten der Fall ist, son- dern zeilenweise dicht gesetzte Blütenblätter. Jedes florale Folio repräsentiert eine Blumenart und breitet die Vielfalt innerhalb einer Sorte aus. Da zunächst jede Blüte blattweise getrock- net und gepresst wird, liegen die individuellen Charakteristika von Farbe und Textur offen. Nach künstlerischen Gesichtspunkten können die Blütenblätter in einem nächsten Schritt neu geordnet werden. Ihre Farbigkeit kann wie Pigment, ihre Form als Struktur malerisch ein- gesetzt werden. Diese Malmittel entfalten eine unvergleichlich stoffliche Wirkung. Manche Abb. 9: Florale Folio – Rosen, 2011, Luftrauminstallation, 45-teilig (Detail) Blütenoberflächen scheinen samtweich, andere liegen als glänzendes Gefieder oder metallische Schuppen auf den Buchseiten. Haptisch und op- tisch täuscht die Werkgruppe florale Folio über ihre wahre Herkunft und Beschaffenheit. Wer in diesen Büchern der Natur liest, erhält detail- reiche, fragmentierte Informationen über die strukturellen Besonderheiten jedes Blütenblatts und jeder Pflanzenart, ohne dass sich aus die- sem Wissen die natürliche Blüte rekonstruieren lässt. elfi schmidts Umformung ist eine irrever- sible Neuschöpfung und Festschreibung. Als Ob- jekte in Vitrinen und an der Wand gleichen sie Nachschlagewerken mit reichem Anschauungs- material, im Luftraum schwebend entziehen sie sich wie flüchtige Gedanken. 1 Horst Kurschat: Inspirationsquelle Afrika. Die multi- ästhetische Bildsprache der Schwenningerin elfi schmidt; in: Almanach 1998, S. 247-252 2 Vgl. Rainer Metzger: Relektüren, Folge 31; in: Kunstforum International, Bd. 228, August – Septem- ber 2014, S. 330 elfi schmidt 209


Grenzenlose Hilfe Feuerwehren und Rettungskräfte im Schwarzwald-Baar-Kreis kooperieren mit Kanton Schaffhausen – Blumberger Wehr als Vorreiter von Bernhard Lutz Meterhoch schlugen die Flammen aus der Blum- berger Eichbergsporthalle in den Nachthim- mel. Stundenlang kämpften rund 130 Feuerwehrleute in der Nacht zum 23. August 2003, einem Samstag, um den Erhalt von Blumbergs Schmuckstück. Auch die Drehleiter von Donaueschingen war im Einsatz – und Feuerwehrleute aus Schaffhausen. Doch sie alle konnten nicht verhindern, dass die 1987 eingeweihte Halle bis auf die Grundmauern abbrannte. Es war ei- ner der verheerendsten Brände in den letzten 20 Jah- ren im Schwarzwald-Baar-Kreis, der Schaden betrug fünf Millionen Euro. Jugendliche hatten die Feuerwehr gegen 0.40 Uhr alarmiert, anhand von angezündeten Mülleimern unter dem Vordach wurde schnell klar, dass es sich um Brandstiftung handelte, der oder die Täter wurden nie ermittelt. 210 Zeitgeschehen


Der Einsatz der Freunde aus Schaffhausen beim Blumberger Brand basierte auf den guten Be- ziehungen der Kameraden dies- und jenseits der Grenze, sprich Blumberg und Schaffhausen. Im Jahr 2004 wurde die gegenseitige Hilfe in Vertragsform gegossen. Wie viel gegenseitiger Respekt vorhanden ist, zeigt sich unter anderem daran, dass mit Paul Werner und Herbert Distel zwei frühere Schaffhauser Kommandanten zu Ehrenkommandanten und Harald Bregler zum Ehrenmitglied der Blumberger Feuer- wehr ernannt wurden. Umgekehrt wurden der langjährige Kreisbrandmeister im Schwarz- wald-Baar-Kreis, Manfred Bau, und Blumbergs Gesamtkommandant, Reinhold Engesser, zu Ehrenmitgliedern des Kantonalen Feuerwehr- verbands Schaffhausen ernannt. So etwas hatte es bis dahin noch nie gegeben. Kontakte begannen vor 25 Jahren Die deutsch-schweizerischen Kontakte began- nen vor rund 25 Jahren, wurde jetzt bei einem Treffen der maßgeblichen Kräfte auf beiden Seiten im Feuerwehrstützpunkt Schaffhausen deutlich. Das Ganze fing mit einer gemein- samen Waldbrandübung im Gewann Hohen Hengst an, einem Gebiet zwischen dem deut- schen Zoll in Blumberg-Neuhaus, Blumbergs Stadtteil Fützen und dem Schweizer Zoll in Bar- gen. Der Blumberger Kommandant war damals Helmut Müller, die Schaffhauser Kameraden leitete Paul Werner. Die Blumberger hätten in ihrem Wald geprobt, „wir probten in unserem Teil des Waldes“, schildert Paul Werner. Helmut Müller sei damals mit der ersten Frauengruppe der Blumberger Feuerwehr angekommen und habe damit Eindruck gemacht, die Damen ka- men aus Epfenhofen. Nach der Übung gab es ein gemeinsames Vesper. „Das war die Initialzün- dung“, sagt Paul Werner rückblickend. Danach wurde es ein bisschen ruhiger, man habe sich ab und zu getroffen. Als Hondingens damaliger Abteilungskom- mandant Reinhold Engesser 1995 Gesamt- kommandant der Blumberger Feuerwehr wurde, wurden die Kontakte wieder intensiver. Engesser bemühte sich erfolgreich, die bislang neun Abteilungen in Blumberg und den Stadt- teilen zu einer Gesamtwehr zu vereinen. Und er wollte auch Partner im Süden. Blumberg war und ist der einzige Grenzort des Schwarz- wald-Baar-Kreises zur Schweiz, die nächstgele- gene Stadt im Süden ist Schaffhausen. Gesamtkommandant Reinhold Engesser lud Schaffhausens Kommandant Paul Werner zu einer Übung in den Längewald bei Hondingen ein. Paul Werner kam. Danach wurden die Kon- takte intensiver, „man hat sich bei jedem Tref- fen besser kennengelernt, schildern beide. Als großen Schub werten beide die Offizierskurse der Schaffhauser Feuerwehr über mehrere Jahre jeweils im Januar, für die Reinhold Engesser viele Zugführer motivieren konnte. Dort hätten sie sich näher kennengelernt, zumal Schweizer Kameraden aus dem ganzen Kanton Schaffhau- sen teilnahmen. Gemeinsames Training für Leistungsabzeichen Da Blumberg eine Abteilung des Gefahrgutzugs im Schwarzwald-Baar-Kreis hat, gab es eine gemeinsame Übung mit der Chemiewehr Schaff- hausen mit Hinzuziehung der Feuerwehr Donau- eschingen und der Fachleute Chemie auf beiden Seiten. Inzwischen findet jedes Jahr eine ge- meinsame Übung statt, abwechselnd im Kanton Schaffhausen und im Schwarzwald-Baar-Kreis. Die Kontakte wurden so intensiviert, dass mit Paul Werner und Harald Bregler zwei Feuer- wehrkameraden aus Schaffhausen Mitglieder der Blumberger Promi-Gruppen wurden, die für das Leistungsabzeichen übten. Das Proben war Ehrensache, selbstverständlich schafften beide Gruppen, in denen unter anderem der damalige Landrat Karl Heim und der damali- ge Bundestags abgeordnete Siegfried Kauder mittrainierten, das Leistungsabzeichen mit Bravour. Die Kooperation entwickelte sich weiter, so entstand die Idee, die gegenseitige Hilfe offizi- ell schriftlich zu vereinbaren. Der Blumberger Gemeinderat und der Stadtrat Schaffhausen fassten die jeweiligen Beschlüsse für eine „Ver- 9. Kapitel – Zeitgeschehen 211


große Wertschätzung erfuhr. Als während der Fußball-WM 2006 am 28. Juni abends der hef- tige Hagelsturm auf Schwenningen niederpras- selte und in 20 Minuten mehr als 18.000 Dä- cher zum Teil schwer beschädigte, kam dank Manfred Bau auch die Stützpunktfeuerwehr Schaffhausen vier Tage lang mit dem Hubretter und vier bis fünf Mann und half: und das alles wohlgemerkt kostenlos. Den Hubretter aus Schaffhausen fuhr Roman Stutz, der auch die Gruppe leitete. Die eindrücklichen Bilder hat er noch immer vor Augen: „Es hat ausgesehen wie nach einem Bombenangriff“, sagt er: zusammengeschla- gene Dachstühle, die beschädigten Dächer, Schutthalden von Ziegeln auf den Straßen, die Autos mit kaputten Scheiben und großen Beu- len, nur ein einziges Haus- unter einer Überfüh- rung habe ein intaktes Dach gehabt. Ihn habe beeindruckt, dass die Stadt innerhalb so kurzer Zeit so viele Feuerwehren und Fahrzeuge aus halb Baden-Württemberg zusammenbekom- men habe. Roman Stutz betont die gute Zusam- menarbeit: „Wir sind uns nie als die Schweizer vorgekommen, wir waren überall sofort dabei und haben auch gemischte Mannschaften gebildet, wir waren mit der Berufsfeuerwehr Mannheim unterwegs.“ Diese großzügige Hilfe aus Schaffhausen im Oberzentrum fand auch im Landratsamt in Villingen-Schwenningen die entsprechende Beachtung, besonders bei dem unter anderem für den Katastrophenschutz zuständigen Amts- leiter Manfred Pfeffinger. Ein Jahr später hatten Pfeffinger und sein Schweizer Pendant Martin Vögeli deswegen die Idee einer gemeinsamen Übung im deutsch-schweizerischen Grenzraum. Eine Idee, die dann nach und nach Gestalt an- nahm und im Oktober 2010 in die konkrete Pla- nungsphase überging. Internationale Katastrophenschutzübung Nimbus mit rund 1.200 Teilnehmern Das Ergebnis war die bisher größte grenzüber- schreitende Zusammenarbeit zwischen Kräften im Schwarzwald-Baar-Kreis und dem Kanton Die Feuerwehren von Blumberg und Schaffhausen üben ihren Einsatz bei einem Chemieunfall. einbarung zwischen der Stadt Schaffhausen und der Stadt Blumberg über Nachbarschafts- hilfe der Stützpunktfeuerwehr Schaffhausen und der Freiwilligen Feuerwehr Blumberg“, die am 17. April 2004 in Kraft trat. Das Wesentli- che: Bei Schadensereignissen in den Tunneln der Blumberger Sauschwänzlebahn und bei anderen Ereignissen, bei denen der Einsatz von Langzeitatemschutzgeräten erforderlich ist, leistet die Stützpunktfeuerwehr Schaffhausen der Stadt Blumberg Nachbarschaftshilfe. Umge- kehrt unterstützen die Blumberger Kameraden bei Bedarf ihre Kollegen, sei es bei Gefahrgut- unfällen oder Elementarereignissen wie zum Beispiel Hochwasser. Damit die Schaffhauser Wehr weiß, worauf sie zählen kann, erstellt die Blumberger Wehr gerade „eine Liste mit dem Material, das wir zur Verfügung haben“, sagt Gesamtkommandant Reinhold Engesser. Großzügige Hilfe aus Schaffhausen Die Kontakte zwischen den Feuerwehren in Blumberg und Schaffhausen zogen Kreise in den Schwarzwald-Baar-Kreis und den Kanton Schaffhausen, die Zusammenarbeit und der Ge- meinschaftsgeist kamen auch anderen zugute. Als weiterer Motor engagierte sich der lang- jährige Kreisbrandmeister Manfred Bau, der ob seines fundierten Wissens auch in der Schweiz 212 Zeitgeschehen


Schaffhausen: die internationale Katastro- phenschutzübung Nimbus mit rund 1.200 Teil- nehmern. Rund 600 Kräfte des deutschen und schweizerischen Katastrophenschutzes, des Zivilschutzes, Schweizer Militärs und verschie- dener Feuerwehren aus Deutschland und der Schweiz sowie insgesamt 200 Führungskräfte auf beiden Seiten hatten am Samstag, 25. Mai 2011, nach einem angenommenen Jahrhun- dert-Unwetter mit Sturm und Hochwasser vier Schadenslagen zu bekämpfen und dabei zirka 400 Verletzte zu versorgen. Den Gefahrgutunfall bei Bargen, bei dem noch ein Reisebus eine Böschung hinunterge- stürzt war, behandelten vor allem die Chemie- wehr Schaffhausen, der Gefahrgutzug Schwarz- wald-Baar-Kreis und die Feuerwehr Blumberg, um die Verletzten im Bus kümmerten sich Schweizer Rettungskräfte. Im Achdorfer Tal baute die Schweizer Pionierkompanie 23/4 mit Unterstützung der Feuerwehrabteilung Achdorf eine feste Brücke, die auch Lastwagen befahren konnten. Um die Unwetterschäden in Oberwie- sen kümmerten sich Einsatzkräfte des THW im Schwarzwald-Baar-Kreis und aus Bad Säckingen sowie Feuerwehren, Zivilschutz, Polizei und Grenzwacht aus der Schweiz. Die logistisch größte Aufgabe war jedoch das internationale Pfadfinderlager beim Hagen- turm. Rund 2.000 Kinder und Jugendliche aus ganz Europa, die in der Übung von 300 Per- sonen dargestellt wurden, standen nach dem Sturm, der ihre Zelte und Holzhütten total zer- stört hatte, im Regen. Eine Meisterleistung für sich erbrachte nach der Übung die Logistikgruppe des Schwarz- wald-Baar-Kreises, die von der Blumberger Feu- erwehr betrieben wurde und unter Leitung von Viktor Müller aus Blumberg-Nordhalden rund 1.400 Personen mit Mahlzeiten versorgte. Regelmäßiger Austausch zwischen den Beteiligten auch nach der Nimbus-Übung Karl Heim, der damalige Landrat im Schwarz- wald-Baar-Kreis, ist von der bei Nimbus erbrach- ten Leistung noch heute beeindruckt, wie er im Bei der grenzüberschreitenden Nimbus-Übung mit 1.200 Teilnehmern. Ein Reisebus stürzte eine Böschung hinunter (oben) und Schweizer Pioniere bauten im Achdorfer Tal eine feste Brücke (unten). Gespräch zu diesem Bericht deutlich machte: „Ich fand es toll, dass es überhaupt möglich war, so eine internationale Großübung zu organisie- ren. Dies war nur möglich, weil wir seit Jahren ein gutes Verhältnis zu Schaffhausen hatten.“ Heim hat mit der Schweizer Regierungsrätin Rosmarie Widmer Gysel alle Schadensorte gemeinsam besichtigt: „Wir waren beide beein- druckt, wie die Übung abgelaufen ist.“ Er fügt hinzu: „So etwas schweißt zusammen.“ Die Bilder der Übung hat Heim heute noch lebendig vor Augen: „Ein großes Kompliment Grenzenlose Hilfe 213


an alle, die die Übung vorbereitet und durchge- führt haben. Das war eine gewaltige Arbeit.“ Nach der Übung Nimbus entwickelten sich Folgeprojekte, berichtet der damalige Übungs- leiter und Amtsleiter Manfred Pfeffinger. Die Feuerwehren, Rettungsdienste, die Polizei, Technischen Hilfswerke und die Stäbe pflegen seither einen regelmäßigen Austausch, „damit man die Gesichter kennt und einen kurzen Draht hat.“ Pfeffingers Einschätzung: „Das ent- wickelt sich ganz gut.“ So sei für das Jahr 2017 eine gemeinsame Stabsrahmenübung des Kan- tonalen Führungsstabs Schaffhausen und des Verwaltungsstabs im Schwarzwald-Baar-Kreis geplant, an der auch der Kanton Thurgau betei- ligt werden soll. Intensive Zusammenarbeit mit dem Schwarzwald-Baar-Kreis Eine weitere Folge von Nimbus sind die Kon- takte des Schaffhauser Feuerwehrin spektors Jürg Bänziger, dem höchsten aktiven Feuer- wehrmann im Kanton Schaffhausen, zum Führungsstab im Landratsamt des Schwarz- wald-Baar-Kreises. Mit seinem Chef Andreas Rickenbach, dem Direktor der Kantonalen Gebäudeversicherung und Dienststellenleiter der Kantonalen Feuerpolizei, besuchte Bänzi- ger den für Katastrophenschutz zuständigen Amtsleiter Manfred Pfeffinger. Dabei habe Pfef- finger ihnen angeboten, dass sie bei größeren Elementarereignissen wie Naturkatastrophen im Kanton Schaffhausen über den hiesigen Kreisbrandmeister Florian Vetter das THW anfordern könnten. Und 2014 konnte die Kanto- nale Feuerpolizei zusammen mit den Unfallret- tungsfeuerwehren des Kantons Schaffhausen in Blumberg zwei Mal einen Kurs für Unfallrettung durchführen. Die Übung Nimbus ist Vergangenheit, die Kontakte zwischen den Feuerwehren im Schwarzwald-Baar-Kreis sowie speziell Blumberg und Schaffhausen bestehen weiter. Schon mehrfach gab es größere gemeinsame Übungen, zum Beispiel in den Tunneln der Sau schwänzlebahn oder mit einem Szenario wie Waldbrand und Aufbau einer Wasserver- sorgung über eine größere Strecke bergauf. Einmal im Jahr wird gemeinsam geprobt. „Es ist normal, dass wir miteinander proben“, schil- dert Blumbergs Gesamtkommandant Reinhold Engesser, „wir kennen uns über die Grenze hinweg“. Als ein Schaffhauser Feuerwehrmann Interesse zeigte, einmal bei einer Blumberger Abteilung mitzuproben, wurde ihm das ermög- licht. Und Harald Bregler aus Schaffhausen ist schon seit Jahren Mitglied der Blumberger Logistikgruppe und hat in dieser Eigenschaft die Blumberger Jugendfeuerwehren sogar in ihr Zeltlager in Franken begleitet. Die Schaffhauser Kameraden trainieren mit ihren Langzeitatem- schutzgeräten in den Tunneln der Sauschwänz- lebahn und die Blumberger Kameraden trainie- ren regelmäßig auf der Atemschutz-Übungs- strecke im Feuerwehrstützpunkt Schaffhausen. Bürgermeister Markus Keller: „Dieser Gemeinschaftsgeist kommt allen zugute“ Zu den bemerkenswerten Ereignissen gehört, dass der Kantonale Feuerwehrverband Schaff- hausen im März 2011 seine Kantonale Verbands- versammlung erstmals außerhalb des Kantons und der Schweiz ausrichtete: in der Blumberger Stadthalle. Bürgermeister Markus Keller gratuliert Herbert Distel von der Feuerwehr Schaffhausen zur Ernennung zum Ehrenkommandanten der Feuerwehr Blumberg. 214 Zeitgeschehen


Sie schreiben grenzüberschreitende Feuerwehrgeschichte, von links Schaffhausens früherer Kommandant und zugleich Ehrenkommandant der Blumberger Wehr, Ehrenkommandant Herbert Distel, der Feuerwehrinspektor des Kantons Schaffhausen, Jürg Bänziger, Kreisbrandmeister Florian Vetter, der stellvertretende Kreisbrandmeis- ter Reinhold Engesser, Schaffhausens Kommandant Peter Müller, Schaffhausens früherer Kommandant und Ehrenkommandant der Blumberger Feuerwehr Paul Werner sowie der Schaffhausener Feuerwehrmann und Ehrenmitglied der Blumberger Feuerwehr Harald Bregler vor dem Feuerwehrstützpunkt in Schaffhausen. Für Blumbergs Bürgermeister Markus Keller ist die Kooperation der Freiwilligen Feuerwehr Blumberg mit der Stützpunktfeuerwehr Schaff- hausen ein fester und wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens in der Stadt. Zu Anlässen wie dem Neujahrsempfang oder der Hauptversammlung der Blumberger Feuerwehr sei es selbstverständlich, die Kameraden aus Schaffhausen mit einzuladen. Der Blumberger Bürgermeister, der bei vielen Terminen dabei ist, schätzt das Zwischenmenschliche, den freundschaftlichen Umgang miteinander und betont: „Dieser Gemeinschaftsgeist kommt al- len zugute.“ „Partner haben, auf die man sich verlassen kann“ Das gemeinsame Gespräch im Feuerwehrstütz- punkt Schaffhausen für diesen Bericht nähert sich nach rund zwei Stunden dem Ende. Was ist den Teilnehmern bei der Kooperation am wichtigsten, wie werten sie die Entwicklung? Schaffhau- sens früherer Kommandant Paul Werner, einer der Väter des Kooperationsvertrags zwischen Schaffhausen und Blumberg: „Für uns war es in- teressant, mit einem anderen Partner, mit den Kameraden aus Deutschland, zu kooperieren.“ Werners Nachfolger, der frühere Schaffhau- ser Kommandant Herbert Distel, drückt es so aus: „Für mich ist der persönliche Kontakt zum Kreisbrandmeister am wichtigsten gewesen.“ Harald Bregler aus Schaffhausen sagt: „Für mich ist es wichtig, wenn die Schaffhauser Wehr Un- terstützung braucht, dass man sie in Blumberg holen kann.“ Schaffhausens jetziger Kommandant Peter Müller nennt als wesentliche Vorteile: „Die kurzen, unkomplizierten Wege. Man kennt einander, man weiß, wie man tickt, das macht das ganze Schaffen viel einfacher und angeneh- mer.“ Für den Feuerwehrinspektor des Kantons Schaffhausen, Jürg Bänziger, ist an dieser gutnachbarlichen Zusammenarbeit beson- ders wertvoll, dass er weiß, er darf im Notfall ohne große Bürokratie auf Mittel des THW im Schwarzwald-Baar-Kreis zurückgreifen, welche im Kanton Schaffhausen nicht oder nur unge- nügend zur Verfügung stehen. Blumbergs Gesamtkommandant Reinhold Engesser: „Für mich war immer wichtig, im Sü- den Partner zu haben, auf die man sich verlas- sen kann, die einen unterstützen.“ Auch Kreisbrandmeister Florian Vetter sieht nur Vorteile: „Für mich gibt es keine Grenze, ich weiß, dass es Kameraden sind. Persönlich genieße ich die Freundschaft. Ich komme immer gerne in die Schweiz und freue mich, wenn von den Freunden dort jemand zu uns kommt.“ Grenzenlose Hilfe 215


Historische Donauquelle ist grundlegend saniert von Andreas Beck Die historische Donauquelle in Donaueschingen zeigt sich seit 1875 in der heutigen, bekannten Einfassung, die damals Fürst Karl Egon III. errichten ließ. Die hoch auf- ragende Skulpturengruppe von Adolf Heer „Mutter Baar zeigt ihrer jungen Tochter Donau den Weg in die Ferne“ kam im Jahre 1896 hinzu. Seit Frühjahr 2013 und bis Ende Oktober 2015 wurde die Donauquelle einer grundlegenden und technisch wie denkmalpflegerisch anspruchsvollen Sanierung unterzogen. In den vergangenen Jahren zerfiel der in den Bo- den versenkte Donauquelltopf mit seinen hoch- wertigen Bildhauerarbeiten immer mehr, da die rückwärtige, immerhin rund 130 Jahre alte Ab- dichtung der Steine zum Erdreich hin seit langer Zeit nicht mehr funktionierte. Der „obere Ring“ des in den Boden versenkten Donauquelltopfes besteht zu weiten Teilen aus Molassesandstein, der aufgrund der undichten Rückwand voll- ständig mit Wasser gesättigt war. Nachdem Molasse sandstein ein nicht besonders festes Gefüge aus einzelnen Steinkristallen darstellt, führt Wasser in den Zwischenräumen der Kris- talle durch chemische Prozesse und Frostspren- gung zum schnellen Zerfall des Steins. Deshalb ist es notwendig, das Wasser aus dem Erdreich von den Steinen der Quellfassung fernzuhalten. Hierzu ist ursprünglich eine Hin- termauerung eingebaut worden, die ihrerseits mit einem sogenannten „Lehmschlag“ gegen den gewachsenen Boden abgedichtet wurde. Der Lehmschlag war eine ca. 30 cm starke, ver- dichtete Schicht aus wasserundurchlässigem Lehm. Auf der Hintermauerung aus kleinteili- Spektakulärer Abtransport des Donauquellen- Denkmals. 216 Zeitgeschehen


„Mutter Baar zeigt ihrer jungen Tochter Donau den Weg in die Ferne.“ Das Kunstwerk des Vöhrenbacher Bildhauers Adolf Heer aus dem Jahr 1898 erstrahlt nach einer grundlegenden Restaurierung in neuem Glanz. Historische Donauquelle 217


gen Kalksteinen wurde dann zur Quelle hin die sichtbare Oberfläche in Form der bildhauerisch bearbeiteten Molassesandsteine angebracht. Die Rückwand aus Lehmschlag und Hintermau- erung war zuletzt allerdings vollständig mit drückendem Wasser aus dem Erdreich geflutet und hat so im Lauf der Zeit ihre dichtende Wir- kung gänzlich verloren, so dass zuletzt auch die Molassesandsteine vollständig mit Wasser gesättigt waren. Aufwendige Restaurierung Aufgrund der bereits genannten Durchfeuch- tung mussten die Einfassung der Donauquelle ab dem Frühjahr 2013 komplett abgebaut und alle bildhauerisch geformten Steine durch die Steinmetze getrocknet, konserviert und teilwei- se aufwendig nachbearbeitet werden. Einzelne Steine wurden durch Neubearbeitungen ganz ersetzt. Die ursprünglich bestehende Unterkons- tru ktion (Hintermauerung, Lehmschlag) der Donauquelle im Bereich des oberen Rings wur- de ebenfalls ausgebaut. Der neu betonierte und wasserundurchlässige Fundamentring wird zukünftig als bauphysikalisch abgestimmte, im Endzustand nicht mehr sichtbare Tragkonstruk- tion für die zu sanierenden und nun wieder neu einzubauenden Natursteine dienen. Das Geländer um die Quelle wurde von ei- nem Restaurator aus Triberg überarbeitet, wo- bei Fehlstellen und Anstriche ersetzt wurden. Im August 2015 wurde das Geländer bereits wie- der montiert. Die Skulptur der Mutter Baar und ihrer Tochter wurde bei einem Bildhauer aus Burladingen konserviert. Hierbei wurden Risse beseitigt, statisch stabilisiert und ebenfalls diverse Fehlstellen ersetzt. Die Skulptur wurde am 26. August 2015 wieder auf ihren alten Platz zurückgesetzt. Nachdem die letzten Arbeiten an der Ein- fassung erledigt waren, wurden die notwen- digen Pflasterarbeiten sowie die Begrünung vorgenommen. Bereits im Juni 2015 wurde der barrierefreie Zugang zur Donauquelle von der Fürstenbergstraße her mit einem modernen Aufzug in Betrieb genommen. Rechte Seite: Die Donauquellenbaustelle am Tag der Ankunft der Heer-Figurengruppe (ganz links, auf dem Lkw) und Blick in die Werkstatt des Restaurators. Unten: Der Eingangsbereich zur historischen Donau- quelle. Der barrierefreie Zugang erfolgt von der Fürs- tenbergstraße her über einen Lift. 218


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Berge im Schwarzwald und auf der Baar Von Martin Fetscher mit Fotografien von Wilfried Dold 220 10. Kapitel – Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist der höchstgelegene Landkreis in Ba den-Würt tem- berg – bezogen auf die durchschnittliche Meereshöhe. Das Landratsamt liegt mit 712 m ü. NN höher als jedes andere Landratsamt in Baden-Württemberg. Deutsch- landweit ist nur ein Landratsamt höher: das in Sonthofen im Oberallgäu. Und den- noch ist der Schwarzwald-Baar-Kreis kein Landkreis, den man unmittelbar mit Bergen in Verbindung bringt. „Schwarzwald“ steht immerhin für das höchste Mittelgebirge Deutschlands, und die Baar für die fruchtbare, sanft-hügelige Hoch ebene zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald, ist Quellregion zahlreicher Flüsse. In den feuchten Niederungen im Schwenninger Moos kann man sich kaum vorstellen, dass man höher steht als auf dem gar nicht so weit entfernten Hohentwiel, von dem aus man nach allen Seiten in die Tiefe blicken kann. Die Dörfer Herzogenweiler und Mistelbrunn liegen auf fast 900 Meter Meereshöhe – und es gibt keine Berge dort. Der Schwarzwald bei Triberg, 221 im Vordergrund der Hohnen.


222 Der Schwarzwald bei Neukirch – Blick zum Kohlplatzhof. Besucher aus Holland oder Norddeutschland wähnen sich angesichts solcher Bergidyllen fast in den Alpen.


Villingen mit Blick über den zunächst sanft ansteigenden Schwarzwald. Das Landratsamt auf dem Villinger Hoptbühl (unten rechts) ist das höchstgelegene Landratsamt von Baden-Württemberg. Ob man nun unsere Heimat als bergig oder flach bezeichnet, ist ohnehin relativ. Nach ei- nem Aufenthalt im Berner Oberland kommen uns die Berge hier vor wie sanfte Bodenwellen. Besucher aus den Niederlanden oder aus der norddeutschen Tiefebene hingegen erlangen den Eindruck, sich bereits in den Voralpen zu befinden, zumal man die Alpen an vielen klaren Tagen im Jahr von hier aus sehen kann. Eine Besonderheit ist die Vielfalt der Landschaft Auch wenn es im Schwarzwald-Baar-Kreis keine Bergspitzen mit Gipfelkreuz und 360°-Panora- men gibt, so kommen Bergwanderer dennoch auf ihre Kosten und die Berge hier bieten einige Besonderheiten. Eine Besonderheit liegt in der Vielfalt der Landschaft zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb begründet. Hier finden sich ausgehend vom kristallinen Urgestein im Schwarzwald alle Deckschichten vom Bunt- sandstein, dem Muschelkalk und dem Keuper bis hin zum Jura-Schichtstufenland der Schwä- bischen Alb. Die unterschiedlichen Gesteine bilden verschiedene Landschaftsformen und Vegetationen aus. Damit Berge entstehen, braucht es immer besondere Umstände in der Erdgeschichte. Einerseits braucht es die Entstehung beson- ders harter und widerstandsfähiger Gesteine, andererseits müssen diese erst einmal empor- gehoben werden und herauswittern, damit ein Berg entsteht. Dabei genügt es nicht, dass eine Region einer Hebung ausgesetzt ist. Voraus- setzung für die Entstehung eines Gebirges ist, dass die Hebung größer ist als die gleichzeitige, fortlaufend stattfindende Abtragung. Beides wiederum kann Schwankungen unterliegen, so dass ein Gebirge zeitweise wächst und zeitwei- se schrumpft. Diese Vorgänge sind sehr kompliziert: So kann man nicht pauschal sagen, dass beispiels- weise die Alpen immer noch wachsen. Insge- samt heben sich die Alpen noch, doch das ist nicht gleichbedeutend damit, dass die Gipfel immer höher werden, denn je höher die Gipfel, desto stärker sind sie in der Regel der Erosion ausgesetzt. Dazu kommt, dass sich nie alle Par- tien eines Gebirges gleich stark heben. Gebirge sind in der Regel durch Bruchzonen in einzelne Schollen getrennt, von denen die einen durch die Kräfte der Gravitation in die Tiefe abgleiten, während andere sich durch den Gebirgsdruck heben. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 223


Der höchste Berg im Landkreis ist der 1.152 Meter hohe Rohrhardsberg Der Schwarzwald und auch die Schwäbische Alb sind als Mittelgebirge nicht unbedingt älter als die Alpen. Ihre Entstehung hängt stark mit der Alpenbildung sowie der Bildung des Ober- rheingrabens zusammen. Die Gesteine sind zwar meist älter als in den Alpen, jedoch war der Bereich des Schwarzwaldes in der Kreidezeit weitgehend eingeebnet, und begann sich vor ca. 70 Millionen Jahren zu heben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich zumindest Teile des Schwarzwaldes bis heute noch heben, auch wenn die Haupthebungsphase – wie in den Alpen – bereits abgeschlossen ist. Die Hebungs- raten sind allerdings mit weniger als 0,1 mm pro Jahr sehr gering. Höchster Berg im Landkreis ist mit 1.152 Me- ter der Rohrhardsberg. Der höchste Punkt be- findet sich auf einer Hochebene am Farnberg/ Martinskapellen mit 1.164 m ü. NN. Nach neuen Vermessungen liegt dieser um einen Meter hö- her als angenommen. Dies ist zwar absolut der Der höchste Punkt im Landkreis liegt bei 1.164 m ü. NN. im Bereich Martinskapel- len/Farnberg (1, ungefähre Näherung). Vorne der Furtwänglehof in Furtwangen. Die höchsten Berge und Punkte im Landkreis Blumberg Eichberg 912 m Hüfingen Fürstenberg 918 m Hüfingen Blumberg Länge 923 m Hoher Randen 930 m Blumberg Buchberg 880 m Donaueschingen Schellenberg 821 m 224 Berge im Schwarzwald und auf der Baar 950 m1050 m1150 m1200 m1100 m1000 m900 m800 m850 m


1 Furtwangen Schonach Brend 1.149 m Rohrhardsberg 1.152 m Schonach Farnberg Martinskapellen 1.164 m Landkreis Emmendingen Landkreis Emmendingen Farnberg Griesbacher Eck 1.171 m Obereck 1.177 m Öfingen Himmelberg 941 m Berge im Schwarzwald und auf der Baar 225 950 m1050 m1150 m1200 m1100 m1000 m900 m800 m850 m


2 4 3 1 Vom tiefsten Punkt im Schwarzwald-Baar-Kreis, 470 Meter über dem Meer beim Steinbis-Tunnel an der B33 auf Gemarkung Triberg (1), bis zum höchsten Punkt auf 1.164 Meter im Bereich Farn- berg/Martinskapellen (2, ungefähre Näherung) sind es 694 Meter Differenz. Rechts der 1.152 Meter hohe Rohrhardsberg (3). Als Orientierung kann die Sprung schanze von Schonach (4) dienen. 226


Von Achdorf aus kann man in mehrere Richtungen alpines Gelände ersteigen, links der Eichbergstutz rechts der Buchberg. höchste Punkt im Schwarzwald-Baar-Kreis, und wenn man die etwa 12 Kilometer vom tiefsten Punkt im Landkreis, der Himmelreichkurve bei Gremmelsbach, von 470 m ü. NN erwandert, merkt man schon, dass es ziemlich stark hoch- geht. Jedoch, steht man oben, bemerkt man kaum, wie hoch man sich befindet. Die flache Bergkuppe ist weitläufig bewaldet und unweit davon befinden sich noch etwas höhere Punkte wie das Griesbacher Eck oder das Obereck mit 1.177 m. Immerhin ist in dieser Höhe die Luft schon um einiges dünner: Luftdruck und Sauerstoff- partialdruck sind bereits etwa ein Sechstel ge ringer als auf Meereshöhe. Davon wird man zwar noch nicht höhenkrank, aber für ein Hö- hentraining ist das schon tauglich. Der ambiti- onierte Bergwanderer kommt am meisten auf seine Kosten im vielfach alpinen Steilgelände der Wutachschlucht, der Gauchachschlucht und den Wutachflühen oder aber in den schluchtar- tig eingeschnittenen Tälern im Katzensteig und um Triberg herum. Von Achdorf aus kann man gleich mehrere Anhöhen und Berge besteigen Hier gilt vor allem: Der Weg ist das Ziel. Achdorf ist in dieser Hinsicht ein „Bergsteigerdorf“, von wo aus man gleich in mehrere Richtungen über alpines Gelände Berge oder Anhöhen ersteigen kann. Die Walenhalde zum Buchberg hoch gilt als der höchste Steilhang der gesamten Schwä- bischen Alb. Der Wellblechweg quert diesen Steilhang in einem fast abenteuerlichen Auf und Ab. Flussabwärts unterhalb von Achdorf be- finden sich die höchsten Felswände im Schwarz- wald-Baar-Kreis: die bis zu 85 Meter hohen Wutachflühen. Besonders in solchem Gelände ereignen sich immer wieder Unfälle, zu denen nicht einfach ein Krankenwagen hinfahren kann, sondern wo eine professionelle Bergrettung benötigt wird, um Personen überhaupt erst einmal an einen anfahrbaren Ort zu bringen. In solchen Fällen hilft die Bergwacht mit ihren Ortsgruppen Furt- wangen und Wutach. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 227


Fützen mit Hohem Randen, 930 Meter hoch und an der Grenze zur Schweiz gelegen. Bei Schartenhöhe und Dominanz ist der Hohe Randen unübertroffen Um besser in Zahlen auszudrücken, wie be- deutend oder markant ein Berg ist, verwen- den Geographen die Begriffe Dominanz und Schartenhöhe (oder Prominenz). Die Dominanz bezeichnet, in welcher Entfernung vom Gipfel aus gesehen der nächst höhere Punkt liegt. Die Schartenhöhe ist der Höhenunterschied zwi- schen Gipfel und dem tiefsten Geländesattel zum nächst höheren Berg. In Bezug auf Schartenhöhe und Dominanz ist im Landkreis der Hohe Randen unübertrof- fen. Bei Wanderungen – besonders schön im Frühjahr oder im Herbst bei Laubfärbung – zeigt sich dort und eindrucksvoller noch in unmit- telbarer Nähe auf dem Aussichtsturm auf dem Die dominantesten Berge im Landschaftsbild finden sich auf der Baar 23,5 km Dominanz 11,5 km 222 m Scharten- höhe 186 m 5,6 km 147 m 1,8 km 158 m Hoher Randen 930 m Länge 923 m Eichberg 912 m Buchberg 880 m Dominanz: Die Dominanz be- zeichnet, in welcher Entfernung vom Gipfel aus gesehen der nächst höhere Punkt liegt. Schartenhöhe: Die Scharten- höhe ist der Höhenunterschied zwischen Gipfel und dem tiefs- ten Geländesattel zum nächst höheren Berg. 228 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Blick auf Gütenbach und zur Kaiserebene (Standort Windräder) mit Spitzem Stein. Im Hintergrund der Kandel. Hagen-Randen direkt südlich der Schwei- zer Grenze oder auf dem Schlossberg bei Schleitheim, wie exponiert der Randen als Ausläufer der Schwäbischen Alb über 400 Meter zur Wutach und zum Klettgau hin abfällt. Sicherlich gibt es noch andere Kriterien, anhand derer sich Superlative des Land- kreises ausmachen lassen. Der vielleicht schroffste und alpinste Berg ist das Storeck bei Gremmelsbach über den ausgesetzten Nordwestgrat über Schlossfelsen und Rap- penfelsen. Der relativ höchste Berg ist der Spitze Stein (Kaiserebene) bei Gütenbach: Sein Nordost-Gratrücken ist 575 Meter Die schroffsten und alpinsten Berge hat der Triberger Teilort Gremmelsbach zu bieten, im Vordergrund der Südwestgrat des Storeck, „Hauberg“ genannt. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 229


Schneesicher: die Langlaufloipe bei der Martinskapelle in Furtwangen auf über 1.100 Meter Höhe. hoch. Der kleinste mit Namen ist vielleicht das Käfer bergle in der Villlinger Innenstadt: es er- hebt sich gerade mal zwei bis drei Meter über die sonst ebene Altstadt. Günterfelsen: Zum höchsten Punkt ist es eine waghalsige Kraxelei Der schwierigste Berg ist vielleicht der Günter- felsen beim Brend: Zum höchsten Punkt ist es eine waghalsige Kraxelei, die nicht zu empfeh- len ist. Der Stoberg bei Blumberg ist durchlö- chert, was nicht daran liegt, dass er nicht mehr weit von der Schweiz entfernt ist. Vielmehr wurden vor dem Zweiten Weltkrieg von allen Seiten aus Stollen durch den Berg gegraben – hier wurde Bergbaugeschichte geschrieben. Der niedlichste Berg ist vielleicht der Spitzenbühl (718 m) auf der Jungviehweide bei Mundelfin- gen. Der edelste ist bekanntlich der Öschberg mit dem Öschberghof. Der majestätischste ist der Fürstenberg, der über der Baar thront. Am Günterfelsen. Spitzenbühl – Mundelfinger Jungviehweide. 230 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Rassige Alpinskiabfahrten locken am Rohrhardsberg bei Schonach. Die Martinskapelle und der Rohrhardsberg gelten als besonders schneereich Zu richtigen Bergen gehört ordentlich Schnee im Winter und zu richtig hohen Bergen gehören auch Gletscher. Während der letzten Eiszeit – bis vor ca. 30.000 Jahren – war der höhere Schwarzwald vergletschert. Die Gletscher haben auch im Schwarzwald-Baar-Kreis deutliche Spu- ren hinterlassen, die man heute noch erkennen kann. Beispielsweise kann man entlang des Sträß- chens durch den Katzensteig hoch zur Martins- kapelle verschiedene Gletscherstadien mit Gletscherböden und Moränen sehen. Besonders eindrucksvoll ist die Moräne im Wolfsloch un- terhalb der Kalten Herberge. Martinskapelle und Rohrhardsberg in über 1.100 m Höhe und mit hohen Niederschlags- mengen sind besonders schneereich, so dass hier oft noch Wintersport möglich ist, wenn sonst nur noch der Feldberg genügend Schnee hat. Schneehöhen mit weit über einem Meter Spuren der Eiszeit – Moräne im Neukircher Wolfsloch. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 231


Der Schwarzwald im Bereich der Sommerau/St. Georgen, vorne links die B 500, in der Mitte oben links liegt Brigach. Die Bergketten hier sind mit Buntsandstein überdeckt. kommen hier in fast jedem Winter vor. Am Rohrhardsberg, aber auch am Mühlenberg bei Vöhrenbach, locken die rasantesten Alpinski- abfahrten des Landkreises. Viele Berge sind im östlichen Schwarzwald mit Schichten aus Buntsandstein überdeckt Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind es vor allem im Westen die harten kristallinen Gesteine im Schwarzwald sowie im Osten die widerstands- fähigen Gesteine der Schwäbischen Alb, welche die Berge bilden. Im Osten liegt entlang des Alb- traufs – gebildet aus harten Weißjurakalken – eine markante Reihe hervortretender Berge. Zu ihr gehören: Hoher Randen (930 m), „Blumber- ger Pforte“ mit Eichberg (914 m) und Buchberg, Fürstenberg und Länge (921 m), der Öfinger Berg, der Himmelberg (941 m), Hohe Lupfen und der Große Heuberg sowie die Schwäbische Alb. Die harten Gesteine des Schwarzwaldes steigen nach Westen langsam an, so dass die Schwarz- waldberge zu unserer Seite nur schwach her- vortreten. Außerdem sind viele der höheren Berge im östlichen Teil des Schwarzwaldes mit 232 Gütenbach/Furtwangen


Blick über Behla und Hüfingen hinweg zum Schellenberg bei Donaueschingen. Obwohl 821 Meter hoch, wirkt der Schellenberg nicht wirklich als Berg, hat aber durchaus steile Abschnitte zu bieten. Historische Darstellung unten: Das Relief von 1872 zeigt eindrucksvoll die Bergketten zwischen Gütenbach, Furtwangen, Schönwald, Triberg und St. Georgen. Alle Höhenangaben sind in Fuß. Die rote Färbung macht das Vorkommen des sogenannten „Rotlie- genden“ kenntlich – die Deckschichten aus Bunt sandstein sind gräulich darge- stellt. Rechts ist der Verlauf der Brigach von Brigachtal aus bis in die Villinger Gegend zu sehen. waagrecht gelagerten Schichten aus Buntsand- stein überdeckt und bilden daher keine ausge- prägten Gipfel aus. Dies ist bei der Hochwalder Höhe (966 m) bei St. Georgen, beim Stöcklewald (1.067 m) bei Rohrbach oder beim Steinberg (1.140 m) bei der Kalten Herberge der Fall. Zwischen Schwarzwald und Alb gibt es nur wenige wirklich markante Berge. Im Bereich des Muschelkalks sind dies zum Beispiel der Herren- berg (707 m) in Niedereschach, der Schellenberg (821 m) bei Donauschingen oder der Triberg (776 m) bei Bräunlingen. Als markante Schicht- stufe im Vorland der Schwäbischen Alb tritt auf Furtwangen/Schönwald Furtwangen/St. Georgen St. Georgen Villingen 233


der Ostbaar der harte Arietenkalk im untersten Schwarzen Jura hervor mit Bergen wie dem Türn- leberg (793 m) bei Schwenningen oder dem Kapf (798 m) bei Bad Dürrheim (Waldcafé). Weshalb man in Blumberg noch heute Haifischzähne entdecken kann Eine Besonderheit der Entstehung von Ber- gen sind Vulkane. In nächster Nähe sind hier der Blaue Stein (844 m) bei Riedöschingen oder der Wartenberg an der Kreisgrenze zu Tuttlingen zu nennen. Diese nördlichsten Hegauvulkane sind nicht deshalb so mar- 234 Blick auf den Eichberg bei Blumberg mit der Hegaulandschaft im Hinter- grund, die vulkanischen Ursprungs ist. Die Hegau vulkane waren vor gut zehn Millionen Jahren aktiv. Zu dieser Zeit befanden sich Blumberg und die Baar in etwa auf Höhe des Meeresspiegels. So kommt es, dass man in den Strand- sedimenten aus Muschelschalen sogar Haifischzähne finden kann. Auf der Kuppe des Eichbergs ist in der Mitte der auf 912 Meter Höhe gelegene Eichstutz zu erkennen, von wo aus sich Drachenflieger zu teils 200 Kilometer langen Flügen in den Schwarzwald oder die Schwäbische Alb aufmachen. Berge im Schwarzwald und auf der Baar


kant, weil sie über die heutige Umgebung herausgewachsen sind, sondern weil die harte Gesteinsfüllung des Vulkanschlotes gegenüber den verhältnismäßig weichen Gesteinen der Umgebung herausgewittert ist. Die eigentlichen Vulkane waren vor über 10 Millionen Jahren aktiv und sind längst ab- getragen. Zu der Zeit befand sich die Baar noch etwa auf Höhe des Meeresspiegels, was man daher erkennt, dass im Bereich von Blumberg etwa gleichaltrige Strandsedimente aus Mu- schelschalen anzutreffen sind, in welchen sich sogar Haifischzähne finden lassen. Nicht immer sind auf der Bergspitze die härtesten Gesteine anzutreffen wie an den eindrucksvollen Günterfelsen (1.132 m) am Brend oder an den fast alpinen Schlossbergfelsen bei Gremmelsbach. Auf dem markanten und schroff ins Wutachtal abfallenden Gipfelplateau des Eichberg bei Blumberg sind über fünf Millionen Jahre alte Flussschotter der Vorgänger-Donau zu finden – einer Zeit, in der die Aare noch zur Donau hin floss. Von Aselfingen erhebt sich gratartig das Harteck über 200 Meter über dem Tal. Am höchsten Punkt ist ein kleines Plateau, auf dem in den 1960er-Jahren sogar Kies abgebaut wurde. Hier floss die „Urdonau“ noch vor 30.000 Jahren, bevor sie zur Wutach hin abgelenkt wurde. Eine deutlich kürzere Entstehungsgeschich- te haben die Müllberge, die vor allem Ende des Berge im Schwarzwald und auf der Baar 235


Vollmondnacht – keltischer Grabhügel auf dem Villinger Magdalenenberg. Stangen wie die hier neu angebrach- ten dienten zur Keltenzeit als Peilungspunkte für die Mondwende – so die Annahme der Forscher. vorigen Jahrhunderts aufgeschüttet wurden. Die größten sind die Erddeponie Bärental zwi- schen Villingen und Schwenningen, die Deponie Tuningen und die Deponie Hüfingen. Bereits an ihrer Form ist erkennbar, dass sie nicht natürli- chen Ursprungs sind, auch wenn sie sich nach abschließender Rekultivierung besser in das Landschaftsbild eingliedern werden als heute. Keltische Grabhügel am Magdalenenberg und die 1.000 Jahre alte Martinskapelle Zu allen Zeiten und in allen Ländern haben Ber- ge für die Menschen eine besondere Rolle als Kultstätten gespielt. Außerdem hatten Berge immer eine strategische Bedeutung, sie dienten zu Wehrzwecken oder nur als Aussichtspunkt. Die wohl eindrucksvollsten frühzeitlichen Be- lege der Baar sind die keltischen Grabhügel auf dem Villinger Magdalenenberg. Im Mittelalter stand dort eine der Heiligen Magdalena geweih- te Kapelle, die dem Hügel den Namen gab. Viel- leicht glaubte man früher, oben auf Bergen dem Blick zum Wartenberg und ein künstlicher Berg, die in der Rekultivierung befindliche Deponie Hüfingen. 236 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Das „Kapstadt“ der Baar – Fürstenberg mit dem typischen Tafelberg. Majestätisch erhebt sich der Fürstenberg über die sanfte Baar. Rechts: Berggottesdienst an der Kardinal-Bea-Kapelle. Himmel und damit Gott ein Stück näher zu sein – das Gefühl über allem zu stehen, erleben auch heute viele Menschen auf Bergen. Die wahr- scheinlich über 1.000 Jahre alte Martinskapelle ist eine der ältesten Bergkapellen im Kreis. Der wohl in der gesamten Region ge- schichtsträchtigste Berg ist der Fürstenberg. Auch hier zeugen keltische und römische Funde von einer früheren Vergangenheit, bevor der „vorderste Berg der Länge“ zum Fürstenberg – zum Stammsitz der Fürstenberger wurde. Der Schutz, den der Berg nach allen Seiten bot, war wichtiger als die zahlreichen Nachteile, die das Leben auf einem höheren Berg im Mittelalter beschwerlich machten. Heute zeugen nur noch die begehbaren Ringanlagen am Rand des Bergplateaus davon. Noch lange nachdem der Adel abgezogen war, war die Hochfläche besiedelt: mit dem Städt- chen Fürstenberg, das im Jahr 1841 abgebrannt ist. Die Kardinal-Bea-Kapelle ist das einzige Ge- bäude heute. Dort findet traditionell zum jähr- lichen Bergfest im August ein Berggottesdienst statt (Foto oben u. rechts). Eine der schönsten Bergkapellen, die Martinskapelle im Katzensteig bei Furtwangen. Berge im Schwarzwald und auf der Baar 237


Weitere, weniger bedeutende Adelsge- schlechter der Baar, und damit teilweise auch heutige Ortsnamen, sind nach Burgen bzw. Bergen benannt: Blumberg, Schellenberg, War- tenberg, Burgberg (Königsfeld) oder Hornberg (nach Althornberg bei Gremmelsbach). Bergig, aber auch sonnenreich Triberg liegt zwar nicht auf dem Berg, ist aber durch die eingeschnittene Tallage eine der bergigsten Städte in ganz Deutschland. Dem Namen nach ist Triberg von drei Bergen umge- ben: dem Kapellenberg, dem Kroneck und dem Wasserfallberg bzw. Sterenberg. Betrachtet Die Stadt Triberg liegt mit ihrem Kern auf einer Höhe von ca. 670 Metern – „tief im Tal“ zwischen drei Bergen. Je nach Perspektive ist aus der Luft nur das rund 840 Meter hoch gelegene Neubaugebiet Sonnhalde auszumachen. St. Georgen hingegen (Mitte oben) liegt deutlich hö- her und „thront“ auf der 966 Meter ho- hen, sonnenreichen Hochwalder Höhe. Blick auf den Bad Dürrheimer Ortsteil Öfingen mit Lupfen (Mitte rechts) und Himmelberg (angeschnitten ganz rechts). 238


St. Georgen im Schwarzwald, im Vor- dergrund unten der Klosterweiher. Im Hintergrund das Gebiet Fohrenbächle. man die Berge links und rechts der Wasserfälle als getrennte Berge, müsste Triberg eigent- lich Quattroberg heißen. In Tri- berg gibt es auch einen echten Bergsee – nämlich den „Bergsee“. St. Georgen ist die Bergstadt schlechthin – nicht nur aufgrund der Höhenlage (Rathaus: 862 m), sondern weil sie tatsächlich auf einem nach Süden geneigten Berg liegt – daher auch „sonnige Bergstadt“. Mit 870 m liegt das Rathaus von Furtwangen noch ein paar Meter höher. Aber beide Städte eint das Prädikat, dass beide jeweils von sich behaupten können, dass keine andere so gro- ße Stadt in Deutschland so hoch gelegen ist. Das gilt übrigens auch sowohl für Villingen-Schwen- ningen sowie für die Gemeinde Schönwald. Es gibt aber auch noch ei- nige Dörfer im Landkreis, die man fast als Bergdorf bezeich- nen kann: Öfingen mit dem traumhaften, seit Kachelmann fernsehberühmten Blick auf die Baar, Randen(dorf), ganz auf der Bergkuppe, Buchenberg an den sanften Berghängen gelegen, Neukirch wie ein Adlerhorst über den dunklen Waldschluchten des Schwarzwaldes um Furtwangen und natürlich der bereits erwähn- te Ort Fürstenberg. In den langgestreckten, ost- west-verlaufenden Tälern des Schwarzwaldes wie in Urach oder Berge im Schwarzwald und auf der Baar 239


Schwarzwaldidylle in Urach. An den warmen Südhängen befindet sich in solchen Schwarzwalddörfern immer der Sommerberg – rechts der stets kühlere Nordhang. Linach hat man es sich mit der Namensgebung der Berge leicht gemacht: die warmen Südhän- ge heißen hier Sommerberg und die weniger besiedelten, kühleren Nordhänge Winterberg. Eine „Alm“ mit blumenbedeckten Weiden Was verbindet man noch mit Bergen? Beispiels- weise vom Unterleimgrubenhof in Gütenbach gibt es echten Bergkäse. Die Bergwiesen liegen über 1.000 m Höhe. Auch wenn es in dieser Hö- he noch keine klassischen Almen gibt, so gibt es an steilen Wiesenhängen vielfach noch Wei- dewirtschaft um die Bergbauernhöfe herum. Oberhalb vom Schänzlehof am Rohrhardsberg hat man den Eindruck auf einer richtigen Alm zu sein. Hier bieten sich einem blumenbedeckte Weiden, unterbrochen von großen Findlingen, und bei gutem Wetter ein Tiefblick in die Rhein- ebene bis zum Straßburger Münster. Auf den Anhöhen im Schwarzwald liegen Berghöfe und Hütten verstreut. In manche da- von kann man einkehren wie zum Beispiel in den Landgasthof Berghof bei Gremmelsbach, das Höhengasthaus zur Staude, den Bergwald- hof in Schonach, in das Gasthaus Kolmenhof oder in den Berggasthof Brend. Besonders urig sind zum Beispiel die Berg hütten und Vesper- stuben Schwedenschanze am Rohrhardsberg oder die Bergvesperstube Hintereck in Güten- bach. Also: Berg Heil und fröhliche Einkehr! Rechte Seite: Der Brend in Furtwangen, wo neben dem Aussichtsturm ein Berggasthof zu finden ist. 240 Berge im Schwarzwald und auf der Baar


Berge im Schwarzwald und auf der Baar 241


Wo die Donau zur Hälfte herkommt Die Brigach entspringt im Keller des Hirzbauernhofes bei St. Georgen von Roland Sprich 242 11. Kapitel – Die Brigachquelle


Der Hirzbauernhof in Brigach bei St. Georgen bietet eine Idylle wie aus dem Schwarzwaldbilder- buch. Mit seinem tief heruntergezogenen Dach, inmitten saftig grüner Weiden auf geschwungenen Hügeln, auf denen Kühe genüsslich grasen und umgeben von dunklen Schwarzwald tannen. Vor dem Hof ein kleiner Fischteich, auf dem in den Sommermonaten die Kinder der Feriengäste mit einem kleinen Floß fröh- lich herumschippern. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der 500 Jahre alte Schwarzwaldhof kaum von den an- deren Höfen im Schwarzwald. Und doch legen hier nahezu täglich Menschen aus aller Welt einen Stopp ein: Im Keller des Bauernhofes der Familie Heinzmann entspringt die Brigach, die zusammen mit der Breg den zweitlängsten Fluss Europas hervorbringt, die Donau. Das ist einzigartig. Nirgendwo sonst auf der Welt entspringt ein Fluss im Keller eines Bauernhauses. Dabei ist der eigentliche „Geburtsort“ der Brigach wenig spekta- kulär: Es ist ein mehr oder wenig starker Wasserstrahl, der aus einem Rohr in der Kellerwand heraussprudelt. Damit nicht jeder Besucher, der die Brigachquelle sehen will, bei Heinzmanns klingeln und um Einlass in den Keller bitten muss, hat der Schwarzwaldverein die Brigachquelle mittels einer Drainage schon vor langer Zeit ins Freie verlegt. Wo die Donau zur Hälfte herkommt 243 Aus dem Keller des Hirzbauernhofes hinaus in die Welt: Die Brigach ist der einzigste Fluss dieser Er- de, der im Keller eines Bauernhofes entspringt.


Beate und Hansjörg Heinzmann vor ihrer Brigachquelle. Rechts: Nachbildung eines mutmaßlich 2.000 Jahre al- ten Reliefsteins, der nach Ansicht mancher Historiker der Rest eines Quellheiligtums darstellen könnte. Die Familie Heinzmann: Bewahrer der Brigachquelle Auf den ersten Kilometern legt das Quellflüss- chen bereits ordentlich zu: Fließt die Brigach zunächst noch unscheinbar zwischen Büschen und Feuchtwiesen hindurch, führt sie wenige Kilometer später bereits so viel Wasser, dass sie den 30.000 Quadratmeter großen Kloster- weiher in St. Georgen speisen kann, bevor sich der Bach auf den Weg in Richtung Villingen und dann durchs Brigachtal nach Donaueschingen macht. Dort bildet die Brigach 40 Kilometer von der Quelle entfernt mit dem mündungsfernsten Quellfluss, der Breg, bei Donaueschingen die Donau. Doch zurück zur Brigachquelle – auf dem Hirzbauernhof. Landwirt Hansjörg Heinzmann, der den Hof gemeinsam mit seiner Frau Beate umtreibt, ist wie schon seine Vorfahren der Bewahrer der Brigachquelle. Und er gibt täglich mindestens einmal Auskunft. „Manchmal kom- men zwei Leute, manchmal sind es hundert“, sagt er und lacht. Viele Besucher kommen aus den Ländern, durch die die Donau fließt. „Öster- reicher kamen schon immer, seit die Grenzen offen sind, kommen jedes Jahr Besucher aus Ungarn, der Slowakei, und Rumänien“, erzählt Hansjörg Heinzmann. Von den Bewohnern der Länder, durch die die Donau fließt, wird der Fluss geradezu verehrt. Wer es sich leisten kann, besucht einmal im Leben den Donauursprung und die Quellen. Allerdings stellen sich manche Besucher die Entstehung der Donau spektakulärer vor. „Einigen Leuten sieht man die Enttäuschung schon an, wenn sie sehen, wo ihre stolze Donau herkommt“, schmunzelt der Landwirt. Vor al- lem in diesen Sommermonaten. Da tröpfelte die Quelle an manchen Tagen nur. Im August lag die Steineinfassung aufgrund der anhaltenden Trockenheit zeitweise sogar vollständig trocken. Ein 2.000 Jahre alter Reliefstein? Steht man vor der aus Buntsandstein gefer- tigten Einfassung der Brigachquelle fällt der Blick auf eine Reliefsteinplatte, ebenfalls aus Buntsandstein, auf der ein Hirsch, ein Hase und ein Vogel sowie drei Köpfe zu erkennen sind. Entdeckt wurde der 56 mal 27 Zentimeter große Reliefstein 1898/99, als der damalige Hirzbauer Johann Georg Heinzmann das Küchengewölbe erneuerte. Ohne sich der Bedeutung des Fundes be- wusst zu sein, stellte er den Reliefstein auf die Quellfassung vor dem Haus, wo er 1914 von einem Historiker entdeckt und fotografiert wurde. Nach dem Krieg schenkte der Hirzbauer 244 Die Brigachquelle


dem Historiker den Originalstein, der heute im Lapidarium der Stadt St. Georgen zu sehen ist. An der Brigachquelle prangt ein Duplikat. Historiker beschäftigt der Reliefstein seit langem: Sie bescheinigen diesem Relief einen keltischen oder römischen Ursprung. Der Stein, so die Annahme der Historiker, könnte der Rest eines Quellheiligtums mit Göttersymbolen sein und wird auf 2.000 Jahre geschätzt. Andere His- toriker sind jedoch der Ansicht, dass der Relief- stein keinerlei Bezug zur Brigachquelle hat und von auswärts stammen müsse. Nicht die Quelle, aber dennoch bedeutend! Den bis heute andauernden Streit um die wahre Quelle der Donau brachen die Gelehrten be- reits im 16. Jahrhundert vom Zaun. 1544 setzte sich der Kosmograph und Humanist Sebastian Münster, der später den 100 D-Mark-Schein Brigachquelle mit Hirzbauernhof. zierte, zunächst für die heute als historische Donauquelle geltende Schlossquelle in Donau- eschingen als Donauquelle ein. Sechs Jahre spä- ter widersprach der Freiburger Professor Hein- rich Loriti Clareanus dieser Ansicht und trat für die Quellflüsse Brigach und Breg ein. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts suchte Kaiser Marsigli, von Kaiser Josef I. beauftragt, nach der Quelle der Donau – und erklärte die Breg als die am wei- testen entfernte Quelle auch zur Donauquelle. Die Brigach ist ein Quellfluss der Donau – als „Do nau quelle“ aber wurde sie nur gelegentlich und wenn doch, dann unter lokalpatriotischen Vorzeichen bezeichnet. So 1719 durch Vikar Breu n inger in seinem Buch „Die Ur-Quelle des Weltberühmten Do nau stro mes“. Um die Jahr- hundertwende hat man in Brigach außerdem eine kolorierte Ansichtskarte des Hirzbauern- hofes mit der Aufschrift „Do nau -Ur sprung“ ver- trieben. Auch auf einer Karte des Herzogtums Württemberg aus jener Zeit ist die Brigachquel- le als „Fons naturalis“ (natürliche Donauquelle) verzeichnet. Seitdem darf die Brigach einfach die Brigach sein – der zweite Quellfluss der Donau, aber keineswegs unbedeutend. Wo die Donau zur Hälfte herkommt 245


Rumänische Donau-Gedenktafel und die Brigachquelle im Luftbild. Die Bevölkerung begegnet dem immer wie- der neu aufkeimenden Quellenstreit salomo- nisch und prägte das Verslein, das noch heute viele Kinder in der Schule lernen: Brigach und Breg bringen die Donau zuweg. Rumänische Gedenktafel Wenngleich die Brigachquelle durchaus ein touristischer Anziehungspunkt ist, wird sie weder von der Stadt St. Georgen noch vom Verkehrsverein über Gebühr vermarktet. Das ist dem Hirzbauer einerseits nicht unrecht, der für sich selbst keine Vorteile sieht, die Brigach- quelle in seinem Haus zu haben. Immerhin, in das Konzept der Klosterweiherrundwege ist die Brigachquelle mit einbezogen. Alle paar Jahre steht die Brigachquelle dann doch im öffentlichen Licht: Neben der Quelle prangt, an einem Stein befestigt, eine Gedenk- tafel rumänischer Geologen. „Die rumänische Delegation wollte die Gedenktafel ursprünglich an der Donauquelle in Donau eschingen anbrin- gen, durfte das aber nicht. Da sind sie hierher- gekommen“, schildert Hansjörg Heinzmann. Seitdem kommen immer wieder rumänische Besucher und Abordnungen. 2007 fand zudem der erste (und bislang einzige) Donau-Staffellauf statt: Eine Gruppe Profiläufer starteten an der Breg- und an der Brigachquelle und nahmen je eine Flasche Was- ser von den Quellen mit. In Donaueschingen war der offizielle Start, und nach knapp zehn Tagen erreichten die Läufer den Ort Tulcea in Rumänien, dort wo die Donau ins Schwarze Meer mündet. Damit war das Wasser immerhin um einiges schneller im Schwarzen Meer, als wenn es den „regulären“ Weg durch die Donau genommen hätte. Dort ist das Wasser rund drei Monate unterwegs, bis es das Meer erreicht hat. Besonderheiten kann man als Besitzer der Brigachquelle immer wieder neu erleben. Ein- mal ist ein Abenteurer an der Brigachquelle mit einem Holz-Laufrad zu einer Donauradwege- tour gestartet. Und 2008 veranstaltete der Ver- ein für Heimatgeschichte ein Brigachquellfest, um die Bedeutung der Quelle hervorzuheben. Damals kündigte der Verein auch an, die Bri- gachquelle künftig besser werbewirksam zu vermarkten. Claudio Magris: „So viel Ruhe ist hier“ Fasziniert von der Brigachquelle zeigte sich auch der in jüngerer Zeit wohl mit populärste Besucher der Brigachquelle, der italienische Literat Claudio Magris. Sein Buch „Donau – Biografie eines Flusses“ ist ein Welterfolg geworden. Über die Brigachquelle schreibt er: „Die unauffällige Hin- weistafel spricht nicht von der Donau, es ist ein ruhiger Ort an einer großen Wiese, in einer fried- lichen Atmosphäre. Einen Gasthof gibt es hier nicht, nur eine Bank, die, wie die Inschrift erklärt, von der Landesbausparkasse gestiftet worden ist. 246 Die Brigachquelle


Weihnachtszauber beim Hirzbauernhof. Die kleine Quelle entfließt dem Erdreich und So viel Ruhe ist hier, ein sanfter, frischer mündet in einem kleinen Tümpel, auf dessen Grund ein Eisenrohr das Wasser sammelt, es wiederum unter der Erde entlangführt und es we nige Meter weiter abermals entspringen lässt, von wo aus es bergab fließen kann. Auch in diesem Falle würde ein geringfügiger Scha- den an dem einfachen Eisenrohr die Physiogno- mie der Donau verändern… Wind kommt auf, als wolle er daran erinnern, wie das Leben auch sein könnte, ein gespanntes Segel, und hinter ihm eine Spur von Schaum und Gischt.“ Es ist jedenfalls eine schöne Vorstellung, dass der Wasserstrahl im Keller des Hirzbauernhofes zusammen mit der Breg die stolze Donau hervor- bringt, die sich durch zehn Länder schlängelt. Wo die Donau zur Hälfte herkommt 247


Wildobstbäume Baumserie Teil 10 von Wolf Hockenjos Für seine Obstbäume, gar für obstkulturelle Vielfalt ist der Schwarzwald-Baar-Kreis nicht eben bekannt, dafür ist sein Klima zu rau. Allenfalls Mostobst hatte in den Streuobstgürteln um die alten Siedlungskerne eine Chance gegen die Fröste, mit denen rund ums Jahr in der Kaltluftwanne der Baar zu rechnen ist. K ein Wunder, dass hier auch die Existenz von Wildobst kaum wahrgenommen wird. Wäre der Wildapfel (Malus sylvestris L.) nicht zum Baum des Jahres 2013 gekürt worden, hätte wohl, von wenigen Spezialisten abgesehen, kaum noch jemand von ihm Notiz genommen. Wildapfel und Wildbirne, zur botanischen Fa- milie der Rosengewächse zählend, gehören mittlerweile landesweit zu den seltensten Baumgewächsen; dementsprechend bescheiden ist auch ihr Bekanntheitsgrad. Zumal sie auch zur Bastardisierung mit Kultursorten neigen. Der „Rosenbaum“ in Tannheim Da ist es umso erstaunlicher, dass ausgerechnet die Baar noch stattli- che Exemplare von Wildapfel- und Wildbirnenbäumen vorweisen kann. Vermutlich hat gerade der fehlende Obstbau dazu geführt, dass hier sogar noch besonders reinrassige Wildapfelbäume erhal- ten geblieben sind. Der prächtigste steht, unter den Einheimischen besser bekannt als Rosenbaum, auf Gemarkung Tannheim – in einem Gewann, das in den Katasterkarten nachweislich schon seit 1747 Rosen- baum heißt. Was dafür spricht, dass hier schon damals ein bemerkens- wertes Exemplar gestanden haben muss und dass der heutige Baum mit seinem Stammumfang von 2,80 m womöglich als Stockaus- schlag aus jenem hervorgegangen ist. Hätte nicht die 2014 allzu früh verstorbene Tannheimer Ortsvor- steherin Helga Eilts den Rosenbaum wie ihren Augapfel gehütet und mit einem Bretterzaun umgeben, wäre er in der flurbereinigten Feldflur wohl längst als ebenso sperriges wie lästiges Hindernis für die Feldbestel- lung beseitigt worden. Oft genug waren ihm zuvor die Landwirte zu Leibe gerückt, um ihm den ein oder anderen Ast seiner weit ausladen- den Krone zu kappen. So hat sich in seinem Wurzelwerk, ausgelöst durch Infektion der Wunden, auch bereits der schädliche Hallimasch pilz einnisten können. Dennoch pflegt er noch jedes Frühjahr zu blühen, und im Spätjahr bis in den Winter hinein tun sich die Rehe aus dem angrenzenden Plattenmoos an den Im Tannheimer Gewann Rosen- baum – einsamer Wildapfelbaum in ausgeräumter Feldflur. 248 Umwelt und Natur


12. Kapitel – Umwelt und Natur 249


Links: Wildapfelblüte. Rechts: Wildbirnenblüte. kleinen Äpfelchen gütlich. Für den menschlichen Verzehr gelten sie als ungeeignet, bestenfalls taugten sie als Mostzusatz. Wildäpfelchen Unscheinbare Äpfelchen als Erkennungsmerkmal Was freilich nicht immer schon so gewesen sein muss: So entdeckten die Archäologen im Schlick unter den Pfahlbauten des Bodensees reichlich Wildapfelkerne. Mag sein, dass die steinzeitlichen Siedler noch speziellere Zubereitungsarten kann- ten, ehe es gelang, den Apfel durch züchterische Erfolge genießbarer zu machen. Wildäpfel sind (wie der lateinische Namen sylvestris andeutet) Waldbäume, und sehr vereinzelt haben sie auch noch im Wald der Neuzeit überlebt, so im Überauchener Eggwald, im Weiß- wald beim Weiler Beckhofen oder im Unterhölzer Wald; nur zur Blü- tezeit fallen sie dem Waldbesucher ins Auge, ist doch das von Bienen umsummte zartrosafarbene Weiß Wildbirnchen „Würgele“ 250 der Wildapfelblüte kaum zu überse- hen. Sichere Erkennungsmerkmale sind ansonsten nur die unscheinba- ren kleinen Äpfelchen, an jüngeren Wildapfelbäumen auch die zu Dor- nen zugespitzten Kurztriebe. Selten im Wald, eher an Wald- und Wegrändern, vorwiegend jedoch in der Feldflur gedeiht der Wildbirnbaum (Pirus pyraster). Na- he Überauchen gibt es noch einige als geschützte Naturdenkmale. Im Gegensatz zu den Wildäpfeln der Baar sind sie freilich nicht reinrassig erhalten geblieben, wie genetische Untersuchungen der Freiburger Universität ergeben haben: Nur 60 Prozent sind Wildbirnen-Gene, 40 Prozent dagegen nicht bestimm- bar, da zu keiner der bekannten Birnensorten gehörend. Auch Wild- birnen zeichnen sich durch dornen- artige Kurztriebe aus. Die kleinen ungenießbaren Birnchen wurden unter den Einheimischen einst (sehr zutreffend) „Würgele“ genannt, wie der Überauchener Förster und Baumsachverständige Hans Letulé noch weiß, der sich den Schutz und Umwelt und Natur


die Erhaltung der letzten Wildobstbäume zur Lebensaufgabe gemacht hat. Man habe das Wildobst überwiegend dem Schweinefutter beigesetzt, mitunter wohl auch noch dem Most. Allerdings seien sie noch in den 1920er-Jahren von den Kindern gesammelt und im Öhmdstock so lange gelagert worden, bis sie teigig wurden und schließlich doch noch für den menschlichen Verzehr geeignet gewesen sein sollen. Die Familie der Sorbusarten Ebenfalls zur Familie der Rosengewächse und zu den Wildobstarten zählt der Botaniker die Sorbusarten, so den Speierling (Sorbus domesti- cus), auch Sperbelbaum genannt, ein Verwand- ter der Eberesche, eigentlich ein Bewohner des milderen Hügellandes. Seinen Anbau als konser- vierender Obstzusatz soll einst schon Karl der Große angeordnet haben. Feinschmecker brannten sich einen Sperbelschnaps, dessen Magenschmerzen lindernde Wirkung gerühmt wurde. Immerhin existiert am Fürstenberg eine Sperbelhalde; der Name legt nahe, dass der An- bau auch auf der Baar zumindest versuchsweise einst erfolgt sein muss. Ebenfalls eher im Hügel- land zu finden ist der Baum des Jahres 2011, die Elsbeere (Sorbus torminalis), deren Birnchen einst allenfalls als Abführmittel taugte, wovon der Name Ruhrbirne zeugt. Förster Hans Letulé hat versuchsweise im Weißwald einige Elsbeerbäu- me gepflanzt, die erstaunlich gut gediehen sind und mittlerweile auch bereits Früchte tragen. Zur Familie der Sorbusarten zählt die Mehl- beere (Sorbus aria), ein insbesondere am Alb- trauf der Baaralb häufiger Waldbaum, leicht erkennbar an den mehlig weißen Blattuntersei- ten. Dass auch ein Allerweltsbaum wie die Eber- esche, oder Vogelbeerbaum (Sorbus aucuparia) noch zum Wildobst gezählt wird, wird leicht übersehen. Vor allem im kristallinen Schwarz- wald pflegt sich die Pionierbaumart, durch Drosseln verbreitet, alsbald nach Kahlschlägen einzufinden, wo sie unser Auge mit dem herbst- lichen Scharlachrot ihrer Beeren erfreut. Allen Sorbusarten gemeinsam sind die gefiederten Blätter, aber auch ihre Beliebtheit bei den In- Oben: Blühende Wildbirnbäume bei Überauchen. Unten: Vogelbeere als Pionierbaumart nach Sturm- schaden. sekten, den Vögeln und vielen Wildtierarten. So erfüllen denn die Wildobstarten allesamt eine außerordentlich wichtige ökologische Funktion. Ihre Erhaltung, Förderung und Nachzucht sollte daher ein Herzensanliegen sein für jeden ökolo- gisch orientierten Forstwirt und Landnutzer. Wildobstbäume 251


252 Umwelt und Natur


Baar-Schnaps aus alten Obstsorten Ansgar Barth hat auf der Baar etliche Streuobstwiesen gepachtet und verarbeitet die Ernte zu edlen Destillaten von Stephanie Jakober Mit der Ernte von Streuobstwiesen der Baar, auf denen u. a. Birnen- und Apfel- sorten wie Öster reichische Weinbirne oder Jakob-Fischer-Äpfel wachsen, brennt Ansgar Barth edle Destillate. Das F oto zeigt eine Streuobstwiese bei Döggingen. XXX 253


Der Blick gleitet über die Gauchach- schlucht. An guten Tagen ist am Horizont sogar der Feldberg zu ent- decken. Grüne Wie- sen, Ruhe, bezau- bernde Landschaft – am Ortsrand des Bräunlinger Stadtteils Döggingen liegt eines dieser Fleckchen Erde, in die man sich sofort verliebt. So ging es auch Ansgar Barth, der hier eine Streuobstwiese gepachtet hat. Doch das kleine Idyll ist nicht der einzige Grund, die alten Obstbäume, die hier seit gut 80 Jahren stehen, haben es ihm ebenso ange- tan. Hier verbringt er viele Stunden: Baumpflege und Obsternte sind zeitintensiv, doch am Ende des Arbeitsprozesses steht der Ge- nuss. Denn der Unterbränder fängt das Aroma seiner Streuobstwiesen ein – verpackt in Flaschen als durchsichtige Flüssigkeit. Aus alten Sorten wie beispielsweise der Österreichischen Weinbirne oder Ja- kob-Fischer-Äpfeln stellt Barth Schnaps her. Vom Baum bis zum endgültigen Erzeugnis – alle Arbeitsschritte übernimmt er selbst. Beim Brennen sind Fingerspitzengefühl und Geduld gefragt Der Grundstein für seine Leidenschaft wurde bereits in der Kindheit gelegt. Aufgewachsen im Murgtal prägten nicht nur die blühenden Apfel- bäume seine Kindheit, sondern auch die Ernte und die Weiterverarbeitung des Obstes. Heute bestimmt sein Hobby einen Großteil seiner Zeit: Denn wenn auf den Streuobstwiesen der Schnee liegt, dann steht Ansgar Barth zuhause an seinem Brenngeschirr. Fingerspitzengefühl und auch Geduld sind gefragt, die Temperatur darf nicht zu schnell steigen und das eine oder andere Experiment ist nötig, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist: Das Klima auf der Baar ist alles andere als geeignet – und in anderen Regionen wie bei- spielsweise in der Ortenau oder am Bodensee gibt es süßeres Obst, dessen Zuckergehalt die Destillation wesentlich einfacher macht. Doch genau das ist es auch, was ihn begeistert: „Der Boden und das Klima geben dem Obst seinen Zeit für die Ernte: Ansgar Barth hat verschiedene Streuobstwiesen gepachtet, die er auch pflegt. Links: Maische ist das Grundprodukt für den Schnaps, sie besteht aus Früchten, Hefe und Enzymen. 254 Baar-Schnaps aus alten Obstsorten


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re weideten unter Bäumen, das Obst wurde zu Most, Saft und Marmelade weiterverarbeitet. In den 1950er und 1960er-Jahren begann der Nie- dergang der Streuobstwiesen. „Damals gab es sogar Geld dafür, wenn man die Bäume fällen ließ“, erklärt Barth. Heute ist die Bedeutung der Streuobstwiesen wieder ins Bewusstsein ge- rückt – der Erhalt wird vom Land beispielsweise gefördert. Doch die Bewirtschaftung ist für manch ei- nen Landwirt – vor allem, wenn er im Nebener- werb tätig ist – nicht interessant. Die Flächen sind zu klein, um sie richtig bewirtschaften zu können und die Bäume und Wiesen fordern viel Arbeitszeit. „Mittlerweile kommen sogar schon Leute auf mich zu, die mir ihre Wiesen zur Verpachtung anbieten“, sagt Barth. Schließlich haben beide Seiten etwas davon: Der Besitzer, weil er weiß, dass sein Stück Land in guten Händen ist und Ansgar Barth hat Obst, das er zu Schnaps weiterverarbeiten kann. Barth blickt auf einen Baum: Jakob-Fischer- Äpfel hängen an den Ästen. Bald ist es Zeit für die Ernte. Zwischen 100 und 250 Kilo Obst ist pro Baum zu rechnen. Und es ist ein gutes Jahr für diesen Baum. Auch die Öxle-Zahl, die Barth regelmäßig kontrolliert, ist vielversprechend. Aber: „Es ist auch ein Stück weit Liebhaberei.“ Denn aus zwei Zentnern Äpfel werden 100 Liter Maische, das Grundprodukt für die Schnaps- brennerei. Drei bis vier Wochen muss das Obst mit Reinzuchthefe und Enzymen in einer geschlossenen Tonne gären. Dann erst wird das Brenngeschirr angeheizt und die Maische weiterverarbeitet. Am Ende werden wohl von 100 Litern Maische rund sechs Liter trinkbarer Alkohol verbleiben. Das Brennen muss fünf Tage zuvor angemeldet werden Nicht nur Birnen und Äpfel verarbeitet Ansgar Barth zu Schnaps, auch Pflaumen-, Kirschen- und Schlehen- schnäpse entstehen. typischen Geschmack.“ Gerade die alten Sorten, die auf seinen Wiesen zu finden sind, sorgen für das besondere Aroma. Und mit der richtigen Leidenschaft, einem guten Fingerspitzengefühl, dem richtigen Riecher und viel Arbeit sind die Baaremer Obstsorten dann auch konkurrenzfä- hig mit klimaverwöhnten Regionen. Dass die Produkte aus dem eigenen Bestand oder eben von gepachtetem Land stammen, ist aber auch eine Voraussetzung, überhaupt Schnaps brennen zu dürfen. Grundlage ist das Brennrecht für Stoffbesitzer, das eigentlich jeder in der Region hat. „Ich darf nur eigenes Obst und Wildobst verwenden.“ Doch nicht in ganz Deutschland ist das so, sondern nur in Gegenden, in denen von 1908 bis 1915 Brannt- wein von Stoffbesitzern hergestellt wurde. Das sind im Wesentlichen die Obstanbaugebiete in Süd- und Südwestdeutschland. Früher war hier das Brennen weit verbreitet, heute machen es nur noch wenige. „Im Schwarzwald-Baar-Kreis ist kaum mehr jemand aktiv“, erklärt er. Wer seine Streuobstwiese beseitigte, bekam Geld vom Staat Das ist allein schon an der Geschichte der Streuobstwiesen abzulesen: Früher waren sie in die landwirtschaftliche Kette eingegliedert. Tie- Doch bis es so weit ist, muss nicht nur das Destil- lieren wachsam beobachtet werden. Auch die gesetzlichen Bestimmungen sind zu befolgen: ,,Ich muss fünf Tage im Vorfeld beim Hauptzoll- amt in Stuttgart anmelden, dass ich brennen werde“, sagt Barth. Nicht nur der Tag muss 256 Umwelt und Natur


Oben: Ansgar Barth erhitzt in der Brenn- blase die Maische, so dass Alkohol und Aro- men verdampfen. Unten links: Ein dünner Strahl schießt aus dem Rohr: Nur wenn Ansgar Barth Vor-, Mittel- und Nachlauf sauber von- einander trennt, ist der Schnaps perfekt. Unten rechts: Kleine Geruchsprobe: Schon jetzt erkennt man, ob das Destillat wirklich gut geworden ist. mitgeteilt werden, sondern auch die Menge an Maische und die Obstsorte müssen angemeldet werden. Schummeln geht nicht, denn jederzeit kann ein Beamter vor der Türe stehen und kon- trollieren, ob alles seine Richtigkeit hat. Oft experimentiert Barth: Zibarte – eine Un – terart der Pflaume – oder auch mal Vogelbeeren werden eingesetzt. Dabei sind erneut Finger- spitzengefühl und feine Geschmacksnerven gefragt. Meist braucht es mehrere Versuche, bis ihm das Ergebnis auch wirklich mundet. Denn es kommt auf vieles an: Die Zibarten wurden beispielsweise extrem spät geerntet, zu einem Zeitpunkt, als der Baum kaum noch Laub hatte und die Früchte schon Rosinen glichen. Dadurch sind sie hoch zuckerhaltig, die Ausbeute ist deshalb wesentlich geringer, aber das Aroma umso besser. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahren einiges gewandelt. Früher galt das Schnapsbrennen oft als Resteverwertung, heute wird extrem auf Qualität geachtet. Früher hat man die Obstreste zu Obstler verarbeitet, heute wird auf sortenreine Brände gesetzt. Es bedarf viel Leidenschaft und Zeit – aber dann sind auch die Baaremer Obstsorten kon- kurrenzfähig. Und ganz nebenbei werden au- ßerdem idyllische Streuobstwiesen wie die in Döggingen erhalten. Baar-Schnaps aus alten Obstsorten 257


von Thomas Kring Wald-, Trocken- und Feuchtlebensräume sollen für den Arten- und Biotop- schutz sowie den Biotopverbund verbessert und gesichert werden – so lautet das zentrale Ziel des Naturschutzgroßprojektes Baar. Das Projekt des Schwarzwald-Baar-Kreises wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesumweltministeriums und dem Ministerium für Ländlichen Raum und Ver- braucherschutz zu 90 Prozent gefördert. Warum ist die Baar so wertvoll? Dass die Baar und die angrenzenden Gebiete aus naturschutzfachlicher Sicht so abwechslungs- reich und wertvoll sind, hat seine Gründe. Sie stellt den Übergangsbereich vom Schwarzwald im Westen zur Schwäbischen Alb im Osten dar. Hier sind fast alle Gesteinsschichten des Süd- Baar – Schwarzwald ca. 880 m + NN Baar – Gäuplatten G A u h a : e l l e u Q 258 ca. 700 m + NN ca. 770 m + NN Fließerden / periglaziale Deckschichten Grundgebirge Buntsandstein Unterer Muschelkalk Mittlerer Muschelkalk Oberer Muschelkalk


westdeutschen Schichtstufenlandes vertreten, was dazu führt, dass entsprechend der vielfältigen Geologie ein Mosaik aus sehr unterschiedlichen und stellenweise kleinräumig wechselnden Böden entstand (s. Abb. u.). So konnte sich die vorhande- ne große Arten- und Biotopvielfalt entwickeln. Das Vorkommen von seltenen Biotopen und der vielen gefährdeten Tier- und Pflanzenarten schlägt sich in der Ausweisung von Schutzge- bieten nieder. Neben geschützten Biotopen und Naturschutzgebieten gibt es auch NATURA 2000-Gebiete (FFH- und Vogelschutzgebiete), den Naturpark Südschwarzwald und diverse Landschaftsschutzgebiete. Internationales „Drehkreuz“ für den Biotopverbund Die Baar und die Baaralb verbinden die Wälder und Trockenlebensräume des Schwarzwaldes, der Schwäbischen Alb, des Alpenvorlandes und der Schweiz miteinander. Gleiches gilt auch für die Moore, Feuchtlebensräume und die Fließ- gewässer. Baar und Baaralb können deshalb als wichtiges nationales und internationales „Drehkreuz“ für den Biotopverbund bezeichnet werden. Diese Bedeutung ist für viele Lebens- räume und Artengruppen belegt und hat ihre Ursache in dem zum Teil kleinflächigen Mosaik Riedbaar Baar – Albvorland Niedermoor Auenlehme / holozäne Abschwemmmassen Baaralb ca. 890 m + NN Hangschutt Malm (Weißer Jura) ca. 680 m + NN Unterkeuper ca. 740 m + NN Mittelkeuper Lias (Schwarzer Jura) Ölschiefer (Lias) Dogger (Brauner Jura) Opalinuston (Dogger) 259


aus unterschiedlichen Lebensräumen, die als Trittsteine und Korridore dienen. Eine wichtige Verbundachse der Wald- gebiete des Schwarzwaldes und am Trauf der Schwäbischen Alb verläuft zum Beispiel über die Wälder des Wutachgebietes und der Baaralb. Dies spiegelt sich ebenso im General- wildwegeplan Baden-Württemberg wider, der potenzielle Verbund- und Wanderachsen für Großsäugetiere aufzeigt. So wird dem Korridor über den Stoberg, Eichberg, Buchberg und die Jungviehweide mit Knotenpunkten zu Achsen in die Schweiz nationale beziehungsweise inter- nationale Bedeutung zugewiesen (siehe dazu die Abbildung unten). Auf der Baar sind die Einzugsgebiete des Rheins und der Donau eng miteinander verzahnt. So entwässert beispielsweise das Schwenninger Moos nach Norden in den Neckar und damit in den Rhein. Nach Süden fließt aber auch ein Teil des Wassers, das über den Tal- bach und die Brigach in die Donau gelangt. Im Bereich des Zollhausriedes bei Blumberg fließt ebenso ein Teil des Wassers über die Wutach zum Rhein, wohingegen der andere Teil aus der Aitrach in die Donau fließt. Diese Verzahnung wird deutlich bei einem Blick auf den Verlauf der Europäischen Hauptwasserscheide (siehe Karte links unten), die zum Beispiel zwischen Villingen und Schwenningen verläuft. Die Baar befindet sich zwischen den Höhen des Schwarzwaldes und der Schwäbischen Alb, die beide über 1.000 m ü. NN Höhe erreichen. Zwischen diesen Höhenzügen bündeln sich Achsen für den Vogelzug. Insgesamt 25 Zugvo- gelarten, die gemäß Roter Liste Deutschlands vom Aussterben bedroht, stark gefährdet oder gefährdet sind, nutzen die ausgedehnten Riedflächen und Gewässer regelmäßig als Rast- plätze. Hervorzuheben ist dabei der Überwin- terungsplatz der Kornweihe (Circus cyaneus) im Fördergebiet Birken-Mittelmeß. Bedeutung als Refugialraum im Klimawandel Klimasensible Tier- und Pflanzenarten werden wegen des Klimawandels und den damit ein- hergehenden Veränderungen ihrer Lebensräu- me in die Höhe oder nach Norden ausweichen. Aufgrund der Höhen- und Muldenlage der Baar wird sich das Klima hier aber voraussichtlich Links oben: Ausschnitt aus der Karte des General- wildwegeplans Baden-Württemberg. Grün: Wildtier- korridore internationaler Bedeutung, gelbe Punkte: Knotenpunkte. Diese Achsen wurden anhand der Be- deutung für landlebende Säugetiere mit Lebensraum- schwerpunkt im Wald ermittelt beziehungsweise geprüft (NGP Baar/Datengrundlage: FVA). Links unten: Die Europäische Hauptwasserscheide stellt die Grenze zwischen dem Einzugsgebiet des Rheines und der Donau dar (NGP Baar). 260 Umwelt und Natur


Die Kornweihe (Circus cyaneus) überwintert regelmäßig im Fördergebiet Birken-Mittelmeß. vergleichsweise wenig erwärmen und nicht trockener werden. Deswegen können die Baar und die Baaralb wichtige Rückzugsräume (Refu- gialräume) für klimasensible Artengruppen mit unterschiedlichsten Lebensraumansprüchen bieten. Die Wanderungen können aber nur er- folgen, wenn die von den Arten benötigten Bio- tope entsprechend miteinander, beispielsweise durch geeignete Trittsteine, verbunden sind. Besondere Lebensräume und Arten Auf der Baar gibt es eine ganze Bandbreite von unterschiedlichen Biotoptypen beziehungswei- se Biotoptypenkomplexen, also unterschiedli- che Biotoptypen, die kleinräumig miteinander verzahnt sind: § Hoch- und Übergangsmoore § Streuwiesen, Kleinseggenriede und tro- ckene Moorränder § Feucht- und Nassgrünland § Großseggenriede und Röhrichte § Artenreiche Tannenmischwälder der Zen- tralbaar § Lichte Eichen- und Buchenwälder und Re- likt-Kiefern-Wälder § Magerrasen und trockene Säume Jeder dieser Biotoptypenkomplexe wäre es wert, an dieser Stelle eine ausführliche Würdigung zu erhalten. Im Folgenden werden beispielhaft zwei Komplexe kurz vorgestellt. Feucht- und Nassgrünland Diese Biotoptypen finden sich innerhalb der Gebiete Bregtal, Mönchsee-Rohrmoos und Aitrachtal, aber auch im Gebiet Birken-Mittel- meß. Die feuchten und nassen Wiesen sind, wie der Name vermuten lässt, vom Wasser geprägt und, zumindest zeitweise, nass bis sehr nass. chance.natur – Bundesförderung Naturschutz Das Förderprogramm des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) „chance.natur – Bundesförderung Natur- schutz“ besteht seit 1979 und dient dem Schutz und der langfristigen Sicherung national bedeutsa- mer und repräsentativer Naturräume mit gesamt- staatlicher Bedeutung. Insgesamt wurden durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) mit den Mit- teln des BMUB bisher 77 Naturschutzgroßprojekte (NGP) in das Förderprogramm aufgenommen. Seit März 2013 werden Teile der Baar und der Baaralb aufgrund ihrer gesamtstaatlichen und internationalen Bedeutung für den Naturschutz, als „Naturschutzgroßprojekt Baar“ gefördert. Das Projekt ist erst das sechste und im Jahr 2016 das einzige noch laufende NGP in Baden-Württemberg. Der Projektträger Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist Initiator und Pro- jektträger des Naturschutzgroßprojektes Baar. Im Februar 2012 stellte der Landkreis den Antrag auf Förderung des NGP Baar. Nach intensiver Prüfung der Antragsunterlagen und erfolgten Ergänzungen lagen Ende März 2013 die Förderbescheide des BfN und des Regierungspräsidiums Freiburg vor. Die Geschäftsstelle hat ihren Sitz im Umwelt- zentrum Schwarzwald-Baar-Neckar auf der Mög- lingshöhe (ehemaliges Gelände der Landesgarten- schau Villingen-Schwenningen 2010). Die Beteiligten Am Naturschutzgroßprojekt sind neun Kommunen im Schwarzwald-Baar-Kreis und eine weitere im Landkreis Tuttlingen beteiligt. Im Einzelnen sind das die folgenden zehn Städte und Gemeinden: Bad Dürrheim, Blumberg, Bräunlingen, Brigachtal, Donaueschingen, Geisingen, Hüfingen, Königsfeld, Mönchweiler und Villingen-Schwenningen. Naturschutzgroßprojekt Baar 261


Links: Feucht- und Nassgrünland – Auf den frisch gemähten Wiesen der Baar kann man den Weißstorch wie- der häufiger beobachten. Rechts: Magerrasen und trockene Säume sind auch am Fürstenberg zu finden. Diese Standorte bieten meist nur flachgründige Böden und sind dementsprechend wasser- und nährstoffarm. Zusätz- lich sind es oftmals steile Bereiche, die schlecht zu bewirtschaften sind. Entsprechend müssen die vorkommenden Pflan- zenarten sehr nässetolerant sein. Typisch sind hier Sauergräser, zum Beispiel Seggen, die an diese Standortbedingungen sehr gut angepasst sind. Zum Erhalt ihres naturschutzfachlichen Wertes müssen diese Flächen extensiv genutzt beziehungsweise gepflegt werden. Daher wer- den sie meist zweimal im Jahr gemäht, wobei der erste Schnitt oft im Juni und der zweite Schnitt im August oder September erfolgt. Al- ternativ findet eine einmalige Mahd in Verbin- dung mit einer späteren Beweidung statt. Die dichten und hochwüchsigen Wiesen sind sehr arten- und damit auch blütenreich. Auffällig sind dabei zum Beispiel die purpur- farbene Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare), die gelbblühende Trollblume (Trollius europaeus) oder die blaue Sibirische Schwertlilie (Iris sibiri- ca). Vereinzelt ist auch die seltene Schachblume (Fritillaria meleagris) anzutreffen, die tatsäch- lich wie ein Schachbrett gemustert ist. Eine auffällige Vogelart, die die Feucht- und Nasswiesen regelmäßig zur Futtersuche anfliegt, ist der Weißstorch (Ciconia ciconia). Das Braun- kehlchen (Saxicola rubetra) hingegen ist, vor al- lem aufgrund seiner geringeren Größe, deutlich weniger gut zu beobachten. Als Besonderheiten aus der Insektenwelt sind der Randring-Perlmut- terfalter (Boloria eunomia) und die Wanstschre- cke (Polysarcus denticauda) zu nennen. Magerrasen und trockene Säume Die arten- und strukturreichen Magerrasen und trockenen Säume sind oft dem eigentlichen Wald rand vorgelagert. Zu finden sind diese Bio- tope unter anderem in den Gebieten Pfaffenholz, Baar alb bei Fürstenberg und Baaralb bei Geisin- gen. Es ist oft der steiler werdende Übergangs- bereich zwischen Acker- oder Grünlandnutzung zum Wald. Meist sind diese Standorte flachgrün- dig und trocken. Bevorzugt kommen dort Arten vor, die licht- und wärmebedürftig sind. Kleinräumig wechseln in diesem Übergangs- bereich die Standortbedingungen für die Tier- und Pflanzenwelt und es sind sowohl Arten des Offen- landes als auch des Waldes anzutreffen. Deshalb sind die vorgelagerten Magerrasen und Säume 262 Naturschutzgroßprojekt Baar


FEUCHT- UND NASSGRÜNLAND 2 5 4 1 Die Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica): Die auffällige und sel- tene Pflanze wächst vor allem in wechselfeuchten und nassen Wiesen. 2 Nur ca. vier Monate im Jahr sind die bodenbrütenden Braun- kehlchen (Saxicola rubetra) bei uns. 3 Die seltene Schachblume (Fritillaria meleagris) ist ein Lilienge- wächs und blüht von April bis Mai. 4 Die Trollblume (Trollius europaeus) ist auf Feuchtwiesen, aber auch in Bruch- und Auenwälder zu finden. 5 Auffällig ist der große sattelförmige Halsschild der Wanstschre- cke (Polysarcus denticauda), die bis zu 44 Millimeter groß wird. 6 Das Verbreitungsgebiet der Bach-Kratzdistel (Cirsium rivulare) liegt in Deutschlands Süden und in den Alpen. 7 Der Randring-Perlmutterfalter (Boloria eunomia) bevorzugt ex- tensiv genutztes Feuchtgrünland. 1 3 6 7 XXX 263


in der Regel sehr artenreich. Da der Ertrag auf solchen Flächen in der Regel gering ist, wurden diese Flächen traditionell meist nur einmal im Jahr und dann oft erst im Juli oder August gemäht. Eine Charakterart der trockenen Säume ist der Blutrote Storchschnabel (Geranium sangui- neum). Daneben kommen aber der Kreuz-En- zian (Gentiana cruciata), die Ästige Graslilie (Anthericum ramosum), das Alpenmaßliebchen (Bellidiastrum michelii) oder die Kleine Spin- nen-Ragwurz (Ophrys araneola) vor. Als herausragende vorkommende Tierarten seien die beiden Schmetterlinge Kreuzenzian- Ameisenbläuling (Maculinea rebeli) und Roter Scheckenfalter (Melitaea didyma) genannt. Ein typischer Vogel der Waldränder beziehungs- weise der Übergangsbereiche ist der Neuntöter (Lanius collurio). Vorkommen geschützter und seltener Arten Auf der Baar wurden 174 Farn- und Blütenpflan- zen der aktuellen Roten Liste und Vorwarnliste Deutschlands nachgewiesen. Darunter befinden sich 28 stark gefährdete und 95 gefährdete Ar- ten. Hinzu kommen noch 21 Arten, die deutsch- landweit als ungefährdet gelten, aber in der Ro- ten Liste Baden-Württemberg in die Kategorie 3 (gefährdet) eingestuft sind. Auf der Baar konnten in den Offenlandgebie- ten bisher 35 Arten der bundesdeutschen Roten Liste und Vorwarnliste beobachtet werden. Die Tagfalterfauna der Baar ist besonders artenreich ausgeprägt, es konnten bisher Vorkommen von 65 Arten der bundesweiten Roten Liste und Vor- warnliste dokumentiert werden, darunter auch fünf vom Aussterben bedrohte Arten. Die nebenstehende Tabelle gibt einen klei- nen Einblick in die lange Liste der seltenen vor- kommenden Arten der Baar. Die Fördergebiete Im Rahmen des Naturschutzgroßprojektes Baar gibt es 17 Fördergebiete, die zusammen eine Fläche von rund 4.690 Hektar umfassen. Sie stellen gemeinsam eine Fördergebietskulisse dar, innerhalb derer Naturschutzmaßnahmen gefördert werden können. Mit dem Brigachtal ist ein 18. Fördergebiet vorgesehen, so dass sich die Fläche auf rund 4.925 Hektar vergrößern könnte. Die Fördergebiete im NGP Baar werden in Moor- und Waldfördergebiete unterschieden, was den Charakter des jeweiligen Gebietes wi- derspiegelt. So sind oder waren die Moorförder- gebiete im Untergrund, also dem Boden, von Hoch- oder Niedermoor geprägt. Sie sind mehr oder weniger stark von Wasser beeinflusst und umfassen zum überwiegenden Teil Offenland- bereiche. Es gehören aber auch Wälder, zum Bei- spiel im Plattenmoos, dazu. Zu den Waldfördergebieten gehören vor allem Wälder und Waldränder, aber in der Regel auch vorgelagerte Grünlandbestände. Wald- fördergebiete stellen keine reinen Waldbestän- de dar. Rote Liste D BW Farn- und Blütenpflanzen Strauch-Birke Rosmarin-Seidelbast Busch-Nelke Rundblättriger Sonnentau Kleine Spinnen-Ragwurz Mehlprimel Spatelblättriges Greiskraut Moose Vielblütiges Goldschlafmoos Glänzendes Filzschlafmoos Avifauna Krickente Kornweihe Wachtelkönig Grauammer Braunkehlchen Schmetterlinge Randring-Perlmutterfalter Großes Wiesenvögelchen Blauschillernder Feuerfalter 2 2 2 3 2 3 3 2 2 3 2 2 3 3 2 1 1 2 2 2 3 2 2 2 2 2 1 1 1 2 1 3 1 1 1 = vom Aussterben bedroht, 2 = stark gefährdet, 3 = gefährdet 264 Naturschutzgroßprojekt Baar


MAGERRASEN UND TROCKENE SÄUME 2 1 Eine Charakterart der trockenen Säume ist der Blutrote Storchschnabel (Geranium sanguineum). 2 Der Neuntöter (Lanius collurio), auch Rotrückenwürger genannt, ist bekannt dafür, dass er Beutetiere auf Dor- nen aufspießt. 3 Ein Kreuzenzian-Ameisenbläuling (Maculinea rebeli) bei der Eiablage. Die geschlüpften Larven ernähren sich von den Blütenknospen und müssen später von Knoten- ameisen gefüttert werden. 4 Die Kleine Spinnen-Ragwurz (Ophrys araneola) kommt vor allem in Trockenrasen, Halbtrockenrasen, an steinigen Hängen und gelegentlich in lichten Kiefernwäldern vor. 5 Das Alpenmaßliebchen (Bellidiastrum michelii) unter- scheidet sich vom Gänseblümchen an den Früchten: Diese sind beim Alpenmaßliebchen behaart und haben einen Pappus. 6 Die Raupe des Kreuzenzian-Ameisenbläuling ernährt sich ausschließlich von den Blüten des Kreuz-Enzians (Gentiana cruciata). 7 Sehr schön zu erkennen ist die Zeichnung der Flügelun- terseiten des Roten Scheckenfalters (Melitaea didyma): Cremefarbene Hinterflügel mit zwei orangenen Binden und einer Vielzahl von schwarzen Flecken. 8 Eine typische Art der trockenwarmen Säume ist die Äs- tige Graslilie (Anthericum ramosum). 8 265 1 4 6 7 3 5 XXX


Der Unterhölzer Weiher im abendlichen Gegenlicht. Im Bereich der Verlandungszonen bilden sich häufig Röh- richte, die für Amphibien und Vögel als Lebensraum von Bedeutung sind. Die Ziele des NGP Die folgenden zwei Leitlinien wurden für das Gesamtprojekt formuliert: § § Sicherung und Entwicklung eines klimati- schen Refugialraums außerhalb der hohen Mittelgebirgslagen Schaffung und Aufwertung von Biotop- verbundstrukturen für vertikale und hori- zontale Wanderbewegungen Die Bedeutung der Baar als Refugialraum im Zeichen des Klimawandels wurde bereits beschrieben. Die Sicherung und Entwicklung dieses Refugialraumes ist gleichzusetzen mit dem Schutz, der Verbesserung und Schaffung von Biotopen, wodurch auch der Biotopverbund gestärkt wird. Ausgehend von diesen Zielen wurden die Leit- und Zielarten ausgewählt, die zum Beispiel zu den klimasensitiven Arten ge- hören oder Indikatorarten des Zielartenkonzep- tes (ZAK) Baden-Württembergs sind. Ein „Nebenziel“ ergibt sich aus der geplan- ten Wiedervernässung von Mooren und der Ex- tensivierung der Moor- und Grünlandnutzung. Für den Moorabbau wurden die Moore entwäs- sert. Gleiches gilt auch für die Niedermoorbö- den in den Talauen, die sehr oft nur deshalb be- wirtschaftet werden können. Nach der Entwäs- serung der Moorkörper und der anschließenden land- oder forstwirtschaftlichen Nutzung wird der Torf zersetzt. Dabei werden große Mengen an schädlichen Treibhausgasen, zum Beispiel Kohlendioxid und Lachgas, freigesetzt. Durch eine Wiedervernässung und Nutzungsextensi- vierung kann der Zersetzungsprozess gestoppt oder zumindest verlangsamt werden. Das weitergehende Ziel ist es aber die Moore zu neuem Wachstum anzuregen. Wach- sende Moore bilden Torf. In diesem werden Kohlenstoff und Stickstoff aus der Atmosphäre gebunden und damit klimaschädliche Gase in der Atmosphäre reduziert. Aber auch im Wald wird Kohlendioxid gebunden, weshalb sich der Erhalt von alten Wäldern ebenfalls positiv auf das Klima auswirkt. Moore und Wälder sind also wertvolle natürliche Kohlenstoffsenker. Auf den Punkt gebracht: Ziel des Natur- schutzgroßprojektes Baar ist die Stärkung des Biotopverbundes durch die qualitative und quantitative Verbesserung der bestehenden Lebensräume (Biotope) für gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig soll durch die Wie- dervernässung und Extensivierung der Moor- und Grünlandnutzung sowie durch den Schutz der Wälder ein aktiver Beitrag zum Klimaschutz geleistet werden. 266 Umwelt und Natur


Abendstimmung im Naturschutzgebiet Birkenried-Mittelmeß. Hier kommt die deutschlandweit stark gefährde- te Strauch-Birke (Betula humilis) vor. Der Ablauf Projekt II: Umsetzung des PEPL Ein Naturschutzgroßprojekt gliedert sich in zwei Teilprojekte: Projekt I: Planung – Erstellung des Pflege- und Entwicklungsplans (PEPL) Der Pflege- und Entwicklungsplan für das NGP Baar wird bis 2016 in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landschaft und Umwelt (ILU) der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtin- gen-Geislingen (HfWU) erarbeitet. Für diesen wird eine ökologische Bestandserhebung auf Grundlage einer umfangreichen Analyse des Planungsraumes durchgeführt, damit ein mög- lichst komplettes naturschutzfachliches Bild des Plangebietes entsteht. Bereits mit dem Entwurf des Pflege- und Entwicklungsplanes erfolgt eine intensive Abstimmung mit den beteiligten Kommunen, Behörden und Interessenverbänden. Auch finden schon erste Abstimmungen mit den Flächen eigentümern und -bewirtschaftern statt. Am Ende des Prozesses soll dann ein PEPL vorliegen, der von allen Beteiligten mitgetragen wird. Nach Fertigstellung und einvernehmlicher Verabschiedung des PEPL durch Bund, Land und Projektträger kann der Antrag auf Förderung des Projektes II (Umsetzungsphase) gestellt werden. Die Umsetzung des Pflege- und Entwicklungs- planes ist für das NGP Baar nach erfolgreicher Antragstellung für den Zeitraum 2016 bis 2024 geplant. Dabei sollen die Maßnahmen mit dem Ziel umgesetzt werden, die Gebiete auf hohem Niveau zu entwickeln und zu sichern. Die Maßnahmen Die Bearbeitung des PEPL wird voraussichtlich in der ersten Jahreshälfte 2016 abgeschlossen sein. Denkbare Maßnahmen sind: § Waldumbau und -auflichtung § Gewässermaßnahmen zur Erhöhung der Dynamik und Strömungsdiversität § Rückbau von Querbauwerken § Verbesserung der Durchwanderbarkeit von Gewässern § Reaktivierung von Altarmen § Sperrenbau in Mooren zur weiteren Steu- erung des Wasserhaushaltes § Optimierung des Wasserhaushaltes von Feucht- und Nassgrünland § Aufnahme der extensiven Nutzung von Brachen Naturschutzgroßprojekt Baar 267


Diese Fläche wurde durch einen Pflegeeinsatz des Schwarzwaldvereines von Gehölzen befreit (Enthurstung). Dabei kamen Heckenscheren und Motorsensen zum Einsatz. Die „Berge“ von Material wurden später von Mitar- beitern des Forstamtes abgefahren. § Maßnahmen zur Förderung einzelner Arten § Verbesserung der bestehenden Nutzung von Grünland § Optimierung der Offenlandpflege Hinzu kommen Maßnahmen, die im PEPL noch nicht einzelnen Flächen zugeordnet werden können. Grundsätzlich soll die Extensivierung der Nutzung innerhalb der Fördergebiete ange- strebt werden. Denkbar sind dabei auch klein- flächige Maßnahmen im Bereich der Gewässer (Gewässerrandstreifen), am Ackerrand, Herstel- lung von Blühstreifen, Extensivierung der Grün- landnutzung, naturnahe Waldbewirtschaftung oder die Ausweisung von Prozessschutzflächen im Wald. Beispiele sind die Fördergebiete Platten- moos und Baaralb bei Geisingen. Die folgenden Ausführungen beruhen aber auf ersten Überle- gungen, die vor Fertigstellung der Kartierarbei- ten gemacht wurden. Im Fördergebiet Plattenmoos wird ein Ziel sein, die bestehenden Fichtenforste zu Moor- wald umzubauen. Hierzu wird die Entnahme von Fichten notwendig werden. Durch diese Maßnahmen kann auch die Spirke oder Moor- kiefer (Pinus mugo subsp. rotundata) gefördert werden. Auch sollen die hydrologischen Ver- hältnisse im Sinne eines Moores verbessert werden. Dies wird wahrscheinlich durch die Verbesserung bestehender Grabensperren und dem Bau neuer Sperren erfolgen. Magerrasen und lichte Waldränder als Über- gang zum Wald werden wesentliche Ziele im Eine ältere Sperre im Naturschutzgebiet Plattenmoos. Solche Sperren werden in Entwässerungsgräben er- richtet, um den Grundwasserspiegel in einem Gebiet anzuheben. Innerhalb des NGP Baar werden die be- stehenden Sperren überprüft, gegebenenfalls verbes- sert und durch weitere Sperren ergänzt. 268 Umwelt und Natur


Die Beweidung mit Schafen wird vor allem zur Offenhaltung von Flächen durchgeführt. Oft werden in den Schafherden auch Ziegen mitgeführt, da diese verstärkt Gehölze verbeißen. Fördergebiet Baaralb bei Fürstenberg sein. Dies bedeutet, dass an vielen Stellen, zum Beispiel nach einer Enthurstung (Entfernung der Gehöl- ze), eine extensive Nutzung etabliert werden muss. Die Waldränder könnten in ihrer Artenzu- sammensetzung verändert (Waldumbau) und aufgelichtet werden. Dadurch entsteht für viele Arten des Offenlandes und des Waldes ein inte- ressantes Mosaik von Lebensräumen. Projektes beziehungsweise der durchgeführten Maßnahmen ist verpflichtend. Nach Abschluss des Projektes II, und das ist ein zentraler Punkt im Förderprogramm „chance.natur“, ist der Projektträger und das Land für die Betreuung der Flächen verantwort- lich. Damit soll die dauerhafte Sicherstellung der Projektziele erreicht werden. Die Maßnahmenumsetzung Jede einzelne Maßnahme, die im Pflege- und Entwicklungsplan für das Naturschutzgroßpro- jekt Baar aufgenommen wird, kann nur mit der Zustimmung des Flächeneigentümers und des Bewirtschafters umgesetzt werden. Letzteres ist vor allem für die Landwirtschaft von großer Bedeutung, da der Anteil an gepachteter Fläche bei einzelnen landwirtschaftlichen Betrieben bei 70 Prozent liegt. Die oben beschriebenen Maßnahmen die- nen dem Biotopmanagement. Darüber hinaus könnten aber auch Fördermittel für projektbe- gleitende Informationsmaßnahmen, den An- kauf und die langfristige Pacht von Grundstü- cken verwendet werden. Ausgleichzahlungen wären ebenso möglich. Eine Evaluierung des Zum Schluss Mit der Zustimmung vieler Beteiligten ist natür- lich die Hoffnung verbunden, dass die Akzeptanz des Naturschutzgroßprojektes Baar in der Region groß ist. Nur dann können möglichst viele der geplanten Maßnahmen umgesetzt und die ge- steckten Ziele gemeinsam erreicht werden. Zunächst muss aber das Projekt I erfolgreich abgeschlossen und der Antrag für Projekt II ge- stellt und bewilligt werden. Natürlich werden nicht alle Konflikte zwi- schen den unterschiedlichen Nutzern der Land- schaft gelöst werden. Aber zusammen besteht die einmalige Chance viel für den Erhalt der Landschaft, der Biotope und der vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt zu erreichen. Dazu könn- ten in der Umsetzungsphase rund 5 Millionen Euro bereit stehen! Naturschutzgroßprojekt Baar 269


Am Rohrbacher Stöcklewaldturm: Fernsicht bis zum Montblanc Einblicke – Ausblicke von Wolf Hockenjos


Der 1894 für 8.000 Goldmark erbaute, rund 25 Meter hohe Stöcklewald- turm in Furtwangen-Rohrbach gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen im Schwarzwald-Baar-Kreis. Der Turm steht auf 1.069 Meter Meeres- höhe und bietet einen herrlichen Ausblick über den Landkreis: Schonach, Triberg, St. Georgen, Villingen-Schwenningen, das Brigachtal, Öfingen und selbst der Fürstenberg sind von hier auszumachen. Und natürlich treten an klaren Tagen die Alpen – von der Zugspitze bis zum Montblanc – und die Vogesen hervor. Der Stöcklewaldturm geht auf die Ortsgruppe Triberg des Schwarzwald vereins zurück, die ihn im Mai 1895 einweihte. 1958 wur- de der am Mit telweg Pforzheim-Waldshut und Ortenau-Baar-Querweg liegende Aussichtsturm um ein Wanderheim erweitert. 271


Der Stöcklewaldturm hat herrliche Rundblicke zu bieten, hier in Richtung Triberg/St. Georgen. Die wahren Pioniere des Schwarzwälder Fremdenverkehrs waren Triberger. Zwei von ihnen, Gastwirt Wehrle und Posthalter und Brauereibesitzer Neef, gehörten zu den sieben Gründungsmitgliedern, die 1864 in Freiburg den „Badischen Verein von Industriellen und Gast- wirten“ aus der Taufe gehoben haben, der noch im nämlichen Jahr in „Schwarzwaldverein“ um- benannt wurde. Kein Wunder: Dank Wasserfall und nobler Gastronomie, auch der spektaku- lären Schwarzwaldbahn, ist Triberg einer der „größten Glanzpunkte des Schwarzwaldes“, wie Schnars Neuester Schwarzwaldführer aus dem Jahr 1908 zu berichten weiß. Vereinszweck des ältesten deutschen Gebirgs- und Wandervereins war es, „den Schwarzwald und die angrenzenden Gebiete immer bekannter und zugänglicher zu ma- chen“. Als der in Freiburg ansässige Schwarz- waldverein 1883 beschloss, sich in Ortsgruppen (Sektionen) zu gliedern, waren die Triberger erneut unter den Allerersten, hatte man doch bereits 1875 ein „Verschönerungs-Comité“ und nachfolgend einen „Verschönerungsverein“ gegründet, der sich der Verschönerung des Landschaftsbilds und der touristischen Erschlie- ßung mit Wanderwegen, Ruhebänken und Aus- sichtspavillons verschrieben hatte. Den musste man nun nur noch umbenennen in Schwarz- waldverein Ortsgruppe Triberg. Drei Norweger auf Schneeschuhen Dass die Triberger auch den Wintertourismus schon früh ins Auge gefasst hatten, versteht sich von selbst. Im benachbarten Schönwald hatten schon um 1880 drei norwegische Stu- denten im Gasthaus Hirschen logiert und mit ihren Schneeschuhen erste Spuren gezogen und dabei großes Aufsehen erregt. Was dazu führte, dass 1910 in Triberg eine erste Internationale Wintersportausstellung veranstaltet wurde, bei welcher der Schollacher Erfinder des ersten 272 Umwelt und Natur


Skilifts der Welt, Schneckenwirt Robert Winter- halder, ein nicht von Wasserkraft, sondern von einem Elektromotor angetriebenes Modell vor- stellte. Zwei Jahre darauf wurde auch noch eine Bobbahn eröffnet. Im Tourismusgeschäft galt die Schweiz damals als großes Vorbild; zumal in Triberg, dessen Wasserfall als der schönste außerhalb der Alpen gepriesen wurde. „Sein Charakter“, so steht es noch im 1870 erschienenen Reiseführer von Dr. G. v. Seydlitz „Neuer Wegweiser durch den Schwarzwald“, „ist der des berühmten Brienzer Giesbaches, denn wie sein, freilich grö- ßerer, schweizer Genosse, ergreift er besonders durch seine malerische Schönheit, die Gruppie- rung v. Wald auf Felsterrassen, über welche er in sieben Hauptcascaden herabstürzt.“ Schon vor der Jahrhundertwende war in der Ortsgruppe der Wunsch nach einem Aussichts- turm laut geworden. Der Bau von Aussichtstür- men war damals mächtig in Mode gekommen, weniger der heimischen Landschaft, sondern vorzugsweise der Alpensicht wegen. Dass je- doch gerade den Bewohnern des Triberger Tal- kessels der Sinn nach freiem Ausblick stand, ist ihnen auch heute durchaus noch nachzuemp- finden. 1894 leistete sich die Ortsgruppe für stolze 8.000 Gulden einen 25 m hohen steinernen Rundturm, erbaut auf dem Stöcklewaldkopf in 1.069 m Meereshöhe auf Rohrbacher Gemar- kung und aus dem hier anstehenden Buntsand- stein-Konglomerat und einem oberen Abschluss aus Granit. Um die Alpen nicht zu verpassen, war dem nächstgelegenen Höhenlandwirt, dem „Galgenbauer“, auf Anregung Triberger Wirte eine Telefonanlage zur Verfügung gestellt wor- den, der ins Tal zu melden hatte, wann immer mit Fernsicht zu rechnen war. 127 Treppenstufen bis zum Rundblick Doch auch dem Rundblick von der über 127 Treppenstufen zu erklimmenden Plattform des Turms wird im 1909 erschienenen Schwarz- waldführer von Julius Wais überschwängliches Lob gezollt, nicht anders als in den Internet-Kom- Stöcklewaldturm 273


Blick in Richtung Fuchsfalle/St. Georgen. Unten: Der 25 Meter hohe Stöcklewaldturm. mentaren der Gegenwart. Der Führer zählt sogar lückenlos die Namen aller am Horizont auszumachenden Gipfel rundum auf, vom Drei- fürstenstein in der Schwäbischen Alb über die gesamte Alpenkette hinweg, weiter über Hoch- first, Feldberg, Brend samt ihren jeweiligen Tür- men, über Kandel, Rohrhardsberg bis schließlich zur turmbewehrten Hornisgrinde.Genauso ist es auch heute noch der oben angebrachten Ori- entierungstafel zu entnehmen. Schon der Zugang von Triberg herauf über Geutsche und Fuchsfalle wird hier als besonders aussichtsreich beschrieben – nicht ohne Erwäh- nung der 1721 errichteten Galgensteine, des einstigen Hochgerichts der Triberger Herrschaft. Ob der so exponierte Standort des Galgens le- diglich der Abschreckung diente oder ob damit dem Delinquenten der Abschied von den Schön- heiten dieser Welt noch besonders schwer ge- macht werden sollte, darüber mag man heute mit Schaudern spekulieren. Der Tatendrang der Triberger Ortsgruppe des Schwarzwaldvereins sollte auch nach dem Turmbau nicht erlahmen. Schon 1924 entstand an der Rohrbacher Straße ein Wanderheim (die spätere „alte Jugendherberge“) und im Jahr 1951, kurz nach Wiedergründung des von den 274 274 Umwelt und Natur


Zahnartig ragt in der Mitte links der Gremmelsbacher Schlossfelsen aus dem Fichtenmeer heraus. Alliierten zwischenzeitlich verbotenen Vereins, befasste man sich erneut mit den Plänen für ein Wanderheim, diesmal realisiert als Anbau an den vereinseigenen Stöcklewaldturm – für den Verein ein weiteres wagemutiges Unterfangen, zumal es anfangs noch am Wasser- und Strom- anschluss fehlte. Obwohl das Haus seit 1958 verpachtet ist, erwies es sich doch als dicker Klotz am Bein des Kassenwarts, der ohne Landesmittel nicht zu stemmen gewesen wäre. Doch echte Entlastung gab es erst in den 1980er-Jahren durch den Be- trieb einer Antennenanlage auf der Turmspitze, die von den Behörden für Sicherheitsaufgaben (BOS) für Feuerwehr, THW, Polizeifunk und Rettungsdienst genutzt wird, seit 2011 auch als Relaisstation für den Digitalfunk. Für freundliche Bewirtung sorgt im Wanderheim die Pächterin Katrin Heinzmann (rechts) mit ihrem Team, bestehend aus Sarah Fehrenbach und Claudia Muckle. Unten: Die Antennenanlage auf der Turmspitze dient der Sicherheit: Viele Rettungsdienste im Landkreis empfangen ihre Signale über diese Antennen. Stöcklewaldturm 275


Panoramablick in Richtung Schonach /Triberg. Das Oberzenturm Villingen-Schwenningen im Abendlicht. Vorne rechts ist Unterkirnach, rechts hinten in der Wanderheim und Vesperstube Das Wanderheim zu Füßen des Stöcklewald- turms firmiert mittlerweile vorwiegend als Ves- perstube (Dienstag Ruhetag, im Winter montags und dienstags), denn obwohl zwei überörtliche Wanderwege des Schwarzwaldvereins (der Mit telweg Pforzheim – Waldshut und der Orte- nau-Baar-Querweg) hier vorbei führen, machen Wanderer nach Auskunft der 22 Jahre jungen Wirtin, nur noch einen Bruchteil der ohnehin sel- tenen Übernachtungsgäste aus. „In dieser Hüt- te“, so lautet ein Spruch über einem der Tische, „soll Natur Hausmutter sein!“ Katrin Heinzmann vom nahen Hirzbauernhof fungiert im ersten Jahr als Pächterin und will ihr Engagement an diesem exponierten Ort fortsetzen. Doch die Zeit schlichter Wanderheimroman- tik scheint im Schwarzwald abgelaufen zu sein. Die Gäste sind zuallermeist Motortouristen, die 276 Umwelt und Natur


Bildmitte das Schwarzwald-Baar-Klinikum zu sehen. In der Ferne kann man die Schwäbische Alb ausmachen. vom 500 m entfernten Parkplatz heraufspaziert kommen – sofern sie sich nicht vom Verbots- schild davon abhalten lassen, sogar bis zum Turm herauf zu fahren. Von weiter her kommen, mit nass geschwitzten, knallig bunten Trikots, die Mountainbiker. Nächstens wird man hier beim Radeln gewiss auch die Akkus der E-Bikes wieder aufladen können. Die Ortsgruppe Triberg des Schwarzwaldver- eins nimmt den Trubel in und um die Vesperstu- be dankbar zur Kenntnis; sie scheint sich mit der touristischen Neuzeit arrangiert und ausgesöhnt zu haben. Im Turm steht der Ersatz des verroste- ten Geländers durch eine Edelstahlkonstruktion an, weiter sollen die Fenster erneuert werden – auch die Beleuchtung wartet auf Verbesserung. Jetzt muss der Vereinsvorstand nur noch beschließen, ob man den Obolus für die Turmbe- steigung auf einen Euro anheben wird – egal ob bei Alpensicht oder Nebel. Stöcklewaldturm 277


Fliegenfischen an der Breg bei Vöhrenbach von Christian Kuchelmeister Die Breg bei Vöhrenbach ist bei Fliegenfischern begehrt. Der Haupt- quellfluss der Donau weist in diesem Bereich eine Breite von drei bis acht Metern auf. Der reiche Bestand an Bach- und Regenbogen- forellen kommt in allen Altersstufen vor. Für Angler aus ganz Deutsch- land und darüber hinaus besonders interessant: Die Strecke gilt als sehr abwechslungsreich, denn ruhige Staube reiche wechseln sich mit flotten Abschnitten – es finden sich flache Rieselstrecken und tiefe Rinnen. Somit alles, was das Herz eines Fliegenfischers erfreut. 278 13. Kapitel – Freizeit


Beim Fliegenfischen an der Breg. Gefischt wird auch im strömenden Regen. Erst auf den zweiten Blick auszumachen sind die im Wasser stehenden Bachforellen. Links beim Landen des Fangs. 279


Fürs Fliegenfischen an der Breg vorbereitete Köder. Fliegenfischen gilt als die Königsdisziplin des Angelsports – die Kunst besteht darin, mit Insektenimitationen die Fische zu überlisten. Anders als beim normalen Angeln wird beim Fliegenfischen kein Blei zum Auswerfen des Köders benutzt: Da die leichte Fliege am Vor- fach ohne Gewicht nicht ausgeworfen werden könnte, braucht es hierfür eine spezielle Flie- genschnur. Durch die rhythmischen Bewegungen der Fliegenrute werden die Schnur und der Köder in der Luft gehalten. Beim Werfen kommt es darauf an, im richtigen Augenblick die Fliege so natürlich wie nur möglich auf dem Wasser abzulegen – und die an den Angelhaken ange- bundene Fliege soll so nahe wie möglich bei den Ein erster Fang in Vöhrenbach. 280 Fischen landen, um dann einer lebenden Fliege täuschend ähnlich auf sie zuzutreiben. Fliegenfischen ist eine Kunst und gilt ein Stück weit auch als Lebenseinstellung. Mit der Natur und den Fischen wird dabei sehr sorgsam umgegangen. Es geht den Anglern um mehr, als die erlaubte Zahl von Fischen möglichst schnell auf die Schuppen zu legen, wie es in der Fach- sprache heißt. Vielmehr steht das Gesamterleb- nis im Vordergrund, das Angeln im Einklang mit der Natur. Für viele ist Fliegenfischen wie Meditation: das Plätschern des Wassers, das Beobachten der Tiere und die Aktivitäten am Wasser – die Sinne müssen ganz bei der Sache sein, das per- fekte Zusammenspiel von Wurf, Fließrichtung und Fließgeschwindigkeit entscheidet über den Erfolg. Schnappt der Fisch das vermeintliche Insekt auf dem Wasser, muss mit dem Anhieb in Bruchteilen einer Sekunde reagiert werden, da- mit man den Fisch an den Haken bekommt. Gewässer wie die Breg sind für die Fischerei mit der Fliegenrute ideal, ihre überschaubare Breite ist zum Werfen mit der Fliegenrute wie geschaffen. Die abwechslungsreichen Gewäs- sertiefen, gepaart mit sehr schönen Rauschen und Kehren, macht die Fischerei auf die wun- derschön gezeichneten Bachforellen in dem zir- ka sechs Kilometer langen Stück in Vöhrenbach/ Hammereisenbach sehr interessant. Freizeit


Eine historische und eine aktuelle Ausrüstung zum Fliegenfischen. Zur Geschichte des Fliegenfischens Archäologen gehen davon aus, dass vor rund 30.000 Jahren die Angelhaken erfunden wur den. Erzählungen von Claudius Aelianus bestätigen, dass im Jahre 200 n. Chr. im Fluss Astracus in Mazedonien mit roter Wolle und Hahnenfedern an metallenen Angelhaken auf Fische geangelt wurde. Am Ende des 15. Jahrhunderts beschreibt Juliana Berner, Äbtissin eines Benediktinerin- nen-Klosters, im Detail, wie mit künstlichen Fliegen auf Forellen und Lachse zu angeln sei. Ihr zufolge sollte ein Fliegenfischer vor allem auch ein echter Idealist sein, ein Philosoph und ein Verehrer der Natur. Die Angelruten wurden aus biegsamen Stöcken hergestellt, die Schnüre aus Pferdehaa- ren geflochten. Um ihre Schwimmfähigkeit zu erhöhen, hat man sie mit Fett eingerieben. Angelrollen gab es bis ins 17. Jahrhundert hi nein nicht. Die Schnüre wurden an die meist sehr unhandlichen, langen Angelruten angeknotet. Heute bestehen die Fliegenschnüre aus Kunststoffen, die ungefettet hervorragend auf dem Wasser schwimmen. Angelrollen werden aus speziellem Aluminium gefertigt. Eine kom- plette Kombination aus Rute, Rolle und Flie- genschnur wiegt deshalb nicht mehr als gerade einmal 250 Gramm. Und noch eine Anmerkung vorneweg: Unter Anglern ist es üblich, über seine Erlebnisse in der Ich-Form zu berichten. Auch diese Form des Erzählens unterstreicht, dass man seinen Sport und die damit verbundene Einstellung durch und durch lebt. Erste Kontakte Schon in der Schule lernt man, dass Brigach und Breg bei Donaueschingen die Donau zuweg bringen. Doch habe ich bis auf diesen Sommer den größten Quellfluss der Donau noch nie zu Gesicht bekommen. Als ich das erste Mal angelnd in der Breg stehe, mache ich mir Ge- danken darüber. Eigentlich ist es schade, dass ich dieses Schwarzwaldflüsschen nicht schon früher besucht habe. Schließlich wohne ich keine 80 Kilometer flussabwärts von Donau- eschingen. Auch führten mich meine fliegen- fischenden Exkursionen bisher nicht an die na- he liegenden Gewässer – doch das soll sich von nun an ändern. Zufällig knüpfe ich Kontakte zum Angelver- ein in Vöhrenbach. Durch die Vermittlung eines Freundes kam ich zu einem Fliegenbindekurs für die Vereinsmitglieder in das Haus von Vorstand Hubert Grieshaber. Es wurden an diesem Abend eifrig Fliegen gebunden und natürlich haben wir gefachsimpelt und von großen Fängen erzählt. Und ein wenig Anglerlatein war gewiss auch Fliegenfischen in Vöhrenbach 281


dabei, was ja auch dazugehört und das Thema „Angeln“ mitunter spannend macht. Was mich besonders freute: Ich bekam eine Einladung zum Fliegenfischen in Vöhrenbach mit auf den Nachhauseweg. Anglerfreuden im Regen Die Breg, wie sie mäandernd durch das Tal fließt, und die Erzählungen der Vöhrenbacher Vereinsmitglieder, gingen mir etliche Male durch den Kopf. So ergeht es einem passio- nierten Fliegenfischer, der es kaum erwarten kann, einen Fisch in einem neuen Gewässer zu überlisten. Dennoch dauerte es einige Wochen, bis ich gemeinsam mit zwei Freunden nach Vöhrenbach fuhr. Die Angelkarten rasch bei Hubert Grieshaber abgeholt, starteten wir bei der Drechslerei Fix. Doch von dem Moment an, als wir von der Brücke aus auf Forellen Ausschau hielten, meinte es Petrus nicht mehr ganz so gut mit uns: Es regnete fortan wie aus Kübeln. „Ech- ten Anglern macht das nichts aus“, munterten wir uns auf. len. Doch nicht wenige Fische waren schlauer als wir – ließen sich von unseren Fliegen nicht überlisten. Gegen Mittag beobachteten wir end- lich Ringe auf der Wasserober fläche, sie werden von den Forellen beim Fressen von Insekten erzeugt. Somit war klar: Die Fische lassen sich trotz des Regens mit Trockenfliegen fangen, was die Krönung der Fliegenfischerei darstellt. Der Schlupf von grauen Eintagsfliegen ging nur langsam vonstatten, der leichte Regen ver- hinderte einen größeren Insektenschlupf – und die Fische nahmen sie nur vereinzelt von der Oberfläche. Doch der Austausch der Nymphe durch eine Trockenfliege wurde dennoch gleich mit dem Biss einer schönen Bachforelle belohnt. Trotz des verregneten Morgens war ich über- glücklich über die bisherige tolle Fischerei. Auch der Gewerbekanal, der durch Vöhren- bach fließt, weckte unser Interesse. Doch wollte er uns seine Forellen nicht Preis geben. Den Grund hierfür erahnte ich wenig später, als mir ein Anwohner erzählte, dass die Forellen im Stadtgebiet oft mit Brot gefüttert werden. Klar, da sind die kleinen Fliegen der Angler keine in- teressante Beute. Doch Hüte und Regenjacken ließen nach Die Fischerei ließen wir mit weiteren Fängen geraumer Zeit das erste Wasser durch – die Näs- se drückte an einigen Stellen bereits durch die gesamte Kleidung. Das Tröstliche und Schöne: Wir fingen einige sehr gute Forellen. Durch den Regen gab es keine Insekten auf dem Wasser, die Insekten bevorzugen schlicht ein besseres Wetter, um zu schlüpfen. Die Forellen fingen wir deshalb mit Imitationen von kleinen Futter- fischen und Nymphen, die das natürliche Futter unter Wasser darstellen. Triefend nass, den Fluss aufwärts fischend, sind wir in Vöhrenbach angekommen. Die Kassiererin der innerorts liegenden Tankstelle machte große Augen, als ein paar Angler mit Angelruten, nasser Bekleidung und hohen Gummistiefeln einen heißen Kaffee bestellten. Wir trieften vor Nässe, als wären wir durch die Waschstraße gelaufen. flussaufwärts ausklingen. Zufrieden wurde bei der Nachhausefahrt über den Verlauf des Tages diskutiert. Für mich war klar, ich werde die Breg wieder besuchen, zumal ich ja nur den oberen Abschnitt befischt hatte. Hitzerekorde und endlich wieder fischen Da der Sommer mit Hitzerekorden glänzte, verzögerte sich der nächste Besuch. Der Was- serstand der Breg war enorm gefallen und für eine erfolgreiche Fischerei vielleicht zu gering. Nach ein paar Regenfällen Ende Juli war es so- weit: Die Breg war wieder befischbar. Diesmal besuchte ich den Schwarzwaldfluss mit meinem Freund Melchior, der spontan aus der Schweiz anreiste. Mit leicht getrockneter Kleidung fischten wir Innerhalb einer halben Stunde organisierte anschließend innerorts weiter. An jeder Stelle, an der wir einen Fisch vermuteten, fingen wir tatsächlich sehr schöne, rot getupfte Bachforel- ich uns eine Übernachtungsmöglichkeit und weitere Angelkarten in Vöhrenbach. An der un- teren Gewässergrenze beim Einlauf der Linach 282 Freizeit


Wasserinsekten wie Eintagsfliegen finden sich an der Breg sehr häufig, rechts eine Imitation. Von der Kunst des Fliegenbindens Wasserinsekten dienen den Fischen als Lebensgrundlage – ihre Gier nach diesen Körperteile der Insekten wie Schwanz, Thorax und die Flügel imitiert. Insekten nutzen die Angler. Eingeteilt werden die Insekten in Eintagsfliegen, Köcherfliegen, Steinfliegen und kleinere Arten, die der Gattung der Zweiflügler angehören. Viele hundert Arten kommen in Deutschland und Europa vor. Möchte man als Fliegenfischer erfolgreich sein, muss man wissen, welche Insekten zu wel- cher Jahreszeit am Wasser vorhanden sind und eine perfekte Nachbildung davon mitbringen. Die Basis bildet ein Angelhaken, auf den Hah- nenfedern, Tierhaare und synthetische Fasern gebunden werden. Es werden dabei sämtliche Die Insekten unter Wasser im Larvenstadium werden mit „Nymphen“ nachgestellt. Und da Forellen auch räuberisch leben und kleine Futter- fische als Nahrung zu sich nehmen, werden diese als sogenannte „Streamer“ nachgebunden. Viele Fliegenfischer stellen ihre Fliegen selbst her. Diese können zwar käuflich erworben werden, doch hat man mit den eigenen Mustern noch mehr Freude daran, einen Fisch zu fangen. Die Fliegenbinderei wird als eigenständiges Hobby angesehen, um sich auch im Winter mit der Fischerei beschäftigen zu können. Die Utensilien zum Fliegenbinden sind zahlreich, rechts ein sogenannter Streamer. begann unsere Pirsch auf die rot getupften Schwarzwald-Forellen. Das niedrige, sehr klare Wasser erschwerte das Angeln. Auf den ersten Blick sah es so aus, als gäbe es hier keinen ein- zigen Fisch. Die Tarnung der Forellen war eben perfekt: Ihr Schuppenkleid besaß die Farbe des etwas teefarbenen Untergrunds der Breg. Wasseroberfläche auszumachen. Als versierter Fliegenfischer sah ich, wo sich die Fische auf- hielten, doch sie an den Haken zu bekommen war die andere Sache. Die Forellen gingen beim Fressen sehr selektiv vor und schnappten sich nur die Fliegen, die jahreszeitlich gerade aktuell waren. So waren die Forellen nur durch die entstan- denen Ringe beim Fressen der Insekten an der Melchior fing die größte Forelle des Tages mit über 45 Zentimetern – kaum zu glauben, Fliegenfischen in Vöhrenbach 283


nicht eingesetzt. Die amerikanische Verwandte unserer Forelle wird von vielen Pri vat besitzern in kleinen Seen und Weihern als Speisefisch gehalten. Hin und wie der entkommen einige der Fische in die Breg, was aber nicht wei- ter schlimm ist. So begeistert wie Hemingway Unsere Begeisterung fürs Fliegen- fischen im Schwarzwald teilen viele andere leidenschaft liche Angler. So der amerikanische Schriftstel- ler Ernest Hemingway, der 1922 als 23-Jähriger die Umgebung von Triberg zum Forellenangeln aufgesucht hatte. Auch er liebte die schönen Schwarz- waldbäche und ihre rot getupften Bewohnerinnen. Hemingway ärgerte sich allerdings des öfteren über die Tatsache, dass man in Deutschland zum Fischen eine Erlaubnis braucht. Seine Beschreibung des Erlebten im Buch „Der Schnee auf dem Kili- mandscharo“ lautet: „Nach dem Krieg pachteten wir einen Forellenbach im Schwarzwald. Es standen Birken am Bach, und er war nicht breit, sondern schmal, klar, reißend, mit kleinen Aus- buchtungen dort, wo er die Wurzeln der Birken unterhöhlt hatte. Der Hotelbesitzer in Triberg hatte eine ausgezeichnete Saison. Er war besonders nett und wir freundeten uns an. Im nächsten Jahr kam die Anglerglück – die 45 cm große Forelle ist der größte Fang des Tages. von der Forelle war vorher nichts zu sehen. Sie verriet sich nur durch einen sehr kleinen Ring an der gekräuselten Wasseroberfläche. Wir fingen nicht nur Bachforellen, es gin- gen uns auch einige Regenbogenforellen an den Haken. Die aber werden durch den Verein Inflation, und das Geld, das er im Jahr zuvor ver- dient hatte, reichte nicht aus, um Lebensmittel für den Beginn der neuen Saison zu kaufen, und er erhängte sich.“ Das Angeln in Vöhrenbach könnten wir heute Hemingway gleichfalls wärmstens emp- fehlen. Allerdings nur mit Genehmigung! Auch Melchior, mein Freund aus der Schweiz, war von dem Schwarzwaldfluss und der Gegend sehr angetan. Das Fazit des Wochenendes: „Einfach nur schön“ . 284 Fliegenfischen in Vöhrenbach


Gäste aus ganz Europa Hubert und Ingeborg Heini leben im Leibgeding des Bernreutehofs – im soge- nannten Bernreute – sprich Steinhäusle, im Jahr 1730 erbaut. Über vier Jahrzehnte lang haben die Heinis das unmittelbar daneben lie- gende Gasthaus „Bernreutehof“ betrieben und dabei viele hundert Fliegenfischer betreut, an die man noch heute Ferienwohnungen vermietet. Schon die Eltern und Großeltern von Hubert Heini haben Gästen an dem seit 500 Jahren be- stehenden Bernreutehof unweit von Vöhrenbach die Fischerei gewährt. Außerdem wurden damals die Fische auch an Gastwirtschaften verkauft. In hölzernen Fischlagel wurden die Forellen leben- dig nach Triberg ins Hotel Wehrle gebracht. Um die Qualität der Fischerei und den Fischbestand zu bewahren, lässt Hubert Heini maximal drei Fliegenfischer am Tag an seinem Teilstück auf der Gemarkung Hammereisenbach angeln. Es werden nur kleine Bachforellenbrüt- linge ins Wasser gesetzt, die dann in natürlicher Umgebung zu fangreifen Forellen heranwach- sen. Um die Forellen zu schonen, darf nur mit widerhakenlosen Fliegen geangelt werden. Stammkunden wissen, weshalb sie immer wieder die ca. fünf Kilometer lange Flussstrecke der Familie Heini besuchen – sie liegt außerge- wöhnlich reizvoll und hat in den vergangenen Hubert und Ingeborg Heini präsentieren die erfolgrei- chen Fliegen fürs Fliegenfischen an der Breg. 40 Jahren Gäste aus ganz Europa angelockt. Teilweise waren es sehr vornehme Gäste, die in englischen Tweedjacken und mit einer Fliege am Hals die Forellen in der Breg geangelt haben. Auch die Abwehr von Schwarzfischern war in den gesamten 40 Jahren immer ein Thema. Der Einfallsreichtum der Fischdiebe war dabei sehr groß. So gab es selbst einen Polizisten, der bei der Fischwilderei ertappt wurde. Er hatte die gerade gefangenen Fische in seinen Stiefeln versteckt… Wildromantische Kulisse: Fliegenfischen an der Breg bei Hammereisenbach. XXX 285


Wo die neue Salinenwelt lockt Richtungsweisendes in der deutschen Bäderlandschaft geschaffen von Günther Baumann Freizeit


Mal wieder in Bad Dürrheim gewesen? Nein? Nun, dann wird es aber Zeit. Dort wurde nämlich, wie es Bürgermeister Walter Klumpp bei der Eröffnung voller Stolz sagte, „Richtungsweisendes in der deutschen Bäderlandschaft geschaffen.“ Die Schwarzwaldsauna wurde um die faszinierende Salinenwelt erweitert, durch Sauna und Kurpark zieht sich zu- dem ein großartiges Gradierwerk und im Kurpark gibt es darüber hinaus jetzt eine Prädikatsallee. Die Besucher sind von Bad Dürrheims neuen Errungen- schaften begeistert. Was wäre Bad Dürrheim ohne sein „weißes Gold“ – das Salz? Ganz bestimmt nicht das, was es heute ist. Nicht von ungefähr gehört die Stadt auf der Baar längst zu den bedeutendsten und renommiertesten Kurorten im Ländle. Da- bei machen Salz und Sole alleine noch keinen Erfolg. Man muss den Schatz, der über Jahrmil- lionen entstanden ist, auch vernünftig nutzen. Ob diejenigen, die in Bad Dürrheim am 25. Feb- ruar 1822 in einer Tiefe von 320 Metern den ers- ten Salzstock entdeckt haben, sich damals vor- stellen konnten, dass sich daraus einmal etwas ganz Großes entwickeln würde? Auf jeden Fall wurden in dem damaligen Dorf auf der Baar die mit dem Salz und der Sole verbundenen Chan- cen entschlossen genutzt. Ursprünglich für die Salzgewinnung und dann – im Laufe der Jahr- zehnte – mehr und mehr für den Wellness- und Gesundheitsbereich. Sichtbarstes und stolzestes Zeichen dafür ist das Solemar, das mit seinen Angeboten in den verschiedensten Bereichen Jahr für Jahr insgesamt nahezu 700.000 Besu- cher anlockt. Viele von ihnen waren und sind dabei auch Gäste der Schwarzwaldsauna. Dies mit steigen- der Tendenz. Saunieren wird in deutschen Lan- den nämlich immer beliebter und wenn man dann noch mit einer so attraktiven Einrichtung aufwarten kann, wie das die Schwarzwaldsauna XXX 287


Über die Geschichte der Salzgewinnung wird beim Gang zur neuen Salinenwelt mit Schautafeln informiert. bereits vor der Erweiterung war, strömen die Saunafans erst recht. „Die Kapazitätsgrenzen der Schwarzwaldsauna waren erreicht – wir mussten was tun“ Erfolg hat immer auch Folgen. Zum Beispiel die, dass – wie der stellvertretende Geschäftsfüh- rer der Kur- und Bäder GmbH Markus Spettel erzählt – „die Kapazitätsgrenzen der Schwarz- waldsauna bereits seit geraumer Zeit erreicht waren.“ Spettel: „Wir mussten was tun“. Stellte sich nur die Frage, was? In Bad Dürrheim wurde erst einmal gründlich nachgedacht, verschie- dene Möglichkeiten diskutiert, dann geplant und schließlich gebaut. Und das unter der Lei- tung des Bad Dürrheimer Architekten Michael Rebholz, der noch seinen Villinger Kollegen Joachim Müller ins Boot holte, mit Hochdruck: Nur neun Monate nach dem ersten Spatenstich war die neue Salinenwelt im November 2014 fer- tig. 2,56 Millionen Euro wurden in die Erweite- rung investiert; 1,06 Millionen Euro davon steu- erte, wie Bürgermeister Walter Klumpp lobend erwähnt, das Land Baden-Württemberg bei. Der Name „Salinenwelt“ ist in der neuen Anlage Programm. Bad Dürrheim hat nicht nur eine großartige, neue Saunalandschaft geschaf- fen, sondern bei der Gestaltung gerade auch seine eigene Geschichte als Ort der Salz- und Solegewinnung thematisiert. Die neue Salinen- welt ist im Stile eines Untertagestollens gefer- tigt, sodass jeder Besuch auch eine kleine Reise in Bad Dürrheims Vergangenheit ist. Dies wird schon in dem Gang deutlich, der den alten Saunabereich mit der neuen Salinen- welt verbindet. An den Seitenwänden informie- ren große Bilder und gut gemachte Texte über Bad Dürrheims Salzgeschichte. Die Verbindung dient übrigens auch als Brücke über die Stille Musel, die ganz bewusst in die Erweiterung mit einbezogen wurde. Der munter plätschernde Bach, der bei entsprechenden Niederschlägen durchaus mal zu einem kleinen Fluss anschwel- len kann, gibt der gesamten, rund 2.000 Qua- dratmeter großen neuen Anlage noch einen zusätzlichen Reiz. Ein richtig fließendes, natürli- ches Gewässer in einer Saunaanlage, das findet man dann doch nicht alle Tage. Legendäre Bad Dürrheimer Saunaaufgüsse werden zelebriert Herzstück ist die neue Stollensauna. Eine Sauna mit einladend breiten Sitzbänken und bis zu 70 Plätzen. Die Verwendung von Altholz sorgt 288 Freizeit


Die beliebte neue Stollensauna bietet Platz für bis zu 70 Gäste. für eine besonders heimelige Atmosphäre. Um Gedränge vor oder nach den beliebten Aufgüs- sen zu vermeiden, gibt es gleich zwei Zu-und Abgänge. Der große 90-Kilowatt-Saunaofen thront in der Mitte und ist nicht nur irgendein Ofen, sondern stellt eine Lore aus dem Unterta- gebau dar, auf der stilgerecht die Steine aufge- schichtet wurden. Hier in der Stollensauna werden die schon fast legendären Bad Dürrheimer Saunaaufgüsse zelebriert. Immer zur vollen Stunde füllt sich der Raum. Erst gibt es ein bisschen Frischluft, dann werden die Türen dicht gemacht. Die Aufgießer treten in Aktion, nachdem sie zuvor die Utensi- lien für jeden sichtbar in der „Hexenküche“ ge- richtet haben. Jeder Aufguss hat seinen eigenen Namen. Da gibt es den Schwarzwaldaufguss, den Kräuteraufguss, einen Aufguss mit Eismin- ze, der örtliche Mineralbrunnen bringt sich mit dem Légère-Aufguss ins Spiel und, und, und. Geschwitzt wird, was das Zeug hergibt, wobei die Aufgießer durchaus in der Lage sind, mit der Intensität der Wärme zu „spielen“. Das Angebot reicht von „soft“ über „mittel“ bis „hart“. Was auf einen zukommt, wird zu Beginn gesagt. Die Besucher erhalten auch Informatio- nen darüber, für was der Duft, der gleich in der Stollensauna verwirbelt werden wird, gut ist. Gemeinsam ist allen eines: Sie sind gesund. Einmal am Tag steht sogar ein Duo-Aufguss auf dem Programm. Hier sind gleich zwei Auf- gießer mit von der Partie. Für viele Gäste der Sauna ein Highlight ihres Saunabesuchs. Auf- güsse gibt es auch in anderen Saunen des So- lemars, doch die in der Stollensauna sind dann doch etwas ganz Besonderes. Immer wieder auch erstaunlich, mit wel- chen Techniken die Saunamitarbeiterinnen und -mitarbeiter mit ihren Handtüchern die Wärme so richtig an die Frau oder den Mann bringen. Si- cher, da wird erst einmal ganz einfach mit dem Handtuch gewedelt. Dann gibt es aber auch die „Acht“ oder das „Anschlagen“. Und am Ende im- mer einen Riesenapplaus für die Aufgießer mit ihrem wirklich schweißtreibenden Job. Schließ- lich werden sie die Gäste in der Hexenküche noch mit einer kleinen Aufmerksamkeit verwöh- nen: Mal werden ein Tee, mal ein Schmalzbrot, mal Obst, mal Bonbons oder Wasser von Bad Dürrheimer Mineralbrunnen gereicht. Nach dem Aufguss ist Abkühlen angesagt. In Bad Dürrheim geht es da nicht in irgendeinen Duschraum, sondern wie in alten Zeiten in den Waschraum. Und wieder staunt man. Nicht nur über die vielfältigen, großzügigen Abkühl- möglichkeiten, die vom einfachen Schlauch bis hin zur Schwallbrause und manch anderer Duschtechnik reichen, sondern vor allem auch Salinenwelt Bad Dürrheim 289


Oben: Abkühlung nach der Sauna im Waschraum. Mitte: Im kuppelförmigen Ruheraum flackert offenes Feuer. Meditative Musik erfüllt leise den Raum. Unten: Der gemütliche Außenbereich am „Ufer“ der Stillen Musel. über die Details, mit denen von den Machern auch hier das Salz und Sole zum Thema ge- macht werden. So erinnern die Beleuchtungs- körper an die Solegewinnung, die Duschköpfe stellen Bohrköpfe dar und an den Wänden ma- chen wir hier – wie an manch anderen Stellen der Saunawelt – mit prägenden Gebäuden Bad Dürrheims Bekanntschaft. Es lohnt sich zudem, einen Blick auf gewisse Fenster zu richten. Das Besondere: Wer durchschaut, entdeckt das Bad Dürrheim von einst. Der Ruheraum ist dem Kuppelbau des Narrenschopfes nachempfunden Natürlich gehört zu einer Saunalandschaft auch ein Ruheraum. In diesem Fall ist es ein Kuppel- bau, der dem ganz in der Nähe stehenden Nar- renschopf nachempfunden ist. In Bauwerken dieser Art wurde in alten Zeiten Salz gelagert. Wer von seiner zu einem Päuschen einladenden Liege aufblickt, der entdeckt denn auch eine ganze Menge Salzsäcke. Dazu erfüllt leise me- ditative Musik den Raum, offenes Feuer flackert und auf den Bildschirmen geht die Sonne unter und beginnen die Sterne zu funkeln. Hier lässt es sich gut sein. Der Ruheraum hat über eine Seitentüre einen direkten Zugang zum Kurpark. Damit kann der Kuppelbau gegebenenfalls auch einmal für andere Zwecke, zum Beispiel für Vor- träge, genutzt werden. Nicht zuletzt lockt der Außenbereich am „Ufer“ der Stillen Musel. Wirklich hübsch ange- legt. Ein kleines Meer von Grün mit gemütlichen Liegen und einem Kneippbereich samt Wasser- tretbecken, Schlauch und Schwallduschen. Das passt. Schließlich ist Bad Dürrheim inzwischen auch Kneippkurort. Am südlichen Ende des Frei- geländes steht da noch eine Wand – der zweite 290 Freizeit


Es ist vier Meter hoch, 108 Meter lang und 60 Meter davon sind funktionsfähig: Das Gradierwerk im neugestal- teten Gesundheitszentrum Solemar ist einer der Glanzpunkte. Früher diente es der Salzgewinnung. In der Anla- ge wird die Sole über Schwarzdornreisig geleitet. An dessen Stacheln bleibt das Salz haften und wird abgeklopft. In Bad Dürrheim dient das Gradierwerk dazu, um gesunde, salzhaltige Luft zu verbreiten. wesentliche Bereich der Erweiterung in Bad Dürrheim. Sie ist ein Teil des mächtigen Gradier- werks. Nicht jeder weiß auf Anhieb mit diesem Be- griff etwas anzufangen. Das ist nicht unbedingt eine Bildungslücke, denn Gradierwerke sind eher in Mittel- und Norddeutschland als im Sü- den verbreitet. Kurzum: Gradierwerke sind ur- sprünglich Anlagen zur Salzgewinnung. Heute werden sie allerdings vor allem zum Wohle der Gesundheit eingesetzt. Stolze 108 Meter lang und vier Meter hoch ist das neue Dürrheimer Gradierwerk, zieht sich s-förmig durch Saunawelt und Kurpark, ist ein richtiger Blickfang. Über die mit Schwarzdorn- ästen gespickten Wände wird das salzhaltige Wasser, die Sole, nach unten geleitet. Schwarz- dorn gehört heute zum festen Bestandteil von nahezu jedem Gradierwerk, weil er wegen sei- ner spitzen Dornen und vor allem seiner großen Salzresistenz dafür besonders geeignet ist. In Deutschland steht Schwarzdorn unter Natur- schutz. Dies ist der Grund dafür, dass die Zweige aus Polen stammen, wo Schwarzdorn wesent- lich häufiger vorkommt und deshalb auch nicht unter Schutz steht. Auf dem Weg der Sole nach unten verduns- tet auf natürliche Weise Wasser, wodurch sich der Salzgehalt der Sole erhöht. Nicht nur das: Durch die herabrieselnde Sole wird die Luft in der Nähe des Gradierwerks mit Soletröpfchen und Salzaerosol angereichert. So kommt es, dass wir auf der Baar in der Nähe der Anlage eine Luft vorfinden, die der am Meer nahekommt. Da heißt es einatmen. Dadurch werden die Atem- wege befeuchtet und die Wandungen der Atem- organe positiv beeinflusst. Pollenallergiker und Asthmatiker werden das gerne bestätigen. Des Weiteren besitzen die feinen Salzkris- talle eine sekretlösende Wirkung, reinigen die Atemwege intensiv von Bakterien und lassen die Schleimhäute abschwellen. Die salzhaltige Luft tut ganz einfach gut. Nicht umsonst emp- fehlen viele Ärzte und Heilpraktiker deshalb immer wieder mal einen längeren Aufenthalt an der See oder in Kurorten einzulegen, die sich den Effekt der Gradierwerke zu Nutzen gemacht haben. So wie Bad Dürrheim eben. Mit seinem Gradierwerk hat sich Bad Dürr- heim in Baden-Württemberg ein weiteres Alleinstellungsmerkmal verschafft. Eine An- lage dieser Art findet sich im Ländle nur hier, Salinenwelt Bad Dürrheim 291


Abwechslung und Entspannung bietet auch das Sauna-Außenbecken. während sie in den weiter nördlich liegenden Bundesländern wesentlich mehr verbreitet sind. Doch zu einem runden bzw. geschwungenen Gradierwerk wie die Bad Dürrheimer es haben, hat es noch niemand gebracht. Der neue Geschäftsführer der Kur- und Bä- der GmbH, Uwe Winter, schwärmt, bezieht in sein Lob gerade auch seinen Vorgänger Thomas Bank mit ein, der die GmbH verlassen hat. „Wo sonst noch außer in Bad Dürrheim gibt es in Deutschland ein Gradierwerk in runder Form, und wo sonst noch lässt man den ganz norma- len Tagesbesucher daran ebenso so teilhaben wie den zahlenden Gast der Bade- und Sauna- landschaft?“ Mit der neuen Prädikatsallee im Kurpark, auf der nicht nur kostenlos mit dem Gradierwerk, sondern auch mit verschiedenen Anwendungen Kneipps Bekanntschaft gemacht werden kann, wurde auch der Park letztlich deutlich aufgewertet. Wer sich in der neuen Salinenwelt umsieht, dem fällt eine Wand mit historischen Postkar- ten aus Bad Dürrheim ins Auge. Und genau un ter diesen findet sich auch eine, die deutlich jünger als all die anderen ist. Auf ihr dankt die Beleg- schaft ihrem „Ex“ Thomas Bank noch einmal für die geleistete Arbeit. Gerade wenn es um die Realisierung der neuen Salinenwelt geht. Mar- kus Spettel, von dem ebenfalls viel Herzblut und Arbeit in der Anlage steckt: „Der Thomas hat sich das verdient.“ Das Engagement Bad Dürrheims in die neue Salinenwelt zahlt sich bereits aus. Sie wird groß- artig angenommen. Von den Gästen aus Nah und Fern genauso wie von den Einheimischen. Messen lässt sich das vor allem an den steigen- den Besucherzahlen und an dem vielen Lob, das man für die neue Anlage von allen Seiten erhält. „Das“, so sagt Bürgermeister Walter Klumpp, „ist für alle, die bei der Verwirklichung des Pro- jekts mitgewirkt haben, die schönste Form der Anerkennung und der eindrucksvolle Beweis da- für, dass die Realisierung dieser Konzeption der richtige Schritt war.“ 292 Salinenwelt Bad Dürrheim


Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch über 200 Jahre alt Hervorragende Küche und das traditonell-moderne Ambiente begeistern die Gäste von Elke Schön Hier kehren nicht die Autofahrer ein, die auf dem Schnelltripp den Schwarzwald durchqueren, nicht die Bustouristen auf dem Zwischenhalt für eine Mahlzeit. Die- ses Lokal muss man erst einmal entdecken, denn etwa eineinhalb Kilometer vom Ortskern des Luftkurorts liegt das Landhotel Thälerhäusle/Ochsen talwärts ver- steckt am Weg ins Brennersloch. Von der Neukircher Festhalle aus führt eine Asphaltstraße nach Westen bergab, die sich am Beginn eines Waldstücks verzweigt. Rechts geht es in sanfter Windung durch einen Mischwald, bis der Blick frei wird auf eine abschüssige Wiese und ein Bilderbuch- Panorama mit freien Weideflächen im Wechsel mit Laubbaumgruppen und dunkel bewaldeten sanften Kuppen, die sich bis zu den Kandelhö- hen fortsetzen. Ja, und hier kommt man direkt auf den rotgeschindelten Giebel zu mit der Auf- schrift: Landhotel Thälerhäusle zum Ochsen. Geschichtsträchtiger Raum Flankiert wird das Gebäude von einem neue- ren kleinen mit der Aufschrift „Berg-Häusle“. Ein Schild gibt zu erkennen, dass man sich hier auf einer der ersten Stationen des Neukircher Wanderpfads „Landschaft im Wandel“ befindet. Lässt man sich auf die Lektüre ein, dann wird klar, welch ein geschichtsträchtiger Raum sich hier auftut: 1702 ist bereits ein „Thälerwirts- häusle“ bezeugt, dem Hebdinghof zugehörig, (erst 1803 wurde es abgetrennt davon). Johann-Peter Weis mit Ehefrau Margarethe. Blitzschlag das Haus und erschlug den am Stu- bentisch sitzenden Wirt samt seinem Knecht. Laut Bericht wurden zwei weitere Mannsper- sonen ebenfalls zu Boden geschlagen, „kamen aber wieder auf“. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. 1805 heiratete die Witwe den aus Furt- Hundert Jahre später erlitt es einen schwe- ren Schicksalsschlag: 1804 am 20. Juli traf ein wangen -Schützenbach stammenden Christian Ketterer. Dieser baute das Haus weiter oberhalb 14. Kapitel – Gastlichkeit 293


Landhotel Thälerhäusle zum Ochsen. Der Haupteingang zum Gaststättenbereich auf der Westseite war seit je- her über eine Treppe zu erreichen. Heute schützt sie ein verglaster Überbau. am Hang am jetzigen Standort wieder auf. Er wurde 1816 Vogt von Neukirch. Umschlagsplatz für den Uhrenhandel 1825 verkaufte er das Anwesen an den Uhr- macher Mathäus Riesle aus Gütenbach für 7.100 Gulden. Dieser betrieb außer der Wirt- schaft noch einen Krämerladen und eine Uhren- packerei. Das heißt, für die Gemarkung Bregen- bach, also das Gebiet zwischen Gütenbach und Neukirch, spielte das Thälerhäusle eine zentrale Rolle. Hier wurden Geschäfte abgeschlossen, die Uhrenträger für ihre Wanderungen ins Ausland mit Uhrwerken und Zubehör versorgt, hier wur- den Preise verhandelt, hier war ein wichtiger Treffpunkt für die Handwerker, freilich zuwei- len auch für zwielichtige Geschäftemacher. Klar, dass ein Gasthaus mit Uhrenpackerei in dieser Umgebung eine wichtige Funktion für das Leben aller Handwerker ringsum hat- te. Auch in den Wirren der Märzrevolution rückte es in den Blickpunkt: 1849 wurde der Ochsen-Wirt Mathä Ganter zum Bürgermeis- ter gewählt, nachdem sich der Amtsinhaber Kolumban Hummel als Sympathisant der Auf- ständischen erwiesen hatte und obendrein (laut Ortschronik) „sich alle Mühe gibt, in unserer Gemeinde eine besondere religiöse Sekte – sie wird sonst mit dem Namen Pietisten bezeich- net – zu gründen“. Lesen wir weiter auf der Informationstafel, stellen wir immer häufigere Wechsel der Besitzer fest. Die Geschichte einer Traditionsgaststätte wie im Fall des Ochsen ist immer auch ein Spie- gelbild der örtlichen Historie. Es beginnen harte Zeiten für Neukirch, die Blütezeit des Uhrma- cherhandwerks sind vorbei, bringen Umbrüche in der Bevölkerungsstruktur. Neukirch selbst kann nicht mehr alle ernähren und das „Pen- deln“ in die Industrieorte ist zu der Zeit nicht einfach bis unmöglich. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandern ganze Familien- stämme aus. Auch von den Uhrenhändlern im Ausland kehren nicht alle zurück. 294 Gastlichkeit


Nachkriegszeit bringt Aufschwung Erst mit der Nachkriegszeit wandelt sich die Lage: Neue Branchen etablieren sich, bieten Arbeit, auch für neu Zugezogene. Allmählich nimmt die Mobilität zu, viele Familien haben schon ein Auto, wenige noch ein Fernsehgerät. Und so ist es kein Wunder, wenn im Thäler- häusle die Geselligkeit mit kulturellem Anspruch blüht – gibt es doch hier einen Nebenraum mit Bühne! Rauschende Feste und Theaterauffüh- rungen werden da gefeiert, zur Freude nicht nur der Touristen, denen man Schwarzwaldtypisches bieten will. Konzerte und ganze Operettenquer- schnitte werden inszeniert, aufs Kleinformat der Bühne zugeschnitten. Die Protagonisten von einst – heute in ihren Achtzigern – schwär- men noch von der „Csárdásfürstin“, dem „Wei- ßen Rössl“ und dem „Schwarzwaldmädel“, mit denen sie ihr einheimisches Publikum, aber auch die Feriengäste, zu Beifallsstürmen hinrissen. Den Neukircher Ochsen bewirtschaftet seit 1966 der Schreinermeister Max Weis, der die Tochter vom Kirnerseck geheiratet hat. Er ergänzt das Gasthaus durch ein weiteres Ge- bäude und baut ein Hallenbad ein! Eine kleine Sensation, die nicht nur die Dorfbewohner an- zieht, sondern zeitweise auch ganze Busgesell- schaften. Seit dem Jahr 1972, als die Gemeinde Neukirch der Stadt Furtwangen als Teilort zuge- ordnet wird, greift auch hier die Arbeit des Tou- rismusbüros. Das Prädikat „Luftkurort“ prangt bald am Ortseingang; fünf Gasthäuser stehen zur Verfügung, bevor 1981 das altehrwürdige „Rössle“ zum vierten Mal in seiner vierhundert- jährigen Geschichte niederbrennt. Badisch regionale Küche vom Feinsten Das abgelegenste ist nach wie vor das Thäler- häusle – und hier versteht man es am besten, den neuen Trend im Tourismus zu bedienen: Idyllische Umgebung, Ruhe bis zur Abgeschie- denheit und dabei perfekte Gastronomie mit Wellness- wie Wander-Angeboten, die zu jeder Jahreszeit, unabhängig von der Wetterlage, Er- holung und Abschalten vom Alltag garantieren. Inhaber Johann-Peter Weis legt Wert auf regionale Produkte. Schon die Kneipp-Begeisterung, die sich al- lenthalben in den 1970er-Jahren regt, weiß die Familie Weis zu nutzen. Im Talgrund unterhalb des Hauses fassen Vater und Sohn eine Quelle zu einem Wassertretbecken für ihre Gäste. Überhaupt ist die Hanglage des Hauses wir- kungsvoll genutzt. Der Haupteingang zum Gast- stättenbereich auf der Westseite war seit jeher über eine Treppe zu erreichen. Heute schützt sie ein verglaster Überbau, der – dekorativ und in- formativ zugleich – Fläche bietet für die zahlrei- chen Auszeichnungs-und Ankündigungstafeln. So erfährt jeder Besucher gleich beim Hinun- tergehen, welche Besonderheiten ihn hier er- warten: Mit drei Sternen ist dieser Landgasthof klassifiziert und, von Holiday-Check, mit sechs Sonnen. Fleisch, Wurst und Speck stammen nur von Tieren aus artgerechter Tierhaltung, wie sie die Bregenbacher Metzgerei Waldvogel liefert, Wildbret kommt aus heimischen Revieren. Von den verwendetet Eiern liefert 50 Prozent der Biobetrieb von Stefan Braun, dem Hinterbau- ernhof in Linach, die fangfrischen Fische gibt’s aus heimischen Gewässern. Und die vielfältigen Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch 295


Gerichte, die in diesem Haus daraus bereitet werden, entsprechen einer badisch regionalen Küche vom Feinsten. Die Gaststube ist hell und freundlich. Urig-gemütliches Restaurant Betritt man nun die Gaststube, überrascht die Helligkeit in dem quadratischen Raum mit niedriger Decke, der von zwei Seiten mit zehn Fenstern erhellt ist und trotz, oder gerade wegen der einseitigen Außenverglasung, den Eindruck von Geborgenheit vermittelt. „Wenn ihr die Stube verändert, kommen wir nicht mehr her“, hatten die Wirtsleute von Stammgästen zu hören bekommen. So hat die Stubendecke ihren weißlackierten matten Glanz behalten, und die Tragebalken ihren hellbraunen Anstrich. Die Fensterlaibungen bestehen aus einfach geschnitzten Holzrahmen und erübrigen Vor- hangschals, die Scheiben sind nur mit gerafften weißen Scheibengardinen verziert. Auch das Mobiliar und die Thekenanlage leugnen nicht den Stil der 1950er-Jahre. Eintauchen in die Wellnesswelt – das Wohlfühlpro- gramm des Landhotels ist perfekt abgestimmt. 296 Gastlichkeit


Die nächste Generati- on steht bereits in den Startlöchern. Von links: Christian (in Ausbil- dung), Sabine (Service), Johann-Peter und Margarethe (Inhaber), Mathias und Floriane Weis (Küchenchef sowie Serviceleitung) mit Toch- ter Louisa-Maxime. Lediglich das Kaminzimmer, rechts vom Flur etwas tiefer gelegen, aber über niedriger Balustrade einzusehen, hat soeben eine Mo- dernisierung erfahren. In diesem geräumigen Nebenzimmer ist Platz für Gesellschaften, etwa bei Hochzeiten und Familienfesten. Dass die Gästezimmer durchweg mit allem Komfort ausgestattet sind, ganz gleich ob ele- gant mit großzügigen, hellen Möbeln und Bal- kon oder etwas rustikaler unter der Dachschrä- ge, versteht sich von selbst. Auf gleicher Ebene mit der Gaststube führt eine breite Tür westlich hinaus aus dem Treppenbereich auf eine großzügig angeleg- te Terrasse, die einen wunderbaren Blick auf Baumgruppen und die Dächer des Kirnerhofs weiter unten bietet und dabei bestens vor Zug- luft geschützt ist, denn durch dieses Tal, über diesen Hang kann nie ein scharfer Wind fegen – hoch genug ist der Talgrund gegen Osten abge- schirmt durch den bewaldeten Wall, der auch keinerlei Verkehrsgeräusch von der B 500 weiter oben zulässt. Der Standort„weit ab vom Schuss“ erweist sich heute als Trumpf Seit 1994 führt Johann-Peter Weis diesen Fami- lienbetrieb als Chefkoch und Organisator, der einerseits den gesamten Mitarbeiterstab mit seinen jeweiligen Tätigkeitsbereichen souverän im Griff hat, dabei aber stets Ruhe und Freund- lichkeit ausstrahlt trotz aller Betriebsamkeit, die hier jeder Tag erfordert. Meist ist das Hotel be- reits ein Vierteljahr im Voraus ausgebucht. Der Standort„weit ab vom Schuss“ erweist sich also heute als Trumpf. Aber die solide Verwurzelung in der kleinen ländlichen Gemeinde zeigt sich schon darin, dass die Wirtsfamilie aus Bregen- bach selbst und die Mitarbeiter aus der nächs- ten Umgebung stammen Der Landgasthof Thälerhäusle kann weiter auf Erfolgskurs gehen, die Nachfolge ist längst gesichert: Sohn Mathias, der in der“ Traube“ in Waldau gelernt hat, steht als Chef in der Küche, seine Frau ist im Service und der Verwaltung tätig. Sie übernehmen 2016 das Hotel. Das Landhotel Thälerhäusle zum Ochsen in Neukirch ist ein stattliches Anwesen. Landhotel Thälerhäusle/Ochsen in Neukirch 297


Die Waldau-Schänke: Einkehren am Fuß der Burgruine von Stephanie Wetzig Elke und Fritz Beck vor der Waldau-Schänke. 298 Gastlichkeit


Blick in die gemütliche Gaststube. Ob Wanderer oder Radsportler, Liebhaber von Volksmusik oder afro-kubanischen Rhythmen, junge Leute oder ältere Semester: In der Waldau-Schänke fühlt sich jeder sofort wohl. Die Vesper-Stube wurde erst vor sechs Jahren eröff- net und alles in ihr ist neu, jedoch sorgfältig dem Ambiente des jahrhundertealten Hofes am Fuße der Ruine Waldau in Buchenberg so angepasst, dass sie zu jeder Jahreszeit viel Behaglichkeit verströmt. Das liegt nicht nur an der liebevoll eingerichteten Gaststube, in der Relikte früherer Jahrhunderte wie Butterfässer, Saftpres- sen und historische Werkzeuge der Dekoration dienen und alte Schwarzweiß-Fotos an den Wänden hängen, sondern auch an der sich ständig weiterentwickelnden Speisekarte. „Wir kochen so, wie es unsere Eltern schon getan haben“, erklärt Fritz Beck, der die Schänke gemeinsam mit seine Frau Elke betreibt. An den Wochenenden hilft abwechselnd jeweils eine der drei Töchter. „Zu Anfang gab es bei uns auch nur Speckbrot und Bratwurst“ Familie Beck macht vieles selbst: Nudeln, Brot und Kuchen, Most, Ap- felsaft und Holunder sirup. „Wir versuchen, so zu kochen wie früher meine Mutter“, erklärt Fritz Beck. „Da ist ein Braten dann eben sechs Stunden im Ofen und das Gulasch 14 Stunden.“ Die Qualität stimmt, ihr Fleisch beziehen sie von Fritz Gür in Pfaffenweiler, das Mehl für die vier bis fünf Kuchen, die Elke Beck jede Woche bäckt, bezieht sie in der Waldau-Schänke in Buchenberg 299


Mühllehen-Mühle aus direkter Nachbarschaft. Das Gemüse stammt je nach Saison ebenfalls meistens direkt aus Buchenberg. Vor Kurzem ha- ben die Wirtsleute hinter der Schänke auch einen Kräutergarten angelegt, in dem alles wächst. Die Eltern von Fritz Beck backen seit Jahr- zehnten ihr Brot selbst, daher war es für ihn selbstverständlich, dass auch seinen Gästen nichts anderes aufgetischt wird. „Zu Anfang gab es bei uns auch nur Speckbrot und Bratwurst“, erinnert er sich, doch schon bald kamen die „Dinnele“ dazu, eine Art Flammkuchen, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Der ursprüngliche Holzbackofen wurde um drei professionelle Elektrobacköfen ergänzt, einen Unterschied merken nur Feinschmecker mit besonders ge- schultem Gaumen. An Wochenenden, wenn Hochbetrieb herrscht, bekommen die Gäste einen Würfel mit einer Nummer, die aufgerufen wird, wenn ihr „Dinnele“ fertig ist. Es sind immer schlichte, deftige Speisen, die sie bieten. Die gehobene Küche überlassen sie lieber dem Spitzenkoch vom Café Rapp, mit dem sie sich in diesem Sommer unter dem Motto „Genusswandern im Glasbachtal“ zu- sammengetan haben. Die Teilnehmer treffen sich unterhalb der Ruine zu einem Aperitiv und „Dinnele“, bevor sie mit einem Wanderführer durch das Glasbachtal an historischen Höfen vorbei bis in die Ortsmitte von Buchenberg spa- zieren – wo sie dann mit einem Vier-Gänge-Me- nü verwöhnt werden. Trotz des rustikalen Ambientes gehen Elke und Fritz Beck mit der Zeit und sind offen für Anregungen. Sie besuchen jede Gastronomie- messe, sei sie in Stuttgart oder in Hamburg, um sich über neue Trends zu informieren. „Unser Ziel ist es, jeden einzelnen Gast zu begeistern.“ Vegetarische Gerichte finden sich von Anbeginn auf der Speisekarte, aber auch Veganer werden nach Rücksprache satt – und das nicht nur auf Vorbestellung. Da gibt es die „Dinnele“ eben oh- ne Schmand, statt Käse gibt es Nüsse. Ensemble steht unter Denkmalschutz Die kleine Gastronomie hat ihre Existenz im Grunde dem Zufall zu verdanken: Fritz Beck und seine Frau Elke, eine gelernte Rechtsan- waltsgehilfin, haben schon jahrelang vom el- terlichen Hof aus die Ausflügler beim jährlichen Mühlenwandertag bewirtet und seit 2004 auch die Besucher des Burgspektakels. Als die letzte Arbeitsstelle des gelernten Werkzeugmachers Beck unsicher wurde und er ein zweites Stand- bein suchte, kam beiden die Idee, im ehemali- gen Kuhstall mal eben einen Kiosk zu errichten und noch eine Toilette dazu, fertig. „Doch bei den Umbauarbeiten kam uns die halbe Grundmauer der Burgruine entgegen“, erinnert sich Fritz Beck. Also wurde aus der kleinen Lösung eine große, die Investitionssum- me erreichte schnell 350.000 Euro. Damit sich das lohnt, hat die barrierefreie Gaststube jetzt 65 Sitzplätze, im Hof und auf der Terrasse kön- nen sich noch einmal so viele Besucher an die urigen Tische und Bänke setzen. Gastlichkeit


„Es kam einfach eins zum anderen“, so der Wirt. Weil sowohl die Ruine als auch das Bau- ernhaus seiner Eltern unter Denkmalschutz stehen, musste das Ganze sorgfältig und in Ab- sprache mit dem Denkmalamt geplant werden. Erfahrene, auf Sanierung spezialisierte Hand- werker und ein versierter Architekt waren nötig, um alles zu planen und auszuführen. Die Holzheizung und die Toiletten sind in ei- nem separaten Gebäude untergebracht, an der Hangseite der Schänke bilden die alten Steine der Burgmauer wie schon immer die Außen- wand – nur neu abgeschlagen und wieder stabil befestigt. Bei der gesamten Wirtsstube und ihre beiden Terrassen wurde nur Holz und Sandstein verarbeitet. „Da es ja das Haus meiner Eltern ist, war es uns sehr wichtig, dass es ihnen ge- fällt.“ Und das tut es: Wenn er die Gäste kennt, setzt sich sein Vater, Fritz Beck Senior, oft da- zu. Gerne beobachtet er auch nur von seinem Lieblingssessel neben dem Backofen aus das Geschehen. 500 Jahre im Familienbesitz Der historische Hof im Gutacher Stil ist schon 500 Jahre alt und ebenso lang in Familienbesitz. Jedoch stand er die längste Zeit im Nachbarort Hardt. Erst vor vier Generationen, im Jahr 1822, wurde er am Fuße der Burgruine neu errichtet. Die Burg gehörte zum Grundstück und über die Jahrhunderte hatte sich die gesamte Nachbar- schaft für ihre eigenen Bauvorhaben an den Steinen bedient und die Burg Meter um Meter abgetragen, bis im 19. Jahrhundert das Bürger- meisteramt Buchenberg Weisung bekam den Raubbau zu stoppen. 1885 verkaufte Andreas Beck, einer der Vorfahren des heutigen Wirts, die Ruine an den Staat. Der Hof blieb jedoch im Besitz der Familie. Heute hat die Waldau-Schänke ihren festen Platz im Eventkalender. Sie bewirtet nicht mehr nur beim jährlichen Burgspektakel, sondern sorgt auch selbst für kulturelle und karitative Veranstaltungen. Der Spendenlauf zugunsten der Katharinenhöhe hat sich inzwischen ebenso etabliert wie das Volksliedersingen, das kürzlich zum 60. Mal organisiert wurde und zu dem die Besucher auch schon eine weitere Anfahrt in Kauf nehmen. Außerdem spielt etwa einmal im Monat Live-Musik in oder je nach Wetter auch vor der Schänke, das Programm ist dabei vielsei- tig und reicht von Rock über Blues und Schlager bis hin zu Knöpflespielern. Bislang hat die Vesper-Stube nur an den Wochenenden geöffnet und werktags nach Vorbestellung für Gruppen. Schnell hat es sich herumgesprochen, dass man hier gut seine Fa- milienfeste, Klassentreffen und Betriebsfeiern ausrichten kann. „Wir hatten am 1. Mai 2009 zunächst außen geöffnet, einen Monat später auch innen und schon am 1. Juli wurde hier die erste Geburtstagsfeier ausgerichtet.“ Umfassend saniert mit zahlreichen Plätzen im Freien präsentiert sich die Waldau-Schänke. Einmal im Mo- nat gibt es Live-Musik. Waldau-Schänke in Buchenberg 301


Die Dörr-Brüder: Zwei Gitarren und zwei Stimmen Eric und Carsten Dörr bekannt von der Villinger Fasnet, musikalischen Stadtführungen, Charity-Konzerten und Bandprojekten von Nils Fabisch Ihren ganz großen Durchbruch und ihre Bekanntheit verdanken sie der Villinger Fas- net. Inzwischen sind Carsten und Eric Dörr aber weit mehr als die zwei stimmgewal- tigen Brüder an der Fasnet. Mit ihren musikalischen Stadtführungen, Charity-Kon- zerten und Bandprojekten haben sich die beiden Brüder, die in Villingen-Schwen- ningen wohnen und arbeiten, im ganzen Schwarzwald-Baar-Kreis einen Namen gemacht. Konzertanfragen kommen inzwischen aus den verschiedensten Orten zwischen Stuttgart und der Schweiz. Seit Jahren bekommen die „Doppelstäd- ter“ Lob und Applaus von allen Seiten. Mit ihrer Musik versprühen sie nicht nur gute Laune, sie helfen mit den Erlösen anderen Menschen und sie machen sich selbst glücklich. Denn die Musik ist im Hause Dörr das Hobby Nummer eins. Durch ihre Auftritte kommen die Brüder viel herum. Ihre familiäre und musika- lische Heimat hat das Brüderpaar aber schon immer in Villingen-Schwenningen. Nicht in Villingen, sondern in Villingen-Schwenningen, darauf legen die beiden Künstler großen Wert. Sie sehen sich als Musiker der Doppelstadt, auch wenn sie ihren Durchbruch in der Zährin- gerstadt feierten. Unterschiedlicher Musikgeschmack als Bereicherung Dass es zu einem erfolgreichen Geschwis- ter-Duo kommen konnte, war alles andere als selbstverständlich. Noch heute müssen die beiden schmunzeln, wenn sie sich an die mu- sikalischen Anfänge in ihrer Jugend erinnern und anschließend über Musikgeschmack dis- kutieren. „Wir haben eigentlich, was unseren Musikgeschmack angeht, eine relativ geringe Schnittmenge“, erklärt Carsten Dörr, der jün- gere Bruder. „Die Schnittmenge reicht gerade für Konzerte von zwei bis drei Stunden aus“, ergänzt der 46-jährige Eric Dörr schmunzelnd. Carsten Dörr fühlt sich der Metal-Musik ver- bunden, „die härteren Töne“ müssen es sein. Eric hingegen, der neben der Musik seine Frau Annette und die Kinder Adrian und Lara gerne bekocht und gerne Sport treibt, war schon im- mer für den „Mainstream-Rock“, zu begeistern. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Carsten seinen Bruder bisher nicht überreden konnte, einmal zusammen das Bang-your-Head-Festi- val in Balingen zu besuchen. Diese doch sehr unterschiedlichen Musikgeschmäcker prägen den kreativen Austausch der beiden seit den gemeinsamen Anfangstagen. Damals war es der ältere Eric, der den Plattenspieler immer mit seiner Lieblingsmusik bestückte. „Da wurde ich mit Bon Jovi und Bruce Springsteen beschallt und musste froh sein, wenn ich den Platten- spieler mal für meine Musik benutzen durfte“, 302 15. Kapitel – Musik


Eric und Carsten Dörr. erinnert sich der jüngere Bruder. Heute akzep- tieren sie den Musikgeschmack des anderen und bereichern sich gegenseitig. Was dabei herauskommt, wenn zwei doch sehr verschie- dene Brüder auf der Bühne gemeinsam Musik machen, findet in Villingen-Schwenningen und Umgebung großen Anklang. Dörr-Brüder begeistern seit 1993 Ihre musikalischen Anfänge feierte das Brüder- paar im eher kleinen Kreis. Silvester 1993 war es, als sie bei einer Feier unter Freunden zum Jahreswechsel erstmals ein richtiges, wenn auch kleines, gemeinsames Konzert gaben. Der Auftritt kam derart gut an, dass bereits im Anschluss ein weiterer Auftritt fest gebucht war. Die Idee der Dörr-Brüder war geboren. Am erfolgreichen Konzept von damals halten sie bis heute fest. „Ganz einfach: zwei Akustikgitarren und zwei Stimmen“, erklärt Eric, der bei der Sparkasse Schwarzwald-Baar als Referent Ver- anstaltungen tätig ist. Das Talent und der Un- terhaltungswert der beiden sprach sich herum. 1995 traten Eric und Carsten erstmals auf der großen Bühne des Glonki-Balls auf. Bis heute sind sie an der Fasnet anzutreffen, wenn auch nicht mehr auf der Bühne des Glonki-Balls. Seit dem ersten Glonki-Ball-Auftritt stand die musikalische Welt der Musiker Kopf. Es regnete Anfragen von allen Seiten. „Ein tolles Gefühl, dass wir mit dem, was uns Spaß macht, auf Anhieb die Menschen begeistern konn- ten“, erinnert sich Eric zurück. Auch wenn sie der Villinger Fasnet ihre große Bekanntheit zu verdanken haben, wehren sie sich gegen das ausschließliche Image als Fasnetsmusiker. „Wir sind viel breiter aufgestellt und das wollten wir natürlich auch zeigen“, erinnern sich die Brüder. Carsten und Eric entwickelten Projekte und neue Ideen. Es entstanden die musikalischen Stadtführungen durch Villingen-Schwenningen. Bis heute ein einzigartiges Konzept bei dem in- nerhalb eines Tages in unterhaltsamer Art beide Stadtteile besichtigt werden. Seit 2003 wird im kleinen Rahmen von maximal 20 Teilnehmern mit einem Oldtimerbus die Doppelstadt er- kundet – umrahmt von Musik der Dörr-Brüder. Nach einem kleinen Sektempfang vorab, neh- Dörr-Brüder 303


men die singenden Stadtführer die Teilnehmer mit auf eine vielverspre- chende Reise durch die Doppelstadt. Dabei wird es musikalisch, modern und humorvoll, gespickt mit histori- schen Fakten. Eine echte Erfolgsge- schichte – bis heute waren alle Füh- rungen ausverkauft. Und auch schon für die nächsten Termine stehen die Interessenten Schlange. Bekannte Titel neu interpretiert Natürlich gibt es weltweit Hilfsor- ganisationen, die Großes leisten. Wir haben uns aber entschieden der Lesung übernehmen durften“, erinnert sich Eric. Für ein anderes, größeres Pro- jekt der jüngeren Vergangenheit im Schwarzwald-Baar-Kreis holten sich die Brüder Unterstützung von Musikern aus der Region. Zusammen mit 14 Beteiligten entstanden Kon- zertabende unter dem Motto „Ru- hige Nummern und Duette“. Dabei präsentierten die Musiker viele ihrer Lieblingsballaden. So kamen über 30 Lieder zusammen, die die Dörrs als „Zwei Gitarren – Zwei Stimmen“ nicht alleine spielen wollten. Als eine „wahnsinnig tolle Erfahrung, die viel Spaß brachte“, beschrieben Eric und Carsten dieses Projekt, bei dem die beiden erneut zeigten, welch musikalische Bandbreite in ihnen steckt. Beteiligt war hier auch Carsten‘s Tochter Maren Dörr, die mit ihrer Querflöte die musikalische Vielfalt erweiterte. Mit dem Projekt landeten die Dörr-Brüder mit ihren Musikern einen Volltreffer. Kaum war der Vorverkauf in Kooperation mit dem Villinger Rockclub angelaufen, waren die Karten für die Konzerte in der Scheuer nach wenigen Minuten ausverkauft. Gerade die verschiedenen Konzertsi- tuationen, ob vor nur 20 Zuhörern oder auf einer großen Bühne mit tausenden Menschen zu spielen, mache den Spaß und Reiz aus, erklärt Carsten Dörr. Charity-Konzerte unterstützen regionale gemeinnützige Projekte Nach zwei Jahren mit den ruhigen Nummern und Balladen haben sie jetzt wieder die etwas rockigeren Töne angestimmt. Langweilig wird es im Hause Dörr nämlich nie – die Zuhörer dürfen sich also freuen. Ob sanft oder rockig, dass Carsten und Eric bei aller Liebe zur Musik auch ihr Umfeld nicht vergessen, zeigen sie in diesem Jahr schon zum dritten Mal in der Villin- ger Scheuer. Das bei ihren Konzerten generierte das Geld da zu spenden, wo es gesammelt wur- de. Daher möch- ten wir auch in unserer Heimat mit dem Geld et- was Gutes tun. Auch wenn sie eine ganze Fülle von Ideen und Projekten im Kopf ha- ben, einen großen Teil der Auftritte nehmen trotz des Erfolges ganz bewusst weiterhin Geburtstage und Feiern ein. Dabei steht das Dörr-Duo nicht für klassische Tanz- musik, vielmehr interpretieren sie bekannte Titel ganz nach ihrem ei- genen Geschmack eher rockig. Für die rockigen Passagen, aber vor allem auch für den kreativen Teil und Eigenkompositionen, zeichnet sich Carsten verantwortlich. Obwohl das Covern von bekannten Liedern ganz klar im Vordergrund des Programms der Dörr-Brüder steht, finden sich bei den Auftritten der Geschwister im- mer das ein oder andere vom jüngeren Bruder selbstgeschriebene Stück wieder. Auch zwei Vereinslieder stammen aus seiner Feder. Das Lied der Schwenninger Ziegelbuben hat Carsten komponiert ebenso wie das neue Hexenlied der Hexenzunft Villingen. Die Dörr-Brüder „leben“ die Doppelstadt eben. Dass die beiden Villinger Musiker wahre Mul- titalente und Verwandlungskünstler sind und neben Stadtführungen, Fasnet und Fetenmusik noch viel mehr im Repertoire haben, zeigte das Duo bei der Begleitung von Lesungen. Passend zu ihrer Heimatverbundenheit begleiteten Sie die Lesungen der VS-Krimis ihrer beiden Freunde Stefan Ummenhofer und Alexander Rieckhoff. „Etwas ganz Besonderes, da wir plötzlich mehr oder weniger Teil der erzählten Geschichte wa- ren, und neben der Musik auch kleinere Passagen 304 Musik


Eric und Carsten Dörr. Geld ging in der Vergangenheit immer wieder an regionale gemeinnützige Projekte, vor allem mit Kindern. Auch in diesem Jahr wird das wie- der so sein. Dabei entscheiden sich die Brüder ganz bewusst dafür, Projekte in der Region zu unterstützen. „Natürlich gibt es weltweit Hilfs- organisationen, die Großes leisten. Wir haben uns aber entschieden, das Geld da zu spenden, wo es gesammelt wurde. Daher möchten wir auch in unserer Heimat mit dem Geld etwas Gutes tun“, erklärt der ältere Dörr-Bruder die Philosophie hinter den Charity-Konzerten. Über die Idee vom Nebenjob-Musiker zum Vollzeit-Musiker umzusatteln, haben sich die beiden bisher nur im Spaß Gedanken gemacht. Musik ist nach wie vor ihr Hobby und dabei soll es auch bleiben. „Gerade das Dürfen und nicht das Müssen macht den Reiz aus“, weiß Carsten. Obwohl beide in ihrem Musikgeschmack doch sehr unterschiedlich sind, beschreiben sich die Brüder als sehr gesellige, meistens gut gelaunte Menschen, die viel und gerne lachen. Eigen- schaften, die im professionellen Musikgeschäft sehr schnell verloren gehen können. Auch wenn sich die Termine und Auftritte von Jahr zu Jahr mehren, zu viel wird es den Zweien nicht wer- den. „Es muss auch noch Spaß machen, daher stecken wir unsere zeitlichen Kapazitäten ganz realistisch ab.“ Ans Aufhören hat keiner von ihnen bisher gedacht. „Warum auch? Wir machen das so lan- ge, wie es uns Freude bereitet“, fügt der große Bruder an. Jedes Jahr vor der Villinger Fasnet gibt es ein Ritual, das sich bis heute im Hause Dörr bewährt hat: „Wir gehen nicht auf die Fasnet, wenn wir nicht mindestens ein neues Lied ha- ben“, so Carsten. Als Qualitätskontrolle – und das ist bereits der zweite gute Brauch im Hause Dörr – dienen dabei die Eltern. „Unsere Mutter und unser Vater sind unser letzter ‚Stückle-TÜV‘ vor der Bühne“, verraten sie. Ohne die unter- stützende Familie funktioniere ein solches Hobby sowieso nicht, wissen die beiden stimm- gewaltigen Brüder. Auch für die kommenden Jahre haben Eric und Carsten schon wieder die eine oder andere Idee im Kopf. Ob zu zweit, mit Band, im Freien oder auf der großen Bühne; das wollen sie noch nicht verraten. Aber eins steht ganz sicher fest. Premiere eines solchen Projekts wird immer in Villingen-Schwenningen sein. In ihrer Region, ihrer Heimat. „Wir haben der Region hier ei- niges zu verdanken“, so die beiden. Gedanken wegzuziehen hatten sie bisher noch nie – im- merhin lebe man doch in einer der schönsten Regionen Deutschlands. Man sieht sich also… Rock on! Dörr-Brüder 305


Schonach feiert 50 Jahre Schwarzwaldpokal Jahr für Jahr macht die Weltelite der Kombinierer im Skidorf Station von Peter Hettich 306 16. Kapitel – Sport


Wie klein fing die ganze Sache an – welch großes Ereignis ist daraus geworden! 50 Jahre Schwarzwaldpokal in Schonach, das ist eine ganz besondere Geschichte, eine des großen Sports, dargeboten von tollen Athleten. Auch eine von engagierten Organisatoren und Helfern, die Jahr für Jahr um Dreikönig eine Veranstaltung in der Nordischen Kombination auf die Beine stellen, die auf der ganzen (Ski-) Welt bekannt und anerkannt ist, manch- mal aber auch erkennen müssen, dass sie mit ihrem Latein am Ende sind. Dann nämlich, wenn der Wettergott kein Einsehen hat und alle Bemühungen zunichte macht. Allerdings – nur sechs Mal fiel das Treffen der Weltelite im Schwarzwald im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser. 50 Jahre Schwarzwaldpokal 307


Bilderbogen zum Schwarzwaldpokal. In den ersten Jahrzehnten befand sich das Langlaufstadion noch bei der Schonacher Sporthalle im Ortskern (oben, das Foto entstand 1981). Links unten ein Sprung von der Langenwald- schanze im Jahr 1967, rechts Alois Kälin, der den Wettbewerb 1968 gewann. Begonnen hatte alles einigermaßen unspekta- kulär. Langlauf- und Skisprung-Wettbewer be waren längst feste Bestandteile des Wett- kampf kalenders. Für Kombinierer, Unverwüst- liche also, denen es nicht genügte, nur durch die Spur zu hetzen oder sich ausschließlich von der Schanze in die Tiefe zu stürzen, sondern gerne beide Disziplinen in Angriff nahmen, hielt sich das Angebot Ende der 1960er-Jahre noch in überschaubaren Grenzen. Zwei Vereine, der Skiclub Schonach und die Skizunft Brend, woll- ten unbedingt Abhilfe schaffen. Sie taten sich zusammen – und fertig war die erste bedeu- tende Kombinationsveranstaltung im Schwarz- wald: Unter der Bezeichnung „Internationale Skiwettkämpfe Schonach/Neukirch“ trafen sich 1967 die Asse des Genres an zwei unterschied- lichen Wettkampfstätten – zum Springen auf der Schonacher Langenwaldschanze und zum Lauf in Neukirch, um den Sieger im Ski-Zwei- 308 Sport


kampf zu ermitteln. Dieser hieß Edi Lengg, kam aus Reit im Winkl, und durfte sich als Erster auf einer Siegerliste verewigen, auf der im Lauf der Jahrzehnte die Crème de la Crème des nordi- schen Skisports Einzug hielt. 1971 hieß der Wettbewerb erstmals „Schwarzwaldpokal“ Vier Jahre später waren die Brender nicht mehr mit im Boot. Auch das Pendeln von einem Wett- kampf-Ort zum anderen hatte ein Ende. Die Schonacher hatten nun alleine die Zügel in der Hand. Und der sportliche Anlass, der Athleten aus aller Herren Länder anlockte, hieß 1971 erstmals Schwarzwaldpokal. Ein Blick in die damalige Startliste beweist, wie sehr die Ver- anstaltung auch im Ausland bereits akzeptiert war: Athleten aus Österreich, Finnland, Italien, Jugoslawien, Polen, der Schweiz, Schweden, der Tschechoslowakei, Frankreich, Japan, Norwegen, der Sowjetunion und aus den USA erwiesen dem attraktiven Event ihre Referenz. Dazu kamen die besten deutschen Kombinie- rer aus West und Ost. Auch der Sieger war ein Deutscher. Er hieß Hans Rudhart, kam aus dem Allgäu und startete für den WSV Isny. Toller Sport, tolle Atmosphäre In kürzester Zeit wurde der Pokal, den der Gewinner überreicht bekam, zu einer der begehrtesten Trophäen des Genres. Nach Schonach kamen alle gerne. Nicht nur des Sports, sondern auch der Atmosphäre wegen. Hochkarä- tige Wettkämpfe standen auf dem Programm, es wurden aber auch familiäre Skifeste gefeiert, Freundschaften über alle Grenzen hinweg geschlossen. Und nicht selten endeten die Treffen der Trai- ner, Betreuer und Organisatoren im „Rebstock“, der gastronomischen 50 Jahre Schwarzwaldpokal Der bekannte Sportreporter Hans-Reinhard Scheu 1976 im Gespräch mit Ulrich Wehling (rechts), heu- te Renndirektor des Internationalen Skiverbandes (FIS), damals Spitzen athlet der DDR. Wehling holte sich in der Nordischen Kombination in Innsbruck vor dem Schonacher Urban Hettich, der sensationell die Silbermedaille gewann, den Olympiasieg. Seele des Wettbewerbs, erst in den frühen Mor- genstunden. Zudem gab es in Schonach nicht irgend einen „Pott“ zu gewinnen. Die vom 2011 verstorbenen Bildhauer Klaus Ringwald gestaltete Trophäe hob sich wohltuend vom „Salatschüssel-Niveau“ anderer Siegerpokale ab. Das Original, ein Bronzeguss mit Ornamenten und eingearbei- teten Bergkristallen, das von Ernst Schneider als Wanderpokal gestiftet wurde, ist ein wahres Schmuckstück. Auch die kleine Der vom Schonacher Bildhauer Klaus Ringwald geschaffene Schwarzwald- pokal. 309


Hoch über Schonach – Fabian Rießle auf dem Sprung hinunter ins Skistadion. Nachbildung bedeutete – und sie tut es noch immer – für jeden Sieger eine Aufwertung sei- nes Trophäenschrankes. Von 1972 bis 1985 wurden auch die Junioren, die einen separaten Wettkampf bestritten, mit einem von Ringwald gefertigten Pokal bedacht. Der von Gottlieb Rombach gestiftete Siegerpreis wurde 1979 von einer von der Volksbank Triberg finanzierten Neuausfertigung abgelöst, die Wolfgang Beyer entworfen hatte. Im Jahr 1994 wurde der „Warsteiner Grand Prix Deutschland“ aus der Taufe gehoben, eine kleine Tournee innerhalb des Weltcups, bei der der Gesamtsieger der Wettkämpfe in Oberwie- senthal, Reit im Winkl und Schonach zusätzlich gutes Geld kassieren durfte. Die Stationen Reit im Winkl und Oberwiesenthal gibt’s nicht mehr, den „Warsteiner Grand Prix“ auch nicht. Nur Schonach mischt in der Beletage der Kombinati- onswettbewerbe weiter munter mit. Gunderson-Methode bringt Klarheit Anforderungen sind immens Gravierende Neuerungen gab es natürlich suk- zessive auch im sportlichen Bereich. Ab der Sai- son 1982/83 beendete die Gundersen- Methode endlich das lästige Rätselraten der Fans nach dem sich aus der Addition der Sprung- und Laufresultate ergebenden Sieger. Ein Jahr später war‘s auch in Schonach soweit: Der Oberstdor- fer Thomas Müller kam nach dem Langlauf als Erster ins Ziel – und hatte somit auch gewon- nen. Dem Wettbewerb vor 22 Jahren kam in weiterer Hinsicht besondere Bedeutung zu: Der Internationale Skiverband (FIS) hatte den Welt- cup geschaffen (damals zehn Stationen), und der SC Schonach war als verlässlicher Ausrichter mit an Bord. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Diese ständige Präsenz im Veranstaltungskalen- der ist natürlich nicht nur Freundschaften und guten Kontakten zu verdanken. Die Anforde- rungen an die Organisatoren sind immens. Die Langenwaldschanze musste im Lauf der Jahr- zehnte immer wieder für viel Geld modifiziert und umgebaut werden, was zu heftigen Dis- kussionen im Ort führte. Unter dem Strich zo- gen anschließend jedoch alle wieder an einem Rechte Seite: Impressionen von der Langenwald- schanze und Blick hinunter in den Auslauf der Schanze. Damit alle Springer möglichst die gleichen Verhältnisse haben, wird bei Schneefall kurz vor dem Sprung die Spur freigeblasen (Mitte links). 310 Sport


50 Jahre Schwarzwaldpokal 311


„Schonach live“ – die Atmosphäre an der Langenwaldschanze ist großartig – die Fans sind mit Eifer dabei. Strang. Auch bei der Laufstrecke, einst zentral gelegen, musste ständig nachgebessert werden. Seit langer Zeit befindet sich das Skistadion im Wittenbachtal. Der selektive Kurs wurde diverse Male neu gestaltet, den Notwendigkeiten des Reglements angepasst und so trassiert, dass Zuschauer und Fernsehanstalten zufrieden sein konnten. Letztere und deren Geld, ohne das Veranstaltungen dieser Größenordnung nicht möglich sind, haben inzwischen das Zeitdiktat übernommen, dem sich der Skiclub-Vorsitzende Gunter Schuster und sein Team zu unterwerfen haben. Die Weltstars der Szene kommen Und an Prominenz mangelte es der Veranstal- tung wahrlich nie, die Teilnehmerlisten bein- halten seit jeher die Weltstars der Szene. Große Namen haben sich darin verewigt. In den frühen Jahren drückte der Nesselwanger Franz Keller, Olympiasieger von 1968 in Grenoble, dem Wett- bewerb ebenso seinen Stempel auf wie das fin- nische Idol Rauno Miettinen oder Uli Wehling, der bei den Spielen 1972 in Sapporo, 1976 in Innsbruck und 1980 in Lake Placid jeweils mit Gold dekoriert wurde. Dann kam die Zeit des Oberstdorfers Thomas Müller und des heute als deutscher Cheftrainer fungierenden Hermann Weinbuch aus Oberstdorf, der sich 1985 in See- feld den Weltmeistertitel sicherte. Große Fußabdrücke hinterließ auch Fred Börre Lundberg. Der Norweger triumphierte 1991, 1993, 1995 und 1996, durfte die begehrte Trophäe aber dennoch nicht endgültig in seinen Besitz nehmen. Drei Siege hintereinander oder fünf Siege insgesamt, so lautet das Reglement. Der Franzose Fabrice Guy (1992), der Japaner Kenji Ogiwara (1994) und der Finne Samppa Lajunen (1997), alle drei Große der Szene, ver- hinderten Lundbergs sehnlichst erwünschten Coup. Todd Lodwick aus den USA, der Finne Hannu Manninen und der Franzose Jason Lamy Chappuis waren in den jüngeren Jahren die prä- genden Figuren des Schonacher Geschehens. Und die Deutschen? Hubert Schwarz aus Oberaudorf stand 1987 als letzter DSV-Athlet auf dem Siegertreppchen ganz oben. Seither lebt die Hoffnung auf den nächsten Sieg eines Weinbuch-Schützlings. Aber selbst Asse wie Ronny Ackermann, inzwischen Trainer im Na- tionalteam, Eric Frenzel oder Johannes Rydzek schwächelten immer dann, wenn es galt, in Schonach Farbe zu bekennen. Auch Georg „Schorsch“ Hettich war es nie vergönnt, vor eigenem Publikum zu triumphieren. Doch er sorgte für einen viel lauteren Paukenschlag. 2006, bei den Winterspielen in Turin, holte er Gold und Silber in den beiden Einzelwettbe- werben sowie Bronze mit dem Team. Er reihte sich damit in die Liste der großen Schonacher Skisportler ein. Zu ihnen gehören auch der Olympiazweite der Kombinierer von 1976 in 312 Sport


Im Skistadion Wittenbach entscheidet sich beim Langlauf der Kampf um den Schwarzwaldpokal. Innsbruck, Urban Hettich, Skispringer Hansjörg Jäkle, der Team-Olympiasieger von 1994 in Lille- hammer, oder Kombinierer Hans-Peter Pohl, Mannschafts-Olympiasieger 1988 in Calgary und Team-Weltmeister 1987 in Oberstdorf – letzteres übrigens zusammen mit dem noch amtierenden Bundestrainer Weinbuch. Auch Pohl amtiert noch: Der inzwischen 49-Jährige ist beim Schwarzwaldpokal als Moderator und Sprecher im Einsatz – eine weitere Konstante dieser ewig jungen Veranstaltung. schen Juniorenweltmeisterschaften 1981 und 2002, sowohl national als auch international punkten konnten und sich auch nicht davor scheuen, im Continentalcup oder bei „Jugend trainiert für Olympia“ als Ausrichter zu fungie- ren, bei Wettbewerben also, um die sich andere Orte wegen der damit verbundenen Arbeit wahrlich nicht reißen, ist der Ruf der Gemeinde und ihrer Organisationen und Klubs, die ins Ge- schehen eingebunden sind, untadelig. Das lässt darauf hoffen, dass auch in Zukunft die Welteli- te dem Schwarzwald ihre Aufwartung macht. Zukunft scheint gesichert Da die Schonacher auch mit der Organisation weiterer Events, allen voran die beiden Nordi- Der Norweger Moan Magnus Hov dal siegte beim Schwarzwaldpokal 2015 vor seinem Landsmann Klemetsen Haavard und dem Japaner Watabe Akito. 50 Jahre Schwarzwaldpokal 313


Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Goldene Verdienstmedaille Kreisbrandmeister Manfred Bau verabschiedet Nach 51-jähriger Dienstzeit bei der Feuerwehr, davon 23 Jahre als Kreisbrandmeister, wurde Manfred Bau im April 2015 offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Rund 250 geladene Gäste kamen nach St. Georgen, um den verdienten Feuerwehrmann zu würdigen. Bau erhielt für sein ehrenamtliches Engage- ment die höchste Auszeichnung des Landes Baden-Württemberg im Feuerwehrwesen. Er bekam vom Innenministerium das Feuerwehr ehrenzeichen der Sonderstufe ver liehen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis zeichnete Manfred Bau mit der Goldenen Verdienstmedaille aus. Zudem wurde er zum Eh ren vor – sitzenden des Feuerwehrkreis- verbandes Schwarzwald- Baar er nannt. Landrat Sven Hinterseh überbrachte den Dank der Be- völkerung des Landkreises. Er bezeich nete den scheidenden Kreis brand meister als „Vorbild und Motivator für alle Feuerwehr- kräfte im gesamten Landkreis.“ 314 Mit der Goldenen Verdienstmedaille des Schwarzwald- Baar-Kreises wurde Kreisbrandmeister Manfred Bau (links, mit Ehefrau) bei seiner Ver- abschiedung in den Ruhestand geehrt. Landrat Sven Hinterseh (rechts) betonte die Verdienste von Manfred Bau um das Feuerwehrwesen. Nach- folger ist Florian Vetter (zweiter v. rechts, mit Partnerin). Bau habe sein Hobby zum Beruf gemacht. Bereits in frühes- ter Jugend habe für ihn festge- standen, dass er „etwas Sinnvol- les“ machen wolle, so der Land- rat weiter. So war Manfred Bau 1963 Gründungsmitglied der Ju- gendfeuerwehr in Schonach. Nach seiner Ausbildung an der Gewerbeschule war er 21 Jahre lang als Bauleiter und Kalkulator in einer Baufirma in Schonach tätig. 1979 folgte die Wahl zum Kreisjugendfeuerwehrwart, 1981 wurde er stellvertretender Kom- mandant in Schonach. Zehn Jah- re später wählte man ihn zum Kreisbrandmeister. Und zwar eh- renamtlich. Gleichzeitig wurde er technischer Angestellter im Landratsamt, um alle Aufgaben erfüllen zu können. Und diese sind überaus um- fangreich: Sowohl die Aufsicht und Ausbildung der Feuerweh- ren im Kreis als auch deren Eh- rungswesen und Zuschussange- legenheiten oblagen ihm. Bei Bauvorhaben einer bestimmten Größe musste er weiter Stel- lungsnahmen zum vorbeugen- den Brandschutz für das Bau- rechtsamt verfassen. „Das nahm etwa 50 Prozent meiner Tätig- keit ein“, blickte Manfred Bau zurück. Vor allem dieser Bereich sei während seiner Jahre immer umfangreicher geworden. Fast immer vor Ort Und ganz nebenbei war Bau auch immer bei größeren Scha- densfällen im gesamten Kreisge- biet vor Ort. Alarmiert wurde er bei technischen Hilfeleistungen und Bränden – auch, wenn „nur“ eine Wohnung brennt. „Da habe ich dann im Funk reingehorcht und entschieden, ob ich die Ein- satzstelle anfahre“, so Bau. Da- her kam es schon mal vor, dass er auch in der Nacht zwei bis drei Mal aufstehen musste. Im Gedächtnis geblieben ist ihm vor allem das schwere Bus- unglück bei Donaueschingen im Jahr 1992. Bei der Verabschiedung von Kreisbrandmeister Bau wurde durch Landrat Hinterseh zudem der Nachfolger Florian Vetter in das Amt eingeführt. Magazin


Das ehemalige Villinger Krankenhaus ist auch baulich Geschichte, die Luftbildaufnahme zeigt den Stand der Ab- rissarbeiten im August 2015. Ziel ist es nun, an diesem Standort durch eine verdichtete Bebauung das stadtnahe Wohnungsangebot von Villingen-Schwenningen zu verbessern. Der Park des Krankenhauses bleibt erhalten, ebenso das ehemalige Schwesternwohnhaus im Hintergrund links. hat man mit einem dunklen Lack versiegelt, der nun wie ein Rahmen erscheint. „Der Baum lebt“ Balzer Herrgott erneut restauriert Das weithin bekannte Baum denkmal Balzer Herrgott in Gütenbach, der umklammerte Christus, ist einmal mehr aufwendig restauriert worden, da über kurz oder lang erneut sein Verschwinden im Baum droh- te. Überlegungen im Vorfeld, den Dingen ihren Lauf zu lassen, der Herrgott wäre dann nach und nach in der Weidbuche verschwunden, wurden verworfen. Der Balzer Herrgott ist einfach eine zu große Touristen-Attraktion. Zu Beginn der Maßnahme wurde an der auf ein Alter von 150 Jahren geschätzten Buche das Totholz entfernt. Dann schlossen Steinmetze an der steinernen Christusfigur feine Risse. Die Bau m öffnung, durch die der Herrgott zu sehen ist, Schließlich wurde auch die Umgebung neu gestal- tet: 14 Findlinge grenzen den Baum vom Wanderweg ab und akzentuieren ihn. Bürgermeister Rolf Brei – sacher ist wie alle Gütenba- cher stolz auf die besondere Buche mit dem steinernen Christus im Innern. Um des- sen Herkunft ranken sich viele Geschichten und Sagen. Von den Hugenotten soll der Christus angebracht worden sein, gar mit der französischen Revolution in Berührung ste – hen – oder vom legendären Königenhof stammen. Die Wahr heit wird sich nie mehr herausfinden lassen. Mehr über den Balzer Herr gott, der auch „Winkel- herrgott“ genannt wird, findet sich im Almanach 2013. Magazin 315


Schemenpapst Manfred Merz verstorben Im Alter von 87 Jahren ist am 30. Septem- ber 2015 der Villin- ger Sche- menpapst Manfred Merz verstorben. Er zählte zu den bedeutendsten Schemenschnitzern der schwä- bisch-alemannischen Fast- nachtslandschaft. Über 2.000 Glattschemen, Surhebel oder Morbili mit der Signatur „MM“ gibt es. Er ist auch Träger des Kulturpreises der Deutschen Fastnacht. Ein Portrait findet sich im Almanach 2004. 40 Jahre Elektrifizierung der Schwarzwaldbahn: Mit dem Fahr­ planwechsel am 28. September 1975 ist auf der Schwarzwaldbahn erstmals eine Elektrolokomotive unterwegs gewesen. Die 135 Mio. Mark teure Elektrifizierung brach­ te viele Schwierigkeiten mit sich, so mussten alle Tunnels einen hal­ ben Meter tiefer gelegt werden, damit die Oberleitung Platz fand. 316 Mit Laienschauspielern professionell umgesetzt: Der Film „Funkenflug“ über den Stadtbrand von St. Georgen. Funkenflug feierte Premiere: Stadtbrand-Film begeistert St. Georgen Ein Hauch von Hollywood weh- te am 21. September 2015 über der Bergstadt: Mehr als 1.300 Besucher kamen zu den drei of- fiziellen Vorführungen des Kurz- films „Funkenflug“, der anläss- lich der 150. Wiederkehr des ver- heerenden Stadtbrandes am 19. September 1865 produziert wur- de (siehe dazu Almanach 2015). Die aus Oberkirnach stam- Regisseurin Stephanie Kiewel wurde für den 26 Minuten dauernden Film begeistert ge- feiert. Ebenso Co-Regisseur Finn Drude samt der britischen Filmcrew, Studienkollegen der Universität Cumbria, an der Kiewel ihr Studium für Film- und Fernseh produktion inzwi- schen abgeschlossen hat. An der Produktion waren mende und in England lebende gut 120 Personen beteiligt. Die englische Filmcrew mit Regisseurin Stephanie Kiewel an der Spitze (dritte v. links) wurde bei der Premiere von „Funkenflug“ gefeiert. Magazin


Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 31.12.2013 31.12.2014 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen St. Georgen Bad Dürrheim Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Bräunlingen Königsfeld Brigachtal Triberg Schonach Vöhrenbach Dauchingen Mönchweiler Tuningen Unterkirnach Schönwald Gütenbach 82.326 21.497 12.938 12.600 9.948 9.159 7.560 5.871 5.867 5.859 5.027 4.762 4.009 3.869 3.651 2.976 2.885 2.477 2.313 1.174 81.128 21.190 12.816 12.634 9.948 9.192 7.530 5.867 5.842 5.773 5.027 4.762 3.998 3.869 3.659 2.976 2.865 2.510 2.330 1.174 1.198 307 122 -34 0 -33 30 4 25 86 0 0 11 0 -8 0 20 -33 -17 0 1,48 1,45 0,95 -0,27 0 -0,36 0,40 0,07 0,43 1,49 0 0 0,28 0 -0,22 0 0,70 -1,31 -0,73 0 -0,82 Kreisbevölkerung insgesamt 206.768 205.090 1.678 Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2015 30.06.2014 30.06.2013 3,3 % 3,6 % 3,9 % 3,7 % 3,8 % 3,9 % 6,2 % 6,7 % 6,6 % Beschäftigte insgesamt: 80.555, davon 35.712 im produzierenden Gewerbe (44,3 %), 21.591 in Handel und unterneh- mensnahen Dienstleistungen (26,8%) sowie 23.252 im Bereich „Sonstiges“ (28,9 %). (Stand: 30.06.2014 – Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg) Orden und Ehrenzeichen Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande wurde 2015 Klaus Hall (Donaueschingen) ausgezeichnet. Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurde 2014 ausgezeichnet (noch nicht im Almanach 2015 abgedruckt): Johann Georg Fehrenbach (Villingen-Schwenningen). Mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2015 ausgezeichnet: Albert Schnell (Blumberg), Jürgen Lehmann (St. Georgen), Marianne Schiller (Villingen-Schwenningen), Rolf Müller (Villingen-Schwenningen), Siegfried Henseleit (Villingen-Schwenningen). Die Staufermedaille wurde 2015 an Otto Weißer (Furtwangen) verliehen. Anhang 317


Bildnachweis Almanach 2016 104, 105 o.; Gabi Lendle, Hüfingen: 109 M. o. bis M.u., 111; Hans-Jürgen Kommert: 120-121; Strähle Luftbild; Schorndorf: 138; Rolf Ebnet; Bräunlin- gen, (Archiv): 162, 165, 166 u. 167 u., 171; Hartmut Ketterer, Vöhrenbach: 163, Marga Schubert, Vil- lingen-Schwenningen: 172, 175, 176; Lukas Nagel, Triberg: 177 o.; Achim Käflein, Freiburg: 177 u., Fürstlich-Fürstenbergisches-Archiv, Donaue- schingen: 182-185; Horst W. Kurschat, Villingen- Schwenningen: 202-209; Jürgen Müller, Blum- berg: 210; Roger Müller, Blumberg: 212, Roland Sprich, St. Georgen: 213, 242-243, 244 o. li., 246 o. li., 314, 316; Bernhard Lutz, Blumberg: 214, 215; Al- exander Schmid, Donaueschingen: 216; Jürgen Lehmann, Donaueschingen: 217; Heinz Bunse, Donaueschingen: 218, 219 u.; Martin Fetscher, Vil lingen-Schwenningen: 230 u. re, 237 Mi. u. re.; Wolf Ho ckenjos, Donaueschingen: 248-251; Stephanie Jako ber, Donaueschingen: 252-253, 254 o.; 255; Dr. Helmut Gehring, Villingen- Schwenningen: 259, 261 M. re., 263 o. re. 263 u. li.; ahu AG, Aachen: 256-257 u., NGP Baar, Villin- gen-Schwenningen: 258, 260, 261 Mi., 261 o. li., 263 Mi. li. u., 263 Mi. li. o., 263 Mi. re. o, 264, 265, 266 o., 266 u., 267; LUBW/H. Dannemeyer, Karls- ruhe :261 o. re.; K. Baudis: 261 M. li.; Dr. Stephan Hafner, Löffingen: 261 u. li., 263 u. li.; Dr. Konrad Reidl, Nürtingen: 263 o. li.; HFWU: 263 M.u. re.; Christian Kuchelmeister, Scheer- Heudorf: 278- 285 o.; Kur und Büder GmbH, Bad Dürrheim: 286-287, 288, 290-292; André Gegg, Villingen- Schwenningen: 289, 290 M.; Stephanie Wetzig, Buchenberg: 298-301; Michael Kienzler, Bri- gachtal: 303; Gemeinde Gütenbach: 315 u. Motive Titelseite: Gleitschirmfliegen beim Fürstenberg mit Blick nach Hondingen und kleine Fotos, Wilfried Dold, Vöhrenbach Motiv Rückseite: Eiche am Magdalenenberg, Wilfried Dold, Vöhrenbach. Bildnachweis für den Inhalt: Soweit die Foto gra- fen nicht namentlich angeführt werden, stam- men die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des betref fenden Beitrages oder sind die Bild autoren oder Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Namensnennung beziehen sich auf die jeweilige Seite): Wilfried Dold, Vöhrenbach: 3, 33, 34, 35, 37, 38, 39, 40 ob., 44-45, 47-51, 65, 76-79, 86-87, 140-141, 146-147, 151, 156 ob., 158-159, 160-161, 167 o., 169, 173, 179, 180-181, 187, 188-189, 190-201, 219 o., 220-241, 244 o. re., 245, 246 o. re., 247, 258-259, 270-277, 285 u., 306-307, 309 u., 311, 312 o.r., 313 o., 315 o.; Sebastian Wehrle, Freiamt: 9; Roland Sigwart, Hüfingen: 23-31, 36, 254 u., 256, 257, 310, 311 o. li., 312 o. li., 313 u.; Harald Becker, Blum- berg: 43 u.; Jürgen Günther, Frankfurt 52-53, Madlen Falke, Hüfingen: 58, 59; Barbara Dickmann: 62-64, 66, 68, 69 o.; Elena Schyle, Schonach 67, Markus Ketterer: 69 u. re; Daniela Schneider, Villingen-Schwenningen: 71, 148, 150, 154; Tobias Lange, Villingen -Schwenningen: 81; Dieter Wacker, Villingen -Schwenningen : 83-85; Uhrenindustriemuseum, Villingen-Schwennin- gen: 89; Kinder- und Jugendmuseum, Donau- eschingen: 95; Bundesministerium für Verkehr, Bonn: 143, 149; Neckarquelle (Archiv), Villingen- Schwenningen: 142, 145; Autobahnmeisterei Rottweil: 152, 153, 155, 156 u., 157; dold.verlag (Archiv): 88, 93, 168m 196, 199, 232/233 u.; Jür- gen Hönig, Vöhrenbach: 91; SSS Siedle, Furtwan- gen: 96, Matthias Winter, Furtwangen: 102 o. re., 318 Anhang


Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Baumann, Günther, Kornbindstr. 59, 78056 Villingen-Schwenningen Beck, Andreas, Rathausplatz 1, 78166 Donaueschingen Dickmann, Barbara, Hubertusweg 5, 78098 Triberg Dold, Wilfried, Unteranger 3, 78147 Vöhrenbach Ebnet, Rolf, Kalköfele 7, 78199 Bräunlingen Fabisch, Nils, Hölzleweg 51, 78054 Villingen-Schwenningen Falke, Madlen, Ornans-Ring 19, 78183 Hüfingen Fetscher, Martin, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Gehring, Dr. Helmut, Königsberger Straße 30, 78052 Villingen-Schwenningen Hettich, Peter, Lindenstraße 11, 78054 Villingen-Schwenningen Hinterseh, Sven, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Hockenjos, Wolf, Alemannenstraße 30, 78166 Donaueschingen Hönig, Prof. Dr.-Ing. Jürgen, Berthold-Walter-Straße 24, 78147 Vöhrenbach Jakober, Stephanie, Käferstr. 10, 78166 Donaueschingen Kienzler, Michael, Gartenstraße 15, 78086 Brigachtal Köhler, Ursula, Rietstraße 35, 78050 Villingen-Schwenningen Kommert, Hans-Jürgen, Am Schwanen 1, 78112 St. Georgen Kring, Thomas, Neckarstraße 120, 78056 Villingen-Schwenningen Kuchelmeister, Christian, Baron-Eberhart-Weg 1, 72516 Scheer-Heudorf Kurschat Horst W., Weilersbacher Straße 132, 78056 Villingen-Schwenningen Lendle, Gabi, Mönchhofstraße 9, 78183 Hüfingen Lutz, Bernhard, Seemühle 14c, 78183 Hüfingen Nack, Christina, Obereschacher Straße 7, 78126 Königsfeld Rothweiler, Doris, Kiefernweg 36, 78176 Blumberg Schell, Rüdiger, Endlins Breiten 9, 78166 Donaueschingen Schneider, Daniela, Bert-Brecht-Straße 15-19, 78054 Villingen-Schwenningen Schön, Elke, Am Hofrain 26, 78120 Furtwangen Schubert, Marga, Hafnergasse 6, 78050 Villingen-Schwenningen Sigwart Roland, Hauptstraße 16, 78183 Hüfingen Sprich, Roland, Kühlbrunnenweg 13a, 78112 St. Georgen Wacker, Dieter, Steinwiesenstraße 4, 78052 Villingen-Schwenningen Wehrle, Sebastian, Buchenweg 4, 79348 Freiamt Wetzig, Stephanie, Martinsweiler 17, 78126 Königsfeld-Buchenberg Winter, Matthias, Kohlheppstraße 12, 78120 Furtwangen Anhang 319


Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2016 ® lingen-Schwenningen Hightech für den sicheren und effi – intelligente und innovative Systeme für den effi zienten Wa- S Sparkasse Schwarzwald-Baar Sechs weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. 320 Anhang



Konzert für eine Eiche – auf dem Villinger Magdalenenberg fotografiert von Wilfried Dold


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Almanach 2015 https://almanach-sbk.de/almanach-2015-2/ Wed, 04 Nov 2020 05:24:52 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2015-2/

Almanach 2015 Schwarzwald-Baar-Jahrbuch Schwerpunkt „Da leben wir“ 20 Jahre „Die Fallers“


He raus ge ber: Land rats amt Schwarz wald-Baar-Kreis www.schwarz wald-baar-kreis.de land rats amt@schwarz wald-baar-kreis.de Re dak ti on: Sven Hinterseh, Land rat Wil fried Dold, Re dak teur (wd) Kristina Blaha, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations- und Kulturamt Stadt Hüfingen Dr. Joa chim Sturm, Kreis ar chi var Für den In halt der Bei trä ge sind die je wei li gen Au to- ren ver ant wort lich. Nach dru cke und Ver viel fäl ti gun- gen je der Art wer den nur mit Ein wil li gung der Re- dak ti on und un ter An ga be der Fund stel le ge stat tet. Gestaltung: Wilfried Dold, dold.verlag Verlag: dold .ver lag, Vöh ren bach www.dold ver lag.de Druck: Todt Druck + Medien GmbH + Co. KG Vil lin gen-Schwen nin gen ISBN: 978-3-927677-80-7 Foto rechte Seite: An den Schleifenbach- Wasserfällen bei Blumberg.


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Inhalt Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Schwerpunkt Neckar Wo sind die Wurzeln – wo ist daheim? Was Heimat ist, diese Frage ist ungeheuer populär geworden Wo der Neckar seine Reise beginnt Heimat ist überall Holy Heimat Von der Verortung des Ichs Petra Hettich Jochen Scherzinger Andreas Helwig Thomas Behringer Eric Fürderer Jacqueline Janzen Sabine Grässlin Jan Cebulla Rik Sauser Kai Sauser 28 94 Was „daheim“ im Schwarzwald- Baar-Kreis bedeuten kann hat das Jahrbuch „Almanach“ nachgefragt: Jochen Scherzinger in Gütenbach drückt seine Heimatgefühle in Mode aus, der Villinger Eric Fürderer ist im Butzesel-Häs „daheim“ – Petra Hettich auf dem Sigmundenhof in Schonach und Jacqueline Janzen im Tor ihrer Eishockeymannschaft. Für Pilot Andreas Helwig und Notfallsa ni täter Thomas Behringer bedeutet „Zuhause sein“ im „Christoph 11“ zu fliegen und Menschenleben zu retten. Für Sabine Grässlin ist das Restaurant „Kippys“ in St. Georgen ein Lebensmittelpunkt – und der junge Bad Dürrheimer Jan Cebulla hält sich vorzugsweise im Kurpark auf. Kai und Rik Sauser organisieren große Radveranstaltungen und konnten sich nie vorstellen, hier wegzugehen. Das Schwenninger Moos liegt 705 Meter über dem Meer und befindet sich am Südrand von Schwenningen. Hier entspringen der Neckar und die Stille Musel, die der Donau zufließt. Mitten hindurch verläuft die europäi- sche Wasserscheide – ein Teil des Mooswassers fließt somit über den Neckar auch in den Rhein. Das Moos ist ein großar- tiges Naturschutzgebiet und ein beliebtes Naherholungsziel. 4


Garnisonsstadt Donaueschingen Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich 152 Die französische Garnison Donau eschingen gehört seit dem 24. Juni 2014 der Vergangenheit an. Die Konsequenz: Rund 1.800 Menschen – ca. 750 Soldaten und deren Familienangehörige – sind fast von heute auf morgen weg- gezogen. Die Franzosen waren ein Teil der Stadt Donau esch in- gen, ein Teil ihrer internationa- len Ausrichtung und Ausstrah- lung und auch ein belebendes Element im Stadtalltag. Inhaltsverzeichnis 2 8 Impressum Heimat – Tradition, Verlässlichkeit, Geborgenheit / Sven Hinterseh 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 10 Der Schwarzwald-Baar-Kreis hilft Flüchtlingen in Not / Sven Hinterseh 20 Kreistagswahlen 2014 24 Verabschiedung der Kreisräte / Heike Frank 2. Kapitel / Da leben wir – Schwerpunkt Heimat 30 Petra Hettich – Bäuerin / Barbara Dickmann 34 Jochen Scherzinger – Modedesigner / Elke Schön 44 Andreas Helwig – Rettungspilot / Christina Nack 48 Thomas Behringer – Notfallsanitäter / Christina Nack 52 Eric Fürderer – Butzesel / Christina Nack 56 Jacqueline Janzen – Eishockey-Nationalspielerin / Christina Nack 60 Sabine Grässlin – Köchin und Kunstsammlerin / 66 Natalie Göbel Jan Cebulla – ein Leben im Rollstuhl und doch offen und fröhlich / Susanna Kurz 70 Kai und Rik Sauser: Wenn es ums Rad geht, sind sie in ihrem Element / Michael Kienzler 3. Kapitel / Städte und Gemeinden 76 Hüfingen bietet viel Lebensqualität / Stefan Limberger-Andris 84 Königsfeld – Ort der zarten Melancholie / Stephanie Wetzig 4. Kapitel / Schwerpunkt Neckar 94 Wo der Neckar seine Reise beginnt / Daniela Schneider 106 Schwenningen und die Necklemer / Wolfgang Trenkle 5. Kapitel / Wirtschaft 116 Sparkasse Schwarzwald-Baar – ein Stück Heimat 130 Bad Dürrheimer Mineralbrunnen / Christina Nack 140 SCHMIDT Technology / Roland Sprich 6. Kapitel / Bildung und Soziales 146 Carl-Orff-Schule Villingen / Saskia Fraas 7. Kapitel / Garnisonsstadt Donaueschingen 152 Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich / Ernst Zimmermann 8. Kapitel / Geschichte und Wirtschaftsgeschichte 170 Sanierung der Historischen Zehntscheuer / Dieter Wacker 176 Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen / Gerhard Kiefer 5


Inhalt Geschichte Zeitgeschehen Umwelt und Natur 100 Jahre Erster Weltkrieg Wo die Fallers zu Hause sind Die Rückkehr der Wildtiere 182 210 252 Die Geschichte des Ersten Welt- krieges für den Schwarzwald- Baar-Kreis – vielmehr für die frü- heren Landkreise Donaueschin- gen und Villingen – ist noch nicht geschrieben. Die Erinnerung an diesen Krieg ist meist nur noch dort lebendig, wo sie mit Angehö- rigen oder besonderen Ereignis- sen verknüpft ist. Einmalig ist ei- ne Bilddokumentation der Furt- wanger Fotografin Maria Griesha- ber über die Kriegsjahre. 6 Auf dem Unteren Fallengrund in Neukirch steht mit dem „Fallerhof“ der bekannteste Bauernhof von Baden-Würt- temberg. In Wirklichkeit ist es der Unterfallengrundhof. Nach 20 Jahren „Die Fallers“ ist zwi- schen den wirklichen „Fallers“, der Familie von Agnes und Felix Löffler, und den „Fallers“ mit den Hauptdarstellern Peter Schell und Christiane Brammert längst eine Freundschaft entstanden. Die Rückkehr einst ausgerotteter Wildtierarten wird in Zeiten ei- nes weltweiten Arten schwunds zumeist freudig begrüßt, feiern wir sie doch als Erfolgsnach- weis für den Artenschutz – als Indiz für einen noch immer vergleichsweise naturnahen, in- takten Lebensraum. Auch in den Schwarzwald-Baar-Kreis kehren verstärkt Wildtiere zurück. Doch nicht alle Heimkehrer haben das Zeug zum Sympathieträger.


Gastlichkeit Die Schwarzwälder Kirschtorte 300 Ein Geheimtipp im Schwarzwald ist das Café Schäfer in Triberg. Seit 1929 ist das Original-Rezept im Schäferschen Familienbesitz und seitdem wird den Gästen im Café die „Königin der Torten“ – die Schwarzwälder Kirschtorte angeboten. Aber noch viel mehr, so beispielsweise die mit Scho- kolade ummantelte Schwarz- waldkirsche mit Stiel. Eine Spezi- alität, hinter der viel Fachwissen steckt. 182 100 Jahre Erster Weltkrieg 190 Alltagsleben im Ersten Weltkrieg / Wilfried Dold 9. Kapitel / Brauchtum 206 Tracht des Jahres 2014 / Roland Sprich 10. Kapitel / Zeitgeschehen 210 Wo die Fallers zu Hause sind / Matthias Winter 224 20 Jahre „Die Fallers“ 230 „Funkenflug“ – Als die Bergstadt in Flammen stand / Roland Sprich 11. Kapitel / Kunst und Künstler 234 Thomas Straub: Konzeptkünstler und Schemenschnitzer / Stefan Simon 242 Helfried Günther Glitsch – Physiologieprofessor und facettenreicher Künstler / Stefan Simon 12. Kapitel / Umwelt und Natur 252 Die Rückkehr der Wildtiere / Wolf Hockenjos 262 Die Lärchen / Wolf Hockenjos 268 Aussichtspunkte im Schwarzwald-Baar-Kreis – Die Blatthalde bei Ober- und Unterbaldingen / Wolf Hockenjos 276 Historische Flussregulierungen im Schwarzwald-Baar- Kreis / Martin Fetscher 13. Kapitel / Sport 290 Michael Kienzler – als Sportfotograf bei der Fußballwelt- meisterschaft / Martina Zieglwalner 298 Martin Schmitt verabschiedet 14. Kapitel / Gastlichkeit 300 Die Schwarzwälder Kirschtorten-Erfolgsgeschichte aus Triberg / Daniela Schneider 304 Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal / Josef Vogt 307 Gasthaus Breitbrunnen Unterkirnach / Madlen Falke 14. Kapitel / Freizeit 310 Streichelzoo in Kappel – Eine Freizeit-Oase für die ganze Familie / Philipp Jauch Anhang 313 Almanach-Magazin 316 Europawahl Wahlergebnis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 317 Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis 318 Bildnachweis 319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge 320 Ehrenliste der Freunde und Förderer 7


Zum Geleit Heimat – Tradition, Verlässlichkeit, Geborgenheit Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Jahr erscheint unser Almanach – das Schwarzwald-Baar-Jahrbuch – bereits in der 39. Auflage und hält somit seit fast vier Jahrzehnten Jahr für Jahr neben dem aktuel- len Kreisgeschehen auch die Vielfältigkeit unseres Schwarzwald-Baar-Kreises in den unter- schiedlichsten Bereichen, sei es Wirtschaft, Politik, Kultur, Freizeit oder Sport fest. In diesem Jahr feiert ein ganz spezielles „Wahrzeichen“ unseres Landkreises Jubiläum: Die erfolgreiche SWR-Fernsehserie „Die Fallers“ wird 20. Dies haben wir zum Anlass ge- nommen, sowohl Filmset als auch den Alltag auf dem „Fallerhof“ näher unter die Lupe zu nehmen. Maßgebend für die Beliebtheit der Serie ist, dass immer wieder regionale Ereig- nisse, Feste und die Tradition im Schwarzwald thematisiert werden. Heimat spielt jedoch nicht nur bei den „Fallers“ eine große Rolle. Wie sehr Jung und Alt mit unseren wunderschönen Naturräumen im Schwarzwald und auf der Baar sowie mit der Tradition im Landkreis verwurzelt sind, zeigt ein weiteres Kapitel unseres Jahrbuches. Eini- ge Persönlichkeiten unserer Heimat präsentieren auf ganz unterschiedliche Art und Weise, was Heimat für sie bedeutet. Sie zeigen mit ihrer eigenen, ganz individuellen Note auf, dass wahre Heimat Geborgenheit und Verlässlichkeit gibt – Eigenschaften, die in diesen global schwierigen Zeiten wieder an großer Bedeutung gewinnen. Diese Beiträge, aber auch die weiteren Kapitel unseres Jahrbuches, zeigen in bunter und vielfältiger Weise, dass wir im Schwarzwald-Baar-Kreis mit unseren Naturschätzen, den außergewöhnlichen Städten und Gemeinden, den einzigartigen und unterschiedlichen Landschaften, mit guten wirtschaftlichen Strukturen und einem breit gefächerten kulturel- len Angebot selbstbewusst zu unserer Heimat stehen können. Ganz besonders richtet sich mein Dank an die zahlreichen Autoren und Fotografen, die dazu beigetragen haben, dass 2015 erneut ein ansprechendes, informatives und gleichwohl sehr kostengünstiges Heimatjahrbuch entstehen konnte. Dass dies möglich war, verdan- ken wir aber auch wieder den treuen Freunden und zahlreichen Förderern des Almanach, denen mein herzlicher Dank gilt. Ohne sie alle wäre dieses Schwarzwald-Baar-Jahrbuch nicht möglich gewesen. Herzlichen Dank vor allem aber auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Ich hoffe, Sie finden auch in der 39. Ausgabe des Almanach, unserem Schwarzwald-Baar-Jahrbuch, jede Menge anregenden Lesestoff und wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Vergnügen. Ihr Sven Hinterseh Landrat 8


In 20 Jahren wurden über 800 Folgen ausgestrahlt: „Die Fallers“ des SWR-Fernsehens sind die bekannteste Bauernfamilie Deutschlands. Gedreht wird die Serie auf dem Unterfallengrundhof in Furtwangen-Neukirch. Dort bereitet sich die bereits 19. Generation auf die Übernahme des Hofes vor. Florian Löffler mit Sarah und Tochter Romina sind zusammen mit Agnes und Felix Löffler die „wirklichen Fallers“. Die Familie bewirtschaftet den Hof seit 1592 – er ist seit über 420 Jahren ihre Heimat.


Aus dem Kreisgeschehen Der Schwarzwald-Baar-Kreis hilft Flüchtlingen in Not Jugendliche geben ihren Senf zur Kreispolitik – Schnelle Internetverbindung – Stundentakt auf der Schwarzwaldbahn – Musterwohnung BEATE – WanderParadies Schwarzwald und Alb von Landrat Sven Hinterseh Zahlreiche Krisen rund um die Welt sorgen derzeit für die höchs- te Zahl von Flüchtlingen seit dem Zweiten Weltkrieg. Über 50 Mil- lionen Menschen befinden sich laut Amnesty International welt- weit auf der Flucht. Und auch in Deutschland spüren wir die Auswirkungen: Viele Flücht- linge, die beispielsweise vor den aktuellen Men- schenrechtskrisen vor allem in Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und Eritrea fliehen, suchen Zuflucht in unserem Land. 10 10


Aus dem Kreisgeschehen Begrüßung einer Flüchtlingsfamilie aus Syrien durch Heimleiter Bernd Rist. Sie hat in einer Wohnung in Villingen eine vorläufige neue Heimat gefunden. 11


Aus dem Kreisgeschehen Einmal pro Woche bietet das Diakonische Werk in St. Georgen in Zusammenarbeit mit der Wirkstatt und ehren- amtlichen Helfern das Sprachcafé an. In lockerer Atmosphäre vertiefen die Asylbewerber hier die Alltagssprache und üben Grammatik. In der Bergstadt bemüht man sich mit großem Engagement in allen Bereichen um die Integration der Flüchtlinge. Hier hört die Eingliederung nicht nach dem „Guten Tag“ auf. Schwarzwald-Baar-Kreis nimmt knapp 2 % der Flüchtlinge in Baden-Württemberg auf Deutschland gewährt Flüchtlingen durch das Asylverfahren und das Aufenthaltsrecht Schutz. Ausschlaggebend ist das in Artikel 16a Grundge- setz verankerte Recht auf Asyl – es ist das einzige Grundrecht, das nur Ausländern zusteht. Die Prü- fung des Asylantrages erfolgt durch das Nürnber- ger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. In- nerhalb Deutschlands werden die Asylbewerber nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, das sind für Ba- den-Württemberg knapp 13 %. In Baden-Württemberg besteht dann ein dreigliedriges Aufnahmesystem: Erste Station für Asylbewerber und die meisten sonstigen Flüchtlinge ist die Landeserstaufnahmeeinrich- tung in Karlsruhe – eine weitere in der ehema- ligen Zollernalb-Kaserne in Meßstetten steht unmittelbar vor der Eröffnung. Hier werden die Asylbewerber registriert und auf übertragbare Krankheiten untersucht. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Landeserstaufnahmeeinrichtung beträgt etwa sechs Wochen. Danach (zweite Station) werden die Flüchtlinge den Stadt- und Land- 12 kreisen nach einem Bevölkerungsschlüssel für die sogenannte vorläufige Unterbringung – die bis zum Abschluss des Asylverfahrens dauert, längstens jedoch für zwei Jahre – zugeteilt. Der Schwarzwald-Baar-Kreis muss knapp zwei Pro- zent aller Asylsuchenden und Flüchtlinge in Ba- den-Württemberg aufnehmen. Nach dem Ende der vorläufigen Unterbrin- gung, die der Landkreis zu verantworten hat und organisiert, werden die Flüchtlinge innerhalb des Kreises auf die Städte und Gemeinden in die sogenannte Anschlussunterbringung (dritte Sta- tion) verteilt – maßgeblich hierfür ist der kreis- interne Bevölkerungsschlüssel der Städte und Gemeinden. 40 bis 60 neue Flüchtlinge pro Monat Die Zugangszahlen in Deutschland befinden sich auf einem Niveau wie seit Mitte der 1990er Jahre nicht mehr und ein sehr hoher Anstieg um über 50 % im Vergleich zum Vorjahr ist zu verzeichnen. Über 550 Flüchtlinge befinden sich derzeit in der sogenannten vorläufigen Unterbringung und somit im Verantwortungs- bereich des Landratsamtes in Gemeinschafts-


unterkünften in Villingen-Schwenningen, St. Ge – orgen, Donaueschingen und im ehemaligen Kloster in Maria Tann (Unterkirnach/Vil lingen- Schwenningen). In der ersten Jahreshälfte 2014 wurden uns von der Landeserstaufnahmeein- richtung in Karlsruhe je Monat zwischen 40 und 60 Flüchtlinge zur vorläufigen Unterbringung zugewiesen. Mittlerweile ist die Zahl auf 80 Per- sonen je Monat angestiegen und daher ist der Landkreis mit Hochdruck auf der Suche nach neuem Wohnraum für die in Not geratenen Men- schen. Die Unterbringung der Flüchtlinge bedeu- tet eine humanitäre Verpflichtung für uns alle. Bis zum Ende des Jahres 2015 werden über 1.100 Unterkunftsplätze benötigt Auch wenn der Schwarzwald-Baar-Kreis zu- letzt größere Gebäude für die Unterbringung von Flüchtlingen anmieten konnte, so steht der Land kreis weiterhin unter starkem Druck, wei- tere Räumlichkeiten für die Unterbringung für Asylbewerber herzurichten. Das Landratsamt wird daher auch in den kommenden Monaten gemeinsam mit den Städten und Gemeinden im Landkreis intensiv nach geeigneten Wohnobjek- ten Ausschau halten, um der Verpflichtung zur Un terbringung von Flüchtlingen nachkommen zu können. Nach derzeitigen Prognosen und Hochrechnungen werden bis zum Jahresende 2015 insgesamt über 1.100 Unterkunftsplätze be- nötigt. Intensive Betreuung erleichtert Integration Verständlich ist, dass viele Bürger und Nachbarn im Wohnumfeld von neuen Gemeinschaftsun- terkünften viele Fragen haben und dabei auch Sorgen und Ängste geäußert werden. Die Land- kreisverwaltung bemüht sich mit einer inten- siven Betreuung der Flüchtlinge in den Einrich- tungen zu einer gelingenden Integration und zu einem guten Miteinander vor Ort beizutragen. Ermutigend ist, dass viele Bürger mit großem Verständnis und Mitgefühl auf die Flüchtlinge zugehen und so auch dank bürgerschaftlichem Aus dem Kreisgeschehen Hausmeister Reinhold Grotz hat auch durch die Flüchtlinge tatkräftige Unterstützung. Mitte: Sozialarbeiter Josch Feuer- stein vom Sozialdienst des Deutschen Roten Kreuzes betreut die Familien. Und auch Spielen muss sein, Kinder aus Syrien freuen sich nach ihrer langen Odyssee über die Schaukel. Engagements ganz unterschiedliche Unterstüt- zungsleistungen angeboten werden können. Dadurch wird der Start und die Integration für viele Asylbewerber, in einer für sie fremden Welt, zweifelsohne erleichtert und es entstehen neue Kontakte und für beide Seiten wichtige Begeg- nungen. 13


Aus dem Kreisgeschehen Landtagspräsident Guido Wolf (Mitte, rechts) bereicherte die Veranstaltung für Erstwähler mit einem Impulsvor- trag zur Bedeutung der Demokratie. Zusammen mit Landrat Sven Hinterseh (Mitte, links) nahm er am Schluss der Veranstaltung die auf Senf flaschen notierten Anregungen der Erstwähler entgegen. Jugendliche geben ihren Senf zur Kreispolitik – Erstwähler nutzen Chance zum Dialog Von Politikverdrossenheit war bei der erstmals durchgeführten Veranstaltung für Erstwähler im Großen Sitzungssaal im Landratsamt im Vor- feld der Kommunalwahl kein Hauch zu spüren. Lebendig und äußerst gut vorbereitet diskutier- ten über 60 Schülerinnen und Schüler von un- terschiedlichen Schularten aus dem gesamten Kreisgebiet mit Kreisrätinnen und Kreisräten. Alle Schüler hatten eines gemein – sie konnten zum ersten Mal bei einer Kommunalwahl ihre Stimme abgeben. Einige sogar früher, als dies sonst möglich war. Zum ersten Mal hatten 16- und 17-Jährige die Möglichkeit mitzu- bestimmen, wer in den Kommunalgre- mien Verantwortung übernehmen soll. Initiiert wurde die Aktion „Was uns bewegt“ durch den Landtag Ba- den-Württemberg und vom Landratsamt umgesetzt. Als Kooperationspartner fanden sich im Landkreis 15 Schulen verschiedenen Typs sowie die Landeszentrale für po- litische Bildung und der Landesjugendring. Das Ziel 14 für die Erstwähler-Veranstaltung mit der flotten Überschrift „Was uns bewegt – Gib Deinen Senf dazu!“ war schnell definiert: Es sollte eine Platt- form dafür geschaffen werden, dass Jugendliche und Vertreter der Politik einen Dialog beginnen können. Schon im Vorfeld zum Veranstaltungstag am 7. Mai 2014 bereiteten sich die Teilnehmer, ob Schüler oder Politiker, intensiv zu einem landkreisbezogenen Thema vor: „Bildung – Ausbildung – Studium“, „Ehrenamt – Genera- tionengerechtigkeit“, „Integration – Inklusion“, „Energie“, „Tourismus und Freizeit“, „Stadt und Land“, „Kommunikation“ und „Mobili- tät“. Abgeleitet wurden diese Themen aus der Demografiestrategie des Schwarz- wald-Baar-Kreises. Wichtig war dabei, dass die erarbeiteten Ergebnisse aus den Dialogen zwischen Schülern und Politi- kern, dort wieder in die Umsetzung der Demografiestrategie einfließen werden. Ihre Wünsche formulierten die Jugend- lichen auf Senfflaschen – hier ist der Wunsch nach schnellem Internet fest- gehalten.


Über 100 Dialog-Teilnehmer Mit fundierten Argumenten ausgestattet, disku- tierten die über 100 Dialog-Teilnehmer, Schüler sowie Kommunalpolitiker. Die Schüler nutzten die Chance intensiv, all das zu ihrem Thema an- zubringen, was ihnen schon lange unter den Nä- geln brennt. Gemeinsam formulierten die The- mengruppen Aufträge an die Kommunalpolitik, die sie ganz getreu dem Motto auf einer Senftu- be festhielten. Bei der Präsentation der Ergebnisse war auch Landtagspräsident Guido Wolf anwesend. Auf beeindruckende Art und Weise präsentierten die Schüler das Fazit ihrer jeweiligen Diskussions- gruppe. Ein Zukunftsthema zog sich dabei wie ein roter Faden durch die Präsentationen: Mobili- tät. Fast alle Gruppen formulierten die Forderung nach einem besseren Verkehrsnetz. Dazu gab es ganz unterschiedliche Lösungsvorschläge und kreative Denkansätze, die an die Kommunalpoli- tik adressiert wurde. Im Rahmen der Überarbei- tung des Nahverkehrsplanes des Landkreises soll es den Jugendlichen möglich sein, sich mit ihren Ideen weiter einzubringen. In einem waren sich die Schüler einig: der Schwarzwald-Baar-Kreis ist ihre Heimat – eine Region mit einer guten Mischung aus Stadt und Land, aus Natur und kulturellem Leben, in der es sich gut leben lässt. Das Ziel: Breitbandversorgung und schnelles Internet für alle Die moderne Technik macht es möglich, dass vie- le alltägliche Aufgaben durch einen Knopfdruck leichter oder mit mehr Komfort erledigt werden können. Vieles davon ist für uns schon selbst- verständlich geworden. Heimarbeitsplätze dank modernster Computertechnik, Banküberweisun- gen von zu Hause mittels Online-Banking, Filme oder Serien können durch eine Mediathek im Fernsehen zu dem Zeitpunkt angeschaut wer- den, der selbst bestimmt wird, der Familienaus- flug wird durch eine Internetrecherche geplant und das Fotoalbum als Erinnerung online zu- sammengestellt und in Auftrag gegeben. All die- Aus dem Kreisgeschehen Eine Schülerin des Thomas-Strittmatter- Gymnasiums St. Georgen präsentiert die Ergebnisse der Diskussionsgruppe „Integration – Inklusion“. In lockerer Atmosphäre kamen Jugendliche und Politiker im Sitzungssaal des Landratsamtes ins Gespräch. Schüler des Technischen Gymnasiums Schwenningen diskutieren mit den Kreisräten Edgar Schurr (Mitte, links) und Karl Rombach, MdL (Mitte, rechts), zum Thema „Energie“. 15 15


Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz aufzubauen. Der Zweckverband, der im Früh- jahr 2014 gegründet wurde, macht es möglich, diese wichtige Aufgabe der Daseinsvorsorge zu realisieren. Die Vorteile für die Städte und Gemeinden im Schwarzwald-Baar-Kreis durch die- sen Zusammenschluss liegen in ver- schiedenen Faktoren. Kompetenzen können gebündelt und der Netzaus- bau aufeinander abgestimmt werden. Zudem können wirtschaftliche Ein- heiten für Planung, Baumaßnahmen und Netzbetriebsvergabe geschaffen werden. Darüber hinaus gewährt das Land Baden-Württemberg für inter- kommunale Zusammenschlüsse deut- lich erhöhte Zuschüsse. Etablierte Breitband-Netzbetreiber sind der- zeit nicht bereit, im ländlichen Raum flächende- ckend Glasfasernetze bis zu einzelnen Gebäuden (Fibre To The Building – FTTB) auszulegen. Des- halb bleibt nur die Alternative, das Glasfasernetz schrittweise in kommunaler Hand zu errichten und sodann an Netzbetreiber zu verpachten. Wichtigste Infrastrukturinvestition in den kommenden Jahren Die Entscheidung für diesen Schritt, sowohl des Landkreises als auch jeder einzelnen Kommu- ne, war mutig. Die Investitionskosten, um die schnelle Datenautobahn umzusetzen, müssen Aus dem Kreisgeschehen Landrat Sven Hinterseh und Schonachs Bürgermeister Jörg Frey geben im September 2014 den Startschuss für die Breitbandver- kabelung von Schonach und damit für das schnelle Internet. se Dienstleistungen haben viele von uns längst lieb gewonnen und für all dies benötigen wir eine leistungsfähige Internet-Verbindung, näm- lich eine schnelle Datenleitung – zukunftsfähige Breitbandnetze mittels Glasfaser. Für unsere Unternehmen sind leistungsfähi- ge Breitbandnetze im 21. Jahrhundert unabding- bar. Das Breitband ist heute ein bedeutender Standortfaktor. Wie schnell Informationen und Wissen ausgetauscht werden, beeinflusst das wirtschaftliche Wachstum, aber auch die Ent- wicklung unserer Städte und Gemeinden. Gera- de im ländlichen Raum müssen wir die Stand- ortqualität für unsere Bürgerinnen und Bürger sowie für unsere Unternehmen durch zukunfts- fähige Datenautobahnen sichern. Im Schwarzwald-Baar-Kreis haben sich des – halb alle Städte und Gemeinden und der Landkreis selbst zu einem Zweckverband zu- sammengeschlossen, um bei diesem Zukunfts- projekt an einem Strang zu ziehen: Der Schwarzwald-Baar-Kreis soll kreisweit mit ei- nem Glasfaser-Netz ausgestattet werden. Ziel des Zweckverbands „Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar“ ist es, im Laufe der nächs- ten Jahre im Landkreis in kommunaler Regie ein Ohne zukunftsfähige Datenautobahn via Breitband kabel ist die Standortqualität im Schwarzwald-Baar-Kreis nicht gesichert. 16


gemeinsam gestemmt werden und sind für je- den Beteiligten eine Herausforderung. Für den Schwarzwald-Baar-Kreis ist es die wichtigste Infrastrukturinvestition in den kommenden Jah- ren, denn sie gewährleistet, dass unser Landkreis zukunftsfähig bleibt. Über mehrere Jahre wird die Breitbandversorgung deshalb der Investiti- onsschwerpunkt des Kreishaushaltes sein. So liegen die Investitionskosten des Zweck- verbands für das Gesamtvorhaben, mit An- schlussmöglichkeit fast aller Gebäude in Ortsla- gen bis zum Jahr 2025 bei weit über 100 Milli- onen Euro. Davon entfallen auf das kreisweite Ringnetz (sogenanntes Kreis-Backbone-Netz), das ausschließlich durch den Kreishaushalt fi- nanziert wird, zirka 20 Millionen Euro. Die Städte und Gemeinden im Landkreis, die die Ortsnetze zu finanzieren haben, müssen die restlichen Investitionskosten stemmen. Die eigentlichen Hausanschlusskosten – vom Gehweg über das Hausgrundstück zum Gebäu- de – werden für die im weitestgehenden Falle über 54.000 Gebäude landkreisweit auf unge- fähr 90 Millionen Euro veranschlagt. Dies ergibt Anschlusskosten für ein Gebäude in Höhe von 1.500 bis 2.000 Euro. Stundentakt auf der Schwarzwaldbahn von Offenburg nach Konstanz gesichert Zu einer guten Verkehrsinfrastruktur zählt neben einem gut ausgebauten Straßennetz vor allem eine gute Anbindung an das Schienennetz. Die Schwarzwaldbahn ist dabei ein wichtiger Bau- stein, denn sie verbindet die Städte Offenburg und Singen auf einer 149 Kilometer langen Strecke, die mitten durch den Schwarzwald-Baar-Kreis führt. Leider hat sich die Deutsche Bahn AG und vor ihr auch schon die damalige Bundesbahn im- mer mehr aus den Fernverkehrsverbindungen von Konstanz über Offenburg in die ganze Repu- blik verabschiedet. Die Schwarzwaldbahn bei Triberg. Die weltbe rühm te Ge- birgsbahn muss auch für den Schwarzwald-Baar-Kreis durch bedarfsgerechte Fahrpläne attraktiv bleiben. Aus dem Kreisgeschehen 17


Aus dem Kreisgeschehen Katja Porsch (Zweite v. links) präsentiert in der Musterwohnung BEATE ein Senioren-Telefon mit großen Tasten. Landrat Sven Hinterseh (rechts) und Sozialdezernent Jürgen Stach (Zweiter v. rechts) freuen sich. Im Frühjahr 2014 erfolgte ein weiterer Schritt und die Deutsche Bahn AG kündigte an, das Inter- city-Zugpaar „Schwarzwald“ und „Bodensee“ zu streichen. Nur durch intensiven Protest auf allen politischen Ebenen und durch die Unterstützung unserer örtlichen Abgeordneten ist es gelungen, die Intercity-Verbindung am Wochenende zu er- halten und die wochentags entstehende Lücke durch das insgesamt sehr gut angenommene Nahverkehrsangebot der Deutschen Bahn AG zwischen Konstanz und Offenburg zu schließen. Künftig muss wochentags also in Offenburg umgestiegen werden, um in Fernverkehrszüge zu gelangen. Für uns in der Region war aber wich- tig, dass wir nun wieder einen echten Stunden- takt auf der Schwarzwaldbahn bekommen und auch unsere Nahverkehrs- und Verbundtickets auf der Strecke gültig sein werden. Unsere Kritik hat Wirkung gezeigt und das Land hat gehandelt und diese Verkehrslücke geschlossen. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass sich die Deutsche Bahn AG immer mehr auf wichtige Strecken zurückzieht und sich mit ih- rem Fernverkehrsangebot alleine auf einige we- nige Hochleistungsstrecken konzentriert. Auch als Wirtschafts- und Tourismusregion brauchen wir schließlich eine gute verkehrliche Anbindung auf der Schiene und die Schwarzwaldbahn muss weiterhin attraktiv bleiben. 18 So kann altersgerechtes Wohnen aussehen – Musterwohnung BEATE eröffnet Für viele Senioren ist es ein großer Wunsch, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben zu können. Wie dies gelingen kann, zeigt die Beratungsstelle „Alter und Tech- nik“ des Schwarzwald-Baar-Kreises bereits seit dem Jahr 2011 auf. Senioren und Angehörige kön- nen sich hier darüber informieren, welche tech- nischen Möglichkeiten es zur Unterstützung im Alltag gibt und welche individuell auf den einzel- nen Bedarf passen. Es gibt zahlreiche Hilfsmittel, zum Beispiel Geräte für Sehbehinderte, wie ein Vorlesegerät oder einen Bildschirm, der Texte und Bilder be- liebig vergrößert. Aber auch eine ausgeklügelte Haustechnik mit Fingerprint-Scanner, der den Eintritt zur Wohnung ohne Schlüssel gewährt oder der mobile ortbare Notruf, bis hin zu einem Sensorsystem, welches den Herd bei zu großer Hitze abschaltet, können den Alltag erleichtern. Um das altersgerechte Wohnen besser zu ver- anschaulichen, wurde durch den Schwarz wald- Baar-Kreis eine Musterwohnung in der Schwen- ninger David-Würth-Schule in einem ehemali- gen Klassenzimmer eingerichtet. Viele regionale Unternehmen und die Hildegard und Katharina Hermle-Stiftung haben maßgeblich dazu beige-


tragen, dass die Musterwohnung – namens BEATE – realisiert werden konnte. Hinter jedem der Buchstaben steht eine Bedeutung: B wie barriere frei Wohnen, E wie erleben und auspro- bieren, A wie Alltagshelfer, T wie technische Un- terstützung und E wie Einzelberatung. Hilfsmit- tel und Barrierefreiheit können hier erlebt und ausprobiert werden und bei einer persönlichen Beratung gibt es individuelle Hilfestellungen. Mit Blick auf die sich wandelnde Gesellschaft, vor allem was die demografische Entwicklung be- trifft, gewinnt die Musterwohnung immer mehr an Bedeutung. Uns freut es sehr zu sehen, dass bereits nach wenigen Monaten sehr viele Besu- cherinnen und Besucher mit großem Interesse BEATE aufsuchen, um sich über dieses wichtige Themenfeld zu informieren. Wandern wird noch reizvoller – WanderParadies Schwarzwald und Alb Das Wandern hat sich in den letzten Jahren wie- der zu einer attraktiven Freizeitgestaltung ent- wickelt. Auch zahlreiche jüngere Menschen und Familien schnüren sich die Wanderstiefel, um auf Entdeckungstour zu gehen. Die Bewegung an der frischen Luft und in der Natur ist für viele Wanderer der besondere Reiz. Zweifellos kann unser Schwarzwald-Baar-Kreis für begeisterte Wanderer einiges bieten. Die abwechslungsrei- Aus dem Kreisgeschehen chen Landschaften, die intakte Natur und das gute Klima sind wichtige Gründe, weshalb sich Wanderer für eine Tour hier bei uns entschei- den. Doch dies allein reicht heute oftmals nicht mehr aus, um auch weiterhin für Wanderer und Aktiv urlauber interessant zu sein. Mit der Offen- sive „WanderParadies Schwarzwald und Alb“ ge- meinsam mit dem Landkreis Rottweil schaffen wir für Wanderer ein neues Angebot, das sich an das bereits erfolgreiche „RadParadies Schwarz- wald und Alb“ anlehnt, und über 30 Rundwan- derwege beinhaltet. Zertifizierte Qualitätsmerkmale gibt es beim WanderParadies zum einen auf den aus- gewählten und gut gekennzeichneten Wegen. Die Qualitäts-Wanderwege haben das Siegel des Deutschen Wanderverbandes, werden nach fest- gelegten Kriterien überprüft und vom Schwarz- waldverein und vom Schwäbischen Albverein ge- pflegt. Bei der Auswahl der Wege wurde darauf geachtet, dass die bundesweit geltenden Kriteri- en des Premiumweg-Zertifikats des Deutschen Wanderinstituts oder des Qualitätsweg-Zer- tifikats des Deutschen Wanderverbandes er- füllt werden. Zudem gibt es sogenannte Para- dies-Touren, die dieses herausragende Angebot abrunden. Zum anderen unterstützen wir unse- re Beherbergungsbetriebe bei der Zertifizierung zum „Qualitätsgastgeber Wanderbares Deutsch- land“. Dies alles sind wichtige Beiträge, um un- seren Landkreis als attraktiven und wichtigen Tourismusstandort im Schwarzwald er- halten zu können. Weiterhin leistet nämlich der Touris- mus einen wichtigen Beitrag für die wirt- schaftliche Stärke unseres Landkreises. Wandern im Schwarz- wald und auf der Baar, hier auf dem Schwarzwaldbahn-Er- lebnispfad bei Triberg, ist noch reizvoller geworden. 19


Aus dem Kreisgeschehen Neuer Kreistag hat 61 Mitglieder Wahlbeteiligung von 46,3 Prozent – Elf Frauen gehören dem Gremium an 12 Sitze 150.859 St. (20,9 %) 10 Sitze 124.939 St. (17,3 %) 7 Sitze 81.824 St. (11,3 %) 4 Sitze / 43.370 St. (6,0 %) Fraktionslose Mitglieder 2 Sitze Die Sitzverteilung im 9. Kreistag nach der Wahl am 25. Mai 2014. 26 Sitze 278.123 Stimmen (38,6 %) Am Sonntag, 25. Mai 2014 hat- ten zahlreiche ehrenamtliche Wahlhelferinnen und Wahlhel- fer im Schwarzwald-Baar-Kreis alle Hände voll zu tun. Es galt die Stimmen sowohl der Eu- ropa- als auch der Kommunal- wahlen mit den Kreistags-, Ge- meinderats- sowie Ortschafts- ratswahlen aus zuzählen. In rekordverdächtiger Geschwin- digkeit standen bereits am Montag die vorläufigen End- ergebnisse fest. Die Endergeb- nisse wurden schließlich vom Wahlausschuss bestätigt. Am Wahlsonntag gaben von 164.953 Wahlberechtig- ten im Schwarzwald-Baar-Kreis 76.394 Wähler ihre Stimme für den 9. Kreistag ab. Somit liegt die Wahlbeteiligung bei 46,3 Prozent. Fünf Jahre zuvor lag die Wahlbeteiligung bei 47,6 Prozent. Der neue Kreistag setzt sich aus 61 Mitgliedern zusammen, während das Vorgängergremium aus 64 Kreistagsmitgliedern bestand. Dem aktuellen Kreistag gehören elf Frauen und 50 Männer an. Dies entspricht einer Frauenquote von 18 Prozent, was eine ordentliche Steigerung im Vergleich zum Vorgängergremium bedeutet, dort waren ledig- lich acht Frauen vertreten. Der jüngste Kreisrat, und gleichzeitig auch ein neues Mitglied, ist mit 32 Jahren Bürgermeister Andreas Braun aus Un- terkirnach. Der älteste Kreisrat ist Dr. Wolfgang Berweck mit 79 Jahren, der dem Kreistag bereits seit 1999 angehört. Zwei Oberbürgermeister und 13 Bürgermeister sind im aktuellen Kreistag vertreten. Rechnerisch ist somit fast jedes vierte Mitglied ein Stadt- oder Gemeindeoberhaupt. Seine Arbeit nahm der Kreistag in der konstitu- ierenden Sitzung am 28. Juli 2014 auf. absolute Stimmen in Prozent gleich- wertige Stimmen in Prozent Sitze zuzüglich Ausgleichs- sitze Sitze gesamt 278.123 150.859 124.939 81.824 43.370 14.404 27.490 721.009 38,6 20,9 17,3 11,3 6,0 2,0 3,8 100 30.068 14.144 11.109 7.638 4.372 1.099 1.604 42,9 20,2 15,9 10,9 6,2 1,6 2,3 70.034 100 % 22 10 10 7 3 1 1 54 4 2 0 0 1 0 0 7 26 12 10 7 4 1 1 61 Partei/ Wählerverei- nigung CDU Freie Wähler SPD GRÜNE FDP DLVH AFD insgesamt 20


Der Kreistag 2014 – 2019 Als Fraktionsvorsitzende fungieren: CDU: Thorsten Frei, Donaueschingen; Freie Wähler: Walter Klumpp, Tuningen; SPD: Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen; GRÜNE: Christian Kaiser, Donaueschingen; FDP: Adolf Baumann, Hüfingen Aus dem Kreisgeschehen CDU, 26 Sitze Elke Bettecken, Villingen-Schwenningen Dr. Karl-Henning Lichte, Villingen-Schwenningen Patrick Bossert, Donaueschingen Andreas Braun, Unterkirnach Torben Dorn, Dauchingen Gunther Dreher, Villingen-Schwenningen Theobald Effinger, Brigachtal Thomas Ettwein, Villingen-Schwenningen Prof. Dr. Barbara Fink, Bad Dürrheim Thorsten Frei, Donaueschingen Josef Herdner, Furtwangen Bernd Hezel, Villingen-Schwenningen Katharina Hirt, Villingen-Schwenningen Markus Keller, Blumberg Fritz Link, Königsfeld Klaus Martin, Villingen-Schwenningen Maria Noce, Villingen-Schwenningen Erik Pauly, Donaueschingen Thomas Petrolli, Niedereschach Karl Rombach, Schonach Jürgen Roth, Tuningen Manfred Scherer, St. Georgen Mathias Schleicher, Dauchingen Michael Schmitt, Brigachtal Christian Stark, Bräunlingen Robert Strumberger, Vöhrenbach Dr. Michael Walter, Blumberg Freie Wähler, 12 Sitze Dr. Wolfgang Berweck, Villingen-Schwenningen Werner Ettwein, Villingen-Schwenningen Sigrid Fiehn, Königsfeld Jörg Frey, Schonach Dr. Klaus Götz, Bad Dürrheim Rainer Jung, Furtwangen Walter Klumpp, Tuningen Ernst Reiser, Villingen-Schwenningen Michael Rieger, St. Georgen Wolfgang Schyle, Schonach Bertold Ummenhofer, Villingen-Schwenningen SPD, 10 Sitze Siglinde Arm, Villingen-Schwenningen Rolf Breisacher, Gütenbach Oliver Freischlader, St. Georgen Siegfried Heinzmann, Villingen-Schwenningen Anton Knapp, Hüfingen Dr. Rupert Kubon, Villingen-Schwenningen Ilse Mehlhorn, Niedereschach Christian Muthmann, Brigachtal Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen Kerstin Skodell, Hüfingen Grüne, 7 Sitze Beate Berg-Haller, Königsfeld Martina Braun, Furtwangen Christian Kaiser, Donaueschingen Wolfgang Kaiser, Bad Dürrheim Cornelia Kunkis-Becker, Villingen-Schwenningen Armin Schott, Villingen-Schwenningen Hans-Joachim von Mirbach, Villingen-Schwenningen FDP, 4 Sitze Adolf Baumann, Hüfingen Roland Erndle, Donaueschingen Dr. Marcel Klinge, Villingen-Schwenningen Georg Wentz, St. Georgen Fraktionslose Mitglieder, 2 Sitze Jürgen Schützinger, DLVH, Villingen-Schwenningen Frank Lobstedt, AfD, Villingen-Schwenningen 21


2 2 2 2 m e i s t e r v o n U n t e r k i r n a c h . A n d r e a s B r a u n , B ü r g e r – j ü n g s t e M i t g l i e d , K r e i s r a t s t e l l v e r t r e t e n d f ü r a l l e i G r e m u m m s i t g l i e d e r d a s i H n t e r s e h v e r p f l i c h t e t B i l d ) . L i n k s : L a n d r a t S v e n s e i n e A r b e i t a u f ( r e c h t e s Beate Berg-Haller, GRÜNE Sigrid Fiehn, FWV D e r 9 . K r e i s t a g i n d e r Dr. Wolfgang Berweck, FWV l w a d – B a a r – K r e i s e s n m m i G e s c h i c h t e d e s S c h w a r z – t Georg Wentz, FDP Adolf Baumann, FDP Prof. Dr. Barbara Fink, CDU Cornelia Kunkis-Becker, GRÜNE Martina Braun, GRÜNE Maria Noce, CDU Anton Knapp, SPD 9 . K A u r s e d e i m s K t r e a i s g g e s c h f e ü h e n r d i e L e g i s l a t u r p e r i o d e 2 0 1 4 – 2 0 1 9 Manfred Scherer, CDU Michael Rieger, FWV Josef Herdner, CDU Walter Klumpp, FWV Wolfgang Schyle, FWV Christian Muthmann, SPD Dr. Rupert Kubon, SPD Jürgen Schützinger, DLVH Robert Strumberger, CDU Bernd Hezel, CDU Rolf Breisacher, SPD Hans-Joachim von Mirbach, GRÜNE Frank Lobstedt, AfD Dr. Klaus Götz, FWV Dr. Marcel Klinge, FDP Wolfgang Kaiser, GRÜNE Rainer Jung, FWV Roland Erndle, FDP Oliver Freischlader, SPD Edgar Schurr, SPD Armin Schott, GRÜNE Dr. Karl-Henning Lichte, FWV Siegfried Heinzmann, SPD Jörg Frey, FWV


Elke Bettecken, CDU Sven Hinterseh, Landrat Katharina Hirt, CDU Thorsten Frei, CDU Mathias Schleicher, CDU Thomas Ettwein, CDU n d e A r m , S P D . S i g l i A u f d e m G r u p p e n b i l d f e h l t Bertold Ummenhofer, FWV Ilse Mehlhorn, SPD Torben Dorn, CDU Michael Schmitt, CDU Kerstin Skodell, SPD Erik Pauly, CDU Christian Kaiser, GRÜNE Fritz Link, CDU Patrick Bossert, CDU Thomas Petrolli, CDU Jürgen Roth, CDU Andreas Braun, CDU Theobald Effinger, CDU Markus Keller, CDU Klaus Martin, CDU Werner Ettwein, FWV Karl Rombach, CDU Christian Stark, CDU Gunther Dreher, CDU Dr. Michael Walter, CDU Ernst Reiser, FWV A u s d e m K r e i s g e s c h e h e n


Aus dem Kreisgeschehen Ein herzliches Dankeschön an die Kreisrätinnen und Kreisräte In feierlichem Rahmen wurden die Mitglieder des Kreistages geehrt und verabschiedet Das Foyer des Landratsamtes zeigte sich nach der ersten Sitzung des 9. Kreistages von seiner festlichen Seite. An den dezent geschmückten Festtafeln nahmen die weiterhin amtierenden, die neuen sowie die Kreisrätinnen und Kreisräte, welche dem Gremium in der neuen Amtspe- riode nicht mehr angehören, gemeinsam Platz. Bei einer besonderen Feierstunde standen die Personen, die sich den kreispolitischen Themen angenommen und mit ihrem Wirken das Wesen des Schwarzwald-Baar-Kreises geprägt haben, im Mittelpunkt – die Kreisrätinnen und Kreisräte. Landrat Sven Hinterseh zeigte sich von den Leis- tungen der ehrenamtlichen Kreispolitikerinnen und Kreispolitiker beeindruckt und würdigte de- ren Engagement. Verabschiedung von 28 Frauen und Männern aus dem 8. Kreistag Fast die Hälfte der bisher 64 Kreistagsmitglieder, nämlich 43,8 Prozent, ist aus dem Kreistag aus- geschieden. So konnte Landrat Sven Hinterseh 28 Frauen und Männer ehren und verabschieden. In seiner Laudatio erinnerte Landrat Hin- terseh an einige „Wegstationen“ der vergan- genen Wahlperiode, die von 2009 bis 2014 dauerte. Zum Schul- und Bildungswesen hob er hervor, dass eine gute Bildungsinfrastruktur im Schwarzwald-Baar-Kreis eine große Traditi- on innehabe. Unter dem Label „Bildungsregion Schwarzwald-Baar-Kreis“ ist das ehrgeizige Ziel formuliert, allen Kindern und Jugendlichen einen bestmöglichen Bildungserfolg zu gewährleisten. Bei den beruflichen Schulen des Landkreises wur- de in der vergangenen Wahlperiode viel inves- tiert. Intensive Diskussionen und Emotionen gab es bei der Einführung der Schulentwicklungspla- 24 nung und der Etablierung neuer Schularten an Teilen der Schulen des Landkreises. Ein Schwerpunkt der Kreispolitik der letzten und sicher auch der neuen Wahlperiode war und ist der Öffentliche Personennahverkehr bzw. die immer größer werdende Bedeutung der Mobili- tät im ländlichen Raum. Als Meilensteine in der Tourismusarbeit des Landkreises bezeichnete Landrat Hinterseh rück- blickend die Beteiligung an der „Schwarzwald Tourismus GmbH“ und die Eröffnung des „Rad- Paradies Schwarzwald und Alb“ im Jahr 2010. Aufgrund des großen Erfolgs des Radprojekts entschlossen sich der Schwarzwald-Baar-Kreis und der Landkreis Rottweil, das wieder popu- lär gewordene Thema Wandern in das „Para- dies“-Programm aufzunehmen. Die Entwicklung der Demografiestrategie un- ter Einbeziehung der Bürgerschaft des Landkrei- ses war eines der Highlights der zurückliegenden Wahlperiode. Aber auch die Investitionen des Landkreises in seine Straßen kann sich für diesen Zeitraum sehen lassen. Insgesamt wurden über 15 Millionen Euro investiert. Zwei große Projekte, die der 8. Kreistag eingeleitet und entwickelt hat, werden weiterhin aktuell bleiben: die neue Stra- ßenmeisterei in Hüfingen, und die schrittweise Umsetzung des Radverkehrskonzeptes. Ein Jahrhundertprojekt war der Bau des Schwarzwald-Baar Klinikums auf der sprich- wörtlich „grünen Wiese“ zwischen Villingen und Schwenningen. Über 280 Millionen Euro flossen in den Neubau. Die Eröffnung im Juli 2013 schloss die frühzeitig begonnene Neustrukturierung der Kliniklandschaft im Landkreis ab. Fragen rund um das Thema soziale Sicherung und Beratungsleistungen in Notlagen beschäf- tigten den Kreistag auch in den vergangenen Jah- ren sehr intensiv. Die meisten Gelder des Kreis-


Ehrungen und Verabschiedungen aus dem Kreistag Die Verdienstmedaille in Bronze des Schwarzwald-Baar-Kreises für eine Zugehörigkeit zum Kreistag über zwei Wahlperioden hinweg überreichte Landrat Sven Hinterseh (5. von links) an (v. links): Rolf Effinger, Erich Bißwurm, Beate Schmidt-Kempe, Bürgermeister Dr. Gallus Strobel, Karl-Heinz Schaaf, Kordula Kugele, Matthias Weisser, Bürgermeister Bernhard Kaiser, Michael Blaurock, Bürgermeister Rolf Fußhoeller und Bürgermeister Friedrich Scheerer. haushalts werden für diesen Bereich benötigt. Bei der Abfallwirtschaft hat sich eine Kehrtwen- de vollzogen. Damit die Deponien vergangener Tage nicht zu den Altlasten der Zukunft werden, muss investiert werden. Von hoher Bedeutung war zudem die Gründung des „Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar“ mit allen Städten und Gemeinden. Sven Hinterseh: „Unser Landkreis, unsere Demokratie lebt von Menschen wie Ihnen!“ Insgesamt 117 Sitzungen des Kreistags und sei- ner Ausschüsse haben in den vergangenen fünf Jahren stattgefunden. 881 Drucksachen wurden versandt und 881 Tagesordnungspunkte behan- delt. Diese wenigen Zahlen sprechen für sich und zeigen, dass alle Kreisräte sehr gefordert waren. Landrat Sven Hinterseh dankte allen Kreis- räten für ihr zurückliegendes Engagement: „Für Ihre Leistungen, Ihren Einsatz, aber auch Ihr Herzblut, das Sie alle in die Kreistagsarbeit ha- ben einfließen lassen.“ Er hob hervor, dass die Ar beitsatmosphäre überaus angenehm war, was bei so vielen unterschiedlichen Charakteren nicht selbstverständlich sei. Mit den 28 ausschei- denden Kreisrätinnen und Kreisräten verliere der Kreis engagierte Frauen und Männer, die sich über viele Jahre für die Entwicklung des Schwarz- wald-Baar-Kreises eingesetzt und dafür manches Opfer gebracht haben. „Unser Landkreis, unsere Für ihr Engagement während der letzten Wahlpe- riode des Kreistages wurden geehrt (v. links): Albrecht Kienzler, Dr. Joachim Flum, Dr. Andrea Ka nold, Uwe Siefert, Prof. Manfred Kühne und Daniel Stengele. Demokratie lebt von Menschen wie Ihnen! Ein demokratisches Staatswesen funktioniert nicht, wenn man sich auf die Zuschauerbank setzt und mehr oder weniger genüsslich verfolgt, wie der Staat und seine hauptamtlichen Funktionäre al- les regeln. Eine Demokratie lebt davon, dass man selbst aufs Spielfeld geht und sich einbringt“, be- tonte er. Für ihr Engagement während der letzten Wahlperiode wurden mit einer Dankesurkun- de ausgezeichnet: Dr. Joachim Flum, Dr. Andrea Ka nold, Dr. Hans-Dieter Kauffmann, Albrecht Kienzler, Prof. Manfred Kühne, Armin Rudolf, Uwe Siefert und Daniel Stengele. 25


Aus dem Kreisgeschehen Für die Zugehörigkeit über zwei Wahlperio- den hinweg erhielten ei- ne Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Bronze und eine Urkun- de: Erich Bißwurm, Michael Blaurock, Rolf Effinger, Bür- germeister Rolf Fußhoeller, Bürgermeister Bernhard Kai – ser, Kordula Kugele, Karl- Heinz Schaaf, Bürgermeister Friedrich Scheerer, Beate Schmidt-Kempe, Bürger- meister Dr. Gallus Stro bel und Matthias Weisser. Für die Zugehörigkeit über drei Wahlperioden hin weg erhielten die Ver- dienstmedaille des Schwarz- wald-Baar-Kreises in Silber: Marcus Greiner, Jürgen Hess und Heinz Pfeiffer. Die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold er- hielten für vier vollendete Wahlperioden: Herbert Bos- sert, Stefan Scherer, Bernd Stähle und Bürgermeister Jürgen Guse. Bernd Stähle erhielt zur Verdienstmedail- Marcus Greiner, Verdienstmedaille in Silber. Jürgen Hess, Verdienstmedaille in Silber. Heinz Pfeiffer, Verdienstmedaille in Silber. Die Verdienstmedaille des Landkreistages konnte Land- rat Hinterseh (Mitte) an (v. links) Edgar Schurr (Bron- ze) sowie Bürgermeister Anton Knapp, Ernst Reiser und Jürgen Schützinger, alle Silber, überreichen. le des Landkreises in Gold zudem die Verdienst- medaille des Landkreistages Baden-Württem- berg in Bronze. Bräunlingens Bürgermeister Jürgen Guse, bisheriger erster Stellvertreter des Landrats im Kreistag, wurde ebenso die Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg in Bron- ze überreicht. Folgende, auch weiterhin amtierende Kreis- tagsmitglieder erhielten eine Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg: Edgar Schurr (Bronze, für vier Wahlperioden), Bürger- Die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold für vier vollendete Wahlperioden überreichte Landrat Sven Hinterseh (Mitte) an (v. links): Herbert Bossert, Stefan Scherer, Bürgermeister Jürgen Guse und Bernd Stähle. 26


meister Anton Knapp, Ernst Reiser und Jürgen Schützinger (alle Silber, für fünf Wahlperioden). Dr. Gerhard Gebauer und Lukas Duffner zwei Urgesteine des Kreistages Eine besondere Ehrung wurde zwei Persönlich- keiten zuteil, die vom ersten Tag des Bestehens des Schwarzwald-Baar-Kreises Verantwortung im Kreistag getragen haben. Dies sind die Kreis- räte Lukas Duffner und Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer. Landrat Sven Hinterseh bezeichnete Lukas Duffner als ein Urgestein des Kreistages des Schwarzwald-Baar-Kreises. Er stehe beispiel- haft für die Kreispolitik in den vergangenen 40 Jahren. Lukas Duffner wurde am 7. November 1965 erstmals als zweitjüngstes Mitglied in den Kreistag gewählt und gehörte der seinerzeiti- gen Kreisversammlung Villingen unter dem da- maligen Landrat Dr. Robert Astfäller bis im Jahr 1971 an. In den Jahren 1972 und 1973 war er Mit- glied des Kreistages Villingen-Schwenningen bis schließlich der heutige Schwarzwald-Baar-Kreis gegründet wurde. Sein überdurchschnittliches Engagement für die Bürgerinnen und Bürger des Schwarz- wald-Baar-Kreises und insbesondere des west- lichen Kreisgebietes brachte er in zahlreichen Ausschüssen des Kreistages ein. Sein vielseitiger Einsatz im Rahmen der Tourismusförderung – sei es durch das bereits frühzeitige Angebot von Kutschfahrten oder durch den Erhalt des Kultur- denkmals „Reinertonishof“ und seinen Wieder- aufbau, sein Kampf für Entbürokratisierung und sein Einsatz für den Straßenbau, würden ihn so- wohl als Land- und Forstwirt sowie als Kommu- nalpolitiker auszeichnen, so der Landrat. Im Jahr 2008 erhielt Lukas Duffner das Bun- desverdienstkreuz. Im Rahmen der Feierstun- de überreichte ihm Landrat Sven Hinterseh die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold und die Verdienstmedaille des Landkreistages Ba- den-Württemberg in Gold. Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer gehörte ebenfalls von Anbeginn des Schwarz- wald-Baar-Kreises im Jahr 1973 durchgängig Ehrungen und Verabschiedungen aus dem Kreistag Lukas Duffner gehörte 40 Jahre dem Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises an und hat drei Landräte im Amt erlebt. Das Bild zeigt v. links: Landrat a. D. Karl Heim, Lukas Duffner, Landrat Sven Hinterseh und Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht. dem Kreistag an. Bereits vor der Gründung des Schwarzwald-Baar-Kreises war Dr. Gebauer auf Kreisebene aktiv und gehörte in den Jahren 1960 bis 1971 dem damaligen „Kreisrat“ und später dem Kreistag von Rottweil an, in den Jahren 1972 bis 1973 dann dem Kreistag von Villingen-Schwenningen. Für dieses einzigartige po- litische Engagement konnte Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer bereits im Jahr 2011 die Verdienstme- daille des Landkreistags Ba- den-Württemberg in Gold entgegennehmen. Neben dem Wirken Dr. Gebauers in beinahe allen Ausschüssen des Kreistages des Schwarz- wald-Baar-Kreises in den ver- gangenen 41 Jahren, war er stets auch als stellvertreten- des Mitglied in zahlreichen Ausschüssen des Kreistages, als Bürgermeister und Oberbürgermeister tätig. Oberbürgermeister a. D. Dr. Gerhard Gebauer, Ver- dienstmedaille in Gold. Landrat Sven Hinterseh verlieh Dr. Gerhard Gebauer die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold, die durch dessen Gattin entgegen ge- Heike Frank nommen wurde. 27


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat 2. Kapitel Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Wo sind die Wurzeln – wo ist daheim? Was Heimat ist, diese Frage ist ungeheuer populär geworden. Fast nie ist damit nur ein Ort gemeint: Familie, Freunde, Gefühle – Erinnerungen: „daheim sein“ kennt viele Facetten. Der Künstler Stefan Strumbel, der für seine poppigen Kuckucks uhren bekannt ist, deren Uhrwerke er in Schonach bauen lässt, ist für die provokante Frage bekannt: „What the fuck is Heimat?“. Das Jahrbuch „Almanach“ hat nachgefragt, was „daheim“ im Schwarzwald-Baar-Kreis bedeuten kann: Jochen Scherzinger in Gütenbach drückt seine Heimatgefühle in Mode aus, der Villinger Eric Fürderer ist im Butzesel-Häs „daheim“ – Petra Hettich auf dem Sigmundenhof in Schonach und Jacqueline Janzen im Tor ihrer Eishockeymannschaft. Für Pilot Andreas Helwig und Notfallsani täter Thomas Behringer bedeutet „Zuhause sein“ im „Christoph 11“ zu fliegen und Menschenleben zu retten. Für Sabine Grässlin ist das Restaurant „Kippys“ in St. Georgen ein Lebensmittelpunkt. Und der junge Bad Dürrheimer Jan Cebulla liebt es, im Kurpark zu sein – Rik und Kai Sauser bei Radsport-Events, die sie selbst organisieren. » Mit den Händen zu arbeiten, sofort zu sehen, was man schafft und die Tiere zu versorgen, das ist einfach mein Ding. « Petra Hettich, Bäuerin » Wie wichtig mir meine Heimat ist, hätte ich ohne meine Olympiateil- nahme in Sotschi nicht gewusst. « 28 28 Jacqueline Janzen, Eishockey-Nationalspielerin


XXX Heimat ist überall Holy Heimat Von der Verortung des Ichs 30 34 44 48 52 Petra Hettich Jochen Scherzinger Andreas Helwig Thomas Behringer Eric Fürderer 56 60 66 70 70 Jacqueline Janzen Sabine Grässlin Jan Cebulla Rik Sauser Kai Sauser 29


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Petra Hettich – Bäuerin Der Sigmundenhof in Schonach ist der schönste Platz auf der Welt von Barbara Dickmann Wenn sie morgens aus dem Fenster schaut, wandert ihr Blick über Wiesen und Täler, über leichte Hügel und Wälder und die Weite einer Landschaft, wie sie in Bilderbüchern nicht schöner sein kann. Manchmal scheint schon die Sonne, manchmal ist der Himmel bedeckt – doch ob es regnet, stürmt oder schneit, immer ist da das Gefühl von Freiheit und Schönheit, von Ruhe und Gelassenheit. Petra Hettich atmet tief durch, trinkt ihren Kaffee, isst etwas und steigt in den Tag hinein. Es wird wieder ein langer Tag werden. Viel Arbeit liegt vor ihr, die sie physisch wie psychisch fordern wird – und doch will sie mit keinem tauschen. Petra Hettich, 46 Jahre jung, lacht gern und viel. Ein frecher Kurzhaarschnitt umrahmt ihr fri- sches Gesicht, das weder Make-up noch Rouge braucht, T-Shirt und Jeans passen zu ihrer sport- lichen, schlanken Figur und ihre Motorik lässt er- ahnen, dass sie sich viel im Freien bewegt. Wenn sie spricht, unterstreichen feingliedrige Hände ihre Worte. Doch diese Hände sind es gewohnt, zuzupacken, denn Petra Hettich ist Bäuerin – Bäuerin mit Begeisterung und Leidenschaft. Der Sigmundenhof in Schonach ist ihre Heimat. Dort setzt sie fort, was vor fünf Generationen anno 1830 mit Sigmund Hettich begann – und das mit Leib und Seele. 30 Hektar Grünland und 15 Hektar Wald be- wirtschaften sie und ihr Mann und das ist nicht ohne. Milchkühe und ihre Kälbchen müssen ver- sorgt werden, Hühner gackern, ein Hase schaut aus dem Stall, die Katzen sind unterwegs, Bienen liefern den Honig, der Gemüsegarten muss ge- pflegt werden und der Hofhund weicht ihr nicht von der Seite. Vier Ferienwohnungen beherbergen etliche Monate im Jahr Familien mit Kindern, die den Stallgeruch lieben und die Natur als einen ein- zigen großen Abenteuer-Spielplatz erleben. Doch auch sie müssen rundherum versorgt werden 30 und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist nicht getan mit Sauberkeit, behaglichen Möbeln und frischer Bettwäsche. Manche Gäste suchen auch die Ansprache, die zur Aussprache werden kann. Denn die Natur, die Ruhe und das Losge- löstsein vom Alltag lassen herausbrechen, was in der Hetze des Alltags untergeht. Ziemlich viel auf einmal! Petra Hettich lacht. Nein, nein, das sei keine Belastung für sie. Natürlich nehme sie sich dann Zeit für ein Gespräch und oft genug sind die Menschen einfach sehr nett und es sei schön, wenn sich alle hier auf dem Hof so wohlfühlen. Doch eine halbe Stunde am Tag versucht sie sich immer auszuklinken. Nachmittags um vier sitzt sie gerne in der Küche oder auf dem Balkon. So ganz mit sich allein, ignoriert Telefon, Tiere, Mann und zwei (fast) erwachsene Kinder und ent- spannt: „Das ist meine Zeit, meine Kraftquelle.“ Tiere, Stall und Feld… Petra Hettich weiß schon sehr früh, was sie will. Ihr Vater stirbt, als sie sechs Jahre alt ist. Die klei- ne Familie muss zusammenhalten und sie und ihr jüngerer Bruder helfen der Mutter im Stall und auf dem Feld. Petra gefällt das sehr. „Mit


Durchatmen muss sein – Petra Hettich gönnt sich eine Auszeit im Bauerngarten. XXX 31


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat den Händen zu arbeiten und sofort zu sehen, was man schafft, und die Tiere zu versorgen ist einfach mein Ding“, sagt sie. Doch sie weiß auch, dass ihr Bruder Vorrang hat, wenn es um die Nachfolge geht. Dass dieser das überhaupt nicht will, sondern Physiker wird, vereinfacht die ganze Geschichte. Doch der Alternativ-Plan war schon in ihrem Kopf. „Ich hätte mir dann einen anderen Hof gesucht, doch in die Stadt wäre ich nie gezogen.“ Nach dem Abitur beginnt sie ein landwirt- schaftliches Studium in Nürtingen in der Nä- 32 Mit ganzem Herzen Bäuerin – Freude an den Tieren und an der Feldarbeit. Petra Hettich und der Sigmun- denhof. he von Stuttgart. Petra schnuppert Stadtluft, doch die gefällt ihr nicht. Sie lernt ihren Mann kennen, dessen Eltern ebenfalls einen Betrieb bewirtschaf ten. Sie schließt ab als Diplom-Inge- nieurin und zieht sofort zurück auf den Sigmun- denhof. Drei Jahre arbeitet sie in der Beratung als Ökokontrolleurin in einer Zertifizierungsstel-


le und danach 13 Jahre als Ökokontrolleurin. Die Kinder werden geboren und 1997 übernimmt sie gemeinsam mit ihrem Mann Ralf Spadinger den Hof. Im Sommer 2005 bauen sie diesen komplett um und modernisieren ihn. Und doch errichten sie kein Haus abseits vom Stall, sondern erhal- ten den traditionellen Schwarzwälder Eindach- hof und leben gemeinsam mit ihren Tieren unter einem Dach. Jeder Tag bringt neue Herausforderungen Petra Hettich ist angekommen… Eine intakte Fa- milie, ein Traumberuf, der eigentlich Berufung ist, jeden Tag wieder neue Anforderungen stellt und doch seinen immer wiederkehrenden Rhyth- mus hat. „Die Tiere sind immer anders drauf, ha- ben besondere Charaktere. Und immer, wenn ein Kälbchen geboren wird, ist das ein kleines Wun- der.“ In Petras Augen leuchtet die Leidenschaft, die Begeisterung und eine innere Zufriedenheit. Strahlt das auch auf die Kinder aus? Und wer wird den Hof übernehmen. Petra lacht: „Das se- he ich ganz entspannt. Die Kinder müssen ihren eigenen Weg gehen!“ Und was ist mit Ausgehen, Konzert, Theater, Hobbys, Urlaub, Träumen? Na ja, natürlich gehe sie auch gerne ins Theater oder in ein Konzert, doch meistens merke sie erst im Nachhinein, was in der näheren und weiteren Region alles gebo- ten wurde. „Warum nehme ich eigentlich kein Theater-Abo?“ fragt sie sich dann. Urlaub ganz spontan und für eine Woche geht immer mal wieder in der Zeit, wenn die Kühe im Stall stehen und nicht gemolken werden müssen. Ach ja, und außerdem sei sie noch ehrenamtliche Richterin beim Finanzgericht in Freiburg, beteili- ge sich an dem „Tag des offenen Bauerngartens“, sei Schriftführerin im BLHV-Ortsverein und, und, und…Tja und Hobbys habe sie ja genug. Im Som- mer joggen, im Winter Langlauf, das reiche völlig. Das Leben in der Natur verändere die Einstellung zum Leben und Sterben. “Ich wundere mich im- mer, dass manche Menschen die ganze Woche in einem stressigen Job arbeiten und dann auch noch am Wochenende einen Freizeitstress be- treiben. Da komme ich nicht mehr mit.“ Petra Hettich – Bäuerin Doch bei dem Wort „Traum“, wird sie etwas nachdenklich. Nein, nein, es sei keine Kreuzfahrt auf einem Luxusliner oder ein Wellness-Urlaub im Fünf-Sterne-Hotel: „ Mein Traum heißt Afrika! Ich möchte Entwicklungshilfe in der Landwirt- schaft leisten und habe schon ein kleines Projekt ins Auge gefasst, das ein Pfarrer mit Frauen in Uganda aufgebaut hat.“ Petra weiß nicht, ob es klappt, doch sie arbeitet daran und wer sie erlebt, zweifelt nicht daran. Und dann gibt es noch vie- le Dinge, die sie vielleicht machen würde, wenn sie gesund bleibt, denn „das Leben ist ein Fluss“, sagt sie. Doch Afrika ist ihr großer Wunsch seit Kin- dertagen. „Ich würde ungern sterben, bevor ich Entwicklungshilfe in Afrika geleistet habe.“ Das „Paradies“ als liebster Ort Wenn der Abend kommt und Mensch und Tier versorgt sind, gehen die Eheleute noch einmal hinaus in die Natur. Oft genug führt ihr Weg zum „Paradies“, einem Fleckchen Erde, das sei- nem Namen mehr als gerecht wird. Petra genießt dann den Blick, der über sanfte Hügel bis zum nächsten Dorf reicht, schaut in den Himmel und die sich immer wieder verändernden Wolken. “Hier möchte ich einmal begraben werden“, sagt sie und lacht. Das dauert hoffentlich noch sehr, sehr lange, denn Petra will weiter Bäuerin sein – für sie nicht nur der Traumberuf schlechthin, sondern eine ganz besondere Lebensform mit vielen Pflichten, aber auch vielen Freiheiten, in dem sie gestalten und bewegen kann. Petra Hettich ist die Bäuerin von heute: ge- bildet, ausgebildet, offen und interessiert an den Menschen, fortschrittlich und doch konservativ wenn es um Werte wie Heimat, Natur, Tiere geht, mit Liebe zum Theater, zu Konzerten, ehrenamt- lich engagiert und dem Willen sich einen Traum zu erfüllen. Die nächste Generation: Kinder, die die Wahl haben und Eltern erleben, die es schaf- fen Tradition und Moderne zu verbinden. Bollen- hut und High-Tech sind eine gute Symbiose, um die Zukunft mit all ihren Herausforderungen zu meistern. 33


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jochen Scherzinger – Modedesigner Königreich Heimat: Mit dem Label „Artwood“ seit drei Jahren auf dem Erfolgsweg von Elke Schön mit Fotografien von Sebastian Wehrle „Königreich Heimat“ – flotte Floskel, die gerade mal auf der Nostalgie- Welle tanzt? Keineswegs – spätestens, wenn man dem Modemacher Jochen Scherzinger gegenüber sitzt, wird klar, dass sich da einer mit diesem Slogan bewusst zu seinem Schwarzwaldflecken Gütenbach bekennt. Zum obersten Winkel im idyllischen Hübschental, nachdem er sich durchaus schon anderswo in der Welt umgeschaut hat. 34 34 www.artwood.de


Jochen Scherzinger – Artwood Wo jahrhundertelang die Uhrmacher ihrem Handwerk nachgingen, bringt es ein junger Mann fertig, sich mit einer anderen Branche sesshaft zu machen: der Mode. Wie vielen „Wäldern“, sieht man dem drahtigen dunkelhaarigen Typen seine Mitte dreißig nicht an, aber anders als manch ande- rer versteht es Jochen Scherzinger wortgewandt seinen beruflichen Werdegang zu schildern. Als Sohn aus alteingesessener Gütenbacher Familie absolviert er nach Abschluss der Furtwanger Re- alschule eine Lehre als Werkzeugmechaniker, um in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der als selbstständiger Konstrukteur für Spritzgussfor- men tätig ist . Doch schon während der Ausbildung be- schleicht Sohn Jochen das Unbehagen bei der Aussicht auf eine Zukunft in der Alltagstret- mühle mit fremdbestimmten Arbeitszeiten und eingeschränkter Initiative. Die ergreift er jetzt entschlossen, um seine Schulbildung bis zur Fachhochschulreife zu ergänzen. Damit kann er – noch immer der Metallbranche treu – ein Maschinenbaustudium in Koblenz aufnehmen. Nach zwei Semestern ist klar, dass auch dies letzten Endes in eine Industrielaufbahn münden würde. Nun erst gesteht er sich seine Talente auf ge- stalterischem Gebiet ein. Dieser Richtung nach- zugehen, hatte ihm übrigens schon während der Schulzeit sein Vater empfohlen, der selbst seit langem das Malen in der Landschaft in seiner Freizeit mit Hingabe pflegt. 35 35


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat „Königreich Heimat“ als Motiv auf T-Shirts und Kapuzenpullis. Warum also nicht Modedesign ansteuern? In Frage kamen die Fachschulen in Sigmaringen und Mannheim. Selbst finanziert werden muss- ten beide, also wurde letztere gewählt, schon weil Mannheim von Gütenbach aus besser zu er- reichen war. Außerdem gab es dort gute Studen- tenjobs zum Geldverdienen. Die Verkaufserfah- rung, die er in der Herrenbekleidungsabteilung bei Peek & Kloppenburg sammeln konnte, weiß er heute noch zu schätzen. Ganz und gar nicht locker gestaltete sich das dreijährige Studium für Modedesign. Näherfah- rung wurde laut Schulleitung nicht vorausge- setzt doch bereits im ersten Semester bestand eine Prüfungsaufgabe in Entwurf, Schnitt und Anfertigung einer Mädchenbluse. Im Rückblick erkennt Jochen Scherzinger, dass er das Studi- um an der Modeschule zu keinem früheren Zeit- punkt hätte beginnen dürfen. Das höhere Alter, die Erfahrungen aus der Fabrikpraxis und dem Technikstudium kamen ihm sehr zugute. Emp- fehlen würde er aber ein Modedesignstudium nie mandem. Shirts für Kinder und Erwachsene – die Zeichnung entstammt einem Projekt mit der Gütenbacher Grund- und Hauptschule. Die Kinder sollen erfahren, dass ihre Heimat eine „echt coole Sache ist“. Nach dem erfolgreichen Abschluss zum „Staat- lich anerkannten Modedesigner“ stellt sich dem jungen Mann die Frage: Mit welchem Schwer- Raum für die Bilderwelt der Heimat 36


Mystischer Schwarzwald – hier ist kein Platz für satt- sonnige Farben. Jochen Scherzinger beschränkt sich auf Schwarz, Grau, Grün und Rot. punkt gelingt der Sprung in die Selbstständig- keit? Lange genug hat er als „Wälder“ die Textil- branche und den Bekleidungsstil in der Heimat im Blick gehabt: Hier laufen die jungen Leute, wie überall in Deutschland, mit Reklame für Ameri- can Highschools, Sportstars oder Palmensträn- de auf ihren T-Shirts herum. Warum eigentlich sollte da nicht Raum sein für eine Bilderwelt, die bewusst auf die Landschaft, die Geschichte und letzten Endes die Tracht Bezug nimmt! „Zeige deine Wurzeln“ – Stickerei auf der Rückseite eines Pullis. „Show your roots“ bedeutet für Jochen Scherzinger, zu zeigen, dass der Schwarzwald die Heimat ist. In den Räumen des Elternhauses macht er sich wieder heimisch und beginnt in den Fo- to- und Kostümschätzen des angestammten Familienanwesens zu forschen, dankbar für die unverfälscht raue Natur, mit der ihn das obere Hübschental umgibt. Inmitten dunkler Wälder, oft von Wolken- fetzen umschleiert, ist kein Platz für sattsonnige Farben – die Palette für die Shirts und Blusen, die der junge Designer zu entwerfen beginnt, be- schränkt sich denn auch auf Schwarz, Grau, Grün und Rot. Auf solide Baumwollgewebe und Gewir- ke werden alte Fotos von seinen eigenen Vorfah- ren oder legendär skurrilen Persönlichkeiten der Umgebung gedruckt; sie gleichen Bild tafeln auf der Brust des Trägers. Andere Oberteile wieder- um erscheinen zart gegliedert mit einer sparsam gezeichneten Waldsilhouette. Was die Schnitte betrifft, halten sie allen An- forderungen an modisch „angesagte“ körperna- 37


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat 38


Jochen Scherzinger – Artwood Schwarzwälder Trachtenstreetwear – vom „Platten- wieble“ (rechts), über den Balzer Herrgott (links ob.) bis hin zur Bluse im Trachtenstil. Die Kollektion von Artwood ist Kult und bereits sehr bekannt. Die Wasch anleitung dazu ist in Deutsch, Englisch und im Schwarzwälder Dialekt gehalten. Auf Facebook hat Jochen Scherzinger bereits weit über 5.000 Fans, die u.a. auf Bildern zeigen, wie sie die Artwood-Kollektion in alle Welt tragen. he Formen stand: Taillenkurz mit knappen Är- meln, oft mit Stehkragen, Biesen und Zwirnknöp- fen ausgestattet, lassen sie deutlich ihre Her- kunft aus Trachten erkennen, ohne je den allseits verbreiteten (und missbrauchten) bayrischen Stil zu imitieren. „Die Bayern sind ein Ausnahmefall, die haben es verstanden ihre Kultur zu vermark- ten“, erkennt Scherzinger neidlos an. designen. Bis es so weit ist, wäre ein Produzent erforderlich, der den Stofflieferanten Abnahme- garantien und dem Designer die Möglichkeit bie- tet, auf Farbe und Qualität des Materials mehr Einfluss zu nehmen. Vorläufig gehen von seinen gegenwärtig acht „Styles“ nur jeweils 100 Stück in den Verkauf. Immerhin bringt das dem Kun- den das Gefühl, etwas Exklusives erworben zu haben. Artwood – Mode „nach Waldart“ So entsteht das Label „Artwood“, das nun seit zwei Jahren ein Begriff ist. Und jeder kann getrost neben der englischen Bedeutung für „Kunst“ kom- biniert mit „Holz“ oder „Wald“ auch eine zwei- sprachige Deutung herauslesen: „nach Wald art“. Um Definitionen nicht verlegen, erklärt J.S. gerne: „Artwood ist das Zäpfle zum Anziehen“. Womit durchaus der Tatsache Rechnung getragen wird, dass die handliche Bierabfüllung aus dem Hoch- schwarzwald längst gesamtdeutsch als Kult gilt. Angestrebt wird eine Kollektion, die „alters- los“ allen Generationen die Mode von Jochen Scherzinger nahe bringt – an Ideen fehlt es nicht. So schwebt ihm beispielsweise vor, die in der Männertracht üblichen Gilets in erschwingli- chem Material mit modernem Touch zu entwer- fen oder kordelumsäumte taillierte Jacken zu Vertrieb „online“ und über erste Läden Der Vertrieb läuft bisher hauptsächlich „online“ (www.artwood.de) – und über erste Läden in Furtwangen, Villingen oder Freiburg. Wer den direkten Weg zu „Artwood“ nicht scheut, wird in Gütenbach mit der sicher besten Auswahl be- lohnt. Nach ansteigender Fahrt auf gut beschil- dertem Sträßchen erreicht man das urige, ver- winkelte 250-jährige Schwarzwaldhaus. Hier findet sich in der Tenne wohlgeord- net die gesamte Kollektion. Und nicht nur das: Auch die historisch-urigen Bilder, die teilweise die Shirts schmücken, hängen als Originale an Wänden und Balken. Wie die geschnitzten Mas- ken, die der Gütenbacher Holzschnitzer Josef Rombach eigens für die heimische Fasnet gefer- tigt hat. Ja, die Fasnet! Wundern würde es einen 39


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jochen Scherzinger über Heimat: „Das ist ein Gefühl, das man nicht missen möchte. Heimat ist Liebe, Freiheit, Alles.“ Und über seine Mode: „Meine Schwarzwaldmode soll zeitlos sein, kein Mainstream“. Ihn inspiriert die Arbeitskleidung wie sie früher Uhrenmacher, Waldarbeiter oder Handwerker getragen haben. Hier präsentiert der Designer ein T-Shirt mit einer Schwarzwälder Musikkapelle als Motiv. Die historischen Fotos auf den Shirts hat sein Onkel Egon Scherzinger aufgenommen, der einer der ersten Gütenbacher Fotografen war. nicht, wenn Jochen Scherzinger, der seit seiner Kindheit mit dieser Tradition eng verbunden ist, eines Tages auch bei der Kostümgestaltung für das ortstypische Häs gefragt wäre. Hat er es doch bereits zum kürzlich gefeierten Jubiläum der Gütenbacher Schule fertig gebracht, die Schüler dort im Rahmen eines Zeichen-Projekts eigene Shirts entwerfen zu lassen, die reißenden Absatz fanden. Sensibilisierung für Heimatgefühl Sein Anliegen ist und bleibt: Sensibilisierung für das Heimatgefühl – und wenn das schon bei der Schuljugend gelingt, umso besser! In diesem Sinne durchaus realistisch ist auch die Wasch- anleitung, die den Artwood-Textilien beiliegt: Sie ist auf hochdeutsch und schwarzwälderisch 40 verfasst. In der Heimat selbst die Kleidungs- stücke herstellen zu lassen, davon kann Jochen Scherzinger wie die allermeisten Modedesigner indes nur träumen. Die Preiskalkulation zwingt zur Vergabe der Produktion ins Ausland, in sei- nem Fall in die Türkei, nahe der syrischen Gren- ze. So müssen also auch die Lieferautos mit der fertigen Ware den Waldweg zu jeder Jahreszeit schaffen – im Winter nicht immer leicht. Der Sedcardtext der Artwood Black Forest Homepage scheint nicht zu hoch gegriffen, der Worte von Wilhelm Hauff zitiert: „Es ist, als ob der stärkende Duft, der morgens durch die Tannen strömt, den Menschen hier von Jugend auf einen freieren Atem, ein klareres Auge und einen fes- teren, wenn auch raueren, Mut gegeben hätte.“ Das Unternehmen „Artwood“ jedenfalls hat seinen Weg, das Ursprüngliche der Schwarzwäl- der Kultur zu interpretieren, gefunden.


Jochen Scherzinger – Artwood Shooting für die Mode von Artwood in einer Schwarzwälder Bauernstube. 41


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Christoph 11 – wenn die Heimat keine Grenze kennt „Unsere Arbeit ist herausfordernd, jeder Einsatz ist anders und vor allem: Es dürfen keine Fehler geschehen!“ Der Hubschrauber der DRF Luftrettung vom Typ EC 135 mit dem Funkruf namen Christoph 11 ist täglich von 7 Uhr bis Sonnenuntergang einsatzbereit, da er nur bei Tageslicht fliegen kann. Die Station ist mit erfahrenen Piloten der DRF Luftrettung, Notärzten des Schwarzwald-Baar Klinikums sowie Rettungsassistenten des Deutschen Roten Kreuzes besetzt. Einsatzorte im Umkreis von 60 Kilometern kann Christoph 11 in maximal 15 Minuten erreichen. Deutschlandweit sind rund 50 Rettungshubschrauber im Einsatz. Die Station in Villingen- Schwenningen ist seit dem 18. November 1975 in Betrieb. 42 42


XXX Auch wenn der Fokus dieses Beitrages nicht auf dem Arzt, sondern auf Pilot Andreas Helwig und Notfallsanitäter Thomas Behringer liegt – die Besatzung von Chris- toph 11 besteht immer aus drei Personen. Allein bis Juli 2014 hat das Team bereits über 800 Einsätze geflogen und ist dabei ständig neuen Herausforderungen und hohen Belastungen ausgesetzt. Stationiert ist Christoph 11 an der mit 2.516 Fuß höchsten Luftrettungsstation Deutschlands beim Schwarzwald-Baar-Klinikum, die je zur Hälfte vom Deutschen Roten Kreuz und von der DRF Luftrettung finanziert wird. Sie bietet Piloten, Rettung- sassistenten und Notärzten einen modernen Arbeitsplatz – und der Bevölkerung im Großraum Schwarzwald-Baar schnelle Hilfe in der Not. Bereit zum Einsatz: Von links: Notfallsanitäter Thomas Behringer, Notarzt Dr. Michael Mauch und Stationsleiter Pilot Andreas Helwig. 43


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Andreas Helwig – Rettungspilot Ständig hellwach, das Team muss Leben retten – „Hier will ich bleiben“ von Christina Nack Wenn Andreas Helwig auf einer 50 Meter hohen Brücke steht, bekommt er beim Hinunterschauen weiche Knie. „Da fühle ich mich nicht wirklich wohl“, bekennt der Wahl-Dauchinger vergnügt. Wenn er hingegen in 100 bis 1.500 Metern über der Erde in seinem Helikopter fliegt, ist er in seinem Element. Der Mittfünfziger ist Pilot und Leiter des Flugbetriebs der Luftrettungsstation in Villingen-Schwenningen, die seit 1975 vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) betrieben wird und an der seit 1996 die DRF Luftrettung für den Flugbetrieb verantwortlich zeichnet. Aufgabe des stets dreiköpfigen Rettungs teams mit Pilot, Notarzt und Rettungsassistent ist es, möglichst schnell einen Notarzt zum Einsatzort zu bringen und Patienten in die für sie optimal geeignete Klinik zu fliegen. Schnurgeradeaus fliegt Christoph 11 von den abgelegensten Win- keln im Schwarzwald und auf der Baar nach Villingen-Schwenningen, Freiburg, Tü bingen. Unterwegs hat der Pilot viele Lieblingsblicke auf Lieblingsplätze. Einer davon ist das neue Domi- zil der DRF Luftrettung und des DRK vor dem Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwen- ningen. „Die freie Rundum-Sicht mit der Schwä- bischen Alb im Hintergrund ist großartig.“ eine enge Beziehung zum Schwarzwald-Baar-Kreis und zu den Menschen hier entwickelt. Sie sind oft viel enger als er selbst mit ihren Geburtsorten verwurzelt, hat er beobachtet und findet das „schön“. Mittlerweile gehört er selbst zur ländlichen Bevöl- kerung, hat mit seiner Frau Birgit ein Haus in Dauchingen gemietet, Sohn und Tochter gingen hier zur Schule. „Hier will ich bleiben und alt werden“, stellt Andreas Helwig fest. Piloten suchen ständig neue Horizonte „Heimat“: Zu diesem Begriff hat Andreas Hel- wig keine eindeutigen Assoziationen. „Piloten sind nicht sesshaft“, sagt er. „Wir suchen ständig neue Horizonte“. Geboren ist er in Berlin, zog fünfjährig mit den Eltern nach Düsseldorf, wo er Kindheit und Jugend verbrachte. Die Erinnerung daran weckt „am ehesten“ nostalgische Heimat- gefühle. Mit den Jahren hat sich freilich auch „Ich wollte fliegen lernen“ Seit 1990 fliegt er für die DRF Luftrettung, zuerst nördlich von Hamburg stationiert, seit 1998 in Vil- lingen-Schwenningen – was auch dem Wunsch der Familie nach Sesshaftig- keit geschuldet war. Bis dahin hatte er sich vornehmlich von fliegerischen 44


XXX Pilot Andreas Helwig checkt die Instrumente des Christoph 11. 45


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Herausforderungen leiten lassen. Schon die Ent- scheidung, sich nach dem Abitur 1977 für zehn Jahre bei der Bundeswehr zu verpflichten, war so motiviert: „Ich wollte fliegen lernen.“ Beschei- den beschreibt er seinen Beruf „nicht ganz als Berufung, aber kurz davor“ – und es musste un- bedingt der Hubschrauber sein. „Als Lufthansa- kapitän fliegst du ständig die gleichen Routen und es passiert in der Regel recht wenig, das reiz- te mich nie.“ Navigator durchs Polareis 1987 verließ er die Bundeswehr und wechselte in die zivile Fliegerei. Drei Jahre lang war Andreas Helwig auf dem Eisbrecher „Polarstern“ unter- wegs, um Forschungsreisen in die Antarktis, nach Island und Grönland zu begleiten. Helwig flog vor dem Schiff, um es durchs Eis zu navigieren, brachte Meeresbiologen und ihre Ausrüstung zu Robben- und Pinguinkolonien, unterstützte Geologen in der Refraktions seismik, die Auf- schluss über Bodenschätze unter dem kalten Meeresgrund gibt. „Nebenjob“ des früheren Bundeswehroffiziers war es, die Wissenschaftler im Umgang mit der Flinte zu trainieren, um die ständig auftauchenden Eisbären zu vertreiben, 46 ohne sie zu töten. Einmal lag die gesamte Crew eine Woche lang auf einer einen Quadratkilo- meter großen Eisscholle fest, bevor sie von zwei einheimischen Lappen aus dem ewigen Eis ge- lotst wurde. „Man lernt spannende Leute kennen und kann in solchen Situationen nicht nur den äußeren Horizont erweitern, sondern auch den inneren.“ „Jeder von uns muss ständig hellwach sein“ Im Hubschrauber könne sich nie Routine einstel- len, erst recht nicht im Rettungsdienst. Jeder Tag ist anders und wartet mit neuen Aufgaben. Alle Rettungshubschrauber heißen Christoph nach dem Heiligen Christophorus als legendärem Hel- fer in der Not und sind gemäß ihrer Standorte durchnummeriert, Christoph 1 fliegt in der Mün- chener Gegend, Christoph 11 über Schwarzwald und Baar und 50 Kilometer über die Kreisgrenzen hinaus. Luftlinie versteht sich: Eine Viertelstunde braucht Andreas Helwig, um die Uni-Kliniken von Freiburg und Tübingen zu erreichen. Bei den Einsätzen zählt oft buchstäblich jede Minute, bei internistischen Notfällen wie Herzin- farkt und Schlaganfall ebenso wie bei schweren Unfällen, Verbrennungen, Vergiftungen. Wäh- rend der Pilot sein „Baby“ aus abgelegenen Tälern über Berge, Wälder und Wiesen dirigiert, sind Not- arzt und Rettungsassis- tent fieberhaft mit Maß- nahmen zur Lebenserhal- tung beschäftigt. „Jeder von uns dreien muss stän- dig hellwach sein und per- manent Entscheidungen treffen, da kann man nicht lange diskutieren. Wir sind Andreas Helwig bei einem Einsatz für den Eisbrecher Polarstern.


ein gutes, homogenes Team, weil jeder kompe- tent ist, dem anderen vertraut und sich auf ihn verlassen kann.“ In ländlichen Regionen ist die Luftrettung besonders wichtig, weiß der Pilot von unzähligen Einsätzen in einsamen Gehöften und abgelegenen Dörfern, die wegen der topo- graphischen Gegebenheiten schon im Sommer schwer zu erreichen sind und bei Eis und Schnee im Winter erst recht. Nebeneffekt dieser Ausflüge in Gegenden, in die er als Privatmann niemals gelangen würde, sind berührende Landschaftserlebnisse. Andreas Helwig schwärmt vom Belchen ebenso wie vom Feldberg und vom Klippeneck, überhaupt ma- chen für ihn die Berge den Reiz aus: „Diese Ge- gend hier ist phantastisch abwechslungsreich. Dagegen war das gleichförmig flache Schles- wig-Holstein langweilig.“ Im Lauf der Jahre ließ sich Andreas Helwig von den Lieblingsblicken zu Ausflügen mit dem Rad und per pedes anregen und entdeckte mit seiner Familie viele Lieblings- plätze. Die Wutachschlucht sei „sensationell“, ebenso die Martinskapelle, die sich im Winter mit den wunderschönen Loipen drumherum für sinnenreiches Wandern mit den Langlaufskiern anbiete. Andreas Helwig – Rettungspilot re Respekt vor der Gefahr und ein Quantum an „natürlicher Angst“. Sie sei ein Regulativ, das vor dem Eingehen zu großer Risiken schütze. Das Team entscheide zusammen, ob zum Beispiel bei schlechtem Wetter noch geflogen werden könne. In Ermangelung eines Landeplatzes hat Helwig den Notarzt auch schon auf der offenen Straße abgesetzt und ihn von oben beim Weitertram- pen beobachtet. Alle sechs Monate üben Piloten Notlandungen bei „Check-Flügen“ und über- prüfen ihre Reaktionssicherheit. Sie sei in jeder Phase des Berufslebens gefährdet, was Helwig so skizziert: „Wenn du jung bist, keine Ahnung hast und dir zu viel zutraust. Wenn du Ahnung zu haben glaubst. Und wenn du Routine hast und dir zu sicher bist.“ Die pädagogisch wichtigen Fäl- le seien jene, die als „noch mal gut gegangen“ beschrieben würden. Trotz aller systematischer Aufarbeitung von Beinahe-Kata strophen ließen sich die realen nie planen. Helwig erinnert sich an einen „Super-GAU“, da an einem Tag unab- hängig voneinander drei tote Kinder geborgen werden mussten – die Luftrettung kam zu spät. „Da haben wir den Hubschrauber abgemeldet. Das ging der Crew emotional sehr nahe.“ „Der Blick tut der Seele gut“ Ein Kicker als Dankeschön Täglicher Lieblingsplatz ist die Bank vor dem Hangar in Villingen-Schwenningen. „Nach den langen Tagen gehen dir die Schicksale im Cock- pit durch den Kopf, vielleicht gab es schwierige Situationen, die wir als Team zu meistern hatten. Da ist es toll, zum Feierabend an einem Platz zu sein, der innere Einkehr ermöglicht. Der Blick auf die freien Wiesen vor uns und die Berge dahinter tut der Seele gut.“ Andreas Helwig ist nicht nur als Pilot, son- dern auch als Sicherheitsmanager bei der DRF Luftrettung beschäftigt. „Unsere Arbeit ist he- rausfordernd“, stellt er nüchtern fest und plä- diert für eine „ausgeprägte Fehlerkultur“. Nichts dürfe vertuscht werden, beim Eingeständnis von Schwächen und Fehlentscheidungen drohe keine Strafe, es gelte, aus eigenen Fehlern und den Erfahrungen anderer zu lernen. Dazu gehö- Manchmal bedanken sich Patienten auch, deren Leben durch einen Einsatz mit Christoph 11 ge- rettet werden konnte. Oft sei der Zeitdruck bei gebotenen internistischen Eingriffen größer als bei chirurgischen, aber bei großen Verletzungen bestehe die akute Gefahr des Verblutens. So war es bei einem verunglückten Motorradfahrer, des- sen Oberschenkel „völlig zerfetzt“ war; das Blut sei regelrecht aus den Wunden heraus gespru- delt. Mit Vollgas sei Christoph 11 in die Uni-Kinik nach Tübingen gerast, wo das Bein amputiert und dadurch das Leben des Mannes gerettet wurde. Danach bedankte er sich bei der Crew mit einem Kicker, der jetzt im neuen Hangar steht und zum entspannenden Spiel nach Feierabend verlockt. Dies mit Blick durch die breite Glasfront auf die weite Baar. „Auch das ist eine Belohnung für unsere Arbeit.“ 47


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Thomas Behringer – Notfallsanitäter „Heimat ist da, wo meine Familie sesshaft und meine Arbeit ist“ von Christina Nack Auf die Frage nach seinen Vorstellungen von Heimat antwortet Thomas Behringer spontan: „Heimat ist da, wo die Wurzeln sind.“ Die seinen sind in Schönau, wo auch Fußball- Bundestrainer Jogi Löw geboren ist. Er sei ein „netter Kerl“, sein Bruder auch, „er hat uns trainiert“. Aus dem Nachwuchskicker von damals wurde ein mehrfach quali fizierter Notfallsanitäter, der seit 2008 Rettungsdienstleiter der DRK-Rettungsdienst Schwarzwald-Baar gGmbH ist. In deren Regie wird auch die Luftrettung betrieben, Thomas Behringer gehört zum Stammteam von Christoph 11. Er lebt mit Ehefrau Tanja und den gemeinsamen drei Kindern in Schwenningen und hat bei seiner täglichen Arbeit den gesamten Landkreis mit- samt Peripherie im Blick – oft auch aus luftiger Höhe im Rettungshubschrauber. Beim Nachden- ken erweitert der 44-Jährige seinen Heimat-Be- griff. „Heimat ist da, wo meine Familie sesshaft und wo meine Arbeit ist. Beides ist einzigartig und macht mein Leben aus.“ Vom Sanitäter zum Dozent für Notfallmedizin Mit 18 Jahren zog es Thomas Behringer in die wei- te Welt hinaus. Die reichte dann bis nach Lörrach, wo er als Wehrdienstverweigerer im DRK-Ret- 48 tungsdienst landete und zehn Jahre lang im Ka- tastrophenschutz eingesetzt wurde, zuletzt als Rettungswachenleiter für Lörrach und Schönau. Parallel zum Berufsalltag absolvierte er von der Pike auf die klassischen Stationen einer Laufbahn beim Roten Kreuz. Wurde Sanitäts-, dann Rettungshelfer, Rettungs assistent und schließlich Lehr-Ret tungs assistent und Dozent für Not fallmedizin. Dafür hatte er sich an der Landesschule in Bühl qualifiziert, wohin er 2004 als Leitender Dozent berufen wurde und


XXX wo er nach wie vor jährlich drei bis vier Kurse für angehende Notärzte gibt. 2014 folgte die Weiterbildung zum Notfallsanitäter. Um die frei gewordene Führungsposition im DRK Villingen-Schwenningen hatte er sich vor allem beworben, weil er schon in Schwenningen lebte, der Geburtsstadt seiner Frau. „Ich wollte nicht mehr pendeln, sondern an meinem Lebens- ort auch arbeiten.“ Fernweh und Sehnsucht nach heimatlicher Geborgenheit fügten sich wie von selbst zusammen. Ein neues Berufsbild konfiguriert Thomas Behringer erweiterte seinen beruflichen Radius, studierte in Hamburg und Stuttgart Ge- sundheitsmanagement, machte 2012 nach vier Jahren seinen Abschluss und wurde 2013 von Sozial- und Innenministerium mit der Konfigu- ration des neuen Berufsbilds „Notfallsanitäter“ betraut. Der ist befugt zu tun, was Thomas Behringer bei Einsätzen mit Christoph 11 immer wieder er- 49


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat medizin. „Wir müssen voraus- schauend denken. Unser Platz zur medizinischen Versorgung ist begrenzt. In welche Klinik fliegen wir? Wie wird das Wetter? Wie viel Sprit haben wir noch? All das muss berücksichtigt und schnell entschieden werden.“ Das Ziel ist stets ein gutes „Outcome“ des Patienten – er soll etwa nach ei- nem Schlaganfall keine bleiben- den Schäden davon tragen, wie sie nach längerem Transport im Rettungswagen zu befürchten wären. Thomas Behringer (links) und Pilot Andreas Helwig verschaffen sich vor jedem Einsatz an einer großformatigen Karte in aller Schnelle einen Überblick über die Flugroute und ihre Besonderheiten. Der ständige Umgang mit Schwerstkranken und das Rin- gen um Menschenleben zehren an den Kräften. „Da sind extreme Emotionen beteiligt, auch durch den engen Kontakt zu verzweifelten Angehöri- gen.“ Jeder Patient könne sich darauf verlassen, dass er am Boden und ebenso in der Luft me- dizinisch bestmöglich versorgt werde. Doch bei schwerem Gewitter müsse ein Flug vielleicht un- terbrochen oder verschoben werden, nicht im- mer gewinnt das Trio den Wettlauf um ein Leben. Auch das muss verkraftet werden, jeder Einsatz wird im Team ehrlich reflektiert, auch etwaiger Selbstzweifel. Der „Wintermensch“ liebt den Brend und die meditative Weite der Baar Wenn es gelingt, Infarktpatienten, Frühgebore- ne, Schwerverletzte rechtzeitig in der Fachklinik abzuliefern und ihre Prognosen gut stehen, folgt für Thomas Behringer die Belohnung für die kol- lektive Anstrengung – der Rückflug. Zum Beispiel über den Brend bei Furtwangen, dem er neben dem Belchen im Nachbarlandkreis besonders anhänglich verbunden ist. Im Kreislauf der Jah- reszeiten beschreibt er sich als „Wintermensch“, der den Kontrast zwischen immergrünen Wäl- dern und ihrem weißen Schneekleid liebt, aber auch die faszinierenden Farbkombinationen in Frühling und Herbst. lebt – er leitet ärztliche Maßnahmen ein. Bedient Defibrillatoren, legt Kanülen für Infusionen und verabreicht Medikamente, die unter bestimmten Voraussetzungen gegeben werden dürfen. All das darf er, wenn es um Leben und Tod geht, der Notarzt aber nicht rechtzeitig zur Stelle ist. Er hat sich vielleicht wegen winterlicher Straßenver- hältnisse mit dem Notarzteinsatzfahrzeug ver- spätet, während sich die Situation des Patienten so verschlechterte, dass die DRK-Leitstelle den Hubschrauber beorderte. „Bei akuter Lebensge- fahr wie bei Herzinfarkt leiten wir dann die not- fallmedizinischen Maßnahmen selbständig ein.“ Manchmal wird der Rettungshubschrauber auch umgekehrt vom Arzt angefordert, der bereits beim Patienten ist und erkennt, dass der nur bei minutenschnellem Transport in eine Spezialkli- nik eine Überlebenschance hat. „Wir müssen vorausschauend denken“ Seit 2010 gehört Thomas Behringer zur Crew von Christoph 11. Das Fliegen bereicherte sein Le- ben um neue Dimensionen. Bei der Luftrettung komme dem stets dreiköpfigen Team – Pilot, Notarzt, Rettungsassistent – eine umfassendere Bedeutung zu als bei bodengebundener Notfall- 50


Er, der sich den Jugend traum von Fahrten in die weite Welt nie erfüllen konnte, lässt den Blick auch vom Boden aus gern in die Ferne schwei- fen. Privat zieht’s ihn häufig in die Gegend um Triberg, Schonach, Schönwald herum. „Wenn ich von einem Berg in die Täler schaue und die Gedanken treiben lassen kann, tanke ich Energie für den Alltag.“ Der atemberaubende Rundblick von einem Schwarzwaldgipfel zieht ihn ebenso magisch an wie die meditative Weite der Baar. „Hier kann ich zur Ruhe kommen und neue Visi- onen entwickeln.“ Schwenningen als ideale Heimatstadt Längst ist Thomas Behringer froh darüber, in Schwenningen zu leben („Villingen wäre genau- so gut…“), wo die Familie ein Haus gebaut hat und er auch mit dem überschaubaren Radius im Alltag zufrieden ist. Die Stadt habe eine gute Grö- ße, die täglichen Besorgungen könnten zentral und zu Fuß erledigt werden. Zugleich schätzt er die Nähe der Natur fast vor der eigenen Haustür. Wenn keine Zeit ist, auf den Brend zu klettern oder über die Baar zu wandern, läuft sich Tho- Thomas Behringer – Notfallsanitäter mas Behringer im Schwenninger Moos den Kopf frei. „Die Ruhe ist fantastisch. Du bist in einer eigenen Welt.“ Zehn bis zwölf Kilometer trabt er durch die idyllische Moorlandschaft, ungefähr eine Stunde dauert das. „Danach bin ich wieder frisch für neue Aufgaben.“ In die ist er längst tief hineingewachsen, fühlt sich auch mit den vielen Ehrenamtlichen in allen Ortsvereinen eng verbunden, will die Freund- schaften, die sich aus Kollegialität entwickelten, nicht missen. Einen Ortswechsel innerhalb des Kreisgebiets kann er sich vorstellen, ein Umzug nach Hamburg würde ihm schwer fallen. „Ich hätte Heimweh.“ Den eigenen Kindern gönnt er Expeditionen in die weite Welt, wo sie ele- mentare Erfahrungen machen und neue Kultu- ren kennenlernen könnten. „Sie sollen über den Tellerrand gucken, um dann idealerweise wieder heimzukehren.“ Seltene Entspannung beim Tischfußball. Der Kicker ist das „Dankeschön“ eines Patienten, dem die Crew des Christoph 11 das Leben retten konnte (s. S. 47). 51


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Eric Fürderer – Butzesel Heimat ist, wenn es in Villingen heißt: „Butz zwo, drei, vier…“ von Christina Nack „Hier ist alles, was ich brauche“, versichert Eric Fürderer strahlend. Während sich heutzutage viele junge Erwachsene nach der Schule ein mehrmonatiges Praktikum im weit entfernten Ausland suchen oder ausgedehnte Reisen unternehmen, ist er in der Heimat geblieben – und hat das nie bereut. Der 29-jährige Industriefachwirt ist in Schwenningen geboren, in VS-Marbach in enger Verbundenheit zu Villingen aufgewachsen und lebt dort heute mit seiner Freundin. Die Verwurzelung in Traditionen ist dem modernen jungen Mann wichtig. Er ist Butzesel in einer von vier Butzesel-Gruppen der Historischen Narrozunft Villingen. Und das ist eine ganz besondere Ehre. Eric Fürderer ist ein Paradebeispiel für ein Kind der Doppelstadt: Mutter Carmen ist gebürti- ge Schwenningerin, Vater Norbert Villinger, die Familie wohnt in Marbach. Eric genoss mit seinem älteren Bruder Armin die Kindheit im ländlich geprägten Marbach – aber auch die Vorteile der Stadt. Die erlebte er erst in Villin- gen, wo er die Karl-Brachat- Realschule besuch- te, später als Schüler der David-Würth-Schule in Schwenningen, wo er die Fachhochschulrei- fe machte. Danach ab solvierte er seinen Zivil- dienst in einer Bad Dürrheimer Seniorenresidenz und will die- se Erfahrung nicht missen, wie er erzählt. In einem Do nau esch in- ger Betrieb lernte er Indus- triekaufmann, quali fi zierte sich bei der Industrie- und Han dels kammer zum In dus trie – fachwirt und lernte wäh rend der Fortbildung seine Freundin 52


XXX 53 Der Butzesel ist eine der ältesten Tiergestalten der schwäbisch-ale- mannischen Fastnacht. An der Fast- nacht 2014 jährte es sich zum 100. Mal, dass er bei der Straßenfasnet wieder zu sehen war: Wegen der damit ver- bundenen Ausgelas senheit war das Butzesellaufen früher oft untersagt. Noch in den 1850er und 1860er Jahren wurde dieses Verbot am Fastnachts- samstag durch Ausschellen immer wieder erneuert. Heute ist die Figur aus der historischen Villinger Fasnet nicht wegzudenken. Der „Butz“ zählt vor allem auch bei Kindern zu den Lieblingsgestalten. Weitere Infos: www.narrozunft.de


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Die Jagd beginnt – schon bald haben die Treiber den Butzesel eingeholt und halten ihn mit der „Goaßel“ in Schach. Katrin ken nen. Sie stammt aus Singen, mag ihre Heimatstadt sehr, doch fühlte sich auch in der Doppelstadt auf Anhieb wohl. Das junge Paar bezog eine schöne Wohnung in Nähe der Villinger Altstadt. „Die täglichen Be- sorgungen können wir zu Fuß oder mit dem Rad erledigen und sind dabei stets auf idyllischen Wegen mit viel Grün rechts und links unter wegs. Und wir kommen an tollen Plätzen vorbei. Schon die Stadtmauer um Villingen herum und die vie- len mittelalterlichen Gebäude sind eine Sensa- tion.“ 54


Eric Fürderers Freundin fand an seiner närri- schen Leidenschaft schnell Gefallen, die begeis- terte Fastnachterin hatte sofort Anschluss bei den Trommlerwiebern. „Es ist eine große Ehre, der Butzesel zu sein“ Ins Brauchtum der Historischen Narrozunft Vil- lingen ist Eric Fürderer von Kindesbeinen an hi- neingewachsen. Als Grundschüler gehörte er zur Kinderbutzesel-Gruppe, wechselte 16-jährig zur Erwachsenen-Gruppe. Nach drei Jahren hörte der Butzesel auf und Eric konnte seine Nachfolge antreten. „Es ist eine große Ehre,“ beschreibt er das Amt. „Man muss Freude daran haben, die Leute zu animieren, das sei die wichtigste Voraussetzung. Der Butzesel zieht an den Hohen Tagen auf seinem „Riesascht“ durch die Stadt – bewacht von einer Truppe von „Triebern“ (Treibern) mit „Goaßeln“ (Geißeln). Zur Gaudi der Villinger entkommt der Esel immer wieder neu, treibt überall seinen Schabernack. Als Treiber sind in der Regel Stachis abgestellt. Zwischen 30 und 50 Treiber, sind es, die hinter dem Butzesel herjagen. Höhepunkte sind die Besuche in den immer seltener werdenden alteingessenen Metzgereien und Bäckereien, wo es Bratwürste, Fleischwurst- ringe oder sonstige Würste gibt. Der Butzesel verköstigt sich dort, und seine Treiber müssten die Wurstbeute eigentlich bezahlen. Doch aus Liebe zur Fastnacht kann sich der Butzesel seine Beute als Spende an die Eselsohren hängen. Zum Dank ertönen Fasnetlieder. Überhaupt spielt das Singen an der Fastnacht eine wichtige Rolle. Die dritte Strophe des Villinger Schunkellieds ist dem Butzesel und seinen Treibern gewidmet. Natürlich kennt Eric Fürderer den Text auswendig und deklamiert: Wer kunnt au dert im Blauhemd mit Goäßel und mit Zwick, de Butzesel mit de Trieber, er zieht en Riesascht mit, rennt umenand … Die Vorbereitungen auf die hohen Tage be- ginnen bereits Monate zuvor, wenn sich Eric Fürderer mit seiner Truppe trifft, um neue Fast- nachtslieder zu dichten. Meist hat jemand eine bekannte Melodie im Ohr, die gemeinsam neu betextet wird, beschreibt der Butzesel das kreati- Eric Fürderer – Butzesel ve Prozedere. Die Inhalte sind vom Zeitgeist oder von alltäglichen Erlebnissen im Städtle inspiriert, um zwei bis drei neue Lieder wird das Repertoire jährlich erweitert. Die Fastnacht 2015 ist Eric Fürderers zehnte als Butzesel, seine Vorfreude darauf ist so leben- dig wie seit den Kindertagen. „In der Nacht zum Fasnetmentig werde ich wieder schlecht schla- fen“, weiß er jetzt schon, die kribbelige Aufre- gung vor dem Umzug mit mehr als 2.000 Häs- trägern allein von der Historischen Narrozunft gehört dazu. Schon im Sommer hat Eric sein Häs gerichtet, hat ein paar lose Fleckle neu vernäht, zerrissene ersetzt, der leicht lädierte Eselskopf war zur Reparatur. Der Butzesel findet es toll, ein unkompli- ziertes und strapazierfähiges Häs zu tragen, das es auch verträgt, wenn er sich störrisch auf der Straße wälzt. Am meisten liebt er den Blick in die strahlenden Augen von Kindern, die dem Esel hinterherlaufen, ihn anfeuern: „Butz, zwo, drei, vier…“ – und ihm ein Villinger Würschtle abja- gen. Später werden sich die Butzesel-Gruppen in die Fasnets-Stüble verteilen, Lieder anstimmen, das Publikum zum Mitsingen animieren, werden auf andere Gruppen treffen – natürlich auch die Trommlerwieber – und schunkelnd und singend gesellige Gemeinschaft genießen. In der Heimatstadt vielfältig engagiert Keine Frage, Eric Fürderer fühlt sich wohl in sei- ner Heimatstadt, nicht nur während der fünften Jahreszeit. Er ist sportlich, spielt in der ersten Mannschaft des FV Marbach, engagiert sich auch im Vorstand. Freundin Katrin spielt Tischtennis, zwei bis drei Mal pro Woche schwingen sich die beiden auf die Fahrräder, um Ausflüge in die Um- gebung zu unternehmen, fahren auch häufig an den Bodensee und besuchen Katrins Geburtshei- mat. Das Pendeln finden beide bereichernd, rei- sen gern in die Alpen zum Wintersport. „Es muss aber keine Weltreise sein, ich bin nicht der Typ für großes Fernweh“, unterstreicht Eric Fürderer seine Bodenständigkeit auch bei der Auswahl von Reisezielen. „Am schönsten ist’s ohnehin zu Hause.“ 55


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jacqueline Janzen – Eishockey-Nationalspielerin „Wie wichtig mir meine Heimat ist, hätte ich ohne die Olympiateilnahme nicht gewusst“ von Christina Nack Sie ist erst 20 Jahre alt, schon weit in der Welt herumgekommen und hat sich bereits einen großen Lebenstraum erfüllt: die Teilnahme an olympischen Spielen. Die Rede ist von Jacqueline Janzen, Eishockey-Nationalspielerin aus Villingen- Schwenningen, die im vergangenen Winter im russischen Sotschi mit von der Partie war und ihrem Ruf, die deutsche Stürmerin mit dem härtesten Schuss zu sein, alle Ehre machte. Im April kehrte die junge Frau nach Villingen-Schwenningen zurück, um ihr nächstes Ziel zu erreichen – das Abitur. „Ich bin sehr froh, wieder daheim zu sein“, erzählt sie lachend. Daheim: Das ist ihre Familie, Mutter Sabine Janzen- Waskow, Vater Helmut Waskow und die ältere Schwester Andrea, die in der Nähe lebt. Jacque- line wohnt wieder bei den Eltern, besucht das Albert-Schweitzer-Gymnasium, das sie nach den Klassen 11 und 12 verlassen hat, um sich auf die Olympia-Vorbereitungen konzentrieren zu kön- nen. „Beides zusammen geht nicht. Für die Schu- le hatte ich keine Zeit.“ Jetzt knüpft sie an ihr altes Leben an, das doch nicht dasselbe ist. Die Klasse ist neu, Jacqueline ist die älteste Schülerin und hat einen großen Erfahrungshorizont auf der einen, Defizite auf der anderen Seite. „Ich musste auf vieles verzich- ten und habe vieles vermisst.“ Jetzt weiß sie zu schätzen, was Gleichaltrigen oft selbstverständ- lich erscheint. „Ein geregeltes Leben, Freizeit und Privatsphäre zu haben, ins Kino gehen können, eine Party besuchen, durch die Stadt bummeln…“ zählt sie neu entdeckte Freiheiten auf. Nicht nur in der Schule sei sie „super“ aufge- nommen worden, auch in ihrer Geburtsstadt Vil- lingen fühlt sich Jacqueline nach dem „Sabbat- Jahr“ wohler denn je. „Die Vertrautheit ist viel wert“, sagt sie, die in der Stadt viele Lieblings- plätze hat, vor allem den Münsterplatz. Ihr ge- 56 fällt der moderne, informative und auch aufhei- ternde Brunnen neben altem Gemäuer, sie bum- melt gern über den Wochenmarkt und findet die Vorstellung „irre“, dass dieses Treiben eine fast tausendjährige Tradition hat. „Zu Hause“ – das ist für die leidenschaftliche Kufensportlerin na- türlich auch die Helios-Arena in Schwenningen, wo sie bei den Lady Wings mitspielt und das in vollen Zügen genießt. „Das ist das reinste Hobby ohne großen Ehrgeiz, da wird schon eine Platzie- rung in der Landesliga gefeiert.“ Mit acht Jahren Schlittschuhlaufen begonnen Spaß statt Spitzensport ist in der Freizeit ange- sagt, die bis dahin ausschließlich mit Eishockey gefüllt war. Achtjährig begann Jacqueline Jan- zen mit dem Schlittschuhlaufen, der Vater nahm sie mit ins damalige Bauchenberg-Stadion, wo er selbst zum puren Vergnügen seine Runden drehte. Der damalige Trainer der Wild Wings beobachtete das flinke, geschickte und muti- ge Mädchen und lud sie in die Laufschule des Schwenninger ERC ein. „Da bekam ich meinen ersten Schläger und war angefressen.“ Von der


XXX Die Villingerin Jacqueline Janzen im Trikot der deutschen National- mannschaft. 57


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Stürmen für Deutschland bei Olympia: Jacqueline Janzen im Match gegen Schweden. Pike auf durchlief die talentierte Spielerin alle Nachwuchsmannschaften von Anfängern, Bam- binis, Knaben und Schülern bis zur Jugend. Bis sie 18 Jahre alt war, war die Eishockeyspielerin im Bauchenberg-Stadion stets einziges Mädchen unter den Jungen. Die wenigen Mädchen, die sich in Kindertagen spielerisch mit ihr am Puck ver- sucht hatten, hätten spätestens mit der Pubertät aufgehört. „Beim Eishockey musst du schon ein wenig abgehärtet sein und einstecken können.“ Auch Jacqueline Janzen fiel unzählige Male auf die Nase, „das darf dir nichts ausmachen.“ Erstes Training mit der Nationalmannschaft Sie habe nur Eishockey im Kopf gehabt, schon zwölfjährig von Olympia geträumt und wurde dreizehnjährig erstmals zum Training mit der Nationalmannschaft eingeladen. Beim viertä- gigen Sichtungslehrgang in Füssen war sie die Jüngste, wurde gleichberechtigt von den älteren Spielerinnen aufgenommen, „das war ein großer Schritt.“ Von nun an ging’s bergauf. Die Schwarz- wälderin gehörte fest zum Nationalkader, nahm als Mitglied des U18-Nationalteams an den Welt- meisterschaften 2009 in Füssen, 2010 in Chicago und 2011 in Schweden teil. Die Eltern ließen ihre Tochter gewähren und unterstützten sie – „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“. Vor allem die Mutter habe sich stets Sorgen gemacht, die Tochter war immer wieder verletzt, am schwersten bei der WM in Schweden, wo sie sich bei einem Sturz am Sprunggelenk schwer verletzte. Sie wurde operiert und musste danach eine sechsmonatige Zwangspause in Kauf nehmen. Es folgte ein extra hartes Training, um den Qualifikationsmarathon für Olympia zu schaffen. Nur die acht besten Na- tionen werden zugelassen, zu denen mussten die deutschen Eishockey-Damen gehören, um dabei sein zu dürfen. Das ständige Pendeln zwischen Villin gen- Schwenningen, dem Bundesleistungszentrum 58 in Füssen, weiteren Trainingslagern und auswär- tigen Turnieren war bis dahin schon eine Grat- wanderung gewesen. Mit den Vorbereitungen auf Olympia war ein Schulalltag endgültig nicht mehr möglich. Die Leistungssportlerin musste zudem Mitglied einer Bundesliga-Damenmann- schaft werden, um ins olympische Team aufge- nommen werden zu können. Im August 2013 zog sie nach Memmingen und wurde Stürmerin bei den ECDC Memmingen Indians. Sie lebte in einer Wohngemeinschaft mit sechs Spielerinnen, die Wohnung war nah am Stadion und nah am Fit- ness-Studio. Sie habe so manches Mal Heimweh nach Familie und Freunden gehabt. „Es war nicht immer einfach“, erinnert sie sich. Olympiateilnahme ein Riesenerlebnis Schließlich war es so weit: Anfang Februar 2014 flog Jacqueline Janzen von München über Frank- furt nach Sotschi. Schon das war ein Riesenerleb- nis, denn sie flog nicht als normaler Passagier, sondern in einer Sondermaschine mit Sportlern, Funktionären und Presseleuten. Öffentlichen Rummel sind die Eishockey-Damen nicht ge- wohnt, sie haben in Deutschland we sentlich weniger Zuschauer als die Männer. „Plötzlich wurden wir behandelt wie die VIPs. Wir mussten


Jacqueline Janzen – Eishockey-Nationalspielerin nicht einmal unsere Taschen tragen.“ Für drei Wochen wurde das olympische Dorf zum Zuhau- se. Die Sicherheitskontrollen seien extrem gewe- sen, sie habe viel über die Kritik an Putin nachge- dacht, soziale Ungerechtigkeit, über Verletzung der Menschenrechte und die allgegenwärtige Angst vor Anschlägen. „Aber wir konnten doch nichts dafür, wir waren vom olympischen Gedan- ken beseelt.“ Die deutschen Eishockeyfrauen gehörten zur Gruppe mit Schweden, Japan und Russland. Das Spiel gegen die Gastgeber verfolgten 5000 Men- schen im Stadion, fast nur Russen, die ihr Team mit lautem Gegröhle anfeuerten, die Deutschen ausbuhten. „Unser Zurufen klappte wegen des Krachs nicht, wir haben kaum den Schiri gehört.“ Die Deutschen verloren das Spiel, ebenso das gegen Schweden, gewannen gegen die Japane- rinnen und landeten letztlich auf Platz sieben. „Dabei sein ist alles“, stellt Jacqueline Janzen fröhlich fest, die stolz auf ihre Olympia-Teilnah- me ist. „Ich habe viel gelernt, es war eine Erfah- rung fürs Leben.“ Zurück in die Schule – das Abitur nachholen Die junge Frau ist pragmatisch genug, um ihre Zukunft nicht darauf aufzubauen. Im Gegensatz Am liebsten Ort – auf dem Villinger Münsterplatz. zu männlichen Eishockey-Cracks können die weiblichen nicht vom Sport leben. „Wir haben leider zu wenig Zuschauer und also auch zu we- nig Sponsoren. Bei uns kommt es mehr auf Taktik und Technik an, die Männer spielen schneller und aggressiver.“ Nach zehn Jahren Leistungssport hatte Jacqueline Janzen das Bedürfnis nach Distanz. Beim Grübeln über ein Leben ohne Eishockey fiel ihr wenig ein. „Ich hatte kein Zeit, andere Inter- essen zu entwickeln. Das große Ziel hat viel ver- langt.“ Jetzt hat sie ein vorläufiges Ziel – das Abitur – und ist auf der Suche nach neuen Perspektiven. Der Abstand zum Leistungssport tue gut, sie genieße es, keine Erwartungen befriedigen zu müssen, ohne den Druck zu leben. „Keine Lust ist im Spitzensport kein Argument.“ Eine Rück- kehr in den Nationalkader hält Jacqueline Janzen nicht für ausgeschlossen, planen will sie nichts. „Ich muss erst einmal herausfinden, wozu ich sonst noch tauge und wo ich gebraucht werden könnte.“ Erstmals ist berufliche Orientierung ein Thema für die bescheidene, bodenständige Spitzensportlerin. Bei aller Ungewissheit über ihre weitere Entwicklung steht für sie eines fest: „Wie wichtig mir meine Heimat ist, hätte ich oh- ne Sotschi nicht gewusst.“ 59


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Sabine Grässlin – Köchin und Kunstsammlerin „St. Georgen ist meine Heimat. Ich mag die Jahreszeiten – auch den Winter.“ von Nathalie Göbel mit Fotos von Stephanie Kiewel Diese Salatsauce. Würzig-frisch bedeckt sie die Blättchen und mit dem Brot lassen sich zum Glück auch noch die letzten Reste vom Teller auftunken. Was darin ist? Viele Gäste im „Kippys“, dem Restaurant von Sabine Grässlin in St. Georgen, wollten das schon wissen. Die Köchin lacht. „Ganz normales Öl, Kräuteressig, und eben Kräuter, die ich gerade in der Küche habe. Oder auch mal ein bisschen geriebener Ingwer.“ So einfach, so lecker. Alltägliches zur Kunst zu erheben, liegt bei ihr in der Familie. Die Grässlins selbst wohnen nicht einfach nur in St. Georgen. Das Haus von Mutter Anna beherbergt ihre Privatgalerie, bei Sabine Grässlin begrüßen einen schon im Treppenhaus Ausstellungsplakate, beim Naturswimmingpool im Garten steht Martin Kippenbergers „Insel- buch“: Ein roter Frosch in grünem Nikolausman- tel. Zwei Meter hoch, aus lackiertem Alumini- umguss, sitzt er unter einer Laterne – sitzt und liest. Kippenberger, 1997 verstorbener Künstler und enger Freund der Familie (siehe Almanach 2014), ist der Namenspate für Sabine Grässlins Restaurant „Kippys“. Die familieneigene Sammlung zeitgenössi- scher Kunst mit jährlich wechselnden Ausstel- lungen lockt regelmäßig internationales Publi- kum in die Bergstadt. Auch Sabine Grässlin liebt Kunst – die zeitgenössische ebenso wie Werke von Picasso oder Monet. Ihr Leben aber, sagt Sabine Grässlin, ist das Kochen. „Die wird mal Wirtin“, hatte ihr 1976 verstorbener Vater Dieter schon früh vorausgesagt. Sie hat es von der Pike auf gelernt, im Konstanzer Stephanskeller von Bertold Siber, der mit 18 Punkten im Gault-Millau und einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Dennoch, in Küchen herrscht ein rauer Ton, das 60 ist auch bei Sterneköchen nicht anders. Sonst würden die zeitlich perfekt abgestimmten Ab- läufe wohl auch nicht funktionieren. „Dadurch, dass ich nicht mehr direkt von der Schule kam, habe ich mich schnell daran gewöhnt“, sagt sie rückblickend. Lehre bei einem deutschen Spitzenkoch Noch während ihrer Schulzeit wurde Sabine Grässlin schwanger. Tochter Katharina ist heu- te 37 Jahre alt, nach ihrer Geburt holte Sabine Grässlin die Mittlere Reife nach. Den Konstanzer Stephanskeller besuchte die Familie oft zum Es- sen. Als er nach einer Lehrstelle für Sabine gefragt wurde, sei Siber zunächst erschrocken gewesen. „Da kommt so eine junge Frau aus ‚gutem Haus’ mit Stöckelschuhen und Nagellack und will Kö- chin werden“, sagt Sabine Grässlin und lacht. Oh- ne Nagellack, dafür mit flachen Schuhen, begann die heute 54-Jährige ihre Lehre. Eine harte Zeit, sagt sie rückblickend. 60- und 70-Stunden-Wo- chen sind in der Gastronomie keine Seltenheit. Ihre Tochter Katharina wurde von Oma Anna gehütet. Bis heute haben die beiden eine ganz besondere Bindung, sagt Sabine Grässlin. Katha-


Sabine Grässlin in der Küche des Restaurants „Kippys“. 61


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Sabine Grässlin liebt Blumen und Kunst – rechte Seite: Bei den Vasen handelt es sich um eine Installation von Tobias Rehberger, jede Vase steht für ein Familienmitglied. rina kam zwei Monate nach dem plötzlichen Tod ihres Großvaters, des erst 50-jährigen Die- ter Grässlin zur Welt. Ein schwerer Schlag für die ganze Familie, besonders für Anna Grässlin. Man habe sich zusammengerappelt, so gut es eben ging, sagt Sabine Grässlin. Dieter und Anna Grässlin hatten viel Energie in die 1956 gegründete Firma für Feinwerktech- nik gesteckt. „Gerade in den Anfangsjahren leb- ten wir in wirklich bescheidenen Verhältnissen“, erinnert sich Sabine Grässlin. Fleischgerichte gab es höchstens einmal bei der Großmutter und während andere Kinder mit den Eltern in die Ferien fuhren, freuten sich die Grässlin-Kin- der auf Schulausflüge oder Ausfahrten mit dem Chor. „Dennoch hatten wir eine Bilderbuch-Kind- heit“, sagt Sabine Grässlin. Noch heute erinnert sie sich daran, wie Vater Dieter mit ihr und den Geschwistern aus Spaß die Wände des Esszim- mers mit Postern aus der Zeitschrift „Das Tier“ tapezierte, während Mutter Anna verreist war. Diese Unbeschwertheit war mit dem frühen Tod des Vaters erst einmal vorbei. „Meine Mutter hätte es verstanden, wenn ich die Lehre abgebro- chen hätte, aber ich habe es durchgezogen“, sagt Sabine Grässlin. Ihrem ehemaligen Chef Bertold Siber ist sie bis heute dankbar. Er war es auch, der sie seinem Freund Eckart Witzigmann empfahl. Witzigmann, 1994 vom Gault-Millau zum „Koch des Jahrhunderts“ geadelt, betrieb damals in München das „Aubergine“ – und wollte eigent- lich keine Frauen in der Küche. Sabine Grässlin aber wollte er – und so arbeitete sie ein Jahr lang 62 in dem renommierten Restaurant, wo kein Teller die Küche verließ, der nicht von Witzigmann per- sönlich kontrolliert worden war. „Das war eine sehr lehrreiche Zeit“, sagt sie. Das erste „Kippys“ entsteht am Bärenplatz Bis zur Eröffnung eines eigenen Restaurants soll- te es aber noch eine Weile dauern. Nach einer weiteren Ausbildung zur Werbekauffrau hat Sa- bine Grässlin bis zu dessen Verkauf 16 Jahre lang im elterlichen Unternehmen gearbeitet – auch, um mehr Zeit für ihre Tochter zu haben. Das Ko- chen aber hat sie nie losgelassen. Nach dem Ver- kauf des Familienunternehmens beschloss Sabi- ne Grässlin, ihre Leidenschaft wieder zum Beruf zu machen. Das erste „Kippys“ wurde eröffnet, damals noch am St. Georgener Bärenplatz. Etwas Bistroartiges sollte es sein. „Aber es hat sich bald gezeigt, dass Kochen mein Ding ist und sich das Ganze zum Restaurant entwickelt.“ Seit mittlerweile acht Jahren ist das „Kippys“ nun deutlich größer und befindet sich direkt ne- ben dem Kunstraum Grässlin, dem Mittel- und Ausgangspunkt der wechselnden Ausstellungen, die sich über das ganze Stadtgebiet erstrecken. Leer stehende Geschäfte gehören dabei zum Konzept „Räume für Kunst“ – in den Schaufens- tern zeigt die Familie Exponate, die alleine oder bei geführten Touren besichtigt werden können. Im „Kippys“ ist Sabine Grässlin ihre eigene Che- fin – und steht auch selbst in der Küche. Rührt


Sabine Grässlin vor Werken von Martin Kippenberger. 63


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Salatdressing und Saucen an, experimentiert mit neuen Rezepten. Und das Gemüse wird selbst ge- schält, aus Fleischresten und Knochen Fond ge- kocht. Authentizität und die Liebe zum Produkt sind ihr wichtig. Regionales und handgemachtes Essen Regional soll das Essen sein – und handgemacht. Salat putzen bedeutet für sie, jedes Blatt in die Hand zu nehmen, das Gemüse wird selbst ge- schält, aus den Abschnitten wird Fond gekocht. Fertigprodukten, wie sie längst auch im Groß- handel für Gastronomie angeboten werden, kann sie nichts abgewinnen. „Man wird doch wohl noch Kartoffeln schälen können.“ Die Gäste im „Kippys“ schätzen ihre Experi- mentierfreude ebenso wie die ganz normalen Gerichte, die es auf der kleinen, aber feinen Karte gibt. Darauf findet sich auch mal Bratwurst mit natürlich hausgemachtem Kartoffelsalat, eben- so wie handgemachte gefüllte Pasta „Von der Sterneküche bin ich weg“, sagt Sabine Grässlin über ihre Art zu kochen. Sie schätzt es, wenn Kol- legen „Bodenständiges zu etwas Gigantischem“ werden lassen. Für sich selbst kocht sie bevor- zugt einfach: Salat, dazu ein Stückchen Fleisch, auch mal Nudelauflauf oder Pellkartoffeln mit Quark nach dem heißgeliebten Rezept von Mut- ter Anna. Sammlung des deutschen Informel Mit der Mutter zusammen ist Sabine Grässlin auch häufig in Sachen Kunst unterwegs – zum Beispiel auf der Art Basel. In den 1970er Jahren hatten Dieter und Anna Grässlin begonnen, Wer- ke des deutschen Informel zusammenzutragen und damit den Grundstein für die Sammlung Grässlin gelegt. Nicht selten schmückten Ausstellungspla- kate die Kinderzimmer von Bärbel, Thomas, Sabine und Karola Grässlin. „Uns Kindern hat auch nicht alles gefallen“, sagt Sabine Grässlin schmunzelnd. Dadurch, dass viele Künstler und Galeristen im Hause Grässlin ein und aus gingen, 64 entwickelten die Kinder schon früh einen Bezug. „Kunst und Sammeln – das war generell ein The- ma bei uns.“ So verwundert es wenig, dass die Grässlins neben der Kunst noch weitere Sammelleiden- schaften hegen: Thomas Grässlin sammelte jah- relang die Figuren aus Überraschungseiern, Bär- bel Grässlin hat ein Faible für Bauernsilber, bei Karola Kraus, geborene Grässlin, sind es Espres- sotassen und Sabine Grässlins Herz schlägt für Frösche. Porzellan, bemalt mit Fröschen, Tischde- cken, Figuren, Kaffeebecher, Poster, Plüschtiere, Christbaumschmuck, Teppiche, alte Illustratio- nen vom Flohmarkt – mehr als 2.000 Exponate rund um die grünen Hüpfer hat sie im Laufe der Jahre zusammengetragen und geschenkt be- kommen. Der Traum vom eigenen Froschmuseum Zu sehen sind diese in einem eigenen kleinen Museum in einem ehemaligen Laden, einen Steinwurf vom Kunstraum Grässlin entfernt. Den Fröschen würde Sabine Grässlin am liebs- ten eines Tages ein eigenes Museum bauen. „Ich träume von einem Riesenfrosch als Gebäude“, sagt sie. „Das wäre doch mal eine Attraktion.“ Und wo könnte das Frosch-Haus stehen? Na- türlich in ihrer Bergstadt. „St. Georgen ist mei- ne Heimat. Ich mag die Jahreszeiten, auch den Winter. Ich bin nicht die große Reisende.“ So verwundert es wenig, dass sie ihren Urlaub am liebsten zu Hause verbringt – zum Beispiel an ih- rem Natur swimmingpool, mit einem guten Buch neben Martin Kippenbergers Frosch−Skulptur. Sabine Grässlin liebt Frösche und träumt vom eige- nen Froschmuseum. Ihr liebster Platz ist die Bank am Naturswimmingpool mit Blick auf Martin Kippenber- gers Frosch-Skulptur.


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Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Jan Cebulla – ein Leben im Rollstuhl und doch offen und fröhlich Musik und Video-Produktionen sind seine große Leidenschaft von Susanna Kurz Wenn Jan anfängt zu erzählen, dann ist ihm die Aufmerksamkeit seiner Gesprächspartner sicher. Sie lachen, sie strahlen ihn an und hören ihm gebannt zu. Denn der 16-jährige Bad Dürrheimer hat immer einen kessen Spruch auf den Lippen und fesselt sein Gegenüber durch seine offene, lustige, unbeschwerte und durchweg fröhliche Art. Eigentlich nichts Ungewöhnliches für einen Jugendlichen. Doch es ist genau das, was die Leute begeistert, denn sie hätten womöglich etwas anderes erwartet. Jan Cebulla sitzt seit seiner frühesten Kindheit im Rollstuhl. An welcher Krankheit er leidet, möchte er nicht geschrieben wissen. Viel lieber spricht er über das, was ihm richtig Freude bereitet, was für ihn Wohlfühlen be- deutet, Geborgenheit und damit Heimat: seine Musik. Seit zwei Jahren spielt Jan elektrisches Schlagzeug, Gitarre und ab und zu Keyboard. Und Jan singt mit Begeisterung. „Mir gefällt es, dass Musik für jeden da ist und dass jeder Musik ma- chen kann. Wenn ich Musik mache, bekomme ich den Kopf frei und kann den Alltag vergessen.“ Zu- sammen mit seinem Musiklehrer Thomas Groß übt er in seinem heimischen Zimmer und be- kommt von ihm alle erdenkliche Unterstützung, seinem großen Hobby nachzugehen. „Einmal in der Woche kommt mein Musiklehrer zu mir“, berichtet Jan. Dann sitzen die beiden nicht stur nebeneinander und üben strikt, nein, sie machen Musik und nehmen diese auf Video auf. An dieser Stelle schließt sich Jans zweites Hobby an: die Videoclip-Produktion. Unter dem Namen „Jans Houserock“ stellt er die Videos, die er mit seiner Handykamera aufnimmt, bei Youtube auf dem gleichnamigen Kanal ein und postet sie auf seiner Facebook- und Internetseite. Mit Erfolg. Teilweise kann er bis zu 2.000 Aufru- 66 fe pro Video verzeichnen. „Der Name Houserock kommt nicht etwa daher, dass ich gerne House- musik mag. Nein, ich höre viel lieber Rock, Metal und Pop“, erzählt er schmunzelnd. Jan hat sich den Namen ausgesucht, weil er die Musik von Zuhause aus macht. Dass er anderen mit seiner Musik so viel Freu- de bereitet, ist für Jan großartig. Aus allen Rich- tungen bekommt er positive Rückmeldungen da- rauf, selbst der Partner seiner Schwester wurde bei der Arbeit auf die Musikvideos angesprochen. Das macht Jan stolz, denn: „Ich produziere alles in Eigenregie“. Fast jede Woche stellt der 16-Jährige einen Clip fertig, knapp 15 sind es an der Zahl. Und wieder ist diese Leidenschaft mit einem weite- ren Hobby des Bad Dürrheimers kombiniert: der Technik. Kameras, Smartphones, Smartwatches, Apps sind das, womit er sich perfekt auskennt. Sämtliche Kameramodelle, Funktionen und Knif- Jan Cebulla sitzt seit seiner frühesten Kindheit im Rollstuhl, hat sich aber seine Lebensfreude bewahren können. Daheim ist er in Bad Dürrheim.


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Da leben wir – Schwerpunkt Heimat „Jans Houserock“ – Blick auf die Facebookseite. fe sind ihm alles andere als fremd, Bildbearbei- tung und Fotografieren machen ihm Spaß. Auf eine professionelle Kamera spart der 16-Jährige, solange nutzt er seine Kompaktkamera und kit- zelt aus ihr die besten Tricks heraus. Als „Sommerreporter“ unterwegs „Ich könnte mir gut vorstellen, später einmal Me- diengestalter zu werden“, erzählt Jan bei einem Glas Eistee. Oder Journalist. „Die Geschichten an- derer Menschen zu erzählen finde ich toll.“ Und seine Meinung sagen zu können, lockt ihn. „Ich erlebe gerne Neues und habe gerne Abwechs- lung.“ Sein Berufsziel hat er fest vor Augen. Aus diesem Grund wird er zum Schuljahr 2015/16 die Christy-Brown-Schule in Villingen verlassen und wird seinen Realschulabschluss an der Realschu- le am Salinensee in Bad Dürrheim machen. „Und danach will ich Germanistik studieren. Deutsch zählt neben Schwimmen und Englisch zu meinen Lieblingsfächern in der Schule.“ Um seinem Berufswunsch näher zu kom- men, absolvierte Jan Cebulla bereits Praktika bei Tageszeitungen – und die Stadtverwaltung Bad Dürrheim hat ihn mit einer ganz besonde- 68 ren Aufgabe betraut: Jan wurde während der vergangenen Sommerferien zum sogenannten „Sommerreporter“ ernannt. Hierbei suchte der 16-Jährige zusammen mit der städtischen Behin- dertenbeauftragten Hannelore Prochnow und dem Bad Dürrheimer Fotograf Peter Sterk an drei Tagen verschiedene Stationen auf und do- kumentierte die Barrierefreiheit – oder die eben noch nicht optimierten Wege und Stellen in der Kur- und Bäderstadt. „Die Ergebnisse habe ich in einem Bericht niedergeschrieben, Peter Sterk hat mir die Fotos zur Verfügung gestellt und den ganzen Bericht haben wir dann im Bilderbuch- café der Gruppe ‚Handicap aktiv‘ vorgestellt“, erzählt er. „Ich wollte auch gerne während der Ferien arbeiten, aber wusste nicht wo und nicht wie.“ Daher freute er sich umso mehr über das Reporterangebot. Besonders gerne im Kurpark Seit vier Jahren lebt Jan Cebulla nun in Bad Dürr- heim, aufgewachsen ist er in Bräunlingen. Seine Freizeit verbringt der 16-Jährige am liebsten drau- ßen an der frischen Luft. „Besonders gerne zu- sammen mit meinem Kumpel im Kurpark.“ Denn dort, so sagt er, habe er an einem lauschigen Plätzchen nahe des Festplatzes seine Ruhe. Die Blicke mancher Passanten empfindet Jan als stö- rend und als nervend. Darum schätzt und genießt er diesen lauschigen Platz. Aber wenn er dann Lust auf Action hat, geht’s zum Skatepark nahe der Bohrtürme beim Minara-Freibad. Über die wellenförmigen Hindernisse lässt er sein fernge- steuertes Modellauto flitzen – und manchmal be- festigt er sogar eine kleine Kamera darauf. Dann ist er, wenn auch im Nachhinein am Computer, live dabei bei der wilden Fahrt. Je nach Zeit und Laune besucht Jan auch mal mit seinen Freunden das Jugendhaus im Alleenweg. Und er vertreibt sich seine Zeit gerne mit Lesen. „Am liebsten mag ich ‚Gregs Tagebuch‘, ein Comicroman.“ Es gibt aber auch Dinge, die Jan gar nicht lei- den kann. „Ich mag es überhaupt nicht, wenn je- mand falsch und hinterlistig ist!“ An allererster Stelle stehen für den 16-Jährigen nämlich Ehr- lichkeit und der loyale Umgang miteinander.


Daumen hoch für Jan – unterwegs als „Sommerreporter“. Die Rose schenkt er seiner Mutter (rechts). XXX 69


Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Kai und Rik Sauser: Wenn es ums Rad geht, sind sie in ihrem Element Die Brüder organisierten bereits hunderte von erfolgreichen Veranstaltungen von Michael Kienzler Noch hält sich der Nebel zäh in den Straßen von Bad Dürrheim. Die ersten Aussteller beim RiderMan beginnen mit dem Aufbau. Von Radfahrern noch keine Spur. Dafür von den beiden Organisatoren Kai und Rik Sauser. Auch wenn an diesem Morgen viele Helfer unterwegs sind, packen die Brüder mit an wo es geht. Kai befestigt einen Werbebanner und Rik telefoniert nahezu ununterbrochen, zeigt Leuten, was sie zu tun haben. Doch von Hektik keine Spur, in aller Ruhe und immer wieder mit einem freundlichen Lächeln geben sie den Radfahrern Auskünfte. Da bleibt noch Zeit, um drei Minuten vor dem Start ein Pressefoto zu machen. Die Ruhe und Übersicht kommt nicht von unge- fähr. Schließlich organisieren die beiden Ober- baldinger schon seit vielen Jahren erfolgreich Radsport- und Kultur-Großereignisse. Da wird man gelassener. Doch diese Karriere war alles andere als geplant und entstand aus einer spon- tanen Idee im Biergarten von Donaueschingen. Nach Radgrößen der 60er Jahre benannt Der Radsport liegt in der Familie Sauser und hat das Leben der drei Brüder immer bestimmt. „Mein Vater war radsportverrückt im positiven Sinne, das merkt man alleine schon an unse- ren Vornamen. Ich heiße nach Radgrößen aus den 60er Jahren, da gab es beispielsweise Rik Van Looy oder Rik Van Steerberghen und unser jüngster Bruder Eddy wurde nach Eddy Merckx benannt“, erklärt der 47-jährige Rik Sauser. „Und ich hätte eigentlich nach dem belgischen Rad- rennfahrer Patrick Sercu getauft werden sollen, aber da meinte meine Mutter dann, nicht schon wieder ein Radfahrer und man einigte sich kurz 70 vor der Namensgebung auf Kai“, wirft der jüngs- te der Sauser-Brüder schmunzelnd ein. „Und weil ich nicht nach einem Radfahrer benannt wurde, bin ich auch der einzige, der nie aktiv Rad gefah- ren ist“, rechtfertigt sich der 38-Jährige. Die bei- den verstehen sich ausgezeichnet. „Das muss so sein, ansonsten könnten wir die vielen Aufgaben gar nicht meistern“. Mit acht durfte Rik erstmals bei einer Rad- Weltmeisterschaft in Belgien zuschauen. 1977 begann er Radrennen für den Radsportverein Schwenningen zu fahren, Bruder Eddy ein Jahr später. „Und Kai ging immer mit und war unser größter Fan“, lacht Rik. Von März bis Septem- ber reisten die Radbegeisterten Jahr für Jahr in Sachen Radsport durch Europa. Dazu zählten über zehn Weltmeisterschaften und noch mehr Reisen zur Tour de France. „Eine Zeit lang haben wir sogar Reisen zur Tour organisiert, doch es Rik (links) und Kai Sauser – die Baaremer Brüder sind vom Radsport begeistert und Veranstalter etlicher Rennen und Events.


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Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Rik Sauser im Gespräch mit Radsportlegende Erik Zabel. Rechts: Die Sauser Brüder freuen sich einmal mehr über ein perfekt organisiertes, gelungenes Event. wurde zusehends schwieriger, geeignete Unter- künfte zu finden“, berichtet Kai Sauser. Rik ging mit 17 zur Polizei, das war 1984. Ab diesem Zeit- punkt legte er in Sachen Radsport bis 1994 eine „schöpferische Pause“ ein. Kai zog es in das Bank- wesen, dort absolvierte er bei der Sparkasse ein duales Studium. Dann kam das Jahr 1998. „Mir war bissel langweilig und Rik in seinem Schicht- dienst auch“. An jenem Abend im Herbst saßen die beiden Brüder im Biergarten von Donau- eschingen und sinnierten darüber, dass man ir- gendetwas auf die Beine stellen müsste. Die Schwenninger Radnacht und der Sparkassen-Cup werden geboren „In der Innenstadt von Schwenningen gab es in den 60er- und 70er-Jahren immer ein Radrennen, Ende der 70er-Jahre bin ich da selbst noch mitge- fahren und hab den Wettbewerb gewonnen“, er- innert sich Rik. „Wir sagten uns, hey, da könnten wir doch mal wieder was machen, zumal zu der Zeit der Hype um Erik Zabel und Jan Ullrich war. So wurden die Schwenninger Radnacht und der Sparkassen- Cup geboren. Gerne erinnern sich die beiden an die äußerst erfolgreichen Rennen mit 72 über 15.000 Zuschauern, die Zabel & Co. bei ihren Runden durch die Schwenninger Innenstadt an- feuerten. „Ich werde nie vergessen, wie Kai noch im schwarzen Anzug vom Tieflager Gitter abge- laden hat“, lacht Rik. „Am Abend waren wir durch den Wind, aber happy“, meint Kai. Es dauerte nicht lange, dann durften die Sau- sers auch den RiderMan in Bad Dürrheim organi- sieren. Am Anfang noch arbeitete das Team von zuhause aus. Doch schnell merkte man, dass pro- fessionelle Strukturen her müssen. „Wir eröffne- ten dann Anfang 2000 das Büro in der Oberdorf- straße in Schwenningen“, erinnert sich Rik. Der Startschuss für die heutige Sauser Sport & Event Management Agentur war gefallen. Anfang 2001 kamen gleich die Deutschen Meisterschaften in Bad Dürrheim, die Jan Ullrich gewann. Zunächst wurden der Sparkassen-Cup, der RiderMan und die Deutschen Meisterschaf- ten organisiert. Ab 2002 gesellten sich eigene Veranstaltungen hinzu, so der GP Schwarzwald von Bad Krozingen auf den Feldberg. Gerne er- innern sich beide an den GP Schwarzwald in Triberg, als es einen Riesen-Hype um Jan Ullrich gab, sieben Kamerateams, viele Fotografen und Fans wollten den damaligen Radstar sehen. Mit der Schwenninger Radnacht und dem GP Schwarzwald gibt es im Landkreis zwei überregional beachtete Radsportevents. Beim GP Schwarzwald war 2005 Jan Ullrich am Start (Mitte rechts). Der GP Schwarzwald führt auch durch Schonach.


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Da leben wir – Schwerpunkt Heimat Hilfe der Familie, von Freunden und Bekannten machen Großveranstaltungen erst möglich Rik und Kai stellen klar, dass derartige Großver- anstaltungen ohne die Hilfe der Familie, von Be- kannten, Freunden und befreundeten Radsport- lern nicht funktioniert hätten und auch heute noch diese gute Zusammenarbeit die Vorausset- zung für erfolgreiche Rennen ist. „Alleine beim RiderMan brauchen wir 250 Streckenposten plus etwa 80 Leute in der Organisation“, rechnen die beiden vor. Weitere Wettbewerbe kamen hinzu, so 2005 der GP Triberg, den Trans Schwarzwald mit Mountainbikes durch den Schwarzwald, die Inline-Challenge in Hüfingen oder der Bodensee Megathlon in Radolfzell. „Wir haben immer ge- schaut, was könnte man sonst noch auf die Bei- ne stellen“. Gesagt, getan. Es folgten der Donau- eschinger Herbstzirkus, die Rock‘n Roll Jamboree, oder als Kooperationen die Jazz-Nacht oder das Herbstfest, allesamt in Donaueschingen. Mit im engeren Organisations-Team arbeiten seit vielen Jahren „Ursel“ Sauser, die Frau von Rik, als „Mädchen für alles“ und Carina sowohl im Eventbereich, als auch im Ladengeschäft in Villingen mit. „Wir ergänzen uns perfekt, Rik übernimmt schon von je her die Aufgaben nach außen hin, während ich lieber im Hintergrund arbeite“, erklärt Kai. Kaum Zeit zum Ausruhen: Neue spannende Aufgaben warten schon Beim Stichwort Urlaub grinsen die beiden, „naja zumindest im Sommer gibt es den eher weniger“. Organisiert werden muss das ganze Jahr, selbst im Winter bleibt kaum Zeit zum Ausruhen. „Das ist mittlerweile ein Ganzjahresgeschäft“, räumt Rik ein. Aber die Brüder sprühen trotzdem noch vor Tatendrang und haben noch die ein oder an- dere Idee in der Schublade. Eine spannende Auf- gabe wartet nächstes Jahr auf die Eventagentur. „Wir sind ab 2015 in die Tour de Suisse involviert und organisieren dort ein neues Jedermannren- nen im Rahmen dieses größten Radsportereig- nisses in der Schweiz“, erläutert Rik. „Wir freuen uns sehr auf die neue Aufgabe, das wird klasse“, 74 Mit vielen, vielen Events mehrere hunderttausend Zuschauer begeistert Seit der Gründung im Jahr 1999 hat Sauser Sport & Event Management Agentur viele hundert Veranstaltungen erfolgreich durch- geführt und mehrere hunderttausend Zu- schauer begleiteten zahlreiche Weltstars bei ihren Auftritten. Hier eine Auswahl: in VS und Bad Dürrheim • Schwenninger Radnacht • SparkassenCup in Villingen-Schwenningen • Rothaus RiderMan in Bad Dürrheim • Lokale Organisation der Deutschland Tour • Deutsche Straßen-Radsportmeisterschaften der Profis und Frauen in Bad Dürrheim • Qowaz-Inline-Challenge in Hüfingen • Deutsche Straßen-Bergmeisterschaften • GP Schwarzwald in Triberg, Bad Krozingen und auf dem Feldberg • EUROBIKE Altstadtkriterium in Ravensburg • VAUDE Trans Schwarzwald in Baden-Württemberg in Albstadt ergänzt Kai. Nach einigen Krisenjahren boomt der Radsport wieder, das beobachteten die bei- den zuletzt bei vielen Rennen. Die Familie stammt aus Oberbaldingen. Kai ging aber schon immer in Donaueschingen zur Schule, daher komme sein guter Draht zu die- ser Stadt und deshalb ist auch das Büro dort. Die Brüder waren auch schon einige Zeit in Stuttgart beruflich tätig, konnten sich aber nie vorstellen, von hier wegzugehen. Beide Familien sind sehr heimatverbunden und fühlen sich in der Region pudelwohl. Natür- lich kennen die Brüder dadurch auch viele tol- le Plätze. „Ich könnte 1.000 schöne Flecken im Landkreis aufzählen, der schönste ist wohl bei mir zuhause im Garten in Weilersbach“, scherzt Rik weiter. Mir gefallen Aussichten, so wie auf dem Brend oder vom Feriendorf in Öfingen aus. „Aber auch auf dem Schellenberg ist es herrlich“, fügt Kai hinzu, der in Donaueschingen lebt.


Oben: Alles im Griff – Rik Sauser als Rennleiter beim RiderMan 2014 in Bad Dürrheim. Unten: Siegerehrung beim GP Schwarzwald in Triberg, v. links Kai Sauser, Trachtenmädchen, Tribergs Bürgermeister Dr. Gallus Strobl, die Etappensieger Matija Kvasina (Kroatien), Radoslav Rogina (Kroatien) und Peter Velits (Slowenien) sowie rechts Rik Sauser. XXX 75


3. Kapitel Städte und Gemeinden Hüfingen bietet im Herzen der Baar viel Lebensqualität Die alte Stadt an der Breg baut ihre Markenzeichen „Ökologie, Geschichte, Kunst“ weiter aus von Stefan Limberger-Andris 76 76


Hüfingen auf der Baar – eine geschichtsträchtige Stadt, die sich in den vergange- nen Jahrzehnten zusammen mit den fünf Stadtteilen Hausen vor Wald, Mundel- fingen, Behla, Sumpfohren und Fürstenberg zu einem kulturellen, ökologisch und wirtschaftlich richtungsweisenden Standort entwickelt hat. „Ökologie, Geschichte, Kunst“ sind vom Gemeinderat und der Bevölkerung gelebte Markenzeichen. Nicht umsonst heißt es „in Hüfingen lässt sich’s gut leben“: Seit dem Jahr 2010 wird dies auch durch die Auszeichnung „Staatlich anerkannter Erholungsort“ dokumentiert. x 77


Städte und Gemeinden 78 Römertheater, Töpfermarkt oder Fronleichnamsfest – Hüfingen ist eine vielgestaltige Stadt. Dass Hüfingen so viel Flair hat, ist nicht nur der Herzlichkeit der Einwohner und den weit ge- spannten kulturellen Angeboten zu verdanken, sondern auch der unter Denkmalschutz stehen- den Altstadt. Ab den 1970er Jahren ist die Ge- bäudesubstanz umfassend saniert worden. Die zunehmend leer stehenden landwirtschaftlichen Gebäude konnte man in attraktive Wohnberei- che umgestalten. Weitere Sanierungsabschnitte waren die Vorderstadt mit den Bereichen Hauptstraße und Süßer Winkel. Derzeit läuft die Sanierung im Bereich Unterstadt, der sich bis zum Bauhof erstreckt. Belebtes Hüfingen Lebensgefühl und Lebensqualität, das schätzen die Hüfinger an ihrer Stadt an der Breg, die ei- ne weit über 2.000-jährige Siedlungsgeschichte aufweist. Ihr kulturelles Erbe, etwa das in den Jahren 1991 bis 1995 sanierte römische Kastell- bad, wurde durch ein optimal angepasstes Infor- mationszentrum für Touristen ebenso wie für die einheimische Bevölkerung zukunftsweisend weiterentwickelt. Das Römerbad, eines der ältes- ten nördlich der Alpen, lädt zur Erkundung durch museumspädagogische Angebote ein. Geschichte lebt und entfaltet ihre größte Kraft in der Belebung. Das ist ein Grundsatz, an dem sich Bürgermeister Anton Knapp seit sei- ner Wahl ins Amt 1988 orientiert. Darin spiegelt sich auch die nach historischem Vorbild erfolgte schrittweise Sanierung der denkmalgeschütz- ten Altstadt in den vergangenen Jahrzehnten. Optimale Voraussetzungen für ein jährliches, bedeutsames Ereignis: die Internationalen Kera- mikwochen Hüfingen. In diesem Jahr zum 24. Mal veranstaltet, lockt die künstlerisch hochka- rätige Veranstaltung mit Töpfermarkt und Aus- stellungen seit 1992 Besucher aus großen Teilen Europas an – ein „Kristallisationspunkt der euro- päischen Keramikkunst“.


Die Hüfinger Kulturnacht, das Hüfinger Som- mertheater, Konzerte, Kleinkunstveranstaltun- gen oder die Jahresausstellung des Hüfinger Künstlerkreises sorgen für weitere von den Ein- wohnern getragene Glanzlichter. Das 2007 eröff- nete Schulmuseum im alten Bahnhofsgebäude und das Museum für Kunst und Geschichte mit regional beachteten Sonderausstellungen und einer Präsentation der Werke des weit über Hü- fingen hinaus bekannten Hüfinger Künstlerkrei- ses (19. Jahrhundert) machen die Kunstwelt noch ein Stück facettenreicher, als sie ohnehin bereits ist. Natürlich wird die historische Innenstadt auch dem weit über die Region hinaus bedeut- samen Blumenteppich gerecht, der an Fronleich- nam gelegt wird. Und Veranstaltungen, wie etwa dem Stadtbächlefest im Sommer oder auch dem Kloosemärt im Dezember, verpasst sie das ge- mütliche Ambiente, das Bevölkerung und Gäste so schätzen. Blick auf Hüfingen und Fürstenberg (hinten rechts). Hüfingen bietet viel Lebensqualität Ökologie und Umweltschutz verpflichtet Ökologie ist ein weiterer Kern der kommunal- politischen Philosophie. Seit mehr als zwanzig Jahren wird auf der Gesamtgemarkung konti- nuierlich Biotopvernetzung betrieben. Verant- wortungsbewusster Umgang mit Natur und vor handenen Baupotenzialen wurde u.a. in Mun del fingen gezeigt. Als „Modellgemeinde für das Entwicklungsprogramm MELAP+“ wird ei- nem ausufernden Landschaftsverbrauch durch Aktivierung innerörtlicher Substanz entgegen gewirkt. Erneuerbare Energien sind in Hüfingen weit mehr als ein Lippenbekenntnis. Dies zeigt sich in den kommunalen Photovoltaik-, Holzhack- schnitzel- und Wasserkraftanlagen, den Block- heizkraftwerken und in der Ausweisung einer Konzentrationsfläche für Windkraftanlagen, der man als Mitglied des Gemeindeverwaltungsver- bandes Donaueschingen nachkam. Anerkennung dieses Engagements sind Auszeichnungen wie bereits 1993 der Umwelt- preis des Landes Baden-Württemberg, 2004


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Ob auf den Radwegen, im aquari oder beim Gleit- schirmfliegen auf dem Fürstenberg – Hüfingen hat einen hohen Freizeitwert. Sehenswert sind auch die Museen. Die Stadtanlage im Miniaturformat ist als viel beachtetes Ausstellungsstück im Museum für Kunst und Geschichte zu sehen. Unten rechts eine historische Unterrichtsstunde im Schulmuseum. das Öko-Audit „Geprüftes Umweltmanagement“ und 2013 als Preisträger im Bundeswettbewerb „kommunaler Klimaschutz“. In der Solarbun- desliga findet sich Hüfingen in der Kategorie Kleinstädte unter den besten 50 in der gesamten Republik. Familienfreundliche Kommune Hüfingens Verwaltung kümmert sich voraus- schauend seit Jahrzehnten um Wirtschaft und Familien. Die Ausstattung der Gesamtstadt mit Kinderkrippen und Kindergärten wurde den Be- dürfnissen nach modernsten Gesichtspunkten angepasst. Dabei spielt besonders in jüngerer Zeit die Schaffung von Kleinkindbetreuungsplät- zen eine große Rolle. Nimmt man das neuerlich mit einem Kostenaufwand von 0,5 Millionen Euro aufgelegte Spielplatzkonzept der Stadt als Maßstab der Kinderfreundlichkeit an, so würde Hüfingen in der obersten Liga ganz vorne mit- spielen. Hier gab der Gemeinderat grünes Licht für ein hohes finanzielles Engagement. Bildung nach modernen Maßstäben ist ein Element, das besonders Bürgermeister Anton Knapp am Herzen liegt. In jungen Jahren war er selbst als Lehrer beruflich unterwegs. Im Sep- tember 2013 ging die Lucian-Reich-Schule als Gemeinschaftsschule mit einem Grundschul- und Mensaneubau in eine viel versprechende Zukunft. 8 Millionen Euro wurden hier inves- tiert. Vor mehreren Jahren wurde an der Luci- an-Reich-Schule bereits die Ganztagesbetreuung eingeführt. Schulsozialarbeit ist in Hüfingen seit dem Jahr 2001 erfolgreich etabliert. Synergieeffekte nutzend, kann der Nachwuchs die im Verbund mit Donaueschingen betriebene Jugendmusikschule sowie eine Jugendkunstschu- le besuchen. Eine etablierte Stadt jugendpflege, ein Hüfingen bietet viel Lebensqualität Die Hüfinger Stadtkirche „St. Verena und Gallus“ ist in einer Urkunde des Konstanzer Bischofs Hermann II. erstmals 1183 urkundlich erwähnt. hochklassiges Kinderferienprogramm sowie ein verlässliches Ferienbetreuungsangebot lassen die Jugend in einem gesicherten Umfeld erwach- sen werden. Das Familienfreizeitbad „aquari“, in den Jahren 2000 und 2010 umfassend sa niert, lässt bei Familien und Saunafreunden kaum ei- nen Wunsch offen. Hohe Zuwachsrate an Wohnraumversorgung Kann es verwundern, dass die Bregstadt mit ei- ner guten Wohnraumversorgung punktet? Wohl kaum. Sinken die Baulandpreise doch für Fami- lien mit zwei oder mehr Kindern durch ein För- derprogramm deutlich ab. Hüfingen hat deshalb bei der Zuwachsrate an Wohnraumversorgung in der Region mit über 35 Prozent deutlich die Nase vorn und liegt auch in Baden-Württemberg sichtbar über dem Durchschnitt. 81


Städte und Gemeinden Blick zur Stadtmühle am Mühlenkanal, deren Wasserrad heute der Stromerzeugung dient, Impression vom Wo- chenmarkt beim Rathaus und malerischer Winkel in der Altstadt. Beeindruckende Natur- und Erholungslandschaft Der Erholungsort Hüfingen setzt auf Konzepte des sanften Tourismus. Zusammen mit Donau- eschingen und Bräunlingen wurde 2012 in ein Radwegenetz der „Quellregion Donau“ inves- tiert. Um die Touristenzahlen zu steigern, hat man Sehenswürdigkeiten geschichtlicher, kultu- reller oder natürlicher Art aufbereitet, verschie- dene touristische Lehrpfade angelegt, Übernach- tungsmöglichkeiten übersichtlich zusammenge- stellt und die KONUS-Gästekarte eingeführt. Großveranstaltungen wie die Heimattage Baden-Württemberg, SWR-Pfännle oder Tour de Ländle steigern permanent den Bekanntheits- grad. Der Wohnmobilstellplatz in unmittelba- rer Nähe zur Kernstadt gibt mobilen Reisenden ideale Möglichkeiten, einen kurzen oder auch längeren Halt einzulegen. Die Stadt bietet auf dem Gelände eine gute Infrastruktur mit Kiosk, Stromversorgung und Toiletten an. Von Hüfingen aus fährt man bequem zum Stadtteil Mundelfingen. Von dort erreichen Wan- derer die wild-romantische Gauchachschlucht. Sie ist ein ideales Ausflugsziel. Die Gauchach ist der bedeutendste Nebenfluss der Wutach und stellt die Verbindung zum 115 Kilometer langen Schluchtensteig her. Die Gauchach hat eine tiefe Schlucht ausgebildet, die geprägt ist von bizarren Felsformationen, Felswänden und Wasserfällen. Diejenigen, die „eher hoch hinaus wollen“, sind auf der Bergkuppe des Fürstenberges gut aufgehoben. Von der 918 Meter hoch liegen- den Erhebung aus hat man einen fantastischen Rundum-Blick auf die Baar. Beeindruckend ist die Sicht hinüber zur jungen Donau bei Neudingen. Und an klaren Tagen sieht man zum Greifen na- he die Alpen. Auf sieben Tafeln des Historischen 82


x Stimmungsvoller Weihnachtsmarkt beim Marienbrunnen am Rathaus. Hüfingen bietet seinen Besuchern zu jeder Jahreszeit viele Attraktionen. Pfades Fürstenberg, der 2012 eingeweiht wurde, werden Geologie, Klima und Pflanzenwelt eben- so erläutert, wie die bewegte Historie der einem Brand zum Opfer gefallenen Stadt und der Burg. Positive wirtschaftliche Entwicklung Ein gut funktionierendes Wirtschaftsleben mit sicheren Arbeitsplätzen ist auch in Hüfingen das kommunale und gesellschaftliche Rückgrat. 40 Prozent mehr Arbeitsplätze und 35 Prozent mehr Einpendler als im Jahr 1991 – das sind Zahlen, die für sich sprechen. Und sie gewinnen an Bedeutung, bedenkt man den gleichzeitigen Rückgang in unse- rer Region und in Baden-Württemberg. Mit 2,5 Pro- zent Rückgang im produzierenden Gewerbe, dem kreis weit geringsten Wert, und einem Zuwachs an Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich von 85 Prozent, steht die Stadt aus gesprochen gut da. Dass die Entwicklung weiter positiv verläuft, da- für soll der Beitritt Hüfingens zum Zweckverband „Breitbandversorgung Schwarz wald-Baar“ sorgen. In kommunaler Regie wird ein Glasfaser-Höchst- geschwindigkeitsnetz entstehen. Dies wird nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für Privat- haushalte ein wichtiger Standortfaktor. Dass Hüfingen auf Familien anziehend wirkt, ist im Hinblick auf die Entwicklung der vergange- nen zweieinhalb Jahrzehnte nur folgerichtig. Über 7.500 Einwohner, knapp 15 Prozent mehr als vor 25 Jahren und 40 Prozent mehr Wohngebäu- de sind zahlenmäßig eine eindrucksvolle Bilanz. Bürgermeister Anton Knapp prägte das Gesicht der Stadt in den 25 Jahren seiner Amtszeit maß- geblich. In seiner vierten Amtsperiode möchte Anton Knapp bis 2016 weiter an diesem „Lebens- werk“ bauen: „Ich spüre noch das Feuer in mir.“ 83


Städte und Gemeinden Städte und Gemeinden Königsfeld – Ort der zarten Melancholie „Ich liebe Königsfeld. Es ist ein Platz der Meditation, der Grazie und der zarten Melancholie“, schrieb der inzwischen verstorbene Rhetorik-Professor Walter Jens anno 1966 in der „Zeit“. von Stephanie Wetzig 84


Wer heute nach Königsfeld kommt, verspürt dieses Flair noch immer. Gelegen auf einem Hochplateau mit freiem Blick von vielen Stellen der Ortsteile zur Schwäbischen Alb im Osten und mit einem Schutzgürtel aus rund 1700 Hektar Wald gegen das raue Wetter aus dem Schwarzwald, ist der Kurort eine Insel der Ruhe, die auch der Ehrenbürger der Gemeinde, der Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, zu schätzen wusste. Hier baute er 1923 für seine Familie ein Haus als Rückzugsort, in dem auch er selbst zwischen seinen Ein- sätzen in dem gemeinsam mit seiner Frau Helene gegründeten Hospital in Lambarene Kraft schöpfte. Bis heute sind Schweitzers Spuren in Königsfeld allgegenwärtig. Nicht nur in dem bis 1957 vor allem von Helene und Tochter Rhena bewohnten Haus östlich des Doniswaldes, in dem die Gemeinde und ein engagiertes Team aus 30 Ehrenamtlichen des Historischen Ver- eines die Erinnerung an den „Urwalddoktor“ aufrecht erhält. Auch wird in Königsfeld alle drei Jahre ihm zu Ehren ein Internationaler Preis für außerordentliches humanistisches Engage- ment im Sinne Albert Schweitzers verliehen. 85


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Industrieansiedlungen sucht man hier verge- bens, was dazu führt, dass Königsfeld vor Fi- nanzausgleich die einkommensschwächste Ge- meinde des Schwarzwald-Baar-Kreises ist. Dafür wuchert der bekannte Kurort mit dem Pfund der weitgehend intakten Natur und seinem ökolo- gischen Profil: Heilklimatischer Kurort, Kneipp- kurort, Klimaschutzkommune, Naturwald-Ge- meinde, Energiesparkommune, Solar-Kommune, Zeitkurort – im Laufe der Jahre haben sich eine Vielzahl hochwertiger Prädikate angesammelt, die den Anspruch und Charakter der innovativen Tourismus-Destination definieren. Die Bewah- rung der Schöpfung sieht Bürgermeister Fritz Link als ein zentrales Thema der Bevölkerung, die deshalb auch ökologische Projekte über alle Gremien hinweg mitträgt – gleichsam im Kern- ort wie in den Ortsteilen. Vielgestaltige Naturlandschaft Königsfeld liegt inmitten einer vielgestaltigen Naturlandschaft. Nicht nur in den Ortsteilen Buchenberg, Burgberg, Erdmannsweiler, Neu- hausen und Weiler grenzen viele Gärten direkt an den Wald oder das freie Feld. Ein engmaschi- ges Netz an ausgeschilderten Wanderwegen, Radwegen und Loipen bietet zu jeder Jahreszeit Gelegenheit, die therapeutisch wertvolle Luft zu tanken. Die immer beliebter werdenden E-Bikes können an zwei Solartankstellen aufgeladen werden und trotz der üppigen Natur außerhalb der Ortsgrenzen gibt es zusätzlich einen Kurpark und einen „Stadtwald“, den Doniswald, der in der gesamten Region als „Eichhörnchenwald“ bekannt ist. Der Friedhof, der in Königsfeld Gottesacker genannt wird, ist von betörender Schlichtheit. Seite an Seite ruhen hier die sterblichen Über- reste der Bewohner von den Ortsgründern der Königsfelder Impressionen – der Ort und das Quartier um den Zinzendorfplatz im Luftbild. Rechte Seite: Ein- gang zum Gottesacker und Blick auf die Gräberfelder. Beliebt sind Wanderungen in den Eichhörnchenwald. x 87


Königsfeld – Ort der zarten Melancholie Die festlich geschmückte Hauptstraße mit dem welt- bekannten Herrnhuter Weihnachtsstern. Herrnhuter Brüdergemeine bis heute. Noch im- mer haben alle Grabplatten die gleiche Größe und die Gräber sind ohne Schmuck. Trotz insgesamt rund 6.000 Einwohnern ist Königsfeld keine Stadt, obwohl es in vielen Dingen einen urbanen Charakter hat, was un- ter anderem seinem historischen, als Ensemble denkmalgeschützten Ortskern zu verdanken ist. Der Ort ist eine Gründung der Herrnhuter Brü- dergemeine und der spätbarocke Baustil der An- fangsjahre prägt bis heute das Ortsbild. Zentral gelegen ist der Zinzendorfplatz, an dessen nördlicher Seite der prächtige Kirchensaal steht. Er wurde in den Jahren 1810 bis 1812 ge- baut, als die vier Jahre junge Gemeinde gerade einmal 85 Einwohner zählte. Das älteste Haus am Platz ist das Herrnhuter Haus, das damals den neuen Siedlern als erstes Quartier diente und heute neben Seniorenwohnungen auch ein Restaurant der gehobenen Klasse beherbergt. Es liegt am Anfang der Friedrichstraße, die mit ihren Geschäften und Cafés gewissermaßen die Fla- niermeile Königsfelds ist, und im Westen in die, 88 nach dem Begründer des Königsfelder Fremden- verkehrs benannten Hermann-Voland-Straße übergeht, architektonisch eher vom Jugendstil geprägt. Zwei Buchhandlungen, Cafés, Restaurants, Discounter und Vollsortimentsmarkt, Lebensmit- tel-Einzelhändler, ein Eine-Welt-Laden, Apotheke und Reformhaus, Salzgrotte, Ayurveda-Zentrum, Boutiquen, Blumenladen und Kunsthandwerk – die Liste lässt sich noch weiter fortsetzen. Bürger und Besucher finden hier alles, was sie zum Leben benötigen. In der Weihnachtszeit sind die beiden Hauptstraßen festlich geschmückt mit den welt- bekannten Herrnhuter Sternen. „Die jungen Leute lieben Königsfeld“ „Man kann hier schon ein schönes Leben führen und es ist auch noch ein bisschen intakt“, sagt Gabriele von der Decken. Die Großstädterin lebt seit einem Vierteljahrhundert in Königsfeld und fühlt sich sehr wohl. Durch ihren Beruf als Erzie- herin bekommt sie hautnah mit, dass auch viele junge Menschen an dem Ort hängen. „Die jun- gen Leute lieben Königsfeld, die wollen gar nicht weg von hier.“


x Zinzendorfplatz mit Kirchensaal. An der Orgel spielte einst Ehrenbürger Albert Schweitzer. Das bestätigt auch eine Umfrage des Insti- tuts für angewandte Sozialwissenschaften im Rahmen des LEADER-Projektes „Zukunft junger Menschen im ländlichen Raum“. Demnach woh- nen 80 Prozent der Befragten gern im Ort – auch wenn viele sich ein größeres Angebot für Jugend- liche wünschen. Dabei mangelt es nicht an Freizeitmöglich- keiten. Rund 70 Vereine bieten vom Schach übers Imkern, Golf, Fußball, Tennis, Radfahren bis zur Narretei und dem Historischen Verein ein breites Spektrum an Aktivitäten. Der größte Verein ist der Golfclub mit 650 Mitgliedern, dessen 18-Loch-Platz als einer der schönsten in Süddeutschland gilt. Die Golfer su- chen den Kontakt zur Bevölkerung. Deshalb wird der Präsident des Golf-Clubs, Jürgen Elsner, nicht müde zu betonen, dass auch Nichtgolfer im Club- haus-Restaurant jederzeit herzlich willkommen sind. Der kommunale NaturSportPark wartet un- ter anderem mit einer Skateranlage, Streetball- und Hockeyplatz, Grillstellen und Klettermög- lichkeiten auf. Gleich nebenan bietet mit dem Solara ein solarbeheiztes Freibad Erfrischung. Bei gutem Wetter kommen schon einmal 3.000 Besucher, davon auch viele aus dem Umland. „Königsfeld hat ein tolles Schwimmbad“, loben 89


Städte und Gemeinden 90 Königsfeld hat viel zu bieten: vom Golfplatz, über den Sportpark bis hin zum Solara – einem der schönsten Freibäder der Region. viele Außenstehende, wie ein Forschungsprojekt der Dualen Hochschule über das Fremdbild des Ortes ergeben hat, das deren ehemaliger Rektor, Prof. Ulrich Sommer leitet. Allerdings sehen sie auch „leer stehende alte Gebäude“ sowie eine „überalterte Bevölkerung“, während Königsfel- der selbst ihren Wohnort als einen „Ort der Mu- ße“ mit „gutem kulturellem Angebot und alters- gerechtem Lebensraum“ sehen. Der altersgerechte Wohnraum macht den Ort auch für Rentner und Pensionäre attraktiv, sei es aus den verschiedenen Provinzen der weltweiten Brüderunität oder aus den Nachbargemeinden. Inzwischen sind 30 Prozent der Bewohner älter als 65 Jahre, während die soziodemografischen Strukturen in den Ortsteilen dem Durchschnitt entsprechen. „Kulturelles Leben, Infrastruktur: Königsfeld bietet alles, was man sich im dritten Lebensabschnitt wünscht“, ist Bürgermeister Fritz Link überzeugt. Auch das kulturelle Angebot ist beachtlich Auch das kulturelle Angebot ist für einen Ort dieser Größe beachtlich und hat eine lange Tra- dition. Hinter dem Begriff „Geistige Nothilfe“ verbirgt sich seit 90 Jahren eine Veranstaltungs- reihe, deren sperriger Name auf die gewünschte Parallele zur Technischen Nothilfe, dem heuti- gen THW, zurückgeht. Ziel war, der Bevölkerung auf dem Land mit Theater und Autorenlesungen, Konzerten und Vorträgen geistige Impulse zu geben. Heute beschränkt sich die „Geistige Not- hilfe“ auf Samstagskonzerte hochkarätiger inter- nationaler Interpreten. Die bildenden Künstler der Vereinigung „Das Quadrat“ organisieren jedes Jahr eine Ausstel- lung im Haus des Gastes. „30 freischaffende Künstler sind im Quadrat organisiert“, sagt Bür- germeister Fritz Link, „aber auch sonst wird hier sehr viel anspruchsvolle Kulturarbeit geleistet.“ Der Verein Proludium fördert den Besuch der


x Das Nikolauskirchlein in Buchenberg ist nicht nur eines der ältesten Gotteshäuser im Landkreis, sondern auch ein Ort kultureller Vielfalt. Rechts: Einkauf auf dem Wochenmarkt. Kinder in der Jugendmusikschule, die darstellen- den Künstler haben sich im Verein „Burgspekta- kel“ organisiert und inszenieren mittlerweile im 16. Jahr zwei Wochen lang Theater und Musik auf die Burgruine Waldau im Ortsteil Buchenberg. Der Verein Kukuk (Kunst Kultur Königsfeld) ist ein beeindruckendes Beispiel für den enor- men Stellenwert, den Kunst und Kultur in der Bevölkerung Königsfelds einnehmen. Schon im ersten halben Jahr seines Bestehens hat er rund 60 Mitglieder gefunden. Bemalte Stelen, die 2013 publikumswirksam zugunsten des Kindergar- tens am Albert-Schweitzer-Hospital in Lamba- rene versteigert wurden, waren die erste große Aktion des Kunstfördervereins. Kindergarten- gruppen, Schulklassen, Vereine und jede Menge andere kreative Königsfelder bemalten und be- klebten, umwickelten und schnitzten Holzstelen, die bis heute Gärten und Gehwege in Königsfeld zieren. In diesem Sommer mietete der Verein den leer stehenden Schlecker-Markt an, um dort ei- nen Raum für Kultur zu schaffen. Es gibt beinahe dauernd irgendwo eine neue Ausstellung. Zu alteingesessenen Galerien wie der „Galerie am Hörnle“ von Werner Rinder- knecht kommen immer wieder neue hinzu, sei es in den Kliniken oder in der Nonnenmühle im Glasbachtal. Auch Restaurants, Cafés, Arzt- und Zahnarztpraxen laden regelmäßig zu ständig wechselnden Ausstellungen. „Königsfeld hat einen hohen Anteil an Bil- dungsbürgern“, erklärt Bürgermeister Link die- ses überproportionale Engagement für kulturelle Belange. „Daher ist der Anspruch an das Kultur- leben groß. Hier leben zahlreiche Lehrer, Erzieher und Pensionäre, von denen sich auch viele krea- tiv einbringen.“ Königsfeld ein „Zeitkurort“ Zum Begriff Kultur zählt Manfred Molicki aus dem Teilort Burgberg auch die Zeit und den Um- gang damit. Der pensionierte Schulleiter, der sich seit langem unter anderem als Redner, Au- tor und Initiator der Gesellschaft für Zeitkultur dem Thema widmet, verschaffte Königsfeld den Titel „Zeitkurort“. Mit rund 70 Eigenzeit-Orten, in denen etwa Kaffee ausgeschenkt wird, der in 20 Minuten statt der üblichen 15 Sekunden geröstet wird, oder in denen man seinen ganz persönli- chen Zeitabläufen folgen kann. „Königsfeld eig- net sich schon durch seine Gründungsgeschichte als Eigenzeitort, denn traditionell nehmen sich die Bewohner hier mehr Zeit für den Menschen – sei es in der Mission oder im Ort, vor allem wenn es um Bildung, Jugend oder das Alter geht.“ Das macht sich selbst für die Beschicker des Wochenmarktes bemerkbar. Anette Feder-Besch, die am Gemüsestand vom Deißlinger Heiligen- hof auch in der Stadt arbeitet, merkt sehr wohl den Unterschied. „Man kennt die Kunden und ihre Einkaufsgewohnheiten, ein paar persönli- che Worte zwischendurch gehören hier einfach dazu“, sagt sie. „Es ist ein schöner, gemütlicher Markt, ich schätze es sehr, hier zu arbeiten.“ 91


Städte und Gemeinden Bekannt und geschätzt sind die Zinzendorfschulen. Bildung spielt in Königsfeld seit jeher eine große Rolle. Gutes tun ist allgegenwärtig Königsfeld hat eine besondere Atmosphäre, hier wird viel für andere getan. Helfen, Spenden, Gu- tes tun ist allgegenwärtig. Die Hilfsorganisation „Go Ahead!“ wurde von ehemaligen Zinzendorf- schülern gegründet. Seit 25 Jahren gibt es den Eine-Weltladen „Ujamaa“, in dem Königsfelder fair gehandelten Kaffee kaufen und Kurgäste ihre Souvenirs, wie die Mitgründerin Renate Sie- 92 börger erzählt. Gegenüber hat vor einem Jahr der „Laden Mittendrin“ eröffnet. Mit dem Erlös die- ses gut sortierten Second-Hand-Ladens werden Projekte der Herrnhuter Missionshilfe in Asien, Afrika und Mittelamerika unterstützt. Zinzendorfschulen weithin bekannt Bildung spielt von jeher eine große Rolle in Kö- nigsfeld. Die weithin bekannten Zinzendorfschu- len entstanden nur drei Jahre nach Gründung des Ortes und sind bis heute in Trägerschaft der Herrnhuter Brüdergemeine. Heute können weit mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler an verschiedenen allgemeinbildenden Schulen alle Schulabschlüsse von der Hauptschule bis zum Abitur ablegen. An Berufsfachschulen haben die Schüler die Wahl zwischen hauswirtschaft- lichem und wirtschaftlichem Profil oder können sich an zwei Fachschulen zum Erzieher oder zum Jugend- und Heimerzieher ausbilden lassen. Im Erdmuth-Dorotheen-Haus, mit dem un- vergleichlichen, äußerst gepflegten historischen Charme, wird ebenso unterrichtet, wie in einem der ersten Schulhäuser in Passivhausbauweise. Modernste Unterrichtsausstattung, wie inter- aktive Whiteboards, gehören zum Alltag und die stillen fünf Minuten, der Morgensegen und die Anrede der Pädagogen mit „Bruder“ und „Schwester“ zu den Besonderheiten des christ- lichen Schulwerks. Neben den privaten Zinzendorfschulen gibt es drei kommunale Grundschulen und sechs Kin- dergärten in der Gemeinde Königsfeld. Dieses Angebot ist es auch, was Königsfeld für Familien interessant macht. „Allein in der letzten Legisla- turperiode wurden drei Baugebiete erschlossen, die hervorragend angenommen wurden“, sagt Bürgermeister Link. Die 14 Bauplätze am Neu- baugebiet Tonishof waren innerhalb eines Jahres verkauft. Von den 15 Bauplätzen in Weiler gin- gen acht im ersten Jahr weg und von den 50, die 2014 in Neuhausen erschlossen wurden, waren bis Juli auch schon 15 vergeben. „Die Autobahn ist 13 Kilometer entfernt, die Infrastruktur hat städtisches Niveau, daher ist Königsfeld auch für Berufspendler interessant“, betont Link.


200.000 Übernachtungen jährlich Und nicht nur für die: Auch für Urlauber und Kurgäste ist Königsfeld ein gern gewähltes Ziel mit durchschnittlich rund 200.000 Übernach- tungen jährlich. Dafür tut die Gemeinde einiges: Seit der Jahrtausendwende wird in Königsfeld konsequent ein „Masterplan“ umgesetzt, in des- sen Rahmen das ökologische Profil vertieft und ein Großteil der Relikte aus dem Kurbetrieb der 1970er Jahre erneuert wurden. „Wir müssen im- mer wieder auf neue Entwicklungen reagieren“, erklärt Bürgermeister Link. „Die gesamte Infra- struktur ist auf einem aktuellen Stand. Das Haus des Gastes, das Gesundheitszentrum CuraVital mit seinem Ärztehaus und Fitness-Studio, der NaturSportPark – das alles sind Einrichtungen, von denen sowohl die Gäste als auch die Bewoh- ner profitieren.“ Die nächsten Punkte auf der To-Do-Liste sind die Neugestaltung der Bismarckstraße und Her- mann-Voland-Straße, eine neue Minigolfanlage sowie die Sanierung des Zinzendorfplatzes als historisches Zentrum. Den wachsenden Bedürfnissen der Urlau- ber kommt auch der Reisemobilplatz neben der Breg nitzhof-Sauna entgegen. Rückläufige Be- liebtheit dagegen verzeichnen die privaten Zim- mervermieter. „Dieser Markt bricht weg“ konnte x Sehenswert – das Dorfmuseum von Buchenberg. der Bürgermeister beobachten, „und die Gäste der Zukunft werden anspruchsvoller sein.“ Des- halb sähe er hinter dem CuraVital gerne ein Ho- tel in mindestens der 3-Sterne-Kategorie und ist überzeugt, dass sich der Kurort Königsfeld auch in Zukunft behaupten wird. In diesem Sinne werden sich sicher noch vie- le den Worten Albert Schweitzers anschließen, der einst sagte: „Die Zeit in Königsfeld war die schönste meines Lebens.“ Unterwegs mit dem E-Bike bei Waldau. Die Tourist-Info in Königsfeld bietet auch einen E-Bike-Verleih. 93


4. Kapitel Schwerpunkt Neckar Wo der Neckar seine Reise beginnt Auf Spurensuche in Schwenningen – Quelle, Moos und junger Fluss von Daniela Schneider 94 94


Wo der Neckar seine Reise beginnt Das etwa drei Quadratkilometer große Schwenninger Moos liegt 705 Meter über dem Meer und befindet sich am Südrand von Schwenningen. Hier entspringen der Neckar und die Stille Musel, die der Donau zufließt. Mitten hindurch verläuft die europäische Wasserscheide – ein Teil des Mooswassers fließt somit über den Neckar auch in den Rhein. Das Moos ist nicht nur ein großarti- ges Naturschutzgebiet, sondern auch ein beliebtes Naherholungsziel voller Ursprünglichkeit. Blick übers Schwenninger Moos hinweg auf Schwenningen. 95


Schwerpunkt Neckar


Die Neckarquelle „Schwenningen (Neckar)“ – so steht’s geschrie- ben auf den blauen Schildern der Bahnstation. Wer hier also ankommt, der weiß Bescheid: Durch diesen Teil der Doppelstadt fließt der Neckar, die „Lebensader Baden-Württembergs“. Und besser noch: Hier hat der Fluss seinen Ur- sprung. Von hier macht er sich auf die 367 Kilo- meter lange Reise durch das Land – ein interes- santer Verlauf durch den deutschen Südwesten, der in Schwenningen seinen Anfang nimmt. Wo aber findet man den Ursprung genau? Die Suche nach dem jungen Fluss beginnt in Schwenningen am besten im Stadtpark Mög- lingshöhe. Hier nämlich befindet sich die histori- sche Ne ckarquelle, die selbst eine recht bewegte Geschichte hat. Bereits im 16. Jahrhundert ließ Herzog Ludwig von Württemberg an dieser Stel- le eine hier vorhandene Quelle fassen, versehen mit dem Hinweis, dass dies des „Neccars Ur- sprung“ sei. Immer wieder suchten Herrschende aus dem Hause Württemberg dann im Laufe der Zeit diesen Ort auf, ließen die eine oder andere Erneuerung vornehmen, brachten Gedenk tafeln und Wappen an und schütteten laut Überliefe- rung mitunter auch beherzte Schlucke des jun- gen Neckarwassers symbolträchtig in ihren ad- ligen Schlund. Ende des 19. Jahrhunderts war dann aber Schluss mit der Aufmerksamkeit für dieses sprudelnde Nass: 1895 versiegte die Quelle. Ab- gesehen von einigen wohl eher kläglichen Wie- derbelebungsversuchen geriet der Ort auf dem Schwenninger Lettbühl mehr oder weniger in Vergessenheit. In den 1960er-Jahren erfolgte schließlich die Rückbesinnung: Die Neckarquel- le wurde reaktiviert, nachgebaut nach histori- schem Vorbild. Zwei Neckarquellen – die hydrologische findet sich im Schwenninger Moos und die historische im Stadtpark Möglingshöhe. Die von Herbert Wurm geschaffene Bronzefigur namens „Matze“ sitzt dort seit 2010 an des Neckars neu gestalteter Quelle – und liest die Schwenninger Traditions-Tageszeitung DIE NECKAR- QUELLE. Wo der Neckar seine Reise beginnt Jahrzehnte später wurde – wie so vieles im Stadtbild von Schwenningen – auch dieser Ort von der Landesgartenschau beeinflusst, die an- no 2010 für markante Veränderungen sorgte und auch eine Neugestaltung des Stadtparks Möglingshöhe mit sich brachte. Für die Neckar- quelle bedeutete das, dass ein ganz neuer Quell- stein an dieser besonderen, historischen Stelle eingeweiht wurde. Nun haben die Besucher die Möglichkeit, die großzügige Anlage in Ruhe zu betrachten, auf einer der Sitzbänke Platz zu nehmen, den Blick über den benachbarten Mög- lingssee schweifen zu lassen und in Gedanken vielleicht dem hier wegfließenden Neckarwas- ser auf seiner beginnenden Reise nachzufolgen. Das Schwenninger Moos Wer allerdings glaubt, dass mit der Neckarquelle das meiste über den Ursprung des Flusses ge- sagt ist, der irrt gewaltig. Denn genau genom- men liegt ein gutes Stück südlich der Möglings- höhe der zweite Teil der Wahrheit – und zwar im Naturschutzgebiet Schwenninger Moos. Ein Holzschild weist darauf hin, dass sich tatsächlich hier des Neckars Ursprung befinde. Aus hydrolo- gischer Sicht, so haben es die Experten längst he- rausgefunden, ist das richtig: Der junge Neckar wird nämlich mit Wasser aus diesem interessan- ten Fleckchen Erde gespeist, wenn auch nicht in Form einer regelrechten Quelle. Die sogenannte Europäische Hauptwasser- scheide tut ihr Übriges: Sie verläuft mitten durch das Naturschutzgebiet. Das bedeutet, dass sich auch hier die Regentropfen entscheiden müs- sen, ob sie entweder Richtung Rhein oder Rich- tung Donau fließen – was genau davon dann im jungen Neckar landet, weiß eben niemand so genau, das Moos entwässert jedenfalls in bei- de Flusssysteme. Das erklärt im Übrigen auch das Bestreben der seinerzeitigen württember- gischen Machthaber, die historische Neckar- quelle in unzweifelhaft eindeutigem – nämlich württem bergischem – Territorium zu verorten, zumal im Moos die einstige Landesgrenze zu den eher ungeliebten badischen Nachbarn mit der Wasserscheide gleichzusetzen war. Die Neckar- 97


Frisches Grün zeigt sich – das Schwenninger Moos lohnt nicht nur im Frühjahr einen Besuch. der Neckar ein vielseitiger Fluss ist. Das gilt dann eben auch für seinen Ursprung. quelle sollte jedenfalls gesichert auf württem- bergischem Gebiet liegen und das war am aus- gewählten Standort im Bereich des heutigen Stadtparks Möglingshöhe, wo tatsächlich eine Quelle sprudelt, der Fall. Und noch ein Aspekt dürfte bei der ganzen Sache nicht unerheblich gewesen sein: Das hervorsprudelnde Wasser der Quelle war nämlich auch noch trinkbar, was den erwähnten repräsentativen Verkostungen sicher zu Gute kam. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Könige und Herzöge am wohl ganz ordentlich brackigen Mooswasser genippt hätten? Kann man abschließend also sagen, wo sich die wahre, die richtige Neckarquelle befindet? Egal ob im Moos oder im Stadtpark – die eini- germaßen salomonische Antwort lautet so oder so: in Schwenningen! Fest steht allemal, dass Unterwegs mit dem Moosführer Der Faszination, die vom Schwenninger Moos ausgeht, tut diese ganze Diskussion im Übrigen keinen Abbruch. Hervorragend erkunden lässt sich das Gebiet zum Beispiel mit Hilfe der Moos- führer. Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von 25 Personen, die sich im Rahmen der Gartenschau hatten ausbilden lassen, um Besuchergruppen durch das Gebiet zu leiten. Das Famose an der Sache ist, dass rund zehn von ihnen auch nach der Schau mit großer Leidenschaft für das The- ma und entsprechender Zuneigung zum Moos dabeigeblieben sind und weitermachen mit ihren interessanten Führungen, die in der Saison von April bis Oktober jeweils jeden zweiten Samstag angeboten werden. Die Moosführer sind ein lo- 98


Wo der Neckar seine Reise beginnt ckerer Zusammenschluss, aber kein Verein; für die Organisation und die Haftung haben sie sich ans Umweltzentrum angehängt. Wie wäre es also zum Beispiel mit einer Tour mit Moosführer Michael Rüttiger? Der Mann, so scheint es, ist ein wandelndes, mehrbändi- ges Flora- und Fauna-Lexikon. Zu jedem Pflänz- chen entlang des dreieinhalb Kilometer langen Moos-Rundwegs auf Holzstegen und befestigten Wegen hat er mindestens eine Geschichte parat. Er zeigt auf, dass das Gebiet Lebensraum für ech- te Spezialisten ist, wichtiger Trittstein auch für wandernde Arten. Auch oder gerade für Nicht-Botaniker ist die- ser Spaziergang erhellend und kurzweilig. Denn wer weiß schon, wie eine wilde Möhre aussieht? Wer kennt die Lebensbedingungen von Wollgras, Johanniskraut, Rohrkolben, Waldachtelweizen, Baldrian, bittersüßem Nachtschatten und Blut- wurz? Und wer hätte gedacht, dass die hier anzu- treffende Artenvielfalt eigentlich untypisch für Moosführer Michael Rüttiger erklärt die Besonder- heiten von Flora und Fauna. Im Schwenninger Moos findet sich die Blutrote Heidelibelle ebenso wie Son- nentau oder die Sumpfschrecke (unten v. links). ein Moor ist? Dass diese Vielfalt auf Störungen zurückzuführen ist, die Magerrasen und trocke- ne Wälder begünstigten? Oder dass die Wege im Schutzgebiet durch ihren mineralischen Unter- bau vielen Pflanzen Lebensraum bieten, die hier ansonsten nicht leben könnten? Zu erfahren ist, dass die Gewächse im Zent- rum des Schwenninger Mooses mit Nährstoffar- mut zu kämpfen haben; das Heidekraut hilft sich da mit einem Pilz an seinen Wurzeln, der Son- nentau verspeist kleine Insekten, die er mit kleb- rigen Drüsenblättern festhält. Und der Südliche Wasserschlauch saugt Hüpferlinge, Flohkrebse und Co. durch besondere Fangblasen unter Was- ser ein, um sich selbige anschließend genüsslich 99


Schwerpunkt Neckar Das Schwenninger Moos ist die Heimat vieler Tiere. Blässhühner, Uhu und auch der seltene Fischadler sind hier zu beobachten. einzuverleiben. Teil der Führung ist zudem ein kleines Referat über die Rauschbeere, die angeb- lich einen recht heiteren Zustand verursachen kann, wenn man nur genug Exemplare davon verspeist. Der Moosführer rät davon allerdings eher ab. Geschichten aus dem Tierreich Hinzu kommen all die lebensnahen Geschichten aus dem Tierreich, die vor Ort in Augenschein ge- nommen werden können: Die Holzameise hat als „deutsche Termite“ ihre Spuren an einem Baum verewigt. Auch das Eichhörnchen hat etwas üb- riggelassen: abgenagte Tannenzapfen als tieri- 100 schen Küchenabfall. Wasserfroschfamilien qua- ken um die Wette, und auch das übrige Ensem- ble an zu beobachtenden Tieren ist beachtlich: Stock- und Krickenten, grünfüßige Teichhühner, Himmelsziegen, Zwergtaucher und Blässhuhn, Uhus, der rote Milan, der sogar im Schlaf und während der Paarung fliegende Mauersegler und Specht, Grau- und Silberreiher, eine große Artenvielfalt an Insekten wie Sumpfschrecke, Sandlaufkäfer oder Hochmoor-Glanzflachläufer, Schmetterlinge wie der Randring-Perlmuttfalter, Libellen wie die Torf-Mosaikjungfer, die Azur- jungfer, die blutrote Heidelibelle oder die Kleine Moosjungfer und so vieles mehr. Im Frühjahr und Herbst ist dann zudem der Fisch adler zu beob- achten, erzählt der Moosführer. Nebenbei erklärt der Experte die interessan- te Moos-Entstehungsgeschichte, die in gewisser Weise immer noch andauert. Dabei lernen die Teilnehmer der Führung, dass das Gebiet viele tausend Jahre alt ist. Ursprünglich befand sich


Wo der Neckar seine Reise beginnt demnach hier eine große Seefläche, die im Laufe der Zeit verlandete. Vor rund 4000 Jahren setzte schließlich das Hochmoorwachstum ein. Durch menschliches Zutun – vor allem durch den Abbau von Torf – wurde das Moor in Teilen abgebaut und das weitere Wachstum gestoppt. Aufwendige Naturschutzmaßnahmen steuern dieser Entwicklung nun bereits seit Jahrzehnten entgegen. Mit dem Moos eng verbunden Erinnerungen an einen Moos-Besuch, um 1956. Der Mensch und das Moos – das ist übrigens nicht nur eine Geschichte von Ausbeutung oder Eingriff in die Natur. Seit alters her fühlen sich viele Bewohner der Region mit ihrem Moorge- biet verbunden, das zwar Schwenninger Moos heißt, aber nicht nur auf VS-Gemarkung, son- dern zusätzlich auch auf Bad Dürrheimer Terrain liegt. Im Rahmen einer geplanten Ausstellung anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Natur- schutzgebietes haben sich die Moosführer auf die Suche nach alten Fotografien begeben. Fa- milienfotos am neuen Moosweiher sind darun- ter und Aufnahmen, die zeigen, dass hier früher gebadet wurde. Hinzu kommen historische Aufnahmen von Arbeitseinsätzen im Moos, beispielsweise beim Bau der Eisenbahn oder beim Torfabbau, der nicht nur der Salinenindustrie Brennmaterial bescherte, sondern auch vielen Bürgern – in frü- heren Jahrhunderten, aber auch noch in der so schwierigen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Lebendige Erinnerung daran ist übrigens die Moosmulle-Figur der Schwenninger Fasnet. Arbeitseinsatz am Rande des Moos‘, 1920er-Jahre: Wie hier im Gebiet Dickenhardt, wo die Arbeiter für eine Zie- gelei tätig waren, wurde auch mitten im heutigen Naturschutzgebiet Torf abgebaut. 101


Schwerpunkt Neckar Der Herbst zieht ein – Impression aus dem Schwenninger Moos. Natürlich ranken sich auch düstere Mythen um das Moorgebiet; erinnert sei nur an die Dill- dappen, mysteriöse Fabelwesen, die angeblich hier ihr Unwesen treiben. Generationen von Schwenninger Kindern drohte man damit, sie ins Moos zu schicken, wenn sie nicht augenblicklich brav sein würden; Geschichten von unsicheren Pfaden und trügerischen Stellen, die den unvor- sichtigen Wanderer versinken lassen, gehören wohl zu jedem Moor. Sie sind übrigens auch Teil der verschiedenen Themenführungen durch das Moos, die sich mal mit historischen, mal mit naturkundlichen oder kulturellen und kulturgeschichtlichen Aspekten befassen. Gezeigt werden zum Beispiel die mar- kanten baden-württembergischen Grenzsteine, die bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Funktion erfüllten. Auch die Stelle, an der Torfstecher im 102 Jahr 1837 über 100 Kupfer- und Silbermünzen fanden, die einst ein Römer auf der Flucht vor nahenden Alemannen im Moos versenkt haben soll, kann begutachtet werden. Wie der Neckar wieder an die Oberfläche kam Egal, ob der Neckar nun aus dem Moos oder der historischen Quelle hervorgluckert – er beein- flusst seit Jahrtausenden das Leben vieler Men- schen, die im ganzen Land an seinen Ufern leben. Auch in Schwenningen war und ist das nicht an- ders. Allerdings gab es eine lange Zeit, in der der Fluss in seiner Quellstadt so gut wie gar nicht zu sehen war. Man darf es sich wohl so vorstellen: Einst plät- scherte der Neckar als munteres Bächlein dahin, das schon kurz unterhalb des Dorfes Schwen- ningen drei Mühlen antreiben konnte. Dann ex- pandierten die Industrie- und Gewerbebetriebe,


• Das Schwenninger Moos ist offiziell bereits seit 1939 Naturschutzgebiet. Es ist eines von vielen Mooren, die es einst in der Region gab; die meisten sind vernichtet. In Hüfingen zum Beispiel hat man eine Mülldeponie auf ein Moor gebaut; die meisten anderen Moore sind irgendwann einmal abgetorft oder zu landwirt- schaftlichen Flächen umgebaut worden. • Warum sind Moore erhaltenswert? Sie ma- chen nur drei Prozent der Erdoberfläche aus, speichern aber etwa 30 Prozent des Kohlen- dioxids; den Mooren kommt also auch eine wichtige Klimaschutzfunktion zu. Durch die Ablagerung von Pollen und Pflan- zenresten sind sie außerdem ein Geschichts- buch der Landschaft; Torfe bestehen zum groß- en Teil aus abgestorbenen und konservierten Pflanzenresten. Auch eine wichtige Hochwasserschutzfunk- tion kommt hinzu: Moore speichern den Nieder- schlag und geben ihn zeitverzögert wieder ab. Sie sind Lebensraum für bedrohte Pflanzen- und Tierarten, die als Spezialisten nur im Moor leben können beziehungsweise für ihr Über- leben auf Moorpflanzen angewiesen sind; ein Beispiel ist der Hochmoorperlmuttfalter. • Um das Schwenninger Moos zu retten und zu renaturieren, wurden seit den 1970er und vor allem 1980er Jahren verschiedene Maß- nahmen ergriffen. 1997 wurde ein Arbeitskreis („AK Moos“) gegründet, ein runder Tisch mit Vertretern von Behörden, Kommunen, Verbän- den und der privaten Wirtschaft; aus ihm ging später der Trägerverein des Umweltzentrums hervor; seit 2001 sind das Schwenninger Moos und das Kugelmoos europäische Schutzgebiete innerhalb des Netzwerkes Natura 2000. Die umfangreichen Renaturierungsmaß- nahmen im Moorzentrum und in den Randbe- reichen fanden mit Unterstützung der Stiftung Naturschutzfonds statt. Bis heute betreuen das Regierungspräsidi- um und die Hochschule für Wirtschaft und Um- welt Nürtingen-Geislingen die Maßnahmen. Wo der Neckar seine Reise beginnt Wo der Neckar seine Reise beginnt Das Moos im Überblick 1997 gründet sich ein sehr aktiver Arbeitskreis • Was wurde zur Rettung des Moores unter- nommen? Erhöhung des Wasserspiegels durch Schließen der Entwässerungsgräben, die beim Abtorfen angelegt worden waren; 1983 Anstau des Hauptentwässerungsgrabens, Entstehung der großen Seefläche am Neckarursprung. Warum war das nötig? Früheres Entwäs- sern hatte zum Zusammenfallen des Moorkör- pers geführt; Sträucher und Bäume konnten die Fläche besiedeln und das Gebiet verwaldete immer mehr; durch den Sauerstoffverbrauch trocknete das Moor immer stärker aus, moor- typische Flora und Fauna wurden verdrängt; die Wiedervernässungsmaßnahmen sollten jetzt den Wasserhaushalt des Gebiets nachhaltig verbessern; der hohe Wasserstand verringert das Verrotten des Torfes und das Aufkommen von Baumjungwuchs. • Seit 2003 gibt es eine extensive Beweidung mit Jungrindern im Osten und Süden und Moor schnucken im Südwesten und Westen in den Randbereichen gegen Verbuschung der Magerrasen. • Um den Erhalt der Moore auf der Baar geht es übrigens unter anderem auch beim neuen Naturschutzgroßprojekt Baar. 103 103


Schwerpunkt Neckar Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar Das Gebäude im Schwenninger Stadtpark Möglingshöhe wurde als Landespavillon Treffpunkt Baden-Württemberg zur Landesgar- tenschau erbaut. Der frühere Arbeitskreis Moos ist heute Trägerverein des Umweltzentrums. Er will die Moorgebiete der Baar mit ihrer positiven Wirkung als Rückzugsgebiet vieler Tier- und Pflanzenarten und als Klimaneutrali- sierer schützen, eng mit der Landwirtschaft zu sammenarbeiten, um naturverträgliche Be – wirtschaftungsansätze und verbraucherfreund- liche Ziele zu fördern, und mit dem Tourismus zum Beispiel durch Besucherlenkung im Schwennin- ger Moos kooperieren. Nachhaltiges, technisches und wirtschaft- liches Handeln wird als untrennbarer Bestand- teil eines verantwortlichen Umgangs mit der Umwelt angesehen; ein wichtiges Ziel ist es da her, den Besuchern die Grundlagen eines solchen Handelns zu erläutern und vorbildliche Anwendungsbeispiele in der Region sichtbar zu machen. Es geht um Umweltbildung für jeder- mann. Mieter des Umweltzentrums sind neben dem Trägerverein auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Schwarzwald-Baar-Kreis mit dem Naturschutz- großprojekt Baar. Gezeigt wird im Zentrum eine neue Dauerausstellung mit dem Titel „Der Obere Neckar – Fluss – Natur – Kultur“. Sie will die Besonderheiten vom Ursprung des Landes- flusses Neckar, den Lebensraum Gewässer und die Natur- und Kulturschönheiten am Oberen Neckar zeigen. Die Besucher können unter anderem den Neckar-Radweg virtuell entlang radeln und so- gar einer sprechenden Moorschnucke begeg- nen. immer mehr Menschen lebten in Schwenningen und spätestens mit der Einführung von Toiletten mit Wasserspülung wurden immer mehr Abwäs- ser in den bis dahin sauberen Bach geleitet. Der Neckar entwickelte sich zum offenen Abwasser- kanal, zur stinkenden Kloake inmitten der Stadt. In den 1960er Jahren ging es nicht mehr, die hygienischen Verhältnisse waren unerträglich geworden und so wurde das Gewässer vollstän- dig in der sogenannten Neckardole kanalisiert. Der Neckar war weg, verschwunden aus dem Stadtbild. Den Schwenningern war damit die Identifikationsgrundlage mit ihrem jungen Fluss genommen. Die Stadt wuchs indes weiter. Damit stieg auch die Abwassermenge und immer mehr Flä- chen wurden versiegelt, Regenwasser konnte nur noch schwerlich versickern. Neckardole und Kläranlage ächzten bei extremen Tauwetterla- gen oder starken Regenfällen unter der großen Last. Es drohten Überschwemmungen im Stadt- gebiet. 104


Wo der Neckar seine Reise beginnt Attraktive Offenlegung Was war die Lösung des Problems? Die Offenle- gung und Renaturierung des Beginns des Ne ckars wurde seit Anfang der 1990er-Jahre geplant und schließlich umgesetzt. Das Gesamtprojekt koste- te rund zehn Millionen Euro. Unterstützung kam vom Land und der Initiative „Unser Neckar“; be- teiligt war eine Zukunftswerkstatt mit Schwen- ninger Bürgern. Insgesamt gelang die Wiederherstellung auf einer Länge von dreieinhalb Kilometern, während das Abwasser weiterhin unterirdisch im Kanal abgeleitet wird. Entstanden ist ein durchgängiger, attraktiver Grünzug entlang des Wasserwegs mit einem großzügigen Wegenetz, das Wanderer und Radfahrer zu schätzen wis- sen. Der Neckar ist also wieder da – und darüber dürften sich nicht nur die Bürger Schwenningens freuen. Der große schwäbische Dichter Friedrich Hölderlin schrieb einst über den Fluss: „In dei- nen Tälern wachte mein Herz mir auf“ – wer den jungen Neckar und seine Ursprünge im „Quel- lenlandkreis“ Schwarzwald-Baar kennt, kann da eigentlich von Anfang an nur zustimmen. Blick vom Gelände der früheren Landesgartenschau aus in Richtung Neckar Tower, vorne fließt der junge Neckar. Unterwegs auf dem Neckar-Radwanderweg, der an der Quelle in Schwenningen beginnt und zunächst am renaturierten Neckar entlang führt. 105


Schwerpunkt Neckar „’s giiet Maale und Wiible und Necklemer!“ Das einstige Arbeiterviertel „Necklemer“ stadtgeschichtlich von großer Bedeutung von Wolfgang Trenkle 106 106


Schwenningen und die Necklemer Was sind Necklemer? In Schwenningen muss man da nicht lange fragen – das sind die Einwohner, die von der historisch gewachsenen Mitte aus gesehen in einem Stadtviertel südlich des Neckars leben. Das vielgestaltige Schwenninger Stadtviertel war einst die Heimat vieler Arbeiterfamilien, die oft in den Schwenninger Uhrenfabriken tätig gewesen sind. Das Necklemer ist ein stadtgeschichtlich bedeutsamer Ort: Hier stand an der Neckarstraße die Uhrenfabrik Jäckle, gibt es die Pauluskirche, liegt der Waldfriedhof mit Krematorium, das Gelände der früheren Landesgartenschau – und alles wird überragt vom 45 Meter hohen Neckar Tower. Blick vom Panoramaweg aus über den Stadtteil „Necklemer“ hinweg zur Schwenninger Mitte. Rechts der Neckar Tower. 107


Schwerpunkt Neckar Unter Denkmalschutz steht dieses Arbeiterhaus an der Neckarstraße, in dem eine elfköpfige Familie wohnte. Der Untergang ist nahe! Zumindest, wenn man am Schwenninger Bahnhof steht und versucht, die Gleise zu wechseln. Noch heute entledigen sich die Schwenninger der „-führung“ im offizi- ellen Bundesbahn-Deutsch und sprechen statt „Unterführung“ weitaus lieber vom „Unter- gang“. Dabei ist der Untergang seit den Vorberei- tungen zur Landesgartenschau im Jahr 2010 gar nicht mehr so abschreckend, sondern durchaus ein schmuckes architektonisches Vorzeigestück mit Lichtinstallation und silbern schimmernden Wänden. Ein paar Schritte weiter in Richtung Süden folgt dann der Übergang? Nein, so ist sie nicht be- zeichnet von den Schwenningern – es ist schlicht eine Brücke über das, worauf ganz Baden-Würt- temberg recht stolz ist: den Neckar. Dieser war in Schwenningen lange Zeit einer ganz anderen Art des Untergangs geweiht. Das gibt es tatsäch- lich: Ein ganzer Fluss, hier eher noch ein Bäch- lein, kann untergehen! Vom großartigen Natur- schutzgebiet Schwenninger Moos war er kilome- terweit unwürdig verdolt, fast so, als müsse man sich seiner schämen (s. Seite 94). 108 Heute, in einen gut nachgemacht mäandrie- renden künstlichen Verlauf gebettet, ist er als alte Trennungslinie immerhin wieder erkenn- bar. Dieser kleine Neckar sorgte im 18., 19., 20. und sogar noch ganz minimal im 21. Jahrhundert dafür, dass es in Schwenningen eine „interne Zonengrenze“ mit einem, vom relativen Stand- punkt aus gesehen, jeweiligen „Hüben“ und „Drüben“ gab und gibt. „’S giiet Maale und Wii- ble und Necklemer“, lautet eine alte Feststellung in Schwenningen. Diese Einwohner sind in der Vorstadt – südlich des Neckars angesiedelt. Lange von Armut gezeichnet Hätte Liedermacher Franz-Josef Degenhardt sein berühmtes „Spiel nicht mit den Schmuddel- kindern“ in Schwenningen geschrieben und da- bei ein, zwei Jahrhunderte zurückgedacht, so hätte er damit wohl den Necklemer-Stadtteil be- schrieben. Lange Zeit waren dessen Bewohner von der Armut gezeichnet und vom Kern Schwen- ningens, bis 1907 größtes Dorf von Württemberg,


eher ausgeschlossen. Mit Aufkommen der In- dustrialisierung bot dieser Stadtteil immer mehr Arbeitern eine Heimat und diesen durch die Tä- tigkeit in der Fabrik ein geregeltes Einkommen. Die in der Gründerzeit entstandenen Fabriken mit ihren rauchenden, dampfenden, lärmenden Apparaturen begannen mit ihren Abfällen auch schnell den Neckar „zu vereinnahmen“. Der Fluss wurde mehr und mehr belastet. Das Aufeinanderprallen von Gegensätzen prägte und prägt den liebenswerten Stadtteil Schwenningens seit seinen Anfängen. Wie groß finanzielle Gegensätze sein können, ist beim Rundgang gleich nahe des heute mondän in den Himmel ragenden Neckar Towers zu sehen: hier ein winziges, inzwischen denkmalgeschütztes Arbeiterhaus, in dem einst eine Familie mit elf Kindern lebte und nicht weit davon entfernt ei- ne Fabrikantenvilla. Besonders in den Bereichen hinter der Neckarstraße sitzen die kleinen Arbei- terhäuschen dicht an dicht – als gelte es, sich ge- genseitig beizustehen. Die Metallwarenfabrik Johann Jäckle Wo Armut herrscht, ist oft auch die Fantasie nicht weit entfernt – man will ihr entkommen. Unternehmergeist, der zur Gründung mehrerer Fabriken führte, ist hier ebenso zu nennen, wie später Initiativen zur Wahrung der Arbeitneh- merrechte. Gewerkschafter und Sozialdemo- kraten bildeten im Necklemer-Stadtteil einen hohen Prozentanteil der Einwohnerschaft. 1907 kam es beispielsweise in dem bis dahin mit Ab- stand größten Unternehmen Schwenningens, der 1886 im Necklemer Bereich gegründeten Metallwarenfabrik Johann Jäckle, zu einem Streik mit einer heute kaum mehr nachvollzieh- baren Forderung: der Einführung der 60-Stun- denwoche! Solche „Extremforderungen“ wurden auf Seiten vieler Unternehmer nicht gerne gese- hen. Es kursierten Schwarze Listen mit Namen der Streikführer. Neben den konservativen Maßstäben setzte Jäckle allerdings auch durchaus sehr fortschritt- liche und gesellschaftspolitische: Nach dem Tod von Johann Jäckle und der Einberufung der Söhne Wo der Neckar seine Reise beginnt Ein Zeittürmle aus der Vergangenheit – aus der traditi- onsreichen Schwenninger Uhrenzeit – und ein Wohn- turm der Neuzeit. Das Uhrentürmle der einstigen Me- tallwarenfabrik Jäckle auf dem Landesgartenschauge- lände vor dem 45 Meter hohen Neckar Tower. 109


Schwenningen und die Necklemer Der „Knieschnapper“: Die steile Treppe führt hinauf zum Panoramaweg am Fuß des Reutewaldes. Wo sich heute Spaziergänger über eine schöne Aussicht freuen, trafen sich in den 1930er-Jahren Nazi-Gegner zu konspirativen Treffen. in den Ersten Weltkrieg übernahm Anna Jäckle die Geschäftsführung und leitete das Unterneh- men bis zu ihrem Tod 1932. Konsequent gewei- gert hatte sich die Unternehmerin und Mutter von 16 Kindern – trotz massivem wirtschaft- lichen und politischen Drucks – Rüs tungsgüter zu produzieren. Diese Entscheidung hatte auch religiöse Hintergründe. Viele bekannte Unternehmen Schwenningens kamen bekanntlich beim Zusammenbruch der Schwarzwälder Uhrenindustrie ins Straucheln. Auch das Unternehmen Jäckle mit seinem Sitz in der Neckarstraße blieb davon nicht verschont: Der bis kurz nach der Jahrtausendwende älteste existierende Industriebetrieb Schwenningens produzierte vor allem Uhrenbauteile. Die Johann Jäckle Metallwarenfabrik GmbH & Co. kam in immer größere Absatzschwierigkeiten. Dennoch waren bei ihr um 1990 herum noch 330 Personen angestellt. 2003 ging der bekannte Betrieb dann allerdings endgültig in die Knie – noch 80 Mitar- beiter waren von der Insolvenz betroffen. Der Uhrenturm der 2009 abgerissenen Fabrik blieb erhalten. Er schmückt nun u.a. auch dank 110 des Engagements des Necklemer Bürgervereins das frühere Landesgartenschaugelände. Mutiger Widerstand im Dritten Reich Im Dritten Reich war es im Stadtteil „Necklemer“ wie andernorts: Lokale Größen des Hitler-Regi- mes wohnten neben Menschen, die beherzt Widerstand leisteten. So weigerten sich bei- spielsweise mutige Pfarrer, wie sonst üblich, die Rundfunkreden des Führers mit Glockengeläut anzukündigen. Oder sie hielten 1937 trotz hohem Risiko einen Bittgottesdienst aus Anlass der Ver- haftung von Pfarrer Martin Niemöller ab, der ein führendes Mitglied der Bekennenden Kirche war. Besonderen Mut zeigten Pfarrer Richard Schäfer und seine Frau Anne. Sie beherbergten im Ge- meindehaus der Pauluskirche jüdische Flücht- linge. Andere Bürger ermöglichten Verfolgten ein Versteck im Dachgeschoss ihres Hauses. Besonderen Erfindergeist, Einsatz und Mut bewiesen jene Sozialdemokraten und Gewerk- schafter aus dem „Necklemer“, die in der Schweiz Flugblätter gegen die Nazis drucken ließen, sie in Fahrradreifen versteckt über die Grenze schmug- gelten, um sie dann am Heimatort zu verteilen. Darauf – wie natürlich auch auf das Verstecken von politisch Verfolgten – stand die Todesstrafe. Erwähnenswert ist in diesem Zusammen- hang der sogenannte „Knieschnapper“ – eine lange, steile Treppe in den oberhalb des Stadt- teils gelegenen Reutewald mit seinem viel be- suchten Panoramaweg. Überliefert sind von dort konspirative Treffen der Nazi-Gegner, aber auch der heimliche Abtransport illegal eingeschla- genen Holzes. Das erste Krematorium der Region Auf gleicher Höhe mit dem Wald im Neckle- mer-Stadtteil liegt der Waldfriedhof. Er entstand mit der Fertigstellung des Krematoriums im Jahre 1928 und wurde anfänglich nur für Urnenbestat- tungen genutzt. Seit der Auflassung des Alten Friedhofes im Jahre 1961 dient der Waldfriedhof als Hauptfriedhof der Stadt. Nach zahlreichen


Wo der Neckar seine Reise beginnt Erweiterungen, die letzte erfolgte 1985, ist er mit 12,6 Hektar der flächenmäßig größte Friedhof von Villingen-Schwenningen. Jährlich erfolgen hier ca. 130 Erd- sowie 300 Feuerbestattungen. Ein architekturgeschichtlich interessantes Bauwerk ist das 1927/28 nach Plänen von Stadt- baumeister Feucht erstellte Krematorium. Ver- wirklicht wurde der expressionistische Bau unter finanzieller Beteiligung des Vereins für Feuerbe- stattungen. Die ausdrucksstarken Bildhauer ar- beiten stammen vom Schwenninger Gottlieb „Dem Licht entgegen“ – den Eingang des im expressi- onistischen Stil erbauten Krematoriums schmücken ein alter Mann und ein junges Mädchen. Imposant der Arkadengang (u. links). Hils. Das inzwischen 85 Jahre alte Gebäude wur- de religionsneutral konzipiert, es findet sich dort kein Kreuz. Im Dritten Reich war das Krematorium trotz der Proteste der Stadtverwaltung ein Teil des Vernichtungsapparates der Nazis. Ab 1933 wer- 111


Schwerpunkt Neckar den u.a. Opfer aus den KZ-Außenlagern Schöm- berg, Schörzingen, Bisingen, Dautmergen und Erzingen eingeäschert. Diese Urnen befinden sich in einem Sammelgrab und in 117 Einzelgrä- bern. Unter den Toten befinden sich auch Opfer der Euthanasie-Tötungsaktion T4 und auslän- dische Zwangsarbeiter. Die sogenannte „Aktion T4“ begann 1939. T4 steht für „Tiergartenstra- ße Nummer 4“ in Berlin, wo die Ermordung von fast 200.000 körperlich und geistig behinderten Menschen beschlossen wurde. Gedenksteine er- innern auf dem Waldfriedhof an die Opfer. Pauluskirche – als Vesperkirche bekannt Unweit davon, auf halber Höhe zwischen Ne ckar und Reutewald, befindet sich die im Jahr 1910 als zweite evangelische Kirche in Schwenningen gebaute Pauluskirche. Diese ist mit Elementen des ausgehenden Jugendstils ausgestaltet und nach Plänen des Stuttgarter Architekten Martin Elsässer (später Frankfurt und München) errich- tet. Charakteristisch sind die Außenfassade aus warmem Schwenninger Ziegelstein, der gedrun- gene achteckige Turm, die Metallsprossenfens- ter, die an alte Industriegebäude erinnern, und der schlichte Innenraum in einheitlichem Stil mit seinen 260 Sitzplätzen. So schlicht das Kirchengebäude auch wirkt, so rührig ist die Gemeinde. Seit vielen Jahren wird hier im Januar und Februar an 29 Tagen die Vesperkirche abgehalten. Die strenge Sitz- ordnung von Kirchen wird dabei aufgebrochen: 112 Als lebendige Mitte fungiert die evangelische Ge- meinde – hier ein Gottesdienst beim Necklemer Fest. Der Wunsch nach einem sanierten Viktoriaplatz ging für den Bürgerverein noch nicht in Erfüllung. Sogar eigene Pläne legte er vor. Rechte Seite: Die 1910 mit Elementen des ausge- henden Jugendstils erbaute Pauluskirche. Biertische und Kochtöpfe halten Einzug, denn es gilt, Menschen aller Schichten, vor allem sozial schwachen Mitgliedern unserer Gesellschaft, ein Mittagessen oder einen Nachmittagskaffee zu bieten. Zahlreiche ehrenamtliche – auch au- ßerkirchliche – Kräfte beteiligen sich daran, brin- gen ihre Arbeitszeit ein, finanzielle Spenden oder selbstgebackenen Kuchen. Täglich finden sich bis zu 300 Menschen im warmen Kirchenraum ein. An festlich gedeckten Tischen wird eine warme Mahlzeit serviert, in der Kaffeestube auf der Or- gelempore gibt es Kaffee und Kuchen. In der Mitte liegt der Viktoriaplatz Der Rundgang durch das einstige Schwenninger Arbeiterviertel führt auch zum nahe der Pau- luskirche liegenden Viktoriaplatz. Dorthin, „wo nichts ist“, wie die Necklemer sagen. Und doch ist dieser Platz ihr Zentrum. Architektonisch ist je- nes „Zentrum“ als Teilabschnitt der Lammstraße zwischen der Reute- und Kornbindstraße nicht gerade ein Vorzeigestück. Der 1998 gegründete


Wo der Neckar seine Reise beginnt 113


Schwerpunkt Neckar Schwerpunkt Neckar Necklemer Bürgerverein engagiert sich seit 17 Jahren dafür, den historisch wichtigen, südlichen Stadtteil von Schwenningen aufzuwerten. Im Zentrum der Vereinsbemühungen steht dieser große Platz. Seit der Gründung veranstaltete der heute 120 Mitglieder starke Verein jeden Som- mer dort ein großes Straßenfest. Ähnlich wie bei der Vesperkirche hatte das Necklemer-Fest mit seinen Tausenden von Besu- chern auch immer einen sozialen Hintergrund. Die Einnahmen waren stattlich, die Gewinne hat man gespendet. Geleistet werden konn- ten so über die Jahre hinweg Spenden von rund 34.500 Euro für den Hagelflieger des Kreises, lokale Kindertagesstätten, die Ne- ckarschule, das ein paar hundert Meter wei- ter gelegene Seniorenhaus Franziskusheim an der Neckarstraße, die Vesperkirche, die Vorplatzgestaltung der Pauluskirche und die AWO-Wärmestube. Unterstützt hat man weiter den Heimatverein, als dieser die Restaurierung des Uhrenturms der Uh- renfabrik Jäckle vornahm, der heute auf dem früheren Gelände der Landesgarten- schau zu finden ist. Leider ist das Necklemer-Fest inzwi- schen Vergangenheit. Das Jahr 2014 war das erste, in dem auf dem Viktoria-Platz Voller Gegensätze – Neckar Tower und Strand volleyball vor der historisch gewachsenen Kulisse der Neckarstraße, des Stadtteils Necklemer. 114 114


Wo der Neckar seine Reise beginnt Schwenningen und die Necklemer nicht mehr gefeiert wurde. „Uns älteren Orga- nisatoren folgen leider keine jüngeren nach“, so der Vorstand. Auf Dauer könne ein solch großes Fest nicht mehr gestemmt werden. Was sich beim so gut eingebürgerten Herbst- fest unterhalb der Schwenninger Pauluskirche abspielte, könnte als Vorbote künftiger massiver Auswirkungen des demografischen Wandels all- gemein gedeutet werden: Selbst fest Etabliertes mit großem Publikumszuspruch könnte auf Nim- merwiedersehen verloren gehen, wenn nachrü- ckende Generationen nicht bereit sind oder auf- grund der Zahlenstärke nicht bereit sein können, die Verantwortung zu übernehmen. Ein zweiter Grund für das Ende des beliebten, verbindenden Festes war allerdings auch der Frust: Immer wieder wies der Bürgerverein auf den maroden Zustand des Platzes hin. Damit nicht einfach nur passiv eine Forderung an die Stadt herangetragen wurde, ging der Verein von sich aus früh in Vorleistung und beauftragte so- gar ein Planungsbüro, eine bezahlbare Konzepti- on als Vorschlag auszuarbeiten – doch der Vikto- riaplatz als Zentrum des Necklemer-Stadtteils ist noch immer ein Sanierungsfall. Für den Necklemer-Stadtteil interessiert sich auch die Wirtschaft und Tourismus VS GmbH des Oberzentrums, sie organisiert aufgrund der stadtgeschichtlichen Bedeutung Führungen. Angefragt wurde ein ausgewiesener Kenner des Stadtteils und dessen Geschichte: Michael Kopp. Der Schwenninger konnte beim ersten Rund- gang an einem verregneten Samstag immerhin 50 Interessenten begrüßen. Sie erlebten große Gegensätze: hier das vor- bildlich ausgestaltete, viel besuchte Parkgelän- de auf der Möglingshöhe, dort das südlich der Ne ckarstraße liegende einstige Arbeiterviertel, in dem sich gerade ein Generationenwechsel vollzieht. Immer mehr junge Familien leben dort – vor allem auch solche mit Migrationshin- tergrund. Schwenningen als lebendiger Teil der Doppelstadt Villingen-Schwenningen ist und bleibt eine Stadt im Wandel. 115


5. Kapitel Wirtschaft Eine Bilanzsumme von knapp 3,4 Milliarden Euro, 52 Standorte, 64 Geld- automaten, 670 Mitarbeiter und über 116.000 Kunden – was 1839 mit dem Ersparten von 16 Personen an einem Wohnzimmertisch in Donaueschin- gen begann, hat sich zu einem über die Jahrzehnte gewachsenen und mo- dernen Geldinstitut entwickelt: der heutigen Sparkasse Schwarzwald-Baar. Die Geschichte der Sparkasse ist eng verwoben mit der Erfolgsgeschichte des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises. Einer Region, die sich beständig zu Wohlstand hochgearbeitet hat. Einer Region, die heute geografisch und in ihrem Bewusstsein mitten in Europa liegt, und die für ihren Pioniergeist und Erfindungsreichtum bekannt ist. 116 116


Sparkasse Schwarzwald-Baar – ein Stück Heimat „In der Region für die Region“ – Geldinstitut seit über 175 Jahren ein verlässlicher Partner Hauptsitz der Sparkasse Schwarzwald-Baar in der Villinger Gerber straße. 117


Wirtschaft 1839: Gründung der „Spar Cassa Donaueschingen“ Donaueschingen, 1839: Die Region zwischen Füt- zen und Gütenbach ist ein landwirtschaftlich ge- prägtes Gebiet mit Handwerk und Kleingewerbe. Getreide, Hackfrüchte und Kartoffeln werden an- gebaut, Milchwirtschaft und Schweinezucht be- trieben. Pferde sind die wichtigsten Arbeitstiere. Das Großherzogtum Baden und das Königreich Württemberg teilen sich das Gebiet des heutigen Schwarzwald-Baar-Kreises. Zu dieser Zeit kommen in Donaueschingen Ende des Jahres, 38 fortschrittlich denkende Männer zusammen, um den Sparkassenverein zu gründen. Sie initiieren die Gründung einer Sparkasse zu einer Zeit, in der Armut, bedingt durch die finanziellen Auswirkungen der Be- freiungskriege von 1817, besonders die unteren Stände heimsucht. Die Donaueschinger „Men- schenfreunde“ stellen am höchsten christlichen Feste – Weihnachten – fest, dass das „Üben von 118 Auszug aus dem ersten Rechnungsbuch der „Spar Cassa Donau- eschingen“ von 1839. Wohltätigkeit allein, nicht die Armut be- seitigt“. Die Visionäre möchten, dass ein- kommensschwachen Frauen, Männern und Waisen eine Hilfe zur Selbsthilfe an die Hand ge- geben wird. Dafür erscheint die Gründung einer Sparkasse aus sozialen Aspekten heraus das ge- eignete Mittel. Es gehört am 28. Dezember 1839 schon ei- ne gehörige Portion Vertrauen dazu, angesichts der zeitlichen und wirtschaftlichen Umstände, da weder die Statuten noch die Geschäftsbe- dingungen für eine Sparkasse festliegen, in das Haus des Kaufmanns Limberger zu gehen, um diesem sein Erspartes auf den Wohnzimmer- tisch zu legen. Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es keine Einlagensicherung, Rettungspakete oder eine europäische Bankenaufsicht. Das damali- ge Prinzip „Geldgeschäfte zwischen Nachbarn“, also Menschen, die sich kennen und vertrauen, ist bis heute das Grundprinzip der Sparkassen geblieben. Insgesamt 16 Personen bringen dem Kassier dieses Vertrauen am ersten Öffnungstag des Vereins entgegen. Der Haupteinlegerstamm besteht aus Dienst- mägden, Knechten und abhängigen Familien- angehörigen des Klein- bürgertums. In den ers- ten Stunden kommen bereits 281 Gulden Aufruf vom 24. Dezem- ber 1847 zur Gründung einer Spargesellschaft aus dem Uhren machen- den Schwarzwald.


und 30 Kreuzer zusammen. Zum Vergleich: Für 24 Kreuzer konnte man damals vier Kilo Roggen- brot kaufen! Großes Vertrauen genoss der Sparkassen- verein von Beginn an bei der weiblichen Bevöl- kerung. Von den 136 Personen, die in den ersten beiden Jahren ihr Geld bei der hiesigen Sparkas- se hinterlegten, waren über zwei Drittel weibli- chen Geschlechts. Da es im Jahr 1839 noch keine Sozialver- sicherung gab, war mit der Gründung eines re- gionalen Geldinstituts den ärmeren Schichten auf der Baar die Möglichkeit gegeben, ihr erspar- tes Geld gezielt anzulegen, um für Zeiten des Verdienstausfalls bei Krankheit und für das Alter Vorsorge zu treffen. Was am Zusammenschluss von Brigach und Breg als kleines Pflänzlein Sparkassenverein begann, ist über die Jahrzehnte und 20 Städ- te und Gemeinden hinweg zu einem kräftigen und soliden Baum namens Sparkasse Schwarz- wald-Baar herangewachsen. Sie ist ein Spiegel- bild der wirtschaftlichen und sozialen Entwick- lung der heimischen Region. 1848: Eine Sparkasse für den Uhren machenden Schwarzwald Wie wichtig die Gründung einer Sparkasse vor über 175 Jahren war, zeigt sich bald auch im Schwarzwald. Die Uhrmacherei, das Schwarz- wälder Hausgewerbe schlechthin, gibt um 1839 dem Schwarzwald entscheidende Wachstums- impulse. Doch die Konkurrenz der industriell gefertigten amerikanischen Uhren wird größer und größer. Die Folge: einbrechende Absätze und Preisverfall. Die Kartoffel, das damalige Hauptnahrungsmittel, steht nach Missernten nur beschränkt zur Verfügung. Dies führt zu schlimmen Hungerjahren und die Menschen ge- raten an den Rand des Ruins. Es kommt zu vielen Auswanderungen. Die Hungerjahre von 1845 bis 1847 führen zur Entstehung eines revolutionä- ren Potenzials, das vom Ausbruch der Revolution in Frankreich animiert, auch in Baden über alle Be völkerungsschichten hinweg immer mehr An- hänger findet. 175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar Der Junge, der von einem Kind ein Stück Brot in den Hut geworfen bekommt, versinnbildlicht die Dring- lichkeit des Sparkassengedankens in schwerer Zeit. Entwurf eines Uhrenschildes durch den Hüfinger Künstler Lucian Reich. In dieser Krise wird 1847 in Furtwangen-Schö- nenbach der „Gewerbsverein für den Uhren machenden Schwarzwald“ gegründet. 68 Uhr- macher aus der gesamten Region fordern die Er- öffnung einer Uhrmacherschule zur Hebung der Qualität der Uhrenfertigung. Und weiter planen sie die Gründung einer „Sparcassa-Gesellschaft“. Bereits ein Jahr später öffnet die „Schwarzwäl- der Sparcassa-Gesellschaft“ in Furtwangen ihre Türen. Sie fungiert als gemeinsame Sparkasse aller Uhrengewerbsorte. Der Uhrengewerbsverein beflügelt in der Folge den Uhren machenden Schwarzwald im Großraum Furtwangen/St. Georgen enorm. Das Land Baden gründet in Furtwangen die „Groß- herzoglich Badische Uhrmacherschule“ und be- 119


Wirtschaft Sparbüchse der Bezirkssparkasse Donaueschingen, Ende der 1920er Jahre. Rechts: Rathaus Schwennin- gen. Im Bürgersaal wurden anfänglich die Sparkas- sengeschäfte abgewickelt. ruft Robert Gerwig zu ihrem ersten Direktor. Der junge Ingenieur sorgt 1850 im Zusammenspiel mit herausragenden Köpfen der Schwarzwälder Uhrmacherei nach und nach für wirtschaftlichen Aufschwung. „Nebenbei“ plant der umtriebige Gerwig neue Straßen, wie etwa von Gütenbach nach Furtwangen oder von Vöhrenbach nach Unterkirnach. Weiter legt er in Furtwangen den Grundstein für das heutige Deutsche Uhrenmu- seum. Weltberühmt wird er in den 1870er-Jahren als Erbauer der Schwarzwaldbahn. Weitere Sparkassen entstehen In dieser Phase des Aufbruchs wird 1854 in Vil- lingen die „Spar-, Waisen- und Leihkasse“ und in Triberg die „Spargesellschaft“ ins Leben gerufen. Wenige Jahre nach Gründung der deutschen Uhrmacherschule gelingt im württembergischen Schwenningen Johannes Bürk die Erfindung der tragbaren Nachtwächterkontrolluhr. Um die Uhr produzieren zu können, gründet er die „Württem- bergische Uhrenfabrik“. Auch vermögende Hand- werkerfamilien wie Kienzle und Mauthe begin- nen die „Uhrenherstellung nach amerika nischem System“, die fabrikmäßi ge Uhren fertigung. Ein rasantes Wachstum beginnt. Aus einem Dorf wird binnen zweier Generationen die Industrie- 120 stadt Schwenningen. Die Einwohnerzahl vervier- facht sich. Seit dem Krieg zwischen Frankreich und Deutschland (1870 bis 1871) gehören Baden und Württemberg zum Deutschen Kaiserreich. Alle Maßnahmen zur Gewerbeförderung können sich jetzt noch besser auswirken. Es kommt zum anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung bis zum Ersten Weltkrieg. Die Massenauswande- rungen hören auf. Der Anschluss an das Eisen- bahnnetz und die Verkehrsadern des jungen Deutschen Reichs gelingt 1869 vom Bodensee her und 1873 durch die Schwarzwaldbahn auch von Offenburg. Dadurch wird die wirtschaftliche Ausgangslage enorm verbessert. Bis zum Bau der Eisenbahn ist Holz der allei- nige Energieträger. Jetzt kommen mit der Bahn Kohle und Koks, die Energieträger des Industrie- zeitalters, und damit auch das Gas und die Gas- beleuchtung. Der „Schwarze Wald“ und die Baar werden heller. Die Fabrikschlote rauchen. Um 1900 folgt die Elektrizität und die Städte des heu- tigen Kreises erhalten Hauswasseranschlüsse. Immer mehr Darlehen werden gewährt Bei der Jahrhundertwende liegt das Aufgaben- feld der Sparkasse in der Hauptsache auf dem Ideal der Gründer: Man nimmt Spargelder an, verwaltet und vermehrt sie. Aber die Sparkas- se ist längst nicht mehr nur zum Sparen da: Sie gewährt verstärkt Hypothekenkredite, Privat- darlehen und Kommunaldarlehen. 1895 werden die „Spar- und Waisenkasse“ St. Georgen und


Notgeld von 1918 der Stadt Furt- wangen mit Uhrenträger als Motiv. Unten: Milliarden-Notgeldschein der Stadt Vöhrenbach, aufgelegt 1923. Die Linachtalsperre schmück- te die Rückseite aller Vöhrenbacher Notgeldscheine. 1904 die „Gemeinde sparkasse“ Schwenningen gegründet. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs gibt es nichts mehr zu kaufen, die Tätigkeiten der Sparkassen beschränken sich fast ausschließlich auf den Sparverkehr. Gespart wird vor allem in Kriegsanleihen des Deutschen Reiches. Mit dem Kriegsende kommen die Inflati- on und die völlige Entwertung der Sparguthaben. Die Region leidet schwer unter den Folgen. Schon während des Krieges sind hiesige Gemeinden gezwungen, Notgeld als Geldersatz auszuge- ben. Mit Kriegsende spitzt sich die wirtschaftliche Not weiter zu. Reparations- zahlungen und Inflation tragen das Ihre bei. Auf dem Höhepunkt der Geldentwertung entspricht 1 Dollar etwa 4 Billionen und 200 Milliarden Reichsmark. Alle Preise werden festgesetzt und haben doch nur wenige Stunden Gültigkeit. Zum Einkaufen muss man das Geld in der „Chaise“ mitnehmen. Die Notenbanken kommen mit dem Drucken und Liefern neuer Banknoten nicht mehr nach, das Stadtnotgeld entsteht. 1924 der erste Weltspartag Um den Menschen den Sinn und Nutzen des Sparens neu zu vermitteln, wird im Oktober 1924 beim ersten internationalen Sparkassenkongress in Mailand, der Weltspartag gegründet. Darüber hinaus zeigen die Sparkassen, wie wichtig sie für die Region geworden sind. So werden etwa 175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar nach dem Ersten Weltkrieg die Überschüsse der Sparkassen dazu verwendet, soziale Aufgaben zu erfüllen, die die Städte aus eigener Kraft kaum hätten leisten können. Vor allem im schulischen Bereich und bei der Armenspeisung. „Den Wandel zeitig erkennen, ihn aktiv mit- gestalten“, so lässt sich der Eintritt der Region ins Industriezeitalter charakterisieren. Auch aus der Not heraus ist zwischen 1900 und 1924 Flexibilität verlangt. Es entwickelt sich die Elek- tronische Industrie als neue Branche. Für diese Entwicklung stehen Namen wie SABA, Kienzle, Binder, Dual oder Papst. Es folgt eine kurze wirt- schaftliche Erholung, bis der „Schwarze Freitag“ am 25. Oktober 1929 zum Zusammenbruch des Kapitalmarktes führt. Ein Heer von Enttäuschten und Arbeitslosen verändert ab 1929 die Wahl- ergebnisse dramatisch. Die antidemokratischen Kräfte sind die Gewinner, der Aufstieg der Nati- onalsozialisten unaufhaltsam. 121


Wirtschaft Die Villinger Sparkassen- rundschau macht 1969 Wer- bung für den Weltspartag. Der Pkw samt Sparschwein auf dem Dach war im Land- kreis zu Werbezwecken un- terwegs. und verschaffen sich gewaltsam Zutritt zu den Schließfächern. Bereits elf Tage spä- ter folgt die erneute Schalteröffnung in der Gewerbeschule. Währungsreform und Wirtschaftswunder In schwerer Zeit Mit der Machtergreifung kommen die Nazis auch in der Region an die Herr- schaft. Die Garnisonen in Villingen und Donau- eschingen werden beträchtlich erweitert. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zerstören Luftan- griffe Bahnhöfe und kriegswichtige Industriean- lagen. Am 27. November 1944 legt ein alliiertes Bombergeschwader große Teile von Freiburg in Schutt und Asche. Viele der Geschädigten finden zunächst in Oberbaldingen Aufnahme. Um den Geschäftsverkehr mit den Ausgebombten auf- rechterhalten zu können, bezieht die Öffentliche Sparkasse Freiburg kurzerhand zwei Räume in der Bezirkssparkasse Donaueschingen. Keineswegs verschont werden die Städte zwi- schen Schwarzwald und Baar. Donaueschingen und Schwenningen leiden besonders unter den Luftangriffen, haben mit Abstand die meisten Luftkriegstoten zu beklagen. Insgesamt kommt der Kreis aber im Vergleich zu den Stadtregio- nen Badens und Württembergs noch glimpflich davon. Während die Männer an der Front ihren Dienst verrichten, sind es meistens die Frauen, die den Geschäftsbetrieb der Sparkassen auf- rechterhalten. So leitet Klara Albert die Bezirks- sparkasse Donaueschingen bis zur Wiedereröff- nung am 3. Juli 1945. Mitte April 1945 beenden die einmarschie- renden französischen Truppen die Gewaltherr- schaft. Der Kreis ist Teil der französischen Be- satzungszone. Am 20. April 1945 stürmen die Franzosen die Sparkasse in Donaueschingen 122 Nach dem Krieg be- deutet die Währungs- reform im Mai 1948 eine tiefe Zäsur für die Arbeit der Sparkasse und das Vertrauen der Sparer. Vorübergehend erweitern die einzelnen Institute ihren Geschäftsbereich um die Ausga- be von Lebensmittel- und Benzinmarken sowie Care paketen. Erst mit dem „Wirtschaftswun- der“ in den 50er Jahren melden Schwarzwald und Baar wieder Vollbeschäftigung. Kleinere und mittlere Betriebe entstehen über den gan- zen Kreis verteilt. 1950 findet die erste Messe „Südwest stellt aus“ in Schwenningen statt – die heutige „Südwest Messe“. Krise der Uhrenindustrie Wenige Jahre später setzt die Krise der heimi- schen Uhrenindustrie ein – bedingt durch tech- nologischen Rückstand und Kapitalknappheit. Die Halbleitertechnologie, die sich in den 1970er Jahren durchsetzt, verbilligt die Produkte und revolutioniert die Massenuhrenproduktion. Uh- renindustrie und Unterhaltungselektronik ver- passen den Anschluss. Es tickt jetzt die Quarzuhr. 1975 meldet das zweitgrößte Schwenninger Un- ternehmen, die „Friedrich Mauthe GmbH“, Kon- kurs an – weitere folgen. 1981 schließt Dual, Flaggschiff der Phonoin- dustrie und größter Arbeitgeber in St. Georgen, für immer seine Werktore. Mit dem Niedergang von Dual, Kienzle-Uhren, Mauthe oder SABA und den mitkriselnden Zulieferbetrieben, wie den


Metallwarenfabriken, beginnt Anfang der 80er Jahre eine Strukturkrise. Es muss umgedacht werden. Gerade in diesen „schwierigen“ Zeiten stehen die heimischen Sparkassen ihren Kunden zur Seite. In St. Georgen entsteht etwa in einem ehemaligen Dualwerksgebäude das erste Tech- nologiezentrum Baden-Württembergs, weitere sollen im Kreis folgen. Innovation ist angesagt, es bildet sich ei- ne heterogene Industrielandschaft. Aus der in den 1970er Jahren zusammengebrochenen Uh- renindustrie entsteht ein breites Spek trum an Hochtechnologieunternehmen, de ren Basis der Mittelstand ist. Sparkassen schließen sich zusammen Die 1970er Jahre bringen für die Region weitrei- chende Veränderungen mit sich: 1972 fusionieren die ehemals badischen beziehungsweise würt- tembergischen Städte Villingen und Schwennin- gen zur Doppelstadt. Ein Jahr später schließen sich auch die beiden Sparkassen zu einem Haus zusammen. 1973 entsteht durch die Vereinigung der Landkreise Donaueschingen und Villingen sowie einiger Orte der Landkreise Rottweil, Tutt- lingen und Hochschwarzwald und einer zuvor aus dem Landkreis Konstanz eingegliederten Gemeinde, der Schwarzwald-Baar-Kreis. Durch die Bündelung mehrerer Kräfte entsteht nach den etappenweisen Zusammenschlüssen – Villingen-Schwenningen und St. Georgen (1991), Villingen-Schwenningen mit Furtwangen (2003) und schließlich Villingen-Schwenningen und Donaueschingen (2005) – die heutige Sparkasse Schwarzwald-Baar. Mit einer Bilanzsumme von 3,4 Milliarden Eu- ro, 670 Mitarbeitern und 52 Standorten von Füt- zen bis Gütenbach hat das einstige Bestreben der Gründerväter – „Geldgeschäfte unter Nachbarn“ – nicht an Attraktivität und Aktualität verloren. 1839 aus sozialen Gründen von Menschen aus der Region für die Region gegründet, steht die Sparkasse 175 Jahre später weiterhin als verläss- licher Partner an der Seite der Bürger. So lässt sich auch in Zukunft „Heimat. Ge- meinsam. Erleben.“! 175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar » Die Geschichte der Sparkasse Schwarzwald-Baar auf einen Blick 1839 Gründung Sparkasse Donaueschingen 1848 Gründung der Sparkasse Furtwangen (als Schwarzwälder Sparcassa Gesellschaft) 1854 Gründung der Sparkassen Villingen und Triberg (als Spar-, Waisen- und Leihkasse bzw. als Spargesellschaft) 1895 Gründung der Sparkasse St. Georgen (als Spar- und Waisenkasse) 1904 Gründung der Sparkasse Schwenningen (als Gemeindesparkasse) 1933 Übernahme der Spar- und Waisenkasse Vöhrenbach durch die Sparkasse Villingen 1939 Übernahme der Sparkasse Schonach durch die Bezirkssparkasse Triberg 1972 Fusion der Bezirkssparkasse Villingen mit der Bezirkssparkasse Triberg 1973 Übernahme der Sparkasse Schwenningen durch die Sparkasse Villingen 1991 Fusion der Sparkasse Villingen-Schwennin- gen mit der Sparkasse St. Georgen 2003 Fusion der Sparkasse Villingen-Schwennin- gen mit der Sparkasse Furtwangen 2005 Fusion der Sparkasse Villingen- Schwen- nin gen mit der Sparkasse Donau eschingen zur neuen Sparkasse Schwarzwald-Baar Sparkasse in St. Georgen. 123


Wirtschaft Geschäftspolitik richtet sich am Bedarf der Menschen vor Ort aus Wie bei der Gründung richtet sich auch im 21. Jahrhundert die Geschäftspolitik der Sparkasse am Bedarf der Menschen vor Ort aus. Dazu tragen neben dem flächendeckenden Geschäftsstellen- netz die enge Verbindung mit den Firmen- und Privatkunden vor Ort bei. Anders als bei weltweit tätigen Finanzinstituten, fließen die Einlagen der Sparkassenkunden in den Wirtschaftskreislauf der Region. Die erwirtschafteten Überschüsse bilden zudem die Grundlage des Engagements. Sparkasse, das bedeutet von Anfang an „Fi- nanzdienstleistungen unter Nachbarn“. Was in der Nachbarschaft im Kleinen begann, hat sich zu einer wichtigen Stütze der Region entwickelt. Für mehr als die Hälfte der im Landkreis lebenden Menschen ist die Sparkasse Schwarzwald-Baar ein Stück Heimat. „In der Region, für die Region“ – im Gegensatz zur teils „gesichtslosen Konkur- renz“ hat für das öffentlich-rechtliche Institut die Entwicklung vor Ort sowie der persönliche Kon- takt zu den Menschen oberste Priorität. Dass dieses klare Bekenntnis bei der Bevöl- kerung ankommt, zeigt unter anderem die nach- haltige Entwicklung der Bilanzsumme: Lag diese 1954 noch bei 23,5 Millionen DM, steht sie heu- 124 Vorstandsvorsitzender Arendt Gruben und der Stellvertretende Vorstandsvorsit- zende Wolfgang Wurbs. te bei fast 3,4 Milliarden Euro. „Der Begriff der „Nachhaltigkeit“ und das damit verbundene langfristige Den- ken ist für uns kein neuer Gedanke, sondern eine seit über 175 Jahren ge- lebte Tradition. Es geht uns um die dauerhafte Sicherung von Stabilität und Lebensqualität für die Menschen vor Ort“, betont Arendt Gruben, Vor- standsvorsitzender der Sparkasse Schwarzwald-Baar. Mit ihrer Geschäftspolitik, auf die Realwirtschaft in der Region zu set- zen, ist die Sparkasse weitgehend von internati- onalen Kapitalmärkten unabhängig. Das schafft Stabilität. Hinzu kommt eine gute Risikostreu- ung mit über 15.000 Kreditnehmern. Partner des Mittelstandes Als leistungsstarker und innovativer Partner des Mittelstandes zwischen Schwarzwald und Baar, steht die Sparkasse der heimischen Wirtschaft bei Umstrukturierungen, Investitionen, langfris- tiger Substanzerhaltung und eigener Absiche- rung bei. Dies sind nicht nur die kleinen und mitt- leren Handels- und Handwerksbetriebe, sondern auch große mittelständische Unternehmen, mit denen das Geldinstitut seit Jahrzehnten enge Geschäftsbeziehungen unterhält. Dabei zeigt sich die Sparkasse als Partner des Mittelstandes da- für verantwortlich, die Innovationskultur in der Region weiter zu fördern. Seit 1996 vergibt die Sparkasse Schwarzwald-Baar beispielsweise mit ihrer Stiftung „Innovationsförderung“ den mit insgesamt 10.000 Euro dotierten Innovations- preis für Industrie und Handwerk. „Unser Land- kreis ist eine Hochburg für Tüftler und Erfinder. Innovationen haben eine lange Tradition und sichern den Unternehmen Wettbewerbsvorteile


175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar 125 Die Sparkassen-Hauptstellen in Donaueschingen (oben) und Furtwangen.


Wirtschaft und schaffen Arbeitsplätze“, begründet Arendt Gruben das Engagement seines Hauses. Bestnoten durch die Mitarbeiter Kompetente Beratung und maßgeschneiderte Angebote Verlässlichkeit und Kompetenz sind auch mit Blick auf die seit 1999 schleichende, zinstech- nische Talfahrt gefragt. Um der realen Vermö- gensreduzierung zu entgehen, hat die Sparkasse Schwarzwald-Baar mit einem speziellen Bera- tungskonzept und maßgeschneiderten Angebo- ten auf die Anfragen ihrer Kunden reagiert. Gerade in wirtschaftlich turbulenten Zeiten sei es unerlässlich, durch passgenaue Anlagen der „Realzinsfalle“ zu entkommen. Dies ge- schieht bei der Sparkasse wie folgt: Zum einen verfolgen Experten des Hauses sowie die Ver- bundpartner Deka-Bank und Landesbank Ba- den-Württemberg täglich das Marktgeschehen und ermitteln daraus sinnvolle Anlagestrategi- en. Zum anderen werden die persönliche Risiko- bereitschaft und der Anlagehorizont des Kunden für eine maßgeschneiderte Beratung anhand der individuellen Wünsche und Ziele analysiert. „Der Verantwortung für unsere Kunden sind wir uns als Sparkasse Schwarzwald-Baar sehr bewusst. Dazu zählt, dass wir auch künftig nur das tun werden, was wir auch verstehen und verantwor- ten können“, betont der Vorstandsvorsitzende Arendt Gruben. Dass sich die Sparkassenkunden auf das um- fassende Fachwissen ihrer Berater verlassen kön- nen, spiegelt sich auch in der Zufriedenheit mit dem Geldinstitut und seinem Angebot wider: In einer repräsentativen Befragung bewerteten 83 Prozent der Privatkunden und 77 Prozent der Fir- menkunden die Zufriedenheit mit der Sparkasse mit den Noten „sehr gut“ oder „gut“. Ebenfalls sehr positiv wird die Qualität der hausinternen Beratung eingestuft. 88 Prozent der Privatkun- den und 82 Prozent der Firmenkunden gaben dem Allfinanzinstitut die Noten „sehr gut“ oder „gut“. Einen nicht unerheblichen Anteil an diesem sehr guten Befragungsergebnis haben die kontinu- ierlichen Investitionen des Hauses in ein zeitgemä- ßes und motivierendes Arbeitsumfeld. 126 Diese Investitionen kommen auch bei den Mitar- beiterinnen und Mitarbeitern der Sparkasse gut an. Bei der Frage, wie zufrieden die Angestellten mit dem Geldinstitut sind, erhielt das Haus von 88 Prozent seiner Mitarbeiter die Note „sehr gut“ oder „gut“. Die Zufriedenheit hoch zu halten, ist in Zeiten, in denen Veränderungen aufgrund von wirtschaftlichen und aufsichtsrechtlichen Rahmenbedingungen immer mehr zunehmen, allerdings eine große Herausforderung. Um hier führend zu bleiben, investieren die Verantwort- lichen regelmäßig in den Erhalt eines zukunfts- weisenden, service- und beratungsorientierten Umfeldes. Dazu gehören gut ausgebildete Mitarbei- ter, um sich den täglichen und zukünftigen He- rausforderungen stellen zu können. Aus diesem Grunde genießt die Personalentwicklung einen sehr hohen Stellenwert. Allein 2014 haben über 450 Mitarbeiter intern oder extern an Weiterbil- dungsmaßnahmen teilgenommen, um ihr Wis- sen zu erhalten oder zu vertiefen. Darüber hinaus bekennt sich die Sparkasse zu ihrem Standort, wenn es darum geht, jungen Menschen aus der Region eine Chance zu geben. Als einer der wich- tigsten Ausbildungsbetriebe vor Ort ermöglicht das Geldinstitut jedes Jahr vielen jungen Men- schen den Start ins Berufsleben. Ausgebildet wird in attraktiven Berufen wie zum Beispiel Bankkaufmann, Finanzassistent und Bachelor of Arts (Fachrichtung Banken und Bausparkassen). Soziales Engagement zum Wohl der Region Verantwortung für die Region zu übernehmen, dies spiegelt sich bei der Sparkasse auch in ihrem öffentlichen Auftrag wider. Denn die Sparkasse legt ihr Hauptaugenmerk nicht auf Gewinnma- ximierung, sondern auf die Versorgung der Be- völkerung mit geld- und kreditwirtschaftlichen Leistungen. Darüber hinaus hat sie sich auf die Fahnen geschrieben, den Sparsinn und die Ver- mögensbildung breiter Bevölkerungskreise und die Wirtschaftserziehung der Jugend zu fördern. Dies geschieht bei den Heranwachsenden etwa


175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar Jubiläumsgrüße – die Mitarbeiter der Sparkassenzentrale in Villingen-Schwenningen. Unten: Der Nachwuchs der Sparkasse Schwarzwald-Baar – ausgebildet wird in attraktiven Berufen. 127


Wirtschaft mit dem Präventionsprogramm „Kinder-Cash“. Zusammen mit der Schuldnerberatung des Land- kreises lernen die Kinder und Jugendlichen wäh- rend des Unterrichts den bewussten Umgang mit Geld und Konsum. Zudem setzt die Sparkasse einen Teil der erwirtschafteten Erträge auch für ihr sozia- les Engagement zum Wohl für die Region und die Menschen die hier leben ein. Aus Spenden-, Sponsoring- und PS-Reinertragsmitteln stellte das Traditionshaus im vergangenen Jahr knapp 1 Million Euro zur Verfügung und förderte damit insbesondere die ehrenamtliche Arbeit. Kulturpreis des Landkreises wird unterstützt Zu den unterstützten Projekten gehört der in Zu sammenarbeit mit dem Landkreis Schwarz- wald-Baar seit vielen Jahren gemeinsam ausge- lobte Kulturpreis. Nachwuchskünstler aus der Region dürfen sich dabei bewerben. Eine Fach- jury wählt den oder die Sieger aus, und am En- de winken insgesamt 7.500 Euro Preisgeld. Mit mehr als 100.000 Euro dotierte die Sparkasse Projekte von schulischen Einrichtungen in der Region beim zweiten Schulwettbewerb 2014. Knapp 100 Bewerbungen wurden aus dem Ge- schäftsgebiet der Sparkasse eingereicht und bei der großen Abschlussveranstaltung erhielten 30 Schulen schlussendlich einen Geldpreis zur Rea- lisierung der Projekte. Welche Strahlkraft dieser Wettbewerb hat, zeigte die Jurymitarbeit von Kultusminister Andreas Stoch im vergangenen Jahr. Seit nunmehr 175 Jahren ist die Sparkasse Schwarzwald-Baar der verlässliche Partner für die Menschen in unserer Heimat und wird dies auch in Zukunft sein. Sponsoring für die Region Schwarzwald-Baar: Ne- ben zahlreichen sozialen und kultu rellen Projekten sponsert die Sparkasse Schwarzwald- Baar auch das CHI-Reitturnier Donaueschingen. 128


175 Jahre Sparkasse Schwarzwald-Baar Die Sparkasse Schwarzwald-Baar feiert ihr 175-jähriges Bestehen (von links): Wolfgang Wurbs, stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Dr. Rupert Kubon, OB von Villingen-Schwenningen, Festredner Günther Oettinger, EU- Kommissar, Arendt Gruben, Vorstandsvorsitzender, Guido Wolf, Landtagspräsident, und Landrat Sven Hinterseh. Unten, von ob. links: Multimedia-Show der Sparkasse über den Schwarzwald-Baar-Kreis, die Sieger des Schul- wettbewerbs 2014, im Dialog mit der heimischen Wirtschaft und Beratungsgespräch. 129


Wirtschaft „Besser trinken – besser leben“ Bad Dürrheimer eines der großen Mineralbrunnenunternehmen in Baden-Württemberg von Christina Nack „Besser trinken – besser leben“, lautet der Leitsatz der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. KG Heilbrunnen. In der Kur- und Bäderstadt Bad Dürrheim ist eines der großen baden-württembergischen Mineralbrunnenunternehmen beheimatet. Das Unternehmen beschäftigt 150 Mitarbeiter. Mit drei Abfüllanlagen für PET und Glas-Mehrweg-Flaschen wird im Jahr ein Ausstoß von 100 Mio. Litern an Getränken erzielt. Dem Unternehmen ist auch seine soziale Verantwortung gegenüber Mitar- beitern und Menschen in der Region sehr wichtig. Vielfach engagiert sich Bad Dürrheimer im Umwelt- und Naturschutz, in sozialen und kulturellen Projekten sowie im Breiten- und regionalen Spitzensport. 130 130


Bad Dürrheimer Mineralbrunnen Das Zitat von Otto Weissenberger (Grafik oben), langjähriger Kurdirektor und Bürgermeister Bad Dürr- heims in Personalunion, ist le- gendär: „Was dem Vieh gut tut, kann dem Menschen nicht scha- den.“ Damit beginnt die Erfolgs- geschichte der Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH + Co. KG. So nämlich begründete Weissen- berger seine Überzeugung, dass tief unter der Erde des kleinen Baar-Städtchens heilsames Was- ser sprudeln würde. 1956 spürte er eine Quelle auf, aus der bestes Mineralwasser floss. Zwei Jahre später wurde die Mineralbrun- nengesellschaft zur Förderung des flüssigen Geschenks der Na- tur gegründet. Inzwischen stehen bei Bad Dürrheimer fast 150 Menschen in Lohn und Brot. Jährlich werden 27 Millionen Euro Umsatz erwirt- schaftet. Ein Teil davon fließt als Brunnenpacht in den Stadt- säckel, denn die Quellen gehören der städtischen Kur- und Bäder GmbH. 131


Wirtschaft Ulrich Lössl (links) und Bernhard Wolf (rechts), hier mit der Auszeichnung „Unternehmen des Monats“, leiten gemeinsam das Unternehmen Bad Dürrheimer. Die enge Verbindung zur Stadt gehört bis heute zur Unternehmenskultur. „Wir tragen ja sogar deren Namen weit in das Land hinaus“, sagt Ul- rich Lössl, der den Betrieb zusammen mit Bern- hard Wolf leitet. Zu Bad Dürrheimer gehört auch Wittmannsthaler Mineralwasser Was vielen Verbrauchern nicht bewusst ist: Zur Bad Dürrheimer Mineralbrunnen-Gesellschaft gehört auch das 1984 eingeführte Wittmanns- thaler Mineralwasser, das aus der gleichnami- gen Quelle auf Bad Dürrheimer Gemarkung ge- fördert wird. Wittmannsthaler ist das meistver- Auch das Wittmannsthaler Mineralwasser stammt aus Bad Dürrheim. 132 kaufte Mineralwasser in Baden-Württemberg, berichtet Lössl stolz. Der gebürtige Allgäuer ist in einer kleinen Brauerei aufgewachsen, wurde früh für die Be- deutung hochwertiger Naturprodukte sensibi- lisiert und studierte Lebensmitteltechnologie in Weihenstephan. 14 Jahre lang arbeitete er in der Lebensmittelindustrie in der Schweiz, bis er 1997 zu Bad Dürrheimer kam, wo ein technischer Geschäftsführer gebraucht wurde. „Der transpa- rente Bezug zu natürlichen Rohstoffen fasziniert mich bis heute.“ Erfolgreiche Probebohrungen Dass das kostbare Nass überhaupt entdeckt wurde, hat die Stadt dem unbeirrbaren Eigen- sinn des „Senators“ zu verdanken, wie die Bad Dürrheimer Otto Weissenberger mit liebevollem Respekt zu nennen pflegten. Er hatte sich nach seiner Wahl zum Bürgermeister 1954 in die Geschichte seiner neuen Heimat vertieft. Er wusste, dass es zu Beginn des 19. Jahrhunderts vie- le Brunnen in der Stadt gab, weil die Salinen einen hohen Wasserbedarf hatten. Das Wasser wurde offen, aber auch über hölzerne Rohre gefördert und in Brunnen geleitet. Einen davon schätzten die Bauern als Viehtränke besonders, weil das Wasser den Pferden und Rin- dern offenbar hervorragend schmeckte und ihnen wohl tat. Daran erinnerte sich der junge Schultes aus Laufen- burg, als er dem Gemeinderat Probebohrungen in jener Ge- gend empfahl – die bekannt- lich historische Bedeutung er- halten sollten. Bürgermeister der Kur- und Bäderstadt Bad Dürrheim blieb Otto Weissenberger 25 Jahre lang. Bad Dürrheim blieb er bis zu seinem Tod 1999 im Historische Flasche von 1959.


Bad Dürrheimer Mineralbrunnen Blick in die Produktion von Bad Dürrheimer im Jahr 1959. Oben rechts das erste Firmengebäude. Das Foto rechts unten zeigt die Firmengründer Adalbert Vogt und Gründungsgeschäftsführer Klaus Dettling vor dem Fuhrpark. Alter von 88 Jahren eng verbunden. „Vom Quell her gut“ 1958 gründeten der Freiburger Geschäfts- mann Adalbert Vogt und Klaus Dettling die „Dürrheimer Jo- hannisquelle Vogt KG“ und setzten am 23. Mai 1959 die erste automatische Abfüll- anlage in Betrieb. Gründungsgeschäftsführer war Klaus Dettling, der später auch als Gesellschafter die Geschicke des Mineral brunnens über 40 Jah- re bestimmte. Der Slogan lautete damals „Vom Quell her gut“. Die Aussage findet Geschäftsfüh- Klaus Dettling Bestücken der Mineralwasserkisten im Jahr 1959. Noch stand keine automatische Anlage zur Ver- fügung – Handarbeit war gefragt. 133


Wirtschaft Bilderbogen – Anzeigenwerbung aus den frühen 1960er Jahren und Flyer aus dem Jahr 1959 (Mitte). Rechts unten ein Inserat aus dem Jahr 1986. rer Ulrich Lössl noch immer „schlüssig“ und pas- send zum damaligen Zeitgeist. Seit 1982 „staatlich anerkannter Heilbrunnen“ Nach dem Start 1958 als „Dürrheimer Johannis- quelle Vogt KG“ wuchs das mittelständische Un ternehmen langsam, aber stetig. 1964 stei- gerte sich die stündliche Abfüllmenge von 5.000 auf 12.000 Glasflaschen; 1980 wurden bereits 60.000 Glasflaschen pro Stunde gefüllt. Zwei Jahre später wurde der Brunnen als „staatlich anerkannter Heilbrunnen“ geadelt und firmiert seither als „Bad Dürrheimer Mineralbrunnen GmbH & Co. KG Heilbrunnen“. Neues Marken- zeichen wurde der rote Balken mit weißem Bad Dürrheimer Schriftzug, der bis heute jede Flasche ziert. 1988 wurden landesweit mehr als hundert Millionen Flaschen verkauft. Das Jahr 2002 markierte den Beginn des PET-Zeitalters. Bad Dürrheimer setzte auf das 134 ökologisch und hygienisch vorteilhafte Pet cycle- System und investierte zehn Millionen Euro in eine neue Abfüllanlage. 2008 wurde mit gro- ßer Beteiligung der Bevölkerung 50. Geburts- tag gefeiert; die Schnapszahl 55 war fünf Jahre später Anlass für einen turbulenten, fröhlichen „Tag der offenen Tür“ mit ebenfalls bester Reso- nanz. 2010 rückten Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz mit der umfassenden Zerti- fizierung nach dem strengen International Fea- tured Standard (IFS) Food in den Fokus. Jüngster Bad Dürrheimer-Laster unterwegs zum Kunden. Heu- te wäre dieses Fahrzeug ein begehrter Oldtimer.


Bad Dürrheimer Mineralbrunnen Der lange Weg des Mineralwassers be- ginnt im Schwarzwald. Für die feine, aus- gewogene Rezeptur von natürlichem BAD DÜRRHEIMER Mineralwasser lässt sich die Na- tur viel Zeit: Vom Schwarzwald her sickert das Regenwasser auf seinem Weg in die Tiefe sehr langsam durch die massiven Gesteinsschichten hindurch. Hierbei wird es gereinigt und erfährt auch seine einmalige, typische Mineralisierung. Es vergehen Jahrzehnte, bis das Wasser letztendlich im 170 m tief liegendem Mineral- wasserschatz in Bad Dürrheim ankommt und von dort an die Oberfläche gefördert und als Mineralwasser in Flaschen abgefüllt wird. „Die Überdeckung des Mineralwasser- Reservoirs mit mächtigen Gesteinsschichten gibt den Schutz vor Verunreinigungen und ga- rantiert die absolute natürliche Reinheit von BAD DÜRRHEIMER Mineralwasser“, betont das Unternehmen auf seiner Internetseite, wo sich weitere Informationen zu diesem Thema fin- den. www.bad-duerrheimer.de Meilenstein war die Einweihung einer neuen Abfüllanlage für Glasflaschen im April 2014. Sie trägt dem Bedürfnis der Verbraucher nach wiederverwertbaren Glasflaschen Rechnung und vereinbart mit Leistung von 20.000 Flaschen pro Stunden ökologische und ökonomische Anforderungen. „Unter den Guten eines der Besten“ Das Profil von Heil- und Mineralwasser aus Bad Dürrheim war „schon immer“ von seiner Güte und gesunden Zusam- mensetzung geprägt, so dass auch das Werbeattribut „der Gesundbrunnen“ seine Berechtigung gehabt habe. Doch als der Markt plötzlich überschwemmt wurde mit Abfüllungen unklar definierter Her- kunft, musste sich der Bad Dürrheimer Mittelständler abheben von der Ano- nymität. Das wurde der Kundschaft mit dem Slogan „Unter den Guten ei- nes der Besten“ verdeutlicht. „Früher gab es keine Billig-Wässer“, deutet der Geschäftsführer den strategischen Kontext an. „Da gab es nur wenige deutschlandweit agierende nationa- le Marken wie Fachinger und Selters, der Rest war regional.“ Heute sei der Konkurrenzdruck viel größer, da sich auch internationale und nationale 135


Wirtschaft Die 2014 in Betrieb genommene neue Abfüllanlage füllt in der Stunde 20.000 Flaschen ab. Tagtäglich verlassen tausende von Getränkekisten das Unternehmen. Die Lkw-Flotte von Bad Dürrheimer ist groß, die Fahrer gelten als wichtige Multiplikatoren und Produktbotschafter. Konzerne in regionalen Nischen breit machten. „Darum müssen wir uns in unserem Imperium selbstbewusst bewegen wie ein Held und das sind wir auch.“ Zum Heutigen gehöre das Motto „Besser trinken, besser leben“. Es sig- nalisiere, dass sich das Unterneh- men mit seinem Umfeld identifi- ziere und selbst Teil der hohen Lebensqualität im erweiterten Radius um die eigene Haustür herum sei. „Von Mannheim Von der Bertolds Quelle über Bad Dürrheimer Medium, Bio-Apfelgetränke, dem neuen Légère bis hin zum Mineralwas- ser Classic – Bad Dürrheimer bietet eine breit gefächerte Produktpalette. 136 die Rheinschiene hinunter bis nach Lindau, das ist Bad Dürrheimer Land, in etwa identisch mit dem Freiburger Regierungspräsidium“, steckt er die Claims im hart umkämpften Markt ab. 1993 als erster Mineralbrunnen zertifiziert Bad Dürrheimer wurde 1993 als erster Mineralbrunnen Deutschlands nach DIN EN ISO 9001 zertifiziert, nachdem der gesamte Wertschöpfungsprozess analy- siert und effektiver gestaltet worden war. In ländlichen Gegenden gebe es an- dere Aufgabenschwerpunkte als in Bal- lungszentren, vor allem in logistischer Hinsicht. Unabdingbar sei eine große Lkw-Flotte, um die Getränke zum Ver- braucher zu bringen. Wegen ihres unmit- telbaren Kontakts zur Kundschaft seien


die Fahrer zugleich wichtige Multiplikatoren und Produktbotschafter, deren Kompetenzen weit über fahrerisches Können hinausreichten. Jedes Wasser schmeckt objektiv anders Im Gegensatz zu Bier, das vor allem mit subjekti- ven, emotionalen Kriterien bewertet werde, schmecke jedes Wasser objektiv anders. Das sei abhängig von den Bodenverhältnissen und von Anteil und Zusammensetzung der Mineralien als wichtigsten Geschmacksträgern. „Wasser ist hochsensibel und das einzige Lebensmittel, das staatliche Anerkennung braucht und regelmäßig staatlich überprüft wird“, deutet Lössl die Kom- plexität der Förderung an. Es muss gewährleistet sein, dass die unterirdischen Mineralwasservor- kommen keine schädlichen Substanzen enthal- ten, dass die Zusammensetzung der Mineralien konstant bleibt und dass der Wasserhaushalt im Umfeld der Quellen durch die Mineralwasserent- nahme nicht beeinflusst wird. „Unsere Wässer sind ursprünglich und rein, die Messergebnisse sind stets meilenweit von gesetzlichen Grenzwerten entfernt.“ Die natürlichen Mineralwässer sprudeln aus Weissenberger-, Johannis- und Witt- mannstaler Quelle. Die Bertolds Quelle liefert das kostbare natürliche Heilwasser. Es darf als Heilmittel deklariert werden, weil es zur Genesung vor allem bei Unpässlichkeiten im Verdauungstrakt beiträgt. „Es wirkt leicht abführend und eignet sich hervorragend zum Spülen der Blase.“ Während das Heilwas- ser kochsalzarm und auch darum so gut verträglich ist, ist das Solewasser des städtischen Kurbetriebs aus viel tieferen Erd- schichten gerade wegen seines hohen Salzgehalts wertvoll. Der Sole hat Bad Dürrheim sein Prädikat als Heilbad zu verdanken, Bad Dürrheimer Mineralbrunnen welches Profil das Heilwasser aus eigenen Quel- len ideal komplettiert. Das eine diene der Kör- per-Reinigung von innen, das andere wirke von außen, beide Wässer steigerten das Wohlgefühl, was in einem Slogan der Kur- und Bäder GmbH „Die Kraft der Gegensätze“ angedeutet werden solle und im Vitalcenter im Solemar praktiziert wird. Anhaltender Trend zu weniger „Sprudeligkeit“ Persönlich favorisiert Ulrich Lössl in diesen war- men Sommertagen das neue „Légère“, ein Mine- ralwasser mit einem Hauch von Kohlensäure. Bereits 1967 brachte das Unternehmen ein Me- dium-Wasser mit weniger Kohlensäure auf den Markt, hier leistete man Pionierarbeit und beflü- gelte damit einen bis heute anhaltenden Trend zu weniger „Sprudeligkeit“. Neueste Zahlen zeigen, dass die Deutschen mittlerweile mehr Wasser mit wenig oder gar keiner Kohlensäure trinken als Wasser mit viel Kohlensäure wie das Bad Dürrheimer Classic mit dem roten Etikett. Publikumsrenner von Bad Dürrheimer sind auch Erfrischungsgetränke auf Mineralwas- serbasis, Apfelsaft-Schorle vor allem, be- liebter Durstlöscher ist ebenso „Pepita“, ein nach original Schweizer Rezeptur her- gestelltes Grapefruitgetränk. Die Herkunft der eigenen Wäs- ser sei schon an deren Namen erkennbar. Darüber hinaus sei Bad Dürrheimer der einzige Mineralbrunnen, der bei den Schorle-Getränken auch die Herkunft der Säfte ein- deutig deklariere. „Unsere Äpfel, Kirschen und Johan- nisbeeren sind nicht bloß vage ‚heimisch’, sondern wuchsen garantiert am Bodensee. Und wir wissen, dass sich auch der eine und andere Baaremer Apfel da- runter mischt, der rundet die Bad Dürrheimer Schor- le geschmacklich ideal ab.“ 137


Wirtschaft Diese Transparenz basiere auf „fairem Han- del mit heimischen Erzeugern“. Deshalb dürfe Bad Dürrheimer sein Apfelschorle mit den Land- frauen bewerben, freut sich Marketingleiter Mi- chael Neuenhagen. „Das ist ein Privileg, denn die setzen sich nur für heimische Produkte ein.“ Regionale Verbundenheit und Verbrauchernähe gehen mit intensivem Engagement und Sponso- ring einher. „Uns geht es um breite Präsenz. Da- rum unterstützen wir gezielt Einzelprojekte und variieren auch.“ Kompetente und motivierte Mitarbeiter Das wichtigste Erfolgsrezept des Mittelständ- lers seien nebst verlässlicher Produktqualität die allesamt kompetenten und motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die geringe Fluktu ation spreche für die ausgeprägte Identi- fizierung mit dem Unternehmen, was auch an dessen Glaubwürdigkeit und seinem sozialen und ökologischen Profil liege. „Die Region ist uns wichtig. Das zeigen wir mit unserem Engage- ment betriebsintern und ebenso bei den vielen ausgesuchten Sponsoring-Aktivitäten.“ Vielfältiges, regionales Engagement Bad Dürrheimer ist ein wichtiger Partner des ERC Schwenningen, der Eishockeyclub wird insbeson- dere wegen seiner Nachwuchsarbeit unterstützt. Jugend, Bildung, Kultur, Soziales seien Förder- schwerpunkte, Neuenhagen nennt als Beispiele Schwenninger Vesperkirche, Palliativ-Stiftung, Suchtberatung, Kinder- und Familienzentrum in Villingen-Schwenningen, Nachsorgeklinik Tann- heim, Bad Dürrheimer Off-Road-Kids, das Kürbis- fest der Waldorfschule in Schwenningen. „Wir können nicht überall helfen, wo es sinnvoll wä- re, und müssen auch mal eine Anfrage absagen. Aber wir bemühen uns, wechselnde Projekte in unserer Heimat zu unterstützen, die uns sinnvoll erscheinen.“ Vor allem beim Sponsoring gelte ein Credo, mit dem sich der Mineralbrunnen auch betrieb- lich profiliere: „Man muss nicht immer die erste, aber eine gute Geige spielen.“ Das Werk von Bad Dürrheimer liegt in der Seestraße. 138


Ein und dasselbe Wasser kann in zwei ver- schiedenen Gläsern völlig unterschiedlich schmecken, so Michael Kramer, der Leiter der Qualitätssicherung bei Bad Dürrheimer. Er macht mit Besuchern gern die Probe aufs Exempel. Und tatsächlich hat das Wasser um so weniger Ei- gengeschmack, je kälter es ist, auch der Durch- messer des Glases spielt eine Rolle. „Je größer die Oberfläche ist, desto mehr Kohlensäure kann entweichen.“ Seit 1985 ist der gelernte Braumeister aus Lenzkirch bei Bad Dürrheimer für die gleich blei- bende Güte der Wässer zuständig, die zur Zeit aus neun Quellen gefördert werden. Jeden Mor- gen beginnt Michael Kramer seine Arbeit mit ei- nem Rundgang zu den Quellen; kontrolliert die Fließgeschwindigkeit und entnimmt Wasserpro- ben, die später im Labor untersucht werden. Wenn das Wasser aus den Edelstahl-Pipelines sprudelt, hat es einen rund 30 Kilometer langen Weg von den Schwarzwaldhöhen um Schonach und Triberg herum hinter sich (siehe dazu Seite 135). Es verbrachte rund 80 Jahre in den Felsspal- ten, sammelte sich in Klüften, plätscherte weiter und nahm Mineralien und Spurenelemente in den verschiedenen Gesteinsschichten auf. „Die geologische Vielfalt ist unsere Stärke“, sagt Michael Kramer, der intern auch „Herr der Quellen“ genannt wird. In seinem Berufsleben hat er sich einen riesigen Erfahrungsschatz rund ums Mineralwasser angeeignet. Der geprüfte Mineralwassersommelier hat seinen Gaumen bei täglichen Verkostungen für minimale Nuan- cen sensibilisiert und weiß genau, welches Was- ser zu welchen Bedürfnissen passt. Die Bad Dürrheimer Mineralwässer stammen zum Teil aus mehreren Quellen, sind eine Cuvée mit jeweils eigenem Charakter. Der Mineralge- halt liegt je nach Mineralwasser zwischen 850 und 2 400 Milligramm pro Liter. Das ist viel, weiß Meister Kramer und berichtet stirnrunzelnd von einer geänderten Gesetzgebung, nach der selbst Wasser ohne Mineralgehalt als Mineralwasser deklariert werden dürfe, obwohl es wie in Frank- reich kaum oder gar keine Mineralien enthalte. Das Bad Dürrheimer hingegen zeichnet sich insbesondere durch seinen Gehalt an Magnesium, Calcium, Sulfat, Hydrogenkarbonat aus, außer- Bad Dürrheimer Mineralbrunnen XX Michael Kramer beim Mineralwasser-Test. Er emp- fiehlt nicht Kühlschrank-, sondern Kellertemperatur. dem enthält es viele wertvolle Spurenelemente – insgesamt seien rund 220 Parameter messbar. Michael Kramer: Der Herr der Quellen und Chef-Sommelier Je nach Sorte wird dem Mineralwasser mehr oder weniger oder eben auch gar keine Kohlen- säure zugegeben. Das geschmacksneutrale Gas gebe dem Wasser eine erfrischende Note, rege die Durchblutung an und mindere das Hunger- gefühl. Wegen seiner wohltuenden, sättigenden Wirkung sei Heil- und Mineralwasser auch bei Diäten und Fastenkuren unverzichtbar. „Direkt aus dem Kühlschrank ist’s zu kalt“, sagt der Experte und empfiehlt „Kellertempera- tur“ zum Trinken; zehn bis vierzehn Grad seien ideal. Je weniger Kohlensäure ein Wasser enthal- te, desto wärmer könne es getrunken werden. 139 139


Wirtschaft Die Schreibgerätetechnik maßgeblich revolutioniert Maschinenbau, Sensorik und Schreibgeräte: Die Firma SCHMIDT Technology aus St. Georgen steht auf mehreren Standbeinen von Roland Sprich SCHMIDT Technology in St. Georgen ist ein in vierter Generation familiengeführtes mittelständisches Unternehmen auf höchstem technologischen Niveau, für das über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten. Was vor mehr als 75 Jahren mit der innovativen Entwicklung von technisch raffinierten Schreibgeräten begann, präsentiert sich heute in drei Unternehmensbereichen: Schreibgerätetechnik, Ma­ schinenbau und Sensorik. Hoch qualifizierte Ingenieure, Techniker und Chemiker sorgen dafür, dass das komplexe Zusammenspiel von Mechanik, Physik und Chemie in den Schmidt­Produkten perfekt aufeinander abgestimmt ist. SCHMIDT Techno­ logy ist global aktiv, besitzt Auslandstöchter in den USA, England, der Schweiz und Frankreich sowie Vertretungen weltweit. Die Wurzeln des Unternehmens liegen in der Fertigung von Präzisionsteilen für die Schwarzwälder Uhrenindustrie. Hervor­ gegangen aus der Schwarzwälder Uhr macherkunst und dem feinen Gefühl der hier lebenden Menschen für Präzision, hat sich SCHMIDT Technology zu einem weltweit anerkannten Technologieführer ent wickelt. Schreibgeräte mit höchstem Komfort – „Made in St. Georgen“. Kugelschreiber oder Füller fertigt SCHMIDT Technology für renommierte, weltweit bekannte Edelmarken. 140


SCHMIDT Technology in St. Georgen beschäftigt weltweit über 400 Mitarbeiter. Die Geschäftsführung von SCHMIDT Technology, v. links Stephan Schmidt, Rolf Schmidt, Sprecher der Geschäftsführung, und Oliver Schmidt. 141


Wirtschaft Firmenansicht aus den 1950er-Jahren. Wenn hochrangige Politiker bedeutende Staats- verträge unterzeichnen, Geschäftsleute in aller Welt ihren Namenszug unter wichtige Schrift- sätze setzen, oder wenn einfach stilvoll Gedan- ken zu Papier gebracht werden, kommt nicht einfach „nur“ ein Kugelschreiber zum Einsatz. Vielmehr wird in diesen Fällen ein entsprechen- des Schreibgerät mit höchstem Schreibkomfort benutzt. Oft stammt es aus St. Georgen – von SCHMIDT Technology. Dieses Unternehmen hat die Schreibgerätetechnik in den vergangenen 75 Jahren maßgeblich revolutioniert, Qualitäts- standards gesetzt und ist zu einem unverzicht- baren Partner für Markenhersteller auf der gan- zen Welt geworden. Die Anfänge des mittelständischen Unterneh- mens liegen, wie so oft im Schwarz- wald, in der Uhrenindustrie. 1938 gründeten die Brüder Hermann und Wilhelm Schmidt einen Zulieferbetrieb für Präzisions- drehteile, belieferten namhaf- te Uhrenproduzenten. geschwappt“: Ein Stift, der die Schreibtinte nach und nach über eine Kugel an der Spitze abgibt. Die Technik war jedoch alles andere als ausge- reift. Die Tinte kleckste, die Kugel kratzte rau über das Papier. Doch die beiden Unternehmer erkannten das Potenzial, das hinter dieser Erfin- dung steckte. Kugelschreiber wird zum hochwertigen Präzisionsgerät weiterentwickelt Die Schwarzwälder Tüftler nahmen die Heraus- forderung an. Mit dem Know-how und der ge- wohnten Präzision aus der inzwischen rückläu- figen Uhrenindustrie wurde die Technik immer weiter entwickelt und verfeinert. Schon bald wird die profane Bezeichnung „Kugelschreiber“ nicht im Ansatz dem gerecht, was SCHMIDT Technology in höchster Qualität entwickelt und produziert. Es entstehen neuartige Dreh- und Druck- mechanismen für Bleistifte und Schreiber auf Tintenbasis. Weiter eine ausgereifte Füllhal- tertechnik, die auch bei kurzfristigen Druckun- terschieden, etwa bei Start und Landung eines Flugzeuges, verlässlich dafür sorgt, dass die Tinte nicht aus dem Gerät fließt. Und SCHMIDT Tech- nology spezialisiert sich ebenso auf die Montage von Schreibgeräten der Ober- und Premiumklas- se. Auch die Schreibpaste wird im eigenen Labor selbst entwickelt und hergestellt. Edelmarken wie Faber-Castell, Pelikan, Lamy, Davidoff, Cartier und Mont Blanc gehö- ren zu den Premiumkunden des St. Georgener Traditionsun ternehmens. Ausgefallene Designs unter Verwendung hochwertiger Ma- terialien entstehen – sogar mit Diamanten verzierte Schreibge- räte fertigt SCHMIDT Technolo- gy auf Kundenwunsch. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam, zusam- men mit Nylonstrümp- fen und Kaugummi, ei- ne neuartige Erfindung aus Amerika „herüber- Die Firmengründer Wilhelm (links) und Hermann Schmidt.


SCHMIDT Technology Mit Diamanten und Gold verzierte Edelschreibgeräte „Made in St. Georgen“. hand geführten Unternehmens. Zwar ist die Schreibgerätetechnik ein florierender Geschäfts- zweig von SCHMIDT Technology, aber es ist nicht der einzige. Bereits 1952, als Hans Schmidt in das Unternehmen eintrat, wurden neue Akzente ge- setzt. Der Handwerksbetrieb entwickelte sich Dass bis heute keine Schreibgeräte unter dem Namen SCHMIDT im Handel erhältlich sind, hat einen einfachen Grund: „Wir wollen ja unse- ren Kunden keine Konkurrenz machen“, erklärt Stephan Schmidt. Er ist zusammen mit seinem Bruder in vierter Generation in der Geschäftslei- tung tätig und für den kaufmännischen Bereich verantwortlich, während Oliver Schmidt den technischen Bereich leitet. Großen Anteil am Er- folg des Unternehmens hat Vater Rolf Schmidt. Er ist seit 1969 in der Geschäftsleitung tätig und fungiert als ihr Sprecher. Neuer Geschäftsbereich Maschinen Unternehmerische Weitsicht war seit jeher ein prägendes Merkmal des bis heute in Familien- Am Beginn jeder Fertigung steht die Entwicklung, die bei SCHMIDT Technology einen hohen Stellenwert genießt. 143


Wirtschaft Die Ausbildung des Nachwuchses genießt bei SCHMIDT Technology einen hohen Stellenwert. Rechts: Blick in die Fertigung. nun zu einem Industrieunternehmen. Mit dem Kauf der Firma Rudolf Maier Sondermaschinen- bau erweiterte „SCHMIDT Minen“ die Firma 1964 um den Geschäftsbereich Maschinen. An- gefangen mit Handhebelpressen im Bereich der Fügetechnik ist daraus in den vergangenen sechs Jahrzehnten ein breites Spek trum an pneumatischen, hydropneumatischen und elektrischen Pressen ent- standen. Diese werden unter an- de rem zur Teilefertigung im Flug zeugbau, in der Automobil- technik, Mikromechanik und Medizintechnik benützt. Das ausgewogene Programm der SCHMIDT-Pressen lässt sich in der Umform- und Fügetechnik in fast allen Zweigen der Indus- trie einsetzen. Vom einfachen, manuellen Arbeitsplatz bis hin zu rechnergesteuerten, voll- automatischen Montagema- schinen mit integrierter Qua- litätssicherung spannt sich das Lieferprogramm über alle Automationsstufen. 144 Neubau auf der Seebauernhöhe In den 1970er Jahren wurden die Weichen erneut neu gestellt. Aus beengten Verhältnissen in der Innenstadt baute die Firma SCHMIDT 1972 auf der grünen Wiese auf der damals noch weitgehend unbesiedelten Seebauernhöhe. Die Aussicht, dass die Verbindungsstraße zur Bundesstraße eines Tages quasi direkt am Haus vorbei führt, veranlasste die Geschäftsführung damals zu diesem Schritt. Der Anschluss an die Bundesstraße kam bis heute nicht. Dafür hatte das Unternehmen ausreichend Platz, um seine Fertigungsflächen mehrmals zu erweitern. Heute agiert SCHMIDT Technology auf rund 20.000 Quadratme- tern Betriebsfläche. In den 1980er Jahren erweiterte das Unternehmen, das zwischenzeit lich unter SCHMIDT Feintechnik fir mierte, um den Geschäftsbereich Sensorik. Für einen namhaften schwäbischen Auto- hersteller entwickelte SCHMIDT einen Kundenspezifische Presse.


SCHMIDT Technology Die Bedeutung von SCHMIDT Technology wurde anlässlich des 75-jährigen Firmenjubiläums unterstrichen, v. links Stephan Schmidt, Oliver Schmidt und Rolf Schmidt. Die Standuhr links ist ein Präsent der Mitarbeiter. Gurt straffer. „Keiner hat es gekonnt, wir haben es gemacht“, formuliert Stephan Schmidt. Der Gurt straffer war der Vorreiter für weitere Sicher- heitssysteme in den Autos. Später folgte die Sensorik für die Auslösung von Airbags. Davon hat SCHMIDT Feintechnik mehr als 50 Millionen Stück produziert. Dank seiner Niederlassungen in den USA, der Schweiz, in England und Frankreich ist SCHMIDT Technology immer nah am Kunden. Entwicklung von Strömungssensoren Als die Chip-Technologie verstärkt Einzug in die Steuertechnik hielt, ist SCHMIDT Technology 2010 aus dem Automotive-Bereich ausgestiegen. Seine mehr als 20-jährige Erfahrung im Bereich der Sensorik bringt das Unternehmen nun in die Entwicklung und Produktion von Strömungssen- soren für Luft und Gase ein. SCHMIDT Sensoren erfassen Luft- und Gas- strömungsgeschwindigkeiten nach dem thermi- schen Mess prinzip. Diese Präzisionssensoren dienen zur Energieeinsparung, Qualitätssiche- rung von Prozessen und zur Gewährleistung der Sicherheit von Personen und Geräten. Der Einsatz erfolgt in hochwertigen Standard- und OEM-Anwendungen der Pharma- und Reinraum- branche, der Prozesstechnik, Drucklufttechnik sowie Klima- und Lüftungsbranche. Für die Zukunft gewappnet Um über viele Jahrzehnte gleichbleibend hohe Qualitätsprodukte anbieten zu können, braucht es qualifizierte Mitarbeiter. Hier ist sich SCHMIDT Technology seiner Verantwortung bewusst und trägt in hohem Umfang zum Fachkräfteerhalt bei. Jeweils zehn Prozent der 365 Beschäftigten am Standort in St. Georgen sind Auszubildende, die in der hauseigenen Ausbildungswerkstatt in acht gewerblichen und kaufmännischen Berufs- feldern ausgebildet werden. Um seine Position als Technologieführer zu halten, investiert das Unternehmen konsequent jährlich zehn Prozent des Umsatzes in die Bereiche Forschung und Ent- wicklung. Im September 2013 konnte das Unternehmen sein 75-jähriges Bestehen feiern. Bürgermeis- ter Michael Rieger betonte aus diesem Anlass: „SCHMIDT Technology bildet mit das Rückgrat und den Motor der städtischen Wirtschaft. Eine solche Firma ist für uns ein Glücksfall.“ 145


6. Kapitel Bildung und Soziales Einen Platz in der Gesellschaft finden An der Carl-Orff-Schule in Villingen werden Schüler zur größtmöglichen Selbstständigkeit geführt von Saskia Fraas Sie lieben Fußball, Nähen oder Schwimmen, reiten oder rechnen gerne oder fin- den Autos spannend – die Interessen der Carl-Orff-Schüler sind so vielfältig wie ihre Beeinträchtigungen. Aber an dieser Schule sind es gerade die Einzigartigkeit des Einzelnen, seine Stärken und Schwächen, die geschätzt werden. So singen es die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, den Sekretärinnen, dem Hausmeister, der Köchin, Eltern und oft auch mit Gästen bei Schulfesten, Abschiedsfeiern und anderen Anlässen immer wieder in ihrem eigens gedichteten Schulsong: „Jeden hier in unserer Schule gibt es nur einmal.“ Vielfältige Möglichkeiten Als Gast an der Schule spürt man sofort die freundliche Atmosphäre und den sorgsamen Umgang miteinander, der hier im Schulalltag gepflegt wird. Die Rahmenbedingungen dafür sind günstig: Das Schulhaus mit Turnhalle und Bewegungsbad ist hervorragend ausgestattet und auf die Bedürfnisse der Schüler eingerichtet, und das schöne Außengelände mit dem Spiel- platz und dem neuen Klettergerüst bietet viele Möglichkeiten zum Lernen, Arbeiten und Spielen. Michael Fraas, seit 2008 Schulleiter an der Carl-Orff-Schule, erzählt bei einer Führung durch das Haus, was die Schule noch vorzuweisen hat: Eine eigene Schulküche, die täglich ein warmes Mittag essen für über 100 Personen zubereitet; einen Schülerkiosk, der auch außerhalb der Schule Ca- tering anbietet und ge- nau wie die Schülerfirma Möglichkeiten eröffnet, verschiedene Arbeitsbe- 146 Schulleiter Michael Fraas reiche auszuprobieren. Ebenfalls im Haus befin- det sich die „Pusteblume“, eine Kindertagesstät- te sowie ein integrativer Schulkindergarten, wo behinderte und nichtbehinderte Kinder gemein- sam spielen und lernen. Ebenso eine Frühbera- tungsstelle für Kinder mit Entwicklungsverzöge- rungen von der Geburt bis zum Schuleintritt. Viel Praktisches wird vermittelt In den 15 Klassen der Grund-, Haupt- und Be- rufsschulstufe lernen die über 90 Schülerinnen und Schüler von sechs bis 19 Jahren spielerisch, aber systematisch in verschiedenen Unterrichts- formen, mal in Einzelförderung oder in kleinen Gruppen, mal in der Klasse und mal klassenüber- greifend. Auf den ersten Blick scheint der Unter- richt hier ganz anders als an „normalen“ Schulen abzulaufen: Die Klassen sind deutlich kleiner, die Klassenzimmer anders ausgestattet. Inhaltlich geht es auch viel um praktische, alltagstaugliche Fähigkeiten: Neben Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen stehen vor allem für äl- tere Schüler z. B. Verkehrserziehung, der Umgang mit Medien und Freizeitgestaltung auf dem Pro- gramm, aber auch Übung in alltäglichen Dingen


Carl Orff Schule in Villingen 147 147


Bildung und Soziales 148 Jeden Schüler nach seinen Fähigkeiten fördern – vor allem im Hinblick auf die Bewältigung des Alltages – ist das vorrangige Ziel der Carl-Orff-Schule. wie Einkaufen und Kochen. Wie an Regelschulen gibt es Projekte: Sport, die Arbeit an der Schüler- zeitung „Carlo“, verschiedene AGs. Das wichtigs- te Ziel dabei ist es stets, die behinderten Men- schen „zu größtmöglicher Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu führen“, wie es im Leitbild der Schule verankert ist – was auch immer dies für jeden einzelnen Schüler bedeuten mag. Öffnung nach Außen Dazu gehört auch, dass die Carl-Orff-Schule nicht nur Schutzraum für behinderte Menschen sein will, sondern sich ganz bewusst nach außen öffnet. Außenklassen, wie sie beispielweise an der Roggenbach-, Südstadt- und Warenberg- schule eingerichtet wurden, ermöglichen den behinderten Schülern die alltägliche Begegnung mit nichtbehinderten Gleichaltrigen und das gemeinsame Lernen in den Fächern Bildende Kunst, Sport, Werken und Religion, während die Kernfächer getrennt unterrichtet werden. An der Warenbergschule gibt es darüber hinaus sogar eine Integrationsklasse, in der behinderte und nichtbehinderte Kinder in allen Fächern zusam- men lernen. „Für beide Seiten ist dies ein Ge- winn“, betont Michael Fraas. „Nichtbehinderte werden hilfsbereiter, gehen liebevoller mit ihren Geschwistern um und lernen Berührungsängste gegenüber Menschen mit Behinderungen abzu- bauen. Das wirkt sich wohltuend auf das soziale Miteinander aus.“ Zusätzlich pflegt die Carl-Orff-Schule engen Kontakt mit weiteren Partnerschulen, mit denen gemeinsame Projekte verwirklicht werden: Chor- projekte, eine Kletter-AG oder aber gemeinsame Klassenfahrten mit Realschülern oder Gymnasi- asten bereichern beide Seiten. Täglich wird in der Schulküche für 100 Personen ein Mittagessen zubereitet.


Inklusion – Mit zunehmendem Alter geht die Schere auseinander Sonderpädagogen stellen allerdings auch immer wieder fest, dass man im schulischen Mitein- ander von behinderten und nichtbehinderten Kindern an Grenzen stößt – ein Thema, das im Zuge der Inklusion derzeit sehr kontrovers disku- tiert wird. Mit zunehmendem Alter der Schüler geht die Schere weiter auseinander. Die bitte- ren Erfahrungen der behinderten Kinder, immer der Schwächste zu sein, ständig seine Defizite vor Augen geführt zu bekommen, nehmen zu. Gleichzeitig nimmt das Interesse der nichtbe- hinderten Kinder an gemeinsamen Aktivitäten ab, die Gruppen ziehen sich voneinander zurück, es entstehen zwei Lager. In solchen Situationen ist die Rückkehr an die Stammschule für manche Außenklasse das Beste, denn „bei uns entdecken die Schüler wieder ihre Stärken und können sich mit ihresgleichen messen“, unterstreichen die Kollegen die Vorzüge der Sonderschule. Natür- lich aber ist die inklusive Beschulung behinderter Schüler an Regelschulen auch jenseits der Grund- schule in vielen Fällen erstrebenswert. Daraus Carl-Orff-Schule in Villingen ergeben sich jedoch für die Sonderschulen auch Probleme: Behinderte Schüler werden von Son- derschullehrern an Regelschulen begleitet, diese Fachkräfte fehlen dann aber an der Stammschu- le, wo die schwächeren Schüler gerade diese so nötig hätten. Zudem verlieren die Sonderschulen die stärkeren Schüler, die auch als Vorbilder für die schwächeren fungieren. Teilhabe an vielen gesellschaftlichen Bereichen Dennoch bleibt die Inklusion eine Vision, die die Carl-Orff-Schule mit Eifer vorantreibt, indem sie ihren Schülern durch außerschulische Netzwerke und Partner Teilhabe an der Gesellschaft ermög- licht. Im Café Marie beispielsweise besuchen Carl- Orff-Schüler einmal wöchentlich Senioren in der Tagespflege und eröffnen sich dabei unter ande- rem mögliche Praktikumsplätze und Berufsfel- der für die Zukunft (siehe dazu die Seite 151). Über 60 Unternehmen aus der Region bieten Praktika für Schüler der Haupt- und Berufsschulstufe an. Dabei profitieren nicht nur die Schüler; die Fir- Sich einen Apfel schälen – auch das will gelernt sein. 149


Bildung und Soziales men loben die Ausdauer, die positive Einstellung zur Arbeit und die Zuverlässigkeit, die viele be- hinderte Menschen auszeichnen. Während frü- her der Weg für die meisten Schulabgänger in die Werkstatt für behinderte Menschen führte, gibt es heute weitere vielfältige Möglichkeiten wie beispielsweise die BVE, eine berufsvorbereitende Einrichtung, die den Schülern den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ebnen will. Jenseits der beruflichen Wege ist es der Carl- Orff-Schule auch ein Anliegen, behinderte Men- schen an anderen gesellschaftlichen Bereichen zu beteiligen. Die Fastnacht, für viele Schüler und Lehrer eine wichtige Villinger Institution, wird nicht nur an der Schule mit Gästen ausgelassen gefeiert; die Schüler laufen auch beim Kinder- umzug mit und haben sogar ihren eigenen Fast- nachtsruf gekürt: „Carli-Carlo“. Die Schule spielt außerdem gern den Gast- geber. Zu einer Reihe von kulturellen Veranstal- tungen im vergangenen Schuljahr kamen auch Gäste, die keine direkte Verbindung zur Schule haben, um einen orientalischen Abend, Akkor- deonmusik oder ein Sommerkonzert unter frei- em Himmel zu erleben. Beim zweijährlichen Schulfest begegnen sich Schüler, Lehrer, Eltern der Carl-Orff-Schule, der Partnerschulen und viele Gäste, um gemeinsam zu feiern. Natürlich wird zu diesem Anlass das Schullied gesungen und auch für Außenstehende wird einer der Leitsätze der Schule spürbar: In dieser Schulgemeinschaft ist Wertschätzung die Grundlage allen Handelns, die Wertschätzung jedes einzigartigen Schülers. Zur Carl-Orff-Schule gehören auch eine Kindertages- stätte und ein großzügiges Außengelände. Künstleri- sches und handwerkliches Arbeiten werden besonders gefördert. 150


Carl-Orff-Schule in Villingen Zu Gast im Café Marie – die Schüler der Carl-Orff-Schule besuchen regelmäßig eine Tagespflegeeinrich- tung der Caritas in Villingen. Wie war das, als Sie früher nach Italien gefahren sind? Was geschah an der Grenze? Mussten Sie Geld tauschen? Diese und andere Fragen stellen die Berufsschulstu- fen-Schüler den Tagesgästen im Café Marie, einer Tagespflegeeinrichtung der Caritas. Die Augen der Erzählenden leuchten in Er- innerung an die früheren Erlebnisse. Den Aus- führungen vom Auslandsurlaub schließt sich schmunzelnd die Geschichte von der Fahrt in einem überfüllten Kleinwagen zur ersten Pizza im Nachbarort an. Nach zwei Stunden verab- schieden sich die Fragenden zufrieden und mit guten Wünschen zum Schullandheim- aufenthalt am Gardasee versehen. Wie im Fluge vergeht die Zeit, die diese Schüler wöchentlich mittwochs im Café Marie verbringen. Jeder dieser Tage wird geplant, die gemeinsamen Aktivitäten treffen auf reges In- teresse. Gegenseitige Hilfe wird beim Basteln notwendig, führende und stützende Hände beim Spazierengehen, offene Oh ren für Ge- schichten von früher. Geduldig erklären unsere Schüler den Ta – gesgästen die Uno-Spielregeln, denn schließ- lich sollen bei einem Turnier alle gegeneinan- der antreten. Freundschaftliche Verbindun gen entstehen, sowohl die Schüler als auch die Ta- gesgäste freuen sich über die Wertschätzung, die ihnen entgegengebracht wird, über das Ge- Schüler besuchen Tagespflegeeinrichtung: Stützende Hände und offene Ohren für Geschichten fühl, dem anderen eine Freude zu machen und gebraucht zu werden. Darüber hinaus ergibt sich für den ein oder anderen Carl-Orff-Schü- ler die Möglichkeit für ein Praktikum in einer Einrichtung für alte Menschen und vielleicht sogar die Ausbildung zum Alltagsbegleiter. Die zwei Stunden sind „rum wie nichts“. Von Berührungsängsten keine Spur. Es wird gescherzt, gelacht, und eines ist klar: Im Café Marie spricht das Herz. Beide Seiten erfahren Zuwendung. Elsbeth Boxberg 151


7. Kapitel Garnisonsstadt Donaueschingen Garnisonsstadt Donaueschingen Auflösungsappell – das 110. französische Infanterieregiment ist seit dem 24. Juni 2014 Geschichte. 152 152 Abschied von Freunden und Bekannten, von 1.800 Einwohnern – die französische Garnison gehört der Ver gan genheit an. Mitte: Colonel Olivier Waché beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Donaueschingen, im Hintergrund Oberbürgermeister Erik Pauly.


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Wechselvolle Geschichte der Garnisonsstadt Donaueschingen von Ernst Zimmermann Einen ganzen Stadtteil mit bis zu 1.800 Einwohnern zu verlieren, dürfte der Albtraum eines jeden Rathauschefs sein. Für Donaueschingens Oberbürgermeister Erik Pauly ist dieser Albtraum Wirklichkeit geworden. Seit dem 24. Juni 2014 gehört die franzö­ sische Garnison Donau eschingen der Vergangenheit an. Die Konsequenz: Rund 1.800 Menschen – ca. 750 Soldaten und deren Familienangehörige – sind fast von heute auf morgen weggezogen. Die entsprechende Entscheidung des französischen Staatspräsi­ denten zur Auflösung des 110. französischen Infanterieregiments hat diese Entwicklung bewirkt. Für die Donau eschinger Geschäftswelt und für die Stadt Donaueschingen ins­ 153 gesamt ist dies ein schwerer Schlag.


Garnisonsstadt Donaueschingen Belebendes Element im Stadtalltag Die Franzosen waren ein Teil der Stadt Donau- esch ingen, ein Teil ihrer internationalen Aus- richtung und Ausstrahlung und auch ein bele- bendes Element im Stadtalltag. Das ganze Jahr über waren die französischen Soldaten in Donau- eschingen vielfältig präsent: Jedes Jahr luden sie die Donaueschinger zum Regimentsfest in das Kasernenareal ein. Bei fast jedem Reitturnier bauten sie in der Regel das wieder auf, was die Pferde an den Hindernissen niederrissen. Vielen Festveranstaltungen der Stadt verliehen fran- zösische Uniformen einen festlichen Rahmen und selbst an Fastnacht sind die Franzosen im Einsatz; nicht in ihren Uniformen, sondern in der Verkleidung der Distelhexen. Einer der Kom- mandeure, Colonel Christian Falzone, hat mit dem deutsch-französischen Kindergarten sogar eine Einrichtung angeregt und zusammen mit der Stadt realisiert, welche die Internationalität von Donaueschingen am nachhaltigsten unter Beweis stellte. Dass es dies alles künftig nicht mehr geben wird, ist für die Donaueschinger nur schwer vorstellbar. Der französische Stadtteil – eine Bereicherung für ganz Donaueschingen So präsentierte sich der französische Stadtteil der Großen Kreisstadt Donaueschingen: Das mit großem finanziellen Aufwand erst vor we- nigen Jahren neu gebaute Wirtschafts- und Freizeitgebäude heißt St. Maurice, das Casino Cercle St. Martin, der Kindergarten ist die Éco- le maternelle, der kleine Supermarkt nennt sich Economat und die Begegnungsstätte in der Stadt Maison de France. Die Grundschule heißt Éco- le Le Danube, die Mittelschule Collège Robert Schuman und für den Reitsport gibt es das Cen- tre équestre. Die Bewohner des Viertels kamen zum Beispiel aus Besançon, Bordeaux, Marseille, Nancy, Nantes oder aus Rouen, also fast aus allen Gegenden Frankreichs. Wenn man so will, gab es mit dem Komman- deur des 110. Infanterieregiments bei dessen Auflösung, Colonel Olivier Waché, sogar einen 154 1 2 1 Quartier Fürstenberg 2 Bureau de Garnison 3 Economat 4 Colège Robert Schuman 5 Cercle Mixte 6 Waffenkammer


6 5 4 3 Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich 7 8 9    7 Messe Mixte St. Maurice (Wirtschafts- und Freizeitgebäude) 8 Quartier Foch (bis Juni 2014 110RI) bis 1945 Barbara Kaserne 9 Quartier Picardie (bis Juni 2014 110RI)  Quartier Lyautey, bis 1945 Hindenburg Kaserne  Gendarmerie/Sanitätsbereich  Antenne Terre 155


Garnisonsstadt Donaueschingen 156 Oben: Regimentsfest in den 1970er Jahren. Mitte oben: Oberst Joachim Fürst zu Fürstenberg und Landrat Dr. Rainer Gutknecht eröffnen feierlich das „Quartier Fürstenberg“. Mitte unten: Eröffnung des Regimentsfestes. Unten: Ein gerne besuchtes und großes gesellschaft- liches Ereignis war der jährliche Garnisonsball in der Donauhalle. „Ortsvorsteher“. Petite France könnte man den Stadtteil nennen, wenn er nicht schon andere Namen hätte: zum Beispiel Quartier Lyautey oder Quartier Foch. Die Rede ist von der französischen Garnison, die als Bestandteil der Deutsch-Fran- zösischen Brigade das große Kasernenareal mit dem deutschen Jägerbataillon 292 teilte. Über 1.000 der Bewohner dieses Stadtteils waren fran- zösische Soldaten – Angehörige des 110. Infan- terieregiments und weitere Einheiten, die diese unterstützten. Hinzu kommen etwa 800 Famili- enangehörige, also Frauen und Kinder. Ein etwas anderer Alltag Was bestimmte den Alltag der französischen Do- naueschinger? Arbeit und Freizeit, Beruf und Fa- milie, so wie bei den rund 21.400 anderen Donau- eschinger Bürgern eben auch. Und doch lief ihr Leben nicht in den gleichen Bahnen ab wie das der deutschen Donaueschinger. Der militärische Auftrag bestimmte den Tagesablauf. Augen- scheinlich wurde dies schon am frühen Morgen: Die deutschen Donaueschinger kommen eher sel ten auf die Idee, schon um sieben Uhr in der Früh in größeren Gruppen zu joggen – abgesehen vielleicht von den Soldaten des Jägerbataillons 292. Für die Soldaten der französischen Garnison gehörte dies zur Routine der Körperertüchtigung, egal ob die Sonne schien, Regen oder Schnee vom Himmel fielen. Für die deutschen Familien in Donaueschin- gen wäre es auch gewöhnungsbedürftig, dass der Familienvater monatelang nicht zu Hause ist.


Viele französische Familien in Donaueschingen mussten sich mit solchen Situationen abfinden, weil der Vater beispielsweise im Kosovo, in Af- gha nistan, im Sudan oder in Mali helfen musste, einen brüchigen Frieden zu sichern. Was die Schullaufbahn angeht, so ist es für die deutschen Familien eine Selbstverständlich- keit, dass ihre begabten Kinder das Fürstenberg- Gymnasium besuchen. Die Schülerinnen und Schüler der französischen Familien hatten es nicht ganz so bequem: Sie konnten das Baccal- auréat, das französische Abitur, nur mit dem Besuch eines französischen Gymnasiums wie z.B. in Freiburg, Mulhouse, Colmar oder auch Straßburg erreichen. Dies wiederum bedeutete ein Internatsleben unter der Woche – Familien- aufenthalte gab es nur am Wochenende. Man- che besuchten sogar Militärschulen, so in Autun oder Aix-en-Provence und konnten sich nur in den Schulferien in Donaueschingen aufhalten. Zehn Minuten „nach Deutschland“ oder „nach Frankreich“ Führte der französische Stadtteil von Donau- eschingen ein Eigenleben? Teils – teils ist die richtige Antwort. Obwohl im Bereich des Hin- denburgrings die Franzosen einen Fußweg von maximal zehn Minuten „nach Deutschland“ hatten und die Deutschen natürlich ebenfalls nur zehn Minuten „nach Frankreich“, war die Grenze nicht immer fließend. Trotzdem gab es Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich eine ganze Reihe guter Ansätze: So bereiteten sich im deutsch-französischen Kindergarten deutsche und französische Kinder gemeinsam auf die Schule vor. Die Deutsch-Französische Gesellschaft bietet schon seit über 40 Jahren Deutschen und Franzosen gute Möglichkeiten insbesondere in der Freizeit gemeinsam das je- weils andere Land näher kennenzulernen. Die Franzosen pflegten mit großer Begeisterung das für die Baar typische alemannische Fastnachts- brauchtum und bereicherten als Distelhexen die Donaueschinger Fastnacht, und die Kinder der Grundschule École Le Danube besuchten mit ih- rer Klassenlehrerin den Oberbürgermeister im Rathaus, um ihm Fragen zu bestimmten Gege- benheiten in Donaueschingen zu stellen. Dieses Miteinander öffnete den Blick und schaffte Verständnis für die Gegebenheiten der jeweils anderen Nation. So haben zum Beispiel die deutschen Donaueschinger gelernt, dass die Franzosen gewissermaßen als Gegenstück zum deutschen Erntedank ein Fest daraus machen, wenn der neue Wein als Beaujolais Nouveau erstmals auf den Tisch kommt, oder am Dreikö- nigstag die Person als König oder Königin des Ta- ges gilt, die auf die in einem Stück des Kuchens, pardon – der Galette – versteckte Münze beißt. Alles, was sie gut fanden, haben die deut- schen von den französischen Donaueschingern gerne übernommen; so zum Beispiel das Boule- oder Pétanque-Spiel, das sie zweimal pro Woche gemeinsam mit den französischen Freunden auf dem Alten Festhallenplatz betrieben. Ortstermin im militärischen Sperrgebiet auf der Gemarkung Grüningen. Mit dabei Ortsvorsteher Willi Hirt / Grüningen, Stadtbaumeister Heinz Bunse und Bürgermeister Bernhard Kaiser. Colonel Most beim Langlauf zusammen mit Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke. 157


Garnisonsstadt Donaueschingen 158


Zweimal ziehen deutsche Soldaten von Donau- eschingen aus gegen Frankreich in den Krieg Zweimal, 1914 und 1941, zogen deutsche Soldaten der Garnison Donaueschingen gegen Frankreich in den Krieg. Bei näherer Betrachtung der Ge- schichte dieser Garnisonsstadt kann man auch zum Ergebnis kommen, dass sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg die Stationierung von Soldaten in Donaueschingen sogar Bestand- teil der Vorbereitungen für den Einmarsch deut- scher Soldaten in Frankreich gewesen waren. Auch später setzte sich diese Logik fort. Es war die US-Air-Force, die im Juli 1985 das ehema- lige Standortlazarett nach Leerstand und Fremd- nutzung als Asylbewerber-Wohnheim übernahm und mit ordentlichen Investitionen als Reservela- zarett mit einer Kapazität von bis zu 750 Betten einrichtete. Im Januar 1991 dienten die Militär- einrichtungen der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland als Ausgangsbasis für das von den USA angeführte Militärbündnis: Mit der Operati- on Wüstensturm wurde im zweiten Golfkrieg das von irakischen Truppen besetzte Kuweit be- freit. Genutzt wurde das Reservelazarett am Do- naueschinger Buchberg allerdings nie. Zum 31. Dezember 1993 wurde es von den Amerikanern aufgegeben und das Personal abgezogen. Zur Geschichte des Militärstandorts Wie Hauptmann Oliver Ochs in seinem 1995 herausgegebenen Buch aufzeigt, ist der eigentli- che Beginn des Militärstandorts Donau eschingen im Jahr 1913 zu sehen, als am 1. Oktober 1913 die Abbildungen linke Seite: Die ersten Gebäude entstanden 1912/13 in Form von Baracken als Provisorium bis zur Fertigstellung der Kasernenanlage (oben). Mitte: Die ersten Soldaten rücken ein – Aufmarsch am 1. Oktober 1913 vor dem Rathaus. Unten: Die Benennung in Hindenburg-Kaserne erfolgte anlässlich des 60. Militärjubiläums des da- maligen Reichspräsidenten auf Antrag des Standort- kommandanten. Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich ersten Soldaten des neu gebildeten III. Bataillon des 9. Badischen Infanterieregiments Nr. 170 unter Führung des Kommandeurs Major von Struensee in die gerade erst als Übergangsunter- künfte fertiggestellten Baracken im Linsenösch einzogen. Die Stadt stellte dort vier Hektar und 21 Ar Fläche unentgeltlich zur Errichtung der Ka- sernengebäude bereit, am 12. August 1913 wurde mit dem Kriegsministerium ein entsprechender Vertrag unterzeichnet. Vorausgegangen war der Wunsch des Ge- meinderates, aus wirtschaftlichen Gründen die Verlegung einer Garnison nach Donaueschingen zu erreichen. 1911 blieben die Verhandlungen er- folglos, 1912 ging Donaueschingen energischer vor. Dass die Verhandlungen nun eine günstige Wendung nahmen, wird in der Stadtchronik auch dem Fürsten zu Fürstenberg zugeschrieben. Der Beschluss des Reichstages über die Vermeh rung der Friedenspräsenzstärke des Heeres führte reichsweit dazu, dass 270 Orte neue Garnisons- standorte werden wollten – Donaueschingen setzte sich durch. Nach dem Stadtbrand von 1908 war die Donaueschinger Stadtkasse aber arg ge- schwächt, so übernahm das Militär sämtliche Kosten für die Kasernenbauten. Die Friedenspräsenzstärke der Truppe lag zu Beginn bei 900 Soldaten. Schon 1911 inspizierte Kaiser Wilhelm II. persönlich die Baracken. Aus finanziellen Gründen blieb es zunächst bei dieser mehr provisorischen Unterkunft mit allerdings eigener Kantinenwirtschaft. Bereits am 6. August 1914, drei Tage nach der Kriegserklärung gegen Frankreich, zogen die in Donaueschingen stationierten Soldaten in den Ersten Weltkrieg. 1918 waren bei 4.000 Einwoh- nern bereits 2.000 Soldaten in Donaueschingen stationiert. Durch den Versailler Vertrag und die fixierte Verkleinerung des Heeres nach dem Ersten Weltkrieg verblieben in Baden bis 1936 lediglich drei Standorte. Einer davon war als westlichster Militärstandort Deutschlands die Fürstenberg- Kaserne. Das Regiment 112 kehrte 1919 nach Donaueschingen zurück. Während des Ersten Weltkrieges entstanden die ersten festen Gebäude der Infanterie Kaserne (Hindenburg-Kaserne). Nach 1933 wurden dann zwei weitere Kasernen gebaut, die Barbara- 159


Garnisonsstadt Donaueschingen Die Folgen des Bombenan- griffs im Zweiten Weltkrieg waren katastrophal, hier die Ecke Zeppelin- und Rosen- straße. Es sterben über 580 Menschen. Die meisten Häuser sind beschädigt – 124 völlig zerstört. Kaserne und die Fürstenberg-Kaserne. Ebenfalls das Heeres verpflegungsamt (Proviantamt), das ein ganzes Armeekorps mit Brot und Getreide versorgen konnte sowie das Standortlazarett, das im März 1938 fertiggestellt war. 1935 zieht das Artillerie-Regiment 5 ein und nimmt im Zweiten Weltkrieg an Russlandfeld- zügen teil. Am 9. Oktober 1935 folgt die 13. Kom- panie des Infanterie-Regiments 75, im Sommer 1938 dann werden die 15. und 16. Kompanie des Infanterie-Regiments 75 aufgestellt. Im August 1939 werden die Einheiten der Garnison an die französische Grenze verlegt, in den Kasernen for- mieren sich nun Ersatztruppenteile. Schwere Luftangriffe Dass Donaueschingen Standort der Kaserne war, musste die Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg teuer bezahlen: Donaueschingen wird mehrfach bombardiert, der erste Luftangriff erfolgt am 2. Januar 1945, dabei kommen 96 Menschen ums Leben. Am 22. Februar greifen 14 Bomber die Innenstadt an, zerstören 38 Häuser vollständig und beschädigen 53. Es kommen weitere 339 Menschen ums Leben, darunter 165 Soldaten. Der letzte schwere Angriff auf die Stadt erfolgt am 25. Februar, als 36 Bomber erneut die Kasernenan- lagen bombardieren. Es sterben 136 Menschen. Am 20. April fallen Brandbomben auf die Stadt. 160 Bei Kriegsende sind von 1.200 Häusern 124 völlig zerstört, 276 schwer und 727 leicht beschädigt. In der Nacht des 20. April rücken die letzten deutschen Truppen aus Donaueschingen ab. Sie fliehen vor dem Einmarsch der Franzosen mit den Panzern der 19. Brigade de chasseurs à pieds am folgenden Tag. Ein schwieriger Anfang Das Ende des Zweiten Weltkrieges war da und damit kommt es zum Einzug der fanzösischen Besatzungsmacht. Der Anfang der französischen Garnison in Donaueschingen war sowohl für die deutsche als auch die französische Seite schwie- rig. Prof. Helmut König hat dieses Ereignis mit „Der Einmarsch“ überschrieben, er ist der Ver- fasser der im Donaueschinger Stadtarchiv ver- wahrten Jahreschronik. Gemeint war damit der Einmarsch der französischen Truppen in die zer- bombte Stadt am Samstag, 21. April 1945. Was folgte ist mit „schwieriger Zeit“ noch harmlos umschrieben – so die Erinnerung der Zeitzeugen. Der Platzkommandant Capitaine Godar hatte in den beiden unteren Stockwerken des Rathauses Büros für das französische Militär einrichten lassen. Er selbst und sein Stab hatten ihr Büro im Sitzungssaal. Die ausgedehnten Mi- litäreinrichtungen kamen in französische Hand; so die Hindenburg-, Barbara- und Fürstenberg


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Kaserne, das Lazarett am Buchberg, die Heeres- bäckerei und das Proviantamt, das Heereszeug- amt im Pfaffental und auch das Wehrbezirks- kommando. Die in Donaueschingen stationier- ten Truppenteile wechselten in der Anfangszeit häufig. Marokkaner sind gefürchtet Als zum Jahresende 1955 Pläne zur möglichen Stationierung marokkanischer Truppen bekannt wurden, stemmten sich Stadt und Landkreis mit vereinten Kräften gegen deren Realisierung. Al- le Bemühungen waren vergeblich: Anfang 1956 übernahm das 4. marokkanische Schützen regi- ment („4. Regiment de tirailleurs marocains“) die Garnison Donau- eschingen. 1960 erhiel- ten die marokkanischen Schützen durch ein wei- te res, aus Reutlingen hier her verlegtes Ma- rokkaner-Regiment Ver- stärkung. Die Tirailleurs marocains gehörten zu den französischen Kolo- nialtruppen, die sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg zum Marokkanischer Soldat. 1945 wurde aus der Barbara Kaserne die Caserne Foch. 1948 (Bild) erhielt diese auch einen repräsen- tativen Eingang. Einsatz kamen. Befehligt wurden all diese Trup- pen von französischen Offizieren. Das Verhältnis zwischen Garnison und Bevöl- kerung war jetzt mehr als gespannt. Nicht ohne Grund: Kleinkriminalität und Belästigungen und auch Straftaten aller Art häuften sich. Frauen und Mädchen wagten sich nachts kaum noch auf die Straße. Unter diesen Gegebenheiten war die Gar- nison für die Stadt eine schwere Last und ins- gesamt ein „ungeliebtes Kind“. Es verwundert deshalb nicht, dass die Stadt die Pläne für den Neubau der Wohnungen am Hindenburgring mit der bekundeten Befürchtung ablehnte, dass dann noch mehr „farbige“ Truppenteile nach Do- naueschingen verlegt werden könnten, was 1960 dann auch der Fall war. Als 1962 gar eine neue Kaserne im Pfaffental für 300 weitere Soldaten geplant wurde, lehnte die Stadt diese Planung mit dem Hinweis ab, dass für Donaueschingen drei Kasernen ausreichend seien. Im Gegensatz zur Ablehnung des Wohnungsbaus war die Stadt mit der Ablehnung dieses Projekts am Schluss sogar erfolgreich. Zu vermuten ist aber, dass das Vorhaben nicht wegen der Proteste der Stadt, sondern aus ganz anderen Gründen letztlich nicht verwirklicht wurde. 161


Garnisonsstadt Donaueschingen 162 Oben: Oberbürgermeister a. D. Dr. Bernhard Everke, Bürgermeister Bernhard Kaiser und Oberbürgermeis- ter Thorsten Frei mit dem Standortältesten Colonel Eric Natta und Frau Natta. Mitte oben: Aufmarsch zum feierlichen Appell vor dem Schloss aus Anlass des Kommandowechsels beim 110. französischen Infanterieregiment. Mitte unten: Ehemalige Mitglieder der Fremden- legion treffen sich in der Caserne Foch zu einer Ge- denkfeier. Unten: Die deutsch-französische Brigade. Jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Auch in dieser Angelegenheit muss dies wohl so gesehen werden. Die heftige Donaueschinger Abwehrreaktion im Vorfeld der Stationierung marokkanischer Soldaten in der Stadt dürften auf die Erinnerung an ungute Vorfälle mit Sol- daten der französischen Kolonialtruppen am En- de des Zweiten Weltkriegs und vielleicht auch noch auf die Propaganda in nationalsozialisti- scher Zeit gegen die farbigen Truppenteile in der franzö sischen Armee zurückzuführen gewesen sein. Nicht alle Donaueschinger haben die Vorfälle mit marokkanischen Soldaten so dramatisch ge- sehen wie diejenigen, die diese Vorfälle penibel auflisteten. Dies wird aus der Reaktion auf einen im Mai 1960 in einer Donaueschinger Tageszei- tung erschienenen Leserbrief deutlich, in dem die Frage gestellt wurde, ob die Donaueschinger Vereine nicht über Selbsthilfemaßnahmen nach- denken müssten. Führende Repräsentanten der Donaueschinger Vereine haben damals gegen solche Überlegungen klar Stellung bezogen und von unüberlegtem Handeln abgeraten. Trotzdem muss es eine solche Entwicklung gegeben haben. Hauptmann Oliver Ochs, der vermutlich auch Einblick in französische Quel- len hatte, führte in seinem Buch zur Garnison Donaueschingen nämlich aus, dass die Zwi- schenfälle mit marokkanischen Soldaten derart eskalierten, dass sich Bürger der Stadt in Grup- pen zusammenschlossen und regelrecht „Jagd“ auf diese machten. Auch sei es zu zahlreichen


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Begrüßungsappell für französische Soldaten aus Anlass der Rückkehr von einem Einsatz in Afrika. Schlägereien gekommen. Teilweise hätten es die marokkanischen Soldaten kaum mehr gewagt, alleine in die Stadt zu gehen. Die jahrelangen gemeinsamen Bemühungen der Stadt und des Donaueschinger Landrats- amtes um den Abzug der französischen Koloni- altruppen hatten schließlich doch Erfolg. Am 30. Juni 1964 wurde das 4. R.T.M. aufgelöst, dessen letzter Kommandeur Colonel P. L. Barthelemy war. Gleichzeitig übernahm das 110. Motorisier- te Infanterieregiment (110. Regiment d’Infanterie Motorisée) die Garnison. Jetzt entwickelten sich zwischen der französischen Garnison und der Donaueschinger Bevölkerung gute Kontakte und ein einvernehmliches Miteinander. Die deutschen Soldaten kehren zurück – Jägerbataillon 292 Donaueschingen Die ersten deutschen Soldaten am Standort Donaueschingen nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten zur Panzerpionierkompanie 550. Die- se Einheit war am Standort Donaueschingen 1990 neu aufgestellt worden. 1992 erfolgte de- ren Verlegung an den Standort Immendingen. 1993 wurde dann das Jägerbataillon 292 aus dem Jägerbataillon 552 in Böblingen und dem Panzergrenadierbataillon 292 in Immendingen gebildet und als Jägerbataillon 292 in Donau- eschingen in Dienst gestellt. Damit begann ein neuer Abschnitt Donaueschinger Garnisonsge- schichte. Beide Truppenteile sind Bestandteil der Deutsch-Französischen Brigade. Heute ist Donaueschingen schon über 20 Jahre Heimat- standort des Jägerbataillons 292. Die Stadt hofft, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird. Das 110. Infanterieregiment – ein Traditionsverband der französischen Armee Einer der Kommandeure, Colonel Pierre Mignot, hat 1987 die Geschichte des 110. Infanterieregi- ments schreiben lassen, die über 300 Jahre zu- rückreicht und die Geschichte aller französischen Einheiten mit der Regimentsnummer 110 um- fasst. Nach Jean-Luc Mordefroid, dem Verfasser des Buches, kämpften die ersten Regimenter mit dieser Nummer schon im Spanischen Erbfolge- krieg; ebenfalls im amerikanischen Unabhän- gigkeitskrieg gegen England und das Regiment „Port-au-Prince“ in der ehemaligen Kolonie Saint-Domingue, dem späteren Haiti. Nach der Französischen Revolution kämpfte das Regiment im Bürgerkrieg auf Seiten der Re- 163


Garnisonsstadt Donaueschingen Empfang in den Donauhallen anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags. Das Foto zeigt v. links Generalkonsul Charbonnier, Colonel Wallerand de Madre, Donaueschingens Oberbürgermeister Thorsten Frei und Brigadegeneral Gert-Johannes Hagemann. volutionsregierung. Am Sieg in der Schlacht bei Fleurus, eine Gemeinde in der belgischen Provinz Hennegau, gegen die Österreicher war das Re- giment direkt beteiligt. Der Gedenktag an diese siegreiche Schlacht feierten die Donaueschinger Franzosen jährlich mit dem Regimentsfest, das mit dem Namen von Fleurus verbunden wurde. Im Ersten Weltkrieg war das Regiment in den Schlachten von Verdun, an der Somme und in Flan- dern eingesetzt; im Zweiten Weltkrieg im Raum Chastre. Von 1955 bis 1961 kam es im Algerienkrieg zum Einsatz. Seit 1964 war dieser Truppenteil der französischen Armee in Donau eschingen statio- niert. Vor Donaueschingen hatte es viele andere Standorte. Über einen längeren Zeitraum hinweg war dies Dunkerque an der Kanalküste. Ein Erfolg auf Zeit Mit der Einbeziehung des 110. Infanterieregi- ments in die am 2. Oktober 1989 offiziell aufge- stellten Deutsch-Französischen-Brigade hatte dieses und damit der Standort Donaueschingen 164 gewissermaßen eine Lebensversicherung, mein- ten die Donaueschinger und auch der damalige Donaueschinger Bürgermeister Dr. Bernhard Everke. War diese doch Wegbereiter einer ge- meinsamen europäischen Verteidigung. Dass die Deutsch-Französische Brigade trotz- dem nicht unantastbar war, musste dann Ever- kes Nachfolger Thorsten Frei erfahren: 2008 hatte der französische Staatspräsident die fes- te Absicht, diese den finanziellen Notwendig- keiten zu opfern. In Donaueschingen schrillten nicht nur die Alarmglocken, es liefen auch die Telefonverbindungen und die PC-Drucker heiß. Thorsten Frei kontaktierte die Bundeskanzlerin und sprach sogar beim französischen Verteidi- gungsstaatssekretär in Paris vor. Er hatte Erfolg: Dr. Franz Josef Jung, damals Bundesminister der Verteidigung, ließ in der Pressemitteilung seines Ministeriums vom 7. Februar 2009 diesen Erfolg verkünden. Während der 45. Münchner Sicher- heitskonferenz hatten Angela Merkel und Nico- las Sarkozy mit der Stationierung einer Bundes- wehreinheit in der Nähe von Straßburg die Zau- berformel für den Fortbestand der Deutsch-Fran-


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Zum feierlichen Gelöbnis der Deutsch-Französischen Brigade kam am 9. September 2009 Bundesverteidigungs- minister Franz Josef Jung nach Donaueschingen. Minister Jung schreitet hier zusammen mit dem Bataillons- kommandeur und Oberbürgermeister Thorsten Frei die Front ab. zösischen Brigade gefunden. Als Gegenleistung beließ Frank reich das 110. Infanterieregiment in Donaueschingen. Nach heutigem Kenntnisstand war dies allerdings nur ein Erfolg auf Zeit. Abschied und Neubeginn Für die deutschen und die französischen Do- naueschinger waren es bewegende Stunden, als sie im Juni 2014 voneinander Abschied neh- men mussten. Dies zuerst am Sonntag, 22. Juni 2014, mit einem Gottesdienst in der Stadtkirche St. Johann, in dem auch der im Dienst und im Auslands einsatz verstorbenen und gefallenen Soldaten gedacht wurde. Am Montag, 23. Juni 2014, trug sich beim Empfang im Rathaus der Chef des scheidenden Truppenteils, Colonel Olivier Waché, ins Golde- ne Buch der Stadt ein. Danach sahen die Donau- eschinger und die zahlreichen auswärtigen Gäs- te die Parade des scheidenden Regiments von der Kaserne durch die Stadt zu den Donauhallen mit der Militärkapelle Musique de la 9ème Briga- de d’infanterie de Marine und der bretonischen Formation Sonnerie du Bagad. Auf dem Platz vor den Donauhallen verabschiedet sich das Regi- ment von der Standortgemeinde mit einem fei- erlichen Appell. Beim Empfang der Stadt für Soldaten und Gäste im Bartók Saal der Donauhallen gab es An- sprachen von Oberbürgermeister Erik Pauly und Colonel Waché mit gegenseitigen Dankadressen für das fünfzig Jahre dauernde gute Miteinan- der am Standort Donaueschingen. „Es geht nicht nur um das Finanzielle und das Militärische, ein wichtiges Stück deutsch-französischer Freund- schaft geht zu Ende“, betonte OB Erik Pauly. Der rein militärische Schlusspunkt wurde am Dienstag, 24. Juni 2014, mit dem offiziellen Auflö- sungsappell in der Foch-Kaserne gesetzt. Damit fand die 242 Jahre dauernde Tradition des 110. Infanterieregiments ein Ende. Es hätte auch ganz anders sein können. Am 1. Juli hätten Regiment und Stadt nämlich ge- meinsam das 50-jährige Jubiläum der Anwesen- heit in Donaueschingen feiern können – als Fest der Freude und ein Fest unter Freunden. 165


Garnisonsstadt Donaueschingen „Unser letzter Gruß gilt der Stadt und dem Jägerbataillon 292 – unserer Stadt und unserem Schwesterbatail- lon,“ sagt der letzte französische Colonel in Donaueschingen, Olivier Waché (links), der hier beim Abschieds- appell Oberbürgermeister Erik Pauly das Wappen seines nun aufgelösten Regiments überreicht. Erik Pauly: „Als Soldaten, als Touristen, als Menschen sind Sie uns jederzeit mit ganz offenen Armen willkommen.“ Erste Schritte in Richtung Konversion Die Schockstarre nach der Auflösung des fran- zösischen Teils der Garnison Donaueschingen hat bei den politisch Verantwortlichen nur kurz angehalten. Schon bald unternahm die Stadtpo- litik ihre ersten Schritte in Richtung Konversion. Die von der Stadt nun zu lösende Aufgabe ist ge- waltig: Die vom französischen Militär zwischen der Villinger- und Friedhofstraße genutzte Flä- che umfasst rund 15 Hektar. Darauf stehen 49 Gebäude – 19 Funktionsgebäude und 30 Wohn- häuser mit rund 160 Wohnungen. Hinzu kom- men noch weitere 90 Wohnungen außerhalb des Konversionsgeländes. Ideen zur künftigen Nutzung gibt es schon viele, und die Bereitschaft der Donaueschinger, sich in die Zukunftsüberlegungen für ihre Stadt einzubringen ist groß. Von der Möglichkeit, in der „Zukunftswerkstatt Konversion“ mitzuarbeiten, wurde jedenfalls ausgiebig Gebrauch gemacht. Es ist ein guter Anfang gemacht, und es wird jetzt Hauptaufgabe von Gemeinderat und Ver- 166 Abschiedsempfang im Donaueschinger Bürgersaal. Landrat Sven Hinterseh im Gespräch mit Dr. Bern- hard Everke, OB im Ruhestand. waltung sein, aus dem großen Berg der Ideen, die „Edelsteine“ herauszusieben, deren weitere Bearbeitung sich lohnt.


Schwarzwald und Baar verlieren ein Stück Frankreich Der Auflösungsappell in der Foch- Kaserne setzte am 24. Juni 2014 den Schlusspunkt in der Geschichte des 110. Infante rieregiments. 167


Garnisonsstadt Donaueschingen 168 Es war ein schmerzhafter Abschied unter Freunden. Beim Abschiedsappell am 23. Juni 2014 wehte die Fahne des 110. Infanterieregiments ein letztes Mal bei einer öffentlichen Veranstaltung. Fast hätten das Regiment und die Donau eschinger noch das 50-jäh- rige Bestehen ihrer Freundschaft feiern können, am 1. Juli 2014 wäre es soweit gewesen, wie die T-Shirts auf dem Foto links dokumentieren. Doch das 750 Soldaten starke Regiment wurde nach fast 250 Jah- ren Existenz aufgelöst. Die Bildfolge zeigt die Abschiedsparade durch die Stadt Donaueschingen, verfolgt von mehreren hundert Einwohnern. Vor dem Rathaus spielte aus diesem Anlass ein letztes Mal die französische Militärkapelle. Voll besetzt war die Donauhalle beim abschließenden Festakt. Oberbürgermeister Erik Pauly betonte: „Aus meiner Sicht war es eine falsche Ent- scheidung“. Für diese klaren Worte erhielt er sponta- nen Beifall von allen Seiten.


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8. Kapitel Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Wie ein Kulturdenkmal nach 23.000 Arbeitsstunden in neuem Glanz erstrahlt Historische Narrozunft Villingen sanierte und baute die Historische Zehntscheuer um – Ein Kraftakt der besonderen Art von Dieter Wacker Wenn Peter die Säge ansetzte, Anselm den Hammer schwang, Michael den Bohrer kreischen ließ und Timo die Schrauben drehte – dann war Arbeitseinsatz in der Zehnt- scheuer. Sechseinhalb Jahre lang trafen sich fast jeden Dienstag und Donnerstag frei- willige Helfer der Historischen Narrozunft Villingen, um in dem alten Gemäuer an der Ecke Turmgasse/Rietgasse im Urvillinger Rietviertel zu werkeln. Zudem war eine ganze Reihe von Handwerksbetrieben aktiv, denn nicht alle Arbeiten konnten oder durften die ehrenamtlichen Arbeiter selbst machen. Insgesamt waren, so zeigt die akribische Auflis- tung von Zunftmeister Joachim Wöhrle, die ganzen Jahre über 158 Freiwillige im Einsatz. Dabei wurde die schier unglaubliche Zahl von fast 23.000 Arbeitsstunden geleistet. Eine bis dahin in der Historischen Narrozunft Vil- lingen nie gekannte grandiose Leistung. Dass sich der Kraftakt am Ende gelohnt hat, ist bei allen Beteiligten unstrittig. Schließlich wurde mit der umgebauten und grundsanierten Zehntscheuer mitten im Herzen des historischen Villingen ein wahres Schmuckstück geschaffen. Darauf wie- sen auch alle hin, die Ende Oktober an der festli- chen Eröffnung des Hauses teilnahmen. Eindeutiges Votum für den Kauf Nach umfangreichen internen Diskussionen und Abwägungsprozessen kaufte die Historische Narro zunft Villingen, ein dem jahrhundertealten überlieferten Fastnachtsbrauchtum in der Zäh- ringerstadt verpflichteter Verein, im März 2008 das denkmalgeschützte Gebäude. Nicht ohne vorher die fast 4.200 Mitglieder auf einer eigens einberufenen Versammlung befragt zu haben. Und das Votum der Mitglieder war eindeutig pro Kauf. Ein alteingesessener Villinger, schon im- 170 mer der Narrozunft und der historischen Fasnet eng verbunden, war Besitzer des mächtigen und markanten Hauses im Riet. Für eine private oder gar wohnliche Nutzung war das Gebäude nicht geeignet. Die Sanierungsaufwendungen, vor al- lem auch unter den denkmalschützerischen Vor- gaben, für einen kommerziellen Investor völlig unattraktiv. Und so stand der Bau nach dem Auszug einer Weiterbildungseinrichtung mehr oder weniger ungenutzt da. Für 250.000 Euro überließ der Ei- gentümer die Zehntscheuer zu einem „Schnäpp- chenpreis“ der Historischen Narrozunft. Diese konnte zwischenzeitlich einen soliden Finanzie- rungsplan für Kauf und Umgestaltung vorlegen. In dessen Folge wurden bis zur Fertigstellung im Oktober 2014 zu der Kaufsumme nochmals Nach 23.000 freiwilligen Arbeitsstunden und sechs- einhalbjähriger Sanierung konnte die Historische Narrozunft im Oktober 2014 die Zehntscheuer als Zunfthaus in Betrieb nehmen.


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Geschichte 158 freiwillige Helfer waren bei der Sanierung der Zehntscheuer im Einsatz. 450.000 Euro investiert. Die waren auch notwen- dig, um den Bau zu dem zu machen, was er heute darstellt: ein städtebauliches Juwel. Viel Geld verschlangen vor allem die ganzen sicherheitsrelevanten Maßnahmen. Schließlich soll die Zehntscheuer künftig nicht nur als Zunft- haus, sondern vor allem auch als Begegnungs- stätte für die Menschen dienen. Dazu sah sich die Narrozunft Villingen aufgrund der Bedeutung des Hauses verpflichtet. Die Zehntscheuer ist eines der wichtigsten historischen Kulturdenk- mäler nicht nur in der Stadt Villingen-Schwen- ningen, sondern in der gesamten Region. Und ge- rade deshalb genoss bei den Umbauarbeiten der Denkmalschutz absolute Priorität. Das Landes- denkmalamt und die untere Denkmalschutzbe- hörde waren von Beginn an in das Projekt invol- viert. Nachdem über das Gebäude relativ wenig bekannt war, gab die Narrozunft bei Burghard Lohrum, einem der namhaftesten Bauforscher, ein baugeschichtliches Gutachten in Auftrag. Dieses brachte doch einiges Licht ins historische Dunkel der Zehntscheuer. Gebäude diente der Uni Freiburg seit dem 15. Jahrhundert als Zehntscheuer Was das Haus besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass es seit dem 15. Jahrhundert der Universität Freiburg als Zehntscheuer dien- te. Vermutlich zu diesem Zweck wurde es ausge- baut und ein bereits damals bestehender turm- artiger Wohnbau integriert. Dieser, noch aus dem 13. Jahrhundert stammende Kernbau, lässt sich – trotz mehrfacher moderner Umnutzungen – heute noch leicht von innen und außen iden- tifizieren. Auffallend hier vor allem die dicken Die historische Zehntscheuer – Fotografie aus den 1950er Jahren. 172


x Mustergültig in Eigenregie saniert – nahezu alle Bauarbeiten leistete die Narrozunft selbst. Mauern und Rundbogeneingänge. Weshalb die Universität Freiburg gerade in Villingen ihre Zehntscheuer errichtete, ist hoch spannend, hat aber zugleich einen sehr lokalen Hintergrund. Der Gründer der Universität in der Breisgaume- tro pole stammte nämlich aus Villingen und lebte hier als angesehener Bürger. Er hieß Matthäus Hummel. Und als er im Jahre 1460 die Hochschu- le im nahen Freiburg ins Leben rief, war er auch deren ersten Rektor. Vermutlich aus Respekt und Dankbarkeit vor der großen Leistung des Sohnes der Stadt gab Villingen die Hälfte des eigenen Korn-Zehnten an die Universität Freiburg ab. Das Getreide wurde in der Zehntscheuer gelagert. 1595 zog während der Pestzeit die gesamte Uni- versität von Freiburg nach Villingen um und hielt hier für einige Jahre den Lehrbetrieb aufrecht. 1494 wird übrigens in einem Dokument in Villingen erstmals das Wort Fastnacht erwähnt, wodurch sich – historisch gesehen – mit dem Erwerb der Zehntscheuer durch die Historische Narrozunft irgendwie der Kreis schließt. Der Voll- ständigkeit halber: 1850 folgt die Zehntablösung, was bedeutet, die Abführung des Korn-Zehnten an die Universität Freiburg wird eingestellt. Damit verliert die Zehntscheuer nach fast 400 Jahren auch ihre entsprechende Bedeutung. Zunächst wird sie als Lagerhalle für diverse landwirtschaft- liche Produkte verwendet. Danach schließt sich eine lange Zeit der unterschiedlichsten Nutzun- gen an, bis zum Kauf durch die Historische Nar- rozunft 2008. Hohe Spendenbereitschaft Was folgte, war eine aufwändige und umfassen- de Sanierung des Gebäudes. Motor und Triebfe- der des Projektes: Joachim Wöhrle, der dynami- sche Zunftmeister des Narrenvereins. Er war sich allerdings von Anfang an der Tatsache bewusst, dass die Umsetzung dieses Jahrhundertwerkes nur durch die tatkräftige Unterstützung seiner Rats(Vorstands-)kollegen und der Mitglieder mög lich ist. Als unverzichtbar galt zudem eine hohe Spendenbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger sowie der heimischen und regionalen Wirtschaft. Dass am Ende alle gemeinsam an einem Strang zogen und sich damit die notwendigen Faktoren zu einem Ganzen fügten, das war einzig und alleine das Erfolgsgeheimnis. Zu der extrem hohen Arbeitsleistung der freiwilligen Helfer und der großzügigen Unterstützung durch das heimi sche Handwerk kam eine Spendensumme, die weit jenseits der 100.000 Euro-Grenze liegt. Geld in die Kasse brachte zudem eine Baustei- neaktion, um die sich viele Spender geradezu ris- sen. Diverse Benefizveranstaltungen, z.B. gleich zweimal mit Fastnachtsgrößen vom Bodensee bis Freiburg, mit den Villinger Kneipenfasnet- gruppen, mit der Stadt- und Bürgerwehrmusik, der Villinger Kultgesangsgruppe „Spittelsänger“ oder mit lokalen Comedy- und Bühnenfastnach- tern, taten dem Baukonto sehr gut. Prominente wie der ehemalige Ministerpräsident des Lan- 173


Geschichte Die Zehntscheuer dient als zentrales Haus der Zunft – als Zunftkammer, Archiv und Begegnungsstätte. des, Erwin Teufel, traten als Botschafter für das Zehntscheuerprojekt auf. Als Lohn für die Kraftanstrengung erhielt die Historische Narrozunft 2009 den baden-würt- tembergischen Ehrenamtspreis „Echt gut“. Un- ter 300 Angeboten im Bereich Sport und Kultur würdigte eine Fachjury das Zehntscheuer-En- gagement der Villinger Zünftler mit dem ersten Platz. Auch beim großen Vereinswettbewerb der Sparkasse Schwarzwald-Baar ging die Zunft mit der Zehntscheuer als Sieger hervor. Zentrales Haus der Zunft Die Zehntscheuer dient nun nach ihrer Fertig- stellung in erster Linie der Zunft als neues zen- trales Haus. Waren bisher die Zunftstube als Vereinsgaststätte, Kleiderkammer und Archiv in verschiedenen Gebäuden in der Stadt unterge- bracht, ist jetzt alles unter einem Dach vereint. Das Haus soll aber auch als Treffpunkt für Bürge- rinnen und Bürger aus der Stadt und der Region dienen. Geplant sind Kleinkunst-Veranstaltungs- reihen oder Kunstaustellungen. Im Erdgeschoss ist die neue, deutlich größere Zunftstube mit zwei Räumen untergebracht, die freitags und samstags nicht nur für Vereinsmitglieder da ist. Willkommen sind alle Gäste. Im 2. Obergeschoss gibt es einen zentralen Veranstaltungssaal mit Foyer und Theke, der bis zu 100 Besuchern Platz bietet. Hier finden vereinsinterne wie öffentli- che Events statt. Der Raum kann auch für pri- vate Feiern angemietet werden. Für Zunftstube und Veranstaltungsraum stehen entsprechende Küchenkapazitäten zur Verfügung. Im 1. Dachge- schoss fanden die Zunftkammer mit ihrem Fun- dus an Narrenhäsern, Schemen (Masken), Narro- rollen und diversen weiteren Utensilien und das zunfteigene Archiv neue Unterkünfte. Daneben gibt es im 1. Obergeschoss Räumlichkeiten für Gruppensitzungen, die Schesensammlung (alte 174


x Die Geschichte der Villinger Fastnacht hat in der Zehntscheuer gleichfalls eine Heimat gefunden. Kinderwagen) und Büros, das 2. und 3. Dachge- schoss verfügt über große Speicherkapazitäten. Knapp 1.000 qm Nutzfläche geschaffen All das wurde unter der Bauleitung des Villinger Architekten Peter Ettwein realisiert. Die größte Herausforderung lag sicher darin, einen hohen Qualitätsstandard und eine farbliche Abstim- mung der Bauteile wie Geländer, Treppenstufen, Bodenbeläge usw. zu erreichen. Wichtig war den Verantwortlichen, die exponierten alten Bau- teile, wie sichtbare Deckenbalken, Holzstützen oder Putzflächen, entsprechend zu präsentieren, diese aber auch mit modernen Elementen wie Stahl harmonisch zu verbinden. Dabei mussten jedoch immer die finanziellen Möglichkeiten des Vereins berücksichtigt werden. Als markante Bauaktivitäten gelten der Ein- bau einer Horizontalsperre gegen aufsteigende Feucht igkeit in Bruchsteinwänden, die Verbesse- rung der Statik – so musste ein tonnenschwerer Stahlträger eingezogen werden –, der Einbau eines Kleinlastenaufzuges unter Berücksichti- gung der denkmalpflegerischen Belange sowie die Installation einer Fußbodenheizung im Erd- geschoss. Aufgrund der öffentlichen Nutzung des Ge- bäudes wurde es mit den modernsten sicherheits- technischen Anlagen ausgestattet. Insgesamt stehen der Historischen Narrozunft in dem Haus knapp 1.000 qm Nutzfläche zur Verfügung. Dass der Traum Zehntscheuer für die Zunft Realität werden konnte, dafür gibt es für Zunftmeister Jo- achim Wöhrle im Rückblick eine höchst treffliche Beschreibung: „Man muss einfach manchmal ein paar verrückte Ideen haben, um etwas Vernünf- tiges zustande zu bringen.“ Panorama-Fotografie des Zunftmuseums. 175


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen Karl Albrecht, zum Zeitpunkt seines Todes mit einem Vermögen von über 18 Mrd. Euro der reichste Mann Deutschlands, hatte einen besonderen Bezug zu Donau­ eschingen. Dort baut er am Beginn der 1970er Jahre ein Auslieferungslager für Aldi Süd. Dann 1976 weiter das Hotel Öschberghof mit Golfanlage und schließlich auf dem großzügigen Areal ein eigenes Ferienhaus. Auf dem Golfplatz war der Milli­ ardär bis ins hohe Alter beim Golfen anzutreffen – auch beim Kirchgang in Aasen. Dass sich Karl Albrecht in Donaueschingen finanziell stark engagierte, geriet für die Region zu einem großartigen Glücksfall. Aldi-Mitgründer Karl Albrecht – ein großer Förderer des Standortes Donaueschingen. 176


„Und wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Auch das Online-Le- xikon Wikipedia weiß nicht, wem wir diese Zu- versicht spendende Weisheit eines Ano nymus verdanken. Tatsächlich erleben immer wieder Menschen, dass sich selbst in scheinbar tiefster Tristesse doch wieder eine Tür öffnet, sich eine neue Perspektiven vermittelt oder gar Rettung signalisiert wird. Doch wird ein solches Ereignis auch einer Stadt zuteil? Kann gar einer allein Ho- rizont und Hoffnung liefern gerade dann, wenn dieser Stadt „die Lichter auszugehen drohen“? Ja, Donaueschingen hat das so erlebt – dank Karl Albrecht. Der Unternehmer fand den Weg auf die Baar exakt in jener Zeit, als die Große Koalition Filbinger/Krause vor fast 45 Jahren mit ihrer ab- soluten Dominanz im Stuttgarter Landtag die baden-württembergische Kreisreform durch- setzte. Im Vollzug des „ersten Gesetzes zur Ver- waltungsreform (Kreisreformgesetz)“ vom 26. Juli 1971 gliederten zum 1. Januar 1973 CDU und SPD 28 kleine Landkreise in neu zugeschnitte- ne 35 große ein. Das kostete fast die Hälfte der bis dahin 63 Kreisstädte im Land ihren Status – darunter Donaueschingen. Aber in Südbaden auch Kehl, Lahr, Müllheim, Neustadt, Säckingen, Stockach und Wolfach. Der Verlust des Landkreises erfordert die Suche nach neuen Perspektiven Selbst die traditionell guten „Drähte“ des Do- naueschinger Fürstenhauses zu den Stuttgarter CDU-Ministerpräsidenten vermochten das Aus für den Landkreis Donaueschingen nicht abzu- wenden, obwohl er erst 34 Jahre zuvor aus dem „Bezirksamt Donaueschingen“ entstanden war. Allerdings zerfiel auch der anfangs flächende- ckende Protest von Gütenbach bis Möhringen, von Hammereisenbach bis Epfenhofen und von Öfingen bis Unadingen gegen die Auflösung. Das Obere Bregtal um Furtwangen fand sich mit dem Stuttgarter Diktat ab und orientierte sich rasch Richtung Villingen-Schwenningen. Und an der jungen Donau blickten Geisingen, Immendingen und Möhringen ebenso flugs nach Tuttlingen. Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen „Sehr viel Glück gehabt“ Karl Albrecht (1920-2014) und sein jüngerer Bruder Theo (1922-2010) sind im Essener Ar- beiterviertel Schonnebeck aufgewachsen. Der Vater war gelernter Bäcker, Karl Albrecht sen. macht sich 1913 als Brothändler selbstständig – seine Frau Anna eröffnet unter dem Namen ihres Mannes einen kleinen Tante-Emma-La- den. Auf den Besuch der Volksschule folgt eine Lehre als Verkäufer. 1939 nimmt Karl Albrecht am Russland-Feldzug teil und wird an der Ost- front verwundet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernimmt er mit Bruder Theo 1945 das elterliche Lebensmittelgeschäft und gründet mit ihm die Albrecht KG. Es beginnt eine beispiellose Erfolgsge- schichte: 1961 trennen die Brüder Aldi in zwei Teile nördlich und südlich der Ruhr. Karl Alb- recht übernimmt Aldi Süd, Theo Albrecht Al- di Nord. Den ersten Aldi-Markt eröffnen die Brüder 1962 in Dortmund – den Namen Aldi leiteten sie von „Albrecht-Diskont“ ab. Karl Albrecht lebte sehr zurückgezogen und bescheiden. Neben dem Golfsport wird ihm als Hobby das Züchten von Orchideen zugeschrieben. Kurz vor seinem Tode gab er der Frank- furter Allgemeinen Zeitung sein bislang ein- ziges Interview, in dem er unterstreicht: „Ich habe sehr viel Glück gehabt“. Und dass es sein Antrieb gewesen sei, auch Kunden mit sehr begrenztem Einkommen den Kauf guter Le- bensmittel zu ermöglichen. Das Vermögen seiner Unternehmensgrup- pe ALDI SÜD kontrollieren zwei Stiftungen. Als „harter Kern“, der bis zuletzt für den Fortbestand des Landkreises Donaueschingen kämpfte und am 31. Dezember 1972 mit Wehmut von ihm Abschied nahm, erwies sich schließlich nur das Städteviereck in der Mitte und im Süden: Blumberg, Bräunlingen, Donaueschingen und Hüfingen. Auch hier sah man sich prosperieren- 177


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte der Zukunftshoffnungen beraubt, während sich die „Hauptstädte“ der neuen Großkreise ihrer wachsenden Bedeutung erfreuten. Was neben vielen anderen Stadtoberhäup- tern auch den damals seit fast 20 Jahren am- tierenden, parteilosen Donaueschinger Bürger- meister Robert Schrempp verdross: nun nicht mehr Oberhaupt einer Kreisstadt zu sein und das Landratsamt brigachaufwärts in das nun vier Mal so große und gleich zum Oberzentrum ge- liftete Villingen-Schwenningen unwiderruflich entschwinden zu sehen. Erst 20 Jahre später und erst unter seinem Nachfolger Dr. Bernhard Everke überschritt Donaueschingen die 20.000-Einwoh- ner-Marke und wurde so zum 1. Juli 1993 wenigs- tens wieder Große Kreisstadt. Aldi sucht Standort für ein Auslieferungs lager im Süden Baden-Württembergs Nicht nur das Licht der eingangs zitierten Weis- heit, sondern gleich ein ganzer Scheinwerfer kam für das durch den Verlust an politischem Gewicht und am Status als Behördenstadt tief deprimier- te Donaueschingen exakt in jener Zeit aus Mül- heim an der Ruhr: aus der Firmenzentrale von Aldi-Süd, des mit seinem Marktkonzept höchst erfolgreichen und deshalb rasch wachsenden Discount-Konzerns. Mit der Bereitschaft seines Eigners Karl Albrecht zu einem Millionen-Invest- ment, das nicht nur den Kommunalpolitikern damals fast wie ein Wunder erschien. Doch Al- di-Süd verfuhr für die Belieferung seiner auch in Baden-Württemberg rapide zunehmenden Zahl von Läden jedes Jahr Millionen von Kilometern, weil der Firma südlich seiner Dependance in Ketsch bei Mannheim ein leistungsfähiges Aus- lieferungslager fehlte. Karl Albrecht, Bruder seines 2010 verstorbe- nen Firmenmitgründers und Aldi-Nord-Chefs Theo Albrecht, suchte deshalb zu Beginn der siebziger Jahre nach einem geeigneten Stand mit zentraler Verkehrslage im Süden des Mus- terländles. Als man in mehreren Städten erst noch über ein Angebot an Albrecht nachdachte, han- delte Donaueschingen bereits. Bürgermeister 178 Schrempp informierte den Gemeinderat nichtöf- fentlich davon, dass die Aldi-Pläne doch gerade für seine Stadt am Schnittpunkt von gleich drei Bundesstraßen eine verkehrsgünstige Chance sein müssten. Und FDP/FWV-Jungstadtrat Hans- jürgen Bühler regte umgehend an, Karl Albrecht in Mülheim zu besuchen. Hansjürgen Bühler: „Die Chemie zwischen ihm und uns stimmte sofort.“ Eine Idee, die Schrempp sofort akzeptierte – in der vagen Hoffnung, der zurückhaltende Mil- liardär würde die Donaueschinger überhaupt empfangen. Doch die Zusage kam sofort und so machten sich Schrempp, Bühler und die wie Schrempp inzwischen ebenfalls verstorbenen Stadträte Manfred Eppel (SPD) und Otto Moser (CDU) noch 1971 auf den Weg ins Ruhrgebiet. Wo sie von Karl Albrecht sofort beeindruckt waren: „Ein zurückhaltender, netter Mann, kein Mana- gertyp“, wie sich der heutige Donaueschinger Ehrenbürger Hansjürgen Bühler an den Auftakt der Gespräche erinnert: „Die Chemie zwischen ihm und uns stimmte sofort.“ Den Aldi-Süd- Chef beeindruckte, auf wie kurzen Wegen er von Donaueschingen aus seine Läden tief im Süden beliefern könnte. Und dass sich bis dahin keine andere Stadt mit der Präsenz einer eigenen De- legation in seinem Haus so intensiv ums Aldi-En- gagement bemüht hatte. Karl Albrecht besucht Donaueschingen Karl Albrecht, damals knapp 50, kam nach Do- naueschingen, inspizierte und akzeptierte das ihm fürs Auslieferungslager angebotene große Areal an der Straße nach Pfohren unmittelbar an der heutigen B 27/33-Stadtumfahrung. Dort be- schäftigt die Aldi-Süd-Regionalgesellschaft Do- naueschingen inzwischen 200 Menschen – 160 in der Logistik und 40 in der Verwaltung. Vom mittlerweile mehr als 35.000 Quadratmeter großen Auslieferungslager, das noch 2014 um weitere 9.000 Quadratmeter Nutzfläche erwei- tert werden soll, beliefert Aldi nach Angaben


Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen Das Aldi-Auslieferungslager in Donaueschingen. Das 35.000 Quadratmeter große Lager bietet heute 200 Arbeitsplätze. seiner Firmenzentrale in Mülheim seine Läden zwischen Rottenburg im Norden, Mengen und Friedrichshafen im Osten, Gailingen und Laufen- burg im Süden und Titisee-Neustadt im Westen ständig mit mehr als 1.000 Standard-Artikeln (Trockensortiment, Kühl- und Tiefkühlware), mit den wöchentlichen Aktionsartikeln und mit dem Frischesortiment, das Obst und Gemüse, Brot und Kuchen und die sogenannten Bake-off-Zu- taten umfasst. Im Guten gelöst wurde damals Karl Albrechts Anliegen, möglichst wenig mit Lärm belästigt zu werden. Sorgen machte dem Unternehmer vor allem das Ziel der Landesregierung, der aus den Landkreisen Schwarzwald-Baar, Rottweil und Tuttlingen neugeschaffenen Region Schwarz- wald-Baar-Heuberg vor allem im Interesse des Oberzentrums Villingen-Schwenningen zu ei- nem Regionalflughafen mit einer B-737-fähigen 2.000-Meter-Piste zu verhelfen. Dafür bot sich aus der Perspektive des Landesentwicklungspla- nes der Verkehrslandeplatz Donaueschingen an, auch wenn dessen Bahn damals erst 800 Meter lang war. Die Sorge vor Fluglärm teilten viele „Eschin- ger“ mit Karl Albrecht – doch die Stadt konnte ihm nur zusagen, gegen den Ausbau zu kämp- fen. Dass sie den Ausbau verhindern werde, lag nicht in ihrer Hand – ist sie doch neben der Stadt Villingen-Schwenningen, den Landkreisen Schwarzwald-Baar und Tuttlingen, dem Fürsten- haus und der Industrie- und Handelskammer nur einer der sechs Partner in der Flugplatz-GmbH. Karl Albrecht stimmte wie Ende der siebziger Jahre schließlich auch die Mehrheit des damals CDU-beherrschten Gemeinderates einem soge- nannten Sicherheitsausbau zu, in dessen Vollzug 179


Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen die Piste nur um 490 Meter verlängert und um 10 auf 30 Meter verbreitert wurde. Der „Öschberghof“ entsteht Ein Golfplatz am „Aasener Kapf“ Als er sich schon für Donaueschingen entschie- den hatte, verriet Karl Albrecht seinen Gastge- bern en passant, er sei passionierter Golfer. Und „wenn er sich das mal leisten“ (!) könne, stapelte der Begüterte damals tief, sei es durchaus denk- bar, dass er sich irgendwann auch einen Golf- platz baue. Auch da konnte ihm, aufs Neue be- glückt, das Donaueschinger Rathaus umgehend helfen: mit Areal-Angeboten am Schellenberg, am Flugplatz und an jenem „Aasener Kapf“ öst- lich der Kreisstraße zum Stadtteil Aasen, an dem sich der Aldi-Süd-Eigner dann seinen Herzens- wunsch erfüllte. Weil dort nur ein Teil des Geländes der Stadt gehörte, der Rest aber von Landwirten aus Aasen und Pfohren erworben werden musste, zeigte sich der Investor großzügig: Er zahlte das Dop- pelte des unter den Bauern üblichen Quadratme- terpreises – und im Einzelfall legte er sogar noch was drauf. Und er akzeptierte, dass der Golfplatz nicht als Firmenanlage erschien, sondern zumin- dest zunächst vom Vorstand des Golfclubs ge- führt wurde. So entstand der von Anfang an ambitionierte 18-Loch-Golfplatz auf riesigen 105 (heute sogar 200!) Hektar samt großzügiger Caddyhalle – al- les „eingebettet in die sanften Hügel der Baar“, wie der „Land- und Golfclub Öschberghof“ die Anlage auf seiner Homepage preist. Stadtrat Bühler wandte sich von Anfang an und mit Erfolg gegen Albrechts Vorstellung, den – heute zusätz- lich auch eine 9-Loch-Anlage bietenden – Golf- platz elitär einzuzäunen. Er erreichte, dass man den Golfplatz auf einem offenen Spazierweg um- runden kann, was Spaziergänger ebenso erfreut wie die Jogger. Zehntausende neu gepflanzter Bäume bestücken die nachhaltig konzipierte und sorgsam gepflegte Anlage auf diesem landwirt- schaftlich zuvor nicht sonderlich ergiebigen Are- al, auf der jährlich 50.000 Runden Golf gespielt werden. Nun soll sie auf sogar 36 Loch erweitert werden! 180 Mit dem Golfplatz wurde im Sommer 1976 dann auch Karl Albrechts dritte Großtat als Inves- tor in Donaueschingen eingeweiht – das Hotel „Öschberghof“, heute eines der beiden Vier-Ster- ne-Häuser der Stadt am Donau-Ursprung. Der „Öschberghof“ beherbergt und bekocht freilich längst nicht nur Golfer und Hotelgäste aus al- ler Welt, sondern auch viele Konferenz- und Tagungsteilnehmer. Und jene Fußballstars, die mit ihren Teams zur Saisonvorbereitung samt Testspielen im Anton-Mall-Stadion nach Donau- eschingen kommen. Das Hotel bietet auf drei Etagen in 73 Zim- mern 129 Betten, soll aber wegen der auf 33.000 Übernachtungen je Jahr gestiegenen Frequenz um 45 Zimmer erweitert werden. Streng gesichertes privates Domizil Neben dem Hotel hatte sich Karl Albrecht ein streng gesichertes privates Domizil geschaffen. Gelegentlich golfte er auch im Alter noch selbst. Und manchmal besuchte er in Aasen den Sonn- tagsgottesdienst und setzte sich hernach einfach so zu den Einheimischen an den Stammtisch. Kaiser: „Wichtige Impulse gesetzt“ Bürgermeister Bernhard Kaiser (62) ist auf der rathäuslichen Chefetage seit 1983, also seit 31 Jahren und damit ebenso lang wie der frühere Bürger- und Oberbürgermeister Dr. Bernhard Everke (1973-2004), aufs Engste mit dem Alb- recht- und Aldi-Investment in Donaueschingen befasst und vertraut. Er bilanziert rundweg, Karl Albrecht habe „mit seiner Entscheidung, nach Donaueschingen zu kommen, wichtige Impulse gesetzt“. Nicht nur mit der Handelsniederlassung, sondern „ganz wesentlich und viel augenfälliger mit dem ‚Ösch- berghof‘ samt seinen weitläufigen Golfanlagen und dem Wellnessbereich – eine Anlage, die in weitem Umkreis keine Vergleiche zu scheuen braucht“.


Karl Albrecht – ein Glücksfall für Donaueschingen Der Öschberghof mit Golfplatz sind für die Stadt Donaueschingen ein außerordentlicher Glücksfall. Und Kaiser geht davon aus, dass das Unter- nehmen in „diese für uns außerordentlich wich- tige Infrastruktureinrichtungen“ in absehbarer Zeit erneut investieren wird mit weiteren po- sitiven Auswirkungen auf Donaueschingen als Wirtschaftsstandort“. Wie viel Albrecht damals in Mark und bis heute in Euro in Donaueschingen investiert hat, ist nicht zu erfahren – es wird ein hoher zweistelliger Millionenbetrag sein. Als Karl Albrecht als mutmaßlich reichster Mann Deutschlands am 16. Juli 2014 mit bibli- schen 94 Jahren in Essen starb, gedachte die Stadt Donaueschingen dankbar seines ökonomi- schen Engagements auf der Baar. In der Erinne- rung an diesen leisen und bescheiden lebenden, zusammen mit seinem – 1971 entführten und gegen sieben Millionen Mark freigepressten – Bruder Theo aber kaufmännisch genialen Mann. Und man war sich einmal mehr des Glücksfalls bewusst, den Karl Albrechts Ja zu dem ihm zu- nächst fernen, dann aber bald vertrauten Do- naueschingen vor gut vier Jahrzehnten bedeutet hat und das über seinen Tod hinaus gewiss noch lange bedeuten wird. Gerhard Kiefer (1971 bis 1988 Redaktionsleiter der Badischen Zeitung in Donaueschingen) 181


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100 Jahre Erster Weltkrieg Im heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis verlieren über 3.250 Jungen und Männer an der Front ihr Leben Die Kriegserklärung trifft die Bevölkerung am 1. August 1914. Die Furtwanger Stadtchronik erzählt den Ablauf dieses Tages stellvertretend für alle Orte im heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis: „Am Samstag nachmittag wurde die Mobilmachung angeordnet, die hier nach 6 Uhr abends bekannt gegeben wurde. Polizeisergeant Kienzler in Begleitung eines Hornisten (Friedolin Scherzinger) und eines Trommlers (Karl Wilhelm) unter Vorantragung einer badischen und einer Reichsfahne vollführte die Bekanntgabe. Auf ihrem Gange durch die Stadt wirbelte der Tambour, bei ihrem Halt gab der Hornist das militärische Signal ‚Geh vor, geh langsam vor‘, worauf Polizeisergeant Kienzler mit schneidender Stimme verkündete: ‚S. M. der Kaiser hat die Mobilmachung befohlen‘.“ Der Erste Weltkrieg ist da, der ca. 3.275 Soldaten aus den damaligen Landkreisen Villingen und Donaueschingen das Leben kosten wird – insgesamt sind es über 17 Mio. Tote. 183 183


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Menschenauflauf in der Oberen Straße in Villingen aus Anlass der Mobilmachung am 1. August 1914. Rechts: Bereit zum Krieg – wenige Tage später ziehen Soldaten durch Triberg. Am Bahnhof warten Züge für den Transport in Frontnähe. Die Geschichte des Ersten Weltkrieges für den Schwarzwald-Baar-Kreis – vielmehr für die frü- heren Landkreise Donaueschingen und Villingen – ist noch nicht geschrieben. Erstmals wurden für die früheren Landkreise durch den Almanach die Kriegstoten insgesamt genauer ermittelt. Auf den Denkmälern und Mahnmalen, die an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnern, verblasst mancherorts bereits die Schrift. Einige Mahnmale wurden bereits im Dritten Reich zur Metallgewinnung für Kriegszwecke wieder ab- gebrochen, so in Vöhrenbach. Die Erinnerung an diesen Krieg ist meist nur noch dort lebendig, wo sie mit Angehörigen oder besonderen Ereignis- sen verknüpft ist. Der Erste Weltkrieg hat in der regionalen Geschichtsschreibung deutlich weniger Spuren hinterlassen, als es für das Dritte Reich der Fall ist. Die Kriegsereignisse sind meist in den Orts- chroniken verarbeitet, nur wenige Städte und Gemeinden haben eine eigene Schrift aufgelegt: 184 Villingen-Schwenningen und das kleine Buchen- berg, wo im Dorfmuseum zudem eine Ausstel- lung präsentiert wird, sind die Ausnahmen. Eine Besonderheit kann Furtwangen vorwei- sen: Maria Grieshaber verheiratete Kremling hat dort einen nicht nur mit Blick auf unsere Regi- on großartigen Bilderschatz zum Alltagsleben in den Weltkriegsjahren hinterlassen (s. S. 190). Weiter ist 2014 eine 50-seitige Sonderbeilage der Tageszeitung SÜDKURIER erschienen, in der ne- ben Historikern auch Enkelinnen und Enkel von Kriegsopfern zu Wort kommen und Interessan- tes über den Krieg im heutigen Schwarzwald- Baar-Kreis nachgelesen werden kann. Und es gibt unzählige private Quellen: Meist Feldpostbriefe, denn im Ersten Weltkrieg konnte erstmals dau- erhaft und zuverlässig über Briefe der Kontakt zu den Angehörigen an der Front und in der Heimat gehalten werden. In vielen Familienalben und Fotoschatullen finden sich außerdem Dutzende von Fotografien: Der Erste Weltkrieg ist der erste Krieg, aus dem es Fotografien gibt. „Eine Woge gewaltiger Begeisterung“ Voller Patriotismus sind die Deutschen in diese Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts gezogen,


100 Jahre Erster Weltkrieg wie es der amerikanische Historiker George F. Kennan formuliert hat. Diese Begeisterung spie- gelt die Reaktion auf die Kriegserklärung wider. Die Tageszeitung „Schwarzwälder“ berichtet am 1. August 1914 über die Ereignisse in Villingen: „Hier in unserer Stadt hatte das Gerücht ‚Mobil‘ natürlich allgemeine Erregung, aber keine Aufre- gung hervorgerufen. Als dann der Kriegszustand bekanntgegeben wurde, ging eine Woge gewal- tiger Begeisterung durch unsere Bevölkerung. Der Marktplatz wies das Leben eines Bienen- schwarms auf, überall wurden die Dinge beim Kaufhaus mit Interesse beobachtet.“ Dennoch kommt es zu Hamsterkäufen und zu einem Ansturm auf die Banken. Wie es in den Herzen der Menschen wirklich aussieht, lässt sich aus den staatstreuen und patriotischen Zeitungsmeldungen dieser Tage eben nicht herauslesen. Über Nacht kommt es zu großen Preis steigerungen, sie strapazieren die Famili- en enorm. In Schwenningen muss das Bürger- meisteramt die Versicherung abgeben, dass die Gemeinde sparkasse auch im Kriege geöffnet bleibt und dass die Gelder dort besser aufgeho- ben seien als zu Hause. Zahlreiche Opfer- und Sammeltage stellten die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung den gan- zen Krieg über immer wieder neu auf eine harte Links: Zur Versorgung der Zivilbevölkerung mit Le- bensmitteln muss auch der Schlossgarten in Donau- eschingen seinen Beitrag leisten. Er wird 1915 teils zu einem Kartoffelacker umfunktioniert. Rechts: Kriegshochzeit in Vöhrenbach und Abschied für immer? Zwei Schwestern mit ihren Männern und Kindern samt Großmutter in Furtwangen. Probe. Die Kriegsführung verschlingt Unsum- men. In einen Kriegsopferstock des Roten Kreu- zes durfte auf dem Marktplatz in Schwenningen jeder Spender einen Nagel einschlagen, einen großen oder kleinen, je nach Höhe seiner Gabe. Bei 6.000 Nägeln kamen 7.000 Mark für den Un- terstützungsfonds für Kriegerwitwen und -wai- sen zusammen. Jeden Sonntag standen Frauen und Kinder mit Sammelbüchsen auf den Straßen. Etwas fürs Vaterland zu geben war eine moralische Pflicht. Für insgesamt 98 Milliarden Mark zeichneten die Deutschen Kriegsanleihen, mit ihnen wurden ca. 60 % der Kriegskosten gedeckt (Quelle: Wi- kipedia). Zig-Millionen Mark stammen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Im Falle eines Sieges hätten die Anleger ihr Geld gut verzinst zurück- erhalten, durch die Niederlage war der Einsatz verloren. 185


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Links: Absturz eines deutschen Flugzeuges über dem Villinger Hubenloch. Der Schwarzwald war für die in Böblingen stationierten Flugschüler ein ideales Übungsgelände. Der Unfall ereignete sich bei einem verunglück- ten Landeanflug. Rechts: Mehrfach waren feindliche Flugzeuge über dem Schwarzwald und der Baar im Ein- satz. Am 2. September 1916 fallen Fliegerbomben auf Schwenningen, gerade als im Apollo-Lichtspielhaus in der Bürk straße die Kinovorstellung zu Ende ist. Fünf Bomben beschädigen die Häuser in der Umgebung des Kinos schwer, das Foto rechts zeigt einen der Trichter. Enorm schwierig ist Lage der Industrie. Sie stellt überall quasi über Nacht auf die Produk- tion von Kriegsgütern um: Zünder, Munition, Waffenteile oder ganze Waffen – es wird rund um die Uhr für die Kriegsmaschinerie gearbeitet. Der Verkauf und Export von regulären Waren bricht zusammen. Schwer getroffen ist vor allem die hiesige Uhrenindustrie, die vom Export lebt. Gravierender Mangel an Arbeitskräften Über den Krieg in Villingen und Schwenningen veröffentlicht Barbara Schneider 1998 ein Son- derheft im Rahmen der Reihe „Blätter zur Ge- schichte der Stadt Villingen-Schwenningen“. Was die Autorin beschreibt, trifft so auch auf die anderen Orte im Landkreis zu – überall ist die zi- vile Bevölkerung als „Heimatheer“ eingespannt: „Besonders gravierend wirkte sich der Man- gel an Arbeitskräften auf die Landwirtschaft vor allem in der Erntezeit aus, zumal die Sicherstel- lung der Ernährung der Bevölkerung in hohem 186 Maße vom sachgemäßen Einbringen der Ernte abhing. Aus diesem Grund wurde in Villingen sogar das Sonntagsarbeitsverbot eingeschränkt, damit die Bestellung der Felder und Gärten ohne Verluste verrichtet werden konnte. Im Haushalt war Ideenreichtum gefragt z.B. kamen die Kochkiste und die Sparpfanne als Kü- chenhelfer zum Einsatz, verschiedene Kochkurse informierten über die „Kriegsmäßige Sparsam- keit beim Kochen“ und über Neuheiten wie z.B. Ersatzverschlüsse aus Kork. Der etwas platte Ausdruck „Not macht er- finderisch“ trifft genau den Kern der Situation. Bald kamen Einmachtabletten und Saccharin zur Behebung der Zuckernot auf den Markt. Selbst Rosskastanien wurden gerieben, zu Kastanien- wasser aufgekocht und als Seifenlauge verwen- det. Kohlrüben waren ein Streckungsmittel für Marmelade, woraus das „Kriegsmus“ entstand. Im „Kohlrübenwinter“ 1916/17 erreichte die Ernährungslage in Deutschland einen katastro- phalen Tiefpunkt. Ab 1917 kam in Villingen der Aluminiumpfennig als Kriegsgeld in Umlauf.


Ganz besonders großen Wert wurde auf die Anla- ge von „Kriegsgärten“ gelegt, die ab 1915 jährlich prämiert wurden. Eine Fülle von Wohltätigkeitsveranstaltun- gen – Theater, Konzerte, Vorträge und Auffüh- rungen im Lichtspielhaus – gehörten während der Kriegszeit ebenso zum städtischen Leben wie die Arbeit des Frauenvereins, des Roten Kreuzes und die Versendung von Liebesgaben an die Sol- daten im Felde. Darüber hinaus engagierten sich Villinger und Schwenninger Firmen und Betriebe auf dem Gebiet der Wohlfahrt und der Fürsorge. Eine wichtige Aufgabe der Unternehmen lag in der sozialen Fürsorge für die Arbeiterschaft. Dies wurde natürlich in der Kriegszeit ganz besonders wichtig, um sich einen Stamm von Arbeitern zu erhalten. Zu den Maßnahmen und Einrichtun- gen zählten Fabrikkantinen und Kaffeeküchen, Erlass von Mieten, Geldunterstützungen für die Einberufenen und ihre Ange hörigen, Liebesga- bensendungen, Vorschüsse und Sanitätszimmer. Die Firma Junghans in Schwenningen übernahm beispielsweise 1918 eine Kriegspatenschaft für die Kriegswaisen ihrer Beschäftigten. Aber auch die Städte beteiligten sich an geregelten Fürsor- gemaßnahmen, z.B. wurde in Schwenningen ab 1915 die Kriegskrankenfürsorge für die Angehöri- gen der Einberufenen eingeführt. Erstmals Luftangriffe auf Dörfer und Städte Die eklatanten Versorgungsmängel, die täglich eintreffenden Todesnachrichten vom Feld, aber auch die Angst vor französischen Spionen, las- ten schwer auf der einheimischen Bevölkerung. Schließlich spürt man den Krieg durch die be- ginnenden Luftangriffe auch selbst als tödliche Gefahr. Der Erste Weltkrieg ist der erste Krieg, in dem Flugzeuge als Waffen eingesetzt werden. In Donaueschingen kommt es schon 1915 zu ver- einzelten Luftangriffen. 1916 dann werden durch Flugzeugbeschuss zwei Häuser in der Moltke- straße beschädigt. Zwei glimpflich verlaufene Angriffe also, wenn man sie mit den Bomben- angriffen auf Donaueschingen im Zweiten Welt- krieg vergleicht. 100 Jahre Erster Weltkrieg Der Schonacher Arthur Burger zieht als 17-Jähri- ger in den Krieg und fällt im Alter von 20 Jahren. Ein „Heldentod“ in Flandern Voller Patriotismus ist der Schonacher Arthur Burger wie so viele andere Deutsche in den Krieg gezogen – gerade 17 Jahre alt. Dreieinhalb Jahre lang überlebte er an der Front, bis am 25. April 1918 um 5.30 Uhr ein Artilleriegeschoss in nächster Nähe zu ihm einschlug und seinem Leben ein jähes Ende setzte. Unteroffizier Arthur Burger wird auf einem Waldfriedhof in Flandern im Einzel- grab Nr. 2468 beigesetzt. Der Tod des jungen Mannes, der die Fabrik des Vaters übernehmen sollte, das Unternehmen Josef Burger Söhne, trifft die Eltern schmerzlichst. Sie lassen den Leich- nam ihres Sohnes ins heimische Schonach überführen. Der Triberger Bote berichtet über die Beerdigung: „Ein Leichenzug, wie ihn Scho- nach noch selten gesehen hat, bewegte sich gestern zum Friedhof.“ Der Beitrag schließt mit den Worten: „Von den Soldaten abge- gebene drei Ehrensalven zeigten an, dass wieder ein Kämpfer aus Deutschlands gro- ßer Zeit der Erde übergeben wurde.“ Eine Floskel, die niemand mehr hören konnte, die für die Angehörigen kein Trost war. 187 187


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Abschiedsfoto: Das Landwehr-Infanterie-Bataillon von St. Georgen muss an die Front. In Schwenningen werden am 2. September 1916 fünf Häuser schwer beschädigt. Die Bomben fallen unmittelbar nach Ende einer Kinovorfüh- rung. Den Pilo ten diente dabei das zu dieser Zeit eingeschaltete Außenlicht als Orientierung. In St. Georgen tagt der Kriegsgemeinderat Wie kommen die Soldaten an die Front oder wie- der nach Hause? Für die Soldaten aus der Region waren die Bahnhöfe ein Dreh- und Angelpunkt, so der Bahnhof in Triberg. Auch die Lazarett züge mit den Verwundeten passierten den Triberger Bahnhof, für sie war hier eine Essensabgabe ein- gerichtet. Lazarette gab es in nahezu jeder Stadt im Landkreis. Über die teils schwer verwundeten Soldaten lernte die Bevölkerung den Schrecken des Krieges aus der Nähe kennen. Da die meisten Stadträte als Soldaten an die Front mussten, wurde vielerorts ein Kriegsge- meinderat gebildet. So auch in St. Georgen, hier nahm der Kriegsgemeinderat unmittelbar nach Kriegsausbruch seine Arbeit auf. Der Krieg beschäftigte die Deutschen auch im Ausland. Viele Menschen aus dem heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis sind nach Amerika aus- gewandert. Der Blumberger Mathias Anderhu- 188 ber schreibt 1930 im Rückblick auf sein Leben und die Kriegsereignisse in die alte Heimat: „Man hört so viel, wie es im Kriege war, aber auch wir haben hier viel mitgemacht. Die Deutschen hier in New York hatten nichts mehr zu sagen, und noch lange nach dem Krieg waren wir verhasst.“ Mit Fortdauer des Krieges steigt die Not ins Unermessliche. Es regte sich mehr und mehr Un- ruhe in der Bevölkerung. Noch vor Unterzeich- nung des Waffenstillstands am 11. November 1918 kommt es abends am 9. November in Do- naueschingen im „Sternen“ zur Gründung eines Soldatenrates – die Novemberrevolution bahnt sich an. Überall formieren sich Soldaten- und Arbeiterräte – revolutionäre Wirren bestimmen den Alltag. Bei der Rückkehr von der Front in die Heimat treffen die Soldaten auf ein darnieder- liegendes Land, in dem die Menschen am Ende ihrer Kräfte sind. Das Glück derer, die überlebt haben und wieder bei ihrer Familie sein können, ist überschattet von einer in allen Bereichen an- zutreffenden, grenzenlosen Not. In dieser Situation sind es Persönlichkeiten wie der katholische Donaueschinger Stadtpfar- rer Dr. Heinrich Feurstein, der im Dritten Reich im KZ Dachau starb, die sich für die öffentliche Ordnung und für die Menschlichkeit einsetzen. Den ganzen Krieg über steht Heinrich Feurstein an der Seite von Familien und Soldaten. Er hilft mit warmen Mahlzeiten und Getränken im Sol- datenheim. Und er unterstützt sie bei ihren Ein-


Über 3.250 Gefallene im heutigen Schwarzwald-Baar-Kreis XX Ort Kriegstote Ort Kriegstote Ort Kriegstote Bad Dürrheim Biesingen Hochemmingen Oberbaldingen Öfingen Sunthausen Unterbaldingen Blumberg Achdorf Epfenhofen Fützen Hondingen Kommingen Nordhalden Riedböhringen Riedöschingen Randen Zollhaus Bräunlingen Bruggen Döggingen Mistelbrunn Unterbränd Waldhausen Brigachtal Klengen Kirchdorf Überauchen Dauchingen 63 18 20 34 25 37 22 35 18 1 28 18 31 0 28 31 0 0 104 3 22 5 6 6 24 8 28 49 Gütenbach Mönchweiler Tuningen Furtwangen Linach Neukirch Schönenbach Rohrbach Schönwald Schonach Triberg Unterkirnach Niedereschach Fischbach Kappel Schabenhausen Königsfeld Buchenberg Burgberg Erdmannsweiler Neuhausen Weiler St. Georgen Brigach Langenschiltach Oberkirnach Peterzell Stockburg 56 37 59 205 9 1 17 78 92 160 34 26 10 0 0 24 35 18 17 20 15 183 0 33 0 26 0 Vöhrenbach Hammereisenbach Langenbach Urach Hüfingen Behla Fürstenberg Hausen vor Wald Mundelfingen Sumpfohren Donaueschingen Aasen Grüningen Heidenhofen Hubertshofen Neudingen Pfohren Wolterdingen Villingen Schwenningen Herzogenweiler Marbach Mühlhausen Obereschach Pfaffenweiler Rietheim Tannheim Weigheim Weilersbach 64 16 17 24 59 9 13 0 19 10 128 34 10 7 15 29 44 41 299 403 6 16 15 36 21 11 33 30 29 Anmerkung: Die Zahlen sind in Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden des Landkreises sowie den Angaben in Orts- chroniken ermittelt worden. Grundlage sind meist die in vielen Orten vorhandenen Gefallenenbücher. Aufgrund der Wirren der Zeit sind diese nicht immer vollständig. Kriegsgräber auf dem alten Friedhof in Schwenningen und Denkmal für die gefallenen Donaueschinger (rechts). gaben an die Behörden und ersetzt in Streitfällen den Rechtsanwalt. „Beim Herrn Doktor kostet es nichts“, merken die Hilfesuchenden dankbar an. Der Erste Weltkrieg war zu Ende, aber es kehr- te keine Ruhe ein – die Not ließ sich nicht einfach abstellen. Das so siegesgewisse Deutschland war durch die Niederlage ins Bodenlose gestürzt, die Menschen finden keinen Frieden. Die Weimarer Republik schließlich mündet in das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg – in ein noch gren- zenloseres Massaker. Aus über 17 Mio. Kriegsto- ten werden jetzt weltweit über 56 Mio. wd 189


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Alltagsleben im Ersten Weltkrieg Eine Bilddokumentation der Furtwanger Fotografin Maria Grieshaber von Wilfried Dold Nur etwas mehr als 230 Flugzeuge besitzt die deutsche Armee im Jahr 1914 – eines davon muss auf der Neueck bei Furtwangen notlanden. Viele Erwachsene und barfüßige Kinder eilen an die- sem Sommertag herbei, um erstmals in ihrem Leben ein Flugzeug aus der Nähe zu sehen. Auch Furtwangens Bürgermeister Herth (links mit Kindern und Ehefrau) fährt mit seiner Kutsche auf die Neueck. Das noch unbewaffnete Flugzeug befand sich auf einem Aufklärungsflug in Richtung Frankreich. In der Mitte rechts ist wahrscheinlich der Pilot oder Co-Pilot zu sehen. 190 190


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Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Das „Ochsenmariele“ und ihre Ka mera sind den Furtwangern vertraut: Ma ria Griesha­ ber durch streift ihre Heimatstadt in den Kriegs jahren 1914 bis 1918 täg lich. Gleich ob „Märkt“ ist, die Glocken zur Me tallgewinnung für Kriegs zwecke von den Kirch türmen herun­ ter geholt wer den, franzö sische Kriegsgefangene eintreffen, eine Pfer deabgabe ansteht oder die städtische Kom mission in der Festhalle neue Lebensmittelkarten ausgibt – immer ist die junge Frau mit ihrer Kamera dabei. Maria Grieshaber fo tografiert die Kinder beim „Kriegspielen“ im Ochsengarten, die Frauen beim Nähkurs oder bei der Heuernte – sie ist be ständig auf der Suche nach Motiven, mit denen sich der All tag in einer Stadt zur Zeit des Ersten Weltkrieges dokumentieren lässt. Es entstehen Bilddokumente, die in dieser Qualität und Vielfalt so nur für wenige Städ­ te dieser Größe vorliegen. Die bei Kriegsaus­ bruch 24 Jahre junge Frau ist die wohl erste Foto­Reporterin des Schwarzwaldes. Wie kann sich eine junge Furtwangerin, die für das Hotelfach ausgebildet wird, zu dieser Zeit derart tiefgreifende Kenntnisse in der Fotografie aneignen? Es gelingt ihr in Furtwangen: Maria Grieshaber pflegt gute Kontakte zu Fotograf Al- bert Ziegler. Er bringt ihr bereits im Mädchenalter erste techni sche Aspekte der Fotografie bei. Es zeigt sich schon früh ihre große Begabung – Foto- grafin werden aber kann sie nicht. 1902 stirbt der Vater, sie und ihre beiden Schwestern müssen mit der Mutter das Hotel „Ochsen“ führen. Maria soll später das Hotel übernehmen. Dann muss Albert Ziegler in den Krieg. Maria Grieshaber in- des schlüpft zu Hause in die Fotografenrolle, do- kumentiert den Alltag in der Uhrenstadt. Albert Ziegler ist 1915 der erste Furtwanger, der an der Front fällt. Die junge Frau weiß ihr Können gut einzu- schätzen. Sie bietet ihre Fotos deutschlandweit Zeitschriften an – und hat mehrfach Erfolg. Eine Bild serie erscheint in der illustrierten Zeit schrift Maria Grieshaber, fotografiert von ihrem Lehrmeister Albert Ziegler. Er sollte später der erste Kriegs tote sein, den Furtwangen im Ersten Weltkrieg zu bekla- gen hatte. 192


XX Der Erste Weltkrieg – Bilddokumentation von Maria Grieshaber Der Krieg ist vorbei – desillusioniert, hung- rig und entkräftet zieht die 6. Königlich Bayerische Landwehr division am 26. November 1918 durch Furtwangen der Heimat entgegen. Die von Hand kolorier- te Fotografie ist vom Fenster des Hotel Ochsen aus mit Blick zum heutigen Markt- platz aufgenommen worden. 193


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte „Die Woche“, eine weitere im Kon rads kalender. In einer Zeit mit Pressezensur ist dies allerdings nicht un ein ge schränkt möglich. Bilder, die der Ba- denia-Verlag drucken will, muss sie wieder zu- rückziehen. Zwei Auslandsaufenthalte Maria Grieshaber, Tochter des Ochsenwirts Edu ard Grieshaber und seiner Frau Emma, wir d am 21. März 1890 geboren. Auf den Besuch der Volks schule folgen zwei Auslandsaufenthalte: 1905 verbringt sie ein Jahr in einem Pen sio nat in der französischen Schweiz, später be such t sie ein Pensionat in Worthing (Eng land). Maria Gries- haber wird da rauf vor bereitet, das Furtwanger „Hotel Ochsen“ zu übernehmen. Sie erlernt die für die Führung des Hotels wichtigsten Fremd- sprachen und besucht danach die Haushaltungs- schule in Karls ruhe. Die Kriegs jahre verbringt sie in Furtwangen und hilft ihrer Mut ter im Gastwirtschafts- und Hotelbetrieb. Das sind die Jahre, in denen Maria Grieshaber so intensiv fotografiert wie nie zuvor und sich auch in neuen fotografischen Techniken versucht. Ihre Fotos widerspiegeln die Befindlich- keit der Bevölkerung. Strahlen die frühen Auf- nahmen noch Zuversicht und Patriotismus aus, so sind in den Gesichtern der Menschen schon bald überdeutlich die Sorge und der Schrecken des Krieges herauszulesen. Die Fotos aus dem letzten Kriegsjahr 1918 machen die Not beson- ders deutlich. 1920 heira te t Maria Grieshaber. Ihrer Ehe mit August Kremling ist nur ein kurzes Glück beschie- den: Am 29. Dezember des selben Jahres ver – stirbt Maria Kremling im Alter von erst 30 Jahren einen Tag nach der Ge burt ihrer Tochter. Diese Tragik erschüttert Furtwangen: Im „Schwarzwälder Tagblatt“ heißt es in einem Nachruf: „Noch ehe das alte Jahr völlig zur Neige ging, hat sich die junge Frau zur ewigen Ruhe gelegt. Ein kurzes Ehe glück an der Seite eines liebe vollen, von allen Näherstehenden hochge- schätzten Mannes, ist ihr noch zuteil geworden. Es war im mer ein zartes Pflänzlein, das unter dem Namen „Ochsenmariele“ auch in wei teren 194 Kreisen be kannte, und ob seines hei teren, leut- seligen We sens gerne gesehene Töch terlein der Frau Gries haber. Als besondere Lieb haberei hat die Ent schla- fene schon in frühester Jugend, neben den Blu- men, die Photographie aufgegriffen und auf diesem Gebiet eine seltene Geschicklichkeit be- kundet, gepaart mit der Ga be, die Dinge von der vorteilhaftesten Seite aus zu sehen und auf die Platte zu bringen. Ein mit großem Fleiß zusam- mengestelltes Album ver anschaulicht unter an- derem die wichtigsten örtlichen Vorgänge wäh- rend der Kriegszeit. Der Scherl’sche Verlag hat seiner Zeit in der be kannten illustrierten Zeit- schrift „Die Woche“ seinen Lesern eine interes- sante Bilderserie aus diesem Album vor Augen geführt. Diese höchst an er kennenswerte Arbeit, ein Stück Heimatgeschichte in Bildern, wird der so früh Heimgegangenen ein dauerndes ehren- des Andenken sich ern. “ Aufwendige Entwicklungstechnik Die junge Frau muss allein in den Kriegs jahren 1914 bis 1918 an die 1.000 Glasplat ten-Nega tive belichtet haben, mehrere hundert davon sind er- halten geblieben. Sie hat diese Glasplatten ent- wickelt und auch selbst Diapositive her gestellt, die für Vorträge gedacht waren. Maria Grieshaber hat zudem mehrere Dutzend ihrer Dia auf nah- men in stun denlanger Arbeit von Hand koloriert. Rund 80 Foto gra fien allein aus der Zeit des Ersten Welt krieges hat sie sorgsam in ein Bilder-Tage- buch eingeklebt und mit dem jewei li gen Anlass so wie dem Aufnahmedatum be schrif tet. Für Fotografen/innen heutiger Zeit ist schwer nachvollziehbar, welch en Aufwand es bedeutet hat, diese Fotos zu belichten, zu ent wickeln und dann Papierabzüge oder Dia positive herzustel- len. Obwohl es zur Zeit von Ma ria Grieshaber be reits gebrauchsfertige Glasplatten zu kaufen gab, war es bei vielen Fo tografen nach wie vor üblich, diese selbst herzustellen – auch aus Kos- tengründen. Noch komplexer war die Produktion der Schwarz-Weiß-Dias. Das komplizierte che mi- sche Verfahren erforderte vom Fotografen viel Fach wis sen.


Der Erste Weltkrieg – Bilddokumentation von Maria Grieshaber Auch aus den umliegenden Gemeinden Rohrbach, Neukirch, Schönenbach und Gütenbach mussten im August 1917 die Kirchenglocken mit Ochsen- und Pferdegespann nach Furtwangen verbracht werden. Die geschmück- ten Glocken verdeutlichen, dass es der Bevölkerung schwer fiel, sich vom wohl vertrauten Kirchengeläut zu trennen. Von Furtwangen aus wurden die Glocken per Bregtalbahn zum Schmelzofen transportiert. Zu sehen ist eine Doppelseite aus dem Kriegs-Tagebuch von Maria Grieshaber verh. Kremling. Späte Werkschau: „Der ganze Krieg zog erneut an uns vorüber…“ Einem größeren Publi kum wurden die Dias er- neut elf Jahre nach dem frühen Tod von Maria Grieshaber verh. Kremling vorgeführt: 1931 zeig- te sie Emil Jäger, Di rektor der Großherzoglich Ba- dischen Uhrmacherschule und überaus aktives Mitglied des Vereins „Ba dische Heimat“ bei einer Versammlung im „Ochsen“. Die „Furtwanger Nach rich ten“ berichteten am 9. März 1931: „Zunächst wurden Lichtbilder gezeigt, die die Wo gen und Wellen der Ereignisse wiedergaben, die der schwere Kriegssturm auch in unsere stille Schwarz waldheimat geworfen hat. Es waren Auf nahmen der verstorbenen Frau Kremling geb. Gries haber. Sie waren tech nisch sehr gut, zum großen Teil sogar farbig wieder- ge geben und bewiesen, dass auch die Heimat die Kriegsgeißel spürte und die Opfer und Größe der Zeit empfand. Der ganze Krieg von der Mobil- mach ung bis zur Rückkehr der Truppen zog an uns vor über. Wir sahen wieder die Ausgabe der Lebens- mittelkarten, die „tischtuchlose“ Zeit, die Abga- be der Me talle und Glocken, die Pflege der Ver- wundeten in un serem Krankenhaus, das Feiern der Siege, das Pflanzen der Hindenburg-Eiche, die Heuernte durch Kinder, Greise und Frauen, die Soldatenspiele der Kinder, die Arbeiten der Gefangenen, die Gedächtnisgottesdienste in der Kirche und vieles andere aus jener so fernen und doch erst etwas über 10 Jahre zurückliegenden Zeit. Besonders die Kennt nis der Personen von da- mals und der Ver gleich mit heute, wo viele davon bereits der Tod heimgeholt hat, gab den Bildern eine wehmütige Note. “ Furtwangen besitzt mit dem fotografischen Nachlass von Maria Grieshaber verh. Kremling einen wahren Bilderschatz. Er ist größtenteils di- gitalisiert für die Nachwelt bewahrt. 195


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Für die Kinder ist der Krieg (noch) ein Spiel – zumal im „Ochsengarten“, dem Mit telpunkt der Furtwanger Kinderwelt je ner Tage. Wer es sich leisten kann, staffier t sei nen Nachwuchs mit Original-Unifor m in Kinder- größe aus. Wer nicht so viel Geld besitzt, hilft sich mit Selbstgebasteltem und Selbst geschneidertem. Die Kin- der spielen Sol da ten, werden „verletzt“ und von den Schwestern des Roten Kreuzes „gepflegt“. Sie werden als Patrioten herangezogen, für den Krieg begeistert. Später ziehen erst 15-jährige Jungen als Soldaten ins Feld. 196 196


XX Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten Versteigerung von kriegsuntauglichen Pferden auf dem Plätzle an der Friedrichstraße hinter dem Rathaus zum Einsatz in der Landwirtschaft. Schlitten für den Winterkrieg. Am 17. November 1916 mussten in Furtwangen entbehrliche Schlitten beim städtischen Bauhof abgeliefert werden. 197 197


Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Gerade der Schule entwachsen, schon kriegstauglich – junge Rekruten des Jahrgangs 1901, und damit erst 16 Jahre alt, fahren nach ihrer Musterung durch die Stadt. Liebestätigkeit ist gefordert, reichsweit wird zur Hilfe aufgerufen. Enorm belastet sind die Frauen: Sie versorgen ihre Familie. Sie arbeiten in den Fabriken und auf dem Feld. Sie pflegen die Kranken und aus dem Feld heim- ge schickten Verwundeten, orga ni sier en Wohltätigkeitsveranstaltungen, sammeln Spenden – und nähen. Die Fotografie zeigt die Nähabteilung des Furt wan ger Roten Kreuzes beim Verpacken von Decken und Tüchern in einem Zimmer der Handelsschule in der Schulstraße. 198


Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten Metall für Waffen und Munition. Um ständig neue Waffen und Mu ni tion herstellen zu können, benötigt Deutschland in den Weltkriegsjahren immer mehr Metall, das sich schließlich nur noch durch Sammelak tionen und Beschlagnahmungen beschaffen lässt. Während der „Badischen Metall woch en“ holen Jugendliche die Ge- genstände aus Kupfer, Messing und Nickel in den Haushaltungen ab. Das Metall wird auf dem städtischen Bau- hof ge lände hinter dem Rathaus verladen (Bild) und zum Bahnhof gebracht. Abschied von metallenem Geschirr. Alles Vorhandene wird radikal erfasst. Die beschlagnahmten Gegenstände aus Aluminium müssen am 15. Juni 1917 im Rat haus abgeliefert werden. 199


Geschichte Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Auch Furtwangen verliert viele Glocken für Kriegszwecke – einzig die katholische Kirche kann ihr Geläut retten, da ihm ein hoher musikalischer Wert bescheinigt wird. Vom Turm geholt werden muss die Glocke der Notkirche (oben). Glocken mit einem Gewicht von mehr als 20 Kilo sind bis zum 18. Juli 1917 abzuliefern. Auch die Gütenbacher, Schönenbacher, Neukircher, Linacher und Rohrbacher Glocken treffen in Furtwangen ein. Rechts: Die Stadtverwaltung liefert die Glocke aus dem städtischen Glockentürmle ab. Den Transport überwacht Polizeidiener Kienzler. 200 200


Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten XX Die Bezugsscheine für Lebensmittel erhalten die Furtwanger von einer eigens eingerichteten Kommission, die Verteilung erfolgte nach strengen Kriterien in der städtischen Festhalle. Ausgabe von Kartoffeln an die Bevölkerung gegen Bezugsschein. 201 201


Geschichte Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Kühe aus der Schweiz. Im November 1916 beschließt der Gemeinderat, 20 Kühe aus der Schweiz zu beziehen, um der Milchknappheit entgegenzusteuern. Für Deutsche ist es im Aus land einzig in der neutralen Schweiz mög- lich, an die dringend benötigten Milchkühe zu kommen. Die Lebensmittelknappheit ist enorm, in diesem Furtwanger Geschäft werden als einzige Auslage Dutzende von Steckrüben angeboten. Lebensmittel gibt es nur auf Bezugsschein. 202 202


Am 17. März 1917 treffen die ersten französischen Kriegsge- fangenen in Furtwangen ein – plötzlich hat der Feind für alle Furtwanger ein Gesicht. Die Soldaten sind zwei Tage im Hotel „Grieshaber zum Ochsen“ untergebracht, andere haben ihr Quartier im Gasthaus „Zur Linde“ – danach werden sie ver- schiedenen Quar tiergebern zugeteilt. Zu den Kriegsgefange- nen besteht teils ein herzliches Verhältnis. Weit entfernt vom Kriegsschauplatz begegnet man sich meist als Mensch, die Bilderserie von Maria Grieshaber spiegelt das mehrfach wider. Rechts ein Kriegsgefangener mit dem Hoteljungen des „Ochsen“, unten ein Kriegsgefangener bei der Kartoffelernte. Die Zuweisung dieser Hilfskräfte erfolgt auf Antrag. Alltag im Ersten Weltkrieg – Furtwanger Bildgeschichten XX 203 203


Geschichte Geschichte und Wirtschaftsgeschichte Im Ochsengarten knüpfen die verletzen Soldaten, die im Furtwanger Lazarett gepflegt werden, Kontakt zur Bevölkerung. Die Frauen veranstalten für die Verwundeten auch Gesellschaftsspiele. Tomba für gefallene Furtwanger in der katholischen Stadtkirche. Nur der Leichnam weniger Gefallener wird in die Heimat überführt, meist erfolgt die Bestattung in Frontnähe – oft in einem Massengrab. 204 204 Rechte Seite: Der Krieg ist vorbei – Dank- und Gedenk- gottesdienst in der katholischen Kirche am 22. Dezember 1918.


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9. Kapitel Brauchtum Tracht des Jahres 2014 Die außergewöhnliche Tracht von St. Georgen ist die erste im Schwarzwald, die diese hohe Auszeichnung erhält von Roland Sprich Der Stolz und die Freude darüber waren groß: Bereits ein Jahr im Voraus wussten die Mitglieder des Trachtenvereins St. Georgen, dass ihre Tracht, genauer, die Tracht des St. Ge- orgener Kirchspiels, im Jahr 2014 zur „Tracht des Jahres“ gekürt werden wird. Es war für die Mitglieder des Vereins ein besonderer Augenblick, als ihnen im Mai 2014 diese Auszeichnung des Deutschen Trachtenverbandes im Rahmen eines feierlichen Festaktes im St. Georgener Rathaus verliehen wurde. Im Beisein von 120 Delegierten aus ganz Deutschland, zwischen Garmisch und der Nordseeinsel Föhr, die sich ebenfalls in den typischen Landestrachten präsentierten. Zur Verleihung kamen Landrat Sven Hinterseh, der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Rombach und auch der baden-württembergische Justiz- minister Rainer Stickelberger. Für den Trach- tenverein St. Georgen war das eine verdiente Anerkennung für das Bemühen, diese Tradition zu hegen und zu pflegen. Und das seit mehr als 100 Jahren – bis heute in nahezu unveränderter Form. Damit erfüllt der Trachtenverein seit seiner Gründung im Jahr 1907 den damals formulierten Vereinszweck: nämlich Pflege der heimatlichen Sitten und Bräuche und Erhalt der St. Georgener Tracht. Bis heute ursprünglicher Schnitt und Verwendung authentischer Materialien Wichtig ist: Die St. Georgener Tracht ist eine ev an- gelische Tracht. Das bedeutet, es werden nur Stof- fe mit gedeckten Farben verwendet. Die Farbe Rot und andere sind den katholischen Trachten vor- behalten. Früher bestand die Tracht ausschließ- lich aus Materialien, die die bäuerliche Bevölke- rung selbst anbauen, beziehungsweise herstel- len konnte: Flachs, Leinen, Schafwolle. Erst als Mitte des 19. Jahrhunderts die vom Herzog von 206 Württemberg erlassene Kleiderordnung aufge- hoben wurde, kamen auch andere Stoffe zum Einsatz. Jetzt wurde die Tracht – angelehnt an die spanische Hofmode – modernisiert und mit Rü- schenkragen, Samtapplikationen und Seiden- schürze aufgepeppt. Schon damals galt: Wer es sich leisten konnte, verzierte seine Tracht mit aufwendigen Applikationen. So ließ sich an der Die Tracht von St. Georgen wurde zur „Tracht des Jahres 2014“ gekürt. Hier eine Braut mit Bräutigam, die Festtagstracht: Die Frau trägt einen mit Spiegeln, Glaskugeln und Stoffrosen geschmück- ten, bis zu vier Kilo schweren Brautschäppel. Weiter das mit Samt besetzte Schnürmieder und eine Kurzja- cke in spanischem Schnitt (Schauben). Die Schürze ist aus Seide, der Rock aus schwarzem Wollstoff genäht. Hinzu kommen Schmuckbänder und ein Brautgürtel. Die Männertracht besteht aus einem Brusttuch (Weste) aus Samt. Unter dem Brusttuch wird ein leinenes, weißes Hemd getragen. Die Hose ist aus Hirschleder gefertigt. Als Kopfbedeckung dient ein schwarzer, breitkrempiger Hut.


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Brauchtum Die Trachtengruppe St. Georgen im Jahr 2000 bei der Steubenparade in New York. Tracht auch der Wohlstand des jeweiligen Trä- gers beziehungsweise der Trägerin ablesen. Schon damals achteten die Näherinnen bei der Herstellung neuer Trachten penibel darauf, dass gegenüber der ursprünglichen Tracht so we- nig wie möglich verändert wurde. Als beispiels- weise die Miniröcke in Mode kamen, sorgten die Schneiderinnen dafür, dass die Röcke mindes- tens bis zum Knie reichten. Das Bewahren des ursprünglichen Schnitts und die Verwendung möglichst authentischer Materialien haben sich bis heute gehalten. 208 In einer älteren Publikation wurde der St. Ge- orgener Tracht einst das zweifelhafte Prädikat „am wenigsten entwickelte aller Schwarzwald- trachten“ verliehen. Kritik oder Anerkennung? Auch heute bewahren die Schneiderinnen das möglichst ursprüngliche Aussehen der Tracht. Wenngleich das ihre Arbeit nicht einfacher macht. „Wir fahren für den richtigen Samt schon mal bis in die Schweiz, wo der Meter knapp 400 Euro kostet“, erklärt Marion Borho. Sie ist eine der drei Trachtenschneiderinnen des Vereins. Jährlich entstehen in der Schneiderstube etwa zwei neue Trachten. Dass neue Mitglieder die alten Trachten tragen, ist meist nicht möglich. „Die Menschen waren früher kleiner und ausge- mergelter. Viele der Trachten würden den Leuten heute einfach nicht mehr passen“, sagt Borho. Das Herstellen einer Tracht würde bei einer täglichen Arbeitszeit von acht Stunden etwa zwei Wochen dauern. Da die Trachtenschneide rinnen das Anfertigen einer Tracht in ihrer Freizeit über- nehmen, dauert es entsprechend lange, bis eine Trägerin ihre neue Tracht erstmals tragen kann. Nicht nur bei der Tracht an sich hält der Trachtenverein streng an alten Zeiten fest. Auch in anderen Bereichen hält sich der Verein streng an Überlieferungen. „Beispielsweise müssen die Haare immer zum Zopf geflochten sein. Die Frau- en lassen den Kragen auch bei großer Hitze ge- schlossen. Wir tragen keinen grellen Lippenstift. Und Männer behalten den Hut den ganzen Tag auf.“ Die Tracht wurde im Kirchspiel St. Georgen, das sind die Gemeinden St. Georgen, Buchen- berg, Langenschiltach, Mönchweiler, Oberkir- nach, Brigach, Weiler und der evangelische Teil von Tennenbronn, gegen Ende des 19. Jahrhun- derts so getragen, wie sie noch heute besteht. Das beweisen Fotos aus dieser Zeit. Die ältesten Kleidungsstücke des Trachtenvereins stammen aus der Zeit um 1850. Der Schäppel – eine prächtige Brautkrone Vervollständigt wird die St. Georgener Tracht durch den Brautschäppel. Der St. Georgener Schäppel ist eine der prächtigsten Brautkronen


überhaupt und ist mit Glaskugeln, Seidenrosen und Spiegeln verziert, die böse Geister abhalten sollen. Sie wird bis heute nur von unverheirate- ten Frauen getragen. Ebenso wie der rote Rosen- hut, der das äußere Zeichen für unverheirate- te Frauen ist. Ab der Heirat tragen Frauen den schwarzen Rosenhut. Auch wenn der Trachtenverein das St. George- ner Brauchtum und die Tracht in seiner Ursprüng- lichkeit bewahrt, so verschließt sich der Verein keinesfalls den modernen Zeiten. „Wir kommu- nizieren schon mit Telefon und E-Mail und sind auch mit einer Website im Internet vertreten“, schmunzelt Vorsitzender Bernhard Borho. Und betont, dass der Trachtenverein zwar traditions- bewusst, „aber keinesfalls altmodisch ist.“ Die Auszeichnung zur Tracht des Jahres hat dem Verein sogar einen Fernsehauftritt beschert. Im vergangenen September präsentierten sich einige Trachtenträger in der Fernsehsendung „Immer wieder sonntags“, bei der Fernsehmode- rator Stefan Mross die Tracht bestaunte. Tracht des Jahres 2014 Darüber hinaus lebt der Trachtenverein auch Weltoffenheit, indem er sich bei Trachtenumzü- gen im In- und Ausland präsentiert. So war der Verein unter anderem bereits auf dem Münch- ner Oktoberfest und schon mehrfach auf dem Canstatter Wasen. Auch bei einem Weinfest in Paris präsentierte sich der Verein zusammen mit der Stadtmusik. Unbestrittener Höhepunkt in der über 100-jährigen Geschichte des Trach- tenvereins St. Georgen war die Teilnahme an der Steubenparade in New York im Jahr 2000. In der Millionen-Einwohner-Metropole trafen „die alte und die neue Welt“ aufeinander – ein faszinie- render Gegensatz. Die St. Georgener Festtagstracht beim Umzug in der Heimat St. Georgen aus Anlass der Verleihung des Titels „Tracht des Jahres 2014“.


20 Jahre „Die Fallers“ 10. Kapitel Zeitgeschehen Der Unterfallengrundhof der Familie Löffler: Wo die Fallers zu Hause sind Der bekannteste Bauernhof von Baden-Württemberg steht in Neukirch von Matthias Winter mit Fotos von Wilfried Dold Malerischer kann der Schwarzwald nicht sein. Auf dem Unteren Fallengrund streckt mit dem „Fallerhof“ der bekannteste Bauernhof von Baden-Württemberg sein rotes Dach in den Himmel. Zur Linken liegt das von 1595 stammende alte Leibgedinghaus, rechts flankieren den 1924 nach einem Brand neu erbauten Hof das Leibgeding von 1949 und die Kapelle. An diesem Bilderbuch-Sonntag im Mai sind Wanderer in Scharen unter- wegs. Sie wollen den Fallerhof sehen – und zum wenige Kilometer entfernt liegenden Balzer Herrgott wandern. 210


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20 Jahre „Die Fallers“ Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen Die „Fallers“ und die Löfflers: Die wirklichen „Fallers“, die Familie von Agnes und Felix Löffler, haben sich an das Interesse an ihrem Unterfallengrundhof, im Film der „Fallerhof“, mittlerweile gewöhnt. Aber anfangs war das nicht leicht: Zum Auftakt der SWR-Fernsehserie vor 20 Jahren wurde der Hof geradezu „gestürmt“ – selbst im Haus- gang standen Faller-Fans. Zwischen Löfflers und den „Fallers“ ist längst eine Freund- schaft entstanden. Nach 20 Jahren „Die Fallers“ ist für die Hauptdarsteller Peter Schell (links) und Christiane Brammert (rechts) der Unterfallengrundhof von Agnes und Felix Löffler (Mitte) zur zweiten Heimat geworden. In der SWR-Fernsehserie spielen sie Karl und Bea Faller. 212 212


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Zeitgeschehen 20 Jahre „Die Fallers“ Nur wenige Menschen können von sich sagen, dass sie in der Kulisse einer bekannten Fernseh- serie wohnen – bei der Familie von Agnes und Fe- lix Löffler ist das der Fall. Und das seit 20 Jahren. So lange bereits strahlt das SWR-Fernsehen „Die Fallers“ aus. Die erfolgreiche Serie spielt auf dem Unter fallengrundhof bei Furtwangen-Neukirch, im Schwarzwald-Baar-Kreis somit. In dieser lan- gen Zeit hat sich die Schwarzwald-Serie fest am Markt etabliert und lockt Sonntag für Sonntag ein Millionenpublikum an den Bildschirm (siehe S. 224). Nicht nur für die Schauspieler, auch für die Familie Löffler, sind „Die Fallers“ mittlerweile zu einem „zweiten Le ben geworden“. Schauspieler, Kameraleute und Regisseure gehören zum All- tag einfach dazu. Und obwohl die Löfflers Voll- erwerbs-Landwirte sind, von Milch- und Wald- wirtschaft leben, lassen sich die Drehtage und die tägliche Arbeit auf dem Hof ganz gut vereinbaren. Während draußen ein 35-köpfiges Team des SWR an einer neuen Fallers-Folge arbeitet, er- zählen die Löfflers drinnen in der großzügigen Bauernstube mit ihrem imposanten Kachelofen, 214


x neben dem Dackel Moritz seine Heimat hat, wie vor über 20 Jahren alles anfing: Ein Mann tauchte auf, interessierte sich von allen Seiten für den Hof, fotografierte ihn – und stellte sich schließ- lich als Heinz Recht vor. Er teilte den Löfflers mit, er sei auf der Suche nach einem Hof als Kulisse für eine neue Schwarzwald-Serie. Der Unterfal- lengrundhof sei wegen seiner idyllischen Lage da- für besonders geeignet. Hinzu komme, dass der Unterfallengrundhof weder zu alt noch zu neu sei und somit für den Schwarzwaldhof schlecht- hin stehen könne. Der Unterfallengrundhof in Furtwangen-Neukirch ist in vielerlei Hinsicht eine Idylle – die nicht nur beim SWR-Fernsehen, sondern gelegentlich auch bei Hochzeitsfotografen begehrt ist. Die Aufnahme zeigt die wirklichen Fallers, hinten von links: Felix und Agnes Löffler mit ihren Kindern Martin, Sabine mit Ehemann Stefan und Florian Löffler mit Sarah (vorne rechts) und der eben erst geborenen Romina. Unten v. links: Jenny sowie die Enkelkinder Marvin, Maurice und Alexia. Die Löfflers sind eine bäuerliche Groß familie, so oft es geht, werden die Mahlzeiten gemeinsam eingenommen. 215


Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen Begeistert war die Familie Löffler von dieser Fernsehidee nicht – sie lehnte zunächst rigoros ab. Dann kam Heinz Recht wieder vorbei und jetzt erbat man sich zunächst Bedenkzeit. Für und Wider wurden abgewägt, dann stimmten die Löfflers schließlich doch zu. „Aber nach einem halben Jahr haben wir dann gesagt, wir lassen es doch lieber sein“, erinnert sich Agnes Löffler. „Wir hatten Angst – vor allem vor den vielen fremden Menschen auf dem Hof“. Doch mittler- weile waren einige Innenräume des Fallerhofs in den Studios des SWR in Baden-Baden schon nachgebaut worden – die Produktion stand be- reits in den Startlöchern. Der SWR wollte den Unterfallengrundhof der Löfflers unbedingt als Kulisse für seine neue Serie. So gaben die Löff- lers 1994 endgültig ihre Zustimmung, freilich erst einmal nur für ein Jahr und unter der Bedingung, dass der SWR nicht preisgibt, wo er diese Fern- sehserie dreht. Nachdem sich zeigte, dass alles reibungslos lief, wurde das Engagement verlän- gert. 20 Jahre sind es bis heute geworden. Dass die Löfflers sich heute öffentlich zum „Fallerhof“ bekennen, hat vor allem einen Grund: Sie sehen darin die große Chance, der Region Furt- wangen/Gütenbach touristisch beizustehen. „Der Die „Fallers“ sind eingezogen, der SWR hat auf dem Fallerhof einmal mehr einen Drehtag angesetzt, wie schon das Klingelschild an der Eingangstüre verrät. Interessierte Beobachter sind Maurice, Marvin und Alexia, die Enkelkinder der Löfflers. Der SWR reist mit einer 35-köpfigen Crew an, die an einem Drehtag ca. 10 Minuten Sendung produziert. Neben den bekann- ten Darstellern gehören an diesem Sonntag auch zwei Gänse und ein feuerroter Sportwagen aus dem Porsche-Museum zu den Akteuren. Unter- und Oberfallengrund sind landschaftlich außergewöhnlich reizvoll, den Tourismus zu be- leben, das dient allen“, fassen die Löfflers ihren Beweggrund zusammen. Die Schauspieler zeigen am Leben auf dem Hof ernstes Interesse Positiv auf das Miteinander wirkte sich von An- fang aus, dass die Schauspieler ein ernstes Inte- resse an der Landwirtschaft und der Arbeit der Löfflers zeigten. Peter Schell (Bauer Karl) hielt sich vor Drehbeginn eine Woche lang auf dem Hof auf, um die Landwirtschaft kennenzulernen. Am Ende konnte er Kühe melken und den Trak- tor fahren. Auch Ursula Cantieni (Johanna Faller) war vor Serienbeginn einige Tage bei den Löfflers zu Gast. Zu Beginn dauerten die Dreharbeiten des öfteren 14 Tage am Stück, nur das Wochenende war drehfrei. Heute sind es vier bis fünf Mal im Jahr noch drei bis fünf Tage hintereinander, an denen der SWR in Neukirch dreht. Die übrigen Szenen entstehen im Studio. Es gibt somit etwa 25 bis 30 Drehtage vor Ort. „Das funktioniert al- les reibungslos“, berichtet Felix Löffler, der SWR kündige sein Kommen immer rechtzeitig zuvor an. Allerdings: Wenn es heißt „Ruhe bitte“ und die Kameras surren, müssen sich auch alle Hof- bewohner daran halten. Und auch Dackel Moritz muss in der Wohnung bleiben, zumal, wenn zu den Dreharbeiten dressierte Filmhunde mitge- bracht werden. Die Schauspieler und das SWR-Team sind in dieser Zeit in Furtwangen, Gütenbach und der ganzen Umgebung bis hin nach Breitnau unter- 216


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Zeitgeschehen gebracht. Die Gegend um den Fallerhof kennen sie mittlerweile alle bestens, sind hier teils auch privat beim Wandern anzutreffen. Von der Ortskenntnis und guten Ideen der Löfflers profitiert die Serie immer wieder Vom guten Verhältnis des SWR-Teams und der Familie Löffler profitiert auch die Serie selbst. Schon zum Auftakt wurde das deutlich. In der ersten Folge sollte der Christbaum für die Fern- sehfamilie im Wald geschlagen und zum Hof gebracht werden. Doch in Neukirch lag kaum noch Schnee. „Da müssen wir mal auf der Mar- tinskapelle nachfragen“, riet Felix Löffler. Und tatsächlich war hier die Schneelage noch gut, die Christbaum-Szene wurde schließlich in der Nähe der dortigen Wachshütte gedreht. In den ersten Jahren produzierte der SWR die Folgen lediglich ein halbes Jahr im Voraus, so dass eigentlich in der „falschen“ Jahreszeit gedreht wurde. „Gelegentlich mussten wir dann im Sommer den Blumenschmuck am Hof weg- räumen“, erinnern sich Agnes und Felix Löffler. Vor einigen Jahren jedoch wurde die Serie dann auf ein Jahr Vorlauf umgestellt, so dass die Drehs nun jeweils in der „passenden“ Jahreszeit statt- finden und Winter-Szenen auch im Winter ge- filmt werden können. Eine Reihe von Ideen für die Serie haben die Löfflers in all den Jahren auch einbringen kön- nen. „Da reicht oft ein Stichwort, aus dem ma- chen die Autoren dann eine ganze Folge“, meint 218 Das gibt es auch im Schwarzwald nicht allzu oft: Die Löfflers bewirtschaften ihren Unterfallengrundhof in Furtwangen-Neukirch bereits in der 19. Genera tion – die Hofübergabe von Felix Löffler an Sohn Florian ist in Vorbereitung. Wie die meisten Landwirte im Schwarzwald betreiben die Löfflers Milch- und Holz- wirtschaft. Felix Löffler. So erzählte er ihnen, dass ein Land- wirt auf die Weide ging, um zu arbeiten. In seiner Jacke, die derweil an einem Pfahl hing, steckten Geldscheine, die oben aus der Tasche heraus- schauten. In der Nähe grasende Ziegen bekamen das mit – und fraßen genüsslich die Banknoten. Die SWR-Leute waren von der Geschichte begeis- tert und wollten sie unbedingt nachspielen. Da- für benutzten sie Spielgeld. Doch siehe da, damit begnügten sich die Ziegen nicht. Erst mit echten Geldscheinen konnten die Tiere angelockt wer- den. Das Problem war nur: So schnell wie die Ziegen die Geldscheine verspeisten, konnten die Kameraleute die Szenen nicht drehen. Schließ- lich waren alle Scheine vervespert und es musste eigens jemand zur Bank fahren, um neue Geld- scheine zu besorgen. Ein anderes Mal hatte Felix Löffler erzählt, wie beim Fällen von Bäumen spaßeshalber Pfäh- le aufgestellt worden waren. Es wurde versucht, die Stämme möglichst nahe an diesen Pfählen zum Liegen zu bringen. Prompt wurde daraus eine Folge, in der Bauer Karl unter einen Baum geriet. Aber auch reale Vorhaben der Familie Löffler werden in die Serie eingebaut, etwa der Umbau der Stallungen: Aus einem Anbindestall wur-


Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen de ein Laufstall mit Melkstand, in dem sich die Tiere frei bewegen können. Und als die Löfflers einen neuen Schlepper anschafften, wollten die Autoren ebenfalls die Details wissen. In der Serie machte sich dann Bauer Karl daran, einen neuen Schlepper zu kaufen. Bis der Kauf im Film in trockenen Tüchern war, mussten die Löfflers freilich ihren neuen Schlepper vor den Kameras verstecken. Auch am Haus selbst kann nicht so ohne wei- teres etwas verändert werden und wenn doch, wird das in die Serie eingebaut und Bauer Karl macht sich im Film an die entsprechenden Arbei- ten. Die Fernsehserie begleitet die Löfflers somit das ganze Jahr über – als Störung empfindet das auf dem Hof aber niemand. Auch die Tiere nicht. Entgegen anfänglicher Befürchtungen werden die Kühe durch die Dreharbeiten keineswegs be- Um die Hofkapelle und den daneben liegenden Gar- ten kümmert sich Agnes Löffler besonders gerne. unruhigt. „Die machen sogar richtig mit“, stellt Felix Löffler fest. Und selbst dann, wenn sich mal 30 Personen des SWR-Teams im Stall aufhalten, gibt es keine Probleme. Erfreulich sei zudem, dass auch Schauspieler, die nicht so viel mit den Tie- ren zu tun haben, wie Bea oder Monique, keine Angst vor dem Umgang mit den Kühen hätten. Pech hatte allerdings einmal Tony Marshall, der sich laut Drehbuch bei einer Szene im Rah- men eines Gastauftritts in den Mist fallen lassen Agnes und Felix Löffler bei ihrer täglichen Arbeit im Stall, hier am Melkstand. 219


Zeitgeschehen musste. Zwar wurde dafür Kunstmist verwendet, doch nachdem die Szene einige Male gedreht wurde, war dieser verbraucht und Tony Marshall blieb nichts anderes übrig, als sich in echten Mist fallen zu lassen. Von Lukas Amann besonders beeindruckt Im Laufe der Jahre hat sich ein freundschaftli- ches Verhältnis zwischen den Schauspielern und der Familie Löffler entwickelt – bei einigen Dar- stellern waren die Löfflers sogar schon zu Hause eingeladen. Natürlich haben sie auch die Studios in Baden-Baden besucht, wo Innenräume des Hofes oder der Wirtsraum des ehemaligen Gast- hauses Löwen in Vöhrenbach-Urach nachgebaut sind. Besonders beeindruckt hat Felix Löffler die Persönlichkeit von Lukas Ammann (Großvater Wilhelm Faller), der in den ersten sechs Jahren der Serie bis zum Jahr 2000 mitspielte. Berühmt wurde er durch seine Rolle als „Graf Yoster“. In der Rolle als Wilhelm, als Patriarch auf dem Hof, hat er die Löfflers tief beeindruckt. Es ist ihrer Ansicht nach das Erfolgs rezept der Serie, dass sie das alltägliche Leben im Schwarzwald, das Leben und Sterben auf einem Schwarzwaldhof, so tref- fend beschreibt. Aber auch die immer wieder grandiosen Land- schaftsaufnahmen aus der Region sorgen für die anhaltende Attraktivität der Serie. Felix Löffler, der bei Luftaufnahmen vom Hubschrauber aus schon selbst mitfliegen konnte, ist sich sicher: „Das wertet die Serie auf“. Umgekehrt kommt das aber auch der Region und dem Schwarzwald zugute. Dieser Aspekt ist, wie schon an anderer Stelle ausgeführt, auch den Löfflers wichtig. „Wir können so etwas für die Gegend tun, in der wir leben“, betonen sie. „Erst kommt die Arbeit im Stall – danach frühstücken wir“ Natürlich läuft das reale Leben der Familie Löffler in anderen Bahnen ab, als das der Fernsehfami- lie Faller. „Auf dem Hof arbeiten wir am Morgen zuerst im Stall, erst danach frühstücken wir“, 220 Der Unter- und Oberfallengrund gehören zu den schönsten Gegenden im Schwarzwald – und das zu jeder Jahreszeit. Stimmt die Witterung, sind hier Wanderer von überall her unterwegs. Und natürlich findet sich an der Gemarkungsgrenze von Furtwan- gen und Gütenbach auch eine Winter-Zauberwelt. Voraus gesetzt es gibt einen Winter, der diesen Namen auch verdient. berichten sie aus ihrem Alltag. Schließlich müs- sen über 70 Kühe einschließlich der Kälber und Nachzuchten versorgt werden. Darunter sind rund 40 Milchkühe. Und zur Erntezeit endet der Arbeitstag erst um 23 Uhr, gelegentlich muss am Samstag und Sonntag durchgearbeitet werden. Rund zwei Drittel der zum Hof gehörenden Flä- chen sind Grünland, ein Drittel ist Wald. Eine erfreuliche Zukunftsperspektive ist es, dass Sohn Florian, der gelernter Landwirt ist, den Hof übernehmen wird. „Der Wechsel steht an“, meint Felix Löffler. Auf die Film-Fallers hat das keine Auswirkungen, Sohn Florian fügt hinzu: „Die Fallers werden auch nach der Hofübernah- me hier drehen können“. Zur Zeit arbeitet Florian Löffler noch in der Industrie, denn er ist zugleich Mechaniker von Beruf. Somit wird die Tradition des „Fernsehho- fes“ nicht abbrechen, was auch beim SWR für Auf atmen sorgen dürfte. Schließlich ist der Hof längst zum unersetzlichen Markenzeichen der Serie geworden. Die „Fallers-Fans“ kommen – und plötzlich stehen ungebetene Gäste im Hausflur Eine für die Familie Löffler nicht immer angeneh- me Begleiterscheinung der Fernsehserie waren vor allem zu Beginn der Ausstrahlung zahlreiche neugierige Besucher, die plötzlich im Haus stan- den und hier sogar fotografierten. Viele der un- gebetenen Gäste waren davon überzeugt, dass die Fernsehfamilie Faller auf dem Hof wohnen würde und hofften, hier „Karl“ oder „Kati“ zu treffen. Dabei gab es eine Reihe von Missver- ständnissen, die teils auch recht witzig waren. So hatte eine örtliche Zeitung berichtet, der Hof werde „bewirtschaftet“. Einige Zeitgenossen


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Der Fallerhof – wo mit der Familie Löffler die wirklichen Fallers wohnen verstanden diese Aussage so, dass der Hof eine (Gast)Wirtschaft betreibe und wollten in dieser einkehren. Und einmal wurde die Familie Löffler früh am Morgen von Alphornbläsern geweckt. Hinterher stellte sich heraus, dass die Musiker eigentlich „Monique“ (Monique Guiton) mit dem morgend- lichen Ständchen hatten begrüßen wollen. Zu den gerne gesehenen Gästen gehören auch die Patienten der Nachsorgeklinik Tann- heim, die einmal im Jahr auf Einladung der Löff- lers hin auf dem Hof ein „Fallerhoffest“ feiern dürfen. Auch Schauspieler „Der Fallers“ sind nach Möglichkeit immer mit dabei. Zumal sie sich für die Klinik für krebs-, herz- und mukoviszidose- kranke Kinder seit ihrem Bau persönlich engagie- ren. Besonders aufregend ist für die jungen Pa- tienten der Stallbesuch, denn viele Kinder, vor allem die aus Städten, sehen dabei das erste Mal in ihrem Leben einen Kuhstall von innen. Der Fallengrundhof wurde 1592 erbaut und 1924 bei einem Brand zerstört Der Unterfallengrundhof dürfte laut Neukircher Höfechronik bereits im Jahr 1592 erbaut worden sein, der Speicher kam dann 1593 hinzu. 1595 soll das heute noch stehende Leibgedinghäusle ge- baut worden sein. Das alte Hofgebäude brann- te 1924 vollständig ab und wurde 1925 an einer günstigeren Stelle neu erbaut. Besitzer war da- mals Albert Fehrenbach (1884 bis 1972), der nicht nur den Neubau erstellte, sondern 1949 auch das neue Leibgedinghaus baute sowie 1964 die Hofkapelle. Albert Fehrenbach war zudem von 1920 bis 1945 und von 1945 bis 1967 Bürgermeis- ter Neukirchs sowie bis 1933 und nach dem Krieg bis 1959 Kreistagsabgeordneter. 1963 war er zum ersten Ehrenbürger der Gemeinde Neukirch er- nannt worden. Im neuen Leibgeding ist übrigens eine Woh- nung an die „Fallers“ vermietet, hier befinden sich das Büro sowie die Maske und Garderobe für die Schauspieler. Im Hof selbst gibt es einen Aufenthaltsraum für die Schauspieler, einen La- gerraum, außerdem eine kleine Küche. Schau- spieler und Filmteam werden bei Dreharbeiten 222 Die Familie Emma und Albert Fehrenbach. Albert Fehrenbach ist der einzige Ehrenbürger von Neukirch. Die Familie hat im Zweiten Weltkrieg alle vier Söhne verloren, schließlich übernahm die Tochter den Hof und heiratete Alfred Löffler. aber über ein Catering versorgt, das vom Güten- bacher Gasthaus Maierhof geleistet wird. Auch das alte Leibgedinghaus wird von den Fallers be- nutzt, hier wohnen „Franz“ und „Heinz“. Auf dem Unterfallengrundhof leben heute vier Generationen der Familie Löffler, neben Ag- nes und Felix Löffler auch Vater Alfred sowie die Kinder Sabine, Martin und Florian, der den Hof übernehmen wird; alle sind verheiratet. Hinzu kommen fünf Enkelkinder. Rund ein Dutzend Personen lebt auf dem Hof und somit gibt es im- mer viel zu tun. Die Mahlzeiten werden, wenn möglich, gemeinsam eingenommen. Für die vom Michelehof, St. Märgen, stammende Agnes Löff- ler ist das kein Problem, schließlich waren es bei ihr zu Hause 16 Kinder, so dass sie eine große Fa- milie gewöhnt ist. Und natürlich: Wenn am Sonntagabend der SWR eine neue Fallers-Folge ausstrahlt, dann sit- zen die Löfflers wann immer möglich vor dem Fernseher. Und manchmal taucht dann auch Dackel „Moritz“ auf dem Bildschirm auf – oder Sohn Florian mäht die Wiese. Den Traktor am Steilhang entlang zusteuern, das trauen sich die Film-Landwirte dann doch nicht zu.


Der 1924 abgebrannte alte Fallengrundhof (erbaut 1592) und der 1925 erbaute neue Hof. x 223


Zeitgeschehen „Die Fallers“ – in 20 Jahren über 800 Folgen ausgestrahlt Fernsehserie des SWR gehört zu den erfolgreichsten Produktionen in Deutschland – Sonntag für Sonntag ist im „Dritten“ eine hochklassige Werbung für den Schwarzwald zu sehen Diese neue Fernsehserie haben sich am 25. September 1994 viele Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis angeschaut – vor allem in Furtwangen, Neukirch und Gütenbach: Der SWR strahlte erstmals „Die Fallers“ aus – und die Alltagsgeschich- ten ums Leben und Sterben auf einem Schwarzwälder Bauernhof überzeugten allen Unken rufen zum Trotz. Nicht einmal die Schauspieler selbst hatten an mehr als die zunächst angedachten 100 Folgen geglaubt, einige nicht einmal an 20. Heute sind „Die Fallers“ nach der „Lindenstraße“ die älteste wöchentliche Serie im deutschen Fernsehen. Jeden Sonntagabend lockt der SWR zwischen 19.15 und 19.45 Uhr mit dem bekannten Hahnenschrei im Vorspann zur Sendung rund eine Million Zu- schauer vor die Bildschirme. Im Schatten der „Schwarz- waldklinik“ versuchte der SWR eine neuartige Famili- enserie zu konzipieren. Zu- nächst dachte man an eine Winzerfamilie, schließlich erfand Heinz Recht den Arbeits titel „Himmelreich und Höllental“ – nach den Ortschaften nordöstlich von Freiburg – schließlich wurden „Die Fallers“ draus. Heinz Recht, der Er- finder der Fallers, war es auch, der den Unterfal- lengrundhof bei Neukirch als die ideale Kulisse für die Hofgeschichten entdeckte (s. auch Seite 210). Heinz Recht, der Erfinder der Fallers. Wie es sich mit dem Werden der Fallers im Detail verhalten hat, haben die Fans am 6. Sep- tember 2014 bei einer 90-minütigen Jubiläums- sendung erfahren: Das SWR Fernsehen präsen- tierte Hintergründe, Anekdoten und Statistiken. 224 „Der Erfolgsdruck war hoch“, erinnert sich Heinz Recht dabei, der alle Charaktere entwickelt hat und auch die Drehbücher schrieb. Er erzählt vom Besuch des SWF-Intendanten Peter Voß in den eilig eingerichteten Studios in Baden-Baden, der nicht an den Erfolg glaubte. Er irrte sich – wie auch Hauptdarsteller Wolfgang Hepp, der den Hermann Faller spielt, und dachte: „Nach 12 oder 13 Folgen ist Schluss“. Heute lebt die Serie noch immer und nach wie vor garantiert vor der Ka- mera die praktisch gleiche Kernmannschaft von damals ihren Erfolg. Die Möbel in der Kulisse al- lerdings stammen nicht mehr wie anfangs von IKEA, sondern sind teils eigens gebaut. Ursula Cantieni alias Johanna Faller: „Wir sind alle echte Fallers geworden“ Neben Wolfgang Hepp, Lukas Amann, Edgar M. Marcus, Karsten Dörr und Peter Schell gehört


x Die Fallers der ersten Stunde – noch mit Lukas Amann (Dritter v. rechts). Die Fallers heute, v.li.n.re.: Sophie (Janina Flieger), Albert (Alessio Hirschkorn), Bea (Christiane Brammer), Franz (Edgar M. Marcus), Heinz (Thomas Meinhardt), Hermann (Wolfgang Hepp), Bernhard (Karsten Dörr), Jenny (Julia Obst), Karl (Peter Schell), Johanna (Ursula Cantieni), Monique (Anne von Linstow), Eva (Lucie Muhr), Kati (Christiane Bachschmidt). 225


20 Jahre „Die Fallers“ Ursula Cantieni zu den Faller-Stars der ersten Stunde. Mit ihr gelang die Idealbesetzung der Bäuerin Johanna. Im „ABC der Fallers“ erzählt sie: „Ich habe am Anfang gedacht, wir drehen ein paar Folgen und nach zwei oder drei Jahren ist Schluss – so wie bei den meisten Serien im deut- schen Fernsehen. Die Resonanz der Zuschauer war und ist aber so überwältigend, dass an ein Aufhören nicht zu denken ist.“ Und sie ergänzt: „Wir sind alle echte Fallers geworden.“ Ursula Cantieni ist wie Peter Schell auch im Schwarzwald-Baar-Kreis immer wieder präsent und mit vielen Menschen rund um den Fallen- grundhof, so heißt der Fallerhof in Wirklichkeit, gut bekannt. Sie engagierte sich über Jahre hin- weg für die Deutsche Kinderkrebsnachsorge und die Nachsorgeklinik Tannheim. Ebenso wie Peter Schell und andere Fallers-Akteure. An ihrer Spit- ze übrigens nach wie vor Lukas Amann, der als 102-Jähriger an der Benefizgala zugunsten der Nachsorgeklinik Tannheim teilnahm. Bei den Fallers leben vier Generationen unter einem Dach Vier Generationen leben bei den Fallers unter einem Dach – und gleich in der ersten Folge überschlagen sich die Ereignisse förmlich: Der Fallerhof steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Hofbesitzer Hermann Faller, mehr Dorfdiplomat als Landwirt, kümmert sich auf seine Art um die Existenz der Familie. Karl, sein ältester Sohn und Jungbauer mit Leib und Seele, verkauft Kälber an den Metzger und akzeptiert schweren Her- zens einen zu niedrigen Preis. Sein jüngerer Bru- der Bernhard, arbeitsloser Biologe, hat sich mit seiner hochschwangeren Freundin Monique auf dem Hof einquartiert. Wilhelm, der Patriarch der Familie, macht sich währenddessen Gedanken um den richtigen Taufpaten für seinen Urenkel… Den Wilhelm spielt Lukas Amann. Dass er nach sechs Jahren den Filmtod sterben musste, bedauern die Fernsehzuschauer noch heute. In den Faller-Jubi läumssendungen tritt der mittler- weile 102-jährige Schauspieler als Stargast auf. Im „Fallers-ABC“ erzählt er wunderschön, wie er mit 81 Jahren zum ersten Mal in seiner Karrie- 226 Lukas Amann in seiner Rolle als Wilhelm Faller. Der 102-jährige Schauspieler ist beim Publikum nach wie vor äußerst beliebt. re dazu kam, einen Bauern zu spielen. Bekannt wurde der gebürtige Schweizer als „Gentleman- Detektiv“ Graf Yoster. Mit seinem Assistenten Wolfgang Völz löste er mit formvollendeten Ma- nieren diverse Kriminalfälle, die sich in der feinen Gesellschaft zutrugen. „Wir zeigen keine heile Welt, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt“ Was macht nun den Erfolg der Fallers aus? „Fal- lers“-Redaktionsleiter und Producer Tobias Jost betont: „Wir zeigen keine heile Welt, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt“. Bei den „Fallers“ geht es auch um Streit, familiäre Konflikte und Intrigen, um Alltagssorgen, Wirrungen und Ver- wicklungen. „Die Fallers“, das sind „Dallas“ und Rechte Seite – Erinnerungen an vergangene Fallers-Tage: Karl (Peter Schell) heiratet seine Bea (Christiane Brammert), Ursula Cantieni spielt mit Alessio Hirschkorn, die Fallers-Filmfamilie, Blick in die Kräuterküche von Lioba Weber und winterlicher Drehtag beim Unterfallengrundhof in Neukirch.


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Zeitgeschehen Im Nebensaal der Dorfkneipe „Löwen“: Bea und Karl Faller (Christiane Brammer und Peter Schell). „Denver Clan“ – nur eben mit Bollenhut und Stallgeruch. „Die Fallers“ sind keine Seifenoper. Es gibt den Dauerkonflikt der Brüder Hermann und Franz, es gibt die Bauernfehde zwischen den Fal- lers und den Zimmermanns. Und es gab Ausein- andersetzungen über die Windenergie und das zähe Ringen der jungen Bäuerin um das zweite Standbein Ferienwohnung auf dem Bauernhof. Und ebenso spielen aktuelle Ereignisse wie der Sturm Lothar an Weihnachten 1999 in die Serie hinein – sie werden aufgegriffen. Zumindest die nahe Zukunft der „Fallers“ scheint gesichert Dass hinter dieser Fernsehserie ein enormer Aufwand steht, wird deutlich, wenn man einen Drehtag am Fallengrundhof erleben kann. Die Idylle dort verwandelt sich in wenigen Stunden in ein Filmstudio. Mehrere Lkws des SWR bringen Tonnen an Equipment in den Schwarzwald, eine 228 Zahlen und Fakten zu den „Fallers“ • Seit 1994 werden im SWR Fernsehen jähr- lich 40 Folgen der Schwarzwaldserie „Die Fal- lers“ ausgestrahlt. Sie sind eine Eigenproduk- tion des Südwestrundfunks in Baden-Baden. • Etwa 70 Prozent der Szenen werden in den Ernst-Becker-Studios 3 und 4 des SWR in Ba- den-Baden gedreht, die restlichen 30 Prozent entstehen auf dem Unterfallengrundhof und vor Ort im Schwarzwald. • Pro Jahr werden fünf Staffeln mit je acht Folgen gedreht und dabei rund 2.000 Seiten Drehbuch verfilmt. • An jedem Drehtag werden von dem 35-köp- figen Team rund zehn sendefertige Minuten erstellt. • Der feste Cast der Fallers besteht aus 30 Schauspielern. • Die Studios der Fallers in Baden-Baden haben eine Gesamtfläche von 1.280 Quad- ratmetern. Unter rund 300 Scheinwerfern entstehen sämtliche Innenaufnahmen. • 31 Dekorationen sind in den Fallers-Studios ständig aufgebaut. Bei Bedarf können zu- sätzliche Kulissen errichtet werden. • Gedreht wird außer in den beiden mehr- wöchigen Sommer- und Winterpausen das ganze Jahr über. • Verpasste Folgen der SWR-Schwarzwald- serie gibt es nicht nur online, sondern auch im Fernsehen: Seit dem 9. März 2014 werden die aktuellen Folgen immer sonntags um 12.30 Uhr im SWR Fernsehen wiederholt. • Über Astra sind die Fallers im SWR Fern- sehen auch bundesweit zu empfangen.


20 Jahre „Die Fallers“ Die Landfrauen treffen sich zum Schneidern: v.li. Johanna Faller (Ursula Cantieni), Leni Riedlinger (Heidi Vogel- Reinsch), Martha Bremer (Monika Kerpe), Maria Schreiner (Inge Kiefer), Evelyn Riedle (Catharina Kottmeier) und Stefanie Rabenalt (Nadine Ketterer). 35-köpfige Crew ist im Einsatz: Regisseur, zwei Kameramänner, Tontechniker, Maske, aber auch ein Regiezelt zur Live-Kontrolle der Fernsehbil- der, werden aufgeboten. Trotz aller Erfolge – Rückschläge gab es den- noch: Nachdem die Einschaltquoten vor Jahren spürbar zurückgingen, verjüngte sich die Serie, neue Schauspieler kamen hinzu. Zur Zukunft der „Fallers“ äußert sich der SWR nicht konkret. Da immer für ein Jahr im Voraus gedreht wird – wird die Geschichte der „Fallers“ nicht schlagartig enden. Der SWR will sich nach Aussage im Fallers-Jubiläumsfilm „nachhaltig zeigen“. Da man im Schwarzwald eine funktio- nierende Kulturlandschaft vorfinde, weil sie ge hegt und gepflegt werde – wachse dort auch immer etwas nach, spricht SWR-Comedychef Andreas Müller. Und das letzte Wort dazu hat Lukas Amann: „Mehr gibt‘s nicht zu sagen!“ Landrat Sven Hinterseh jedenfalls ist aus dem Blickwinkel der Region betrachtet zuversichtlich: „So wie es immer wieder neue Geschichten gibt, Im Rathaus von Schönwald: Bürgermeister Bernhard Faller (Karsten Dörr), Claudia Heilert (Adelheid Theil) sein wandelnder Terminkalender und Dieter Weiss (Christoph Hagin) jongliert mit Zahlen und Vorschriften. die das Leben schreibt, so hoffe ich auf immer wieder neue Folgen der Serie. Für den Schwarz- wald-Baar-Kreis und den gesamten Schwarz- wald ist das allerbeste Werbung.“ 229


Zeitgeschehen „Funkenflug“ – Als die Bergstadt in Flammen stand 2015 jährt sich zum 150. Mal der Stadtbrand von St. Georgen im Schwarzwald Von Roland Sprich Zum 150. Jahrestag der Brandkatastrophe – die 1865 halb St. Georgen in Schutt und Asche legte – wurde unter Regie von Stephanie Kiewel mit großem Aufwand in und um St. Georgen ein Film gedreht. Die Oberkirnacherin studiert in England das Fach „Film- und Fernsehproduktion“. Für Stephanie Kiewel ist es das bislang größte Projekt, an dem sie mit so viel Verantwortung beteiligt ist. Inklusive der zum Teil aus England stammenden Crew sind gut 120 Personen an der Produktion beteiligt. Als Kameramann fungierte Evans Kirkman, der wie Stephanie Kiewel in Carlisle in Nordengland an der University of Cumbria studiert. In St. Georgen ist der Film erstmals im September 2015 im Rahmen einer Ausstellung zum Stadtbrand offiziell zu sehen. Vorab wird er auf Filmfestivals gezeigt. 230 230


x 231 231 Dreharbeiten im Bauernmuseum Mühlhausen zum Film „Funkenflug“, wo der Stadtbrand von St. Georgen inmitten einer historischen Kulisse nachgespielt wurde.


20 Jahre „Die Fallers“ Die Filmcrew von „Funkenflug“ stammt von einer englischen Hochschule, Kameramann ist Evans Kirkman. Anna (Esther Maaß) versucht, in das brennende Haus zu rennen. 2015 jährt sich zum 150. Mal der Jahrestag der bis- lang größten Katastrophe in der Geschichte der Stadt St. Georgen; Am 19. September 1865 legt ein verheerender Brand innerhalb weniger Stun- den halb St. Georgen in Schutt und Asche. Ausge- löst durch einen Funkenflug brennen 22 Häuser des damaligen Stadtkerns innerhalb der Kloster- mauern sowie die Lorenzkirche ab. Diesem histo- rischen Ereignis gedenken die St. Geor gener mit einer Dauerausstellung, die ab September 2015 an die Katastrophe erinnert. Den Stein ins Rollen brachte der ehemali- ge Feuerwehrkommandant Werner Fuchs. Er sprach Arno Schwarz, Mitglied des Vereins für Heimatgeschichte an, machte den Vorschlag, mit einer Ausstellung an den Ortsbrand zu erinnern. Schwarz wiederum trug die Idee im Verein wei- ter. Und auch das Theater im Deutschen Haus war auf Anhieb Feuer und Flamme. Es reifte die Überlegung, mit einzelnen Filmsequenzen an den schwärzesten Tag in der St. Georgener Ge- schichte zu erinnern. In Stephanie Kiewel fand sich eine Regisseurin, die das Vorhaben filmisch umsetzen wollte. Die aus St. Georgen-Oberkir- nach stammende Kiewel studiert derzeit in Eng- land Film- und Fernsehproduktion. Gemeinsam mit einigen ihrer britischen Kom- militonen sowie dem ebenfalls aus St. Georgen stammenden Finn Drude, der sein Studium für Filmproduktion bereits abgeschlossen hat, berei- tete sie das Projekt monatelang professionell vor. 232 In einem Casting wurden aus etlichen Bewerbern die Darsteller für drei Haupt- und vier Nebenrol- len sowie etwa 50 Komparsenrollen ausgewählt. Dabei bewies die Jury ein glückliches Händchen. Alle Darsteller, überwiegend aus der Bergstadt selbst, sind echte „Typen“. Wenngleich es Laien- darsteller sind, steht ihnen das Grauen dieses Ta- ges in den einzelnen Szenen absolut authentisch ins Gesicht geschrieben. Requisiten aus Theaterfundus und Museen Auch das Team hinter der Kamera gab vor und während der Dreharbeiten alles. Mitglieder des Vereins für Heimatgeschichte und des Theaters im Deutschen Haus sowie etliche Freiwillige wur- den für Kostüme, Maske, Requisite und Catering gesucht – und gefunden. Historische Kostüme und Requisiten wurden aus dem Theaterfundus, aus Museen, vom Trachtenverein und aus Privat- besitz zusammengetragen. „Ich bin sehr stolz, dass ich dieses Projekt für meine Heimatstadt umsetzen darf“, sagt Regis- seurin Stephanie Kiewel. Die legte sich gemein- sam mit ihrer englischen Filmcrew mächtig ins Zeug. Drehtage mit zwölf Stunden waren keine Ausnahme. Das zehrte an der Substanz aller Be- teiligten. „Es macht unglaublich viel Spaß, bei diesem Projekt mit dabei zu sein. Aber es ist auch sehr anstrengend“, sagt Bertram Krämer. Er war,


x „St. Georgen brennt“ – Filmszene vom Brandgeschehen. Rechts bespricht sich Regisseurin Stephanie Kiewel mit den Darstellern, die wie die Filmcrew ehrenamtlich mitwirkten. zusammen mit Arno Schwarz, Helmar Scholz und weiteren Helfern, als Requisiteur mit dabei und sorgte stets dafür, dass der jeweils benötigte Drehort wie anno 1865 aussah. Selbst eine Kuh und ein Huhn beschafften die Requisiteure auf Wunsch der Regie. Kein Entkommen aus der Flammenhölle Im September 2014 fanden die Dreharbeiten zu „Funkenflug – Chronik einer Katastrophe“ statt. Zwei Wochen lang wurde an verschiedenen Schauplätzen in und um St. Georgen gedreht. Da es in St. Georgen als Folge dieses Brandes keinen historischen Stadtkern mehr gibt, wurde unter anderem im Museum Auberlehaus in Trossingen sowie im Bauernmuseum in VS-Mühlhausen ge- dreht. Dort, auf dem historischen Dorfplatz, fan- den auch die Massenszenen statt. 50 Komparsen rennen dabei rußgeschwärzt, panisch und mit Brand- und anderen Verletzun- gen über den Dorfplatz. Feuerwehrleute in his- torischen Uniformen versuchen mit dem Was- ser aus Eimern die Flammen zu löschen. Es war ein aussichtsloses Unterfangen, 22 Häuser und die Lorenzkirche fallen in Schutt und Asche. Am Abend des 19. September 1865 steht ein großer Teil der damaligen St. Georgener Bevölkerung vor dem Nichts, der Ort hatte zu jenem Zeitpunkt rund 600 Einwohner. Am 19. September 1865 bricht gegen 8.30 Uhr morgens in der oberen Gerwigstraße ein Feuer aus, das sich schnell auf die Nachbarhäuser aus- breitet. Die Ursache konnte nie abschließend ge- klärt werden. Vermutet wurde, dass zündelnde Kinder das Feuer ausgelöst hatten. Die Feuer- wehr St. Georgen wurde von Mannschaften aus Villingen, Vöhrenbach, Furtwangen, Triberg und Hornberg unterstützt. Der Produktion zugrunde lag das mehr als 300 Seiten starke Vernehmungsprotokoll der Zeugen zum Stadtbrandgeschehen aus dem Stuttgarter Landesarchiv. Darauf aufbauend wurde der Film um eine fiktive Handlung um den Dorflehrer ergänzt. In verschiedenen Spielszenen wird geschildert, wie verschiedene Menschen an unterschiedlichen Orten auf das Feuer aufmerk- sam werden. Wenngleich sämtliche Akteure vor und hinter der Kamera, insgesamt sind rund 120 Personen an dem Projekt beteiligt, sich ehrenamtlich ein- bringen, kostet die Produktion auch Geld. Un- terstützung kam von der St. Georgener Bürger- stiftung, der Volksbank Schwarzwald-Baar-He- gau, der Stadt St. Georgen und der Tageszeitung Südkurier. Die Filmcrew aus England wurde vom Schwarzwaldverein untergebracht und verkös- tigt. Zahlreiche Privatleute, Metzger, Bäcker, Gastronomiebetriebe und Einzelhändler unter- stützten das Projekt zudem großzügig mit Essen- und Getränkespenden. 233


11. Kapitel Kunst und Künstler Thomas Straub: Konzeptkünstler und Schemenschnitzer Der Villinger Künstler lebt und arbeitet in Köln, ist mit der Heimat aber eng verbunden von Stefan Simon Da denkt man, einen Künstler und dessen Werk zumindest in Ansätzen aus Katalogen, von Ausstellungsbesuchen und gelegentlichen Zusammentreffen zu kennen, aber dann muss das Bild, das man noch vor dem Atelierbesuch von Thomas Straub und seinen Arbeiten hatte, neu erstellt werden. Eine Atelierbesichtigung ist immer etwas Spannendes, zumal wenn man einen Künstler erstmalig an seiner Wirkungsstätte aufsucht. Der Weg im Kölner Gewerbegebiet Ehrenfeld führt in eine Art Loft, in der der gebürtige Villinger mit seiner Frau und seinem Sohn wohnt und arbeitet. 234


Thomas Straub Villinger Schemen aus der Hand von Thomas Straub. Es gibt ein Wiedersehen mit einigen Bildern und Skulpturen, die man schon aus Ausstellungen kennt. Doch der Blick richtet sich vielmehr auf noch mehr Vertrautes: eine Ansammlung Villinger Schemen inmitten zeitgenössischer Kunst. Was für Gegensätze, die zuerst einmal bizarr erscheinen, aber auf dem weiten Feld der Kunst durchaus verortbar sind. Da erwartet man also Konzept- kunst und man findet sich in Köln inmitten Villinger Brauchtums. Das eine schließt das andere aber nicht aus. Mehr noch: Die beiden unterschiedlichen künstlerischen Tätigkeiten ergänzen sich. Verbindung von Konzeptkunst mit „Volkskunst“ Die Schemenschnitzerei ist für Straub mehr als ein Broterwerb. Dennoch sollte man die beiden Betätigungsfelder getrennt von einander betrachten, rein the- oretisch. Denn in der Praxis sind sie nicht nur an der Arbeitsstätte sehr nahe beieinander. So hängt alles miteinander zusammen. Kult und Profanierung sind die Schlüsselworte, die die Konzeptkunst mit der „Volkskunst“ verbindet. Doch zunächst gilt das Credo: Künstler müssen ihre Arbeiten nicht erklären, die Kunstwerke sollten eigentlich für sich sprechen. Das macht die Auseinan- dersetzung mit Kunst auch so interessant und inspirierend. So gibt Thomas Straub bei seinen auf den ersten Blick schwer zugängli- chen, als durchaus sperrig zu bezeichnenden Werken wenig Interpretationshil- fen. Das Gespräch dreht sich vorerst um das, was man ohnehin schon sieht und um technische Details. Da gibt es in den Skulpturen, den architekturbezogenen Raumeingriffen, den grafischen Collagen und den Videoarbeiten vieles, was eindeutig zuordenbar ist: Äste, die im Dialog auftreten, brennende Strohballen und Dornbüsche, Wände aus Pappe und Holz, Fotokopien bekannter Gemälde und mit Blattgold versehene Bilder und Objekte. Weitaus wichtiger zur Erforschung und letztlich zum Verständnis des Kunstschaffens von Straub sind die Gespräche, die sich um Kulturgeschichte und um Philosophie drehen. Straub: „Mich interessiert das zweite Konzil von Nicäa und seine Auswirkung auf die abendländische Kultur mehr als Pablo Picasso. Texte und Bücher von Hans Belting, Walter Benjamin, Georges Bataille 235 Linke Seite: Thomas Straub in seinem Atelier in Köln.


Kunst und Künstler und besonders Giorgio Agambens Text ‚Lob der Profanierung‘ eröffnen mir Tiefen, welche mich in meinen Auseinandersetzungen anreizen, noch konse- quenter an meiner Forschung zu arbeiten.“ Die Thesen von Belting, der die entscheidende Wende vom Kultbild zum Bild der Kunst in der Renaissance ansiedelte, und von Benjamin, der den ein- zigartigen Wert des „echten“ Kunstwerks in seiner Fundierung im Ritual sieht, sind auch für Laien nachvollziehbar. Agamben jedoch ist einen kleinen Exkurs wert. Der italienische Jurist und Philosoph Giorgio Agamben lotet den Raum des Menschlichen aus: in seiner Beziehung zu Erinnerung und Spiel, zur Re- ligion, zur Sehnsucht nach dem nicht Erinnerbaren, nach dem, was wir als unser Genie, unsere Autorschaft, unser Ich empfinden. Er fasst das Flüchtige als Bild, als Einbildung, in der Profanierung der metaphysischen Überbleibsel unserer sogenannten Individualität. Das ist nach Agamben streng von einer Säkularisierung zu unterscheiden, die die Machtverhältnisse lediglich von Gott auf die Menschen überträgt und somit im Grunde alles beim Alten belässt. Die Profanierung, und so lässt sich der philosophische Diskurs ganz konkret in Straubs künstlerischen „Forschungsarbeit“ überprüfen, löscht das Heilige nicht aus, sondern lässt es wie in einem Suchbild entstellt, verrätselt, aber auch mit neuer Leichtigkeit fortleben – so wie der Ritus fortlebt im Spiel. „Ich fühle mich dem Skeptizismus verbunden“ Und wie hält es Straub selbst mit der Religion? Seine Arbeiten erscheinen schließlich oft im sakralen Kontext wie in der St. Matthäus Kirche am Berliner Potsdamer Platz und in der ehemaligen Klosteranlage Obermarchtal, oder haben christliche Themen zum Inhalt wie seine vergoldete „Aureole“ oder die „Dornbusch“-Variationen. Straub: „Ich sehe mich weder einem fundamenta- len Glauben zugehörig noch einem reinen Atheismus, sondern fühle mich dem Skeptizismus verbunden. Gerade deshalb lässt mich die Auseinandersetzung mit der Sphäre des Sakralen auf der einen und dem Profanen auf der anderen Seite und die so oft vorzufindende Ambivalenz, welche die Dinge, die Bilder, die Objekte und die Inszenierungen aus unserer abendländischen Kulturge- schichte aufweisen, nicht mehr los.“ Rechte Seite oben: Billboard (The Absen- ce of Myth), 2010, Installationsansicht im Innenhof des ehemaligen Klos- ters Obermarchtal. Rechte Seite unten: Black Billboard, 2006, an der Land- straße nahe Matti Salminen’s Farm, Kellokoski, Finnland. Große Aureole, 2007. Holz, Blattgold, Poliment, Stahl. Vor diesem Hintergrund lassen sich auch Straubs „Billboards“ verstehen. In großen Let- tern wird auf diesen Reklameta- feln die Abwesenheit des Mythos festgestellt oder konstatiert, dass am Ende doch Dunkelheit herrscht. In Frage stellen und die Umkehrung von tradierten Denkmustern: Die künstlerische Strategie Straubs zeigt Wirkung, ganz ohne Interpretationshilfe. So reduziert seine Wer- ke – nicht nur die Schrift arbeiten – sind, sie bergen ein großes Potenzial an Deu- tungen. Es geht Straub auch darum, wie 236


Thomas Straub 237


Kunst und Künstler Wert den Dingen zugeschrieben wird. Das offensichtlich Außergewöhnliche neben das vermeintlich Alltägliche stellen oder das Unbenutzte neben dem Abgenutzten zeigen, aber dabei keine Wertung zu geben. Spiel mit der Wahrnehmung Der Künstler spielt mit den Wahrnehmungsgewohnheiten der Betrachter, er- öffnet eine neue Sicht auf Altbewährtes und schärft den Blick für Details, die den Dingen eingeschrieben sind. Aussagen, die in der Profanierung-Debatte durchaus weiter helfen und die sich ebenso auf die vorerst nicht religiös mo- tivierten Werkgruppen anwenden lassen. Denn schließlich sind die Grenzen zwischen Kultbild und Bild fließend. So wie sich Thomas Straub Versatzstücke allgemein bekannter sakraler Bildwerke bedient und diese in einen neuen Zusammenhang stellt, bezieht sich seine Kunst in dem kaum überblickbaren Betriebssystem Kunst immer wieder auch auf Kunst. In diesem Kosmos tauchen kunsthistorische Wegmarken wie Hans Holbein der Jüngere, Albrecht Dürer, Kasimir Malewitsch, Andy Warhol oder Sol Lewitt auf. Er reduziert die kunsthistorischen Zitate auf ihre formale Ebene. Gegen- sätzlichkeiten werden mittels einer konzeptionell konkreten sowie narrativen Bildsprache neu ausgelotet. Das Offensichtliche und das Undurchsichtige er- scheinen gemeinsam im Bild. So verbirgt sich Dürer hinter einem Schiebe-De- ckel-Rahmen. Auch in der Ikonen-Serie geht es dem Künstler im Wesentlichen um die Struktur, die sich hinter den Bildern verbirgt und die ihre eigene visuelle Präsenz entfalten. Indem er anerkannte Heilige oder profanierte wie die Mo- delle von Warhol ganz banal und offensichtlich aus Büchern kopiert und mit edlem Blattgold hinterlegt, unterwandert er das Prinzip ihrer vermeintlichen Immaterialität. Schließlich gibt es noch die markanten Doppelungen, bei denen es auch um die Fragen nach Original und Autorenschaft und um die Auslotung von gegen- sätzlichen Polen geht. In dieser Werkgruppe wird am Beispiel eines Astes eine konkrete Form revidiert, indem sie spiegelbildlich kopiert wird. Der gefundene Ast wird möglichst exakt nachgeschnitzt. Original und Kopie stehen sich so als Zwillingspaar gegenüber. Wie in den Abklatschbildern des psychodiagnosti- schen Rorschach-Tests entfaltet sich in dieser Spiegelung ein psychologisches Moment. Wie schafft man nun die Verbindung von dieser doch sehr reduzierten und konzeptionellen aber vielfältige Assoziationen anstoßenden Kunst zu der auf den ersten Blick greifbareren Schemenschnitzerei? Anknüpfungspunkte finden sich in Straubs künstlerischem Werk durchaus viele. Rituale der Fast- nacht, die sich letztlich von heidnischen Bräuchen ableiten lassen, themati- siert Straub zum Beispiel in seiner Inszenierung „The Votive Square Fire“. Es gibt aber auch den philosophischen Überbau, den Straub für seine Kunst in Anspruch nimmt und der sich auch auf die in eines langen Brauchtums ein- gebetteten Handwerkskunst anwenden lässt. So stellte der Philosoph Walter Benjamin fest, dass die ältesten Kunstwerke im Dienst eines Rituals entstan- den seien, zuerst eines magischen, dann eines religiösen. In dieser Tradition 238 Oben links: Ohne Titel (Ikone nach van Gogh), 2013, Blattgold auf Poli- mentgrund auf A3 Fotokopie. Oben rechts: Skull (Ikone nach Warhol), 2009, Blattgold auf Polimentgrund auf A3 Fotokopie. Unten links: Ohne Titel (Rorschach Test), 2009, gefundener Holunderast, Linde geschnitzt und ge- schliffen. Unten rechts: Provi- sorische Wand (mit Überhang), 2010, Installationsansicht in der Ausstellung antiplastic im Badi- schen Kunstverein Karlsruhe.


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Kunst und Künstler könnte man die Villinger Schemen sicherlich sehen, selbst wenn es sich dabei nach der De- finition nicht um „echte“ Kunst handelt. Aber auch die originalen und kopierten Holzskulp- turen aus der Serie Rorschach-Test lassen die Brücke, wenngleich eine sehr konstruierte, zu den Schemen bauen. 2013 beim traditionellen „Scheme-Obed“ hielt Thomas Straub einen Vortrag zur Stil- kunde der Villinger Schemen. Die Kunst- und Kulturgeschichte der Maske wurde ebenso behandelt wie die stilkundliche Einordnung der Villinger Schemen. Hierbei kann man nach Straubs Ansicht den Narro dem Idealismus zu- ordnen, da mit Sicherheit behauptet werden kann, dass so ein Gesicht nie existiert hat, es handelt sich um ein „idealschönes“ Gesicht aus der Zeit des Barock und des Klassizismus. Die Merkmale der beiden Charaktere des Sur- hebels und des Morbilis weisen jedoch eher auf den Naturalismus hin. Man spricht auch von Portraitschemen, in denen oft versucht wurde, lokale „Charakterköpfe“ festzuhalten. Die Altvillingerin lasse sich am ehesten dem Idealismus mit einer Portion Naturalismus zu- ordnen. „Die Villinger Scheme im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit“ Thomas Straub geboren 1976 in Villingen-Schwenningen 1998 – 2001 Fachschule für Holzbildhauerei in Oberammergau 2001 – 2003 Staatliche Akademie der Bildenden Künste Nürnberg 2003 – 2007 Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe 2005 Academy of Fine Arts Helsinki 2007 – 2008 Master of Fine Art an der Glasgow School of Art Lebt und arbeitet in Köln. Straub weiß nicht nur in der Theorie, über was er spricht. Denn die kunsthistorischen Zuord- nungen finden in der Werkstatt des Bildhau- ers ihre praktischen Umsetzungen. Von der Holzauswahl über die Schnitzerei bis hin zum letzten Pinselstrich bei der Fassmalerei und der Anbringung des Kranzhaares. In seiner denkwürdigen Schlussbemerkung ging er einem „unschönen“ Gedanken nach und brachte den bekannten Buchtitel von Walter Benjamin ins Spiel: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reprodu- zierbarkeit“ und wandelte es um in „Die Villinger Scheme im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit“. Hier stellt sich wieder die Frage nach der Originalität. Straub: „Man könnte heutzutage diese Schemen in einem hochtechnischen Prozess exakt fertig Ko- pierfräsen lassen, das wäre gar kein Problem.“ Der Preis würde rasant sinken, aber in einigen Jahrzehnten wäre keiner mehr in der Lage, handgeschnitzte, individuelle und hochwertige Villinger Schemen zu schnitzen, da niemand mehr diese hohe Fertigkeit gelernt hätte. 240


XXX Steht für hand- geschnitzte Villinger Schemen in höchster Qualität: Thomas Straub. Aber dass diese reiche Villinger Schemenkultur nicht nur ein museales Relikt wird, dafür sorgen schon die traditionsbewussten Villinger Narren, die darauf bestehen, dass die Schemen handgearbeitet sind und damit diese rei- che Vergangenheit auch in Zukunft noch in ihrer gelebten und altüberlieferten Form erhalten bleibt. Nicht zuletzt aufgrund handwerklich versierter und mit bewährten Techniken vertrauten Schemen-Schnitzer wie Thomas Straub einer ist, der selbstverständlich – obwohl weitgereist und nun in Köln lebend – das Brauchtum seiner Heimatstadt authentisch lebt und vor allem überzeugend pflegt. 241


Kunst und Künstler Physiologieprofessor und facettenreicher Künstler Kunst sollte für sich sprechen und ohne die eigene Interpretation zu sehr beeinflussenden Erläuterungen des Künstlers auskom- men. Diesem Grundsatz gehorchen auch die Arbeiten von Helfried Günther Glitsch, der in Königsfeld lebt. von Stefan Simon Trotz der Vielfalt ist das Werk des 1937 in Berlin geborenen, ab 1949 in Königs- feld aufgewachsenen und nach zahlreichen Etappen seit 2000 wieder dort lebenden Künstlers überschaubar und klassifizierbar und vor allem, in den verwendeten unterschiedlichen künstlerischen Techniken, stets mit seiner in- dividuellen Handschrift verbunden. Da gibt es die Malereien, Druckgrafiken und Pappen, die Landschaften, Architektur, Stillleben, Portraits und Akte zum Inhalt haben. Man scheint das Werk zu kennen und dennoch stößt man immer wieder auf etwas Neues, Unbekanntes. Auf ein Bild, das man noch nicht in einer seiner zahlreichen Ausstellungen gesehen hat. Bei dem Besuch des Ateliers, das im modernen Wohnhaus in einer reizvol- len Königsfelder Randlage untergebracht ist, und nach der intensiven Durch- sicht von mehreren hundert Arbeiten, führt der Hausherr in sein Arbeitszim- mer. Dort hängt das Gemälde „Digitalis“ aus dem Jahr 1990. Es handelt sich 242 „Digitalis“, Selbstbildnis aus dem Jahr 1990.


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Kunst und Künstler um ein Selbstbildnis, das sich wesentlich von den anderen unterscheidet: Stellt sich Glitsch in der Regel auf seinen frühen wie späten Selbstbildnissen mit den typischen Künstler-Attributen, wie etwa der Staffelei, dar, so sieht man den Künstler hier lediglich vor einer grünen Tafel. Darauf sind Namen und Diagramme zu erkennen. Die eigene Interpretationsbereitschaft hilft jetzt nicht wirklich weiter, nun ist die Hilfestellung des Künstlers gefragt. Denn schließlich handelt es sich, wie sich herausstellt, um ein Schlüsselwerk. Um ein Bild, das die zwei Berufungen Glitschs vereint. Da gibt es zum einen die male- rische Qualität, wie etwa das Grün der Tafel umgesetzt wird, oder wie sich der Künstler knapp und prägnant neben der Abbildung eines Fingerhuts (Digitalis) darstellt. Zum anderen ist es der vorerst irritierende Inhalt, der im Gegensatz zum Gesamtwerk nicht nur als Malanlass genommen wird, sondern illustrati- ven, erzählenden Charakter hat. Denn die Wirkstoffe des Fingerhuts, botanisch „Digitalis“, werden zur Therapie der Herzinsuffizienz eingesetzt. Die Diagram- me beziehen sich auf die Wirkungsweise der Substanzen, die aufgeführten Namen bezeichnen Mitarbeiter in Glitschs Forschungsteam und ausländische Kollegen. Denn Glitsch ist bei aller Kunst auch ein Mann der Wissenschaft. Sein Brotberuf war jahrzehntelang der des Physiologen. Berufung… Nach dem Abitur am Königsfelder Zinzendorf-Gymnasium studierte Helfried Günther Glitsch als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes von 1957 bis 1963 in Heidelberg Medizin. Mit beachtlichem Erfolg. Über Zwischen- stationen in Mainz, Plymouth und Cambridge kam er 1973 als Professor für Physiologie (Lehre von den normalen Lebensvorgängen) an die Ruhr-Universi- tät Bochum, an der er bis zu seiner Pensionierung Ende 2000 eine selbständige Arbeitsgruppe leitete. Die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit sind in zahlreichen Fachzeitschriften veröffentlicht. Als Physiologieprofessor war Glitsch verschiedentlich zu längeren Arbeitsaufenthalten im Ausland. Seine Forschungen führten ihn 1977 nach Orsay bei Paris, 1982 hatte er eine Gastpro- fessur an der Rockefeller-Universität in New York inne und Anfang der 1990er Jahre in Kortrjik/Leuven (Belgien). …und Leidenschaft Neben diesem medizinischen Forscherdrang zeigte sich bei Glitsch schon früh seine künstlerische Begabung. Während des Studiums in Heidelberg nahm er im Collegium Academicum auch intensiv an Veranstaltungen außerhalb der eigenen Fakultät teil. Und schließlich an der Bochumer Ruhr-Universität konn- te er neben seiner wissenschaftlichen Arbeit seiner künstlerischen Passion im Kreise Gleichgesinnter nachgehen. Von 1995 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 war Glitsch ehrenamtlicher Leiter des Musischen Zentrums, jenes Instituts, wo er einst selbst von namhaften Künstlern wie dem Maler Hans-Jür- gen Schlieker oder der Radiererin Barbara Grosse unterrichtet wurde. Seit 2006 ist er Mitglied des Kunstvereins Villingen-Schwenningen. 244 Donishof, 2009, Öl


Helfried Günther Glitsch


Kunst und Künstler Ein breites Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen Das große neugebaute Haus, das Glitsch nach seiner Pensionierung mit seiner Frau in Königsfeld bezog, ein geräumiges Atelier, die professionell ausgestatte- te Druckwerkstatt bieten dem Besucher die Möglichkeit, sich einen Überblick über das ganze Spektrum der künstlerischen Arbeit zu verschaffen. Bei der abwechslungsreichen Auseinandersetzung mit über 50 Jahren künstlerischem Schaffen begegnet man Malerei, Zeichnungen, Ritzungen, Radierungen in den unterschiedlichsten Technik-Variationen und ins dreidimensional gehende fi- gurative Arbeiten aus Wellpappe. Duisburg-Nord, 1997, Aquatinta Anhand der Jahreszahlen bemerkt man eine konsequente Entwicklung vom detailliert Abbildhaften, wie bei dem Ölbild „Selbstbildnis“ aus dem Jahr 1955, bis hin zum rein Bildhaften, bei dem das Motiv in Ansätzen zwar noch er- kennbar ist, aber mehr Malanlass wird wie die, die reine Autonomie des Bildes unterstreichende, malerische Collage jüngsten Datums. Vom am Naturvorbild orientierten, akademisch geschulten Blick hat sich Glitsch mit den Jahren ge- löst und ist zu seiner eigenen Handschrift, zu seinen individuellen Bildfindun- gen gelangt. Die Motive findet Glitsch da, wo er sich gerade aufhält: während der Studienzeit im Neckartal oder am Zürcher See, lange Jahre im Ruhrgebiet und nun eben vermehrt im Schwarzwald direkt vor der Haustüre oder einfach in der Zeitung. Soweit eine grobe Beschreibung eines umfangreichen Werkes, dem man sich über die angewandten Techniken, aber auch über die Bildinhalte nähern kann. Man kann das Konvolut der Arbeiten nun chronologisch inspi- zieren, nach technischen Aspekten oder nach inhaltlichen. Die Vorgehenswei- se spielt keine Rolle, denn die verschiedensten zeitlich parallel verwendeten Techniken sind vernetzt durch die Motive. Ob Glitsch nun malerisch, grafisch oder materialhaft arbeitet, seine Themen finden sich in allen Bereichen wie- der. Sofern man sie denn sofort erkennt; er wolle dem Betrachter keine ein- deutige Aussage aufzwingen, so Glitsch. Helfried Günther Glitsch geboren 1937 in Berlin 1957 Abitur in Königsfeld/ Schwarzwald (Ortsschüler seit 1950) 1957 – 1963 Medizinstudium in Heidelberg, Promotion zum Dr. med. 1973 – 2000 Professor für Physiologie an der Ruhr-Universität Bochum 1978 – 2000 Arbeit am Musischen Zentrum der Ruhr- Universität 1996 – 2000 Direktor des Musischen Zentrums 246 So sind seine Arbeiten stets Angebote, die mit der eigenen Seherfahrung zu deuten sind. Die Kompositionen verraten viel über Glitschs Sicht der Dinge. Denn auch die vermeintlichen Natureindrücke sind oft auf re- duzierte Flächen beschränkt: als Erinnerung daran, dass es sich bei unseren Landschaftsformati- onen immer um vom Menschen verwandelte Natur handelt. Bei dem Ölbild „Lotharpark“ (2006) hat die Natur dem Menschen freilich seine Grenzen aufgezeigt. Glitschs Kommentar: „Zerstö- rung gehört eben zur Wirklich- keit“. Landschaft bei Obereschach, 2003, Wellpappe


Helfried Günther Glitsch


Kunst und Künstler Zerstörung, 2005, Öl So ergeben auch die vielen Zeitungsfotos von Unfällen und Katastrophen, die neben Skizzen und Fotos von Schwarzwaldhöfen über dem Werktisch hän- gen, einen Sinn. Die Architektur eines Schwarzwaldhauses, die Industriebra- chen im Ruhrpott, die Landschaft aus dem Atelierfenster gesehen, aber auch die ineinander verkeilten Autos und die Überreste eines durch eine Explosion zer- störten „Kosovo-Busses“: Jedes Motiv hat seine eigene Ästhetik. Bei den „Chaos- bildern“ wird die ästhetische Destruktion, besser die Dekonstruktion, malerisch gelöst und analog zu den anderen Themen auch in den Radierungen umgesetzt. Radierungen Während die Bildentstehung bei den malerischen Arbeiten nach den Gesetz- mäßigkeiten einer spontan-kalkulierten Geste funktioniert, sind die aus meh- reren Platten entstandenen Farbradierungen, ebenso wie die einfarbigen Blät- ter oder die Aquatinta, immer Ausdruck eines wohlüberlegten Plans. Der wilde Strich ist genauso konstruiert wie das geometrisch angelegte Haus oder die ins Raster gesetzte Landschaft. Die aufwändige Tiefdrucktechnik verzeiht keine Fehler, so muss eben schon bei den ersten Schritten der Nadelführung oder des Ätzvorgangs das erwartete Ergebnis vor Augen sein. „Trümmer“, „Zerstörung“, „Autowrack“: Zivilisationskritik könnte drin stecken, aber man wird den Bild- welten Glitschs sicherlich nicht gerecht, sie zuerst nur auf diese Interpretation hin zu betrachten. So wie in der Malerei der durch den Orkan gezeichnete Wald Malanlass wird, so lässt sich der Künstler durch die Schrotthaufen zu seinen vielschichtigen Radierungen und somit zu eigenen Bildfindungen inspirieren. 248


Helfried Günther Glitsch Lotharpark, 2006, Öl


Kunst und Künstler Winterlandschaft, 2005, Wellpappe Mit den druckgrafischen Umsetzun- gen deformierter zivilisatorischer Er- rungenschaften bewegt sich Glitsch an der Grenze zur Abstraktion. Die Trümmer türmen sich auf zu Gebir- gen, lassen den Blick über farbkräfti- ge Schrottlandschaften gleiten und laden gerade aufgrund ihres hohen Abstraktionsgrades letztlich wieder zur Interpretation ein. Pappen Autowrack, 2009, Farbaquatinta Neben den teils großformatigen Malereien, bei denen der Künstler schon in frühen Jahren einen hohen Abstraktionsgrad erreicht, und den Radierungen treten die „Pappen“ gleichberechtigt in seinem Gesamtwerk auf. Der Begriff „Pappen“ bezeich- net nicht nur das verwendete Material wie etwa bei „Arbeiten auf Papier“. Die gewöhnliche Wellpappe ist mehr als nur der Bildträger für Farbe, die als ureigenstes Medium der Malerei Form annimmt. Die Motive, ob es sich nun um Stillleben, Landschaften, Industriegebäude oder Menschenbilder handelt, entstehen vielmehr aus dem unkonventionellen, banalen Werkstoff, indem die Material-Eigenschaften künstlerisch veredelt werden. Zum einen wird die Struktur malerisch hervorgehoben, zum anderen wird das Gefüge des Kartons als Bildelement genutzt. Unabhängig von einem bestimmten Naturvorbild liegt der Reiz bei diesem Material für den Künstler darin, in der Kombinati- on von unterschiedlichen Oberflächenstrukturen ein Bild zu konstituieren. Dass sich Glitsch als Bildgegenstand in diesem Metier auch der akademisch klassischen Aktdarstellung bedient, macht die Sache nicht einfacher. Gilt es doch dabei einigermaßen anatomisch korrekt unter Beachtung der Proporti- onsverhältnisse zu arbeiten und dem Material mit Sachverstand auf den Leib zu rücken. Mit dem Fingernagel zart geritzt, großflächig gerissen oder mit dem Messer akkurat geschnitten: Die Pappen legen mit wenigen gezielten Eingriffen partiell ihr Innerstes offen. Die entstandenen freigelegten Struktu- ren ergeben mit noch vorhandenen Teilen der Kaschierung der Pappe und mit äußerst wenigen malerischen Einsätzen die Aktdarstellungen. Dass er dabei den Grundsatz „weniger ist mehr“ beachtet und sich als Maler in Askese übt, macht die Sache noch interessanter. Farbe kommt sparsam zum Einsatz, wenn es gilt eine Kontur oder die Riffelung deutlich hervorzuheben. Ansonsten leben die Pappen einzig und allein durch ihren Materialcharakter. Malerei, Druckgrafik, Pappen: Wo liegen nun die Stärken, was sind aus Be- trachtersicht die Favoriten? Schwer zu sagen. Der Künstler bewegt sich in allen Bereichen stilsicher und überzeugend in Richtung Autonomie des Bildes. Stillleben, 2003, Wellpappe 250


Helfried Günther Glitsch


12. Kapitel Umwelt und Natur Die Rückkehr der Wildtiere von Wolf Hockenjos In Zeiten eines weltweiten Artenschwunds wird die Rückkehr einst ausgerot­ teter Wildtierarten zuallermeist freudig begrüßt, feiern wir sie doch als späte Wiedergut machung, als Erfolgsnachweis für den Artenschutz. Auch als Indiz für einen noch immer vergleichsweise naturnahen, intakten Lebensraum. „Vier von fünf Deutschen wollen mehr Wildnis“, heißt es in Zeitungsberichten zu einer Umfrage des Bundesumweltministeriums. Das sind 20 Prozent mehr als bei der ersten Untersuchung 2009. 252


Braunbär in den Fürstlich-Fürstenbergischen Sammlungen in Donau eschingen. Erleger: Prinz Karl Eugen zu Fürstenberg, 1897. Zur Bärenjagd eingeladen wurde er von „Seiner Kaiserlichen Hoheit“, dem russischen Groß- fürsten Wladimir Alexandrewitsch. Die Rückkehr der Wildtiere Auch in den Schwarzwald­ Baar­Kreis kehren verstärkt Wildtiere zurück. Doch nicht alle Heimkehrer haben nun einmal das Zeug zum Sympa­ thieträger: Die Vorstellung, im heimischen Wald unverhofft einem Wolf oder Luchs, gar ei­ nem Bären zu begegnen, erfüllt uns, mag sie noch so unwahr­ scheinlich sein, durchaus mit gemischten Gefühlen. Schließ­ lich sind sie in unserer Kultur­ landschaft ja nicht grundlos verschwunden oder doch schon vor etlichen Jahrhunderten aus­ gerottet worden, wie man für die Region in der 1938 erschie­ nenen „Geschichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherr­ schaft“ von Kurt Stephani nach­ lesen kann. Dieser Quelle zufol­ ge ist der letzte Bär schon vor fast einem halben Jahrtausend im Krumpenloch bei Hamme­ reisenbach gefangen worden. Wohingegen der allerletzte Schwarz- wälder Bär 1740 in den Wäldern um Wolfach erlegt worden ist. Spätes- tens der Umgang mit „Problembär“ Bruno, in den Medien als „Hinrich- tung“ gescholten, hat uns überdeut- lich vor Augen geführt, wie schwer man sich unterdessen mit großen Beutegreifern tut, selbst wenn es um das Überleben der letzten Alpenbä- ren geht. 253


Umwelt und Natur Ein Wolf in freier Natur. Foto: Erich Marek Gar nicht mehr märchenhaft unwirklich ist mittlerweile die Aussicht auf das Wiederauf- tauchen des Wolfs. Baden-Württemberg ist „Wolfserwartungsland“, und wie in den anderen Bundesländern feilen Wildbiologen auch hierzu- lande bereits emsig an einem Managementplan, um unliebsame Überraschungen durch den Neu- ankömmling und Fehlhandlungen à la Bruno zu vermeiden, unbegründete Ängste abzubauen und Fragen der Vorbeugung und Entschädigung von Schäden durch Wolfsrisse abzuklären. Weil Isegrimm aus den Südalpen wie aus Polen bereits bis in die Nachbarschaft vorgedrungen ist, in die Schweizer Kantone Graubünden und Luzern wie in die Vogesen, vereinzelt aber auch schon nach Bayern und Hessen, rechnen die Experten fest mit seinem baldigen Eintreffen auch bei uns. Bei dem in der Freiburger Forstlichen For- schungs- und Versuchsanstalt (FVA) angesie- delten Monitoring-Team aus Wildbiologen sind auch hierzulande bereits mehrfach Berichte über Wolfsbeobachtungen eingegangen, die bislang jedoch nicht bestätigt werden konnten – erste Anzeichen einer Wolfshysterie? Eine vom Ministerium Ländlicher Raum ein- gesetzte Arbeitsgruppe ist schon seit einem Jahr- zehnt damit befasst, Landwirte und Jäger auf die Wiederkehr der mittlerweile streng geschützten großen Beutegreifer Luchs und Wolf vorzubereiten. 254 Wolfsalarm mit Kirchenglocken „Er war der Schrecken der Landbevölkerung“, heißt es bei Stephani noch über den Wolf, „weil er viele Schafe, aber auch Rindvieh und sogar Pferde riss. Und welchen Schaden er dem Wild- bestand zufügte, ist aus der anliegenden Ab- schrift des Notizbuches eines fürstlichen Jägers aus den Jahren 1582 bis 1590 zu ersehen.“ Diesen Notizen zufolge dürfte sich der Schre- cken der Bevölkerung ausgangs des 16. Jahrhun- derts freilich in Grenzen gehalten haben: So war im Jahr 1583 nur eine einzige Hirschkuh vom Wolf gerissen worden, und Rotwild gab es damals mehr als reichlich auf der Baar, wie wir aus den Klagen der Untertanen über Wild- und Jagdschä- den wissen. Im nämlichen Jahr wurden 22 Stück Rotwild von wildernden Hunden gerissen, vier weitere von Wilderern erbeutet und immerhin 122 von fürstlichen Jägern regulär erbeutet. Was nicht heißen soll, dass Wölfe nicht mitunter auch zur Plage für die Bevölkerung werden konnten. Wann immer einer auftauchte, war im Fürs- tenbergischen nach der Wartenbergischen Wolfsordnung aus dem Jahr 1540 zu verfahren, einem ausgeklügelten und hocheffizienten Alarm- und Abwehrsystem, das Stephani wie folgt beschreibt: „Nach ihr musste, sobald sich der Wolf zeigte, von Dorf zu Dorf mit der klei-


nen Kirchenglocke durch 3 Schläge das Alarm- zeichen gegeben werden. In jedem Dorf waren Leute, welche zur Haltung großer starker Hunde, sogenannte Wolfshunde, verpflichtet waren. Diese mussten auf das Alarmzeichen sofort auf- brechen und sich nach einem Sammelpunkte begeben, der in der Wolfsordnung für jedes Dorf festgelegt war. Unter Strafvermeidung mussten sie dort warten, bis der fürstliche Forstmeister kam, um ihnen weitere Weisungen zu geben. Unter Verwendung von Jagdzeug versuchte man, die Wölfe einzukreisen und, Treibjagden zu veranstalten, bei welchen so viele Treiber auf- geboten wurden, dass Mann an Mann ging, um damit nach Möglichkeit zu vermeiden, dass der Wolf aus dem Trieb ausbrach.“ Wolf reißt 16 Schafe und Lämmer Außer auf Treibjagden setzte man auf stationäre Abwehrmittel, auf Fallen und „Wolfsgärten“, an die noch heute mancher Flurnamen (z. B. Wolfs- hag bei Gutmadingen) erinnert. Da ist es fast ver- wunderlich, dass die endgültige Ausrottung erst im 19. Jahrhundert gelang: Nach langer Pause, so berichtet Stephani, tauchte im März 1805 noch- Die Rückkehr der Wildtiere mals ein Wolf auf, der in der Nähe des Fischer- hofs einen Hund und ein Schaf riss. Er konnte zunächst nicht dingfest gemacht werden, erst der Winter konnte seine Erlegung bringen. In der Nacht vom 21. auf den 22. De- zember brach er in einen Schafspferch ein und tötete 16 Schafe und Lämmer. Obwohl man ihn im Schnee aufgespürt hatte, wurde er zunächst vergeblich bejagt, bis es am 27. Dezember gelang, ihn in den Immendinger Bergen einzu kreisen. Unter Aufgebot einer dicht geschlossenen Trei- berwehr brachte man ihn vor die Schützen, er wurde von dem fürstlichen Hofkandidaten Karl Meggerle erlegt. Die Freude war so groß, dass die glücklichen Wolfsjäger bei ihrer Rückkunft nach Donaueschingen in feierlichem Zuge von der fürstlichen Musik unter Begleitung des Bür- germeisters und des Militärs eingeholt wurden.“ Der letzte Wolf des Landes wurde 1847 im Stromberggebiet erlegt. Ihm hatte der Volks- mund schon Monate zuvor einen Spitznamen verpasst: Man nannte ihn nach einem damals populären algerischen Freiheitskämpfer den „württembergischen Abd-el-Kader“. Was zeigt, dass dem Allerletzten seiner Art doch auch be- reits eine gewisse klammheimliche Sympathie entgegengebracht worden ist. Die Wolfsjagd von Ansbach, als Wolfsgrube diente ein Brunnen. Angeblich hatte der Wolf Kinder verschleppt. Später wurde das Tier als Mensch verkleidet und gehängt (links). Wolfsgruben gab es auch im Schwarzwald- Baar-Kreis. (Bild: Wikipedia) 255


Umwelt und Natur Der Luchs als Jagdtrophäe in den Fürstlich-Fürsten- bergischen Sammlungen in Donaueschingen und in freier Natur (Foto: Wolfgang Echle). Der Luchs – natürlicher Fressfeind des Rehwildes Sehr viel heimlicher – und auch nicht ganz so übel beleumundet – war der Luchs, der natür- liche Fressfeind des Rehwilds. In den Aufzeich- nungen jenes fürstlichen Jägers werden noch zwei erlegte Luchse aufgeführt, doch spätes- tens zu Beginn des 18. Jahrhunderts scheint er im fürstlichen Jagdgebiet vollends ausgerottet gewesen zu sein, denn seit 1720 sind die FF-Jagd- strecken lückenlos dokumentiert. Der letzte Ori- ginalschwarzwälder Luchs wurde 1770 am Kal- tenbronn erlegt, der angeblich allerletzte Luchs Deutschlands 1846 an der Ruine Reußenstein in der Schwäbischen Alb. Doch wie, bitteschön, ist da die folgende Mel- dung aus der Schwarzwälder Zeitung (dem Vor- läufer des Schwarzwälder Boten) vom 20. Dezem- ber 1922 einzuordnen? Villingen, 19. Dez. Bei ei- nem kürzlichen Treibjagen wurde auf der Gemar- kung Kappel ein Luchs weiblichen Geschlechts geschossen. Das in Deutschland jetzt nur noch äußerst selten vorkommende Raubtier hatte ei- ne Gesamtlänge vom Kopf bis zur Schwanzspitze von 1,30 Meter, es war also ein ganz respektab- les Tier. Pächter der Jagd auf Gemarkung Kappel ist Herr Jean Weis-Königsfeld, der somit auch 256 Eigentümer des erlegten Raubtiers ist. Ein Fall von Jägerlatein? In Mitteleuropa sind heute alle Luchspopulationen, ob im Schweizer Jura, in den Vogesen, im Harz oder im Bayerischen Wald, aus Wiedereinbürgerungsprojekten hervorgegan- gen, die seit den 1970er Jahren zumeist unter wissenschaftlicher Begleitung und mehr oder weniger erfolgreich durchgeführt worden sind. Anders als der Wolf schafft es der Luchs nicht, neue Lebensräume über die Siedlungs- und Ver- kehrsbarrieren hinweg selbsttätig zu besiedeln. Ausgangs der 1980er Jahre wurde erstmals auch eine Auswilderung im Schwarzwald in Betracht gezogen, nachdem die Wissenschaft und auch der zuständige Stuttgarter Minister das größte deutsche Waldgebirge als für eine Luchspopula- tion durchaus noch geeignet befunden hatten. Schwierige Luchs-Wiedereingliederung Auslöser waren damals der Kernkraftunfall in Tschernobyl und die Verstrahlung auch der Schwarzwälder Rehe: War es da nicht ange- bracht, die natürlichen Regulatoren von Rehwild- beständen, den Winter und die Fressfeinde, wie- der ins Spiel zu bringen, wo doch das Wildbret zum menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet war? Ausgerechnet in einer staatlichen Jagdhüt- te auf jener Kappeler Gemarkung wurde in der Folge die Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. gegründet. Dass sich deren Satzungszweck, die


Die Rückkehr der Wildtiere Der Biber ist zurück: Biberdamm im Donauried bei Donaueschingen. Rechts ein Biber in freier Natur (Foto: Erich Marek). Wiedereinbürgerung des Luchses, noch immer nicht hat realisieren lassen, obwohl vereinzelte Jungtiere es immer wieder mal über den Rhein herüber geschafft haben und die Naturparke schon seit Jahren mit dem „seltensten Tier des Schwarzwalds“ zu werben pflegen, liegt nicht zu- letzt am hinhaltenden Widerstand von Bauern und Jägern. Was zeigt, dass nicht ausnahmslos alle Spätheimkehrer von allen willkommen ge- heißen werden, zumal wenn sie zu Beute- und Nutzungskonkurrenten des Menschen werden könnten. Für eine künstliche Nachhilfe bei der Wiederbesiedlung des Schwarzwalds hat sich inzwischen zu Teilen sogar die Politik erwärmen lassen, nachdem die Bundesregierung im Rah- men ihrer Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt im Jahr 2007 das Ziel einer Wiederbe- siedelung aller noch geeigneten Lebensräume durch große Beutegreifer vorgegeben hatte. 1750 wurden noch 21 Wildkatzen erlegt Später als die großen Beutegreifer wurde die Wildkatze bei uns ausgerottet. Noch 1750 wur- den, Stephani zufolge, 21 „Wildkuder“ im Fürsten- bergischen erlegt, und noch „in den 1830er Jah- ren wurden fast alljährlich noch einzelne Wild- katzenfelle aus fürstlichen Jagden verkauft. Nun ist auch sie wieder auf dem Vormarsch, so heim- lich sich dieser, ausgehend von Restvorkommen im Elsass und in der Eifel, vollzieht, tatkräftig un- terstützt durch eine BUND-Kampagne. Wildkat- zen-Nachweise im Schwarzwald-Baar-Kreis sind bisher leider noch nicht gelungen. Der Biber ist zurück Gar nicht heimlich, vielmehr unübersehbar voll- zieht sich die Wiederbesiedlung der heimischen Gewässer durch den Biber, zurückzuführen auf Auswilderungen in Bayern und in der Schweiz ab der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Die Rückkehr dieses Ureinwohners gilt als größte Erfolgsge- schichte des europäischen Artenschutzes, auch wenn sie mit land- und forstwirtschaftlichen Konflikten einhergeht, die man mit Maßnahmen des Bibermanagements zu entschärfen trachtet. Über seine hiesige Ausrottungsgeschichte weiß man wenig, da der Biber nicht zu den jagdbaren Tieren gehörte. Im Gegensatz zum Otter, der „in den fischrei- chen Gewässern des Schwarzwaldes und der Baar von jeher vertreten war“, wie Stephani schreibt, „wenn auch stets nur in bescheidener Zahl.“ Aus den FF-Jagdstrecken verschwand er als Raubwild und „arger Fischräuber“, auf dessen Erlegung ei- ne Prämie ausgesetzt war, endgültig im Jagdjahr 257


Umwelt und Natur Der Fuchs ist das zahlenmäßig mit Abstand häufigste Wildtier im Schwarzwald-Baar-Kreis. 1922/23. Aus dem Bregtal findet sich die Angabe, wonach früher, als es in der Breg noch Fischotter gab, der Fischreichtum größer gewesen sei. Noch ist nicht absehbar, ob auch er wieder eine Chance auf Rückkehr erhält. 2013 wurden 1.448 Füchse erlegt Als gänzlich unbeeindruckt von noch so inten- siver Bejagung, zeigt sich der schlaue Fuchs, der sich neuerdings vermehrt auch in jagdgesetzlich „befriedeten“, innerörtlichen Bereichen wohlzu- fühlen scheint. 3.000 bis 4.000 Füchse, liest man in der Zeitung, lebten derzeit in der Großstadt München, und auch die Villinger Südstadt kann ein Lied davon singen. Dabei war die Fuchsjagd „in den höchsten Kreisen bekannt und beliebt, sie wurde wiederholt vor dem Weltkrieg auch 258 von dem deutschen Kaiser besucht“, berichtet Stephani. Unweit der fürstlichen Residenz, auf dem Schellenberg, befand sich bis unlängst noch ein Gedenkstein, mit dem an den 1.000 (!) von Kaiser Wilhelm II. erlegten Fuchs erinnert wur- de. Die Tagesstrecken beliefen sich auf bis zu 42 Füchse (in den Wintern 1935/36 und 1936/37 im Unterhölzerwald). Zur Einordnung: die Fuchs- strecke des Schwarzwald-Baar-Kreises im Jagd- jahr 2013 beträgt 1.448 Stück. Überlebt haben trotz heftigster Bejagung bekanntlich auch Dachse, Marder, Iltisse, Wiesel, die allesamt, wie bisweilen sogar der Igel, als der Niederwildjagd abträglich und demnach als Raubwild bekämpft wurden. Wildschweine die Problemtierart schlechthin Als noch robuster hat sich, bekanntermaßen, das Schwarzwild erwiesen, derzeit die Problemtier- art schlechthin. Dabei standen Wildschweine in „Badisch Sibirien“ mehrfach kurz vor der Ausrot-


Die Rückkehr der Wildtiere tung, denn im Winter ging ihnen die Nahrung aus. Dennoch lagen bis zur ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Schwarzwildstrecken noch über den Rehwildstrecken (auch dem Rehwild behagte die Winter nicht, solange nicht gefüt- tert wurde!), doch aufgrund der zunehmenden Klagen der Bauern wurden die Sauen in der Folge so stark bejagt, dass sie im Jahr 1807 bei einer Wildzählung auf den Fürstenbergischen Jagden nicht mehr erwähnt und im gesamten 19. Jahr- hundert nur noch sehr vereinzelt erlegt wurden. Wahrscheinlich hätte man das Schwarzwild gänzlich aus den Augen verloren, wäre nicht 1782 im Unterhölzerwald innerhalb des dorti- gen Damwildparks noch ein „Schweinegarten“ errichtet worden. Es wird vermutet, dass wäh- rend des Ersten Weltkriegs Sauen aus den heftig umkämpften Vogesen über den Rhein herüber- schwammen und schließlich auch auf der Baar wieder stärker in Erscheinung traten, allerdings vorzugsweise in den laubbaumreicheren Revie- ren südlich der Donau. Eine nachhaltige Erholung der Schwarzwildbestände erfolgte erst nach dem Die Problemtierart schlechthin: Wildschweine im Unterhölzerwald. Zweiten Weltkrieg und erst recht nach der Inten- sivierung des Maisanbaus in der jüngsten Ver- gangenheit. Jagdstrecken wie „Rote Listen“ Beim Federwild, ebenfalls unterteilt in nützli- che und schädliche Arten, lesen sich die fürstli- chen Jagdstrecken heute wie „Rote Listen“. Mit Abstand an prominentester Stelle rangiert das Auerhuhn, nachdem die Jagd auf den balzenden Hahn der hohen Jagd zugerechnet worden war – für gekrönte wie ungekrönte Häupter fraglos das Höchstmaß jagdlichen Lustgewinns. Weshalb das Fürstenhaus sich, nachdem das standesherr- schaftliche Jagdregal im Zuge der Revolution von 1848 gefallen war, erfolgreich um Zupachtung nahezu aller Balzplätze der Region bemühte. Die 259


Umwelt und Natur höchste Jahresstrecke wurde im Jahr 1910 mit 174 Hähnen erzielt, wobei es nicht selten vorkam, „dass einzelne Herren mehrere Hahnen an einem Morgen schießen“ (Stephani). Die Strecke eines einzigen Morgens auf den Balzplätzen um Peterzell lag bei 14 Hähnen, drapiert um den Eingang des Gasthofs Krone, wie es ein Foto aus dem Jahr 1914 belegt. Au- erwild genießt seit dem Jahr 1972 ganzjährige Schonzeit, dennoch gilt der „Charaktervogel des Schwarzwalds“, allen Rettungsbemühun- gen auch seitens der Jägerschaft zum Trotz, als stark gefährdet, mutmaßlich, weil sein Biotop, der beerstrauchreiche Wald, sich allzu sehr zum Nachteil der Auerhühner verändert hat. Das scheue Haselhuhn wohl ausgestorben Offenbar ausgestorben ist jüngst erst die kleine Waldhühnerart, das scheue Haselhuhn. Schon wie ein Nachruf klingt, was Stephani über seine Vorkommen in den 1930er Jahren zu berichten weiß: „Leider müssen wir im ganzen Schwarz- wald die Bemerkung machen, dass dieses schöne Wild zahlenmäßig von Jahr zu Jahr in auffallen- der Weise abnimmt, obwohl immer nur ganz wenige Stücke erlegt werden.“ Auch beim Ha- selwild dürften letztendlich andere Ursachen als die Jagd zu seinem endgültigen Verschwinden geführt haben: der Lebensraumverlust durch die neuzeitliche Waldwirtschaft, möglicherweise auch der Klimawandel. Alles bejagt, was krumme Schnäbel hatte Nicht zuletzt der Feld- und Waldhühner, auch der Hasen und Rehe wegen wurde einst alles bejagt, was krumme Schnäbel hatte, Tag- und Nacht- greifvögel vom Adler bis zum Uhu, dazu der Kolkrabe, ja selbst – seines krummen Schnabels wegen – bis in die 1920er Jahre (mit jährlich „an- nähernd bis 400 Stück“, so Stephani) auch noch der große graue Raubwürger, Vogelarten, deren Verschwinden nicht zuletzt der Jagd anzulasten ist. Weitaus weniger erfolgreich war die Beja- gung von Krähen, Elstern und Eichelhähern, auch 260 Die Strecke eines einzigen Morgens: Erlegt wurden 14 Auerhähne, die um die Gasthaustüre der Krone in Peterzell herum drapiert sind. von Habichten, Sperbern, Bussarden, Falken und Reihern, wiewohl sie jährlich zu Abertausenden erlegt wurden. Immerhin: Uhu, Kolkrabe und Wanderfalke sind dank erfolgreicher Schutzbe- mühungen wieder da, die Bestände anderer vor- mals verfolgter Arten konnten sich stabilisieren, ja sogar kräftig erholen. Und einige sind wohl endgültig zu Verlierern geworden. Jenseits allen – längst überholten – Nützlich- keits- oder Schädlichkeitsdenkens und unabhän- gig von den jagdlichen Nutzungsmöglichkeiten sollen sie nun möglichst alle wieder ihren Platz finden, denn Artenreichtum ist der Schlüssel zur Gesunderhaltung von Ökosystemen; so wollen es jedenfalls die europäischen und die nationa- len Artenschutzgesetze, so will es die Nationale Biodiversitätsstrategie von 2007, von den Feldler- chen bis zur Spitze der Nahrungspyramide, zu den „Spitzenprädatoren“ Wolf und Luchs. Die Bären lassen wir einstweilen lieber noch außen vor.


Die Rückkehr der Wildtiere Trotz strenger Schutzmaßnahmen ist ungewiss, ob der Auerhahn überleben kann. Foto: Erich Marek 261


Umwelt und Natur Die Lärchen von Wolf Hockenjos Späte Einbringung mit nur bescheidenen Erfolgen – Baumserie (Teil 9) 262


Die Lärchen So vertraut uns dieser Baum auch erscheinen mag, wirklich heimisch ist er bei uns nicht. Als einzige winterkahle Nadelbaumart ist die Europäische Lärche (Larix deci­ dua L.) ganz und gar unverwechselbar. Allenfalls in den aufgeregten Jahren des Wald­ sterbens wurde sie im Winter mitunter irrtümlicherweise für eine vom sauren Regen entnadelte Fichte oder Tanne gehalten. Ihr natürliches europäisches Verbreitungsgebiet sind die Alpen, die Sudeten und die Karpaten. Das Lärchenholz wird vor allem als Bau­ und Möbelholz genutzt, nur selten dient es als Brennholz. Im zeitigen Frühjahr erfreut sie uns mit dem fri- schen Grün des neuen Nadeljahrgangs. Und weil das Goldgelb herbstlich verfärbter Lärchen so verlässlich Erinnerungen weckt an Bergwande- rungen und alpine Urlaubsregionen, haben wir sie ins Herz geschlossen. So sehr, dass sie inner- orts sogar manchen Vorgarten ziert und auch im fürstlichen Schlosspark in Donaueschingen darf sie nicht fehlen. Der „Baum des Jahres 2012“ gel- te als „besonders liebenswürdig und menschen- freundlich“, hieß es in der Begründung der Jury für die Wahl der Lärche, zumal sie im Hochgebir- ge ja auch vor Muren und Lawinen schützt. Im Flachland, so behaupten Spötter, deute die Lärchen-Vorliebe mancher Waldwirte eher auf eine „forstliche Gemütskrankheit“ hin, wo- möglich auch auf eine epidemisch wiederkeh- rende Modekrankheit. Denn trotz ihres enorm raschen Jugendwachstums bleibt sie in ihrer Ertragsleistung bald deutlich hinter heimischer Fichten und Tannen zurück. Lange gänzlich unbekannt Streng genommen, müssten wir die Lärche zu den Neophyten zählen, wie Pflanzen genannt werden, die erst nach der Entdeckung Amerikas bei uns eingebürgert wurden. Denn erstmals im Jahr 1584 soll ein badischer Amtmann Lärchen- samen aus Tirol bezogen und um die Hochburg bei Emmendingen ausgesät haben. Dieser erste aktenkundige Einbringungsversuch scheint frei- lich fehlgeschlagen zu sein, denn um 1750 war die Lärche zumindest in der Markgrafschaft wieder eine gänzlich unbekannte, in den Akten nicht mehr erwähnte Baumart. Auch im Habsburgischen wird sie da und dort versuchsweise eingebracht worden sein, vielleicht, weil der eine oder andere nach Vorder- österreich versetzte Beamte von Heimweh ge- plagt wurde. Im Markgräflichen begann man 1758, angespornt durch die sich abzeichnen- de Holznot und auf der Suche nach möglichst Linke Seite: Lärchen im Unterhölzer Wald unweit von Dreilärchen. Ast der Lärche mit Zapfen. Bei der Lärche befinden sich männliche und weibliche Zapfen an einem Baum. Die weiblichen Zapfen sind anfangs grün, rot oder purpurfarben. 263 263


Umwelt und Natur raschwüchsigen Baumarten, Lärchen-Pflanzgär- ten anzulegen; davon zeugt noch heute im Pforz- heimer Hagenschieß der „Lärchenstein“, errich- tet zum Gedenken an den Besuch der Markgrä- fin, die sich anno 1768 höchstselbst ein Bild von der dortigen „Lerchenblantage“ zu verschaffen geruht hatte. die gute Absicht, schnellstmögliche Holzerzeu- gung bei Vermeidung von Monokulturen, von den Lärchen nicht belohnt. Zunächst vorwüchsig, ertranken sie alsbald in den Fichten, und wo sie überlebt haben, enttäuschte die Japanerin durch ihre der Europäerlärche deutlich unterlegenen Holzqualität. Erfolge bleiben bescheiden Der Erfolg dieser ersten Lärchenwelle blieb freilich bescheiden, trotz hunderttausender verpflanzter Bäumchen. Zwischen 1820 und 1865 folgte eine zweite Welle mit Anwuchserfolgen vor allem im Odenwald, weniger im Schwarzwald. Aus jener Zeit stammen die ältesten und stärksten Lärchen der Baar und des Baarschwarzwalds. Eine drit- te Welle verzeichnete man von 1910 bis in die 1930er Jahre, als unter den Forstleuten der Mi- schwaldgedanke wieder mehr Anhänger fand. Doch auch den „Buntmischungen“ jener Jahre blieb durchschlagender Erfolg versagt. Dabei hatte man nicht nur mit alpenländi- schen Herkünften experimentiert, sondern auch mit der „Sudetenlärche“. Von ihr versprach man sich ein besseres Gedeihen, weil sie sich im Ge- gensatz zu inneralpinen Herkünften der Kon- kurrenz der Buche besser zu erwehren versteht. Denn auf ihrer nacheiszeitlichen Rückwanderung aus den mediterranen Refugien hatte sie die Al- penbarriere östlich umwandert. Auch hoffte man, mit ihr den holzzerstörenden Lärchenkrebs eindämmen zu können, eine Pilzerkrankung, die sich insbesondere auf für Lärchen ungeeigneten Standorten auszubreiten begann. Krebsresistenz versprach man sich fälsch- licherweise auch von einer fernöstlichen Ver- wandten der Europäerin, der auch als Bonsai verwendbaren Japanerlärche. Die kam vor allem während der vorerst letzten Lärchenwelle in gro- ßem Stil in den Nachkriegsjahren zum Einsatz, als es galt, die durch Franzosenhiebe (sog. F- und E-Hiebe) und Käferfraß entstandenen riesigen Kahlschläge wieder aufzuforsten. Erneut wurde die Lärche den Fichten beigemischt, versprach man sich von der Japanerin doch auch ein noch rascheres Jugendwachstum. Und wieder wurde 264 Die Emil-Kurz-Lärche: Stärkste Altlärche im Schwarzwald-Baar-Kreis Was nicht heißen soll, dass es Lärchen nicht doch zu respektabler Stärke und Höhe bringen können. Das überaus witterungsbeständige Lär- chenholz verspricht ein sehr hohes natürliches Alter, sodass vereinzelt wahrhaft spektakuläre Baumgiganten entstehen konnten: So die drei „Ur-Lärchen“ im Südtiroler Ultental mit ihrem Stammumfang von 8 m (!), denen man ein Alter von über tausend Jahren zuschreibt. Als stärkste Lärche unseres Bundeslandes, gar der Republik, gilt die 1775 oberhalb Sipplingen am Bodensee gepflanzte „Hildegard Lärche“ mit ihrem Um- fang in Brusthöhe von immerhin 4,75 m, einer Baumhöhe von 46 m und einer Holzmasse von 28 Festmetern. Auch wann genau die stärkste Lärche des Schwarzwald-Baar-Kreises gepflanzt wurde, lässt sich den Forstakten entnehmen: 1835 hat- te die Bezirksforstei, das kurz zuvor in Villingen eröffnete staatliche Forstamt, unweit Königs- feld-Neuhausen am Schwarzwaldrand einen Acker erworben und ihn mit Lärchen- und Kie- fernsamen eingesät. Dem Großherzogtum musste daran gelegen sein, den Holzhunger seiner Dürrheimer Saline zu stillen. Von der Saat sind bis zum heutigen Tag noch zehn Altlärchen („Überhälter“ im forstlichen Fachjargon) übrig Die Emil-Kurz-Lärche“ ist ein geschütztes Naturdenk- mal und die stärkste Lärche im Schwarzwald-Baar- Kreis. Sie weist in Brusthöhe einen Umfang von 3,10 m auf, dazu eine Baumhöhe von knapp 40 m und eine Holzmasse von reichlich 15 Festmetern.


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Umwelt und Natur geblieben; die stärkste unter ihnen, die „Emil- Kurz-Lärche“, ist mittlerweile ein geschütztes Naturdenkmal. Sie weist in Brusthöhe einen Um- fang von 3,10 m auf, dazu eine Baumhöhe von knapp 40 m und eine Holzmasse von reichlich 15 Festmetern (die Maße auf der ausgangs des Jahrtausends angebrachten Hinweistafel dürf- ten bereits überholt sein). Benannt wurde der stolze Baum nach dem 1933 von den Nazis zum gemeinen Villinger Forst amtsleiter degradierten Chef der badischen Forstverwaltung, der nach seiner Rehabilitierung im Jahr 1952 erster baden-württembergischer Landesforstpräsident wurde. Emil Kurz war ein ausgewiesener Lärchenfreund, der als Waldbau- er „das Spiel mit Licht- und Schattbaumarten“ liebte und praktizierte. Erntereife Waldbestände pflegte er im sog. „Keilschirmschlagverfahren“ gegen die Hauptsturmrichtung zu räumen und die so entstehenden Kulturflächen, soweit er- forderlich, mit lichtbedürftigen Baumarten, vor- zugsweise mit Kiefer und Lärche, auszupflanzen. Der Weiler „Dreilärchen“ Ob gepflanzt oder gesät, unweit des Weilers Dreilärchen, dem aus einer fürstenbergischen Kolonistensiedlung hervorgegangenen Ortsteil 266 Lärchen am Stadtrand von Donaueschingen. von Geisingen an der alten B 31 zwischen War- tenberg und Unterhölzerwald, lassen sich noch stärkere Exemplare besichtigen. Das 1785 ent- standene, ursprünglich selbständige Dorf auf der einstigen Gemarkung Wartenberg, schrieb sich zunächst Dreilerchen, ein Ortsname, den selbst der renommierte Geschichts- und Hei- matforscher Karl Siegfried Bader (in: Die Flurna- men von Wartenberg. Heidelberg 1934) nicht so recht zu deuten wusste: Noch 1826 hieß er auf der Landkarte Bey den Drei Lerchen, was für den Namensforscher eher auf ornithologische denn auf botanische Wurzeln hindeutet. Zwar zählten die Lerchen im 18. Jahrhundert zum gefiederten Nutzwild, doch sie wurden ausweislich der fürstlichen Jagdstatistik noch in so großer Zahl gefangen (im Jahr 1772 waren es 3.362 Stück!), dass eine Namensgebung nach dreien dieser Vögel keinen Sinn ergibt. August Vetter ist daher zuzustimmen, wenn er in der Stadtchronik von Geisingen (Geisingen. Band 25 der Schriften des Landkreises Donaueschingen, 1964) schreibt: „Es hat viel für sich, den Namen einer Gruppe von drei Lärchen zuzuschreiben, denn auch heute noch ist diese Baumart auf der Baar nicht eben häufig anzutreffen. Eine solche


Gruppe muss im 18. Jahrhundert in der Nähe der alten Eichen- und Buchenbestände des Un- terhölzerwaldes im freien Feld sehr aufgefallen sein. Sie musste sich daher für eine Ortsbezeich- nung geradezu aufdrängen. Es wäre deshalb die Schreibweise „Dreilärchen“, die an der einzigen Wirtschaft im Geisinger Ortsteil zu finden ist, si- cher die richtige. Aber die amtliche Schreibweise lautet „Dreilerchen“ und sie ist für die Orthogra- phie maßgebend.“ Zwischenzeitlich hat man sich auch auf den Kartenblättern des Landesvermessungs amtes auf Dreilärchen geeinigt. Offen bleibt nur die Frage, ob jene Lärchen einst auf freiem Feld oder im angrenzenden Unterhölzer Wald herange- wachsen waren. In dessen Beschreibung aus dem Jahr 1801, einsehbar im FF-Archiv, kommen die Lärchen freilich noch nicht vor. So bleibt es bei der Vermutung, dass sie vom Erbauer des neuen Schlosses auf dem Gipfel des Wartenbergs, Frei- herr von Lassolaye, zur Zierde gepflanzt worden sein könnten. Wird diesem doch eine ausgepräg- te Vorliebe für Gartenbau nachgesagt. Die drei Lärchen am Aufstieg zum Warten- berg sind längst verschwunden. Doch wenige hundert Schritte vom Torhäusle des ehemaligen FF-Tiergartens waldeinwärts sind heute nicht nur drei, sondern ein ganzes Dutzend stattlicher Lärchen, möglicherweise die Nachkommen der drei Namensgeber, zu bestaunen. Sie werden auf ein Alter von immerhin 180 bis 200 Jahren ge- schätzt, die stärkste misst einen Brusthöhenum- fang von 3,20 m. Der Standort dieser Lärchen auf Tonlehmen des Braunjuras ist nährstoffreicher als jener auf der Buntsandsteinplatte südlich von Neuhausen, weshalb die fürstenbergischen Lärchen nicht notwendigerweise älter sein müs- sen als die Emil-Kurz-Lärche. Erfreulicherweise gelten sie dem FF-Forstbetrieb als geschützt und sollen ihr natürliches Alter erreichen dürfen. Über die Lärchenvorliebe der Fürstenberger berichtet Erich Wohlfarth, ehemaliger FF-Forst- amtsleiter, in seiner „Geschichte der Fürstlich Fürstenbergischen Forstwirtschaft“ (Stuttgart 1983): Man habe sich zwar längere Zeit um die europäische Lärche bemüht, ihr Anteil und ihre Bedeutung seien indes gering, „obwohl meh- rere Altlärchen von hervorragendem Wuchs im Die Lärchen Unterhölzerwald anzutreffen sind“. Ansonsten seien die meisten jedoch eingegangen oder früh- zeitig herausgehauen worden. Vorwiegend sei- en sie zur Aufwertung von Buchenverjüngungen oder aus waldästhetischen Gründen gepflanzt worden, etwa längs sonniger Waldwege. Schönheit der fürstlichen Wälder Dass der Wald nicht nur ertragreich sein soll, son- dern auch schön, das hatte schon 1885 Heinrich von Salisch in seinem Lehrbuch „Forstästhetik“ gefordert; seine „Lehre von der Schönheit des Wirtschaftswaldes“ wollte er als selbstständi- gen Zweig der Forstwissenschaft anerkannt und gelehrt wissen. Und noch im Jahr 1956 hat der Münchener Waldbauordinarius Josef Niko- laus Köstler in seinem Essay „Von der Größe des Waldes“ (Heft XXIV der Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar) die Schönheit der fürstlichen Wälder gelobt und gepriesen. Ob waldästhetische Vorstellungen, Wünsche und Forderungen auch heute noch ak- tuell und erfüllbar sind in einer straff durchra- tionalisierten und vollmechanisierten Forstwirt- schaft, mag von den Waldbesuchern bisweilen bezweifelt werden angesichts der Grobschläch- tigkeit Großmaschinen-gestützter Erntemetho- den. Unstrittig ist jedoch, dass starke alte Bäume wie die beschriebenen Lärchen, denen der Forst- betrieb das Gnadenbrot zu gewähren bereit ist, den Erlebniswert und damit auch die gesetzlich geforderte Erholungsfunktion des Waldes ganz wesentlich mitbestimmen. Ob sich im Gefolge des Klimawandels wo- möglich erneut eine Lärchenwelle den ba- den-württembergischen Wald überspülen wird, wenn kein Verlass mehr sein wird auf den zu- nehmend dürre- und sturmgefährdeten „Brot- baum“ Fichte? Dann freilich gälte es, beizeiten Saatgut der richtigen Herkünfte bereit zu halten und auch die richtigen Lehren aus den waldbau- lichen Behandlungsfehlern der Vergangenheit zu ziehen, braucht die Lärche doch reichlich Licht und Luft, sobald ihr rasches Jugendwachstum nachlässt. Ganz missen möchten wir die Lärche jedenfalls nicht. 267


Umwelt und Natur Atemberaubende Weitblicke über den Tellerrand der Baar hinweg Ausblicke – Einblicke: Aussichtspunkte im Schwarzwald-Baar-Kreis – Die Blatthalde bei Ober- und Unterbaldingen von Wolf Hockenjos 268 268


XXX Gemessen am Bekanntheitsgrad der im Schwarzwald-Baar-Jahrbuch bisher vorgestellten Aussichtspunkte hält sich derjenige der Blatthalde zu Unrecht in eher bescheidenen Grenzen, weshalb hier der Zugangsweg beschrieben sei: Man starte in Unterbaldingens Ortszentrum gegenüber der katholischen Pfarrkirche auf dem zur Blatthaldehütte ausgeschilderten Sträßchen. Dieses führt zunächst unter der A 81 hindurch, sodann steil bergwärts bis zu einem Waldparkplatz, wo spätestens der Pkw zurückbleiben muss. Ein frischgrünes Hinweisschild mit Seeadler hat uns bereits darauf aufmerksam gemacht, dass wir hier ein Natur- schutzgebiet betreten und uns demnach rücksichtsvoll zu bewegen haben. Blick über die Baar. Vorne die Dörfer Ober- und Unter baldingen, die nahtlos ineinanderübergehen. In der Bildmitte ist rechts Heidenhofen zu sehen, im Hintergrund der Schwarzwald. 269


Umwelt und Natur Unterbaldingen auf der Ostbaar, im Hintergrund ragt die Blatthalde auf. Von dem 915 m hohen Ausläufer der Geisinger Berge aus geht der Blick über weite Teile der Baar bis in den Schwarzwald hinein. Ab nun führt uns ein zunächst mäßig, dann stär- ker ansteigender Forstweg zum nördlichsten Ausläufer der Geisinger Berge hinauf, zur Kante der Weißjuraberge, die hier – ausnahmsweise – nicht zur Schwäbischen Alb gehören, denn die Gemarkung Unterbaldingen, die bis zur Blatthal- de hinauf reicht, ist unzweifelhaft badisch, und Waldeigentümerin ist seit der Gemeindereform die Stadt Bad Dürrheim. Zunächst führt der Weg durch Fichten-Auf- forstungen, wo die Unterbaldin ger vor einem Jahrhundert noch ihr Vieh geweidet haben, so- dann nimmt der Laubbaumanteil zu. Kurz un- terhalb der Hangkante zweigt links ein Fußweg zur Hütte ab, im zeitigen Frühjahr gesäumt vom leuchtenden Blau der Leberblümchen. Der Wald des Oberhangs, erklärt uns eine höl- zerne Hinweistafel, wird nicht mehr bewirtschaf- tet, denn die Stadt ist „Naturwaldgemeinde“, die sich aus ökologischen Gründen und nach einem Übereinkommen mit dem NABU dazu verpflich- tet hat, fünf Prozent der Stadtwaldfläche aus der Bewirtschaftung zu entlassen. Liebhabern von frischem Buchengrün oder von herbstlich verfärbtem Laubwald sei empfohlen, das Hoch- 270 plateau vollends über den Forstweg zu erklim- men. Denn erst weiter südwärts dehnen sich, wie es sich für die Alb gehört, prächtige, nach Bärlauch duftende Buchenwälder aus, während der Bergsporn der Blatthalde als nördlichster Ausläufer der Geisinger Berge, mit 915 m ü. NN zugleich deren höchster Punkt, Nadelwald trägt. Der abgeplatteten Form des Bergrückens dürfte die B(P)latthalde auch ihren Namen verdanken. Und zu Füßen liegt die weite Baar… So oder so ist die Blatthaldehütte nicht zu ver- fehlen, eine Aussichtskanzel mit wahrhaft atem- beraubendem Tief- und Weitblick, von Bewuchs freigehalten von den Mitgliedern der örtlichen Vereine, die hier oben im Sommer ihre Feste zu feiern pflegen. Wer jetzt nichts Grillbares im Rucksack mit sich führt, um es auf dem forst- amtlich genehmigten Rost brutzeln zu lassen, ist selbst dran schuld. Entschädigt wird er allemal durch den Ausblick, hinab in die Idylle Ober- und Unterbaldingens, das eine evangelisch, das an- dere katholisch, weil die Landesgrenze die bei-


XXX 271 Ein Buchenwald voller Bärlauch. Wer die Blatthalde im Frühjahr erwandert, nimmt den intensiven Bärlauch- duft schon von Weitem wahr. Der Bärlauch wird als Salat, Suppe und Wildgemüse geschätzt.


Umwelt und Natur An der Blatthalde (oben links mit Blick von Westen) weist ein Holzschild darauf hin, dass Bad Dürrheim eine Naturwald-Gemeinde ist. Die Hütte mit Grillplatz auf der Bergspitze lädt zum Grillen und Picknick ein. Rechte Seite: Blick in Richtung Donaueschingen/Bräunlingen. In der Ferne grüßen der Hochfirst und der noch schnee- bedeckte Feldberg. Unten: Farbenprächtiger Buchenwald im Herbst. den Dörfer einst von einander getrennt hatte. Der Blick schweift über die baumlose Ackerland- schaft der Schwarzjuraplatte hinweg und über die Keuperschwelle hinüber in die Residenzstadt Donaueschingen, über der sich, als wär’s eine Fata Morgana, Hochfirst und Feldbergmassiv aufwölben. Zur Linken blicken wir über den Unterhölzer Wald auf Länge, Warten- und Fürstenberg, zur Rechten drängen sich eben noch die Randbe- zirke von Schwenningen und Villingen ins Bild, darüber erstreckt sich das dunkle Band des Baar- schwarzwalds. Bei klarer Sicht drehen sich über dem fernen nordwestlichen Horizont die Rotoren von knapp zwei Dutzend Windkraftanlagen, die suggestiven Wahrzeichen der Moderne. Als akustischen Tribut an die Neuzeit hat der Blatthalde-Besucher längst auch den Lärm der A 81 hingenommen, der bei Westwind bis hier herauf kaum abzu ebben scheint und das Konzert der Drosseln und Grasmücken überdröhnt. „Scherbenpflaster“ der Hallstattzeit Noch weithin lärmfrei war die Aussicht zu Zeiten zu genießen, als jemand die Wallanlage schuf, die sich wenige Schritte abseits der Hütte im Un- terholz abzeichnet und die eine Innenfläche von dreieinhalb Hektar umfasst. Ob die Anlage einst den Kelten für kultische Zwecke gedient hat, ob es sich um eine Fliehburg gehandelt hat oder ob deren Bewohnern mitunter gar zum Feiern zumute war wie heute den Unterbaldinger Ver- einen, das müssen die Archäologen einstweilen noch offen lassen. Immerhin stieß ein Grabungsteam unlängst auf einer Verebnung im nordseitigen Steilhang, nicht weit unterhalb der Wall anlage auf ein „Scherbenpflaster“ aus der Hallstattzeit (6. und 7. vorchristliches Jahrhundert), eine der rätsel- haftesten Fundstellen der Baar. Als habe hier ein keltischer Polterabend stattgefunden, so häu- fen sich die Keramikfragmente, zumeist Scher- 272


XXX 273


Umwelt und Natur Blick auf das 704 m ü. NN liegende Biesingen, den Autobahnzubringer zur A 81 und den Schwarzwald – über- ragt von Windrädern. ben von Trinkgefäßen, deren Verlagerung vom Pla teau der Blatthalde herunter ebenso ausge- schlossen wird wie die Existenz einer Töpferei auf dem exponierten Standort. Seltsamerweise fand sich im Humus über dem Scherbenpaket auch noch ein bronzezeitliches Messer, ein Fund- stück also aus einer noch graueren Vergangen- heit, was die Frage aufwirft, ob die Ursprünge der Wallanlage nicht sogar aus vorkeltischer Zeit stammen könnten. Ob die Scherben jemandem Glück gebracht haben oder ob die Trinkgefäße doch eher im Zu- ge einer kriegerischen Auseinandersetzung zer- schlagen worden waren, darüber darf gerätselt 274 werden. Allemal keltisch klingt bis heute noch der Waldortsname: Hornenars. Abstieg über den Ostweg Durchaus nicht auf vor- und frühgeschichtliche Befestigungs-, gar Höhlen systeme verweist die neben der Hütte auf ein Stück Schienen gestell- te Lore; nach dem Willen der Vereine soll sie an einen aufgelassenen Kalksteinbruch in der wei- teren Umgebung erinnern. Als Abstieg wähle man der Abwechslung hal- ber den steilen nordseitigen Abstieg. Wir folgen hierzu der Markierung des nicht allzu häufig be- gangenen Ostwegs des Schwarzwaldvereins. Der soll uns diesmal, fernab der Schwarzwaldhöhen, weder nach Schaffhausen noch nach Pforzheim, vielmehr zur Einkehr ins nahe Öfingen geleiten. Andernfalls landen wir auf kürzestem Weg wie- der am Ausgangspunkt der kleinen Wanderung, am Waldparkplatz. Die Lore erinnert an einen stillgelegten Kalksteinbruch.


XXX 275 Wer auf der Nordseite der Blatthalde beim Abstieg dem Ostweg des Schwarzwald- vereins folgt, wird beim Ver- lassen des Waldes erneut mit weiten Blicken belohnt. Die Baar zeigt sich lichtdurchflu- tet – über den Getreidefeldern ragen der Kirchturm und die Dächer von Öfingen empor.


Umwelt und Natur Umwelt und Natur Historische Flussregulierungen im Schwarzwald-Baar-Kreis Erst die Technisierung ermöglichte Flussbaumaßnahmen im großen Stil von Martin Fetscher 276 276


Historische Flussregulierungen Die Flussläufe im Schwarzwald­Baar­Kreis haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich: An vielen Stellen sind im Lauf der Jahrhunderte Veränderungen erfolgt, auch im Umfeld der Donau, dem größten und bedeutendsten Fluss im Land­ kreis. Nicht immer handelt es sich dabei um Eingriffe des Menschen, es gibt auch zahlreiche natürliche Ursachen – bis hin zur Erddrehung. Besonders stark einge- griffen wurde am Donauursprung, am Zusammenfluss von Brigach und Breg. Die natürlich mäandernde junge Donau bei Neudingen. 277


Umwelt und Natur Natürliche Veränderungen Flüsse ändern im Laufe der Zeit auf natürliche Weise ihren Verlauf. Dies geschieht vor allem bei großen Hochwasserereignissen: Dabei kann sich ein Fluss innerhalb von wenigen Tagen stärker verändern als sonst innerhalb von Jahrzehnten oder Jahrhunderten. Es ist ein Zu sammenspiel von Abtragung (Erosion) und Ablagerung. Meist untergeordnet spielen auch unscheinbare, kon- tinuierliche Vorgänge eine Rolle wie die Lösung von Kalkgestein oder anderen Mineralien im Un- tergrund. Flüsse oder Bäche neigen, je nach Gefälle, von Natur aus dazu, Flussschleifen bzw. Mäander zu bilden. Durch Hindernisse im Flusslauf oder unterschiedlich harten Untergrund entstehen Ablenkungen der abwärtsgerichteten Fließrich- tung, die sich selbst verstärken. Dies geschieht durch die Erosion am Prallhang – häufig gekenn- zeichnet durch steil abbrechendes Ufer – und durch Ablagerung am Gleithang, wo oftmals Kiesbänke zu erkennen sind. In Talauen oder Schwemmebenen können sich Mäander bereits innerhalb von wenigen Die Gauchach folgt einem wild-natürlichen Flussbett. Flussschlingen Mäander Mäanderdurchbruch Altarm Prallhang Gleithang Entstehung von Mäandern und Altarmen Jahren oder Jahrzehnten verändern, da sie in weichen Aueablagerungen verlaufen. Wenn Mäanderschleifen durchbrechen, können sich abgetrennte Altarme (oder sog. Altwasser) bil- den, welche nicht mehr durchflossen werden und erst nach und nach verlanden. Flüsse im Landkreis relativ naturnah Jedoch, auch wenn im Flussverlauf keine Ursache vorhanden ist, die Fließrichtung zu ändern, bil- den sich Mäander, wenn Flüsse von Norden nach Süden fließen oder umgekehrt. Kein anderer als Albert Einstein formulierte hierzu eine Herlei-


Historische Flussregulierungen nene Land war besser vor Überschwemmung und Erosion geschützt und konnte damit bewirt- schaftet werden und zur Ernährung der Bevöl- kerung dienen. In der Aue sind die Böden in der Regel relativ fruchtbar, da sich dort im Laufe von Jahrtausenden vor der Trockenlegung humusrei- che organische Anteile angereichert haben. Aller- dings werden natürliche Mäanderflächen relativ häufig überflutet und der Grundwasserstand ist relativ hoch. Solche Flächen eignen sich wenig für Ackerbau. Schutz vor Hochwasser Der Hochwasserschutz war und ist auch heute noch einer der wichtigsten Gründe für flussbauli- che Maßnahmen. Dies ist insbesondere im direk- ten Umfeld der an den Flüssen gelegenen Städte Villingen, Donaueschingen, Hüfingen und Bräun- lingen erkennbar. Hier gab es immer wieder Überschwemmungen mit vielen Betroffenen, so dass sehr aufwändige Flussbaumaßnahmen er- griffen wurden, um die Bevölkerung besser zu schützen. Hochwasserschutz erfolgte damals tung dieses Phänomens aus der Corioliskraft. Ursache hierfür ist die Erddrehung. Die natürlichen Vorgänge von Flussverände- rungen sind heute in Mitteleuropa durch wasser- bauliche Maßnahmen stark eingeschränkt. Durch die Flussregulierungen konnte den Flüs- sen ein Teil ihrer Zerstörungskraft bzw. Dynamik genommen werden, es konnte Land zur Bewirt- schaftung oder Besiedlung gewonnen werden oder es wurde die Wasserkraft zu Nutzen ge- macht. Im überregionalen Vergleich sind die Flüsse im Schwarzwald-Baar-Kreis bis heute relativ na- turnah, obwohl mindestens 50 % der Gewässer naturfern ausgebaut sind. Dies bezieht sich al- lerdings auch auf Uferbefestigungen, die an vie- len Gewässern fast die Regel sind. Insbesonde- re die Wutach und Gauchach folgen im Bereich der Schluchten einem nahezu wild-natürlichen Flussbett, wie dies in Mitteleuropa selten an- zutreffen ist. Die Donau und ihre beiden Quell- flüsse Breg und Brigach verlaufen bis heute in manchen Abschnitten mäandrierend wie seit eh und je, auch wenn sie fast durchgängig mit Uferverbau befestigt worden sind. Doch in den meisten Flussabschnitten haben auch hier aus unterschiedlichen Gründen im Laufe der Zeit künstliche Verlaufskorrekturen stattgefunden. Die Flüsse und Bäche in unserer Region wur- den früh zur Nutzung der Wasserkraft verändert. Hierzu wurde dem natürlichen Gewässerlauf meist mit Hilfe eines Mühlkanals Wasser ent- nommen, über eine Mühle geleitet und danach wieder in das Flussbett eingeleitet. An der Ent- nahmestelle wurde zur Wasserregulierung ein Stauwehr errichtet. Wo dies möglich war, wur- den auch Mäander genutzt, indem man sie ein- fach abgeschnitten hat. Das Gefälle ist bei der weiten natürlichen Fließstrecke über die Mäan- derschlinge viel geringer als auf direktem Wege. An einer solchen Stelle ist die alte Wolterdinger Säge am südöstlichen Ortsausgang entstanden. Landgewinn durch Flussbegradigung Ein wesentlicher Zweck von Flussbegradigungen war lange Zeit der Landgewinn. Das neu gewon- Der Hochwasserschutz ist einer der wichtigsten Grün- de für flussbauliche Maßnahmen. Vor der Bregregu- lierung war Bräunlingen des öfteren überschwemmt. Am Mühlentor sind Markierungen angebracht, die zeigen, wie hoch das Wasser in der Stadt einst stand. 279


Umwelt und Natur vorwiegend in der Form, dass das Flussbett ver- tieft bzw. der Gewässerquerschnitt vergrößert und Hochwasserdämme entlang der zu schüt- zenden Flussseite angelegt wurden. Dies kann allerdings auch negative Auswirkungen haben, unter anderem dadurch, dass die Fließgeschwin- digkeit erhöht und damit die Tiefenerosion ver- stärkt wird oder dass der Grundwasserspiegel zu stark abgesenkt wird. Bei größeren Flüssen war die Schiffbarkeit ein wichtiges Kriterium für flussbauliche Maßnah- men. Im Schwarzwald-Baar-Kreis kam es an ver- schiedenen Schwarzwald-Bächen zu kleineren Korrekturen im Zusammenhang mit der Flößerei, die vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert sehr umfangreich betrieben wurde, zum Beispiel auf der Gauchach und deren Oberlauf (Krähenbach). Technik ermöglicht Flussbaumaßnahmen Größere Flussbaumaßnahmen sind mit der Be- wegung von großen Mengen von Aushub ver- bunden. Durch die Technisierung im 19. und 20. Jahrhundert wurden mit Dampfmaschine und Dieselmotor Baumaßnahmen größeren Um- fangs möglich. Dennoch wurden schon vorher einige große Regulierungsmaßnahmen mit Be- wegung großer Erdmassen durchgeführt, quasi in reiner Handarbeit. Mit dem Bau der Schwarz- waldbahn wurden bereits einige Flusskorrek- turen vorgenommen, da eine Bahntrasse keine engen Windungen zulässt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Landkreis mit moderner Baugerätetechnik und Beförderung von Aushubmaterial durch Lkws ei- nige größere Flussbegradigungen durchgeführt. Unabhängig von den geschilderten praktischen oder wirtschaftlichen Gründen wurden in den 1950er bis 1980er Jahren kanalisierte, „gezähm- te“ Flüsse grundsätzlich auch als ästhetischer empfunden als heute, während in den letzten beiden Jahrzehnten Flüsse wieder renaturiert werden und der ökologische Wert oder der Frei- zeitwert in den Vordergrund gelangt. Aber auch der Hochwasserschutz wird bei der naturnahen Gestaltung von Gewässerabschnitten, zum Bei- spiel durch die Sicherung oder Neugewinnung 280 von Retentionsraum, neu bewertet und berück- sichtigt. Mäanderlandschaft der jungen Donau Ein im Vergleich mit vielen anderen Flüssen in Deutschland sehr schönes Beispiel für einen na- turnahen Verlauf stellt die Mäanderlandschaft der jungen Donau zwischen Neudingen und Gut- madingen dar. Hier ist sogar ein natürliches Alt- wasser namens Tauwasser erhalten, entstanden durch einen natürlich abgeschnittenen Altarm, der nur an einem Ende Verbindung hat mit dem Fluss. Heute weiß man, dass diese Altwasser hochwertige Funktionen für die Fischerei und das Ökosystem besitzen. Die allermeisten Altar- me, ob natürlich entstanden oder künstlich vom Hauptstrom abgeschnitten, sind verfüllt worden, besonders in den 1960er Jahren häufig mit Müll. Auch die meisten Mühlkanäle sind verfüllt wor- den, nachdem mechanische Mühlen durch die Konkurrenz von günstigem elektrischem Strom überflüssig geworden waren. Dort, wo auf die Erzeugung von elektrischem Strom umgestellt wurde, sind die Wasserkraftanlagen teilweise bis heute in Betrieb. Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind dies derzeit ca. 55 Anlagen. Die gesamte Ebene zwischen Hüfingen, Do- naueschingen, Pfohren und Neudingen stellt eine natürliche Schwemmebene dar, innerhalb derer sich Breg und Donau aus dem Bergland ergossen und immer wieder einen neuen Weg gesucht haben. Im Luftbild sind auch heute noch die vielen Reste ehemalige Mäander oder Altarme erkennbar. Bis ins 18. Jahrhundert war dies ein schwer zugängliches Sumpfgebiet mit der Be- zeichnung „Großes Ried“ (s. Abb. rechts unten). Deutlichste Veränderung am Donauursprung Die deutlichsten Veränderungen im Gewässer- verlauf erfolgten im Schwarzwald-Baar-Kreis ausgerechnet am Donauursprung, im Bereich des Zusammenflusses von Brigach und Breg. Die großen Flächen der fürstlichen Parkanla- gen sowie der Sport- und Reitanlagen zwischen


Historische Flussregulierungen Zusammenfluss von Brigach und Breg um 1906. Bemerkenswert die Bildüberschrift „Einmündung der Breg in die Donau“, von der Anschauung ausgehend, dass die Brigach ab Mündung des Donaubächles von der historischen Donauquelle kommend bereits „Donau“ heißt 2. Das „Große Ried“ zwischen Donaueschingen und Pfohren war bis ins 18. Jahrhundert ein schwer zugängliches Sumpfgebiet. Auszug aus der Schmitt’schen Karte von 1797, erstellt von habsburgischen Kartographen. Deshalb ist die Perspektive von Osten her. Rechts ist Norden 5. 281


Umwelt und Natur Donaueschingen und Donauursprung wurden im Rahmen der ersten großen Flussbegradi- gungsmaßnahmen der Region gewonnen. Der Bau des kanalisierten Abschnitts der Brigach zwischen Schützenbrücke und Mündung wurde bis 1793 fertiggestellt 3, 5, 7. Damit wurde der Weg des Wassers von ursprünglich ca. 2,6 km über die Flussschleifen auf ca. 900 m über den geradlini- gen Kanal verkürzt. Erst mit der Anlage dieses „Kanals“ wurde im Jahr 1828 die historische Do- nauquelle direkt nach Süden der Brigach zugelei- tet 7. Zuvor mäandrierte das „Donaubächle“ nach Osten zur heute verlandeten Brigachschleife, die damals bereits als „Donau“ bezeichnet wurde 3. Die Altwasser in den Gewannen „Limbertswin- kel“ und „Hammelwinkel“ sind im Kartenaus- schnitt von 1895 noch erkennbar. In einer Bannkarte von 1793 7 ist ein bereits vorhandener, natürlicher Gewässerlauf mit der Bezeichnung „Bregarm“ eingezeichnet, der im Bereich des fürstlichen Parks mündet, so dass sich auch daraus die Bezeichnung Donau ab die- sem Punkt rechtfertigte. Die Mündung dieses Bregarms sowie die Mündung des Donaubäch- les lagen in unmittelbarer Nähe. Dieser Bregarm war über einen Holzfloßkanal mit der Brigach (bzw. Donau) verbunden. Welcher Mündungs- arm der Breg ursprünglich stärker war, und ob beide Arme längere Zeit Bestand hatten, lässt sich nicht mehr feststellen. Ohne künstliche Re- gulierung dürfte dies mit Sicherheit auch zeitlich geschwankt haben. Um 1815 wurde dann eine 282 Karte links: Gerade fließt die Brigach – die Breg und die junge Donau mäandern. Ausschnitt aus der topo- graphischen Landeskarte von 1895 1. Rechte Seite: Auch die Breg fließt heute teils schnur- gerade – die Donau am Zusammenfluss in Donau- eschingen. Optisch ist der längere der beiden Donau- Quellflüssle zum Kanalbach degradiert. kanalisierte Wasserableitung bis zur Breg bei Allmendshofen verlängert. Nachfolgend verlan- dete der natürliche Bregarm bzw. wurde dieser verfüllt. Die Wasserableitung dient bis heute zur Wasserkraftnutzung (Tabakmühle bzw. E-Werk). Bemerkenswert ist, dass der frühere Ort des Zusammenflusses von Brigach und Breg (un- terer, bzw. Hauptarm) vor der Bregregulierung knapp 100 m oberhalb der heutigen Brigachmün- dung lag. Ursprünglich, also vor der Anlegung des Brigachkanals, lag der Zusammenfluss von Brigach und Breg allerdings unterhalb der heu- tigen Brigachmündung – nämlich unmittelbar östlich der B27-Brücke. Betrachtet man zudem den Mündungspunkt des erwähnten, früheren, oberen Bregarms, wurde der Zusammenfluss von Brigach und Breg, und damit der daraus defi- nierte Donauursprung bereits drei Mal künstlich verlegt. Auch die Mäander unterhalb des Zusammen- flusses wurden begradigt, und zwar der Mäander im Gewann „Burghof“ bereits um 1850 4 und der Mäander im Bereich der heutigen Fa. Winter- mantel im Rahmen umfangreicher Kiesgewin- nungsaktivitäten im Umfeld des Donauzusam- menflusses in den 1960er Jahren. Die Begradigung der Breg Die Begradigung der Breg im Bereich von der Bahnbrücke Allmendshofen bis zur Mündung erfolgte Anfang des vorigen Jahrhunderts. Der damit stillgelegte Altarm im Haberfeld wurde vorwiegend nach dem 2. Weltkrieg als städtische Müllkippe genutzt. Am Hüfinger Kofenweiher, einem ehemali- gen Baggersee für die Kiesgewinnung, erfolgte Anfang des 19. Jahrhunderts eine Begradigung.


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Umwelt und Natur Der Weiher befindet sich heute exakt auf der ab- geschnittenen Flussschlinge der Breg. Am alten Flusslauf befand sich eine wasserkraftbetriebene Gipsmühle, welche durch einen Gewerbekanal gespeist wurde. Im Bereich des Hüfinger Stadtgebietes ist der Verlauf der Breg schon relativ alt und von der mittelalterlichen Wasserkraftnutzung geprägt. Auch war der Fluss Teil des mittelalterlichen Ver- teidigungssystems. Aufgrund der wiederkehren- den Hochwasser wurden die Flussbette, Kanäle und Dämme jedoch sukzessive ausgebaut, im Wesentlichen zwischen den beiden Weltkriegen. Östlich von Bräunlingen im Bereich des Ge- werbegebietes Niederwiesen erfolgte um 1960 eine umfangreiche Begradigung der Breg, welche sich mit Hilfe von Luftbildern gut veranschauli- chen lässt. Dadurch konnte das Gewerbegebiet besser vor Hochwasser geschützt werden und es wurden Flächen für weitere Gewerbeansiedlun- gen sowie für Sportanlagen gewonnen. Auf Höhe von Bräunlingen erfolgte bereits in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine umfang- reiche Verlegung und Kanalisierung der Breg, um die Stadt besser vor Hochwasser zu schützen so- wie zur besseren Nutzung der Wasserkraft für die dortige Mühle (heute Fa. Straub) 4. Zuvor floss die Breg direkt auf die Altstadt zu. Zwischen Vöhrenbach und Wolterdingen ist das Bregtal relativ eng und wenig besiedelt. Da- 284 Der Kofenweiher in Hüfingen befindet sich auf einer abgeschnittenen Flussschlinge der Breg. her gab es keine wesentlichen Veränderungen des natürlichen Verlaufs. Im oberen Bregtal zwi- schen Vöhrenbach und Furtwangen erfolgten hingegen einzelne Begradigungen. Circa 1952 wurde eine Bregschleife oberhalb der Ursbach- mündung begradigt. Die alte Flussschleife ist heute noch erkennbar. Eine weitere Flussschleife wurde im Bereich des Erhartenhofes begradigt und verfüllt. Eine deutliche Korrektur gab es um 1970 unterhalb des Zusammenflusses von Vor- derer und Hinterer Breg im Bereich der heutigen Hochschule Furtwangen University. Breg bei Vöhrenbach – die alte Flussschleife ist noch erkennbar.


Historische Flussregulierungen zu erschließen für die sich ausweitende Ansied- lung von Wohnhäusern und Gewerbebetrieben. Der Ausbau in heutiger Form um die Altstadt von Villingen herum bis zum Warenburgplatz erfolgte bereits zwischen 1875 und 1906 unter der Bezeichnung „Trockenlegung der Stadt“ 8, Im Groppertal wurde die Brigach beim Ausbau der Schwarzwaldbahn mit Hilfe eines Tunnels durch den Berg geleitet. 285 Die Breg östlich von Bräunlingen, links Luftbild aus dem Jahr 1956, rechts Luftbild von 1962. Brigach: Von den Mühlen zeugen nur noch Namen Das Brigachtal zwischen Villingen und Donau- eschingen macht auch heute noch eine relativ natürlichen, ländlichen Eindruck. Jedoch erfolg- ten auch hier zahlreiche Flussbegradigungen. Eine in ganz Deutschland fast einzigartige Art der „Korrektur“ wurde 1872 beim Ausbau der Schwarzwaldbahn im Groppertal gewählt 8. Dort wurde die Brigach einfach durch den Berg gelei- tet. Auf einer Länge von ca. 200 Metern fließt die Brigach bis heute durch einen freitragenden Felstunnel. So konnte man beim Bau der Trasse auf zwei Flussquerungen bzw. zwei Brückenbau- werke verzichten. Zwischen Kirnacher Bahnhof und der Peter- zeller Straße am heutigen Stadtrand von Villin- gen ist der Gewässerverlauf noch weitgehend mittelalterlich geprägt. Der Fluss ist in Flussarme aufgeteilt. Von den vielen, ehemaligen Mühlen dort zeugen bis heute die Namen Rindenmüh- le, Feldnermühle und Hammerhalde, benannt nach dem ehemaligen wasserkraftbetriebenen Hammerwerk. Ähnlich geprägt, mit zahlreichen Mühlen, war die Brigach noch im 19. Jahrhundert im weiteren Verlauf um die Altstadt von Villin- gen herum. Zwischen der Peterzeller Straße und Eisweiher erfolgte 1906 bis ca. 1930 ein Ausbau der Brigach mit Begradigung und Vertiefung des Flussbetts vorwiegend mit dem Zweck, Flächen


Umwelt und Natur was darauf hindeutet, dass die Altstadt bis da- hin nicht nur regelmäßig von Hochwassern, sondern auch von hohen Grundwasserständen beeinträchtigt wurde. Der Flussabschnitt von der Einmündung des Warenbachs bis zur Brücke der Verbindungsstraße Marbach-Rietheim wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert ausgebaut bzw. begradigt. Südlich dieser Straße im weite- ren Verlauf sind zwar auch heute noch natürlich anmutende Mäander zu sehen, diese entspre- chen jedoch nicht dem natürlichen Verlauf von vor 1970. In ähnlicher Weise erfolgte die Begradigung im Bereich von Klengen/Überauchen Anfang der 286 Die Villinger Altstadt ist „trockengelegt“ – heute fließt die Brigach um den historischen Stadtkern herum. 1970er Jahre. Wie im aktuellen Luftbild zu erken- nen ist, ist hier ein kompletter Altarm südlich der Verbindungsstraße sowie ein „Stummel“ nörd- lich der Verbindungsstraße erhalten geblieben. Ursprünglich floss der Hauptarm zur Mühle von Klengen, deren Gebäude heute nicht mehr direkt am Fluss liegt. In den 1970er Jahren lagen Planun- gen zum weiteren Ausbau der Brigach vor, wel- che jedoch nicht mehr verwirklicht wurden, da


Historische Flussregulierungen Die Brigach bei Marbach, links Luftbild von 1956 und rechts die heutige Situation. Rechts Marbach mit Bahnhof, unten erkennbar der ehemalige Mühlkanal von Marbach, der dem natürlichen Verlauf von vor 1850 entspricht. Damals lag Marbach direkt an der Brigach. Der geradlinige Verlauf westlich der Bahnlinie wurde als Entlas- tungs kanal angelegt 4. Heute fließt nur noch der Talbach im alten Brigachbett. Die Brigach bei Klengen, links Luftbild von 1968, rechts die aktuelle Situation. Hier blieb ein kompletter Altarm erhalten. 287


Umwelt und Natur Plan zur Gewässerrenaturierung an der jungen Donau (unten rechts: Kläranlage Donaueschingen) 6 und die erfolgte Umsetzung. 288


der herkömmliche Ausbau zunehmend kritisch betrachtet wurde. Bei Grüningen wurden beim Bau der Schwarz- waldbahn zwei Altwasser abgeschnitten, welche heute noch erkennbar bzw. erhalten sind: ober- halb und unterhalb von Grüningen jeweils öst- lich der Bahnlinie. Der Bereich zwischen Beckho- fen und Donaueschingen blieb weitgehend un- verändert bis auf eine Flussverlegung im Bereich Mühlwiesen unmittelbar am Stadtrand Donau- eschingens in den 1970er Jahren. Im Stadtbereich wurde die Brigach während des 19. Jahrhunderts in der heutigen großen Schleife kanalisiert und mit einem großzügigen Querschnitt ausgebaut 3. Viele Bäche wurden begradigt und kanalisiert Viele weitere kleinere, insbesondere stark mä an- drierende Flüsse und Bäche wurden vor allem im 19. Jahrhundert begradigt oder kanalisiert. Dies lässt sich zum Beispiel für die Eschach, für die Köthach oder für die Aitrach anhand historischer Karten zeigen, würde aber den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Auch in jüngster Zeit erfolgen wasserbau- liche Maßnahmen, meist mit den Zielen, den Hochwasserschutz zu verbessern und/oder das Gewässer zu renaturieren. Als bei weitem um- fangreichste Maßnahme ist das Hochwasser- rückhaltebecken Wolterdingen zu nennen. Umgestaltung der Donau Im September 2013 wurde mit der Umgestaltung der Donau unterhalb des Zusammenflusses von Brigach und Breg begonnen. Träger der Maßnah- me ist das Regierungspräsidium Freiburg durch den Landesbetrieb Gewässer von der Außenstel- le Donaueschingen aus. Die Maßnahme erstreckt sich auf einer Länge von ca. einem Kilometer zwi- schen dem Pegel Donaueschingen und dem Ried- graben. Die Kosten für die Maßnahme betragen etwa 1 Mio. €, davon finanzierte ein EU-Förder- programm knapp die Hälfte. Die Europäische Wasserrahmenrichtlinie for- dert für alle Gewässer das Ziel des „guten ökolo- Historische Flussregulierungen gischen Zustands“ zu erreichen. Hierfür sind an der Donau besonders an den in früheren Jahren naturfern befestigten und begradigten Strecken die Sohl- und Uferstruktur zu verbessern und die Strömungsvielfalt zu erhöhen. In der Vorbereitung dieser Maßnahme hat das Land bereits in früheren Jahren die für eine naturnahe Entwicklung der Donau benötigten Flächen erworben. Um die eigendynamische Entwicklung des Gewässers anzustoßen, wurde nun die beim früheren Ausbau durch massive Be- festigung in ein Korsett gezwängte Donau wie- der entfesselt. Bei den Bauarbeiten wurde das Mittelwasserbett der Donau aufgeweitet und die harte Verbauung aus dem Gewässerbett und den Ufern entfernt. Durch den Einbau von Strömungslenkern, so genannten Buhnen, wurde die Fähigkeit zur Eigenentwicklung angestoßen, so dass sich im Laufe der Zeit wieder naturnahe Bedingungen einstellen und natürliche Gleit- und Prallufer entwickeln können. Dabei werden neue, vielfäl- tige Lebensräume im Wasser, am Ufer und in den Randstreifen entstehen. Quellenangaben: 1 Topographische Landeskarte 1895, Blatt Geisingen, LGRB, 1984 2 Höhnle, W., 1986, Donaueschingen in alten Ansichtspost- karten, 1986 3 Huth, Volkhard, Donaueschingen Stadt am Ursprung der Donau, 1989 4 Topographische Karte über das Großherzogtum Baden, Blatt 36 und 43 von 1845/48 5 Schmitt’sche Karte von Südwestdeutschland vom Jahre 1797 6 Regierungspräsidium Freiburg, 2014 7 Hund, Dr. Andreas, Donaueschingen und die Donau, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar, 19. Heft, 1933 8 Rodenwaldt, Dr. Ulrich, Das Leben im alten Villingen, Band II, Geschichts- und Heimatverein Villingen Jahres- band 1990/1991 289


13. Kapitel Sport Michael Kienzler – als Sportfotograf bei der Fußballweltmeisterschaft Der renommierte Fotograf aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis war schon bei vielen großen Sportevents rund um die Erde im Einsatz von Martina Zieglwalner „Das sind Bilder, die ich nie vergesse“, stellt er fest und beschreibt eine der letzten Szenen der Fußballweltmeisterschaft, die sich ihm besonders ins Gedächtnis gebrannt hat: als Lukas Podolski nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft in Rio de Janeiro mit seinem Sohn Louis aufs Spielfeld zurückkommt und in aller Ruhe mit ihm eine Runde kickt. Überhaupt die Riesenfreude und die Ausgelassen- heit der deutschen Nationalspieler, die er hautnah miterlebt hat: Der Fotograf Michael Kienzler aus Gremmelsbach war für die Agentur Pressefoto Ulmer in Brasilien im Einsatz. 290 290


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Sport Zweimal den zweiten Platz gab es beim Wettbewerb „Sportfotos des Jahres“ für Michael Kienzler für die Fotos oben. „Da prasseln Emotionen im Sekundentakt über einen herein, an allen Ecken passiert etwas. Für mich wird auch immer in Erinnerung bleiben, wie unser Schwarzwald-Kollege Jogi einsam zu den Fans lief, in Gedanken wie Beckenbauer damals, und dann in der Kurve jubelte. Drei Minuten gab er Vollgas, das ist für einen Schwarzwälder extreeeeem“, hat Michael Kienzler in seinem Face book-Tagebuch festgehalten. Und er muss es wissen: Der 46-Jährige stammt aus Grem- melsbach, hat auf den Fußballplätzen rund um Triberg seine ersten Erfahrungen mit der Sport- fotografie gesammelt. 292 Zweimal zweiter Platz beim Wettbewerb „Sportfoto des Jahres“ Dass ihn sein Weg in die Stadien dieser Welt führt, hat er nicht geahnt. Als sein Vertrag bei der Stadtverwaltung Triberg am Auslaufen war, schaute er Mitte der 90er Jahre in der Lokalre- daktion Triberg des Schwarzwälder Boten vorbei und fragte nach Arbeit. Termine gab es zuhauf, bald kaufte er sich eine Kamera und schoss sein erstes Sportfoto beim Triberger Fußballclub. Nach dem Volontariat und einigen Monaten als Lokalredakteur in St. Georgen packte ihn der Ehrgeiz: Er ergatterte einen Volontariatsplatz bei der renommierten Hamburger Agentur Bongarts Sportfotografie, die heute zu Getty Images zählt. Die Karriere führte steil nach oben: Zwei Mal landete Kienzler bei dem von der Welt am Sonn- tag ausgeschriebenen Wettbewerb um das Sport- foto des Jahres auf dem zweiten Platz. Ob die Olympischen Winterspiele in Salt Lake City, die Sommerspiele in Athen, Peking oder London, der 46-Jährige hat Wettkampfstätten rund um die Erde gesehen und ist immer wieder aufs Neue fasziniert von den Eindrücken. Bei Bongarts war er zudem für den ganzen Süden verantwortlich, an einem langen Sportwochenende ging es da schon mal von Frankfurt nach München und über Südtirol nach Genf. Nach Jahren, in denen er vie- le Nächte auf Autobahnparkplätzen verbrach- te, hat er inzwischen seinen Ruhepol in Villin- gen-Schwenningen gefunden, genießt die sport- liche Vielfalt in der Region, in der er wieder für den Schwarzwälder Boten arbeitet. Michael Kienzler hat seine Nische gefunden und sich mit der Agentur Kontur Photo selbstständig gemacht. Ab und an bricht er aber immer noch zu seinen Abenteuern im internationalen Sportgeschehen auf – so wie in Sachen Fußball WM. Wenn Lukas Podolski nach dem gewonnen Weltmeis- tertitel von 2014 erst mal mit Sohnemann Louis eine Runde Fußball spielt. Michael Kienzler saß bei den WM-Spielen nur wenige Meter von den Fußballstars weg.



Sport Impressionen aus einem fußballverrückten Land. An den „freien“ WM-Spieltagen fotografierte Michael Kienzler auch den Handel mit Schwarzwalduhren oder eines der Wahrzeichen von Rio, die Jesus-Statue Cristo Redentor. Gerade die Fußball-Weltmeisterschaft hat es ihm angetan. „Es ist das größte Sportereignis der Welt, und es ist ein Privileg, dabei sein zu dürfen“, gibt sich der Schwarzwälder bescheiden, dass er nach den Turnieren in Deutschland und Südafri- ka zum dritten Mal in der vordersten Reihe dabei war. So versucht er auch beim Fotografieren, sich selbst zurückzunehmen, nicht an die Begegnung mit den Stars zu denken, sondern mit dem Blick aus der Distanz auf die Jagd nach den besten Fo- tos zu gehen. Wie jetzt in Brasilien, als er sich mit hunderten von Kollegen messen musste, alle in der Hoffnung auf Schnappschüsse, die kein an- derer hat. Zwischen 2.000 bis 3.000 Bilder ka- men da pro Fußballspiel zusammen, 200 bis 300 Aufnahmen sendete er direkt von der Kamera via Internetverbindung in die zentrale Leitstelle der Agentur in Bremen, die sie samt Bildunterschrift dann an die Medien verschickte. „Da freut man sich über jeden Abdruck“, schildert Kienzler den Konkurrenzkampf und ist stolz, es mehrmals bis in die Bild-Zeitung gebracht zu haben. Hinter all der Spontanität versteckt sich aber eine akribische Planung, die schon lange vor der WM beginnt – beginnen muss. In der Gruppen- phase galt es, die Favoriten abzulichten, Mann- schaftsbilder von Italien, Spanien oder Holland zu schießen und die Spieler der deutschen Bun- desliga in Aktion zu erwischen. Sponsoren und Ausrüster hatten Spezialaufträge geordert, um ihre Sportler und das Material ins richtige Licht zu rücken. 294


Souvenirhändler an der berühmten Copacabana in Rio de Janeiro. Fußball wird in Brasilien überall gespielt – natürlich auch hier oder in Innenhöfen. Unten links das WM-Stadion Estádio do Maracanã in Rio. Ein guter Platz im Stadion ist entscheidend Beim Viertel-, Halbfinale und dem Endspiel stieg der Druck, in den Stadien einen guten Platz zu ergattern, möglichst am richtigen Tor zu stehen und die spannendsten Situationen einzufangen. „Das macht den Reiz an der Sportfotografie aus, dass man nie weiß, wie es ausgeht“, begründet Kienzler die Faszination für einen Beruf, der ihn jeden Tag vor neue Herausforderungen stellt. Im Wettlauf um die besten Fotos reiste er quer durch Brasilien, hat Fans aus aller Welt ebenso kennengelernt wie Kollegen und Ein- heimische. Da erzählt er von Fotografen aus Russland oder Indien, die über keine eigene Aus- rüstung, sondern nur über eine Akkreditierung verfügen und sich bei den Servicestationen von Nikon oder Canon Kamera und Objektive auslei- hen, von Fachsimpeleien mit fußballverrückten Amerikanern oder das Aufeinandertreffen mit Fußballern und Co-Moderatoren wie Mehmet Scholl und Oliver Kahn, mit denen er morgens um 4 Uhr am Gepäckband im Flughafen warte- te, oder dem ehemaligen VfB-Spieler und neuem Brasilien-Trainer Carlos Dunga. Kaum fassen kann er bis heute, mit welcher Leidenschaft die Brasilianer mit ihrer Seleção mitfieberten. „Für das fußballvernarrte Volk ist der Sport die zweite Religion.“ Er hat die Men- schen weinen und lachen sehen, bei der Übertra- gung eines Spiels im Straßencafé alle Emotionen erlebt. 295


Michael Kienzler als Fotograf bei der Fußball-WM Ein Bild, das um die Welt ging: Philipp Lahm besucht den verletzten Kapitän Michael Ballack bei der WM in Südafrika, rechts Nationaltrainer Joachim Löw. In fünf Wochen Land und Leute kennengelernt Überhaupt bleiben ihm die Eindrücke abseits des Spielfelds in Erinnerung. Da er fünf Wochen lang bei einer einheimischen Familie wohnte, lernte er Land und Leute kennen. Natürlich besuchte er die Copacabana, den Zuckerhut oder die Christus- statue auf dem Berg Corcovado, war aber auch abseits der Touristenströme unterwegs, schwärmt von den Churrascarias, den Fleischrestaurants, ist auf der anderen Seite entsetzt über die große Kluft zwischen Arm und Reich. Die Geschichten sprudeln nur so aus Michael Kienzler heraus, mit einem Schmunzeln berichtet er von manchem Taxifahrer, der einen Ausländer gerne mal über Umwege zum Ziel bringt oder trotz Navigations- gerät die Adresse nicht findet. Dennoch hat er es immer rechtzeitig in die Stadien geschafft. „Adrenalin gehört dazu, keine Angst, aber Aufgeregtheit.“ Das schießt ihm vor allem bei Fotoaufträgen durch die Adern, denn oft gibt es nur eine Chance, im richtigen Moment abzudrücken. 296 Schon bei der WM 2010 in Südafrika kam es zu einer Episode der besonderen Art: Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) sollte er ein Bild des verletzten Michael Ballack bei seinem Besuch im Teamhotel machen. Nur wenige Augenblicke blieben ihm für die Aufnahme des Mannschafts- kapitäns mit seinem Vertreter Philipp Lahm und Nationaltrainer Joachim Löw. Später lief das Foto immer wieder als letztes Zusammentreffen von Ballack und Lahm über den Ticker. „Ich war schon immer an den Jungs dran, aber so nah war ich ihnen noch nie“ Auch Ersatztorwart Ron-Robert Zieler brachte den Schwarzwälder ordentlich ins Schwitzen. Für den Ausrüster hieß es, den Schlussmann mit sei- nen Handschuhen in Szene zu setzen. Doch der hielt sich weder an die Abmachung, zur verab- redeten Zeit an die Mittellinie zu kommen, noch hatte er Lust, auf der Ersatzbank seine Hände Richtung Kamera zu strecken. „Erst Poldi hat ihn mit seinen kölschen Sprüchen motiviert, doch noch mitzumachen“, nennt der 46-Jährige einen weiteren Grund seines Faibles für den National- spieler. Dem stand er bei der WM ebenso gegenüber wie Weltstar Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Mit zu den Höhepunkten in der bisherigen Lauf- bahn gehört für den Fotografen das Endspiel im Maracanã-Stadion. Der Geräuschpegel im Stadi- on, der Jubel und Trubel, als mit Mario Götzes Tor in der Verlängerung die Entscheidung gefallen war. „Mein eindrücklichstes Erlebnis war schlicht, vor der Siegerehrung einen Meter weg von den Spielern zu stehen, und zu hören, wie sie scher- zen. Thomas Müller einen Witz mit Götze macht und alle lachen – näher dran geht nicht“, bringt der Fotograf seine Zeit in Rio de Janeiro auf den Punkt. „Die hatten einen Riesenspaß auf dem Feld und vergnügten sich wie Buben“, hat er die Szenen noch vor Augen. Michael Kienzler freut sich indes selbst wie ein Kind über ein Foto, das es via Facebook bis in die Heimat geschafft hat: er und Lukas Podolski Arm in Arm. „Ich war schon immer an den Jungs dran, aber so nah war ich ihnen noch nie.“


x Mario Götze schießt das 2:1 gegen Argentinien – Michael Kienzler hat das goldene Tor festgehalten, nur Sekun- den später steht es via Internet allen Nachrichtenredaktionen dieser Welt zum Abdruck zur Verfügung. Haut- nah erlebt der Fotograf den Jubel der deutschen Spieler über den gewonnen WM-Titel. Unvergesslich! 297


Sport Stefan Wirbser, Präsident des Skiverbandes Schwarzwald, ehrt Martin Schmitt mit dem „Goldenen Ski“. Martin Schmitt, einer der erfolgreichsten deutschen Skispringer, ist in Hinterzar- ten im Rahmen der Deutschen Meisterschaft offiziell verabschiedet worden. Die dortige Rot- haus-Schanze im Adler-Skistadion fungierte für ihn über zwei Jahrzehnte hinweg als Trainings- stützpunkt. „Hier habe ich sicher über tausend Sprünge absolviert und damit die Grundla- gen für die vielen Erfolge gelegt“, betonte der 36-jährige Team-Olympiasieger und vierfache Weltmeister. Nach dem Abschluss seines Studiums an der Sport-Akademie in Köln im Herbst 2015 möchte Martin Schmitt als Trainer beim Deut- schen Ski-Verband einsteigen. Sein Debüt im Weltcup gab der Tannheimer, der all die Jahre für den Skiclub Furtwangen an den Start ging und heute in Freiburg lebt, am 4. Januar 1997. Im gleichen Winter gewann er mit der Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Trondheim (Norwegen) Bronze. Zwei Jahre später holte er in Ramsau (Österreich) und 2001 in Lahti (Finnland) jeweils Gold im Einzel und mit dem Team. Weitere Medaillen gab es u.a. bei den Welttitelkämpfen in Liberec, Oberst- dorf und 2011 in Oslo. Bei Olympischen Spielen Martin Schmitt verabschiedet gewann Schmitt 1998 in Nagano (Japan) und 2011 in Vancouver (Kanada) Silber und 2002 in Salt Lake City (USA) Gold mit dem Team. „Chapeau, Martin! Du bist mit Jens Weißflog zusammen der erfolgreichste Skispringer in der deutschen Wintersportgeschichte“, würdigte ihn Präsident Stefan Wirbser vom Skiverband Schwarzwald am 6. September 2014 und über- reichte den „Goldenen Ski“. (Mehr zu Martin Schmitt findet sich im Almanach 2000, 2010 und 2013.) 298


Umringt von Fans – Skispringer Martin Schmitt bei seiner Verabschiedung. (Fotos: Patrick Seeger) x 299


14. Kapitel Gastlichkeit Die Schwarzwälder Kirsch torten- Erfolgsgeschichte aus Triberg von Daniela Schneider Claus Schäfer ist ein zufriedener Mann, das sagt er selbst. Dass es so ist, liegt unter ande- rem an einem süßen Backwerk, an dessen Erfolgsgeschichte der Triberger Konditormeister mitgeschrieben hat: Gemeint ist die Schwarzwälder Kirschtorte. „Die Königin der Torten“, sei sie, so steht es im Info-Flyer, der im Café oder auch in der Triberger Tourist-Info zu haben ist und der erklärt, weshalb der Traditionsbetrieb in der Hauptstraße der Wasserfallstadt und die Kirschtorte untrennbar miteinander verbunden sind. Und die Torte ist nun auch ein „nationales Kulturgut“, sie hat einen Platz im Haus der Geschichte in Bonn erhalten. Um die Zusammenhänge zu verstehen, muss man sich in die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurückversetzen: Damals nämlich verbrachte ein gewisser August Schäfer als jun- ger Mann seine Lehrzeit am Bodensee. Nach sei- nem erfolgreichen Abschluss kam er 1929 mit ei- nem Rezeptbuch in der Tasche nach Triberg. Wie es der gute Brauch war, hatte er in dem Büchlein fein säuberlich und akribisch das Grundwissen des Handwerks notiert. Aber auch ein recht Claus Schäfer präsentiert die nach dem Originalre- zept (unten) gebackene Schwarzwälder Kirschtorte. 300


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Die Schwarzwälder Kirschtorten-Erfolgsgeschichte aus Triberg neues Rezept, nämlich das für „Schwarzwälder Kirsch“, hatte der frischgebackene Konditor da- rin festgehalten. Die Idee zu dieser interessanten Kreation stammte von Schäfers Lehrmeister Josef Kel- ler (1897-1981) aus Radolfzell. Dieser wiederum hatte einst im Bad Godesberger Café Agner sei- nen Dienst versehen und hatte sich dort anno 1915 ausgedacht, unter Kirschen mit Sahne ei- nen Schokoladenboden zu legen, einen Schuss Kirschwasser dazuzugeben und das Ganze mit Schokostreuseln zu dekorieren. Die Gäste waren begeistert, die Torte wurde ein echter Renner. Im eigenen Café mit Konditorei verfeinerte Kel- ler dann in der Heimat am Bodensee das Rezept und gab sein Wissen schließlich an seinen Lehr- ling August Schäfer weiter, der es dann in den Triberger Familienbetrieb überlieferte. Frische Zutaten in guter Qualität verstehen sich von selbst Seitdem ist das Rezept im Schäferschen Famili- enbesitz und seitdem wird den Gästen im Café die Kirschtorte angeboten. August Schäfers Sohn Claus ist längst in die Fußstapfen des Vaters ge- treten und auch er fertigt seine Kirsch torte seit Jahrzehnten nach dem Originalrezept. Das ist ihm wichtig. Fertigprodukte kommen da jedenfalls nicht in die Tüte, und dass die verwendeten fri- schen Zutaten gute Qualität haben müssen, ver- steht sich für Schäfer von selbst. Das Kirschwas- ser – essentieller Bestandteil – kommt aus dem Betrieb seines Vertrauens in Kappel-Rodeck, im- merhin „am Rande des Schwarzwalds“. Seinen Buttermürbteigboden backt er natürlich selbst, ebenso wie die Bisquitschichten, die im Übrigen für den „besonderen Pfiff“ noch mit Marzipan versehen werden. Wichtig ist, dass die Sahne „ganz leicht aufgeschlagen wird.“ Die Kirschfül- lung muss geduldig eingekocht werden. „Etwas Gutes braucht Zeit“, kann der Konditormeister da nur sagen. Der Vollständigkeit halber sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass es auch an- dere Entstehungstheorien in Sachen Kirschtor- te gibt. So soll es demnach der Konditormeister Erwin Hildenbrand gewesen sein, der die Torte im Café Walz im Tübingen ersonnen habe. Auch die Schweiz war schon als Ursprungsland in der Diskussion. Und dann wäre da noch die ziemlich abenteuerliche Geschichte von einem persischen Eunuchen. Als Chefkoch eines Harems soll die- ser die doch einigermaßen zweifelhafte Aufgabe gehabt haben, den von ihm betreuten Damen zu möglichst üppigen Körper-Formen zu verhelfen. Aus diesem Grund habe er sich die kalorienrei- Nicht nur die Kirschtorte, auch die von Schokolade ummantelte, nach einem Spezialrezept in Handarbeit gefertigte Schwarzwald-Kirsche mit gewachsenem Stiel ist seit 1952 eine viel beachtete Spezialität des Café Schäfer. 302


x Gäste aus aller Welt genießen im Café Schäfer in Triberg die nach dem Originalrezept gebackene Schwarzwäl- der Kirschtorte. Auch die Schauspielerin Christine Neubauer und der weißrussische Botschafter haben sich die Torte in Triberg servieren lassen. Nach Nord- baden ging eine große Lieferung an eine dort weilende arabische Scheichfamilie und kürzlich nahm eine Attachédelegation aus Singapur im Gastraum Platz, um die süße Sünde für den mög- lichen Besuch eines Staatsgastes vorzukosten. Mitunter wird der ganze Torten-Rummel Claus Schäfer, seiner Frau und seinem Sohn, die beide im Betrieb mitarbeiten, schlichtweg zu viel. Der Chef sagt: „Ich will nicht als der Kirschtortenpapst dargestellt werden. Wichtig ist mir, dass das Handwerk passt und die Qualität stimmt – dann kommen auch die Gäste, und zwar nicht nur ein- mal, sondern immer wieder.“ che, unwiderstehliche Torte ausgedacht. Claus Schäfer winkt lachend ab: Alles Quatsch, er kennt das Originalrezept, er hat alle dazugehörigen Unterlagen fein säuberlich aufbewahrt, das sei „alles belegbar“. Geheimtipp im Schwarzwald Kein Zweifel, die Kirschtorte ist bekannt und be- liebt auf der ganzen Welt. Von einem regelrech- ten „Kirschtorten-Boom“ könne man seit rund 15 Jahren sprechen, berichtet Claus Schäfer. Seither rennen ihm auch die Medien immer wieder die Backstube ein. Regionale und überregionale Zei- tungen und Zeitschriften berichten über seinen Betrieb und dessen Spezialität. Auch Fernseh- teams gaben sich schon öfters die Klinke in die Hand. Bordzeitschriften von Fluggesellschaften erwähnen das Café ebenso wie Reiseführer. So auch der weltweit gern genutzte Lonely Planet, der diesen Ort als Geheimtipp im Schwarzwald ausgibt. Gäste aus aller Herren Länder von China bis Amerika und aus ganz Europa schauen seither gerne rein und probieren das feine Naschwerk. „Besonders viele Engländer kommen zu uns“, freut sich Claus Schäfer. Kein wirkliches Wun- der ist das indes, schließlich war die BBC auch schon da. Die auf der britischen Insel bekannten TV- Köche „Hairy Bikers“ haben sich das Kirsch- tortenrezept geben lassen und den „Black Forest gâteau“ dann sogar – übrigens tatsächlich mit- ten im Wald – öffentlichkeitswirksam nachge- backen.


Gastlichkeit Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal Gaby und Peter Weißmann setzen auf regionale Küche von Josef Vogt Sicherlich gibt es nicht mehr sehr viele Gemeinden in Baden-Württemberg, die bezogen auf die Einwohnerzahl eine so stattliche Anzahl von guten Gastronomieadressen vorzu- weisen haben, wie dies in Brigachtal der Fall ist. Dies liegt auch daran, dass in Brigachtal die örtliche Gastronomie von den Bewohnern sehr geschätzt und häufig in Anspruch genommen wird. Natürlich ist es den Betrieben aber auch gelungen, ihren Ruf im Um- land entsprechend hochzuhalten und mit einem regional ausgerichteten Angebotspro- fil Gäste aus Villingen, Donaueschingen und Bad Dürrheim an sich zu binden. Für den „Sternen“ im Ortsteil Klengen treffen beide Faktoren zu. Einerseits ist es dem Gast- wirtssohn Peter Weißmann gelungen, den von den Eltern Alex und Lucia Weißmann 1994 über- gebenen Betrieb nicht nur fortzuführen, sondern in der Folge auch auszubauen. Durch grundle- gende Umbaumaßnahmen hat er die Vorausset- zungen dazu geschaffen, dass sich das Gasthaus mit Nebenerwerbslandwirtschaft zu einem mo- dernen Restaurant- und Beherbergungsbetrieb entwickeln konnte. So hat der „Sternen“ im Hauptrestaurant nun 70 Sitzplätze und in einem Nebenzimmer 40 Sitzplätze vorzuweisen. Im Sommer kommen noch 24 Plätze auf der Terras- 304 se dazu. Mit 42 Zimmern und 63 Betten hat der Beherbergungsbetrieb Sternen eine für ländliche Verhältnisse beachtliche Größe. „Wir haben im Vergleich zu vielen anderen Betrieben eine sehr gute Auslastung“, freut sich Gaby Weißmann. So waren die „Schürzenjäger“, „Oberkreiner“ und auch schon Tony Marshall zu Gast. Aber auch die vielen Künstler, die im Rah- men des Kulturellen Herbstes in der Martinskir- che jährlich auftreten, übernachten zumeist im Sternen. Insgesamt sind es aber die Stammgäste, d.h. die vielen Monteure, Vertreter und Ferien- gäste, die die gute Belegung ausmachen. Schon früh war klar, dass Peter Weißmann einmal die Sternenwirtsgeneration fortsetzen wird. Deshalb absolvierte er auch im renommier- ten Waldhotel Schrenk eine Kochlehre, in der er die notwendige fachliche Qualifikation zur ge- hobenen Restaurationsküche erwarb, die heute die Sternenwirtsküche auszeichnet. Außerdem hatte er das Glück, dass er in seiner Frau Gaby, die die Qualifikation zur Restaurationsfachfrau mitbrachte, eine gastronomisch versierte Part- nerin fand, mit der er den familiär ausgerichte- ten Gaststättenbetrieb führen kann. Modern und freundlich sind die 42 Hotelzimmer ausgestattet.


Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal Gaby und Peter Weißmann haben den traditionsreichen Sternen von Grund auf saniert. Während sich Peter Weißmann höchst per- sönlich um den Küchenbetrieb kümmert und auf die Qualität der Speisen durch den Einkauf von hochwertigen Zutaten und die sachgerechte Zu- bereitung achtet, ist seine Frau Gaby die perfekte Gastgeberin, die dafür sorgt, dass die Übernach- tungsgäste bestens gerichtete Hotelzimmer vor- finden und die Restaurantgäste an einladenden Tischen Platz nehmen können. Regionale Produkte mit Sorgfalt zubereitet Auf die Frage nach seiner Küchenphilosophie, be- tont Küchenchef Peter Weißmann: „Ich mache keine Experimente. Ich richte mich nach den Wünschen der Gäste und verwende, wann im- mer möglich, regionale Produkte, die ich mit großer Sorgfalt zuberei- te.“ Auf seiner Speisekarte finden sich deshalb diverse Pfannen- und Bratgerichte vom Schwein, Kalb, Rind und Wild sowie Zubereitun- gen vom Saibling und Zander, die Im Hauptrestaurant verfügt der Sternen über 70 Sitzplätze. mit frischen Gemüsen, Salaten und verschiede- nen Beilagen wie Spätzle, Knödel und Kartoffeln ergänzt werden. Wenn Spargel, Pfifferlinge und Erdbeeren ihre Saison haben, dann stehen sie im Sternen hervorgehoben auf dem Speiseplan. Natürlich fehlen auch Schnitzel, Sauerbraten, Ochsenzunge, Kässpätzle und verschiedene Ves- pervarianten nicht im Angebot. „Solche Gerichte sind zeitlos und werden von meinen Gästen ein- fach erwartet“, so der Sternenwirt. Peter und Gaby Weißmann werden in ihrem Gasthaus nicht allein gelassen: Wie in einem Fa- milienbetrieb üblich, helfen alle mit. So haben sich Alex und Lucia Weißmann nach der Betriebs- 305


Gasthaus-Hotel Sternen Ein traditionsreiches Haus – der Sternen um die Jahrhundertwende. übergabe an Sohn Peter nicht einfach aufs Alten- teil zurückgezogen, sondern sie nehmen, sofern es ihre Gesundheit zulässt, nach wie vor verschie- dene Aufgaben im Gästebetrieb wahr. Alex Weißmann kümmert sich dabei um die Stammgäste und vor allem um den Donnerstags- stammtisch. Seinem phänomenalen Gedächtnis ist es zu danken, dass Ereignisse aus früheren Jahren der Gemeindegeschichte nicht in Verges- senheit geraten. Will man wissen wer, wann, wo und mit wem verheiratet ist oder wann jemand ein besonderes Jubiläum hat, dann schaut Senior Alex in sein akribisch geführtes Geschäftsbuch und kann präzise Auskunft geben. Ereignisreiche Geschichte Viele Jahrzehnte konnte der Sternen den größten und attraktivsten Saal vorweisen, so fanden na- türlich fast alle Veranstaltungen des Dorfes dort statt. So manche Ehe hatte ihren Anfang im Ster- nensaal, da sich dort die „Ledigen“ zum Tanz tra- fen. Überhaupt hat der Sternen eine lange und ereignisreiche Geschichte, deren Ursprung einige hundert Jahre zurückreicht. Immer wieder stößt man bei der Lektüre der Ortschronik von Klengen 306 auf eine Begebenheiten, die mit einem Sternen- wirt in Klengen zu tun hat. So ließ der Sternen- wirt J. N. Fischer im Jahr 1842 amtlich verkünden: „Diejenigen oder derjenige, welcher das Gerücht verbreitet, ich hätte zur Zeit in der Nacht vom 14-15 d.M. (gemeint ist die Klengener Brandnacht vom 14./15. Sept. 1842) dahier ausgebrochenen Brandes, mit dem Bier aufgeschlagen, erkläre ich die Maß zu acht Kreuzer. Was meine dermaligen zahlreichen Gäste der Wahrheit gemäß öffent- lich bestätigen.“ Für Peter und Gaby Weißmann, die mit Leib und Seele Wirtsleute sind, ist es selbstverständ- lich, dass das Wohl der Gäste im Mittelpunkt steht, dafür arbeiten sie täglich und richten den Sternen immer wieder aufs Neue aus. Gasthaus-Hotel Sternen Brigachtal Hochstraße 2 78086 Brigachtal Tel.: 07721/91860


Im Gasthaus Breitbrunnen werden Schwarzwald-Sportler satt Gastlichkeit Ausflugslokal wunderschön direkt an Unterkirnacher Wanderstrecke gelegen von Madlen Falke Tief inmitten des schönen grünen Unterkirnacher Schwarzwalds liegt das Gasthaus Breitbrunnen. Eine gemütliche Wanderstube, die den hungrigen und durstigen Sport- lern ein optimales Angebot bietet. Als Wander- und Langlaufparadies ist der Schwarzwald in Unterkirnach beliebtes Ausflugs ziel für Einheimi- sche und Touristen aus der ganzen Welt. Das Schwarzwald-Gasthaus Breitbrunnen liegt genau an einem dieser vielen Wanderwege, die im Winter als Loipe gespurt werden. Und was gibt es Schöneres, als sich nach einem ordentlichen Marsch oder einer Partie auf der Loipe in einer guten Gaststube zu stärken. Das Wirtshaus mit seiner langen Ge- schichte liegt ruhig an einem kleinen Weiher. Im Sommer lädt ein großer Biergarten mit 140 Plätzen die Wan- dersleute zum Einkehren ein, die Kin- der haben an der Rutsche mit Schau- kel ganz gewiss ihren Spaß. Stephan Zimmermann und sein Team bieten im Gasthaus Breit- brunnen eine regionale Küche und angenehmen Service. Historisches Gasthaus wurde 1530 erbaut Die Historie des Schwarzwald-Hauses geht lange zurück. 1530 wurde das kleine Gasthaus, das heu- te 60 Plätze im Inneren zählt, von Hans Nythart erbaut. Ursprünglich unter dem Namen Breiten Brunnen bekannt, war es jedoch nicht als Gast- haus, sondern lediglich als normales Wohnhaus für die Familie gedacht. 1842 dann brannte das Haus bis auf die Kellermauern ab. Das Ehepaar Baptist und Maria Neugart baute es wieder auf und eröffnete 1843 erstmals eine Gaststätte. 1894 erwarb die Stadt Villingen das Wirtshaus, um welches sich heute das Forstamt kümmert. Im Jahre 1933 übernahm Lukas Schreiber als Pächter den Breitbrunnen. Er und seine Familie bewirtschafteten das Anwesen bis zum Todes- jahr von Lukas Schreiber im Jahre 1975. Sie be- trieben eine Holzhauerei, räucherten Speck und im Lokal mit dem kleinen Schankraum gab es herzhafte Vesper mit Villinger Fortuna-Bier für die Gäste. Drei Jahre nach dem Tod des belieb- ten Pächters sanierte die Stadt das Haus grund- legend und investierte damals 530.000 Mark. Dabei wurden die Gasträume erweitert und die Gartenwirtschaft angelegt. 307


Gastlichkeit Bei Sonnenschein genießen die Gäste im Biergarten den Blick auf den schönen Schwarzwald. Wanderweg und Winterloipe gehen direkt am Lokal vorbei. Rechts: Rund 60 Sitzplätze bietet die gemütliche Schwarzwald-Stube im Inneren. Eine Familie Biegert betrieb dann das Lokal, allerdings nur als Vesper wirtschaft, in der aus- schließlich kalte Speisen oder Spiegeleier und Bratwürste serviert werden dürfen. Bis 1990 hat- ten Irmgard Biegert und ihr Mann die Wirtschaft inne, die auch immer wieder Veranstaltungen boten. Zehn Jahre lang, von 1995 bis 2005, gab es schließlich einen ständigen Wechsel. Bis Clau- dia und Helmut Gruber 2005 den Breitbrunnen übernahmen. Sie führten das Lokal bis 2012 wei- ter, das sich in den sieben Jahren weiterhin bei Einheimischen und Fremden großer Beliebtheit erfreute. Als die beiden den Betrieb vor zwei Jah- ren einstellten, nutzte die Stadt die Gelegenheit, um den Breitbrunnen nochmals zu renovieren. Dabei wurde abermals die ganze Gaststätte neu gestaltet. Neustart nach Umbau Neue Böden, eine neue Küche und eine neue Theke wurden installiert. Die Schwarzwald-Stu- be wurde außerdem insgesamt heller und einla- dender gestaltet. So wurden beispielsweise die urigen Dachbalken in einem angenehmen grau- farbenen Ton gestrichen und nahmen der dunk- len drückenden Decke so die Last. Mit dem Um- bau fand sich auch sogleich ein neuer Pächter, 308 der bis heute die Wirtschaft betreibt: Stephan Zimmermann, der selbst kräftig beim Umbau mit anpackte, ist heute zufrieden mit seinem gemüt- lichen Gasthaus. „Ich hätte selbst nicht gedacht, wie gut das hier laufen wird. Ich bin sehr zufrie- den“, freut sich der Wirt. Er ist gelernter Bäcker- meister, den leckeren Obstkuchen und der täg- lich frischen Schwarzwälder Kirschtorte eilt ihr guter Ruf voraus. An den Wochenende warten mindestens drei bis vier Kuchen auf die Gäste. In Trier geboren und in der Eifel aufgewach- sen, verschlug es Zimmermann in seiner Kind- heit zunächst nach Karlsruhe, wo er auch die Meisterausbildung absolvierte. „Schon als Kind bin ich bei meiner Oma und Mutter mit am Herd gestanden und habe in der Küche fleißig mitge- arbeitet“, erzählt der 31-Jährige. In seinen vielen Berufsjahren hat Zimmermann viele lehrreiche Stationen durchlaufen, davon einige Jahre auf der Insel Ibiza, auf der er in einem Hotel die Kü- che und die hauseigene Bäckerei geleitet hat, wo er auch das Kochen perfektionieren konnte. Nach den Jahren auf der Insel verschlug es den freundlichen Bäckermeister nach Vöhrenbach, und dort kehrte er in einer Bäckerei wieder zu seinen Wurzeln zurück. Es folgte eine eigene Bar in Furtwangen, die er von 2008 bis 2010 betrieb. Bis zur Übernahme des Breitbrunnens arbeitete Zimmermann dann noch in der einen oder ande-


ren heimischen Bäckerei. „Im Breitbrunnen bin ich nun endlich angekommen, das ist jetzt mein Wohnzimmer“, lacht der herzliche Wirt, der sich in seiner Freizeit auch mal wagemutig mit Fall- schirm bepackt aus einem Flugzeug stürzt. Saisonale und gesunde Küche An Sonnentagen ist das Gasthaus schnell gefüllt. Dann bewirten der Chef und seine sieben Mitar- beiter die Gäste mit einer zünftigen Karte. Neben Klassikern wie dem Wiener Schnitzel wechselt er als Koch verschiedene Gerichte je nach Sai- son auch immer wieder aus. Aktuell sind die Schweinshaxe und die Semmelknödel mit Wald- pilzsoße der absolute Renner im Breitbrunnen, deshalb haben sie es auch auf die Dauerkarte geschafft. Eine Aktionskarte, die monatlich wechselt, bietet den hungrigen Sportlern eine saisonale und gesunde Küche. „Wir kochen komplett aller- genfrei und ohne Zusatzstoffe. Unsere Zutaten kommen aus der Region. Das Fleisch ist von der Metzgerei Färber aus Villingen oder von meinem Vater aus Karlsruhe, das Obst und Gemüse vom Obstbauer Haller“, berichtet Zimmermann. Alles werde in dem Ausflugslokal frisch für jeden Gast zubereitet. Zur Winterzeit steht natürlich auch wieder Wild auf der Karte, im Sommer sind Sala- te und leichte Speisen beliebt. Seine eigens gemachten Bratwürste hinge- gen kommen zu jeder Jahreszeit bei seinen Gäs- ten an. Und wer sich die süße Sünde nicht ent- gehen lassen will, sollte in der kalten Jahreszeit den Zimmermannschen Apfelstrudel probieren. Wer wegen des leckeren Essens dann doch mal über die Strenge geschlagen hat, dem tun sicher- lich ein Honigschnäpsle, Ziebärtle oder Marillen- schnaps ganz gut. Zieht der Winter in den Schwarzwald ein, be- tont Zimmermann, kommen Gäste trotz seiner Abgeschiedenheit immer gut zu ihm durch. „Der Schneepflug fährt rund um die Uhr die Strecken hier hinten ab. Selbst im harten Winter 2012 bin ich jederzeit gut hergekommen“, weiß der Wirt zu erzählen. Sommers wie winters bietet der Wirt kleine Saison-Highlights an. Das Sommer- Gasthaus Breitbrunnen Stephan Zimmermann zaubert in seiner Küche stets frische, regionale Gerichte. fest hat bereits viele Freunde gefunden, denn mit Live-Musik und frischem Spanferkel inmit- ten des Schwarzwalds zu feiern, hat schon seinen besonderen Reiz. In der kalten Jahreszeit spielen von Zeit zu Zeit, die Termine sind stets auf der Homepage des Gasthauses nachzulesen, Blaska- pellen in der urigen Wirtschaft mit ihrem großen Kachelofen. Wer möchte, kann den Breitbrunnen auch für private Feiern komplett reservieren. „Ich habe hier schon Hochzeiten und schöne Geburtstage gehabt. Den Termin sollten Interessierte einfach frühzeitig mit mir abstimmen. Ich verlange auch keine Raummiete, sondern freue mich, wenn dann viel gegessen und getrunken wird“, lädt Zimmermann feierfreudige Besucher ein. Gasthaus Breitbrunnen Breitbrunnen 1 78089 Unterkirnach Tel.: 0 77 21 / 99 81 694 www.gasthaus-breitbrunnen.de 309


15. Kapitel Freizeit Eine Freizeit-Oase für die ganze Familie Der Streichelzoo in Kappel bietet Tiere zum Anfassen – Roland Heimburger betreibt die Anlage mit viel Herz und ganz ohne finanzielle Interessen von Philipp Jauch Der Schwarzwald ist in der ganzen Welt ein Begriff. Einige Sehenswürdigkeiten gel- ten jedoch im wahrsten Sinne des Wortes als verborgene Schätze, der Streichelzoo im Niedereschacher Ortsteil Kappel ist ein solches Juwel. Vor allem auch ein familienfreund- liches. Im Eschachtal, am Ostrand des Schwarzwaldes zwischen Villingen-Schwenningen und Rottweil gelegen, betreibt Roland Heimburger eine Frei- zeitanlage, die im Südwesten einmalig ist. Auf 6,5 Hektar erleben die Besucher Tiere frei und zum Anfassen. „15 Ziegen, zwölf Schafe, eine Kuh, zwei Ponys, ein Maultier, ein Esel, 25 Hühner, viele Enten und Vogelarten“ – wenn Roland Heimbur- ger aufzählt, was seine Gäste hier erwartet, klingt das ein wenig nach Inventur. Sachlich, nüchtern, unaufgeregt. Vor allem aber: bescheiden. Der Mann, der die Anlage im Jahr 2005 von der Gemeinde Niedereschach übernommen hat, strebt nicht nach Anerkennung. Er will ande- ren etwas Gutes tun und die Natur für Kinder erlebbar machen. Wirtschaftliche Ziele verfolgt der Unternehmer, der im Hauptberuf Anhänger baut, damit nicht. Der Streichelzoo, das ist sein Hobby. Auch deshalb hat er von Beginn an auf Eintrittsgeld verzichtet. „Ein anderer geht Ten- nis spielen oder Segelfliegen. Ich mach halt das“, kommentiert er knapp. Man spürt, dass Heimburger die Anlage am Herzen liegt. Wenige Meter vom Parkplatz ent- fernt hat er ein schmuckes Portal aufgestellt, dessen Tore immer geöffnet sind. „Ich wollte es bewusst einladend gestalten“, sagt er. „Das Tor steht auf, kommt herein!“ 310


Und die Besucher kommen aus der ganzen Region. Längst hat sich herumgesprochen, welch besonderer Ort der Ruhe und Entspannung sich hier am Rande des Wohngebiets erstreckt. Vor al- lem für Familien mit Kindern ist der Streichelzoo ein wunderbares Ausflugsziel. Hier dürfen sie die Tiere streicheln und füttern; erleben, wie zutrau- lich Ziegen sein können, wenn man sorgsam und liebevoll mit ihnen umgeht. Tiere werden artgerecht gehalten Die artgerechte Haltung der Tiere hat einen be- sonders hohen Stellenwert. Petra Müller, die ein- zige Mitarbeiterin im Park, sorgt dafür, dass die Stallungen sauber, die Klauen geschnitten und die Futtertröge gefüllt sind. „Ich komme aus der Landwirtschaft. Deshalb weiß ich, wie man Tie- re pflegt“, sagt sie. „Aber natürlich versuche ich immer, die Dinge noch besser zu machen, sehe Dokumentationen an, um mir all das anzueig- nen, was für die optimale Versorgung nötig ist.“ Dieses Engagement ist symptomatisch für den Streichelzoo. Statt die Freizeitanlage zu kommerzialisieren und das Personal aufzu- stocken, packen Heimburger und Müller lieber selbst an. Wichtig ist ihnen, dass der Park von allen Bürgern genutzt werden kann. Teure Frei- zeitangebote gebe es schließlich genug. „Wir be- kommen einen Zuschuss von der Gemeinde und verkaufen etwas Futter“, sagt Heimburger. „Das Streichelzoo Kappel ist zwar nicht die Welt, aber es genügt uns. Wir sind mit wenig zufrieden.“ Trotz des knappen Budgets ist der Bestand kontinuierlich gewachsen. Auf die eigene Zucht ist Heimburger stolz. „Jedes Jahr kommen hier im Park Junge zur Welt. Das ist wichtig, denn die Kleintiere sind es, die Kinder interessieren – nicht die großen Viecher.“ Feierliche Einweihung erfolgte 1976 Der Grundstein für diesen besonderen Tierpark wurde bereits in den 1970er Jahren gelegt. Da- mals musste die zu diesem Zeitpunkt noch selbstständige Gemeinde Kappel zur Aufrecht- erhaltung ihrer Wasserversorgung nach neuen Quellen bohren. Dabei wurde in 58 Metern Tiefe eine Mineralquelle entdeckt, deren Wasser in der Zusammensetzung ähnlich der Johannisquelle in Bad Dürrheim oder der Kreuzquelle in Wildbad Kreuth war. Schon bald kamen zahlreiche Stammgäste regelmäßig hierher, um sich Wasser zu holen. Deshalb entschloss man sich, um die Quelle herum eine Freizeitanlage zu schaffen, die den Ziegen, Pfauen, Enten und andere Tiere lassen sich ger- ne bewundern, streicheln und füttern – für die Kinder gibt es auch einen Spielplatz. Der Streichelzoo ist dem Engagement von Roland Heimburger (unten links) zu verdanken. 311


Freizeit Impressionen aus dem Kappler Streichelzoo, der ein Erlebnisparadies für Kinder ist. Bürgern ein Ort des Verweilens sein sollte. 1976 wurde sie feierlich eingeweiht. Die Erholungslandschaft im Eschachtal war ein Treffpunkt für alle Bürger. Sie erholten sich in Kneippeinrichtungen, auf Liegewiesen und in Ruhezonen. Für den Fremdenverkehr brachte das idyllische Naherholungsgebiet dennoch nicht die gewünschte Entwicklung. Hauptgrund dafür war wohl, dass es nicht gelungen ist, die Quellen the- rapeutisch zu nutzen – zu streng waren dafür die Bestimmungen. Die Einheimischen aber sollten lange Zeit Freude an „ihrer“ Freizeitanlage ha- ben. Deshalb wurde sie stets gepflegt und den Bedürfnissen der Besucher angepasst. Fachkundige Beratung durch die Wilhelma Die große Neugestaltung folgte 20 Jahre nach der Einweihung, im Jahre 1996. Mit fachkundi- ger Beratung der Wilhelma in Stuttgart wurde der Streichelzoo angelegt, der im weiten Umkreis einmalig war – und es bis heute geblieben ist. Gleichzeitig entstand auf dem Gelände ein Pa- villon, der als Festplatz genutzt wird. Der Spiel- platz mit Sandkasten, Wasserpumpe, Schaukel 312 und Kletterturm bietet Abwechslung für Kinder, der asphaltierte Rundweg durch den Park dient Joggern als Laufstrecke. Und auch im Winter ist der Streichelzoo eine Freizeit-Oase für die gan- ze Familie. Dann nämlich, wenn der große Teich zugefroren ist, tummeln sich hier die Schlitt- schuhläufer. Mächtig groß und gerade einmal 40 Zentimeter tief bietet der Weiher optimale Bedingungen und ein Höchstmaß an Sicherheit für große und kleine Wintersportler. Dies alles war nur möglich, weil die Men- schen in Kappel sich engagiert haben – bei der Erweiterung des Parks ebenso wie bei der Unter- haltung des Streichelzoos. Vielleicht ist das auch die Erklärung dafür, warum Roland Heimburger die Freizeitanlage ohne jegliche finanziellen Inte- ressen führt. Sie ist seit jeher Teil der Gemeinde und soll es auch in Zukunft bleiben – offen für alle: ohne Grenzen, ohne Zäune. Für den Niedereschacher Bürgermeister Martin Ragg ist die Arbeit von Heimburger und seiner Mitarbeiterin Petra Müller ein Musterbeispiel für bürgerschaftliches Engagement. „Es ist wunder- voll, wie die beiden das machen. Im Park gibt es tolle Tiere zu sehen, die mit großem Fachwissen und einer ungeheuren Leidenschaft gepflegt werden. Damit ist die Anlage ein Highlight für die Gemeinde, das Menschen aller Generationen begeistert.“


Al ma nach-Ma ga zin No ti zen aus dem Land kreis Kreisrätin und Ortsvorsteherin Helga Eilts verstorben Sie war hoch angesehen und beliebt und hat sich um „ihr Tannheim“ große Verdienste erworben. Mit Helga Eilts ist am 5. Februar 2014 eine engagier- te Ortsvorsteherin verstorben, zugleich die dienstälteste von Baden-Württemberg. 25 Jahre lang stand sie an der Spitze von Tannheim, Teilort von Villingen- Schwenningen, und wirkte zu- dem als Kreisrätin der Freien Wähler. Landrat Sven Hinterseh und Oberbürgermeister Dr. Ru- pert Kubon betonten: Der Land- kreis und Villingen-Schwennin- gen verlieren mit der Kreis- und Stadt rätin Helga Eilts eine be- deutende Kommunalpolitikerin und außergewöhnliche Persön- lichkeit. (Mehr über Helga Eilts finden Sie im Almanach 2010.) Helga Eilts Magazin Umrahmt von Lokführer und Schaffner (von links): Blumbergs Bürger- meister Markus Keller, Landesverkehrsminister Winfried Hermann und Landrat Sven Hinterseh. Die Wutachtalbahn, vor al- lem als Sauschwänzlebahn bekannt, gehört zu den „Histori- schen Wahrzeichen der Ingeni- eurbaukunst in Deutschland“. Der Titel wurde ihr am 8. Sep- tember 2014 von der Bundes in- gen ieurkammer gemeinsam mit der Ingenieurkammer Ba den- Würt temberg im Beisein von Ba den- Württembergs Ver kehrs – minis ter Winfried Hermann in Blumberg verliehen. Die Bahnstrecke ist im Auf- trag des Deutschen Reiches und des Großherzogtums Baden zwischen 1887 und 1890 zu rein militärischen Zwecken gebaut worden: Truppen und Kriegsma- terial sollten rasch von Würt- temberg und Bayern an die französische Grenze verlegt werden können. Die Bahn ist nach dem Stuttgarter Fernseh- turm erst das zweite ausgezeich- nete Denkmal in Baden-Würt- temberg, was den Stellenwert der Verleihung unterstreicht. Landrat Sven Hinterseh freu- te sich mit Bürgermeister Mar- kus Keller über die hohe Aus- zeichnung. Er betonte: „Der Ti- tel unterstreicht die Bedeutung der Museumsbahn für unsere Die Sauschwänzlebahn: Historisches Wahrzeichen der Ingenieurskunst Ferien region Schwarzwald- Baar-Kreis. Er hebt ebenso die geniale Ingenieursleistung her- vor, durch die diese Bahn ent- standen ist. Dank gilt vor allem denjeni- gen, die sich hauptamtlich, aber auch sehr stark ehrenamtlich, für den Erhalt und die Instand- haltung der Bahn einsetzen. Un- sere Sauschwänzlebahn ist ein Highlight des Landkreises, das weit über Blumberg und die Region hinaus strahlt.“ 313


Magazin Gekonnt, aber teilweise heftig diskutiert – der Plakatentwurf von Selina Haas. Über 118 Millionen Medien- kontakte für das Ferienland Ideenreich, mutig und provokant zugleich – aber erfolgreich: Der oben abgebildete Plakatentwurf im Rahmen einer Werbekampa- gne der Ferienland im Schwarz- wald GmbH hatte eine fürwahr riesige Resonanz: Geschäftsfüh- rer Julian Schmitz ermittelte 118 Millionen Medienkontakte für eine Imageanzeige mit diesem Motiv, die im Bordmagazin der Fluggesellschaft Ryanair erschie- nen war. Die Idee und Umsetzung stammt von der 25-jährigen Gra- fikerin Selina Haas aus Schonach. Der teils als „sexistisch“ be- zeichnete Entwurf wurde schließ- lich nicht weiter verwendet, da sich auch der Deutsche Werberat einschaltete. Neben diesem Plakat entwarf die Grafikerin noch zehn weitere. Selina Haas, die niemand verlet- zen wollte, wie sie betont, hat jedenfalls zusammen mit dem Ferien land Schwarzwald die bis- 314 Am Keltenpfad auf dem Magdalenenberg bei Villingen. Neuer Keltenpfad Ein spannendes Stück Geschichte unserer Region wird auf anschau- liche Weise erleb- und erfahrbar: Der Magdalenenberg, der größte frühkeltische Grabhügel Mittel- europas, kann nun auf einem Kel- tenpfad erkundet werden. Acht Pulttafeln informieren über die wichtigsten geschichtlichen Ereig- nisse wie die Entdeckung des Fürs- tengrabes und die Ausgrabung des gesamten Hügels. Der Pfad beginnt in der Villinger Innenstadt. Die Infoelemente stellen auch einen Bezug zur Ausstellung im Franziskanermuseum her, wo sich die kostbare Original-Grabkam- mer befindet. Fabian Riesle: SKIF-Schüler mit gleich zwei Olympiaerfolgen Medaillen bei Olympia: Noch beim Heim-Weltcup Ende De- zember 2013 in Schonach (un- ser Bild) hatte Fabian Rießle die Qualifikation verpasst, dann kehrte der junge Hochschwarz- wälder als Bronze- und Silber- medaillengewinner in der Nor- dischen Kombination von den Olympischen Winterspielen aus Sotschi zurück. „Man sieht, wie eng im Sport alles beisammen liegt“, resümiert er beim Emp- fang in der Heimat Breitnau und in Furtwangen. Fabian Riesle mit seiner Bronze – und Silbermedaille. Der erfolgreiche Sportler ist Schüler des Skiinternates Furt- wangen und studiert an der Furtwangen University.


lang wohl am meisten beachtete Werbekampagne für unsere Feri- enregion gestartet und viel Aner- kennung dafür erhalten. Erwin Teufel feiert seinen 75. Geburstag Auch aus dem Schwarzwald- Baar- Kreis konnte der frühere Ministerpräsident von Baden- Würt temberg, Erwin Teufel, am 4. September 2014 Glückwün- sche zu seinem 75. Geburtstag entgegennehmen. Der langjähri- ge CDU-Wahlkreisabgeordnete wurde als einst jüngster Bürger- meister Deutschlands 1972 in den Landtag gewählt und war von 1991 bis 2005 Ministerpräsident. Landrat Sven Hinterseh unter- strich in seinem Glückwunsch- schreiben die Dankbarkeit für das Geleistete. (Zu Erwin Teufel siehe u.a. Almanach 2006 und 2013). Tassilo von Fürsten berg – An Heiligabend 2013 ist er zur Welt gekommen: Prinz Tassilo Hein- rich Christian zu Fürstenberg, so der vollständige Name, ist das erste Kind von Erbprinz Chris- tian und Erbprinzessin Jeannet- te zu Fürs tenberg. Tassilo von Fürsten berg ist der künftige Erb- prinz und Fürst des Hauses zu Fürs ten berg. Magazin Rolf Schmid (Zweiter v. links) wurde von Landrat Sven Hinterseh (links) und VS-Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon (rechts) mit hohem Re- spekt vor seiner Lebensleistung am Schwarzwald-Baar Klinikum in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger ist Dr. Matthias Geiser (Zweiter v. rechts). Goldene Verdienstmedaille verliehen: Schwarzwald-Baar-Kreis würdigt Lebensleistung von Klinikum-Geschäftsführer Rolf Schmid Mit Respekt und Dank ist am 2. Oktober 2014 Rolf Schmid in den Ruhestand verabschiedet worden. Er führte fast 10 Jahre lang die Klinikum GmbH. In die- ser Zeit realisierte er den Neu- bau des Schwarz wald-Baar Kli- nikums (siehe Almanach 2014) und kann hervorragende Zahlen präsentieren. „Sie haben einen tollen Job gemacht und können stolz sein“, attestierte Landrat Sven Hinterseh. Er belegte seine Wor- te mit Zahlen: Der Umsatz der Klinikum GmbH stieg in der Ära Rolf Schmid um 46 % von 150 auf über 219 Millionen Euro im Jahr. Er legte sieben positive Jah resabschlüsse vor, zusätzlich hat das Haus Gewinnrücklagen gebildet. Rolf Schmid habe da- mit den Beweis erbracht, dass man eine kommunale Klinik er- folgreich führen kann. Landrat Hinterseh würdigte die Lebens- leistung von Rolf Schmid mit der Verleihung der Verdienst- medaille in Gold des Schwarz- wald- Baar-Krei ses. „Ich habe als jüngster Kreis- kämmerer im Alter von 30 Jah- ren begonnen und höre als äl- tester Geschäftsführer eines kommunalen Klinikums im Land auf, umriss Rolf Schmid seine Laufbahn.“ Er dankte VS – Oberbürgermeister Dr. Rupert Kubon und Landrat Karl Heim für die mutige Entscheidung zum Neubau. Andere hätten diesen Mut bis heute nicht be- wiesen, schloss er. Landrat Hinterseh wünschte dem offiziell ab November 2014 amtierenden neuen Geschäfts- führer Dr. Matthias Geiser viel Erfolg. Dem schloss sich mit Ul- rich Fink der Ärzt liche Direktor des Hauses an. 315


Europawahl vom 25. Mai 2014 Ergebnisse der Europawahl vom 25. Mai 2014 im Wahlkreis 286 – Schwarzwald-Baar (Amtliches Endergebnis) Wahlberechtigte: 150.541 Wähler: 74.092 (49,2 %) Gültige Stimmen Davon für CDU SPD GRÜNE AfD FDP DIE LINKE FREIE WÄHLER Sonstige absolut 72.104 32.525 14.776 7.801 5.925 2.886 1.900 1.856 4.435 in % 97,3 % 45,1 % 20,5 % 10,8 % 8,2 % 4,0 % 2,6 % 2,6 % 6,2 % Ar beits lo sig keit in Pro zent zah len Stichtag Schwarzwald-Baar-Kreis Baden-Württemberg Bundesrepublik Deutschland 30.06.2014 30.06.2013 30.06.2012 3,6 % 3,9 % 3,4 % 3,8 % 3,9 % 3,7 % 6,7 % 6,6 % 6,6 % Beschäftigte insgesamt: 79.284, davon 35.372 im Produzierenden Gewerbe (44,6 %), 15.216 in Handel, Gastgewerbe und Verkehr (19,2 %) sowie 28.696 im Bereich „Sonstiges“ (36,2 %). (Stand: Juni 2013 – Quelle: Statistisches Landes- amt Baden-Württemberg) Orden und Ehrenzeichen Mit der Landesehrennadel des Landes Baden-Württemberg wurden 2014 ausgezeichnet: Alexander Dreher (Villingen-Schwenningen), Erich Wolfsperger (Villingen-Schwenningen), Georg Müller (Villingen-Schwenningen), Ralf Prätzas (Villingen-Schwenningen), Wolfgang Faißt (Villingen- Schwenningen) 316


Be völ ke rungs ent wick lung im Schwarz wald-Baar-Kreis Stand der Wohn be völ ke rung 31.12.2012 31.12.2013 Ver än de run gen in Zah len in Pro zent Ge mein de Villingen-Schwenningen Donaueschingen St. Georgen Bad Dürrheim Blumberg Furtwangen Hüfingen Niedereschach Königsfeld Bräunlingen Brigachtal Triberg Schonach Vöhrenbach Dauchingen Mönchweiler Tuningen Unterkirnach Schönwald Gütenbach 81.128 21.190 12.816 12.634 9.948 9.192 7.530 5.867 5.842 5.773 5.027 4.762 3.998 3.869 3.659 2.976 2.865 2.510 2.330 1.174 81.643 21.066 12.984 13.069 10.061 9.276 7.646 5.919 5.970 5.834 5.106 4.770 3.794 3.765 3.673 3.021 2.895 2.758 2.374 1.188 -515 124 -168 -435 -113 -84 -116 -52 -128 -61 -79 -8 204 104 -14 -45 -30 -248 -44 -14 -0,63 0,59 -1,29 -3,33 -1,12 -0,91 -1,52 -0,88 -2,14 -1,05 -1,55 -0,17 5,38 2,76 -0,38 -1,49 -1,04 -8,99 -1,85 -1,18 -0,83 317 Kreisbevölkerung insgesamt 205.090 206.812 -1.722 Schonach 3.998 Schönwald 2.330 Triberg 4.762 Königsfeld 5.842 Niedereschach 5.867 St. Georgen 12.816 Mönchweiler 2.976 Unterkirnach 2.510 Dauchingen 3.659 Gütenbach 1.174 Furtwangen 9.192 Villingen-Schwenningen 81.128 Tuningen 2.865 Vöhrenbach 3.869 Brigachtal 5.027 Bad Dürrheim 12.634 Donaueschingen 21.190 Bräunlingen 5.773 Das Oberzentrum Villingen-Schwen ningen und die Große Kreisstadt Do naueschingen sind die Zentren im Landkreis. Hier leben mit ca. 81. 128 und 21. 190 Men- schen nahezu die Hälfte der 205.090 Einwohner des Schwarzwald-Baar-Kreises. Hüfingen 7.530 Blumberg 9.948


Bildnachweis Almanach 2015 Sprich, St. Georgen: 146-150, 207-209, 230-233, 304-305 – Verena Wider; Villingen-Schwennin- gen: 151 – Roland Sigwart, Hüfingen: 152, 153, 166- 169 – Franz Krickl, Donaueschingen: 156, 157, 162, 163, 164 – Willi Hönle, Donaueschingen: 158, 160, 161 ob., 185 ob. li. 281 ob. – Günter Vollmer, Donau- eschingen: 162 u., 165 – Historische Narrozunft, Villingen: 171-175 – Stadtarchiv Villingen: 184 ob. li., 186 – Werner Oppelt: 184 ob. re. – Geschichts- und Heimatverein St. Georgen: 188 – Thomas Straub, Köln: 234-241 – Stephan Simon: 242-249 – Wolf Hockenjos, Donaueschingen: 252, 256, 257 ob.li., 260, 263, 265, 266, 270, 271, 272 u. li., 273, – Erich Marek, Schwenningen: 254, 257 ob. re., 258, 259, 261 – Wikipedia: 255 – Klaus Echle, 256 ob. re. – Pat- rick Seeger, Freiburg: 298-299 – Daniela Schneider, Villingen-Schwenningen: 300, 303 ob. – Madlen Falke, Hüfingen: 307-309 – Gemeinde Niederes- chach: 310, 311 re., 312 – Gerd Jerger, Niedereschach: 311 li., Fabian Mauz, Wolterdingen: S. 314 u. Motiv Titelseite: Unterfallengrundhof bei Furtwangen-Neukirch, Wilfried Dold, Vöhrenbach. Kleine Fotos, links: Artwood, Sebastian Wehrle, Simonswald. Rechts: SWR-Fernsehen Motiv Rückseite: Am Jakobsbrunnen in Blumberg. Fotografiert von Wilfried Dold, Vöhrenbach. Bildnachweis für den Inhalt: Soweit die Foto gra- fen nicht namentlich angeführt werden, stammen die Aufnahmen jeweils vom Verfasser des betref- fenden Beitrages oder sind die Bild autoren oder Bildleihgeber über ihn erfragbar. Mit Fotos sind ferner im Almanach vertreten (die Zahlen nach der Namensnennung beziehen sich auf die jeweilige Seite): Wilfried Dold, Vöhrenbach: 3, 9, 42, 43,45, 48-51, 53-54, 82 li. u., 82 u. re, 94, 95- 96 ob. u., 98, 102- 103, 105 u., 106-109, 111, 113, 114-115, 161 u.,179, 189, 210-221, 268. 269, 272 ob. li., u. ob. re., u. re. u., 274, 275, 276, 277, 278, 279, 283, 284, 285 u. re., 286, 288 u., 301, 302, 303 u. – Südwestfunk Fernsehen: 9, 224-229 – Pressefoto Ulmer/Michael Kienzler, Bri- gachtal: 10, 13, 71-75, 128, 290-297 – Nathalie Göbel, Villingen: 12 – Landratsamt, Schwarzwald-Baar Kreis: 14-15, 16 ob. – Sebastian Wehrle, Freiamt: 28-29, 34-41 – Christina Nack, Königsfeld: 52, 59 – Deutscher Eishockey Bund: 57 – pa.picture alliance: 58 (Schreyer), 176 (Aldi-Süd) – Stephanie Kiewel, St. Georgen: 61-65 – Susanna Kurz, Bad Dürrheim: 67, 69 – Stadt Hüfingen: 76-81, 82 ob. re., 83, – Stepha- nie Wetzig, Niedereschach: 84, 87-91, 92 Gerhard Plessing, Überlingen: 86, 154-155 – Gemeinde Kö- nigsfeld: 93, 90 u. – Daniela Schneider: 96 mi.li, u. mi. re, 99 o., 100 ob., 101, 104, 105 ob. – Fotolia: 99, 263 Bildriegel u., Bildriegel 100 u., – Wolfgang Trenkle, Villingen- Schwenningen: 110, 111 u. re., 112, doldverlag, Vöhrenbach: 118 u., 119, 121, 182, 183, 185 ob. re. und re. ob. u., 187, 190-205, 223, 222 – Roland 318


Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge Dickmann, Barbara, Hubertusweg 5, 78098 Triberg Dold, Wilfried, Unteranger 3, 78147 Vöhrenbach Falke, Madlen, Ornans-Ring 19, 78183 Hüfingen Fetscher, Martin, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Fraas, Saskia, Am Wolfsbach 9/1, 78052 Villingen-Schwenningen Frank, Heike, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Göbel, Nathalie, Gerwigstraße 35, 78112 St. Georgen Hinterseh, Sven, Am Hoptbühl 2, 78048 Villingen-Schwenningen Hockenjos, Wolf, Alemannenstraße 30, 78166 Donaueschingen Jauch, Philipp, Feilitzschstraße 11, 80802 München Kiefer, Gerhard, Rathausweg 1b, 79312 Emmendingen Kiewel, Stephanie, Uhlbachweg 3, 78112 St. Georgen Kienzler, Michael, Gartenstraße 15, 78086 Brigachtal Krickl Franz, Schillerstraße 6, 78166 Donaueschingen Kurz, Susanna, Friedrichstraße 68, 78073 Bad Dürrheim Limberger-Andris, Stefan, Mühlenstraße 7, 79877 Friedenweiler-Röthenbach Marek, Erich, Hans-Sachs-Straße 12, 78054 Villingen-Schwenningen Nack, Christina, Obereschacher-Straße 7, 78126 Königsfeld Seeger, Patrick, Rieselfeldallee 8, 79111 Freiburg Schneider, Daniela, Bert-Brecht-Straße 15-19, 78054 Villingen-Schwenningen Schön, Elke, Am Hofrain 26, 78120 Furtwangen Sigwart Roland, Hauptstraße 16, 78183 Hüfingen Simon, Stefan, Haselweg 17, 78052 Villingen-Schwenningen Sprich, Roland, Weidenbächlestraße 6, 78112 St. Georgen Trenkle, Wolfgang, Enzstraße 37, 78054 Villingen-Schwenningen Vogt, Josef, Hauptstraße 17, 78086 Brigachtal Wacker, Dieter, Steinwiesenstraße 4, 78052 Villingen-Schwenningen Wehrle, Sebastian, Buchenweg 4, 79348 Freiamt Wetzig, Stephanie, Niedereschacher Straße 31, 78078 Niedereschach Winter, Matthias, Kohlheppstraße 12, 78120 Furtwangen Zieglwalner, Martina, Carlo-Schmid-Straße 14, 78050 Villingen-Schwenningen Zimmermann, Ernst, Wiesenstraße 27, 78166 Donaueschingen 319


Ehrenliste der Freunde und Förderer des Almanach 2015 S Sparkasse Schwarzwald-Baar Sechs weitere Freunde und Förderer des Almanachs wünschen nicht namentlich genannt zu werden. 320


Auf Pilgerwanderung – Am Jakobsbrunnen in Hüfingen Fotografiert von Wilfried Dold


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Almanach 2020 https://almanach-sbk.de/almanach-2020/ Wed, 08 Jan 2020 10:43:22 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2020/ Schwarzwald-Baar Jahrbuch
Almanach 2020

Foto rechts: Die Sauschwänzlebahn auf dem Viadukt bei Epfenhofen.

Herausgeber: Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis
www.schwarzwald-baar-kreis.de

landratsamt@schwarzwald-baar-kreis.de

Redaktion: Sven Hinterseh, Landrat Wilfried Dold, Redakteur (wd) Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informations-und Kulturamt Stadt Hüfingen

 

 

 

Für den Inhalt der Beiträge sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Nachdrucke und Vervielfältigungen jeder Art werden nur mit Einwilligung der Redaktion und unter Angabe der Fundstelle gestattet.

Gestaltung: dold.media + dold.verlag

Verlag: dold.verlag, Vöhrenbach 2019
www.doldverlag.de

Druck: jetoprint GmbH, Villingen-Schwenningen

 

ISBN: 978-3-948461-01-0

 

 

Digitalisierung und Klimawandel – die Themen unserer Zeit

Liebe Leserinnen und Leser,

ein ereignisreiches Jahr 2019 – das letzte in diesem Jahrzehnt – liegt hinter uns und ich freue mich, dass unser Schwarzwald-Baar-Jahrbuch, der Almanach 2020, bereits in seiner 44. Auflage vorgelegt werden kann. Prall gefüllt mit brandaktuellen Themen wie beispielsweise die Fertigstellung der Elektrifizierung der Höllentalbahn oder zum digitalen Wandel, aber auch mit zeitlosen Geschichten aus dem Kreisgeschehen oder interessanten Persönlichkeiten unserer Heimat widmet sich das diesjährige Werk wieder einem breiten Themenspektrum.

Unsere Gesellschaft befindet sich im digitalen Wandel. Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran und auch der Klimawandel ist, neben der immer größer werdenden Bedeutung der Mobilität, ein weiteres Thema, das landauf und landab viel diskutiert wird. Ebenso haben uns die Kommunal- und Europawahlen 2019 gezeigt, welch große Bedeutung diese Themen für die Bürgerinnen und Bürger haben. Die üblichen Verhaltensweisen und Gewohnheiten des täglichen Lebens werden immer häufiger infrage gestellt.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis stellt sich diesen Aufgabenfeldern und geht beispielsweise den Breitbandausbau, die Digitalisierung von Schule und Bildung, den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs und viele andere Dinge – oftmals mit landes- oder bundesweiter Leuchtturmfunktion – proaktiv an. Ein echtes „Megathema“ der Infrastruktur, das im Dezember 2019 seinen Abschluss findet, ist die Elektrifizierung der Höllentalbahn, welche zukünftig eine umsteigefreie Verbindung zwischen den beiden Oberzentren Villingen-Schwenningen und Freiburg ermöglicht.

Die aktuelle Klimadiskussion führt uns allen wieder ganz deutlich die sensiblen Ökosysteme unserer wunderschönen Heimat und der herrlichen sowie vielfältigen Naturräume vor Augen. Es ist Zeit, die Herausforderungen unserer Gegenwart und Zukunft gemeinsam noch engagierter anzugehen und dabei möglichst alle Interessen zu berücksichtigen sowie alle Generationen aktiv mit einzubinden. Ich bin zuversichtlich, dass wir uns im Schwarzwald-Baar-Kreis diesbezüglich bereits auf einem guten Weg befinden und werde auch in Zukunft alles in meiner Macht stehende tun, um unseren Landkreis – unsere Heimat – noch weiter voranzubringen.

Wie immer bedanke ich mich sehr herzlich bei allen, die dazu beigetragen haben, dass erneut ein ansprechendes und informatives Heimatjahrbuch entstehen konnte. Dieser Dank gilt insbesondere den treuen Freunden und Förderern des Almanach sowie den Autoren und Fotografen, ohne die das Schwarzwald-Baar Jahrbuch 2020 nicht möglich gewesen wäre.

Eine erfreuliche Seltenheit in der Jahrbuch-Geschichte erlebten wir im vergangenen Jahr mit dem Almanach 2019: dieser war binnen kürzester Zeit ausverkauft. Einen ähnlichen Erfolg wünsche ich mir natürlich auch für den Almanach 2020. Daher gilt ein herzlicher Dank insbesondere auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser der 44. Ausgabe. Ich hoffe, Sie finden auch in diesem Almanach, unserem Schwarzwald-Baar-Jahrbuch 2020, jede Menge anregenden Lesestoff und wünsche Ihnen bei der Lektüre viel Freude sowie gute Unterhaltung.

Ihr

Sven Hinterseh Landrat

 

 

Auf dem Weg in die Zukunft
Der Schwarzwald-Baar-Kreis im Wandel

Wie steht es um unseren Landkreis, in dem wir leben, wohnen, arbeiten – unseren Alltag verbringen? Ist er für die Zukunft ausreichend gerüstet? Können wir beruhigt in die Zukunft blicken und sind gut gewappnet, für die Herausforderungen, die uns bevorstehen? Diesen Fragen widmet sich der Almanach 2020 in gleich mehreren Beiträgen.

Digitales Lernen in den Schulalltag zu integrieren, ist eine der großen Zukunftsaufgaben des Schwarz wald-Baar-Kreises. Pionierarbeit leistete hierbei das St. Georgener Unternehmen imsimity GmbH. Hier der Blick in einen Cyber-Classroom.

 

 

Junge Menschen mischen mit: Über einen sehr guten Besuch freute sich Landrat Sven Hinterseh bei der Erstwählerveranstaltung des Schwarzwald-Baar-Kreises im Vorfeld der Kommunalwahlen 2019. Für die politisch Verantwortlichen sei das die Chance, den jungen Menschen zuzuhören.

von Sven Hinterseh

Unser Alltag wird beeinflusst von ständiger Veränderung. Der Schutz unserer Umwelt und unseres Klimas gewinnt an Stellenwert. Das Thema ist in aller Munde und viele treibt die Frage um: „Was tut jeder Einzelne für den Klimaschutz?“. Auch der Schwarzwald-Baar-Kreis nimmt sich des Themas an. Nicht erst seit heute. Schon seit etlichen Jahren stehen Klima-, Umwelt- und Naturschutz wie selbstverständlich im Mittelpunkt der Kreispolitik im Landkreis.

Spürbar verändert sich auch, wie mobil wir sind. Wie wichtig ist es, ein Auto zu besitzen, vor allem im ländlichen Raum? Die große politische Fragestellung lautet: Wie können Bus- und Zugverbindungen attraktiv gestaltet werden

– für Jung und Alt, für Stadt und Land, in den frühen Morgenstunden und am Wochenende für Nachtschwärmer? Vor allem unsere Jugend bewegt dieses Thema, wie wir erneut bei unserer Erstwählerveranstaltung vor den Kommunalwahlen feststellen konnten.

Gesellschaftlicher Wandel

Es tut sich etwas in unserer Gesellschaft. Junge Menschen mischen mit. Interessieren sich politisch und bringen ihre Ideen vor. Sie nehmen immer mehr wahr, dass politische Entscheidungen ihren Alltag ganz unmittelbar beeinflussen können. Wir, die politisch Verantwortlichen, haben die Chance, den jungen Menschen in unserem Landkreis zuzuhören, Ideen aufzugreifen, in die politische Gestaltung aufzunehmen und zu Zukunftsthemen zu machen.

Demografischer Wandel

Wir wissen alle, dass wir uns seit Jahren mitten im demografischen Wandel befinden und diesen zu gestalten haben. Im Ländlichen Raum wirkt er sich anders aus als in der Stadt – die Herausforderungen sind dabei aber sowohl in den Orten als auch in den Städten groß. Mit unserer Demografiestrategie, die wir in den Jahren 2012/2013 erarbeitet haben, sind wir immer noch gut gerüstet, aber natürlich ist dies kein

 

 

statischer Prozess und wir müssen immer wieder prüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Von größter Bedeutung ist, dass wir eine wettbewerbsfähige Infrastruktur erhalten – in allen Bereichen, sei es Bildung, Soziales, Straßen oder Schiene. Die Daseinsvorsorge im Ländlichen Raum wie der Ausbau einer kreisweiten Breitbandinfrastruktur in kommunaler Trägerschaft steht dabei ebenfalls im Mittelpunkt.

Klimawandel

Beim Klimaschutz (Stichwort „fridays for future“) spielen für unseren Landkreis die Gebäudesanierungen und die Arbeit unserer Energieagentur eine wichtige Rolle. Zudem müssen wir eine echte Alternative oder zumindest aber eine Ergänzung des Individualverkehrs mit unserem ÖPNV bieten können. Ein Projekt, welches gut angelaufen ist und einen großen Teil zum Naturschutz beiträgt, ist beispielsweise die weitere Umsetzung des „Naturschutzgroßprojekts Baar“. Dieses Projekt ist ein wichtiger Baustein unseres ganz erheblichen Engagements, mit dem wir unseren Beitrag zum Erhalt unseres nationalen Naturerbes und zur Erfüllung internationaler Verpflichtungen zu leisten versuchen.

Mobilität im Wandel

Für die Menschen im Schwarzwald-Baar-Kreis ist es immer mehr von Bedeutung, wie mobil sie sich in ihrem Landkreis und darüber hinaus bewegen können. Deshalb ist die Mobilität in Form des ÖPNVs ein Schwerpunkt der Kreispolitik. Eine gut vernetzte Mobilität und zukunftsfähige Verkehrskonzepte sind unabdingbar, um für unsere Bürger im gesamten Landkreis ein attraktives ÖPNV-Angebot sicherzustellen. Es ist deshalb notwendig, den ÖPNV ständig fortzuentwickeln, was größtenteils auf Basis unseres aktuellen Nahverkehrsplanes aus dem Jahr 2017 geschieht.

Das Naturschutzgroßprojekt Baar trägt den Belangen von Fauna und Flora in vielfacher Weise Rechnung: Die Fotos zeigen von oben links: Unterhölzer Weiher, startender Silberreiher, Rundblättriger Sonnentau und das Naturschutzgebiet Birken-Mittelmeß. Fotos: Helmut Gehring Die Mobilität, sprich der Nahverkehr, bleibt auch zukünftig ein zentrales Thema der Kreispolitik. Ständig optimiert werden die Busverkehrsleistungen, um das Verkehrsangebot insgesamt nachhaltig auszurichten und zu steigern. Und ab Dezember 2019 ist die östliche Höllentalbahn elektrifiziert, fahren dort 3- und 4-teilige Elektrotriebzüge des Typs Coradia Continental von Alstom (siehe Beitrag S. 30).

 

 

In diesem Nahverkehrsplan sind Schwerpunkte erarbeitet worden, die nun in den kommenden Jahren in die Umsetzung gelangen oder teilweise schon umgesetzt werden. Über die Vergabe der Busverkehrsleistungen für die Südbaar (Donaueschingen, Bräunlingen, Hüfingen, Blumberg) wurde nicht nur bereits entschieden, sondern dieser neue Verkehr wird ab Mitte Dezember 2019 Wirklichkeit. Ferner werden Standards für die Vergabekriterien festgelegt und Vorgaben zum Fahrzeugeinsatz vorgenommen. Nach und nach wird der Nahverkehrsplan nun abgearbeitet, um das Verkehrsangebot insgesamt nachhaltig auszurichten und zu steigern.

Die Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn ist ein weiteres „Megathema“ unserer Infrastruktur und trägt dazu bei, dass der Verkehr auf der Schiene attraktiver wird. Der Schwarzwald-Baar-Kreis beteiligt sich mit rund 18

Die Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn trägt dazu bei, dass der Verkehr auf der Schiene attraktiver wird. Der SchwarzwaldBaar-Kreis beteiligt sich mit rund 18 Mio. Euro an der Modernisierung.

Mio. Euro an der Modernisierung seines Streckenabschnittes, um eine gute Verkehrsverbindung vom Oberzentrum Villingen-Schwenningen zum Oberzentrum Freiburg zu schaffen.

Und das Projekt „Ringzug 2.0“ gilt es, weiter voranzutreiben, um dann möglichst ab Mitte der 2020er-Jahre umsteigefrei von Stuttgart nach Villingen fahren und zukünftig den Ringzug auch für die Fahrt nach St. Georgen nutzen zu können.

 

 

Der knapp 110 Kilometer lange Premiumfernwanderweg WasserWeltenSteig ist seit Mai 2019 eröffnet. Die Eröffnungsveranstaltung fand in Blumberg-Achdorf statt. Von links: Landrat Sven Hinterseh, Regierungsrat Walter Vogelsanger, Kanton Schaffhausen, Justizminister Guido Wolf, Jochen Becker, Deutsches Wanderinstitut, Michael Braun, Wirtschaftsförderung und Tourismus Schwarzwald-Baar-Kreis.

Tourismus im Wandel

Tourismus spielt im Schwarzwald-Baar-Kreis eine ganz besondere, eine zentrale Rolle und ist bedeutender Wirtschaftsfaktor. Unsere 2017 fertiggestellte Tourismuskonzeption für den Schwarzwald-Baar-Kreis war 2018 „Impulsgeber“ für die Machbarkeitsstudie Gästekarte und die weiteren Überlegungen zu einer „3WeltenCard“. Der knapp 110 km lange, grenzüberschreitende Premiumfernwanderweg „WasserWeltenSteig“ wurde im Mai 2019 eröffnet.

Gute Bildungsinfrastruktur mit Tradition

Einfluss hat die Digitalisierung auch auf unsere „Landkreisschulen“. Die gute Bildungsinfrastruktur im Schwarzwald-Baar-Kreis hat eine lange und große Tradition. Für den bestmöglichen Bildungserfolg benötigen die Kinder und Jugendlichen im Schwarzwald-Baar-Kreis natürlich auch eine gute und zeitgemäße Infrastruktur, die neben dem Gebäudezustand auch eine moderne technische Ausstattung beinhaltet. Aus diesem Grund haben wir unsere Digitalisierungsstrategie für die Schulen des Landkreises ausgearbeitet, die nun umgesetzt wird. Die Schulen sollen mit dem notwendigen Rüstzeug ausgestattet werden, um auch künftig mit der digitalen Entwicklung unserer Bildungslandschaft Schritt halten zu können.

Mit der Einrichtung der beiden Lernfabriken in VS-Schwenningen und nun einer dritten in Donaueschingen ist uns schon ein großer Schritt gelungen, um die Zukunftsfähigkeit der Ausbildung an den Beruflichen Schulen des Landkreises weiterhin zu garantieren.

Nun soll die Digitalisierung von Schule und Unterricht nach und nach alle Kreisschulen erreichen.

 

 

Digitaler Wandel

Zu einer guten Infrastruktur zählt auch eine gute Breitbandversorgung. Die Anforderungen an die Datenübertragung über das Internet werden in den nächsten Jahren immer noch rasant ansteigen. Die Ursachen sind vielfältig und liegen in technologischen Verbesserungen, aber auch in der Entwicklung von Innovationen wie Telemedizin oder Cloud-Computing. Dass die angelaufene Digitalisierung in Industrie und Verwaltung nur mit Hochgeschwindigkeitsnetzen umsetzbar ist, haben wir im Schwarzwald-Baar-Kreis schon früh erkannt. Im Frühjahr 2014 wurde gemeinsam mit allen 20 Städten und Gemeinden im Landkreis und dem Landkreis selbst der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar gegründet, um den kreisweiten Breitbandausbau zügig voranzutreiben.

Der Zweckverband baut seither in kommunaler Regie ein marktneutrales Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz bis zum Endkunden auf. Mittlerweile gilt der Schwarzwald-Baar-Kreis mit seinem Zweckverband in Sachen Glasfaserausbau als führend in ganz Baden-Württemberg – darauf können wir zu Recht stolz sein. Ein maßgeblicher Faktor unseres Erfolges ist die Zusammenarbeit aller Kommunen im Landkreis. Ohne diesen Solidargedanken wäre dieses Projekt so sicher nicht möglich gewesen.

Zukunftsthemen erfordern Weitblick

Zusammenfassend lässt sich für unseren Schwarzwald-Baar-Kreis festhalten, dass wir täglich Veränderungen und einem Wandel in zahlreichen Aufgabenbereichen gegenüberstehen. Dank einer positiven Grundeinstellung unserer politisch Verantwortlichen sowie unserer Kreisverwaltung, nehmen wir diese Herausforderung an und stellen uns den Zukunftsthemen mit dem erforderlichen Weitblick. Wir können uns nicht auf dem Erarbeiteten ausruhen, sondern müssen stets die weiteren Entwicklungen im Auge behalten, um auch in Zukunft weiterhin gut aufgestellt zu sein.

Sind wir also gut aufgestellt im SchwarzwaldBaar-Kreis? Ja, das sind wir! Deswegen legen wir aber nicht die Hände in den Schoß, sondern bleiben ständig am Ball, damit unser Landkreis auch zukünftig weiterhin in der ersten Liga mitspielt.

Mit dem Glasfaserausbau geht es zügig voran: Der Schwarzwald-Baar-Kreis darf für sich in Anspruch nehmen, dabei in Baden-Württemberg führend zu sein.

 

 

Dank an engagierte Kreisräte des Schwarzwald-Baar-Kreises

Landrat Sven Hinterseh: „Es geht vor allem um die Menschen, die den Landkreis geprägt haben.“

Mit einem Rückblick auf die neunte Legislaturperiode des Kreistages eröffnete Landrat Sven Hinterseh im Großen Sitzungssaal die konstituierende Sitzung des Kreistages mit anschließenden Ehrungen.

Der 22. Juli 2019 war ein besonderer Tag – geprägt von Neubeginn, Abschied und Dank. Der neu gewählte 10. Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises hielt seine erste Sitzung ab, in der die frisch gewählten Kreisräte verpflichtet wurden. Im Mittelpunkt stand der Dank an zahlreiche langjährig engagierte Kommunalpolitiker für ihren Einsatz für den Landkreis und die Rückschau von Landrat Sven Hinterseh. Er würdigte direkt im Anschluss an die konstituierende Sitzung des neuen Kreistages im Großen Sitzungssaal des Landratsamtes das große ehrenamtliche Engagement der Kreistagsmitglieder, von denen 23 aus dem Kreistag verabschiedet wurden.

Der Kreistag, der am 28. Juli 2014 für die 9. Wahlperiode verpflichtet worden war, hatte 61 Mitglieder: 23 Frauen und 38 Männer. Ein gutes Drittel der Mitglieder ist zum Ende der Wahlperiode aus dem Gremium ausgeschieden.

Rückschau auf die Leistungen des

9. Kreistages im Schwarzwald-Baar-Kreis

In seiner Laudatio blickte der Landrat auf die Amtsperiode des neunten Kreistages zurück. Großprojekte wie das Megathema Breitbandausbau, der Bezug der Integrierten Leitstelle nahe des Schwarzwald-Baar Klinikums im Zentralbereich von Villingen-Schwenningen Anfang 2017 sowie der Bau und Bezug des neuen Kreistierheims in Donaueschingen im September 2018 standen an. Zudem hatte das Gremium auch kurzfristige Entscheidungen zu treffen, wie zum Beispiel den Kauf des Postgebäudes in VS-Villingen. Der

 

 

Mit der Verdienstmedaille in Bronze des Landkreistages Baden-Württemberg für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über 20 Jahren wurden v. links Bernd Hezel, Wolfgang Schyle, Christian Muthmann, Elke Bettecken, Robert Strumberger, Jörg Frey, Hans-Joachim von Mirbach und Christian Kaiser ausgezeichnet. Bernd Hezel, Wolfgang Schyle, Christian Muthmann und Robert Strumberger erhielten zudem für vier Wahlperioden die Verdienstmedaille in Gold des Schwarzwald-Baar-Kreises.

Nahverkehrsplan und die Tourismuskonzeption wurden in die Wege geleitet und gingen nun an den 10. Kreistag über.

Landrat Sven Hinterseh erinnerte an weitere Meilensteine: Zwei „Lernfabriken“ mit Standort VS-Schwenningen und Donaueschingen wurden initiiert und umgesetzt. Um geflüchteten Menschen eine Integration durch Bildung möglich zu machen, richtete der Landkreis sogenannte VABO-Klassen ein.

Auch die Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn beschäftigte das Kreistagsgremium regelmäßig. Es handelt sich um ein Großprojekt mit enormen Verbesserungen beim Schienennahverkehr nach Freiburg (s. S. 32). Weiter wurde das Projekt „Ringzug 2.0“ auf den Weg gebracht, um perspektivisch umsteigefrei von Villingen nach Stuttgart fahren und zudem zukünftig den Ringzug auch für die Fahrt nach St. Georgen nutzen zu können.

Die Bewältigung des Flüchtlingsstroms in den Jahren 2014 und 2016 stellte die Landkreisverwaltung vor etliche Herausforderungen. Landrat Sven Hinterseh dankte dem Gremium für das entgegengebrachte Vertrauen in dieser Extremsituation.

Das Naturschutzgroßprojekt Baar konnte ab 23. Mai 2018 in die Umsetzungsphase eintreten.

Schon 2014 griff der Schwarzwald-Baar-Kreis gemeinsam mit allen 20 Städten und Gemeinden im Landkreis und dem Landkreis selbst das Thema Breitbandversorgung auf und gründete den Zweckverband Breitbandversorgung Schwarz-wald-Baar. Dieser baut seither in kommunaler Regie ein marktneutrales Glasfaser-Höchstgeschwindigkeitsnetz bis zum Endkunden auf.

In den vergangenen fünf Jahren konnten zudem einige Jubiläen gefeiert werden: 20 Jahre Partnerschaft mit dem ungarischen Partnerkomitat Bács-Kiskun im Jahr 2016, 40 Jahre Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche, 25 Jahre Amt für Abfallwirtschaft und 40 Jahre Christy-Brown-Schule. Zudem feierte die CarlOrff-Schule ihr 50-jähriges Bestehens.

Politische Bildungsreisen wurden nach Brüssel und Stuttgart unternommen. Regelmäßige Freundschaftstreffen im Bildungsbereich mit dem Schweizer Kanton Schaffhausen standen an. Kreispolitische Höhepunkte waren der offizielle Kreisbesuch von Ministerpräsident Kretschmann im Mai 2018 und die Verleihung der Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Gold

 

 

Die Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg in Silber für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über 30 Jahren erhielten durch Landrat Sven Hinterseh (links) Walter Klumpp und Karl Rombach, MdL. Bild rechts: Für die Zugehörigkeit über drei Wahlperioden hinweg bekamen Klaus Martin und Siglinde Arm die Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Silber verliehen.

an den ersten Landrat des Schwarzwald-Baar-Kreises, Dr. Rainer Gutknecht im Jahr 2016.

In der Legislaturperiode des 9. Kreistags fanden 112 Kreistags- und Ausschusssitzungen statt, 814 Drucksachen wurden versandt und über 800 Tagesordnungspunkte behandelt.

Den Landkreis ein gutes Stück vorangebracht

„Es geht heute Nachmittag aber vor allem um die Menschen, die sich dieser Fragen angenommen, die die besten Lösungen gesucht und in 99 Prozent aller Fälle auch gefunden haben. Sie prägten mit ihrem Wirken das Wesen des Schwarzwald-Baar-Kreises und brachten ihn in seiner Entwicklung ein gutes Stück voran“, hob Landrat Sven Hinterseh weiter hervor.

23 engagierte Frauen und Männer wurden nun aus dem Kreistag verabschiedet. Für ihr Engagement während der letzten Wahlperiode wurden mit einer Dankesurkunde ausgezeichnet: Erich Bißwurm, Andreas Braun, Prof. Dr. Barbara Fink, Siegfried Heinzmann, Sabine Heizmann, Rolf Breisacher, Frank Lobstedt, Ilse Mehlhorn, Mathias Schleicher, Christian Stark, Matthias Weisser und Georg Wentz.

Für die Zugehörigkeit zum Kreistag über zwei Wahlperioden hinweg erhielten eine Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Bronze und eine Urkunde: Gunther Dreher, Thorsten Frei, MdB, Thomas Petrolli und Dr. Michael Walter.

Für die Zugehörigkeit über drei Wahlperioden hinweg erhielten Siglinde Arm und Klaus Martin die Verdienstmedaille des SchwarzwaldBaar-Kreises in Silber.

Die Verdienstmedaille des Landkreises in Gold erhielten für vier Wahlperioden: Bernd Hezel, Christian Muthmann, Ernst Reiser, Jürgen Schützinger, Wolfgang Schyle und Robert Strumberger.

Zudem überreichte Landrat Sven Hinterseh die Verdienstmedaille des Landkreistages Baden-Württemberg in Bronze für eine Zugehörigkeitsdauer von über 20 Jahren an: Elke Bettecken, Jörg Frey, Bernd Hezel, Christian Kaiser, Christian Muthmann, Wolfgang Schyle, Robert Strumberger und Hans-Joachim von Mirbach.

Die Verdienstmedaille des Landkreistags Baden-Württemberg in Silber für eine Zugehörigkeit zum Kreistag von über 30 Jahren erhielten: Walter Klumpp und Karl Rombach, MdL.

 

 

Neuer Kreistag hat 58 Mitglieder

Wahlbeteiligung von 53,4 Prozent – 13 Frauen gehören dem Gremium an

Neuer Kreistag hat 58 Mitglieder Die Sitzverteilung im 10. Kreistag nach der Wahl am 26. Mai 2019 22 10 8 10 5 3 22 Sitze 299.876 St. (38,3%) 10 Sitze 145.298 St. (17,4%) 10 Sitze 156.266 St. (16,8%) 5 Sitze 80.609 St. (9,5%) 3 Sitze 47.219 St. (4,5%) 8 Sitze 118.751 St. (13,3%)

„Wir wollen das Beste für den Landkreis, seine Städte und Gemeinden und unsere Mitbürger erreichen“, so Landrat Sven Hinterseh bei der konstituierenden Sitzung des neuen Kreistages des Schwarzwald-Baar-Kreises. Von 166.752 Wahlberechtigten gaben am 26. Mai 2019 exakt 89.000 Wähler ihre Stimme für den 10. Kreistag ab, so dass die Wahlbeteiligung bei 53,4 Prozent lag (2014 waren es 47,6 Prozent).

Dem 10. Kreistag gehören 58 Kreisräte an – 13 Frauen und 45 Männer. Die Frauenquote liegt damit bei mehr als einem Fünftel, aber nicht ganz einem Viertel. Die jüngste Kreisrätin ist mit 30 Jahren Bürgermeisterin Lisa Wolber aus Gütenbach, die erstmals in den Kreistag einzog. Mit Dr. Karl-Henning Lichte, 76 Jahre alt, wurde der älteste Kreisrat in das Gremium wiedergewählt. Er gehört dem Kreistag bereits seit 2004 an.

14 Oberbürgermeister und Bürgermeister sind im Kreistag vertreten, dazu einige „außer Dienst“.

35 Kreisrätinnen und Kreisräte gehörten bereits dem 9. Kreistag an und wurden wiedergewählt, neu hinzugekommen sind 23 Mitglieder.

Die CDU ist als stärkste Partei mit 22 Sitzen vertreten, gefolgt von Bündnis 90/Die Grünen und den Freien Wählern mit jeweils 10 Sitzen. Die SPD ist mit 8, die FDP mit 5 und die AfD mit 3 Sitzen im Kreistag vertreten, was dazu führt, dass erstmals in der Geschichte des Schwarzwald-Baar-Kreises sechs Fraktionen die Geschicke dieses Gremiums gestalten.

Landrat Sven Hinterseh freute sich auf eine gute Zusammenarbeit mit dem neu gewählten Kreistag: „Die vergangenen Jahrzehnte sind für uns – die ehrenamtlich tätigen Kreisräte, die Mitarbeiter im Landratsamt sowie die Städte und Gemeinden im Landkreis – Verpflichtung, alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Landkreis auch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten in eine gute Zukunft zu führen.“

 

 

Der Kreistag 2019 – 2024

Als Fraktionsvorsitzende fungieren: CDU: Oberbürgermeister Jürgen Roth, Villingen-Schwenningen; BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Christian Kaiser, Donaueschingen; Freie Wähler: Bürgermeister a.D. Walter Klumpp, Tuningen; SPD: Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen; FDP: Niko Reith, Donaueschingen; AFD: Hans-Peter Huonker, Bad Dürrheim

CDU, 22 Sitze

Jürgen Roth, Villingen-Schwenningen
Detlev Bührer, Villingen-Schwenningen
Elke Bettecken, Villingen-Schwenningen
Maria Noce, Villingen-Schwenningen
Thomas Ettwein, Villingen-Schwenningen
Dirk Sautter, Villingen-Schwenningen
Katharina Hirt, Villingen-Schwenningen
Michael Schmitt, Brigachtal
Theobald Effinger, Brigachtal
Martin Ragg, Niederschach
Fritz Link, Königsfeld
Torben Dorn, Dauchingen
Karl Rombach, MdL, Schonach
Manfred Scherer, St. Georgen
Erik Pauly, Donaueschingen
Patrick Bossert, Donaueschingen
Josef Herdner, Furtwangen
Lisa Wolber, Gütenbach
Markus Keller, Blumberg
Michael Kollmeier, Hüfingen
Micha Bächle, Bräunlingen
Matthias Fischer, Blumberg

SPD, 8 Sitze
Edgar Schurr, Villingen-Schwenningen
Dr. Rupert Kubon, Villingen-Schwenningen
Nicola Schurr, Villingen-Schwenningen
Birgit Helms, Königsfeld
Oliver Freischlader, St. Georgen
Peter Rögele, Donaueschingen
Anton Knapp, Hüfingen
Kerstin Skodell, Hüfingen

Freie Wähler, 10 Sitze

Walter Klumpp, Tuningen

Dr. Karl-Henning Lichte, Villingen-Schwenningen

Werner Ettwein, Villingen-Schwenningen

Dominik Beha, Villingen-Schwenningen

Bertold Ummenhofer, Villingen-Schwenningen

Dr. Klaus Götz, Bad Dürrheim

Sigrid Fiehn, Königsfeld

Michael Rieger, St. Georgen

Jörg Frey, Schonach

Rainer Jung, Furtwangen

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, 10 Sitze

Christian Kaiser, Donaueschingen

Cornelia Kunkis-Becker, Villingen-Schwenningen

Armin Schott, Villingen-Schwenningen

Dr. Ursula Roth-Ziefle, Villingen-Schwenningen

Hans-Joachim von Mirbach, Villingen-Schwenningen

Wolfgang Kaiser, Bad Dürrheim

Beate Berg-Haller, Königsfeld

Angela Nock, Triberg

Martina Braun, MdL, Furtwangen

Maren Ott, Bräunlingen

FDP, 5 Sitze

Niko Reith, Donaueschingen

Dr. Marcel Klinge, MdB, Villingen-Schwenningen

Michael Steiger, Villingen-Schwenningen

Roland Erndle, Donaueschingen

Adolf Baumann, Hüfingen

AfD, 3 Sitze

Hans-Peter Huonker, Bad Dürrheim

Martin Rothweiler, Villingen-Schwenningen

Joachim Senger, Donaueschingen

Maria Noce, CDU

Wolfgang Kaiser, GRÜNE Micha Bächle, CDU

Jörg Frey, FWV

Lisa Wolber, CDUAnton Knapp, SPD Rainer Jung, FWV Katharina Hirt, CDU Werner Ettwein, FWV

Edgar Schurr, SPD Michael Kollmeier, CDU

Dominik Beha, FWVMatthias Fischer, CDU

Walter Klumpp, FWV Markus Keller, CDU

Christian Kaiser, GRÜNEDetlev Bührer, CDUAdolf Baumann, FDPJürgen Roth, CDU

Joachim Senger, AfD

Erik Pauly, CDUNicola Schurr, SPDMartin Rothweiler, AfD

 

 

Konstituierende Sitzung des 10. Kreistages in der Geschichte des Schwarzwald-Baar-Kreises. Links: Landrat Sven Hinterseh verpflichtet stellvertretend für alle Gremiums mitglieder die Gütenbacher Bürgermeisterin Lisa Wolber (CDU), zugleich das jüngste Mitglied des Gremiums.

 

 

Horst Siedle

(1938 – 2019)

Zuhause in der Welt, im Schwarzwald verwurzelt

Unternehmerlegende, im Herzen immer Furtwanger, Kreisrat und Gemeinderat. Ebenso Mäzen, Sponsor und großer Kunstliebhaber. Träger des Bundesverdienstkreuzes, der Wirtschaftsmedaille des Landes Baden-Württemberg, der Verdienstmedaille des Schwarzwald-Baar-Kreises in Gold und Empfänger vieler weiterer Auszeichnungen. Mit Horst Siedle ist am 11. April 2019 im 80. Lebensjahr ein Mann verstorben, den Wirtschaftsminister Ernst Pfister als „Prachtexemplar der Bürgergesellschaft“ bezeichnete, bei dem politisches Engagement, soziale Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg auf vorbildliche Weise Hand in Hand gingen. „Stolz, dankbar und glücklich“ sei er über die Ernennung zum Furtwanger Ehrenbürger, sagte Horst Siedle im Jahr 2009. Der „sozial engagierte Fabrikler“, so Horst Siedle über sich selbst, erfuhr bei einer der größten Trauerfeiern in der jüngeren Geschichte der Stadt Furtwangen die Wertschätzung von Hunderten von Trauergästen. Landrat Sven Hinterseh sprach im Namen vieler, als er ausführte: „In Horst Siedle trafen Sachverstand, Souveränität, Herzlichkeit und die tiefe Überzeugung zusammen, dass man Zukunft praktisch und lebensnah gestalten kann. Als äußerst heimatverbundenen, willensstarken und liebenswürdigen Menschen werde ich persönlich und werden wir in Furtwangen und im Schwarzwald-Baar-Kreis Horst Siedle in Erinnerung behalten.“

„Ich bin Weltbürger, Europäer, Deutscher und sein Vater Max zu sagen pflegte, natürlich an Badener – aber im Herzen bin ich Furtwanger.“ einer badischen Adresse: Die Siedles wohnten So hat Horst Siedle auf die Frage geantwortet, in der Zähringerstraße, wo der kleine Horst, wie wo er sich zu Hause fühlt. Dabei war er zwar er sich erinnerte, mit Kindern spielte, die einen Spross einer alteingesessenen Schwarzwälder gelben Stern an der Jacke trugen. Dass Max Familie, aber ein waschechter Berliner von Ge-Siedle seinen Sohn mit jüdischen Nachbarskinburt. Sein Vater vertrieb die Produkte des hei-dern spielen ließ, war nicht ohne Risiko, aber mischen Unternehmens in der Hauptstadt, dort mit den Nationalsozialisten wollte Max Siedle kam Horst Siedle 1938 zur Welt. Seine ersten auch sonst nichts zu tun haben. 1944 musste Lebensjahre erlebte er in Berlin. Als Badener, wie er für diese Haltung mit einem Berufsverbot

 

 

büßen, denn er war als einziges Mitglied des Elektrogroßhandelsverbandes nicht Mitglied der NSDAP – und gab lieber sein Geschäft auf, als Parteigenosse zu werden. So ging die Berliner Zeit zu Ende, und Horst Siedle wurde mit sechs Jahren zum Furtwanger; seine Familie bezog jenes Haus in der Baumannstraße, das er fast sechzig Jahre später aufwändig sanieren und in den damaligen Zustand zurückversetzen ließ. Heute residieren darin die Geschäftsführung und die Unternehmenskommunikation. Abriss und Neubau wären fraglos billiger gewesen und hätten der unter Platzmangel leidenden Firma mehr Raumgewinn gebracht. Doch wie so häufig fällte Horst Siedle seine Entscheidung nicht aus nüchternem Kalkül allein.

Im Herzen Furtwanger

Eine zweite Siedle-Immobilie unterstreicht diese Einstellung. Das 1994 in Betrieb genommene Logistikzentrum am Furtwanger Stadtrand ist das modernste und markanteste Firmengebäude. Noch bevor mit der Planung begonnen wurde, setzte der Firmenchef gegen das Votum von Führungskräften des eigenen Unternehmens eine Grundsatzentscheidung durch: Eine Auslagerung an einen Dienstleister oder ein alternativer Standort kamen nicht in Frage. Nicht nur die Arbeitsplätze im Logistikzentrum selbst, auch die Bauarbeiten und die gesamte Wertschöpfung mussten so weit als möglich in Furtwangen bleiben. Als sichtbarer Glaube an die Zukunft sollte das neue Gebäude ein Zeichen setzen für die Verbundenheit mit dem Standort. Zudem musste es sich harmonisch in die Landschaft einfügen.

Horst Siedle stellte hohe Anforderungen an die Umsetzung, an deren Ende ein Industriebau von außergewöhnlicher architektonischer Qualität stand. Das Logistikzentrum hätte an einem anderen Ort erheblich kostengünstiger errichtet werden können. Dem stand nur eines entgegen: Horst Siedles Bekenntnis zum Standort Furtwangen, das betriebswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Kalkulationen des sonst so scharfen Rechners manches Mal außer Kraft setzte.

Schon legendär ist der Millionenkredit zu besten Konditionen, mit dem Siedle in den 1980er-Jahren der quasi zahlungsunfähigen Stadt Furtwangen half, die Gemeindefinanzen wieder ins Lot zu bringen und eine schwierige Phase zu überstehen. Woher stammt diese besondere Verbundenheit mit der Heimat? Siedle begriff Standorttreue als Teil einer Verantwortung, die jedes Unternehmen zu tragen hat. Ob ein Unternehmer gut wirtschaftet, war für den überzeugten Mittelständler nicht nur eine Frage der Bilanzen, obwohl er keinen Zweifel daran ließ, dass ein Unternehmen profitabel arbeiten muss.

Aber Gewinn darf nicht zum Selbstzweck werden, sondern soll Zielen dienen: den Menschen und der Welt, in der sie leben. Den Begriff Shareholder Value schätzte er ebenso wenig wie Manager, die ihn zur obersten Maxime ihres Handelns erklärten. Siedle sah in ihm den Inbegriff eines Wirtschaftsegoismus, der nur zwei Ziele kennt: die persönliche Bereicherung des Managers und die persönliche Bereicherung des Aktionärs.

Großes Erbe und stolze Bilanz – Vom Gießer zum Pionier der Elektrotechnik

Vor mehr als 260 Jahren wurde ein „Mathäus Siedle, Glockengießer“, urkundlich erwähnt – Horst Siedles Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater. Aus der kleingewerblichen Gießerei für die Schwarzwälder Uhrenmanufaktur wurde im 19. Jahrhundert eine Fabrik. Siedle wandelte sich zu einem Pionier der Elektrotechnik und war einer der ersten Telefonhersteller in Deutschland. Im 20. Jahrhundert spezialisierte sich das Unternehmen auf die Haus- und Türtelefonie, die bis heute das Hauptgeschäftsfeld ist.

Über die Jahrhunderte und alle Wandlungen hinweg blieb das Unternehmen stets im Besitz und unter der Leitung der gleichen Familie. Horst Siedle trat ein weit zurückreichendes Erbe an – aber in den Schoß wurde es ihm nicht gelegt. Wie viele seiner Vorfahren hat auch er nicht in der Führungsetage angefangen, als er 1957 als Praktikant ins Unternehmen eintrat. Von den Mitarbeitern, denen er später als Geschäftsführer vorstehen sollte, hat er das Löten, die Herstellung von Kabelbäumen, die Montage

 

 

von Netzgleichrichtern oder Telefonen und vieles mehr gelernt.

Höhere Weihen erwarb er sich bei der Schweizer Tochter Siedle Electric, die er vom Ein-Mann-Betrieb zum florierenden Unternehmen aufbaute und zehn Jahre lang leitete. Geschäftsführer der Mutterfirma wurde er schließlich 1970 – nach langwierigen und teilweise bitteren familiären Auseinandersetzungen. Geschenkt bekam er nichts. Im Praktikum, bei seinem Karriereeinstieg in der Schweiz und auch während der ersten Jahre als Geschäftsführer – Horst Siedle musste sich immer durchsetzen. Und der Erfolg gab ihm Recht. Unter seiner Leitung wurde aus einem soliden, aber stagnierenden Unternehmen eine Firma mit Weltruf.

Trauerfeier spiegelt die vielfachen Verdienste und die hohe Achtung wider

In einem 1.000 Menschen fassenden Zelt fand am 26. April in Furtwangen die Trauerfeier für Horst Siedle statt. Sein Sarg war vor einer großformatigen Fotografie des Unter- und Oberfallengrundes in Gütenbach/Neukirch aufgebahrt, der geliebten Schwarzwaldheimat. Der Kunst- und Kulturkenner Roland Doschka sowie Freund brachte der Trauergemeinde den Menschen Horst Siedle und seine Liebe zur Kunst nahe. Pater Xaver Berchtold, der mit dem evangelischen Pfarrer Lutz Bauer den liturgischen Teil übernahm, zeigte sich Horst und Gabriele Siedle gegenüber dankbar für die vielen freundschaftlichen Begegnungen und die Hilfe bei der Jugendarbeit der Salesianer in Furtwangen.

Bürgermeister Josef Herdner skizzierte das reiche Wirken des Furtwanger Ehrenbürgers. Er unterstrich, was Horst Siedle anging und initiierte, das hatte aus kommunaler Sicht immer das Ziel, „seine“ Stadt Furtwangen zu stärken. „Ein Unternehmen hat sich in eine Gemeinde zu integrieren, eine soziale Aufgabe zu übernehmen und sich am Stadtgeschehen zu beteiligen. Mitarbeiter wollen auf ihre Firma stolz sein und das auch zeigen können“, zitierte Herdner den Ehrenbürger. 38 Jahre lang prägte Horst Siedle als Mitglied des Gemeinderates der Stadt Furtwangen das kommunale Geschehen entscheidend mit. Der Bürgermeister: „Als Stadtrat und 25 Jahre lang als Fraktionsführer der FWV/FDP-Fraktion kämpfte er für die Interessen der Stadt Furtwangen, für ein starkes Furtwangen.“

Horst Siedle spezialisierte sein in Furtwangen im Schwarzwald beheimatetes Unternehmen auf die Haus- und Türtelefonie.

An Beispielen machte der Bürgermeister fest, was das Wirken von Horst Siedle auszeichnete. Sah der Gemeinderat z. B. nicht die Notwendigkeit für die Einstellung eines Jugendbegleiters in Furtwangen, so finanzierte Horst Siedle diesen kurzer Hand selbst und lieferte dadurch bald überzeugende Argumente für den Sinn einer solchen Maßnahme. Er finanzierte ebenso Planungen zur künftigen Stadtgestaltung und legte damit den Grundstein für die Stadtkernsanierung. Immer wieder griff er der

 

 

Stadt mit finanziellen Mitteln unter die Arme und half mit, dass sie ihre finanziellen Schieflagen meistern konnte. So bei der Finanzkrise in den 1980er-Jahren, bei der Sanierung der Tartanbahn im Bregstadion, der Anschaffung eines Röntgengerätes zur Sicherung der ärztlichen Versorgung oder der Finanzierung des Klara-Siedle-Sinnesgartens in St. Cyriak Wohnen und Pflege.

Besonders erinnerte der Furtwanger Bürgermeister an den Festakt zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde im Jahr 2009. Über die Verleihung der Ehrenbürgerschaft freute sich Horst Siedle riesig, betonte Josef Herdner und zitierte ihn: „Ich bin stolz, dankbar und glücklich und es tut gut, dass Sie mich zum Ehrenbürger gemacht haben. Ehrenbürger wird man nicht so einfach. Ich werde weiterhin für Furtwangen kämpfen und ich werde mich bemühen, dass ich Sie nicht enttäusche.“

Aufbau der Siedle-Gruppe

Das Wirken im Unternehmen umriss das Mitglied der Geschäftsleitung Joachim Beyer. Herausragend sei auch der Weitblick von Horst Siedle gewesen. Schon früh dachte er darüber nach, wie er sein Unternehmen und seine Mitarbeiter absichern kann. So erwarb er 1978 die Kunststofffirma K&E in Mönchweiler und sicherte damit Know-how in der Kunststoffverarbeitung und im Betriebsmittelbau und ein Stück Unabhängigkeit von Zulieferern. 1984 kaufte Horst Siedle die Novotechnik in Ostfildern-Ruit und kurz darauf die Contelec im Schweizerischen Biel. Zwei Unternehmen, die in einem völlig anderen Technologiebereich angesiedelt sind. Mit der dadurch entstandenen Siedle-Gruppe wollte er sicherstellen, dass eine Firma die andere unterstützen kann. Horst Siedle diversifizierte und streute das Risiko.

Joachim Beyer schilderte ein weiteres Beispiel für die Weitsicht von Horst Siedle nach einer schweren Erkrankung im Jahr 2005. Er selbst sorgte für eine klare Nachfolgeregelung, indem er die Geschicke des Unternehmens in die Hände seiner Ehefrau Gabriele Siedle legte. „Durch die Übertragung seiner Unternehmensanteile in eine Familienstiftung und durch das festgeschriebene Unternehmensleitbild ist das Lebenswerk von Horst Siedle sichergestellt. Es war Horst und Gabriele Siedle ein persönliches Anliegen, dass dies allen Mitarbeitern bereits 2006 mitgeteilt und in Schriftform ausgehändigt wurde“, betonte Joachim Beyer.

Der Gesamtbetriebsrats-Vorsitzende Ergun Can würdigte im Namen der Mitarbeiter den sozialen, menschlichen Charakter von Horst Siedle: „Er wurde nicht müde zu betonen, dass das eigentliche Kapital seiner Firma seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind. Und das konnten wir auch spüren. Es war ihm wichtig, dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fair und wertschätzend behandelt wurden und er ermöglichte uns Rahmenbedingungen, die nicht selbstverständlich sind.“

Wegweisende Entscheidungen

Landrat Sven Hinterseh zeigte sich in seinem Nachruf beeindruckt von der zwei Jahrzehnte währenden ehrenamtlichen Tätigkeit von Horst Siedle als Kreisrat mit großem persönlichen Einsatz, um an den Themen der Zeit mitzuarbeiten. Seine unternehmerische Erfahrung und durchaus auch sein Mut, Themen aktiv anzugehen, taten dem Landkreis und der Kreispolitik gut, hob der Landrat hervor. Sven Hinterseh: „Er ging keiner Diskussion aus dem Weg und vertrat seine Meinung klar und unzweideutig. Bei aller Klarheit in der Aussprache und vielleicht auch einer gewissen Härte, war er aber doch mit großer menschlicher Herzlichkeit und Wärme ausgestattet und hat vor allen diejenigen, die es im Leben manchmal schwerer hatten – ob unverschuldet oder auch aus eigenem Zutun – nie aus dem Blick verloren.“

In diesen zwanzig Jahren Kreispolitik wurden zahlreiche wegweisende Entscheidungen getroffen, die noch weit in die Zukunft des Landkreises hineinwirken werden und bei denen Horst Siedle seine Weitsicht, den großen Erfahrungsschatz, seine Willensstärke und eine außerordentlich hohe Motivation unter Beweis stellte. Der Landrat erinnerte an die große Herausforderung der Neuorganisation der

 

 

Horst und Gabriele Siedle mit Philipp Rösler und Bürgermeister Josef Herdner. Der Bundeswirtschaftsminister besuchte das Unternehmen Siedle im Juni 2013. Zur Bundespolitik pflegte Horst Siedle persönliche Kontakte.

technisch und organisatorisch anspruchsvollen Abfallwirtschaft. Ein Thema, das in den 1980er- und den beginnenden 1990er-Jahren ein kreis-politisch sehr anspruchsvolles Gebiet war und bei dem sich Horst Siedle mit großem – auch technischem – Sachverstand in betriebliche Abfallfragen einbrachte.

Gleiches gilt für den Ausbau der vielfältigen und – das war ihm auch immer wichtig – dezentralen Schullandschaft. Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es die vielen Kreisschulen eben nicht nur in den beiden großen Kreisstädten, sondern darüber hinaus und nicht zuletzt auch in Furtwangen. 1995 war für den Kreisrat Horst Siedle diesbezüglich ein wichtiges Jahr, denn nach jahrelangem Ringen und vielen Diskussionen konnte endlich der architektonisch gelungene Neubau der Robert-Gerwig-Schule übergeben werden, und elf Jahre später dann die neue Sporthalle.

In die Zeit der Tätigkeit als Kreisrat fielen zahlreiche weitere wichtige Fragen rund um die Infrastruktur und die Daseinsvorsorge. Nicht zuletzt aber auch das wohl schwierigste und zugleich politisch am härtesten diskutierte Thema des vergangenen Jahrzehnts: die Neuordnung des Krankenhauswesens und der damit verbundene Strukturwandel hin zu einem großen Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums in Villingen-Schwenningen. Und gerade in Furtwangen galt es harte Einschnitte einzustecken, da das ehemals städtische Krankenhaus, das in die Trägerschaft des Landkreises überführt worden war, einfach nicht zu halten war. Für Horst Siedle schwere Stunden, die Spuren hinterlassen haben, wie Landrat Hinterseh unterstrich.

Er sei dankbar für die Begegnungen mit Horst und Gabriele Siedle, betonte Sven Hinterseh, für ihr gemeinsames Wirken. Die Erinnerung gelte abseits aller Funktionen und Leistungen letztendlich dem Menschen Horst Siedle, den er in vielerlei Hinsicht sehr geschätzt habe. Und der über die Stadt- und Landkreisgrenzen, ja sogar über die Landesgrenzen hinaus, höchste Anerkennung und Wertschätzung erfahren durfte.

 

 

Nach fast 120 Jahren beginnt auf der Höllentalbahn eine neue Ära

von Bernward Janzing

Die Einweihungsfeier zur Elektrifizierung der Höllentalbahn erfolgt im Dezember 2019 – das künftige Angebot auf der östlichen Höllentalbahn umfasst einen Stundentakt zwischen Schwarzwald und Kaiserstuhl, der in den Hauptverkehrszeiten bis zum Halbstundentakt verdichtet werden kann. Die Elektrifizierung der Höllentalbahn Ost ermöglicht, dass Fahrgäste ohne Umstieg im Stundentakt und mit neuen, zeitgemäß ausgestatteten Zügen von VS-Villingen über Donaueschingen, Löffingen, Neustadt, Hinterzarten und Kirchzarten nach Freiburg sowie weiter bis Breisach beziehungsweise Endingen am Kaiserstuhl fahren können. Der Landkreis investiert in diese Verbesserung über 18 Millionen Euro. Für Landrat Sven Hinterseh ein zukunftsweisender Meilenstein: „Mit dem verbesserten Schienenangebot wird der Schwarzwald-Baar-Kreis als Lebens- und Arbeitsort erheblich an Attraktivität gewinnen.“

Was für eine Präzision! Und diese gelang den Bauingenieuren bereits vor fast 120 Jahren. „Der Tunnel weicht in seinem Verlauf nur zwei Zentimeter von den historischen Plänen ab“, sagt Bauingenieur Eric Teßmar, während er im Frühjahr 2019 durch den Dögginger Tunnel führt, den längsten an dieser Strecke. Der Zugbetrieb ruht hier bereits seit Anfang November 2018, die Gleise sind längst abgebaut. Denn die Trasse muss in den fünf Tunnels der östlichen Höllentalbahn zwischen Neustadt und Donaueschingen um 42 bis 62 Zentimeter abgesenkt werden. Dieser zusätzliche Raum im Tunnelprofil wird nötig für die Oberleitungen. Die historischen Bauwerke mussten daher zum Start der Arbeiten nochmals genau vermessen werden.

Für die Oberleitung ist unter Brücken und in den Tunnels im Regelfall eine Durchfahrtshöhe von 5,70 Metern erforderlich, gemessen von der Schienenoberkante. In den Tunnels ist daher die Absenkung der Gleise die einzige praktikable Option. Brücken hingegen können mitunter mit vertretbarem Aufwand umgebaut werden. An der Höllentalbahn-Ost waren drei Straßenüberführungen nicht ausreichend hoch.

Der Dögginger Tunnel

Das anspruchsvollste Teilstück der östlichen Höllentalstrecke ist der Dögginger Tunnel. Die Geologie ist auf der Baar im Vergleich zu den vier anderen Tunnels zwischen Neustadt und Rötenbach, die das kristalline Grundgebirge des Schwarzwaldes durchstoßen, deutlich vielfältiger. Im Verlauf des Dögginger Tunnels wechseln sich der Keuper und der Muschelkalk ab und damit auch die Geostatik. Der Tunnel westlich das Dögginger Bahnhofs ist zudem der längste der Höllentalbahn. Mit einer Ausdehnung von

Nach dem Entfernen der Gleise und dem Absenken der Talsohle im Tunnel standen Festigungsarbeiten am Tunnelbau im Vordergrund. Dazu wurden Injektionen in die Wände vorgenommen. Um die Elektrifizierung zu ermöglichen, mussten entlang der gesamten Bahnstrecke Strommasten aufgestellt werden.

 

 

535,60 Metern unterquert er sogar ein ganzes Wohngebiet. Und nebenbei befindet sich der Tunnel nicht nur geologisch, sondern auch topografisch in markantem Gelände – er unterquert die europäische Hauptwasserscheide zwischen Nordsee und Schwarzem Meer, das heißt zwischen Gauchach und Donau.

Selbst im westlichen Teil der Strecke zwischen Freiburg und Neustadt sind die Tunnels durchweg kürzer; der Loretto-Tunnel in Freiburg kommt mit 514 Metern allerdings fast an den Dögginger Tunnel heran. Unter formalen Aspekten ist das Bauwerk auf der Baar übrigens der einzige „richtige“ Tunnel zwischen Neustadt und Donaueschingen. Die anderen vier mit Längen zwischen 104 und 220 Metern gelten hinsichtlich der Sicherheitskonzepte nur als Brücken – was sie faktisch natürlich nicht sind, denn sie durchstoßen allesamt sehr wohl die Schwarzwaldberge.

Weil nun alleine der Dögginger Tunnel formal ein vollwertiger Tunnel ist, wurde für dieses Bauwerk ein ganz eigenes Sicherheitskonzept

Ein weit verzweigtes Streckensystem ermöglicht es ab 15. Dezember 2019 mit der dann elektrifizierten Höllentalbahn Ost im Stundentakt nach Freiburg zu fahren.

entwickelt, wie es die anderen Tunnel an der Strecke nicht brauchen. So wurde im Zuge der Elektrifizierung auch ein neuer Rettungsweg zum östlichen Tunnelportal geschaffen, samt Rettungsplatz. In die Böschung wurde ein Löschwassertank eingebracht. Auch am Westportal wurde ein neuer Rettungsplatz geschaffen. Als der Tunnel um die Jahrhundertwende gebaut worden war, hatte man all das noch nicht für nötig befunden. Das Sicherheitsempfinden war noch wenig ausgeprägt.

Aber auch schon vor 120 Jahren wussten die Ingenieure sehr genau, was sie taten. Sauber und präzise haben auch sie schon gearbeitet, trotz ihrer einfachen Technik. Während nun Bauingenieur Teßmar durch den Tunnel führt, an dessen Wänden vielfältige Markierungen angebracht sind, zeigt er, wie man heute arbeitet. An den Decken hängen Spiegel, die Laserstrahlen reflektieren; damit werden die Bewegungen des Berges beobachtet, während die Bauarbeiter an der Tunnelsohle tätig sind. Da der Tunnel nach unten vertieft werden muss, müssen die neu entstehenden Seitenwände mit Beton stabilisiert werden. Sollte bei den Arbeiten das umgebende Gestein allzu sehr nachgeben, könnte man aufgrund der stetigen Messung rechtzeitig eingreifen. „Wir erkennen Setzungen mit einer Präzision von einem Millimeter“, sagt Teßmar.

 

 

Zuerst mussten alle Schienen aus dem ca. 535 Meter langen Dögginger Tunnel raus und die Trasse wurde um 42 bis 62 Zentimeter abgesenkt, dann kamen sie wieder hinein (oben). Zuvor mussten teils größere Erdbewegungsarbeiten stattfinden wie hier am östlichen Dögginger Tunneleingang (unten).

 

 

Höhepunkte einer Reise mit der Höllentalbahn sind noch heute die Fahrt durch den unteren und oberen Hirschsprung-Tunnel (links) und über das Ravenna-Viadukt (rechts). Die Abbildungen stammen aus einem frühen Führer zur Höllentalbahn. Die Bahn wurde erst 1898 in Richtung Hüfingen/Donaueschingen erweitert und endete damals noch in Neustadt.

Mit Zahnradbahn in den Hochschwarzwald

Mit einfachsten Mitteln hingegen hatten die Baumeister des späten 19. und des beginnenden

20. Jahrhunderts bereits eine ideale Linienführung realisiert. So war jede Bahnstrecke dieser Zeit eine technische Meisterleistung und die Höllentalbahn mit ihrem steilen Anstieg zwischen Himmelreich und Hinterzarten ohnehin. Aber auch der anschließende Teil von Neustadt auf die Baar wollte gut geplant sein.

So war in dem topografisch anspruchsvollen Gelände des Schwarzwaldes die Trassenführung der Höllentalbahn zuvor intensiv diskutiert worden. Viele Optionen hatte man geprüft – und dann wieder verworfen. Schon Jahre zuvor, nämlich als der Bau der Schwarzwaldbahn anstand, hatte man das Höllental bereits als eine Option für eine badische Hauptstrecke im Blick gehabt. Doch dann fiel die Entscheidung zugunsten der Trasse von Offenburg über Hausach, Triberg und die Sommerau nach Villingen. Die Höllenbahn wurde anschließend als Nebenbahn realisiert und 1887 von Freiburg bis Neustadt in Betrieb genommen. Der Anschluss bis Donaueschingen folgte 14 Jahre später. Damit erreichte die Bahn eine Gesamtlänge von fast 75 Kilometern.

In Donaueschingen trifft die Höllentalbahn auf die Schwarzwaldbahn von Offenburg. Die Strecke überwindet auf den ersten rund 25 Kilometern zwischen dem Freiburger Hauptbahnhof und dem Bahnhof Hinterzarten mehr

 

 

als 600 Höhenmeter. Sie zählt mit bis zu 5,7 Prozent Steigung zu den steilsten Bahnstrecken Deutschlands. Der Abschnitt Hirschsprung – Hinterzarten musste deswegen anfangs sogar als Zahnradbahn betrieben werden, weil die Loks der frühen Jahre die Steigung anders nicht bewältigen konnten.

Täglich verkehrten in der ersten Zeit drei Personenzugpaare und ein gemischtes Zugpaar. Mit maximal 30 Kilometern pro Stunde waren die Züge unterwegs. Für die 35 Kilometer bis Neustadt benötigte ein Zug im Jahr 1888 zwei Stunden und 22 Minuten bergwärts, sowie zwei Stunden und 4 Minuten talwärts.

Trassenverlauf war lange Zeit fraglich

Bereits frühzeitig galt die Weiterführung der Bahn nach Osten als beschlossene Sache. Schon im Budget des Jahres 1869 hatte die Großherzogliche Regierung 30.000 Mark vorgesehen „zu einer erschöpfenden Aufsuchung einer bau- und betriebswirtschaftlichen Linie Freiburg-Donaueschingen“. Und so richteten im März 1873 die Gemeinden des Schwarzwaldes und der Baar eine Eingabe an das Großherzogliche Handelsministerium, die Vermessungen auch auf der Strecke Neustadt – Donaueschingen fortzusetzen.

Offen war lange Zeit aber der Trassenverlauf. Eine der diskutierten Varianten hätte den Bau einer weiteren Zahnradstrecke bedurft: Über Eisenbach hätte die Linie nach Hammereisenbach geführt, wo sie im Bregtal auf den Gleisen der privaten Bregtalbahn über Wolterdingen, Bräunlingen nach Donaueschingen geführt hätte. In diesem Fall hätte der Staat den Streckenabschnitt Hammereisenbach – Hüfingen aufkaufen müssen. Das war weniger ein Problem, weil eine solche Transaktion in der Konzession zum Bau der Bregtalbahn schon frühzeitig als Option berücksichtigt worden war. Aber die Zahnradstrecke schreckte ab. Diskutiert wurde alternativ auch eine konventionelle Bahn ohne Zahnradstrecke von Neustadt über Hammereisenbach ins Bregtal, doch eine solche Trasse wäre sehr lang geworden, weil nur so die großen Höhenunterschiede zu überwinden gewesen wären.

Furtwangen machte sich zwar lange noch für einen Anschluss der Höllentalbahn in Hammereisenbach stark, weil damit die 1893 eröffnete Bregtalbahn deutlich aufgewertet worden wäre. Aber die Stadt konnte sich nicht durchsetzen.

Auch beim Verlauf der Strecke über Löffingen wurden noch Alternativen diskutiert. Zur Debatte stand die Option, die Bahn von Neustadt über Rötenbach und Löffingen nach Bräunlingen zu führen, wo sie dann auf den Gleisen der Bregtalbahn nach Donaueschingen gelangt wäre. Die Trasse wäre dem Verlauf der jetzigen B 31 bis Löffingen gefolgt und hätte einer großen Brücke über das Tal der Gutach bei Neustadt bedurft. Hinter Löffingen wäre wieder eine Brücke über die Gauchach notwendig gewesen um die Strecke an Dittishausen vorbei nach Bräunlingen zu führen.

Am 20. November 1895 beschloss dann die Zweite Kammer, das Parlament des Großherzogtums Baden, die heutige Streckenführung über Reiselfingen, Seppenhofen, Bachheim, Unadingen, Hausen vor Wald nach Hüfingen. Löffingen hatte zwischen 1861 und 1887 in neun Petitionen für diese Variante geworben. Die Forderung einiger Baargemeinden, auch Mundelfingen, Eschach, Opferdingen und Achdorf anzuschließen, lehnte die Kammer jedoch ab, denn einen weiteren Umweg der nun knapp 40 Kilometer langen Strecke wollte man nicht mehr hinnehmen.

Als im Februar 1896 das Gesetz der endgültigen Variante durch Großherzog Friedrich unterschrieben wurde, war dies ein Kompromiss, der lokalpolitische Interessen berücksichtigte

 

 

und möglichst vielen Gemeinden einen Bahnanschluss brachte. Die Gemeinden an dieser Strecke hatten sich zuvor geradezu mit Geldleistungen und Geländeabtritt überboten um einen Bahnanschluss zu bekommen.

Im Dezember 1898 wurden die Arbeiten für den Bau der östlichen Höllentalbahn vergeben. Viele italienische Gastarbeiter kamen zum Bahnbau auf die Baar und in den Schwarzwald, sie galten als tüchtig und integrierten sich aufgrund des gemeinsamen katholischen Glaubens schnell.

Schon 1934 wurde die Elektrifizierung diskutiert

Am 19. August 1901 wurde die Bahn eröffnet. Die geplanten Baukosten von sieben Millionen Mark konnten allerdings nicht eingehalten werden, vor allem die aufwendigen Tunnelbohrungen trieben die Kosten auf 10,3 Millionen. Auch die Brücken gingen erheblich ins Geld. Denn fünf Brücken befinden sich auf der Strecke, darunter die Gutachbrücke, die mit einer Länge von 141 Metern und einem 64 Meter weit gespannten Steinbogen jahrzehntelang die größte steingewölbte Bogenbrücke Deutschlands war.

Auch wurde der Bahnhof Hausen vor Wald großzügig angelegt, denn es war geplant, von dort einen Anschluss nach Schaffhausen zu bauen. Zudem sollte die Bahnstrecke von Neustadt nach Bonndorf, die 1907 fertiggestellt wurde, bis nach Schaffhausen verlängert werden. Realisiert wurde aber keine der beiden Trassen.

Die Höllentalbahn erlebte fortan eine wechselvolle Geschichte. Einerseits kamen schon frühzeitig die Forderungen auf, man möge auch die östliche Höllentalbahn elektrifizieren. Schon ehe der Bau der Oberleitungen bis Neustadt im Juni 1936 abgeschlossen war, forderte Löffingen erstmals im Oktober 1934 auch den Ausbau im westlichen Teil. Ein solches Projekt wurde dann 1939 sogar ins Auge gefasst, doch dann kam der Zweite Weltkrieg dazwischen.

Einerseits wurde die Elektrifizierung bis Donaueschingen auch in der Nachkriegszeit immer wieder diskutiert. Andererseits fürchteten die Menschen im Hochschwarzwald und auf der Baar ab den Siebzigerjahren immer wieder das komplette Ende der Höllentalbahn. Sogar noch im Jahr 1987, als die Höllentalbahn ihr 100-jähriges Bestehen feierte, galt deren Stilllegung weiterhin als denkbar. Schließlich hatten

Der Bau der Höllentalbahn bei Hausen vor Wald. In der Baargemeinde wurde auch ein großzügiger Bahnhof errichtet, da die Bahn von hier aus bis Schaffhausen weitergebaut werden sollte, was aber nie geschah.

 

 

die Schwarzwälder in den 20 Jahren zuvor viele Streckenstilllegungen erleben müssen.

Aber es gab auch in den Achtzigerjahren schon Kämpfer für die Bahn, die ambitioniert nach vorne blickten. So schrieb im Jubiläumsjahr 1987 die AG Höllentalbahn (ein Zusammenschluss unter anderem von Umwelt- und Verkehrsverbänden, von SPD und Grünen, von der Initiative Pro Bahn und der Gewerkschaft Deutscher Lokführer und Anwärter) ein Manifest. Dieses sah allerdings vor allem in einer neuen Trassenführung eine Option zur Steigerung der Attraktivität, erst zweitrangig propagierte das Papier auch die Elektrifizierung.

Bereits um 1980 war die Idee geboren, die Trasse über die Baar zu ändern. Es kursierte der Vorschlag, einen neuen Bahnhof am Schneekreuz in Löffingen anzulegen, und die Bahn entlang der B 31 zu führen – wie man es vor dem Bau der heutigen Trasse auch schon mal angedacht hatte.

In dem Manifest der Verbände von 1987 hieß es dann: „Investitionen von 70 bis 90 Millionen DM erlauben Streckenbegradigungen zwischen Kappel-Gutachbrücke und Rötenbach sowie zwischen Löffingen und Döggingen. Dadurch lässt sich die Fahrgeschwindigkeit auf 110 Kilometer pro Stunde erhöhen, sodass die Fahrzeit Neustadt – Donaueschingen um circa 50 Prozent gesenkt werden könnte. Eine Elektrifizierung ist nach erfolgter Streckenbegradigung ebenfalls sinnvoll.“ Ernsthafte Chancen auf Realisierung hatte dieser Vorschlag allerdings nicht.

Immerhin war schon wenig später zumindest das Thema Stilllegung erledigt. Lediglich einen imageträchtigen Zug nahm die Bahn im Dezember 2003 vom Fahrplan: den Kleber-Express. Dieser war seit 1954 täglich von Freiburg nach München gefahren, 379 Kilometer in rund sechseinhalb Stunden. Das Zugpaar hatte 1997 den Namen Kleber-Express bekommen, da sich die Hoteliers-Familie Kleber aus Bad Saulgau erheblich für die durchgehende Verbindung eingesetzt hatte. Doch gegenüber den schnelleren Verbindungen von Freiburg über Karlsruhe und Stuttgart nach München hatte der Zug keine Chance, obwohl er die Fahrgäste ohne Umstieg in die bayerische Landeshauptstadt führte.

Schwarzwald-Baar-Kreis fordert mit Nachdruck die Elektrifizierung der Höllentalbahn

Nach der Jahrtausendwende wurden die Diskussionen über die Elektrifizierung des noch fehlenden Teilstücks Neustadt – Donaueschingen immer intensiver. Der Kreistag des Schwarzwald-Baar-Kreises verabschiedete bereits 2008 einen Grundsatzbeschluss zur Elektrifizierung. Noch stieß man damit beim Land auf taube Ohren. Die Badische Zeitung berichtete im Dezember 2008: „Eine elektrische Oberleitung für die Bahnstrecke zwischen Neustadt und Donaueschingen ist für die Landesregierung derzeit kein aktuelles Thema.“ Immerhin hieß es dann aber im Oktober 2009: „Bahn prüft Elektrifizierung“.

Die beiden betroffenen Landkreise kamen schließlich im Juli 2011 überein, die Elektrifizierung voranzutreiben, einen Schritt, zu dem Landrat Karl Heim aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis sehr gedrängt hatte. Denn immerhin 13 von knapp 40 Kilometern der östlichen Höllentalbahn verlaufen im Schwarzwald-Baar-Kreis. 55 Millionen Euro wurden seinerzeit für das Projekt veranschlagt. Im Juli 2018 begann schließlich die Elektrifizierung der Höllentalbahn-Ost – das größte Bauprojekt auf dieser Strecke seit Inbetriebnahme der Eisenbahn.

Schon lange vorher hatten die Ingenieure geplant und technische Konzepte entwickelt. So kommen nun statt einer Konstruktion aus Fahrdraht und einem Kettenwerk aus Drahtseilen in den Tunneln stabile Stromschienen zum Einsatz. Vor und hinter den Tunnelabschnitten wurden Rampen gebaut, um die Gleise entsprechend abzusenken.

 

 

Eine spektakuläre Aktion gab es im Mai 2019 zu beobachten: Mit dem Helikopter wurden die neuen Strommasten an Ort und Stelle gebracht. Rund 250 Masten waren zuvor in Löffingen-Stettholz abgelegt worden, genau sortiert in der Reihenfolge, wie sie vom Helikopter abgeholt wurden. 15 Masten pro Stunde, so die ambitionierte Kalkulation, könnten aufgestellt werden. Dafür müssen sie sehr präzise aus der Luft abgesetzt werden.

Der Umbau der gesamten Strecke soll im November 2019 abgeschlossen sein, zum Monatsbeginn sollen die Züge wieder verkehren. Dann werden durchgehende Zugverbindungen im Stundentakt von Villingen über Donaueschingen, Löffingen, Neustadt, Hinterzarten und Kirchzarten nach Freiburg möglich sein. Die Züge werden sogar weiter bis Breisach beziehungsweise Endingen am Kaiserstuhl fahren können, da diese Strecke ebenfalls im Jahr 2019 elektrifiziert wurde. Entsprechend läuft auch die Elektrifizierung der Höllentalbahn unter der Bezeichnung „Breisgau-S-Bahn 2020“.

An den Haltepunkten Bachheim und Unadingen, die bisher nur sporadisch bedient wurden, halten alle Züge nun im Stundentakt. Gleiches gilt für Hüfingen-Mitte, das bislang nur zweistündlich von den Zügen zwischen Neustadt und Ulm angefahren wurde. Darüber hinaus ist auf der Höllentalbahn eine Ausweitung des Angebots in den Tagesrandzeiten vorgesehen. Und im Westen verkehren die Züge sonntags im 20-Minuten-Takt von Freiburg bis Titisee – eine Verdichtung gegenüber dem bisherigen Takt, der bei 30 Minuten lag.

Für Doppelstockzüge ist allerdings nun auf der Strecke kein Raum mehr, das ließ sich in den Tunnels mit vertretbarem Aufwand nicht realisieren. Jetzt verkehren stattdessen 3-teilige und 4-teilige Elektrotriebzüge des Typs Coradia Continental von Alstom. Die Züge sind sehr modern, haben auch ein automatisches Zählsystem für Passagiere, damit die Bahn auswerten kann, zu welchen Zeiten die Auslastung besonders hoch ist. So lassen sich die Zugkapazitäten durch zusätzliche Waggons zu bestimmten Zeiten optimal anpassen.

Der Zeitplan wird trotz schwieriger Verhältnisse eingehalten

Auch für die Industrie an der Strecke bringt die Bahn, die damit deutlich an Attraktivität gewonnen hat, enorme Vorteile. Die Firma FreiLacke in Döggingen zum Beispiel, die direkt am Bahnhof liegt, erhofft sich eine stärkere Nutzung der Bahn durch ihre Mitarbeiter. Zum einen könne man dann mit weniger Parkplätzen auskommen, zudem werde es leichter fallen, qualifizierte Mitarbeiter zu finden, wenn die Pendler auch aus dem Raum Freiburg bis auf die Baar bequem und ohne umzusteigen mit der Bahn fahren können. Für die Warenanlieferung und den Abtransport der Produkte hat die Bahn hingegen heute keine Bedeutung mehr.

Die Baumaßnahmen auf der Strecke erforderten eine rund 18-monatige Vollsperrung zwischen dem Bahnhof Neustadt und der Station Hüfingen-Mitte. Der Zeitplan konnte weitgehend eingehalten werden, obwohl die Arbeiten im Hochschwarzwald unter schwierigen Verhältnissen stattfanden, wie die Bahn vorab erklärt hatte.

Der Abschnitt zwischen Hüfingen und Donaueschingen musste nur für rund fünf Monate gesperrt werden: während einer längeren Phase im Sommer 2018 und einer kurzen Phase zur Inbetriebnahme der Oberleitung und der Signaltechnik im Herbst 2019. Außerhalb dieser beiden Phasen konnte der Ringzug von und nach Bräunlingen wie gewohnt fahren.

Zugleich wurden in Löffingen und Döggingen neue elektronische Stellwerke aufgebaut. Und auch die Bahnsteige mussten zum Teil umgebaut werden, denn an den Stationen der

 

 

Oben: Nächtliche Schweißarbeiten bei Hüfingen – der Zeitplan musste unbedingt eingehalten werden. Unten: Im Zuge der Elektrifizierung der Höllentalbahn musste eine Vielzahl an Strommasten an Ort und Stelle gebracht und errichtet werden – teils kam dabei in einer spektakulären Aktion ein Helikopter zum Einsatz.

 

 

Auch nachts wurde gearbeitet – oben ist eine Schotterplanier- und Profilierungsmaschine im Einsatz.

Höllentalbahn-Ost waren sie in vielen Fällen relativ alt, in einzelnen Fällen auch zu kurz. Die Bahnsteige wurden auf eine Länge von 140 Metern verlängert, abgestimmt auf die maximale Länge der künftigen Elektrotriebzüge. Am Bahnhof Neustadt wurde der Bahnsteig an Gleis 1 sogar auf 210 Meter ausgebaut, weil dort aus Richtung Freiburg längere Züge einfahren und wenden können müssen.

Das leidige Thema Kostensteigerungen war aber auch bei den Bahnhofsarbeiten aktuell. Der Bahnhof Donaueschingen zum Beispiel sollte für 5,2 Millionen Euro umgebaut werden,

Auf der modernisierten Strecke fahren nun 3- und 4-teilige Elektrotriebzüge des Typs Coradia Continental von Alstom.

im Juni 2019 wurden dann bereits 9,4 Millionen veranschlagt – zu einem Zeitpunkt, als der Umbau eigentlich schon seit einem halben Jahr abgeschlossen sein sollte.

Auch die Bauarbeiten auf der Strecke wurden teurer als geplant. Für die östliche Höllentalbahn am Neustadt waren im Jahr 2009 in einer ersten Grobabschätzung Kosten in Höhe von 24,7 Millionen Euro kalkuliert worden, 2012 rechnete man bereits mit 47,8 Millionen, die tatsächlichen Kosten wurden im September 2019 auf gut 102 Millionen taxiert. Daran freilich war auch die boomende Baukonjunktur dieser Zeit Schuld, die die Baupreise aufgrund der enormen Auslastung der Baufirmen zwischenzeitlich erheblich in die Höhe getrieben hatte.

Auf den Streckenabschnitt des Schwarzwald-Baar-Kreises entfielen Kosten in Höhe von rund 30 Millionen Euro, wovon der Kreis selbst ca. 18,51 Millionen tragen muss. Das sind am Ende auch fast vier Millionen Euro mehr als nach der Submission im Februar 2018 zu erwarten war.

Die Inbetriebnahme der Strecke Neustadt-Donaueschingen wurde auf den Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2019 datiert. Es war eine beachtliche Aktion – mit 19.246 Metern Schienen, die neu verlegt werden mussten, 14.279 neuen Bahnschwellen und 20.251 Tonnen Gleisschotter, die herbeigeschafft werden mussten.

Gelohnt hat sich der Aufwand allemal für dieses Projekt, das den umweltfreundlichen Verkehr in der Region erheblich voranbringt.

 

 

Oben: Großbaustelle östliche Höllentalbahn – Impression vom Dögginger Bahnhof. Unten: Millimeter-Arbeit war beim Neuverlegen der Gleise verlangt.

 

 

Erwin Teufel zum 80. Geburtstag

Große Verantwortung für Land, Region und Stadt – den Menschen sehr zugeneigt

Am 4. September 2019 wurde Erwin Teufel 80 Jahre alt. Mit einem Festgottesdienst im Villinger Münster, einem Symposium in der Neuen Tonhalle Villingen und einem Großen Zapfenstreich würdigten die Landes-CDU und eine große Schar illustrer Festgäste am

7. September 2019 den Politiker und Menschen Erwin Teufel, dem unsere Region viel zu verdanken hat. Erwin Teufel war von 1972 bis 2006 direkt gewählter Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen und von 1991 bis 2005 der Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.

von Dieter Wacker

Ein Tag Mitte Januar 1991. Lothar Späth war gerade als Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg zurückgetreten. Potenzieller Nachfolger: Erwin Teufel, zu diesem Zeitpunkt CDU-Fraktionsvorsitzender im Landtag und direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen. Ich war damals Leiter der Villinger Lokalredaktion des Südkurier. Zusammen mit den Chefs der drei weiteren Lokalzeitungen in VS hatte mich Erwin Teufel in den Stuttgarter Landtag eingeladen. Die CDU-Landtagsfraktion sollte an diesem Tag ihren Fraktionschef zur Wahl zum neuen Ministerpräsidenten nominieren. Bekanntgegeben wurde die Entscheidung nachmittags bei der Landespressekonferenz, an der wir teilnahmen. Bevor die Konferenz begann, kam Erwin Teufel kurz bei uns vorbei und bat uns nach der Veranstaltung doch noch in sein Landtagsbüro zu kommen. Dort erwartete uns Erwin Teufels Sekretärin mit einer Flasche Sekt und sechs Gläsern. Mit dem Ministerpräsidenten in spe stießen wir vier Journalisten und die Sekretärin dann auf die erfolgte Nominierung an. Weshalb ich das erzähle? Es ist typisch Erwin Teufel.

Natürlich waren die Nominierung und die bevorstehende Wahl zum Ministerpräsidenten für ihn der Höhepunkt einer bis dahin bereits erfolgreich verlaufenen politischen Karriere. Doch nicht mit den politisch Großkopfeten oder der Landespresse wollte Erwin Teufel an diesem Nachmittag auf die Entscheidung der Fraktion ein Schlückchen trinken, sondern zuerst einmal mit den Journalisten, die ihn zum Teil seit langen Jahren publizistisch daheim in seinem Wahlkreis begleitet hatten. Genau das war ihm in diesem Moment wichtig. Und es sagt viel über den Menschen Erwin Teufel, der bis zum heutigen Tag genau weiß, wo seine sozialen wie politischen Wurzeln zu finden sind: Im Dreieck zwischen Rottweil, Spaichingen und Villingen-Schwenningen.

 

 

Mit einer Kutsche wurde Erwin Teufel nach dem Festgottesdienst zum Festakt in die Neue Tonhalle gefahren. Mit dabei Ehefrau Edeltraud Teufel, die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und der CDU-Landesvorsitzende und Innenminister Thomas Strobl. Standing Ovations gab es für Erwin Teufel beim Symposium in der Neuen Tonhalle.

Erwin Teufel zum 80. Geburtstag

 

 

Einst jüngster Bürgermeister Deutschlands

Der am 4. September 1939 in Zimmern ob Rottweil geborene Bauernsohn hat eine makellose Karriere hingelegt. Bereits mit 25 Jahren wurde der gelernte Diplom-Verwaltungswirt 1964 in seinem Wohnort Spaichingen zum damals jüngsten Bürgermeister von Deutschland gewählt. 1972 zog er als direkt gewählter Abgeordneter für den Wahlkreis Villingen-Schwenningen in das Stuttgarter Landesparlament ein. Insgesamt acht Mal wählten ihn die Bürgerinnen und Bürger in und um VS jeweils direkt in den Landtag. Gleich in seinem ersten Landtagsjahr wurde Erwin Teufel in der Regierung des Ministerpräsidenten Hans Filbinger Staatssekretär im Innenministerium, 1974 folgte die Ernennung zum Umweltstaatssekretär. Doch damit war die Karriere Teufels noch lange nicht beendet. 1978 übernahm er für 13 Jahre den CDU-Fraktionsvorsitz im Landtag, eh im Januar 1991 die Wahl zum Ministerpräsidenten folgte. 14 Jahre blieb er im Amt, bis er 2005, als zu seiner Zeit dienstältester Ministerpräsident in Deutschland, nach parteiinternen Spannungen zurücktrat. Von 1991 bis 2005 war Erwin Teufel zugleich auch Vorsitzender der CDU Baden-Württemberg und von 1992 bis 1998 stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU.

1994 wurde Teufel erstmals zum Mitglied im Ausschuss der Regionen Europas der EU berufen. Im Europäischen Konvent, initiiert vom Europäischen Rat, vertrat er von Februar 2002 bis Juli 2003 die deutschen Länder. Am 13. Februar 2008 wurde Teufel vom Bundeskabinett und Deutschen Bundestag zum Mitglied des Deutschen Ethikrates bis 2012 ernannt.

Erwin Teufel regierte mit glücklicher Hand

Als Ministerpräsident regierte Erwin Teufel meist mit glücklicher Hand. Obwohl von politischen Gegnern gerne mal als konservativ und rückwärtsgewandt angefeindet oder als „ewiger Erwin“ verspöttelt (stammt vom heutigen Stuttgarter OB Fritz Kuhn), erkannte Teufel wichtige Zeichen der Zeit und brachte Fusionen auf den Weg, an denen sein Vorgänger Lothar Späth noch gescheitert war. So führte er

Gerade die Attribute Fairness und
Respekt, begründet und geprägt durch Erwin Teufels christliche und soziale Wertvorstellungen, machen ihn bis zum heutigen Tag im Land, in der Region, in seinem (ehemaligen) Wahlkreis so populär.

die regionalen Energieversorger zur Energie Baden-Württemberg zusammen, fusionierte die beiden Rundfunkanstalten SDR und SWF zum neuen Südwestrundfunk (SWR), stellte die schlagkräftige Landesbank Baden-Württemberg auf die Beine und setzte die neue Landesmesse in Stuttgart durch.

Sein letztes großes politisches Projekt war die Verwaltungsreform von 2004, bei der u. a. Landesfachbehörden wie Forstämter oder Gewerbeaufsichtsämter in Stadt- und Landkreise bzw. in die Regierungspräsidien eingegliedert wurden. Dadurch sollte es, ganz im Sinne des Schwaben Erwin Teufel, zu massiven Kostenreduzierungen der öffentlichen Hand kommen. Teufels große Sorge galt immer den Finanzen. Das Land dürfe nicht über seine eigenen Verhältnisse leben, gehörte zu seinen Prämissen.

Teufel war und ist kein Mann der lauten Worte oder gar ein Polterer, wie manch einer seiner politischen Kollegen. Auch in den hitzigsten Debatten war ihm Polemik fremd, der Umgang mit dem politischen Gegner war immer von Gradlinigkeit, aber auch von Fairness und Respekt geprägt. Auch daheim im eigenen Wahlkreis, wo die SPD lange Jahre das Zweitmandat hielt.

Gerade die Attribute Fairness und Respekt, begründet und geprägt durch Erwin Teufels christliche und soziale Wertvorstellungen, machen ihn bis zum heutigen Tag im Land, in der Region, in seinem (ehemaligen) Wahlkreis so populär. Als Erwin Teufel 1991 Ministerpräsident wurde, hatte Baden-Württemberg nach den Jahren des manchmal fast zur Hyperaktivität neigenden Lothar Späth endlich wieder einen echten Landesvater. Ein Begriff, dem der Ex-Politiker

 

 

Zum Symposium und Empfang der CDU Baden-Württemberg anlässlich des 80. Geburtstages von Erwin Teufel versammelten sich zahlreiche prominente Weggefährten und Parteimitglieder. Von links: CDU-Landesvorsitzender und Innenminister Thomas Strobl, der Bundestagsabgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der CDU Thorsten Frei, Schwester Lintrud Funk, langjährige Generaloberin des Klosters Untermarchtal, VS-Oberbürgermeister Jürgen Roth, die langjährige Kultusministerin Annette Schavan, Erwin und Edeltraud Teufel, CDU-Europaabgeordneter Andreas Schwab, der Generalsekretär der CDU Baden-Württemberg Manuel Hagel, die CDU-Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, der CDU-Landtagsabgeordnete Karl Rombach und Rainer Wieland, CDU-Europaabgeordneter und Vorsitzender der Landesgruppe der CDU-Abgeordneten aus Baden-Württemberg im Europäischen Parlament.

durchaus einiges abgewinnen kann. „Landesvater mag der eine oder andere für altbacken halten, ich jedoch habe das nicht so gesehen, sondern ich habe das als ein großes Zutrauen der Menschen zu mir empfunden. Aus diesem Grund habe ich gesagt: Auszeichnungen von unten, von den Bürgern selbst, sind noch wichtiger und befriedigender als Auszeichnungen von oben“, beschrieb Erwin Teufel mal den Begriff in einem Fernsehinterview mit dem Bayrischen Rundfunk.

Spaichingen stets der Lebensmittelpunkt

Erwin Teufels Lebensmittelpunkt war, auch in all den Jahren seiner politischen Tätigkeit in Stuttgart, die Kleinstadt Spaichingen am Fuße des Dreifaltigkeitsberges. Hier lebte und lebt er mit seiner Frau Edeltraud, mit der er seit 1962 verheiratet ist und die ihn zu vielen Terminen begleitete. Das Ehepaar hat vier erwachsene Kinder und sechs Enkelkinder. „Spaichingen wurde so etwas wie meine erste politische Liebe, sie ist es bis heute geblieben“, sagt Erwin Teufel. Legendär sind seine täglichen Zugfahrten von Spaichingen nach Stuttgart – auch als er Ministerpräsident war. „Ich bin immer morgens um halb sechs Uhr aufgestanden, weil um halb sieben mein Zug nach Stuttgart fuhr. Meine Sekretärin fuhr dabei mit, sodass ich die ganze Post, die Eingangs- wie die Ausgangspost, im Zug erledigen konnte. Wenn ich diese Zugfahrt mal nicht hatte, dann sind sofort riesige Berge an Post auf meinem Schreibtisch gewachsen, die ich dann zu anderer Zeit abbauen musste,“ erzählte Teufel in einem Interview.

Durch den Wohnort Spaichingen war auch die Nähe zu seinem Wahlkreis Villingen-Schwenningen garantiert. Und der lag Erwin Teufel immer ganz besonders am Herzen. Seine Präsenz, wann immer es einen entsprechenden Anlass gab, war beachtlich. Erst als er zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, musste er zwangsläufig aufgrund der hohen Terminfülle seine Auftritte vor Ort reduzieren.

 

 

Zum Großen Zapfenstreich für Erwin Teufel spielten die Stadt- und Bürgermusik Villingen, der Landesverband der Bürgerwehren und Milizen Baden-Südhessen sowie der Landesverband der historischen Bürgerwehren und Stadtgarden Württemberg-Hohenzollern.

Ein wahrer Glücksfall für die gesamte Region

In den 1970er- und vor allem in den 1980er-Jahren erwies sich der Landtagsabgeordnete Erwin Teufel als wahrer Glücksfall für die gesamte Region, besonders für Villingen-Schwenningen. Die Uhrenkrise ließ ein Traditionsunternehmen nach dem anderen untergehen. Arbeitsplätze im produzierenden Bereich gingen in großem Maße verloren. Am Ende erwischte es auch so bedeutende Firmen wie Kienzle oder den Unterhaltungselektronikhersteller Saba. Das Oberzentrum Villingen-Schwenningen, das ehrgeizige Entwicklungsziele auf seiner Agenda hatte, stolperte von einem Problem in das nächste. Erwin Teufel war damals derjenige, der das Heft des Handelns in die Hand nahmen. Dank seiner Kreativität und seiner exzellenten Kontakte in die Tiefen der Landesregierung hinein, wurden Projekte für VS und die Region entwickelt, die bis heute in hohem Maße nachwirken. Nachdem klar war, dass Tausende von Arbeitsplätzen in der Produktion ein für alle Mal verschwunden waren, galt es zukunfts- und krisensichere Alternativen zu entwickeln. Erwin Teufels Vision: Villingen-Schwenningen sollte zum Hochschulort ausgebaut werden. Eine Idee, mit der er damals bei den vielen kommunalpolitisch Verantwortlichen in VS, auch bei solchen, die kein CDU-Parteibuch hatten, auf offene Ohren stieß. Am Ende der Überlegungen kam es mit Unterstützung des Landes zum großflächigen Ausbau der Hochschule für Polizei, Einrichtung einer eigenen Abteilung der Hochschule Furtwangen (heute Hochschule Furtwangen University Campus Schwenningen) in der ehemaligen Uhrenfabrik Kienzle, Einrichtung eines Zweiges der Dualen Hochschule Baden-Württemberg oder der Eröffnung der Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung e.V. Ohne Erwin Teufels tatkräftige Unterstützung, seine Kontakte und ohne seine Überzeugungskraft in viele Richtungen wäre dieser zukunftsweisende Schritt für Villingen-Schwenningen und damit für die ganze Region damals nicht gelungen. Tatsachen, die historisch unstrittig sind.

Auf Wandertour mit Lothar Späth

Während seiner Zeit als CDU-Fraktionschef im Landtag hatte Erwin Teufel eine nette Tradition eingeführt. Einmal im Jahr traf er sich im Wahlkreis Villingen-Schwenningen mit dem Ministerpräsidenten, Lothar Späth, zu einer gemeinsamen Wanderung. Dabei blieben, bis auf die Begrüßung am Anfang, zu der auch die Presse geladen war, die beiden Spitzenpolitiker unter sich und sie nutzten die Gelegenheit zu einem vertraulichen Gedankenaustausch. In einem Jahr, an das genaue Datum kann ich mich leider nicht mehr erinnern, wollte Erwin Teufel dem Ministerpräsidenten das schöne Glasbachtal zwischen Fischbach und Burgberg zeigen. Alles

 

 

war bestens vorbereitet. Wir, die Presse, hatten den Hinweis bekommen, dass am frühen Nachmittag Lothar Späth per Hubschrauber auf einer Wiese bei Sinkingen oberhalb von Fischbach einschweben sollte. Zur genannten Uhrzeit fanden sich vier Journalisten und vielleicht zwei oder drei Polizisten auf besagter Wiese ein. Pünktlich auf die Minute landete der Hubschrauber mit Lothar Späth an Bord, der kurze Zeit später bei uns stand. Ein wenig ratlos, denn von Erwin Teufel war weit und breit nichts sehen.

Weder wir Journalisten noch die Polizeibeamten konnten ihm da weiterhelfen und das Handyzeitalter war noch nicht angebrochen. „Er wird hoffentlich noch kommen“, Späths knappe Bemerkung, um zugleich zu fragen: „Hat es hier irgendwo eine Wirtschaft in der Nähe, dann gehen wir erst einmal einen Kaffee trinken und ihr Journalisten kommt mit.“ In der Tat war es zu Fuß nur ein Katzensprung ins Gasthaus „Kreuz“ („Taubenmarkt“) in Sinkingen. Der Wirt war angesichts des überraschenden Besuches des Ministerpräsidenten erst einmal völlig von der Rolle und verschwand schlagartig, um sich seine beste Krawatte umzubinden und ein Sakko anzuziehen.

Der Kaffee wurde schnell durch ein Viertele ersetzt und Lothar Späth erwies sich als genialer Helmut Kohl-Witzeerzähler. Gegen später traf dann auch noch ein ziemlich aufgelöster Erwin Teufel ein, begleitet von der lautstarken wie spöttelnden Begrüßung durch „Cleverle“ Späth: „Ja Erwin, bist Du auch schon da? Hättest Dir ruhig noch etwas Zeit lasse können, es war grad so lustig.“ Die Auflösung, weshalb sich Lothar Späth und Erwin Teufel erst einmal verpasst hatten, gab‘s natürlich auch noch oben drauf: Erwin Teufel war davon ausgegangen, dass Späth mit dem Auto komme und er hatte an der Autobahnausfahrt Rottweil auf den MP (umsonst) gewartet. Die Wanderung fand dann übrigens auch noch statt…

Aus der Politik hält sich Erwin Teufel raus

Und was macht Erwin Teufel heute, 14 Jahre nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik? Er ist nach wie vor in vielen Kreisen ein gefragter Mann. Erwin Teufel hält Reden und Vorträge, manchmal mehrere pro Woche. Aus der Politik hält er sich hingegen raus, zu aktuellen Themen, Fragen und Entwicklungen nimmt er keine Stellung mehr seit seinem Ausscheiden aus den Spitzenämtern. „Wenn der Tag kommt, dann ist es mit dem Tag zu Ende“, sagt Erwin Teufel aus voller innerer Überzeugung und verfolgt dieses Prinzip bis heute konsequent. Nachdem Schluss war im Stuttgarter Staatsministerium, erfüllte sich Erwin Teufel einen langgehegten Herzenswunsch und studierte fünf Semester an der Hochschule für Philosophie in München. „Das hat mir auch Spaß gemacht“, betont er im Rückblick.

In seinem ehemaligen Wahlkreis ist er nach wie vor ein gern gesehener und als Festredner geschätzter Mann. Sehr verbunden ist er zum Beispiel dem Villinger Geschichts- und Heimatverein oder der Historischen Narrozunft Villingen, wo er jedes Jahr den Zunftball besucht und dort immer mit großem Applaus begrüßt wird.

Dass Erwin Teufel den heutigen grünen Ministerpräsidenten, Winfried Kretschmann, schätzt, daraus hat er, trotz seiner politischen Zurückhaltung, nie einen Hehl gemacht. Und umgekehrt ist es ebenso. „Er hat nicht nur Politik gestaltet, sondern auch über deren Grundlagen und Voraussetzungen nachgedacht“, bescheinigte Kretschmann seinem Vorvorgänger bei der Verleihung des Ehrentitels eines Professors 2015. Um zu ergänzen: „Erwin Teufels Wirken war durch ein starkes Verantwortungsgefühl für das Ganze und eine große Zuneigung zum Land und seinen Menschen geprägt. Was er tat, tat er mit Ernsthaftigkeit und Gründlichkeit, aber auch mit Fleiß und Ehrgeiz.“ Diesen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen.

 

 

TRINKWASSER

Lebenswichtig, hochwertig + regional

von Carla André und Michael Koch

Wasserhahn auf – und Trinkwasser bester Qualität steht jederzeit und für alle zur Verfügung. Für uns ist das zur Selbstverständlichkeit geworden! Aber ist es wirklich selbstverständlich? Was steckt eigentlich alles dahinter, bis das Trinkwasser aus der Leitung fließt? Woher und in welcher Qualität kommt unser Wasser im Schwarzwald-Baar-Kreis aus der Leitung? Was kommt im Zeichen des Klimawandels auf uns zu? Diese Fragen sollten wir uns ebenso stellen, wenn das frische Wasser als unser mit kostbarstes Lebensmittel aus dem Hahnen sprudelt.

 

 

Woher kommt unser Trinkwasser?

Die Trinkwasserversorgung im SchwarzwaldBaar-Kreis erfolgt in Verantwortung der Städte und Gemeinden überwiegend durch ortsnahe Wassergewinnungsstellen: Das Wasser kommt zu großen Teilen aus Quellen oder Brunnen im Gemeindegebiet oder dessen direktem Umfeld. Dies ist nicht selbstverständlich, denn in anderen europäischen Ländern oder in Wassermangelgebieten wird das Wasser zum Teil über weite Strecken transportiert bis es, teils mit entsprechender Qualitätsminderung, den Verbraucher erreicht. Die Versorgung mit Trinkwasser aus ortsnahen Wasservorkommen ist ein wichtiger Grundsatz im deutschen Wasserrecht. Er gewährleistet, dass wir unsere regionalen Wasserressourcen eigenständig, kommunal bewirtschaften können und das Trinkwasser aus den „Quellen vor unserer Haustür“ stammt. Dieser deutsche Grundsatz wird durchaus auf europäischer Ebene immer wieder infrage gestellt, da der Wassermarkt privatwirtschaftlich interessant ist. Bisher konnte die Liberalisierung des Wassermarktes verhindert werden, denn im Gegensatz zu Strom oder Gas handelt es sich bei Wasser um das Le-Rahmen der öffentlichen Daseinsfürsorge gut bei den Städten und Gemeinden und damit direkt bei den Verbrauchern aufgehoben.

Neben den ortsnahen Wasservorkommen muss im Landkreis in einigen Bereichen, aufgrund nicht ausreichender ortsnaher Wasservorkommen, eine Zuleitung von Wasser über die Fernwasserversorgung der Bodenseewasserversorgung (Zusammenschluss kommunaler Wasserversorger) erfolgen. So haben die Gemeindegebiete von Villingen-Schwenningen, Dauchingen (Zweckverband Keckquellen/ Stadtwerke Villingen-Schwenningen), Tuningen (Zweckverband Baar), Triberg und St. Georgen einen Anschluss an die Bodenseewasserversorgung und ergänzen damit das eigene Wasserangebot. Das Wasser der Bodenseewasserversorgung wird bei Sipplingen in ca. 70 m Tiefe aus dem Bodensee gefördert und dann in weite Teile des Landes Baden-Württemberg verteilt.

 

 

Wie wird unser Trinkwasser geschützt?

Das blaue Verkehrsschild mit dem Tank-Übersicht der Wasserschutzgebiete im Schwarzwald-Baar-Kreis

Die Ausweisung der Wasserschutzgebiete erfolgt nach den fachlichen Kriterien Topografie, Geologie und Hydrologie. Im Regelfall werden

 

 

unbelastetes Wasser am Brunnen ankommt. Die Zone III (weitere Schutzzone) umfasst das gesamte unterirdische Einzugsgebiet einer Trinkwassergewinnungsanlage. Je nach örtlicher Situation kann das Wasserschutzgebiet deshalb eine sehr große Fläche umfassen.

Das genannte blaue Verkehrsschild mit dem Tankwagen steht am Rande der weiteren Schutzzone und mahnt Fahrzeugführer mit wassergefährdenden Stoffen sich besonders vorsichtig zu verhalten. Denn in Wasserschutzgebieten gelten entsprechende Vorgaben. So sind manche Nutzungen im gesamten Gebiet verboten (z.B. Geothermiebohrungen) und andere Nutzungen und bauliche Einrichtungen werden je nach Zone verboten oder eingeschränkt. In der weiteren Schutzzone beispielsweise werden bestimmte Anforderungen an den Bau von Abwasserleitungen oder den Umgang mit wassergefährdenden Stoffen gestellt. In der engeren Schutzzone darf nicht gebaut werden und die landwirtschaftliche Bodennutzung ist nur mit entsprechenden Auflagen erlaubt. In der Zone I, dem Fassungsbereich, ist jede Art von Nutzung verboten.

Organisation der Trinkwasserversorgung

Damit das Wasser von den Quellen und Brunnen in unsere Häuser gelangen kann, muss eine umfangreiche Infrastruktur vorhanden sein und unterhalten werden. Von den Wasserentnahmestellen wird das Wasser zum Teil mit Pumpen über das weitverzweigte Leitungsnetz sowie die Wasserwerke und die Hochbehälter in die Haushalte geliefert. In den Wasserwerken wird das Wasser zunächst aufbereitet und anschließend hoch über den Häusern in Hochbehältern im Vorrat gespeichert. Im Regelfall ist die Wasserversorgung in den Kommunen eine kleine eigene Organisationseinheit, die zumeist vom sogenannten Wassermeister der Kommune betreut wird. In acht der 20 Kreisgemeinden werden weniger als 5.000 Einwohner versorgt (0,3 Mio. m³ Jahresabgabe).

Mit den Stadtwerken Villingen-Schwenningen GmbH (Versorgungsgebiet VS und Dauchingen mit 88.000 Einwohnern und 4,7 Mio. m³ Jahresabgabe) sowie der aquavilla GmbH (Versorgungsgebiet Furtwangen, Königsfeld, Schönwald, Schonach, St. Georgen, Triberg, Vöhrenbach mit 47.000 Einwohnern und 2,4 Mio. m³ Jahresabgabe) existieren auch zwei größere Wasserversorgungsunternehmen.

Im Gespräch mit dem Hüfinger Wassermeister

Der Unterhalt und die dauerhafte Gewährleistung einer gesicherten Wasserversorgung ist eine herausfordernde, aber auch spannende Aufgabe. Davon kann Luzian Sulzmann berichten, der Wassermeister der Stadt Hüfingen, der seit über 20 Jahren die Wasserversorgung seiner Stadt betreut. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern sorgt er dafür, dass bei den Hüfingern stets Trinkwasser in einer ausgezeichneten Qualität aus dem Hahn kommt. „Als ich vor 20 Jahren in den Bereich der Wasserversorgung kam, konnte ich mir nicht vorstellen, welche aufwändige Infrastruktur und wie viel Arbeit dahintersteckt, bis das Wasser aus dem Wasserhahn kommt“, so Luzian Sulzmann.

Die Stadt Hüfingen ist in Sachen Wasserversorgung weitsichtig unterwegs. Vor ca. 15 Jahren hat die Stadt viel Geld in die Hand genommen, um beispielsweise den Hochbehälter Schosen zu bauen. Das 80 km lange Rohrnetz wird fortlaufend jedes Jahr erneuert und die Schieber und

 


Bauwerke werden regelmäßig kontrolliert und gewartet. So kommt es, dass Hüfingen mit nur fünf bis zehn Rohrbrüchen im Jahr eine recht gute Bilanz aufweisen kann. Trotzdem ist Erfahrung im Falle eines Rohrbruches besonders wertvoll – Wassermeister Sulzmann kennt sein Gebiet gut und weiß genau, wo die unterirdischen Leitungen verlaufen. So wird man in der Regel auf der Suche nach der Bruchstelle schnell fündig und kann rasch handeln, damit die Bürger möglichst nur für kurze Zeit ohne Wasser auskommen müssen.

Als Wassermeister trägt man nicht nur Sorge, dass das Wasser von A nach B fließt und in jedem Haus ausreichend verfügbar ist. Auch die Qualität des Trinkwassers liegt in der Verantwortung von Luzian Sulzmann. In Hüfingen hat das Wasser, so wie es aus den Tiefbrunnen gefördert wird, Trinkwasserqualität. Bei den Schächerquellen in Fürstenberg wurde zudem eine Ultrafiltrationsanlage eingerichtet. Entscheidender noch als die Aufbereitungsanlagen ist jedoch, dass in den Wasserschutzgebieten alles ordnungsgemäß ist. Die Schutzzonen werden daher alle vier Wochen von Mitarbeitern des Wasserwerks abgefahren. Und auch der enge Kontakt mit den dortigen Landwirten ist für ein sauberes Wasser wichtig.

Bisher gab es aufgrund von Trockenheit noch keine Probleme im Versorgungsgebiet von Hüfingen. Selbst im sehr trockenen Jahr 2018 sind die Schafäcker-Brunnen nur um 1,5 m tiefer abgesunken, als üblich. Durch Versuche weiß man aber, dass auch bei 4,5 m unter dem üblichen Maß noch ausreichend Trinkwasser gefördert werden kann. Hüfingen befindet sich somit in der glücklichen Lage, über einen großen Trinkwasservorrat zu verfügen.

Beruf und Berufung zugleich

Im Gespräch wird klar – das ist kein normaler Job, sondern ein Beruf, der auch das private Leben prägt. Um die sichere und problemfreie Versorgung mit Trinkwasser zu gewährleisten hat das Wasserwerk einen Bereitschaftsdienst eingerichtet. Doch auch außerhalb der Arbeit hat Luzian Sulzmann die Wasserversorgunganlagen im Blick, wenn er privat mit dem Mountainbike durch sein Zuständigkeitsgebiet fährt.

Der Hüfinger Wassermeister Luzian Sulzmann im Hochbehälter Schosen.

Ihm ist ein sorgsamer Umgang mit Wasser wichtig, wie auch mit allen anderen Ressourcen. Auch die Bürger dafür zu sensibilisieren versteht er als Teil seines Berufs. Die Besichtigung der Trinkwasserhochbehälter mit Schulen und beim Ferienprogramm sieht er deshalb als wichtigen Teil seiner Arbeit an. Die Arbeit mit Kindern bereichert auch den Berufsalltag.

Den Beruf des Wassermeisters würde er jederzeit wieder ergreifen. Für die Zukunft hat er zwei wichtige Anliegen: Zum einen muss die Wasserversorgung in der öffentlichen Hand

 

 

bleiben, da nur so sichergestellt werden kann, dass die Anlagen dauerhaft fachmännisch betreut und mit guter Qualität erhalten bleiben. Und zum anderen ist es ihm wichtig, die Arbeit im Wasserwerk attraktiv zu halten. „Wer sich heute für die Ausbildung zur „Fachkraft für Wasserversorgung“ entscheidet, den erwartet ein vielfältiges und verantwortungsvolles Aufgabenfeld zum Wohle der Mitbürger“, so Luzian Sulzmann.

Wie viel Wasser haben wir denn?

Das sogenannte Wasserdargebot, also wie viel Wasser im Untergrund zur Verfügung steht, ist im Schwarzwald-Baar-Kreis durchaus unterschiedlich. Der mannigfaltige Wechsel der geologischen Schichten im Landkreis von Westen nach Osten, vom Grundgebirge über Buntsandstein, Muschelkalk, Keuper und Jura, beeinflusst auch das jeweilige Wasserdargebot der Quellen und Brunnen.

Das kristalline Grundgebirge mit Gneis und Granit im Schwarzwald ist weitgehend wasserundurchlässig. Lediglich an Klüften und Verwerfungen kann sich hier Wasser sammeln und Quellen mit relativ geringer Schüttung bilden. Der Buntsandstein ist zwar durch seinen Aufbau porös, aber so dicht gelagert, dass auch hier nur Quellen mäßiger Schüttung auftreten. Die

Die Beschaffenheit des Trinkwassers und sein Mineralgehalt hängen in erster Linie von den lokalen Gesteinen und dem Bodenaufbau ab. Denn auf seinem Weg durch verschiedene Erd- und Gesteinsschichten löst das Wasser auch die dort vorhandenen wertvollen Mineralien wie Calcium und Magnesium aus.

 

 

mittlere Wasserschüttung der Quellen in diesen Gebieten liegt bei ca. 5 – 10 l/s.

Der Muschelkalk im Bereich der Baar ist stark verkarstet, weist also große Hohlräume auf und hat relativ große Einzugsgebiete. Karst-quellen im Landkreis sind u.a. die Gutterquelle in Donaueschingen und die Keckquelle in Villingen-Schwenningen bzw. Deißlingen. Dabei handelt es sich um Karstquellen mit einem größeren Einzugsgebiet, die mit Entnahmemengen von maximal 70 bzw. 150 l/s für die Trinkwasserversorgung genutzt werden. Im Bereich des Keupers und Juras ist das Wasserdargebot dann insgesamt wieder eher gering.

Wie hoch ist unser Wasserverbrauch?

Für die öffentliche Trinkwasserversorgung im Schwarzwald-Baar-Kreis, d.h. für rd. 209.000 Konsumenten einschließlich Industrie- und Gewerbebetriebe, werden jährlich etwa 11 Millionen Kubikmeter Wasser benötigt. Der mittlere Pro-Kopf-Verbrauch von rund 110 Liter pro Einwohner und Tag liegt unter dem Bundesdurchschnitt eher im sparsamen Bereich. Bekanntermaßen nutzen wir unser kostbares Trinkwasser nur zu einem geringen Anteil (ca. vier Liter) zum Trinken oder Kochen. Große Anteile werden für die Toilettenspülung und das Duschen oder Baden (jeweils ca. 35-40 Liter), der Rest für Wäsche, Spülen, Putzen usw. verwendet. Im Vergleich zu anderen Ländern ist unser Wasserverbrauch insgesamt eher gering. Spannenderweise ist dieser direkte Wasserverbrauch jedoch nur ein geringer Anteil unseres tatsächlichen Wasserverbrauchs. Denn auch die Produktion der Waren, die wir täglich benutzen, vom Mikrochip bis zur Tasse Kaffee, verbraucht eine Menge Wasser. Dieser sogenannte „virtuelle oder indirekte Wasserverbrauch“

Baar – Gäuplatten

Grundgebirge Buntsandstein Unterer MuschelkalkMittlerer Muschelkalk Oberer Muschelkalk ca. 880 m + NN ca. 700 m + NN ca. 770 m + NN Quelle: ahu AG

Reinstes Trinkwasser wie hier aus der Neukircher Rösslequelle kann mit jedem Mineralwasser mithalten.

 

 

liegt bei rund 4.000 Liter pro Einwohner und Tag – aber dies ist ein anderes Thema.

Trinkwasser aus dem Supermarkt oder dem Wasserhahn – Wie gut ist unser Trinkwasser?

Trinkwasser ist das Lebensmittel, das am strengsten überwacht wird und das gerade hier im Schwarzwald-Baar-Kreis mit hoher Qualität zur Verfügung steht. Dennoch nutzen wir das Wasser aus dem Wasserhahn in vielen Fällen nicht direkt, sondern vertrauen auf das Wasser aus dem Supermarkt. In puncto Reinheit, aber auch in der Zusammensetzung mit Mineralien, kann das Wasser aus dem Hahn hier bei uns mit Wasser aus dem Supermarkt gut mithalten. Ein Tipp: Vergleichen Sie mal die mineralische Zusammensetzung Ihres Leitungswassers mit dem herkömmlichen Tafelwasser aus dem Supermarkt! Informationen über die Zusammensetzung des Leitungswassers erhalten Sie bei Ihrer Gemeinde.

Die Beschaffenheit des Trinkwassers und sein Mineralgehalt hängen in erster Linie von den lokalen Gesteinen und dem Bodenaufbau ab. Denn auf seinem Weg durch verschiedene Erd- und Gesteinsschichten löst das Wasser auch die dort vorhandenen wertvollen Mineralien wie Calcium und Magnesium aus. So kommt es aufgrund der unterschiedlichen Geologie im Landkreis, dass es je nachdem, ob man beispielsweise in Schonach oder in Bad Dürrheim den Wasserhahn aufdreht, Wasser in einer unterschiedlichen mineralischen Zusammensetzung zutage kommt. Das Leitungswasser in Schonach hat beispielsweise einen Calciumgehalt von 13,1 mg/l, während das Trinkwasser in Bad Dürrheim einen Calciumgehalt

Riedbaar Baar – Albvorland Baaralb

ca. 890 m + NN

MittelkeuperUnterkeuper Lias (Schwarzer Jura) Ölschiefer (Lias) Opalinuston (Dogger) Dogger (Brauner Jura) Malm (Weißer Jura) ca. 680 m + NN ca. 740 m + NN

 

 

von 110 mg/l aufweist. Ein Zeichen dafür, dass sich Calcium im Granitgestein des Schwarzwaldes nicht so leicht löst wie im Kalkgestein auf der Baar. Dementsprechend sind auch die Härtegrade des Wassers in unserer Region sehr unterschiedlich. Im Schwarzwald sind die Quellwässer sehr weich (5°dH) während die Wässer aus den Karstquellen und Brunnen auf der Baar üblicherweise hart (15 – 25 °dH) sind. Wer auf der Suche nach hohen Magnesium-Gehalten ist, wird z.B. in Brigachtal fündig. Dort hat das Wasser einen Magnesium-Anteil von ca. 25 mg/l. Wenig Magnesium im Leitungswasser gibt es hingegen z.B. in Vöhrenbach mit Werten von 2 mg/l. Unabhängig von diesen Unterschieden des Mineralgehaltes im Landkreis weisen die Trinkwässer in allen Gemeinden eine gute Qualität auf und stehen einem Tafelwasser aus dem Supermarkt nicht nach.

Einzelwasserversorgungs-anlagen im Schwarzwald-Baar-Kreis

Nitratgehalt: Unser Grundwasser hat ein langes Gedächtnis

Die Mineralgehalte werden durch die natürliche Geologie des Umlandes bestimmt – andere, weniger wünschenswerte Eigenschaften, wie beispielsweise Schad- oder Düngestoffe, gehen vor allem auf den Eintrag durch den Menschen zurück. Der Boden spielt beim Rückhalt der Schadstoffe eine entscheidende Rolle. Je länger der Weg durch die Bodenpassage, desto mehr Stoffe können an die Bodenpartikel gebunden werden. Aber nicht alle Stoffe können im Boden absorbiert werden. Durch die Versickerung von Niederschlag können sie mit etwas Verzögerung auch in das Grundwasser eindringen. Dort können Schad- und Düngestoffe dann häufig langfristig nachwirken – denn das Grundwasser hat ein „langes Gedächtnis“.

Ein breit diskutiertes Thema ist in diesem Zusammenhang der Nitratgehalt im Grundwasser, der in Folge der Landbewirtschaftung und entsprechenden Düngung erhöht sein kann. Neben den Nitratgehalten steht im Rahmen der Landbewirtschaftung auch das Thema Pflanzenschutzmittel und Verkeimung im Fokus. Landwirte müssen ihre Flächen innerhalb von Wasserschutzgebieten daher entsprechend der Schutzgebiets- und Ausgleichsverordnung (SchALVO) bewirtschaften. Je nach bereits vorhandener Vorbelastung des Grundwassers gibt es Vorgaben zur Mineraldüngung, zur Wirtschaftsdüngerausbringung, zur Bodenbearbeitung und zur Begrünung. Für die wirtschaftlichen Nachteile wird den Landwirten ein Ausgleich gewährt.

Die Landesanstalt für Umwelt, Messung und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) prüft gemeinsam mit den Wasserversorgungsunternehmen in regelmäßigen Abständen die Qualität des Grundwassers, wie beispielsweise die Nitratgehalte. Je nach Nitratgehalt im Rohwasser werden die Wasserschutzgebiete in Normal-, Problem- und Sanierungsgebiete eingestuft. Die Ergebnisse werden auf der Internetseite der LUBW veröffentlicht.

Im Schwarzwald-Baar-Kreis sind nur drei Wasserschutzgebiete als Problemgebiet eingestuft. Aber auch in diesen Gebieten übersteigt die Nitratkonzentration nicht den zulässigen Grenzwert von 50 mg/l. Dort liegt die Konzentration entweder über 35 mg/l, oder es hat sich dort

 

 

innerhalb der letzten fünf Jahre eine Tendenz zum Anstieg der Nitratkonzentration von mehr als 0,5 mg/l im Jahr gezeigt. Für die Landbewirtschaftung gibt es in diesen Gebieten zusätzliche Anforderungen. Im Durchschnitt liegt der NitratgehaIt im Landkreis bei ca. 9 mg/l und in vielen Gemeinden deutlich darunter, z.B. in Furtwangen bei 3 mg/l oder in Villingen bei 4 mg/l und damit insgesamt in einem unkritischen Bereich. Dies zu erhalten und in den Gebieten mit erhöhtem Nitratgehalt weiter zu verbessern ist Ziel des regionalen Wasserschutzes. Dies gilt natürlich auch für alle anderen Schadstoffe, die unsere Ressource Trinkwasser gefährden können. Aktiver Wasserschutz bleibt gerade bei unseren vielfältigen menschlichen Aktivitäten und Stoffen, mit denen wir umgehen, daher eine wichtige Daueraufgabe.

Nicht alle Einwohner sind an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen

Vor allem im Schwarzwald haben auch heute noch viele Höfe und Anwesen im Außenbereich eigene Quellen, um sich direkt mit Trinkwasser zu versorgen. Insgesamt sind rund 1.900 Anwesen nicht an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen – das ist eine echte Besonderheit unserer Region und hat auf manchen Höfen schon eine Jahrhundert alte Tradition. Neben der Versorgung mit Trinkwasser für die Menschen spielt natürlich gerade auch die Versorgung der Hoftiere eine wichtige Rolle.

Rund eine Drittel dieser Anwesen versorgen auch Dritte mit Trinkwasser (Ferienwohnungen, Gaststätten, Milchproduktion usw.). Der Schwerpunkt dieser sogenannten Einzelwasserversorgungsanlagen (EWV) liegt im Bereich des Schwarzwaldes. Auf der Baar gibt es nur sehr wenige nicht angeschlossene Anwesen.

Die Pflege und Unterhaltung dieser Anlagen ist durchaus aufwändig und auch hier müssen vorgegebene Grenzwerte der Trinkwasserversorgung eingehalten werden. Gerade im Schwarzwald ist das Wasser oft sauer. Zum Schutz der Leitungen, und damit keine Schadstoffe in das Trinkwasser gelöst werden, muss das Wasser dort entsäuert werden. Auch die Belastung mit

Vor allem im Schwarzwald haben
auch heute noch viele Höfe und Anwesen im Außenbereich eigene Quellen um sich direkt mit Trinkwasser zu versorgen. Insgesamt sind im Landkreis rund 1.900 Anwesen nicht an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen.

Keimen ist ein Thema, da die privaten Quellen kein eigenes Wasserschutzgebiet haben.

Im Zuge des Klimawandels zeigten sich in den letzten Jahren gerade bei den kleinen privaten Quellen verstärkt Probleme bei der Wasserversorgung. Nach langer Trockenheit kann die Quellschüttung deutlich bis ganz zurückgehen, so dass die eigene Wasserversorgung möglicherweise nicht mehr gewährleistet ist. Die zurückliegenden trockenen Spätjahre 2015, 2016 und insbesondere 2018 haben diese Problemlage mit entsprechenden Versorgungsengpässen bei den Einzelwasserversorgern vor Augen geführt. Hier müssen im Zeichen des Klimawandels Konzepte zur Versorgungssicherheit (Anschlussoptionen an die öffentliche Wasserversorgung, Notwasserversorgung) entwickelt werden.

Aber natürlich ist es insgesamt etwas Besonderes sich selbst mit eigenem Quellwasser zu versorgen, damit das „eigene“ Wasser zu genießen und unabhängig zu sein. Hiervon weiß auch die Familie Graf vom Deckerhof in St. Georgen-Brigach zu berichten. Der „alten“ Wasserquelle ist es sicherlich zu verdanken, dass der Hof im Jahr 1860 überhaupt erst errichtet werden konnte. Diese alte Quelle bringt seit jeher den Hauptanteil des benötigten Trinkwassers und ist noch nie trockengefallen.

Bernd Graf hat für die Abflussmessung ein ganz eigenes System. Nur einen halben kleinen Finger breit rann im Hitzesommer 2003 das Wasser aus der Quelle – das entspricht ca. 700 l/Tag. Für seine 15 Rinder, drei Pferde, zwei

 

 

Ziegen und die bis zu zehn Personen auf dem Hof benötigt er jedoch mindestens 1.000 l/Tag. Daher wurde schon im Jahr nach dem trockenen Sommer 2003 nach einer weiteren Wasserquelle gesucht. Mithilfe eines Wünschelrutengängers wurde man damals auch fündig! Eine weitere, ebenso ergiebige Quelle konnte jedoch nicht gefunden werden. Seither fasst man auf dem Hof zusätzlich über einen Drainageschlitz auch Schichtwasser und stockt somit das Eigenwasservorkommen auf. Um sich etwas Vorrat zu schaffen hat die Familie Graf außerdem einen unterirdischen Reservebehälter angeschafft und kann seither 5 m³ Wasser zwischenspeichern. 2018 ging dann alles glatt – aber auch Bernd Graf hatte Sorge, wie sich die Versorgungssituation entwickelt hätte, wenn es weiterhin trocken geblieben wäre.

Da das Grundwasser in seinem Einzugsgebiet sauer ist, muss es Bernd Graf vor der Verwendung noch kalken. Außerdem hat sich die Familie eine Ultrafiltrationsanlage angeschafft, um Keimbelastungen des Trinkwassers zu verhindern und fühlt sich seither auch für mögliche mikrobielle Verunreinigungen gut gerüstet. Einmal im Jahr wird das Trinkwasser vom Gesundheitsamt untersucht. Dies ist notwendig, da die Familie Graf auch Gäste in ihrer Ferienwohnung beherbergt und das Wasser somit nicht nur selbst verwendet.

Sein eigenes Wasser schmeckt Bernd Graf so gut, dass er sich jeden Tag eine Trinkflasche davon mit zur Arbeit nach St. Georgen nimmt. Dass dies so bleibt und sich im Zeichen des Klimawandels auch die nachfolgenden Generationen des Hofes eigenständig mit dem „Hofwasser“ versorgen können, wünscht sich die Familie Graf.

Bernd Graf aus St. Georgen-Brigach versorgt sich, seine Familie und seine Tiere mit eigenem Quellwasser.

Viele Höfe und Anwesen im Außenbereich haben auch heute noch eigene Quellen – hier der Deckerhof der Familie Graf in St. Georgen-Brigach.

 

 

Die Veränderung des Wasserdargebotes ist überall im Landkreis spürbar: Links die Herstellung einer Verbundleitung vom wasserreichen Katzensteigtal in Furtwangen nach Schönwald. Rechts die Bohrung des Ersatzwasserbrunnens für die Wasserversorgung Donaueschingen im Sommer 2019.

Was kommt im Rahmen des Klimawandels auf uns zu?

Nicht nur bei den kleinen „Hofquellen“ sind die Veränderungen des Wasserdargebotes im Rahmen des Klimawandels zu spüren. Die lange Trockenheit 2018 hatte auch so manche öffentliche Wasserversorgung vor Probleme gestellt und nur mit etwas Glück und den dann einsetzenden Niederschlägen konnte im Jahr 2018 in einigen Schwarzwaldgemeinden ein Versorgungsengpass umgangen werden. Der Bau von Verbundleitungen hilft, dieses Problem zu entschärfen.

Eine aktuelle Untersuchung zum Klimawandel und der Veränderung des Wasserdargebotes im Schwarzwald-Baar-Kreis (KLIMOPASS – Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg, 2018) zeigt auf, dass bei den Quellen im Schwarzwald die mittleren Schüttungen (< 10 l/s) in den vergangenen Jahrzehnten zwar keine größeren Rückgänge verzeichnen (max. -10 % seit 1955), jedoch oftmals deutliche Einbußen bei den ohnehin relativ geringen Mindestschüttungen der Quellen nach langer Trockenheit zu verzeichnen sind. Die minimalen Quellschüttungen sind für die Trinkwasserversorgung besonders relevant, da sie im Spätsommer bei zum Teil sehr hohem Wasserbedarf auftreten.

Bei den Karstquellen und Tiefbrunnen auf der Baar weisen die langjährigen Daten zu

 

 

den Wasserständen nicht auf ein sinkendes Grundwasserdargebot im Schwarzwald-Baar-Kreis hin. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass das Betrachtungsgebiet bisher relativ niederschlagsreich ist. Nach den Klimaprognosen muss überregional auch mit sinkenden Grundwasserdargeboten gerechnet werden (LUBW 2017), d.h. auch dieses Wasserdargebot sollte bei sich verändertem Niederschlagsverhalten beobachtet werden.

Für die weitere Planung der Wasserversorgung wird im Abschlussbericht zum Projekt zusammengefasst empfohlen, bei den Schwarzwaldquellen in den nächsten Jahren mit einem weiteren Rückgang der Mindestschüttung von bis zu 50 % zu rechnen, bei den Karstquellen mit bis zu 25 %. Bei den tiefen Grundwasserbrunnen auf der Baar wird aufgrund des heute großen Wasserdargebotes zunächst nicht von einer wesentlichen Verschlechterung ausgegangen. In allen Bereichen sollte das Wasserdargebot jedoch durch Messungen der Quellschüttungen und der Wasserstände überwacht und in Bezug auf deren langfristige Änderung bewertet werden.

Im Hinblick auf den Klimawandel und die Versorgungssicherheit rät der Abschlussbericht verstärkt Überlegungen zu Verbundleitungen zwischen den einzelnen Gemeinden aufzubauen oder ggf. „zweite Standbeine“ in Form von Ersatzbrunnen in den Blick zu nehmen, um in Zeiten mit engem Wasserangebot alternative Versorgungen zu ermöglichen.

Auch mikrobiologische Belastungen denkbar

Neben der Versorgungssicherheit muss vor allem bei den Einzugsgebieten mit flachgründigen Quellen, d.h. Quellen ohne ausreichende Schutzüberdeckung über dem Grundwasser, im Zuge des Klimawandels auch mit Verschlechterung der Wasserqualität gerechnet werden. Infolge langer Trockenheit (hier entstehen Bodenrisse, durch die Niederschlagswasser ohne Filtration direkt in das Grundwasser gelangt) und durch Starkregenereignisse kann es zu Trübungen und mikrobiologischen Belastungen der Quellen und Brunnen kommen. Hier sind unter Umständen in Zukunft nicht unerhebliche

Bei den Schwarzwaldquellen soll die Mindestschüttung aufgrund des Klimawandels um bis zu 50 % zurückgehen. Die wasserreiche Baar scheint nicht betroffen.

Finanzmittel für die Verbesserung der Aufbereitungstechnik notwendig.

Von Veränderungen im Rahmen des Klimawandels kann auch die aquavilla GmbH in St. Georgen berichten, die für eine Vielzahl der Schwarzwaldgemeinden im Landkreis die Wasserversorgung organisiert und unterhält. „Die Veränderungen im Rahmen des Klimawandels stellen uns vor große Herausforderungen“, so Michael Dold Geschäftsführer der aquavilla GmbH in St. Georgen. „Die vergangenen Sommer haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, gerade im Schwarzwald Verbundleitungen zwischen den einzelnen Kommunen zu bauen und auch Außenbereiche mit noch vorhandenen Eigenwasserversorgungen an die öffentliche Wasserversorgung anzuschließen. Hätten wir nicht vorsorglich in den letzten Jahren beispielsweise den Verbund von Furtwangen nach Schönwald und Schonach aufgebaut, so wäre es im Jahr 2018 für die öffentliche Wasserversorgung in einigen Bereichen eng geworden. Durch die Verbundleitungen konnten sich die Gemeinden gegenseitig aushelfen.“

All dies zeigt, dass uns Trinkwasser zu jeder Zeit in bester Qualität zur Verfügung steht. Selbstverständlich ist das keinesfalls. Denken wir doch daran, wenn wir das nächste Mal den Wasserhahn öffnen und einen guten Schluck Trinkwasser aus den Quellen und Brunnen unseres Landkreises genießen.

Messung des Grundwasserstandes durch eine Mitarbeiterin des Landratsamtes Schwarzwald-Baar.

 

 

An der Digitalisierung kommt niemand (mehr) vorbei

Vergleichbar mit dem Wandel, den die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert einläutete, verändert jetzt die Digitalisierung unseren Alltag – und zwar gewaltig. Wo der Einkaufszettel früher auf dem Notizblock aufgeschrieben wurde, wird heute oftmals in einer App auf dem Smartphone notiert, dass in Kühlschrank und Speisekammer Joghurt, Butter und Nudeln fehlen. Und alle Familienmitglieder können darauf zugreifen, damit nichts doppelt gekauft wird. Im Supermarkt wird zugleich der Bestand an Joghurt, Butter und Nudeln digital kontrolliert und automatisch die Nachbestellung beim Großhändler auf den Weg gebracht. Wurde mit Cousine Anna in den USA noch vor einigen Jahren ab und zu mal zu einem horrenden Minutenpreis telefoniert, findet heute kurzerhand mit Hilfe von Skype oder Facetime ein kostenloses Videotelefonat über das Internet statt. Das Jahrbuch Almanach wendet sich aus unterschiedlichen Perspektiven in drei Beiträgen dem digitalen Wandel zu.

Aus dem Kreisgeschehen

 

 

Digitaler Wandel: Segen oder Fluch?

Der fortschreitenden Digitalisierung kann sich niemand entziehen. Aber wo bringt der Fortschritt für die Gesellschaft einen Mehrwert – und wo muss man aufpassen? Wie wandelt die Digitalisierung die Gesellschaft und wie bereitet sich die nachfolgende Generation darauf vor?

 

 

von Roland Sprich

Digitalisierung ist das Schlagwort des 21. Jahrhunderts. Wo im 19. Jahrhundert der Begriff Elektrifizierung eine neue Stufe der industriellen Revolution kennzeichnete, beschreibt das Wort Digitalisierung im 21. Jahrhundert eine neue Entwicklungsstufe. Die Menschen setzen Hoffnungen und Erwartungen in die Digitalisierung, hegen aber auch Sorgen und Ängste. Ist dieser Fortschritt ein Segen oder ein Fluch für die Gesellschaft? Und wie wird die nachfolgende Generation auf diese Entwicklung vorbereitet?

Fakt ist, der digitale Wandel hat viele Facetten, und niemand kommt an ihm vorbei. Sich der fortschreitenden Digitalisierung entziehen zu wollen ist, als ob man sich seinerzeit der Erfindung des Telefons oder des elektrischen Lichts verschlossen hätte. Die Digitalisierung hat längst in allen Lebensbereichen Einzug gehalten. Ob bei der Arbeit oder zu Hause, im Finanz- und im Gesundheitswesen. Dank Smarthome schaltet das Licht automatisch ein, der Kühlschrank bestellt eigenständig fehlende Lebensmittel nach, der Rasenmäher erkennt, wann das Gras zu hoch ist und rattert selbstständig los. Was für die ältere Generation manchmal wie ein Spuk erscheint, ist für junge Menschen ganz normal. Für Banküberweisungen aus dem Haus gehen? Pah! Mit wenigen Klicks per Onlinebanking erledigt. Für den Urlaub Ferienkataloge wälzen und im Reisebüro buchen? Von wegen. Einfach Wunschziel eingeben, Internetsuchmaschinen finden das passende Angebot und erledigen den Rest.

Der neueste Hit wird aus dem Internet downgeloadet, die Musik-CD ereilt bereits das gleiche Schicksal wie seinerzeit die Schallplatte. Sie wird wohl über kurz oder lang aussterben. Aber ist das der digitale Wandel oder ist das lediglich die Nutzung des technischen Fortschritts? Und wo wandelt die Digitalisierung die Gesellschaft? Um das heraus zu finden, stellt das Land Baden-Württemberg im Rahmen einer Digitalisierungsstrategie 3,2 Millionen Euro für Forschungsprojekte zur Verfügung. So sollen der Einfluss und die Folgen der Digitalisierung auf die Gesellschaft wissenschaftlich untersucht werden.

Eines der beiden geförderten Forschungsprojekte ist an der Hochschule Furtwangen (HFU) angesiedelt und wird von Stefan Selke geleitet, Forschungsprofessor für Transformative und Öffentliche Wissenschaft. Zusammen mit Partnern an der Hochschule der Medien und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg will Professor Selke beispielsweise herausfinden, wie die Digitalisierung gesellschaftliche Werte verändert und wo die Chancen, vor allem aber auch die Gefahren der Digitalisierung liegen.

Prof. Dr. Stefan Selke lehrt Soziologie und gesellschaftlichen Wandel an der Hochschule Furtwangen. Er ist Forschungsprofessor für Transformative und Öffentliche Wissenschaft sowie Visiting Professor an der University of Huddersfield (UK). Selke studierte Luft- und Raumfahrttechnik und promovierte in Soziologie.

Im Auftrag von Bundes- und Landesministerien leitet Selke gegenwär

tig drei Forschungsprojekte zum digitalen Wandel der Gesellschaft. Als disziplinärer Grenzgänger ist Selke als Redner, Buchautor und Blogger sowie Interview- und Gesprächspartner auch außerhalb der Wissenschaft präsent. Selke versteht sich als öffentlicher Soziologe mit Passion, der Positionen und Haltung zu gesellschaftlich umstrittenen Themen entwickelt.

Seine aktuellen Forschungsthemen sind Digitalisierung, Utopien sowie die Besiedlung des Weltraums.

 

 

Vor allem kultureller Wandel

„Der digitale Wandel ist vor allem ein kultureller Wandel“, stellt Stefan Selke klar, denn der Begriff umfasst keineswegs ausschließlich technische Entwicklungen, sondern schreibt sich tief in Leben und Alltag der Menschen ein. Der digitale Wandel bringt unter dem Strich einen zivilisatorischen Umbruch. Hier gelte es, Wissenschaft und Bürger zusammenzubringen und deren Hoffnungen, Ängste und Sorgen ernst zu nehmen und mit einzubeziehen. „Die Wissenschaft muss Brücken bauen und Dialoge ermöglichen“, so Selke.

Eines seiner Forschungsthemen ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen. Im Fokus stehen Menschen, die mit Fitnessarmbändern, so genannten Trackern, Daten über sich aufzeichnen wie Schrittzahl, Herzfrequenz, Blutdruck, Puls, Kalorienverbrauch oder Schlafverhalten. Selke erforscht die Motive, die Menschen dazu veranlassen, diese Daten über sich zu sammeln und vor allem, von sich preiszugeben. „Das ist für die Menschen zunächst natürlich interessant, weil die Daten auf die Maßstabsebene des eigenen Körpers bezogen sind. Und das suggeriert zunächst eine attraktive Kontrollmöglichkeit.“

Allerdings kann das kollektive Sammeln von ichbezogenen Daten ungeahnte Auswirkungen auf das Zusammenleben haben. „Wenn die Datenspuren vieler Menschen zu einem Index zusammengefasst und ausgewertet werden, macht dies die Menschen vergleichbar. Der algorithmische Blick stellt Unterschiede deutlich heraus.“ Wer dem Index nicht entspricht, fällt auf und möglicherweise durch das Raster. Dies könnten sich beispielsweise Arbeitgeber und Krankenkassen zunutze machen. „Passt dieser Mitarbeiter in unser Unternehmen, leistet er genug?

Die Antworten, die daraus resultieren, können für den Einzelnen fatal sein und das Solidaritätsprinzip schnell ins Wanken bringen“, macht Selke deutlich, auf welch zivilisatorisch dünnem Eis wir alle stehen. Der Wissenschaftler warnt davor, alle zivilisatorischen Erkenntnisse, die sich die Menschen in den vergangenen Jahrhunderten angeeignet haben, über Bord zu werfen. Er nennt dies zusammenfassend „digitale Ethik“ und sagt; „Der neue digitale Gesellschaftsvertrag muss un-

Wenn die Datenspuren vieler Menschen zu einem

Index zusammengefasst und ausgewertet werden, macht dies die Menschen vergleichbar.

ter Beteiligung aller ausgehandelt werden. Das ist hochpolitisch.“

430 Euro pro Schulkind aus dem Digitalpakt

Den Kompetenzerwerb im Umgang mit den neuen technologischen Möglichkeiten, deren sinnvoller Einsatz, den verantwortungsbewussten Umgang damit und erkennen, wo die Gefahren sind, muss man lernen. Und damit kann man nicht früh genug beginnen. Deshalb hält die Digitalisierung auch an den Schulen Einzug. Klaus Kuhnt ist Leiter des Kreismedienzentrums des Schwarzwald-Baar-Kreises. Er erläutert, wie die Schulen im Landkreis auf die technologischen Herausforderungen reagieren. Und weshalb das digitale Klassenzimmer lediglich eine Ergänzung, aber kein Ersatz für das analoge Lernen sein kann. „Die Einführung des digitalen Lernens ist für die Schulen eine gehörige Aufgabe“, sagt er. Die Förderrichtlinie des vom Kultusministerium beschlossenen Digitalpakts sieht vor, dass Schulträger innerhalb der nächsten Jahre pro Schulkind 430 Euro aus dem Digitalpakt abrufen können, um ihre Schulen für die Digitalisierung auszustatten. Bis 2022 müssen die Anträge eingereicht sein, bis 2024 muss das Geld ausgegeben und abgerechnet sein.

„Dieses Geld ist vor allem dazu da, die technische Infrastruktur auf den Weg zu bringen“, wie Kuhnt sagt. Hierfür sollen 80 Prozent des Budgets verwendet werden. Beispielsweise, um den Breitbandausbau weiter voranzutreiben oder zusätzliche Klassenräume zu bauen. „Hier hat sich schon viel getan, es ist aber auch noch viel zu tun.“ Es reiche nicht, den Schülern einfach einen Tabletcomputer zur Verfügung zu stellen.“ Zumal diese Minicomputer „keine eierlegenden Wollmilchsäue sind“, wie er betont.

 

 

Das Kreismedienzentrum berät die Schulen hierbei nicht nur auf methodischer Ebene, sondern unterstützt sie auch bei der technischen Rahmenplanung und Konzeption. So können die Klassenräume mit modernsten Lernmitteln ausgestattet werden. Wo früher Tageslichtprojektoren Folienbilder an der Wand zeigten, können Lehrer heute ihre Tafelbilder an interaktiven Whiteboards zeichnen.

Lernen auf verschiedenen Ebenen

Klaus Kuhnt stellt zudem deutliche Unterschiede fest, wie die Schulen sich dem Thema Digitalisierung nähern. „Manche Schulen sind bereits mit Freude dabei, andere noch nicht.“ Als ein positives Beispiel hierbei nennt Kuhnt die Schellenberger Schule in Hausen vor Wald. Für den Leiter des Kreismedienzentrums ist es keine Frage, dass die Digitalisierung eine neue Kultur in der Art der Wissensaneignung darstellt. Er möchte das digitale Lernen jedoch keinesfalls als alleiniges Wundermittel verstanden wissen. „Sondern als eines von mehreren Werkzeugen, das nicht im Mittelpunkt steht.“ Lernen sollte immer parallel auf unterschiedlichen Kanälen stattfinden.

Eine der Schulen, die in Sachen digitales Klassenzimmer seit einigen Jahren Vorreiter ist, ist das Thomas-Strittmatter-Gymnasium

Im Cyber-Classroom können Schüler mit VR-Technologien in virtuelle Welten eintauchen.

in St. Georgen. Hier gibt es schon länger einen Cyber-Classroom. Schüler können mit Virtual Reality-Technologien in künstliche Welten eintauchen. Das, was dem menschlichen Auge sonst verborgen bleibt, kann so sicht- und erlebbar gemacht werden. Verschiedene Lernmodule aus unterschiedlichen Fachbereichen wie Biologie, Physik und Mathematik stehen zur Verfügung. Beispielsweise, wie das menschliche Ohr funktioniert, ein Herz schlägt oder magnetische Felder aussehen.

Der Cyber-Classroom wurde in Kooperation mit Fach- und Didaktikexperten des Thomas-Strittmatter-Gymnasiums und des Fürstenberg-Gymnasiums in Donaueschingen von der imsimity GmbH aus St. Georgen entwickelt. Inzwischen gibt es verschiedene Versionen auch für Berufs- und Hochschulen.

Man sieht, der digitale Wandel ist ein weit gefächertes Feld, mit zahlreichen Ansatzpunkten und Aspekten, die sowohl das Für als auch das Wider spiegeln. Und er verändert die Gesellschaft, ob man das will oder nicht. Aber es liegt an jedem Einzelnen, ob sich dieser Wandel zum Wohl der Gesellschaft vollzieht.

 

 

Smart Home – Intelligentes Zuhause

Wenn der 90-jährige Herr Maier nachts zur Toilette muss, braucht er nicht mehr lange nach dem Lichtschalter suchen: Eine Matte auf dem Boden vor seinem Bett registriert, dass er aufgestanden ist und schaltet das Licht automatisch ein. Seine Enkelin freut sich hingegen, dass sie nicht mehr ständig wegen nicht zugestellter Pakete in der Postfiliale Schlange stehen muss: Klingelt der Paketbote vergeblich an der Tür, kann sie ihm von ihrem Schreibtisch im Büro aus über ihr Smartphone die Haustür für eine kurze Zeitspanne öffnen, damit er das Paket abstellen kann. Und sollte wieder einmal die Waschmaschine kaputt gehen und den Keller unter Wasser setzen, weiß sie auch gleich Bescheid: Im ganzen Haus verteilte LED-Lämpchen leuchten blau auf und die Sprachassistentin meldet: „Ich habe einen Wasseraustritt im Keller registriert und den Stromkreis sicherheitshalber unterbrochen.“

von Nathalie Göbel

Was wie Science-Fiction klingt, ist längst machbar: Smart Home heißt das Stichwort, was übersetzt etwa so viel wie „intelligentes Zuhause“ bedeutet. Vernetzte und fernsteuerbare Verfahren und Systeme, mit denen Wohn-, Lebensqualität und Sicherheit erhöht werden und die im Idealfall auch noch helfen, Energiekosten zu senken.

 

 

Doch wie gelangt die moderne Technik zum Verbraucher? Und woher erfahren Entwickler, was auf dem Markt gefragt ist? Vernetzung lautet die Antwort – und genau das hat sich der 2016 gegründete Verein „Smart Home & Living Baden-Württemberg e.V.“ auf die Fahnen geschrieben, an dem die Hahn-Schickard-Gesellschaft für angewandte Forschung e.V. maßgeblich beteiligt ist und die mit dem Informatiker Dr. Christoph Rathfelder den stellvertretenden Vorsitzenden stellt.

Dr. Christoph Rathfelder hat am Tisch im smarten Wohnwagen Platz genommen. Auf dem Bildschirm hat der promovierte Informatiker alle Funktionen, die das mobile Heim zu bieten hat, im Blick.

Die App zum Smart Home erlaubt eine komfortable Steuerung des intelligenten Zuhauses.

Im Verein sind verschiedene Einrichtungen und Unternehmen engagiert. Die einen decken die technische Seite ab, die anderen wiederum haben den Kontakt zum Endverbraucher, so etwa Pflegedienste oder Handwerker. Denn: Im Bereich Smart Home steckt ein enormes Marktpotenzial für Unternehmen und damit auch für Arbeitgeber in Baden-Württemberg. Dieses will man nutzbar machen, indem die Bedürfnisse der Menschen mit den technischen Errungenschaften verknüpft werden.

Oder wie es Bastian Inthasane ausdrückt: „Wir wollen in allen relevanten Bereichen die Mehrwerte zeigen.“ Der 34-Jährige ist bei Hahn-Schickard als Transfermanager angestellt und zusätzlich im „Smart Home & Living“-Verein als Geschäftsstellenleiter tätig. „Natürlich gibt es viele technische Spielereien“, sagt Dr. Christoph Rathfelder, „Lampen, die ihre Farbe wechseln oder den Sonnenaufgang simulieren. Aber darum geht es bei uns nicht.“

Mehrwert lautet das Stichwort

Bei den einen können Smart Home-Lösungen den Lebenskomfort erhöhen – etwa, wenn die Heizung schon auf dem Heimweg von der Arbeit auf Wohlfühltemperatur schaltet, bei den anderen im Extremfall sogar Leben retten – etwa die automatische Herdabschaltung, die verhindert, dass der demente Senior seine Wohnung versehentlich in Brand setzt. „So etwas bekommt man beispielsweise schon für rund 300 Euro“, sagt Bastian Inthasane.

Nach oben gibt es freilich kaum Grenzen – theoretisch lässt sich jeder Raum eines Hauses

 

 

mit smarten Lösungen von A bis Z ausstatten. „Machbar ist grundsätzlich fast alles“, sagt Dr. Christoph Rathfelder. Und fügt hinzu: „Aber uns geht es um den Nutzen.“

Diesen Nutzwert konkret erleben kann man seit April im smarten Caravan, kurz „SmaC“ genannt, an dem der Verein mitbeteiligt ist, welcher finanziell vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg unterstützt wird und der auf dem Gelände der Hahn-Schickard-Gesellschaft unweit des Schwarzwald-Baar-Klinikums logiert. Der Wohnwagen ist dabei mobiler Showroom und Testlabor zugleich. Zum einen für die Vereinsmit-

Bastian Inthasane (links) und Dr. Christoph Rathfelder vor dem SmaC. Der Wohnwagen, schon von Haus aus mit vielen smarten Annehmlichkeiten ausgestattet, ist bei Hahn-Schickard Showroom und Testlabor zugleich.

„Machbar ist grundsätzlich fast alles“,
sagt Dr. Christoph Rathfelder. Und fügt hinzu: „Aber uns geht es um den Nutzen.“

glieder von Smart Home & Living Baden-Württemberg selbst, die darin neue Entwicklungen verbauen und testen können; zum anderen kann er von den Mitgliedern kostenlos ausgeliehen und auf Fach-, oder Verbrauchermessen gezeigt werden. Dort können die Besucher dann live erleben, welche Möglichkeiten moderne Haustechnik bieten kann.

Vernetzte Technik auf kleinstem Raum

Was von außen wie ein normaler moderner Wohnwagen wirkt, entpuppt sich beim Betreten als intelligentes Zuhause auf kleinstem Raum.

 

 

Verschiedene technische Vorrichtungen vermitteln einen Eindruck davon, wie Wohnen in der Zukunft aussehen kann und wird. „Willkommen, du bist jetzt zu Hause“, verkündet Alexa. Die virtuelle Assistentin aus dem Hause Amazon dient als Sprachausgabe für die im Caravan verbauten Systeme, sind doch nicht alle mit bloßem Auge sichtbar. Beispielsweise winzige Sensoren, mit denen die Qualität der Raumluft erfasst wird. Alexa sagt, was Sache ist: „Der CO2-Wert liegt im mittleren Bereich. Es sollte gelüftet werden.“

Bei dem Wohnwagen hat sich der Verein für ein Modell des Herstellers „Hobby“ entschieden, in dem schon einige smarte Vorrichtungen von Werk aus vorinstalliert sind.

„Hobby ist in Sachen vernetzter Technik schon relativ weit. Zum Beispiel ist die Klimaanlage vom Handy aus steuerbar, sodass man noch am Strand dafür sorgen kann, dass der Wohnwagen bei der Rückkehr angenehm kühl ist“, sagt Dr. Christoph Rathfelder. Damit war das Gefährt ein idealer Kandidat, um zum Showroom ausgebaut und mit noch mehr vernetzter und intelligenter Technik bestückt zu werden. Oder wie Rathfelder ganz unprätentiös sagt: „Wir basteln drumherum.“

Verschiedene Varianten smarter Lösungen sind in der Schaltzentrale verbaut, verborgen in einem Einbauschrank: Sowohl über Funk als auch über Kabel und Internet lassen sich die einzelnen Helfer steuern.

„Intelligent ist, wenn man einen Schritt weniger gehen muss.“

„Wir möchten die Systeme zusammenbringen“, verdeutlicht Dr. Christoph Rathfelder ein Ziel des Vereins, „verschiedene Lösungen in Kombination bringen noch mehr Mehrwert.“ Oder wie Bastian Inthasane es ausdrückt: „Intelligent ist, wenn man einen Schritt weniger gehen muss.“ Als Beispiel nennt er den Hausnotruf, ein seit vielen Jahren bewährter Service verschiedener Anbieter. „Hier könnte man über eine Vernetzung mit dem Türöffner die Wohnungstür für eine gewisse Zeit entriegeln, damit beispielsweise nach einem Sturz auch der Rettungsdienst, der keinen Schlüssel hat, hineinkommt.“

Der Wohnwagen des Herstellers Hobby ist schon von Haus aus mit zahlreichen technischen Finessen aus-gestattet. So lässt sich die Klimaanlage beispielsweise über das Smartphone steuern.

 

 

Bastian Inthasane zeigt das „Auge“: Der Bewegungs-melder hat rund um den SmaC alles im Blick und meldet auch ungebetene Gäste, die womöglich an der Tür rütteln.

Doch dazu muss man erst einmal wissen, was überhaupt möglich ist. Die beste Technik nützt schließlich nichts, wenn niemand davon erfährt. Die Vernetzung der einzelnen Akteure hat der Verein daher als eine Hauptaufgabe definiert. So simpel es klingt, so effektiv ist es: „Man muss halt miteinander reden“, sagt Dr. Christoph Rathfelder. „Bei den Herstellern ist vielleicht gar nicht unbedingt das Bewusstsein für manche Probleme vorhanden und der potenzielle Kunde weiß nicht, was technisch machbar wäre, um sein Problem zu lösen.“

Die Sensormatte vor dem Bett im smarten Wohnwagen etwa, die nachts zur Lichtsteuerung wird: Dabei handelt es sich um nichts anderes als eine Katzenmatte, die normalerweise vor der Haustür liegt und klingelt, sobald der Stubentiger um Einlass bittet. Kostenpunkt: 20 Euro. „So etwas gibt es bisher auf dem Markt nicht“, sagt Bastian Inthasane.

Überhaupt Sensoren: Die kleinen Messfühler leisten in vielen Bereichen wertvolle Dienste. Ein

Wir möchten die Systeme
zusammenbringen – verschiedene Lösungen in Kombination bringen noch mehr Mehrwert.

Mitglied bei „Smart Home & Living BW e.V.“ etwa ist die Firma „easierLife“ aus Karlsruhe. Hier hat man sich darauf spezialisiert, Senioren dabei zu helfen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben zu können. Dabei helfen eine Vielzahl von Sensoren, welche die gewohnten Aktivitäten eines Menschen in dessen Lebensumfeld messen. „Eine Person bleibt beispielsweise stets bis zu einer Stunde im Badezimmer“, erklärt Bastian Inthasane. „Darauf sind die Sensoren programmiert. Hat die Person das Badezimmer auch nach zwei Stunden noch nicht wieder verlassen, wird diese Inaktivität an die Verwandten gemeldet – vielleicht ist die Person ja gestürzt und befindet sich in einer hilflosen Lage.“ Gleiches geschieht, wenn Senior oder Seniorin länger als gewöhnlich im Bett liegen oder die Haustür zu lange offen steht.

KUNDO Home Solutions aus St. Georgen hat den Wohnassistenten baseCON entwickelt

Längst haben auch Firmen aus der Region den Zukunftsmarkt für sich entdeckt. Die Firma KUNDO Home Solutions aus St. Georgen etwa, die den Wohnassistenten baseCON entwickelt hat (siehe Foto rechts). Das junge Unternehmen entwickelt, produziert und vermarktet mit knapp 20 Mitarbeitern dieses selbst entwickelte Wohnassistenzsystem. Der einfach zu bedienende digitale Helfer erhöht mit Hilfe von funkvernetzten Sensoren und Displays die Sicherheit und den Wohnkomfort von Mietern und Hausbesitzern.

Herzstück des Ganzen ist die Raumanzeige, ein quadratisches, weißes Display. Darauf: Verschiedene Symbole, die beispielsweise darauf aufmerksam machen, wenn beim Verlassen der Wohnung das Bügeleisen noch eingeschaltet ist. Das System ist aber auch in der Lage austre

 

 

tendes Gas zu registrieren und sofort Alarm zu schlagen, ebenso, wenn sich Einbrecher an der Tür zu schaffen machen.

Am smarten Wohnwagen registriert ein Bewegungssensor, genannt „das Auge“, jeden willkommenen, vor allem aber auch jeden ungebetenen Gast. Und wer versucht, „das Auge“ zu manipulieren, dürfte scheitern. „Jemand rüttelt am Bewegungsmelder“ vermeldet Alexa. Jalousiensteuerung oder Trinkerinnerung – die smarten Helfer können den Alltag in vielen Bereichen erleichtern.

„Egal, welchen Bereich man nimmt, man findet eigentlich immer Anknüpfungspunkte zum intelligenten Wohnen“, sagt Bastian Inthasane. „Darin liegt für mich auch der Reiz dieser Tätigkeit.“ Bis vor Kurzem war der 34-Jährige beim Smart Home & Living-Projekt des Landratsamtes als Technologietransfermanager beschäftigt. Das Projekt, angesiedelt beim Kreissozialamt, hatte ebenfalls das Ziel, intelligentes Wohnen einem breiten Publikum zugänglich zu machen, vornehmlich ging es dabei um Senioren, die von einer intelligenten Hausautomation profitieren.

„Wir betreiben hier ja keine Raketenwissenschaft“

„Man kann bei dem Projekt schon sehr weit über den Tellerrand hinausschauen“, sagt

Man kann bei dem Projekt schon
sehr weit über den Tellerrand hinausschauen. Es ist hochinteressant, zu erfahren, mit welchen Problemen ein Pflegedienst kämpft.

Dr. Christoph Rathfelder. Für den Informatiker, der seit 2013 bei der Hahn-Schickard-Gesellschaft arbeitet, ist seine Tätigkeit neben der „klassischen Informatikerkarriere“ eine spannende Herausforderung. „Ich finde es hochinteressant, zu erfahren, mit welchen Problemen zum Beispiel ein Pflegedienst kämpft und wie man diese zielgerichtet lösen kann.“ Er findet es wichtig, dass Lösungen nicht „von Technikern für Techniker“ angeboten werden: „Wir betreiben hier ja keine Raketenwissenschaft.“

Rathfelder ist von technischen Innovationen immer wieder aufs Neue begeistert. Die Katzen-matte als Lichtsteuerung zum Beispiel. „Das ist schon cool. Und eigentlich so naheliegend.“

Der Wohnassistent BaseCON des St. Georgener Unternehmens KUNDO.

 

 

Mit der App voll im Bilde

von Nathalie Göbel

Die Hühner-Herde Nummer drei ist heute ganz schön hungrig. Johannes Klausmann wischt auf seinemTablet durch die neuesten Daten. Von seinem Stall in Obereschach mit rund 9.000 Legehennen kann er dabei auch meilenweit entfernt sein, aber seine App hält ihn auf dem Laufenden.

 

 

Wenn sich Johannes Klausmann über seine Herden auch wirtschaftlich einen Eindruck machen möchte, ist er mit der App voll im Bilde. Wie hoch sind aktuell die Futterkosten pro Ei? Die App gibt darüber Auskunft – dem jungen Landwirt ebenso wie jedem anderen, der auf dem Klausmann-Hof mit der Anwendung namens „FarMS“ arbeitet.

Entwicklung eigener App

Das Besondere daran: Der Agribusiness-Absolvent der Universität Hohenheim hat die App selbst entwickelt. Zwischen Idee und Umsetzung lag ein Jahr. Mit Hilfe eines Bekannten, der ein auf Apps spezialisiertes IT-Unternehmen gegründet hat, wurde aus der Idee ein Programm. Inzwischen ist FarMS sowohl im App Store von Apple als auch im Google Play Store erhältlich.

Wie kommt man auf die Idee, seinen Hühnerstall zu digitalisieren? Ganz einfach: „Selbst in großen Betrieben werden die Daten im Stall noch mit Stift und Papier erfasst und dann allenfalls noch in eine Excel-Tabelle übertragen“, sagt der 26-Jährige. „Ein sehr großer zeitlicher Aufwand, der außerdem viele Fehlerquellen birgt.“

Erlebt hat Johannes Klausmann das unter anderem während eines Praktikums zu Studienzeiten – und zwar nicht, wie man meinen könnte, in einem Kleinbetrieb, sondern auf einem Hof mit über 100.000 Legehennen in Nordrhein-Westfalen. Daher kam er auf die Idee, im Rahmen seiner Masterarbeit mit dem Schwerpunkt Betriebswirtschaftslehre der Frage nachzugehen, wie die Datenerfassung vereinfacht werden könnte. Dabei herausgekommen ist die FarMS-App. „Einfach und intuitiv zu bedienen sollte das Ganze sein“, sagt er. „Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.“

Erster Platz für unternehmerische Innovation

Dieser Meinung war offenbar auch die Jury des Landwirtschaftspreises für unternehmerische Innovationen: Hier belegte Johannes Klausmann Ende des Jahres 2018 den mit 3.000 Euro dotierten ersten Platz.

Erfasst werden die Daten nicht zum Selbstzweck: Die Betriebe müssen ihrer Dokumentationspflicht nachkommen, etwa gegenüber dem Statistischen Landesamt oder auch dem Veterinäramt. Mit einem Klick lassen sich die Meldungen aus dem Programm als pdf-Datei verschicken. Ebenso schnell erstellt die App Grafiken, mit denen sich die Herden eines Betriebs – innerhalb einer Herde werden stets gleichaltrige Tiere gehalten – miteinander vergleichen lassen. Die Daten liegen dabei auf Servern in Nürnberg. Ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt in Zeiten der Angst vor gestohlenen oder manipulierten Daten. „Viele Betriebe fragen ganz gezielt danach, wo die Server stehen.“

Anhand der Daten lässt sich aber beispielsweise auch die Legeleistung mit den Zuchtzielen vergleichen. Dabei handelt es sich um Sollwerte, die von den Zuchtunternehmen für jede Rasse individuell angegeben werden. Der Landwirt kann damit seine Herden mit den ausgegebenen Sollwerten einfach vergleichen und seine Tiere damit besser einschätzen.

Erfasst werden die Daten direkt im Stall, am Smartphone oder am Tablet. Das funktioniert auch offline – schließlich dürfte in den wenigsten Ställen ein W-Lan-Router stehen. „Sobald man wieder im Netz ist, werden die Daten automatisch übermittelt.“

Echtzeit-Daten erleichtern die tägliche Arbeit

FarMS erleichtere die tägliche Arbeit mit den Geflügelherden sehr. „Egal, wo ich bin, ich weiß immer, was daheim im Stall los ist“, sagt Johannes Klausmann, liefert die App den Überblick doch schließlich in Echtzeit. Wie viel Wasser wurde verbraucht? Wie ist die aktuelle Legeleistung? Wie hoch sind die Füllstände der Silos? Eine bis eineinhalb Tonnen Futter – vorwiegend gemischt aus selbst angebautem Getreide – verbrauchen die 9.000 Hennen pro Tag. Sind Tiere gestorben? Wenn ja, wie viele? Eine Kommentarfunktion erleichtert die Kommunikation auf dem Hof und soll verhindern, dass Informationen im Alltagsgeschäft verloren gehen. „Futterkette war heute Morgen defekt“, steht da beispielsweise.

 

 

Moderne Landwirtschaft sei ohne Digitalisierung undenkbar, sagt Johannes Klausmann. „Das fängt schon bei Anträgen und Rechnungen an.“ Oft sei man dabei der Industrie um Längen voraus. Die Landwirtschaft habe schon früh damit begonnen, die neuen Techniken zu nutzen. GPS-gesteuerte Schlepper etwa seien längst Standard. Das erleichtert nicht nur die Arbeit der Landwirte, sondern schont auch die Umwelt und Ressourcen: „So kann man beim Säen und Düngen der Flächen Überlappungen vermeiden.“

Egal, wo ich bin, ich weiß immer, was daheim im Stall los ist.

Noch führen die Landwirtschaft Johannes Klausmanns Eltern. Wie viele Betriebe hat auch der Klausmann-Hof mehrere Standbeine. Neben den Legehennen sind das die Weihnachtsbäume aus dem eigenen Wald, Ackerbau, mehrere Blumenfelder zum Selbstpflücken und der Hofladen in Obereschach.

Momentan fährt Johannes Klausmann beruflich zweigleisig und ist an drei Tagen pro Woche in einer Stuttgarter Unternehmensberatung tätig, die auf Landwirtschaft spezialisiert ist. Hier werden Betriebe beraten, die sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befinden, zugleich werden aber auch landwirtschaftliche Bauprojekte von betriebswirtschaftlicher Seite aus betreut. Eines steht jedoch schon fest: „Irgendwann werde ich hier voll einsteigen.“

Johannes Klausmann im Stall. Der 26-jährige Agribusiness-Absolvent arbeitet momentan noch in Teilzeit auf dem elterlichen Hof. Drei Tage pro Woche ist er in einer Unternehmensberatung in Stuttgart tätig. Unten ist die voll automatisierte Eier-Verpackungsanlage der Klausmanns zu sehen.

 

 

Der neue Zinzendorfplatz in Königsfeld

von Matthias Donath

Am 3. Oktober 2019 wurde der Zinzendorfplatz in Königs feld nach einer umfassenden Neugestaltung der Öffentlich keit übergeben. Der Haupt platz Königsfelds erhielt durch die gestalterische Aufwertung wieder seine frühere Funktion als städtebaulicher und sozia ler Mittelpunkt der Schwarz waldgemeinde zurück.

 

 

Die Herrnhuter Brüdergemeine

Der Zinzendorfplatz hat eine ganz besondere Geschichte. Seine regelmäßige quadratische Gestalt erklärt sich dadurch, dass er planmäßig nach einem städtebaulichen Grundmuster angelegt wurde. Denn Königsfeld ist kein historisch gewachsener Ort wie die umgebenden Gemeinden im Schwarzwald, sondern vergleichsweise jung. Die „Herrnhuter Colonie“ wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegründet – als Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine, einer weltweit verbreiteten evangelischen Freikirche. Und diese Siedlung wurde – wie andere Orte der Brüdergemeine auch – nach einem barocken Idealplan angelegt. Man baute eine Kleinstadt für Handwerker und Gewerbetreibende – und eben kein Dorf. Auch die Bewohner unterschie-

Ausschnitt aus dem Siedlungsplan für Königsfeld, 1807 von Johann Gottfried Schultz. Beim Planquadrat A (mit grünen Flächen) handelt es sich um den Zinzendorfplatz.

den sich von denen der Umgebung. Sie kamen aus verschiedenen Teilen Südwestdeutschlands und der Schweiz. Die Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine wollten gemeinsam arbeiten, leben und ihren Glauben bezeugen. Königsfeld war die einzige Herrnhuter Siedlung im Südwesten Deutschlands und hatte daher ein großes Einzugsgebiet. Das wirkte sich auch auf die Sprache aus: Von Anfang an wurde in Königsfeld ein ausgeprägtes Hochdeutsch gesprochen. Damit unterschied sich der Ort sprachlich von den umliegenden Dörfern, in denen bis heute Dialekte vorherrschen.

Die Gründung und Entfaltung Königsfelds als Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine lässt sich nur im Blick auf die christliche Erweckungsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts erklären. Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf und Pottendorf (1700–1760), ein junger Adliger aus Sachsen, störte sich an dem oberflächlichen Christentum vieler seiner Zeitgenossen. Er hoffte, dass sich die Menschen die Botschaft von Jesus Christus mehr zu Herzen nehmen. 1722 nahm er auf seinem Rittergut Berthelsdorf in

 

 

der Oberlausitz, im Osten Sachsens, Glaubensflüchtlinge auf, die ihre Heimat in Böhmen und Mähren aufgrund ihres evangelischen Glaubens verlassen mussten. Gemeinsam mit den verfolgten Christen gründete er eine Siedlung, die unter den Schutz des Herrn – gemeint ist Jesus Christus – gestellt wurde und daher den Namen „Herrnhut“ erhielt. Nach einem Erweckungserlebnis 1727 bildete sich eine tief im Glauben verwurzelte Gemeinschaft, die in den folgenden Jahren weiter anwuchs. Immer mehr Menschen, die eine christliche Gemeinschaft suchten, kamen nach Herrnhut. Die Herrnhuter Brüder-gemeine – bis heute wird eine alte Schreibweise ohne -d- gebraucht – wurde auch in anderen Teilen Deutschlands und Europas bekannt. Erweckte Christen, die mit dem erstarrten Christentum ihrer Umgebung unzufrieden waren, schlossen sich der Bewegung an. Sie wollten in einer Gemeinschaft wie in Herrnhut leben, weshalb die Brüdergemeine in verschiedenen Teilen Deutschlands und Europas eigene Siedlungen schuf. Die Gründung dieser Siedlungen war nicht einfach, weil die Herrscher der jeweiligen Territorien zustimmen mussten. Auch hatten die örtlichen Kirchen nicht immer Verständnis für die „Glaubenskonkurrenz“.

Siedlungsgründung von Königsfeld

Besonders lange dauerte es, bis die Herrnhuter Brüdergemeine eine Niederlassung in Südwestdeutschland erhielt. Bereits in den 1730er-Jahren hatten sich in der Schweiz und in Württemberg erweckte Christen zusammengefunden, die nach Herrnhuter Vorbild leben wollten. Diese wurden durch „Diasporaarbeiter“, umherreisende Prediger, betreut. Mehrere Anträge auf Einrichtung einer Brüdergemeine in Württemberg scheiterten. Anfang des 19. Jahrhunderts, lange

 

 

nach dem Tod des Grafen Zinzendorf, stimmte die württembergische Regierung schließlich zu. 1804 fanden der Schorndorfer Prediger Lorenz Nagel und der Kaufmann Philipp Heinrich Veil einen Hof im Schwarzwald, der zu kaufen war. Für eine Siedlungsgründung an diesem Ort sprach, dass er gleich weit von Stuttgart, Straßburg und Basel entfernt war, wo sich Herrnhuter Gemeinschaften gebildet hatten. Die Brüder-gemeine kaufte den Hörnlishof und das umliegende Land zur Errichtung einer „Colonie“. König Friedrich I. von Württemberg (1754–1816), der gerade den Königstitel erworben hatte, erteilte am 12. August 1806 die Genehmigung und garantierte unter anderem Glaubens- und Gewissensfreiheit. In Kirchen- und Schulangelegenheiten sollte die Siedlung nicht der evangelischen Landeskirche Württembergs, sondern allein der Kirchenleitung in Herrnhut unterstehen. Die Brüdergemeine wollte die Ortsgründung „Nain“ oder „Friedrichsfeld“ nennen, doch der König lehnte ab. Er verlieh der Siedlung erst im Oktober 1809, als schon die ersten Häuser standen, den Namen „Königsfeld“. Dieser bezog sich auf die Erhebung Württembergs zum Königreich, wurde von der Brüdergemeine aber als Hinweis auf Jesus Christus als König verstanden. 1810 gelangte der Ort im Schwarzwald durch einen Gebietstausch an das Großherzogtum Baden.

Am 31. Oktober 1806 wurde der erste Baum gefällt, im April 1807 feierte man den ersten Gottesdienst, im Juni 1807 traf der Bauplan ein – und so konnte man mit der Errichtung der ersten Gebäude beginnen.

Geometrischer Grundriss

Soweit möglich, legten die Herrnhuter ihre Siedlungen über einem geometrischen Grundriss an. Ihre Niederlassungen waren barocke Idealstädte. Das Modell einer christlichen Gemeinschaftssiedlung verband sich mit dem Ideal einer durchgeplanten, gut funktionierenden und durchgestalteten Stadt. Der gemeinsame Kommunikationsraum der Bewohner war ein freigelassenes Quartier in der Mitte der Siedlung – der Platz. Um diesen rechteckigen Platz, der bei den deutschen Siedlungen heute meist

Der gemeinsame Kommunikationsraum der Bewohner war ein freigelassenes Quartier in der Mitte der Siedlung – der Platz. Um diesen rechteckigen Platz gruppieren sich schachbrettartig die Quartiere entlang rechtwinkliger Straßen.

den Namen Zinzendorfs trägt, gruppieren sich schachbrettartig die Quartiere entlang rechtwinkliger Straßen. In Platznähe befinden sich in der Regel die Gemeinschaftsbauten, von denen der Kirchensaal der wichtigste war.

Ein solcher Siedlungsplan wurde 1807 im Auftrag der Kirchenleitung, der Unitäts-Ältesten-Conferenz, auch für Königsfeld erstellt. Die Ausarbeitung des Siedlungsgrundrisses nahm der Jurist und Zeichner Johann Gottfried Schultz (1734–1819) vor, ein Mitglied der Brüdergemeine aus Niesky (Sachsen). Er war nie im Schwarzwald, kannte aber viele andere Herrnhuter Siedlungen, an deren Grundmuster er sich orientierte. Als städtebaulichen Mittelpunkt plante er – wie beispielsweise in Gnadau (Sachsen-Anhalt) – einen quadratischen, gärtnerisch gestalteten Platzraum. An der Nordostseite ordnete er den Kirchensaal an. Auf den benachbarten Karrees sollten – in unmittelbarer Nähe zum Platz und zum Kirchensaal – das Schwestern- und das Brüderhaus erbaut werden. Um den Platz herum sollten Wohnhäuser, die Apotheke und das Gemeinlogis errichtet werden. Dabei war eine Bauhöhe von zwei Geschossen gefordert. Der Gasthof der Brüdergemeine war das erste Gebäude, das nach diesem Bauplan errichtet wurde.

Die Herrnhuter Siedlungen zeichnen sich durch einen gleichartigen Baustil aus. Er leitete sich von der barocken Architekturrichtung ab, die in Sachsen im 18. Jahrhundert vorherrschend war. Kennzeichnend sind die symmetrisch gegliederten, aber sehr einfach gehaltenen Fassaden und die recht steilen Mansarddächer. In Königsfeld folgen nur wenige Bauten dieser

 


Stilrichtung, darunter der Kirchensaal. Das liegt an der späten Gründung und der recht langsamen Siedlungsentwicklung. Manche Grundstücke am Zinzendorfplatz wurden erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut – und bis dahin hatten sich die Architekturideale bereits geändert.

Gestaltung des Platzes

Der Kirchensaal ist das dominierende Gebäude am Zinzendorfplatz und das einzige mit einer unverkennbar barocken Prägung. Der Bauplan wurde 1810 von dem Lehrer und Prediger Renatus Früauf (1764–1851), damals Lehrer auf dem Katharinenhof in Großhennersdorf bei Herrnhut, erstellt. Die Kirchweihe erfolgte am 19. Oktober 1812. Dem Bautyp Herrnhuter Kirchensäle folgend, handelt es sich um einen querrechteckigen Saal. An den beiden Längsseiten öffnen sich vier große Fensterbahnen. Dieser Mittelbereich ist von einem hohen Mansarddach bedeckt, auf dem ein Dachreiter mit barocker Zwiebelhaube thront. Die symmetrischen, etwas zurückgesetzten Seitenbereiche enthalten Gemeinderäume und Wohnungen.

Die Gestaltung der Platzfläche hat sich in den letzten 200 Jahren mehrfach verändert. Nach dem Siedlungsgrundriss von 1807 wurde eine quadratische, ringsum von Straßen umgebene Platzfläche angelegt. Sie wird durch ein Wegekreuz in vier gleich große Felder geteilt. Die so geschaffene Vierteilung des Platzes ist bis heute erhalten geblieben. An den Außenseiten und entlang des Wegekreuzes wurden Bäume und Hecken gepflanzt. Die Betonung der Platzmitte erfolgte durch einen Brunnen, der einen praktischen Zweck hatte, versorgte er doch die Bewohner der Häuser und der Gemeinschaftsbauten mit Trinkwasser. Erst später kam es zu einer symbolischen Deutung des Brunnens – das Wasser wird von der Brüdergemeine heute auf Jesus Christus als Quelle des Lebens bezogen.

Die Königsfelder Brüder und Schwestern nutzten die Platzfläche ganz praktisch für unterschiedliche Bedürfnisse: Im Viertel vor dem Brüderhaus wurde 1814 eine kreisrunde Zisterne als Feuerlöschteich und als Wasserreservoir für die erste Fabrik Königsfelds angelegt. Das benachbarte Viertel in Richtung des Schwesternhauses diente als Bleichplatz. Hier wurde Wäsche getrocknet und unter Sonnenlicht gebleicht. Die

Der Brunnen ist zurück: Die Betonung der Platzmitte erfolgte beim Bau von Königsfeld durch einen Brunnen, der zugleich die Bewohner der umliegenden Häuser und der Gemeinschaftsbauten mit Trinkwasser versorgte.

 

 

beiden anderen Quartiere teilten sich in Nutzgärten mit Beeten und Obstbäumen.

Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine parkähnliche Umgestaltung der Platzviertel. Das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung und der aufkommende Fremdenverkehr verdrängten die früheren Nutzungen. Das südliche Quartier wurde dem Gasthof zugeordnet und zur Bewirtung genutzt. Eine Holzveranda begrenzte die Freifläche. Solitärbäume im „Lust- und Fürstengarten“ erinnerten an die „Helden“ der Reichseinigung, an Otto von Bismarck (1815-1898) und an Kaiser Wilhelm I. (1797-1888). Das als Bleichplatz dienende Viertel vor dem Schwesternhaus erhielt 1904 eine neue Gestaltung mit einem Rundweg und einem in der Mitte stehenden Bläserpavillon. Da hier die jährlichen Missionsfeste der Brüdergemeine stattfanden, wurde dieser Teil als „Missionsplatz“ bezeichnet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Platzviertel ihre unterschiedlichen Funktionen. Das öffentliche Leben verlagerte sich in den Nachkriegsjahren mehr und mehr in die Friedrichstraße und die angrenzenden Kurheime sowie Kliniken. Der Zinzendorfplatz wurde immer weniger genutzt und geriet dadurch in eine Randlage. In den 1970er-Jahren wurde eine vereinfachte Gestaltung vorgenommen, bei der man den Zinzendorfplatz „leerräumte“. Schmückende Bepflanzungen und Einbauten entfielen, zuletzt verschwand 1974 der Bläserpavillon. Als neues Element kam 1991 ein Gedenkstein mit einem Bildnis des Grafen Zinzendorf dazu. Seit den 1990er Jahren gab es Ideen, den Platz als Gesamtensemble wieder erlebbar zu machen und in einer ursprünglichen Funktion als Ortsmitte wieder zu beleben. Doch es dauerte zwanzig Jahre, bis dieser Gedanke eine Umsetzung erfuhr. Der Umgestaltung ging ein intensiver Diskussionsprozess unter Bürgerbeteiligung voraus. In Bürgerforen wurde unter anderem darum gestritten, wie viele der mittlerweile alt gewordenen Bäume der Platzbepflanzung stehen bleiben durften oder zu fällen waren. Am Ende des Diskussionsprozesses stimmte eine Mehrheit für eine grundlegende Neugestaltung und Neubepflanzung unter Erhalt weniger Solitärbäume. Die Neugestaltung der Platzfläche

Mit der Aufwertung des öffentlichen Raumes verbindet sich die Hoffnung, dass der Zinzendorfplatz wieder als Kommunikationsraum angenommen wird.

ging mit einer Wiederherstellung der früheren Platzgliederung und der ursprünglichen Bepflanzung einher. Der Platzraum wird durch neu gepflanzte Linden eingefasst. In der Platzmitte befindet sich wieder ein Brunnen.

Kommunikations- und Erlebnisangebote

Mit der Aufwertung des öffentlichen Raumes verbindet sich die Hoffnung, dass der Zinzendorfplatz von den Königsfeldern und den Besuchern der Schwarzwaldgemeinde wieder als Kommunikationsraum angenommen wird – als ein Ort, an dem man gerne verweilt, miteinander ins Gespräch kommt und mehr über die einzigartige Geschichte Königsfelds erfährt. Um das zu erreichen, wurden zusammen mit der Platzgestaltung moderne Kommunikations- und Erlebnisangebote geschaffen. Stelen am Zinzendorfplatz stellen den lebendigen Ort vor und erklären seine Geschichte. Über ein digitales Angebot kann man in deutscher und englischer Sprache vertiefende Informationen abrufen. Ein Animationsfilm erklärt in einer leicht zugänglichen Bildsprache, was es mit der Herrnhuter Brüdergemeine auf sich hat und warum Königsfeld so gebaut und gestaltet wurde, wie wir es heute sehen.

Die Häuser am Zinzendorfplatz haben eine moderne Beschilderung erhalten, die über die Bau- und Nutzungsgeschichte informiert und zu digitalen Angeboten weiterleitet. Alle Medien wurden so angelegt, dass sie barrierefrei nutzbar sind. So zeigt Königsfeld, wie Geschichte für ein lebendiges Zusammenleben in der Gegenwart ohne Ausgrenzung wie auch für einen modernen Tourismus nutzbar gemacht werden kann.

 

 

Ein Gedenkstein erinnert auf dem Zinzendorfplatz an den Gründer von Königsfeld, Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf. Ein Schmuckstück des Platzes ist auch weiterhin der Seerosenteich (unten).

 

 

Die Alt-Villingerin

Die Frauentracht mit der kostbaren Radhaube ist der Stolz der Stadt Villingen

Der Tracht der Alt-Villingerin ist es ergangen wie vielen Trachten im Schwarzwald und auf der Baar: Nachdem sie zur Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Alltagsleben verschwand, weil sich die Menschen von alten Zwängen befreiten und freier kleideten, tauchte sie gut 40 Jahre später an der Fastnacht wieder auf. Und dort ist sie bis heute verblieben. Auch in Villingen erfüllt die Frauentracht die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, beflügelt sie das „verklärte Reichsstadtdenken“. Das hat Villingen mit anderen Reichsstädten gemein, betont Trachten-experte Jürgen Hohl, der frühere Vorsitzende des Kulturellen Beirats der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte mit Blick auf die Wiederkehr dieser Tracht an der Villinger Fasnet. Ihre Entstehung fällt in die Ära des Spät-Rokoko, sie dürfte somit erstmals um 1780 getragen worden sein. Außerhalb der Fastnacht wird die Alt-Villingerin durch die Trachtengruppe repräsentiert, die sich 1949 der Bürgerwehr angeschlossen hat. Das besondere Merkmal der Tracht ist die Radhaube, deren Herstellung viel Fingerfertigkeit verlangt und die mit im Mittelpunkt dieses Almanach-Schwerpunktthemas steht.

Alt Villingerin mit goldener Radhaube. Modell: Julia Oswald Tracht: Ingrid Beck Fotografie: Wilfried Dold

 

 

Eine kurze Geschichte der Radhaube

Das besondere Merkmal der Alt-Villingerin ist ihre Radhaube. Die entsprechende Kopfbedeckung gehörte auch in Villingen stets zur Tracht dazu. Das Bedecken gerade des weiblichen Kopfes war üblich – eingeführt von den Männern zur „optischen Verschließung“ ihrer Ehefrau. Die nachstehende kurze Abhandlung basiert auf einem umfassenden Beitrag von Jürgen Hohl, den dieser 2008 für die Schriftenreihe des Geschichts- und Heimatvereins Villingen verfasst hatte.

In der Mitte des 18. Jh. war für alle Altersstufen eine weiße Zughaube als Kopfbedeckung üblich, die sogenannte Dousette. Sie bildete den Grundstock der verschiedenen Hauben. Aus dem mittelalterlichen „Schlayer“ hatte sie sich durch die Zeit hindurch entwickelt. Um 1750 trug man als Modefrisur den „Kohlkopf“, das waren „gebrannte“ Locken: mal seitlich länger oder als Knoten am Hinterkopf oder seitlich gesteckt. Darauf saß die Dousette und auf diese wiederum kam die Haube der verheirateten Frau: die „Pockel- oder Bockelhaube. Genannt nach den Haarbuckeln seitlich und am Hinterkopf. Diese Haube bestand je nach Stand aus verschiedenen Materialien. So bei älteren Frauen aus schwarzem Gimpen, bei jungen Frauen aus der Hohlspitze in Gold und Silber. Gold für die Hochfeste, silber für normale Sonntage lautet eine der Erklärungen für die Farbunterscheidung zu bestimmten Zeiten. Diese vormals dem höchsten Stand vorbehaltene Haube wanderte ab 1740 auf Grund von Modeeinstellungen bis in die untersten Schichten.

Einzigartig ist der Haubenportraitbestand des Franziskanermuseums in Villingen. An diesen Bildern kann die Entwicklung der Villinger Hauben genau verfolgt werden. Zwischen 1820 bis 1845 bildete sich die heutige Villinger Haube heraus. Und zwar nach folgendem Rezept: Der Steg wird etwas kürzer, das Rad weitet sich bis zu 30 cm Durchmesser aus. Die Stellung des nach hinten gebogenen Rades unterscheidet sich von den steil und glatt aufgestellten Rädern anderer Radhaubengebiete. Nur an der Bodenseehaube z.B. von Überlingen/Konstanz ist die Verwandtschaft zur Villinger Haube erkennbar.

Der Trachtenabgang bescherte auch Villingen ab 1850/60 die Hinwendung zur Modekleidung. Aber nun kommt in den 1880er-Jahren wie in anderen Trachtengebieten das Auffangbecken Fasnet zum Tragen. Anfangs trug die Alt-Villingerin an der Fastnacht sogar eine Wachsmaske und später eine Holzscheme. Heute allerdings ist die Mehrzahl der Alt-Villingerinnen unverlarvt unterwegs.

Wenn man die Reichsstadtbockelhaube als „Urgroßmutter“ der Radhaube heranzieht, stellt man fest, dass es zu allen Zeiten zwei Arten von Materialverwendungen gab: die Haube in Hohlspitze und in geklöppelter Spitze. Die Hohlspitze – auch Schlauch- oder Windungsspitze genannt – ist eine sehr intensive Handarbeitstechnik, bei der über zwei sogenannte Seelenfäden Plätt oder Lahn geschlungen wird. Als Lahn, Plätt, Plätte oder Rausch wird ein platt gewalzter sprich geplättelter Draht aus Metall bezeichnet.

Eine weitere Art der Haubengestaltung hängt mit dem Alter der Trägerinnen zusammen: Ältere Frauen trugen die schwarze Flor- und Chenillehaube auch am Sonntag. Genau wie die goldene und silberne Muschelspitze kam auch das Florbesticken (Tüll) und der Chenillefaden aus den Klosterwerkstätten.

Alt-Villingerin mit goldener Radhaube. Modell: Jessica Bisceglia Tracht: Ingrit Rothmund Fotografie: Wilfried Dold

 

 

Im Portrait – Die „Alt-Villingerinnen“ Ingrit Rothmund und Ingrid Beck

Ingrit Rothmund (links) und Ingrid Beck mit einem vorbildlich geschneiderten Exemplar einer Villinger

Frauentracht.

von Birgit Heinig

Ingrit Rothmund weiß, wie es geht. Die 70-Jährige näht nicht nur eine Villinger Tracht im Jahr. Sie hat zwei Töchter, eine Schwiegertochter, vier Enkeltöchter, dazu Nichten und Großnichten. Und alle tragen sie die Villinger Tracht. Die Kleinen wachsen aus ihren Trachten heraus und auch die Großen brauchen ab und an ein neues Modell. »Ich habe genug zu tun«, sagt die gebürtige Schleswig-Holsteinerin, die schon als Sechsjährige nach Villingen kam. Die Tracht trägt sie seit fast 20 Jahren, seit mehr als zehn ist sie Mitglied der Historischen Bürgerwehr und Trachtengruppe. Sie trägt ihre Biedermeiertracht bei einem runden Dutzend Trachtentreffen und sonstigen Auftritten wie an Fronleichnam oder der Südwestmesse.

An ihrer Seite sitzt Ingrid Beck. Die gebürtige Villingerin ist Vorsitzende der Trachtengruppe, der sie 2003 beigetreten ist, weil »mich die Geschichte der Villinger Tracht begeistert«. Die 62-Jährige ist nebenbei Stadtführerin und führt ab und an auch in Tracht. Was die Geschichte der Alt-Villingerin anbelangt, so schildert sie, dass man anhand von Portraitbildern im Fran

 

 

Die Alt-Villingerin

ziskanermuseum nachvollziehen könne, dass die Tracht der Villingerin, wie sie heute dargestellt werde, ihre Anfänge im Spätrokoko um 1780 nahm. Das Wesen der Mode ist es, sich ständig zu verändern und diesem Wandel unterlag auch das Kleid der Alt-Villingerin (siehe Seite xxx).

Während an der Fasnet sowohl der Alt-Villingerin als auch dem Morbili nahegelegt wird, das zweiteilige Kleid unter der farbigen Schürze und den Wiener Schal in Schwarz, zumindest aber einer gedeckten Farbe zu halten, trägt man in der Trachtengruppe gerne Farben und Muster. „Eine Tracht ist schließlich keine Uniform“, findet Ingrid Beck. Ansonsten bleiben aber beide, die Historische Narrozunft und die Trachtengruppe, der Mode im geschichtlichen Zeitabschnitt des Biedermeiers treu. Die Spitze am Kragen und den Ärmeln ist weiß wie Unterrock, Strümpfe und Handschuhe, die Abschlusskanten der Jacke sind mit Posamenten verziert. Der Rock reicht bis zu den Knöcheln und ist in Falten gelegt. Die Silhouette der Alt-Villingerin ist auf Figur geschneidert.

Ingrit Rothmund greift gerne auf den einen Schnitt zu, der in der Trachtengruppe unter den Schneiderinnen die Runde macht. Früher habe es freilich Varianten gegeben, weiß sie, überliefert seien aber so gut wie keine. Generell werde es immer schwieriger, an geeignetes Material heranzukommen, weil die Zahl der Hersteller sukzessive abnehme.

Ölgemälde mit Bürgersfrauen sind der älteste Nachweis für die Radhaube

Kaum einem Detail der Villinger Frauentracht wird so viel Aufmerksamkeit zuteil wie der Radhaube. Sucht man nach frühen Zeugnissen der Villinger Tracht, so stößt man auf zahlreiche Portraitgemälde von Bürgersfrauen mit Trachtenhaube und vornehmen Gewand, so im Franziskanermuseum. Aus dem Jahresheft des Geschichts- und Heimatvereins 1983/84 geht hervor, dass zunächst die schwarze Haubenart vorherrschte und die Goldhaube seit etwa 1820 vertreten sei. „Offiziell“ soll die letzte Goldhaube 1868 von einer Braut zu ihrer Hochzeit getragen worden sein. Sie war wohl festlichen Anlässen vorbehalten. Die Form war damals als Rad noch kaum erkennbar.

Als Ansichtskarte vertriebene Lithographie einer Alt-Villingerin. Die Darstellung aus dem Jahr 1907 stammt von Carl Liebich.

Aus historischer Sicht werde »nirgendwo erklärt, warum sie welche Farbe hat«, schildert Ingrid Beck und verweist auf die goldenen und die eine silberne Haube, die im Franziskanermuseum erhalten sind. Es gebe ein Schriftstück, in dem die Unterschiede mit der gesellschaftlichen Hierarchie erklärt werden. Demzufolge trugen die Magistratsfrauen Gold, die Frauen von Zunftmeistern Silber. Da das Material unterschiedlich kostbar war, sei aber auch denkbar, dass nur an hohen kirchlichen Feiertagen Gold getragen wurde und man sonst eine Haube aus Silber, aus schwarzem Chenille oder weitaus billigerem Messing bevorzugte.

Bedeutend für den Fortbestand der Alt-Villingerin war die Trachtenerneuerungsbewegung, die in Villingen bereits um 1900 einsetzte. Jetzt wurden wieder vielfach neue Radhauben und die dazugehörige Kleidung mit seidenem

 

 

Eine ganze Familie in der Tracht der Alt-Villingerin. Bei Ingrit Rothmund tragen sowohl die Töchter als auch die Enkelinnen die von der Mutter, sprich Oma, angefertigte Tracht.

Schultertuch angeschafft und somit stieg auch die Zahl der Trachtenträgerinnen stetig. 1926 gründete sich in Villingen schließlich ein Volkstrachtenverein. In den nächsten Jahren besuchte man Trachtenfeste in ganz Baden und darüber hinaus. Zu diesen Umzügen und Festen während des Jahres wurde der Alt-Villingerin ein männlicher Begleiter zur Seite gestellt. Er trug die Kleidung der Villinger Zunftmeister um 1760, als Vorlage dienten die Zunfttafeln im Franziskanermuseum.

1949 schließlich wurde die Trachtengruppe von Franz Kornwachs neu organisiert und der Bürgerwehr angeschlossen. Von da an bis heute besuchen die Alt- Villingerinnen gemeinsam mit den Trachtenträgern und den militärischen Abteilungen der Bürgerwehr Trachtenfeste, Bürgerwehrtreffen und sonstige historische Feste im In- und im Ausland. „Dabei erregen sie besondere Aufmerksamkeit mit ihren schönen dezent-farbigen Trachten und den prächtigen Radhauben und repräsentieren damit die Stadt Villingen hervorragend“, wie der Verein in seiner Mitgliederzeitung „Depesche“ vermerkt.

Qualität der Tracht und der Radhaube sind von großer Bedeutung

In der Trachtengruppe lege man sehr viel Wert auf gute Qualität, betonen Ingrid Beck und Ingrit Rothmund. Beide haben auch schon mehrere Hauben in der Hohlspitztechnik hergestellt, in der auch die Hauben aus dem Franziskanermuseum gefertigt sind. Hier sei »der Weg das Ziel« erklären beide diese sehr zeitaufwändige Herstellungsart. Verständnis haben sie dafür, dass der Anspruch darauf bei Mädchen und Frauen, die einmal im Jahr an der Fastnacht ins Häs gehen, nicht ganz so ausgeprägt ist. Nicht in Ordnung finden sie dagegen, dass leider auch „Schund getrieben“ werde mit der Tracht der Alt-Villingerin. Bei aller Freude über das offenbar wachsende Interesse am Brauchtum, wünsche man sich, „dass das Niveau hochgehalten wird“.

Rechte Seite: Die Radhaube in schwarzer Ausführung wurde oft von älteren Frauen getragen.

 

 

Priska Haas – vom „Trieberkind“ zur Alt-Villingerin

Priska Haas ist in ihrer Villinger Tracht beileibe nicht nur an der Fastnacht zu sehen. Die 51-Jährige ist seit 32 Jahren leidenschaftliches Mitglied der Historischen Trachtengruppe, die der Bürgerwehr angegliedert ist. Sie trägt ihr Biedermeier-Kleid mit Radhaube und Fransentuch das ganze Jahr über bei Trachtentreffen und bei allerlei feierlichen Anlässen, zumeist im Auftrag des Vereins oder der Stadtverwaltung. Sogar beim Münchner Oktoberfest war sie schon Teil des Festumzuges.

Zuvor war sie eines der „Trieberkinder“, die an der Fastnacht den Butzesel hüten und eines der Ballettmädchen beim Ball der Historischen Narrozunft. Zur Bürgerwehr und Trachtengruppe kam sie durch ihren damaligen Freund und heutigen Ehemann Frank, Großneffe des einstigen Zunftmeisters und Vorsitzenden der Bürgerwehr und Trachtengruppe sowie „Erfinder“ des Villinger Schunkelliedes, Franz Kornwachs.

Ab und zu ist die Erzieherin heute an den hohen Tagen der Villinger Fasnet als „anonymes“ Morbili unterwegs, die Altfrauenvariante der Villingerin, die sich hinter einer Gesichtslarve, auch „Scheme“ genannt, versteckt.

Streng nach historischem Vorbild

Priska Haas achtet sehr genau darauf, dass ihre Tracht in allen Details dem historischen Vorbild entspricht. Wenig Verständnis hat sie daher für die Mädchen und Frauen, die sich das »Häs« für die Fastnacht zwar leisten können, aber keine Ahnung oder manchmal leider auch kein Interesse haben, es korrekt anzulegen. Zumeist ist es die Kälte, die Trägerinnen jedwede historische Korrektheit vergessen lässt. Da lugen Rollkrägen aus dem Spitzenausschnitt oder Moonboots unter dem Rock hervor. „Das geht gar nicht“, findet Priska Haas.

Ein wenig geht aber auch das Kleid der Villingerin mit der Mode. So war der Rock schon einmal kürzer und außer der Farbe Schwarz darf es mittlerweile auch eine andere Grundfarbe von Rock und Kittel sein. Ähnlich verhält es sich mit dem Schultertuch. An der Fastnacht ist es in der Regel der Wiener Schal, den sich die Alt-Villingerin – ebenso wie das Morbili – gegen die Kälte umlegen.

Sommers kommt indes ein Seidentuch mit Fransen zum Einsatz, das durchaus bunt, auch bestickt sein darf und – so viel noch zum Thema Mode – gerne farblich mit dem Seidenschurz korrespondiert. Die berühmteste Variante ist das Flammentuch, ein changierender Traum in Seide, der den Nachteil hat, dass er vergänglich ist. „Irgendwann bricht leider jede Seide“, bedauert Priska Haas, die noch ein altes Stück besitzt.

Radhaube aus Messingdraht

Der Augapfel der Alt-Villingerin aber ist ihre Radhaube. Priska Haas gehört ein Exemplar aus dem 19. Jahrhundert, über dessen Urheberin man sich nicht so ganz im Klaren ist. Es besteht aus goldfarbenen Messingdraht, früher das bevorzugte Material für all jene, die sich echtes Gold nicht leisten konnten, und ist entsprechend nachgedunkelt.

„Ihr Villingen“ hat Priska Haas nie verlassen, was sie zu einem „Gott sei Dank“ veranlasst. Sie ist Teil der Großfamilie Haas/Mauch, die 2011 im Europapark in Rust zu Deutschlands größter Trachtenfamilie gekürt wurde. Ihre zwei Kinder, 16 und 19 Jahre alt, wachsen mit der Tradition auf. „Unsere Tracht ist so schön“, sagt Priska Haas und ihre Augen funkeln mit dem Granatschmuck an Hals und Ohr um die Wette.

 

 

Claudia Raufer – Alt-Villingerin, Morbili und Wuescht

Ihr Vater war Kavallerist der Historischen Bürgerwehr und Mitglied der Trachtengruppe Villingen. Ihre Mutter stammt aus Nordstetten und hatte eigentlich keinen engen Bezug zur Villinger Fastnacht. Als Dreijährige war Claudia Raufer zum ersten Mal mit einer Bekannten auf der Villinger Fasnet. Über die Jugendtanzgruppe fand sie schließlich den Weg ins Häs und ist bis heute als Alt-Villingerin und Morbili, hauptsächlich aber mit der Wueschtgruppe unterwegs. Die raubauzigen Kerle (unter deren mit Stroh ausgestopften Hosen sich längst auch Damen verbergen dürfen), die „Schönschte“, die stets am Schluss kommen, haben es ihr angetan und stehen für sie in ihrem verwaschenen Häs nur äußerlich im Widerspruch zur eleganten Villinger Tracht.

Glücklich ist Claudia Raufer dennoch, wenn sie auch außerhalb der Fastnachtszeit hin und wieder in die wunderschöne Tracht hinein-schlüpfen und ihre Heimatstadt repräsentieren darf. Und das tut sie nicht nur in Villingen, sondern auch mit Begeisterung auf der Baar – in Donaueschingen.

An der Fastnacht mit Halbscheme

Doch zurück zur Villinger Tracht. „Wie mach ich‘s rächt?“ heißt eine Broschüre der Zunft, die aufzeigt, wie sich eine Alt-Villingerin zu kleiden hat. Claudia Raufer prangt auf der Titelseite. Innen erfährt man, dass die Trachtenträgerin nicht zu stark geschminkt sein sollte, dass nur Trachten-schuhe oder zarte Stiefeletten erlaubt sind und die Hände in weißen Handschuhen stecken. Claudia Raufer hat die Regeln verinnerlicht. Nur an der Fastnacht trägt die Alt-Villingerin, falls sie an der Seite eines Narros oder Surhebels einherschreitet, eine handgeschnitzte Halbscheme. „Die Anonymität der Herren muss gewahrt bleiben“, lautet nämlich die Vorschrift der Brauchtumsschützer.

Auch lange Haare haben auf der Schulter der Alt-Villingerin nichts zu suchen. Claudia Raufers Haar ist kurz. So eine Frisur trug seinerzeit keine Frau. Sie steckte ihr langes Haar zu einem Dutt zusammen, die prächtige Radhaube stützte sich darauf. Was also tun, damit die auch auf dem Bubikopf bleibt, wie es sein sollte? Beim alljährlichen Maschgere- und Mäschgerleabend gibt Claudia Raufer dazu profunde Tipps. Ein falscher Dutt, über der Stirn gehalten von einem breiten Gummiband, ist die Lösung, die von den neuen Hästrägerinnen gerne angenommen wird.

Eine gehäkelte Walz-Radhaube

Die 52-Jährige besitzt eine noch von Lina Walz gehäkelte Radhaube, die gut und gerne 40 Jahre alt ist. „Das Muster wurde nie weitergegeben, das ist also ein Unikat“, sagt sie nicht ohne Stolz. Der Haubenboden ist kunstvoll bestickt, die Schleife, die bis zur Taille reicht, blütenweiß. Claudia Raufer hat sich ihre Villinger Tracht mit viel Geduld ganz allmählich zusammengestellt. Den Granatschmuck hat sie seit ihrer Konfirmation nach und nach geschenkt bekommen oder bei Haushaltsauflösungen ersteigert.

„Ich wollte auf jeden Fall echten Schmuck“, sagt sie. In gleichem Maße legt sie Wert auf edle Materialien und näht auch selbst. „Ich bin in die Tracht hineingewachsen, ich lebe sie“, sagt die Mutter einer erwachsenen Tochter, die die Tradition ebenso zu schätzen weiß.

Eine Viertelstunde braucht Claudia Raufer, um für die Fotografin ihre wunderschöne Tracht mit den vielen Details anzulegen. Das zweiteilige Kleid ist schwarz mit weißen Spitzen am Hals und an den Ärmeln. Das dunkle Violett einer Aubergine stand Farbenpate für die Schürze und ist Grundlage für das in hellem Flieder geblümte Schultertuch. Claudia Raufer beweist damit Geschmack und zeigt außerdem, dass bei traditionellen Trachten auch Farbe im Spiel sein darf.

 

 

Jutta Grothaus – bis zu 900 Stunden für eine Villinger Radhaube

von Birgit Heinig

Wie viele Radhauben sie in 35 Jahren schon anfertigte, hat Jutta Grothaus nie gezählt. Für viele Trägerinnen der Alt-Villingerinnen-Tracht ist eine Kopfbedeckung aus der Grothaus-Werkstatt das Nonplusultra, schließlich hat sich die 67-Jährige intensiv mit der Entstehungsgeschichte der Radhaube beschäftigt und die Technik für die Hohlspitze wiederentdeckt.

Die prächtige Radhaube entwickelte sich im

18. Jahrhundert aus der einfachen „Judenkappe“ zu einem edlen Trachtenbestandteil der damals höher gestellten Gesellschaftsschicht. Als die Tracht aus der Biedermeierzeit ab 1840 allmählich von modischer Kleidung abgelöst wurde, fand sie vielerorts ihren Platz in der Fastnacht und lebt dort, wohl behütet von den Brauchtumspflegern, weiter. 1979 sah Jutta Grothaus zum ersten Mal eine Radhaube beim Umzug der Historischen Narrozunft an der Villinger Fasnet – und war sofort begeistert. Gerade war sie mit ihrem Mann aus Niedersachsen nach Erdmannsweiler gezogen, ihren norddeutschen Akzent erkennt man bis heute.

Manfred Merz überlässt Pfauenmuster

Es sollte indes noch einige Jahre dauern, bis Jutta Grothaus sich zum ersten Mal selbst an die Herstellung einer solchen Haube für ihre Tochter machte. Als Diplomingenieurin für Maschinenbau hatte sie den »technischen Blick« für die Konstruktion des umwobenen Metallgestelles. Als Tüftlerin, die viel nähte, strickte und häkelte, war es ihr ein Leichtes, mit Hilfe gekaufter Fertigspitze ihr erstes Exemplar zustande zu bringen.

Doch die Perfektionistin gab sich damit nicht zufrieden: Sie belegte einen Volkshochschulkurs im Klöppeln, eine Handarbeitstechnik zur Herstellung von filigranen Spitzen. 1994 war es, als sie sich, endgültig vom „Radhaubenfieber“ gepackt, im Museum alte Radhauben ansah und bemerkte, dass deren Spitze eine andere als ihre geklöppelte war – die Hohlspitze. Mit Hilfe ihrer damaligen Kursleiterin Anneliese Kirst – und auch des Villinger Schemenpapstes Manfred Merz, der ihr das bekannte „Pfauenmuster“ überließ – machte sie sich auf die Suche und fand die auch „Schlauch- oder Windungsspitze“ genannte Technik heraus.

 

 

Das bekannte Pfauenmuster der Villinger Radhaube in Gold als Hohlspitze.

1997 erstmals mit Hohlspitz-Radhaube als Alt-Villingerin unterwegs

Als sie 1997 selbst zum ersten Mal als Alt-Villingerin mit ihrer eigenen Hohlspitzen-Radhaube an der Fastnacht „auf der Gass‘“ war, fiel sie auf. Viele der älteren Damen riefen: „Das ist genau so eine Haube, wie wir sie früher hatten“. Und auch der als besonders kritisch bekannte Merz lobte die Norddeutsche mit den Worten: „Donnerwetter, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut“. Seither gibt sie selbst Kurse an der Volkshochschule – sowohl für Klöppeln als auch für Hohlspitze und fertigt Radhaube um Radhaube.

Das ist Fleißarbeit. Je nach Größe und Muster sitzt Jutta Grothaus zwischen 450 und 900 Stunden an einer Haube. Voraussetzung ist der zuvor entworfene „Brief“, das Muster, dass das Endprodukt aufweisen soll. Geklöppelte Spitze kostet nur halb so viel Zeit. Je feiner der Draht und je dichter gewickelt die einzelnen „Schnecken“ der Hohlspitze, umso zeitaufwändiger ist die Herstellung. Jutta Grothaus verwendet am liebsten ganz dünne, gerade einmal 0,2 Millimeter dicke „Gespinste“ sowie einen 0,6 mm breiten Flachdraht, den sogenannten „Plätt“. Immerhin könne sie beim Arbeiten – egal ob Hohl- oder Klöppelspitze – fernsehen, sagt sie lachend. Für Laien unvorstellbar, denn vor ihr liegt eine verwirrende Anzahl von kleinen Holzspindeln, jede gemäß dem darunterliegenden Brief einen Draht um Stecknadeln führend.

 

 

Oben: Schwarze Radhaube in Klöppelspitze. Unten: Silberne Radhaube in Klöppelspitze.

Von welcher Farbe das Material und schließlich die fertige Prachthaube ist, hängt vom Wunsch der Trägerin ab. Früher arbeitete man ausschließlich mit Messingdraht, der für manche den Nachteil hat, dass er von Jahr zu Jahr dunkler wird. „Gold konnten sich damals nur die Reichsten leisten“, sagt Jutta Grothaus und weiß aus der Geschichte, dass die Gold- und auch Silberfäden vor und nach der Verarbeitung abgewogen wurden, damit die Haubenmacherinnen im Akkord keine davon abzweigen konnten.

An der Fasnet hat sich Gold durchgesetzt

Die Farbe Gold – das Zeichen für einen hohen Feiertag – hat sich bei der Villinger Fasnet durchgesetzt. Zu sehen sind ab und zu aber auch schwarze Hauben. Auch davon

 

 

Goldene Radhaube ausgeführt in Klöppeltechnik.

hat Jutta Grothaus schon Exemplare angefertigt. Sie sind aus Cenillefäden gewoben. Über die Ursache der Farbe rätseln die Geschichtsschreiber. Einfach preiswerter? Eine Alltagshaube? Ein Zeichen für die Konfession oder den Familienstand? Oder einfach nur modisch?

Ob sie lieber eine geklöppelte oder eine Radhaube mit Hohlspitze und in welcher Farbe trägt? Diese Frage kann Jutta Grothaus nicht beantworten. Ihr sind sie alle lieb. Momentan hat sie sich auf eine silberne in Klöppeltechnik verlegt, „weil die am besten zu meiner Haarfarbe passt“, sagt die Künstlerin augenzwinkernd. Dass es auch in Villingen die silberne Variante gab, das weiß sie und plädiert – mit einem kleinen Seitenhieb auf die aus ihrer Sicht allzu Traditionsbezogenen – bei den Teilnehmerinnen in ihren Volkshochschulkursen und bei ihren Kundinnen für mehr Offenheit.

Die Nachfrage nach einer Radhaube aus dem Hause Grothaus hat auch im vierten Jahrzehnt ihres Wirkens nicht nachgelassen. In ihrem Atelier in Villingen fertigt sie derzeit alle zwei Jahre eine neue Haube an – die Interessentinnen sollten also entsprechende Wartezeiten einplanen. Dafür erhalten sie dann ein Unikat. „Jede bekommt ihr eigenes Muster“, verspricht Jutta Grothaus. Für eine Radhaube in Hohlspitz-Technik werden – Mindestlohn adieu! – rund 3.000 Euro fällig. Dafür hält man dann eine historisch schwerwiegende Kostbarkeit in Händen.

 

 

Ingeborg Jaag – die Alt-Villingerin als lebensechte Miniatur-Puppe

Puppenmacherin Ingeborg Jaag. Hier zeigt sie das „Skelett“ für eine ihrer Puppen – es könnte auch eine Alt-Villingerin werden.

von Birgit Heinig

Sie sind genau um zwei Drittel kleiner als ihre menschlichen Vorbilder: die Alt-Villingerinnen der Puppenmacherin Ingeborg Jaag. Manch eine der Trachtenpuppen steht in einem privaten Haushalt und trägt sogar die Gesichtszüge der Bewohnerin. Die meisten aber – rund 90 Exemplare – sind jedes Jahr Teil der großen und immer wieder neu kombinierten Fastnachtsausstellung im Villinger Franziskanermuseum. Seit 15 Jahren, immer ab dem 6. Januar, sind die kleinen Kostbarkeiten dort zu sehen, die in über 30 Jahren in Ingeborg Jaags Werkstatt entstanden: Narros und Surhebel, Morbili, Wueschte, der Butzesel mit seinen Treibern, ein Teil der Villinger Stadt- und Bürgerwehrmusik und Alt-Villingerinnen mit und ohne Kinderchaise und Scheme – man kann sich kaum sattsehen. Die Künstlerin ist bekannt und wird geschätzt für ihre Liebe zum Detail, freilich immer historisch korrekt. In den 40 Jahren, in denen die heute 77-Jährige in Villingen lebt und sich in die Figuren der Villinger Fasnet verliebte, ohne jemals selbst in ein Häs geschlüpft zu sein, studierte sie jede Einzelheit der Villinger Frauentracht – von der aufwändig gefertigten Radhaube zuoberst bis hinab zu den Riemchenschuhen oder alternativ den schmalen Stiefeletten. Sie holte sich ihre Informationen bei Kennerinnen der Villinger Fasnet und wurde darüber selbst zur Expertin. Sie besorgte sich Originalmodelle des Kleides, des Unterrocks, der Schürze, des Wiener Schals, der Strümpfe und Schuhe und probierte so lange, bis die Ergebnisse ihren eigenen hohen Ansprüchen genügten.

Für eine Alt-Villingerin fallen über 120 Stunden an Arbeit an

Probleme gab es dabei genug zu lösen. Der mit einer Besenlitze endende Rock aus schwarzem Wollstoff stand zunächst zu sehr ab, wurde immer wieder genäht, aufgetrennt und neu

Blick in die Gruppe der Alt-Villingerinnen bei der Fastnachtsausstellung im Franziskanermuseum. Foto rechts: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

genäht, bis Ingeborg Jaag zufrieden war mit der Silhouette. Bis das Oberteil en miniature passte, verbrauchte sie zahlreiche 30-Zentimeter-Stoffstücke und viele Stunden, um die winzigen Ärmel eingenäht zu bekommen und das Schößchen, der „Schnäpp“, saß. Für die Herstellung originalgetreuer Radhauben absolvierte sie sogar einen Kurs, um die Technik der anspruchsvollen Hohlspitze zu erlernen.

Ein Puppenexemplar der Alt-Villingerin bedeutet für Ingeborg Jaag mindestens 120 Stunden Handarbeit. Gesichter modelliert sie nämlich selbst, einige sogar nach der Vorlage lebender Personen. Schon für ihre Abschlussprüfung als Erzieherin hatte sie Köpfe für Kasperlepuppen modelliert. Mit dieser Erfahrung und nach vielen Versuchen wirkten ihre Puppen schließlich so lebendig, „dass ich mich scheute, in sie eine Nadel zu stecken“. Als Begleiterin des Narros hat die Alt-Villingerin eine Scheme zu tragen, damit die Anonymität des Paares gewahrt bleibt. Die Jaag‘schen Schemen

erhielten die Zustimmung des verstorbenen „Schemenpapstes“ Manfred Merz, eine Bestätigung für beste Arbeit.

Die Skelette für ihre Puppen fertigt ihr Mann Herbert, ein ehemaliger Werkzeugmacher und Ingenieur, aus Vierkantholz, die Arme entstehen aus Sisalschnur mit Drahtkern und sind somit beweglich. Über das schwarze – manchmal auch nachtblaue – Kleid der MiniAlt-Villingerin kommt eine Schürze. Ingeborg Jaag liebt die Stoffe dafür, die ihren Glanz durch zwei oder mehr unterschiedlich farbige, miteinander verwobene Fäden erhalten.

Knifflige Falt- und Fixierarbeiten

Der Figur liegt ein seidenes Tuch um die Schultern, wie man es früher im Sommer trug. Oder ein wärmerer Wienerschal, wie er aufgrund der Temperaturen in der Regel an der Fastnacht zum Einsatz kommt.

Ingeborg Jaag bei der Zusammenstellung einer lebensechten Fastnachtsgruppe. Die Alt-Villingerin-nen samt Kinder tragen meist die Gesichtszüge einer wirklichen Villingerin. Viel Liebe steckt auch in den Details der Miniatur-Kostüme.

Alle Fotos: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

Ihn richtig zu falten und zu fixieren ist schon für die menschliche Trägerin knifflig: „Zum Dreieck gelegt, 16 cm nach vorne, 8 cm nach hinten und 4 cm wieder nach vorne umschlagen“ heißt es diesbezüglich in der Broschüre der Historischen Narrozunft mit dem Titel „Wie mach ich‘s rächt?“ Ingeborg Jaag rechnet freilich maßstabsgetreu um. Bei der Fixierung des Schals hat sie es dagegen etwas einfacher: statt einer verdeckten Sicherheitsnadel ist es bei ihr »halt ein Stich«.

Die Radhauben der Alt-Villingerin fertigt Ingeborg Jaag ebenso in Handarbeit wie die „Krättle“, die Korbtaschen (oben). Auch die Lederhandgriffe und der Inhalt sind originalgetreu „en Miniatur“ ausgeführt.

Immer kleiner werden jetzt die Accessoires der Puppen-Alt-Villingerin. Dennoch ist alles perfekt – auch unter dem Rock. Besonders stolz ist Ingeborg Jaag auf handgeklöppelte, feine Wäschespitze, die den weißen Unterrock abschließt. Großen Wert legt die Puppenmacherin auf die ebenfalls vorbildgetreu geformten schwarzen Wäschespitzen. „Meine Lieblingsobjekte“, sagt sie. Den Granatschmuck, der Villinger Tracht lötet Ingeborg Jaag aus originalgroßen Teilen auf Mini-Größe zusammen.

Die Korbtasche, das „Krättle“, flicht sie selbst aus Material für Stuhlgeflecht. Unglaublich, aber die wenige Zentimeter großen Behältnisse sind sogar mit Ledergriffen ausgestattet und lassen sich teilweise sogar öffnen. Darin befindet sich, man staune, ein pinkfarbenes „Mon Chérie“ – natürlich in Drittelgröße.

In jede einzelne Puppe investierte Ingeborg Jaag viele Stunden Handarbeit. Weitere fertigt sie inzwischen nicht mehr an, weil das Einfädeln eines Garnfadens in eine Nähnadel im Alter nicht mehr ganz so einfach ist. Alt-Villingerinnen sind und waren – neben der Wueschte – immer ihre Lieblingsfiguren.

Links und rechte Seite: Impressionen aus dem Fastnachtsumzug von Ingeborg Jaag. Den Narro rechts begleitet die Alt-Villingerin mit Maske, damit auch sie keine Hinweise auf den Schementräger gibt.

Alle Fotos: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

EGT-Triberg – Nicht die Größe allein entscheidet über den Markterfolg

von Bernward Janzing

Vor über 120 Jahren in Triberg im Schwarzwald dank des Vorhandenseins von Wasserkraft – der Triberger Wasserfälle – gegründet, ist die EGT durch die „Energie der Veränderung“ geprägt, so der aktuelle Slogan der Unternehmensgruppe. Drei hundertprozentige Tochterfirmen der EGT AG bilden das Kerngeschäft des

Unternehmens. Heute sind rund 230 Mitarbeiter in den Geschäftsbereichen Energieservice, Netzbetrieb sowie Elektro- und Informationstechnische Gebäudeausrüstung tätig. Die Unternehmensgruppe mit ihren Töchtern und Beteiligungsgesellschaften erzielte im Jahr 2018 Umsatzerlöse in Höhe von rund 100 Millionen Euro. Ende 2018 kam im Rahmen eines von Rudolf Kastner initiierten Projektes zur Erweiterung des Aktionärskreises die Alb-Elektrizitätswerk Geislingen-Steige eG als strategischer Partner zur EGT hinzu. Private und kommunale Aktionäre sowie das AlbWerk halten seither jeweils ein Drittel der Anteile an der EGT AG. Der nachstehende Beitrag gibt Einblick, wie sich die EGT vor allem während der Ära Rudolf Kastner wandelte
– einerseits durch die Politik, die den Strommarkt öffnete und die Energiewende startete, andererseits aber auch durch den Weitblick des Firmenchefs. Nach 26 Jahren wechselte Rudolf Kastner in den Aufsichtsrat, übernahm dort den Vorsitz. Jens Buchholz, seit 2011 Finanzvorstand der EGT AG, obliegt nun als Alleinvorstand der EGT AG gemeinsam mit den Geschäftsführungskollegen der Tochtergesellschaften die Führung der Unternehmensgruppe.

Triberg und die EGT haben – auch über die Re-tung komplett auf Strom umgestellt. Im Mai gion hinaus – Wirtschaftsgeschichte geschrie-1896 gründet sich dann die EGT-Triberg (siehe ben. Begünstigt durch die örtliche Wasserkraft Infoblock S. 113). hatte Triberg bereits im Jahr 1884 als eine der In den vergangenen zwei Jahrzehnten indes ersten Städte Deutschlands die Straßenbeleuch-hat sich das Unternehmen stärker gewandelt

 

 

als je zuvor in der Firmengeschichte – denn die Zeiten haben sich geändert. Auf der Grundlage von EU-Richtlinien wurde in Deutschland 1998 der Strommarkt und 2004 der Gasmarkt liberalisiert. Die Kunden konnten nun Strom und Gas beim Anbieter ihrer Wahl beziehen.

EGT profitiert vom neuen Wettbewerb

Nur die großen Unternehmen werden überleben, Zusammenschlüsse werden nötig – so glaubte man in den Zeiten des Umbruchs. Viele Stadtwerke holten sich deswegen Partner ins Boot, am liebsten einen der großen Konzerne, von denen einige ihrerseits fusionierten und bald als EnBW, RWE, Eon und Vattenfall firmierten. Für die kommunalen Unternehmen sahen viele Beobachter schwarz, und so forderte der Deutsche Städtetag im Jahr nach der Marktöffnung die Bundesregierung auf, „das Sterben der Stadtwerke zu stoppen“.

Zwei Jahrzehnte später weiß man: Das Sterben der kommunalen Stromversorger ist

Der Slogan „Energie der Veränderung“ brachte auch eine neue Kuckucksuhr hervor: Das futuristische Design visualisiert, dass die EGT Triberg für die Energieversorgung der Zukunft bestens gerüstet ist.

ausgeblieben. Auch die EGT in Triberg bewältigte als einer der kleinen Versorger im Land die Marktöffnung gut. Und dies sogar während sie unabhängig blieb von den Stromkonzernen. Trotz ihrer überschaubaren Größe profitierte die EGT vielmehr vom neu geschaffenen Wettbewerb, denn sie konnte fortan auch außerhalb ihres angestammten Netzgebietes expandieren.

Rudolf Kastner (links) führte das Unternehmen seit 1993, formte die „neue EGT“. Seit seiner Verabschiedung in den Ruhestand im Sommer 2019 wirkt er als Vorsitzender des Aufsichtsrates. Für die EGT AG zeichnet nun der bisherige Finanzvorstand-Vorstand Jens Buchholz verantwortlich (rechts).

 

 

Rudolf Kastner, der das Unternehmen seit 1993 führte, versichert im Rückblick auf die turbulente Zeit am Ende der Neunzigerjahre: „Ich hatte keine Bedenken um die EGT, als die Marktliberalisierung kam.“ Was er auch dadurch zum Ausdruck brachte, dass er nur kurz nach der Marktöffnung persönlich jene Geschäftsanteile der EGT übernahm, die die Gründerfamilie Linde zum Kauf anbot.

Im Sommer 2019 übergab der 67-Jährige nach 25-jähriger Tätigkeit an der Unternehmenspitze die Leitung an Finanzvorstand Jens Buchholz und die Geschäftsführer der Tochtergesellschaften. Zugleich wechselte er in den Aufsichtsrat der EGT. Zu seinem Abschied aus der Geschäftsführung attestierten ihm Branchenexperten, er sei ein Visionär, Stratege und brillanter Denker – und ein „EGT-Urgestein“. Stefan Kapferer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Energie und Wasserwirtschaft (BDEW) formulierte: „Er ist nicht nur Energieunternehmer, sondern auch Energiepolitiker – das meine ich im positiven Sinne.“

Dr. Hans Freiherr von Schoen, dessen Vorfahren die Gründung der EGT maßgeblich zu verdanken ist, beschrieb bei der Verabschiedung die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen als eine der wichtigsten Eigenschaften des Menschen – Rudolf Kastner besitze sie.

Seine Karriere hatte der gebürtige Oberbayer Rudolf Kastner nach einem Studium der Elektrotechnik an der Technischen Universität München im Jahr 1977 beim Siemens-Konzern begonnen. Dort war er für Schaltanlagen und Großkraftwerke unter anderem im Nahen Osten, Südamerika und Süd-Ost-Asien zuständig.

Danach wechselte Rudolf Kastner zum Schweizer Energie- und Industriekonzern Elektrowatt AG. Dort war er in den zehn Jahren seiner Tätigkeit zuletzt Mitglied der Geschäftsleitung verschiedener Konzerngesellschaften im Bereich der Energiewirtschaft, so stellvertretender Vorstand beim Kraftwerk Laufenburg. Von 1993 bis 2019 führte Rudolf Kastner die EGT Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Triberg, deren Aufsichtsratsvorsitzender er heute ist.

Auch in Branchenverbänden engagierte sich Rudolf Kastner: Er war Präsident des Verbandes der Energie- und Wasserwirtschaft Baden-Württemberg (VfEW) in Stuttgart und gehörte zum Vorstand des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin. Neu ist seine Berufung in die TOP JOB Jury. Mit dem TOP JOB-Siegel werden Unternehmen mit herausragenden Arbeitgeberqualitäten gekürt. Die Siegelvergabe basiert auf umfangreichen Mitarbeiterbefragungen zur Unternehmenskultur, die von der Universität St. Gallen durchgeführt und ausgewertet werden.

Leistungsstarkes Projektmanagement

Neben dem Kraftakt, die EGT aus Monopolstrukturen zu einem wettbewerbsfähigen Energiedienstleistungsunternehmen zu entwickeln, standen weitere Umbauten im Unternehmen an. Zum Beispiel konnte sich die EGT als einer

Verabschiedung aus dem Vorstand im Sommer 2019: Rudolf Kastner (Mitte) führte das Unternehmen seit 1993, formte die „neue EGT“. Jetzt wirkt er als einer der Gesellschafter der EGT AG als Vorsitzender des Aufsichtsrates. Das Foto zeigt ihn zusammen mit Dr. Hans Freiherr von Schoen (rechts) und Stefan von Schoen (links), deren Familie die Entstehung der EGT-Triberg zu verdanken ist und die bis heute zu den Gesellschaftern des Unternehmens zählt.

 

 

Die EGT-Zentrale in Triberg.

Ein Streiflicht auf die Geschichte der EGT

DAS MAGISCH-HELLE ELEKTRISCHE LICHT, das in den 1880er-Jahren die Eisengießerei Siedle in Triberg erleuchtet, weckt in den Tribergern den Wunsch nach einer elektrischen Straßenbeleuchtung. 1884 geht diese unter städtischer Regie in Betrieb – als eine der ersten in Deutschland überhaupt und die erste in öffentlicher Hand.

FRIEDRICH WILHELM VON SCHOEN, ein Freund von Richard Wagner und Kunstmäzen, sein Bruder, der Diplomat Wilhelm Eduard Freiherr von Schoen, Friedrich Kranich sowie Carl von Linde – Ingenieur, Erfinder und Kopf der Linde AG, gründen im Jahr 1896 gemeinsam mit der Firma Meißner & Co. die Elektrizitäts-Gesellschaft Triberg. Erster Aufsichtsratsvorsitzender wird Friedrich Wilhelm von Schoen.

MIT DER KRAFT DES TRIBERGER WASSERFALLES

erzeugt die EGT im Oberen und Unteren Werk selbst elektrischen Strom, doch reicht dieser zur Versorgung des Absatzgebietes nicht aus: Der Bedarf explodiert geradezu. Als auch zusätzlich in Betrieb genommene Dampfmaschinen und große Dieselanlagen zur Sicherung des Bedarfs nicht mehr genügen, schließt sich die EGT im Jahr 1913 an das Versorgungsnetz des Kraftwerks Laufenburg an.

STÄNDIGE INVESTITIONEN IN DAS STROMNETZ

und die Krisenjahre im Gefolge des Ersten Weltkrieges veranlassen die Gründer, den Schulterschluss mit den Gemeinden in ihrem Versorgungsgebiet zu suchen: Neben Triberg werden auch Hornberg, Furtwangen, Schonach und St. Georgen mit Strom versorgt. Und 1922 beteiligen sich diese Kommunen mit insgesamt 50 Prozent am Stammkapital der EGT, die zweite Hälfte verbleibt in den Händen der Gründerfamilien.

Ende 2018 erweiterte die EGT den Aktionärskreis mit dem AlbWerk als strategischen Partner. Diese Transaktion wurde von Rudolf Kastner initiiert und umgesetzt. Private und kommunale Aktionäre sowie das AlbWerk halten seither jeweils ein Drittel der Anteile an der EGT.

 

 

Beim Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums in Villingen-Schwenningen, war die EGT Gebäudetechnik GmbH für die gesamte Stark- und Schwach-strominstallation sowie die Beleuchtung der OP-Bereiche verantwortlich.

der ganz wenigen Stromversorger in Deutschland über all die Jahre hinweg ein eigenes Elektroinstallationsunternehmen erhalten. Dieses allerdings sei bei seinem Amtsantritt „noch sehr handwerklich geprägt“ gewesen, erinnert sich der langjährige Firmenchef.

Diesen damaligen „Handwerksbetrieb“ baute Rudolf Kastner fortan zu einem leistungsstarken Projektmanagementunternehmen um. Er gründete die EGT Gebäudetechnik GmbH, die heute zu den führenden Unternehmen im Bereich Stark- und Schwachstrominstallationen zählt und deutschlandweit in der elektro- sowie informationstechnischen Gebäudeausrüstung tätig ist. Die Gebäudetechnik GmbH ist sowohl für Industrie- und Gewerbebetriebe als auch öffentliche Einrichtungen sowie Privatkunden im eigenen Stammgebiet tätig.

Bald rüsteten die Elektroinstallateure der EGT große, komplexe Bauvorhaben im deutschen Südwesten mit der nötigen Elektro- und Informationstechnik aus. Zum Tätigkeitsfeld gehören Lichtinstallationen, Steuerungen für das „intelligente Haus“, Brandmeldeanlagen, Daten- und Sicherheitstechnik sowie

Photovoltaik-Anlagen. Die

EGT Gebäudetechnik GmbH hat sich so zu einem der wichtigsten Standbeine der Unternehmensgruppe entwickelt und trägt zwischenzeitlich mehr als die Hälfte zum operativen Ergebnis der EGT bei. Oft hat sie in den vergangenen Jahren die gesteckten Ziele deutlich übertroffen.

Schwarzwald-Baar Klinikum gehört zu den Referenzprojekten

Zu den Referenzprojekten gehört beispielsweise der Neubau des Schwarzwald-Baar Klinikums in Villingen-Schwenningen, bei dem das Unternehmen für die gesamten Stark- und Schwachstrominstallation und die Beleuchtung der OP-Bereiche verantwortlich war. Auch im

Badeparadies Schwarzwald

in Titisee war die EGT enga

giert, indem sie Nieder- und

Mittelspannungsanlagen,

sowie Sicherheitstechnik in

stallierte, etwa Brandmelde-

und Alarmanlagen.

Dass die EGT aktuell auch ihren eigenen Neubau in St. Georgen zu einem Schaufenster der modernen Gebäudetechnik macht, ist da nur selbstverständlich. In dem dreigeschossigen, ovalförmigen Bau an der Bundesstraße wird künftig

Zukunftsweisend in Sachen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit ist der Neubau der EGT Gebäudetechnik und von aquavilla in St. Georgen. Das High-tech-Gebäude wird nahezu vollständig mit Holz realisiert.

 

 

Vielfältiges Engagement für die Region

„Wir fühlen uns der Region und den Menschen, die hier wohnen, besonders verbunden. Deshalb setzen wir uns seit jeher für soziale sowie kulturelle Belange und ebenso die Unterstützung zahlreicher Sportvereine und Spitzensportler wie Aline Rotter-Focken ein“, so Rudolf Kastner, Aufsichtsratsvorsitzender der EGT AG und Vorstand Jens Buchholz.

Aline Rotter-Focken gilt als Deutschlands erfolgreichste Ringerin, wurde 2014 Weltmeisterin in der Gewichtsklasse bis 69 kg Körpergewicht, holte sich 2015 und erneut 2019 WM-Bronze und 2017 WM-Silber. „Sport ist pure Energie, also unser Spezialgebiet“ meint Jens Buchholz, Vorstand der EGT AG mit einem Augenzwinkern. „Wir freuen uns über die Bestleistungen von Aline und begleiten sie begeistert auf ihrem Weg zur Olympiade in Tokio.“

Bereits seit 2004 ist die EGT Sponsor des traditionsreichen Schwarzwaldpokals der Nordischen Kombinierer in Schonach. Für etwa ein Jahrzehnt förderte die EGT als Hauptsponsor den Bike-Marathon – seit 2011 tritt sie als Nebensponsor auf und freut sich über einen eigenen Cup, den EGT-Cross-Country Jugend Cup.

Für ihr Engagement wurde die Unternehmensgruppe bereits als „Partnerbetrieb des Spitzensports“ ausgezeichnet. Die so ausge

die EGT Gebäudetechnik zusammen mit der aquavillla untergebracht sein. Das Gebäude wird nahezu vollständig, inklusive Treppenhaus und Aufzugsschacht, in Massiv-Brettschichtholz-Technik ausgeführt. Auch in der Fassade ist der Baustoff Holz erlebbar. Im Inneren steckt Hightech zum Anfassen.

Der erste Spatenstich erfolgte im Februar 2018, im Juni 2019 war Richtfest. „Neben der sehr auffälligen Optik ist vor allem die Energiebilanz mit einem sehr hohen Grad an Energieeffizienz und Eigenversorgung auf regenerativer Basis herausragend“, betont das Unternehmen. Dies sei „passend zur neuen strategischen Aus-zeichneten Unternehmen stellen Ausbildungsplätze zur Verfügung, die Spitzensportlern die Möglichkeit geben, ihre Ausbildung mit den internationalen Trainings- und Wettkampfverpflichtungen zu vereinbaren.

Rudolf Kastner und Jens Buchholz von der EGT mit der Ringerin Aline Rotter-Focken.

Weiter fördert die EGT u.a. Bildungspartnerschaften mit Schulen. Vorstand Jens Buchholz: „Wir unterstützen mit der EGT Regio-Prämie bürgernahe Projekte, fördern Vereine, gemeinnützige Organisationen und regionale Veranstaltungen. Des Weiteren setzen wir uns seit vielen Jahren für die Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe und damit für krebs- und herzkranke Kinder und Jugendliche ein.“

richtung der EGT.“ Fünf Millionen Euro investiert die EGT in das „Vorzeigeobjekt hinsichtlich Energieeffizienz und Nachhaltigkeit“.

Richtungsweisende Entscheidungen – Einstieg in die Gasversorgung

Längst profitiert das Unternehmen von frühzeitigen und richtungsweisenden Entscheidungen. Speziell jener aus den Achtzigerjahren, ein Gasnetz in den Gemeinden aufzubauen, die zugleich Gesellschafter der EGT sind. Seit 1983 hat die EGT Energie GmbH ihr Gasversorgungsnetz im westlichen Schwarzwald-Baar-Kreis, im Or-

 

 

tenaukreis und im Landkreis Rottweil stetig erweitert. Für über 6.000 Hausanschlüsse wurden mehr als 390 Kilometer Rohrleitungen verlegt und instand gehalten.

Seit 2009 unterstützt die EGT Energie GmbH zudem die Elektrizitätswerke Schönau (EWS) im Rahmen einer Kooperation und übernimmt dabei die technische Leitung der Gasversorgungsnetze Wembach und Schönau im Südschwarzwald.

Der damalige Geschäftsführer Michael Weinmann hatte zudem das Mittelspannungsnetz, das zuvor in vielfältige Zweige unterschiedlicher Spannung zersplittert war, auf die zwischenzeitlich gängige Spannungsebene von 20 Kilovolt vereinheitlicht. Das sparte Kosten, weil Sonderanfertigungen von Transformatoren für 15 oder 5 Kilovolt stets teuer waren.

Als dann kurz vor der Jahrtausendwende der Markt auf die Branche hereinbrach, hatte das Unternehmen gute Startbedingungen. Und weil die EGT mit ihrem eigenen Installationsbetrieb – anders als viele andere Versorger

– auch einen marktwirtschaftlichen Zweig stets in der Gruppe hatte, bewältigte sie den Kulturwandel in der Branche gut.

Der große Erfolg des Stromvertriebs wurde dem Unternehmen später allerdings fast zum Verhängnis. Es war die einzige große Krise, die die EGT in den letzten zwei Jahrzehnten durchzustehen hatte – nämlich jene der Jahre 2008 und 2009, die dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers folgte.

Mit der EGT Gebäudetechnik GmbH zählt die EGT zu den führenden Unternehmen im Bereich der Stark- und Schwachstrominstallationen.

 

 

Die durch die amerikanische Schuldenwirtschaft ausgelöste Finanzkrise hatte schnell viele deutsche Unternehmen der Realwirtschaft erfasst. Besonders die Automotive-Branche geriet in zwar nur kurze, aber umso heftigere Turbulenzen. Und da im Schwarzwald viele Automobil-Zulieferer ansässig sind, traf die Entwicklung die EGT, die entsprechende Strommengen vorab eingekauft hatte, und nun auf diesen sitzen blieb. Aber nicht nur in der Region, auch deutschlandweit war das Unternehmen im Vertrieb zuvor enorm erfolgreich gewesen: „Wir standen zeitweise auf Platz zehn der größten Stromvertriebe in Deutschland“, unterstreicht Rudolf Kastner.

Das erwies sich dann als gefährliches Klumpenrisiko, als die Stromabnahme einbrach. Besonders fatal: Auch andere Stromhändler und -lieferanten hatten das gleiche Problem, so dass zugleich die Preise am Strommarkt kollabierten. Kilowattstunden, die die EGT und andere Stromlieferanten frühzeitig für das Jahr 2009 eingekauft hatten, verloren rapide an Wert. Nur mit massiven Verlusten ließen sich die nicht benötigten Kontingente wieder verkaufen.

Heute, so ist Rudolf Kastner überzeugt, seien solche Turbulenzen bei der EGT ausgeschlossen. Zum einen befinden sich im Portfolio der EGT im Vergleich zum Zeitraum der Wirtschaftskrise mehrheitlich kleinere und mittlere Gewerbe-

Die Geschäftsbereiche der EGT sind vielgestaltig, gesamtheitlich hat sich die Gruppe in den drei Bereichen Energieservice, Energienetze und Elektro- und Informationstechnische Gebäudeausrüstung etabliert.

und Industriekunden aus allen Branchen, zum anderen verkauft die EGT Kunden mit größeren Energiebezugsmengen heute keinen Strom mehr zu Festpreisen. Die Preise orientieren sich zwischenzeitlich stets am Spotmarkt und sind somit variabel. Als Lieferant sei man damit von den Preisrisiken nahezu entkoppelt.

Mit diesem Prinzip war die EGT auch Vorreiter bei der Belieferung von kleineren und mittleren Unternehmen, so Rudolf Kastner. Das Geschäftsrisiko mehrjähriger Lieferverträge für größere Energiemengen zum Festpreis, das die EGT durch die Auswirkungen der Wirtschaftskrise in höchste Bedrängnis brachte, wurde so nachhaltig auf ein absolutes Minimum reduziert.

Gründung der aquavilla GmbH

Schon Jahre zuvor hatte die EGT sich auch auf neue Geschäftsfelder gewagt. Etwa, als die Konzerntochter EGT Energie GmbH zum Jahresbeginn 2003 zusammen mit den Kommunen Furtwangen, Königsfeld, Triberg und Vöhrenbach die aquavilla GmbH gründete. Inzwischen gehören

 

 

Die Sicherung der Trinkwasserversorgung ist komplex, hier ein Pumpwerk in Furtwangen. Im westlichen Schwarzwald-Baar-Kreis haben die Gemeinden diese Aufgabe an die aquavilla der EGT delegiert.

auch die Gemeinden Schönwald, Schonach und St. Georgen zu den Gesellschaftern.

Das Unternehmen betreibt die Wasserversorgung der sieben beteiligten Kommunen in technischer Hinsicht und ist damit für etwa

45.000 Einwohner in einem Gebiet von fast 390 Quadratkilometern verantwortlich. Die aquavilla betreut 45 Hochbehälter mit über 84 Wasserkammern und ca. 20.354 m³ Speichervolumen. Weiter u. a. 11.400 Hausanschlüsse und Wasserzähler, 205 Quellen sowie 19 Wasseraufbereitungsanlagen/Wasserwerke. Zudem berät die Firma auch Eigenversorger mit kleinen Wasserversorgungsanlagen, zum Beispiel bei der Umsetzung der neuen Trinkwasserverordnung. Das Dienstleistungsangebot ist sehr vielfältig und reicht vom Rohrleitungsbau bis hin zur Entnahme von Wasserproben.

Tankstellen für die neue Mobilität

Darüberhinaus engagiert sich die EGT auch in der Elektro- und Erdgas-Mobilität. Die erste öffentliche EGT-Elektro-Ladesäule wurde am

6. September 2016 im Parkhaus Triberg eingeweiht. Mittlerweile hat die EGT ihr Ziel erreicht, in jeder Gemeinde des Netzgebietes mindestens eine Elektro-Tankstelle zu installieren.

Die EGT betreibt weiter eine Erdgastankstelle in Triberg, versorgt mit 100 % Bioerdgas.

Beteiligung an der Oxygen Technologies GmbH

Und weil sich die deutsche Stromwirtschaft mit dem Wachstum der erneuerbaren Energien, dem Atomausstieg und dem Rückgang der Kohleverstromung in den kommenden Jahren weiterhin massiv verändern wird, suchte die EGT auch nach einem neuen Partner aus der neuen Energiewelt. Im April 2018 konnten die Triberger eine zukunftsweisende Akquisition bekanntgeben: Sie beteiligte sich an dem Freiburger Start-up Oxygen Technologies GmbH.

Das Unternehmen ist eine Ausgründung des Fraunhofer ISE und der Universität Freiburg. Sein Geschäftsmodell zielt darauf, die Chancen der Digitalisierung für die Bürgerenergiewende zu nutzen. Oxygen bietet sowohl für die Eigenverbrauchsoptimierung als auch für die komplexen energiewirtschaftlichen und technischen

 

 

Prozesse bei der Vermarktung
Intelligente Stromzähler ermögvon Strom aus dezentralen lichen es, kontinuierlich die Ver-Kleinanlagen eine Steuerungs-brauchsdaten an die EGT zu übertragen.

software und digitale Handelsplattformen an.

Attraktiv wird ein solches Konzept, weil inzwischen mehr ben und andererseits Akteure als 40 Prozent der installierten der Energieversorgung zu sein. Leistung zur Stromerzeugung Die Unternehmen sprechen von aus regenerativen Erzeugungs-einem „Peer-to-Peer-Handel“, anlagen im Besitz von Privat-der sich dadurch auszeichnet,

personen und Landwirten kommen. Mehr als eineinhalb Millionen kleine Bürgerkraftwerke produzieren Ökostrom und speisen diesen ins Netz ein. Die Zeiten, da es nur wenige große Stromerzeuger in Deutschland gab, sind endgültig vorbei. Der neue Akteur der Branche ist der „Prosumer“, der gleichermaßen, das heißt im stetigen Wechsel, Produzent und Konsument von Strom ist.

Bislang noch wird der Strom aus den vielen Privatanlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vergütet. Doch das wird zum Teil nicht mehr lange so bleiben. Ab Anfang 2021 fallen nach 20 Jahren die ersten Anlagen aus der EEG-Förderung und jedes Jahr kommen weitere hinzu. Das hat zur Folge, dass in zunehmendem Maße auch Kleinanlagenbesitzer ihren Strom selbst vermarkten oder speichern und verbrauchen müssen. Die dafür nötigen Strukturen sollen nun von der EGT gemeinsam mit Oxygen entwickelt werden.

Damit soll es für die Kunden möglich werden, einerseits ihre Erzeugungsanlagen auch nach Auslaufen der Förderung durch das EEG sinnvoll weiter zu betrei-

Die EGT bietet die einzige Bio-Erdgas-Tankstelle im Raum

Triberg an.

dass die Handelspartner gleichberechtigt in einem dezentralen Netzwerk agieren ohne zentrale Vermittlungsinstanz wie etwa eine Börse.

Neue Chancen schaffen

Bei der EGT ist man davon überzeugt, dass die drei Phänomene „Dezentralisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung“ die Zukunft der Branche prägen werden. Und so will das Unternehmen für die Kunden „ein Realisierungspartner für CO₂-arme Energieversorgungskonzepte für Strom, Wärme und Kälte mit maximalem Autarkiegrad“ sein. Es gelte, „aus den vermeintlichen Bedrohungen der alten Energiewirtschaft neue Chancen zu schaffen.“ So klingt ein Optimismus durch, der in Zeiten der Energiewende nicht selbstverständlich ist. Diese Offenheit für neue Entwicklungen spiegelt übrigens auch der Firmenslogan der EGT wider: „Energie der Veränderung“.

 

 

Mit einem Verschleißring fing alles an

Die Firma Granacher Präzisionstechnik aus St. Georgen ist einer von 400 zertifizierten Zulieferern für die Luft- und Raumfahrtindustrie weltweit. Den Weg dazu ebnete Firmengründer Ewald Granacher vor mehr als 50 Jahren.

von Roland Sprich

120 Wirtschaft

Qualität und Liefertreue haben bei der Firma Granacher Präzisionstechnik aus St. Georgen eine besondere Bedeutung. Seit mehr als 50 Jahren produziert das Unternehmen ein Bauteil, das Firmengrün der Ewald Granacher einst zum großen Durchbruch verholfen hat: Ein Verschleiß ring, unscheinbar in der Optik, hochpräzise gefertigt und für die Funktion von Hydrau liksystemen unverzichtbar. Mit den Ringen werden beispielsweise in Flugzeugen die Landeklappen, das Höhen- und Seiten ruder, die Treibstoffpumpen und das Fahr werk gesteuert. Die „Manufaktur mit Seri enfertigung“, so Granacher über Granacher, fertigt nach DIN 9100 sowie DIN 9001. Das Unternehmen ist Lieferant der Luft-, Raumfahrt- und Medizintechnik sowie des Rennsports.

 

 

Ewald Granacher, Unternehmensgründer

Wann immer ein Verkehrsflugzeug am Himmel zu sehen ist, der Rettungshubschrauber zum nächsten Einsatz fliegt oder Rennwagen mit 300 Stundenkilometern um den Sieg fahren, kann man davon ausgehen, dass Bauteile von Granacher Präzisionstechnik mit dabei sind. „Von unseren Produkten hängen Menschenleben ab“, bringt es Stefan Granacher auf den Punkt. Der Sohn des Unternehmensgründers ist gemeinsam mit seiner Frau Silke heutiger Geschäftsführer. Er legt diesen Satz jedem Mitarbeiter ans Herz, damit diese sich wiederum ihrer Verantwortung bei der Herstellung der hochpräzisen Komponenten bewusst sind. Denn das Unternehmen stellt etliche Komponenten her, die in der Luft- und Raumfahrttechnik ebenso benötigt werden wie im Automobilrennsport. Fehler können hier besonders schwerwiegende Folgen haben. Deshalb ist es für Stefan Granacher wichtig, dass die Mitarbeiter zum Unternehmen passen. Neben dem handwerklichen Know-how müssen sie das entsprechende Feuer und vor allem auch Leidenschaft mitbringen. „Ich brauche Mitarbeiter, die brennen, die ebenso zur Luftfahrtfamilie gehören wollen wie ich selbst.“

Bis die Granacher Präzisionstechnik dort ankam, wo sie heute steht, war es ein langer und ehrgeiziger Weg. Alles begann in einer Garage:

Ewald Granacher war Bohrwerksdreher bei der St.Georgener Firma Heinemann, einem einst weltweit bedeutenden

Hersteller von Spezialdreh- und Fräsmaschinen. Er machte sich 1968 mit der Herstellung von elektromechanischen Bauteilen

für die heimische Feinwerktechnik- und Uhrenin

dustrie in der Garage seines Wohnhauses mit seiner Frau Rosemarie in St. Georgen selbstständig.

Schwarzwälder Tüftlergeist

Der hohe Qualitätsstandard, den Ewald Granacher lieferte, sprach sich herum. Die Aufträge wurden mehr, und eines Tages wurde ein bedeutendes Luftfahrtunternehmen auf den kleinen Betrieb im Schwarzwald aufmerksam. Ewald Granacher wurde damit beauftragt, einen Verschleißring für Hydraulikpumpen von hoher Präzision und vor allem gleichbleibender Qualität herzustellen. Andere, größere Betriebe scheiterten an der Aufgabe. Ewald Granacher bekam das mit seinem Fachwissen und Schwarzwälder Tüftlergeist hin. Und wurde so zu einem wichtigen Lieferanten für die Luftfahrtindustrie. Bis heute fertigt das Unter-

Neubau der Granacher Präzisionstechnik im Gewerbegebiet Hagenmoos.

 

 

nehmen diese Hydraulikbauteile, ohne die sich beispielsweise Passagierflugzeuge nicht in die Lüfte abheben könnten.

Doch auf der Produktion von Verschleißringen ruhte sich Ewald Granacher selbstverständlich nicht aus. Stetig wurde der Maschinenpark erweitert. Als Ewald Granacher 1981 die erste CNC-gesteuerte Drehmaschine anschaffte, konnten einerseits der hohe Qualitätsstandard gehalten und andererseits neue Aufgabenfelder erschlossen werden. Damit einhergehend wuchs auch die Zahl der Mitarbeiter. Gleichzeitig wurden die Räume immer beengter. 1981 zog die Firma um in ein kleines Fabrikgebäude im Döbele, am Rand von St. Georgen. 2002 wurden dort durch einen Anbau die Betriebsräume erweitert. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte das Unternehmen 15 Mitarbeiter.

Spezialdienstleister in der Zerspanungstechnik

Heute ist mit Stefan Granacher die zweite Generation in der Verantwortung des Familienunternehmens. Die Fabrik im Döbele ist mittlerweile Geschichte. Seit 2016 firmiert Granacher Präzisionstechnik in einem modernen, auf rund 1.600 Quadratmetern produzierenden Neubau im Gewerbegebiet Hagenmoos. Dort reiht sich das Unternehmen in die wachsende Liste anderer Global Player ein, die in dem größten St. Georgener Gewerbegebiet produzieren. An die Anfänge seines Vaters erinnert bis heute eine Stoppuhr, die eingerahmt an der Wand im Büro von Stefan Granacher hängt. „Damit hat mein Vater die Produktionszeiten gestoppt. Immer auf der Suche nach Optimierung.“

Wir machen das, was andere nicht können.

Das Unternehmen, das aktuell 27 Mitarbeiter beschäftigt, sieht sich heute mehr denn je als Spezialdienstleister im Bereich der Zerspanungstechnik. Je komplizierter die Anforderung, desto größer der Ansporn für die Mitarbeiter, das Problem zur vollsten Kundenzufriedenheit zu lösen. „Wir machen das, was andere nicht können“, fasst Stefan Granacher die Unternehmensphilosophie zusammen. So gehören beispielsweise eckige Drehteile zu den Spezialaufgaben des Unternehmens. Auch andere hochkomplexe Teile aus unterschiedlichen Materialien wie Stahl, Edelstahl, Kupfer, Bronze, Kunststoffen oder Materialkombinationen und Beschichtungen mit einem Durchmesser von 0,5 bis 120 Millimeter stellen für die Firma kein Problem dar. Dabei hat das Unternehmen eine hohe Fertigungstiefe. Lediglich Spezialbehandlungen gibt Granacher außer Haus. Hier sind es wiederum in erster Linie Teile für die Luftfahrtindustrie, wo bestimmte Lacke und Beschichtungen hohen Temperaturunterschieden von 45 Grad bis zu minus 50 Grad standhalten müssen. „Anschließend wird jedes einzelne Teil in der Qualitätskontrolle geprüft und sorgfältig dokumentiert“, betont Stefan Granacher. Auf die Qualitätskontrolle legt Granacher Präzisionstechnik großen Wert. Die

Blick in die Fertigung.

 

 

Präzisionsteile aus der „Manufaktur mit Serienfertigung“.

Mitarbeiter werden regelmäßig an modernsten Prüfmethoden weitergebildet.

Manufaktur mit Serienfertigung

Zum Kundenportfolio gehören auch Kunden aus der Industrie und dem Bereich Elektromobilität. Bei letzterer setzt Granacher durch die stetig wachsende Elektromobilität auf eine steigende Auftragslage. Eine Besonderheit des Unternehmens ist, dass Granacher Präzisionstechnik auch den Kundenwunsch nach kleinsten Losgrößen erfüllen kann. „Wir stellen auf Kundenwunsch auch nur ein Stück eines Produktes her“, sagt der Inhaber, weshalb er das Unternehmen auch eher als „Manufaktur mit Serienfertigung“ sieht. Meist sind es jedoch Kleinserien, die auf den modernen Dreh- und Fräsmaschinen produziert werden. Dies wiederum erfordert auch von den Mitarbeitern ein hohes Maß an Flexibilität, die die Maschinen häufig neu rüsten müssen. Hier ist Qualifikation gefragt. Deshalb setzt Granacher alles daran, seine Mitarbeiter und damit das Know-how im Hause zu halten. Auch der Standort Deutschland hat für ihn hohe Bedeutung. Selbst nur Teile seiner Produktion ins Ausland zu verlagern, käme für ihn schon aus Qualitätsgründen nie in Frage.

Ein Ziel, das sich Stefan kunft setzt, ist es, selbst künftige Fachkräfte auszubilden. „Die duale Berufsausbildung in Deutschland ist eine der besten“, weiß er. Und eines Tages will er wieder etwas davon zurückgeben, wovon er bis heute profitiert. Nämlich von gut ausgebildeten Fachkräften, die seinen eigenen Qualitätsanspruch umsetzen.

So wichtig wie höchste Kundenzufriedenheit, was Granacher mit Qualität und Liefertreue erreicht, ist dem Unternehmer auch das Thema Nachhaltigkeit. So werden die fertigen Teile einzeln und in Mehrfachverpackungen an den Kunden gesendet, die zurückgeschickt und anschließend wieder verwendet werden.

Unternehmensnachfolge bereits geregelt

Zwar denkt Stefan Granacher noch lange nicht an Ruhestand. Dennoch ist der heute 51-Jährige in der glücklichen Lage, die Nachfolge für sein Un

ternehmen bereits geregelt zu haben. Die älteste Tochter Katharina ist bereits im Unternehmen tätig. Sie ist gelernte Industriekauf

frau und studiert aktuell Betriebswirtschafslehre. Auch Sohn Tobias, gelernter Industriemechaniker, wird in das Unternehmen einsteigen. Seit September ist

Schwiegersohn Jonas King ebenfalls im Unternehmen und wird zusammen mit Stefan Granacher die Geschäfts-

Granacher für die nahe Zu-Stefan Granacher leitung übernehmen.

 

 

Impressionen: Von der Konstruktion bis zur Qualitätskontrolle.

 

 

B+B Thermo-Technik Donaueschinger Schmiede streckt weltweit ihre Fühler aus

Vor 36 Jahren gründete Rudolf Boll das Unternehmen B+B Thermo-Technik GmbH in Allmendshofen. Boll und ein Mitstreiter hatten damals den richtigen Riecher und besetzten mit ihrer Firma eine lukrative Marktlücke: Messtechnik und Sensoren.

von Jens Fröhlich

Was mit Steckverbindungen für Thermoelemente, Messlösungen und Elektronikbauteilen im kleinen Rahmen im Donaueschinger Ortsteil begann, entwickelte sich rasch zu einer echten Erfolgsgeschichte. Solche Bauteile werden in nahezu allen Bereichen benötigt. Gerade in der heutigen, vernetzten und technisierten Welt sind sie wichtiger denn je. Nur vier Jahre nach der Gründung expandierte das familiengeführte Unternehmen zum ersten Mal und zog in das neue Gebäude an der Heinrich-Hertz-Straße in Donaueschingen um. Mit dem raschen Wachstum in den Folgejahren wurden nach und nach neue Erweiterungen des Firmengebäudes nötig. Mittlerweile beschäftigt B+B Thermo-Technik 125 Mitarbeiter. Im Jahr 2018 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 12 Millionen Euro.

 

 

Das Portfolio von B+B Thermo-Technik umfasst mehrere tausend Produkte denen Temperaturen, Feuchte, Druck, Gas oder Helligkeit gemessen wird. Weitere Standorte in der ganzen Welt wurden aufgebaut. 2019 ist die Produktion in einem neuen Werk in Serbien angelaufen. Vor wenigen Jahren wurde auch ein Generationenwechsel eingeläutet, der sich auf einem guten Weg befindet: Firmengründer Rudolf Boll und seine beiden Töchter Evamaria Boll-Scholte van Mast und Kim-Chantal Boll führen den Betrieb nun Hand in Hand. 2019 wurde das 35-jährige Bestehen mit einem großen Sommerfest für alle Mitarbeiter und ihre Familien im Parkrestaurant in Donaueschingen gefeiert. Seither ziert ein von den Auszubildenden angefertigter Zeitstrahl die B+B-Erfolgsgeschichte im Gemeinschaftsraum. Hier werden die wichtigsten Stationen der Entwicklung dokumentiert.

und Lösungen für fast alle Branchen, in und Lösungen aus Donaueschingen finden nicht selten in der Automobilbranche, im Maschinen-bau, in der Medizintechnik, der Biotechnologie, der Pharmazie und der Umwelttechnik Verwen-dung. Auch in vielen Haushaltsgeräten sind

Sensoren in Hülle und Fülle

Seit 1984 entwickelt und produziert B+B Thermo-Technik erfolgreich Thermoelement-Steckverbinder, Temperatur-, Feuchtigkeits- sowie Druck- oder Gassonden. Die Anwendungsbereiche sind kaum zu überschauen. Die Bauteile

Die Temperaturfühler mit Anschlusskopf werden zur Temperaturmessung hauptsächlich in flüssigen und gasförmigen Medien bei Temperaturen bis 1.100°C eingesetzt.

B+B-Sensoren verbaut. „Weiße Ware“ lautet der Fachbegriff für Geräte wie Backöfen, Geschirrspüler oder Waschmaschinen.

Weitere Einsatzgebiete sind die Lebensmitteltechnik und die Gebäudetechnik. Letzterer Bereich umfasst neben Heizungs- und Lüftungstechnik auch den Wachstumsmarkt der Hausautomation. Viele Hersteller schwören auf die

Geschäftsführer und Firmengründer Rudolf Boll und seine zwei Töchter Evamaria Boll-Scholte van Mast (rechts) und Kim-Chantal Boll (links) führen das Unternehmen heute gemeinsam.

 

 

Sensoren aus dem Hause B+B Thermo-Technik. Zum Kundenkreis zählen namhafte Unternehmen wie Liebherr, Buderus, Audi, BMW und Bombardier.

Internet-Pionier

Nicht nur Gerätehersteller vertrauen auf die Qualität, sondern auch große Elektronik-Versandhäuser wie Conrad Elektronik und Reichelt haben Produkte und Bauteile aus Donaueschingen im Programm und verkaufen diese an ihre eigenen Kunden weiter. Als ein Vorreiter der Branche erkannte Boll bereits 1999 das Potenzial des Internets und wagte eigene Gehversuche mit einem ersten Internetshop. 2019 feierte der Online-Shop
www.temperatur-shop.de
seinen bereits 20. Geburtstag. Heute lautet die offizielle Shop-Adresse
shop.bb-sensors.com
.

Schnell stellten sich nach dem Start erste Erfolge ein. Der Umsatz aus dem Online-Handel stieg von Jahr zu Jahr. Von 2016 auf 2017 verdoppelte er sich. 2015 wurde der Online-Shop grundlegend erneuert. Ende 2018 folgte eine weitere Auffrischung. Die Seite ist in einem übersichtlichen Design sowie in deutscher und englischer Sprache abrufbar. Rund 1.000 Produkte können im Warenkorb abgelegt und bequem bezahlt werden. Seit geraumer Zeit trägt der Shop das Gütesiegel des Unternehmens TrustedShops, das die B+B-Plattform regelmäßig prüft und zertifiziert. Dies sorgt für ein sicheres Einkaufserlebnis und Datensicherheit. Bei Kundenbewertungen über TrustedShops erreicht B+B Thermo-Technik ein sehr gutes Ergebnis mit 4,88 von fünf möglichen Punkten.

Den erfolgreichen Internet-Shop gibt es bereits seit 20 Jahren.

Der Firmensitz in Donaueschingen.

 

 

Das Labor ist ein ESD geschützter Bereich. ESD steht im Englischen für electrostatic discharge, was auf Deutsch elektrostatische Entladung bedeutet. Mitarbeiter tragen daher spezielle Arbeitskleidung und müssen sich vor dem Betreten des Raumes auf einer Metallplatte „entladen“ lassen. Ansonsten könnten sensible elektronische Bauelemente beschädigt und Messergebnisse verfälscht werden.

Einträge wie „Alles super, gerne wieder“ und „Schnelle Lieferung“ sind dort nicht selten zu lesen. Auch Kommentare wie „Chat war sehr hilfreich“, „Die Geräte kann ich nur wärmstens empfehlen“ und „Sehr, sehr guter Anbieter“ bestätigen das Unternehmen auf dem eingeschlagenen Weg.

Mittlerweile macht der Online-Handel bis zu zehn Prozent vom Umsatz aus. Dem Wachstumsbereich wurde Rechnung getragen und ein separates Shop-Lager eingerichtet. 60 bis 70 Pakete verlassen pro Woche die hauseigene Versandabteilung.

Spezialisierung auf individuelle Lösungen

Warum sich die Produkte von der Baar trotz starker Konkurrenz so erfolgreich am Markt behaupten, lässt sich an mehreren Faktoren festmachen. Zum einen haben sich die Sensor-Spezialisten einen hohen Qualitätsanspruch auferlegt und versuchen nach der Null-Fehler-Philosophie zu produzieren. In den Jahren 2000, 2003, 2006 und 2013 wurden verschiedene Zertifizierungen absolviert. Ein internes Fehler-Erkennungssystem gewährleistet, dass nur einwandfreie Produkte das Haus verlassen.

Eine breite Produktpalette, moderne Produktionsverfahren, Fachkompetenz und langjährige Erfahrung zeichnen B+B Thermo-Technik zusätzlich aus. Die Kundenorientierung spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Getreu dem firmeneigenen Motto „Creating Measurement Solutions“, hat sich das Familienunternehmen in den letzten Jahren verstärkt auf individuelle Lösungen für seine Kunden spezialisiert.

Kaum ein Wunsch, der nicht realisierbar ist. Existiert ein vom Kunde benötigtes Produkt noch nicht am Markt, wird es kurzerhand und in Abstimmung mit dem Kunden entwickelt. Dafür ist die hauseigene Entwicklungsabteilung mit sechs Ingenieuren, zwei Labor-Mitarbeitern sowie einem Produktmanager zuständig.

Eigene Ideen sollen aber gleichfalls nicht zu kurz kommen. Diese entstehen häufig gemeinsam und im Austausch zwischen den einzelnen Abteilungen – dem Vertrieb, der Entwicklung und der Produktion.

 

 

2019 baute B+B Thermo-Technik den neuen Produktionsstandort in Serbien. 2020 sollen Teile der Produktion hierher ausgelagert werden und den Hauptstandort in Donaueschingen entlasten.

Technologischer Wandel

Wie wichtig eigene Innovationen sind, lässt sich am technologischen Wandel aufzeigen. Auch das mittelständische Familienunternehmen musste sich in den letzten Jahren auf diesen Wandel und die Industrie 4.0 einlassen, chen es, Temperatur, Feuchte, Druck und auch Helligkeit zu messen und kabellos zu übertragen. Die Daten sind bequem über einen Computer, ein Tablet oder auch mit einem Smartphone abrufbar. Über Funktechnologie können Nutzer

auch alarmiert werden, sobald

um den Anschluss nicht zu verlieren. So
Messwerte über- oder unter-entstand zum Beispiel die neue Wireless schritten werden. Produktreihe „kiro“. B+B Thermo-Technik kombiniert damit Weltweites Netzwerk ihr Fachgebiet der Der Erfolg der letzten Jah-Messtechnik mit re sorgte aber auch dafür, zukunftsweisenden dass das Unternehmen am Technologien. Diese Standort Donaueschingen Produkte ermögli-immer wieder anbauen und

sich vergrößern konnte. Mittlerweile sind die Möglichkeiten und freien Flächen auf dem Grundstück nahe-

Der kiro solo Datenlog

zu ausgereizt. Um sich am

ger übermittelt seine Messwerte egal ob Tem-Hauptstandort wieder Luft zu peratur, Feuchte, Druck verschaffen, werden momenoder Licht per WLAN. tan Teile der Produktion nach

 

 

Absolutdrücken in Flüssigkeiten oder Gasen.

B+B liefert die passenden Produkte für die Gebäude-technik, z.B. Temperatur-, Feuchte- und Druckfühler.

Drucksensoren sind ideal zur Messung von statischen und dynamischen Relativ- und

 

 

Serbien ausgelagert. Dort hat B+B einen neuen Standort aufgebaut, der Ende 2019 in Betrieb ging. Rund 20 Mitarbeiter sollen dort schon bald die Arbeit aufnehmen. Bereits im Jahr 2010 gründete man in Chongqing in China eine Produktionsstätte unter dem Namen B+B Industrial Automation Chongqing. 20 Mitarbeiter erledigen hier Vorarbeiten und fertigen zum Beispiel Gehäuse.

Um auf dem internationalen Markt neue Kunden zu gewinnen und bestehende Partnerschaften besser betreuen zu können, wurden nach und nach Vertriebsstandorte gegründet. Bereits seit 2003 sind zwei Mitarbeiter in der Zweigniederlassung „B+B Thermo-Techniek“ in den Niederlanden für das Donaueschinger Unternehmen tätig. 2018 kam der Vertriebsstandort in Hongkong hinzu. Von hier aus betreuen bis zu drei Mitarbeiter den asiatischen Markt. Weitere Standorte weltweit sind in Planung.

Erfolgreicher Generationenwechsel

Wie in vielen familiengeführten Unternehmen ist auch bei B+B Thermo-Technik ein Generationenwechsel irgendwann unausweichlich. Doch anders als in vielen anderen deutschen Betrieben scheint dieser Wechsel gut zu funktionieren. 30 Jahre lang hielt Firmengründer Rudolf Boll die Firma allein verantwortlich auf Kurs. Mit Weitsicht leitete der heute 70-Jährige vor fünf Jahren einen sanften Übergang im Familienbetrieb ein und berief seine Tochter Kim-Chantal Boll im Oktober 2014 in die Geschäftsführung. Nur drei Jahre später wagte auch die zweite Tochter Evamaria Boll-Scholte van Mast diesen Schritt. Die 31-Jährige nahm Ende 2017 neben ihrem Vater und ihrer zwei Jahre älteren Schwester in der Geschäftsleitung Platz, nachdem sie sich zuvor zwei Jahre im Unternehmen eingearbeitet hatte. Seither teilen sich die drei Geschäftsführer die Aufgaben. Ein großer Vorteil bei Familienbetrieben sind die kurzen Entscheidungswege.

kombinierten Tempera-tur-, Gas- und Druck-messung.

 

 

Die Gasentnahmesonde Eco TGD eignet sich zur

Motivierte Mitarbeiter

Doch ein Unternehmen mit kompetenter Führungsspitze ist nur erfolgreich, wenn auch die Mitarbeiter motiviert sind. Daher wird im Hause ein kollegialer Führungsstil gepflegt und viel für die Zufriedenheit der Mitarbeiter getan. Bei jedem Monats-Umsatzrekord steigt in einer Mittagspause ein „Gipfelschmaus“. Ein Hähnchenwagen verköstigt dann kostenlos die gesamte Belegschaft im Innenhof. „Wir wollen die Mitarbeiter dazu motivieren, immer besser zu werden und im Team gemeinsam gut zu arbeiten. Für diese Leistung erhalten sie große Anerkennung von uns und werden mit einem leckeren Mittagessen belohnt“, so Evamaria Boll-Scholte van Mast. Auch das jährlich stattfindende Biergartenfest im Sommer ist beliebt. Bei der traditionellen Weihnachtsfeier verbringen Mitarbeiter und Geschäftsleitung einen Abend mit gutem Essen und bei weihnachtlicher Atmosphäre. Für den letzten Arbeitstag vor den betrieblichen Weihnachtsferien wird zudem eine Tombola organisiert, bei der jedem Mitarbeiter ein kleines Weihnachtspräsent überreicht wird. „Jahr für Jahr freuen wir uns wieder auf diese Ereignisse. Es macht immer sehr viel Spaß und wir bekommen nur positive Rückmeldungen von den Mitarbeitern“, erzählt Kim-Chantal Boll. Auch Angebote wie das Jobrad und ein Gleitzeitmodell werden gerne von den Angestellten genutzt. Kostenlose Obstkörbe, die überall im Firmengebäude verteilt stehen, sind immer schnell leergefegt.

Unten: Blick in die Produktion.

 

 

Traditionsunternehmen mit großer Innovationskraft Wein-Riegger in Villingen hat auch einen klangvollen Namen in der Whisky- und Rumszene

Wo „flüssiges Gold“ aus Schottland und Mittelamerika sprich Whisky und Rum in großen Fässern und Mengen lagert im Depot, genannt „Warehouse Hall of Angels‘ Share , von Wein-Riegger in VS-Villingen. Oben Olaf Lauinger (links) mit Sohn Christopher Lauinger.

 

 

Seit 140 Jahren gibt es die Firma Wein-Riegger in VS-Villingen. Alles begann einst mit einer Küferei, Brennerei, Mosterei und einem Weinkeller in der Villinger Innenstadt, gegründet von Johann Nepomuk Riegger. Heute ist das Unternehmen nicht nur der größte Weinhändler in der Region, sondern hat quer durch die Republik einen ausgezeichneten Ruf unter Whisky- und Rumfreunden. Im Jahr 2016 gebauten „Warehouse Hall of Angels‘ Share“ am Firmensitz

im Villinger Industriegebiet Vockenhausen lagern

hunderte von Eichenfässern, gefüllt mit Whisky

aus Schottland und Rum aus Panama. Neben 1.200

Sorten Wein hat Wein-Riegger auch über 1.200 unterschiedliche Whiskys, über 150 Rumsorten und jede Menge weiterer Spirituosen in seinem vielfältigen Angebot. Die Geschäftsführung des Handelshauses besteht aktuell aus Olaf Lauinger, seinem Bruder Uwe Lauinger und seinem Sohn Sebastian Lauinger, der bereits die 5. Generation in dem Familienunternehmen repräsentiert, ebenso wie Christopher und Lisa Lauinger, die auch in der Firma tätig sind.

von Dieter Wacker

Sorgsam schließt Olaf Lauinger ein Hängeschloss nach dem anderen auf. Nach einigen Minuten lässt sich das große Tor öffnen. Irgendwie hat das Ganze etwas von dem legendären Fort Knox in den USA. Nur, dass in dem Villinger Depot hinter der schweren Eisentür keine Goldreserve im klassischen Sinne lagert, sondern flüssiges Gold aus Schottland und Mittelamerika. In bauchigen Holzfässern schlummert und reift ein Schatz, der darauf wartet, nach Jahren in Flaschen abgefüllt zu werden: Whisky aus Schottland und Rum aus Panama.

Wer sich mit solchen Spirituosen professionell intensiv beschäftigt, der braucht Zeit und Geduld. Das schnelle Geld ist mit edlem Whisky und Rum nicht zu machen. Ohne in ordentliche finanzielle Vorleistungen zu treten und ohne ein gewisses Risiko zu tragen, geht bei diesem hochprozentigen Geschäft gar nichts.

Dafür hat das Unternehmen Wein-Riegger aus VS-Villingen bei den Liebhabern des „flüssigen Goldes“ weit über die Region hinaus einen besonderen Klang und einen ausgezeichneten Ruf.

1880 in Villingen gegründet

Seit nunmehr 140 Jahren gibt es die Firma, die 1880 von Johann Nepomuk Riegger in der Villinger Innenstadt gegründet wurde. Heute ist bereits die fünfte Generation der Familie aktiv in das Unternehmen mit eingebunden, das seinen Hauptsitz längst in die Werner-von-Siemens-Straße im Industriegebiet Vockenhausen verlegt hat. In der Niederen Straße im Stadtzentrum existiert aber nach wie vor im Stammhaus ein zusätzliches Ladengeschäft. Der Onlinehandel hat sich zu einem weiteren existenziell wichtigen Standbein entwickelt.

Begonnen hat alles vor 140 Jahren mit einer Küferei, Brennerei, Mosterei und einem Weinkeller. Im Laufe der langen Jahre entwickelte sich die Firma zu dem, was sie heute noch ist: eine Weinhandlung mit direktem Weinimport und Großhandel. Ganz in der Familientradition werden zudem immer noch eine ganze Reihe von Spirituosen in der eigenen Brennerei in der Goldgrubengasse destilliert. Das Geschäft mit Whisky und Rum kam nachträglich hinzu und wird vor allem auch als zukunftsfähige Innovation und Investition betrachtet, wie Olaf Lauinger, der neben seinem Bruder Uwe und seinem Sohn

 

 

In einen Hang hineingebaut: Das Warehouse der Firma Wein-Riegger in Villingen, in dem edelster Whisky und Rum in Fässern langsam reift.

Sebastian, als Geschäftsführer fungiert, nachdrücklich betont.

Nach Johann Nepomuk Riegger übernahm Viktor Riegger die Küferei und Weinhandlung. Später gab er sie an seine Tochter Mechthilde weiter, die mit Günter Lauinger verheiratet war. Das Ehepaar führte die Firma gemeinsam durch die Nachkriegsjahre. Es baute den heutigen Hauptsitz an der Werner-von Siemens-Straße auf und betrieb im innerstädtischen Stammhaus eine Weinstube, die über 30 Jahre lang regelrechten Kultstatus genoss, höchst beliebter Treffpunkt für viele Villinger war und die der Historischen Narrozunft als Zunftstube diente. Die Fasnet in „ Rieggers Weinstüble“ war legendär. Über die hohen Tage einen Sitzplatz zu ergattern war reine Glückssache.

Auf Mechtilde und Günter Lauinger folgten deren Söhne Olaf und Uwe, die der Motor des Unternehmens sind, tatkräftig unterstützt von Olafs Kindern Sebastian und Christopher sowie Uwes Tochter Lisa, die alle über entsprechende Ausbildungen mit internationalen Erfahrungen verfügen.

1.200 Weine im Angebot – Riegger ist heute der größte Weinhändler in der Region

Mit einem Angebot von rund 1.200 Weinen ist Riegger heute der größte Weinhändler in der Region. Olaf Lauinger: „Wir kommen in unserer

 

 

Rund 1.200 Weine hat die Firma Wein-Riegger im Angebot. Fachliche Beratung, wie hier durch Olaf und Christopher Lauinger (rechts), hat bei dem größten Weinhändler in der Region einen hohen Stellenwert. Und selbstverständlich können die Weine bei Bedarf auch verkostet werden.

Unternehmenstradition vom Wein, deshalb haben wir nach wie vor auch so eine umfangreiche Auswahl.“ 40 bis 50 Weingüter, die meisten davon in Europa beheimatet, zählen zu den Stammlieferanten der Villinger.

„Wir kennen alle Produzenten, deren Weine wir verkaufen, persönlich. Wir nehmen nichts ins Weinsortiment, von dem wir nicht wissen, wie und wo es hergestellt wird“, unterstreicht Olaf Lauinger die Philosophie des Hauses Riegger. Was natürlich gleich mehrere Vorteile für die Kunden hat: Zum einen können sie auf die Selektion von Fachleuten vertrauen, zum anderen ist das Angebot entsprechend vielfältig und qualitativ verlässlich und zudem können die Käufer kompetent beraten werden.

Regelmäßige hauseigene Weinmessen, bei denen viele Weingüter und Produzenten mit ihren Produkten vertreten sind, erschließen zusätzliche Kundenkreise, schaffen Vertrauen und zugleich eine noch engere Kundenbindung.

Punkte, die der Firma Riegger extrem wichtig sind, wie Olaf Lauinger sagt. Kein Wunder, dass das Unternehmen über eine beachtliche Anzahl an Stammkunden verfügt.

Verkauft werden überwiegend Weine aus Deutschland (fast ausschließlich weiße), aus Spanien (von denen Olaf Lauinger regelrecht schwärmt), Italien und Frankreich, wobei letztere aktuell nicht mehr sehr gefragt sind. Weine aus Übersee runden die Vielfalt ab.

Dass sich das Villinger Unternehmen im Laufe der langen Firmengeschichte immer weiterentwickelt und auch verändert hat, lässt sich zum Beispiel an der großen Zahl der unterschiedlichen Spirituosen ablesen, die sich auch in den Verkaufsregalen finden lassen. Zum Beispiel Cognac, Grappa, Gin, Obstbrände, Liköre und vieles mehr. Und dann natürlich Rum und Whisky. Zwischenzeitlich gibt es sogar eine eigene Whisky-Serie mit Namen „Riegger´s Selection“.

 

 

Nicht nur Wein-, sondern ebenso ein Whisky-Spezialist: Über 1.200 verschiedene Sorten von Whisky hat das Villinger Traditionsunternehmen Wein-Riegger in seinen Verkaufsräumen im Industriegebiet Vockenhausen in seinem Angebot.

Der Whisky-Spezialist im Familienbetrieb ist Uwe Lauinger. Bei einer Urlaubsreise 2006 quer durch Schottland besuchte er zusammen mit seiner Frau Selma eine Whisky-Destille. Natürlich wurde die hochprozentige Spirituose probiert und irgendwie war es um den Villinger geschehen. Uwe Lauinger in einem Interview: „Wir kamen mit dem Master Distiller ins Gespräch und waren sofort von dieser Materie fasziniert.“ Ein Jahr später war Uwe Lauinger wieder in Schottland, diesmal mit einer Geschäftsidee im Gepäck. Dass die Firma Riegger in den Anfangsjahren zwei Generationen lang in der hauseigenen Küferei Fässer herstellte, spielte dabei eine nicht unwichtige Rolle. Schließlich durfte Uwe Lauinger sich in Schottland einige Fässer mit besonderen Whisky-Destillaten aussuchen, die anschließend den Weg in den Schwarzwald antraten.

Für den Mitgeschäftsführer von Wein-Riegger war das ein ganz besonderer Moment und zugleich eine Chance für den Betrieb in ein neues Metier einzusteigen. Daheim wurden die ersten Flaschen in Eigenregie abgefüllt und als sogenannter unabhängiger Abfüller, genannt Independent Bottler, gingen die Villinger auf verschiedene Whisky-Messen in Deutschland. Schnell wurde klar, dass es in unserem Land echte Whisky-Freaks gibt, die heiß sind auf ganz spezielle Angebote. Heute verfügt Deutschland über eine richtige Whisky-Szene, die sich in Clubs organisiert oder sich in geselligen Runden mit Kollegen, Nachbarn, Freunden Verwandten trifft, um zu fachsimpeln und unterschiedliche Whisky-Sorten zu testen.

Seit 2014 veranstaltet Wein-Riegger jährlich eine eigene Whisky-Messe („Hall of Angels`s Share“) in der Neuen Tonhalle in Villingen. Gut 30 Aussteller bieten bis zu 1.000 Whisky-Sorten zum Probieren und Verkaufen an. Aus ganz Süddeutschland, aber auch aus dem benachbarten Ausland kommen die Besucher. Sie freuen sich

 

 

Unter Whisky-Liebhaber sehr begehrt: „Riegger`s Selection“. Schottischer Whisky, der in sehr unterschiedlichen Holzfässern im eigenen Warehouse gelagert wurde und gereift ist, danach von Wein-Riegger als unabhängiger Abfüller auf Flaschen gezogen wurde.

über das breite Angebot, lassen sich aber auch gerne von dem schottischen Flair durch Kiltträger und Dudelsackspieler anstecken. Neben der Messe steht Wein-Riegger hinter dem „Black Forest Whisky Club“ und veranstaltet regelmäßig Tastings (das sind Probierabende, verknüpft mit spannenden Informationen rund um das Thema Whisky).

Im Verkaufsangebot hat das 140 Jahre alte Unternehmen über 1.200 verschiedene Whisky-Sorten in Flaschen. Natürlich liegt der Schwerpunkt auf Destillaten aus dem vermeintlichen Mutterland des edlen Stoffes, aus Schottland. Längst hat sich Riegger auch darauf eingestellt, dass es immer mehr Freunde für Bourbon-Whisky aus den USA gibt. Entsprechend umfangreich ist das Sortiment. „Flüssiges Gold“ aus Irland, Wales und Deutschland darf nicht fehlen und dann gibt es da noch exotisch anmutende Whiskys aus Japan, Taiwan, Indien, Liechtenstein oder Finnland.

Der eigentliche Schatz von Wein-Riegger schlummert aber im Jahre 2016 errichteten Warehouse „Hall of Angels‘ Share“ auf dem Firmengelände im Industriegebiet Vockenhausen. Hineingebaut in einen mit Gras bewachsenen, von außen mit einer unscheinbaren Betonfassade verkleideten und durch die bereits am Anfang erwähnte mächtige Eisentür gesichert, stapeln sich im Lager in Hochregalen hunderte von Holzfässern mit schottischem Whisky und panamaischem Rum. Eine Duftwolke aus verdunstetem Destillat schwängert regelrecht die Luft im für Deutschland einmaligem Depot.

„Whisky für die Engel“

„Das ist der Teil des Whiskys für die Engel“, sagt Olaf Lauinger und erklärt: „Während der Lagerung in den Eichenfässern verdunstet ein gewisser Anteil des Destillats. Bis zu vier Prozent der Füllung pro Jahr.“ Fachleute nennen die Verdunstungsmenge „Angels’ Share“, sprichwörtlich „für die Engel“. Womit auch der Name von Lagerhaus und Whiskymesse erklärt wäre. Zugleich ist damit auch klar, weshalb das „Warehouse“ ein sogenanntes Steuerlager und damit zollfreies Gebiet ist. Würde der von der Firma Riegger in Schottland und Panama regelmäßig eingekaufte Whisky und Rum vor der eigenen Lagerung in Villingen schon versteuert, entstünde durch den bereits erwähnten Verdunstungsverlust ein enormer finanzieller Schaden, der nicht auszugleichen wäre. Also werden die Destillate erst einmal im Zollfreilager untergebracht und erst nach der Abfüllung auf die Flasche entsprechend nach den deutschen Gesetzen versteuert.

Whisky und Rum lagern bei Riegger in sehr unterschiedlichen Fässern, die letztendlich die bei den Liebhabern dieser Getränke so sehr geschätzten höchst unterschiedlichen Aromen hervorbringen. In Gebrauch sind unter anderem Fässer, die einst mit Wein, Sherry, Portwein oder auch amerikanischem Whisky gefüllt waren. Jedes einzelne Fass sorgt für einen individuellen Reifeprozess von Whisky und Rum, die besonderen Geschmacksnoten und die Farbe. Die hohe Kunst, den perfekten Zeitpunkt der Lagerung der wertvollen Destillate abzuwarten, das beherrschen die Verantwortlichen bei Wein-Riegger mittlerweile perfekt. Ihre „Riegger‘s Selection“ ist zum Objekt der Begierde unter Whiskyfreunden in der ganzen Republik geworden. Werden hier doch Destillate aus verschiedenen Fässern miteinander so verbunden, dass ganz besondere Geschmackserlebnisse entstehen.

Auch Rum spielt eine bedeutende Rolle

Dass der Villinger Weinhändler heute auch eine beachtete Rolle auf dem Markt für Rum spielt, das ist in erster Linie Sebastian Lauinger zu verdanken. Als er vor einigen Jahren mit Rum etwas enger in Berührung kam, war sein Interesse an dem alkoholischen Getränk aus Zuckerrohr bzw. Melasse schnell geweckt. Und Sebastian Lauinger wollte alles darüber wissen. Er flog nach Panama, schaute sich dort auf Zuckerrohrfeldern, bei Zuckerproduzenten und bei Brennereien um. Der Juniorchef orderte dann

In Eichenholzfässern, in den zum Beispiel einmal Rotweine, Portwein, Sherry oder auch Bourbon-Whisky gelagert wurde, reifen im hauseigenen Depot bei Wein-Riegger in Villingen schottischer Whisky und Rum aus Panama.

auch gleich mal 120 Fässer zu je 200 Liter Rum und ließ sie nach Deutschland verschiffen. Ein gewaltiger Invest, aus dem aber die nächste Erfolgsstory der Firma Wein Riegger hervorging. Im Warehouse hinter der dicken Eisentür hat der Zuckerrohrschnaps viel Zeit, um zu einem veredelten Destillat zu reifen und irgendwann in Flaschen abgefüllt zu werden. Im Verkaufsraum der Weinhandlung hat der Kunde derweil die Auswahl unter gut 150 Rumsorten aus der Karibik, Zentral- und Südamerika und dem Rest der (Rum-)Welt.

Wer heute die Geschäftsräume von Wein-Riegger an der Werner-von Siemens-Straße betritt, der hat die Qual der Wahl: Über 4.000 Produkte aus aller Welt warten auf die Käufer. Ein Angebot, so groß wie noch nie in der 140-jährigen Geschichte des Villinger Traditionsunternehmens, das damit aber gut gerüstet ist für die Zukunft.

 

 

5. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

Gabor Richter

Digital Artist – weltweit vernetzt

von Marc Eich

Ein ehemaliges Pfarr- und Gemeindehaus in einem 1.500-Seelen-Ort als digitale Kreativwerkstatt für große Agenturen und Global Player? Genau das macht Gabor Richter möglich. Der 36-Jährige ist Bildretuscheur, Digital Artist sowie Fotograf und bedient seine namhaften Kunden seit Herbst 2018 von St. Georgen-Peterzell aus.

 

 

Der Rasen im Hintergrund kaputt, das Wetter regnerisch und der Untergrund, auf dem der schmucke Porsche steht, von Rissen durchsetzt. Nein, so möchte kein Autobauer seine noblen Werke präsentieren. Doch genau solche Bilder bekommt Gabor Richter zugeschickt, um sie vorzeigbar zu machen. „Ich bin quasi Problemlöser“, sagt er – denkt kurz darüber nach und ergänzt dann grinsend: „Und wenn jemand sagt, dass das nicht möglich sei, dann habe ich darauf richtig Bock!“ Über Stunden oder manchmal sogar Tage hinweg sitzt Richter dann an Bildern, um diese bis ins kleinste Detail zu bearbeiten oder gar komplett neu zu erschaffen und aus mehreren Bildern zusammenzusetzen. Da wäre beispielsweise der Bereich Cinematic – eine der Spezialitäten des Familienvaters – bei dem die Filmplakate auch durchaus mal übertrieben gestaltet werden können und dadurch zu einem wahren Hingucker werden. „Wichtig ist mir, dass die Bilder so sauber bearbeitet sind, dass man sie auch groß drucken kann.“ Wenn er dann seine Bilder in Übergröße auf Plakatwänden oder Bussen entdeckt, erfüllt ihn das mit Stolz. Und das, obwohl er als Retuscheur quasi grundsätzlich „undercover“ arbeitet und sein Name nirgends erscheint. „Das stört mich aber nicht. Wenn andere an den Arbeiten eine Freude haben, dann bin auch ich glücklich“, so der 36-Jährige. Zumal es ohnehin wichtiger sei, dass seine Auftraggeber seine Arbeit zu schätzen wissen. Und das wiederum ist angesichts der Fülle an namhaften Kunden – angefangen bei Porsche, Mercedes über Coca-Cola bis hin zum Europapark – unbestritten.

„Ich wollte hier einfach nicht weg“

Doch der Weg zum Erfolg hat ihm einiges abverlangt. Das wird klar, wenn Richter in die Vergangenheit blickt und von seinem Werdegang berichtet. Geboren wurde er in Zittau, seine Eltern zog es aber bereits zwei Jahre nach der Geburt nach Villingen, wo Gabor aufwuchs. „Der Computer war eigentlich immer mein einziges Interesse“, erinnert er sich zurück. Bereits mit fünf Jahren hat er sich mit dem legendären Commodore 64 beschäftigt, später haben ihn seine Eltern zu einer Zeichenschule geschickt. „Ich habe dann immer auf dem PC gezeichnet“, erinnert er sich. Und eigentlich hätte sein Weg in die berufliche Laufbahn, die sich ja irgendwie frühzeitig aufgedrängt hatte, bereits mit 16 geebnet sein können. Denn nach seiner Mittleren Reife hatte der Digital Artist einen Platz für die damals recht frische Ausbildung zum Grafikdesigner in der Tasche. Allerdings in Stuttgart. „Und ich wollte hier einfach nicht weg.“

Links: Im Bereich Cinematic übernimmt Richter auch die Gestaltung von Plakaten. Hier eine Auftragsarbeit
für TutKit.com, als Model fungierte Jessica Bisceglia.

Unten: Gabor Richter, links, mit seinem Fotoshooting- Team für das Filmplakat links.

 

 

Die Folge waren Umwege, die ihn jedoch auch nachhaltig prägten. Zum Beispiel die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei einem Villinger Möbelhaus – und das, obwohl Richter von sich behauptet, kein Zahlenmensch zu sein. Den Weg des geringsten Widerstandes? Nein, das scheint für den 36-Jährigen schon in seiner Jugend nicht die Lebenseinstellung gewesen zu sein. „Ich habe dann auch gelernt, mit Menschen umzugehen und die Ausbildung durchgezogen.“ So erfolgreich sogar, dass der Betrieb ihn weiter beschäftigen wollte – doch Richter lehnte ab. Stattdessen stieg er in die Hausverwaltungsfirma seines Vaters mit ein, hätte diese dann übernehmen sollen. Allerdings sah der kreative Kopf seine Zukunft in einem anderen Bereich. Und so kam es, dass er durch Zufall über eine Anzeige für Mediengestalter-Azubis stolperte. Kurz darauf trat er die Stelle bei einer Werbeagentur in Rottweil an – der Grundstein für seine berufliche Laufbahn war gelegt. „Ich war beim Lernen zwar nicht der Fleißigste, aber es hat funktioniert.“ Denn er überzeugte mit seiner Arbeit. Als Vorbereitung für die Prüfung quartierte er sich gemeinsam mit einem Kumpel im Kloster Beuron ein. Dort fasste er mit ihm die Prüfungsmaterialien zusammen und machte aus ihnen eine Hörbuchfassung, die er

Am Mac verwandelt Gabor Richter die Bilder in wahre Kunstwerke.

sich anschließend laufend anhörte. Auch dieses Problem wusste er zu lösen.

Intensive Jahre bei Calvin Hollywood

Doch Richter strebte nach Höherem und hatte ein klares Ziel vor Augen. Er wollte zu Calvin Hollywood, einem Star in der Photoshop-Szene. Als dieser nach Interessenten für ein dreimonatiges, unbezahltes Praktikum suchte, packte er die Gelegenheit am Schopf und verkaufte nach der Zusage sein Hab und Gut, um bei Hollywood in der Nähe von Heidelberg zu lernen. Aus den drei Monaten wurden schließlich fünf Jahre – denn Richter bekam ein Jobangebot, welches er annahm.

„Photoshopmäßig konnte ich mich da voll ausleben“, erinnert er sich zurück. Es werden intensive Jahre, die der damals 27-Jährige bei Hollywood erlebte. Im Mittelpunkt stand dabei insbesondere die Vermittlung von Wissen zu Bildbearbeitung, Retusche, Fotografie und Bildkunst – sei es über Workshops, Vorträge, Live-Streamings oder Beiträge in diversen Ma

Oben: Vortrag von Gabor Richter auf der Photokina, der weltweiten Leitmesse der Foto-Branche. Unten: Auftragsarbeit für den Europa Park – Eurosat Coastiality.

 

 

gazinen. „Wir haben Bildstile entwickelt und in diesem Bereich auch Trends gesetzt“, berichtet der Bildretuscheur. Zu Schlaf kam Richter damals nur selten, er habe die Zeit bei Hollywood komplett ausnutzen wollen und deshalb auch oft die Nächte durchgearbeitet. Richter: „Es gab Momente, da bin ich vor Erschöpfung ins Bett gekippt und habe 48 Stunden geschlafen.“

Noch während seines Jobs bei Heidelberg trat Alexandra in sein Leben, die er im Rahmen eines Shootings in Villingen kennenlernte. Das Leben änderte sich: Heiratsantrag, Schwangerschaft – und viele Kompromisse mit der Familie, weil Richter auch am Wochenende oft arbeiten musste. Es war jedoch insbesondere eine berufliche Umorientierung bei Hollywood, die schließlich dazu geführt hat, dass das Paar den Blick wieder in Richtung Heimat wandte und schließlich in den Landkreis zurückkam. Hier wieder in einer Agentur arbeiten? Das kam für den Digital Artist aber nicht in Frage. „So wie ich zuvor geprägt wurde, hätte ich nirgends reingepasst.“ Stattdessen startete er nun, obwohl er sich anfangs dagegen sträubte, als Selbstständiger durch.

Neustart mit dem „Haus der Ideen“

Über den Verkauf von Bildbearbeitungs-Tutorials, die auch ins Englische übersetzt wurden und sich weiterhin bestens verkaufen, finanzierte er sich den Neustart in seiner Heimat.

Auftragsarbeit für die bekannte Fachzeitschrift für digitale Bildbearbeitung Docma.

Model: Patrick Mathis

Diesen Schritt bereut er keine Sekunde. Denn gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern Jonah (3) und Julian (5) genießt er jetzt das ländliche Leben in Peterzell, nachdem die Familie zuvor in Wolterdingen gewohnt hatte.

Im Herbst 2018 hat er dort das ehemalige Pfarr- und Gemeindehaus gekauft – und daraus sein „Haus der Ideen“ geschaffen. „Das Gemeindehaus habe ich eigentlich eher zufällig entdeckt“, berichtet er von der Annonce. Hier findet er jedoch ideale Bedingungen vor, um sein Familienleben und seinen Job zu verbinden. Unten, im ehemaligen Pfarrsaal, hat er sich ein Studio eingerichtet, in welchem regelmäßig Shootings stattfinden. Ein paar Räume weiter befindet sich sein Arbeitsplatz mit Blick in den Garten. Für den 36-Jährigen ein Traum: „Jetzt kann ich meine Kinder aufwachsen sehen – während ich im Büro sitze, spielen sie im Garten.“

Das Gebäude wird aber nicht nur durch ihn und seine Familie mit Leben gefüllt. Für Workshops, die er in dem Ortsteil von St. Georgen anbietet, stehen weitere Räumlichkeiten mit Rechnern zur Verfügung. Hier kann er Kunden in die Welt der digitalen Bildbearbeitung einführen – fernab der Metropolen und des hektischen Daseins. „Hier habe ich meine Ruhe. Obwohl ich nicht in einer Großstadt bin, kann ich auftragsmäßig die krassesten Sachen machen“, sagt er zufrieden. Denn ein international gefragter Problemlöser kann er überall sein – auch im ehemaligen Pfarrhaus in Peterzell.

Fotoshooting mit dem Komiker Kaya Yanar als Ausgangspunkt für das Comic-Style Porträt unten.

 

 

Sebastian Schnitzer

Ein künstlerischer Tausendsassa am Klavier und auf der Bühne

von Wilfried Strohmeier

Foto: Tobias Ackermann

Foto : Tobias Ackermann

Als ausgebildeter Musiker spielt er mehrere Instrumente, komponiert, singt, schreibt Kolumnen und spielt Theater. Das frühere Mitglied der Band „Mofarocker“ spielt heute unter anderem bei „Billy Bob and the Buzzers“ oder den „Black Forest Allstars“. Sebastian Schnitzer ist weiter der kreative Kopf des Duos „Man(n) singt deutsch“ und absolviert viele Soloauftritte. In die weite Welt hat es ihn nie gezogen: Ihm gefällt es in seiner Heimat Schwarzwald-Baar, er lebt in Donaueschingen.

Geboren wurde Sebastian Schnitzer am St. Martinstag 1982 in Villingen. Aufgewachsen in Nordstetten, kam er schon im zarten Alter von fünf Jahren mit der handgemachten Musik in Berührung und ebenso mit dem Ballett. Letzteres wurde jedoch schnell wieder aufgegeben. „Bei der Musik hat es sich gelohnt“, sagt Sebastian Schnitzer lächelnd. In der Familie lag die Musik nur bei seinem Großvater im Blut, welcher Musiklehrer war. Doch hatte er zu ihm so gut wie keinen Kontakt, da dieser hinter dem Eisernen Vorhang, in der damaligen CSSR, lebte.

Das Klavier gehörte zum Alltag

Schnell entdeckte der junge Sebastian Schnitzer das Klavier und das Akkordeon für sich, sie sollten seine Hauptinstrumente werden. Seine Lehrerin war Gertrud Herr-Hock. „Sie hat mich sehr geprägt“, erinnert er sich. Vor allem klassische Stücke von Johann Sebastian Bach durfte er erlernen. Damals nicht so sehr sein Ding, doch heute ist er froh, dass er diese Ausbildung bekam. Schon bald unterstrichen Preise bei Wertungsspielen sein großes Talent. Als Teenager gab es zwar ein Jahr Pause von der Musik, doch fand er den Weg zurück. „Klavier hat zum

 

 

Alltag gehört“, erinnert er sich, „es war kein Druck dahinter, vielleicht auch einfach, weil es mir Spaß gemacht hat.“ Mit 14 Jahren hatte er bereits seine erste eigene Band, nahm später an Schauspielkursen im Theater am Ring teil und spielte in dem einen oder anderen Theaterstück mit. Für sein Musik-Abi musste er nach Triberg fahren, um es abzulegen, aber die Mühen haben sich gelohnt. Als er nach dem Abitur sagte, er wolle Musiker werden, staunten seine Eltern nicht schlecht. Doch: „Sie haben mich stets unterstützt, wo es ging und dafür werde ich immer dankbar sein“, unterstreicht Sebastian Schnitzer.

Der Weg zum Berufsmusiker war kein einfacher. Die damalige Jazz- und Rockschule in Freiburg nahm ihn für das Studium an, er studierte Jazz- und Popularmusik. Diese Zeit finanzierte er sich mit Musikunterricht und Konzerten. „Ich war jedes Wochenende woanders für ein Konzert. Da merkst du schnell, ob das etwas für dich ist oder nicht“, blickt er zurück. Damals stieß er zu den Mofarockern. Und viele werden sich erinnern: Die rockten jede Bühne im weiteren Umkreis. Schnell gab es weitere Band-Projekte wie das bekannte Musikcomedy Duo „Man(n) singt deutsch.“, in dem Sebastian Schnitzer sein schauspielerisches und wortakrobatisches Talent unter Beweis stellen konnte. So schreibt

Oben: Sebastian Schnitzer (am Mikrofon) mit seiner Rock‘n‘Roll-Band „Billy Bob & the Buzzers“. Foto: Gabor Richter

Rechts: Oft auch solo unterwegs – stilvolles Portraitfoto von Tobias Ackermann.

er die Lieder für dieses Duo, an dem man seine Vorbilder klar erkennen kann. Als kleiner Junge verschlang er nämlich die Musik und Filme von Peter Alexander, seinem großen Idol. „Das waren noch richtige Entertainer, die viele Stile beherrschten und alles konnten: Singen, Klavier- und Schauspielen“, schwärmt Schnitzer. Auch Udo Jürgens prägt ihn bis heute. Und so schreibt Sebastian ausschließlich deutsche Texte. „Das ist eben meine Muttersprache, mit ihr kann ich am besten ausdrücken, was ich dem Publikum sagen will.“

Seine Kommilitonen sind meist in die großen Städte wie Hamburg oder Berlin gezogen, zum einen oder anderen hat er nach wie vor Kontakt. Und immer wieder hört er, wie schwierig es sei, dort Geld zu verdienen. „Es gibt zwar mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Berufsmusiker“, beschreibt Sebastian Schnitzer die Situation seiner Kollegen. „Hier im Ländle muss man aber allerdings aktiver sein und mehr machen,

 

 

als nur gut spielen. Netzwerken ist hier absolut wichtig“, erkannte er in den vergangenen Jahren.

Und so kam es zu den verschiedenen Musikprojekten. Darüber hinaus tritt er bei Stadtfesten in der Region auf, spielt Klavier im Hotel Öschberghof, tritt bei Firmenfeiern auf sowie in Restaurants und Live-Clubs. Hinzu kommt noch das Komponieren wie beispielsweise das VS-Lied „In meiner Stadt…“ den Blumberg Song „Leben und Erleben Hoch zwei“ oder das im Frühjahr 2020 erscheinende „Donaustadt“ Lied und vieles mehr.

Stilistische Vielfalt von Jazz über Pop bis Rock ‘n‘ Roll ist Teil der erfolgreichen Arbeit

Für seine Kompositionen sitzt er ganz klassisch am Klavier mit Fresszettel und Bleistift. Und die Frage, die von vielen immer wieder gestellt wird: Was ist zuerst da? Die Melodie oder der Text? Worauf er antwortet: „Das ist eine Kombination aus beidem. Meistens steht da eine Textzeile, der ich eine Melodie gebe, die mir gefällt. Dann ergibt sich wieder eine Textzeile. Es ist ein bisschen, wie ein Gedicht schreiben, nur freier. Musik kann Versmaße auch brechen, das macht die Komposition oft interessanter. Wenn Text und Melodie dann stehen, gebe ich dem Werk noch ein passendes Arrangement, das die Stimmung des Textes tragen soll.“

Und auch seine stilistische Vielfalt von Jazz über Pop bis Rock ‘n‘ Roll ist Teil seiner erfolgreichen Arbeit. Sebastian Schnitzer scheint nie still zu stehen und sich auszuruhen, gründet neue künstlerische Projekte, die nicht nur mit Musik zu tun haben. „Du musst als Künstler immer wieder neue Wege gehen und deinen Horizont erweitern.“ Eine der neuesten Ideen ist das Kunstfilmprojekt „Waldgeheimnisse“, das er mit seinem Freund Tobias Ackermann ins Leben gerufen hat. Hier spiegelt sich seine Liebe zum Schwarzwald und den Menschen sehr stark wider. „Wir leben in einem einzigartigen Gebiet, das Menschen hervorbringt, die entdeckt werden müssen“, schwärmt Schnitzer.

In die Großstadt, dort wo es eine entsprechende „Musikszene“ gibt, hat es ihn somit nie gezogen. „Ich bin der Heimat treu geblieben, weil ich es spannend finde, was es hier noch für kulturelles Potential gibt.“ Und Sebastian Schnitzer leistet einen großen Beitrag, dass es hier viel Kultur gibt und bringt mit Freunden immer wieder neue Ideen voran. „Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht.“ Er könnte sich auch nicht vorstellen etwas anderes zu machen. „Es ist eine Mischung aus täglich Brot und Ventil, wenn ich mehrere Wochen keine Musik gemacht habe, weil ich auf Fernreise bin, dann kribbelt es mir nach ein paar Tagen schon in den Fingern“, gibt er lachend zu, und: „Sobald ich spiele, vergesse ich alles Alltägliche. Ich spüre jedes Mal den Flow, die Kraft, die von der Musik ausgeht. Wenn das nicht mehr ist, muss ich etwas anderes machen.“

Aber dass es nicht so weit kommt, dafür sorgen die unterschiedlichen Projekte, an denen er beteiligt ist, nicht nur musikalisch. So steht er immer mal wieder im Sommertheater des Theater am Turm auf der Bühne. 2019 war es das Stück „Wir sind dann mal weg“, vor ein paar Jahren das Stück „Wochenend und Sonnenschein“. Und bei beiden Aufführungen kam sein schauspielerisches, musikalisches und gesangliches Können zum Einsatz. Zusammen mit der Cousine, mit der er einst im Musikunterricht saß, führte er mehrere Jahre erfolgreich „Ist das Liebe oder kann das weg?“ in ganz Deutschland auf. „Dem Theater bleibe ich treu“, verspricht er seinen Fans und mit Sicherheit auch der Musik und seiner Heimat.

In die weite Welt jedenfalls hat es ihn beruflich nicht gezogen, ihm gefällt es hier in seiner Heimat. Er wohnt heute zusammen mit seiner Frau in Donaueschingen. In seiner Wohnung befindet sich sozusagen die musikalische Schaltzentrale. Dort komponiert er, probiert neue Ideen aus und manch ein Konzert gab es sozusagen schon direkt vor der Haustür, beispielsweise beim Donauquellfest – und auch sonst spielt er regelmäßig auf den Bühnen der Region.

Sebastian Schnitzer – der Mann am Klavier. Foto: Tobias Ackermann

 

 

Laskhana Sivakumar

Intelligent, sozial engagiert und ehrgeizig – eine junge Frau mit zwei Kulturen

von Barbara Dickmann

Sie ist jung und voller Power. Sie lacht gerne und ihre großen, dunklen Augen schauen selbstbewusst in die Welt und lange, schwarze, lockige Haare fallen in sanften Wellen auf ihre Schultern. Sie trägt Jeans und Bluse und sie weiß genau, was sie will. Mit anderen Worten: Eine ganz normale junge Frau des 21. Jahrhunderts, die ihr Leben selbstbewusst und eigenständig in die Hand nimmt… Nichts besonderes, denken Sie jetzt, doch das war ihr nicht in die Wiege gelegt, denn Laskhana Sivakumar wurde „in einer anderen Welt“ geboren und ist aufgewachsen in einem Land, in dem Frauen nicht sicher und Vergewaltigungen eine ständige Bedrohung sind.

Laskhanas Geschichte Laskhana besucht die Schule und die Familie Sri Lanka, anno 1999. Es herrscht Bürgerkrieg lernt mit dem Krieg zu leben. zwischen der singhalesischen Bevölkerungs-Im Jahr 2009 ist der Bürgerkrieg offiziell mehrheit und den Tamilen. Ratnasingham nach 30 Jahren zu Ende, doch die Gefahr bleibt. Sivakumar und seine Frau Nageswory freuen Die Familie wird aus ihrem Haus vertrieben sich über die Geburt ihrer Tochter Laskhana. und erhält einen Ort zugewiesen, an dem sie Ratnasingham Sivakumar ist Fotograf, seine leben kann. Es ist nur ein Asyl, keine neue Hei-Frau hütet Kind und Haus. Sie sind Tami-mat. Durch eine Bombe verliert der Vater einen len. 2002 wird ihr Sohn Latheesan geboren. Unterschenkel und die Angst wächst. Im Jahr

Laskhana Sivakumar – die junge Frau aus Sri Lanka ist mit Power und Ehrgeiz in ihr neues Leben in Deutschland gestartet.

 

 

2012 beschließt Ratnasingham Sivakumar zu fliehen – alleine. Er geht nach Deutschland und landet in einem Auffanglager in Karlsruhe und beginnt sofort seine Zukunft aufzubauen. Sein Ziel: Die Familie muss so schnell wie möglich nachkommen.

Laskhana, ihre Mutter und ihr Bruder sind sehr traurig. Knapp 8.000 Kilometer trennen sie vom Vater. Er fehlt! Die Mutter geht jetzt arbeiten. „Doch Geld ist in Sri Lanka nicht so wichtig“, erklärt Laskhana, „denn jeder hat dort seinen Garten und genug zu essen“.

Der Vater, schon immer interessiert an allem was mit Technik zu tun hat, lernt bei einem Onkel in Stuttgart Handys zu reparieren. Und sobald er arbeiten darf, findet er einen Job. Er ist sehr froh. Das Einkommen ist gesichert und er kann seine Familie in der Heimat unterstützen. Erst jetzt besucht er den ersten Deutschkurs.

2015 ist es soweit: Der Vater lebt in Villingen-Schwenningen, hat eine feste Arbeit, eine Wohnung, die groß genug ist und erfüllt somit alle Voraussetzungen, um seine Familie zu holen.

Sie freut sich auf den Vater,
doch alle ihre Freunde muss sie verlassen, ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Kultur – alles wird anders sein.

Laskhana, Bruder und Mutter brechen die Zelte ab und gehen nach Deutschland. „Das war zuerst sehr schlimm und ich war sehr traurig“, erzählt Laskhana. Sie freut sich auf den Vater, doch alle ihre Freunde muss sie verlassen, ihre Heimat, ihre Sprache, ihre Kultur – alles wird anders sein. Laskhana hat Angst!

Laskhana Sivakumar (vorne, 2. v. rechts) bei der Ehrung durch den Schwarzwald-Baar-Kreis. Landrat Sven Hinterseh (links) stellt ihr großartiges soziales Engagement besonders heraus.

 

 

Sie ist 15 Jahre alt, ihr Bruder 13, als das neue Leben in Villingen-Schwenningen beginnt. Ihr Bruder kann sofort die Schule besuchen, doch sie muss noch einige Monate warten. „Ich war für die eine Schule zu alt und für die andere zu jung,“ sagt sie. Doch Laskhana nutzt die Zeit.

Ihr erstes Ziel: Deutsch lernen. Sie besucht, gemeinsam mit ihrer Mutter, diverse Sprachkurse und jobbt nebenbei. „Ich konnte mich mit Englisch gut verständigen“. In dieser Zeit hat sie kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Das macht sie etwas traurig.

Ihr strahlendes Lächeln und ihre natürliche Freundlichkeit öffnen die Herzen

Laskhana ist 16, als sie das Vorqualifizierungsjahr Arbeit/Beruf (VAB) der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen in Angriff nimmt. Ein neuer Weg, um Jugendliche ohne Hauptschulabschluss zu fördern. Laskhana lernt viel und schafft einen guten Hauptschulabschluss. Mittlerweile hat sie Kontakt gefunden und der ist international, denn in ihrer Klasse sind junge Frauen aus Serbien, Syrien, Polen und Italien.

Parallel zur Schule arbeitet Laskhana als Praktikantin in einem iMobile Store – immer mittwochs nach der Schule. Von Technik hat sie keine Ahnung, sie sucht den Kontakt zu Menschen und wird Kundenberaterin. „Hier habe ich erst richtig Deutsch gelernt,“ sagt sie, denn ihr strahlendes Lächeln und ihre natürliche Freundlichkeit öffnen die Herzen. „Gerade ältere Menschen waren meine besten Deutschlehrer“, sagt Laskhana. Sie helfen ihr beim Sprechen und Schreiben und heute kann Laskhana nicht nur fast perfekt deutsch sprechen und schreiben, sie versteht auch den Inhalt von Briefen in „amtsdeutsch“, an dem so mancher verzweifelt.

Laskhana macht weiter. 2017 beginnt sie an der Kaufmännischen Schule 1 Villingen-Schwenningen die Berufsfachschule Wirtschaft mit dem Ziel, auch den Realschulabschluss zu schaffen. Laskhana ist ehrgeizig und lernt. Sie wird zur Klassensprecherin gewählt. Bald ist sie so gut in Betriebswirtschaftslehre und Mathe, dass sie nach der Schule Nachhilfeunterricht für einige Mitschüler gibt – immer dienstags und donnerstags. „Zuerst habe ich das kostenlos gemacht, doch das hat nicht funktioniert, sie haben nicht so richtig aufgepasst,“ lächelt Laskhana. „Doch als ich dann 10 Euro pro Stunde genommen habe, klappte das“. Das Geld behält sie nicht, sondern gibt es ihrem Klassenlehrer für die Klassenkasse. Sie ist in vielerlei Hinsicht äußerst sozial: Wenn Schüler krank sind, bringt sie ihnen die Aufgabenblätter vorbei. Sie sortiert und ordnet – und mit großer Freude hilft sie, wo sie nur kann.

Beeindruckende Leistungen

Wieviel Geld sie erarbeitet und gleich wieder für gemeinsame Klassenausflüge und Unternehmungen gespendet hat, weiß Laskhana gar nicht, doch ihr Lehrer weiß das genau und ist beeindruckt von dieser jungen Frau. Im Juli 2019 hält sie ihr Zeugnis in Händen. Laskhana hat den Realschulabschluss geschafft. Die Note: 1,3 – eine Leistung der Superklasse.

Doch was mindestens genauso zählt ist eine ganz besondere Auszeichnung, die sie erhält. Im feierlichen Rahmen wird ihr soziales Engagement gewürdigt. „Der Schwarzwald-Baar-Kreis als Schulträger der Kaufmännischen Schule 1 Villingen-Schwenningen zeichnet mit dieser Urkunde die Schülerin Lakshana Sivakumar für ihren hilfsbereiten Einsatz als Klassensprecherin und die Organisation und Durchführung von Nachhilfeunterricht für ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aus“, steht es dort schwarz auf weiß.

Landrat Sven Hinterseh hat diese wunderbare Urkunde unterzeichnet und noch einen besonderen Satz hinzugefügt: „ Es braucht

 

 

Menschen, die sich neben den schulischen Leistungen auch für das Miteinander stark machen“. Keine Frage, Laskhana ist so ein besonderer Mensch. Die Eltern und der Bruder sind sehr stolz. Zusätzlich zur Urkunde gibt es 100 Euro. „Vielleicht spende ich die“, sagt Laskhana, überlegt einen Augenblick und dann lacht sie: „Oder ich gebe es doch für mich aus!“

Das wäre mehr als nur in Ordnung, denn es waren harte Jahre: Nachhilfe erteilte sie dienstags und donnerstags – montags, freitags und samstags arbeitet sie in Singen. Und sie spart eifrig, denn vom ersparten Geld finanziert sie ihre Fahrstunden. Die Belohnung: Seit dem 23. Juli 2019 hat sie einen Führerschein.

Die Familie Sivakumar ist angekommen in Deutschland

Seit September 2019 ist Laskhana Auszubildende. Ihr Berufsziel: Industriekauffrau! „Rechnungswesen, Textverarbeitung, Büropraxis und alles, was zum Kaufmännischen dazugehört, macht mir viel Freude,“ sagt sie. Sie konnte sich ihre Lehrstelle aussuchen, denn bei jedem Vorstellungsgespräch überzeugt sie und jeden Test besteht sie. Schlechte Erfahrungen? Diskriminierung? „Aber nein“, sagt sie voller Überzeugung. „Noch nie!“

Auch Laskhanas Bruder Latheesan absolviert gerade die Ausbildung als Systemelektroniker und ihre Mutter arbeitet als Reinigungskraft.

Keine Frage, die Familie ist angekommen in Deutschland. Und doch läuft hier einiges anders. Laskhana raucht und trinkt nicht, die Disko und zu kurze Röcke sind tabu. Sie ist Hindu und lebt ihre Religion aus Überzeugung. Sie fühlt sich gut damit. „Ich bin gleichberechtigt mit meinem Bruder und habe Freiheiten, die es in meiner Heimat nicht für Frauen gibt“, sagt sie voller Überzeugung. Irgendwann möchte sie auch einen Ehemann und Kinder haben. „Doch das hat Zeit und arbeiten werde ich immer“, sagt sie sehr bestimmt.

Zu Hause sprechen sie tamilisch und kochen viele Gerichte aus ihr Heimat. Das gemeinsame Abendessen ist ein Ritual, das allen wichtig ist. Doch Sri Lanka wird wohl für immer tabu sein

21. Jahrhunderts. Sie lebt in Deutschland mit allen Fasern ihres Herzens.

und Verbindung können sie nur über Skype halten.

Sie ist jung, hat Power und weiß was sie will. Sie ist eine junge, selbstbewusste Frau des

21. Jahrhunderts. Sie lebt in Deutschland mit allen Fasern ihres Herzens. Ihre Heimat ist Sri Lanka, ihre Kultur, die in ihr steckt und mit der sie aufgewachsen ist, bewahrt und achtet sie. Aber auch deutsche Kultur, Gesetze und Regeln achtet, beachtet und befolgt sie. Laskhana Sivakumar hat den Spagat geschafft diese beiden Welten zu verbinden, obwohl sie knapp

8.000 Kilometer trennen.

Laskhanas nächstes Ziel: Die Deutsche Staatsangehörigkeit.

Laskhana Sivakumar freut sich auf ihre Zukunft in Deutschland. Nächstes Ziel ist die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft.

 

 

Sandra Heinichen

Die Frau vom Bau – Sandra Heinichen setzt eine lange Familientradition fort

von Daniela Schneider

Im Schwenninger Dickenhardt, oben am beschaulichen Waldrand gleich neben dem Kugelmoos gelegen, hat die Firma Heinichen Bau ihren Sitz. Das Traditionsunternehmen, 1894 von Karl Gustav Heinichen gegründet, ist eine absolute Familiensache – und das wird auch in der nächsten Generation so bleiben. Was für viele Betriebe vor allem im Handwerk längst keine Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr eher eine Seltenheit geworden ist, hat hier geklappt. Seit 2016 nämlich steht fest, dass Sandra Heinichen, Ur-Ur-Enkelin des Firmengründers, die Leitung übernehmen wird.

Obwohl die junge Frau und ihre Schwester als Kinder auf dem Firmengelände oft auf den Sand- und Kieshaufen spielend herumgekraxelt sind und im Büro des Bauunternehmens ein ums andere Mal ihre Schulaufgaben gemacht haben, war es nicht gerade vorgezeichnet, dass eine von ihnen einmal die Firmenleitung übernehmen würde. „Die Leitung eines Handwerksbetriebs habe ich mir einfach nicht zugetraut“, gibt Sandra Heinichen in der Rückschau unumwunden zu. Für sie kam es nach dem Abitur, das sie 2006 am Gymnasium am Deutenberg machte, nicht in Frage, in den Betrieb einzusteigen, den ihre Eltern Sabine und Hans-Jörg Heinichen seit 1991 führten. Also schlug sie einen anderen Weg ein und studierte am Schwenninger Campus der Hochschule Furtwangen University Internationale Betriebswirtschaft, gefolgt vom Marketing-Masterstudium an der Hochschule Heilbronn. Danach stieg sie bei der Marquardt-Gruppe in Rietheim-Weilheim im Kreis Tutt-

Sandra Heinichen: Die Junior-Chefin wird in wenigen

Jahren die Firmenleitung von Heinichen Bau ganz

übernehmen. Den wesentlichen Teil ihrer Arbeit erle

digt sie vom Schreibtisch aus. Aber auch auf der Bau

stelle ist die junge Frau immer wieder anzutreffen.

 

 

lingen ins Berufsleben ein. Drei Jahre war sie dort im Produktmanagement im Schalter- und Non-Automotive-Bereich tätig. Dabei galt es, sich viel technisches Know-how anzueignen, schließlich ging es um Komponenten und elektronische Baugruppen. „Ich musste mich stark in technische Themen einarbeiten – und dabei habe ich gemerkt, wie viel Spaß mir das macht“, berichtet sie, „es war gar nicht so ein Riesenbrett zu bohren, wie ich gedacht hatte.“

Im Laufe der Berufsjahre wuchs das Selbstvertrauen immer mehr. Sandra Heinichen fand raus: „Es ist nicht so schwer, auch in einer männerdominierten Berufswelt zu bestehen, wenn man gut ist.“ Mit der Zeit stellte sie sich auch die Frage, warum sie selbst eigentlich nicht gleich einen technischen Beruf ergriffen hatte. Das Interesse war eigentlich schon immer da gewesen – das Talent vermutlich auch. Mathematik und Physik zum Beispiel waren für sie in der Schule immer Fächer, die sie mochte und gut meisterte. „Ein Wirtschaftsingenieur-Studium wäre ideal für mich gewesen“, sagt sie in der Rückschau. Und: „Ich würde jede junge Frau ermutigen, ein technisches Studium in Erwägung zu ziehen.“

Entscheidung für den Familienbetrieb

Was für sie immer schon in Frage kam, war die Selbstständigkeit. Ihre Eltern hatten vorgelebt, wie das auch mit Familie gut gelingen kann und welche Vorteile es mit sich bringt. Als dann bei ihrem damaligen Arbeitgeber auch noch größere Umstrukturierungen in ihrer Abteilung anstanden, kam sie ins Grübeln. „Ich habe mich gefragt: Wo sind meine Ziele? Wo möchte ich hin?“, erinnert sie sich. Ja, warum eigentlich nicht in den Familienbetrieb? Der Gedanke kam ihr immer öfter. Der erste, mit dem sie diesen teilte, war ihr damaliger Freund, der heute übrigens ihr Ehemann ist. Beide kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass es einfach schön wäre, wenn der Familienbetrieb weitergeführt würde – und dass dies der richtige Weg für Sandra Heinichen sei. Als das geklärt war, verkündete sie vor drei Jahren dann ihren Eltern die frohe Botschaft. Die Freude, die damit ausgelöst wur-

Es ist nicht so schwer, auch in einer männerdominierten Berufswelt zu bestehen, wenn man gut ist.

de, war selbstredend groß. Zum einen bleibt die Firma so jetzt schon in Generation fünf in Familienbesitz, zum andern wäre es vermutlich sehr schwer geworden, sie an jemand anderen zu übergeben. Damit ging es Heinichens so wie vielen Handwerksbetrieben: Bei 37 Prozent aller Unternehmen im Gebiet der Handwerkskammer Konstanz sind die Inhaber 55 Jahre oder älter. In den nächsten zehn Jahren stehen damit rund 6.600 Unternehmen zur Nachfolge an. Und wahrlich nicht immer sind Söhne oder Töchter bereit, diese anzutreten.

Wenn es um die Nachfolge geht, ist eine familieninterne Übergabe längst nicht mehr vorgezeichnet. Nur noch 33,7 Prozent übergeben laut einer Erhebung der Handwerkskammer den Betrieb an die Kinder. Viele von ihnen wollen die unternehmerische Verantwortung nicht, berichten die Fachleute von der Handwerkskammer. Sandra Heinichen aber sieht es anders – zum Glück für die Firma und deren Mitarbeiter. Die freuten sich merklich und nahmen die Junior-Geschäftsführerin sehr positiv auf. Dass der ohnehin enge Zusammenhalt im Familienunternehmen nun weiter gepflegt wird, das steht für die Beteiligten fest, weiß Sandra Heinichen. „Der Zeitpunkt der Entscheidung war gut“, ist sie sich sicher.

Danach drückte sie übrigens noch einmal die Studienbank: In Konstanz hängte sie ein Bauingenieurstudium dran. „Hier habe ich die theoretische Seite mitgenommen, wenn es zum Beispiel um statische Berechnungen geht“, zieht sie Bilanz. Praktisch anwendbares Wissen allerdings wurde eher nicht vermittelt. Das holte sie sich stattdessen direkt am Bau: In den Sommerferien ging’s jeweils für mehrere Wochen mit den Mitarbeitern jeden Tag mit auf die Baustelle. Das wird ihr helfen, wenn es später mal darum geht, die Leute einzuteilen, Angebote zu kalkulieren und schlichtweg Bescheid zu wissen,

 

 

Spatenstich bei Heinichens: Klar, dass das Eigenheim von Sandra Heinichen und Ehemann Stefan im Schwenninger Steinkirchring quasi komplett in Eigenleistung gebaut wird. Vater Hans-Jörg Heinichen freut sich darüber.

„Ich hab‘ armiert, ich hab‘ betoniert – ich hab‘ eine Rüttelplatte bedient“, fasst die zierliche Junior-Chefin nicht ohne Stolz zusammen.

wie es ist, mit der Maurerkelle zu hantieren. „Ich hab‘ armiert, ich hab‘ betoniert – ich hab‘ eine Rüttelplatte bedient“, fasst die zierliche Junior-Chefin nicht ohne Stolz zusammen.

Dass sie dabei eine ganz gute Figur machte, bestätigten ihr auch die Kollegen. „Körperlich bin ich schon an meine Grenzen gekommen“, berichtet sie trotzdem lachend: „In der ersten Woche auf der Baustelle war ich abends tot.“ Großen Respekt zollt sie den Leistungen der Mitarbeiter, zumal denen, die dem Betrieb seit vielen Jahren die Treue halten. Allerdings macht der Fachkräftemangel auch vor dem Schwenninger Bauunternehmen nicht Halt. Deshalb zählt es schon jetzt zu den wichtigen Aufgaben von Sandra Heinichen, auch nach außen zu tragen, dass ein Arbeitsplatz im Baugewerbe eine relativ sichere Bank ist („gebaut wird immer“) und gerade in der Lehrzeit vergleichsweise gut bezahlt wird.

Jeden Tag Neues erleben

„Leider ist das Image des Bauarbeiters schlecht“, weiß die Junior-Geschäftsführerin aber auch. Der Beruf eines Maurers oder Betonbauers sei dabei doch anspruchs- und verantwortungsvoll und „jeden Tag erlebt man etwas Neues“, betont sie und ergänzt: „Man sieht immer, was man gemacht hat.“ Im nächsten Jahr nun geht der langjährige Bauleiter in Rente. Danach werden sich Sandra Heinichen und ihr Vater die Aufga-

 

 

Eine Giebelwand hochziehen? Sandra Heinichen weiß wie es geht.

ben an der Firmenspitze teilen. Die Eltern leiten den Betrieb hauptverantwortlich noch bis 2025, danach übernimmt die Tochter ganz.

Ob sie denn dann viele Veränderungen vor hat? Die 32-Jährige gibt Entwarnung: Das Unternehmen gründet auf Erfahrung und auf diese wird auch sie sich verlassen. Das heißt aber nicht, dass sie sich nicht auch selbst mit neuem Elan einbringen will. „Im Handwerk passiert vieles noch sehr hemdsärmelig“, meint sie, da kann es nicht schaden, wenn jemand mit der Erfahrung aus dem professionellen Produktmanagement auf die Abläufe schaut. So gibt es bei Heinichen Bau seit rund einem Jahr nun schon eine mobile Zeiterfassung per App übers Handy, die nach anfänglicher Skepsis mittlerweile auch bei den Mitarbeitern gut ankommt, weil sie vieles vereinfacht, berichtet Sandra Heinichen.

Besonders am Herzen liegt ihr im Übrigen das schlüsselfertige Bauen. Seit rund zwei Jahren bietet Heinichen Bau individuell geplante, schlüsselfertige Massivhäuser an. „Dabei sind wir der Ansprechpartner für die Bauherren. Wir entwerfen und planen das Haus für unsere Kunden, machen alle Erdarbeiten und den Rohbau selbst und beauftragen für alle anderen Gewerke Handwerker aus der Region“, berichtet die Junior-Chefin.

„Das ist meine Heimat, ich bin hier zuhause.“

Zu ihrem Schritt, sich für den elterlichen Betrieb zu entscheiden, passt auch ihr Bezug zu der Gegend, in der sie daheim ist. Über Schwenningen und den Schwarzwald-Baar-Kreis sagt sie: „Das ist meine Heimat, ich bin hier zuhause.“ Familie und Freunde leben hier. Dass sie sich als „bekennender Kleinstadtmensch“ hier wohl fühlt, wo alles in vertretbarer Entfernung zu erreichen ist, es „viel Grün drum herum gibt“ und es „noch persönlich zugeht“, daran lässt die 32-Jährige keinen Zweifel. In einer wirtschaftlich erfolgreichen, stabilen Region zu leben, spiegle sich einfach in der guten Lebensqualität wider.

Dabei ist es keineswegs so, dass es sie nicht auch einmal in die Ferne gezogen hätte: Nach dem Abitur war sie drei Monate in Australien. Später absolvierte sie ein Praktikum in Barcelona, ein Auslandssemester verbrachte sie in Peru in Lima, wo sie zwar an einer privilegierten Uni landete, aber doch die große Armut im Land sah. Vielleicht rührt daher auch ihr Engagement im Lions-Club Triberg-Schwarzwald. Dem Ser-vice-Club, der sich die Unterstützung sozialer Projekte zur Aufgabe gemacht hat, stand sie zuletzt sogar als Präsidentin vor, mal ganz abgesehen davon, dass sie im selben Jahr noch geheiratet hat und zusammen mit ihrem Mann auch noch ein Haus baute, das übrigens das erste schlüsselfertig gebaute von Heinichen Bau war. Die Bauherrin hat es zusammen mit ihrem Vater selbst entworfen, geplant und umgesetzt. Da wurde die Zeit für die Hobbys wie Joggen, Mountainbiken oder Wandern schon mal knapp. Für die „Frau vom Bau“ ist das aber kein Problem – sie hat sich für dieses Leben entschieden und es bisher noch kein bisschen bereut.

 

 

Karl Gustav Heinichen

HEINICHENBAU – DAS UNTERNEHMEN

Der Maurer Karl Gustav Heinichen, der aus Camburg an der Saale stammte und 1892 zum Aufbau der abgebrannten Zündholzfabrik aus Thüringen nach Schwenningen gekommen war, gründete 1894 hier ein Bauunternehmen samt Baustoffhandel.

Viele Wohnhäuser im Neckarstadtteil zum Beispiel wurden von Heinichen gebaut. Um die Jahrhundertwende wagte sich der fleißige Fachmann an größere Industriebauten, die Firma erarbeitete sich einen Namen auch über die Stadtgrenzen hinweg. Zusätzlich zum Baubetrieb eröffnete Karl Gustav Heinichen 1914 auch noch eine Gastwirtschaft, das „Deutsche Haus“ im Neckarstadtteil Schwenningens. 1923 übernahmen die Söhne Karl und Oskar Heinichen den Betrieb des Vaters und führten ihn unter der Bezeichnung „Karl Heinichen Söhne“ fort. Unter ihrer Führung wuchs der Betrieb rasch, sodass bis zu 250 Mitarbeiter beschäftigt werden konnten. Den Baustoffhandel des Vaters führten sie nicht mehr weiter, dafür kam zum Bauunternehmen ein Kalksteinbruch mit Schotterwerk hinzu.

Eine schwere Zäsur gab es durch den Zweiten Weltkrieg: Fast die Hälfte der Mitarbeiter wurde zum Bunkerbau verpflichtet und zum Ende des Krieges stand das Unternehmen kurz vor dem Niedergang, da kaum ein Mitarbeiter aus dem Krieg zurückkehrte und etliche Geräte verloren gegangen waren. So musste der Betrieb 1946 vollständig neu aufgebaut werden. Es gelang dem Unternehmen, am allgemeinen Wirtschaftsaufschwung teilzuhaben und wieder auf eine ansehnliche Größe von 125 Mitarbeitern heranzuwachsen.

Der erste Firmensitz.

Als Karl Heinichen Ende 1963 aus dem Unternehmen ausschied, übernahm sein Neffe, Oskar Heinichens Sohn Oskar Heinichen Junior, seine Stelle. Bereits in den 60er-Jahren war die Firma ein sehr fortschrittliches Unternehmen und begann, als eines der ersten in der Baubranche, Fertigteile herzustellen.

1972 wurde das Unternehmen schließlich in eine KG umgewandelt, wobei die Geschäftsführung Oskar Heinichen Junior als Komplementär übertragen wurde. Ein weiterer bedeutender Einschnitt in der Firmengeschichte war im März 1977 die vollständige Übernahme der Schwenninger Frischbeton GmbH & Co.KG, die 1964 von einigen Schwenninger Baubetrieben gegründet worden war. Der Firmensitz beider Betriebe wurde im ehemaligen Betriebsgebäude der Schwenninger Frischbeton im Dickenhardt 4 zusammengelegt, wo sich das Bauunternehmen auch heute noch befindet.

Durch den plötzlichen Tod von Oskar Heinichen jr., im Juli 1991, übernahm sein Sohn Hans-Jörg Heinichen den Baubetrieb in der vierten Generation. Tatkräftige Unterstützung erhielt der Bauingenieur durch seine Frau Sabine Heinichen, die als Betriebswirtin des Handwerks die kaufmännische Leitung des Unternehmens übernahm. Im Jahr 2019 konnte Heinichen Bau 125-jähriges Bestehen feiern – und den Fortbestand dank Sandra Heinichen, die die Firma samt 25 Mitarbeitern weiterführen wird.

 

 

Christophe Herr

Eine junge Energie, die altes Handwerk antreibt

von Susanne Kammerer mit Fotos von Wilfried Dold

 

 

„Ich bin stolz auf das, was unsere Vorfahren geschaffen haben“, sagt Christophe Herr. Der 41-jährige Holzbildhauer fertigt in seiner Firma „Robert Herr Kuckucksuhren-Unikate“ in Schonach hochwertige Uhren. In einer Werkstatt, wie sie ursprünglicher nicht sein könnte. Dabei ist er nicht einfach „nur Handwerker“, sondern ein weithin angesehener Botschafter der traditionellen Schwarzwälder Handwerkskunst – ein Kuckucksuhrenschnitzer von Rang!

Christophe Herr mit einigen seiner liebsten Stücke – Kuckucksuhren mit schwarzem Antikwachs behandelt. Rechte Seite: Beim Schnitzen eines Jagdstückes, der nach wie vor beliebtesten Kuckucksuhr.

Die Ohren sind getunnelt, die Kleidung ist mit Jeans und T-Shirt lässig. Christophe Herr ist ein Typ, der nicht so recht zu dem vermeintlich alten und staubigen Beruf des Uhrmachers passt. Gerne wird er als Revoluzzer bezeichnet. Im positiven Sinne: Der Schonacher ist Revoluzzer, aber einer, der sich nicht vor der Moderne und dem Zeitgeist verschließt, sich dem traditionellen Handwerk jedoch verpflichtet fühlt und es unbedingt wahren möchte: „Eine Kuckucksuhr ist kein Souvenir, sondern Handwerkskunst“, sagt er. „Man sollte die Geschichte, die dahinter steckt, nicht vergessen“. Und gerade diese Geschichte ist es, die die Kuckucksuhr so untrennbar mit dem letzten Uhrendorf des Schwarzwaldes, mit Schonach verbindet.

Familienbetrieb in fünfter Generation

Und diese geht weit zurück. Das Handwerk wurde über die Jahrhunderte stets verbessert und verfeinert – dieses Wissen gelte es, zu beschützen. Für Christophe Herr Passion und Familientradition gleichermaßen. In fünfter Generation führt er den Familienbetrieb, der nach seinem Urgroßvater Robert Herr benannt ist. Die Kuckucksuhren-Fabrikation wurde im Jahr 1868 gegründet. Damit sei man der älteste,

 

 

Auf Grundlage einer Schablone wird die Grundform der Kuckucksuhr aus einer Holzplatte herausgesägt. Auch das braucht Fingerfertigkeit. Dann folgt die Schnitzarbeit, die Christophe Herr tief und individuell ausführt wie die Beispiele links zeigen.

noch bestehende Hersteller für Schwarzwalduhren dieser Art. In der Zeit des Schwarzwald-uhren-Booms arbeiteten bis in die 1970er-Jahre in der Firma mehr als vierzig Beschäftigte und produzierten Serienuhren.

Ab 1981 kam es unter der Regie von Kuno Herr, Christophes Großvater, zur Veränderung: Man konzentrierte sich wieder auf die Wurzeln der Schwarzwalduhren-Herstellung und stellt seither ausschließlich Einzelstücke her. Das Motto: Jede Uhr wird zu 100 Prozent in Handarbeit gefertigt und bekommt dann auch eine entsprechende Signatur. „Jemand, der eine Kuckucksuhr kauft, will kein Massenprodukt, sondern auch eine Geschichte dazu haben“, ist Christophe Herr überzeugt. Jede Kuckucksuhr wird von Christophe Herr oder seinem Vater Hubert Gasche komplett von Hand geschnitzt, in einem aufwendigen Verfahren gewachst oder gebeizt und anschließend das mechanische Uhrwerk verbaut.

Mit acht Jahren schnitzte er die erste Uhr

Für den Schonacher war von klein auf klar, dass er die Firma seines Opas eines Tages übernehmen wird. Das Handwerk hat ihn von Anfang an begleitet, bereits mit acht Jahren schnitzte er seine erste Uhr: ein Muttertagsgeschenk für seine Mutter. „Sie hat sie immer noch“, lächelt Herr. Mit gerade mal 22 Jahren übernahm er den Familienbetrieb. „Das war nie eine Last, geschweige denn Arbeit. Für mich bedeutet das Herstellen von Kuckucksuhren einfach nur Spaß“, sagt Herr.

 

 

In den ersten zehn Jahren der Berufstätigkeit von Christophe Herr standen drei Generationen Seite an Seite an der Werkbank: Großvater Kuno, Vater Hubert und Enkel Christophe. Heute sind es Vater und Sohn. Die Nachwuchssorgen in diesem Handwerk sind groß. Der kreative Beruf verlange gleichermaßen Fantasie und Geduld ab. „Man muss auch mal Durststrecken durchstehen, denn es dauert eine Weile, bis man das Ergebnis sieht“, betont Christophe Herr. Eine Arbeitsweise, mit der junge Leute heute oft nichts mehr anfangen können, äußert er seine Sicht der Dinge. „Wenn man das Ergebnis nicht innerhalb von zehn Minuten sieht, ist es sofort langweilig“, bedauert der Holzbildhauer. Dabei ist die Arbeit äußerst vielfältig.

Das Jagdstück, die beliebteste Kuckucksuhr

Christophe Herr kreiert seine Kuckucksuhren selbst, er entwickelt neue Designs und reproduziert alte klassische Modelle, die in vielen Haushalten – national und international – einen besonderen Platz gefunden haben. In seiner Werkstatt hängen die Schablonen für Uhrengehäuse dutzendfach an den Wänden, die Bandbreite der Möglichkeiten ist groß. Drei Jahre trocknen die Bretter, bevor er sie zu Streifen sägt und zu einer Platte verleimt. „So gibt es später keine Risse“, erläutert Christophe Herr. Dann legt er eine der Schablonen auf das Holz und sägt die Form der Uhr aus. Danach beginnt die Schnitzarbeit: Pflanzen, Tiere, Menschen oder Ornamente schnitzt er mit unglaublicher Fertigkeit ins Holz. Die beliebteste Schwarzwalduhr ist nach wie vor das Jagdstück – eine Kuckucksuhr mit Jagdwaffen, Waldhörnern, erlegtem Hasen und Hirschkopf mit Geweih. Solche Uhren fertigt Christophe Herr auch in 1,50 Meter Größe – stets eine besondere Herausforderung.

Die Werke seiner traditionellen Uhren stammen von der SBS-Feintechnik. Der Welt-

 

 

marktführer produziert seine hochwertigen mechanischen Uhrwerke nur einen Kuckucksruf von der Werkstatt entfernt. Und auch die Blasebälge kommen aus Schonach, gefertigt von der Holzwarenfabrik Kienzler. Die kleinen Kuckucksfiguren sind ausschließlich selbst geschnitzt. Ihre metallenen Flügel, die sich beim Kuckucksruf bewegen, stellt ein Bekannter des Schnitzers in seiner Werkzeugmacherei her.

„Eine Kuckucksuhr lebt von der Schnitzerei“, sagt Christophe Herr. Die hochwertige Individualität der Kuckucksuhren von Christophe Herr ist es, die der Manufaktur nach wie vor die Auftragsbücher füllt. Diese sind sogar übervoll und der dadurch zum Ausdruck kommende Erfolg gibt seiner Philosophie Recht.

Kundschaft über den ganzen Globus verteilt

Die Kundschaft der Firma „Robert Herr Kuckucksuhren-Unikate“ ist über den gesamten Globus verteilt. Der gute Ruf der Produkte hinsichtlich Qualität, Optik und Präzision sorgt dafür, dass der Kundenkreis vom Sammler bis zum Adel reicht. Für Prinz Bernhard von Baden schnitzte er vor einigen Jahren eine „echt badische Kuckucksuhr“. Natürlich mit dem badischen Wappen.

Und ebenso stehen Scheichs auf der Kundenliste – aber auch Persönlichkeiten wie Erik Pretorius. Der Südafrikaner, dessen Vorfahren einst die Stadt Pretoria gründeten, ist mit einer Nachfahrin der Familie Krüger (Krüger Nationalpark) verheiratet. Er bestellte bei dem Schonacher eine Uhr, die die Wappen beider Familien vereint. Christophe Herr schuf eine 1,50 Meter hohe Kuckucksuhr, die sein Kunde voller Freude als „absolutes Meisterstück“ bezeichnete.

Die Kuckucksuhr – ein Stück Heimat

Das Ladengeschäft von Christophe Herr befindet sich direkt neben der Werkstatt. Dort hängt eine feine Auswahl verschiedenster Modelle an der Wand. Es handelt sich um Traditionsuhren: Kuckucksuhren mit Weinblättern auf dem Schild, aber auch mit Fasanen oder Vogelnestern. Die aktuelle Entwicklung bei der Kuckucksuhrengestaltung ist für Christophe Herr ein sensibles Thema. Dem Trend zu modernen, farbigen Uhren kann er nichts abgewinnen. Eine Kuckucksuhr sei kein Souvenir, sondern Kunst und gehöre nicht in die Geschenksegmentecke, so seine Argumentation.

Für ihn verkörpern Kuckucksuhren die Heimat, sind ein wichtiges Stück seiner eigenen Identität – das kommt bei den Kunden gut an. Sie schätzen es, den Künstler, der ihre Uhr geschaffen hat, persönlich im Verkaufsraum anzutreffen. Auch eine Werkstattführung ist immer wieder drin. „Nicht nur der Verkauf ist wichtig, ich will den Leuten zeigen, wie wir arbeiten“, sagt der Holzbildhauer. Dabei gelingt es ihm scheinbar mühelos, seine Begeisterung für das Handwerk und die Kuckucksuhr auf sein Gegenüber zu übertragen.

Christophe Herr ist ein besonderer Botschafter seiner Branche. Er hat einem alten Hand-

Blick in die Schonacher Kuckucksuhrenwerkstatt von Christophe Herr. Sie sieht exakt so aus, wie man sich so eine Werkstatt im Schwarzwald vorstellt.

werk neuen Schwung verliehen. Und das auf höchstem Niveau – mit 100 Prozent Handarbeit, als Manufaktur mit weltweitem Vertrieb und Service.

 

 

So schmeckt Liebe

Luisa Zerbo – jung, mutig, kreativ

von Barbara Dickmann

Sie sind verabredet mit netten Menschen. Das Restaurant haben Sie ausgesucht, einen Tisch reserviert und sind nun sehr gespannt, denn es ist Ihr erster Besuch. Pünktlich um 19 Uhr öffnen Sie die Tür und freuen sich. Das Restaurant „Da Gino“ ist sehr sauber aber nicht steril, liebevoll dekoriert aber nicht überladen. Ein angenehmer Duft liegt in der Luft, die Tischdecke ist strahlend weiß und das Besteck blinkt und blitzt.

Ein freundlicher Kellner begrüßt Sie mit strahlendem Lächeln und legt Ihnen die Speisekarte vor. Sie ist nicht groß, hat aber ein farbenfrohes Angebot mit etlichen Varianten und ganz besonders was die Beilagen betrifft. Auch ein paar ausgefallene Gerichte sind dabei. Der Wein wird gebracht und Ihre Sonderwünsche (nein, bitte keinen Reis, sondern Nudeln!!) werden mit einem Lächeln und einer Selbstverständlichkeit aufgenommen, dass Ihnen ganz warm ums Herz wird.

Die Stimmung am Tisch ist super. Und als das Essen nach 20 Minuten kommt, wird sie noch besser. Man sieht, riecht und schmeckt es schon beim ersten Bissen – alles frisch, gute Zutaten und einfach lecker. Und sobald ein Glas leer ist, fragt Ihr aufmerksamer Keller sehr diskret, ob noch etwas zu trinken gewünscht sei. Das war es an diesem Abend ziemlich oft, denn das Auto war zu Hause geblieben. Als dann die Rechnung kam, war keiner erschrocken. Alles ok, Preis-Leistungsverhältnis völlig in Ordnung und der Kellner hatte sich an diesem Abend sein Trinkgeld nun wirklich verdient.

Mal ehrlich, liebe Leserin und lieber Leser. So oder ähnlich sollte ein Abend in einem Restaurant aussehen, denn Sie gehen ja nicht nur dahin, um satt zu werden. Doch wie oft erleben Sie das, wo finden Sie heute noch Gastronomen mit Leidenschaft und mit Liebe zum Kochen? Es gibt sie, keine Frage!

Dienstag 11 Uhr. Das „Da Gino“ , ein italienisches Restaurant in Villingen-Schwenningen ist leer. Nur ein einsames Macaron und ein Rhabarbertörtchen mit Baiser, Estragon und Erdbeeren liegen in einer kleinen, gläsernen Café-Theke – winzige Reste vom Vortrag, denn übrig bleibt von diesen Köstlichkeiten so gut wie gar nichts. Von 14 bis 17 Uhr, zur besten Kaffeezeit, werden Maracons und feines Süßes im „Da Gino“ angeboten, zur Freude aller Genießer, die mal etwas anderes als Käsekuchen essen möchten.

Das italienische Restaurant Da Gino in VS-Schwenningen.

 

 

Dienstags ist Ruhetag im „Da Gino“, doch aus der Küche kommen verdächtige Geräusche. Dort wird nicht auf- oder eingeräumt, sondern geschnitten, geraspelt, geschlagen, gerührt, geschüttelt, geknetet und was nicht alles. Denn Luisa Zerbo, 30 Jahre jung, ist an ihrem Lieblingsplatz, ist in ihrem Element – in der perfekt eingerichteten Gastro-Küche des „Da Gino“. Mit Liebe und Leidenschaft kocht, brät und backt sie. Ausgestattet mit einem unglaublich hohem Wissen über die exotischten Obstsorten, über sämtliche Gemüsesorten, Fleisch oder Fisch. Doch auch über Gluten, Lactose und die Wir-

Mehr von Luisa Zerbo und ihrer Back- und Kochkunst gibt es u.a. im Internet: Facebook: /geschmackssinnblog Instagram: @soschmecktliebe

kung von übermäßigem Zuckerkonsum kann sie referieren und genau erklären, wie und was man tun oder lassen sollte.

Den Weg in die Küche fand Luisa nicht sofort. Ihr Lebensweg ist gezeichnet von Zufällen, glücklichen Umständen und davon, dass sie mutig ist und Chancen erkennt und ergreift.

 

 

Hier ihre Geschichte: Luisa

Luisas Mutter war Deutsche und ihr Vater ist Sizilianer. Geboren und aufgewachsen ist sie in Villingen-Schwenningen. Gino Zerbo ist selbstständiger Gastronom. Die Pizzeria „Da Gino“ wird Luisas zweites Zuhause, doch sie denkt nicht daran in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Sie absolviert eine Ausbildung zur Maßschneiderin und Designerin

– findet aber keinen passenden Job und arbeitet in der Gastronomie. Nach einem Jahr beginnt sie ein Studium und schließt mit dem „Bachelor of Arts Modedesign“ ab.

Ihre erste Stelle als Designerin führt sie nach Trier. Sie leitet ein Atelier, gibt Nähkurse und ist trotzdem nicht ausgelastet. „Ich bin nicht so kontaktfreudig,“ sagt sie, „und habe damals nach etwas gesucht, womit ich mich beschäftigen kann“.

Luisa beginnt einen „food blog“ auf Instagram. Er wird immer erfolgreicher. Und Luisa verändert sich: Anstatt an Mode und Design zu denken, fallen ihr immer wieder neue Geschmackskreationen ein, Rezepte mit ungewöhnlichen Zutaten. Bald hat sie neben der Nähmaschine einen Block liegen und schreibt auf, was ihr in den Sinn kommt. „Natürlich habe ich meine Arbeit gemacht,“ berichtet Luisa, doch immer mehr denkt sie ans Essen. Ihr ganzes Geld gibt sie für hochwertige – manchmal exotische Zutaten aus und kocht und backt – kreiert und steigt ein in das große Thema „gesunde Ernährung“. Sofort nach der Arbeit steht sie am Herd und hat so unglaublich viel Spaß dabei.

Ihre Mutter ist ihre Vertraute und beste Freundin. Und mit ihr spricht sie viel. „Am liebsten möchte ich den ganzen Tag nur backen und kochen,“ gesteht sie ihr in einer stillen Stunde und die Mutter horcht auf. Soll ihre Tochter im erlernten Beruf bleiben, obwohl ihre Leidenschaft ganz woanders liegt? Ihr Rat ist eindeutig. Ihre Tochter soll glücklich sein und Luisa kündigt. „Schweren Herzens, denn ich wusste nicht wie es weitergehen soll!“ Wer würde sie einstellen – ganz ohne Ausbildung?

Torten vom Feinsten – Luisa Zerbo ist vielseitig begabt.

Luisa überlegt Konditorin zu werden und

eine entsprechende Lehrstelle zu suchen. Doch dazu kommt es nicht, denn eine Kundin von ihr ist Leà Lister, bekannte Sterne-Köchin aus Luxemburg. „Du kommst zu mir“, sagt sie und bietet ihr in ihrer Patisserie zuerst eine Praktikumsstelle an. „Probier es“, sagt die Mutter und Luisa springt ins kalte Wasser. Sie ist jetzt 26 Jahre alt, lernt französisch und arbeitet bald in allen drei Betrieben von Leá Lister. „Von Trier nach Luxemburg war super“, erinnert sich Luisa gerne an diese Zeit.

Am 30. Juni 2016 stirbt Luisas Mutter. Luisa leidet sehr unter dem Verlust. Sie verlässt Luxemburg und Leá Lister und geht zurück, denn der Vater ist jetzt alleine. Luisa steigt voll ein, verändert die Speisekarte und präsentiert eine neue italienische Küche. Irgendwann in

der Nacht füllt sie einfach mal den Bewerbungsbogen für „The Taste“ aus, einer Kochshow , die SAT 1 ausstrahlt. Mit dem Erfolg ihrer neuen Speisekarte ist sie nicht zufrieden, irgendwie wollen die Gäste nicht so recht. Luisa muss verändern und fühlt dabei, dass ihre Kreativität auf der Strecke bleibt.

Luisa überlegt – und im Oktober 2017 eröffnet sie ihr eigenes Nachmittags-Càfe im „Da Gino“. Französische Pastisserie vom Feinsten,

 

 

kleine Törtchen, Maclairs (eine Kombination aus Maracon & Eclair und eine Sünde wert), oder salzige Haselnuss Macarons mit Muskatblüte und viele, viele weitere bekannte und exotische Köstlichkeiten bietet sie seitdem an. „Das ist einfach ideal, hier kann ich meine Kreativität ausleben,“ erklärt Luisa.

Und noch etwas passiert im Oktober 2017: Luisa ist im Fernsehen. „The Taste“, die Kochshow in fünf Staffeln beginnt. Hobby- wie Profiköche werben um die Gunst von vier Coaches und müssen etliche Köstlichkeiten backen, braten, kochen. Von 1.000 Bewerbern sind nach

Torten und Törtchen, Maclairs und weitere Köstlichkeiten bietet die Konditorei von Luisa Zerbo.

verschiedenen Bewerbungsrunden ganze 40 übrig. Und Luisa ist dabei. Ihre Macarons mit Lachstatar verzaubern Coach Roland Trettl, einen sehr bekannten, deutsch-italienischen Koch und Buchautor.

Luisa schafft es bis zum Finale im Dezember 2017, erst in der letzten Runde scheitert sie. Luisa durchlebt die unterschiedlichsten Gefühle. Sie ist froh über den Erfolg und doch ein biss

 

 

chen enttäuscht. „Das war eine ganz besondere Erfahrung“, sagt sie. Und nicht nur das, denn Luisa ist auf einmal in aller Munde. Der Kneesebeck-Verlag möchte mit ihr ein Kochbuch herausbringen. Luisa ist begeistert und macht sich an die Arbeit. Alles könnte so schön sein!

Doch im August 2018 meldet sich die Handwerkskammer Konstanz. Einige Anrufer hätten mitgeteilt, dass Luisa das Konditorhandwerk ohne entsprechende Ausbildung ausübe und das sei verboten. Luisa ist sprachlos. Doch nicht lange, denn ihre höhere Bildung, ihr Studium mit Abschluss ebnen den Weg. Sie wird zu einer Sonderprüfung zugelassen und am festgesetzten Termin stehen die Prüfer morgens um acht Uhr in Luisas Küche. Sie bleiben bis abends um 18 Uhr. Das volle Programm! Theorie und Praxis und alles, was es nur gibt. Doch Luisa besteht und ein Stein fällt ihr vom Herzen. Sie muss nichts mehr fürchten und könnte sich sogar in die Handwerksrolle eintragen lassen.

Kochbuch der besonderen Art erscheint

Am 10. Oktober 2018 ist es soweit. „So schmeckt Liebe: Gesundes Soulfood, das dich glücklich macht“ kommt auf den Markt – ein Kochbuch der besonderen Art. Die Autorin: Luisa Zerbo – und die ist mindestens genauso glücklich.

Ein Jahr nach dem großen Ereignis ist Luisas Leben bunt und vielfältig. Sie gibt Kochkurse, „Die Muskeltiere“ ihr neues Kinderkochbuch ist seit September auf dem Markt, sie ist die Juniorchefin des „Da Gino“ und ihre Leidenschaft ist eher größer geworden. „So schmeckt Liebe“ ist mittlerweile ihre eigene, geschützte Marke. Ihre Liebe zum Beruf, ihre Kreativität, lassen eine bunte Vielfalt von Süßem und Salzigen entstehen, das auf der Zunge zergeht, lassen Geschmackserlebnisse wahr werden, die unglaublich sind. Und doch liebt Luisa auch die „einfache“ Küche ihrer Großmutter. Im „Da Gino“ gibt es beides und alles in einer hervorragenden Qualität. Sie freuen sich auf einen Abend mit gutem, freundlichen Service und einem Essen, das nach Liebe schmeckt. Keine Sorge, es gibt sie noch, die Köche, die leidenschaftlich sind und gerne für Sie arbeiten.

Lauch im Schinkenmantel mit Schweizer Bergkäse

Die Zutaten: 3 Stangen Lauch 6 Scheiben Landschinken Béchamelsauce 100 g Schweizer Bergkäse, gerieben Salz und frisch gemahlener schwarzer Pfeffer

Den Backofen auf 180 °C (Umluft) vorheizen, und den Lauch von den äußeren Blättern sowie dem unteren Ende befreien, das Gemüse waschen und quer dritteln. Das obere Drittel für Gemüsebrühe benutzen.

In einem Topf reichlich gesalzenes Wasser zum Kochen bringen und die zwei unteren Drittel des Lauchs darin etwa 15 Minuten garen. Herausnehmen und gut abtropfen lassen. Die gekochten Lauchstangen mit dem Schinken ummanteln und in eine Auflaufform legen.

Die Béchamelsauce auf und um die Lauchstangen verteilen, alles mit dem geriebenen Bergkäse bestreuen. Den Lauch im Ofen etwa 30 Minuten überbacken. Am besten in der Auflaufform und nach Belieben mit Salz und Pfeffer bestreut servieren.

Entnommen dem Kochbuch „So schmeckt Liebe“ von Luisa Zerbo, Verlag Knesebeck

 

 

Weltberühmt:

Hexenlochmühle – Die schönste Mühle des Schwarzwalds

Jede Tourismusregion, die eine technische Sehenswürdigkeit zu bieten hat, schätzt sich glücklich. Die Hexenlochmühle, die einzige Mühle im Schwarzwald mit zwei Mühlrädern, ist so ein Glücksfall und weltberühmt. Sie darf für sich in Anspruch nehmen, eine der schönsten – wenn nicht die schönste – Schwarzwaldmühle überhaupt zu sein.

 

 

von Elke Schön

Die Mühle im romantisch-malerischen Hexenloch ist so bekannt wie der Feldberg oder die Triberger Wasserfälle. Selbst in der New York Times war sie abgebildet und findet sich in jedem Schwarzwald-Reiseführer weltweit wieder. Sie ist eine technische Besonderheit – und bietet einen idealen Platz zum Verweilen: Wanderwege vom Balzer Herrgott aus, dem Brenners-loch oder der Wildgutach führen hierher. Die Sonne, die im engeren Tal des Oberlaufs weniger zur Geltung kommt, legt sich hier an und kann bis in den Nachmittag hinein freundliches Licht und Wärme verbreiten, bis sie von den Höhen des Glasbergs abgeschirmt wird. Januar und Februar allerdings sind für die Besitzer der Hexenlochmühle die lichttechnisch schwierigste Zeit, dann scheint die Sonne um die Mittagszeit gerade einmal eine Stunde lang.

Immer enger wird das Bachbett unterhalb der Mühle. Und dort, wo der Glaserbach auf Dreistegen zufließt, sich mit dem Heubach vereinigt und als Wildgutach westwärts windet, ragen jetzt immer steilere Felswände auf. In diesem dicht bewaldeten, wasserreichen Gebiet war so manche kleine Sägemühle in Betrieb. Aber keine hat überdauert und ist so konsequent immer weiter in die Hände einer einzigen Familie weitervererbt worden, wie die Hexenlochmühle.

Begründer der Mühle bei Dreistegen – so der Name des Gewanns – waren 1825 Stefan Trenkle und drei Bauern aus der Umgebung. Stefan Trenkle unterhielt eine Nagelschmiede. Deren Schmiedehammer wurde vom Mühlrad des älteren Teils der Hexenlochmühle angetrieben. Dabei handelt es sich um das rechte, obere Gebäude. 1839 kaufte und Franz Sales Schirmaier den großen Schritt, am Heubachlauf eine Uhrengestellmacherei zu gründen. Dazu mussten sie die Hexenlochmühle um ein größeres Gebäude erweitern und ein zweites Mühlrad installieren. Es entstand das linke, untere Gebäude.

Schirmaier errichtete das Gebäude, der Wirt in Dreistegen stellte das zusätzlich benötigte Gelände zur Verfügung. Von einem erfahrenen Freiburger Zimmermann ließen die Inhaber ein Mühlrad mit vier Meter Durchmesser bauen, über das in der Sekunde rund 300 l Wasser laufen. Damit das Wasser kontinuierlich fließen kann, wird es gut 200 Meter oberhalb der Mühle angestaut und über einen Kanal auf die Mühlräder geführt. Die so bereitgestellte Wasserkraft entspricht in etwa 13 Pferdestärken. Das reicht aus, um eine Hochgang- und Kreis-säge anzutreiben und Baumstämme von bis zu einem Meter Durchmesser zu sägen.

Die Wasserkraft des Heubachs nutzen die Trenkles seit Ende der 1980er-Jahre zusätzlich zur Stromerzeugung. Es wird auf diese Weise mehr Strom produziert als die Mühle mit Gastronomiebetrieb selbst benötigt.

Eine Museumssäge als Bausatz

Die Säge befindet sich im Originalzustand und wäre einsatzfähig, doch wird sie nur noch zu Vorführzwecken in Betrieb gesetzt. Wirklich gesägt wird auch deshalb nicht mehr, „weil dann sämtliche Gläser aus dem Schrank springen“, wie Inhaber Karl Friedrich Trenkle anmerkt. Er freut sich über Besucher aus aller Welt, über ein ungebrochenes Interesse an der Mühle seiner Familie. Sie ist übrigens auch als Spielzeug sprich in Miniaturausführung zu bekommen: Die Gütenbacher Modellbaufirma Faller hat

 

 

Karl Friedrich Trenkle, Urgroßvater des heutigen Inhabers, die Anteile der Mit-Frühes besitzer auf. 1883 Hinweisschild auf wagten die Trenk-die Hexenlochmühle, les schließlich wohl 1960er-Jahre. zusammen mit Primus Rombach

 

 

Hexenlochmühle, 1920er-Jahre. Unten mit gegenüberliegendem Wohnhaus der Familie Trenkle.

Blick in die Uhrengestellmacherei der Familie Trenkle – Aufnahme um das Jahr 1900.

sie als Bausatz aufgelegt. Dieser besteht aus 255 Einzelteilen in 11 Farben. Das Modell ist mit einem Elektromotor ausgestattet, der gleichzeitig die Mühlräder antreibt und das Sägegatter auf- und abbewegt.

Forderung nach einer besseren Straße

Die Wahl des Standortes der Säge erwies sich in den kommenden Jahren als zukunftsträchtig: Der Heubach lieferte zuverlässig genügend Wasserkraft und die Straße von Neukirch bis St. Märgen ermöglichte das Transportieren der Baumstämme zur Säge sowie den Abtransport der Produkte. Schließlich hatten die Neukircher um den zeitgemäßen Ausbau ihrer Hexenlochstraße hartnäckig gekämpft, wie die vielen Eingaben an das Bezirksamt Triberg zeigen.

Dringlich werden die Forderungen nach einer besseren Straße erneut in den 1920er-Jahren. Es werden erstmals Hilferufe laut, den Fremdenverkehr, vor allem die „Automobilisten“, in diese einsame Gegend zu locken. Dies vor dem Hintergrund der großen Wirtschaftsnot. Dem Badischen Landeskommissär in Konstanz rechnen die Neukircher vor: Im Nord-Südverkehr nach Neustadt oder zum Feldberg werde unter Benutzung der Hexenlochstraße eine Abkürzung von etwa 15 bis 20 Kilometer erreicht. Um von Gütenbach oder Furtwangen per Auto nach St. Märgen zu gelangen, sei ohne die ausgebaute Hexenlochstraße ein Umweg über Neustadt oder das Glottertal von bis zu 50 Kilometer nötig.

Aufgrund der topografischen Bedingungen ist die Hexenlochstraße allerdings bis heute eine kurvenreiche, enge und teils nicht ungefährliche Nebenstraße geblieben.

Die Trenkles – Mühlenbesitzer in der bereits vierten Generation

Seit 1839 befindet sich die Hexenlochmühle im Besitz der Familie Trenkle, die heute in vierter Generation betrieben wird. Bereits ein Jahr nach Abschluss des Gesellschaftsvertrages im Jahr 1883 übergibt Stefan Trenkle seinen Anteilsdrittel an Sohn Karl Friedrich Trenkle. 1930

Auch das Innenleben der Mühle kann besichtigt werden: Rechts das zweieinhalb Meter hohe Kammrad.

 

 

übernimmt dann dessen Sohn Stefan Trenkle jun. den väterlichen Anteil. Und 1957 schließlich wird Stefan Trenkle der alleinige Eigentümer der Hexenlochmühle.

Stefan Trenkle ist ein Mann von bewundernswerter Tatkraft und Unternehmungslust. In Dreistegen aufgewachsen, erlernte er das Uhren-Gestellmacher-Handwerk. Seine Kriegsjahre erlebte er in Stalingrad als Panzerfahrer. 1945 kehrte er gesund wieder in die Heimat zurück, heiratete Maria Herrmann vom Felsenhäusle in der Glashütte. Stefan Trenkle, der „Stegesteffe“, war im öffentlichen Leben rund um Neukirch vielseitig aktiv: bei der Feuerwehr, im Gemeinderat und im Musikverein Glashütte, wo er die große Trommel schlug. Seine Sternstunde erlebte er im Jahr 1966, als die Glashütter beim Besuch der Königin Elisabeth von England in Stuttgart aufspielen durften.

Er verstand es bestens, das Interesse an der Hexenlochmühle zu fördern. In seinem 1950 neu erbauten Wohnhaus gegenüber der Mühle empfing er Feriengäste und verkaufte Souvenirs. In der Sägemühle durften Besucher seine Werkstatt für Uhrengestelle bewundern. Die Badische Zeitung berichtete 2007 aus Anlass seines 85. Geburtstages: „Auf die Frage, wie es kam, dass die Hexenlochmühle heute so bekannt ist, weiß Stephan Trenkle viel zu erzählen. 1951 kamen die ersten Feriengäste zu ihm in sein neu erbautes Haus und bewunderten seine Uhrenausstellung und seinen Holzverarbeitungsbetrieb. Sie gaben ihm den Tipp: ‚Jeden Tag kommen Gäste vorbei, die deine Werkstatt und Mühle besichtigen, da musst du Uhren verkaufen.‘ Gleich am nächsten Tag holte er in Furtwangen bei einem Bekannten 20 Kuckucksuhren, diese waren in zwei Tagen alle verkauft. Die Erfahrung, dass man auch im hintersten Winkel des Schwarzwaldes mit Uhren und Souvenirs ein Geschäft machen kann, war für ihn und seine Familie der Auslöser, es zu tun. Heute besuchen in der Sommerzeit rund 200 Personen pro Tag die Mühle, in der man auch Vesper und Schwarzwälder Speck kaufen kann.“

Eine Generation später erscheint wieder der Name Karl Friedrich Trenkle in der Familie und auch dieser bleibt dem Holz treu: In Obersimonswald, wo 1825 sein Ahne Josef Trenkle hergekommen war, hat er die Kunst der Holzbildhauerei erlernt und übernimmt 1987 das Anwesen. Karl Friedrich junior baut die frühere Nagelschmiede, das ältere, obere Mühlengebäude somit, zum Kiosk um. Hier können die Besucher auch Getränke und ein Vesper erwerben und auf einer Holzbank Platz nehmen. Auch bringt er den Touristen die Technik der Mühle nahe, indem er die Rückwand des Sägengebäudes im Jahr 1990 verglasen lässt, so dass das zweieinhalb Meter hohe hölzerne Kammrad mit seinen Übersetzungen und die Treibriemen der Transmission in Bewegung bestaunt werden können.

Museums- und Gastronomiebetrieb

Der „große Wurf“ folgt im Jahr 2001: Die Söhne Benjamin und Pascal sind erwachsen; einer lernt Uhrmacher, der zweite wird zum Koch ausgebildet. Und auch Ehefrau Gerlinde, geborene Kern, ist gerne bereit, das Familienunternehmen mit neuer Ausrichtung weiterzuführen. Es kommen nun eine Gaststätte und ein großer Souvenir- und Schwarzwälder Spezialitätenhandel hinzu.

Bei der Modernisierung im Innern und der Realisierung von baulichen Erweiterungen steht fest: Die längst unter Denkmalschutz stehende Hexenlochmühle muss und soll die Hexenlochmühle bleiben. So bleibt zum Beispiel an der alten Nagelschmiede die Form der Fenster mit den Oberlichtern so bestehen, wie sie in den 1830er-Jahren üblich war. Drinnen erinnert das Gestänge der Transmission an der Decke über den Fenstern an die einstige Verwendung des Raumes. Auch ein gusseiserner Stubenofen mit dekorativ-emaillierten Frontplatten stammt aus vergangenen Zeiten. Heute werden hier Schinkenspeck und Liköre vom Feinsten zum Verkauf angeboten.

Die Besucher, die die Mechanik des Wasserrades und die Treibriemen in Aktion sehen wollen, machen sich auf den Weg ins Untergeschoss der Mühle zu einem an anderer Stelle bereits erwähnten riesigen „Schaufenster“. Im Untergeschoss lockt aber auch eine Türöffnung

 

 

In der Hexenlochmühle wurden bis zu einem Meter dicke Baumstämme verarbeitet.

in den weitläufigen Verkaufsraum für Souvenirs aller Art. Wer indes direkt die Gaststube ansteuert, der kann im Obergeschoss einen Blick in die alte Säge werfen, wo einst die Uhrengestelle hergestellt wurden. Die Metallschienen zur Führung der langen Baumstämme lenken das Auge durch das geöffnete Tor auf die eindrucksvolle Hochgangsäge und die Werkbank mit der Kreissäge.

Wenn auch die hier ausgestellten Gebrauchsgegenstände und originellen hochwertigen Holzspielsachen nicht mehr alle aus der Hand des Hausherrn, des Holzbildhauers Karl Friedrich Trenkle stammen, so ist doch überall die Verbundenheit mit der Schwarzwälder Holzschnitzer-Tradition zu spüren. Geschnitzte Figuren und Möbelverzierungen aus der Hand des Hausherrn Karl Friedrich Trenkle sind vor allem auch in der Gaststube zu bewundern, zusammen mit historischen Fotografien aus dem einstigen Alltag der Mühle.

Das Restaurant

Im unteren Stockwerk der Hexenlochmühle wurden früher Uhrengestelle aus den oben in der Säge zugeschnittenen Brettern hergestellt. Dieser Bereich ist nun der Gaststube und ihren Nebenräumen gewidmet: Ein quadratischer Raum, ganz und gar in hellem Holz getäfelt, der zu jeder Jahreszeit Gemütlichkeit und Wärme ausstrahlt. Die Küche des Hauses unter der Regie von Sohn Pascal Trenkle genießt weithin große Anerkennung. Einerseits auf Wünsche durchreisender Touristen abgestimmt, bietet sie ganztags warme Küche mit Schwarzwälder Spezialitäten, aber auch feine Menüs. Selbst Familienfeste mit bis zu 50 Personen werden vom Team des Hauses bewältigt.

Um auch größere Gästegruppen bei jedem Wetter bewirten zu können, haben die Trenkles auf der verlängerten Terrasse ein beheizbares Zelt mit Saalcharakter errichtet, das gerne angenommen wird.

 


Waren es schon in den 1960er- oder 1970er-Jahren in der Hochsaison bis zu 200 Besucher täglich, die zur Hexenlochmühle gekom-men sind, werden diese Zahlen heute deutlich übertroffen. Es vergeht kein Tag im Jahr ohne Besucher – selbst im Winter bei dichtem Schneetreiben ist das so. Touristen aus Holland, Italien oder Spanien – aus Amerika, China oder Japan kommen ins Hexenloch, wollen die Müh-le mit zwei Mühlrädern sehen und ein Foto von ihr in die sozialen Netzwerke, auf Facebook oder Instagram posten. Ein Foto von einem Stück „heiler Welt“ im Black Forest.Gerlinde und Karl-Friedrich Trenkle vor der Hexenlochmühle, die in bereits vierter Generation betrieben wird.Ein Winter-Selfie vor der Hexenlochmühle – ohne den Besuch von Touristen vergeht kein Tag im Jahr.

 

 

Einzigartig in Europa – Antik-Uhrenbörse ein Gewinn für gesamte Region Furtwangen

von Matthias Winter

Einmal im Jahr wird die akademische Routine der Hochschule Furtwangen University (HFU) durch ein besonderes Ereignis unterbrochen. Immer am letzten August-Wochenende werden Flure und Hörsäle, die sonst Studenten und Dozenten vorbehalten sind, von weit über 100 Uhrenhändlern und einigen tausend Uhrenfans gestürmt. Es ist Zeit für die Antik-Uhrenbörse, die frühere Antik-Uhrenmesse, und damit für eines der Großereignisse im Jahreslauf der Hochschul- und Uhrenstadt Furtwangen im Schwarzwald.

Dann werden Uhrmacherlupen gezückt, Klein-und Großuhren bewundert und begutachtet, es wird gehandelt und gefeilscht und am Ende freuen sich Verkäufer und Käufer. Von Freitagnachmittag bis Sonntag dauert das Uhren-Event mit Erlebnischarakter, das auch für Besucher interessant ist, die nicht unbedingt eine Uhr erwerben, sondern lediglich über die Uhrenbörse bummeln wollen. Für die Profis unter den Sammlern gibt es bereits am Freitagnachmittag eine Eintrittsmöglichkeit zu einem höheren Preis.

Heute gehört die Antik-Uhrenbörse genauso selbstverständlich zu Furtwangen wie das Deutsche Uhrenmuseum, das sich übrigens auch selbst gerne auf der Börse nach seltenen Stücken umschaut, mit denen die Museumssammlung bereichert werden könnten. Doch das war nicht immer so: Im Jahr 1982 fand die erste

Auch französische Prunk-Uhren gehören seit jeher zum Angebot der Furtwanger Antik-Uhrenbörse.

 

 

Uhrenmesse statt, die Idee dazu hatte Wilfried Dold aus Vöhrenbach. Dabei ging es ihm nicht einmal so sehr darum, eine eigenständige Veranstaltung ins Leben zu rufen. Vielmehr sollte so der traditionelle Trödlermarkt der Stadt Furtwangen aufgewertet werden, was vor allem das Ziel der Narrenzunft war, die sich zusammen mit der Stadt um den Erhalt der Traditionsveranstaltung bemühte. Wilfried Dold wirkte damals in Furtwangen als Redaktionsleiter der Badischen Zeitung und hatte ehrenamtlich die Öffentlichkeitsarbeit des Trödlermarktes übernommen. „Furtwangen und Uhren, das passt perfekt zusammen“, war seine Überzeugung. Schließlich ist die Stadt nicht nur Sitz der bekannten Uhrmacherschule, sondern sie war auch lange Zeit ein Zentrum der Uhrmacherei und Uhrenindustrie.

Nachdem Wilfried Dold die Idee den Marktmachern vorgetragen hatte, erklärte sich die Narrenzunft bereit, die Sache zu unterstützen. Diese betrieb beim Trödlermarkt einen großen Stand und war schon deshalb daran interessiert, dass die Veranstaltung florierte und ein großes Publikum anzog. Der spätere Uhrenbörsen-Organisator Jacques Barthillat war zu dieser Zeit für den Trödlermarkt zuständig und zeigte sich von der Uhrenmesse-Idee ebenfalls begeistert. Jacques und Gerda Barthillat gehörten wie Angelika Dold zu den Uhrenmesse-Stützen der ersten Stunde. Bis hin zum Auf- und Abbau der Uhrenhändler-Stände und den Reinigungsarbeiten war man gemeinsam ehrenamtlich aktiv.

Um eine entsprechende Organisation im Hintergrund zu haben, gründete sich die AG Trödlermarkt, die aber nie ein eingetragener Verein wurde.

Eine Anfangshürde für die Uhrenmesse bestand darin, überhaupt Uhrenhändler dafür zu gewinnen, ihre guten Stücke in Furtwangen anzubieten. Wilfried Dold verteilte auf zahlreichen Flohmärkten der Region – selbst in Stuttgart, Konstanz, Freiburg oder Lahr – an Ständen, die antike Uhren anboten, Flugblätter und leistete dabei viel Überzeugungsarbeit. Schließlich kamen 13 Händler zusammen, die im Rahmen der 1. Furtwanger Uhrenmesse im Herbst 1982 in der Aula der Hochschule antike Zeitmesser, Ersatzteile und Uhrenliteratur ausstellten. Der Schwerpunkt lag auf Schwarzwalduhren. Der Erfolg war riesig: „Nach der Messe waren die meisten Händler definitiv ausverkauft“, erin-

 

 

nert sich Wilfried Dold. Ein Händler hatte sogar für über 100.000 Mark Uhren verkauft und war überglücklich. Somit war klar: Die Uhrenmesse würde 1983 eine Fortsetzung finden.

Nun war es auch kein Problem mehr, Händler nach Furtwangen zu bekommen. Im Jahr darauf waren es bereits 22 Händler und die Messe fand zwei Tage lang statt. Aufgrund der begrenzten Platzverhältnisse musste Wilfried Dold sogar zwölf interessierten Händlern absagen. Sein Fazit: „Die Idee war toll, aber es war von Anfang an eine Menge Arbeit, die Messe zu organisieren und abzuwicklen.“

Profitiert hat von der schnell wachsenden Veranstaltung übrigens auch der Furtwanger Trödlermarkt, nicht zuletzt durch seine Verlegung in die Innenstadt vor die Tore der Hochschule. Aber auch finanziell, denn in den Anfangsjahren ging der gesamte Ertrag aus der Uhrenmesse an die AG Trödlermarkt, die damit unter anderem ein aufwändiges Kulturprogramm finanzieren konnte.

Fünf Uhrenmessen hat Wilfried Dold organisiert, bevor er die Organisationsleitung an Rechtsanwalt Falk Völker weitergab, da er sich mit einer Mediaagentur selbstständig machen wollte, was seine ganze Energie erforderte.

„Wir machen das“ – Narrenzunft übernimmt

1991 kündigte Falk Völker seinen Rückzug an und am Ende sagte die Narrenzunft mit ihrem stellvertretenden Zunftmeister Jacques Barthillat: „Wir machen das“. Denn die Zunft wollte die Einnahmen aus der Messe unter anderem für die Sanierung der 1987 erworbenen Zunftstube „Alte Färbe“ verwenden. Waren die Einnahmen zunächst an die AG Trödlermarkt gegangen, so blieb nun auch ein Teil für die Narrenzunft. Später gab es dann einen Schnitt und die Einnahmen gingen komplett an die Zunft, schließlich dann an den Verein „Uhr und Kultur“.

Schon zuvor waren beide Veranstaltungen organisatorisch getrennte Wege gegangen, auch wenn sie weiter voneinander profitierten. Und die Uhrenmesse wuchs und galt längst als „Muss“ für Uhrensammler und -liebhaber. 1989 beispielsweise waren 25 Uhrenhändler angekündigt, weiteren Interessenten musste aus Platzgründen abgesagt werden. Was daran lag, dass die Uhrenmesse in den Anfangsjahren vorwiegend in der Aula der Hochschule und der darunter liegenden alten Cafeteria stattfand, wo der Platz begrenzt war. Als Jacques Barthillat 1992 die Organisation übernahm, hatte er das Ziel, die Messe „größer, schöner und besser“ zu machen.

140 Händler aus zehn Nationen

Mit einem Umzug innerhalb des Hochschulgebäudes versuchte man, den chronischen Platzmangel in den Griff zu bekommen. So ging es von der Aula weg in ein anderes HFU-Gebäude und dann wieder zurück in den A-Bau der Hochschule (das Hauptgebäude am heutigen Gerwigplatz). Hier wurde zunächst versucht, die gesamte Messe in den drei Geschossen des A-Baus unterzubringen. Doch das war ein Flop, denn die Besucher waren nicht bereit, in das oberste Geschoss hinaufzusteigen. Also wurde die Aula wieder mit einbezogen.

„Viele Händler hatten damals den Wunsch, die Messe zweimal im Jahr zu veranstalten“, erinnert sich Jacques Barthillat. Doch er war dagegen: „Man kann sein Geld ja nur einmal ausgeben“. Am Ende beteiligten sich 140 Händler aus zehn Nationen an der Antikuhren-Börse, wie sie seit 2003 heißt. Und zu den besten Zeiten kamen über 4.000 Besucher. „Die Messe ist immer internationaler geworden“, so das Fazit von Jacques Barthillat. Längst ist sie die größte und erfolgreichste in ganz Europa.

Das liegt nicht zuletzt an dem enormen Engagement, das Jacques Barthillat zusammen mit seiner Frau Gerda und einigen wenigen Vereinsmitgliedern für die Uhrenbörse an den Tag legte. Auch Enkel Marius war die letzten zehn Jahre bei der Börse dabei und hatte sich so gut eingearbeitet, dass er alle Händler und Helfer kannte und wusste, welchen Platz sie bestellt hatten. Von großer Wichtigkeit war auch der gute Draht der Barthillats zu den Uhrenhändlern, die in der Regel Stammgäste bei der Veranstaltung sind.

 

 

Dicht an dicht drängen sich auf der Furtwanger Uhrenbörse die Stände und Besucher.

Für die gesamte Region ein Gewinn

Die Uhrenbörse hat sich längst zu einem wichtigen Faktor für das Hotel- und Gaststättengewerbe entwickelt. Der frühere Geschäftsführer des Tourismusverbandes „Ferienland“, Stefan Schürlein, hat einmal den ökonomischen Wert berechnet und kam zu dem Ergebnis, dass die Börse rund eine halbe Million Euro in die Region spült. Auch die Hotel- oder Gästezimmer der Nachbarorte sind in dieser Zeit lange im Voraus ausgebucht. Das liegt mit daran, dass viele Uhrenhändler, vor allem aus dem Ausland, den Aufenthalt im Schwarzwald bis zu einer Woche verlängern und oft mit Familie anreisen.

Deutlich breiter geworden ist die Palette der angebotenen Uhren. Dominierte in den Anfangsjahren die Schwarzwalduhr, so waren es schon bald auch prächtige antike Großuhren, etwa aus Frankreich. Oft sind sie Schildpatt verziert und feuervergoldet – wahre Schmuckstücke halt, die aber auch ihren Preis haben. Auch Ersatzteile und Literatur gehören zum Angebot. Mitte der 1990er-Jahre hatte Jacques Barthillat die Idee, Armband- und Taschenuhren mit dazuzunehmen, obwohl es Bedenken von Großuhrenhändlern gab, die um ihr Geschäft fürchteten. Das war nicht der Fall und heute sind es etwa 50 von 140 Händlern, die Kleinuhren anbieten. Und gerade die Armband- und Taschenuhren boomen nach wie vor.

Die Schwarzwalduhren – und hier vor allem die traditionellen Lackschilduhren – haben dagegen einen herben Einbruch erfahren. „In den 1990er- Jahren kostete eine schöne Schwarzwalduhr 1.200 bis 1.500 Mark. Heute muss man froh sein, sie für 50 bis 100 Euro verkaufen zu können“, kommentiert Jacques Barthillat die Entwicklung. Das liegt seiner Ansicht nach daran, dass die Sammler älter geworden sind und wegsterben. Da die Erben mit Antikuhren oft nichts anfangen können und sie verkaufen, gibt es ein Überangebot. Schöne Trompeter- oder Flötenuhren hingegen oder gar ein „Knödelfresser“ sind hingegen auch heute noch gefragt. Das gleiche gilt für prächtige Prunkpendulen etwa aus Frankreich, erst recht für die feuerver-

 

 

Viele Händler halten der Antik-Uhrenbörse seit fast der ersten Stunde die Treue. Nur bei der allerersten Uhrenbörse war Erwin Weyl aus Hildrizhausen (links) nicht dabei.

goldeten, da diese Herstellungstechnik in Europa wegen der damit verbundenen Gefahren für die Gesundheit schon lange verboten ist. Und je seltener die Stücke, desto höher der Preis.

Auch bei den Besucherzahlen gab es bereits 2003 einen Einbruch, der auf die genannten Gründe – aber auch den damaligen wirtschaftlichen Abschwung – zurückzuführen sein dürfte. Allerdings wurde noch 2006 und 2007 die Marke von 3.000 Besuchern übersprungen und es gab eine lange Warteliste von Händlern für einen Platz auf der Börse.

2004 feierte die Uhrenmesse ihren 20. Geburtstag (streng genommen war es der 22…) und dabei wurde allseits betont, dass sich die „beiden Beine“ des Vereins „Uhr und Kultur“ bewährt hätten, nämlich einmal die Uhrenbörse zu organisieren und zum anderen die erwirtschafteten Mittel in die „Kulturfabrik am Straßberg“ zu stecken und damit ein hochkarätiges Programm anbieten zu können.

Landes-Wirtschaftsminister Ernst Pfister kam zum Jubiläum und erfreute beim traditionellen Empfang der Uhrenhändler am Freitagabend das Publikum nicht nur mit seiner Mundharmonika, sondern war auch voll des Lobes über die Uhrenmesse und das Engagement von Jacques Barthillat und seinen Helfern. Beim 25. Jubiläum der Veranstaltung im Jahr 2009 kletterten die Besucherzahlen dann erfreulicherweise wieder auf über 3.500.

Viele engagierte Helfer im Einsatz

Tatsächlich war mit dem Wachsen der Uhrenbörse auch der organisatorische Aufwand nochmals erheblich gestiegen, unter anderem musste ein Sicherheitsdienst engagiert werden. Froh ist Jacques Barthillat, dass schon früh die Skizunft Brend mit ins Boot geholt werden konnte, deren Mitglieder auch als Auf- und Abbauhelfer fungierten sowie die Kasse übernahmen. „Auf die Skizunft konnte ich mich immer verlassen.“ Weiter ist er dankbar über die Hilfe der Hochschul-Hausmeister. Schließlich müssen nicht nur 500 Meter Stellwände aufgestellt werden, es werden auch sämtliche Tische der Hochschule benötigt, selbst aus entfernteren Gebäuden werden sie herangekarrt. Ab Donnerstag sind die Hausmeister permanent vor Ort, „ohne sie hätten wir keine Chance gehabt“, betont Barthillat.

Bei einem solchen Großereignis mit tausenden Besuchern ist aber auch die Bewirtung wichtig. Zunächst hatte diese der Furtwanger Alle-Weltladen übernommen, dann der Schwarzwaldverein Gütenbach. Daraus erwuchs eine „super Zusammenarbeit“, so Barthillat rückblickend. Wichtig war auch der gemeinnützige Verein „Uhr und Kultur“ für die Organisation der Großveranstaltung. Aber nicht nur die Organisation an den Tagen der Uhrenbörse war und ist aufwändig, auch bei der Vorbereitung waren immer wieder zahlreiche bürokratische Hürden zu nehmen.

Bald schon war als Öffnungstag auch noch der Freitag hinzugekommen. „Die Profis wollten Sonderrechte und die Händler standen schon am Donnerstag vor der Tür.“ Schließlich habe

 

 

man sich darauf geeinigt, dass bereits am Donnerstag aufgebaut und am Freitag geöffnet wird, allerdings gegen ein deutlich erhöhtes Eintrittsgeld. Er habe dazu die Händler befragt, die 40 bis 50 Euro für angemessen hielten. Auf 40 Euro legte man sich schließlich fest. „Sonst hätten uns die Leute die Bude eingerissen“, ist Barthillat überzeugt. Der reguläre Eintritt am Samstag und Sonntag liegt derzeit bei fünf Euro.

Allerdings zeigten sich sparsame Uhrenliebhaber sehr erfinderisch, um das Eintrittsgeld zu umgehen. Am einfachsten war es, eine Kiste in die Hand zu nehmen und sich als Uhrenhändler auszugeben. Da der Trick bei den Einlasskontrollen aber nicht mehr verfing, schnappte sich ein Uhrenfan 2007 nicht nur eine Kiste, sondern zog sich einen grauen Arbeitskittel über, um sich am Einlass vorbei zu schummeln. Im Gebäude aber traf er auf Jacques Barthillat, der die meisten Uhrenhändler persönlich kennt. Auf die Frage, für wen er arbeite, nannte er irgendeinen Fantasienamen und flog damit auf. Er zeigte sich aber einsichtig und ließ sich hinaus spedieren. Kaum war er draußen, warf er seinen Kittel ab, um sich anzustellen und ein Eintrittsticket zu erstehen. Ein durchaus betuchter Uhrensammler aus dem Rheintal sei sogar einmal durch die Toilettenfenster eingestiegen. Barthillat kann diese Kleinlichkeit nicht verstehen. „Da kaufen die Leute eine Uhr im Wert von 1 .300 Euro oder mehr und wenn sie das Eintrittsgeld reut, könnten sie den Händler einfach fragen, ob er ihnen dieses abzieht“. Die meisten Händler würden darauf eingehen.

Nach 25 Jahren Abschied von der Uhrenbörse

25 Jahre lang, von 1992 bis 2017, haben Jacques Barthillat und seine Frau Gerda die Uhrenbörse federführend organisiert und ehrenamtlich unzählige Arbeitsstunden sowie viel Herzblut investiert. Die Veranstaltung wurde unter ihrer Regie zur größten Antikuhren-Börse im europäischen Raum und zieht ein internationales Publikum an. Sie ist ein Aushängeschild für die Stadt und ein Gewinn für die gesamte Region.

Aus Anlass der 33. Uhrenmesse wurde Jacques Barthillat durch Bürgermeister Herdner zum Ab-schied für sein Engagement die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg verliehen.

Nach 25-jähriger Tätigkeit als Leiter der Furtwan-ger Antik-Uhrenbörse und 33-jährigem kulturellen Engagement gab Jacques Barthillat (Mitte) sein Auf-gabenfeld ab. Bürgermeister Herdner (rechts) verlieh ihm aus diesem Anlass die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg.

Ab 2018 hat die Stadt Furtwangen federführend die Organisation übernommen, wobei mehrere Furtwanger Vereine mithelfen. Die Skizunft Brend etwa ist der Veranstaltung treu geblieben und führt nach wie vor die Kasse. Der Verein VFDU (Verein zur Förderung des deutschen Uhrenmuseums) ist für die Einlasskontrolle zuständig. Die Bewirtung haben das SHO (Schwarzwaldharmonika-Orchester) und der Sportverein 69 übernommen.

Der Verein „Uhr und Kultur“ muss nun für den Betrieb der Kulturfabrik auf die Einnahmen aus der Uhrenbörse verzichten und ist auf Sponsoren angewiesen. Die Antik-Uhrenbörse dürfte aber weiterhin ein Eldorado für Uhrenfreunde bleiben, so lange es Uhrensammler und -liebhaber gibt. Furtwangen und die Uhr bleiben auch auf diese Weise eng verbunden.

 

 

Hüfinger Sommertheater – eine Leidenschaft, viele besondere Momente

von Tanja Bury

Das Theater

Den einen besonderen Moment gibt es nicht. Es ist vieles, was das Hüfinger Sommertheater ausmacht. In diesem Jahr war es „Mit des Lebens Kunst“ die zehnte Aufführung des Laienensembles an der Ruine des einstigen Römerbads. Seit mehr als 20 Jahren wird hier von einer kleinen Gruppe Großes auf die Bühne gebracht. Angefangen hat es mit dem Wunsch, zum 150. Jahrestag der Badischen Revolution ein Theaterstück aufzuführen. Er wurde mit der Premiere des Revolutionsstücks im Juli 1998 Wirklichkeit. Das Theaterspiel, das Miteinander, das Ringen um eine gelungene Aufführung und nicht zuletzt der Zuspruch von Publikum und Stadt haben so starke Spuren hinterlassen, dass es weiterging. Nach einer anfänglichen Pause von vier Jahren wird nun alle zwei Jahren in Hüfingen Theater gespielt – und damit für viele besondere Momente gesorgt.

Bürgermeister Michael Kollmeier weiß das. Und er kann deshalb auch allen Besuchern zu ihrem Kommen gratulieren. „Möge ein Stück Ihrer persönlichen Lebenskunst sich zukünftig an die Erinnerungen an das Hüfinger Sommertheater anknüpfen“, schrieb er in seinem Grußwort zur Aufführung 2019, bei der rund 3.000 Zuschauer gezählt wurden.

Lucian Reich – „Des Lebens Kunst“

„Des Lebens Kunst“ spielt im Damals und im Heute. Zwei Jahre im Leben Lucian Reichs des Jüngeren, Mitte der 1850er, und sein Wirken im Hüfinger Künstlerkreis werden beleuchtet. Doch nicht nur Reichs Ansichten, Zweifel und das Wirken des großen Hüfinger Künstlersohns waren Thema der Aufführung, sondern auch der Beginn der Emanzipation. Die junge Johanna Sennhofer will Mitte des 19. Jahrhunderts Malerin werden – in einer Zeit, als Frauen lediglich Arbeitskräfte und das Beiwerk ihrer Männer waren. Die junge Frau setzt sich gegen die patriarchalen Gesellschaftsstrukturen zur Wehr – trotz aller Widerstände. Gegen solche muss auch die Patchworkfamilie kämpfen, die im 21. Jahrhundert durch ein Gemälde mit der Geschichte Lucian Reichs und der jungen Johanna konfrontiert wird. Wie es bereits im 17. Jahrhundert einer Frau erging, die Talent hatte und Künstlerin werden wollte, erlebten die Zuschauer durch einen kleinen Bühnenausflug nach Italien und direkt hinein ins Leben von Artemisia Gentileschi, eine der schillerndsten Künstlerinnen des Barock. Sie dient Johanna Sennhofer in ihrem Kampf um ihren Berufswunsch als Vorbild.

Die Szenerie

Eindrucksvolle Kulisse für das Hüfinger Sommertheater ist stets das einstige Römerbad und das Gelände rundherum. Immer wieder wechselt die Ausrichtung der Bühne: Mal haben die Zuschauer das Bad im Rücken, mal schauen sie seitlich darauf oder das Museum bildet im Hintergrund einen Teil der Bühne. Für ihre Gestaltung ist stets Regisseur Paul Siemt

 

 

Theaterakteure und Zuschauer auf Wanderschaft – beim Hüfinger Sommertheater gehört das dazu. Die Bühne bestand aus drei Ebenen (Bild unten).

verantwortlich. Dabei setzt er auf Reduktion – weniger ist für ihn mehr. Viele Requisiten sucht man vergeblich. In diesem Jahr bestand die Bühne aus drei Ebenen. Die obere nur mit wenigen Stühlen versehen, hier zeigte sich stets die Familie von Lucian Reich. Die zweite mit einigen Fotos und Staffeleien stellte ein Atelier dar und ganz unten spielten bewegte Szenen, bei denen Platz gefragt war. Auch der Balkon des Museums wurde dieses Jahr in die Szene miteinbezogen und die Besucher begaben sich auf Wanderschaft über den neuen Römersteg. Damit knüpfte die Inszenierung an „Das kalte Herz“ an, als das Publikum durch den Wald geführt wurde und dort verschiedenen Szenen des Stücks zu sehen bekam. Zum Theaterplatz auf Zeit gehören auch einige Bewirtungshütten, die von Hüfinger Vereinen betrieben werden.

 

 

Der Regisseur und das Ensemble

Paul Siemt (Jahrgang 1954) ist ein Mann der ersten Stunde beim Sommertheater und hat seine „Leidenschaft an Hüfingen entdeckt“. Einige der Schauspieler sind wie er dem Projekt von Anfang an treu geblieben. „Es spielen sogar schon die Kinder einiger Darsteller mit“, erzählt er, schaut auf die von ihm gestaltete Bühne und hält eine Tasse in der Hand. Die hat ihm kurz zuvor eine der Schauspielerinnen gebracht. Der Kaffee ist schwarz, so wie Siemt ihn trinkt. Man kennt sich und ist so etwas wie eine Familie geworden. Eine Familie, die sich von Mitgliedern verabschieden musste und neue Gesichter in ihren Reihen begrüßen konnte. Eine Familie, die unterschiedliche Meinungen zulässt und diskutiert. Allen Mitgliedern ist gemein, dass sie mit Lust, Leidenschaft und Freude bei der Sache sind, wie ihnen der Regisseur bescheinigt. „Die Chemie stimmt.“

Und die Qualität. Es geht, so Siemt, um viel mehr als die Wiedergabe des meinst geschichtlichen Stoffs. „Wir arbeiten uns an der Inszenierung ab“, erzählt der Theatermacher. Er hat die bislang aufgeführten Stücke größtenteils geschrieben und dabei stets das Ensemble beteiligt. „Alle haben Einspruchsrecht, wir gehen in Diskurs miteinander.“ Im September gibt es die ersten Treffen, der Stoff wird vorgestellt, dann wird in dreiwöchigem Rhythmus an den Wochenenden geprobt. 21 Schauspieler von zwölf bis 68 Jahren zählt das Ensemble derzeit. „Das ist ein großes Spektrum“, freut sich Siemt. Wer welche Rolle bekommt, hat er manchmal schon beim Schreiben des Stücks im Kopf, ein anderes Mal fällt die Entscheidung eher spontan oder wird von allen getroffen. Ebenso ein Bonus: Die Zusammenarbeit mit professionellen Musikern rund um Kai Armbruster aus Donaueschingen. Er schreibt, nachdem er das Stück gelesen und sich mit Siemt ausgetauscht hat, die Melodien. „Es ist immer spannend, wie das, was ich im Kopf habe, in Musik umgesetzt klingt. Es funktioniert, dank Kai Armbruster.“

Für die Proben kommt Siemt von seiner Heimat auf der Schwäbischen Alb auf die Baar. Die letzten 14 Tage vor der Premiere mietet sich der Regisseur in Hüfingen ein – eine intensive Zeit beginnt. Und Paul Siemts besonderer Moment naht. Es ist das Loslassen, „dann, wenn ich merke, die Schauspieler haben es.“ Das geht so weit, dass der Regisseur bei den Aufführungen nicht dabei ist. Nur ein Mal kommt er – unangemeldet – und schaut zu. „Jetzt ist es Eures“, ruft er den Schauspieler in der Generalprobe zu.

 

 

Der Erfahrene

Helmut Vogel hat in den 20 Jahren Hüfinger Sommertheater mal ein paar Jahre Pause als Schauspieler eingelegt – seit er zurück ist auf der Bühne am Römerbad, ist er mit noch mehr Genuss dabei. „Das Schöne ist nicht nur das Spiel, sondern dass es zwischen uns keine Berührungsängste gibt“, freut sich der 68-Jährige, der damit das älteste Ensemblemitglied ist. Das Hüfinger Sommertheater lebe vom Einsatz aller – Schauspieler und Regisseur, Musiker und Techniker, Bauhof, Stadt und den Vereinen, die bei den Aufführungen bewirten. Im aktuellen Stück spielt Vogel Lucian Reich den Älteren, den Vater des bekannten Malers. Der Samstag nach der Premiere ist Helmut Vogels besonderer Moment. „Es ist immer ein ausgefallenes Publikum da – kunstbeflissen, hochinteressiert. Da gibt es auch mal weniger Applaus“, erklärt Vogel. Aber an diesem Abend bestanden zu haben, das gibt ihm ein gutes Gefühl. Und Sicherheit für das, was noch kommt.

Die Mutige

Ronja Wagner macht gern ihr Ding. Die Haare sind teils blau gefärbt und sie trägt gelbe Schuhe, bevor sie für „Des Lebens Kunst“ ins Kostüm für die Rolle der

Johanna Sennhofer schlüpft. Jenes Mädchen, das Mitte des 19. Jahrhunderts auch seinen

eigenen Weg geht. Die 16-jährige Ronja Wagner ist eines der neuen Gesichter beim Hüfinger Sommertheater – dabei ist es ihr schon seit vielen Jahren bekannt. Ihr Vater gehört zum Ensemble und so war Ronja Wagner schon als Kind bei den Aufführungen dabei. 2017 bei „Das Artefakt“ blieb es nicht mehr nur beim Zuschauen, Ronja spielte erstmals mit. „Das hat unheimlich viel Spaß gemacht“, sagt die Schülerin. Vor der Premiere und den Aufführungen ist die junge Frau zwar aufgeregt, aber sie sagt selbstbewusst: „Wir können es.“ Und fügt wie ein alter Theaterhase hinzu: „Ein bisschen Lampenfieber hat man immer. Das gehört dazu.“ Und welcher ist ihr Moment beim Sommertheater? „Wenn ich auf der Bühne stehe und spüren, dass mir so viel zugetraut wird – das ist etwas sehr Besonderes.

Der Begeisterte

Frieder Schräbler ist begeistert von der Schauspielerei. Und er ist begeistert vom Hüfinger Sommertheater. „Diese sagenhaft Spielstätte, rund 3.500 Zuschauer und der finanzielle Rahmen, den die Stadt uns bietet“, zählt er auf. Das alles bedeute Verantwortung für das Ensemble, der sich alle sehr bewusst seien. Dafür nehmen die Beteiligten Anstrengungen in Kauf. „Die Aufführungen sind eine große Freude, aber sie kosten auch Kraft. Viele nehmen in der Zeit Urlaub, um sich ganz darauf konzentrieren zu können“, erzählt der 57-Jährige. „Des Lebens Kunst“ war auch Schräblers zehnte Aufführung. Dass er als Lucian Reich der Jüngere eine der Hauptrollen spielt, sieht er ganz und gar nicht so. „Der Einzelne ist nicht entscheidend“, sagt er. Vielmehr ist für Frieder Schräbler die Gemeinschaft der zentrale Impuls beim Sommertheater.

 

 

Lucian Reich – Hüfinger Maler
in der Zeitung erstmals über den und Schriftsteller Hüfinger Brauch, der bis heute Am 26. Februar 1817 wurde Lucian gelebt wird, berichtet. Reich als Sohn des Oberlehrers Mit Johann Nepomuk Heiund Unternehmers Luzian Reich nemann hatte Lucian Reich einen treuen Weggefährten, den Josepha geb. Schelble geboren. er schon von Kindheit an kannte. Das 19. Jahrhundert, in das Lucian Gleichgesinnt gingen sie mitei-Reich hineingeboren wurde, war nander ihre ersten künstlerischen gekennzeichnet von einem grundlegenden Wandel der Gesellschaft und Politik. Die Vormachtstellung von Klerus und Adel wurde aufgelöst, das Bürgertum stieg zur wichtigsten Schicht im politischen, wirtschaftlichen wie auch kulturellen Bereich auf. Die Umbrüche in Politik und Gesellschaft schlugen sich auch im Kunstbereich nieder.

Reich setzt sich in seinem vielschichtigen bildnerischen und literarischen Werk mit der unmittelbaren Lebenswirklichkeit auseinander und war gegenüber seinerzeit neuen bildnerischen Mitteln wie der Lithografie und der Fotografie aufgeschlossen. Im Gegensatz zu den von ihm ausgeführten Auftragsarbeiten, wie Portraits oder Kirchengemälde, arbeitete Reich bei der Umsetzung von Themen über die Baar und den Schwarzwald ungewöhnlich frei.

Neben Lucian prägte auch Franz Xaver die Hüfinger Geschichte und Tradition. 1841 war er auf einer Studienreise in Italien und sah in Portici und Resina bei Neapel Prozessionswege mit farbenprächtigen Blumenteppichen. Als er in seine Heimat zurückkam, legte er vor seinem Haus ebenfalls einen Teppich aus Blumen. In den folgenden Jahren beteiligten sich auch die Nachbarn, bis allmählich der ganze Prozessionsweg belegt war. 1906 wurde

Schritte in der Mal- und Zeichenschule Luzian Reich des Älteren. Gemeinsame Werke der beiden sind „Hieronymus – Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde“ aus dem Jahr 1852 und „Wanderblühten aus dem Gedankenbuche eines Malers“ aus dem Jahr 1855.

Am 8. August 1874 heiratete Lucian Reich Margaretha Stoffler aus Geisingen. Die gemeinsame Tochter Anna kam bereits am 12. Mai 1855 auf die Welt. Ebenso im Mai 1855 nahm er einen Lehrerposten in Rastatt an, nahm seine Familie aber vorerst nicht mit. Es ist zu vermuten, dass die beiden erst nach der Hochzeit zu Lucian Reich nach Rastatt zogen. Mit nur 56 Jahren starb Margarethe am 16. September 1880 in Rastatt. Noch bis 1889 unterrichtete Reich in Rastatt und wurde dann in den Ruhestand versetzt. Einige Wochen zuvor wurde er mit dem Ritterkreuz II. Klasse geehrt. Zusammen mit Anna kehrte er nach Hüfingen zurück. Sie zogen gemeinsam in eine kleine Wohnung in der Hauptstraße 22, in der er, betreut von seiner Tochter, seinen Lebensabend verbrachte.

Lucian Reich starb am 2. Juli 1900 im Alter von 83 Jahren.

 

 

Manche Szene spielte außerhalb der angestammten Ku-Johanna Sennhofer (Ronja Wagner) weint sich bei lisse, hier an der Breg (Birgit Lutz und Timon Vosseler). ihrer Mutter (Eleonore Szeglat) aus.

Zwei der insgesamt drei Damen der Reich-Familie: Erzählerin Heidi Mayer-Löhr. links Sonja Bühler, rechts Susi Hauser-Wollenberg.

Eine Patchworkfamilie tritt auf, v. li.: Loren Grüninger, Lucian Reich der Ältere (Helmut Vogel) und seine Verena Hau, Birgit Lutz und Timon Vosseler. Frau (Rosi Haak).

 

 

Die Netzwerker von der Möglingshöhe

Ein Besuch beim Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar – Vielfalt ist Programm

von Daniela Schneider

Wer weiß noch, wie das Motto der Landesgartenschau in Villingen-Schwenningen lautete? Zur Erinnerung: „Die Natur verbindet“ hieß es. Dass das auch nach dem Ende der Schau weiter Gültigkeit hat, dafür sorgt unter anderem das Umweltzentrum Schwarzwald-Baar-Neckar auf der Schwenninger Möglingshöhe.

 

 

Im September 2011 wurde es offiziell eröffnet, und zwar in dem Gebäude, in dem während der Landesgartenschau 2010 der Treffpunkt Baden-Württemberg eingerichtet war. Der helle Holzbau liegt auf dieser Anhöhe mitten im Grünen. Er war während der Schau als Ausstellungsgebäude und Infozentrum des Landes genutzt worden und ging danach in den Besitz der Stadt Villingen-Schwenningen

Die Idee

Wie aber kam es überhaupt zur Idee des Umweltzentrums? Los ging alles mit dem Arbeitskreis Moos. Im Gespräch mit den heutigen Vereins-Verantwortlichen wird schnell deutlich, dass sie sich ihrer Wurzeln sehr bewusst sind. Die stellvertretende Vorsitzende Anita Sperle-Fleig

deutet dabei auf die große Luft-Aufnahme, die im Besprechungsraum im Umweltzentrum an der Wand hängt und sagt kurz und bündig: „Da kommen wir her“. Auf der Fotografie zu sehen ist das Naturschutzgebiet Schwenninger Moos. Dieser besondere Lebensraum drohte in Folge verschiedener Szenarien vollends auszutrocknen. Ende der 1980er-Jahre gründete sich deshalb ein Runder Tisch aus lokalen Institutionen, um das Moos durch Renaturierung zu retten. „Wir haben

 

 

Der Landespavillon der Garten schau passte perfekt für das Umweltzentrum.

über, die es wiederum dem Trägerverein Umweltzentrum überlässt. Denn auch bei den Verantwortlichen aus Gemeinderat und Stadtverwaltung herrschte die Überzeugung, dass diese Einrichtung das einstige Garten-schau-Motto bestens mit Leben füllen und diesem Auftrag gerecht werden kann.

versucht, Leute zu versammeln“, erinnert sich Anita Sperle-Fleig. Offiziell gegründet wurde der Arbeitskreis Moos dann 1997 auf Initiative des Unternehmens Bad Dürrheimer Mineralbrunnen und des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Vereine und Verbände aus den Bereichen Naturschutz und Landschaftspflege und die Städte Villingen-Schwenningen und Bad Dürrheim schlossen sich ebenso an wie das Landratsamt Schwarzwald-Baar-Kreis und das Regierungspräsidium in Freiburg.

Der Rest ist ohne Übertreibung eine Erfolgsgeschichte: Das Moos ist heute ein Schutzgebiet von überregionaler Bedeutung. Es beherbergt eine Vielzahl bedrohter Arten und Lebensräume. Nach der Wiedervernässung hat neues Torfwachstum eingesetzt und zahlreiche typische Moorpflanzen wachsen wieder. Die Tierwelt ist mit vielen Amphibien-, Libellen- und Schmetterlingsarten vertreten. Insgesamt 124 Vogelarten wurden im Naturschutzgebiet nachgewiesen.

2007 ging aus dem Arbeitskreis dann der Trägerverein Umweltzentrum hervor. Denn auch, wenn das Moos bis heute nach wie vor ein Herzensort der Akteure im Verein ist: Dort war ein Großteil der entscheidenden Arbeit getan, so dass sich die Schwerpunkte nach und nach verlagerten und verbreiterten. Die Mitgliederzahl des Vereines wuchs rasch. Neben den Umwelt- und Wandervereinen der Region beteiligten sich fortan auch weitere Vertreter der Kommunen und der Wirtschaft.

Landespavillon der Gartenschau wird zum festen Raum

Armin Schott, ein Mann der ersten Stunde und heute stellvertretender Vorsitzender des Umweltzentrum-Trägervereins, berichtet: „Nach einigen Jahren hat man gesagt: ‚Jetzt suchen wir mal einen festen Raum‘“. Dass seinerzeit der Landespavillon gebaut wurde und nach der Gartenschau dann für eine Nachnutzung zur Verfügung stand, passte einfach perfekt. Hier ein Umweltzentrum einzurichten – diese Idee überzeugte alle. Die Entscheidung hierfür wurde ganz bewusst getroffen, zumal es solche Einrichtungen bis dato im Land kaum gab. Und daran hat sich übrigens bis heute nichts geändert. Wichtig ist den Verantwortlichen, dass es in diesem Haus auch, aber eben nicht nur, um Naturschutz geht. Sie wollen vermitteln, dass die Natur die Grundlage aller auf der Erde ablaufenden Prozesse ist. Anita Sperle-Fleig sagt zusammenfassend: „Wir wollen Menschen sensibilisieren.“

Unterdessen haben sich die Ziele und konkreten Aufgaben des Zentrums weiter ausgeweitet. Der Schutz der Moorgebiete der Baar mit ihrer positiven Wirkung als Rückzugsgebiet vieler Tier- und Pflanzenarten und als Klimaneutralisierer ist den Akteuren weiter wichtig. So findet auch das Naturschutzgroßprojekt Baar die Unterstützung des Umweltzentrums. Es hat ein eigenes Büro in dem Haus auf der Möglingshöhe, genau wie auch der BUND-Regionalverband. Allein das macht schon deutlich: Der Trägerverein Umweltzentrum bildet ein aktives „Netzwerk der Kompetenzen“, wie es auf einer ausgelegten Broschüre heißt – und zwar mit Akteuren aus sehr verschiedenen Bereichen.

Tourismus langfristig ökologisch verträglich gestalten

Ein weiteres wichtiges Thema für die Arbeit des Umweltzentrums ist der Tourismus in der Region. Ziel ist es, mitzuhelfen, diesen langfristig ökologisch verträglich zu gestalten. Wie das gelingen kann, zeigen zum Beispiel die Besucherlenkung im Schwenninger Moos oder die Offenhaltung der Flächen durch Beweidung.

Dass das Zentrum auch mit Unternehmen der Region gut und intensiv zusammenarbeitet, ist ein Alleinstellungsmerkmal dieser Einrichtungen. Thematisch begegnet man sich unter anderem auf den Feldern Natur- und Umweltschutz oder auch im Bereich Energieeffizienz. Gerne buchen Firmen aus der Region die angebotenen sogenannten Team-Buildings. Unter der Überschrift „Unternehmen in der Natur“ werden die Firmen-Gruppen in den hiesigen Naturschutzgebieten aktiv. Damit soll die Wirtschaft mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Natur und ihren Erhalt sensibilisiert werden. Während der Erlebnistage

 

 

betreuen Experten die Gruppen und vermitteln fundiertes Wissen und nebenbei können sich die Kollegen hier mal anders kennenlernen, gemeinsam anpacken und so im besten Fall auch noch für neuen Teamgeist sorgen. Das teilnehmende Unternehmen kann sich als Arbeitgeber mit zukunftsfähigen Leitbildern und Visionen und einer guten Mitarbeiterführung profilieren und der attraktive Standort des Arbeitsplatzes in einer intakten Umgebung kommt auch noch zur Geltung.

Apropos Unternehmen: Sie sind innerhalb des Umweltzentrum-Netzwerks verlässliche Partner. Das trägt zur Vielfalt bei und sorgt dafür, dass sich das Zentrum zu zwei Dritteln selbst tragen kann, durch die Mitgliedsbeiträge und durch die ausgeprägte Partnerschaft mit der Wirtschaft. Auch das Entgegenkommen der Stadt bei Gebäudeerhalt und Miete und ein jährlicher Zuschuss des Schwarzwald-

Das Schwenninger Moos hat seine Renaturierung und damit Rettung maßgeblich den Initiatoren des Umweltzentrums zu verdanken.

Baar-Kreises sind hier bedeutende Stützen. Die Deckungslücke von rund 30 Prozent gilt es durch geförderte Projekte gegenzufinanzieren, wofür der Verein viel Zeit und Mühe aufwendet. So wurde zum Beispiel bis 2017 das Projekt „Mit Freundschaft begegnen“ gestemmt. Junge Geflüchtete halfen zum Beispiel mit, schadhafte Stege im Moos zu reparieren. Zu diesem Projekt gehörte eine sehenswerte und vielbeachtete Ausstellung mit dem Titel „Klimaturgie“, bei der auch die Situation in den Herkunftsländern der Geflüchteten in den Blick genommen wurde. Projektpartner war die Stiftung Naturschutzfonds, eine Einrichtung des Landes Baden-Württemberg.

 

 

„Naturschutz ist eben nicht (nur) Aufgabe der öffentlichen Hand, sondern eine Sache der Menschen“

Für die weitreichende finanzielle Unterstützung durch die Vereinsmitglieder und die Förderer ist man selbstredend sehr dankbar – sie wird auch weiterhin unverzichtbar sein. Vereinsvorsitzender Michael Neuenhagen findet mit Blick auf die hohe Eigenleistung, „dass das alle Umweltzentren so machen müssten. Dann gäbe es viel mehr davon – und so sollte es eigentlich auch sein.“ Denn Naturschutz sei eben nicht (nur) Aufgabe der öffentlichen Hand, „sondern eine Sache der Menschen.“ Ein fester Zuschuss des Landes wird dennoch langfristig angestrebt, damit die finanzielle Unstetigkeit überwunden und die Energie noch mehr für die eigentliche Arbeit verwendet werden kann.

Noch einmal zurück zum Netzwerken – dieser Begriff ist ja schon länger in Mode. Im Umweltzentrum ist er aber nicht nur ein hübscher Gedanke, der dem Zeitgeist entspricht, sondern gelebte Realität. Und ein Ergebnis der Vernetzung ist auch das hier: Dass Villingen-Schwenningen zum Naturpark Südschwarzwald gehört und davon auch profitiert, dazu hat das Umweltzentrum, das seit jeher durch verschiedene Kooperationen mit dem Naturpark eng verbunden ist, sicher maßgeblich beigetragen. Es selbst will ein Haus für alle Gruppen, Vereine und Verbände sein. Der Trägerverein zählt heute über 100 Mitglieder, darunter sind zum Beispiel der BUND Schwarzwald-Baar-Heuberg, die Schwarzwaldverein-Ortsgruppen Schwenningen und Bad Dürrheim, die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins Schwenningen, die Deutsche-Alpenverein-Sektion Baar, der Naturpark Südschwarzwald, das solidarische Landwirtschaftsprojekt „Baarfood“, die Industrie- und Handelskammer und viele mehr.

Und die Vielfalt spiegelt sich auch in der Zusammensetzung des Vorstands wider: Vorsitzender Michael Neuenhagen kommt aus der Wirtschaft, als Marketingchef bei Bad Dürrheimer Mineralbrunnen ist er auch die Schnittstelle zwischen Ökologie und Ökonomie. „Wir sind ein schlagkräftiges Team“, sagt er stolz mit Blick auf seine Mitstreiter, und: „Es liegt immer an den Menschen, die‘s machen.“ Zu denen gehören im Vorstand als stellvertretende Vorsitzende Anita Sperle-Fleig, die Regionalgeschaftsführerin des BUND Schwarzwald-Baar-Heuberg, und Armin Schott, Stabstellenleiter im Bereich Umweltentwicklung und nachhaltige Planung beim doppelstädtischen Stadtplanungsamt. Er sitzt außerdem im Kreistag, genau wie Schatzmeisterin Cornelia Kunkis-Becker, die auch dem VS-Gemeinderat angehört. Außerdem gibt es einen rührigen Vereinsbeirat. Leiter des Vereinsbüros ist Hans Hruby. „Die Kerntruppe ist seit 20 Jahren zusammen“, sagt Anita Sperle-Fleig, deshalb funktioniere das Ganze wohl auch so gut.

Das Umweltzentrum ist also eine ehrenamtlich aufgebaute Institution, die für die Allgemeinheit da ist – eben für alle, die möchten. Hausleiterin Angie-Diane Manton drückt es so aus: „Alles, was hier so zusammenkommt – das macht das Besondere des Umweltzentrums aus. Dazu gehören auch die verschiedenen Gruppen, die wir ansprechen“, also kleine Kinder, Schüler, Erwachsene, Mitarbeiter in Unternehmen, Flüchtlinge, Menschen mit und ohne Handicap, „das alles haben wir im Blick.“ Um alle anzusprechen und Natur- und Umweltthemen der Region zu präsentieren, gibt es seit 2012 jährlich ein Veranstaltungsprogramm mit Exkursionen und Vorträgen zu verschiedenen Themen. Ein wichtiges Ziel ist es, den Besuchern die Grundlagen eines nachhaltigen und verantwortungsvollen Handelns zu erläutern und vorbildliche Anwendungsbeispiele in der Region sichtbar

 

 

zu machen. Es geht also um Umweltbildung für Jedermann. Weil man damit schon an der Basis bei den Jüngsten beginnen möchte, gibt es das Schulprogramm (siehe nebenstehender Bericht) und die individuellen Naturgeburtstage für Kinder und deren Gäste auf dem Gelände des Umweltzentrums. Da heißt es dann: „Die Baumdetektive sind unterwegs“ oder „Zu Gast in der Pflanzenfarbenwerkstatt.“

Vorträge, Kurse und Exkursionen werden angeboten

Aber nicht nur Kinder finden im Zentrum interessante Angebote. Vorträge, Kurse und andere Veranstaltungen zu Themen des Naturschutzes, der Nachhaltigkeit und des ökologischen Handelns gibt es auch für Erwachsene, unter anderem in Kooperation mit der Volkshochschule Villingen- Schwenningen. Dabei werden die Themen möglichst mehrdimensional beleuchtet: So hieß es jüngst: „Windkraft auf der Länge Pro und Contra – Zwei Experten informieren über die Hintergründe der Diskussion“ – Schwarz-Weiß-Denken ist nicht gefragt im Umweltzentrum.

Oder wie wäre es einmal mit einer Tour mit einem der Moosführer? Sie sind ehrenamtliche Mitarbeiter, die ihre Begeisterung für diese

Nicht nur Kinder finden im Zentrum interessante Angebote. Vorträge, Kurse und andere Veranstaltungen zu Themen des Naturschutzes gibt es auch für Erwachsene.

spezielle Landschaft gerne weitergeben. Ausgebildet wurden sie zur Landesgartenschau – so schließt sich der Kreis dann wieder. Auch Gruppenführungen können bei Interesse über das Umweltzentrum gebucht werden. „Sind das Wildkräuter oder ist das Unkraut?“ – Dieser Frage wird zum Beispiel auf einem Rundgang über das Moos auf den Grund gegangen.

In anderen Führungen kann man die Geschichte einer erfolgreichen Renaturierung erfahren und außerdem, wie das Moos entstand und wie Torfabbau und Salzförderung es schädigten. Woher kommt der Neckar? Wie verhält es sich mit der europäischen Wasserscheide? Wo verläuft die ehemalige Landesgrenze? Welche Frösche, Kröten, Unken und Molche leben hier? Was treiben diese das ganze Jahr hindurch und wer sind ihre Feinde? Wieso gibt es eine Neckarquelle und einen Neckarursprung? Warum hat man überhaupt das Moos entwässert? Und welche Rolle spielte der Torf für das Schicksal des Moores? Dies und vieles mehr wird im Rahmen der beliebten Führungen be-

 

 

antwortet, zu denen auch die besonders beliebten Touren mit zwei versierten Vogelexperten zählen.

Auch Exkursionen bietet das Umweltzentrum übrigens an, oft in Kooperation mit dem Schwarzwaldverein, zum Beispiel zum Biotop und der Streuobstwiese, die die Schwenninger Ortsgruppe vor 20 Jahren in Unterkirnach angelegt hat oder ins Ippinger Tal mit seinen Orchideen. Wer möchte, kann bei einem der Naturschutz-Pflegeeinsätze auch selbst Hand anlegen. Gezeigt wird im Zentrum zudem noch eine interaktive Dauerausstellung mit dem Titel „Der Obere Neckar – Fluss – Natur – Kultur“. Sie wurde im Juli 2014 eröffnet und zeigt die Besonderheiten des Ursprungs des Landesflusses, den Lebensraum Gewässer und die Natur- und Kulturschönheiten am Oberen Neckar. Die Besucher können den Neckar-Radweg virtuell entlangfahren, einer sprechenden Moorschnucke begegnen und erfahren, dass der Neckar im Stadtgebiet von VS-Schwenningen zur Landesgartenschau 2010 offengelegt und renaturiert.

Verwaltung durch hauptamtliche Haus- und Projektleiterin

„Die große Vielseitigkeit der Veranstaltungen und Angebote zeichnet uns aus“, sagt Angie-Diane Manton. Vereinsvorsitzender Michael Neuenhagen ergänzt: „Es hat sich entwickelt, alles ist größer geworden. Heute sind wir ein kleines Unternehmen.“ Dass die Strukturen immer weiter professionalisiert wurden, zeigt sich auch daran, dass mit Angie-Diane Manton seit Juli 2014 eine hauptamtliche Haus- und Projektleiterin angestellt werden konnte. „Das ist einfach klasse“, sagt Vize-Vorsitzender Armin Schott, „vorher konnten wir Leute immer nur projektbezogen einstellen.“ Und manchmal sind es eben auch glückliche Fügungen, die zum Erfolg beitragen: Diplomagraringenieurin Angie-Diane Manton war damals vor fünf Jahren nach ihrem Studium und anderen beruflichen Stationen gerade in ihre Heimatstadt Villingen-Schwenningen zurückgekehrt. „Ich wollte mich im Umweltzentrum ohnehin ehrenamtlich engagieren. Gleichzeitig war ich aber auch gerade auf Jobsuche“, erinnert sie sich. Da passte es einfach prima, dass die Stelle just zu dieser Zeit ausgeschrieben wurde und der Verein die Frau engagieren konnte, die auch noch einen direkten Bezug zur Region hat, wuchs sie doch in Schwenningen auf und ging hier zur Schule. Moos und Co.? Das alles kannte sie schon wie ihre Westentasche und das entsprechende Herzblut war so auch von Anfang an mit dabei.

Was gehört zu ihren Aufgaben? Da wäre zum einen die Verwaltung des Hauses (sie selbst sagt: „Ich schaue, dass alles in Ordnung bleibt“). Wichtig ist hier der kurze Draht zur Stadtverwaltung als Eigentümerin des Gebäudes. Aber auch zu Ministerien in Bund und Land gilt es den Kontakt zu halten, ebenso wie zu Behörden wie den Landratsämtern der Region oder dem Regierungspräsidium in Freiburg, genauso

 

 

wie bei Bedarf zu den Umweltverbänden und all den anderen Ansprechpartnern. Außerdem organisiert und koordiniert sie Kurse und die Angebote für die Unternehmen. Mit Lehrer Johannes Nonnenmacher arbeitet sie eng bei der Planung des Schulprogramms zusammen. Die Betreuung der engagierten Ehrenamtlichen, die sich verschiedentlich für das Umweltzentrum einbringen, ist ebenfalls wichtiger Teil ihrer Arbeit. So steht sie zum Beispiel immer im Kontakt mit den Moosführern.

Die Arbeit der Hausleiterin findet zwar auch am Schreibtisch statt, aber eben nicht nur. Dafür ist sie viel zu sehr mit der Natur und allem verbunden, was eben draußen so stattfindet: Bei der Walderlebniswoche für Kinder zum Beispiel hält sie nichts mehr im Büro. Ganz schön groß ist dieser Aufgabenbereich – die Hausleiterin lächelt angesichts dieser Feststellung und sagt dann: „Aber auch ganz schön spannend!“

Ihren Arbeitsplatz im Umweltzentrum fand sie von Beginn an faszinierend. „Das Haus hat eine ganz besondere Atmosphäre“, freut sie sich über diesen offenen, hellen Ort auf der Möglingshöhe. Rückblickend und gleichzeitig mit dem Fokus nach vorn sei es schön zu sehen, wie alle Stück für Stück wachse. Ein paar Baustellen gilt es derweil noch abzuarbeiten. Neben der angestrebten langfristigen finanziellen Absicherung durch einen festen Landeszuschuss ist das Gebäude selbst dabei im Fokus: Der Saal im Umweltzentrum ist nämlich baulich ohne Heizung oder Klimaanlage gestaltet. Das bedeutet: Im Winter ist es hier oft eiskalt, und im Sommer fühlt‘s sich öfters mal an wie in einer Sauna. Das bremst die Veranstaltungsmöglichkeiten im Jahresverlauf doch etwas ein. So konzentriert sich das Veranstaltungsprogramm meist auf das Frühjahr und den Herbst. Ob und wie man hier baulich gegensteuern könnte, darüber wird aktuell nachgedacht. Das zeigt: Die Aufgaben und Ideen gehen den Vereinsmitgliedern bei Weitem nicht aus.

Das Schwenninger Moos hat eine reiche Flora und Fauna zu bieten. Von Kaninchen über Rehe und Wasservögel, Steinmarder ( unten recchts) sowie seltenen Amphibien-, Libellen- und Schmetterlingsarten reicht die Palette.

 

 

Es ist ein schöner Sommertag im Juni. Schon früh lacht die Sonne vom Himmel über Schwenningen. Die Grundschule Rietheim hat sich für diesen Morgen angekündigt. Die Schulkinder aus dem Ortsteil von Villingen-Schwenningen haben grade eine Projektwoche zum Thema Natur absolviert und dabei begeistert mitgemacht. Heute nun steht als passender Abschluss direkt vor den Pfingstferien noch ein besonderes Erlebnis auf dem Stundenplan: Die Erst- bis Viertklässler sind spürbar gespannt, was sie auf einer Runde durchs Schwenninger Moos erwarten wird. Johannes Nonnenmacher, Michael Rüttiger und Manfred Schröter erwarten die Rasselbande kleiner Naturforscher bereits auf dem Parkplatz beim Schwenninger Eisstadion.

Die Kinder erfahren, dass einer von ihnen „der Mann vom Umweltzentrum“ ist. „Das bin ich“, erklärt Johannes Nonnenmacher freundlich in die Runde lachend. Der Lehrer ist für das Schulprogramm zuständig, das die Institution mit Sitz im Schwenninger Stadtpark Möglingshöhe jedes Jahr aufs Neue anbietet.

Das Schulprogramm: Umweltbildung fängt bei den Jüngsten an

Und nun nehmen daran also auch die Rietheimer Grundschüler teil. Ihre Lehrerinnen haben für sie eine Schulprogramm-Tour mit zwei Moosführern gebucht. Michael Rüttiger und Manfred Schröter, die anderen beiden Herren vom Parkplatz, sind schon oft mit kleinen und großen Naturfreunden durch das Moorgebiet spaziert und haben dabei erklärt, was es mit diesem speziellen Ort so auf sich hat und was man hier alles entdecken kann.

Die Lehrerinnen teilen die Schülerschar in zwei Gruppen auf – und los geht‘s. Die Erst-und Zweitklässler hängen sich an Manfred Schröter, den pensionierten Lehrer aus Villingen. Der biegt mit den Schülern um die Ecke in Richtung Moos und bleibt bald gleich mal am Rande eines kleinen Wäldchens stehen. Wer genau hinschaut, entdeckt, dass um manche Baumstämme kleine Drahtgitter gewickelt sind. „Weiß jemand, wofür das ist?“, fragt der Moosführer. „Hm, vielleicht, weil sonst der Biber dran ‚rumnagen würde?“ So lautet die noch ein wenig zurückhaltend geäußerte Vermutung der Kinder – und genau damit haben sie Recht. Manfred Schröter freut sich schon jetzt. Diese Tour, das weiß er nun, wird eine gute mit diesen aufgeweckten, jungen Naturfreunden. Und grad‘ so geht die Wanderung durchs Moos dann auch den ganzen Vormittag über weiter. Mal bleiben alle am Teich stehen, wo plötzlich die eigens mitgebrachten Ferngläser aus den kleinen Rucksäcken gekramt werden. Warum? „Da drüben, ein Storch!“ ruft ein Junge und alle Köpfe gehen in Richtung Wasser. Der genauere Blick durchs Fernglas bringt dann aber doch die Gewissheit, dass es stattdessen ein Graureiher ist. Der glänzt mit einer majestätischen Flugshow-Einlage und die Kinder sind hin und weg.

„Dieser Tag in der Natur hat Spaß gemacht!“

Die Begeisterungsfähigkeit hält so fast zwei Stunden lang an, sei es wegen der Pferde auf der benachbarten Koppel („Oh, die sind so schön!“) oder wegen der Raupen von Gespinstmotten, die gerade einige Baumäste eingesponnen haben – vorsichtiges Anfassen ist hier sogar erlaubt, genau wie ausnahmsweise beim samtweichen, aber ganz schön feuchten Moosboden oder bei

Auf Entdeckungstour im Schwenninger Moos.

 

 

Was man ansehen und berühren kann, ist für Kinder in der Natur besonders spannend.

der Schnittfläche eines abgesägten Baums, auf der sich der frische Birkensaft sammelt. Pädagoge Schröter weiß nämlich, dass es wichtig ist, auch mal selbst hinzufassen: „Nur dann hat man‘s begriffen‘“. Anhand der Schilder des Vogellehrpfads erklärt er außerdem, was zum Beispiel genau ein Blässhuhn ist, an anderer Stelle dann, dass Bäume in saurem Wasser konserviert werden, dass Baumstümpfe, Zunderpilze und Walderdbeeren schon mal eine Symbiose eingehen und dass eigentlich – entgegen der grusligen Volksmeinung – im Moor niemand lebendig versinken kann.

Beim Infopavillon warten weitere tierische Gesellen auf die Besucher: Dort haben die Moosführer einige präparierte Wildtiere aufgestellt. „Hier könnte ihr jetzt mal sehen, was der Biber für Zähne hat“, sagt Manfred Schröter und natürlich schauen sich die Kinder das genauso neugierig an wie die ausgestopften Vertreter von Wildmaus, Sperber und heimischem Fuchs. Und es bleibt nicht bei diesen nur früher mal lebendig gewesenen Tieren: Mal quakt eine Krötenfamilie aus dem Schilf von links, mal hüpft tatsächlich ein Eichhörnchen, grad so als wär‘s dem Bilderbuch entsprungen, im Wald am Wegesrand von Baum zu Baum und dann landet ein Graureiher

– vielleicht ist es der von der Flugeinlage von vorhin – auch noch direkt vor den Kindern auf dem Moossteg. Am Moosweiher, wo sich die Frösche in Ufernähe genüsslich in der kräftigen Morgensonne räkeln und eine Blässhuhnfamilie mit putzigem Nachwuchs durchs Wasser quakt, gibt es schließlich die lang ersehnte Vesperpause. Irgendwann ist die Aufmerksamkeitsspanne dann doch ausgereizt. Drum ist auf dem Rückweg dann auch die Vorfreude auf den großen Spielplatz im Stadtpark am größten. Vorher aber gibt’s noch einen donnernden Applaus der Kinder für die Führung – der Tenor ist einhellig: „Dieser Tag in der Natur hat Spaß gemacht!“

Großes Schulprogramm

Lehrer Johannes Nonnenmacher kann deshalb eine positive Bilanz ziehen. Wieder einmal hat das Schulprogramm damit seinen Zweck erfüllt. Nonnenmacher selbst ist im Hauptberuf Lehrer am Schulverbund am Deutenberg und dort in der Realschulabteilung unter anderem als Klassenlehrer tätig. Der naturaffine Schwabe hat sich für diese zusätzliche Aufgabe am Umweltzentrum beworben und die Stelle, die vom Land finanziert wird und ein 13-Stunden-Deputat umfasst, letztlich auch bekommen. Zwei Mal pro Woche ist er im Zentrum und kümmert sich hier um seine Aufgaben. Vor ihm gab es auf dieser Position schon zwei Vorgänger, so dass er mit der Aufbauarbeit nicht bei null beginnen musste. Er kann sich im Übrigen vor allem auf die tatkräftige und fleißige Unterstützung der

 

 

Ehrenamtlichen verlassen, die Garanten und Umsetzer zahlreicher Programmpunkte sind: „Ohne sie würde das Ganze nicht funktionieren“, ist sich der Lehrer absolut sicher.

Der Kalender des Schulprogramms ist vor allem von Mai bis Juli voll, in diesen Monaten und im Herbst werden rund 40 Kurse angeboten. Im Winter pausiert das Programm. Der Angebotskatalog wird an alle Schulen im Bezirk verschickt. Viele melden sich dann auf diesem Weg, andere kommen über Mund-zu-Mund-Propaganda und positive Erfahrungen anderer Schulen auf Johannes Nonnenmacher zu. Er selbst spricht auch immer wieder Schulleitungen oder Kollegen aus der Lehrerschaft an. Einige Einrichtungen sind regelrechte Stammkunden, darunter zum Beispiel die Georg-Müller-Schule oder die Friedensschule aus Schwenningen, genau wie die Goldenbühloder die Warenbergschule aus Villingen. Schulartübergreifende Kurse werden in den Bereichen Umwelt-, Natur- und Klimaschutz angeboten. Die Kurse und Führungen werden mit Hilfe des Naturparks Südschwarzwald angeboten.

„Was lebt in unserem Neckar“

Das große Schulprogramm umfasst Kurse im Umweltzentrum und außerhalb, darunter den „Junior- Wasserwart“, ein Projekt des Bad Dürrheimer Mineralbrunnens mit fachlicher Unterstützung des Umweltzentrums und mit fachlicher Unterstützung des Umweltzentrums und des Amtes für Umwelt, Wasser- und Bodenschutz des Landratsamtes, in dem die Schulkinder in sechs Unterrichtsblöcken lernen, welche Wege das Wasser nimmt und dass es die Grundlage für Leben ist. Beim Kurs „Was lebt in unserem Neckar“ ziehen die Schüler mit Kescher und Becherlupe los und erkunden, welche Tiere und Pflanzen man hier finden kann.

Aber auch die anderen Elemente spielen eine Rolle: In Kooperation mit der Schwenninger Firma Maico dreht sich alles ums „Lebenselexier Luft“: Kinder lernen die Funktion eines Elektromotors kennen. Dazu montieren sie kleine Windmaschinen, mit denen sie in Experimenten die Auswirkungen der Luftströmung kennen lernen. Oder aber es geht mit dem Förster in den Wald, in Kooperation mit dem städtischen Forstamt. In Zusammenarbeit mit dem BUND kann man auf dem Steinzeitgelände hinter dem Eisstadion erfahren, wie aus Korn Brot wird und in anderen Kursen, in welchen Lebensmitteln Zucker enthalten ist, welche Funktionen und Auswirkungen er hat und wie verschiedene Süßen schmecken oder woher der Honig kommt und welche wichtige Rolle Honig- und Wildbienen in der Natur spielen.

Welche Tiere leben im Wald – auch Hasen und Rehe sind im Moos daheim (s. S. 259).

„Wofür Häuser, wenn es Höhlen gibt?“ – dieser Frage wird in Kooperation mit der doppelstädtischen Wohnungsbaugesellschaft nachgegangen. Und auch die Themen Müll und Energie werden behandelt: Das Kreis-Amt für Abfallwirtschaft erklärt, wie eine Kompostanlage und ein Recyclingzentrum funktionieren, der BUND, wie Müll vermieden und aus Abfall Kunst entstehen kann, die Bräunlinger Firma Straub-Verpackungen, wie das Verpackungsmaterial Wellpappe aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und verarbeitet wird. Und die Stadtwerke Villingen- Schwenningen vermitteln, wie „clevere Kids dem Strom auf die Spur kommen“ können. INFO: Die Moos-Führungen im Schulprogramm werden von Günther Schütz, Johannes Nonnenmacher, Michael Rüttiger und Manfred Schröter angeboten. Jeder von ihnen setzt dabei auf eigene Schwerpunkte.

 

 

Die kommunale Mosterei in Hubertshofen

von Gabi Lendle

Die Herstellung von Saft aus Äpfeln und Birnen spielt vor allem auf der Baar seit Jahrhunderten eine bedeutende Rolle. Schon bei den Kelten war der Most (lateinisch mustum) als junger Wein bekannt, den sie meist zur Verdauungsförderung tranken. In Süddeutschland gehört frisch gepresster „Süßmost“ aus Äpfeln zum traditionellen Kulturgut des bäuerlichen Lebens und hat bis heute an Beliebtheit nichts eingebüßt. Der Apfelsaft oder Most stammt aus Mostereien wie der in Hubertshofen, die seit nunmehr zwei Generationen mit großer Leidenschaft und Sachkenntnis die Familie Georg Tritschler betreut.

Hubertshofen ist ein Stadtteil von Donaueschingen, der umgeben von großen Waldflächen idyllisch auf 800 Höhenmetern liegt. Bereits seit über 50 Jahren gibt es hier eine Mosterei. Das Gebäude gehört der Stadt Donaueschingen, sie bezahlt auch die Strom- und Wasserkosten. In der Mosterei herrscht ab September acht Wochen lang Hochbetrieb. Die Familie Tritschler sorgt dafür, dass der Saft aus heimischen Äpfeln und Birnen in der Tat „in Strömen fließt“: Jedermann kann sein reifes Obst zum Pressen anliefern und erhält dann auch tatsächlich den Saft aus seinen eigenen Früchten. Das ist nicht in jeder Mosterei so. Doch auch wer keine eigenen Obstbäume hat, kann sich in Hubertshofen mit köstlichem frisch gepresstem Apfelsaft oder Most eindecken. Die Äpfel und Birnen dazu stammen von garantiert ökologischen Streuobstwiesen in und um Hubertshofen.

Die Zahl der regionalen Mostereien ist seit Jahren rückläufig, immer mehr schließen ihre Pforten. Der stressige Job an der Presse ist nur möglich, wenn man Spaß und Leidenschaft für diese Tätigkeit empfindet, denn viel verdienen lässt sich damit nicht. Umso größer ist in der Erntezeit der Ansturm auf die verbliebenen Mostereien. Aber lange Wartezeiten werden ebenso gerne in Kauf genommen wie lange Anfahrtswege. Unter den heimischen Mostereien herrscht kein Konkurrenzkampf. Alle haben die selben Preise, man kennt sich und arbeitet zusammen wie in einem großen Team.

Die Familie Tritschler und ihre Liebe zum Apfel

Äpfel aller Art sind Georg Tritschlers Leidenschaft. Mit viel Hingabe betreut und pflegt er die Äpfel- und Birnbäume auf den Streuobstwiesen rund um Hubertshofen von der Blüte bis zur Frucht. Und verarbeitete das Obst anschließend zu einem köstlichen Saft. Ein Teil der Streuobstwiesen gehört ihm selbst, weitere befinden sich in Privatbesitz. Nur noch einen Landwirt gibt es inzwischen am Ort, alle weiteren landwirtschaftlichen Flächen sind verpachtet.

Zwei der Streuobstwiesen werden ausschließlich als Blumenwiese genutzt und erst nach dem Ausblühen gemäht. Denn zum

 

 

Mit Herz und Seele bei der Mosterei und der Pflege von Streuobstwiesen dabei: die Familie Tritschler aus Hubertshofen. Oben, von links: Finn Tritschler, Emil Tritschler sowie Sandra und Georg Tritschler. Es fehlt der Sohn Maximilian Tritschler. Unten: Blick in die Mosterei. Links werden die Äpfel in die Anlage eingefüllt und ge-waschen, in der Mitte rechts ist die Presse zu sehen und rechts vorne der Holzzuber, der den Apfelsaft sammelt.

 

 

Georg Tritschler auf einer seiner Streuobstwiesen zur Zeit der Apfelblüte. Schon an der Blüte kann Fachmann Georg Tritschler erkennen, ob es ein gutes Erntejahr gibt oder nicht. Vorausgesetzt, dass die Witterung gut bleibt und keine Hagel- oder Sturmereignisse auftreten oder dauerhafte Nässe die Blüten schädigt.

natürlichen Kreislauf eines Obstbaumes gehören Bienen zum Bestäuben. Ohne Insekten gibt es keine Früchte und keinen Saft. „Im Moment ist das in Hubertshofen noch kein Problem, wir haben Gott sei Dank noch Imker am Ort“ sagt Georg Tritschler, der sich dafür engagiert noch mehr Streuobstwiesen um Hubertshofen anzusiedeln. Es ist ihm sehr wichtig, diese traditionelle Form des Obstanbaus zu pflegen und weiter zu fördern. Die Streuobstwiesen sind für Insekten, Vögel und andere Kleintiere von immenser Bedeutung.

Georg Tritschler ist mit dem Mosten sehr vertraut, schon sein Vater Emil hat die kleine Mosterei in der Schwimmbadstraße betrieben. Daher weiß er auch von Kindesbeinen an die heimischen Baumfrüchte auf den Wiesen als Geschenk der Natur zu schätzen. Hier geht es ihm nicht nur ausschließlich um die Verwertung der Frucht und den Genuss des köstlichen Saftes bis in den Winter hinein, sondern auch um die Bewahrung einer alten Tradition.

Das Mosten ist für Georg Tritschler eine Bereicherung, für die er sich jedes Jahr zwei Monate unbezahlten Urlaub nimmt. Das meiste Wissen zum Thema Äpfel hat er von seinem Vater Emil vermittelt bekommen. Ebenso verschiedene Kniffe und Tricks beim Pressvorgang in der Mosterei. Darüber hinaus hat er sich umfangreiches Wissen zu allen Themen rund um Äpfel und deren Anbau angeeignet. Dieses Wissen gibt er nun an seine erwachsenen Söhne Maximilian und Finn weiter, die beim Mosten wie ihre Mutter Sandra mithelfen. „Ohne ihren Einsatz wäre das alles nicht zu bewältigen, ich bin sehr stolz, dass inzwischen die dritte Generation unserer Familie mit dieser schönen Tradition fortfährt“, freut sich Georg Tritschler.

Apfelsaft von herb bis lieblich-süß

Die Maxime der Familie ist die umfassende und nachhaltige Bewirtschaftung der eigenen Streuobstwiesen rund um ihre Heimatgemeinde. Sieben Streuobstwiesen mit Äpfeln und Birnen gibt es in Hubertshofen. Das Obst an den Bäumen reift unterschiedlich heran, sodass ab August bis in den September hinein geerntet werden kann. Die Früchte sehen nicht so schön aus wie das Tafelobst im Supermarkt, das tut der Güte des Saftes aber keinen Abbruch. Genauso unterschiedlich wie die Reifung ist auch der Geschmack des Obstes. Dieser reicht von herb bis zu lieblich, kann süß oder sauer sein. Georg Tritschler ist überzeugt: „Der beste Apfelsaft kommt aus gemischten Früchten“. Deshalb wird bei der Neueinrichtung von Streuobstwiesen auch großen Wert darauf gelegt, welche Bäume in die Region passen, welche Sorten Äpfel sie tragen und welche Erntezeit sie haben.

Das Mosten

Die arbeitsreichen Wochen in der Mosterei beginnen Anfang September. „Wir haben frü

 

 

221Am Beginn wird das Obst gewogen, aus dem Gewicht errechnet sich der Preis. Dann werden die Äpfel in die Anlage eingefüllt, gewaschen und in kleine Stücke gehäckselt. Schließlich wird die Maische in mehreren Lagen maschinell gepresst (u. links) – der eigene Apfelsaft fließt in Strömen. (u. rechts)

 

 

her immer erst Ende September geerntet und gemostet. In den vergangenen Jahren hat sich die Ernte klimabedingt allerdings verschoben, jetzt beginnt die Saison manchmal schon im August – je nach Witterung. Georg Tritschler: „Das Jahr 2018 war ein gigantisches Apfeljahr, es wird uns in guter Erinnerung bleiben. Während der Mostsaison verarbeiten wir in der Regel zwischen 60.000 bis 70.000 Kilo Äpfel und Birnen. In diesem Jahr aber waren es weit über

100.000 Kilo.“

Rund ums Pressen

Wenn im September die Mosterei ihre Pforten öffnet, sollte man bald mit Georg Tritschler einen Termin vereinbaren. Früher war das Mosten nur am Wochenende möglich, doch Georg Tritschler hat nun nach Absprache täglich geöffnet, um den Ansturm bewältigen zu können. Dann wird Hubertshofen zum Mekka von Apfel-Fans. Viele der Anlieferer sind Stammkunden. Sie kommen aus dem gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis, aber auch aus den Landkreisen Breisgau-Hochschwarzwald und Tuttlingen.

Das Mosten beginnt mit dem Wiegen der Äpfel oder Birnen, aus dem Gewicht wird dann der Preis ermittelt. Jeder Kunde erhält den frisch gepressten Saft seines eigenen Obstes, das ist die Besonderheit in der Mosterei in Hubertshofen. Im zweiten Schritt wird das Obst gewaschen, danach wird es in einem Rohr zum Hechsler transportiert, der es zur saftigen Maische verkleinert. Diese wird zur motorbetriebenen Pressanlage befördert, die den Saft unter hohem Druck aus dem Fruchtfleisch herauspresst. Der durch den Druck frei werdende Saft fließt in einen großen Holzbehälter. Von dort wird die Flüssigkeit in die von den Kunden bereit gestellten Behältnisse wie Fässer, Kanister oder Flaschen abgefüllt.

Der ungekochte Saft fängt meist nach zwei Tagen an zu gären und wird zum Most. Der erhitzte Saft wird in Flaschen oder in einem Plastikbehälter (bag in bag) verkauft. Er ist bis zu fünf Jahren und darüber hinaus haltbar.

Am Ende des langen Arbeitstages wird dann das komplette Gebäude mitsamt aller Maschinen und technischen Geräte gereinigt, damit es am nächsten Tag wieder blitzblank weitergehen kann. „Wir produzieren null Abfall, denn der übrig gebliebene Trester wird an die Förster weitergereicht, die damit das Wild füttern“ freut sich Georg Tritschler über diese super gute Bio-Bilanz.

Ago e.V. – das Wissen an Jugend vermitteln

Tritschler erfüllt nebenbei auch einen wichtigen Bildungsauftrag. „Viele Kinder wissen heutzutage nicht mehr, dass ein Apfel von einem Baum stammt. Das ist traurig und beängstigend. Deshalb haben wir Kinder aus Schulen und Kitas zum Schau-Mosten nach Hubertshofen eingeladen. Da dürfen die alle mitarbeiten und haben eine Riesenfreude dabei. Das Angebot wird aus dem gesamten Kreisgebiet super angenommen, die Führung wird von uns kostenlos durchgeführt“, so Georg Tritschler.

Weil ihm viel an der Natur liegt und er sein Wissen darüber vor allem an die Jugend weitergeben möchte, hat Georg Tritschler 2011 mit anderen Gleichgesinnten in Hubertshofen den Verein Ago e.V. (lateinisch = sich in Bewegung setzen) gegründet. Zweck des Vereins ist die Förderung der Bildung und Erziehung sowie der Jugendhilfe, insbesondere im Bereich Mediennutzung zur Prävention und Behandlung von Medienmissbrauch und Mediensucht bei jungen Menschen.

Der gemeinnützige Verein Ago e.V. bietet ein vielfältiges, naturnahes und erlebnisorientiertes Workshop-Angebot für Kinder und Jugendliche. Alle Workshops, Projekte und Freizeiten werden von pädagogisch geschultem Personal begleitet und im Kreativ-Camp in Hubertshofen angeboten. Raum zum Toben und Spielen ist auf dem 10 Ar großen Areal mit Schrebergarten, Hochsitz, Feuerstätte, Bauwägen, Hütten und einer Jurte vorhanden. Im Jahr 2018 beispielsweise haben über 1.500 Kinder und Jugendliche an den Projektangeboten teilgenommen. Weitere Informationen gibt es unter:
www.verein-ago.de

 


Bei der Apfelernte in Hubertshofen. Das um Hubertshofen herum geerntete Obst wird in der eigenen Mosterei verarbeitet. Das Besondere: Jeder Obstbesitzer erhält nicht „irgendeinen“, sondern seinen eigenen Apfelsaft (unten). Auch wer keine eigenen Streuobstwiesen besitzt, kann in der Mosterei frischen Apfelsaft einkaufen.

 

 

Ein neuer Wanderweg zwischen Gutach und Rhein

Text und Fotos: Thomas Bichler

Der WasserWeltenSteig verläuft als neuer zertifizierter Premiumwanderweg über 109 Kilometer von Triberg im Schwarzwald nach Neuhausen am Rheinfall in der Schweiz und verbindet damit „Deutschlands höchste Wasserfälle“ mit dem größten Wasserfall Europas.

 

 

Im Jahr 2001 kam mit der Eröffnung des Rothaarsteigs im Sauerland und Westerwald, als erstem deutschen Premiumwanderweg, der Stein ins Rollen, der – damals wohl ungeahnt – richtig Fahrt aufgenommen hat und bis heute ungebremst rollt. Zahlreiche neue Wanderwege, ganz nach den Bedürfnissen moderner Wanderer konzipiert, sprießen seitdem aus den Wald- und Wiesenböden der Mittelgebirge zwischen Küste und Alpenrand.

Quasi mit einem Schlag ist das Wandern aus seinem damals reichlich angestaubten Image erwacht und wurde wieder „in“. Naturnahe, gewundene Pfade, erlebnisreiche Wegpunkte, bestenfalls schöne Einkehrmöglichkeiten am Weg, modern gestaltete Rastplätze und ausgesucht schöne Natur kennzeichnen die neuen Wanderwege landauf, landab. Es folgten Wege, die heute längst zu Klassikern geworden sind, der Rheinsteig, der Hochrhöner, der Franken-weg, der Saar-Hunsrück-Steig oder – ganz in der Nähe – die Murgleiter im Nordschwarzwald und die als Qualitätswege Wanderbares Deutschland zertifizierten Fernwege Schluchtensteig und ZweiTälerSteig im Naturpark Südschwarzwald und natürlich der Westweg.

Qualitätsweg oder Premiumwanderweg?

Der Unterschied ist für Uneingeweihte kaum auszumachen. Zertifizierte Wanderwege werden nach komplexen Kriterienkatalogen für das optimale Wandererlebnis konzipiert und eingerichtet. Das Deutsche Wanderinstitut mit Sitz in Marburg hat 34 Kernkriterien für Premiumwanderwege entworfen. Für jeden Wegekilometer werden zudem knapp 200 unterschiedlich gewichtete Merkmale zum Wegeformat und Gehkomfort, zu Landschaft, Kultur und „zivilisatorischen Barrieren“ (Straßen, Ortsdurchquerungen, etc.) oder zur Beschilderung verlangt. Wege können so mit deutschlandweit identischen Kriterien kilometergenau auf Stärken und Schwächen getestet und vom Wanderer miteinander verglichen werden. Das Prädikat „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“ wird vom Deutschen Wanderverband in Kassel vergeben und basiert auf 9 Kernkriterien und 23 Wahlkriterien.

Gleich ob Premiumwanderweg oder Qualitätsweg – immer steht das Erlebnis Wandern im Vordergrund. Erdig-grasige Pfade ersetzen Schotter- und Asphalttrassen. Schmale Wege führen durch vielfältige und unberührte Landschaftsformen, statt mit monotoner Flurbereinigung zu langweilen. Stopps in blühenden Waldwiesen, in erfreulich unaufgeräumten

80 geladene Gäste trafen sich im Mai 2019 in Blumberg-Achdorf zur Eröffnung des Premiumwanderweges WasserWeltenSteig. Hier Landrat Sven Hinterseh (3. v. links) im Kreis prominenter Mitwanderer. Im Hintergrund die Schleifenbachwasserfälle.

 

 

Wäldern und in Weinbergen werden so zur meditativen Erfahrung. Öffnende Ausblicke, Naturattraktionen und kulturelle Sehenswürdigkeiten sind ebenso wichtige Bestandteile, wie eine benutzerfreundliche Infrastruktur und attraktive Rastplätze. Wie komponiert stehen komfortable „Waldmöbel“ – Bänke, Holzliegen, Liegeschaukeln, Grillstellen – immer an den genau richtigen Stellen zum Rasten und Schauen. Eine lückenlose und unmissverständliche Markierung sorgt dafür, dass die Wanderung nicht verloren im Wald endet. Die Zertifizierung ist also nicht nur eine Auszeichnung des Wanderweges und seiner Ersteller, sondern auch eine wichtige Entscheidungshilfe für Wanderer.

WanderParadies Schwarzwald und Alb

Das „WanderParadies Schwarzwald und Alb“ der Landkreise Schwarzwald-Baar und Rottweil, das 2014 „an den Start“ ging, bietet zwischenzeitlich 37 Wanderrundtouren zwischen vier und 20 Kilometern Länge, von denen 20 als Qualitäts- oder Premiumwege zertifiziert sind. Auf den Schwarzwaldhöhen und -tälern, im Schluchtensystem der Wutach und Gauchach sowie auf dem Hochplateau der Baar, kurz: im gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis ist Wandern auf zertifizierten Wegen möglich. Was fehlte war ein Fernwanderweg. Der neue Wasser-WeltenSteig schließt nun die Lücke im touristischen Angebot und bildet seit seiner Eröffnung im Mai nun den roten Faden in der Wanderregion zwischen Schwarzwald, Alb und Hochrhein. Auf seinem Weg zwischen den beiden herausragenden Natursehenswürdigkeiten des Triberger Wasserfalls und des Rheinfalls verknüpft er nun viele der zertifizierten Kurzwege und zahlreiche Wanderregionen miteinander.

Von der Idee zum Weg

Einen neuen Wanderweg zu entwickeln ist mehr, als nur ein paar Schilder aufzustellen – viel mehr. Am Anfang stand der Wunsch im Schwarzwald-Baar-Kreis einen konkurrenzfähigen Fernwanderweg zu etablieren, der langfristig im Konzert der großen Wege mitspielen kann. Ein Fernwanderweg von überregionaler Bedeutung erzeugt mediale Aufmerksamkeit, fördert die regionale Wirtschaft und stärkt so insbesondere die lokalen Anbieter aus Gastronomie, Hotellerie und Tourismus. Von einer Erhöhung der Gästezahlen und der Verweildauer können aber auch beispielsweise Lebensmittelgeschäfte und Buchhandlungen profitieren.

Einen neuen Wanderweg zu entwickeln ist mehr, als nur ein paar Schilder aufzustellen – viel mehr.

Neben den wirtschaftlichen Zielen müssen dabei auch die umweltpolitischen Folgen bedacht werden: Wie können natürliche Ressourcen schonend genutzt sowie Flora und Fauna bewahrt werden. Wohin müssen Besucherströme gelenkt werden, um sensible Bereiche zu schonen. Wandern ist dafür die ideale, die Natur schonende Reiseform, um das Umweltbewusstsein altersunabhängig über alle Bevölkerungsschichten zu schärfen. Auch Marken- und Corporate Design sowie ein griffiger Markennamen sind längst fester Bestandteil in der Entwicklung eines Wanderwegs.

Die Arbeit am WasserWeltenSteig begann im September 2016 mit einer Machbarkeitsstudie der Projektpartner Wandern des Deutschen Wanderinstituts, ob der angedachte Wanderweg mit dem damaligen Arbeitstitel „Von Wasserfall zu Wasserfall“ als Premiumwanderweg umsetzbar ist. Nach zustimmendem Nicken

 

 

der Wanderforscher aus Mittelhessen stand die Bürokratie im Vordergrund. Ein Förderantrag beim Naturpark Südschwarzwald wurde gestellt. Erste Entwürfe der Strecke wurden mit der Bitte um Anmerkungen und Vorschläge an alle Anrainerkommunen, an Schaffhauserland Tourismus, die zuständigen Forstbehörden, an Naturschutzverbände und nicht zuletzt den Schwarzwaldverein verschickt.

Rauchende Köpfe waren anschließend ab März 2017 in den Sitzungssälen beim Landratsamt zu sehen: Änderungsvorschläge, Streckenverlegungen, Bedenken und Befürwortungen standen zur Diskussion – stets unter der Frage, ob der Neuentwurf der Wegeführung noch premiumwanderwegfähig ist, ob Naturschutz- und Forstbehörden in den beteiligten Landkreisen und Privateigentümer von Land zustimmen. Jede kleine Wegänderung erforderte eine neue Prüfung durch alle Beteiligten und deren erneute Zustimmung, aber auch die neuerliche Besichtigung vor Ort auf Mach- und Begehbarbarkeit sowie den Erlebnischarakter. Die Zahl der gewanderten Kilometer, vor allem der unermüdlichen Wegetüftlerin Margarete Furtwängler sowie Michael Braun, lässt sich wohl nicht beziffern, bis die Ortsgruppen des Schwarzwaldvereins im September 2018 den Wasser-WeltenSteig endlich beschildern konnten.

Mit der feierlichen Übergabe der Zertifizierung des neuen Premiumwanderwegs im Schwarzwald-Baar-Kreis am 25. Mai 2019 wurden auch die Webseite freigeschaltet und die druckfrische Begleitbroschüre der Öffentlichkeit vorgestellt. Der WasserWeltenSteig hat dabei seinem Namen alle Ehre gemacht. Die Eröffnungswanderung führte von Blumberg-Achdorf an den erfreulich wasserreichen Schleifenbachfällen vorbei bis auf den Buchberg, einen alle Teilnehmer durchnässenden Gewittersturm inklusive, just beim Eintreffen am Gipfel.

Also, gehen wir wandern!

Am Eingang der Triberger Wasserfälle hängt das erste Wegzeichen und begleitet uns bis an den Rheinfall: die für Schwarzwaldwanderwege typische Raute, versehen mit drei geschwungenen Linien. Über Serpentinen und Stufen zieht der Weg entlang der tosend ins Tal stürzenden

 

 

Wasser der Gutach hinauf, macht an Brücken und Aussichtsplattformen halt, gibt den Blick frei auf die sieben Fallstufen der insgesamt 163 Meter hohen Wasserfälle und erreicht schließlich – welch ein Gegensatz – die verwunschenen Moorlandschaften zwischen Schonach und Schönwald.

Hügelige Schwarzwaldlandschaften mit den typischen, urigen Schwarzwaldhöfen rahmen den Weg bis zum Reinertonishof. Anstelle des 2006 abgebrannten fast 400 Jahre alten Heidenhofes, haben die Dufners an alter Stelle ein neues Schmuckstück entstehen lassen. Über das Bauernmuseum, das Vesperhäusle, die Hofbrennerei und den Hofladen werden sich auch zukünftige Wanderer des WasserWeltenSteigs nach dem zurückliegenden Anstieg so freuen wie wir.

Bald nach dem Reinertonishof passieren wir die einstige Hofstelle des Elzhofes und tauchen, beobachtet von übermütig neugierigen Angusrindern, in den dichten Wald um den Blindensee ein. Nach und nach macht Hochwald einem dichtem Spirkenwald Platz. Die Spirke ist eine aufrecht wachsende Form der Berg-

Ein Bohlenpfad führt durch die archaische Landschaft zur Aussichtsplattform am kreisrunden, dunklen Blindensee.

Kiefer und typisch für die Moorlandschaften im Schwarzwald. Ein dichter Teppich aus Rauschbeerensträuchern überzieht den tückisch-sumpfigen Boden rechts und links des hölzerner Bohlenwegs, der uns mitten durch diese archaische Welt bis zur Aussichtsplattform am kreisrunden, dunklen Moorsee führt. Eine Sage erzählt, einst sei hier eine Kuh ertrunken und nach Wochen in der Donau wieder aufgetaucht. Nun ja, wer’s glaubt. Ein paar Neugierige taten es wohl doch und sollen – so wird berichtet – versucht haben mittels Färbung des Seewassers eine Verbindung mit der Donau nachzuweisen. Das war natürlich vergebens. Der mystischen Stimmung der Landschaft tut dies jedoch keinen Abbruch. Geheimnisvoll spiegelt sich der Moorwald im still und schwarzschimmernd ruhenden See.

Noch ein paar Schritte über den Bohlenweg, dann zieht der WasserWeltenSteig erneut

 

 

durch den für den Mittleren Schwarzwald so typischen Landschaftsflickenteppich aus Weiden, Wäldern und Wiesen zur Weißenbacher Höhe. Die jedem Schwarzwaldwanderer vertrauten roten Rauten des Westwegs hängen nun mit an den Wegzeichen. Seit bald 120 Jahren begeistert der seit einigen Jahren ebenfalls zum Qualitätsweg zertifizierte Klassiker seine Wanderer. Jedes Jahr begeben sich unzählige Besucher aus der ganzen Welt auf die 285 Kilometer von Pforzheim, quer durch den Schwarzwald, nach Basel. Vielleicht macht ihm der WasserWelten-Steig dahingehend ja einmal Konkurrenz?

Auf dem Weg zum Tagesziel am breiten Bergrücken zwischen Rohrhardsberg und Brend machen wir erst in Judith und Dieter Dolds Hof-Café „näbbe duss“ im hübschen Farnbachtal halt, dann kurz an der Elzquelle. Die Elz tröpfelt hier nur – ähnlich unserem in der Sonne dahinschmelzenden Bauernhofeis in der Hand, springt aber schon wenige Kilometer weiter talabwärts über die Elzfälle und fließt dann im weiten Bogen dem Rhein zu.

Unser Ziel ist die „Donauquelle“, jenseits der Europäischen Wasserscheide. Genauer gesagt entspringt die Breg, der längere der beiden Quellflüsse der Donau, in einer Senke unterhalb der Martinskapelle. Am benachbarten Kolmenhof bewirten uns Katharina und Christoph Dold mit fangfrischen Forellen und haben auch ein kuschelig weiches Bett für müde Wanderer. Wer noch nicht ganz so müde ist wie wir, wandert noch ein Stück weiter, passiert dabei die haushohen, eigentümlich wild aufeinandergestapelten Granitblöcke der Günterfelsen und übernachtet bei Antonia Hauswald im Berggasthof Brend am mit 1149,3 Metern höchsten Punkt des neuen Premiumwanderwegs.

Vom 1905 durch den Schwarzwaldverein erbauten Aussichtsturm am Gipfelplateau wandert der Blick nach Süden, zum Hochschwarzwald, über den Dunst der Rheinebene zu den Vogesen und an klaren Tagen bis zu den Alpen, vom Säntis bis zu Eiger, Mönch und Jungfrau. Modelleisenbahnern wird der 17 Meter hohe Steinturm bekannt vorkommen. Lange Zeit war er im Miniaturmodel-Portfolio des Spielzeugherstellers Faller in Gütenbach am Fuß des Brend.

Meditative Waldeinsamkeit

An Furtwangen, Gütenbach und Neukirch vorbei steuert der WasserWeltenSteig den dicht bewaldeten Höhenzug zwischen Linachtal und Urachtal an. Vom Brend geht es zur Ladstatt, dann mit einem Schlenker durchs Schochenbachtal zum Raben und weiter durch Wiesen und Weiden, an Waldrändern entlang zur Neueck. Hier ist ein weiterer wichtiger Punkt an der Wasserscheide zwischen Rhein und Donau – nun zwischen Wilder Gutach und Breg und eine gute Chance für ein zweites Frühstück bei Stefanie Weißer und Theo Rosenberger oder – wie in unserem Fall – einem Stück ihrer legendären Schwarzwälder Kirschtorte. In der Gartenwirtschaft im Schatten der Linden lässt sich herrlich Zeit verbummeln, während Theos cremeweiße Charolais-Rinder auf den umgebenden Wiesen weiden.

Mit vollem Bauch geht es weiter. Gut, dass der Weg nun für lange Zeit auf der Höhe bleibt. Am Hohlen Bildstöckle queren wir die B 500, schicken den Westweg geradeaus weiter und verlassen gefühlt endgültig die Zivilisation. Ein würziger Duft nach Harz und Moos und in den Baumwipfeln rauschender Wind fährt unseren Puls herunter. Stille umgibt den WasserWeltenSteig. Kaum ein Laut dringt bis auf den bewaldeten Höhenzug zwischen Michelshöhe und Adlerhöhe. Erholsames Waldwandern ist angesagt. Zeit für die Kleinigkeiten am Weg: Ein an Tannenzapfen knabberndes Eichhörnchen, Pilze im Unterholz, rotleuchtende Vogelbeeren vor dunkelgrünen Tannen. Fast zu früh bringt uns ein schmaler Pfad ziemlich direkt und steil ins Tal hinab.

Ein paar Schritte entlang der gluckernden Linach und wir stehen an der Linachtalsperre. Auf einem Schmalspurweg wandern wir am Ufer entlang zur Staumauer. Die eigenwillige, 25 Meter hohe und 143 Meter lange, denkmalgeschützte Gewölbereihenstaumauer wurde zwischen 1922 und 1925 zur Stromgewinnung gebaut. Ab 1969 wurde der Kraftwerksbetrieb eingestellt, Wasserkraft galt als nicht mehr zeitgemäß, 1988 das Wasser abgelassen. In den späten 90er-Jahren fand ein Umdenken statt. Das Kraftwerk wurde reaktiviert und nach einer

 

 

Unterwegs auf dem WasserWeltenSteig. Vorbei am Günterfelsen (oben) geht es zum Brend (u. links). Beim „Hirschen“ in Neukirch mundet die Schwarzwälder Kirschtorte – nächste Station ist die Linachtalsperre.

 

 

Sanierung seit 2007 wieder aufgestaut, um wieder Strom zu erzeugen.

Zwei Kilometer weiter talauswärts steht an der Mündung des Linachtals ins Bregtal das in Jugendstil-Bauweise errichtete Kraftwerkshaus mit drei Turbinen. Ein kurzer Zwischensprint rettet uns dort vor einem unerwarteten Gewitterregen. Wasser und WasserWeltenSteig gehört zusammen.

Nach Hammereisenbach wäre es auf dem Rad- und Wanderweg entlang der Breg zwar auch nicht mehr weit gewesen, aber zuvor legt der Premiumwanderweg noch einen Abstecher zur Burgruine Neufürstenberg ein. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen. Also sitzen wir die Dusche im hübschen überdachten Rastplatz mit Schinken, Wurst und Käse zum heißen Tee aus. Viel ist vom Neufürstenberg, der einstigen Burg der Grafen von Fürstenberg, nicht mehr erhalten. Die Wirren des Bauernkriegs und ein Angriff des “Klettgauer Haufens” im Jahr 1525 haben ihre Spuren hinterlassen. Heute steht nur die noch immer mächtige Schildmauer über den Dächern von Hammereisenbach. Das Dörfchen an der Mündung des Eisenbachs in die Breg hat seinen Namen von den Erzvorkommen und deren Verarbeitung erhalten. Bis ins 16. Jahrhundert wurde hier ein Hammerwerk betrieben, zu dessen Schutz und Kontrolle wohl die Burg diente.

Ein Stück wandern wir noch an der Breg entlang, nutzen dazu den bequemen Rad- und Wanderweg und biegen auf Höhe der Fischer-säge vom breiten, offenen Tal in die enge Waldschlucht des Wilddobels ein. Wieder umgibt uns Wald, der sich erst rund um Mistelbrunn wieder lichtet. Im Ort lohnt ein Stopp in der kleinen St. Markus-Kapelle mit ihren uralten Fresken aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts. Der Mistelbrunn-Pilgerweg von Hammereisenbach über Bräunlingen nach Hüfingen verläuft bis Mistelbrunn teils parallel zum Wasser-WeltenSteig. Kurz nach dem Dörfchen schluckt uns erneut der Wald, dämpft unsere Schritte und Gespräche und gibt uns erst im locker um die kleine St. Anna-Kapelle verstreuten Erholungsort Unterbränd am Kirnbergsee wieder frei. Für den Sprung ins erfrischende Nass des „wärmsten Badesees im Südschwarzwald“ ist es uns doch zu frisch. Aber die Füße kühlen wir ab.

Rechte Seite: Meditative Waldeinsamkeit umgibt den Wanderer auf dem WasserWeltenSteig immer wieder neu.

Für den Sprung ins erfrischende Nass des „wärmsten Badesees im Südschwarzwald“ ist es uns doch zu frisch. Aber die Füße kühlen wir im Kirnbergsee ab.

 

 

Schluchtenwandern in Richtung Schweiz

Unsere Vorfreude steigt. Heute steht die Gauchachschlucht auf dem Etappenzettel. Die enge und wilde Gauchachschlucht gehört zum Naturschutzgebiet Wutachschlucht, einem der ersten in Baden-Württemberg. 1939 wurde das Schluchtensystem der Wutach und ihrer Nebenflüsse wegen der landschaftsgeschichtlichen und geologischen Besonderheiten, sowie der artenreichen Tier- und Pflanzenwelt unter besonderen Schutz gestellt. So konnte die einzigartige Landschaft als „Naturraum, aber auch als Erholungsgebiet mit hohem Erlebniswert“ erhalten werden.

Vom Campingplatz am nördlichen Seeufer geht es über die Brändbachtalsperre und an der Burgstelle der einstigen Kirnburg an den Oberlauf der Gauchach. Der WasserWeltenSteig hält, was er uns versprochen hat: Von nun an begleiten wir den größten Zulauf der Wutach

In der Gauchachschlucht, die zum Naturschutzgebiet Wutachschlucht gehört.

bis zu dessen Mündung. Abenteuer pur am rauschenden Bach, scheinbar fernab aller Zivilisation. Es wird ein Tag umgeben von der wilden Natur eines gewaltigen Schluchtensystems, wie man es in einem Mittelgebirge kaum erwarten kann. Nur kurz werden Schwarzwaldbahn und die B31 bei Döggingen gequert, dann steigen wir vollends in die Schlucht ein.

Nach der Mündung des Balgenbächle über eine Sinterterrasse in die Gauchach steilen sich die Berghänge mit ihren urwaldartigen Wäldern zunehmend auf und rücken eng aneinander. Immer tiefer frisst sich der Bachlauf in die Muschelkalkhänge, legt Felswände frei, springt über Stromschnellen und kleine Wasserfälle und lässt an einigen Stellen kaum noch Platz für den anregend schmalen Steig. Dank ihrer Unzugänglichkeit ist die Gauchachschlucht weitgehend naturbelassen. Vier Mühlen trieb die Gauchach früher an: Guggen- und Eulenmühle sind in Privatbesitz, von der Lochmühle ist dagegen kaum noch etwas erkennbar. 1664 erbaut, wurde sie nach zwei verheerenden Hochwassern schließlich aufgelassen. Heute zeugen nur noch ein paar moosüberwucherte Grundmauern von der früheren Mühle. Ein Stück abseits

 

 

der Route erinnert die Lochmühlenkapelle mit Votivbildern an die Sturzfluten in den Jahren 1804 und 1895. In der Burgmühle stärken wir uns mit kleinen Snacks und Getränken. Immer wieder quert der Weg – eigentlich ist es nur noch ein Pfad – mittels Brücken und Stegen den rauschenden Bach. Wir schummeln uns mit Hilfe von Metalltritten über Felsabsätze und steigen mit Drahtseilen als Handlauf durch die beeindruckend steilen Flanken über dem Wasser. An manchen Stellen ist der abenteuerliche Weg kaum breit genug, um aneinander vorbei zukommen. Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und festes Schuhwerk sind hier kein Fehler. Die pure Natur der Wutachschlucht mit ihren Nebenflüssen darf man nicht unterschätzen.

Ein letzter Kraftakt…

Am Kanadiersteg mündet die Gauchach in die hier offen und freundlich wirkende Wutachschlucht und trifft dabei auch auf den Qualitätswanderweg „Schluchtensteig“. Teils gemeinsam verlaufend, führen beide Wege hinaus zur Wutachmühle, passieren Aselfingen und erreichen Achdorf. Hinauf nach Blumberg

Am Zusammenfluss von Gauchach und Wutach.

Erfrischung in der Gauchachschlucht.

 

 

Über eine acht Meter hohe Leiter geht es auf dem Schluchtensteig direkt nach Blumberg hinauf.

ist noch ein letzter Kraftakt durch die Schleifen

bachklamm angesagt. Die Einkehr in der Scheffellinde kommt uns

da gerade recht. Mit Badischen Spezialitäten im

Bauch kämpfen wir uns anschließend bergauf,

bis ein kurzer Abstecher vom WasserWelten-

Steig zum Holzsteg über den Schleifenbach

abzweigt. Hier bietet sich ein guter Blick auf

die zwei Fallstufen oberhalb der Bachquerung.

Die dritte Fallstufe stürzt talabwärts in die

Tiefe. Über eine kühne, acht Meter hohe Lei

ter und einen Zickzacksteig geht es auf dem

Schluchtensteig direkt nach Blumberg hinauf.

Der WasserWeltenSteig bleibt auf der südlichen

Talseite und zieht über Treppen bis an den Rand

der Stadt in der Blumberger Pforte. Durch den

markanten Taleinschnitt zwischen Eichberg und

Buchberg floss vor ca. 70.000 Jahren die Urdo

nau dem heutigen Wutachtal folgend gerade

aus weiter in das heute viel zu groß erscheinen

de Tal der Aitrach, bis der Flusslauf gegen den

Rhein abgelenkt wurde. Bei der Scheffellinde in Achdorf.

 

 

An der großen Panoramatafel auf dem 876 Meter hohen Buchberg die tolle Aussicht genießen.

An der großen Panoramatafel auf dem 876 Meter hohen Buchberg lässt sich das tektonisch-geologische Verwirrspiel recht gut überblicken. Mit den letzten Schritten öffnet sich an der Buchberghütte ein weiter Blick über das Wutachtal auf den südlichen Schwarzwald, zum Herzogenhorn und zum Feldberg – an klaren Tagen auch zu den Schweizer Alpen und zum Jura. Wir reißen uns vom schönen Panorama los und schlendern zur Ottilienhöhe hinab. An das einstige Kloster erinnert nur noch ein Kreuz. Unten im Tal ist ein Pfeifen zu hören. Der WasserWeltenSteig führt am Waldrand entlang zur „Schinkenstation“ am Buchbergtunnel. Eine Schautafel informiert über den Schwarzwälder Schinken und die eben gehörte Sauschwänzlebahn. Die historische Bahntrasse kreuzen wir auf dem Weiterweg noch mehrfach. Auf der vielfach gewundenen Strecke fahren heute nur noch die Dampf- und Dieselloks der Museumsbahn. Die 25 Kilometer und 231 Höhenmeter zwischen Weizen und Blumberg-Zollhaus werden mittels vier Brücken, sechs Tunnels und mehreren Kehren überwunden. Am Bahnhof Epfenhofen vorbei wandernd halten wir nun auf den Randen zu. Der letzte nennenswerte Anstieg der Fernwanderung. Denn einmal oben, wird es bequemer. Der weitere Weg über den plateauartigen Höhenzug aus Tafeljura weist kaum mehr Höhenunterschiede auf. Wir wandern am höchsten Punkt des Bergzuges, dem Hohen Randen vorbei. Aussicht ist hier keine. Dann passieren wir weniger spektakulär als gedacht die deutsch-schweizer Grenze. Ein Schild und ein alter Schlagbaum – mehr ist nicht zu sehen. Fast hätten wir den Grenzübertritt nicht einmal bemerkt. Vom Hagenturm bietet sich ein umfassender 360°-Rundumblick zum Schwarzwald, zum Bodensee und zu den Alpen, sowie zum Schweizer Jura. Ehrensache, dass wir noch auf den 40 Meter hohen Stahlfachwerkturm auf dem höchsten Punkt im Kanton Schaffhausen klettern. Die Fortsetzung des Weges führt auf einem Teilstück des 2016 eröffneten NaturaTrails Schaffhausen bis zur Wegekreuzung Heidenbaum. Besonders die verschiedenen Arten von Wildorchideen begeistern am Wegrand. Die unbesiedelten, offenen Hochflächen am Ran-den mit ihren artenreichen Magerrasen und den charakteristischen Waldföhrenstreifen – die am Ende des 19. Jahrhunderts auf brachgelegten Äckern anlegt wurden – lassen die Landschaft fast parkähnlich aufgeräumt aussehen. Unser nächstes Ziel ist die Zelgiwiese am Schlossranden. Eingeweihte wissen, dass sich hier ein kurzer Abstecher zum Schleitheimer Randenturm und der an Wochenenden bewirteten Hütte lohnt. Hin und zurück sind es nur knapp zwei Kilometer. Die Bratwurst vom Grill ist jeden Meter davon wert. Über blumenreiche Wiesen und angenehm schattigen Hochwald wandern wir zum Tagesziel Siblinger Randenhaus – der einzigen Chance weit und breit für ein Dach über dem Kopf und ein leckeres Essen auf dem Teller. Das Wild stammt aus den soeben durchwanderten Wäldern, der Bärlauch ebenso.

 

 

Über 137 Treppenstufen geht es zur Aussichtsplattform des Hagenturms hinauf.

Schlussakt mit Finale Furioso

Ganz allmählich senkt sich der Randen zum Rhein hin ab. Der südliche und östliche Teil des Randen-Hochplateaus ist deutlich niedriger. Es sind auch mehr Spaziergänger unterwegs. Die Nähe zu Schaffhausen ist spürbar. Vom flachen Eschheimertal, dem geografischen Mittelpunkt des Kantons Schaffhausens, steigen wir durch das Lerchentöbeli zum Beringer Randenturm. Etwas Wehmut macht sich breit. 137 Treppenstufen bringen uns zur Aussichtsplattform in 26 Metern Höhe, wo uns Panoramatafeln ein letztes Mal die grandiose Rundumschau in alle vier Himmelsrichtungen erläutern. Der Tiefblick auf den sich am Bergfuß ausbreitenden Klettgau mit seinem Mosaik aus Ackerflächen und den Weinbergen des Schaffhauser Blauburgunderlands ist reizend. Es ist aber doch der Blick zum wieder ein paar Kilometer näher gerückten Alpenbogen, der uns am meisten fasziniert.

Der Schlussspurt zum Rheinfall führt uns nah am unscheinbaren Engeweiher vorbei. Der

 

 

Ein Selfie mit Rheinfall – das Ziel des WasserWeltenSteigs ist erreicht.

Abstecher macht nur knappe 200 Meter hin und zurück aus, bringt uns dafür zum ersten Pumpspeicherwerk der Schweiz. Der kleine künstliche See wurde zwischen 1907 und 1909 angelegt. Mit Reststrom wird über eine unterirdische Druckleitung Rheinwasser in das 144 Meter höher gelegene Becken vor uns gepumpt. Bei der Rückführung des Wassers ins Kraftwerk am Rhein wird mittels einer Turbine dann Strom produziert.

Ein leichtes Schaudern überfällt uns am Galgenbuck über Neuhausen. Zwar ist vom einstigen Hinrichtungsinstrument nichts mehr zu sehen, doch wurden hier noch bis zum Februar 1822 Todesurteile vollstreckt. Vom Galgen selbst ist bis auf einen rostigen Eisennagel nichts erhalten geblieben. Zu sehen ist das Artefakt im „Museum zu Allerheiligen“ in der Schaffhauser Altstadt. Auf dem „Armsünderweg“ steigen wir hinab zum Bahnhof Neuhausen-Rheinfall in der Innenstadt von Neuhausen: Wir stehen am offiziellen Ende des Premiumwanderwegs. Aber klar, es zieht uns noch ein Stück weiter durch die Laufengasse zur Aussichtsterrasse am Mühleradhaus, direkt am mächtigen Rheinfall. Auf 150 Metern Breite stürzen zwischen Neuhausen und Schloss Laufen am südlichen Rheinufer bis zu 600.000 Liter Rheinwasser pro Sekunde über eine 23 Meter hohe Felsbarriere.

Vom Schlössli Wörth lässt sich mit Booten der spektakuläre Fahnenfelsen in der Flussmitte erreichen und zur Laufener Seite übersetzen. Wem das zu schauklig ist, der spaziert über die Eisenbahnbrücke zum Schloss Laufen, wo ein gläserner Aufzug oder zahlreiche Treppenstufen zu einer spektakulären Plattform leiten. Rauschendes Wasser zum Auftakt, stille Moorseen, sprudelnde Quellen an der Wasserscheide, munter glucksende Bäche, ein wiederbelebter Stausee, tiefe Tobel und zuletzt die tosende Gischt des Rheinfalls – der neue Premiumwanderweg WasserWeltenSteig hat wahrlich gehalten, was er und seine Wegetüftler uns versprochen haben.

 

 

Tanzschulen Christian Seidel

Im Alter von 15 Jahren entwarf er schon das pink-schwarze Logo für seine zukünftige(n) Tanzschule(n) – ein tanzendes „T“, eingerahmt von seinen Initialen. Heute betreibt Christian Seidel zusammen mit seiner Frau Daniela vier Schulen, in denen Menschen jeden Alters das Tanzen lernen oder es als Hobby betreiben – in Singen, Donaueschingen, VS-Villingen und in seiner Heimatstadt Backnang.

von Birgit Heinig

Der Weg dorthin war alles
Donaueschingen eine andere als leicht. Schon als zweite Tanzschule, 2008

23-Jähriger stand Christian Seidel nach der missglückten Beteiligung an einer Tanzschule nämlich mit hohen Schulden da. Dabei hatte er seine Ausbildung zum Tanzlehrer gerade als Deutschlands Bester abgeschlossen und brannte darauf, seinen Traumberuf „mit Herz und Seele“ auszufüllen. In Rielasingen, an der Schweizer Grenze bekam er eine neue Chance. Innerhalb von drei Jahren verdoppelte er die Umsätze der dortigen Tanzschule. Doch auch hier wurde er menschlich enttäuscht.

Das Privatdarlehen dreier treuer Tanzkreispaare, die an ihn glaubten, ermöglichte ihm 1997 schließlich in Singen den Schritt in die Selbstständigkeit. Und er lernte seine Daniela kennen, eine geborene Skarpil, die 1995 für den bekannten Tanzsportclub (TC) Ludwigsburg zusammen mit Alexander Montanaro Europameisterin im Paartanz geworden war. Ihre Karriere beendete sie 2002, seither ist sie als Wertungsrichterin bei internationalen Tanzturnieren im Einsatz und erledigt für die Tanzschulen ihres Mannes das Kaufmännische und ist auch als Tanzlehrerin tätig.

Christian Seidels erfolgreiche Arbeit trug schnell Früchte. 2004 eröffnete er in

im Villinger Lantwatten die dritte. 2014 wurde es dort zu eng. Im Gewerbegebiet »Vorderer Eckweg« richtete er sich auf großzügigen 6.500 Quadratmetern Grundstück mit Investitionen von drei Millionen Euro neu ein und galt seinerzeit als Deutschlands größte und modernste eigentümergeführte Tanzschule. 2018 erweiterte er an gleicher Stelle für 2,6 Millionen erneut. In Backnang steht die jüngste Seidel-Tanzschule, sie entstand ebenfalls 2014. Das nächste unternehmerische Projekt werde die Modernisierung seiner ersten Schule in Singen sein, die in die Jahre gekommen sei, kündigt Christian Seidel an.

„Tanzen kommt nie aus der Mode“, davon ist der 51-Jährige fast 30 Jahre nach Eröffnung seiner ersten Tanzschule zutiefst überzeugt. Ob Wiener Walzer oder Tango, Jive oder Rumba,

 

 

Mit seinen Tanzschulen auf Erfolgskurs: Christian Seidel (Bild oben). Vor allem auch junge Menschen begeistern sich fürs Tanzen, die in VS-Villingen in einer der größten und angesehendsten Tanzschulen Deutschlands unterrichtet werden.

 

 

Daniela und Christian Seidel. Daniela Seidel wurde 1995 Europameisterin im Paartanz. In der Tanzschule unterrichtet sie und ist ebenso für das Kaufmännische zuständig.

Line-Dance oder Hip Hop – in seinen Schulen finden sich Tanzbegeisterte aller Altersklassen wieder. Mit seinen Tanzkursen für Schüler, die er in Kooperation mit etlichen Schulen anbietet, liegt er goldrichtig – neben Mathematik und Biologie stehen immer häufiger auch die Gesellschaftstänze auf den Stundenplänen vor allem der Ganztagsschulen. Seine Tanzlehrer hat er speziell für die Schülerklientel ausbilden lassen, denn neben Cha-Cha, Foxtrott und Quickstep sollen die Heranwachsenden auch gutes Benehmen lernen. Umgangsformen und Kenntnisse über den jeweils passenden Kleidungsstil findet Christian Seidel nämlich genauso wichtig wie Tischmanieren, Grüßen und Dankesagen. „Wo lernen die Kinder das heute noch?“, fragt er sich zu Recht.

 

 

Tanzlehrer-Ausbildung in Theorie und Praxis

25 Tanzlehrer beschäftigt Christian Seidel in seinen vier Tanzschulen. Der Standort Villingen gilt als offizieller Stützpunkt des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV) und darf den Berufsnachwuchs in Theorie und Praxis selbst ausbilden. „Bisher haben wir alle auch übernommen“, sagt der Chef. Die Tanzschule Seidel entwickelt sich stetig weiter. Mit Jessica Illing, eine ehemalige Tänzerin der Berliner Staatsoper, bietet man inzwischen Ballettunterricht ab drei Jahren an. Beliebt bei zukünftigen Eheleuten sind die Crash-Kurse in Sachen Hochzeitswalzer. Eingeschlagen »wie eine Bombe« hat das neue Angebot des vom amerikanischen Square-Dance abgeleiteten „Line Dance“. Hier braucht man keinen Tanzpartner, hier tanzen alle neben- und hintereinander die gleichen Schrittfolgen. Zum ersten „Line-Dance-Day“ im Mai kamen mehr als 150 Tänzer aus der gesamten Region nach Villingen. Schon haben sich die „Seidel-Liners“ gebildet, die sich zur Pflege ihres neuen Hobbys regelmäßig bei Seidel treffen. Wie nahe Christian und Daniela Seidel dem tänzerischen Puls der Zeit sind beweisen Handy

In die Seidel-Tanzschulen kommen Woche für Woche rund 5.000 Menschen: Von den „Windelflitzern“ ab zwei Jahren über Schüler (unten rechts), Tanzwillige mit Handicap, Paare und Singles bis hin zu Senioren.

 

 

fotos. Die zeigen das Paar im Sommer 2017 bei der Hochzeit vom RTL-„Let´s dance“-Jurorin Motsi Mabuse auf Mallorca, Seite an Seite mit Joachim Llambi und Jorge Gonzáles.

Für alle Altersklassen

In die Seidel-Tanzschulen kommen von den „Windelflitzern“ ab zwei Jahren bis zum Seniorentanz Jung und Alt, Tanzwillige mit und ohne Handicap, Paare, Singles und Jugendgruppen – jede Woche rund 5.000 Menschen. Viele der Jugendlichen betreiben sogar Leistungssport, gewannen schon Deutsche und Europameisterschaften im Hip Hop. Besonders stolz ist Christian Seidel darauf, dass sich in seinen Tanzschulen mehrmals die Woche mehr Kinder und Teenager aufhalten als in jedem Sport- oder Musikverein. Apropos Verein: auch hier ist der Tanzlehrer offen für Kooperationen. In Villingen bietet er dem Turnverein die stets händeringend gesuchten Räumlichkeiten für dessen

Kurse an. Die für Zumba oder Bauch-Beine-Po optimal eingerichteten und unterschiedlich zu dimensionierenden Räume sind auch für Hochzeiten, Firmenfeierlichkeiten und Abibälle gefragt. „Wir sind jedes Wochenende ausge-bucht“, sagt Daniela Seidel.

 

 

Der Öschberghof

SUPERIOR AM GOLFERHIMMEL

Der Öschberghof bei Donaueschingen mit umfangreichem Golf-, Spa- und Tagungsangebot präsentiert sich nach umfassender dreijähriger Umbauphase in frischem Glanz. Die Vielfältigkeit des 5-Sterne-S Luxusresorts macht es zum perfekten Hideaway für alle, die das Besondere suchen. Gourmets entdecken im neuen ÖSCH NOIR kulinarische Köstlichkeiten, Workaholics entspannen im weitläufigen Spa, Golfbegeisterte spielen auf der neuen 45-Loch-Anlage und Gestresste finden in den gemütlichen Ohrensesseln im „Wohnzimmer“ einen Ort, um abzuschalten. Die großzügigen Räumlichkeiten mit traumhaften Blickachsen bieten die perfekte Location für Hochzeiten und Veranstaltungen in der außergewöhnlichen Atmosphäre des Öschberghofs.

 

 

Ein Wohlfühlresort als Archetypus eines Gehöfts und Teil der Landschaft

Ein besonders wichtiges Element war während der gesamten Konzeption die traumhafte Natur rund um den Öschberghof. Es sollte das Gefühl entstehen, das Hotel sei ein Teil der Landschaft. Daher ist das architektonische Konzept des neuen Öschberghofs an den Archetypus eines Gehöfts aus einzelnen und in Gruppen stehenden Satteldachhäusern angelehnt. Die außen verwendeten, gedeckten natürlichen Farben und Materialien unterstützen diesen Ansatz. Auch die Innenarchitekten von Joi Design legten den Fokus ihres Einrichtungskonzeptes auf die Einbindung der Natur. In Zusammenarbeit mit den Architekten des Münchner Büros Allmann Sattler Wappner und Hoteldirektor Alexander Aisenbrey entwickelten sie einen Platz zum Durchatmen und Entspannen.

„Wir haben uns zunächst einmal mehr als 60 Hotels weltweit angesehen, an manchen Tagen besuchten wir fünf, sechs Häuser. In einigen Hotels haben wir auch übernachtet. Wir haben darauf geachtet, was gut funktioniert, aber auch, was man besser machen kann“, berichtet Aisenbrey. „Was wir ebenfalls mit einbezogen haben, sind die Gastkommentare aus den letzten Jahren. Wir nehmen die Wünsche und Anregungen unserer Gäste sehr ernst und freuen uns, dass wir vieles von dem berücksichtigen konnten.“

126 Zimmer und Suiten in neun Kategorien und harmonisch warmen Farben

Die 126 Zimmer und Suiten in neun Kategorien sind mit einem intelligenten Zimmerkonzept ausgestattet und verfügen über Balkon oder Terrasse. Die Einrichtung in harmonischen warmen Farben mit viel Holz ist hochwertig. Die neun Zimmer der Kategorie Komfort Dependance (32 qm) und sechs Suiten (48 qm) befinden sich im Nebengebäude. Im Hauptgebäude Süd stehen

Oben: Die Empfangshalle des Öschberghofs. Unten: Luxuriöses Entspannen im 5.000 Quadratmeter großen Spa-Bereich, hier der 20 m lange, ganzjährig beheizte Infinity-Außenpool mit 1,5 % Sole.

 

 

Blick in ein Komfort Plus-Zimmer.

24 Deluxe Süd Zimmer (36 qm), weitere sechs Suiten (52 qm) und die große Öschberghof Suite (111 qm) zur Verfügung. Das Haupthaus Nord beheimatet 36 Premium Zimmer (36 qm) und 17 Einzel Premium Zimmer (24 qm), während im Anbau Nord 24 Deluxe Zimmer (36 qm) und drei Junior Suiten (51 qm) zu finden sind. Überall fällt Tageslicht ins Gebäude. Alle Zimmer verfügen über Schiebefenster, die auf die Terrasse oder den Balkon führen und dem Gast die Möglichkeit bieten, die traumhafte Natur ringsum zu genießen.

„Wir haben bei der Planung nichts dem Zufall überlassen. Stichwort Musterzimmer: Es wurde ein Holzkubus gebaut und darin ein Doppelzimmer mit 36 qm originalgetreu eingerichtet – und dreimal umgebaut bis alles so war, wie

Die Öschberghof Suite ist 111 Quadratmeter groß und entspricht damit einer luxuriösen Wohnung mitten im Hotel. Sie verfügt über ein eigenes Besprechungszimmer (unten).

wir es geplant hatten. Da geht es um Details: Wie bewegt sich der Gast? Wie bewegen sich die Mitarbeiter? Kann ich alle Ecken gut sauber halten?“, so Aisenbrey.

Ganz besonders sind auch die inkludierten Leistungen: Willkommensgruß bei Anreise, das individuelle Kissen – und Matratzenmenü und Qualitätsbetten, Soundbox mit Anschlussmöglichkeiten für eigene Endgeräte, umfangreiches TV-Angebot mit Sportsendern sowie schweizerischen und österreichischen Programmen, Minibar, befüllt mit Softdrinks, Wein, Bier und Wasser, Möglichkeit zur Kaffee- und Teezubereitung mit Spezialitäten, Tablet-PC mit über 100 Tageszeitungen und Webradio, eine Badetasche mit gemütlichem Bademantel und Slippern, hochwertige Kosmetik und Schlafduft und nicht zu vergessen, ein hochwertiges Kunstkonzept für eine angenehme Atmosphäre.

Außerdem bietet das Hotel einen resorteigenen Fuhrpark mit den neuesten Fahrzeugen, WiFi im gesamten Resort, Schuhputzservice sowie Tageszeitungen und Magazine.

 

 

Das Wohnzimmer – Ruhepool inmitten der Hotelanlage.

Gehobene Küche und eine Vielzahl an kulinarischen Angeboten

Der Öschberghof bietet in vier Restaurants eine Vielfalt an kulinarischen Angeboten, die jedes für sich durch Authentizität und höchste Qualität die unverwechselbare Handschrift des Luxushotels interpretieren.

Das Esszimmer mit einer Deckenhöhe von rund acht Metern ist komplett verglast und verfügt damit über eine Vielzahl an Fensterplätzen. Bis zu 220 Personen finden Platz, wobei geschickt platzierte Raumteiler für eine gemütliche Atmosphäre sorgen. Hier werden Frühstück, Nachmittagssnack sowie Abendessen für Resortgäste und lokale Besucher serviert. Ein abtrennbarer Clubraum bietet sich außerdem

Linke Seite: Oben: Das komplett verglaste, acht Meter hohe Esszimmer kann bis zu 220 Personen aufnehmen. Unten: Die großzügige Theke der Bar lädt zu gemütlichen Abenden ein.

für private Gesellschaften an. Küchendirektor im Öschberghof ist seit April 2018 Gregor Schuber, dem auch die Führung der Küche im Tagungszentrum inklusive Festsaal obliegt.

Mit modern gestalteten Sitzecken in Erdtönen und royalem Blau und einer großzügigen Theke lädt die Bar zu gemütlichen Abenden ein. Barchef Julian Hischmann hält über 120 Whisky- und mehr als 80 Rumsorten bereit sowie verschiedene hausgemachte Sirupe. In der angrenzenden Smokers Lounge mit Kamin und dem begehbaren Humidor wählen Zigarren-Fans aus über 100 verschiedenen Sorten.

Das Wohnzimmer, in unmittelbarer Nähe zur Hotellobby gelegen, bietet den idealen Rückzugsort für Resortgäste. Die angrenzende Tagesbar verfügt über ein umfangreiches Angebot an heißen und kalten Getränken sowie eine Snackkarte als auch Kuchen und Torten aus der hauseigenen Patisserie, die ganztägig serviert werden.

Ristorante & Pizzeria Hexenweiher serviert gehobene italienische Küche mit regionalen Einflüssen und unter anderem Pizza aus dem

 

 

Im Hexenweiher serviert der Öschberghof gehobene italienische Küche.

Steinofen und Pasta beispielsweise aus dem Parmesanrad. Das im modernen italienischen Stil eingerichtete Restaurant verfügt über mehrere Räume mit insgesamt 140 Sitzplätzen sowie eine große geschützte Terrasse (200 Plätze) mit Blick auf die weitläufige Golfanlage. Das Restaurant liegt gleich neben dem Golfsekretariat und fungiert auch als Clubhaus für Golfer.

Die im alpenländischen rustikalen Stil gehaltene Öventhütte mit Open-Air-Grillstation liegt mitten im Wald, zwischen den Golfplätzen und bietet gehobene gutbürgerlicher Küche ab Mittag mit 100 Sitzplätzen. Ein Natur-Spielplatz direkt neben der Hütte lädt die jungen Gäste zum Toben ein. Dank ihrer ungestörten Lage wird die Öventhütte auch gerne für Hochzeiten

Linke Seite: Die im alpenländischen, rustikalen Stil erbaute Öventhütte mit Open-Air-Grillstation liegt mitten im Wald, was das Feiern bis in den frühen Morgen hinein möglich macht.

und andere große Events gebucht, da hier Feiern bis in die frühen Morgenstunden möglich ist.

Im ÖSCH NOIR erfüllen sich die Sehnsüchte aller Genießer

Das ÖSCH NOIR ist ein Sehnsuchtsort für Genießer. Hier zelebriert Küchenchef Manuel Ulrich moderne französische Küche, aromenstark, leicht und ein bisschen frech, wie der junge Spitzenkoch selber meint. Links die Bar, rechter Hand die Vinothek: Wie um die Vorfreude zu steigern, haben die Architekten das ÖSCH NOIR weit in den Gebäudekomplex hineingesetzt. Beim Eintreten öffnet sich der Raum dem Betrachter; hinter hohen Glasscheiben hantiert das Team von Chef de Cuisine Manuel Ulrich, gegenüber laden legere Hocker und Stehtische zum Aperitif. Die geschälten Stämme junger Bäume fungieren als Stehtische, silberfarbene, von der Decke baumelnde Prismen spiegeln das Licht. Im Restaurant selbst, das bis zu 50 Personen Platz bietet, kokettiert es in allen Facetten.

 

 

Willkommen im ÖSCH NOIR – an dem Ort, wo sich die Wünsche der Genießer erfüllen.

Aufgereihten Tautropfen gleich umschmeicheln gläserne Perlenketten die runden Sitzgruppen in der Mitte des Restaurants, vermitteln Intimität und Großzügigkeit gleichermaßen. Der samtige Teppichboden greift die Farbe der Polster auf und wenige ausgesuchte Accessoires setzen Akzente.

Der Gast kann im ÖSCH NOIR zwischen zwei Menüs wählen, jeweils mit vier bis sieben Gängen oder à la carte: Während für das Menü „NOIR“ auch Fleisch und Fisch verarbeitet werden, bietet „VERT“ ausschließlich vegetarische Köstlichkeiten. Und wer lieber vegan speisen möchte, kann sich ebenfalls freuen. Die Menüs wechseln alle zwei bis drei Monate.

Linke Seite: Im Ösch Noir kocht das Team von Spitzenkoch Manuel Ulrich hinter hohen Glasscheiben. Das Restaurant bietet bis zu 50 Personen Platz, gläserne Perlenketten umschmeicheln die runden Sitzgruppen.

Wein entnehmen, ohne dass Sauerstoff in die Flasche gerät

Wenn der Sommelier des Hauses Michael Häni über seinen persönlichen Weg zum Wein spricht, ist das mehr als spannend. Das Spiel mit dem Unerwarteten weiß er ebenso zu inszenieren wie die große Weinreise zum Menü. Der gebürtige Schweizer ist ein beeindruckend guter Unterhalter. „Selbstverständlich haben wir die großen Namen auf der Karte, sie umfasst mehr als 500 Positionen, aber es ist immer wieder ein super Moment, wenn der Gast meiner Beratung folgt und begeistert ist.“

Michael Häni überrascht die Gäste des Öschberghofs auch mit seiner Einstellung zu „offenen“ Weinen. „Nicht jeder möchte eine Flasche Château Pétrus für mehrere tausend Euro kaufen, ein Glas davon trinken aber sehr wohl. Wir arbeiten hier mit einem Verfahren, mit dem wir den Wein entnehmen können, ohne dass Sauerstoff in die Flasche gerät.“ „Der Gast muss dem Sommelier vertrauen können wie seinem Friseur.“

 

 

Eine Hotelanlage der Superlative im Luftbild – der Öschberghof (vorne) samt der 45-Loch-Golfanlage und den zahlreichen Nebengebäuden. Das bei Donaueschingen liegende Wohlfühlresort will sich als Golf-Aushängeschild von Baden-Württemberg positionieren. Um den sogenannten East Course, die Attraktion des Resorts, zu realisieren, wurden 225.465 Kubikmeter Erde bewegt, über 41.000 Meter an Drainagen und ca. 48.200 laufende Meter Beregnungsleitungen verlegt. Neu gestaltet wurde auch der bereits 1975 eingeweihte Old Course, der längste der insgesamt drei Plätze und der einzige, der über Championship-Tees verfügt.

 

 

HOME OF GOLF

Ein besonderes Highlight ist der erweiterte und redesignte Golfplatz inmitten der wunderschönen Natur des Schwarzwalds. Er liegt unmittelbar neben dem Hotel und macht den Öschberghof zum perfekten Reiseziel für passionierte Golfer. Deren besondere Anforderungen spiegeln sich ebenfalls in der architektonischen Umsetzung wider: Über die Parkgarage gelangen sie, auch bei Regen, gut geschützt ins Hotel. Die Ausrüstung kann komfortabel entladen werden. Der Zugang zum Platz direkt vom Hotel aus hat einen weiteren Vorteil – er erfordert keine weitere Autofahrt. Golfer gelangen problemlos innerhalb weniger Minuten zu Fuß zum Platz, auf die Driving Range oder zur Golf Academy. Diejenigen, die nicht golfen möchten, genießen das Spa, gehen wandern oder machen Ausflüge. Zum Mittagessen trifft man sich auf der Terrasse oder in einem der vier Restaurants des Resorts. Und wer vor dem Abendessen doch noch einmal einen Korb Bälle schlagen will, kann das ohne großen Aufwand machen und danach den Abend im Restaurant verbringen.

Der ursprünglich 1976 fertiggestellte Golfplatz mit 18 Bahnen (1994 erweitert auf 27 Bahnen) wurde grundlegend überarbeitet und ergänzt. Verantwortlich für das Großprojekt war Christoph Städler mit seinem Münstera-

Exzellente Voraussetzungen für Golfer bietet die neue 45-Loch-Anlage des Öschberghofs inklusive der Golf-Akademie (unten). Dort können die Golfer ganzjährig trainieren. Modernste Messtechnik gestattet eine

 

 

exakte Analyse des Abschlages.

ner Büro STÄDLER GOLF COURSES. In weniger als zwei Jahren schufen er und sein Team direkt am Hotel das Home of Golf, bestehend aus 27 neuen und 18 redesignten Bahnen. In der eineinhalb jährigen Planungsphase sah sich der Platzarchitekt mit mehr als nur einer Herausforderung konfrontiert. So stieß man bei den Erdarbeiten unvermutet auf eine sich weitläufig erstreckende Felsschicht und musste die Platztopografie anpassen. Des Weiteren galt es, ein Vogelschutzgebiet gemäß dessen Schutzstatus zu integrieren – und dann waren da noch zwei prähistorische Hügelgräber: Wer heute die Bahn 6 des Academy Course spielt, kann die Zeugnisse der Kulturgeschichte sofort erkennen: Sie liegen mitten im Fairway.

Der East Course, die Attraktion des Resorts, wurde im ersten Abschnitt fertiggestellt und konnte im Mai 2017 eröffnet werden. Genau ein Jahr später war die gesamte Anlage fertig. In Zahlen ausgedrückt: Es wurden 225.465 m3 Erde bewegt, 48.236 laufende Meter Beregnungsleitungen und 41.041 laufende Meter Drainagen verlegt. Und auch das Feintuning verweist auf Superlative: 6.622 kg Rasensamen, 1.468 t Bunkersand und die Installation von 1.489 Regnern waren notwendig um den neuen 45-Loch-Platz zu dem zu machen, was er nun ist – Home of Golf.

 

 

Old Course besticht durch eindrucksvolle Modellierung des Grüns

Wer sich am Öschberghof auf die Runde begeben möchte, hat die Qual der Wahl. Der 1975 eingeweihte Old Course besticht nach seinem Redesign durch eine optisch und sportlich eindrucksvolle Modellierung der Grüns. Dieser anspruchsvolle Platz mit 18 Löchern ist angelehnt an eine klassische Parklandschaft mit vielfältigem Gehölz-bestand. Er umfasst vier Teiche an sechs Bahnen sowie den Pfohrbach, der weitere vier Bahnen durchquert. Mit rund 6.000 m Länge, von den gelben Standard-Tees aus gerechnet, ist der Old Course der längste der drei Plätze und zudem der einzige, der über Championship-Tees verfügt.

Seit Mai 2017 bereichert der East Course das Golfresort um weitere 18 Bahnen. Das offene Gelände ist visuell geprägt von reich strukturierten Hecken, einigen markanten Solitärbäumen und vor allem durch weitläufige Blickbeziehungen. Seine schlüsselförmige Geländetopografie ähnelt in der Charakteristik einem Linkskurs und ist nicht nur aufgrund der intelligenten Spielführung ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht. Atemberaubend: der Ausblick von Abschlag 10, dem höchsten Punkt des Golfgeländes. Hier scheint der Horizont in unendliche Ferne zu rücken. Auf knapp 6.000 m Länge bietet der East Course mit sechs Teichen an acht Spielbahnen eine Vielzahl an Wasserhindernissen. Weiter begleiten oder queren der Pfohrbach und seine renaturierte Auenlandschaft den Platz über fünf Bahnen.

Der markant designte Academy Course schließlich hält fünf Bahnen im offenen Gelände und vier Bahnen im Park des Old Course bereit. Seine knapp 2.500 m Länge empfehlen diesen Platz vor allem für eine schnelle Runde. Dank der abwechslungsreich angelegten Grüns und Umgebungsbereiche ist ein extrem hoher Spaßfaktor garantiert.

 

 

Pflege der Anlage hat höchste Priorität

Die Pflege der Anlage genießt höchste Priorität: Die erfahrenen Greenkeeper und Marshalls des Golf Resorts unter der Leitung von Heiko Hildebrandt, Manager Golf Course, sorgen dafür, dass jeder Golfer optimale Bedingungen vorfindet.

Die Golf Academy vereint die gesamte Golfkompetenz des Öschberghofs unter einem Dach. Das begeistert Anfänger ebenso wie Leistungssportler und Profispieler. Seit 2017 ist der ehemalige Eishockeyprofi und Fully Qualified PGA of Germany Stefan Königer als Head Pro im Öschberghof tätig. Im Mai 2018 bezogen er und sein Team ihren neuen Wirkungsort – den Neubau direkt am Golfplatz. Hier kann nun das ganze Jahr hindurch trainiert werden. Es gibt zwei Abschlagboxen mit modernster Messtechnik. Während der Winterzeit nutzen seine Schüler – Königer trainiert Anfänger ebenso wie Profis – die Indoor-Facilities der Academy um ihr Spiel zu verbessern.

Und wenn trotzdem einmal Outdoor-Training angesagt ist: Die Driving Range der Anlage verfügt über beheizbare Abschlagboxen. Aber nicht nur das Training selbst entscheidet über den Erfolg, auch das Equipment muss optimal auf den Spieler eingestellt sein. Ein Golfer sollte nicht gegen sein Gerät spielen, sondern mit ihm, deshalb werden auch Fittings angeboten.

GESCHICHTE DES ÖSCHBERGHOFES

1974 Grundsteinlegung

1976 Der Land- und Golfclub Öschberghof wurde von Unternehmer Karl Albrecht (Aldi Süd) erbaut und über die Jahre hinweg mit angeschlossenem 4-Sterne-Superior Resort vergrößert.

1984 Eröffnung Restaurant Hexenweiher

1988 Eröffnung Golfplatz mit 18 Bahnen auf 130 ha

1994 Erweiterung des Golfplatzes auf 27 Bahnen

2001 Erste große Softrenovierung. Zu diesem Zeitpunkt verfügt das Hotel über 73 Zimmer, 9 Tagungsräume, 2 Restaurants, eine 27-Loch-Golfanlage und einen großzügigen Spa-Bereich auf 2.500 qm

2015-2018 Die große Erweiterung bringt den Öschberghof auf den heutigen Stand:

 

 

ÖSCH SPA

DER ÖSCH SPA BIETET AUF ÜBER 5.000 QUADRATMETER EINE ÜBERAUS GROSSZÜGIGE ERHOLUNGSOASE FÜR ALLE SINNE. VIER BEREICHE VERSPRECHEN TIEFE ENTSPANNUNG.

 

 

Fernöstlich inspiriert ist das Asia SPA.

Vom Asia SPA zum Lady SPA

Im Öschberghof stehen vier SPA-Bereiche zur Verfügung. Fernöstlich inspiriert ist das Asia SPA. Es entführt mit dunklen Steinen und roten Laternen, goldenen Wänden sowie floralen und Bambus-Akzenten in japanische Badekulturen – mit Kamaburo (Steinbad), Sento (Dampfbad) und dem warmen Onsenbecken, das den typischen heißen Quellen in Japan nachempfunden ist.

Im Harmony SPA stellt eine leuchtend orange Salzsteinwand einen optischen Bezug zur Microsalt-Technologie vom Sauna- und Bäder-Spezialisten Klafs her: Die Gäste atmen ein besonders feines Salzaerosol ein. Dabei verteilen sich die feinen Salzpartikel – anders als bei herkömmlichen Salzanwendungen – über das gesamte Atemwegssystem. Regelmäßige Anwendungen können so zur Säuberung und Revitalisierung der Haut sowie zur Unterstützung des Immunsystems beitragen.

Zum Bereich des Energy SPA gehören die 36 qm große Eventsauna mit Innenhof, eine verglaste Design-Sauna sowie ein Dampfbad und eine Infrarotkabine mit raffinierten Lichteffekten, die Schwitzbaden zum echten Erlebnis machen. Eine innovative Eis-Lounge setzt dazu den dynamischen Kälte-Kontrast.

Im Lady SPA verleihen Sauna- und Dampfbadkabinen in runden, weichen Linien ebenso einen weiblichen Touch wie zarte, beige-türkise Farbschattierungen und duftige Vorhänge, die Ruheinseln von der Kommunikationslounge abtrennen.

Natürlich, ganzheitlich und wirkungsvoll bringt das Team des ÖSCH SPA Körper und Geist auch mit den Anwendungen in Einklang: Im kosmetischen Bereich buchen Gäste zum Beispiel Beautyzeit und die Profis entscheiden zusammen mit dem Gast vor Ort, was für ihn genau das Richtige ist. Das Team behandelt in Zeremonien und Ritualen hauptsächlich mit Naturkosmetik wie dem kostbaren Aloe-Frischpflanzenblatt von Pharmos Natur. Dazu stehen sieben Behandlungslofts sowie ein Raum für Maniküre und Pediküre zur Verfügung. Verschiedene Signature-Treatments wurden eigens für das ÖSCH SPA entwickelt, genauso wie die Zielgruppen-Signatures etwa für Vielfahrer,

 

 

Bürojobber und Golfer. Bei Letzterem wird stilecht und wirkungsvoll sogar mit Golfbällen massiert.

Ebenso unverwechselbar sind die neuen Barbier-Angebote – die perfekte Kombination aus pflegender Rasur und purer (Aloe-) Pflanzenkraft, nach Belieben mit einer NackenOhren-Kopfhautmassage, einer erfrischenden Gesichtsmaske oder einer entspannenden Handpflege zu kombinieren.

Von A wie Aquafitness bis Z wie Zirkeltraining

Wohltuende Erfrischung versprechen der großzügige Innenpool (25 x 12,5 m) und der 20 m lange, ganzjährig beheizte Infinity-Außenpool mit 1,5 % Sole. Für Bewegung sorgt das moderne ÖSCH GYM, ein innovativ konzipierter Aktivitäts-Spielplatz für Erwachsene mit Indoor- und Outdoor-Trainingsflächen auf über 550 qm, ausgestattet mit modernsten Technogym-Geräten. Eine Cube-Wand, eine Outdoor-Kompan-Anlage, aber auch Skillmill-Geräte mit Eigenantrieb und die Kinesis- wie Logical Golf-Wand von Technogym sind top-moderne Highlights, ergänzt durch ein tägliches Kursprogramm.

Von A wie Aquafitness bis Z wie Zirkeltraining – im Öschberghof findet jeder Gast seinen eigenen Weg zu mehr Fitness und Wohlbefinden. Neben den 45 Kursstunden pro Woche unterstützen vor allem erstklassig ausgebildete Personal Trainer dabei, die selbst gesteckten Ziele zu erreichen.

Die Tür zum Kursraum steht einladend offen, vor einer flächendeckenden Spiegelwand macht ein Hotelgast mit der Personal Trainerin ein paar Dehnübungen. Gleich geht es raus zur Nordic-Walking-Runde einmal um den Golfplatz herum, gut fünf Kilometer, genau die richtige Distanz um am Morgen in Schwung zu kommen. Sie kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen, sagt die Personal Trainerin – und keinen schöneren Ort, um zu arbeiten. Davon profitieren die Gäste des ÖSCH GYMs gleich mehrfach, sie besitzt neben der Lizenz zur Personal Trainerin auch die zur Sporttherapeutin und Wellness- und Entspannungstrainerin. Die bodentiefen Fenster wurden zurückgeschoben und geben den Blick auf die Außenanlage frei. Hier trainiert ihr Kollege, lizenzierter Personal Trainer und Fitnesstrainer, gerade mit einer kleinen Gruppe an den Geräten des OutdoorFitness-Parks. Beide wissen zu motivieren, beide stellen sich täglich neu auf die Ziele der Gäste ein. Und die wohnen längst nicht alle im Resort: Viele von ihnen stammen aus der Region und nutzen das GYM als persönlichen Fitnessclub. „Der eine möchte abnehmen, ein anderer nach langer Pause wieder mit Sport anfangen oder treibt bereits intensiv Sport und möchte hier etwas für eine bestimmte Muskelgruppe tun“, beschreibt die Personal Trainerin die verschiedenen Zielgruppen.

Ausführliche Anamnese, individuelle Trainingspläne

Gäste des Resorts, die gezielt an ihrer Fitness arbeiten möchten, können schon vor dem Aufenthalt Kontakt mit den Trainern aufnehmen und über einen individuellen Trainingsplan sprechen. Eine ausführliche Anamnese vor dem ersten Training ersetze das allerdings nicht, betont der Personal Trainer. Die kürzeste Einheit beträgt 25 Minuten, die Power-Pakete enthalten bis zu 20 Einheiten mit einer Laufzeit von bis zu 25 Wochen ab Start. Jeder Gast, der an den Geräten arbeiten möchte, erhält ein Technogym-Armband, das die Trainingsdaten speichert. Er und seine Kollegin sind von den hochmodernen Fitnessgeräten total überzeugt: „Ein wichtiger Aspekt ist die ‚Range of Motion’. Damit können wir den Belastungsgrad einstellen bzw. definieren, bis zu welchem Winkel man Arm oder Bein beugen oder strecken kann“, sagt er. Die Personal Trainerin sieht einen weiteren Mehrwert für die Gäste darin, dass die Trainingsdaten auf jedem Technogym-Gerät abgerufen werden können: „Wenn ein Gast heute hier trainieren möchte und morgen in einem Technogym-Studio in Dubai – kein Problem.“

Um auf die Bedürfnisse Golf spielender Gäste und Mitglieder bestmöglich eingehen zu können, haben beide Trainer ihre Platzreife ge

Das ÖSCH SPA bietet eine überaus vielgestaltige Erholungs- und Fitnessoase. Oben der Fitnessraum mit modernstem Gerätepark. Unten links: Blick ins Ladys SPA und rechts beim Personal Training.

 

 

macht. „Viele Golfer kommen zum Krafttraining zu uns oder zum Stretching“, erzählt der Personal Trainer. Wer dagegen seine Körperhaltung beim Abschlag oder seinen Schwung verbessern möchte, dem empfehlen sie eine Stunde an der Kinesis-Wand in der Golf Academy. „Manchmal schicken wir Gäste auch erst in die Sauna oder zur Massage, wenn beim Training etwas wehtut“, sagt sie, „wir empfehlen uns hier alle abteilungsübergreifend weiter.“ Und damit nicht genug, die beiden haben bereits das nächste Ziel im Blick: Sie möchten die Gäste des Öschberghofs bereits beim Check-in auf die vielen Möglichkeiten in Sachen Sport und Fitness hinweisen und für eine „Schnupperstunde“ begeistern.

 

 

„Die Gastfreundschaft im Öschberghof loben die Gäste am meisten“

IM GESPRÄCH MIT GESCHÄFTSFÜHRER ALEXANDER AISENBREY

ZUR PERSON

Seine Laufbahn begann Alexander Aisenbrey im Hotel Bachmeier am Tegernsee, gefolgt von Positionen in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Nach Studium und Abschluss an der Hotelfachschule Heidelberg, der Cornell University Ithaca, New York, und an der ADG Business School Montabaur folgten Positionen als Mitglied der Geschäftsleitung der Traube Tonbach und Direktor des Vila Vita Rosenpark, Marburg. Seit 2003 ist Aisenbrey als Geschäftsführer des Golf-, Wellness- und Tagungsresorts Öschberghof tätig. Auch ist er neben weiteren Ehrenämtern seit Juni 2016 der Vorsitzende des Fair Job Hotels e.V.

Herr Aisenbrey, Sie haben mit der umfassenden Sanierung und Erweiterung letztlich einen neuen Öschberghof geschaffen? Alexander Aisenbrey: Ja, im Grunde haben wir ein neues Resort erschaffen. Zuerst wollten wir eine Wiedereröffnung, aber final ist es in dieser Konstellation eine Neueröffnung. Wir haben uns mit neuer Struktur neu positioniert und werben intensiv um neue Gäste. Zum Glück gibt es viele Stammgäste, die uns treu geblieben sind. Das freut uns ganz besonders!

Auch wenn der Betrieb in einem Hotel nie zur Routine wird, im Alltag sind wir mit Stand Oktober 2019 noch nicht zu 100 Prozent angekommen. Allein die Verdoppelung der Belegschaft auf rund 400 Mitarbeiter machte es erforderlich, die logistischen Abläufe größtenteils neu zu definieren.

Was loben die Gäste am neuen Öschberghof?

Vor allem unsere Mitarbeiter. Sie sind ein Alleinstellungsmerkmal unseres Resorts. Von der Hotelausstattung her gesehen können sie unter dem Einsatz entsprechender Mittel alles schaffen. Sie können nach Dubai, China oder Amerika schauen, da entsteht jetzt gerade ein Haus, das noch spektakulärer, größer und schöner ist. Das wird ständig so sein. Was der Gast aber oft nicht findet, ist eine ehrlich gemeinte Gastfreundschaft. Und das haben wir hier mit unseren Mitarbeitern extrem gut umgesetzt. Auf 90 Prozent der Gästefragebogen – und wir bekommen viele zurück – ist vermerkt: „Wir kommen wieder! Sie haben die besten Mitarbeiter, die wir in den letzten Jahren erlebt haben.“ Unsere Gastfreundschaft loben die Gäste am meisten.

Natürlich wird auch das Design hervorgehoben, ebenso das neue Gourmet-Restaurant, ein Aushängeschild für die gesamte Region. Und selbstverständlich der Spa-Bereich, der riesig ist. Für die Golfplätze gilt, dass es sie in dieser Form in ganz Deutschland kein zweites Mal gibt. Wir haben auch dazu viele positive Rückmeldungen. Und dennoch wollen wir nie perfekt sein,

 

 

denn sonst sind wir keine Menschen mehr. Wir streben zwar 100 Prozent an – doch wenn wir 90 Prozent erreichen, ist es grandios.

Die DEHOGA sagt: Sie sind das beste Haus in Baden-Württemberg. Andere zählen sie sogar in Mitteleuropa zur Spitze. Wie stufen sie sich selbst ein?

Die DEHOGA-Klassifizierung wird an klaren Kriterien festgemacht – und wir haben die höchste Punktzahl in Baden-Württemberg erreicht, sind somit als 5-Sterne Superior klassifiziert. Doch das Hotel steht in Donaueschingen – nicht in Mailand, Sylt oder Kitzbühel. Wir sind mit der Region verbunden und verstehen uns als ein regionales Landhotel mit einem besonderen Flair und einem sehr hohen Dienstleistungsgedanken sowie einer schönen Qualität. Was wir schaffen wollen ist, dass sich der Gast wohlfühlt, gleich, wo er herkommt. Das ist es, was wir versuchen: jeden Gast zu begeistern.

Sie haben das vorhandene architektonische Grundkonzept im Kern beibehalten und weiterentwickelt?

Der Öschberghof ist ein perfekt in die Natur eingebundenes Hofgebäude geblieben, das hat unser Architekturbüro hervorragend umgesetzt. Die Wertschätzung regionaler, traditioneller Architektur sowie der behutsame Umgang mit dem Bestand bildeten die Grundlage für die Erweiterung. Wir haben die Gebäude immer nur in zwei gerade Richtungen gesetzt – es gibt keine Rundungen, keine Schrägen. Es ist in der Tat der Hofgedanke durchgezogen worden – auch mit der Dreistöckigkeit. Auch deswegen glaube ich, dass uns eine einzigartige Symbiose gelungen ist und der Öschberghof als überregionaler Anziehungspunkt gelten kann.

Der Öschberghof ist der größte Arbeitgeber in der Region Schwarzwald-Baar/Heuberg im Bereich Tourismus …

In der Region gehören wir zu den zehn größten Arbeitgebern und im Tourismus-Bereich sind wir führend. Bei uns arbeiten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Region selbst, die natürlich das besondere Flair ins Haus bringen. Und wir bilden aus: Der Öschberghof kann 70 Auszubildende und Studenten vorweisen.

Ist es schwierig, am Standort Donaueschingen für Ihren speziellen Bereich Personal zu finden?

Grundsätzlich ist es generell schwierig, egal in welcher Branche – man hört das ja rauf und runter. Wir machen hier vieles anders und haben derzeit alle Arbeitsstellen und Ausbildungsplätze besetzt. Der Öschberghof hat eine andere Vision der Mitarbeiterführung, die kreativen Freiraum lässt. Wir sehen den Menschen und nicht die Arbeitskraft.

Sie haben die Probezeit abgeschafft?

Ja, das stimmt. Wir führen lieber im Vorfeld ein Gespräch mehr, um sicher zu sein, dass der Mensch zu uns passt. Denn noch entscheidender als die fachliche Qualifikation ist die menschliche Komponente. Probezeit hat arbeitsrechtliche Vorteile, aber mehr nicht.

Bei uns gibt es auch keine befristeten Arbeitsverträge. Wir sind einfach davon überzeugt, dass der, der sich bewusst bei uns bewirbt, sich dazu im Vorfeld entsprechende Gedanken gemacht hat.

Sie haben die Initiative Fair Job Hotels gegründet, das hängt mit dieser Grundhaltung zusammen?

Die Initiative haben wir genau aus diesem Grund gegründet. Schlechte Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung – schlechter Umgang. Der Ruf des Hotel- und Gaststättenwesens ist diesbezüglich negativ belastet. Wir sehen das jedoch völlig anders. Und viele Kollegen sehen das auch so, inzwischen beteiligen sich über 80 Hotels an dieser Initiative. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, gemeinsame und verbindliche Werte und Standards für den Umgang in der Hotelbranche zu schaffen und Jobs zu verbessern. So ein Resort wie der Öschberghof lebt von der Gesamtstimmung und einem guten Mitein

 

 

Das bestehende architektonische Grundkonzept wurde bei der Erweiterung des Öschberghofes beibehalten. Nach wie vor handelt es sich um ein Hofgebäude, wie es für unsere Region typisch ist.

ander. Das gute Miteinander geht von den Mitarbeitern aus und deswegen ist das auch unsere Vision mit den Fair Job Hotels. Wir können die Mitarbeiter begeistern, dass sie gerne zur Arbeit kommen. Das ist doch das Entscheidende.

Und auch das ist für mich Wertschätzung: Wir haben ein eigenes Mitarbeiterrestaurant gebaut und kochen jeden Tag frisch für unsere Mitarbeiter. Und wenn sie bei ihnen sitzen und die Mitarbeiter sagen: „Es schmeckt besser als zu Hause“, dann haben sie ein tolles Alleinstellungsmerkmal geschaffen.

Wir bieten weiter Sportprogramme an und kümmern uns um viele andere Belange. Und was man ebenfalls sehen sollte: Die Belegschaft des Öschberghofs setzt sich aus 42 Nationalitäten zusammen.

Gibt es schon erste Trends zur Entwicklung der Gästezahlen?

Vor dem Umbau waren wir zu 85 Prozent belegt. Diese hohe Auslastung hat dazu geführt, dass wir die Entscheidung getroffen haben, das Resort zu vergrößern. Also muss es das Ziel sein, mindestens wieder auf 80 Prozent zu kommen – bei doppelt so vielen Betten! Vor dem Umbau waren wir relativ klar aufgestellt: 60 bis 70 Prozent der Gäste waren Deutsche, 30 bis 35 Prozent Schweizer und der Rest verteilte sich weltweit. Den Anteil der internationalen Gäste wollen wir jetzt spürbar steigern, in China und Amerika laufen diesbezüglich verstärkt Aktivitäten an. Vor allem die Deutschen und ebenso die Schweizer werden aber auch in Zukunft den Hauptanteil unserer Gäste ausmachen.

Welche Rolle spielt dabei die Golfanlage?

In dem Segment Golf natürlich die Wichtigste. Wir haben drei Schwerpunkte: Von April/Mai bis September/Oktober ist der Golfsport ein absoluter Magnet. Dann haben wir den Meeting- und Tagungsbereich, der vor dem Umbau den größten Anteil an Gästen brachte, nämlich über 40 Prozent. Hinzukommt unser SPA-Bereich, der natürlich jetzt durch die Vergrößerung eine noch wichtigere Rolle spielen wird.

 

 

Der Mix wird sich nicht groß ändern im Vergleich zu vorher: 40 Prozent Business, 30 Prozent Golf, 20 Prozent Spa, und der Rest sind Hochzeiten, Fußball usw. So wird sich final der Markt aufteilen.

Stichwort Fußball: Sind bereits besondere Gäste in Sicht?

Eben war Fortuna Düsseldorf da. Für nächstes Jahr sind wir im Gespräch mit Köln. Wir haben uns jetzt wieder zurückgemeldet. Köln hat uns ja absolute Höchstnoten für das Trainingslager gegeben. Das spricht sich in der Branche herum. Natürlich hört es sich gut an, wenn ein Verein wie der FC Chelsea kommt. Doch diese Spitzenklubs haben eine ganz andere Vision von einem Trainingslager, sie wollen abgeschottet sein. Wir aber möchten „Fußball zum Anfassen“ machen. So wie es mit Köln möglich war. Da standen am Wochenende 400 Leute um den Platz herum und haben auch mal den Ball ins Spielfeld werfen können. Natürlich werden wir nicht absagen, wenn ein international renommierter Spitzenclub kommt, aber grundsätzlich wollen wir uns auf die Bundesliga konzentrieren.

Haben Sie Karl Albrecht noch gekannt? Wie kam er auf die Idee in Donaueschingen ein erstklassiges Hotel zu bauen?

Ja, viele Jahre konnte ich mit ihm zusammenarbeiten. Karl Albrecht war ein begeisterter Golfspieler, und als er dann dieses Grundstück angeboten bekam, griff er zu. Er ist sehr gerne hierher in den Süden gefahren, die Gegend hat ihm gefallen. Aber die Frage ist natürlich vollkommen berechtigt, weshalb stellt man so ein Hotel nach Donaueschingen? Unser Standort ist manchmal schon eine Herausforderung. Das bedeutet, wir müssen unser Marketing anders anlegen, als wenn wir in Kitzbühel wären. Hier können wir uns nur über den Öschberghof und unsere Leistungen verkaufen.

Und wir verkaufen die Region natürlich sehr gerne mit. Wenn wir Reiseveranstaltern wie kürzlich in Stockholm das Hotel präsentieren und aufzeigen, was die Region so bietet, bekommen wir zurückgemeldet: Da ist ja richtig was los in dieser Region.

Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist stolz auf den Öschberghof, das klingt vielfach durch …

Es ist ein Geben und Nehmen. Ein Luxushotel wie unseres hat internationale Ausstrahlung für die Region. Es zieht Menschen an, die sonst nicht hierher kommen würden, wie eine bekannte Fußballmannschaft beispielsweise. Durch diese Kombination gewinnt die Region an Glanz, die uns in vielen Bereichen unkompliziert unterstützt. Unsere Übernachtungsgäste akquirieren wir mit der Leistung des Hauses überwiegend selbst und nutzen die Region, um den Gast final länger hierzubehalten. Die Schweiz und der Bodensee sind nicht weit entfernt. Wir haben hier wunderbare Radwege, das Museum ArtPlus, den Donau-Ursprung oder den Narrenschopf in Bad Dürrheim. Und wenn wir fastnachtsbegeisterte Kölner hier haben, ist das eine richtig tolle Geschichte. Wir verweisen auf Villingen, wo man sich auch historisch umschauen kann. Und wer wanderaffin ist, kommt besonders auf seine Kosten: Der Schwarzwald vor allem begeistert auf vielfache Weise.

Unsere Erfahrung ist: Die Gäste kommen, stellen ihr Auto ab – und nutzen es erst wieder, wenn sie abreisen. Das wollen wir noch ausweiten: Wir haben E-Bikes hier, bieten beispielsweise Brauereikurse an oder Exklusivführungen im Museum ArtPlus. Ziel muss sein, dass man den Gast, der sich bewusst für den Öschberghof entscheidet, auch in die Region bringt. Wir sind optimistisch, dass uns das auch gelingen kann.

Herr Aisenbrey, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Rechte Seite: Moderne Tagungsräume bietet der Öschberghof in verschiedenster Ausstattung und Größe. Unten der Festsaal.

 


Die Scheffellinde in Achdorf

Sie ist ein Kleinod in der gastronomischen Landschaft der gesamten Region, einer der Mittelpunkte des 420-Seelen-Ortes Achdorf und ein Haus mit einem 476-jährigem, geschichtsträchtigen Hintergrund. Die Scheffellinde ist aber vor allem der ganze Stolz der Familie Wiggert, die das Landgasthaus in der 19. Generation führt und ihre ganze Energie in das „Scheffel-Ausruhnest“ am Rande der Wutachschlucht steckt.

von Marc Eich

 

 

Karl Wiggert, seine Schwester Sabine Hille und Cornelia Wiggert führen die Scheffellinde in Achdorf.

Mit Bedacht geht Sabine Hille durch den gemütlichen Gastraum. Jedes Bild, jede Figur und jede Inschrift

ist ein Relikt aus vergangenen

Zeiten und gleichzeitig ein Stück

Geschichte des Hauses. Ein Ge

mälde sticht dabei insbesondere

ins Auge. Es zeigt zwei Männer zu

sammen mit einer Frauenrunde an

einem Wirtstisch. „Das ist Joseph

Victor von Scheffel mit seinem

Freund Richard Stocker“, erzählt

Sabine Hille, die gemeinsam mit

ihrem Bruder Karl Wiggert und

seiner Ehefrau Cornelia das tradi

tionsreiche Landgasthaus führt.

Und damit befindet man sich

schon mitten drin in der bewegten

Geschichte der Scheffellinde –

denn der angesehene Schriftsteller und Dichter

war einer der berühmtesten Gäste des Hauses

und gab diesem nach seinem Tod im Jahr 1886

seinen Namen. Wie kam es dazu? Die Chronik des Gast

hauses berichtet, dass Scheffel zwischen den

Jahren 1857 und 1859 Hofbibliothekar beim Fürsten zu Fürstenberg war und der Dichter zu

dieser Zeit als Stammgast mit seiner Kutsche

oder zu Fuß in die Linde nach Achdorf kam. Als einer der ersten überzeugten Demokraten im badischen Land hat er bei den gleichgesinnten Wirtsleuten hohes Ansehen genossen. Nicht zuletzt sorgte jedoch wohl auch die Liebe zur Wirtstochter Josefine Meister dafür, dass der damals 31-jährige Scheffel die Lokalität regelmäßig aufsuchte. Das schmucke Mädchen hatte es ihm angetan. Er verewigte die Schöne beispielsweise in seiner Erzählung „Juniperus“. Weshalb sich keine tiefere Bindung entwickelte, ist indes nicht bekannt. Mit seiner späteren Frau jedenfalls wurde der

sensible Künstler nicht so recht glücklich, wie

gleichfalls überliefert ist.

Eine 476-jährige Geschichte

Das Anwesen wurde 1543 auf dem Gelände eines herrschaftlichen Meierhofes errichtet

 

 

Das Gasthaus Linde in Achdorf im 19. Jahrhundert. Die Zeichnung zeigt das aus dem Jahr 1543 stammende Gasthaus vor seiner Umbenennung in Scheffellinde im Jahr 1886.

und befindet sich seit dem Bauernaufstand in den Händen der gleichen Familie: Über 19 Generationen hinweg, insgesamt seit 476 Jahren. Interessanterweise geschah die Erbfolge meist über weibliche Nachkommen (siehe dazu auch:
historische-gasthaeuser.de
).

Der frühere Name des Gasthauses ist auf einen Friedensbaum zurückzuführen, ihn pflanzten die Talemer nach dem Dreißigjährigen Krieg. Er spendete den Gästen über Jahrhunderte hinweg Schatten. 1972 allerdings fiel der Baumriese, der zuvor bei Straßenbauarbeiten beschädigt worden war. Die Wirtsleute pflanzten eine neue Linde, 1995 kam eine weitere hinzu.

Um das Jahr 1800 herum wurde zusätzlich eine eigene Brauerei gegründet, die bis 1905 in Betrieb war. Das „Lindenbier“ fand Anklang, es wurde regelmäßig in zwölf Orten verkauft.

Das Gasthaus Linde hat schon immer das Wasserrecht besessen. Mit der Folge, dass sich eine Mühle, ein Sägewerk, eine Holzdrechslerei, eine Schmiede und ein Holzhandel in der Nähe ansiedelten. So lebten immer mehr Menschen im Tal. Wie damals üblich, war das Gasthaus Haltestelle für Postkutschen. Zudem befand sich ab 1904 in der Scheffellinde die Achdorfer Poststelle . Diese Ära endete erst 1994.

Neben dem Namensgeber Victor von Scheffel verkehrten im Gasthaus auch weitere bekannte badische Dichter und Autoren. So der Reiseschriftsteller und Pfarrer Heinrich Hansjakob aus dem Kinzigtal. Ebenso Johann Peter Hebel, der Pionier der alemannischen Mundartliteratur.

Diese Nähe zu liberal gesinnten Denkern Südbadens ließ Gustav Wiggert, Vater von Karl Wiggert und Sabine Hille, wieder aufleben. Er machte die Scheffellinde zum Traditionslokal der Liberalen und etablierte dort den politischen Aschermittwoch der FDP.

 

 

Am 4. Januar 1930 brannte die Scheffellinde bis auf die Grundmauern nieder. Unersetzliche historische Dokumente wie Gästebücher oder Fotos wurden ein Raub der Flammen.

Verheerende Brandkatastrophe

Jedoch blieb die Scheffellinde auch vor einer Katastrophe nicht gefeit: Am 4. Januar 1930 ging das Gebäude in Flammen auf. Der Schaden war verheerend: Die Flammen zerstörten 90 Prozent des Inventars, darunter Jahrhunderte alte Gästebücher. Spuren dieses schrecklichen Ereignisses finden sich selbst im heutigen Gastraum: „Ein Teil der Gemälde konnte restauriert werden, aber man erkennt teils immer noch den Brandschaden“, erklärt Sabine Hille und zeigt auf die angeschmorten Ecken eines Bildes. Der Brand ist gleichzeitig der Beginn der Ära Wiggert, die bis heute Bestand hat.

Der weitere Ausbau der Scheffellinde

Die Urgroßeltern der heutigen Wirtsleute waren Gustav und Sophie Wehinger. Das Ehepaar hatte vier Töchter, die Zweitjüngste (ebenfalls mit Vornamen Sophie) heiratete 1935 Friedrich Wiggert. Das Ehepaar hatte drei Söhne, von denen Gustav (*1936) das Gasthaus zusammen mit Ehefrau Anna übernahm. Sie erweiterten es um einen Gastraum, die Gartenterrasse und den Kinderspielplatz.

Die heutigen Inhaber, Karl Wiggert sowie seine Schwester Sabine Hille und Cornelia Wiggert, übernahmen die Scheffellinde schließlich 1995 von Gustav Wiggert. Sie sorgen bis heute dafür, dass sich eines der ältesten in Stand gehaltenen und betriebenen Gasthäuser in Familienbesitz in Achdorf befindet.

Nach ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule in Villingen-Schwenningen stieg Sabine Hille in den Betrieb ein. Ihr Bruder hatte von Anfang an vorgehabt, Koch zu werden. Sein Anspruch: alles selbst machen, um am Ende ein gutes Produkt präsentieren zu können. Sein Metier sind dabei die Hauptspeisen, während ihn seine Frau Cornelia mit den Beilagen unterstützt. Alles selbstgemacht, versteht sich. Die 53-Jährige hat ihre Ausbildung zur Köchin in Hinterzarten absolviert und ist in dem traditionsreichen Gastbetrieb gemeinsam mit ihrem 54-jährigen Mann für die hervorragende, weithin bekannte Küche verantwortlich. „Bei uns lastet die Arbeit zum Glück nicht auf einer Person allein“, unterstreicht Sabine Hille. Nichtsdestotrotz kommen die Gastronomen um 12- bis 14-Stunden-Tage nicht herum. Nur so kann der Anspruch der Familie umgesetzt werden: „Wir

 

 

Historische Ansichtskarten der Scheffel-linde aus den 1920er-Jahren.

wollen, dass das erste Essen so gut ist wie das letzte am Tag.“

Mit insgesamt 18 Mitarbeitern, darunter auch weitere Familienmitglieder, sorgt man bereits seit Jahrzehnten für die gleichbleibende, hohe Qualität bei den gehobenen badischen Gerichten. Es kommt deshalb nicht von ungefähr, dass es sich bei der Mehrzahl der Gäste überwiegend um Stammgäste handelt. Die Scheffellinde lockte dabei Menschen weit über die Grenzen der Region hinaus an. Von Tuttlingen, Rottweil oder gar aus Stuttgart reisen Gäste an – auch, um das Wochenende in einem der insgesamt sieben Gästezimmer zu verbringen.

Insbesondere Wanderer, die das Achdorfer Tal oder die nahegelegene Wutachschlucht zum Ausspannen und Erkunden nutzen, finden in der Scheffellinde eine der letzten gastlichen Unterkünfte in der nähe

 

 

ren Umgebung und können sich an dem ausgezeichneten Essen erfreuen. Nicht umsonst kann das Gasthaus das „Schmeck den Süden“-Siegel vorweisen.

Gäste schätzen die Authentizität

Eine Voraussetzung, um zu dieser auserwählten Gastronomenrunde zu gehören, ist dabei die regionale Herkunft und damit auch die Frische der Produkte. Hier präsentiert man sich in Achdorf vorbildlich. Sabine Hille: „90 Prozent unserer Produkte sind von hiesigen Erzeugern.“ Selbst die verwendeten Kräuter werden im eigenen Garten hinter dem Haus angebaut, zudem wird das Brot selber gebacken.

Ein Aushängeschild ist dabei das Wildbret, das ausschließlich aus heimischen Revieren stammt. Als einer der ersten Betriebe im Schwarzwald-Baar-Kreis hat man die Auszeichnung „Wild aus der Region“ erhalten. „Wenn kein Reh geschossen wird, dann gibt es bei uns auch keins“, erklärt die 56-jährige Gastronomin.

Oben: Für die gute Küche sorgt das Ehepaar Cornelia und Karl Wiggert mit seinem Team.

Rechte Seite: Die Gaststube präsentiert sich unverändert im Stil der 1930er-Jahre. An der Wand zeigt ein Gemälde Joseph Victor von Scheffelt mit Freund zusammen mit den Wirtstöchtern. Unten rechts die Gartenterrasse.

Und genau diese Authentizität ist es, welche die Gäste in der Scheffellinde zu schätzen wissen und weswegen die Betreiber auch eine hohe Auslastung vorweisen können. So gehen an manchen Wochenenden im Sommer zwischen 500 und 700 Gerichte über die Theke. „Und die Gäste schätzen es, dass sie uns haben“, freut sich die Inhaberfamilie. Genau diese Wertschätzung gibt der Familie auch die Kraft, das Kleinod mit viel Engagement zu betreiben und dafür zu sorgen, dass Achdorf und die Scheffellinde über den Landkreis hinaus einen Namen haben. Heute – wie auch vor mehr als 475 Jahren.

 

 

Hotel Goldener Rabe

Nur wenige Gasthäuser im Schwarzwald haben sich so originalgetreu den Stil der Erbauungszeit der 1920er-Jahre erhalten wie das Höhenhotel Goldener Rabe in Furtwangen. Markant steht es auf der Sattelhöhe zwischen Rabenwald und dem Schochenbachtal an der Landstraße, die zum Gütenbacher Kilpen und auf den Brend hinauf führt.

von Elke Schön

 

 

Das Höhenhotel Goldener Raben – ein nicht nur bei Wanderern geschätztes Ausflugsziel.

Wo der Wald den Blick freigibt auf eine ebene Lichtung mit einigen Anwesen, erscheint hinter dem Schwer-Hof rechts der Straße das silberfarbene Raben-Dach mit freundlichen weiß gerahmten Fenstern im Gaubenbereich. Das Goldgelb der Holztäfelung am Obergeschoss wird nur noch überstrahlt vom Raben aus Metall, der als Wirtshausschild am Traufende baumelt.

Am Hauseingang führt eine überdachte Treppe zu einem kleinen Vorraum. Von da aus genügt ein Blick in die Gaststube, um zu erkennen, dass man jetzt in die Welt der frühen 1930er-Jahre eintaucht. Das Innere des Hauses hält also, was das Äußere verspricht. Von der breiten Theke mit dem geräumigen Gläserschrank schweift das Auge zum mächtigen grünen Kachelofen, der für die Sitzbank behagliche Wärme ahnen lässt. Das Gestänge darüber, kunstvoll geschmiedet, hat wohl einst zum Trocknen der nassen Winterkleider gedient.

Das Team vom Goldenen Raben in den 1980er-Jahren: Roswitha Ehrath-Kurz mit ihrem Mann Robert Ehrath(rechts) zusammen mit Renate Bronnenkant.

 

 

Heute jedenfalls wärmt sich auf der „Kunscht“ ein ausgestopfter Dachs, den Kopf zur Wand gerichtet, wo etliche Rehkrickele (Rehgeweihe), bogenförmig die Fotografie eines Jägers umrahmen, der eine Reihe von Füchsen zur Strecke gebracht hat.Tiere allenthalben: Über dem runden Stammtischtisch und vor dem Ofen tanzen in einem Lampenschirm aus Span kleine ausgesägte Rehe, Hasen und Wildschweine. Und von gegenüber, an der hohen bogenförmig durchbrochenen Zwischenwand, blickt ein riesiger Karibu-Kopf mit ausladendem Geweih auf das Schwarzwald-Idyll herab.

Heinrich Hansjakob: „Du bist jetzt alt…“

An der Nordwand der Gaststube flankieren zwei Mäusebussarde mit ausgebreiteten Schwingen eine achteckige Wanduhr und darunter bleibt Raum für die zahlreichen Fotografien, Schriftstücke und Annoncen, die viel über die Geschichte dieses Hotels verraten. Eingerahmt ist hier beispielsweise das Gedicht zu lesen, mit dem sich der damals berühmte, aber auch umstrittene „Rebell im Priesterrock“ Heinrich Hansjakob im Jahr 1911 am 3. September im Gästebuch verewigt hat:

Es schreien die Raben er Berg und Tal, Sie schreien im Sturm und im Sonnenstrahl, Sie schreien auf der Haid‘ und im Tannenwald Und unglkkdend ihr Echo schallt.

Beim Goldenen Raben fällt ab alles Weh, Er liegt so still auf fernblickender H‘ Schon glänzt Vollmondszauber und Sommerpracht, der Kurgast freut sich bei Tag und Nacht.

Mich der Raben schon zweimal erfreut An des Jahrhunderts Wende und heut Nun sah ich hier oben zum letzten Mal In Vollmonds Zauber der Sonne Strahl Die Raben krächzen im Tannenwald: „Du bist jetzt alt; sie begraben dich bald“

Wer weiß, ob der kranke Dichter weniger melancholisch gestimmt gewesen wäre, wenn er das Haus 20 Jahre später erlebt hätte, so wie es nach dem Brand 1927 neu errichtet wurde. Der Gastraum mit ausladender Fensterfront nach Südosten ist jetzt lichtdurchflutet.

Der Raben liegt auf fast 1.000 Metern Höhe und ist tiefstes Winterland.

Die Sache mit dem Hirschmendig

Nah der Fensterfront fällt an der Wand ein leuchtend-buntes Bild ins Auge, das in grüner Landschaft mit dem Raben im Hintergrund eine knallfarbig gekleidete Frauengruppe mit exotischen Kopfbedeckung zeigt. Sind es Hirschgeweihe? 2014 gemalt? Einheimische wissen natürlich, dass genau in diesem Gasthaus eine uralte Tradition gepflegt wird und Gäste von auswärts erhalten von der Wirtin oder der umsichtigen Kellnerin bereitwillig Auskunft über Hirschkühe und Oberhirsche und den Hirschmendig: Einen Brauch, der mit der alten Fastnacht zusammenhängt. Im Höhenhotel Zum goldenen Raben wird die alte Fastnacht sprich Burefastnacht noch gefeiert, sitzen die Narren in Frack und Zylinder aus Anlass des Hirschmendigs erneut gemütlich zusammen.

 

 

Wie eine Bronzetafel neben dem Eingang verrät, wird hier der erste Montag nach dem Aschermittwoch bereits seit mindestens 1749 auf besondere Art gefeiert: Die Schönenbacher Chronik besagt z.B., dass seit alter Zeit die Nachbarn von den umliegenden Höfen im Raben zusammenkamen, um die Bauernfasnet zu begehen. Umstritten ist die Herkunft des Namens. Oft wird er mit „Hirsemontag“ erklärt – im Raben allerdings wird an diesem Abend Hirschbraten verzehrt.

Schmausen in der Fastenzeit? Wie die Basler ihren Morgenstraich in die Fastenzeit verschieben, so hat sich wohl die speziell bäuerliche Zeitrechnung bis auf diese Schwarzwaldhöhe zurückgezogen, derzufolge das Gebot des Fastens und der Enthaltsamkeit genau genommen an Sonntagen außer Kraft zu setzen sei. Infolgedessen sei man berechtigt, die fünf Sonntage in der Fastenzeit sozusagen „vorsorglich“ vorher abzufeiern. Bis in unsere Zeit hinein jedenfalls, hat sich dieser Tag im Goldenen Raben zu einem

An der Bauernfastnacht im Raben. Die Hirschmendigs-Aktiengesellschaft mit Roland Wehrle an der Spitze (u. links) ernennt am Hirschmendig stets den Oberhirsch und seine Hirschkuh.

gemütlich-launigen Fastnachtsabend entwickelt. Das Programm gestaltet die Hirschmendigs-Aktiengesellschaft. An ihrer Spitze steht kein geringer als Roland Wehrle, Furtwanger Obernarr und zugleich Präsident

der renommierten Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte.

Zum Ritual gehört, dass jedes Jahr eine männliche Person mit möglichst markantem Bart zum Oberhirsch gewählt wird. Ihm wird eine Hirschkuh zur Seite gestellt, die natürlich ein Dirndl trägt und über schauspielerisches Talent und entsprechendes Mundwerk verfügen sollte. Von der mittlerweile ansehnlichen Herde der Hirschkühe werden in Furtwangen bei vielen anderen Fasnetveranstaltungen witzige szenische Beiträge und zündende Reden geliefert.

Aus der Geschichte eines Traditionslokals

Wann der alte Raben als Gaststätte in Betrieb ging, ist in der Furtwanger Chronik überliefert: 1747. Unbekannt ist allerdings das Jahr seiner Erbauung. Der Raben hat seine Entstehung der Kilpensteige zu verdanken, einer uralten, beschwerlichen Passstraße nach Freiburg. Immerhin mussten zwischen dem Simonswälder

 

 

Der alte Raben vor dem Großbrand am 10. November 1927.

„Engel“ bis hinauf zur Alteck sprich Ladstatt 600 Höhenmeter bewältigt werden. Die Kilpenstraße war täglich stark befahren, die nahe Ladstatt und mit ihr der Raben galten als viel genutzte Umspannstation für die Fuhrwerke.

Erst als auflebender Handel und Gewerbe Erleichterung im Verkehr immer dringlicher machten, weil die hohen Transportkosten die Waren verteuerten, begann man mit der Planung für die neue Straße Waldkirch-Furtwangen über die Neueck, die Robert Gerwig plante.

Der Raben genoss als„Realwirtschaft“ immer den Schutz des Bezirksamts Triberg, während man sich von Seiten der Behörden kaum der vielen inoffiziellen „Winkelwirtschaften“ erwehren konnte. Es gab bis ins 19. Jh. deren 50 im Raum Furtwangen, die sich natürlich meist mehr oder weniger legal an der Uhrenpackerei bereicherten.

Den Akten der Gewerbepolizei ist z.B. über den Raben zu entnehmen, dass Carl Oskar Wehrle um 1900 den Goldenen Raben bewirtschaftet, bevor er auf den Brend zieht. Es scheint gelegentlich zu Ordnungswidrigkeiten gekommen zu sein, denn als ein Emil Brodhag, Wirt aus Hattingen bei Stockach, den Raben übernehmen will, wird ihm nur unter der Bedingung stattgegeben, dass regelmäßige Polizeikontrollen erfolgen. Bald überträgt Brodhag die Wirtschaft seinem Sohn Josef, der sich kurz darauf als Koch in Saarbrücken verdingt, während die Tochter Lina Brodhag stellvertretend die Betriebsleitung übernimmt. Mittlerweile scheint der eigentliche Besitzer des Hauses, August Limburger aus Völklingen, in wirtschaftlich schwierige Lage geraten zu sein. Er kann sich nicht entschließen, der Familie Brodhag die Geschäftsführung zu bewilligen, obwohl amtlicherseits keine Beanstandungen zu verzeichnen waren. So muss das Gasthaus im Februar 1924 geschlossen werden.

Zur Erleichterung der Behörden (nunmehr in Donaueschingen) und der Bevölkerung stellt sich bereits im Oktober ein neuer Besitzer ein, der den Raben samt Inventar zum Kaufpreis von

22.000 Mark erwirbt. Schnell wird Wilhelm Herrenleben, Adlerwirt aus Deggingen bei Gailingen/Ostalb, die Wirtschaftserlaubnis erteilt. Der neue Wirt verspricht acht Zimmer mit 12 Betten und vier Zimmer zu zwei Betten und vier Einbettzimmer zur Beherbergung bereitzustellen.

Der Raben wird ein Raub der Flammen

Ein jähes Ende nimmt die Ära Herrenleben, als am 10. November 1927 der Raben niederbrennt. Überhitzung der Kaminanlage nach dem Schlachttag war der Auslöser – niemandem ist eine direkte Schuld zuzuweisen. Die Feuerwehr aus Furtwangen hat bei hohem Schnee keine Chance, rechtzeitig einzugreifen. Die Ruine wird von dem Hotelkaufmann Ernst Kösters aus Berlin gekauft, nachdem Herrenleben zunächst noch eine Notwirtschaft zu betreiben versucht.

 

 

Im Oktober 1928 ist zu erfahren, dass ein Mechanikermeister aus Schonach namens Rudolf Kuner in Pacht am Raben die Genehmigung zu Eröffnung einer Baukantine beantragt, da der Furtwanger Bauunternehmer Fritz Winterhalder schon mit den Arbeiten für einen Neubau begonnen hat. Bereits am 4. Juli 1929 sucht Ernst Kösters um „Erteilung der Erlaubnis zum Betrieb der Realgastwirtschaft Zum Goldenen Raben als Höhenkurhotel Goldener Rabe nach. Zur Beherbergung stehen 18 Zimmer mit 36 Betten zur Verfügung. Schon bald aber macht auch vor dem Schwarzwälder Fremdenverkehr die Wirtschaftskrise nicht Halt: Der Raben landet als Konkursmasse bei der Sparkasse.

Die Familie Ehrath macht den Raben bekannt

Endlich, im November 1932, scheint nach den vielen Wechseln von Besitzern und Betreibern mit dem Käufer Eugen Ehrath neue Beständigkeit einzukehren. Er ist Markgräfler aus Pfaffenweiler und hat einige Zeit den Brend bewirtschaftet. Freilich erwarten auch ihn und seine Familie in den Kriegs-und Nachkriegszeiten neue Schwierigkeiten: Die Erfüllung der baulichen Auflagen zieht sich hin; als Holz und Kohle knapp werden und die Gäste auch, sieht er sich gezwungen 1941 Betriebsferien einzulegen. Diese müssen aber beantragt werden. Und als ihm die Kartoffeln fehlen und er schließen möchte, muss er sich doch bereit erklären, an Sonntagen zu öffnen. Als Eugen Ehrath 1943 zur Wehrmacht eingezogen wird, kann Elisabeth Ehrath den Betrieb nicht alleine bewältigen, das nehmen die Behörden zur Kenntnis. Zwischen 1947 und 1948 ist das Haus von den französischen Besatzern als Kinderkolonie beschlagnahmt.

Trotz alledem aber entwickelt sich der Hotelbetrieb dann in den 1950er- und 1960er-Jahren rasant aufwärts. Der Raben ist ein beliebtes und gern besuchtes Sport- und Kurhotel. Eugen Ehrath genießt als passionierter Jäger Beziehungen in alle Welt. Auf ihn gehen die vielen ausgestopften Jagdtrophäen in der Gaststube zurück, auch das prägnante Karibu.

Ideales Skigebiet für die Städter

Als ideal erweist sich die unmittelbare Nähe der Skiwerkstatt Wehrle, denn die Hänge rings ums Hotel – damals noch weniger bewaldet – bieten ein ideales Skigebiet für die Städter. Und als der Ski-Club Furtwangen 1959 „Internationale Versehrten Meisterschaften im Lang- und Staffellauf durchführt, rückt das Hotel ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit.

Weiter geht nach Eugen Ehraths Tod 1969 der Erfolgskurs. Auch sein Sohn Robert, geboren 1937, sorgt für die Ausstattung nach zeitgemäßem Standard und ist ebenso in der heimischen Umgebung verankert. Robert Ehrath hat sich nach der Schulausbildung im Internat seine Sporen als Schiffskoch in internationalen Gewässern bei einer Kreuzfahrtgesellschaft verdient. Wohl dank dieser Beziehungen zur

 

 

großen Welt entwickelt er eine intensive Leidenschaft fürs Segeln und für Autos.

Ein Fahrerlager der Formel 3

So geht Manfred Mohr aus Vöhrenbach hier ein und aus, der später international erfolgreiche Formel 3-Rennfahrer. Ihm verpachtet der junge motorsportbegeisterte Wirt die Hotelgaragen zum Unterstellen und Warten der Rennfahrzeuge. Der Goldene Rabe ist jahrelang ein angesagter Treff für Rennfahrer und Autobegeisterte – und auch so manche Testfahrt findet hier oben statt…

Klar, dass die Sportwagenleidenschaft bei der Furtwanger Jugend Bewunderung auslöst. Klar aber auch, dass sein Übermut gelegentlich zu halsbrecherischen Aktionen führt, wie sie aus Anekdoten aus den 1960er-Jahren zu vernehmen sind: vor geladenem Publikum überschlägt sich Robert einmal mit Vater Eugens Opel. Auch einige Bäume im unteren Rabenwald sind ihm zum Opfer gefallen. In späteren Jahren gewinnt

Gemütlich-urige Gästezimmer mit modernen Bädern und ein Frühstücksraum im Charme der 1950er-Jahre zeichnen den Goldenen Raben gleichfalls aus. Und über viele Jahre hinweg die exzellente Küche von Robert Ehrath, der 2011 verstarb.

der Wassersport als Hobby bei ihm die Oberhand; von seinen Tauch-Aben

teuern sind in den Nebenzimmern des Hotels viele Fotos zu bewundern.

Den historischen Charme bewahrt

Trotz alledem reicht Robert Ehraths Ruhm als exzellenter Koch unbestritten über Furtwangen hinaus. Versteht sich, dass seit seiner Ära die Hirschmendig-Feste zu großer Form aufgelaufen sind und, nebenbei bemerkt, waren die Wildgerichte, die nach seiner Rezeptur bereitet wurden, Glanzpunkte der Speisekarte. Als er 2011 einer schweren Krankheit erliegt, ist die Trauer groß, er war weithin bekannt.

Die Rabentradition lebt in Regie der Familie Ehrath weiter. Das Hotel mit seinen urig-gemütlich eingerichteten Zimmern und seiner so außergewöhnlichen Gaststube ist nach wie vor beliebt und gern besucht. Das Hotel Goldener Rabe bietet im Sommer seinen Stammgästen Wanderwege und Entspannung in idyllisch ruhiger Lage und im Winter auf 1.000 Höhenmetern meist schneesichere Loipen aller Schwierigkeitsgrade. Glücklicherweise hat man es verstanden,

den einzigartigen Charme des histo

rischen Hauses zu bewahren.

Die Formel 3 ist zu Gast. Der Vöhrenbacher Rennfahrer Manfred Mohr nutzte den Raben in den 1960er-Jahren in der Zeit zwischen den Rennserien als sein Fahrerlager im Schwarzwald.

 

 

100 Jahre SABA und 50 Jahre MPS – Qualität aus dem Schwarzwald

Blick in das MPS-Studio um das Jahr 2007. Heute wird das legendäre Tonstudio mit Weltruf von einem Förderverein betrieben. Auch Aufnahmen sind wieder möglich.Foto: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

von Friedhelm Schulz

Der Schwarzwald steht für geheimnisvolle Mythen, aber ebenso für den sagenumwobenen Tüftlergeist. Wenn der gepaart ist mit der beharrlichen Suche nach Innovationen, kann daraus Industriegeschichte von Weltruf entstehen. Zwei Marken sind bis heute für höchste Qualität aus dem Schwarzwald bekannt: SABA und MPS. Eng verbunden sind sie mit der Triberger Uhrmacherdynastie Schwer. SABA-Gründer Hermann Schwer ging als Rundfunkpionier in die deutsche Technikgeschichte ein, sein Enkel Hans Georg kreierte mit dem Musiklabel MPS einen exzellenten Sound, der bis heute Menschen in aller Welt begeistert.

Alles begann in Triberg. Hier gründete Leonhard Schwer (1770 – 1858) eine Schlosserei, in der auch „Bestandteile für Zeitmesser“, wie es in einer Urkunde steht, hergestellt wurden. Sohn Benedikt (1803–1874) war dann ab 1835 der erste Uhrmachermeister der Familie; er verkaufte seine Produkte bis nach Norddeutschland und Frankreich und war einer der Pioniere der Uhrmacherei im Schwarzwald. 1864 tritt der Sohn des Firmengründers, August Schwer, in die Fabrik ein, die er ab 1865 „Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt” nennt, woraus später der Name SABA abgeleitet wird.

Sohn August Schwer (1844–1912) weitete die Produktion aus: Jockeles-Uhren, Nachtuhren, Pendulen, aber auch Kaminuhren aus Marmor wurden gefertigt. 1905 übergab er den Betrieb an Sohn Hermann. Dieser baute die Firma zur „Metallwarenfabrik“ um; es wurden nun auch Fahrrad- und Türklingeln produziert. 1910 hatte die kleine Fabrik 27 Beschäftigte. Die „Glocken“ aus Triberg wurden auf zahlreichen Industrieausstellungen in ganz Europa ihrer Qualität wegen ausgezeichnet.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges schrumpfte 1914 die Belegschaft; zudem brannte die Schwer-Fabrik aus. Zu der Zeit reifte in Hermann Schwer der Entschluss, Triberg zu verlassen. 1918 kaufte er die „Waldmühle“ in Villingen als neue Produktionsstätte und bereits Ende 1918 waren dort 78 Personen beschäftigt.

Hermann Schwer, gebürtiger Triberger, gründete vor 100 Jahren die SABA-Werke in Villingen.

Der offizielle Registereintrag beim Gericht in Villingen datiert vom 17. März 1919. Vor nunmehr 100 Jahren wurde das Unternehmen gegründet, das dann als SABA bekannt wurde. Und ein Jahr später wurden hier u.a. Fahrradklingeln für Abnehmer in ganz Europa gebaut. Die ehemalige Waldmühle wird im Volksmund nun „Schellenmühle“ genannt.

1922 kommt eine elektrotechnische Abteilung hinzu: Es werden Klingeltransformatoren produziert. Hermann Schwer hörte zu dieser Zeit fasziniert in einem Rundfunklabor in der Schweiz eine Radioübertragung. Für ihn stand fest: der Rundfunk, der 1923 in Deutschland begann, hat eine große Zukunft. Das war die Technologie, auf die er setzte. Erste Produkte folgen: 1923 werden in Villingen Kopfhörer für Radiogeräte hergestellt, die sich durch präzise Verarbeitung und höchste Empfangsempfindlichkeit auszeichnen. Weitere Teile für Radiogeräte kommen bis 1925 dazu: Heizwiderstände, Spulen, Schalter, Trichterlautsprecher und Drehkondensatoren. Alles in höchster Qualität.

Aus dem langen Namen „Schwarzwälder Apparate-Bau-Anstalt“ wurde jetzt eine kurze

 

 

Marke, die Weltruhm erlan-

aufnahm, wie damals sonst gen sollte: SABA. Seit 1924 niemand auf der Welt. Mit ist der Name in dem runden Marschmusik in der Nazi-Zeit Kreis als Markenzeichen ein-aufgewachsen, hörte er heimgetragen. Bei SABA wurden lich die swingenden Klänge nun Radios gebaut, bis 1931 Glenn Millers – und diese Mubereits 100.000 Stück. Der sik ließ ihn nicht mehr los. Im Rest ist bekannt: Der Villinger Wohnzimmer nahm er in den Familienbetrieb gehörte zu 1950er-Jahren Musiker wie den großen und angesehenen Hans Koller, Horst Jankowski Unternehmen Deutschlands. oder Wolfgang Dauner auf Hermann Schwer, Ehrenbürger und experimentierte mit von Villingen, starb bereits Mikrofonen, um ein für die

1936 – auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Er hinterließ eine Qualitätsmarke von internationalem Ruf, aber auch einen Enkel, dem er seine Tüftler-Gene vermacht haben muss: den 1927 geborenen Hans Georg.

Der Sound aus dem Schwarzwald

Während Hermann Schwer zu den Wegbereitern beim Bau von Radiogeräten zählt, schuf Hans Georg Brunner-Schwer einen musikalischen Sound, der den Schwarzwald weltweit bekannt machte, weil er die Musik so präsent

damalige Zeit ungewöhnliches Klangbild zu erreichen. Hier sah sich der Hörer einer Schallplatte durch die brillante Präsenz der Musik in den Konzertsaal versetzt. Der Sound aus dem Schwarzwald, der Musiker und Musikliebhaber auf der ganzen Welt bis heute begeistert, war geboren.

Zunächst wurden in der Musikabteilung von SABA, für die Hans Georg verantwortlich war, Tonbänder bespielt, für Kunden der SABA-Tonbandgeräte. Schon damals war das Ziel, höchste Klangvollkommenheit zu erreichen. Und dazu brauchte es einen fast schon fanatischen Tüftler

 

 

wie Hans Georg Brunner-Schwer. Neben den Tonbändern veröffentlichte SABA in den frühen 60er-Jahren erste Schallplatten mit Unterhaltungsmusik.

Dann lud Brunner-Schwer 1963 den weltbekannten Jazzpianisten Oscar Peterson zu einem Wohnzimmerkonzert mit einigen Gästen zu sich nach Villingen ein. Während der mit seinem Trio dort beseelt spielte, saß der Klangtüftler im Dachgeschoss am Aufnahmepult und schnitt alles mit. Als er das dann in der Pause dem schwarzen Musiker, der schon viele Tonaufnahmen hinter sich hatte, vorspielte, war dieser sprachlos: Peterson hatte einen solch prägnanten Klang noch nie gehört. Von da an kam er viele Jahre zu Aufnahmen in den Schwarzwald. Es entstand nicht nur eine persönliche Freundschaft zur Familie Brunner-Schwer, der Pianist erzählte auch seinen Kollegen von dem einmaligen Schwarzwaldsound. 1965 kam sogar der große Duke Ellington zu einem Besuch nach Villingen. Ziemlich schnell hatten Qualitäts-Wenn man Musiker heute fragte, wo auf der Welt berühmte Tonstudios stehen, dann kämen als Antworten wahrscheinlich:

aufnahmen, die unter dem Label SABA herausgebracht wurden, bei Musikfreunden einen erstklassigen Ruf.

1968 wurde aus der SABA-Musikabteilung die eigenständige Firma MPS (Musik Produktion Schwarzwald). Da wegen der Einführung des Farbfernsehers bei SABA in neue Bildröhren investiert werden musste und die Familie damit finanziell überfordert war, wurde die Mehrheit an den amerikanischen GTE-Konzern verkauft. Die neuen Besitzer hatten kein Interesse an der Musiksparte, daher gründete Hans Georg Brunner-Schwer, der nie eine Ausbildung zum Tonmeister gemacht hatte, die MPS – das erste deutsche Jazzlabel. Nun endlich konnten auch die schon legendären Hauskonzerte mit Oscar Peterson veröffentlicht werden. Ein grandioser Start für das neue Musiklabel vor ziemlich genau 50 Jahren und fünf Jahrzehnte nach Gründung der SABA in Villingen.

MPS – diese drei Buchstaben haben bis heute bei Musikfreunden einen magischen Klang, natürlich wegen der herausragenden Aufnahmequalität der Jazz- und Klassikproduktionen. Rund 1.000 Aufnahmen sind unter SABA und MPS entstanden: Volksmusik, Unterhaltungs-und Tanzmusik und Klassik, aber im Vordergrund stand stets der Jazz.

Drei Jahre nach der Gründung hatte MPS rund 400 Titel veröffentlicht, darunter die wichtigsten Musiker der europäischen Szene wie Stephane Grappelli, Friedrich Gulda, Rolf und Joachim Kühn, Albert Mangelsdorff, Hans Koller, Wolfgang Dauner, Peter Herbolzheimer und

 

 

Hans Georg Brunner-Schwer mit dem Pianisten Friedrich Gulda bei Aufnahmen im MPS-Studio. In Villingen spielte Gulda u.a. die 24 Préludes von Claude Debussy ein, diese Aufnahme gilt als legendär.

Volker Kriegel wie auch die multinationale Kenny Clarke-Francy Boland Big Band. Bei MPS wurde der Grundstock für viele Jazzkarrieren gelegt.

Schon damals war HGBS, wie der MPS-Eigner in Fachkreisen genannt wurde, anerkannter Experte für Klavier-Aufnahmen. Das war auch der Grund dafür, dass der Klaviervirtuose Friedrich Gulda einige Jahre exklusiv mit dem Villinger Label zusammenarbeitete. Zahlreiche MPS-Schallplatten wurden mit Preisen ausgezeichnet, wie dem „Grand Prix of the Montreux Jazz Festival“, dem französischen „Grand Prix du Disque“ oder dem „Preis der Deutschen Akademie für Schallplatte“.

Die CD führt zum Rückzug von MPS

Hans Georg Brunner-Schwer baute mit MPS eine kleine Musikfirma auf, die zwei Jahrzehnte, bis 1983, für hochwertige Klangqualität stand. Und Namen wie Baden Powell, Monty Alexander, Georg Duke, Lee Konitz oder Martial Solal sind neben Peterson untrennbar mit dem Schwarzwaldsound von MPS verbunden. Zwischen 1965 und 1983 war die Schwarzwaldstadt Villingen ein Ort, in den viele internationale Gäste kamen. Und das Musiklabel MPS genoss vor allem bei Jazzfans auf der ganzen Welt unglaubliche Popularität.

Als in den frühen 1980er-Jahren mit der CD ein neuer Tonträger kam, war das für Hans Georg Brunner-Schwer, der immer auf den analogen Schallplattensound schwörte, Anlass, sich aus der aktiven Produktionstätigkeit zurückzuziehen. Er verkaufte den größten Teil des MPS-Kataloges und widmete sich musikalischen Themen, die ihm persönlich besonders am Herzen lagen: gehobene orchestrale Unterhaltungsmusik und ausgewählte Klassikprodukte wie die Förderung der Birnauer Kantorei. Um das Villinger Tonstudio war es viele Jahre recht still geworden. 2004 starb Hans Georg Brunner-Schwer bei einem Autounfall.

Die Zukunft des MPS-Studios war ungewiss. Natürlich passte es da, dass sich 2009 das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg für das Villinger Tonstudio interessierte – und zum

Foto: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

Im MPS-Studio kann eine begrenzte Zahl von Zuhörern direkt im Aufnahmeraum sitzen, um eine Live-Atmosphäre zu erzeugen. So wie bei den Konzerten aus Anlass „50 Jahre MPS“ im Herbst 2018 (unten), hier bei einer Vocal-Jazz-Darbietung. Gerade junge Musiker schwören auf die analoge Aufnahmetechnik des Studios.

 

 

Von Oscar Peterson über Baden Powell bis hin zu Joe Turner: Auswahl von Plattencovern des MPS-Studios in Villingen. Über 500 Produktionen wurden in dem Studio eingespielt.

Kulturdenkmal erklärte. „Die Denkmaleigenschaft des Tonstudios und die Notwendigkeit seiner Erhaltung sind aufgrund seiner Originalität und Integrität, des besonderen Seltenheitswertes einiger Stücke und des generellen dokumentarischen Wertes in das Bewusstsein eines breiten Kreises von Sachverständigen sowie eines Teiles der Bevölkerung eingegangen“, heißt es in der Begründung.

Mit dieser geballten Tradition im Hintergrund werden wieder innovative Konzepte verfolgt. Vor allem für kleinere akustische Formationen bietet das Studio – in dem neben den vielen hochwertigen Mikrofonen ein Bösendorfer Imperial-Flügel verfügbar ist – ideale Möglichkeiten. Aber auch Besuchergruppen steht das MPS-Studio in Villingen offen. Träger des MPS-Studios ist heute ein 2017 gegründeter Förderverein, der sich auch um die Denkmalschutzbestände kümmert. Nicht nur die alte Technik soll funktionsfähig bleiben, auch das umfangreiche Archivmaterial muss gesichtet und für künftig Generationen zugänglich gemacht werden. In dem Förderverein haben sich zahlreiche MPS-Fans aus den Bereichen Technik, Musik, Werbung und Forschung zusammengefunden. Und natürlich werden auch wieder Tonaufnahmen gemacht: mit Bändern und altem Equipment, ganz so wie in den guten alten MPS-Zeiten. (Weitere Informationen: www.mps-villingen.de)

Schwerpunkt der Arbeit des Fördervereins ist: Der einmalige Sound von Hans Georg Brunner-Schwer soll nicht in Vergessenheit geraten. Die Marke SABA indes ist längst vom Markt verschwunden. Geblieben ist der SABA-Schriftzug auf einer der alten Fabrikhallen an der Peterzeller Straße. Bescheidene Reste eines großen Stücks Industrie- und Kulturgeschichte aus dem Schwarzwald.

 

 

Die Pianistin Henriette Gärtner freut sich auf ihre Aufnahmen mit dem Börsendorfer-Flügel, an dem schon Oscar Peterson und Friedrich Gulda spielten. Fotos: Lutz Hugel, visual artwork

 

 

Baaremer Luusbuäbä

Musiker aus Leidenschaft – das sind die „Baaremer Luusbuäbä“. Seit dem Gewinn des SWR4-Blechduells 2016 tragen sie den Titel „mitreißendste Blasmusikband des Landes“. Diesem Prädikat werden die jungen Vollblutmusiker bei jedem ihrer Auftritte auch vollauf gerecht.

von Susanne Kammerer

 

 

Sie stammen aus Gutmadingen, Pfohren, Hüfingen, Behla und weiteren Orten im südlichen Schwarzwald-Baar-Kreis, manche kommen aus dem benachbarten Hegau, einer wohnt an der Schweizer Grenze. Musik vereint, Musik kennt keine Grenzen, Musik ist pure Leidenschaft. Dies verbindet die 14 jungen Männer um Profitrompeter Markus Burger, der die Blasmusikband vor zehn Jahren gründete und auch die musikalische Leitung inne hat. Begonnen hatte alles an Pfingsten 2010, beim Kramer-Fest in Gutmadingen. Markus Burger, damals gerade mal 20 Jahre alt und frischer Musikstudent, hatte eine Blasmusikgruppe aus seinem Freundes- und Bekanntenkreis zusammengestellt, das Kramer-Fest in seinem Heimatort sollte der erste Auftritt sein. Die Musik der jungen Männer kam sofort bestens beim Publikum an. Dass sie nicht nur leidenschaftliche Musiker sind, sondern auch den Schelm im Nacken tragen, war sofort zu hören und zu

sehen. Der Name „Baaremer Luusbuäbä“ daher eigentlich logisch. „Wir hatten bei unserem ersten Auftritt noch gar keinen Namen und haben einfach im Publikum herumgefragt, wer eine Idee hätte. Ein Festbesucher taufte uns dann so“, beschreibt Patrick Bäurer, Moderator und Sprecher der Band.

Schnell sprach sich das Talent der jungen Blasmusiktruppe herum, die Auftritte im ganzen Schwarzwald-Baar-Kreis häuften sich. Dabei spielen die 14 Männer nicht nur traditionelle, böhmisch-mährische Blasmusik, sondern interpretieren auch deutsche Popklassiker sowie bekannte Lieder aus Rock und Hip-Hop. „Was uns auszeichnet, sind definitiv die modernen Stücke“, sagt Patrick Bäurer. Für manche Zuhörer sei es dennoch manchmal ein Schock, wenn von Ernst Moschs Polkaklängen zu Deutsch-Hip-Hopper Peter Fox gewechselt wird, schmunzelt er. Doch mit ihrem Repertoire werden sie ihrem eigenen, breitgefächerten Musikgeschmack und auch dem ihres Publikums gerecht. „Wir sprechen bei unseren Auftritten alle Altersgruppen an, von 14 bis 80“, weiß der routinierte Musiker.

Ihre Konzerte teilen sie meist in einen traditionellen und in einen modernen Part ein. Jedes Konzert sei dabei anders, mal kommt das eine, dann das andere Genre besser an. „Es ist immer eine Überraschung, worauf das Publikum mehr abfährt“, schildert Patrick Bäurer, der bei den Konzerten nicht nur moderiert, sondern auch Klarinette und Saxophon spielt. Entsprechend passt Dirigent Markus Burger das Programm im Laufe des Abends auch mal an.

Fetzige Blas- und Unterhaltungsmusik – das haben sich die „Baaremer Luusbuäbä“ auf die Fahne geschrieben. Nicht zuletzt durch die modernen Gesangseinlagen und Soli ihres Gitarristen und Sängers Jochen Glunk hebt sich die

Links: Der Gründer der Baaremer Luusbuäba, Trompeter Markus Burger.

Rechte Seite: Leidenschaftliche Musiker sind alle Mitglieder der Kapelle. Oben Robert Hasenfratz an der Tuba, unten links Moderator Patrick Bäurer und

u. re. Gitarrist sowie Sänger Jochen Glunk.

 

 

Die Baaremer Luusbuäbä

Klarinetten

Markus Filipiak (Hüfingen) Patrick Bäurer (Behla)

Trompete/Flelhorn

Markus Burger (Gutmadingen) Simon Mayer (Mühlhausen-Ehingen) Johannes Elsässer (Kirchen-Hausen) Marc Kienle (Deufringen)

Tenorhorn/Bariton

Tobias Schwarz (Büsslingen) Pascal Biehler (Leipferdingen)

Posaune

Benedikt Elsässer (Kirchen-Hausen) Andreas Gut (Fürstenberg)

Tuba

Robert Hasenfratz (Pfohren)

Schlagzeug

Christian Baumann (Donaueschingen)

E-Bass/Posaune

Philipp Limberger (Hüfingen)

Gitarre/Gesang: Jochen Glunk (Gutmadingen)

 

 

„Jung, frech, einfach anders“ – die „Baaremer Luusbuäbä“ siegten mit diesem Rezept auch beim SWR4-Belchduell des Jahres 2016.

Band von anderen Blasmusikkapellen deutlich ab und sorgt mit ihrem Motto „Jung, frech, einfach anders“ stets für Schwung und Stimmung in den Festzelten der Region.

Mit Schwung und Stimmung überzeugten sie auch die Jury beim SWR 4 Blechduell 2016. Wer beim SWR4 Blechduell punkten möchte, muss das Motto des Musikwettbewerbs „Blasmusik mal anders“ so mitreißend wie möglich umsetzen. Die Titel für die Vorentscheide und das Finale sind zwar festgelegt, musikalisch haben die Bands jedoch freie Hand – solange Blechblasinstrumente den Ton angeben.

Mit dem rasanten „Astronautenmarsch“ des böhmischen Komponisten Josef Ullrich punkteten die „Baaremer Luusbuäbä“ auf ganzer Linie und strichen ganz unverhofft den Sieg des regionalen Bandwettbewerbs ein.

Eigentlich hatten sich die Jungs gar nicht für den Wettbewerb beworben. Ein SWR-Tontechniker fragte bei den „Baaremer Luusbuäbä“ an, ob sie nicht einspringen wollten, da noch eine Band fehlte. „Wir hatten nur wenig Vorbereitungszeit und haben uns auch nichts ausgerechnet“, erzählt Patrick Bäurer. Mit der Erwartung auf interessante und lustige Erfahrungen fuhren sie zum Vorentscheid nach Geisingen. „Das Gefühl beim Soundcheck war gut, wir merkten, da könnte was gehen“. Entsprechende positive Rückmeldungen habe es auch vom SWR-Team gegeben.

Auftritte in ganz Baden-Württemberg

Das Finale mit dem fulminanten Sieg folgte direkt am nächsten Tag. Die Belohnung: neun Tage Tournee durch ganz Baden-Württemberg. „Das war eine riesen Erfahrung für uns alle“, schwärmt Patrick Bäurer noch heute. Verschiedene Auftritte, etwa beim „Big Sounds“ Brassfestival in Böblingen sowie Studiokonzerte in den SWR-Studios in Freiburg, Friedrichshafen, Ulm, Heilbronn und Stuttgart standen auf dem Programm. Auch im Fernsehen sind sie gelandet, bei der SWR-Nachmittagssendung „Kaffee oder Tee“. Abschluss der einzigartigen Tournee war ein Konzert in einem Festzelt auf dem Cannstatter Wasen. Der Erfolg beim SWR 4-Blechduell erhöhte auch den Bekanntheits-

 

 

grad der „Baaremer Luusbuäbä“. „Vor dem Wettbewerb waren wir ausschließlich im Schwarzwald-Baar-Kreis unterwegs, jetzt sind wir es kaum noch, sondern in allen Winkeln von Baden-Württemberg“, sagt Patrick Bäurer.

Konzertanfragen bekommen sie viele, doch belassen es die Musiker bei ihren bewährten zehn bis zwölf Auftritten im Jahr. Der Anspruch ist, möglichst oft in Originalbesetzung, das heißt, ohne Aushilfen spielen zu können. „Mehr wäre einfach nicht möglich“, schildert Bäurer. Die Altersspanne der 14 Musiker liegt zwischen 20 und 40. Viele der Bandmitglieder studieren, andere haben Familien und Verpflichtungen in ihren Heimatvereinen. Gezielt gestaltet sich daher auch die Probenarbeit. Einmal im Jahr, meist im Januar, gibt es eine intensive Probenwoche, zu der sich die ganze Mannschaft trifft und das gesamte Jahresprogramm einstudiert. Dann müssen die Stücke einfach sitzen. Vor den jeweiligen Auftritten wird zwar nochmals geprobt und es werden verschiedene Stücke angespielt, Zeit zum Ausfeilen ist dann aber keine mehr.

Obwohl sich die „Baaremer Luusbuäbä“ aus lauter hochkarätigen Musikern zusammensetzen, ist der eigene Anspruch ungebremst.

Konzertanfragen bekommen sie viele, doch belassen es die Musiker bei ihren bewährten zehn bis zwölf Auftritten im Jahr. Sie wollen möglichst oft in Original-Besetzung spielen.

„Unsere CD-Aufnahmen haben uns qualitativ nochmals weitergebracht“, erzählt Patrick Bäurer. Das war in den Jahren 2017 und 2018. In einem Studio zu musizieren, sei mit einem Live-Auftritt nicht zu vergleichen. Dieses haben sie in Gutmadingen eingerichtet, die technische Umsetzung übernahm Blasmusikgröße Matthias Gronert aus Hornberg. Verkauft werden die CDs bei den Auftritten und auf der Website. Der Absatz stimmt. „Unsere Musik wird aber auch oft beim digitalen Musikdienst „Spotify“ gestreamt“, freut sich Patrick Bäurer.

Grund zur Freude gibt es auch im Jahr 2020, dann feiern die „Baaremer Luusbuäbä“ ihr zehnjähriges Bestehen. Fans und Freunde der Blasmusik dürfen sich freuen: denn der Name ist bei dieser Truppe auch weiterhin Programm.

 

 

CHI DONAUESCHINGEN

Ehrenrunde für einen überglücklichen Sieger gerade 22 Jahre alt: Lucas Porter war im Stechen beim Championat in Donaueschingen mit dem zwölfjährigen Schimmel „C Hunter um eine Sekunde schneller als sein älterer Bruder Wilton Porter (25).

 

 

Von großen Sprüngen und bedrohlichen Hindernissen

von Wolfgang Losert

Donaueschingen ist zu immerwährenden Anstrengungen gezwungen, um seinen Rang als Schauplatz eines der bedeutendsten Reitturniere in Europa gegen allerhand Widrigkeiten zu verteidigen. Das Erfolgsjahr 2018, in dem sich das Internationale Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier einen Schritt weiter vom „adeligen“ zum „bürgerlichen“ Ereignis wandelte, gibt Zuversicht, dass dieser schwierige Parcours auch künftig zu meistern ist. Auch der Jahrgang 2019 zeigt das: Turnierchef Kaspar Funke konnte mit 47.000 Besuchern eine Rekordzahl vermelden!

 

 

Beim S.D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier in Donaueschingen geht ebenso die Weltelite im Dressurreiten an den Start, hier die vielfache Olympiasiegerin und Weltmeisterin Isabell Werth.

Der Blick von Region und Land auf die Stadt Donaueschingen registriert immer wieder diesen signifikanten Charakterzug. Von weit aus der Vergangenheit und bis heute hat er das Selbstbild der Bürgerschaft und Stadtpolitik geprägt: Der Ort am Ursprung der Donau geriert sich gerne als Hochstapler. Und das keineswegs in schlechtem Sinne. Sondern indem die Kleinstadt wirklich Großes schultert. Vorhaben nämlich, die etliche Nummern zu mächtig, zu anspruchsvoll, zu fordernd sind für begrenzte lokale Möglichkeiten.

Auch die Erlebnisse und Erinnerungen der Gegenwarts-Generationen belegen dieses spannungsgeladene Phänomen vielfach. Die hochkarätigste Veranstaltung einer Sport-Disziplin hat Donaueschingen 1991 erlebt, als die Stadt Austragungsort der Weltmeisterschaften im Gewichtheben war.

Dass Donaueschingen Klangwellen rund um den Globus schickt, hat in einem anderen Fall gar buchstäblich musikalische Urheber. 1921 als Kammermusik-Podium gegründet, blühten die „Donaueschinger Musiktage“ mit jeder Auflage jeweils im Oktober zur weltweit bedeutendsten Uraufführungs-Bühne zeitgenössischer Tonkunst auf.

Und während freilich auch die Donauquelle, das Adelshaus Fürstenberg mit Schloss, dessen einstiger Kunstbesitz und traditionsreiche Brauerei Signale nach ganz Europa sendet, ist eine Marke weltweiter Popularität auch das Internationale Reitturnier. Aber wie immer, wenn sich ein David als Goliath gebärden und nachhaltig erfolgreich sein will, gehört die unaufhörliche Anstrengung, das latente Bangen vor dem Status-Schwund und eine fast heroische Energie zum Weitermachen zur Geschichte all dieser Aktions-Historien.

Mit unterschiedlichem Erfolg: Die einst legendäre Kraftsport-Disziplin wurde mangels

Sprung über die Donaueschinger Stadtkirche St. Johann beim Springen um den S. D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnispreis.

 

 

Internationales S.D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier. Der CHI Donaueschingen ist für erstklassigen Sport bekannt. In den Disziplinen Dressur, Springen, Geländereiten und Gespannfahren gehen Spitzensportler aus der ganzen Welt an den Start.

finanzieller Möglichkeiten in die Drittklassigkeit gesiebt. Die Musiktage erleben seit etlichen Jahren nur deshalb eine erfreuliche Hochkonjunktur, weil der SWR und mehrere Stiftungen ein stabiles finanzielles Fundament gemauert haben. Die Residenzstadt-Attribute Schloss, Park und Quelle sorgen zusammen mit der renommierten Galerie der Unternehmer-Familie Biedermann, dem Art.Plus, für bleibende touristische Attraktivität. Für die Zukunft wünscht man sich dabei eine noch stärker als Kooperation legierte Zusammenarbeit zwischen Rathaus und Schloss.

Dieses Miteinander zwischen dem bürgerlichen und fürstlichen Donaueschingen erfuhr in den vergangenen Jahren auch beim Reitturnier eine Veränderung. Augenscheinlich geworden ist diese Mutation beim großen Schlussbild des Pferdesport-Spektakels am 18. August 2019. Zum ersten Mal in der 63-jährigen Geschichte des Turniers, das immerhin den Namen des Gründers, Fürst Joachim zu Fürstenberg, trägt, waren dessen Nachkommen zur Überreichung des Gedächtnispreises an den 22-jährigen Amerikaner Lucas Porter nicht erschienen, hatten das feierliche Zeremoniell an Oberbürgermeister Pauly delegiert. Und damit dokumentiert, dass die Großveranstaltung inzwischen in einvernehmlicher Absicht den Wandel vom „adeligen“ zur „bürgerlichen“ Adresse vollzogen hat. Denn auch die betriebswirtschaftliche Statik ist mittlerweile einem Umbau unterworfen. Musste das Rathaus einst bis zu 360.000 Euro

 

 

„Bürgergeld“ pro Jahr in das Turnier investieren, nachdem sich zuerst der Reitverein Schwenningen und später das Haus Fürstenberg aus dem finanziellen Engagement verabschiedet hatten, so hat inzwischen das Veranstalter-unternehmen Escon der Kommune das pralle Betriebswirtschafts-Risiko abgenommen. So ist es gelungen, mit durchschnittlich pro Jahr weniger als 100.000 Euro investiertem Geld aus der Stadtkasse für das Turnier auszukommen – ein erfreuliches „Opfer“ angesichts des etwa im EM-Jahrgang auf 1,6 Millionen-Euro geschwollenen Jahresbudgets. Escon investierte in die Turnier-Infrastruktur mittlerweile fast 600.000 Euro und trägt nun allein das wirtschaftliche Risiko.

Etliche internationale Championate

Und doch! Gegenwart und wohl auch Zukunft dieser glanzvollen vier Turniertage (jetzt jeweils Mitte August) sind damit keineswegs auf ein bescheideneres Format gestutzt. Der Fahrplan für die kommenden Jahre sieht Stationen internationaler Championate vor, also offizielle und von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) vergebene Wettbewerbe, bei denen sich die Equipen der europäischen Staaten messen. Solche Marken von Leistung und Popularität braucht es immer wieder einmal in der Turnier-Geschichte, will man gehaltenes Niveau und Potenzial demonstrieren.

Der nächste Gipfel wartet bereits im August 2021. Dann satteln im Schlosspark die Nachwuchs-Dressurreiter der Altersklasse „U 25“ zu den Europameisterschaften. Zwei Jahre später, im Sommer 2023, kurz vor Ablauf des aktuellen Vertrags-Kapitels zwischen Stadt und Escon, sollten eigentlich die Dressurreiter zur EM in den Schlosspark kommen, also die Liga Isabell Werth und ihre Konkurrenz. Doch im Herbst 2019 kam das ernüchternde Aus für die Pläne zur Dressur-EM 2023. Escon-Chef Kaspar Funke schätzte die finanziellen Risiken zuletzt als „untragbar hoch“ ein.

Von der EM bis zum CHIO

Championate von hohem internationalen Rang gehören zur Geschichte des Turniers. 1977 fand im Schlosspark die Europameisterschaft der Viererzug-Gespanne statt. Mehrfach schon sind die europäischen Nachwuchsreiter in der Disziplin Springen an der Donauquelle gestartet. 1986 erlebte Donaueschingen die bisherige Krönung seiner Bemühungen um internationales Niveau, als die traditionellen Ausrichter in Aachen die Weltreiterspiele durchführten und die Baar-Metropole mit dem Offiziellen Internationalen Dressur-, Spring und Fahrturnier (CHIO) das ranghöchste nationale Pferdesport-Ereignis erbte. 1991 wurde in Donaueschingen die Dressur-EM ausgetragen.

Doch diese sportlichen Gipfel liefern nur eine von mehreren Zutaten zur dauerhaft erfolgreichen Turnier-Historie. Eine, die dem Publikum ebenso schmeckt wie den Teilnehmern und dem Veranstalter, den seine betriebswirtschaftliche

 

 

Corsage natürlich einengt. Spätestens seit Ende der 1980er-Jahre nämlich bedarf es des strengen und entschlossenen Hinterfragens, ob die jeweils bestehenden wirtschaftliche Strukturen des Turniers, dessen Konzept, sportpolitisches Ziel und Attraktivität fürs Publikum richtig angelegt sind, um ein sicheres Fortbestehen und Niveau zu gewährleisten.

Hatten von den Anfängen in den 1950er-Jahren der Reit- und Fahrverein Schwenningen das Management und die Turnierleitung dominiert und personell besetzt, endete diese Epoche 1978. Unter dem stadtpolitischen Druck in der Schultes-Ära Bernhard Everkes wurde die damals amtierende Schwenninger Führungsriege von Jürgen Jung, Manfred Link und Helmut

 

 

Riegger abgelöst durch das Stuttgarter Trio Riexinger-Abel-Baur. Beste Verbindungen zu den maßgebenden Verbänden und Nachweise als erfolgreiche Turnier-Macher hatte der Kaufmann Riexinger, der Verbands-Repräsentant Abel und der Marketing-Experte Baur im Gepäck, richteten sie doch auch andere große Turnier wie etwa die German Masters in der

Mt 47.000 Besuchern im Jahr 2019 ist das CHI Donaueschingen das bestbesuchte Sportereignis der Region. Höhepunkte sind die Kutschfahrten am Samstag durch die Brigach und das Springreiten am Sonntag vor dicht gefüllten Tribünenplätzen.

Hanns-Martin-Schleyer-Halle aus. Doch bei ihrem Streben nach Renommee und sportlicher Klasse drohten sie die finanziellen Möglichkeiten und bürgerschaftliche Akzeptanz der Kleinstadt zu überfordern. So wechselte der 2005 amtierende Oberbürgermeister Thorsten Frei mit der Firma Escon-Marketing aus dem oldenburgischen Emstek einen neuen Partner ein, der zur betriebswirtschaftlichen Dressur zügelte nach dem stürmisch-stolzen Parforceritts der Vorgänger.

Seit 2006 liefert das ferne Unternehmen um die Geschäftsführer Kaspar Funke und Niklas Droste jedes Jahr den Beweis, dass die Balance aus sportlichem Niveau, Attraktivität fürs Publikum und betriebswirtschaftlicher Tragfähigkeit funktionieren kann. In seiner aktuellen Verfassung siedelt das Reitturnier also in einer Position, die in mehrfacher Weise ein Kompromiss des Möglichen ist. Nach wie vor ist Donaueschingen die Heimat eines in ganz Europa bekannten Pferdesport-Events, zu dem viele der besten Reiter aus vielen Ländern anreisen. Nach wie vor gelingt die betriebswirtschaftliche Statik, auch wenn sich TV-Medien und Großsponsoren immer mehr anderen Sportarten oder Attraktionen zuwenden. Noch immer pilgern bis zu 47.000 Besucher (2019) herbei, auch wenn es mittlerweile ein ganzes Sortiment regionaler Turniere ringsum gibt und darunter ausgerechnet das örtlich und zeitlich nahegelegene Turnier auf den Immenhöfen beachtliche Karriere gemacht hat. Und schließlich hat bislang das fünftägige Pferdesport-Spektakel im Schlosspark kaum jenen Charme und jene Aura eingebüßt, die ihm einst seine adeligen Gründer und Paten geimpft hatten. Donaueschingens größtes Ereignis im Jahreslauf hat im Kaleidoskop immerwährender Veränderung den aktuellen Zeitgeist-Test bestanden. Wieder einmal.

 

 

Was heute eine prächtige Galavorstellung internationalen Formats ist, hat am Christi-Himmelfahrtstag 1953 ganz unprätentiös und geradezu beiläufig begonnen: Damals hatten sich der 1959 verstorbene Chef der Donaueschinger Adelsfamilie, Prinz Max Egon, zusammen mit Mitgliedern des Schwenninger Reitvereins im Hotel Schützen zum geselligen Abschluss eines Vatertags-Ausritts eingefunden. Im Laufe des Abends kristallisierte die Idee: Man könnte doch ein Reitturnier organisieren. Der Fürst verfüge doch „über das Gelände und das Geld“, so der Gründungs-Impuls.

Gesagt, getan. 1956 fasste man unter der Schirmherrschaft von Joachim Fürst zu Fürstenberg die Pläne in eine formelle Quelle, begründete per Versammlung im Hotel Schützen die Veranstalter-Gemeinschaft. Mit dabei neben dem Fürsten: Schützenwirt Ebeb Buri, Donaueschingens Bürgermeister Robert Schrempp, Landrat Robert

Von verpatzten Sprüngen bleibt auch ein Hugo Simon nicht verschont, der hier 1986 eine Mauer einreißt. Unten: Früher befand sich der Dressurplatz beim Schloss.

Das CHI – Wie alles begann…

Lienhart und eine Reihe Schwenninger Vereinsmitglieder, von denen mit Ottmar Jäckle der letzte noch lebende 2018 starb.

In Regie etlicher aus Schwenningen kommenden Turnierleitern wuchs unter dem Dach des Veranstalter-Trios Verein, Stadt Donaueschingen und Fürstenhaus ein Projekt heran, das sich immer mehr aus dem ehrenamtlichen, ländlichen Rahmen häuten musste, um funktionsfähig zu bleiben. Hatten sich bis in die 1980er-Jahre hinein Vereine etwa an der Gastronomie und anderen geschäftlichen Quellen genährt, so verdrängten sie professionelle Anbieter mehr und mehr.

Die geschäftliche Beziehung und Interaktion zwischen dem Turnier und der städtischen und regionalen Wirtschaft ist dennoch enorm gewachsen. Kaum eine Branche, die heute nicht vom Reitturnier profitiert. Und nichts sonst trägt den Namen der Stadt so ausdrücklich und nachhaltig in die Welt hinaus wie diese Sportveranstaltung.

Prominente Besucher hatte das Donaueschinger Reitturnier schon immer. Das Foto oben zeigt Hans Joachim Fürst zu Fürstenberg mit Gunter Sachs (rechts) und unten mit Prinzessin Anne von England. Rechts Oberbürgermeister Everke.

Rechts: Blick ins Reitstadion der 1970er-Jahre mit der alten Tribüne im Hintergrund.

Links: Beim Jagdspringen mussten die Pferde 1974 auch über einen Leiterwagen springen.

 


Auf einer Skala ist das Internationale Reitturnier von Donaueschingen einzigartig in Deutschland, womöglich gar in ganz Europa oder rund um den Globus: Nirgendwo sonst satteln Pferdesportler in den fünf Disziplinen Springen, Gespannfahren, Dressur, Vielseitigkeit und Polo zu den Prüfungen.

1954 als ländliches Turnier auf den Fürsten-bergischen Viehweiden gegründet und besucht von Teilnehmern aus Baden-Württemberg, der Schweiz und Frankreich, hatte man 1965 den Sprung auf die Bühne der internationalen Turnier geschafft, wurde zum CHI, also zum „Concours Hippique International“. 1976 addierten sich die Gespannfahrer als dritte Sportart zu den Spring- und Dressurreitern. Parade-Disziplin war jedoch das Springen, für die 1979 auf den Parkwiesen eine mächtige Tribüne für 2.400 Zuschauer errichtet wurde.

Liebling vieler Besucher wurde auch das Gespannfahren, bei dessen Geländefahrt am Turniersamstag die Kutschen durch verwirrende Hindernisse häkeln müssen oder die Gespanne spektakulär durch die Brigach waten.

Weniger Dynamik und Rasanz bieten die Dressurreiter, dafür aber sind sie stilistisch eine Augenweide. Hatte das Geviert lange seinen Platz vor dem Schloss und wurde dieses Position zum attraktiven Fotomotiv, so nahm man die Dressur Anfang der 2000er-Jahre aus dem Programm; das „Kosten-Nutzen-Verhältnis“ dieser damals dritten Disziplin erschien den Veranstaltern ungünstig.

Doch nach 2007 dachte der neue Turnierchef Kaspar Funke über ein Comeback der Frackreiter nach, holte sie wieder ins Programm und baute für Isabell Werth & Co. gar am anderen Ufer der Brigach ein eigenes „Stadion“, zu dem jedes Jahr das Technische Hilfswerk eine Holzbrücke schlägt.

2017 kam schließlich die vierte Disziplin hinzu. Wissend um den Reiz der „Vielseitigkeit“, deren Reiter gewissermaßen im „Mehrkampf“ Geländeritte, Dressur und Springen bewältigen müssen, hat Turnierchef Kaspar Funke das Programm um eine solche Prüfung angereichert. Beim Publikum kommen die in den Springparcours gebauten Naturhindernisse ausgespro-

Vor großem Publikum sind in Donaueschingen stets auch die Gespannfahrer unterwegs.

Das CHI-Donaueschingen: Ein Turnier, fünf Disziplinen

chen gut an. Und bescheren dem Turnier mit dem weltbesten Vielseitigkeitsreiter Michael Jung einen aktuellen Star mit Heimatadresse ganz in der Nachbarschaft.

„Die Vielseitigkeit wird auch in Zukunft im Programm bleiben“ kündigt Escon-Geschäftsführer Niklas Droste an. Anders dagegen das Polospiel auf dem allzeit sauber rasierten Spielfeld zwischen dem Reitturnier-Areal und dem Autobahnzubringer. Das Erbprinzenpaar zu Fürstenberg, Christian und Jeannette, haben sich schon vor etlichen Jahren diesem rasanten und in Deutschland seltenen Pferdesport zugewandt und nutzten bis 2017 mehrere Jahre das Internationale Reitturnier als Rahmen für eine Polo-Konkurrenz. Beide Seiten profitierten von der Addition.

Doch seit 2018 reiten die Polo-Spieler während der Turnier-Tage nicht mehr mit. Ob dies nur eine Aus-Zeit ist oder das endgültige Nein zu einer Mitwirkung, darüber gibt es aus dem Adelshaus keine verbindliche Nachricht.

 

 

Almanach-Magazin Notizen aus dem Landkreis

Sensationeller Erfolg:

Dominik Koepfer im Achtelfinale der US-Open

„Das war eine fantastische Erfahrung heute. Ich habe noch nie vor so vielen Leuten gespielt, die meinen Namen gerufen haben“, freute sich Dominik Koepfer aus Furtwangen nach dem Match. Er bezog sich damit auf den bislang größten Erfolg seiner Karriere als Profi-Tennisspieler, den Einzug ins Achtelfinale bei den US-Open in Flushing Meadows in New York, wo er am 2. September 2019 in vier Sätzen erst Daniil Medwedew unterlag, dem fünften der Tennis-Weltrangliste und späteren Finalisten. Dieser zeigte sich von der sensationellen Leistung des 25-jährigen Furtwangers beeindruckt: „Mach nur so weiter, dann wirst du ein unglaublicher Spieler“, sagte ihm Medwedew beim abschließenden Handschlag.

Der Einzug ins Achtelfinale beim vierten Grand-Slam-Turnier im Tennisjahr katapultierte Dominik Koepfer auf den 85. Rang der Weltrangliste. Der Furtwanger hatte im Sommer 2019 schon in Wimbledon auf sich aufmerksam gemacht, wo er als Qualifikant wie bei den US-Open in die Hauptrunde einzog und in der zweiten Runde ausschied. Koepfer hatte eine Wildcard für Wimbledon erhalten, da er im Juni 2019 seinen bisher größten Erfolg feierte: Er konnte das Challenger-Turnier von Ilkley im Finale gegen Dennis Novak in drei Sätzen gewinnen.

Spieler beim TC BW Villingen

Als Kind und Jugendlicher spielte Dominik Koepfer 12 Jahre lang Mannschaftstennis im TC BW Villingen. Nach seinem Abitur im Jahr 2012 am Otto-Hahn-Gymnasium Furtwangen wechselte er an die Tulane University in New Orleans, an der er College-Tennis spielte. Der dortige Coach Mark Booras hatte von einem Freund einen Tipp bekommen, war eigens nach Deutschland geflogen und sofort überzeugt vom Talent des Abiturienten – holte ihn in sein Team. Der echte Fighter verdiente sich alsbald den Spitznamen „Pitbull“, weil er nie aufgibt. Koepfer ist im Tennis das, was man beim Fußball als „Wadenbeißer“ bezeichnet: Ein Spieler, der Druck ausübt und Hartnäckigkeit zeigt. Der Erfolg blieb nicht aus: 2015 wurde Dominik Koepfer im Einzel Hallenmeister bei den US-amerikanischen College-Meisterschaften.

Der großartige Erfolg bei den US-Open veränderte die Tennis-Karriere des Furtwangers schlagartig. Er rückte in den Fokus der Sport-Weltpresse und wurde zudem ins deutsche Davis-Cup-Team berufen. Mit ausschlaggebend für diese Berufung war die Tennislegende Boris Becker. Der Männer-Chef im Deutschen Tennis Bund (DTB) lobte den Furtwanger in den höchsten Tönen.

Dominik Koepfer

Tennis war für Dominik Koepfer lange einfach nur ein Hobby. Das änderte sich erst, als er 2010 wie aus dem Nichts Deutscher U16-Jugend-Vizemeister wurde. Er intensivierte sein Training und bewies auf dem Tennisplatz großartige Qualitäten.

Ein wenig staunend geht er immer noch durch seine neue Tenniswelt: „Es ist nicht normal, dass ich in einer Players Lounge Roger Federer oder Rafael Nadal begegne. Ich habe eine Chance bekommen, oben dabei zu sein, und die will ich auch nutzen.“ Auf die Zukunft darf man gespannt sein – ein Furtwanger im Tennis-Rampenlicht.

 

 

Bürgermeister von Bad Dürrheim:

Jonathan Berggötz siegt im ersten Wahlgang

Der neue Bürgermeister von Bad Dürrheim heißt seit 1. Juli 2019 Jonathan Berggötz, der bereits im ersten Wahlgang 63,73 Prozent der Stimmen erreichte. Damit war der frühere Leiter für Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Tourismus und Citymanagement bei der Großen

Bürgermeister von Tuningen:

Ralf Pahlow erhält 91 Prozent der Stimmen

Ralf Pahlow ist seit dem 1. Mai 2019 der neue Bürgermeister von Tuningen. Er tritt damit die Nachfolge von Jürgen Roth an, der im Oktober 2018 zum Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen gewählt worden war.

Bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent entfielen auf Ralf Pahlow 91 Prozent der Stimmen. Der 50-Jährige ist in Tuningen aufgewachsen und war der einzige Kandidat bei der Kreisstadt Rastatt klarer Wahlsieger. Die Wahlbeteiligung lag bei 50,92 Prozent. Der 32-jährige Jonathan Berggötz folgt Walter Klumpp nach, der 16 Jahre lang Bürgermeister von Bad Dürrheim war und nicht mehr kandidierte. Berggötz ist in Bad Dürrheim aufgewachsen und fungiert auch als SWR-Rundfunkrat.

Jonathan Berggötz

Ralf Pahlow

Wahl. Der Diplom-Verwaltungswirt wirkte seit 2012 als Leiter des Straßenverkehrsamtes beim Schwarzwald-Baar-Kreis.

Bei Bauarbeiten:

Reste des Klosters St. Georgen entdeckt

Das 1094 gegründete Benediktinerkloster St. Georgen im Schwarzwald gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Klöstern in Südwestdeutschland. Nach seiner Zerstörung im Jahr 1633 und dem späteren Abbruch der Baureste, ist vom Kloster seit langem nichts mehr sichtbar. Bei den Grabarbeiten um die Robert-Gerwig-Schule wurden nun Reste des ehemaligen Benediktinerklosters St. Georgen entdeckt.

Das Landesdenkmalamt betont in einer Pressemitteilung: „Bereits bei den ersten Bodeneingriffen kam unmittelbar unter der Asphaltdecke des Schulhofes ein gut erhaltenes gotisches Fenstergewände aus dem frühen 16. Jahrhundert und damit dem letzten Nutzungszeitraum als Kloster zutage. Bald folgten auch mächtige Fundament-mauern, die mithilfe digitaler Technik erfasst, und in einen Gesamtplan übertragen wurden. Die Mauerstrukturen fügen sich in den bei der Ausgrabung 1958/59 dokumentierten Baukörper ein. Die Fundamente sind der Südwand der Klosterkirche und dem daran anschließenden Kreuzgang zuzuordnen.“

Die Reste der Baustrukturen waren nur für kurze Zeit sichtbar, da die Gräben wieder verfüllt werden mussten.

 

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ISBN: 978-3-948461-01-0


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2Impressum
8Digitalisierung und Klimawandel – die Themen unserer Zeit
Sven Hinterseh

1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen

10Auf dem Weg in die Zukunft – Der Schwarzwald-Baar-Kreis im Wandel
Sven Hinterseh
17Dank an engagierte Kreisräte des Schwarzwald-Baar-Kreises – Neuer Kreisrat
24Horst Siedle – Nachruf: Zuhause in der Welt, im Schwarzwald verwurzelt
30Nach fast 120 Jahren beginnt auf der Höllentalbahn eine neue Ära
Bernward Janzing
42Erwin Teufel zum 80. Geburtstag
Dieter Wacker
48Trinkwasser – Lebenswichtig, hochwertig + regional
Carla André und Michael Koch
64Digitaler Wandel: Segen oder Fluch
Roland Sprich
24Smart Home – Intelligentes Zuhause
Nathalie Göbel
74Mit der App voll im Bilde
Nathalie Göbel

2. Kapitel / Städte und Gemeinden

78Der neue Zinzendorfplatz in Königsfeld
Matthias Donath

3. Kapitel / Die Alt-Villingerin

90Eine kurze Geschichte der Radhaube
92Im Portrait – Die „Alt-Villingerinnen“
Birgit Heinig

4. Kapitel / Wirtschaft

110EGT-Triberg – Nicht die Größe allein entscheidet über den Markterfolg
Bernward Janzing
120Granacher Präzisionstechnik – Mit einem Verschleißring fing alles an
Roland Sprich
126B+B Thermo-Technik – Donaueschinger Schmiede streckt weltweit ihre Fühler aus
Jens Fröhlich
134Wein-Riegger – Traditionsunternehmen mit großer Innovationskraft
Dieter Wacker

5. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar

142Gabor Richter
Marc Eich
150Sebastian Schnitzer
Wilfried Strohmeier
158Laskhana Sivakumar
Barbara Dickmann
158Sandra Heinichen
Daniela Schneider
170Christophe Herr
Susanne Kammerer
178Luisa Zerbo
Barbara Dickmann

6. Kapitel / Geschichte

184Hexenlochmühle – Die schönste Mühle des Schwarzwalds
Elke Schön
194Einzigartig in Europa – Antik-Uhrenbörse ein Gewinn für gesamte Region Furtwangen
Matthias Winter

7. Kapitel / Kultur

200Hüfinger Sommertheater – eine Leidenschaft, viele besondere Momente
Tanja Bury

8. Kapitel / Natur und Umwelt

218Die Netzwerker von der Möglingshöhe
Daniela Schneider
218Die kommunale Mosterei in Hubertshofen
Gabi Lendle

9. Kapitel / Freizeit

224WasserWeltenSteig – Ein neuer Wanderweg zwischen Gutach und Rhein
Thomas Bichler
240Tanzschulen Christian Seidel
Birgit Heinig

10. Kapitel / Gastlichkeit

244Der Öschberghof – Das Golf- und Konferenzhotel in Donaueschingen zwischen Schwarzwald, Schweiz und Bodensee
272Die Scheffellinde in Achdorf
Marc Eich
280Hotel Goldener Rabe
Elke Schön

11. Kapitel / Musik

288100 Jahre SABA und 50 Jahre MPS – Qualität aus dem Schwarzwald
Friedhelm Schulz
298Baaremer Luusbuäbä
Susanne Kammerer

12. Kapitel / Sport

304CHI Donaueschingen – Von großen Sprüngen und bedrohlichen Hindernissen
Wolfgang Losert

Anhang

315Almanach-Magazin
319Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge / Bildnachweis
320Ehrenliste der Freunde und Förderer
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Almanach 2017 https://almanach-sbk.de/almanach-2017/ Fri, 20 Dec 2019 12:51:08 +0000 https://almanach-sbk.de/almanach-2017/


He­raus­ge­ber: Land­rats­amt Schwarz­wald-Baar-Kreis www.schwarz­wald-baar-kreis.de ­land­rats­amt@schwarz­wald-baar-kreis.de Informationen zum Jahrbuch und seine Inhalte können auch im Internet recherchiert werden: www.almanach-sbk.de Re­dak­ti­on: ­Sven Hinterseh, Land­rat Wil­fried ­Dold, Re­dak­teur Kristina Diffring, Referentin des Landrats Heike Frank, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und Archiv Susanne Bucher, Leiterin Informationsund Kulturamt Stadt Hüfingen Clemens Joos, Kreis­ar­chi­var Nadja Seibert, Leiterin Stadtmarketing St. Georgen ­Für ­den In­halt ­der Bei­trä­ge ­sind ­die je­wei­li­gen Au­to­ren ver­ant­wort­lich. Nach­dru­cke ­und Ver­viel­fäl­ti­gun­gen je­der ­Art wer­den ­nur ­mit Ein­wil­li­gung ­der Re­dak­ti­on ­und un­ter An­ga­be ­der Fund­stel­le ge­stat­tet. Gestaltung: Wilfried Dold, dold.verlag Verlag: dold­.ver­lag, Vöh­ren­bach 2017 www.dold­ver­lag.de Druck: Todt Druck + Medien ­ GmbH + Co. KG Vil­lin­gen-Schwen­nin­gen ISBN: 978-3-927677-92-0 Rechte Seite: Beim Straßenmusiksonntag 2016 in Bräunlingen – Kleinkunst und Musik mitten in einer malerischen Altstadt. Hier vor der katholischen Stadtkirche. 2



Inhalt 4 Aus dem Kreisgeschehen Prägende Ereignisse: Von Breitband bis Lernfabrik Das Jahr 2016 war für den Schwarzwald-Baar-Kreis ein sehr ­ abwechslungsreiches und intensives Jahr. Selten gab es ein Jahr, in dem so viele unterschiedliche Veranstaltungen ­ durch­ geführt wurden. Vor allem in den Sommermonaten waren einige Highlights in unserem Veranstaltungskalender zu finden. Wir konnten Jubiläen feiern, neue Einrichtungen eröffnen und die ­ Bürgerinnen und Städte und Gemeinden Donaueschingen feiert Neugestaltung des Residenzbereiches 24 Mit dem großen DonauquellFest am 25. und 26. Juni 2016 hat Donau­ eschingen den Abschluss einer Baumaßnahme gefeiert, die landesweite Beachtung fand: Der ­ Residenzbereich der Baar-Stadt rund um die historische Donauquelle und den Kirchplatz St. Johann wurde in den vergangenen drei Jahren neu gestaltet. Die Sanierung ist rundum gelungen, das bestätigen Besucher aus aller Welt. Bürger über unsere vielseitigen Tätigkeits­felder informieren. Dazu gehört auch die Breitbandversorgung, das schnelle Internet für den gesamten Landkreis. Mit der Eröffnung des kreisweiten Glasfasernetzes für den Bereich Schonach im Juli 2016 wurde im Beisein von EU-Kommissar Günther Oettinger und Minister Thomas Strobl der Startschuss für eine kreisweite Offensive gegeben. 64


5 Inhalt Da leben wir Auf Besuch bei Kräuterbäuerin Veronika Ruf 76 Schmecke die Heimat… Kräuter aus dem Schwanenbach: Der Tee von ­ Veronika Ruf enthält ausschließlich wertvolle Blüten und ­ Blätter, die reich an Aromen und Wirkstoffen sind. ­ Liebevoll ­ geerntet, getrocknet und verarbeitet bleiben sie als Ganzblattware erhalten. Die ­ Kräuterbäuerin: „Den Unterschied kann man sehen, riechen und schmecken.“ Inhaltsverzeichnis 2 Impressum 8 Heimat gibt Sicherheit. Der Schwarzwald-Baar-Kreis – ein Ort der beides bietet! / Sven Hinterseh 1. Kapitel / Aus dem Kreisgeschehen 10 Von Breitband bis Lernfabrik – Zahlreiche Veranstaltungen, Jubiläen und Ereignisse prägen die Kreispolitik / Sven Hinterseh 24 Breitbandausbau: Die Welt – Eine Millisekunde entfernt / Katrin Merklinger 30 25 Jahre Amt für Abfallwirtschaft / Martin Fetscher 41 20-jährige Partner­ schaft mit dem Komitat Bács-Kiskun / Daniela Schneider 45 Integrierte Leitstelle mit modernster Technik / Marc Eich 50 Fürsorge und Betreuung im Palliativzentrum / Roland Sprich 58 Hospizarbeit im Schwarzwald-Baar-Kreis / Roland Sprich 2. Kapitel / Städte und Gemeinden 64 Donaueschingen feiert die Neugestaltung des Residenzbereiches / Heinz Bunse 3. Kapitel / Da leben wir – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar 76 Veronika Ruf / Elke Schön 90 Jochen Cabanis / Nils Fabisch 94 Tobias Fritzsche / Nathalie Göbel 100 Anja Teubert / Nathalie Göbel 106 Joachim Wöhrle / Dieter Wacker 112 Bianca Fattler / Christina Nack 120 Peter Lendle / Stephanie Jakober 4. Kapitel / 48. Breitengrad 126 Entlang einer unsichtbaren Linie / Bernward Janzing 5. Kapitel / Wirtschaft 148 Schwarzwaldhof in Blumberg: Schwarzwälder Schinken ist sein Aushängeprodukt / Bernhard Lutz 158 Bauunternehmung Hermann gefragter Partner bei Großprojekten / Matthias Winter 166 Wenn der Kuckuck ruft – Hubert Herr Kuckucksuhren aus Triberg / Barbara Dickmann 172 Wo „Aldi“-Waren im Discounter-Regal herkommen / Wolfgang Losert 6. Kapitel / Geschichte 180 Wenn Gräber Geschichte(n) erzählen / Daniela Schneider 198 Werner Breithaupt: Vom Dorf zur NASA / Dr. Joachim Sturm 3025 Jahre Amt für Abfallwirtschaft / Martin Fetscher 4120-jährige Partner­


6 Inhalt Schwerpunkt Getreidemühlen Auf den Spuren der letzten Getreidemühlen Geschichte Wenn Gräber Geschichte(n) erzählen Schwerpunkt 48. Breitengrad Entlang einer unsichtbaren Linie unterwegs 126 218 180 Früher gab es in jedem Bauern­ dorf mindestens eine Mühle, denn das Getreide wurde noch mit Pferdefuhrwerken transportiert und darum durften die Entfernung nicht allzu groß sein. Auch der SchwarzwaldBaar-Kreis war mit Mühlen gesäumt. Die meisten sind heute stillgelegt oder verschwunden, manche machten eine museale Karriere, so die Untere Mühle in Burgberg. Orte der Erinnerung gibt es viele im Schwarzwald-BaarKreis. Zu den bemerkens­ wertesten unter ihnen zählt ohne Zweifel der Alte Friedhof in Schwenningen. Hier, an diesem ruhigen Platz im Grünen, treffen Geschichte und Geschichten aufeinander. Auf dem Friedhof entdeckt man Spuren des alten Schwenningens, wird auch Uhrengeschichte lebendig. Er ist unsichtbar und dennoch da: In der Nähe des Steinbergs bei Furtwangen-­Neukirch erreicht der 48. Breitengrad den Schwarzwald-Baar-Kreis, geht nahe der Kalten Herberge vorbei, touchiert das Wintereck bei Urach, streift die Ruine Neufürstenberg in Hammer­ eisenbach und zieht durch Tannheim, ehe er hinter Öfingen den Landkreis wieder verlässt. Unsere Spurensuche erfolgt zu Fuß und auf dem Fahrrad. 126218


7 Inhalt Freizeit Die Kletterwelt des SchwarzwaldBaar-Kreises 202 Die Kaiserurkunde Ludwigs des Frommen / Clemens Regenbogen 210 Das Friedrichskrankenhaus in Villingen ist saniert / Andreas Flöß 7. Kapitel / Auf den Spuren der Getreidemühlen 218 Die Kutmühle in Villingen / Christina Nack 224 Die Götz-Mühle in Burgberg / Christina Nack 226 Die Untere Mühle in Königsfeld-Burgberg / Christina Nack 234 Die Mühllehen-Mühle in Buchenberg / Christina Nack 8. Kapitel / Kunstgeschichte 237 Wo Hüfinger Geschichte und Kunst lebendig bleiben / Hermann Sumser 240 Weggefährten / Ariane Faller-Budasz 9. Kapitel / Natur und Umwelt 246 Wolfssichtung auf der Baar / Wolf Hockenjos 254 Die Esche – Baumserie Teil 11 / Wolf Hockenjos 10. Kapitel / Freizeit 260 Illustre Reise in die Kletterwelt des SchwarzwaldBaar-Kreises / Martin Kramer 271 U(h)rwaldpfad Rohrhardsberg / Johannes von Stemm 274 Vom Lupfen, dem „König der Baar“ / Wolf Hockenjos 11. Kapitel / Sport 280 Skiclub Urach / Ramona Larzhal 288 Reiterfamilie Krieg / Christina Nack 12. Kapitel / Gastlichkeit 294 Treffpunkt der Alltagsheld*innen / Nadja Seibert 298 Ein Stückchen von der „Grünen Insel“ / Franziska Furtwängler 302 Gasthaus Wilhelmshöhe / Claudius Eberl 13. Kapitel / Musik 307 „Jazzkeller“ in Villingen / Friedhelm Schulz 14. Kapitel / Kunst und Kultur 310 Die „Kronenlichtspiele“ in Triberg / Barbara Dickmann Anhang 315 Almanach-Magazin 317 Bevölkerungsentwicklung im Schwarzwald-Baar-Kreis, Arbeitslosigkeit in Prozentzahlen, Orden und Ehrenzeichen 318 Bildnachweis 319 Die Autoren und Fotografen unserer Beiträge 320 Ehrenliste der Freunde und Förderer Klettern – geht das überhaupt im Schwarzwald-Baar-Kreis? Ja,natürlich! Und die Kletterer sind nicht nur an Felsen wie Heidenstein und Teufelsfelsen bei Triberg unterwegs. Wann begann das Klettern an unseren Felsen? Und wie betreiben die Kletterer ihren Sport heute? Der Beitrag eines erfahrenen Kletterers beleuchtet die überaus lebendige Szene von innen. 260


8 Zum Geleit Liebe Leserinnen und Leser, üblicherweise verbindet man mit dem Begriff Heimat den engeren Lebensbereich, also die Gemeinde, in der man geboren und aufgewachsen oder zu Hause ist, oder aber die Landschaft, in der man lebt – den Schwarzwald oder die Baar. Dass der Schwarzwald-Baar-Kreis nach der Kreisreform vor über 40 Jahren Heimat für viele wurde, ist vor allem ein Verdienst meiner beiden Vorgänger Dr. Rainer Gutknecht und Karl Heim. Sie haben den Almanach geboren und ihn ständig weiterentwickelt. So können wir nun bereits seit über 40 Jahren unseren Landkreis im Schwarzwald-Baar-Jahrbuch in ­ seiner vollen Schönheit, seiner reichen Geschichte und seiner vielfältigen Natur darstellen. Unser Schwarzwald-Baar-Jahrbuch trägt somit seit über 40 Jahren mit dazu bei, ein Kreisbewusstsein zu schaffen und den Menschen eine ­ emotionale Beziehung zum Schwarzwald-Baar-Kreis zu ermöglichen. Heimat gibt immer auch ein Stück Sicherheit. Ein hohes Gut, das in Zeiten fortschreitender Digitalisierung und einer sich immer schneller verändernden globalen Welt, mit ständig steigenden und sich wechselnden Anforderungen, sei es im beruflichen, aber auch im privaten Bereich, noch weiter an Bedeutung gewinnt. Sicherheit, die wir gut gebrauchen können in einer Welt, deren Konfliktpotenzial uns jeden Tag über die Medien verdeutlicht wird. Immer schneller werden Nachrichten über die verschiedenen Kanäle verbreitet – die Digitalisierung ist gegenwärtig der wichtigste Trend; in den Medien, den Unternehmen und auch im Privatleben. Die Arbeitswelt steckt (mal wieder) im Umbruch. Traditionsunternehmen, wie es sie auch zahlreich im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt, besitzen gewachsene Strukturen und Organisationseinheiten, mit denen sie bereits seit vielen Jahrzehnten bestehen. Für sie gilt es nun, bei den Herausforderungen der digitalisierten und vernetzten Industrie, Flexibilität, außergewöhnliche Ansätze und Innovationskraft zu zeigen. Hierbei wollen wir die ortsansässigen Unternehmen bestmöglich unterstützen, indem wir eine flächendeckende Breitbandversorgung schaffen und somit deren Wettbewerbsfähig­ keit sichern. Digitalisierung ist die große Herausforderung unserer Zeit und birgt auch ­ Risiken, sie bietet jedoch ebenso große Chancen. In diesen Zeiten des Umbruchs schenkt uns der überschaubare Bereich der engeren Heimat, in dem man die Menschen, die Gepflogenheiten, die wirtschaftlichen Gegebenheiten und die sozialen Normen kennt, eine gewisse Geborgenheit und somit auch Sicherheit. Der Schwarzwald-Baar-Kreis bietet neben seinen vielen anderen Vorzügen eine sichere Heimat, – auch ein Standortvorteil, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Auch im 41. Jahr des Bestehens unseres Schwarzwald-Baar-Jahrbuchs darf ich wieder den vielen treuen und großzügigen Förderern und Sponsoren sowie den zahlreichen fleißigen Autoren und Fotografen danken, mit deren ­ Hilfe es erneut gelungen ist, eine Publikation mit einem vielfältigen Themenspektrum zu einem fairen Preis herauszugeben. Ich würde mich freuen, wenn Ihnen auch die 41. Ausgabe eine anregende Lektüre bietet und der Almanach noch viele weitere lesefreudige Freunde findet. Ihr Sven Hinterseh Landrat Heimat gibt Sicherheit Der Schwarzwald-Baar-Kreis – ein Ort der beides bietet!


9 Inhalt Im Häs daheim: Kleine Alt-Villingerin – geborgen in der vertrauten Stadt.


­­­­­10 Von Breitband bis Lernfabrik Zahlreiche Veranstaltungen, Jubiläen und Ereignisse prägen die Kreispolitik von Landrat Sven Hinterseh Rolf Breisacher, Bürgermeister Gütenbach Jochen Cabanis, Zweckverbandsgeschäftsführer Robert Strumberger, Bürgermeister Vöhrenbach Martina Braun, Landtagsabgeordnete (Grüne) Karl Rombach, Landtagsabgeordneter (CDU) Thomas Strobl, stv. Ministerpräsident und Minister für Inneres Jürgen Roth, stv. Zweckverbandsvorsitzender und Bürgermeister Tuningen Christian Wörpel, Bürgermeister Schönwald Bernhard Kaiser, Bürgermeister Donaueschingen Felix Stiegeler, Netzbetreiber 2016 war für den Schwarzwald-Baar-Kreis ein sehr ­ abwechslungsreiches und ­ intensives Jahr. Vor allem in den Sommermonaten prägten gleich einige Highlights unseren Veranstaltungskalender: Wir konnten Jubiläen feiern, neue Einrichtungen eröffnen und über unsere vielseitigen Tätigkeits­ felder informieren. Sicher mit ­ herausragend: In Schonach wurde im Beisein von EU-Kommissar Günther Oettinger und Minister Thomas Strobl der zentrale Technikstandort (PoP) und das ­ örtliche Glasfasernetz im Rahmen der Breitband-Offensive des Landkreises in Betrieb ­genommen. ­­­­­10 Bernd Bichl, Stadt VillingenSchwenningen 1. Kapitel – Aus dem Kreisgeschehen


­­­­­11 XXX Günther Oettinger, EU-Kommissar für die Digitale Wirtschaft und Gesellschaft Sven Hinterseh, Landrat und Zweckverbandsvorsitzender Thorsten Frei, Bundestagsabgeordneter (CDU) Fritz Link, Bürgermeister Königsfeld Jörg Frey, Bürgermeister Schonach Markus Keller, Bürgermeister Blumberg Andreas Braun, Bürgermeister Unterkirnach Karl Heim, Landrat a. D. Inbetriebnahme des kreisweiten Glasfasernetzes für den Bereich Schonach, v. links: Stellvertretender Zweckverbandsvorsitzender Jürgen Roth, Minister Thomas Strobl, MdL Karl Rombach, Bürgermeister Jörg Frey, MdL Martina Braun, Zweckverbandsgeschäftsführer Jochen Cabanis, Landrat und Zweckverbandsvorsitzender Sven Hinterseh, EU-Kommissar Günther Oettinger, Netzbetreiber ­ Felix Stiegeler und MdB Thorsten Frei. Alexander Knobel, Firma Stiegeler Josef Herdner, Bürgermeister Furtwangen Rudolf Fluck, Bürgermeister Mönchweiler


Aus dem Kreisgeschehen ­­­­­12 20 Jahre Partnerschaft mit dem Komitat Bács-Kiskun Die Partnerschaft zwischen dem ungarischen Komitat Bács-Kiskun und dem SchwarzwaldBaar-Kreis feierte im Juni ihr 20-jähriges Jubiläum. Eine Delegation des Kreistages reiste aus diesem Anlass nach Ungarn. Bei der viertägigen Reise besuchte die Reisegruppe in Budapest das Parlament und konnte sich mit dem Parlamentsabgeordneten und dem ehemaligen Komitats­ präsidenten Gabor Banyai austauschen. In Kecskemét besuchten kleine Delega­ tionen parallel die Hochschule Kecskemét sowie die Feuerwehr. Der offizielle Festakt anlässlich der 20-jährigen Partnerschaft fand im Schloss Hajós statt. Genau 20 Jahre und neun Tage waren seither vergangen, als am 24. Mai 1996 der ehemalige Komitatspräsident, Dr. László Balogh gemeinsam mit Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht und Landrat a. D. Karl Heim im großen Sitzungssaal des Landratsamtes Schwarzwald-Baar-Kreis die Partnerschaftsurkunde feierlich unterzeichnet und somit die Freundschaft formell geschlossen haben. Ziel der partnerschaftlichen Beziehung zwischen dem Schwarzwald-Baar-Kreis und dem Komitat Bács-Kiskun ist es, „durch Vertiefung der Kontakte zwischen den Bürgerinnen und Bürgern sowie durch das tiefere gegenseitige Kennenlernen der beiden Kulturen und die Schaffung eines weitverzweigten Kontakt­ systems zum Ausbau eines einheitlichen, offenen und solidarischen Europas beizutragen.“ Aufgrund der zahlreichen gemeinsamen Aktivitäten ist dies bisher bestens erfüllt worden und in Zukunft werden wir auch genauso weiter verfahren und die Zusammenarbeit möglichst Aus Anlass des 20-jährigen Bestehens der Partnerschaft mit dem Komitat Bács-Kiskun reiste eine Delegation des Kreistages unter Leitung von Landrat Sven Hinterseh im Juni nach Ungarn. Das Foto entstand bei der ­ feier­ lichen Übergabe eines Kunstwerkes mit Motiven aus dem Landkreis. Eine Skulptur aus Ulmenholz von Zeljko Rusic aus Königsfeld überreichte der Landkreis dem Komitat ­ Bács-­ Kiskun aus Anlass des 20-jährigen Bestehens der Partnerschaft.


Von Breitband bis Lernfabrik noch mehr intensivieren. So ist seit Kurzem ein Kontakt zwischen der Behindertenschule in Baja und dem Schwarzwald-Baar-Kreis entstanden. Auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit im Brandund Katastrophenschutz und der Feuerwehren hat sich noch verstärkt. Tag der offenen Tür bei der neuen Straßenmeisterei in Hüfingen Anfang Juni wurde unsere neue Straßenmeisterei in Hüfingen offiziell eingeweiht. Dabei hatten die Bürgerinnen und Bürger bei einem Tag der offenen Tür die Gelegenheit, den Neubau, Fahrzeuge und Geräte zu besichtigen, oder sich über den Straßenbau und die Straßenunterhaltung zu informieren. Die neue Straßenmeisterei wurde bereits 2015 fertiggestellt und durch die Mitarbeiter nach 18-monatiger Bauzeit im September 2015 bezogen. Der neue Standort der Straßenmeisterei am Verkehrsknoten B 31/B 27 ist für die Einsätze ideal gelegen und bietet in einem kompakten Gebäude für Straßenmeister Achim Hall mit seinen 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ideale Arbeitsbedingungen. Arbeitsund Sozialräume, Werkstatt, Fahrzeughalle und ein Tierseuchenbekämpfungszentrum sind unter einem Dach vereint. Der selbstbewusst gestaltete Gebäudekomplex mit einer Abmessung von 62,5 auf 54 Meter wurde vom Ingenieurbüro IBS Schweizer aus Blumberg geplant und hat rund 5,2 Millionen Euro gekostet. Die Investition war ein richtiger Schritt, denn bisher war die Straßenmeisterei zur Miete in desolaten Landesgebäuden in Donaueschingen innerhalb eines Wohngebiets untergebracht. Mit dem modernisierten Bundesgehöft in Villingen, dem neuen Stützpunkt auf dem Neueck bei Furtwangen und der neuen Straßenmeisterei in Hüfingen ist die Straßenbauverwaltung jetzt bestens aufgestellt. Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht feiert seinen 85. Geburtstag Am 1. Juni feierte der erste Landrat des 1973 gegründeten Schwarzwald-Baar-Kreises, Dr. Rainer Gutknecht, seinen 85. Geburtstag. Aus diesem Anlass lud der Schwarzwald-Baar-Kreis zu einem Empfang in das Landratsamt ein. Dr. Gutknecht wurde in diesem Rahmen die Verdienstmedaille Starke Beachtung fand der Tag der offenen Tür bei der neuen Straßenmeisterei in Hüfingen. Hunderte von Besuchern informierten sich über den Neubau und die technischen Möglichkeiten bei ­ Straßenbau und Straßenunterhaltung.


­­­­­14 Aus dem Kreisgeschehen des Schwarzwald-Baar-Kreises in Gold für sein herausragendes Engagement für den Landkreis verliehen. Rund 90 geladene Gäste, darunter langjährige Wegbegleiter sowie Bürgermeister und Kreisräte, nutzten die Gelegenheit und gratulierten ihm persönlich. Der Bau des heutigen Landratsamtes in VS-Villingen, Am Hoptbühl 2, wurde durch Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht verwirklicht. Zudem hatte er einige Herausforderungen zu bewältigen, wie beispielsweise die Zusammenführung der Landratsämter Donaueschingen und Villingen zu einer Einheit. Der Schulbereich hatte für Landrat Dr. Rainer Gutknecht stets oberste Priorität. Viele der heute bestehenden Kreisschulen entstanden in den 1970erund 1980er-Jahren unter seiner Führung. Die Partnerschaft mit dem ungarischen Komitat Bács-Kiskun, die sich aus einem Schüleraustausch zwischen der Landesberufsschule und einer vergleichbaren Schule in Kecskemét in Ungarn entwickelte, wurde durch Dr. Rainer Gutknecht und dessen Nachfolger Landrat Karl Heim besiegelt. Zahlreiche Pionierleistungen Das Kreiskrankenhaus Donaueschingen ­ ent­ wickelte sich unter Landrat Dr. Rainer Oben: Geburtstags-Talk-Runde aus Anlass der Feierstunde im Großen Sitzungssaal des Landrats­ amtes, v. links: Erster Landesbeamter Joachim Gwinner, Alt-Kreisrat Rüdiger Schell (SPD), Moderator xxx xxxxx, Landrat a.D. Dr. Rainer Gutknecht und xxxxx xxxxxx. Rechts: Ein reich bebildertes Fotoalbum zu Stationen seiner Amtszeit überreichte der Schwarzwwald-Baar-Kreis dem Jubilar, v. links: Landrat Sven Hinterseh, Landrat a.D. Karl Heim, Landrat a.D. Dr. Rainer Gutknecht und Erster Landesbeamter Joachim Gwinner. Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht erhält von Landrat Sven Hinterseh die Goldene Verdienstmedaille des Schwarzwald-­Baar-Kreises verliehen.


­­­­­15 Von Breitband bis Lernfabrik ­ Gutknecht zu einer anerkannten Einrichtung. Zu­ dem baute er eine moderne Abfallwirtschaft auf, die am 1. Juli ebenfalls mit dem 25. Jubiläum des Amtes für Abfallwirtschaft gefeiert werden konnte. Die Abfallentsorgung ging in die Regie des Landkreises über, ein Abfallwirtschaftsamt wurde geschaffen und die beiden Deponien in Hüfingen (1975) und Tuningen (1978) eröffnet. Im Sozialbereich lag Dr. Rainer Gutknecht insbesondere die Familienund Jugendfürsorge am Herzen. Während der 23 Jahre als Landrat leistete er unter anderem Pionierarbeit, indem er die heutige Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche einrichtete. 1991 wurde das neue Landratsamtsgebäude „Am Hoptbühl 2“ am 8. November eröffnet, zwölf lange Jahre, nachdem die Grundsatzentscheidung gefallen war. Auch nach 25 Jahren hat das Gebäude nichts von seiner Offenheit, Wärme und Strahlkraft verloren, ganz im Gegenteil: Es ist nach wie vor zeitlos und modern. Wer sich für die Architektur des Landratsamtes interessiert, kann im Almanach 1993 mehr erfahren (abrufbar unter www.almanach-sbk.de). Gutknechts ganz großes Verdienst ist aber das „Zusammenschweißen“ der früher selbstständigen Kreise Villingen und Donaueschingen zu einer eigenständigen, neuen Einheit – dem Schwarzwald-Baar-Kreis. Ein augenscheinliches Merkmal für das Ringen um ein neues Kreisbewusstsein ist die Etablierung des Jahrbuches „Almanach“. Dr. Rainer Gutknecht rief im Jahr 1976 den Kreisalmanach ins Leben, der 1977 erstmals erschien und den wir mit dem Jahresband 2017 nunmehr in der 41. Ausgabe vorlegen können. Oben: Bei einer Gesprächsrunde mit Dr. Rainer Gutknecht und langjährigen Weggefährten erfuhren die Gäste so manche Anekdote aus der Amtszeit des ehemaligen Landrats. Von links: Erster Landesbeamter Joachim Gwinner, Dr. Rüdiger Schell, Moderator Professor Dr. Ralf Trautwein, Dr. Rainer Gutknecht und Professor Eberhard Trumpp. Rechts: Ein Fotoalbum zu Stationen seiner Amtszeit überreichte der Schwarzwald-Baar-Kreis. V. links: Landrat Sven Hinterseh, Landrat a. D. Karl Heim, Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht und Erster Landesbeamter Joachim Gwinner.


­­­­­16 Aus dem Kreisgeschehen Zweiter Blaulichttag voller Erfolg Im Schwarzwald-Baar-Kreis gibt es eine große Bandbreite ehrenamtlichen Engagements. In vielen Vereinen und Organisationen sind Ehrenamtliche tätig und tragen mit ihrer Arbeit mit dazu bei, dass unser Gemeinwesen gut funktioniert. Ehrenamtlich Tätige bilden eine wichtige Säule unserer Gesellschaft. Beim zweiten Blaulichttag in und um das Landratsamt war wieder zu sehen, was die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die in den unterschiedlichen Blaulichtorganisationen im Schwarzwald-Baar-Kreis tätig sind, das ganze Jahr über leisten. Acht Hilfsorganisationen präsentierten sich am 12. Juni beim Landratsamt in VS-Villingen. Das Motto lautete dieses Mal „Und Morgen mit Dir“ und stellte damit die Nachwuchsarbeit der Hilfsorganisationen in den Mittelpunkt. Am Blaulichttag beteiligten sich das Technische Hilfswerk, die Bergwacht, die Feuerwehren im Schwarzwald-Baar-Kreis, die DLRG, die Malteser, das Deutsche Rote Kreuz, die Bundeswehr sowie die Polizei. Insgesamt waren an diesem Tag zirka 150 Personen im Einsatz und konnten mehreren tausend Besuchern ihre Arbeit vorstellen. Uns war es wichtig, die Wertschätzung gegenüber unseren Hilfsorganisationen zu vermitteln, die zu einem Großteil durch das Ehrenamt getragen werden. Bereits im Nachgang zum erstmals 2013 durchgeführten Blaulichttag war deutlich geworden, dass es den Blaulichtorganisationen ein Anliegen war, ein Schaufenster für die Präsentation ihrer Tätigkeiten zu erhalten. Der Glasfaser-Landkreis nimmt den Betrieb auf Am 9. Juli ist mit Schonach die erste Gemeinde im Schwarzwald-Baar-Kreis an das interkommunale Glasfasernetz des Zweckverbands Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar angeschlossen worden. Für dieses große Ereignis ließen es sich EU-Kommissar Günther Oettinger und Baden-Württembergs stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister Thomas Strobl nicht nehmen, zu uns in den Schwarzwald-Baar-Kreis zu kommen. Beide hoben bei der Feierstunde in Schonach im Haus des Gastes hervor, welch herausragende Bedeutung das Glasfasernetz hat. Die neue digitale Infrastruktur ist eine wichtige Lebensader – die Inbetriebnahme des Glasfasernetzes ein großer Meilenstein für den Schwarzwald-Baar-Kreis. Sowohl für die Bürgerinnen und Bürger als auch für die Wirtschaft der Region. Sie ist durchaus vergleichbar mit Früh übt sich – beim Blaulichttag am 12. Juni beim Landratsamt demonstriert auch der Nachwuchs sein Können.


­­­­­17 Von Breitband bis Lernfabrik der Inbetriebnahme der Schwarzwaldbahn im 19. Jahrhundert oder der Autobahn A 81 in den 1970er-Jahren. Das Vorhalten dieser wichtigen Infrastruktur wird letztlich auch über die Zukunftsfähigkeit unseres Wohnund Arbeitsstandortes hier im Schwarzwald-Baar-Kreis mit­ entscheiden (siehe dazu auch S. 24). Gesundheitsamt in neuen Räumen Seit diesem Frühjahr sind das Gesundheitsamt sowie die Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) und der Frühförderverbund (IFF) in neuen Räumen untergebracht. In dem neu sanierten ehemaligen Krankenhaus der Stadt Villingen in der Herdstraße 4 in VS-Villingen finden die Ämter beste Arbeitsbedingungen vor (siehe dazu S. 210). Bei einem Tag der offenen Tür konnten sich Besucherinnen und Besucher am 10. Juli einen Eindruck von den neuen Räumen verschaffen. Zudem feierte die BEKJ ihr 40-jähriges Jubiläum. Die BEKJ ist im Schwarzwald-Baar-Kreis eine feste Institution. 1976 wurde sie nach einem Kreistagsbeschluss und durch das vorangegangene große Engagement von Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht in VS-Villingen offiziell in Betrieb genommen. Der Diplom-Psychologe Roland Stieber, Leiter der Einrichtung bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2007, startete mit zunächst drei weiteren Fachkräften und einer Verwaltungsfachkraft in der Herdstraße 7 in VS-Villingen. 1978 bereits wurden aufgrund der großen Nachfrage im gesamten Landkreis die beiden Außenstellen in Donaueschingen und Furtwangen eingerichtet mit jeweils zwei Fachkräften und einer Verwaltungskraft. Diese existieren in den gleichen Räumlichkeiten mit unverändertem Personalschlüssel auch heute noch und sind gut vernetzt aus dem Sozialraum nicht mehr wegzudenken. 2008 übernahm der langjährige Mitarbeiter der BEKJ, Diplom-­ Psychologe Friedhelm Chudziak die Leitung der Beratungsstelle. Er ging 2013 in den Ruhestand. Seit 2014 ist Diplom-Psychologin Gertrud Moser die neue Leiterin der BEKJ. Die Gesamteinrichtung betreut jährlich weit mehr als 1.000 Familien aus dem gesamten Schwarzwald-Baar-Kreis. Zusammen mit den Beratungsangeboten der freien und kirchlichen Träger, mit denen eine enge Kooperation besteht, gibt es eine breit gefächerte Wahlfreiheit für alle Familien, die im Landkreis Beratung suchen. Alt-Kreisrat Lukas Duffner bei der Inbetriebnahme des Glasfasernetzes in Schonach im Gespräch mit EU-Kommissar Günther Oettinger. Tag der offenen Tür beim Gesundheitsamt sowie der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ).


­­­­­18 Aus dem Kreisgeschehen 40 Jahre Christy-Brown-Schule Die Christy-Brown-Schule feierte am 14. Juli an einem besonderen Ort – in einem Zirkuszelt – ihren 40. Geburtstag. Das Lehrerteam um Schulleiterin Marianne Winkler organisierte eine Jubiläumsfeier, die vor allem die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt stellte. Wie kleine Kinder einmal groß werden, so hat auch die Christy-Brown-Schule einmal klein angefangen. 1976 begann mit 17 Schülerinnen und Schülern der Unterricht in den Räumen der kreiseigenen Berufsschule in der Bahnhofstraße 27 in St. Georgen. Die Einrichtung wurde durch den Einsatz von Landrat i. R. Dr. Rainer Gutknecht möglich, der durch die Gründung einer Schule für Körperbehinderte das Sonderschulangebot im Schwarzwald-Baar-Kreis vervollständigen wollte. Später beschlossen der Landkreis Rottweil und der Schwarzwald-BaarKreis, dass es an der Zeit sei, einen Neubau zu errichten, der schließlich im September 1985 offiziell eingeweiht werden konnte. Beim Erweiterungsbau, der im März 1993 eingeweiht wurde, war der Landkreis Tuttlingen mit im Boot. Ab 1993 gehörten das Therapiebad und die Turnhalle zum Standard. Und weil es immer noch mehr Schüler wurden, gab es vier Jahre später, im Oktober 1997, eine weitere Feier, bei der acht Klassenzimmer und weitere Therapieund Differenzierungsräume eingeweiht wurden. Beachtlich war bei der Jubiläumsfeier, was die Christy-Brown-Schüler im Rahmen des Schul­ festes mit ihrer Zirkusvorstellung zeigen konnten. Eine Woche lang bereiteten sie sich mit Artistik, Akrobatik, Clownerie und Zauberei auf ihren großen Auftritt in der Manege vor und begeisterten das Publikum (weitere Infos zur Christy-Brown-Schule gibt es im Almanach 2012 oder unter www.almanach-sbk.de). Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur ein wichtiges Zukunftsthema Es sind aber nicht nur die zahlreichen Veranstaltungen, die das Jahr 2016 prägten. Vor allem beschäftigten wir uns auch mit wichtigen Zukunftsthemen wie beispielweise der Verbesserung unserer Verkehrsinfrastruktur. Bei der Fortschreibung des Bundesverkehrswegeplans galt es unbedingt die Maßnahmen des Lückenschlusses der B 523/B 33 zwischen VS-Villingen und Mönchweiler sowie die Ortsumfahrungen B 27 Blumberg-Zollhaus und Blumberg-Randen in den sogenannten vordringlichen Bedarf zu bringen, um eine Realisierungschance in den nächsten Jahren zu erhalten. Neben der bereits in Bau befindlichen Ortsumfahrung Behla und des vierstreifigen Ausbaus der B 27 zwischen Donaueschingen-Mitte und Hüfingen-Wasserturm sind der Lückenschluss der B 523/B 33 zwischen Mönchweiler und dem Industriegebiet Herdenen sowie die beiden Ortsumfahrungen Blumberg-Zollhaus und Blumberg-Randen wichtige Straßenbauprojekte, die zeitnah umgesetzt werden müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie im Landkreis erhalten zu können. Weiter setzten wir uns für die Aufnahme des Ausbaus der Gäubahn in den Bundesverkehrswegeplan ein, um in der längerfristigen Perspektive dann endlich bessere Schienenverbindungen aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis nach Stuttgart zu erhalten. Die Glückwünsche des Schulträgers zum 40-jährigen Jubiläum der Christy-Brown-Schule überbrachte Landrat Sven Hinterseh. Schulleiterin Marianne Winkler freute sich über einen Blumengruß. Lehrer und Schüler überraschten die Jubiläumsgäste mit einem bunt gemixten, großartigen Zirkusprogramm. Das Zelt dazu hatten die Eltern, Lehrer und Schüler gemeinsam aufgebaut.


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­­­­­20 Aus dem Kreisgeschehen Die Elektrifizierung der östlichen Höllentalbahn zwischen Neustadt und Donaueschingen sowie den avisierten Fahrplanwechsel mit dann elektrischen Zügen und umsteigefreien stündlichen Verbindungen zwischen VS-Villingen und Freiburg ab Dezember 2019 verfolgen wir ebenfalls mit Hochdruck. Flüchtlinge integrieren – Info-Comic zu „Ankommen in Deutschland“ Auch die Integration der Flüchtlinge beschäftigt das Landratsamt weiterhin. Die Aufgabenstellungen äußern sich heute jedoch in anderer Form als noch vor wenigen Monaten. Während wir in den vergangenen Monaten stets mit der Herausforderung der Unterbringung von Flüchtlingen zu tun hatten, sind wir nun einen Schritt weiter und befassen uns mit der Frage, wie wir die flüchtenden Menschen, die aus anderen Kulturkreisen stammen bei uns integrieren können. Der Schwarzwald-Baar-Kreis hat hierzu verschiedene Ansätze, um darauf eine Antwort geben zu können. Beispielsweise wurde ein Integrationsbeauftragter eingestellt, dessen Aufgabe es unter anderem ist, vor allem die zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer zu koordinieren sowie Informationen, Helfer und Anlaufstellen sinnvoll miteinander zu vernetzen. Zudem hat das Landratsamt SchwarzwaldBaar-Kreis gemeinsam mit dem Berliner Grafikerpaar Heike Reinsch und Titus Ackermann einen Info-Comic mit dem Titel „Ankommen in Deutschland – Informationen für Flüchtlinge“ erstellt. Die Broschüre wird für Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften bereitgehalten und findet bei anderen Landkreisen und Regierungspräsidien regen Anklang. Mit dem Info-­ Comic beschreitet der Schwarzwald-Baar-Kreis einen neuen Weg, um mit neu ankommenden Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen, welche Werte und Regeln in Deutschland wichtig sind. Die Publikation wurde in Zusammenarbeit mit den Sozialbetreuern, die täglich in Kontakt mit Flüchtlingen sind, den Heimleitern und der Verwaltung gemeinsam mit dem Illustrator Titus Ackermann und der Gestalterin Heike Reinsch erarbeitet. Dabei gab es insgesamt drei Feedbackschlaufen mit insgesamt rund Der erste Spatenstich zum Ausbau der Bundesstraße 27 und der Umfahrung des Hüfinger Ortsteils Behla erfolgte am 14. Juni 2016. An den Schaufeln MdL Martina Braun (von links), Landrat Sven Hinterseh, MdB Thorsten Frei, Parlamentarischer Staats­ sekretär Norbert Barthle, Verkehrsminister Winfried ­ Hermann, Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer, der ehemalige Bürgermeister Hüfingens Anton Knapp, MdL Lars Patrick Berg und Behlas Ortsvorsteher Uwe Schnekenburger.


­­­­­21 Von Breitband bis Lernfabrik 30 Flüchtlingen aus den Gemeinschaftsunterkünften im Schwarzwald-Baar-Kreis, denen die Publikation zur Prüfung vorgelegt wurde. Unter ihnen waren Iraker, Syrer, Pakistaner, Eritreer und Palästinenser. Weitere Rückmeldungen konnte Titus Ackermann von seinen Zeichnerkollegen aus dem Libanon, Ägypten und Algerien einholen, die er bei mehreren Reisen in diese Länder persönlich kennengelernt hatte. Durch die gemeinsame Arbeit an dem Comic ist ein Mehrwehrt für alle entstanden, denn auf 39 Seiten wurden die wichtigsten Themen, in leicht verständlicher Bildsprache konzentriert. Erreicht werden sollen damit alle Flüchtlinge, insbesondere aber diejenigen, die nicht die gängigen Sprachen lesen können oder sogar Analphabeten sind. Die Texte sind sowohl auf Deutsch, Englisch, Farsi (Persisch) und Arabisch zu lesen. EU-Förderprogramm Interreg bringt Demografiestrategie voran 2013 hat der Kreistag nach einem über eineinhalbjährigen Prozess die Demografiestrategie für den Schwarzwald-Baar-Kreis mit zahlreichen Maßnahmen beschlossen. Damit reagierte der Landkreis auf die demografische Entwicklung, auf die älter werdende Gesellschaft und rückläufigen Einwohnerzahlen. Eine gute Grundlage, um die Demografiestrategie weiter voranzubringen, besteht nun aktuell in der Beteiligung des Schwarzwald-­ Baar-Kreises an der Initiative Demografienetzwerk im Rahmen des EU-Förderprogramms Interreg. Ziel der Initiative ist es, im Austausch untereinander und grenzüberschreitend den demografischen Wandel aktiv zu gestalten. Daran sind neben dem Landkreis die Gemeinden Königsfeld und Tuningen, die Stadt Singen und der Kanton Schaffhausen, mit dem der Schwarzwald-Baar-Kreis, insbesondere im Bildungsbereich, eine langjährige Freundschaft pflegt, beteiligt. Interreg ist ein Regionalprogramm der Europäischen Union (EU) zur Förderung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Mit dem Projekt „Demografie-Netzwerk“ sollen im Rahmen von Interreg V geeignete Gemeinden und Landkreise vernetzt werden. Das Ziel ist, in die Lage versetzt zu werden, um im Austausch untereinander und grenzüberschreitend die kommenden Realitäten aktiv zu gestalten. Auf 39 Seiten hat das Landratsamt gemeinsam mit den Berliner Grafikern Heike Reinsch und Titus Ackermann als Comic dargestellt, was Flüchtlinge über Werte und ­ Regeln in Deutschland unbedingt wissen sollten. Über diese Initiative berichtete auch ein Fernsehteam.


­­­­­22 Aus dem Kreisgeschehen Entsprechende Vorhaben von teilnehmenden Partnern sollen, gemeinsam mit Bürgerinnen und Bürgern und angepassten Strategieprozessen, initiiert und umgesetzt werden. Das Projekt ermöglicht es, von den Besten zu lernen, Erfahrungen auszutauschen, zu diskutieren und gewonnene Erkenntnisse auch für andere nutzbar zu machen. Mit Unterstützung des Beratungsbüros translake, das auch bereits bei der Erarbeitung der Demografiestrategie des Landkreises für uns tätig war, wurde ein Antrag gestellt und für die Laufzeit von Februar 2015 bis Dezember 2018 bewilligt. Schwerpunkt des Vorhabens ist, dass sich die Partner zu konkreten Umsetzungen austauschen, wobei die Verwirklichungen vor Ort – was als „Reallabore“ bezeichnet wird mit dem Ziel einer langfristigen Wirkung im Mittelpunkt stehen sollen. Der Schwarzwald-Baar-Kreis beteiligt sich nicht nur mit seinem Wissen aus der Erarbeitung der Demografiestrategie und deren Weiterentwicklung, sondern mit vier Reallaboren bzw. Einzelprojekten. Dies sind zum einen die Erstellung einer Strukturstudie zur Landund Forstwirtschaft, die Erstellung einer Tourismuskonzeption, die Weiterentwicklung unserer Wissenswerkstatt sowie Seminare für Ortsvorsteher und Bürgermeister zum demografischen Wandel und seiner Herausforderung. Freundschaftspflege mit dem Kanton Schaffhausen Einen Austausch, wie ihn die Interreg Initiative „Demografie-Netzwerk“ vorsieht, hat der Schwarzwald-Baar-Kreis in diesem Jahr mit dem Besuch einer Delegation des Schwarzwald-Baar-Kreises im Kanton Schaffhausen im Rahmen des traditionellen Freundschaftstreffens geführt. Empfangen wurde die Abordnung, bestehend aus Vertretern aller Kreistagsfraktionen, des Staatlichen Schulamtes Donaueschingen sowie des Landratsamtes von Regierungsrat Christian Amsler, Vorsteher des Erziehungsdepartements des Kantons Schaffhausen. Vonseiten des Kantons Schaffhausen nahmen Dienststellenleitende und Rektoren des Erziehungsdepartements sowie die Leiterin der Koordinationsstelle für Außenbeziehungen teil. Die Freundschaftstreffen zwischen den beiden Nachbarn finden jedes Jahr – abwechslungsweise in der Schweiz und in Deutschland – statt. Sehr von Interesse war für unsere Delegation aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis die Besichtigung des „Go tec! Labors“ in Neuhausen am Rheinfall, welches von der Industrieund Wirtschaftsvereinigung Schaffhausen (IVS) mit der Intention betrieben wird, dem Fachkräftemangel im technischen Bereich entgegenzuwirken. Seit 2013 gibt es das Go tec! Labor, mit dem Landrat Sven Hinterseh und Regierungsrat Christian Amsler mit Vertretern der Kreistagsfraktionen und des Kantons Schaffhausen sowie den Kindern im Go tec! Labor in Schaffhausen.


­­­­­23 Ziel, bei Kindern und Jugendlichen vermehrt das Interesse an Technik zu wecken und ihnen und ihren Eltern die Vielfalt an Berufseinstiegsmöglichkeiten aufzuzeigen. Investition in hochmoderne Lernfabrik An der Gewerbeschule in Villingen-Schwenningen können Schüler jetzt die Verbindung von Produktionsund Informationstechnologien ganz praktisch erlernen. Als einzige Schule ohne Schulverbund in Baden-Württemberg erhielt die Gewerbeschule Villingen-Schwenningen für die Einrichtung einer Lernfabrik 4.0 am Standort VS-Schwenningen den maximalen Förderbetrag in Höhe von 500 .000 Euro durch das Land Baden-Württemberg. Der Einsatz der Gewerbeschule Villingen-Schwenningen und des Landratsamtes sowie die Unterstützung der regionalen Wirtschaft haben sich gelohnt. Insgesamt wurden im Jahr 2016 über 1,1 Millionen Euro in die Gewerbeschule investiert, um die Schule fit für das Thema Industrie 4.0 zu machen. Zu den 500. 000 Euro vom Land kamen weitere 525 .000 Euro aus unserem Kreishaushalt und 100. 000 Euro aus der regionalen Wirtschaft. Die Lernfabrik an der Gewerbeschule ist für die Ausbildung und Lehre in Elektrotechnik, Mechatronik sowie Automatisierungstechnik eingerichtet. Es wurden Elektrolabore aufgebaut und Schulungsräume geschaffen, um dadurch modellhafte Projekte auch gemeinsam mit der regionalen Wirtschaft umsetzen zu können. Ein wichtiges Projekt, um auch in der Schullandschaft konkurrenzfähig zu bleiben und so potenzielle Fachkräfte in der Region zu halten. Auch wenn es nicht möglich war, mit der Staatlichen Feintechnikschule in VS-Schwenningen eine zweite Schule in dieses Förderprogramm zu bekommen, so haben die Schule und der Landkreis doch mit der Wirtschaft die Voraussetzungen dafür geschaffen, um eine Lern­ fabrik Industrie 4.0 einzurichten. Damit trägt der Schwarzwald-Baar-Kreis als zuständiger Schulträger Verantwortung, um ­ Schüler­ innen und Schülern die Voraussetzungen zu schaffen, mit dieser Technologie zu arbeiten und ausgebildet zu werden. Wesentlich haben zum Gelingen der Einrichtung der Lernfabrik die gute Zusammenarbeit und Kooperation mit der Wirtschaft sowie das große Engagement der Schulleitung und Fachlehrer beigetragen. Am 24. Juli wurde an der Staatlichen Feintechnikschule in VS-Schwenningen der Entwicklungsstand der neuen „Lernfabrik Industrie 4.0“ vorgestellt. Zu den vielen interessierten Besuchern gehörte auch Landrat Sven Hinterseh. Projektleitern Frank Storz (2. v. r.), Jürgen Kubas (5. v. r) und Schulleiter Thomas Ettwein (4. v. r.) informierten über die ersten Industrie-Komponenten.


­­­­­24 Aus dem Kreisgeschehen Die Welt – Eine Millisekunde entfernt Der Schwarzwald-Baar-Kreis und das Projekt dieses Jahrzehntes: der Breitbandausbau von Katrin Merklinger Die Welt des Internets ist nur einen Mausklick entfernt – so scheint es jedenfalls. Wenn es aber nach diesem Mausklick bis zu einer Minute dauert, bis sich überhaupt die Seite ­ einer großen Internet-Suchmaschine öffnet, dann rückt diese Welt doch wieder in unerreichbare Ferne. Was für die privaten Nutzer ein unangenehmes Übel darstellt, ist für Industrieund Gewerbebetriebe sowie Berufstätige, die von zu Hause ­ arbeiten, eine existenzielle Bedrohung – auch hier im Schwarzwald-Baar-Kreis.


­­­­­25 ­­­­­25 Breitbandausbau Netzbetreiber Felix Stiegeler (rechts) erläutert Landrat Sven Hinterseh, EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft Günther Oettinger und Innenminister Thomas Strobl die Funk­ tionsweise des zentralen Technikstandortes (PoP) von Schonach. Anlass war die Inbetriebnahme des ersten Abschnittes der Breitbandversorgung im Schwarzwald-Baar-Kreis am 9. Juli 2016.


Aus dem Kreisgeschehen ­­­­­26 Der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar setzt sich zusammen aus den 20 Gemeinden des Landkreises und dem Landkreis selbst. Zweckverbandsvorsitzender ist Landrat Sven Hinterseh. Für ihn ist der Breitbandausbau die entscheidende Investition in die Zukunft des Landkreises, „Ich bin fest davon überzeugt, dass bereits in wenigen Jahren diese Infrastruktur zur Grundversorgung unseres Lebens und Wirtschaftens gehören wird. Könnte man diese nicht vorweisen, wäre die Weiterentwicklung nicht mehr möglich und wir würden den Anschluss verlieren“, unterstreicht der Landrat. Nachdem in den vergangenen Jahren viel Einsatz in die Planung, Finanzierung und den Bau des Glasfasernetzes investiert wurde, kann man im Jahr 2016 endlich die ersten Ergebnisse der ganzen Arbeit präsentieren: Im Juli feierte Schonach im Beisein von EU-Kommissar für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft Günther Oettinger und Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident Thomas Strobl die erste Inbetriebnahme des Glasfasernetzes. Günther Oettinger unterstrich: „Sie schauen weise voraus und stiften Zukunft in einem wundervollen Landkreis“. Und Innenminister Thomas Strobl fasste die neue In­ frastruktur treffend zusammen, als er ausführte, „Schonach ist wie Stuttgart – wenn man das Netz ansieht… Nur, dass es hier schöner ist!“ „Breitband-Internetanschluss gehört wie Wasser und Strom zur Infrastruktur“ Welche Bedeutung diese Initiative hat, zeigt die tägliche Praxis. Thomas Burger, Geschäftsführer der Schonacher Burger Gruppe, zu der auch das Unternehmen SBS-Feintechnik gehört, kennt die Herausforderungen, die ein Standort jenseits der Ballungsräume mit sich bringt. „Im Zeitalter von Globalisierung, Cloud Computing (das Speichern der Daten auf einem externen Server, Anm. der Redaktion) und Industrie 4.0 gehört neben Wasser, Strom und einer Verkehrs­ anbindung auch ein Breitband-­ Internetanschluss zu einer Infrastruktur für ein Industrie­unternehmen!“ Schonach wurde am 9. Juli 2016 als erste Gemeinde im Landkreis ans Glasfasernetz angeschlossen. EU-Kommissar Günther Oettinger und Minister Thomas Strobl (vorne v. links) trugen sich aus diesem Anlass ins Goldene Buch der Gemeinde ein. Hinten v. links: Bundestagsabgeordneter Thorsten Frei (CDU), Bürgermeister Jörg Frey, die Landtagsabgeordneten Karl Rombach (CDU) und Martina Braun (GRÜNE) mit Landrat Sven Hinterseh. Mitte: Interessierte Bürger, Kommunalpolitiker und nahezu alle Bürgermeister des Schwarzwald-Baar-Kreises feierten im Haus des Gastes den Anschluss der ersten Gemeinde im SchwarzwaldBaar-Kreis an das interkommunale Glasfasernetz. Unten: EU-Kommissar Günther Oettinger im Gespräch mit dem Schonacher Unternehmer Thomas Burger.


­­­­­27 Breitbandausbau Zwischen den fünf Burger-Standorten in Deutschland sowie in der Schweiz, Tschechien und Kanada herrscht reger Datenaustausch. „Die 5 Mbit Anbindung war durch den E-Mail-Verkehr und den Internetzugang der Benutzer in Schonach völlig ausgelastet.“ Ohne die Entscheidung des Landkreises und seiner Kommunen, den Breitbandausbau selbst in die Hand zu nehmen, hätte das Unternehmen im Rahmen der weiter fortschreitenden Digitalisierung und Globalisierung darüber nachdenken müssen, ob der Standort Schonach mittelfristig noch zukunftsfähig gewesen wäre. Doch der Fortschritt des kommunalen Projektes „Der Glasfaser Landkreis“ ist mittlerweile kaum zu übersehen: Bei einer Autofahrt durch den Landkreis sind die vielen Baustellen, an denen die riesigen orangefarbenen Kabeltrommeln stehen, die besten Zeugen dafür. Fakten zur Breitbandversorgung Um sich die Größe des Projektes besser vorstellen zu können, einige Fakten: Allein bis Mitte 2016 sind vom Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar rund 480 Kilometer Glasfaserkabel im ganzen Landkreis verlegt worden und das an bis zu 17 Orten gleichzeitig. 225 Millionen Euro sind für den Gesamtausbau bis 2025 vorgesehen, davon gehen 25 Millionen Euro in den Bau des Backbones (Basisnetz, das die Kommunen miteinander verbindet), 135 Millionen Euro erfordern die Ortsnetze und 65 Millionen Euro die Hausanschlüsse. Finanziert wird dieses Großprojekt durch die Gemeinden, den Landkreis und die jeweiligen Hausanschlussnehmer. Dazu kommen Fördermittel des Landes Baden-Württemberg. Im Jahr 2016 verfügten die ersten Kundinnen und Kunden über einen FTTB-Anschluss (Glasfaser bis ins Haus), Ende 2017 soll diese Zahl schon bei mehreren Tausend liegen. Was macht die Glasfaser so viel besser als das Kupferkabel? Die Breitbandglasfasern sind lange, dünne Fasern, die aus geschmolzenem, hoch reinem Quarzglas hergestellt werden. Bei der Datenübertragung via Glasfaser werden die Daten als Lichtsignale codiert und durch optische Leitungen gesendet. Im Vergleich zu Kupferkabeln können Signale in Glasfasern mit bis zu 40 Gigabit pro Sekunde viel verlustärmer und deutlich schneller übertragen werden. Weitere Vorteile der Datenübertragung in Glasfaserkabeln sind die Unempfindlichkeit gegenüber elektromagnetischen Störungen und die deutlich höhere Abhörsicherheit im Vergleich zu anderen Leitungsnetzen. Bei der Art des Glasfaseranschlusses gibt es mehrere Möglichkeiten. Bei einem FTTB (fibre to the building)-Anschluss wird die Glasfaser Bereits 480 Kilometer Glasfaserkabel wurden bislang im Schwarzwald-Baar-Kreis verlegt. Der Fortschritt des kommunalen Projektes „Der Glasfaser Landkreis“ ist kaum zu übersehen: Die Trommeln mit den orangefarbenen Glasfaserkabeln begegnen einem an vielen Baustellen.


­­­­­28 Aus dem Kreisgeschehen direkt ins Haus gelegt. Das ermöglicht einen optimalen Internetzugang, ohne einen Geschwindigkeitsverlust, der für die normalen Arbeiten kaum auffällt. So können heute bereits Übertragungsraten von bis zu 10.000 Mbit/Sekunde realisiert werden, auch symmetrisch (gleiche Downloadund UploadGeschwindigkeit). Noch schneller wäre die Verbindung nur noch, wenn die Eigentümer die alten im Haus befindlichen Kupferkabel durch Glasfaserkabel ersetzen würden. Dies wäre dann ein FTTH (fibre to the home)-Anschluss. Bei einem FTTC (fibre to the curb)-Anschluss reicht das Glasfaserkabel bis zum Kabelverzweiger, den grauen Telekommunikationskästen am Gehwegrand. Von dort aus wird das Signal dann über die bestehenden Kupferleitungen bis in die Häuser weitergeführt (VDSL). Damit können Bandbreiten mit bis zu 50 Mbit/Sekunde realisiert werden. Diese Möglichkeit bietet der Zweckverband Breitbandversorgung Schwarzwald-Baar alternativ in Schonach, Tannheim und Pfaffenweiler an. Und warum ist so ein Glasfaseranschluss auch für mich als Privatnutzer wichtig? Die Technik rund um das Internet entwickelt sich rasend schnell und laut Zukunftsforschern wird sich das Tempo sogar noch jedes Jahr erhöhen. Die ersten Schritte bekommen wir jetzt schon mit. Ein Beispiel ist das Fernsehen über das Internet (IPTV). Es bietet beste Bildqualität dank hoher Übertragungsraten. Elektronische Haushaltsgeräte kann man heute schon von unterwegs bedienen, in ein paar Jahren sind Kühlschränke, die eigenständig ihren Inhalt prüfen und selbst bei einem Internet-Supermarkt einkaufen, wohl keine Seltenheit mehr. Die neuesten Stromzähler, sogenannte „Smart Meter“, übermitteln ihre Daten direkt an den Messdienstleiter. Die Kunden bekommen eine monatliche Übersicht über den exakten Stromverbrauch und können alles online kontrollieren. Eine einschneidende Entwicklung gibt es heute schon in der sogenannten Telemedizin. Hier können Patienten und Ärzte zum Beispiel durch Videokonferenzen in Kontakt treten, falls ein Transport in eine Praxis oder Klinik für den Patienten zu anstrengend oder der Weg dorthin viel zu weit ist. Gerade in ländlichen Gebieten stellt diese Ergänzung zu einer direkten ärztlichen Behandlung eine Erleichterung dar. Das Verschicken von großen Datenmengen wie bei einem Röntgenbild setzt eine extrem leistungsfähige und schnelle Internetverbindung voraus. Diese Vorteile weiß der bereits eingangs zitierte Unternehmer Thomas Burger auch sehr zu schätzen. Zum Vergleich: Brauchte man mit der alten Internetverbindung für den Download einer ISO-Datei zur Installation von Windows 10 mit 4.004 MB vom Server vier bis fünf Stunden, ist das jetzt mit dem Glasfaseranschluss in kürzester Zeit erledigt. Auch in den kommenden Jahren geht der Ausbau des landkreisweiten Glasfasernetzes für den Zweckverband Breitbandversorgung weiter. Schritt für Schritt sollen alle Unternehmen, Kliniken, Schulen, Behörden und auch die Bürger­ innen und Bürger des Schwarzwald-Baar-Kreises an dieses Höchstgeschwindigkeitsnetz angeschlossen werden. Damit die Gemeinden unserer Region neben der schönen Landschaft auch noch mit den besten Bedingungen für Arbeit und Leben punkten können. Glasfaserkabel ermöglichen schnellste Datenübertragungen – aber auch Fernsehen über das Internet bei höchster Bildqualität. Querschnitt durch ein Glasfaserkabel. ­­­­­28


­­­­­29 Breitbandausbau Gütenbach Triberg Unterkirnach Öfingen St. Georgen Villingen-Schwenningen Donaueschingen Schaffhausen Bräunlingen Brigachtal Bad Dürrheim Schramberg Dunningen Hüfingen Geisingen Löffingen TitiseeNeustadt Lenzkirch Bonndorf Blumberg Rottweil Furtwangen Vöhrenbach Oberkirnach HammereisenbachBregenbach Neukirch Herzogenweiler Mistelbrunn Wolterdingen Grüningen Pfohren Neudingen Fürstenberg Hondingen Riedböhringen Mundelfingen Döggingen Hausen vor Wald Achdorf Sumpfohren Pfaffenweiler Rietheim Hochemmingen Dauchingen Deißlingen Trossingen Zimmern Neuhausen Schabenhausen Peterzell Fischbach Tuningen Aasen Biesingen Sunthausen Oberbaldingen Unterbaldingen Tannheim Königsfeld Niedereschach Mönchweiler Schönwald Schonach Hornberg A 8 1 in Betrieb Ausbau 2016 Ausbau 2017 Ausbau 2018 Ausbau des Kreis-Backbones (Glasfaserbasisnetz, das die Orte mit schnellem Internet verbindet) Der Kreis-Backbone, der vom Landkreis finanziert wird, bringt das schnelle Internet in die zentralen Übergabepunkte (PoP) der einzelnen Orte. Von dort aus erschließen dann die Ortsnetze – diese werden von den jeweiligen Kommunen ausgebaut und finanziert – die Wohnund Gewerbegebiete sowie jene Orte, die nicht unmittelbar vom Kreis-Backbone aus erschlossen werden können. Bis zum Jahr 2025 sollen möglichst alle Gebäude im Schwarzwald-Baar-Kreis über eine Glasfaseranschluss verfügen. Gütenbach Triberg Unterkirnach Öfingen St. Georgen Villingen-Schwenningen Donaueschingen Bräunlingen Brigachtal Bad Dürrheim Schramberg Dunningen Hüfingen Geisingen Löffingen TitiseeNeustadt Lenzkirch Bonndorf Blumberg Rottweil Furtwangen Vöhrenbach Oberkirnach HammereisenbachBregenbach Neukirch Herzogenweiler Mistelbrunn Wolterdingen Grüningen Pfohren Neudingen Fürstenberg Hondingen Riedböhringen Mundelfingen Döggingen Hausen vor Wald Achdorf Sumpfohren Pfaffenweiler Rietheim Hochemmingen Dauchingen Deißlingen Trossingen Zimmern Neuhausen Schabenhausen Peterzell Fischbach Tuningen Aasen Biesingen Sunthausen Oberbaldingen Unterbaldingen Tannheim Königsfeld Niedereschach Mönchweiler Schönwald Schonach Hornberg A 8 1 in Betrieb Ausbau 2016 Ausbau 2017 Ausbau 2018


Auf Besuch bei Kräuterbäuerin Veronika Ruf Der Hermeshof im Schwanenbach – Wo der Quellenlandtee herstammt von Elke Schön Fotos: Wilfried Dold und Barbara Schwer 3. Kapitel – Daheim im Schwarzwald und auf der Baar ­­­­­76


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­­­­­79 Kräuterbäuerin Veronika Ruf Z um Linacher Stausee führen viele Wege vom Bregtal aus. Da der Ursprung des „Quellenlandtees“ im Schwanenbachtal nahe Linach zu finden sein soll, habe ich mir eine besonders idyllische Route dorthin ausgesucht: Vom Busbahnhof Vöhrenbach steige ich bergauf, vorbei an Strauchwerk, weiter am offenen Lauf des Angelbachs bis zum Hochwald, der dann in 1.000 m Höhe des Bergkamms plötzlich den Blick frei gibt auf einen weit geschwungenen Wiesenhang, der sich sanft geneigt nach Süden ausbreitet. Noch ist die Senke des Stausees in der Tiefe nur zu ahnen, doch ein Feldweg führt geradewegs einige Höhenmeter berg­ ab, lässt rechter Hand einen von Laubbäumen umgebenen Hof liegen und scheint geradewegs in ein größeres Anwesen zu münden, aus dem eine kleine Kapelle mit spitzem Türmchen herauf leuchtet. Laut meiner Wanderkarte gehe ich auf den Hermeshof zu. Doch ehe ich das erste der Gebäude erreiche, muss ich ein paar Schritte vom Weg abweichen: Inmitten der leicht abfallenden Wiesenfläche bietet sich mir ein Anblick von paradiesischer Blütenpracht. Ein Stück bebautes Land mitten in weiter Weidefläche? Nur stellenweise eingezäunt, dafür mit schweren Feldsteinen umgrenzt – hier scheint die ganze Fülle der Sommervegetation im Wettstreit zu wuchern: Üppige Malvenbüsche mit Veronika und Wolfgang Ruf vor dem 1995 denkmalgerecht sanierten Hermeshof, erbaut im Jahr 1594. Linke Seite: Veronika Ruf erntet die Blüten der Königskerzen. Inmitten der leicht abfallenden Wiesenfläche bietet sich mir ein Anblick von paradiesischer Blütenpracht. Ein Stück bebautes Land mitten in weiter Weidefläche? Der Quellenlandtee ent­ hält viele Kräuter aus dem Schwarz­ wald-Baar-Kreis.


4. Kapitel – 48. Breitengrad Entlang einer von Bernward Janzing Fotos: Wilfried Dold Rund 37 von gut 26.800 Kilometern des 48. Breitengrades, der einmal um die Erde führt, entfallen auf den Schwarzwald-Baar-Kreis, die Latitude durchschneidet ihn fast an seiner breitesten Stelle. F e r n h ö h e U r a c h B u r g r u i n e N e u f ü r s t e n b e r g K a l t e H e r b e r g e T a n n h e i m B e c k h o f e n B r i g a c h t a l P a r i s F r e i b u r g ­­­­­1264. Kapitel – 48. Breitengrad


unsichtbaren Linie Der 48. Breitengrad zieht sich auf ­ etwa 37 Kilometer Länge durch den ­ Schwarzwald-Baar-Kreis. Eine Spurensuche zu Fuß und auf dem Fahrrad, die an einem Bilderbuch-Sommertag bei der Windkraftanlage auf der Fernhöhe beginnt (Foto). 48. Breitengrad A n k e n b u c k S u n t h a u s e n Ö f i n g e n S e a t t l e M ü n c h e n W i e n ­­­­­127


48. Breitengrad ­­­­­128 M an sieht ihn nicht, aber natürlich ist er da. In der Nähe des Steinbergs bei Furtwangen-Neukirch erreicht er den Schwarzwald-Baar-Kreis, geht nahe der Kalten Herberge vorbei, wo er den Westweg quert, touchiert das Wintereck bei Urach, streift dann bis auf wenige Meter die Ruine Neufürstenberg in Hammereisenbach und zieht weiter durch Tannheim, ehe er hinter Öfingen den Landkreis wieder verlässt. Rund 37 von 26.800 Kilometern des 48. Brei­­ tengrads entfallen auf den Schwarzwald-BaarKreis, die Latitude durchschneidet ihn fast an seiner breitesten Stelle. Luftlinie sind es zum Äquator gut 5.300 Kilometer, der Nordpol ist ein wenig näher, nämlich nur 4.700 Kilometer entfernt. Natürlich muss der Nordpol näher sein als der Äquator, denn die Mitte von 90 Grad liegt bekanntlich bei 45 Grad. 48 ist nun keine ganz glatte Zahl. Ganz krumm ist sie aber auch nicht, es sind vier Dutzend, und dennoch wird der 48. Grad verehrt. So sehr, dass sich zum Beispiel in Neu-Ulm ein Restaurant 48 Grad Nord nennt, das in Wahrheit Dutzende von Kilometern weiter nördlich liegt. Tatsächlich auf dem 48. liegt Freiburg, wo man an der Habsburgerstraße bereits in den 1930er-Jahren eine Markierung aus Kieselsteinen auf dem Gehweg einließ. Spätere – genauere – Messungen führten dazu, dass die Linie im Sommer 2010 nach einem Umbau der Straße um einen Meter verschoben werden musste. Östlich des Schwarzwald-Baar-Kreises zieht sich die virtuelle Linie durch Meßkirch und Saulgau, streift Memmingen und durchschneidet in Herrsching und Starnberg den Münchener Speckgürtel. Dann geht der Breitenkreis weiter südlich an Wien und Bratislava vorbei, zieht sich mitten durch das ukrainische Donezk und schließlich durch die nördlichen Ausläufer von Ulan Bator in der Mongolei. Nordamerika erreicht der Breitenkreis nördlich von Seattle und verlässt den Kontinent wieder über Neufundland, um Europa in der Bretagne zu erreichen. In Frankreich zieht er südlich von Le Mans vorbei, um dann ein wenig nördlich des Grand Ballon die Vogesen zu queren. Dann hat er Deutschland wieder erreicht. Waldidylle am 48. Breitengrad.


Entlang einer unsichtbaren Linie ­­­­­129 Bauernhaus an der Wagners­­tal­ straße. Hier ist der Schwarzwald „wild“ und still – kalt und oft schneereich.


Natur und Umwelt ­­­­­246 Wolfssichtung auf der Baar – Kehren die Wölfe zurück? von Wolf Hockenjos 9. Kapitel – Natur und Umwelt ­­­­­246


XXX ­­­­­247 Dieser von Erich Marek in der Wildnis von Schweden ­ fotografierte Wolf ist somit keiner aus dem SchwarzwaldBaar-Kreis. Stundenlanges ­ Ansitzen und viel Geschick sind nötig, schildert der erfahrene Tierfotograf, um einen Wolf aus etwa 300 Metern Entfernung überhaupt fotografieren zu können – derart scheu sind die Tiere. Dass auf der Baar einem Radfahrer am 8. Mai 2016 ein Wolfsbild mit dem Handy gelang (kleines Foto unten) , ist besonderen Umständen zu verdanken – und war eventuell nur wegen einer Verletzung des Tieres möglich. Wolfssichtung auf der Baar ­­­­­247


Natur und Umwelt ­­­­­248 D ie groß aufgemachten Zeitungsberichte über den im Mai auf der Baar gesichteten Wolf sind von der Bevölkerung erstaunlich gelassen aufgenommen worden. Kaum, dass er es noch in die Leserbriefspalten geschafft hat. Sollte die ausgesucht wohlwollende, ja freudige Begrüßung des mutmaßlich aus der Schweiz zugewanderten Neuankömmlings den Lesern die Sprache verschlagen haben, wie sie in den Statements der Verbandsund Behördenvertreter, der Abgeordneten und des für den ländlichen Raum zuständigen Stuttgarter Ministers angeklungen ist? Von Urängsten, Panik, gar von Hysterie jedenfalls keine Spur! Nicht einmal die einstweilige Schließung der Waldkindergärten wurde gefordert. Nur die Skepsis der befragten Schafhalter war unüberhörbar. Doch deren Anliegen habe der Minister fest im Blick, wie Peter Hauk, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, in seiner Pressemitteilung versicherte: Das Land fördere Herdenschutz-Projekte, „mit dem Ziel, eine Koexistenz von Wolf und Nutztieren zu ermöglichen“. Der „Schwarzwälder Bote“ berichtet über die Begegnung auf der Baar genau: „Ein Radfahrer stutzt, hält inne: Ein wolfs­ ähnliches Tier steht plötzlich in Nähe des Radweges. Der Mann greift zum Handy und filmt. Er meldet seine Beobachtung der Polizei. Die Forstliche Versuchsanstalt in Freiburg und das Landratsamt werden informiert. Am gleichen Tag sehen noch zwei Autofahrer ein solches Tier und fotografieren es. Es ist der 8. Mai.“ Es ist nicht klar, ob es sich um das gleiche Tier gehandelt hat, das die Autofahrer gesehen haben. Jedenfalls wurden wolfs­ ähnliche Tiere oder sogar ein und dasselbe Tier am 8. Mai im Bereich Bad Dürrheim, Donau­ eschingen und Hüfingen gesehen. Danach nicht mehr. Die Beobachtungen sind unterschiedlich: Einmal wirkte das Tier normal, einmal hatte es einen staksigen Gang, der eventuell von einer Verletzung herrührte. Nur eines zeigt sich bald: Das fotografierte „wolfsähnliche Tier“ war tatsächlich ein Wolf. Anno 1805: Begeisterung über toten Wolf Soweit die Zeitungsberichte – zurück in die Vergangenheit: Anno 1805, beim Auftauchen des vorletzten Wolfs auf der Baar, war die Begrüßung noch ganz anders ausgefallen. Nachdem er zuvor ein weiteres Mal in einen Schafspferch eingedrungen war, wurde der Räuber im Dezemberschnee in den Immendinger Bergen gestellt und sodann „unter Aufgebot einer dicht Das Handy-Foto, ein Standbild aus einem Film, ist zwar technisch nicht perfekt, aber dass hier am 8. Mai 2016 kurz vor 17 Uhr ein Wolf gefilmt sprich, fotografiert wurde, ist zweifelsfrei auszumachen. Seither wurde im Landkreis keine weitere Wolfssichtung mehr bekannt.


­­­­­249 Wolfssichtung auf der Baar geschlossenen Treiberwehr…von dem fürst­ lichen Hofkandidaten Karl Meggerle erlegt“. So schildert der aus dem fürstenbergischen Archiv schöpfende Kurt Stephani 1938 das Ereignis. Und weiter: „Die Freude war so groß, dass die glücklichen Wolfsjäger bei ihrer Rückkunft nach Donaueschingen in feierlichem Zuge von der fürstlichen Musik unter Begleitung des Bürgermeisters und des Militärs eingeholt ­ wurden.“ Die Begeisterung der Donaueschinger über den getöteten Wolf erklärt sich gewiss auch aus dem Umstand, dass seine Erlegung bereits als äußerst seltenes Jagdglück bewertet wurde, nachdem die heimische Wolfspopulation spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts als vollends ausgerottet galt. So muss es sich damals schon um ein zugewandertes Einzeltier gehandelt haben. Denn seit dem Jahr 1540 verfuhr man auf der Baar, wann immer sich ein Wolf zeigte, nach der Wartenbergischen Wolfsordnung, einem ausgeklügelten, hocheffizienten Alarmsystem: Von Dorf zu Dorf wurde mit der kleinen Kirchenglocke durch drei Schläge das Alarmzeichen gegeben, und in jedem Dorf gab es Männer, die zur Haltung großer starker Wolfs-Hunde verpflichtet waren und sich sogleich an einem festgelegten Sammelpunkt einzufinden hatten. „Unter Strafvermeidung“, so die Schilderung Stephanis, „hatten sie dort zu warten, bis der fürstliche Forstmeister kam, um ihnen weitere Weisungen zu geben.“ Alsdann versuchte man, den Wolf einzukreisen und, wenn dies gelungen war, Treibjagden zu veranstalten, bei welchen, damit er nicht ausbrechen konnte, „so viele Treiber aufgeboten wurden, dass Mann an Mann ging“. Überdies standen an strategisch sorgfältig ausgewählten Standorten, die oft noch heute im Gewannoder Waldortsnamen an das Raubtier erinnern (Wolfsloch, Wolfssteige, Wolfsgarten usw.), stationäre Fangeinrichtungen zur Verfügung: beköderte Fallen, gemauerte Wolfsgruben oder speziell eingezäunte Wolfsgärten, die letzteren sogar mit beheizbarem Wächterhäuschen. Die Unkosten der Wolfsjagd wurden je zur Hälfte vom fürstlichen Rentamt und aus der sogenannten „Kontributionskasse“ bestritten, in welche die Gemeinden Beiträge zur Bekämpfung der „Wolfsplage“ einzuzahlen hatten. Dies ungeachtet der Tatsache, dass es weniger die Viehverluste der zur Jagdfron verpflichteten Untertanen waren, die die Herrschaft zur Bekämpfung, ja, zur Ausrottung allen Raubwilds motivierten, als vielmehr die Beutekonkurrenz zwischen Raubtier und Nutzwildjägern und deren geschmälertem Jagdvergnügen. Weil wieder mal durch die Nachlässigkeit des Hirten „eine Kuh von den Wölf´ zerrissen worden sei“, so skizziert der Hüfinger Maler und Schriftsteller Lucian Reich (1817 – 1900) in seinem Buch „Hieronymus – Lebensbilder aus der Baar und dem Schwarzwalde“ die Stimmungslage in der Bevölkerung im 18. Jahrhundert, habe der fürstliche Oberjäger „erst wieder die Wolfsgruben, oben am Thierstein und durch den ganzen Hellberg, frisch auslegen lassen“. Was wohl heißen soll: frisch mit Ziegen beködern lassen. „Den Schwarzwaldkindern“, fährt er fort, „waren Wölfe damals nichts Fremdes, und Hieronymus kannte ihr Geheul ganz wohl, denn des Winters trieb der Hunger die Bestien oft bis an die Einfriedung der Gehöfte, welche sie umstrichen, oder wo sie sich, den Hunden gleich, niederkauerten, die Gelegenheit zu einem Raube, oder zu einem Einbruch in den Stall zu erspähen.“ Dichterische Freiheit oder raue Lebenswirklichkeit? Tatsächlich waren Wölfe im frühen 18. Jahrhundert noch recht häufig, doch dann verschwanden sie allmählich aus den von Kurt Nach langer Pause tauchte im März 1805 nochmals ein Wolf auf, der in der Nähe des ­ Fischerhofs einen Hund und ein Schaf riß. Er konnte ­ zunächst nicht dingfest ­ gemacht werden, erst der Winter konnte ­ seine Erlegung ­bringen. Stephani, K.: Geschichte der Jagd in den schwäbischen Gebieten der fürstenbergischen Standesherrschaft, Donaueschingen 1938


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